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Carringo und der Blutreiter

2020 119 Seiten

Zusammenfassung


Es scheint, als wären Menschen wie vom Erdboden verschluckt. Carringo, der Agent der Wells Fargo, hat den Auftrag, den Kutscher Pete Bain der Agentur zu finden, der mit Fracht und Pferden verschwunden ist. Carringo trifft bei seiner Suche auf Web Huston, der seinen Bruder Sam vermisst.
Unterdessen sucht Chaco nach einer Spur von Papago Indianern, die Major Kent ins Reservat überführen soll. Die meisten von ihnen kommen jedoch dort nicht an.
Und immer wieder taucht ein Name auf, der die Menschen ängstlich werden lässt - der Blutreiter!

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und der Blutreiter

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

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Carringo und der Blutreiter

Western von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Es scheint, als wären Menschen wie vom Erdboden verschluckt. Carringo, der Agent der Wells Fargo, hat den Auftrag, den Kutscher Pete Bain der Agentur zu finden, der mit Fracht und Pferden verschwunden ist. Carringo trifft bei seiner Suche auf Web Huston, der seinen Bruder Sam vermisst.

Unterdessen sucht Chaco nach einer Spur von Papago Indianern, die Major Kent ins Reservat überführen soll. Die meisten von ihnen kommen jedoch dort nicht an.

Und immer wieder taucht ein Name auf, der die Menschen ängstlich werden lässt - der Blutreiter!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - kämpft gegen einen unsichtbaren Gegner, der anscheinend jeden seiner Schritte kennt.

Chaco - will seinem Freund einen kleinen Gefallen tun und gerät dabei in eine tödliche Gefahr.

Buz Williamson und seine Familie - ärgern sich über einen lästigen Schnüffler und reagieren mit

Gewalt.

Dancer - ein Bursche, in dessen Kopf es ein bisschen wirr zugeht. Doch das ist kein Grund, ihn

zu unterschätzen.

Denago - eine getretene Kreatur, die sich aufbäumt

Poncho - wirkt wie ein Geist aus einer anderen Welt. Seine Leidenschaft ist das Grauen.

 

 

1

Alle Spuren, denen Carringo folgte, führten ins Nichts - bis der geheimnisvolle Mörder im Poncho auftauchte.

Die glühende Sonne trieb ihm den Schweiß aus allen Poren. Chaco war Hitze gewohnt, dennoch bevorzugte er niedrigere Temperaturen, wenn er damit beschäftigt war, eine Reihe von Problemen zu lösen. Und Probleme gab es zur Zeit mehr als genug.

Es hatte damit angefangen, dass ein Gefangenentransport von ungefähr fünfzig Papago Indianern in Prescott hielt und für erhebliches Aufsehen sorgte, weil sich die Krieger, Squaws und vor allem die Kinder in einem jämmerlichen, bemitleidenswerten Zustand befanden.

Aber Major Gus Kent, der Führer des Trecks, duldete weder Mitleid noch Hilfe. Er hielt seine Gefangenen, die er in eine Reservation nach Oklahoma bringen sollte, von der Bevölkerung streng isoliert und unterband jeglichen Kontakt.

Selbst Chaco als Marshal blieb es untersagt, die Papagos in näheren Augenschein zu nehmen. Der Major zögerte sogar nicht, mit Gewalt gegen ihn und Carringo vorzugehen. Ein seltsames Verhalten gegen einen Sternträger.

Aber die Angelegenheit wurde noch seltsamer, als einer der Gefangenen offensichtlich die Medaillons erkannte, die Carringo auf der Brust trug. Natürlich wollte der Wells Fargo Mann Näheres über die einzigen Hinweise auf seine Herkunft und Vergangenheit erfahren, doch die drohende Haltung der Soldaten zerstörte diese Hoffnung.

Allerdings nur vorläufig, denn da Carringo ausgerechnet in diesem Augenblick einen neuen Auftrag erhielt, übernahm er, Chaco, es, nach Fort Whipple zu reiten, um von dem dortigen Kommandanten eine Genehmigung zu erwirken, mit dem rätselhaften Papago Krieger sprechen zu dürfen. Er hielt die Genehmigung ohne weiteres. Und er holte den Transport auch noch rechtzeitig ein, bevor die Gefangenen in Sitgreave in einen Waggon verladen wurden.

Und in Sitgreave geschahen wie der merkwürdige Dinge. Nicht nur, dass Major Kent die schriftliche Genehmigung ignorierte und sie sogar zerriss, er verstieg sich sogar zu massiven Drohungen gegen ihn und stellte in Aussicht, ihn, die Rothaut, zu den übrigen Indianern zu werfen und mit den anderen abtransportieren zulassen.

Daraufhin versuchte Chaco, den bewussten Papago heimlich aufzuspüren. Aber er entdeckte ihn nicht. Und was noch unerklärlicher war - ungefähr die Hälfte der ehemals fünfzig Gefangenen war spurlos verschwunden. Dass sie auch nicht nachträglich eintreffen würden, bewiesen die drei leeren Wagen, die wenig später von Soldaten in die Stadt gebracht wurden.

