Lade Inhalt...

Sieben glorreiche Western 19 - Mai 2020

2020 708 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

von R.S.Stone, Timothy Kid, A.F.Morland, Aylin Carrington

Mein Hass wird euch finden

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

28

29

30

31

32

33

34

35

Ich werde euer Henker sein!

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

 

 

 

Sieben glorreiche Western 19 - Mai 2020

von R.S.Stone, Timothy Kid, A.F.Morland, Aylin Carrington

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Western:

 

R.S.Stone: Kyle Monroes Racheschwur

A.F.Morland: Auf meiner Kugel steht dein Name

A.F.Morland: Man Hass wird euch finden

A.F.Morland: Ich werde euer Henker sein

Aylin Carrington: Conchos Weg der Rache

Timothy Kid: Loockendes Gold

Timothy Kid: Der Tyrann von Nebraska

 

 

 

Unerbittlich strebt der Großrancher Ben Kellogg danach, sein Rinderimperium zu vergrößern. Nur die Hepburn-Ranch leistet dem Weidehai noch Widerstand. Als Kelloggs Männer einen Cowboy dieser Ranch hängen wollen, erscheint plötzlich der Satteltramp Dean Carradine und verhindert im letzten Moment den Lynchmord.

Zum Dank für seine Rettung erhält Dean Unterkunft auf der Hepburn-Ranch. Zu seinem großen Erstaunen stellt er fest, dass der Boss dieser Ranch eine Frau ist. Die attraktive Mary Hepburn benötigt dringend einen neuen Cowboy, und so steigt Dean für sie in den Sattel - ein brandgefährlicher Job, denn der Weidekrieg gegen Ben Kellogg steuert auf seinen blutigen Höhepunkt zu…

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Erfahre Neuigkeiten hier:

https://alfred-bekker-autor.business.site/

 

Zum Blog des Verlags

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!


 

 

Kyle Monroes Racheschwur

 

Ein Western von R. S. STONE

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Der zwielichtige Geschäftsmann Charles Blaisdell hasst die Nolan-Brüder. Die Tatsache, dass Jed Nolan und seine Brüder nach dem Krieg wieder ihre Ranch aufbauen wollen und eine große Rinderherde zusammenstellen, ist ihm ein Dorn im Auge. Er hat deshalb den Revolvermann Finn Corcoran und seine Kumpane nach Spanish Crossing kommen lassen. Die sollen für ihn die Drecksarbeit erledigen.

Blaisdells Plan gerät jedoch ins Wanken, als ein Fremder Spanish Crossing erreicht. Sein Name ist Kyle Monroe – und er ist ebenfalls ein Revolvermann. Ein tödlicher Schwur hat ihn nach Texas geführt, denn er sucht nach seiner verschwundenen Tochter. Er wird erst zufrieden sein, wenn die Schatten der Vergangenheit endlich hinter ihm liegen. Aber bis zu diesem Ziel ist es noch ein langer und blutiger Weg ...

 

 

 

 

 

1. Kapitel

 

Noch eben hatte er den einsamen Reiter gesehen, der zwischen den Felsen verschwunden war, um in wenigen Augenblicken unter ihm auf dem schmalen Pfad wieder aufzutauchen.

Und dann…

Watt Rules knochige Hände schlossen sich fester um den Karabiner, den er auf die heiße Steinplatte gelegt hatte. Sein Puls ging schneller in Erwartung auf den lange ersehnten Augenblick. Seine rissigen Lippen umspielte ein leichtes Grinsen. Es war das Grinsen eines Mannes, der sich seiner Sache sicher war.

Das Schlagen von Hufen auf losem Gestein wurde immer deutlicher – Watt Rules Grinsen immer breiter. Er hob seinen Karabiner und presste seinen Körper gegen den Stein, hinter dem er lag. Er visierte einen festen Punkt an. Sein Zeigefinger legte sich um den Abzug und nahm Druckpunkt. Rule atmete tief ein. Gleich – gleich würde der Reiter unter ihm auftauchen. Rule zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe. Von hier aus konnte er nicht danebenschießen. Das war unmöglich.

Als der Kopf des Pferdes zwischen den Felsen dort unten auftauchte, hielt Rule den Atem an. Und erlebte eine böse Überraschung, die ihm beinahe das Herz stillstehen ließ!

Das Tier trabte mit hängenden Zügeln den schmalen Pfad entlang. Und der Sattel war – leer!

Zu spät erkannte Watt Rule, dass er genarrt wurde. Hinter ihm löste sich lockeres Gestein. Rules Haltung verkrampfte sich, als eine sonore Stimme von hinten zu ihm herüberdrang: »Du hast doch wohl nicht ernsthaft geglaubt, ich würde dir wie ein dummes Schaf vor die Flinte laufen, was?«

Das unverwechselbare Geräusch eines gespannten Revolverhahns drang unnatürlich laut an Rules Ohren. Er spürte, wie dicke Schweißperlen über sein aufgedunsenes Gesicht herunterliefen, das über und über mit dunklen Bartstoppeln übersät war. Er fühlte auf einmal einen galligen Geschmack in seinem Mund. Den Karabiner hielt er immer noch mit beiden Händen umschlossen. Eine unbändige Wut keimte in ihm auf. Er war sich seiner Sache so sicher gewesen – zu sicher!

»Lass dein Gewehr fallen und dreh dich zu mir um, damit ich deine dreckige Visage sehen kann, Rule!«

Watt Rule presste seine Lippen fest aufeinander. Er saß in der Falle. Das Scharren der Stiefel auf den Steinen sagte ihm, dass der Mann jetzt direkt hinter ihm stehen musste. Vielleicht trennten sie beide etwa zwei oder drei Meter voneinander.

Zeit gewinnen, dachte Rule und fieberhaft, ich muss Zeit gewinnen. Vielleicht kann ich dann…

Sein Blick glitt auf den Karabiner, den er mit beiden Händen über die bleiche Steinplatte gelegt hatte und von dem er hoffte, ihn schnell herumreißen und mit einem schnellen Schuss den Mann hinter seinem Rücken treffen zu können.

Eine andere Chance hatte er nicht!

Rules Zähne mahlten geräuschvoll aufeinander.

Der gallige Geschmack auf der Zunge wurde immer stärker. Das Herz raste bis zum Hals.

Immer fester wurde der Griff um sein Gewehr. Und doch zwang er sich zu einem schiefen Grinsen, als er verlauten ließ: »Bist wirklich ein gerissener Hund, Monroe! Und dabei sah´s für mich doch so aus, als würdest du mir hier in die Falle laufen!«

Der Mann hinter ihm lachte trocken auf.

»Das hätte dir so passen können, was? Ich sage es nicht nochmal, Rule: Lass deine Knarre fallen und dreh dich um!«

Daran dachte Watt Rule nicht.

Er wusste, welshalb Kyle Monroe hier war. Er wollte ihn – und er wollte ihn tot.

Und da setzte Watt Rule alles auf eine Karte.

Monroe stand genau hinter ihm. Das wusste er genau. Der Klang seiner Stimme sagte es ihm ganz deutlich.

Mit einem lauten Aufschrei wirbelte er herum. Er brachte den Lauf seines Karabiners in Monroes Höhe.

Aber er hatte keine Chance.

Entsetzen ließ sein Gesicht zu einer grotesken Maske werden, als er den dumpfen Aufprall von zwei schnell abgefeuerten Revolverkugeln in seiner Brust spürte. Zuerst gab es keinen Schmerz. Nur eine seltsame Lähmung. Sie schien sich über seinen gesamten Körper auszubreiten. Seine Hände wollten ihm nicht mehr gehorchen, dabei zeigte doch der Lauf des Karabiners in Kyle Monroes Richtung.

Abdrücken, fuhr es Watt Rule durch den vernebelten Kopf, ich muss doch nur noch abdrücken. Verdammt, warum steht das Schwein da immer noch. Alles dreht sich! Warum kann ich es nicht…

Der Karabiner glitt ihm aus den Händen und landete polternd auf den steinigen Boden. Er hörte sich seltsam stöhnen, als sein Körper zurückfiel und gegen die Steinplatte schlug. Wie durch einen Schleier sah er die hochgewachsene Gestalt in dem staubbedeckten, schwarzen Anzug näherkommen, den Revolver dabei noch in der Rechten haltend.

Rules Atem ging rasselnd. Zu dem galligen Geschmack in seinem Mund gesellte sich ein anderer – der Geschmack von Blut.

Ich muss jetzt sterben, dachte er und fühlte weder Panik noch Schmerz dabei, nur eine seltsame Enttäuschung darüber, dass es ihm nicht gelungen war, Monroe eine Kugel in den Leib zu jagen.

Und dann dachte er paradoxerweise in den letzten Sekunden daran, dass es doch so etwas wie Gerechtigkeit auf Gottes Erden zu geben schien.

