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Sun Koh – Neue Abenteuer #3: Sun Koh und der blinde Seher

2020 79 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sun Koh und der blinde Seher

Copyright

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Sun Koh und der blinde Seher

Sun Koh – Neue Abenteuer #3

von Tomos Forrest

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 79 Taschenbuchseiten.

 

Sun Koh, der Erbe von Atlantis, hat den Sprung in den Kratersee ebenso überlebt wie der treue Hal Mervin. Auf dem Grund des Sees entdecken sie einen uralten Tempel und eine Steintafel mit den Glyphen der Maya. Sun Koh lässt nach dieser Entdeckung alles heraufholen, was sich in dem Tempel über den Untergang des einst mächtigen Atlantis befindet. Aber erst ein Blinder wird ihm helfen, die richtige Deutung zu finden …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sämtliche Alarmsysteme leuchteten und zeigten auf den Bildschirmen ein sich sehr langsam durch die Sonnenstadt bewegendes Objekt. Während die Männer in der Zentrale genau darauf achteten, ob sich weitere unbekannte Personen näherten, gaben die Sensoren schon den Hinweis, dass dieser Unbekannte unbewaffnet war.

Mehr noch, als es endlich ein reales Bild von ihm gab und man Sun Koh zum großen Bildschirm bat, um die Entscheidungen zu treffen, blieben alle verwundert stehen.

„Sehr gefährlich sieht der Mann nicht aus“, verkündete in die entstandene Stille Hal Mervin in seiner fröhlichen, oft aber auch vorlauten Art. Er grinste über sein sommersprossiges Gesicht und sah zu Sun Koh hinüber, um eine Reaktion zu erhalten. Doch der verzog keine Miene, warf noch einen letzten, prüfenden Blick auf die jetzt vollkommen klar erkennbare Gestalt und sagte zu der anwesenden Wachmannschaft: „Hal und ich werden ihn begrüßen. Öffnet das kleine Tor neben der Pyramide 3, wir nehmen die Flitzer und werden etwa fünf Minuten vor seinem Eintreffen dort sein.“

„Sir, wünschen Sie nicht die Begleitung der Garde?“, warf der Offizier der Maya-Garde ein, der besorgt noch immer auf den Bildschirm starrte. „Der Mann hat etwas Seltsames an sich und ich weiß nicht, ob ich nicht …“

„Keine Sorge, ich weiß schon, was ich mache. Dieser Mensch ist vollkommen ungefährlich, was man schon an seinen Bewegungen erkennen kann. Wer so seinen Weg an den Steinen und sonstigen Hindernissen sucht, ist keine Gefahr.“

Mit diesen Worten nickte Sun Koh hinüber zu Hal, und in den nächsten Minuten waren die beiden mit den schnell und nahezu geräuschlos fahrenden Flitzern unterwegs zu dem bestimmten Tor. Es war gut und schnell zu erreichen, denn inzwischen hatte man die Zentrale so mit den anderen Pyramiden verbunden, dass man die elektrisch betriebenen Flitzer überall auch auf den gerade Verbindungsstrecken innerhalb der Gebäude benutzen konnte.

Während der raschen Fahrt auf den zwei Rädern sah sich Hal lächelnd um. Er liebte es, mit diesen Flitzern durch die Hallen zu eilen, vorüber an Laboren, in denen die Wissenschaftler hinter dicken Glasscheiben an zahlreichen Versuchen arbeiteten, weiter an Hallen, in denen die Ingenieure an neuen Erfindungen tüftelten oder gerade etwas ausprobierten.

Erst vor ganz kurzer Zeit hatte Sun Koh den Auftrag erteilt, sich noch einmal um die Energieübertragung ohne Kabel zu kümmern. Durch die Erfindung von Robert Dunn, die er Telenergie nannte (vgl. Sun Koh Bd. 34, Telenergie) war es allen klar geworden, wie gefährlich dieses Wissen für den Frieden in der Welt war. Die Wissenschaftler in der Sonnenstadt hatten ein nahezu identisches Verfahren lange vor Dunn gefunden, dabei aber auch die Möglichkeiten, mit denen man diese kabellose Energie durch Rückkopplung zu einer gefährlichen Waffe machen könnte.