Was war geschehen? Was hatte das zu bedeuten? Oklahoma lag seit jeher im Osten. Diese Wagen aber waren aus westlicher Richtung aufgetaucht.

Ihm war wenig Zeit geblieben, diese Frage zu erforschen, denn unvermittelt hatte er sich einer Meute angriffslustiger Soldaten gegenüber gesehen, die eindeutig den Auftrag hatten, ihn aus dem Weg zu räumen. Von wem dieser Auftrag stammte, war keine Frage. Natürlich hatte der zwielichtige Major den Befehl hierzu erteilt. Chaco hatte es nicht leicht, sich durch die Soldaten hindurchzuprügeln. Schließlich war es ihm doch gelungen, und außer einigen blauen und grünen Flecken hatte er keinen Schaden davongetragen. Dass durch das ungewöhnliche Verhalten Major Kents und seiner Leute die Neugier Chacos nicht erloschen, sondern erst recht angefacht worden war, verstand sich von selbst. Irgendwo zwischen Prescott und Sitgreave waren zwei Dutzend Papagos verschwunden. Indianer, die sich in einem katastrophalen körperlichen Zustand befunden hatten, wie ihn mit Sicherheit keine Dienstvorschrift der Armee vorsah, hatten sich in Luft aufgelöst.

Trotzdem mussten sie Spuren hinterlassen haben. Und diese Spuren waren im Westen zu suchen. Von dorther waren die leeren Wagen gerollt. Dort befanden sich die Black Forrest Mountains.

Chaco hing im Sattel und beobachtete scharf das Gelände. Ihm entging nichts, was irgendwie wichtig sein konnte.

Zum Glück! Denn so merkte er, dass er nicht allein in westlicher Richtung ritt. Leider hatte er keinen Grund, sich über seine Begleitung zu freuen, denn es handelte sich um Soldaten von Major Gus Kent, die er in Sitgreave abgeschüttelt zu haben glaubte.

Auch die Uniformierten hatten ihn bald entdeckt und begannen augenblicklich mit der Verfolgung. Chaco wusste, dass es jetzt ums Ganze ging. Hier gab es keine engen, dunklen Gassen wie in Sitgreave, wo es ihm gelungen war, in dem winkligen Gewirr unterzutauchen. Hier würde er keine Höhle finden, die ihm Schutz bot. Er musste versuchen, das vor ihm liegende hügelige Gelände zu erreichen. Es war unübersichtlicher und bewaldet und bot ihm eine, wenn auch nur geringe Chance, seinen Verfolgern abermals ein Schnippchen zu schlagen.

Auf eine offene Auseinandersetzung durfte er sich nicht einlassen. Immerhin hatte er es mit Angehörigen der Armee zu tun, wenn ihr Verhalten auch mehr als nur eine Frage offenließ.

Auf ein geflüstertes Kommando streckte sich Chacos Morgan Hengst. Es sah aus, als würden seine Hufe den Erdboden nicht mehr berühren. Dieses Tempo war auch nötig, denn die Soldaten waren dicht hinter ihm, und auch sie verfügten über ausgezeichnete Pferde, die sie während des langsamen Trecks und des Aufenthalts in Sitgreave nicht übermäßig strapaziert hatten.

Chaco blickte sich um. Er hatte Mühe, den Abstand zu halten. Er hörte das Hufgetrappel. Sehen konnte er seine Verfolger momentan nicht. Er wusste auch nicht genau, um wie viele es sich handelte. Er hatte zwar gleich zu Anfang fünf Mann gezählt, aber ob er dabei wirklich die ganze Truppe erfasst hatte, war nicht sicher. Genauso gut konnte es sich um die doppelte Anzahl handeln.

Er erreichte das Hügelland, doch er merkte schnell, dass ihm dieses Gelände keinen Vorteil brachte. Die Hitze stand wie in einem Kessel darin. Sie wurde fast unerträglich.

Auch vermochte er sich nur schwer zu orientieren. Diese Gegend war ihm ziemlich unbekannt, und er wusste nie, was ihn hinter dem nächsten Hügel erwartete.

Auch in dieser Hinsicht schienen die Soldaten ihm gegenüber im Vorteil zu sein, denn sie hatten offenbar keine Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie diesen Pluspunkt und die zahlenmäßige Übermacht in einen Erfolg umgemünzt haben würden.

Soweit durfte es nicht kommen. Er hatte nichts Gutes zu erwarten. Ohne es zu ahnen, hatte er anscheinend in ein übles Wespennest gestochen. Major Gus Kent schien seine Neugier mehr als lästig zu sein. Warum sonst hätte er sich der Mühe und des Risikos unterzogen und eine Handvoll Soldaten hinter ihm her gehetzt, um ihn zu jagen? Eine Ladung abgezehrter Indianer war anscheinend so wichtig, dass man ihr Verschwinden um jeden Preis vertuschen wollte.