Wie aus weiter Ferne drangen Kyle Monroes Worte zu ihm herüber, als dieser sagte: »Wir beide sind jetzt all right, Rule. Aber bevor du in die Ewigen Jagdgründe wanderst, will ich noch etwas von dir wissen.«

Rule hatte seinen Kopf zur Seite geneigt und stierte Monroe aus halb geöffneten, glasigen Augen an. Er hustete, und ein heller Blutstrahl floss aus seinem offenen Mund, lief das stoppelbärtige Kinn herunter und tropfte auf den felsigen Boden.

»Fahr zur Hölle!«, stieß er röchelnd hervor. Verschwommen sah er, wie Monroe zwei neue Patronen in die Trommel des Revolvers schob, diese rotieren ließ und die Waffe mit einer einzigen, gleitenden Bewegung in den Halfter schob.

Monroe kniete sich zu ihm herunter und sagte kalt: »Du zuerst. Aber es würde dein Gewissen erleichtern, wenn du mir sagst, was ich wissen will. Lange hast du nicht mehr zu leben.«

»Ja, du hast mich doch noch erwischt. Hast lange gebraucht dafür.« Rule machte eine Pause. Sein Atem ging rasselnd, und sein Mund füllte sich wieder mit rosafarbenem Schaum. Einer der beiden Schüsse hatte glattweg die rechte Lunge durchbohrt. Er wusste, dass er nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte.

»Wo ist Finn Corcoran, Rule? Und wo ist meine Tochter?«

Ein fürchterlicher Hustenanfall war die Antwort. Ein regelrechter Blutstrom quoll aus dem Mund des Sterbenden. Dann ein heftiges Aufbäumen und die krächzenden Worte: »Lass mich hier nicht so liegen, Monroe. Die Geier … ich will nicht … Spanish Crossing!«

Während sein Kopf zur Seite fiel, flüsterte er noch einmal die letzten Worte: »Spanish Crossing«, dann war er tot.

 

*

 

Kyle Monroe erhob sich, schob den breitkrempigen, schwarzen Hut aus der Stirn und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß ab.

Er empfand weder Mitleid noch Bedauern für den Mann, den er soeben erschossen hatte. In seinem Ermessen hatte Watt Rule genau das bekommen, was er verdient hatte – den Tod.

Wie einige andere zuvor auch, die er erbarmungslos gejagt und zur Strecke gebracht hatte.

Im Laufe der Jahre war sein Leben förmlich danach ausgerichtet gewesen und es hatte ihn zu dem Mann geformt, der er jetzt war.

»Spanish Crossing«, murmelte Monroe vor sich hin. Dann wandte er sich ab, um den felsigen Hang, den er vorhin erklommen hatte, wieder hinabzusteigen. Er fand sein Pferd einige hundert Yards weiter am steinigen Pfad stehen.

Der Braune hatte sich ein schattiges Plätzchen unter einem hervorspringenden Felseinschnitt gesucht und zupfte ein paar spärlich wachsende Grashalme aus dem Boden. Geduldig schien das Tier auf die Rückkehr seines Herrn zu warten, so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Als Kyle Monroe den Braunen erreichte, strich er ihm über den kräftigen Hals und über die Nüstern.

Ein heftiges Nicken war die Antwort des Tieres.

Monroe nahm die losen Zügel auf und führte das Pferd den Weg zurück. Er bedeckte den Toten mit einigen großen Steinen, um den Leichnam vor Geiern und anderem Getier zu schützen.

Mehr tat er nicht.

Nach getaner Arbeit glitt er in den Sattel und ritt in die Richtung, aus der er gekommen war.

Er blickte dabei nicht ein einziges Mal zurück.

 

 

 

 

Der Geruch von frischer Farbe, vermischt mit den Düften der verschiedensten Lebensmittel, Leder- und Eisenwaren, stieg Jed Nolan in die Nase, als er den Store betrat. Er sah June hinter dem Tresen einige Warenartikel sortieren. Bei seinem Eintreten sah sie zu ihm auf. Ein scheues Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Jed Nolan nahm instinktiv seinen Stetson ab und schlug ihn leicht gegen die ledernen Chaparajos, die ein fester Bestandteil an ihm geworden zu sein schienen.

Ohne sie wäre er sich wohl nackt vorgekommen.

Jed Nolan, ein Rindermann durch und durch, groß und muskulös, gab der Tür einen leichten Stoß, so dass sie ins Schloss fiel. Seine lebhaften Augen wanderten umher, inspizierten den neu eingerichteten Store und bedachte seine Inspizierung mit einem anerkennenden Kopfnicken.

»Vor kurzer Zeit lag dieses Gebäude in Schutt und Asche. Alle Achtung, June – es ist alles wieder wie vorher.« Er korrigierte sich und fügte hinzu: »Es ist noch viel besser als vorher.«

»Danke, Jed. Ich hatte schließlich auch prächtige Hilfe.«

Er trat näher an den Tresen heran. Seine lassonarbige Rechte umfasste eine goldene Spieluhr. Er nahm sie auf und drehte sie in seinen Fingern.

»Mrs. Curwood ist vor wenigen Tagen mit den Kindern abgereist, nicht wahr?« Er stellte die kleine Spieluhr wieder zurück auf den Platz und sah June an.

Sie nickte. »Ja. Und ich habe ihr tausend Dollar gegeben, damit sie in einer anderen Stadt einen Neuanfang machen kann.«

»Das war sehr anständig von dir.«

June winkte ab. »Es war gar nichts. Es waren Stuarts Männer, die für Ben Curwoods Tod verantwortlich waren und die den Store bis auf die Grundmauern niedergebrannt hatten. Was in aller Welt bedeuten da schon tausend Dollar, Jed?«

Die Erinnerung an Vergangenes trieb ihr eine steile Zornesfalte zwischen die geschwungenen Augenbrauen.

Jed Nolan nickte. »Da gebe ich dir recht. Sind harte Zeiten. Kommst du zurecht?«

»Bleibt mir eine Wahl?«

Er zog die Stirn in Falten. »Wohl kaum.«

»Und was ist mit dir, Jed – und deinen Brüdern? Wie geht es Tom?«

Jetzt zeigte sich ein leichtes Lächeln in seinem wettergebräunten Gesicht.

»Prächtig. Doc Mahoon war gestern auf der Ranch. Er sagte, er hätte noch nie einen so quirligen Patienten wie Tom gehabt. Heute holen wir Tom nach Hause.« Er lachte auf und fuhr fort: »Wenn´s nach Tom gegangen wäre – er hätte sich nie und nimmer breitschlagen lassen, so lange in Docs Praxis zu bleiben.«

Jetzt lächelte auch June. »Ja, Doc Mahoon ist ein sehr resoluter Mann, nicht wahr.«

Jed Nolan schüttelte den Kopf.

»Lag wohl nicht unbedingt am Doc.«

»Sondern?«

»Nun, diese brünette Krankenschwester, die Doc Mahoon eingestellt hat – Miss Hazelwood heißt sie wohl – ist doch eine recht attraktive, junge Dame, findest du nicht?«

»Oh!«, stieß June nur erstaunt aus. »Du meinst…«

Jed Nolan schüttelte den Kopf, griff in die Brusttasche seines verschlissenden Arbeitshemdes und angelte ein gefaltetes Stück Papier heraus. Er legte es auf den Tresen und sagte dabei: »Ich meine, dass ich mich langsam um meine Vorratsbestellung kümmern muss, June. Fuller wartet draußen, und wir müssen zurück zur Ranch. Unsere Vorräte sind so gut wie aufgebraucht und die Mannschaft hat hungrige Mägen.«

June nahm das Stück Papier auf, faltete es auseinander und überflog die Liste der gewünschten Artikel.

»Du meine Güte. Das ist ja unser halber Warenbestand, Jed.«

Nolan zuckte nur gleichmütig mit den Schultern. Er langte in ein Glas mit Lakritzstangen auf dem Tresen, angelte sich einige davon heraus und steckte sie in die Brusttasche seines verschlissenen Arbeitshemdes.

June sah ihn überrascht an.

Mit einem leichten Grinsen erklärte er: »Für Fuller. Der kaut die Dinger liebend gerne. Beruhigt die Nerven, meint er. Schreibe es mit auf die Rechnung, June.«

»Und ich dachte, das wäre eher etwas für kleine Kinder«, antwortete June kopfschüttelnd. Sie legte die Einkaufsliste auf den Tresen und sah ihn mit ernsten Blicken an.

»Jed. Meinst du nicht, wir beide könnten ganz von vorne anfangen? Das, was war – können wir es nicht vergessen?«

Jed Nolan saß plötzlich ein Kloß im Hals.

Er schluckte mühsam. Er kannte June sehr lange. Er hatte sie geliebt. Als er damals erfuhr, dass ihre Wahl auf Stuart Conroy gefallen war, hatte er schwer damit zu kämpfen. Einsam waren die Nächte, sehnsuchtsvoll und schwer. Immer wieder tauchte ihr Gesicht vor ihm auf und er hatte seine liebe Not damit, es einfach zu verdrängen.

