Lade Inhalt...

Carringo und die Kugel für Tabor

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die Kugel für Tabor

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Carringo und die Kugel für Tabor

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Carringo und Chaco reiten nach Corpus Christi, um dort auf das Passagierschiff zu warten, das eine für Carringo wichtige Person an Bord hat. Er hofft, dass dieser Mann dazu beiträgt, endlich seine Unschuld zu beweisen, denn ein anderer trägt die Verantwortung für das Halcon-Canyon-Massaker. Jedoch der Agent der Hilton Company, Mahon Tabor, setzt alles daran, Carringo und Chaco zuvorzukommen, indem er seine Killer auf die beiden hetzt. Unerwartete Unterstützung erhält der Agent von einem Fakir ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - gefesselt an die Steigleiter zu einem Abwasserkanal, der bei Flut vollläuft

Chaco - zusammengeschlagen und dennoch hart genug den Freund zu suchen

Mohanda - ein Indischer Fakir, der eine Kobra zum Tanzen bringt, aber über sein Bettelgeld

stolpert.

Mahon Tabor - will den Colonel Lester in Corpus Christi abfangen, gerät in Stolperdrähte und

triumphiert dennoch.

Jim Draper - ist ein alter Harpunier, der die neumodischen Walfangkanonen verflucht und der

See nachtrauert.

 

 

1

Dichte Schwaden von Zigarettenrauch und Alkoholdunst hingen in dem kleinen Schankraum der Kneipe, setzten sich in den Fischernetzen fest, die von der Decke baumelten und mit getrockneten Seesternen und bunten Fischerkugeln gefüllt waren. In einer dunklen Ecke des Raumes hämmerte ein dürrer Mann wie besessen auf die Tasten eines verstimmten Klaviers. Betrunkene Seeleute lehnten grölend an der Theke. Auf fleckigen, wackligen Tischen standen bauchige Flaschen, in deren Hälsen Kerzen steckten. Ein bulliger Barkeeper, dessen fleischige wurstähnliche Arme nackt waren, so dass man fantastische Tätowierungen darauf sehen konnte, polierte hinter dem Tresen Gläser.

An einem der Tische saßen vier Männer. Einer war ein dunkelhäutiger, finster wirkender Inder, der einen hellblauen Turban auf dem Kopf trug. Sein schwarzer Vollbart reichte ihm bis auf die Brust. Zwei waren offensichtlich Seeleute - breitschultrige Männer, schweigsam, einfach gekleidet. Der vierte hätte besser in den Spielsaloon einer Rinderstadt als in die Hafenspelunke im düstersten Viertel von Corpus Christi am Golf von Mexiko gepasst. Er trug einen schlichten Leinenanzug, der jedoch in dieser Umgebung geradezu elegant wirkte. Er hielt einen Lederbecher, in dem sich Würfel befanden. Er schüttelte ihn und stülpte ihn auf den Tisch. Die Würfel kamen zur Ruhe. Der Elegante blickte herausfordernd in die Runde. Dann hob er den Lederbecher mit einem Ruck hoch.

Die beiden Seeleute stießen wüste Verwünschungen aus. Der Inder blieb ruhig, jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Nur in seinen dunklen Augen glomm das Feuer des Hasses auf.

„Gewonnen, Gentlemen“ sagte der vierte. Er strich mit selbstgefälligem Grinsen das Geld ein, das auf der Tischmitte lag. Vor ihm türmten sich die silbernen Dollarmünzen, die grünen Scheine und die kupfernen Cents. Daneben lag ein silbernes Armband aus kunstvoll gearbeiteten Kettengliedern. Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr und erhob sich.

„Leider muss ich jetzt gehen, Gentlemen. Wir können ein anderes Mal weiterspielen.“ Er begann, das Geld in seine Taschen zu stopfen.

„Mister!“

„Ja?“ Der Elegante hielt inne. „Ist noch was?“

Der Inder deutete mit knochigem Zeigefinger auf die Silberkette.

„Lassen Sie mir das Armband, Mister! Ich gebe Ihnen einen Schuldschein dafür.“

Der andere lachte spöttisch. Er nahm die Kette auf und drehte sie prüfend zwischen den Fingern. „Ein sehr schönes Stück. Es gefällt mir, und ich habe es gewonnen. Also werde ich es behalten.“

Die Augen des Inders verengten sich.

„Das Armband ist sehr wichtig für mich. Ich bin ein Sikh. Deshalb.“

„Keine Ahnung, was das ist“, entgegnete der Elegante gleichgültig. „Außerdem hätten Sie sich das früher überlegen sollen, mein Freund.“ Er ließ die Silberkette noch einmal klirren und steckte sie in die Tasche, die vom gewonnenen Geld prall war.

Der Inder schwieg jetzt. Er zog die Hand zurück. Sein Gesicht erstarrte zur undurchdringlichen Maske.

„Wir besitzen kaum noch einen Cent, Mister“, sagte einer der Seeleute. „Glauben Sie nicht, dass es fair wäre, wenn Sie uns noch eine Chance geben?“

„Jederzeit. Aber nicht jetzt.“ Der Mann wandte sich ab und ging zur Tür, ohne sich um die Proteste hinter ihm zu kümmern. Die beiden Seeleute standen auf und schlurften missmutig zur Theke. Aus dunkel glühenden Augen schaute der Inder dem Fremden nach. Als der Mann die Tür öffnete und die Kneipe verließ, erhob auch er sich. Er schob den Stuhl beiseite, bückte sich und hob einen flachen, runden Schlangenkorb aus Weidengeflecht auf, dessen Deckel mit Draht sorgfältig verschlossen war. Den Korb unter dem Arm bahnte sich der Inder seinen Weg durch die Gasse zwischen den Tischreihen. Trotz seines exotischen Äußeren beachtete ihn niemand.

Mohanda, der Fakir, zählte im Hafenviertel von Corpus Christi ebenso zum gewohnten Erscheinungsbild wie Seeleute und Huren.

In der halb offenen Kneipentür verharrte er sekundenlang, um die finstere Gasse entlangzuspähen. Gerade noch rechtzeitig sah er den Mann, der an der nächsten Ecke in eine Seitengasse abbog. Mohanda vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete. Auf nackten hornhäutigen Füßen lief er los. Er bewegte sich völlig geräuschlos. Der dünne weiße Umhang flatterte um seinen mageren Körper. Er erreichte die Ecke, blieb stehen und blickte vorsichtig nach rechts.