Chaco hatte jetzt keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wollte er ihn nicht vollends verlieren. Und seinen Kragen dazu. Denn um Kopf und Kragen ging es jetzt bei der Jagd, die gar nicht rosig für ihn aussah.

Die Soldaten hatten jetzt offenbar ihre Taktik geändert. Sie hatten sich geteilt und näherten sich ihm von zwei Seiten.

Das war gefährlich. Wenn es ihnen gelang, ihn in die Zange zu nehmen, hatten sie leichtes Spiel. Es hatte auch ganz den Anschein, als würden sie ihn genau in die Richtung dirigieren, in die sie ihn haben wollten. Vielleicht lauerte eine üble Falle auf ihn. Vielleicht geriet er in eine Sackgasse, aus der es kein Entrinnen mehr gab.

Chaco hing über dem Hals seines Hengstes. Wie oft hatte das Tier ihm schon das Leben gerettet! Heute musste er es wieder von ihm verlangen. Aber Schnelligkeit allein führte diesmal nicht zum Ziel. Die Männer von der Armee waren keine blutigen Anfänger. Sie kannten sich bestens aus. Denen konnte er nicht mit billigen Tricks die Jagd versauern. In langen, zähen Kämpfen mit Indianern und Mexikanern hatten sie sämtliche Schliche gelernt, mit denen ein Gejagter seine Haut zu retten versuchte, und wenn es ihm nicht gelang, ein gutes Versteck aufzuspüren, war er geliefert. Und das musste bald geschehen, denn die Zeit arbeitete für die Soldaten, während seine Erschöpfung immer mehr wuchs.

Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Die Augen brannten von dem beißenden Staub. Seine Glieder waren wie Blei. Dennoch versuchte er, dem Hengst jeden Schritt zu erleichtern. Er holte das Letzte aus sich und dem Tier heraus. Trotzdem gelang es ihm nicht, seine hartnäckigen Verfolger abzuhängen. Sie waren wie ein Hornissenschwarm, der, einmal in Aufruhr gebracht, nicht mehr von dem Störenfried ablässt.

Ja, er hatte wohl die Rolle eines Störenfrieds übernommen. Er hatte empfindlich die Aktivitäten eines Majors gestört, der allem Anschein nach eine von der allgemeinen Norm erheblich abweichende Auffassung vom regulären Militärdienst hatte.

Wie weit würden die Befehle dieses Majors Kent reichen? Hatte er Order gegeben, ihn nötigenfalls zu erschießen, falls er sich nicht gefangen nehmen ließ? Bis jetzt war noch kein einziger Schuss gefallen. Vermutlich warteten die Soldaten, bis sie ihn sicher im Griff hatten. Sie durften sich keinen Fehler leisten. Offiziell konnten sie ihm kaum etwas vorwerfen. Immerhin hatte er eine schriftliche Genehmigung des Kommandanten von Fort Whipple gehabt. Wenn sie ihn jetzt also erschossen, mussten sie das von vorn tun, damit sie wenigstens den Anschein erweckten, sich lediglich verteidigt zu haben. Schließlich war er Marshal von Prescott. Und wenn es auch genügend Halunken gab, die in ihm lediglich einen Bastard sahen, der aus nicht zu begreifenden Gründen den Stern ergaunert hatte, so durfte er doch annehmen, dass wenigstens die offiziellen Stellen in der näheren Umgebung sein Amt respektierten.

Major Gus Kent hatte dies jedenfalls nicht getan, und seine Soldaten befolgten seine Befehle, ohne nach deren Berechtigung zu fragen. Ob sie innerlich mit dem einverstanden waren, was ihr Vorgesetzter anordnete, war ohne Bedeutung. Sie würden gehorchen. Das stand fest.

Der stundenlange, höllische Ritt verbrauchte Chacos letzte Kraft. Er wusste, dass er sich nicht mehr lange im Sattel würde halten können. Ihn quälten Hunger und Durst, und ein brauchbares Versteck war weit und breit nicht in Sicht.

Zum größten Teil unsichtbar, wusste er die uniformierten Schatten hinter und neben sich. Sie gaben nicht auf. Sie durften nicht aufgeben. Major Kent forderte eine erfolgreiche Vollzugsmeldung. Und er würde sie erhalten, wenn es Chaco nicht bald gelang, sich mitsamt seinem Pferd vor den Häschern zu verbergen.

 

 

2

Man hätte gut und gern auf mir ein paar Eier braten können, so sehr kochte ich vor Wut. Anscheinend glaubten die Williamsons, mich an der Nase herumführen zu können. Aber gegen diese Art, mich fortzubewegen, hatte ich schon immer etwas gehabt.