Als Kraftstrahler wurde sie von Sun Koh und seinen Leuten bereits verwendet, jetzt galt es als vorrangiges Ziel, sie so zu sichern, dass kein Unbefugter jemals Zugang zu diesem Verfahren bekam. Außerdem sollte es getestet werden, inwieweit es Anwendung beim Aufsteigen Atlantis finden könnte.

Das alles schoss Hal durch den Kopf, während er seinem Meister durch die Flure folgte und schließlich mit einem echten Bedauern seinen ebenfalls verbesserten und technisch modernisierten Flitzer vor dem Tor abstellte. Sun Koh hatte bereits den Mechanismus betätigt, lautlos glitt die Tür zurück, helles Sonnenlicht flutete herein und blendete Hal Mervin für einen Augenblick, während Sun Koh bereits hinaustrat und dem Fremden entgegensah.

Der Mann bot eine bemerkenswerte Erscheinung.

Er mochte wohl bereits Anfangs der Fünfzig sein, dabei groß und sehr breitschultrig. Sein Gesicht hatte eine ähnliche, leicht bronzefarbene Färbung wie das Sun Kohs. Ohnehin schien er ihm sehr zu ähneln, seine Gesichtszüge waren markant und scharf geschnitten, fast edel zu nennen. Seine Augen schienen in die Ferne zu sehen, in der rechten Hand hielt er einen dünnen, schwarzen Stab direkt vor seine Füße.

Hal blickte ihn verwundert an.

War das ein Verwandter seines Herrn? Die Ähnlichkeit schien unverkennbar, und doch war da etwas Fremdes, Eigenartiges, das dem Mann trotz seiner offenbar vorhandenen und gut trainierten Muskelkraft zugleich den Eindruck von Schwäche gab. Doch durch diesen Anblick hatte sich schon mancher täuschen lassen und musste dann verwundert feststellen, wie blitzschnell dieser kräftige Mann reagieren und sich wehren konnte.

„Du musst Sun Koh sein!“, kam eine wohltönende, allerdings leicht metallisch klingende Stimme, als der Eindringling in etwa drei Metern Entfernung stehen geblieben war und die beiden Männer anzustarren schien.

„Das ist richtig, Sir. Und ich freue mich, dass es Ihnen gelungen ist, bis zu mir vorzudringen. Das ist bislang nur wenigen gelungen, und in Ihrem Falle ist es mir eine besondere Ehre.“

Ein Lächeln schien über das Gesicht des Fremden zu huschen, als er antwortete: „Dort, wo es die elektrischen Felder gab, war es für mich besonders leicht, rechtzeitig auszuweichen. Aber ich vermute, das System ist so gut konstruiert, dass meine Ankunft kein Geheimnis mehr war!“

Malo Kin“, antwortete Sun Koh, „herzlich willkommen. Nach dem Aussehen zu urteilen bis du einer von unserem Volk, und du scheinst einer der Wissenden zu sein. Tritt näher, ich bin sicher, dein Fuß wird nicht fehl geleitet. Wer ohne Augenlicht die Sonnenstadt betritt, ohne auch nur ein einziges Mal zu stolpern, verfügt über ganz besondere Fähigkeiten!“

Jetzt verbeugte sich der Fremde leicht und legte beide Hände ineinander, ohne jedoch den Stab dabei fallen zu lassen.

Xe q’iij!“, antwortete der Fremde im Dialekt der K’ichee‘-Maya, was nichts anderes als ‚Guten Tag‘ hieß. „Nu bii‘ Nachi – ich heiße Nachi.“

Hal Mervin stand daneben mit offenem Mund und staunte über diese Begegnung. Da hatte doch sein Herr sofort erkannt, dass der Fremde blind war – auf diese Idee wäre der junge Engländer nun wirklich nicht gekommen, so sicher bewegte sich Nachi.

„Ich freue mich, dich endlich gefunden zu haben, Halach Wiinik (Fürst) von Atlantis.“

Ohne nur eine Sekunde zu zögern, folgte der Blinde Sun Koh, der ihm vorausging, während der noch immer staunende Hal langsam hinter ihnen her trottete und darauf achtete, dass die Tür wieder leise hinter ihnen schloss und zugleich das rote Licht anzeigte, dass sie wieder gesichert war.