Der Elegante stand im matten Lichtschein eines der vielen Kneipeneingänge. Umständlich zündete er sich eine Zigarette an und schnippte das Streichholz auf die vor Feuchtigkeit glitzernden Pflastersteine. Offensichtlich gutgelaunt schlenderte er weiter. Hinter ihm stiegen die Wolken des Zigarettenrauchs hoch, den er ausblies.

Mohanda wartete, bis der Mann von der Dunkelheit verschluckt wurde. Dann verließ er die schützende Hausecke und setzte die Verfolgung fort. Er wusste, dass die Seitengasse zu den Speichern und Lagerschuppen führte. Dort war es dunkel.

In kurzen Abständen unterbrach der Inder seine lautlosen Schritte und horchte. Ein Lächeln huschte über die Furchen seines lederhäutigen Gesichts.

Die Stiefelabsätze des Fremden klopften vernehmlich auf das Pflaster. Er hatte praktisch keine Chance, unbemerkt zu entkommen.

Die Gasse mündete in einen Wendeplatz, der durch ein Karree von flachen Hafenschuppen begrenzt wurde. Mohanda kannte jeden Quadratyard in dieser Gegend. Er wusste, dass sich die Gasse hinter der Stirnseite des Schuppens zur Linken fortsetzte und von dort aus zu den Piers führte.

Behutsam stellte der Inder den Schlangenkorb unter die Verladerampe des Schuppens. Noch immer waren die Schritte des Mannes zu hören. Er befand sich noch auf dem Wendeplatz. Mohanda rannte los. Auch jetzt verursachte er nicht das geringste Geräusch. Im Laufen griff er in eine Falte seines weißen Gewandes, das ihm wie eine Fahne nachwehte.

Der Fremde war schon kurz vor der Stirnseite des Hafenschuppens. Mohanda überbrückte die letzten zwei Yards mit einem kraftvollen Satz.

Der Mann erschrak, wollte herumwirbeln. Reflexartig zuckte seine Rechte unter das Jackett.

Ein jäher schmerzhafter Druck versiegelte seine Kehle. Vergeblich rang er nach Luft. Seine Arme ruderten wie haltsuchend durch die Luft. Kein Laut drang mehr aus seiner Kehle, nicht einmal ein Gurgeln. Die Pupillen des Mannes kippten weg, das Weiß seiner Augäpfel schien förmlich aus den Höhlen zu quellen. Seine Bewegungen erstarrten. Die Arme zuckten noch einmal. Dann war auch das vorbei.

Langsam ließ der Inder sein Opfer zu Boden gleiten. Er löste die Seidenschlinge vom Hals des Toten und verstaute sie wieder unter seinem weißen Umhang. Nur einen Moment lang lauschte er. Aber es bestand keine Gefahr, dass ihn jemand bemerkte. Er war allein mit dem Mann, der ihm das Wertvollste abgenommen hatte.

Ohne Hast durchsuchte Mohanda die Taschen des Toten. Er nahm das Geld an sich und ertastete die silberne Kette zwischen den Münzen. Beruhigt streifte er die Kette über sein rechtes Handgelenk, wo er sie seit seinem zwanzigsten Lebensjahr ständig getragen hatte.

Gewiss, er hätte das Armband nicht beim Würfelspiel einsetzen dürfen. Obwohl er seine Heimat seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, war Mohanda ein gläubiger Sikh geblieben. Er hatte sich noch niemals in seinem Leben rasiert, und er trug die Haare, die noch niemals geschnitten worden waren, in einem Knoten unter dem Turban - so, wie es der Glaube der indischen Sikhs vorschrieb. Dazu gehörte auch das Armband.

In früheren Jahrhunderten hatten die wehrhaften Sikhs am rechten Handgelenk eine breite Eisenkette getragen, die als Waffe diente - ähnlich wie ein Schlagring. Die heutigen Sikhs, zu deren Glaubensgemeinschaft sich auch Mohanda immer noch zählte, trugen die Kette stilisiert als Schmuck.

Der Fremde war hartherzig und gemein gewesen, er hatte kein Verständnis für die seelische Not des Fakirs gezeigt. Deshalb empfand Mohanda kein Mitleid mit seinem Opfer. Der Mann hatte den Tod verdient. Er hatte zu spüren bekommen, was es bedeutete, einen Sikh zu demütigen.

Mohanda wollte die Leiche schon aufheben, als er an der linken Hand des Mannes einen Ring ertastete. Wie es sich anfühlte, war der Ring mit einem großen Edelstein besetzt. Mit einem Ruck zerrte ihn Mohanda vom Finger des Erdrosselten.

Nachdem er auch das letzte Beutestück unter seinem Umhang verstaut hatte, packte er den Toten unter den Achselhöhlen. Mit einer für seinen mageren Körper erstaunlichen Kraft warf er den Leichnam über seine Schulter und stapfte mit schweren Schritten in das Dunkel der Gasse, die vom Wendeplatz wegführte. Nach etwa zwanzig Yards schlüpfte Mohanda mit seiner Last in einen gerade schulterbreiten Gang zwischen zwei aus Backsteinen gemauerten Kornspeichern. Der Gang mündete auf einen gepflasterten Vorplatz, der an einer Kaimauer endete. Das dahinterliegende Hafenbecken war seit Wochen unbenutzt. Nur ein dampfbetriebener Schwimmbagger lag an der Kaimauer. Der skelettartige Stahlarm des Baggers zeichnete sich mit scharfen Linien von dem Nachthimmel ab, sobald die Wolkendecke aufriss und das Halbrund des abnehmenden Mondes sein fahles Licht ausgoss.

An der freien Seite der Kaimauer ließ Mohanda die Leiche zu Boden sinken. Auch jetzt hatte er Glück. Seine Umgebung war menschenleer. Das Wasser im Hafenbecken schien spiegelglatt. Doch mit sicherem Blick erkannte der Inder, dass leichte Strömung herrschte - ablaufende Flut. Besser hatte er es nicht treffen können.

Er legte sich lang auf den nasskalten Boden und packte mit beiden knochigen Fäusten eines der Handgelenke des Toten. Dann schob er ihn über die Kante der Kaimauer hinaus. Das Gewicht der Leiche verursachte einen harten Ruck, dem Mohanda jedoch mühelos standhielt. Er rückte ein Stück vor und sah, dass die Füße des Toten dicht über der Wasseroberfläche schwebten. Er ließ ihn kurzerhand fallen. Die Leiche tauchte senkrecht ein. Schmatzend schlugen die dunklen Fluten über dem Kopf des Toten zusammen. Dann war wieder Stille.