Er wollte vergessen.

Aber das war ihm nie ganz gelungen.

Jetzt sah er sie lange und prüfend an. Sie war eine schöne Frau, ihr Blick hoffnungsvoll auf ihn gerichtet. Ihre Augen zeigten jene Sehnsucht, die er einst verspürt hatte, als er an sie dachte. Und nur ein einziges Wort von ihm würde genügen, das zerrissene Glied der Kette wieder zusammenzufügen.

Doch war es wirklich so?

Vieles hatte sich verändert, und Zeit war ins Land gegangen. Er sah Sadie und nicht June.

Sadie, die er auf den Trail nach New Orleans mitgenommen hatte und die dort bei ihrer Tante und ihrem Onkel lebte.

Und das machte den Unterschied zu damals aus.

Jed Nolan wandte den Blick von ihr und sah auf den Boden.

»Ich trage dir nichts nach, June. Was geschehen ist, das ist nun mal geschehen. Dabei wollen wir es belassen.«

Seine Worte schienen sie wie Peitschenhiebe zu treffen, denn sie zuckte merklich zusammen. Jeglicher Hoffnungsschimmer wich aus ihrem Gesicht und ließ es plötzlich zu einer starren Maske erscheinen. Die Wärme erlosch aus ihren Augen. Doch bevor sie etwas antworten konnte, tauchte Mort Walsh in der Tür auf, die den Verkaufsraum vom Lagerraum trennte. Er wirkte blass, das Haar war schütter geworden und beinahe weiß. Tiefe Ringe zeichneten sich unter den Augen ab, die einmal vor Kraft und Lebensmut gestrahlt hatten. Die Wangen eingefallen, mit tiefen Kerben um die Mundwinkel versehen, zeigten Jed Nolan, dass Mort Walsh lange nicht mehr der Mann war, den er vor Jahren gekannt hatte.

Junes Vater erkannte Jed und hob grüßend die Hand.

»Wie geht es dir, Jed? Habe dich lange nicht mehr gesehen.«

Jed Nolan nickte ihm zu. »Ich bin all right, Mort. Freut mich, dich zu sehen.«

Im Stillen war Jed Nolan sehr froh über das Auftauchen des alten Mannes.

June schien ihre Fassung wieder gewonnen zu haben. Es gelang ihr sogar ein Lächeln, als sie sagte: »Ich werde mich am besten gleich um deine Bestellung kümmern, Jed.«

Sie zeigte ihrem Vater die lange Liste der Einkäufe und fügte mit einer Stimme, die Jed Nolan unnatürlich schrill vorkam, hinzu: »Sieh mal, Vater! Jed beabsichtigt, unseren ganzen Store leerkaufen zu wollen.«

Sie wartete die Antwort des alten Mannes gar nicht ab, sondern verschwand eilig durch die Tür zum Lagerraum.

 

*

 

Die hartnäckige Fliege raubte ihm den letzten Nerv. Zuerst hatte sich Gil Fuller damit begnügt, das Tierchen durch Pusten fortzujagen. Doch das schien das kleine Insekt nicht zu stören. Auch, als Fuller anfing, es mit raschen Handbewegungen zu verscheuchen, kam es immer wieder zu ihm zurück, mit dem Ziel, sich auf Fullers Nasenspitze zu platzieren. Das lästige Insekt schien sich einen derben Spaß daraus zu machen, Fullers Geduld zu strapazieren. Erst, als er sich eine Zigarette drehte und diese anzündete, gab die Fliege auf. Sie zog ab und schwirrte davon.

»Mistviech«, brummte Fuller und grinste zufrieden. Dann erregte plötzlich etwas ganz anderes seine Aufmerksamkeit.

Eine Kutsche, deren einstige rote Farbe von der Sonne stark ausgeblichen war, rollte von Norden her über die staubige Main-Street. An deren Flanken rechts und links ritten jeweils zwei schwerbewaffnete Männer. Sie hatten ihre Gewehre über die Sättel gelegt und ihre Hüte tief in die Gesichter gezogen, als Schutz vor dem grellen Sonnenlicht. Auch die beiden Männer auf dem Kutschbock hatten ihre Gewehre in Reichweite und blickten ziemlich düster drein.

Reiter und Kutsche passierten Fuller, der am Conestoga-Wagen lehnte und neugierig ihren Einzug über die Main-Street beobachtete.

Sicherlich war nichts Außergewöhnliches daran. Jeden Tag fuhren Kutschen über die Main Street von Spanish Crossing und es kamen Reiter in die Stadt.

Aber interessant waren für Fuller nicht nur diese vier Reiter, sondern eher der Inhalt der Kutsche. Die Köpfe zweier junger Damen lugten aus den offenen Fenstern heraus und ihre bleichen Gesichter wirkten auf ihn sehr angespannt.

Kutsche und Reiter hielten direkt vor Charles Blaisdells Cronicle. Fuller trat seine aufgerauchte Zigarette in den Staub und beobachtete, wie die Schwingtür aufflog und Blaisdell aus dem Saloon kam. Es sah so aus, als hätte der Saloonbesitzer bereits auf die Truppe gewartet.

Blaisdell umklammerte seine Rockaufschläge mit beiden Händen. Eine Zigarre klemmte zwischen den Lippen, als er breitbeinig auf den Gehsteig trat.

Die Reiter glitten aus den Sätteln. Die Männer sprachen miteinander. Fuller konnte jedoch nicht verstehen, was sie sagten. Aber er sah, dass Charles Blaisdell einen zufriedenen Eindruck machte. Er grinste breit.

Einer der Reiter trat auf Blaisdell zu und reichte ihm schwungvoll die Hand. Dieser Bursche, ziemlich hager und krummbeinig, gebärdete sich in ausladenden Gesten, nachdem er und Blaisdell einen festen Händedruck gewechselt hatten. Er wies dabei auf die Kutsche, und Blaisdell nickte ein paarmal heftig mit dem Kopf.

Fullers Interesse steigerte sich, als er sah, wie einer der Männer die Kutschentür aufriss und mit lauter, kehliger Stimme rief: »Raus, Ladies. Ein bisschen dalli! Hier ist eure Reise zu Ende.«

Das klang alles andere als freundlich, und Fuller verzog angewidert das Gesicht.

So redete man nicht mit Frauen, schon gar nicht hier in Südtexas.

Das da drüben vor dem Cronicle war keineswegs eine feine Gesellschaft. Und als nacheinander sechs Frauen in schrillen, bunten Kleidern aus der Kutsche stiegen, wusste Fuller, um was für eine Art von Frauen es sich handelte.

Dennoch war dies für ihn kein Grund, so rau mit ihnen zu reden.

Keine der jungen Frauen machte einen glücklichen Eindruck. Sie wirkten verschüchtert, so wie sie nacheinander auf die Straße traten und sich allesamt nach allen Richtungen umsahen.

Wie gehetzt glitten ihre Blicke umher.

Freiwillig sind die bestimmt nicht hierhergekommen, dachte Fuller. Jetzt konnte er deutlich Blaisdells Stimme hören, als dieser rief: »Hereinspaziert, meine Damen! Nur nicht so schüchtern! Treten Sie ein!«

Nur zögernd folgten sie seiner Aufforderung. Mit gesenkten Häuptern gingen die jungen Frauen hintereinander durch die Schwingtür in Blaisdells Saloon.

Wie im Gänsemarsch.

Die vier Reiter folgten ihnen, nur die beiden Männer auf dem Kutschbock blieben dort oben sitzen.

Es war nichts weiter geschehen, als dass Charles Blaisdell neuen Zuwachs an jungen Mädchen für seinen Saloon bekommen hatte.

Aber das ganze Szenario gefiel Gil Fuller nicht.

Die Mädchen waren nicht freiwillig hier. Dessen war er sich sicher.

Aber was ging es ihn an?

Fuller schüttelte leicht den Kopf.

Eigentlich nichts, sagte er sich.

Aber ganz zufrieden war er damit nicht.

 

*

 

Jed Nolan trat aus dem Store. Er zog seinen Stetson mit der linken Hand tiefer ins Gesicht, um die Augen durch das grelle Sonnenlicht zu schützen. In der Rechten hielt er einen prall gefüllten Jutesack. Hinter ihm folgten zwei Angestellte, die sich mit einer schweren Holzkiste abmühten, in der sich der gesamte Vorratseinkauf befand.

Nolan wies mit einem Kopfnicken auf den Conestoga-Wagen. Mit hochroten Köpfen schleppten die beiden Angestellten die Vorratskiste dorthin.

Fuller zog lässig die Plane auseinander und half, das schwere Ding auf die Ladefläche zu schieben.

Die beiden Angestellten wischten sich den Schweiß von den Händen an ihren schmutzigen Schürzen ab und verschwanden eiligst wieder in den Store.