Anfangs hatten sie sich nur unhöflich und gereizt gezeigt und keinen Willen erkennen lassen, mich bei der Suche nach dem verschwundenen Frachtwagen samt dessen Ladung und seinem Kutscher zu unterstützen. Später wurden sie dann handgreiflich und mussten von mir mit ein paar wohlgezielten Fausthieben zur Vernunft gebracht werden. Aber dann war auf mich geschossen worden. Ich hatte den Schützen zwar nicht erkennen können, doch nach allem, was ich zuvor erlebt hatte, gab es für mich nicht den geringsten Zweifel, dass die Pächter der Wells Fargo Station hinter dem heimtückischen Anschlag steckten.

Ich begriff nicht, warum sich diese Leute in einer Weise aufführten, die sie in denkbar schlechtem Licht erscheinen lassen musste. Ich hatte zwar inzwischen erfahren, dass die Williamsons bei den Farmern in der Umgebung einen ausgesprochen schlechten Ruf genossen, doch weigerte ich mich, zu glauben, dass ihr Verhalten mir gegenüber lediglich auf ihr bekannt schlechtes Benehmen zurückzuführen war. Da steckte mehr dahinter. Und den wahren Grund zu erfahren, war ich fest entschlossen.

Die Gebäude der Williams Station lagen vor mir. Mein rechter Arm, der einen Kratzer erwischt hatte, brannte und mahnte mich, diesmal ein schärferes Register zu ziehen. Mit Freundlichkeit erreichte ich bei dieser seltsamen Familie nur, dass sie mir in den Rücken schoss. Sie mussten endlich kapieren, dass sie keinen dummen Jungen vor sich hatten, den sie mit ihren Märchen einwickeln konnten. Ärgerlich genug war, dass sie mit ihrer Sturheit, die schon kriminell war, meine Untersuchungen behinderten und mich so davon abhielten, nach jenem Papago Indianer zu forschen, von dem ich einen Hinweis über meine Herkunft erhoffte. Mir klang noch das Wort in den Ohren, das er heiser hervorgestoßen hatte, als er meine silbernen Medaillons entdeckte: „Bruder!“

Das Bewusstsein, eine Spur gefunden und gleich darauf wieder verloren zu haben, verstärkte meinen Ärger, den ich über die Williamsons auszuschütten gedachte.

Ich schlich mich von hinten an das Haus heran und zog vorsichtshalber den Colt aus dem Holster. Ich hörte die Männer miteinander reden, konnte ihre Worte jedoch nicht verstehen. Ich erwartete auch nicht, dass sie ahnungslos ein Geheimnis preisgeben würden und stellte mich ihnen plötzlich mit vorgehaltener Waffe in den Weg.

Die Reaktion war entsprechend.

Stan Williamson, der jüngere der beiden Söhne, ließ seine Hand zum Gürtel zucken.

„Lassen Sie Ihr Messer ruhig an seinem Platz!“, warnte ich ihn und ließ den Hahn meines Colts knacken.

Der Bengel gehorchte, warf mir aber einen hasserfüllten Blick zu, der ein Versprechen ausdrückte, auf dessen Einlösung ich nicht bestehen würde.

„Was soll das?“, empörte sich Buz Williamson. Er stand leicht gebückt vor mir. Ich wusste, dass dies seine natürliche Haltung war, jetzt aber schien mir, als bereite er sich auf einen Sprung vor. Seine tückischen, kleinen Augen klebten an meinem Revolver, als wollten sie abschätzen, ob ich nur bluffte oder gegebenenfalls tatsächlich abdrücken würde. Ich ließ ihn nicht im Zweifel. Mir war klar geworden, dass diese Burschen nur eine eindeutige Sprache verstanden. Eine Sprache, an die sie gewöhnt waren.

„Gehen Sie ins Haus, Williamson!“, befahl ich. „Und nehmen Sie Ihre prächtigen Jungs mit! Dann werde ich Ihnen verraten, was los ist.“

Ich stieß den Colt etwas vor, und Les, der anscheinend gerade erwogen hatte, mir seine Fäuste auf den Schädel zu hämmern, nahm von diesem Vorhaben lieber vorläufig Abstand.

Wilde Verwünschungen ausstoßend, ließen sich die drei von mir ins Haus treiben. Buz Williamson murmelte etwas von Beschwerden bei der Zentrale, aber ähnliche Sprüche hatte er schon öfter vom Stapel gelassen, Sie beeindruckten mich nicht.

Im Haus stießen wir auf den Rest des reizenden Kleeblatts. Lora empfing uns mit einem keifenden Wortschwall. Ihre Stimme war so melodiös wie die Signalpfeife einer Lokomotive. Sie spuckte Gift und Galle, als sie die missliche Lage ihres Mannes und ihrer beiden Söhne erkannte.

„Halten Sie den Mund, Verehrteste!“, herrschte ich sie so grob an, wie es einer Frau gegenüber sonst nicht meine Gewohnheit war. Aber Lora Williamson verdiente diese Bezeichnung auch kaum. Obwohl man aus dem Äußeren eines Menschen keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte, wurde es in diesem Fall doch durch ein entsprechendes Benehmen derart ergänzt, dass man mit Fug und Recht behaupten konnte, eine leibhaftige Hexe vor sich zu haben. Dürr wie ein Besenstiel, ein Gesicht wie ein tückischer Geier, mit Warzen darin, harte, scharfe Züge, die an nichts Weibliches erinnerten. Nein, Lora Williamson geschah durch ein abfälliges Urteil bestimmt kein Unrecht.