Zufrieden lächelnd rappelte sich der Inder auf. Noch vor dem Morgengrauen würde die Leiche in den Golf von Mexiko hinausgeschwemmt werden. Er konnte unbesorgt sein.

Er lief zurück, um seinen Schlangenkorb zu holen.

 

 

2

Das Streichholz flammte zischend auf. Der Mann barg die Flamme hinter der hohlen Hand, in der er die aufgeklappte Taschenuhr hielt. Für Sekunden erhellte der flackernde Lichtschein seinen Oberkörper und warf Schatten, die seinem hartgeschnittenen, braungebrannten Gesicht etwas Diabolisches verliehen. Schwarzes Haar lugte unter dem Hut hervor, dessen Krempe er tief in die Stirn gezogen hatte.

Mit einem Fluch blies er das Streichholz aus, schleuderte es weg und schob die Taschenuhr in die Weste. Wieder blickte er die Hafenstraße hinunter.

Nichts.

Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen. Es war nicht das Warten, das an seinen Nerven zerrte. Es war die Tatsache, dass man offensichtlich seine Befehle missachtete, sich nicht an den Zeitplan hielt.

Der Mann stand im Schatten neben den Steinstufen, die zu einem Hauseingang hinaufführten. Sein dunkler Anzug tat ein Übriges, um ihn nahezu unsichtbar zu machen. Seine kerzengerade Haltung verriet, dass er früher einmal Uniform getragen hatte - Offiziersuniform.

Die Gegend war menschenleer. Es handelte sich um das Viertel der Reedereien, Speditionen und Lagerhausgesellschaften. Hinter den verriegelten Fensterläden der zwei- und dreigeschossigen Gebäude befanden sich überwiegend Büroräume. Außerdem gab es eine Reihe von Speichern, die zur Aufbewahrung von Warenmustern dienten.

Der vereinbarte Zeitpunkt war bereits um eine Viertelstunde überschritten. Der Dunkelgekleidete blickte jetzt nicht mehr zur Uhr. Es war sinnlos. Allein die Tatsache, dass Untergebene unpünktlich waren, ließ seine Wut überkochen.

Endlich waren gedämpfte Schritte zu hören. Sekunden später tauchten die Silhouetten von drei Männern schräg gegenüber aus einem Durchgang zwischen zwei Kontorgebäuden auf. Sie mieden die matten Lichtkreise der Gaslaternen, die in Abständen von fünfzig Yards auf den Bürgersteigen standen. Die Männer warteten einen Moment im Schutz eines Hauseingangs und überquerten dann, nachdem sie sich umgesehen hatten, hastig die gepflasterte Straße.

Wenigstens die primitivsten Vorsichtsmaßnahmen beherzigen sie, dachte der Dunkelgekleidete ärgerlich. Er brauchte sich nicht bemerkbar zu machen. Sie wussten, wo er auf sie wartete.

„Wo steckt Langdon?“, fragte er leise, nachdem sie herangekommen waren.

„Wir haben ihn gesucht“, antwortete einer der Männer. Sie waren froh, dass ihre betretenen Mienen in der Dunkelheit nicht zu erkennen waren.

„Gesucht? Was soll das heißen?“

„Wir haben ihn nicht gefunden, Mister Tabor. Er ist spurlos verschwunden.“

Der Dunkelgekleidete schnappte nach Luft. Er war niemand anders als Mahon Tabor, Sonderbeauftragter der Hilton Company. Er war versucht, loszubrüllen. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen. Es fiel ihm immer noch schwer, daran zu denken, dass er nicht auf einem Appellplatz stand und keine Mannschaftsdienstgrade vor sich hatte.

„Heraus damit!“, forderte er mit zornbebender Stimme. „Ich will wissen, was geschehen ist! Weshalb haben Sie sich verspätet? Warum ist Langdon verschwunden? Gentlemen, von diesem Einsatz hängt mehr ab, als Sie sich vielleicht vorstellen können. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was es bedeutet, wenn gleich zu Anfang eine solche Panne passiert.“

Die drei Hilton Detektive nahmen den Tadel widerspruchslos hin. John Nye, schlank, schnauzbärtig, korrekt gekleidet und mit seinen sechs Fuß ebenso groß wie Tabor, übernahm es, zu antworten.

„Ein bedauerlicher Zwischenfall, Mr. Tabor. Wir hätten uns selbstverständlich an die vereinbarte Zeit gehalten. Aber wir hielten es für angebracht, sofort nach Langdon zu suchen, damit kein noch größerer Zeitverlust entstand. Er hatte sich selbständig gemacht, war aber nicht wieder zu uns gestoßen, wie wir es vereinbart hatten. Wir hatten gehofft, ihn noch rechtzeitig aufzustöbern.“

„Also gut“, sagte Tabor halbwegs besänftigt. „Und weiter?“

„Wir konnten seine Spur bis zu einer Hafenkneipe verfolgen. Dort soll er bis vor etwa eineinhalb Stunden gewürfelt haben. Danach ist er nirgendwo mehr gesehen worden. Wir haben alle Kneipen in der Umgebung abgeklappert. Ohne Erfolg.“

Mahon Tabor stieß einen unterdrückten Fluch aus.

„Es hat keinen Sinn, zu lamentieren“, sagte er schließlich zähneknirschend, „wir müssen die Aktion ohne Langdon durchführen. Haben Sie wenigstens die Örtlichkeiten ausreichend erkundet?“ „Selbstverständlich“, entgegnete Nye erleichtert. „Wir kennen die Hafenverwaltung besser als die Clerks, die sich dort an den Stehpulten die Ärmel blank wetzen.“

„Dann los“, sagte Tabor, „wir haben schon zu viel Zeit verplempert.“

Nye übernahm die Führung. Tabor sowie Mulford und Reston, die beiden anderen Hilton Detektive, folgten ihm in kurzem Abstand. Nye hatte nicht übertrieben. Trotz der Dunkelheit fand er sich mühelos zurecht. Geräuschlos schlichen die Männer dicht an den Gebäudefassaden entlang. Durch einen offenen Torweg verließen sie die Straße und erreichten einen Hinterhof, von dem ein enger Durchgang weiter in ein Labyrinth finsterer Seitengassen führte.

Endlich blieb Nye vor einem zweigeschossigen Gebäude stehen.

„Wir sind da“, flüsterte er, „die Hafenverwaltung.“

„Auf was warten wir dann noch?“, sagte Tabor ebenso leise. Seine Ungeduld war ihm deutlich anzumerken.