Nolan hiefte den Jutesack durch die geöffnete Plane und wandte sich Fuller zu. Dabei griff er in die Brusttasche und zog die Lakritzstangen heraus.

»Sie haben an mich gedacht, Boss. Das ich finde ich großartig.«

„June meint, sowas essen nur kleine Kinder.«

Fuller winkte grinsend ab, während er die Lakritzstangen in seine Jackentasche verstaute und eine in der Hand behielt.

»Das Zeug haben schon die alten Griechen gegessen.«

»Und türkische Soldaten haben sie als Marschverpflegung in ihren Feldtaschen mitbekommen.«

Fuller zog überrascht die Augenbrauen hoch.

»Woher haben Sie das denn?«

Er biss ein Stück von der Stange ab und begann, genussvoll darauf herumzukauen.

Nolan zuckte grinsend mit den Schultern. »Hab´s mal irgendwo gelesen.«

»In einem von Toms Büchern, nehme ich an.«

»Das weiß ich nicht mehr so genau. Schätze, so muss es gewesen sein..«

Nolans Blicke hefteten sich auf die Kutsche, die immer noch vor dem Cronicle stand. Dabei fielen ihm die beiden mürrisch dreinblickenden Männer auf dem Kutschbock auf.

»Die Kutsche ist gerade vor einigen Minuten angekommen, Boss«, meinte Fuller. »Sechs Ladies, begleitet von einer Eskorte von vier schwerbewaffneten Männern. Blaisdell schien auf sie gewartet zu haben. Sind alle geschlossen in den Cronicle marschiert. Und glauben Sie mir: diese Männer sahen nicht gerade sehr vertrauenerweckend aus.«

»Na, die beiden Hombres da auf dem Kutschbock aber auch nicht«, bemerkte Jed Nolan argwöhnisch. »Bei Blaisdell tummelt sich in letzter Zeit allerhand zwielichtes Gesindel herum. Möchte wissen, was dieser aalglatte Kerl im Schilde führt.«

Fuller biss herzhaft noch ein Stück von der Lakritzstange ab und fragte kauend: »Dieser Blaisdell – sicher kein Freund von Ihnen, nicht wahr?«

»Noch nie gewesen. Ist aber eine lange Geschichte. Dem Burschen waren wir Nolans schon ewig ein Dorn im Auge. Im Augenblick herrscht so etwas wie ein Waffenstillstand. Aber man sollte sich vor dem guten Charley in Acht nehmen. Der spritzt Gift. Aber so lange er sich ruhig verhält, tun wir das auch.« Er klopfte Fuller auf die Schulter. »Und jetzt sollten wir uns schleunigst darum kümmern, Tom aus den Klauen des Arztes zu befreien.«

Sie schlenderten lässig nebeneinander über die Main-Street und waren sich dabei nicht der düsteren Blicke bewusst, die ihnen von den beiden Männern auf dem Kutschbock zugeworfen wurden.

 

*

 

»Ich mache mir Sorgen um Tom.«

Doc Mahoon sah von seinem Buch »Anatomie des menschlichen Körpers« auf und blickte zu Rita Hazelwood herüber. Erst jetzt war ihm bewusst, dass diese Frau eine ganze Zeitlang am Fenster gestanden haben musste. Das überraschte ihn nicht. Er hatte schon längst gemerkt, dass die attraktiven Witwe sich außergewöhnlich fürsorglich dem widerspenstigen Patienten gewidmet hatte, der vor etwa zehn Minuten von seinem älteren Bruder und dem hochgewachsenen Texaner, der ihm als Fuller vorgestellt worden war, abgeholt wurde. Sie hatte Tom ein Buch zum Abschied in die Hand gedrückt. Und den kleinen, listigen Augen des Docs, hinter der silbernen Nickelbrille verborgen, waren nicht der sanftmütige Gesichtsausdruck entgangen, den sie dem jüngeren Nolan dabei bedachte.

Rita Hazelwood kam nach Kriegsende nach Spanish Crossing. Eine gelernte Krankenschwester, deren Mann bei Appomattox gefallen war und dessen Familie durch die Kriegswirren überall im ganzen Lande versprengt wurde.

Mutterseelenallein war sie damals aus der Kutsche gestiegen. Eine junge Frau, deren einzige Habe aus einer schwarzen Reisetasche bestand, in der sie ihre Habseligkeiten untergebracht hatte.

Mahoon nahm sich seinerzeit ihrer an. Er brauchte zu der Zeit dringend Hilfe. Und da Rita Hazelwood nicht einen Cent besaß, bot er ihr ein kleines Zimmer in seiner Praxis an.

Er selbst bewohnte einen Anbau neben der Praxis.

So etwas war nicht ungewöhnlich, sodass sich dies moralisch nach außen hin vertreten ließ. So waren sowohl Mahoon als auch die attraktive Miss Hazelwood nicht dem Gerede der Stadt ausgesetzt. Zudem zählte der Arzt deutlich mehr an Jahren als Rita Hazelwood.

Sie hätte seine Tochter sein können…

»Sorgen? Warum, meine Liebe? Der Junge ist doch jetzt wieder völlig genesen. Die Schusswunde…«

»Das meine ich nicht, Doc«, sagte Rita Hazelwood, wandte sich dem Arzt zu und strich ihre Schürze glatt.

Mahoon zog seine Stirn in Falten. »Sondern?«

»Ich sorge mich eher über seine schrecklichen Träume. So manches Mal hatte er nachts im Schlaf fantasiert und laut geschrien. Ich konnte es von meinem Zimmer aus deutlich hören. Manchmal kam ich zu ihm herein und fand ihn dann schweißgebadet in seinem Bett. Etwas lässt ihn nicht los und quält ihn.«

»Hat er mit Ihnen darüber gesprochen?«

Rita schüttelte den Kopf. »Nein. Als er mich an seinem Bett stehen sah, kam meistens nur ein entschuldigendes Lächeln, und er schlief dann wieder ein.«

»Hat er nie mit Ihnen darüber gesprochen?«

Rita schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn ein paar Mal auf diese Träume angesprochen. Aber er tat es nur lapidar ab und meinte, er hätte schlecht geträumt. Das war alles.«

Mahoon legte ein Lesezeichen in sein Buch und schlug es zu. Er rückte seinen Stuhl in Ritas Richtung, schlug die kurzen Beine übereinander und sah die Frau über den Rand seiner Nickelbrille an. Ein kurzes Räuspern, dann: »Der schreckliche Krieg ist an keinem spurlos vorübergegangen. Jeder verarbeitet so etwas auf seine Weise. Und egal wie; Narben bleiben immer. Ich kenne die Nolans schon sehr lange. Jed und Amos sind harte Burschen, die stecken so einiges weg. Johnny, der jüngste, ist wild, temperamentvoll und verwegen. Tom kam nach seiner Mutter, einer stillen, ruhigen Frau, die kaum etwas nach außen dringen ließ. Sie war sehr empfindsam. Machte alles mit sich selber ab. So auch Tom. Während die Jungens früher das Buschland erkundeten und unsicher machten, las er zu Hause auf der Ranch in einem Buch. Ich bin mir sicher, dass Tom am meisten unter dem Krieg gelitten hat und es ihm schwerfällt, es zu verarbeiten. Jed und Amos sind in dieser Hinsicht wesentlich robuster. Tom wirkt nur nach außen hin hart. Im Inneren ist er es nicht.«

»Ihm muss geholfen werden«, hörte Mahoon die energische Stimme der jungen Frau an seine Ohren dringen. Er nickte ernst und strich sich durch den grauen Bart, der sein breites Gesicht umrahmte.

»In solch einem Fall muss so ein geschulter Seelenklempner her. Ich persönlich verstehe nicht sonderlich viel von diesen Dingen. Aber ich weiß von guten Spezialisten im Osten, die in der Lage sind, angeknackste Seelen wieder in Ordnung zu bringen, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Möglich, dass Tom sich auf eine solche Hilfe einlassen würde. Dazu muss er erst einmal bereit sein, meine Liebe.«

»Tom gehört nicht in dieses Land. Sie haben Recht: er ist ein feinsinniger Mann und sehr sensibel. Er ist intelligent und belesen. Er liebt Bücher und ich kann mir ihn nicht in der Rolle als Rancher vorstellen. Er ist jung. Warum geht er nicht in eine große Stadt und studiert? Aus ihm würde ein guter Rechtsanwalt werden – oder gar ein hervorragender Mediziner. In diesem Punkt verstehe ich ihn nicht, Doktor.«

Mahoon zog die Stirn in Falten. »Haben Sie ihm das auch so gesagt, wie eben mir?«

Rita ließ ein resigniertes Seufzen ertönen und winkte ab.