„Du bist sicher Hal Mervin, nicht wahr?“, wandte sich der Blinde plötzlich zu Hal und schien ihn dabei mit seinen seltsamen, starren Augen direkt anzusehen. Hal schrak förmlich zusammen bei der unerwarteten Ansprache und stotterte: „Ja, das bin ich wirklich, aber woher …“

Der Fremde machte eine leichte Handbewegung, während er noch immer seinen Weg mit geradezu schlafwandlerischer Fähigkeit fand.

„Das ist nicht schwer zu erraten, Hal, wenn man so viel wie ich über Sun Koh weiß. Du bist der junge, ehemalige Page aus London und hast schon einige Male beweisen können, wie du deinem Herrn treu ergeben dienst. Das gefällt mir, solche Menschen benötigt dein Herr in der Zukunft noch mehr als heute!“

Hal antwortete nicht, und auch Sun Koh schwieg, bis sich die Türen zu der Bibliothek öffneten, in die er seinen Besucher führte. Hier fand Nachi sofort einen der bequemen Sessel und ließ sich darauf nieder, streckte seine Füße weit von sich und lehnte den Metallstab an die Lehne. Dann wartete er ab, während Sun Koh über die Sprechdose eine Erfrischung für alle bestellte.

Schließlich begann Nachi scheinbar zusammenhanglos mit seiner Erzählung.

„Du denkst, dass dein achtundzwanzigster Geburtstag auf den Tag Kawoq fiel, dem Tag des Sturmes. An diesem Tag sollte dir eine besondere Schrift erscheinen und du erfahren, wann Atlantis wieder aufsteigt. Das ist doch alles, woran du glaubst, richtig, Halach?“

Sun Koh betrachtete das edle Gesicht des Blinden, das sich beim Sprechen auf lebhafte Weise verändert hatte. Sogar der starre Blick aus den toten Augen schien sich zu verändern.

„Ja, so wurde es mir jedenfalls berichtet. Du zweifelst daran, und ich sage heute, zu Recht. Ich habe zwar Schrift gefunden, besser gesagt, weitere Tafeln mit unseren Glyphen, aber Hinweise auf das Land meiner Vorväter und seinen Aufstieg fand ich nicht darunter. Aber es sind noch viele, sehr viele Tafeln, die wir in den nächsten Tagen mit unserem kleinen U-Boot heraufgeholt haben. Alle Funde sind jetzt bei den Wissenschaftlern, die sie deuten werden, vergleichen und dann ihre gewonnenen Erkenntnisse bündeln, um einen zusammenfassenden Bericht von höchster Glaubwürdigkeit daraus zu erstellen.“

Der Blinde lächelte bei diesen Worten.

„Höchste Glaubwürdigkeit, das ist gut, Halach. Darauf sollte man wirklich achten. Du kennst sicher das alte Sprichwort unseres Volkes: Im Kind liegt die Zukunft der Welt. Die Mutter soll das Kind eng an sich schmiegen, damit es weiß, dass es seine Welt ist. Der Vater soll das Kind auf die höchsten Berge tragen, damit es seine Welt in Wirklichkeit sehen kann. Deine Väter sind deine Freunde wie Norke, Ryken, Professor Nicholsen, Jan Hout und andere. Sie haben dich auf den höchsten Berg getragen, und du hast die Welt gesehen, die sie dir gezeigt haben. Aber sie haben nicht in allem Recht. Deshalb bin ich gekommen.“

„Du sprichst weise Worte, Nachi, und ich verstehe sowohl deine Laute wie auch den Sinn dahinter. Doch warum glaubst du, dass meine Väter mir etwas gezeigt haben, das so nicht stimmen kann? Sie hätten es niemals über das Herz gebracht, mich zu täuschen!“, erwiderte Sun Koh bestimmt und starrte den Blinden an, der das natürlich nicht wahrnehmen konnte, wohl aber durch seine feinen, geschärften übrigen Sinne erahnte, wie so vieles in seiner Umgebung.

Nachi machte mit beiden Armen ausholende Bewegungen, als wolle er die gesamte Bibliothek damit umarmen.