Die Gasse, an der das Gebäude stand, war unbeleuchtet. Der herbe Geruch des Meeres wurde von einer Brise herübergetragen. Es war Anfang Dezember, doch nicht sonderlich kalt. Das Golfküstenklima, das in Corpus Christi herrschte, war spürbar.

John Nye ging auch diesmal voran. An den Hinterhof der Hafenverwaltung war nicht heranzukommen. Nachbarhäuser klemmten das Gebäude ein. Ein Rollgitter war vor dem Eingang heruntergelassen. Die Fenster im Erdgeschoss waren durch hölzerne Läden verriegelt. Nye zog eine fußlange Brechstange unter dem Jackett hervor, während Tabor und die beiden anderen Detektive sichernd in die Dunkelheit spähten. Doch alles deutete darauf hin, dass sie nicht von unliebsamen Zeugen gestört werden würden.

Nye schob die Brechstange durch den Bügel des Vorhängeschlosses, das den Bandeisenriegel am Fensterladen rechts vom Eingang hielt. Ohne dass übermäßiger Kraftaufwand nötig war, zerbrach das Vorhängeschloss. Mulford fing den Riegel auf, bevor dieser zu Boden fiel. Nye öffnete den Fensterladen und schlug die Scheibe mit der Brechstange ein. Glasscherben klirrten in den dahinterliegenden Büroraum.

Sekundenlang horchten die Männer. Das Geräusch der zersplitternden Fensterscheibe musste in der Gasse weit zu hören gewesen sein. Aber auch jetzt rührte sich nichts.

„Los jetzt!“, befahl Tabor. „Steht nicht herum! Jede Minute zählt.“

Nye griff hinter den Fensterrahmen und öffnete. Er schwang sich als Erster hinein und half Tabor, Mulford und Reston, ihm zu folgen. Muffiger Aktengeruch eines schlecht gelüfteten Kontors schlug den Eindringlingen entgegen.

„Den Fensterladen zu!“, rief Tabor mit gepresster Stimme. „Nye, wo finden wir die Passagierlisten?“

„Nicht hier“, antwortete der Detektiv leise, „auf der anderen Seite des Flurs, Sir. Da ist die Abteilung für einlaufende Schiffe.“

Der Fensterladen klappte zu. Mulford riss ein Streichholz an. Auf einem Wandbord entdeckte er eine Petroleumlampe. Er nahm sie herunter, klappte das Glas hoch und hielt die Streichholzflamme an den Docht. Blakendes Licht erhellte das Kontor. Mahon Tabor sah sich flüchtig um.

„Reston, Sie bleiben als Wache am Fenster. Sobald Sie etwas Verdächtiges bemerken, geben Sie Alarm! Verstanden?“

Carl Reston nickte nur. Er wusste genau, dass Tabor lieber ein schneidiges „Jawohl“ gehört hätte. Aber für Zurechtweisungen war keine Zeit mehr. Und Reston nutzte die Gelegenheit, um zu demonstrieren, wie wenig er von militärischen Umgangsformen hielt.

Tabor bedachte ihn nur mit einem ärgerlichen Blick. Dann folgte er Nye und Mulford, die bereits mit der Petroleumlampe den Flur ableuchteten.

Zwei Türen lagen unmittelbar dem Büro gegenüber, durch dessen Fenster sie eingedrungen waren. Die eine Tür trug auf einem Blechschild die Aufschrift „Outgoing“. Die zweite war die richtige. „Incoming“ - die Abteilung, in der die einlaufenden Schiffe registriert wurden. Mahon Tabor vermutete, dass dort auch die Passagierlisten aufbewahrt wurden, die die Hafenverwaltung durch telegrafische Übermittlung von den Reedereien erhielt.

John Nye packte den Türknauf.

Unverschlossen.

In fieberhafter Erwartung drängte sich Tabor als Erster in den Raum. Mulford folgte ihm mit der Lampe. Auch in diesem Kontor herrschte der gleiche muffige Aktengeruch wie in dem Raum, den sie zuerst betreten hatten. Rasch sah sich Tabor um.

Das Kontor war etwa drei mal vier Yards groß. In der Mitte waren vier Schreibtische gegeneinander gestellt und bildeten ein Quadrat. Akten waren auf den Schreibtischplatten zu Bergen gestapelt. An drei Wänden standen Aktenschränke aus braunem Holz, die bis zur Decke reichten. Gleich neben der Tür befand sich ein altertümliches Stehpult. Außer den Drehstühlen der Clerks gab es keine weiteren Einrichtungsgegenstände.

Mit einer knappen Handbewegung bedeutete Tabor den beiden Detektiven, die Schränke zu übernehmen. Er selbst begann, mit fliegenden Fingern die Akten auf den Schreibtischen durchzuwühlen. Tabor wusste, dass er durch diese Aktion einen beträchtlichen Schritt weiterkommen würde. Er musste den Auftrag erfolgreich durchführen. Alles hing davon ab. Auch seine eigene Karriere. Die Passagierlisten waren die Voraussetzung dafür, dass alles weitere klappte.

Vergeblich hatte Mahon Tabor versucht, offiziell Einblick in die Passagierlisten zu erhalten. Er hatte keine andere Wahl gehabt, als es nun auf diesem Weg zu. Versuchen, denn er wusste lediglich, dass der ehemalige Kommandant von Fort Calhoun, Colonel Hampton Lester, irgendwann in diesen Tagen nach langjährigem Aufenthalt in Europa mit einem Schiff in Corpus Christi eintreffen würde. Tabor wusste weder den Namen des Schiffes, noch aus welchem Land es kam. Beides musste er herausfinden, koste es, was es wolle. Denn für Andrew Hilton, den Chef der mächtigen Hilton Company, war es absolut lebenswichtig, dass Hampton Lester abgefangen wurde, sobald er seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte. Aus seiner Dienstzeit bei der Armee kannte Lester Zusammenhänge, die Andrew Hilton Kopf und Kragen kosten konnten. Und Mahon Tabor war sich der Bedeutung seiner Mission bewusst. Deshalb ging er ohne jegliche Skrupel vor.

Die Schlüssel für die Aktenschränke waren nicht zu finden. Nye brach die hölzernen Rollläden kurzerhand mit der Brechstange auf. Mulford und er rissen die Ordner heraus, blätterten den Inhalt durch und warfen das Unbrauchbare achtlos auf den Fußboden.

Mahon Tabor fetzte einen Aktendeckel nach dem anderen beiseite. Unvermittelt stieß er auf eine Liste, die Schiffsnamen, Reedereien und Abfahrtsdaten enthielt.