Sie giftete mich an. Ich sah ihr an, dass sie mich am liebsten in das Herdfeuer gesteckt hätte. Und die Unterstützung ihrer wackeren Männer wäre ihr dabei gewiss gewesen.

„Was fällt Ihnen ein, Mister?“, meldete sich nun wieder Buz Williamson. Er gab sich Mühe, seine Erregung wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, doch es wollte ihm nicht gelingen. Seine Hände zuckten. Seine breiten Schultern und das Genick eines Stieres wiesen ihn als einen Mann aus, der zu kämpfen verstand. Auch jetzt noch, obwohl er schon fast die Sechzig erreicht hatte. „Wie können Sie wagen, uns mit dem Revolver zu bedrohen.“

„Ich bedrohe Sie nicht, Mister Williamson“, korrigierte ich ihn. „Ich will Sie nur von einer Unüberlegtheit abhalten. Noch einmal halte ich mich nämlich nicht damit auf, lediglich zuzuschlagen. Sollte auch nur einem von Ihnen einfallen, mich anzugreifen, werde ich schießen. Und zwar auf eine Stelle, wo er es nicht gern haben wird.“

„Aber ...“

„Es ist mir verdammt ernst damit. Darauf können Sie sich verlassen, ohne es unbedingt auszuprobieren. Wenn ich auch eine gehörige Portion Spaß verstehe, so kann ich Ihrer Art von Humor keinen Gefallen abgewinnen.“

„Ich verstehe immer noch nicht.“

„Sie werden gleich verstehen. Ich will sämtliche Gewehre sehen, die sich auf der Station befinden. Sämtliche! Ohne Ausnahme, ist das klar?“

„Gewehre?“

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie nicht wissen, was ein Gewehr ist.“

„Natürlich weiß ich das.“

„Also, auf was warten Sie noch? Lassen Sie sie her schaffen! Ich brauche meine Warnung wohl nicht zu wiederholen. So eine Büchse bringt einen manchmal auf törichte Gedanken. Törichte und tödliche, denken Sie daran!“

Die Williamson Söhne sahen ihren Vater an. Wie würde er sich verhalten? Sah er eine Chance, den Schnüffler zu überrumpeln?

Der Alte starrte missmutig vor sich hin. Ihm gefiel die Situation ganz und gar nicht, aber er wusste genau, dass ihm momentan keine andere Wahl blieb. Er musste gehorchen.

„Tut, was er sagt!“, fauchte er.

Les und Stan entfernten sich eilig und kehrten schon nach kurzer Zeit mit einigen Gewehren zurück. Wütend legten sie sie auf den Boden.

„Und wie nennt sich dieses Spiel?“, wollte Les Williamson mürrisch wissen. „Brauchen Sie vielleicht eine neue Flinte?“

Jetzt platzte mir endgültig der Kragen. Obwohl die Kerle wahrscheinlich sehr genau den Grund meiner Untersuchung kannten, spielten sie nach wie vor die Ahnungslosen.

„Einer von Ihnen hat auf mich geschossen“, stellte ich drohend fest, während ich die Gesichter genau beobachtete.

Die Schufte hatten sich ausgezeichnet in der Gewalt. Nicht das leiseste Zucken eines Muskels verriet, dass ich sie ertappt hatte. Deshalb wurde ich deutlicher.

„Ungefähr zehn Meilen von hier entfernt hat man versucht, mich aus dem Hinterhalt abzuknallen. Ich kenne noch nicht den wahren Grund dafür, aber ich bin sicher, dass Ihnen mein Auftauchen hier gar nicht in den Kram passt. Und es muss schon etwas Schwerwiegendes dahinterstecken, wenn Sie dafür vor einem Mord nicht zurückschrecken.“

Buz Williamson schnappte entrüstet nach Luft.

„Was fällt Ihnen ein, Mann? Wer gibt Ihnen das Recht, derartige Verleumdungen auszusprechen?“

„Noch nie hat einer der Williamsons ohne Not auf einen Menschen gezielt“, behauptete Les und zeigte dabei ein beleidigtes Gesicht. „Und zu schießen, ohne unser Gesicht zu zeigen, ist für uns überhaupt undenkbar.“

„Meine Söhne sind grundanständig“, kreischte die Frau dazwischen. „Wir werden uns über Sie beschweren.“

„Beschweren?“, grollte ihr Mann. „Reinwaschen werden wir uns. Noch heute werde ich eine offizielle Untersuchung gegen uns bei Mister Hume, Ihrem Chef, beantragen. Sie werden einen Riesenrüffel erhalten, weil sich Ihre Behauptungen als unhaltbar herausstellen müssen. Es ist eine Schande, was man heutzutage bei der Wells Fargo alles als sogenannte Sicherheitsagenten beschäftigt.“

Der Alte und seine Familie tobten in diesem Stil weiter. Ich hörte kaum hin. Ich wusste inzwischen, dass man nichts ernst nehmen durfte, was sie redeten.