„Ich nehme an, dass hier die Bücher stehen, die deine Studien begleitet haben. Ich kann meine Umwelt sehr gut wahrnehmen, denn durch meine Blindheit haben die Götter meine anderen Sinne geschärft. Ich rieche das alte Papier, den Leim der Buchbinder und das Pergament der alten Codices, auf denen vor langer, langer Zeit die Zeichen aufgemalt wurden, die unsere Geschichte erzählen. Bedenke aber stets, dass es Menschen waren, die sie schrieben, und dass es Menschen sind, die heute versuchen, sie zu lesen.“

„Du meinst, sie haben sich bei der Übersetzung geirrt?“, erkundigte sich Sun Koh, denn er selbst hatte schon mehrfach Korrekturen der alten Übersetzungen vornehmen müssen, wenn wieder einer der Forscher allzu sorglos mit den Begriffen umgegangen war und notfalls auch ein ähnlich klingendes Wort eingesetzt hatte.

„Wenn ein Blinder dir helfen kann und jetzt antwortet: Wir werden sehen, dann ist das durchaus ernst gemeint“, antwortete Nachi. „Wo ich nicht weiterkomme, wirst du mir die Augen ersetzen. Gemeinsam werden wir den großen Schritt machen, bis dahin ist Geduld deine größte Tugend!“

Sun Koh nickte nachdenklich, dann erhob er sich und bat seinen Gast, ihm in den Raum zu folgen, in dem die Wissenschaftler die zahlreichen Tafeln mit den Inschriften untersuchten und sie zugleich nicht nur fotografisch festhielten, sondern auch dafür sorgten, dass sie nach der jahrhundertelangen Zeit im Wasser jetzt nicht an der Luft litten und Schaden nahmen.

 

 

2

Der Teniente trat aus seinem Zelt und blinzelte in die grelle Sonne, die das Zeltlager im Talkessel übergoss. Der Ruf des Postens am Eingang galt einem einzelnen Mann, der sich dem Lager genähert hatte und beim Anruf gehorsam die Hände nach oben streckte. Einer der Posten durchsuchte ihn rasch, während der andere ihn mit vorgehaltenem Gewehr in Schach hielt.

Teniente Jesús Antonio Martinez zog den klappbaren Hocker mit dem Fuß zu sich heran und nahm darauf Platz, während der uniformierte Wächter vor seinem Zelt zum Feuer trat, dort einen Blechbecher aus der Emaillekanne füllte, die in der Glut stand, und ihn vorsichtig balancierend zu seinem Vorgesetzten trug. Der nickte ihm nur kurz zu, der Mann stellte den Becher auf dem kleinen Holztisch direkt vor ihm ab und trat wieder neben den Zelteingang, das Gewehr auf der Schulter.

Auch wenn Martinez sich mit dem militärischen Rang eines Leutnants ansprechen ließ, seine Männer dunkelblaue Uniformjacken in allerdings sehr unterschiedlichen Erhaltungsstand trugen, so hatte er doch schon seit Jahren nichts mehr mit der mexikanischen Armee gemeinsam.

Vielmehr hatte er schon vor Jahren erkannt, dass es sich wesentlich angenehmer lebte, wenn man mit einer Bande gut bewaffneter und ausgebildeter Männer durch das Land zog und dabei kleine Orte überfiel, Hacienderos entführte und Handelstrecks ausraubte. Inzwischen hatte die mexikanische Regierung ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, aber darüber konnte der Teniente nur lachen. Er griff mit unglaublicher Brutalität durch, und keinem seiner Gefolgsleute wäre es auch nur eingefallen, sich dieses Kopfgeld zu verdienen.

Nachdem das Militär ihn eine ganze Woche verfolgt und schließlich gestellt hatte, musste man erkennen, dass der Leutnant nichts verlernt hatte. Er stellte den Soldaten eine Falle, ließ sie zuschnappen und tötete den weitaus größten Teil seiner Verfolger. Auf mehreren Kastenwagen, die jeweils von Vierergespannen gezogen wurden, hatte er moderne Maschinengewehre montiert, die ihre tödliche Ladung innerhalb von wenigen Minuten zwischen die hilflosen Soldaten schickten und eine blutige Spur hinterließen.