„Die Lampe her!“, rief er ungeduldig.

Mulford kam heran und leuchtete. Nye arbeitete verbissen bei den Aktenschränken weiter. Der Schein der Petroleumlampe reichte für ihn aus, um die großen Lettern auf den Ordnerrücken zu entziffern.

Mit zusammengepressten Lippen studierte Mahon Tabor die Liste. Die Abfahrtszeiten waren neueren Datums. Einige der Schiffsnamen waren abgehakt und mit einem Datum in roter Schrift gekennzeichnet. Offenbar handelte es sich um jene Schiffe, die schon in Corpus Christi eingetroffen waren.

Tabor drehte die Liste um. Die Rückseite war leer.

„Können wir damit etwas anfangen?“, fragte Mulford.

„Nein“, sagte Tabor ärgerlich, „ohne die Passagierlisten nutzt uns das verdammt wenig.“ Trotzdem stopfte er die Schiffsliste in die Innentasche seines Jacketts. Immerhin brauchte er auch die genaue Ankunftszeit, wenn er erst wusste, mit welchem Schiff Colonel Lester aus Europa eintraf.

„Weiter! Beeilung!“, rief Tabor, obwohl Nye bereits einen der Aktenschränke geleert hatte.

Mulford stellte die Lampe auf einen der Schreibtische und nahm sich einen noch vollen Aktenschrank vor. Tabor stürzte sich auf den Rest der offen herumliegenden Unterlagen. Seine Miene verfinsterte sich zusehends. Dann, als die Schreibtischplatten leer waren, stieß er einen Fluch aus. Sein Blick fiel auf die Schubladenfächer der Schreibtische, die ebenfalls mit hölzernen Rollläden verschlossen waren.

„Nye! Los, los, hierher! Aufbrechen!“

Der Detektiv beeilte sich. Es war keine Schwierigkeit, die simplen Schlösser brutal zu knacken. Holzsplitter und Blechteile fielen herunter. Nach einer Minute lagen sämtliche Schreibtischschubladen frei.

Tabor riss sie heraus, kippte den Inhalt auf die Tischplatten und schleuderte die leeren Schubladen zu dem wirren Durcheinander von Akten, die inzwischen überall auf dem Fußboden verstreut lagen. Aber auch nach weiteren Minuten hastiger, rücksichtsloser Suche hatten Mahon Tabor und seine Kumpane die Passagierlisten noch immer nicht gefunden.

Als Schreibtische und Aktenschränke vollständig leer waren, riss Tabor wutentbrannt den Deckel des Stehpults hoch. Gähnende Leere starrte ihn an. Er knallte den Deckel zu und drehte sich mit einer eckigen Bewegung um. Seine Hände waren geballt.

„Mister Nye! Ich hatte Ihnen eine ausdrückliche Anweisung gegeben. Sie sollten erkunden, in welchem Raum wir die Passagierlisten ...“

Er wurde unterbrochen. Carl Reston stürmte herein.

„Draußen sind Schritte zu hören!“, rief er atemlos. „Schon ziemlich nahe!“

„Abwarten“, sagte Tabor kalt, „wenn es kritisch wird, können wir immer noch verschwinden.“

 

 

3

„Kielholen sollte man diese Hundesöhne! Allesamt kielholen!“ Jim Draper schimpfte leise vor sich hin. „Mit Kanonen auf wehrlose Tiere zu schießen! Eines Tages werden diese Schurken ihre gerechte Strafe kriegen wie alle Verbrecher.“

Draper murmelte Unverständliches in seinen sorgfältig gestutzten Bart. Mit schweren, wiegenden Schritten stapfte er in die Dunkelheit der Gasse. Es schien, als bewege er sich noch immer auf den Decksplanken eines Walfängers. Auf seinen breiten Schultern trug der untersetzte Mann eine riesige Harpune.

„Verbrecher!“, schimpfte er wieder. Er hatte Zeit für zornige Selbstgespräche. Eine ganze Nacht lang. „Vor Gericht stellen sollte man euch. Jawohl, vor Gericht. Und dann, ihr Schufte, dann wird der alte Draper als Zeuge auftreten ...“ Er lachte grimmig, malte sich die Szenerie aus, wie er vor aufmerksamen Richtern schildern würde, was es bedeutete, ein Harpunier zu sein. Härte, Geschicklichkeit und Mut - darauf kam es an. Ein Zweikampf mit dem Wal, manchmal ein Kampf auf Leben und Tod. Nicht so wie heute, mit diesen verbrecherischen Kanonen. Die Mordinstrumente, mit denen sie die Wale abschlachteten, ohne dass diese auch nur den Hauch einer Chance hatten.

Die Kerle, die die Harpunenkanone erfunden hatten, sollten auf der Anklagebank sitzen. Eine Vision, die für Jim Draper mehr als ein verrückter Gedanke war. Er hielt die Harpunenkanone für ein Verbrechen wider die Natur. Dass er durch die verdammte Kanone seinen Job verloren hatte, zählte in dem Zusammenhang nicht. Das war eine andere Sache. Er brachte es einfach nicht fertig, sich hinter so eine Teufelswaffe zu stellen und die Wale abzuknallen wie auf einem Schießstand.

Und trotz seiner 58 Jahre hätte Jim Draper mächtig gern wieder auf einem Walfänger angeheuert. Aber einen Harpunier von altem Schrot und Korn brauchte keiner mehr. Also strolchte er nachts durch die Hafengassen von Corpus Christi. Dienstlich gewissermaßen. Dennoch kam er sich vor wie ein Dieb, der das Licht scheut. Wachmann. dass sie ihn nicht offiziell als Nachtwächter titulierten, schrieb Draper nur der Höflichkeit seiner Auftraggeber zu. Es war ein schändlicher Job, dem er sich verschrieben hatte. Aber irgendwann würde Schluss damit sein. Diese ständige Dunkelheit machte ihn krank. Ihm fehlte der ungehinderte Blick bis zum Horizont - bei Tag, auf hoher See.

„Mistkerle“, setzte er seine einsamen Beschimpfungen fort, nachdem er Türschlösser und Fensterläden eines Reedereikontors mit der Handlampe abgeleuchtet hatte. „Euch sollte man den Walen zum Fraß vorwerfen!“

Er erreichte das übernächste Gebäude, für das er ebenfalls einen Bewachungsvertrag abgeschlossen hatte.

Die Hafenverwaltung.