Viel mehr als ihr Gefasel interessierten mich die Gewehre, die vor mir lagen und die ich eins nach dem anderen sorgfältig untersuchte. Aber bei keinem hatte ich den Eindruck, dass erst kürzlich damit geschossen worden war. Ich war unzufrieden. Ich konnte nicht glauben, dass ich mich geirrt hatte. Wer sonst, als die Williamsons hätten einen Grund gehabt, mich über den Haufen zu schießen?

Ich musterte die finsteren Gesichter, in denen ich etwas wie mühsam unterdrückten Triumph las. Dann untersuchte ich das ganze Haus. Ich wandte mich jedem einzelnen Raum zu, ohne auf die lautstarken Proteste der Männer und ihrer keifenden Hexe zu achten.

Endlich wurde meine Zähigkeit belohnt. Im oberen Stockwerk in einer der Kammern fand ich ganz hinten in einem Schrank ein weiteres Gewehr, das mir die Williamsons nicht gebracht hatten. Hatten sie nicht daran gedacht, oder war es Absicht gewesen?

Es war eine Remington, und sie glänzte vor Öl. Sie war ganz frisch gereinigt worden. Vor so kurzer Zeit, dass man sie unmöglich vergessen haben konnte. Eher sah es so aus, als sei sie in aller Eile hier oben notdürftig versteckt worden.

Ich konnte leider nicht feststellen, ob aus dem Gewehr vor kurzem geschossen worden war, aber da sich die übrigen Gewehre in einem wesentlich weniger gepflegten Zustand befanden, musste das etwas zu bedeuten haben. Ich war davon überzeugt, den gesuchten Schießprügel vor mir zu haben, nur beweisen konnte ich das natürlich nicht. Ich stieg die Treppe hinunter und hielt dem Pächter das Gewehr unter die Nase.

„Ich dachte, Sie wüssten, wie ein Gewehr aussieht“, sagte ich. „Warum haben Sie das Ihren Söhnen nicht auch erklärt?“

„Wir wollten nicht, dass Sie sich daran beschmutzen, Mister“, erklärte Les Williamson höhnisch. „Die Waffe ist doch voller Öl.“

„Genau das fällt mir auch auf“, gab ich ihm recht. „Das heißt also, dass sie kürzlich benutzt und anschließend gründlich gereinigt wurde.“

„Wir halten unser Eigentum eben in Schuss.“ Buz Williamson half seinem Ältesten. „ Wir besitzen nicht viel, aber was wir haben, pflegen wir, so gut wir können.“ Er verzog sein bärtiges Gesicht zu einer leidenden Grimasse. „Es ist eben immer wieder dasselbe. Einfachen, ehrlichen Leuten wie uns darf jeder die schlimmsten Verbrechen vorwerfen, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Dabei gibt es wirklich keinen Grund, auf uns neidisch zu sein. Von früh bis in die Nacht hinein müssen wir für die Wells Fargo schuften und uns die Hände in Fetzen arbeiten. Und was ist der Dank? Ein miserabler Lohn, über den jede Rothaut lachen würde, und außerdem noch Verdächtigungen und üble Nachrede. Aber fragen Sie nur mal herum, Mister! Sie werden keinen in der Gegend finden, der uns eine Unregelmäßigkeit nachsagen kann.“

Das läppische Gewinsel rührte mich nicht zu Tränen. Ich wusste Bescheid über die Meinung der Bewohner über diese Familie. Und mein eigenes Urteil fiel eher noch schlechter aus, je nachdrücklicher sie mir ihre Lauterkeit einreden wollten.

„Ich bin nicht hier, um mir Ihr Jammern anzuhören, Williamson“, erklärte ich ungerührt. „Wenn Sie eine Beschwerde vorzubringen haben, tun Sie das gefälligst bei der dafür zuständigen Stelle. Falls man mich dazu befragen wird, werde ich sagen, dass ich vom ersten Moment an bei Ihnen auf Widerstand gestoßen bin, obwohl ich Ihnen keinen Anlass dazu gegeben habe. Sie tun alles, um die Aufklärung des Verschwindens von Pete Bain zu verhindern, obwohl er für die Wells Fargo fuhr. Für dieselbe Gesellschaft, bei der auch Sie angestellt sind. Ist das etwa nicht verdächtig? Und dann greifen Sie mich nicht nur mit Fäusten und Mistgabeln an, sondern schießen auch noch hinterrücks auf mich ...“

„... was allerdings ausschließlich Ihrer etwas abartigen Fantasie entspringt“, ergänzte Buz Williamson grob.