»Ja. Aber es schien, als wolle er davon nichts wissen. Seine einzige Sorge galt dem Aufbau der Nolan-Ranch. Er fühlt sich ihr und seinen Brüdern zu sehr verpflichtet, als dass er auch nur im Geringsten daran denken mag, seine Belange in den Vordergrund zu stellen. Ich konnte nicht zu ihm durchdringen. Und das stimmt mich traurig.«

Mahoon erhob sich von seinem Stuhl und ging auf sie zu. Ein kleiner Mann mit massiger Fülle, die seinem Körper einen fassähnlichen Ausdruck verlieh. Er war kleiner als Rita und musste zu ihr aufsehen.

Behutsam legte er seine rechte Hand auf ihre Schulter und sagte: »Sie mögen ihn sehr, was, Rita?«

»Man kann es merken, nicht wahr«

Doc Mahoon nickte.

»Ja, das kann man. Und wie man das kann.«

 

 

3, Kapitel

 

 

Im Cronicle war alles leer. Der letzte Gast, ein betrunkener Handelsreisender, hatte soeben seinen Weg in die obere Etage zu seinem Zimmer gefunden.

Charles Blaisdell saß an einem Tisch.

Vor ihm stand eine halbvolle Flasche und ein leeres Glas. Er legte eine Patience ohne sonderliches Interesse.

Nur noch Brick Wilson, der Barkeeper und Lilly Gant befanden sich außer ihm noch im Saal.

Der massige Wilson spülte die letzten Gläser, während Lilly die Tische säuberte. Als sich Lilly Blaisdells Tisch näherte, sah dieser zu ihr auf und sagte: »Hol dir ein Glas und setz dich einen Moment zu mir, Lilly.«

Lilly nickte nur kurz und ging mit betont schwingenden Hüften zur Theke, um sich ein Glas zu holen. Blaisdells Blicke hingen gierig an ihrem Körper. Lilly war eine Vollfrau und sich ihrer Wirkung durch und durch bewusst. Sie trug ihr glänzendes Samtkleid, was Charles Blaisdell besonders an ihr mochte. Dieses Kleid, so fand er, betonte ihren vollen Busen und den runden Hintern in nahezu vollendeter Geltung.

Als Lilly zurück an seinen Tisch kam, wies er mit einer Handbewegung an, sich zu setzen. Er füllte ihr Glas, schenkte sich selbst ein und trieb den Korken mit dem Handballen zurück in die Flasche. Er hob sein Glas, prostete ihr zu und trank es in einem Zug leer.

Lilly nippte nur höflich an dem Whisky. Sie machte sich nicht viel aus Alkohol und trank nur, wenn es nötig war.

Blaisdell sagte: »Ich habe die Mädchen beobachtet, Lilly. Sie zeigen nicht den nötigen Einsatz.«

Lilly stieß ein kehliges Lachen aus.

»Was erwartest du, Charles? Keines dieser Mädchen ist freiwillig hierher gekommen.«

Blaisdell zog eine dünne Zigarre aus der Brusttasche, biss die Spitze ab und zündete sie an. Er lehnte sich zurück und paffte ein paar dicke Qualmwolken, die sich spiralförmig zur Decke zogen. Lilly verzog angewidert das Gesicht. Sie konnte den Geruch dieser Zigarren nicht ausstehen. Blaisdell wusste das, aber er scherte sich einen Deut darum. Er kümmerte sich im Allgemeinen nicht um die Belange anderer Menschen. Nur dann, wenn er sich einen Vorteil davon versprach.

»Ich gebe diesen Mädchen die Chance, Geld zu verdienen. Schau doch an, woher sie gekommen waren. Was erwarten diese dummen Gänse? Die meisten ihrer Familien sind tot, im Krieg gefallen oder verschollen. Die meisten von ihnen stehen ganz alleine da, ohne Geld, ohne ein festes Zuhause.«

»Was du ihnen schließlich gibst«, antwortete Lilly, nicht ganz ohne Spott.

»Je früher diese Mädchen erkennen, wie es im Leben läuft, desto besser für sie. Sie werden dafür bezahlt, dass sie mit den Männern flirten und ihnen schöne Augen machen. Ob ihnen das passt oder nicht. Und je eher sie das begreifen, Lilly, desto besser ist es für sie. Sie müssen erkennen, dass es gar keine andere Alternative gibt. Texas ist ausgeblutet. Viele Chancen stehen ihnen nicht offen. So ist das nun mal.«

Lillys dunkelrote Lippen formten sich zu einem Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Sie sah zu Blaisdell herüber, der selbstgefällig in seinem Stuhl saß, die Zigarre zwischen den Fingern hielt und mit gönnerhafter Miene ihren Blick erwiderte.

Die Ironie dabei war, dass Blaisdell gar nicht mal so Unrecht hatte. Sie selbst war lange genug im Geschäft. Ihr machte es nichts aus. Sie verdiente gut. Bei Blaisdell sogar einen Spitzenlohn. Sie hatte nichts auszustehen und ihr Ruf war ihr egal. Auch sie war damals völlig mittellos gewesen und musste überleben.

Auch für sie gab es einst keine Wahl.

Sie fing in einem Saloon zu arbeiten an, kam dann irgendwann zu Blaisdell und war geblieben.

Sie hatte die Mädchen beobachtet, die am heutigen Tag hierher gebracht wurden. Allesamt waren sie verängstigt eingetroffen. Und Lilly kannte auch die Männer, die sie gebracht hatten. Üble Burschen, die der Krieg als Abschaum ausgespuckt hatte. Skrupellose Kerle, die vor nichts zurückschreckten, um irgendwie Geld zu verdienen.

Mit keiner Silbe war erwähnt worden, wie diese Mädchen in ihre Hände gerieten. Aber Lilly brauchte nicht lange zu überlegen. Sie kannte den Ruf dieser Burschen und und zählte nur Eins und Eins zusammen, um auf ein Ergebnis zu kommen.

Lilly war hart im Nehmen.

Das Leben hatte ihr nichts geschenkt.

Aber ihr taten diese Mädchen leid. Keines der jungen Dinger war dafür geschaffen, als Saloondame zu enden.

Das hatte ihr geschultes Auge sofort erkannt.

Keine dieser sechs dürfte jemals zuvor einen Saloon von innen gesehen haben.

Blaisdells nasale Stimme drang an ihre Ohren. »Kümmere dich um diese Mädchen. Forme sie zu dem, was sie werden sollen. Du weißt, wie man sowas macht. Ich verlasse mich auf dich.«

»Ja, Charles. Das weiß ich«, gab sie müde zur Antwort. Ein galliger Geschmack machte sich in ihrem Mund breit. Deshalb führte sie das Glas an die Lippen und trank den scharfen Whisky. Sie verzog leicht das Gesicht. Aber der Alkohol vertrieb den üblen Geschmack.

Blaisdell grinste zufrieden.

Er griff nach der Flasche, um die Gläser zu füllen.

Lilly legte die Hand auf ihr Glas und schüttelte den Kopf. So schenkte er nur sich einen Drink ein, kippte ihn und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Ich sehe, Lilly. Wir verstehen uns«, sagte er. »Ich habe noch einiges vor, mein Täubchen. Wirst sehen. Wenn du weiterhin zu mir hältst, wirst du´s nie bereuen. Du verstehst, was ich meine?«

Natürlich verstand sie. Die Anzüglichkeit seiner Worte waren schließlich deutlich genug. Und was blieb ihr anderes übrig, als das zu tun, was sie am besten konnte? Sie zauberte ein verführerisches Lächeln auf ihre Lippen und Charles Blaisdell klemmte genießerisch seine Zigarre zwischen die Zähne.

 

*

 

Als er mitten in der Nacht die kleine Stadt Round Rock erreichte, war kaum ein Fenster erleuchtet. Nur wenige Laternen an den Straßenrändern brannten.

Der Regen peitschte ihm unaufhörlich entgegen. Der Wind zerrte an seiner Kleidung. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. Der Regenumhang flatterte im Wind.

Große Pfützen bildeten sich auf der Straße, bereits tief genug, um ein klatschendes Geräusch zu verusachen, wenn die Hufe des Braunen in sie eintauchten.

Der Regen kümmerte ihn nicht.

Und auch nicht der Wind.

Mit stoischer Gleichmütigkeit lenkte er den Braunen auf den Mietstall zu. Er übergab dem Stallmann die Obhut des Braunen, der ihn sogleich wortlos in eine Box führte und ihn trockenrieb und für Futter sorgte. Er gab dem Mann ein paar Silbermünzen im Voraus. Vor dem Hotel auf der gegenüberliegenden Seite blieb er stehen, schüttelte seinen Umhang aus und trat ein. Die Dochte der Lampen waren weit heruntergedreht und hüllten den muffig riechenden Empfangsraum in ein mattes Licht. Auf den ersten Stufen der Treppe schlief ein Mann. Er schnarchte laut. Den Kopf hatte er dabei gegen das Treppengeländer gelehnt. Der Hut hing ihm schräg auf seinem Kopf. Eine zusammengesunkene Gestalt döste hinter dem Empfangspult.