Seit dieser Zeit war zwar das Kopfgeld erhöht worden, aber der Eifer seiner damit beauftragten Verfolger hatte erheblich nachgelassen. Natürlich mussten die Offiziere ihren Kommandeuren gehorchen und weiter so tun, als würden sie die kleine Armee der ehemaligen Soldaten und Deserteure eifrig verfolgen, aber in den vergangenen Monaten war es nie wieder zu einem ernsthaften Zusammentreffen gekommen. Das machte den Teniente natürlich noch sicherer, und er scheute sich nicht mehr, kleine Städte am hellen Tag zu überfallen, Kaufleute oder sogar auch eine der wenigen Banken im Land zu überfallen und rasch wieder mit seiner Beute zu verschwinden.

Zwar vermutete man bald seinen Schlupfwinkel in den Bergen unweit der Hauptstadt, nahe Zempoala, wo es zudem mehrere Seen gab, die geeignet waren, Wasser und Gras selbst in den Tälern ausreichend für eine ganze Armee zu bieten, aber nach ein paar vorsichtigen Versuchen wagte sich auch niemand mehr in diese Gegend.

Heute aber hatte die Bande ihr Lager in einer vollkommen anderen Gegend aufgeschlagen. Es wäre schon ein großer Zufall gewesen, wäre eine mexikanische Patrouille ausgerechnet in dieses Tal am Fuße des Don Goyo, wie man den Popocatépetl auch nannte, geritten.

Der Mann, der nun von einem der Soldaten begleitet wurde und sich in unterwürfiger Haltung dem Zelt des Kommandanten näherte, war offenbar ein Indio, und bei seinem Anblick flog für einen kurzen Moment ein teuflisches Grinsen über das von einem sorgfältig ausrasierten Schnurrbart geschmückte, leicht bräunlich getönte Gesicht des ehemaligen Offiziers.

Sicher würde es viele Frauen geben, die Jesús Antonio Martinez für einen attraktiven Mann Ende der Dreißig halten mochten. Wer aber einen Blick in seine fast schwarzen Augen werfen konnte, erkannte rasch, das sein gelegentliches Lächeln um die Mundwinkel niemals die Augen erreichte. Sie wirkten wie zwei schwarze, unheimliche Löcher, bewegten sich auch kaum, sondern starrten sein Gegenüber immer so durchdringend an, dass derjenige schnell den Blick senkte oder woanders hinsehen musste.

So auch jetzt der Indio.

Ein rascher Blick in das Gesicht des Teniente, und der Indio zuckte förmlich zusammen, während Martinez in seinen Kaffeebecher pustete und vorsichtig einen Schluck von der heißen, schwarzen Flüssigkeit probierte.

„Señor Teniente, ich bin zurück!“, meldete sich der Mann mit zaghafter Stimme.

Der Anführer bedachte ihn mit einem raschen Blick aus seinen dunklen Pupillen und brummte dann nur: „Das ist ja wohl nicht zu übersehen, so, wie du hier stinkend und erbärmlich aussehend vor mir stehst, Diego! Ich kann deine Gegenwart kaum ertragen, berichte, was du erfahren hast und verschwinde so schnell wie möglich aus meinen Augen, bevor ich dich eigenhändig davonjage!“

„Señor Teniente, ich bin fast zwei Wochen hinter dem Mann her gewesen, den Ihr mir benannt habt. Ich sollte zwanzig Silberdollar dafür erhalten und habe in der Zeit kaum geschlafen oder gegessen! Das habe ich alles für Euch getan, Señor!“

Der Teniente lachte auf unangenehme Weise laut heraus.

„Ja, natürlich, Diego, und für deine Silberdollars. Aber damit eines gleich klar ist: Taugt deine Nachricht nichts, gibt es auch kein Geld!“

„Señor!“, begehrte der Mann empört auf, aber der Teniente machte nur eine verächtliche Handbewegung.

Rasch warf der Indio einen Blick zu dem Wachtposten, der ihn ebenfalls finster musterte, dann seufzte er tief auf und zuckte mit den Schultern.