Wie üblich begann Draper bei den Vorhängeschlössern der Fensterläden. An jeder Seite des Eingangs gab es ein halbes Dutzend davon. Das Gebäude war eines der größten in dieser Straße.

Er richtete den Schein der Handlampe auf die Verriegelungen und Schlösser und achtete daher weniger auf das Steinpflaster des Bürgersteigs. Als Draper das fünfte Fenster kontrolliert hatte, stieß er mit der rechten Stiefelspitze gegen etwas Hartes. Metall schepperte über die Pflastersteine. Fluchend bückte er sich und richtete den schwachen Lichtkegel der Handlampe nach unten.

Er sah den Bandeisenriegel auf dem Boden liegen und wusste Bescheid. Dass der sechste Fensterladen, unmittelbar neben dem Eingang, offen war, erkannte er, ohne noch genau hinsehen zu müssen.

Einen Moment blieb Jim Draper regungslos stehen.

Kein Geräusch war aus dem Haus zu hören. Ein grimmiges Lächeln kerbte sich in die Mundwinkel des alten Seebären. Wie es schien, hatten ihn die Strolche noch nicht gehört, wiegten sich also in Sicherheit. Keine Frage, um was es ging. Die Hafenverwaltung hatte Draper zur Nachtwache engagiert, weil in dem Gebäude häufig auch hohe Geldbeträge lagerten.

Auf leisen Sohlen pirschte er zum Eingang und fingerte den Schlüssel aus der Tasche, den man ihm für alle Fälle anvertraut hatte. Nachdem er den Schlüssel ins Schloss geschoben hatte, stellte er die Handlampe zu Boden und packte die Harpune mit der rechten Faust. Wenn es eine Waffe gab, mit der er umgehen konnte, dann war es die Harpune.

Er war imBegriff, die Tür zu öffnen, als er ein leises Kreischen hörte. Der Fensterladen, schoss es ihm durch den Kopf. Meist waren die Angeln rostig und ungeölt.

Jim Draper spannte die Muskeln, drehte sich langsam um und hob die Handlampe mit der freien Linken auf. Dann schnellte er mit einem Satz von der Tür weg ins Freie.

Gerade löste sich ein Schatten aus dem offenen Fenster und sprang federnd auf den Bürgersteig.

„Halt, stehenbleiben!“, brüllte Draper mit Stentorstimme.

Der Schatten erstarrte. Blitzschnell hob Draper die Lampe, hielt die Harpune wurfbereit.

Der Mann trug einen eleganten, dunklen Anzug. Seine Rechte zuckte unter das Jackett.

Jim Draper wusste, was diese Handbewegung zu bedeuten hatte.

Die Muskelpakete seines rechten Armes explodierten. Pfeilschnell sirrte die Harpune auf den Dunkelgekleideten zu.

Aber der Mann reagierte so blitzartig, wie Draper es nie für möglich gehalten hätte. Die Harpune zischte ins Leere und bohrte sich im nächsten Moment krachend in das Holz des offenen Fensterladens. Der andere verzichtete jetzt auf den Revolver. Draper stürzte auf ihn los, bereit, seine Fäuste mit der Gewalt von Dampfhämmern wirbeln zu lassen. Wieder wich der Mann reaktionsschnell aus. Draper hörte noch, dass er einen Befehl rief. Er verstand die Worte nicht.

Plötzlich fielen sie von allen Seiten über ihn her. Drei oder vier Kerle. Draper konnte es nicht mehr feststellen. Er erkannte, dass er einen Fehler begangen hatte. Aber zu spät. Sie verpassten ihm brutale, gemeine Hiebe. Er wehrte sich, so gut er konnte. Trafen seine mächtigen Fäuste, kriegte er für Sekundenbruchteile Luft. Doch sofort waren wieder die anderen zur Stelle. Serienweise prasselten die Hiebe auf ihn ein. Verzweifelt bemühte er sich noch, die Schläge abzublocken. Doch es waren zu viele Gegner. Trotz seiner Körperkräfte kam Draper nicht gegen sie an. Ein brutaler Hieb in die Magengegend, sofort gefolgt von einem Aufwärtshaken, brachte die Entscheidung.

Der Harpunier kippte nach hinten, schlug mit dem Kopf gegen die Hauswand und sackte langsam zu Boden. Bewusstlos blieb er auf den feuchtkalten Steinen liegen.

Jim Draper hörte nicht mehr, wie die Einbrecher fluchend das Weite suchten.

 

 

4

Im Osten hatte die Sonne eben begonnen, sich von der Linie des Horizonts zu lösen. Noch standen Dunstschleier über dem Golf von Mexiko. Die Konturen des glutroten Feuerballs wurden dadurch verwischt. Doch die frühen Sonnenstrahlen fielen bereits mit intensiver Helligkeit auf die ruhige Oberfläche der endlosen Fluten. Seevögel stiegen kreischend auf und suchten in Strandnähe ihren Hunger zu stillen. Kein Lufthauch regte sich. Eine Schar von Möwen kreiste über dem seichten, kristallklaren Wasser, das mit flachen Wellen träge auf den Strand schwappte. Die Meute der hungrigen Vögel vergrößerte sich rasch. Aus misstrauischen scharfen Augen betrachteten sie den dunklen Fleck, der sich deutlich in der auflaufenden Flut abzeichnete.

Der leblose menschliche Körper wurde von der Schubkraft der Flut gepackt, glitt um ein oder zwei Yards über den körnigen weißen Sand und blieb liegen - wie von einer unsichtbaren Faust losgelassen. Dann, als habe sie Atem geschöpft, setzte die Flut ihre Arbeit fort und trieb die Leiche weiter auf den Strand. Dies wiederholte sich in gleichbleibendem Rhythmus, bis der Körper des Mannes im nur knöcheltiefen Wasser endgültig liegenblieb. Winzige Wellen plätscherten gegen sein wachsbleiches Gesicht, in dem die blicklosen Augen starr zum Himmel gerichtet waren.

Die Vorwitzigsten unter den Möwen ließen sich flatternd herab, um die nun sichere Beute aus unmittelbarer Nähe zu beäugen.

Aber noch bevor sie sich um die Beute streiten konnten, wurden sie aufgescheucht.

Hufschlag näherte sich. Mit protestierendem Geschrei stiegen die Möwen hoch.

Die beiden Reiter hatten längst entdeckt, wofür sich die Seevögel interessierten. Doch sie ließen ihre Pferde weiter im Schritt gehen. Es bestand kein Grund zur Eile. Einen Toten konnte man nicht zum Leben erwecken. Nach jedem Schritt füllten sich die Hufabdrücke der Pferde mit Wasser, wurden kurz darauf überspült und waren Minuten später wieder mit der glatten, feucht schimmernden Oberfläche des Strandes vereint.