Kyle Monroe schlug die Eingangstür absichtlich laut zu. Der Mann hinter dem Pult schreckte hoch und rieb sich verstört übers Gesicht. Er blinzelte Monroe entgegen und als er diesen erkannte, krächzte er: »Sie sind es, Mister Monroe. Habe Sie so spät nicht erwartet.«

»Ist sie oben?«

Der Portier nickte. »Sie wissen ja; Zimmer 18. Hat die ganze Zeit auf Sie gewartet und …«

Kyle Monroe ließ den Portier einfach stehen. Er stieg über den schnarchenden Mann hinweg die schmutzige Treppe nach oben zu den Zimmern, die in einem engen Gang befanden. Auch hier roch es abgestanden und muffig.

An der Zimmertür Nr. 18 klopfte er an und wartete.

Erst als eine müde klingende Frauenstimme von innen rief, öffnete er die Tür und trat ein.

Kate lag auf dem Bett und hatte sich halb aufgerichtet. In dem Zimmer war lange nicht gelüftet worden und es stank nach Alkohol und Körperausdünstung. Kates Haare hingen wirr in die Stirn. Im matten Licht der Tischlampe wirkte ihr Gesicht eingefallen und bleich.

Kyle Monroe rümpfte die Nase und gab der Tür einen Tritt mit dem Stiefelabsatz, so dass sie ins Schloss fiel. Wortlos nahm er seinen Hut ab und warf ihn auf den Tisch. Den nassen Regenumhang legte über eine Stuhllehne. Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar und strich es nach hinten. Dann griff er nach der Ginflasche auf dem Tisch, setzte sie an und trank ein einen großzügigen Schluck, um den bitteren Geschmack aus seiner Kehle zu vertreiben. Der Alkohol breitete sich in seinem Magen aus, und eine wohlige Wärme durchfloss seinen Körper. Er stellte die Flasche zurück auf den Tisch. Mit dem Handrücken wischte er sich über den Mund und sah zu Kate herüber. Sie hatte sich inzwischen aufgesetzt und fuhr sich mit zittrigen Fingern durchs zerzauste Haar. Ihre Augen waren glasig, als sie zu ihm heraufsah und Monroe sagte nur: »Siehst mächtig beschissen aus, Kate.«

„Du warst lange fort«, entgegnete sie mit belegter Stimme. Monroe hörte deutlich den übermäßigen Genuß von Alkohol heraus. Und nicht nur von Alkohol. Auf dem schmutzigen Boden lag eine kleine braune Flasche mit Laudanum. Kate hatte sich eine doppelte Dröhnung verpasst.

Und so, wie sie auf ihn wirkte, nicht nur an diesem Abend.

Ungerührt wies er mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Flasche am Boden.

»Du hast den verdammten Arzt wieder rumgekriegt, was, Kate?«

Kates Antwort war ein heftiger Hustenanfall.

Monroe ließ sich rittlings auf einen Stuhl nieder und wartete, bis sich Kate wieder beruhigt hatte. Mit fahrigen Bewegungen zog sie ein zerknülltes Taschentuch hervor und schneuzte die Nase. Das Geräusch drang unnatürlich laut zu Monroe herüber und zerrte an seinen Nerven. Aber er sagte nichts.

Kate richtete sich auf, näherte sich mit unsicheren Schritten und ließ sich auf einen Stuhl ihm gegenüber nieder. Sie stierte mit ihren glasigen Augen auf die Ginflasche.

Monroe sah, wie es in Kates Gesicht heftig zu zucken begann. Sie schien einen inneren Kampf mit sich zu führen. Schließlich legten sich ihre zittrigen Hände um den Flaschenhals. Monroe schüttelte leicht den Kopf, als Kate den scharfen Alkohol durch ihre Kehle laufen ließ, als wäre es Wasser. Sie ließ die leere Flasche achtlos zu Boden fallen.

Ein heftiges Schütteln durchfuhr ihren Körper.

»Bist weit gekommen, Kate.«

Sie winkte mit einer fahrigen Handbewegung ab.

»Was macht´s noch aus? Gib mir bitte eine Zigarette.«

Kyle Monroe zuckte nur mit den Schultern. Kate war nicht mehr zu helfen. Sie hatte bereits ein kritisches Stadium erreicht. Vielleicht sogar das Endstadium.

Nach einer Weile fragte sie: »Du warst lange fort, Kyle. Hast du ihn erwischt?«

»Ja. Ich habe ihn gestellt.«

Seine feingliedrigen Hände formten eine Zigarette aus Papier und Tabak. Er entfachte ein Streichholz, zündete die Zigarette an und reichte sie zu Kate herüber. Kate zog heftig daran und inhalierte tief. Nur mühsam unterdrückte sie einen Hustenanfall, als sie den Rauch ausstieß.

Nach einigen Augenblicken drang ihre kehlige Stimme zu ihm herüber: »Konnte er noch etwas sagen? Hat das Schwein reden können? Spuck´s aus, Kyle. Ich will es endlich wissen.«

Monroe erhob sich von seinem Stuhl und nahm Hut und Regenjacke auf.

Er wollte ihren Anblick nicht länger ertragen.

»Kyle!«, rief sie drängend, als er auf die Tür zuging. Er drehte sich noch einmal zu ihr herum und sah in ihr wächsernes, krankes Gesicht, was einmal schön gewesen war.

»Morgen früh reisen wir hier ab, Kate. Sei nüchtern. Wir reiten nach Spanish Crossing. Das jedenfalls war es, was Rule noch sagen konnte, bevor er starb.«

»Südtexas also«, sagte Kate und schüttelte den Kopf. Kyle Monroe nickte düster und verschwand wortlos aus dem muffigen Hotelzimmer.

Ein gequälter Aufschrei drang durch die Tür hinaus auf den Gang, gefolgt von einem bitteren Schluchzen. Er wollte das Hotel so schnell wie möglich verlassen. Ein Gefühl von Ekel begleitete ihn, als er die Stufen hinabstieg.

Mitten auf der Treppe blieb er plötzlich abrupt stehen.

Unten in der Empfangshalle standen zwei Männer.

Sie warteten auf ihn.

Das wusste er sofort.

Einer der beiden lehnte am Empfangspult, ein gedrungener Bursche mit breitem Gesicht und zwei tiefgeschnallten Revolvern. Langes, fast weißes Haar lugte unordentlich unter seinem breitkrempigen Stetson hervor. Der andere hatte sich etwa zwei Meter weiter in Position gebracht. Ein baumlanger, dürrer Kerl mit schmalem Gesicht und dichtem Schnurrbart, dessen Enden an den Seiten herunterhingen. Eine dünne Zigarette hing in seinem Mundwinkel.

Ihre Haltungen waren lauernd.

Der Schläfer von vorhin auf der Treppe war verschwunden.

Der kleine Portier hatte sich ängstlich in die Ecke gedrückt.

Monroe nahm eine Stufe weiter nach unten. Seine Augen fixierten das Duo. Er ließ den Regenumhang, den er unter dem Arm trug, achtlos fallen.

„Ihr wartet auf mich, hm?«

Das Breitgesicht nickte heftig. »Wir wussten, dass du Jagd auf Rule machen wolltest, Hombre. Und als du heute Nacht allein zurück kamst, da war uns klar, dass du Rule gestellt und in die ewigen Jagdgründe befördert hast. Rule war ein Freund von uns – ein verdammt guter.«

»Komische Freunde habt ihr«, bemerkte Monroe trocken. Er entschied, dass der Breitgesichtige der gefährlichere Mann war. Der Dürre mit dem Schnurrbart war nervös. Seine Finger trommelten leicht gegen den Kolben seines Colts. Breitgesicht hingegen wirkte ruhig. Gelassen. Er schien von sich überzeugt zu sein.

Er stieß sich leicht vom Tresen ab und zischte: »Bei uns gibt es sowas wie´n Ehrenkodex, Mister! Niemand knallt ungestraft unsere Freunde ab.«

Damit war alles gesagt.

Der Breitkopf zog.

In rasender Geschwindigkeit hatte er seine Waffe aus dem Leder gerissen. Doch er kam nicht zum Schuss. Im gleichen Augenblick, als der Daumen den Hahn zurückriss, traf ihn Monroes erster Schuss in den Bauch. Der Breitkopf konnte noch einen Schuss abgeben. Aber er verriss. Das Geschoss des 44er Kalibers krachte in das Treppengeländer und schlug sich dort platt. Monroes zweiter Schuss drang ihm zwischen die Augen und löschte sein Lebenslicht aus.

Breitkopf war schon tot, als sein Körper auf die schmutzigen Dielenbretter krachte.

Monroe wirbelte zu dem Dürren herum. Noch ehe dieser seine Waffe aus dem Leder hatte, erwischte ihn eine Kugel. Mit einem heiseren Aufschrei stolperte er nach hinten und stieß gegen die Eingangstür. Es gelang ihm, den Colt zu ziehen. Er brachte die Waffe in Anschlag. Aber er starb, als ihn zwei Kugeln durch die Brust schlugen. Die Waffe entglitt seiner schlaffen Hand und landete auf den Boden. Ein Schuss entlud sich und klatschte in die unterste Treppenstufe.