„Ich habe den Mann, den Sie den Azteken nennen, gefunden, Señor Teniente. Er hat mit einer Handvoll Männern Zuflucht in einer Höhle gefunden. Von dort aus hat er seine Späher ins Land geschickt, die zu verschiedenen Dörfern gingen und von dort Männer holten, die zu ihm in die Höhle gingen. Alle hatten plötzlich beim Verlassen ihrer Dörfer gute Gewehre dabei. Sie treffen sich alle in dem kleinen Dorf, das einmal ein Weingut war und aufgegeben wurde.“

„Aha, ich wusste es doch! Der Kerl plant eine Revolution!“, antwortete Martinez und zwirbelte mit einer Hand seinen Schnurrbart.

„Nein, Señor, das glaube ich nicht! Der Azteke hat etwas ganz anderes vor!“

Bei diesen Worten sah der Anführer den Indio rasch an und hatte sich dabei unwillkürlich aufgerichtet. Gleich darauf nahm er wieder seine nachlässige Haltung an, aber der Indio hatte die Reaktion bemerkt und war sich nun sicher, dass er die versprochene Belohnung so gut wie in der Tasche hatte.

„Er hat seine Zuflucht ganz in der Nähe der Pyramide des Zauberers, und plant von dort aus einen Zug zu den alten Kultstätten der Mayas.“

Der Teniente schnaubte verächtlich durch die Nase.

„Blödsinn, Diego! Was soll der Azteke dort mit seinen Bewaffneten? Das Gebiet wurde vor einiger Zeit von europäischen Archäologen aufgesucht, die nach ein paar Wochen alle erkrankten und dort in ihren Lagern starben. Die Behörden haben den Fall untersucht und kein Fremdverschulden festgestellt – aber außer ein paar alten Steintafeln mit den Bildzeichen der Mayas wurde da nichts von Wert gefunden. Inzwischen sind die Arbeiten eingestellt, und niemand hat sich mehr für die Anlage interessiert.“

„Aber wenn ich es doch selbst von einem seiner Krieger gehört habe, Señor Teniente! Der Azteke weiß von einer Maya-Gruppe, die dort die Schätze ihrer Vorväter bewacht und vor jedem Zugriff schützt. Sie haben auch die Archäologen mit Gift umgebracht und es so aussehen lassen, als wären sie an einer Seuche gestorben.“

Der Teniente trank nachdenklich seinen Kaffee aus, dann erhob er sich und ging ein paar Schritte auf und ab, bevor er sich wieder auf seinen Stuhl fallen ließ. Der Indio war jedem seiner Schritte mit ängstlichen Augen gefolgt, denn für ihn schien sich jetzt zu entscheiden, ob er die Belohnung erhielt oder nicht.

„Beweise, Diego? Ich brauche Beweise für deine Behauptung, dass in der alten Maya-Stadt noch Gold zu finden ist oder irgendetwas anderes von Wert! Warum sollte der Azteke ausgerechnet dort nach Gold suchen, wo schon vor ihm Archäologen tätig waren?“

Diego sah sich unruhig nach allen Seiten um, dann beugte er sich etwas vor und flüsterte: „Den Beweis habe ich, Teniente.“

Der Leutnant lehnte sich zurück und musterte den Indio kalt von Kopf bis Fuß.

„Geschwätz, Diego. Du willst dich wichtig machen, um deine Belohnung zu erhalten. Ich sage dir jetzt mal etwas, so ganz im Vertrauen.“

Der Indio sah überrascht zu dem mehr als einen Kopf größeren Mann auf, senkte aber rasch wieder den Blick, als er aus den dunklen Augen angeblitzt wurde.

„Du hast mir überhaupt keine Neuigkeiten gebracht. Alles, was du mir über den Azteken erzählt hast, weiß ich längst durch meine eigenen Späher. Ja, er war in insgesamt fünf Dörfern, und etwa zwanzig Bewaffnete sind ihm gefolgt. Siehst du – das wusste ich alles längst. Und das Gold der Mayas?“

Er schwieg einen Augenblick und musterte erneut den armselig gekleideten und verdreckten Indio, der da barfuß vor ihm stand und es nicht wagte, den Blick zu ihm zu heben. Dann räusperte er sich und lachte auf seine unangenehme Art erneut los.

„Nein, Diego, das sind Kindermärchen. Auf ganz Yukatan gibt es nicht genügend Gold, um damit auch nur eine Zahnkrone zu füllen!“

Der Indio machte eine Handbewegung, verharrte dann aber auch wieder.