Carringo zügelte Wildcat. Chaco ritt auf die Leiche zu und schwang sich aus dem Sattel. Unter seinen Stiefelsohlen spritzte das Wasser weg. Er ging in die Knie und betrachtete das Gesicht des Toten.

Carringo saß nun ebenfalls ab. Vor dem mit einem adretten Leinenanzug bekleideten Toten blieb er stehen. Chaco hob den Kopf. Mit dem Handrücken fuhr er sich unter dem Kinn entlang. Die tagealten Bartstoppeln kratzten wie Sandpapier.

„Sehr lange kann er noch nicht tot sein“, sagte Carringo.

„Das Salzwasser hat noch nicht einmal seine Kleidung angegriffen“, entgegnete Chaco, „auch sonst sieht er nicht aus wie eine typische Wasserleiche. Nicht aufgedunsen - gerade so, als wäre er eben erst in den Teich gefallen.“

Carringo nickte.

„Die Gezeitenströme servieren manchmal die unglaublichsten Überraschungen. Dabei ist es recht einfach zu erklären. Wenn der Mann bei ablaufender Flut ins Wasser geworfen wurde, ist er wahrscheinlich durch günstige Strömungsverhältnisse von der auflaufenden Flut zurückgetrieben worden.“

„Er ist erwürgt worden“, sagte Chaco und begann, die Taschen des Toten zu durchsuchen, „aber der Mörder hat dazu nicht die Hände benutzt.“

Carringo bückte sich.

„Eine Schlinge?“

„Eine sehr dünne vermutl... Moment mal!“ Chaco zog mit einem Ruck das Stück Metall hervor, das er in einer der Jackentaschen ertastet hatte.

Eine runde Bronzemarke funkelte im Sonnenlicht. Chaco hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

Für Carringo war es wie ein Tiefschlag. Er brauchte nur flüchtig hinzusehen, um die Aufschrift der Bronzemarke zu erkennen.

A. H. Company, Special Agent. Auf der Rückseite war der Name Harold Langdon eingraviert.

Weder Carringo noch Chaco kannten diesen Mann, der offenbar nur ein kleines Rad in der gewaltigen Hilton-Killer-Maschinerie gewesen war. Aber der an Land gespülte Tote, nur zwei Meilen westlich von Corpus Christi, ließ ohne jeden Zweifel darauf schließen, dass Hilton-Leute bereits in der Stadt sein mussten.

Für Carringo war es ein Schock. Gewiss, er hatte damit gerechnet, dass Hilton ihm ständig auf der Spur geblieben war. Aber nicht im Entferntesten hatte Carringo auch nur ahnen können, dass Hilton sein Ziel bereits kannte.

Chaco sah den Freund schweigend an. Er glaubte zu wissen, welche Gedanken sich in diesen Minuten hinter Carringos Stirn formten. Und Chaco wusste, dass es ein höllisch bitterer Wermutstropfen war.

„Das muss nichts heißen“, sagte er dennoch, „Hilton-Leute treiben sich überall herum. Und einer, der vorhat, uns in die Suppe zu spucken, wird sich vorher nicht gerade um die Ecke bringen lassen.“

Carringo lächelte matt.

„Egal, was das alles zu bedeuten hat, wir müssen damit rechnen, dass weitere Hilton Männer in Corpus Christi sind.“

„Meinst du, die wissen von Colonel Lesters Ankunft?“

„Sonst wären sie nicht vor uns in der Stadt. Sie hätten sich auf unsere Fährte gesetzt und ... Moment mal!“ Carringo fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen. „Natürlich, das ist die Erklärung!“

„Noch sprichst du in Rätseln“, sagte Chaco.

„Erinnere dich an Fort Bliss!“

Während Carringo seine Vermutung schilderte, fragte er sich, wieso er nicht eher darauf gekommen war. Andrew Hilton musste schon fast ebenso lange von Hampton Lesters bevorstehender Ankunft wissen, wie er selbst.

Colonel Nelson, damals Kommandant von Fort Bliss, hatte versucht, mit aufständischen Apachen zu verhandeln. Carringo hatte ihm dabei geholfen. Doch der Versuch war fehlgeschlagen. Denn Major Howard, karrieresüchtiger Stellvertreter Nelsons, war seinem Kommandanten in den Rücken gefallen und hatte eigenmächtig die Apachen zum Kampf herausgefordert. Nach Howards Sieg über die aufständischen Indianer war Colonel Nelsons Verhandlungsbereitschaft von den Generälen als Schwäche und militärische Unfähigkeit ausgelegt worden. Nelson war unehrenhaft vom Dienst suspendiert und der ehrgeizige Major Howard zu seinem Nachfolger ernannt worden.

Für Carringo hatte dies eine erneute Inhaftierung bedeutet. Nelsons gute Worte für den Geächteten hatten nichts mehr geholfen. Und gerade Colonel Nelson hatte Carringo während der Verhandlungen mit den Apachen näher kennengelernt. Doch kurz vor seinem Abtransport hatte Carringo von Colonel Nelson einen wertvollen Hinweis erhalten. Colonel Hampton Lester, alter Freund Nelsons und zu Carringos Scoutzeiten Kommandant von Fort Calhoun, hatte Nelson in einem Brief mitgeteilt, dass er aus Europa zurückkehren und per Schiff in Corpus Christi eintreffen werde. Colonel Nelson hatte noch versprochen, mit seinem alten Freund Lester zu reden und ihm zu erklären, dass er Carringo als einen aufrechten, ehrlichen Mann kennengelernt habe.

Hampton Lester ließe sich sicherlich überzeugen, dann endlich jene Zusammenhänge zur Sprache zu bringen, die bislang verschwiegen wurden - Fakten, die Carringo vor Gericht entlasten würden. Colonel Nelson hatte nach diesem Gespräch mit Carringo offiziell von seiner Entlassung aus der Armee erfahren. Nelson, ein stets ehrenhafter Offizier, hatte diese Schmach nicht verwinden können. Carringo hatte erst später von Nelsons Selbstmord erfahren.

Doch an eins erinnerte er sich jetzt so deutlich, als habe er es erst gestern erlebt: Major Howard hatte mit angehört, wie ihm Nelson von der bevorstehenden Ankunft Hampton Lesters berichtete. Und ohne Zweifel war es Howard gewesen, der Andrew Hilton darüber informiert hatte.