Ätzender Pulvergestank breitete sich aus. Kyle Monroe verzog keine Miene, als er auf die Toten heruntersah. Seelenruhig warf er die leeren Hülsen aus den Kammern seines 1863er Army Colts. Eine langläufige Waffe mit 44er Kaliber, die Monroe vor einigen Jahren einem toten Soldaten abgenommen hatte und die seither oft zum Einsatz gekommen war.

Die Griffschalen aus Perlmutt waren abgenutzt und stumpf, die Goldgravur verblasst.

Er ersetzte die verschossenen Patronen und ließ den 44er mit gleitender Bewegung zurück ins Leder gleiten.

Hinter sich hörte er Kate schreien: »Kyle!«

Über die Schulter hinweg sah er sie im Flur stehen, ihr Mund war weit geöffnet, die glasigen Augen aufgerissen.

»Es ist in Ordnung, Kate. Geh zurück ins Zimmer.«

Er sah den Portier hinter dem Tresen hervorkommen. Seine Beine zitterten. Sein Mund klappte auf und zu. Er schüttelte den kahlköpfigen Kopf, als er zu den Toten stierte. Dann blickte er zu ihm hinauf. Monroe kam langsam die Treppe herunter. Mit der Linken ergriff er den Regenumhang.

Hinter ihm schrie Kate irgendwas Zusammenhangloses. Doch Monroe beachtete sie nicht. Seine eisgrauen Augen richteten sich auf den Portier: »Gibt es noch mehr Freunde von Watt Rule in der Stadt?«

„Ich … ich denke nicht, Mister Monroe.«

»Fein. Dann kann ich jetzt endlich schlafen gehen.«

Er stieg über den toten Breitkopf hinweg und verließ das Hotel, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Nur der Wind war stärker geworden. Er schlug Monroe heftig ins Gesicht, als er durch die Pfützen über die Main Street ging.

 

*

 

Der Gang des beleibten Gesetzeshüters wirkte wie der einer watschelnden Ente. Marshal August Dunlap hatte die Angewohnheit, beim Laufen seine Füße weit nach außen spreizen zu lassen. Seine Daumen hatte er hinter den abgetragenen Revolvergurt gehakt, den grauen Hut weit aus dem Nacken geschoben.

Er blieb neben dem Zweispänner stehen, der vor dem schäbigen Hotel geparkt hatte. Kate saß im Wagen. Der Marshal sah zu ihr auf und tippte grüßend an den Hut. Er sah ihr kalkweißes Gesicht unter dem schwarzen Damenhut und die blutunterlaufenen Augen. Um die Augenränder setzte sich eine ungesunde, gelbliche Färbung ab. Tiefe Furchen hatten sich um Kates Mundwinkel gegraben.

Dunlap war erschrocken über das Aussehen der einst so hübschen Frau. Aber er hütete sich, Sie darauf anzusprechen. Schließlich ging es ihn nichts an.

Stattdessen sagte er: »Morgen, Miss Kate. Sie wollen uns verlassen?«

Kate nickte. »Ja, Marshal.«

»Miss Kate, die Sache mit der Schießerei heute Nacht - da hätte ich noch ein paar Fragen. Der Portier sagte aus, dass Mister Monroe in der Nacht …«

»Zwei von Watt Rules Freunde haben mich zu einem kleinen Stelldichein eingeladen, Marshal. Sie haben´s beide nicht überlebt.«

Dunlap drehte sich um und sah Kyle Monroe in der Eingangstür des schäbigen Hotels stehen. Er trug einen schwarzen Anzug und in beiden Händen hielt er jeweils eine Reisetasche.

Dunlap strich sich über seinen eisgrauen Schnurrbart. »So hatte es mir der Portier vorhin auch berichtet«, sagte der Marshal. Er beobachtete, wie Monroe die Reisetaschen auf die kleine Ladefläche hinter dem Sitz des Zweispänners verfrachtete. Dann wandte er sich dem Marshal zu.

»Es war Notwehr, Marshal.«

Dunlap nickte düster. »Sie wissen, wie ich über Schießereien denke, Monroe. Ich kannte die beiden Burschen, die Sie erschossen haben. Die taugten nichts. Und ich kannte auch Watts Rule. Der taugte noch viel weniger. Die Zeugenaussage von Nichols, dem Portier genügt mir, um mir ein Bild von der Sache zu machen. Ja, ich bin davon überzeugt, dass Sie in Notwehr gehandelt haben, Monroe. Bleibt nur noch die Sache mit Watts Rule zu klären.«

»Sie wissen, dass ich die ganze Zeit über hinter Rule her war, Marshal», antwortete Monroe und berichtete ihm, wie es zum Tod von Watts Rule gekommen war, weit draußen in den Hügeln.

»Und dort liegt er noch, was?«

»Ich habe den Leichnam unter ein paar Steinen vergraben.«

»Hm. Die wenigsten wären so rücksichtsvoll gewesesen. Sie waren schon sehr lange hinter dem Burschen her, richtig?« Der Marshal blickte in zwei kalte, eisgraue Augen. Das harte Gesicht Monroes wirkte auf ihn wie eine steinerne Maske.

Kyle Monroe antwortete nicht sofort. Erst nach einer Weile. Er sagte: »Viel zu lange. Jetzt bleibt nur noch einer auf der Liste.«

Dunlap kratzte sich am Hinterkopf. »Sie werden sicherlich Ihre Gründe haben, Monore. Und so lange es außerhalb meines Zuständigkeitsbereiches fällt, hat es mich nicht zu interessieren.«

Dunlaps Blicke wechselten von Monroe zu Kate, die stumm auf dem Wagen saß. Ein leichtes Nicken war ihre Antwort. Der Marshal hörte Monroe sagen: »Es freut mich, dass Sie es so ansehen, Marshal.«

Dunlap wandte sich ihm zu. »Wissen Sie, Monroe: im Grunde genommen haben Sie mir einen großen Dienst erwiesen. Sie haben wirklich drei ganz üble Burschen auf den langen Trail geschickt. Mir waren sie schon lange ein Dorn im Auge. Der Ruf war ihnen vorausgeeilt und ich habe bestimmt nicht „Hurra“ geschrien, als sie in diese Gegend kamen. Aber sie hatten hier nichts angestellt, dass ich ihrer habhaft werden konnte.«

»Dafür woanders umso mehr – was Rule betrifft«, sagte Monroe.

Der Marshal reichte ihm die Hand. »Ich halte Sie für einen fairen Mann und wünsche Ihnen Glück.« Er sah nochmals zu Kate auf, tippte an den Hut und sagte: »Ihnen auch, Miss Kate. Achten Sie auf Ihre Gesundheit.«

Über Kates Lippen huschte ein flüchtiges Lächeln. »Danke, Marshal.«

Der Marshal wartete, bis der Zweispänner um eine Biegung fuhr und somit aus seinem Blickfeld verschwand. Dann wandte er sich ab.

 

 

4. Kapitel

 

 

Johnny Nolans Gesicht war vor Anstrengung schweißüberströmt und gerötet.

Einige Male bereits hatte ihn der schwarze Teufel aus dem Sattel gefegt und dabei vor Freude laut gewiehert. Immer wieder war Johnny fluchend auf dem staubigen Boden gelandet, den stampfenden Hufen des Mustangs ausgewichen und mit akrobatischen Hechtsprüngen den Angriffen entkommen.

Shorty Rounds befand sich stets in der Nähe, um den wilden Burschen von Johnny abzulenken. Doch Johnny war zäh. Unter den jubelnden Anfeuerungsrufen der Männer am Gatter war er schneller wieder im Sattel, als dem bösen Mustang lieb war.

Der Schwarze bockte, was das Zeug hielt und Johnnys Körper sauste auf und nieder wie ein Punchingball. Aber er blieb oben. Es mochte nicht gelingen, den lästigen Reiter wieder in den Staub zu schicken.

Dann endlich senkte das Tier den Kopf. Für diesen Moment sah es für die Männer, die wie gebannt am Gatter standen, so aus, als würde der wilde Teufel endlich aufgeben.

»Seht her, Jungs!«, rief Johnny Nolan den Männern zu, »jetzt habe ich ihn! Zahm wie´n Lamm!«

Er hielt dabei siegessicher die Zügel locker in der Rechten, während er mit der Linken den Männern am Corralzaun zuwinkte.

Shorty, der sprungbereit auf einer Corralstange saß, schüttelte heftig den Kopf: »Johnny! Pass auf! Halt die verdammten Zügel fest. Das Vieh verarscht dich!«

Kaum hatte Shorty Rounds die Worte Johnny zugerufen, rollte der Mustang auch schon mit den Augen.

Und in der Tat - das Teufelspferd hatte nicht einen einzigen Augenblick daran gedacht, sich geschlagen zu geben.