„Ich werde für meine Fantasie Beweise finden. Verlassen Sie sich darauf! Von jetzt an dürfen Sie sicher sein, auf Schritt und Tritt von mir beobachtet zu werden. Ich könnte nicht verantworten, wenn Ihr Verbrauch an Gewehröl noch weiter stiege. Schlecht bezahlt, wie Sie sind, könnten Sie das gar nicht finanzieren.“

„Ihre Überheblichkeit wird Ihnen noch mal das Genick brechen“, prophezeite der baumlange, muskulöse Les grimmig. Seine tiefliegenden Augen glühten voller Hass. „Erwarten Sie dann nicht, dass wir für Sie einen Finger krümmen.“

„Das erwarte ich auch nicht. Im Gegenteil! Wenn ich einen von Ihnen mit einem Gewehr in der Hand in Schussweite erwische, werde ich auf ihn schießen, noch bevor er diesen bewussten Finger gekrümmt hat.“

„Soll das eine Drohung sein?“

„Eine Drohung? Nein, ein Versprechen. Und ich pflege Versprechen zu halten.“

Ich verließ das Haus und schwang mich in den Sattel von Fox. Ich hatte keinen Grund, mich zu freuen. Was ich erreicht hatte, war wenig genug. Ich hatte den Williamsons meine Meinung gesagt und ein frischgereinigtes Gewehr gefunden. Das war alles. Der Lösung des Rätsels, wie ein Kutscher und eine Ladung Saatgut verschwinden konnten, ohne anscheinend eine Spur zu hinterlassen, hatte ich mich um keinen Schritt genähert.

 

 

3

Ich musste also weitersuchen. Ich fühlte mich, als sei ich hinter der verdammten Nadel im Heuhaufen her. Und doch war ich sicher, dass es diese Nadel geben musste.

Es war eine Tatsache, dass der Transport des Saatguts stattgefunden hatte. Er ließ sich bis zur Williamson Station verfolgen. Den leeren Wagen hatte ich einige Meilen nördlich im Dickicht aufgespürt. Aber damit war mein Auftrag noch nicht erfüllt. Wo war die Ladung? Wo waren die Gespannpferde? Wo war Pete Bain, der Kutscher?

An dem flachen Frachtwagen, den ich inzwischen in Willow abgeliefert hatte, waren keine Spuren eines Überfalls festzustellen gewesen. Pete Bain hatte einen ausgezeichneten Leumund. Es fiel schwer, zu glauben, er hätte wegen einer Ladung Saatgut seinen Job bei der Wells Fargo aufs Spiel gesetzt.

Ich ritt zu jenem Waldstück zurück, wo ich den Wagen gefunden hatte. Nachdem sich die Williamsons nicht bereit fanden, mit mir zusammenzuarbeiten, musste ich es allein schaffen.

Irgendwo, rechts oder links der Overlandroad, lauerte ein versteckter Hinweis. Ich brauchte ihn nur zu finden. Je mehr Zeit verstrich, umso schwieriger würde es werden. Nicht nur für mich. Vielleicht auch für Pete Bain, falls er nicht freiwillig verschwunden war, was ich nicht glauben konnte.

Ich kannte das Bewusstsein, dass Gesundheit oder Leben eines Menschen von meiner Schnelligkeit abhingen. Selten aber hatte ich mich dabei so hilflos gefühlt. Als ich von Prescott aufgebrochen war, hatte ich damit gerechnet, eine Routineangelegenheit zu klären. Inzwischen aber wuchs in mir die Überzeugung, dass eine ganze Menge mehr dahintersteckte.

Ich ritt langsam durch das Dickicht, stieg von Zeit zu Zeit ab, um eine Stelle genauer zu untersuchen, musste mich aber immer wieder aufs Neue enttäuscht in den Sattel schwingen. Als ich in geringer Entfernung vor mir eigenartige Töne hörte, begann ich an meinem Verstand zu zweifeln. Das hörte sich wie eine Melodie an. Aber wer, um alles in der Welt, sollte wohl hier, abseits des Weges, musizieren?

Trotz aller anfänglichen Zweifel hatte ich mich nicht getäuscht. Die Musik blieb und wurde lauter, je weiter ich mich in der ursprünglich eingeschlagenen Richtung fortbewegte. Es klang, als spiele jemand auf einer Mundharmonika. Ich glitt aus dem Sattel und führte Fox am Zügel. Außer diesen merkwürdigen Klängen war nichts zu vernehmen. Den einsamen Musikanten musste ich mir genauer ansehen.

Was ich nach kurzer Zeit entdeckte, war sehenswert. Auf einem kleinen, freien Platz flackerte ein Feuer. Darüber hing ein verbeulter Blechtopf, in dem etwas brodelte. Ein Stück abseits graste ein Klepper, der noch gesattelt war. An diesem Sattel hingen die unterschiedlichsten Musikinstrumente. Ich sah eine Geige, ein Tamburin, eine Trommel und ein kleines Xylophon. Der Mann, dem dieses wunderliche Pferd gehörte, kauerte am Feuer. Er starrte gedankenverloren in die zuckenden Flammen und blies auf seiner Mundharmonika. Die Melodie klang wehmütig klagend, und sie hörte sich erstaunlich harmonisch an. Der Bursche war ein Könner auf seinem Instrument.