Damit stand es fest, aus welchem Grund sich Hiltons Männer bereits in Corpus Christi aufhielten. Vielleicht wussten sie sogar schon, wann und mit welchem Schiff Colonel Lester eintreffen würde. Es würde einen tödlichen Wettlauf geben, wer als Erster mit Lester reden konnte.

Vermutlich war Andrew Hilton nicht genau bekannt, wieviel Hampton Lester über die wahren Hintergründe des Halcon-Canyon-Massakers wusste. Auf jeden Fall aber würde Hilton zu verhindern suchen, dass Carringo überhaupt mit Lester sprach.

Colonel Hampton Lester, seit langem pensioniert, hatte mehrere Jahre in Europa verbracht. Er kehrte in die Vereinigten Staaten zurück, um seinen Lebensabend in seiner texanischen Heimat zu verbringen. Nach seinem Brief an Nelson wollte Lester in dieser Woche in Corpus Christi eintreffen. Carringo und Chaco nahmen an, dass sie gerade noch rechtzeitig kamen.

Carringo hatte eine sehr gute Erinnerung an Hampton Lester. Nie hatte der Colonel zu den pedantischen, sturen Vorgesetzten gehört, die über Zucht und Ordnung jegliche Menschlichkeit vergaßen. Trotz seines Dienstgrades hatte er sich als ein Mensch gezeigt, der den Dünkel seiner Offizierskameraden verabscheut hatte.

Jetzt war Colonel Lester die große Hoffnung für Carringo. Hampton Lester besaß Zivilcourage, und als Pensionär war er dem Druck der Armee nicht mehr ausgesetzt. Carringo wusste, dass Colonel Lester ihn vor dem grauenvollen Massaker im Halcon Canyon fast als einen Freund betrachtet hatte. Umso mehr hatte es Lester entsetzt, dass Carringo allen Anzeichen nach den Treck mit den Frauen und Kindern verraten und den Apachen ausgeliefert haben sollte. Heute konnte Carringo begreifen, welche Enttäuschung Colonel Lester damals empfunden haben musste.

Aber bestimmt hatte Lester inzwischen mehr über die Hintergründe des Massakers erfahren. Carringo war überzeugt, in dem Ex-Colonel einen Verbündeten zu finden, auf den er sich verlassen konnte. Ein Mann von Hampton Lesters Format kannte keine Furcht - nicht vor der Obrigkeit und nicht vor Verbrechern wie Hilton.

„Es ist viel wert, wenn man weiß, was einen erwartet“, sagte Chaco, nachdem Carringo ihm seinen Verdacht geschildert hatte. „Was geschieht mit dem hier?“ Er deutete auf den Toten.

Carringo blickte zu den kreisenden Seevögeln.

„Wir nehmen ihn mit und liefern ihn beim Marshal ab.“

„Du weißt, dass gewisse Leute dadurch vorzeitig auf uns aufmerksam werden könnten.“

„Ich weiß. Wir müssen so oder so auf der Hut sein.“ Mehr sagte Carringo nicht dazu.

Und Chaco stellte keine Fragen mehr. Er kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass Carringo es nicht fertigbrachte, selbst den ärgsten Feind von Aasvögeln zerhacken zu lassen.

Gemeinsam luden sie die Leiche auf Wildcats Rücken. Den kurzen Weg bis zur Stadt ritt Carringo auf Chacos Pinto mit.

Schon in den Randbezirken von Corpus Christi herrschte rege Geschäftigkeit. Menschen in unübersehbarer Zahl waren auf den Gehsteigen unterwegs, Pferdefuhrwerke und elegante Einspänner auf den Straßen. Über allem lag der salzig herbe Geruch des Meeres.

Wurden die beiden Männer trotz der Betriebsamkeit von einzelnen Blicken verfolgt, so lag es allein an der ungewöhnlichen Fracht, die sie auf dem Sattel des Rapphengstes mit sich führten.

Carringo und Chaco waren froh, als sie endlich das Marshal Office erreichten. Es befand sich in der Center Street, einer der Hauptgeschäftsstraßen von Corpus Christi.

Die Formalitäten waren rasch erledigt. Carringo und Chaco gaben zu Protokoll, wie sie den Toten am Strand gefunden hatten. Ein Gehilfe des Marshals schleppte derweil die Leiche in einen Nebenraum des Büros. Als die beiden Männer anschließend weiterritten, hatten sich die wenigen Neugierigen auf der Straße bereits verzogen.

Am westlichen Stadtrand fanden Carringo und Chaco Unterkunft in einem billigen Hotel.

 

 

5

Leises Klappern von Essbestecken und Tassen wurde begleitet von halblauten Gesprächen. Der Duft frisch aufgebrühten Kaffees hing in dem Raum. Dazu ein morgendlicher Hauch von männlich herbem Rasierwasser und teurem Parfüm vornehm gekleideter Ladys.

Das Hotel „Seaport“ gehörte zur Mittelklasse der besseren Herbergen von Corpus Christi. Ein offener Durchgang, dessen schwere Samtportiere beiseite gerafft war, führte vom Speisesalon in die Lobby. Beide Räume waren mit flauschigen Orientteppichen ausgelegt. Französische Gobelins zierten die Wände. Verschnörkelte Wandlampen streuten gemütliches Licht aus, das die trübe Atmosphäre dieses Morgens erhellte. Weiß geschürzte Serviererinnen schleppten Tabletts mit Kaffeekannen, Tellern, Tassen und frischem Brot. Der Angestellte hinter dem Rezeptionspult trug trotz der frühen Stunde einen dunklen Abendanzug und blätterte dezent in Übernachtungslisten und Rechnungen.

Ein Mann tauchte auf dem überdachten Gehsteig auf, öffnete zielstrebig die Doppeltüren und betrat die Lobby. Er trug einen dunkelgrauen Straßenanzug und zum weißen Hemd eine weinrote Samtschleife. Der Rezeptionsclerk nickte ihm höflich zu, als er die Treppe zum ersten Stock emporstieg. Die vornehmen Ladys am vordersten Tisch des Speisesalons ließen dem gut aussehenden schnauzbärtigen Mann interessierte Blicke folgen.

John Nye erreichte den oberen Korridor und klopfte an die Tür, die mit einer Elf aus mattglänzenden Messingziffern versehen war.

„Herein!“, ertönte eine barsche Stimme, noch rau vom Nachtschlaf.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940794
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v742322
Schlagworte
carringo kugel tabor

Autor

Zurück

Titel: Carringo und die Kugel für Tabor