„Ich habe den Beweis, Señor, glauben Sie mir. Die Belohnung habe ich wirklich verdient, es war eine harte Zeit für mich! Sie sagen das alles nur, um mich nicht entlohnen zu müssen.“

Der Teniente schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass der Becher hochsprang und der Indio förmlich zusammenzuckte.

„Verdammt noch mal, Amigo, dann heraus damit, bevor ich die Geduld verliere! Einen Beweis für das Gold in der Maya-Stadt, oder du verschwindest endlich aus dem Lager und verschonst mich mit deinen Märchen!“

Jetzt sah ihn Diego an und hielt sogar den Blick aus.

Nur zögerlich steckte er schließlich die Hand in seinen Hosenbund und zog gleich darauf ein kleines Stoffbündel hervor. Das legte er behutsam auf den Tisch und begann damit, den schmutzigen Stoff auseinanderzufalten. Endlich war ihm das gelungen, und auf dem Tisch schimmerte es golden in der Sonne auf. Blitzschnell hatte der Teniente zugegriffen und den kleinen, glänzenden Gegenstand dicht an seine Augen geführt.

Diego sah genau, wie es in seinen schwarzen Augen aufblitzte, aber der Moment verging ebenso schnell, wie er gekommen war.

„Nun, das glänzt zumindest golden. Wo hast du das Ding her?“

Diego zögerte für eine Sekunde, dann griff er hastig nach der kleinen Figur, die der Leutnant gerade wieder vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Innerhalb weniger Sekunden verschwand die Figur wieder im Hosenbund des Indios.

„Ist das ein Beweis für Sie, Señor?“

„Nun, zumindest schon einmal interessant. Noch einmal: Woher stammt die Figur?“

„Ich … ich habe sie von einem der Azteken-Krieger.“

„Was? Willst du mich veralbern, du dreckiger Indio? Kein Azteke würde sich freiwillig von einem solchen Stück trennen – wenn es denn echt ist!“, brauste der Teniente auf.

Diego trat einen Schritt vom Tisch zurück und starrte jetzt furchtlos in das wütende Gesicht seines Gegenübers.

„Und doch ist es so, wie ich es sage. Mein Gewährsmann war mir … einen Gefallen schuldig. Schon seit langer Zeit. Es ging damals um Geld, und weil er seine Schulden nicht zahlen konnte, gab er mir schließlich diese Figur. Er hat Stein und Bein geschworen, dass sie aus der Pyramidenstadt stammt und seine Bezahlung vom Azteken war. Er war einer der Männer, der dort mit den Mayas in einen Kampf geriet, und der Azteke hat alle Krieger mit Goldstücken bezahlt, Figuren, Masken, Schüsseln. Was auch immer Sie denken mögen, Teniente – das Gold stammt von dort, da bin ich ganz sicher!“

„Gut, gib es mir!“, sagte Jesús Antonio Martinez mit einem drohenden Unterton und streckte Diego seine Hand entgegen. Der wich aber noch einen Schritt zurück und antwortete rasch:

„Nein, Señor, das tue ich nicht. Es war meine Bezahlung, auf die ich lange Zeit warten musste. Der Mann schuldete mir seit Jahren das Geld, das ich ihm geborgt hatte, weil er in der Stadt Spielschulden gemacht hat. Jetzt will ich mir davon ein Stück Land kaufen und dort siedeln. Mit den zwanzig Silberdollar, die ich mir heute verdient habe, beginnt mein neues Leben!“

Der Teniente schnaufte verächtlich.

„Du hast dir keine zwanzig Silberdollar verdient. Gut, die goldene Figur mag ein Beweis sein, den Rest deiner Geschichte kannte ich schon, wie ich dir gerade bewiesen habe. Du kannst gehen, Diego, ich benötige dich nicht mehr!“

„Aber, Señor Martinez! Sie sind ein Ehrenmann und haben mir versprochen, dass ich zwanzig Silberdollar für meine Kundschaftertätigkeit erhalten werde!“, protestierte der Indio.