Aber wie sah er aus!

Er war unrasiert und total verdreckt. An ihm war kein Gramm Fett, sein hohlwangiges Gesicht erinnerte an den Tod. Seine Kleidung war verwahrlost, und er sah ganz so aus, als sei die Kunde von der Erfindung von Kamm und Seife noch nicht bis zu ihm vorgedrungen. Eine Waffe sah ich nicht an ihm, und ich hätte mir auch nur schwer vorstellen können, dass er damit umzugehen verstand.

Er war völlig in Gedanken versunken und lauschte seiner eigenen Musik, so dass er mich selbst da nicht hörte, als ich mich durch Geräusche ankündigte, um ihn nicht zu erschrecken. Erst als ich direkt vor ihm stand und ihn grüßte, nahm er mich wahr und fuhr prompt so zusammen, als hätte ihn eine wilde Bande von Halsabschneidern überrumpelt. Gleich darauf hatte er sich jedoch wieder in der Gewalt und kicherte unmotiviert. Er beachtete mich nicht weiter, sondern begann, eine ausgelassene Melodie auf seinem Instrument zu spielen.

Schließlich gelang es mir doch, wenigstens seinen Namen in Erfahrung zu bringen.

„Dancer?“, wiederholte ich. „Und wie weiter?“

Er sah mich etwas dämlich an, als begreife er meine Frage nicht, und wandte sich wieder der Mundharmonika zu. Ein merkwürdiger Zeitgenosse. Ich wurde aus ihm nicht klug. Stellte er sich nur so vertrottelt, oder hatte ihn das Alleinsein wirklich so werden lassen?

Immerhin war mir seine Anwesenheit sehr willkommen, denn ich hoffte, von ihm nähere Aufschlüsse über das Verschwinden von Pete Bain zu erhalten.

„Sind Sie schon lange hier in dieser Gegend, Dancer?“, fragte ich hoffnungsvoll.

Er ließ sich in seinem Spiel nicht unterbrechen. Erst als die Strophe zu Ende war, bequemte er sich zu der nichtssagenden Antwort: „Was heißt schon lange, Mister? Ein unangenehmer Tag dauert manchmal länger als ein freudiges Jahr.“

Anscheinend war ich an einen Amateurphilosophen geraten. Ich gab nicht auf.

„Ist Ihnen vielleicht in letzter Zeit etwas Besonderes aufgefallen? Ein Überfall zum Beispiel? Ein Kampf?“

„Das ganze Leben ist ein Kampf, Mister. Es gibt überhaupt nur einen Freund, auf den man sich verlassen kann: die Musik.“

„Da haben Sie sich einen guten Freund ausgesucht, Mister Dancer. Aber sicher haben Sie doch auch Menschen getroffen, nicht wahr?“

Der Dürre kicherte albern. „Menschen? Menschen treffe ich mehr als genug.“

„Hier im Wald?“

„Ich bin gern im Wald.“

„Und wenn Sie nicht im Wald sind?“

Er fing ein neues Lied an. Ich musste mich beherrschen, um nicht die Geduld zu verlieren. Mit Gewalt brachte ich aus dem Burschen vermutlich überhaupt nichts heraus.

„Ich ziehe von Stadt zu Stadt“, sagte er plötzlich. „Seit hundert Jahren schon.“

„Seit hundert Jahren?“

„Oder auch länger. Wer weiß das schon so genau!“

„Und von was leben Sie?“

Er blickte erstaunt auf. „Fragen Sie das im Ernst, Mister?“

Ich nickte.

„Ich bin Dancer“, erklärte er stolz. Dann sprang er auf, bearbeitete seine Mundharmonika und vollführte dazu einen atemberaubenden Tanz, der an die Beschwörung eines Medizinmannes erinnerte. Jetzt wurde mir der Ursprung seines Namens klar. „Ich spiele bei den Festen der Siedler und Farmer“, fuhr er fort, als er seinen Tanz beendet hatte. „Ich unterhalte sie, und sie geben mir, was ich brauche.“

Ein fahrender Musikant also. Solche Leute sahen und hörten während ihrer Reise eine Menge über Menschen und Ereignisse. Wenn sein Gehirn nur noch einigermaßen intakt war, musste er etwas über den überfallenen Frachtwagen wissen. Ich fragte ihn direkt danach.

Er nahm die Harmonika nicht vom Mund, beugte sich über den verbeulten Topf am Feuer und stocherte mit einem Stück Holz darin herum.

„Ein Wagen?“, meinte er mehr zu sich selbst. „Ich habe einen Wagen gesehen.“

„Tatsächlich?“

„Es ist schon ein paar Tage her.“

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119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940732
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
blutreiter carringo

Autor

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Titel: Carringo und der Blutreiter