Martinez griff in die Uhrentasche seiner Uniformjacke, die nachlässig hinter ihm über der Stuhllehne hing, fischte einen Dollar heraus und warf ihn Diego im hohen Bogen zu. Der Indio fing sie in der Luft, aber seine Geduld schien nun auch am Ende zu sein. Er streckte jetzt die Linke aus und sagte mit einem drohenden Unterton: „Ich habe Ihnen gute Dienste geleistet, Teniente, und gute Arbeit verdient guten Lohn. Geben Sie mir die fehlenden neunzehn Dollar, oder ich …“

Der ehemalige Leutnant war so heftig aufgesprungen, dass dabei sein Stuhl nach hinten kippte und die Wache das Gewehr von der Schulter riss. Aber Martinez hatte selbst seinen Revolver aus dem Gürtelhalfter gerissen und spannte jetzt den Hahn.

„Hör mir gut zu, Diego! Du bist nichts weiter als ein kleiner, dreckiger, verlauster Indio, der mich hier in meinem eigenen Lager bedroht. Verschwinde, oder ich schieße dich hier über den Haufen!“

„Das wagen Sie nicht, Teniente, ich kenne da zu viele …“

Diego sprach nicht aus, sondern schleuderte plötzlich aus einer raschen Handbewegung heraus ein bislang verborgenes Messer gegen den Anführer, doch der kam ihm noch zuvor. Schon beim Hochreißen seines Armes krümmte der Leutnant den Finger um den Abzug, krachend löste sich der Schuss und traf Diego mitten in die Stirn, als er noch im Reflex das Messer warf. Doch der Wurf ging daneben, und mit kaltem Lächeln beobachtete der Teniente, wie der Indio mit weit aufgerissenen Augen nach vorn kippte, gleich darauf auf die Tischplatte schlug und zusammen mit dem Tisch auf den Boden fiel. Der Verbrecher drehte ihn mit der Stiefelspitze herum, dann gab er dem herbeigeeilten Posten einen Befehl.

„Schaff das Stück Dreck aus dem Lager und sieh zu, dass du so schnell wie möglich zurückkehrst!“

Der Teniente hatte sich über den Toten gebeugt und nahm ihm die kleine, goldene Figur aus dem Hosenbund und deutete auf den Silberdollar, der direkt vor den Füßen des Toten lag.

„Das ist für dich, aber beeile dich gefälligst! In einer halben Stunde reiten wir los!“

 

 

3

Der Azteke, dem das Interesse des Teniente galt, hielt sich tatsächlich in nicht sehr großer Entfernung von dessen Camp auf. Allerdings hatte er es längst durch seine Kundschafter ausfindig gemacht, und nun überlegte Ichtaca, wie hier am besten vorzugehen wäre.

„Der Mann nennt sich Teniente, weil er früher in der Armee den Rang eines Leutnants hatte. Er war sogar schon Captain, hat sich aber mehrere Dinge erlaubt, die zu seiner Degradierung führten“, berichtete der Krieger, der eben zu ihm zurückgekehrt war.

„Etwa Teniente Martinez?“, erkundigte sich der Häuptling.

„So heißt der Mann“, bestätigte der Krieger. „Er hat im vergangenen Sommer eines unserer Dörfer überfallen und das gesamte Vieh wegtreiben lassen, angeblich im Auftrag der Armee. Er müsse an seine Soldaten denken, die für Ruhe und Ordnung im Land sorgen und auf das Fleisch der Herden angewiesen wären. Für mich ist er nichts anderes als ein gewöhnlicher Bandit.“

Ichtaca überlegte kurz, dann hatte er einen Entschluss gefasst.

„Wir werden ihm entgegenziehen. Wie viele Wagen mit Maschinengewehren hat er bei seinem Tross?“

„Nur drei, zwei andere sind mit einer kleineren Gruppe unterwegs an die Grenze, wo er eine Handelskarawane überfallen will. Das ist sein Hauptzweck, raubend und mordend macht er ganz Mexico unsicher.“

Der Häuptling lehnte sich an den Stamm einer Ahuehuete und sah den Kundschafter durchdringend an. Der Mann hielt dem Blick jedoch stand, er kannte Ichtaca lange genug und wusste, dass er ihn als einen seiner fähigsten Krieger schätzte.

„Wann hast du diesen Diego eigentlich kennengelernt?“

Details

Seiten
79
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940824
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v882494
Schlagworte
abenteuer neue seher

Autor

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Titel: Sun Koh – Neue Abenteuer #3: Sun Koh und der blinde Seher