Genau in dem Augenblick, in dem sich Johnny zu siegessicher glaubte, stieg der teuflische Bursche mit den Vorderhufen steil nach oben.

Johnny hatte damit nicht gerechnet. Er stieß einen überraschten Schrei aus und wurde aus dem Sattel katapultiert. Dabei verfing sich sein rechter Fuß im Steigbügel. Der Schwarze begann, sich zu drehen. Die Hufe keilten aus. Für Johnny war es kein Spaß mehr. Er wand sich am Boden, um den Huftritten zu entgehen. Staub wallte auf. Gleichzeitig versuchte er verzweifelt, den Fuß aus dem Steigbügel zu zerren. Der hatte sich hoffnungslos verfangen.

Der Schwarze stieg wiehernd hoch. Johnny wurde mitgerissen.

Shorty war mit einem Satz vom Gatter gesprungen. Er rannte mit lauten Schreien dem tobenden Mustang entgegen, um die Aufmerksamkeit des Tieres auf sich zu lenken, während Amos Nolan auf Johnny zulief, den der tobende Schwarze erbarmungslos über den Boden schleifte. Amos gelang es, Johnnys Fuß aus dem Steigbügel zu ziehen. Dabei sauste der rechte Hinterhuf dicht an seinem Kopf vorbei. Er konnte ihn rechtzeitig zur Seite ziehen. Der Huf streifte die Krempe seines Hutes und riss ihn herunter. Amos umklammerte Johnnys Oberkörper und zog ihn aus der Gefahrenzone.

Es wurden ihnen Hände gereicht, die ihnen über das rettende Gatter halfen.

Der tobende Mustang hatte inzwischen seine Konzentration auf Shorty Rounds verlagert und hetzte im Galopp hinter ihm her. Shorty erreichte das Gatter. Er packte die Balken und sprang mit einem Satz hinüber. Im gleichen Augenblick ertönte ein lautes Krachen, als der schwere Körper des Mustangs gegen die Bretter knallte. Wäre Shorty nur eine Sekunde später übers Gatter gehechtet, hätte ihn das Pferd mit der Flanke erwischt. Shorty landete auf allen Vieren auf der anderen Seite. Er zuckte heftig zusammen, als es hinter ihm krachte und stieß einen keuchenden Laut aus.

Verdammt, das war knapp!

Der Mustang stieß ein böses Schnauben aus. Der schwarze Kopf mit der weißen Blesse ging auf und ab. Er bedachte die Männer, die hastig vom Gatter gewichen waren, mit bösen, rollenden Augen und drehte dann ein paar Ehrenrunden in der Koppel. Wohl wissend, dass er diesen Kampf für sich bestreiten konnte.

Amos half seinem Bruder auf die Beine. Der war ganz benommen, das Gesicht blass und von einigen Abschürfungen gezeichnet. Sein Hemd war völlig zerissen, seine Arme blutig.

Hätte Johnny keine Chaparajos getragen, so wie es Jed ständig tat, dann hätte er jetzt wohl keine Hose mehr am Körper gehabt.

Er schüttelte sich ein paar Mal um die Benommenheit aus dem Kopf zu bekommen, blickte zu seinem Bruder auf und grinste. »Verdammt, was für ein teuflischer Hundesohn von einem Gaul, was, Amos?«

Amos nickte. »An dem Satan werden wir uns noch die Zähne ausbeißen, wie mir´s scheint.«

Er fuhr sich durch sein dunkles Haar. Erst jetzt merkte er, dass sein Hut nicht mehr auf dem Kopf saß und er blickte in Richtung Koppel.

Dort lag sein Hut, etwas verformt und von den Hufen in den Staub getreten. Skeptisch sah Amos zu dem Schwarzen herüber, der seelenruhig auf der Koppel stand. So, als wäre nichts gewesen. Aber in den Augen des Mustangs lag etwas Lauerndes. Etwas, das Amos davon abhielt, seinen Hut zu holen.

»Willst du´s heute noch mal versuchen, Johnny?«, fragte Shorty Rounds.

Johnny schüttelte den Kopf. Für heute hatte er genug.

»Das war eine mächtig gute Schau, junger Mann!«

Die Köpfe der Männer ruckten herum und sahen einen eleganten Zweispänner im Hof stehen. Ein Mann im schwarzen Anzug saß darin und nickte ihnen freundlich zu. Offensichtlich verweilte dieser schon eine geraume Zeit dort. Keiner der Männer hatte davon Notiz genommen. Ihre Aufmerksamkeit hatte schließlich einer ganz anderen Sache gegolten.

»Mein Name ist John Wellinghaus, Gentlemen«, stellte sich der Mann im Zweispänner vor. »Ist das hier die Nolan-Ranch?« Er war ein rundlicher Mann von eher kleiner Statur. Auf seinem runden Kopf thronte ein Bowlerhut, der ausgezeichnet zu seinem Aussehen passte. Zwischen den wulstigen Lippen klemmte eine Zigarre und seine Hände steckten in schwarzen Fingerhandschuhen aus Leder. Er wirkte wie ein Handelsreisender, der nicht in dieses Land zu passen schien.

Amos hakte die Daumen seiner wuchtigen Hände hinter den Revolvergurt. »Ja. Das ist die Nolan-Ranch. Ich bin Amos Nolan und der junge Draufgänger hier ist mein Bruder Johnny. Was können wir für Sie tun?«

Wellinghaus kletterte umständlich vom Wagen und ging mit ausgestreckter Hand auf die Männer zu. Er reichte den Nolans die Hand.

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mister Nolan.« Er wandte sich an Johnny, der sein zerfetztes Hemd in die Hose stopfte. »Hat mir mächtig imponiert, junger Mann, wie Sie mit dem schwarzen Satan da gekämpft haben. Das war richtig toll. Vom Zureiten verstehen Sie was, das muss ich sagen.«

Ein breites Grinsen flog über Johnnys zerschundenenes Gesicht. »Danke, Mister. Irgendwann werden wir Buster schon noch zähmen – verlassen Sie sich drauf.«

»Davon bin ich überzeugt.«

Wellinghaus umfasste die Aufschläge seiner schwarzen Anzugjacke. Seine Blicke aus kleinen, schwarzen Augen wanderten von Amos zu Johnny und wieder zurück. Dann fuhr er fort: »Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden, Gents. Ich habe mir weiter südlich Land gekauft und eine Ranch aufgebaut. Ich besitze an die tausend Rinder. Gute Tiere. Longhorns, die im besten Futter stehen. Die will ich auf den Markt bringen. Hierzulande sind die Tiere kaum zwei oder drei Dollar pro Stück wert. Aber in Kansas oder Missouri zahlt man bis zu dreißig oder gar vierzig Dollar pro Rind.«

Amos und Johnny wechselten einen Blick miteinander. Jed hatte einige Male darüber gesprochen.

Wellinghaus fuhr fort: »In Sedalia, Missouri, gibt es eine Bahnlinie der Missouri Pacific. Von da aus werden die Rinder in den Osten und Norden verfrachtet, wo dringender Bedarf an Rindfleisch herrscht. Der Krieg hinterließ dort ein Nahrungsmitteldefizit. Der Rinderbestand ist aufgebraucht worden, um die Unionsarmee zu ernähren.«

Wellinghaus hatte so laut gesprochen, dass die anderen Cowboys, die eben noch am Gatter standen, einen Halbkreis um Amos und Johnny bildeten und interessiert zuhörten.

»Ist aber ein weiter Weg bis nach Missouri«, bemerkte Amos und kratzte sich am Hinterkopf. »Und verdammt gefährlich obendrein. Angefangen von kriegerischen Comanchen über bösartige Farmer bis hin zum Treibsand von vertrockneten Flüssen, durch die eine Herde getrieben werden muss. Nun, von Wind und Wetter ganz zu schweigen.«

Wellinghaus nickte. »Dennoch haben es bislang zwei große Herden geschafft. Und dabei richtig gutes Geld verdient.«

»Die erste Herde hat unser ältester Bruder Jed vor kurzem nach New Orleans getrieben. Die Hälfte der Strecke – und etwas ungefährlicher.«

Wellinghaus schüttelte den Kopf. »Das ist sicherlich eine Variante, Mister Nolan. Aber bitte bedenken Sie, dass New Orleans ebenso vom Krieg ausgeblutet ist, wie Texas auch. Dort sind die Preise für Rinder sehr instabil. Mit viel Glück lassen sich in New Orleans Preise von zehn bis fünfzehn Dollar pro Rind erzielen – keinesfalls mehr. Es geht da mehr um die Häute, als um das eigentliche Fleisch.«

Der Mann war sehr gut informiert, das musste Amos ihm lassen.

»Nun, Wellinghaus, schätze, Sie sind nicht hergekommen, um mir das zu sagen, nicht wahr?«

»Durchaus nicht, Mister Nolan. Wie ich bereits erwähnte, möchte ich für meine Rinder mit dem größtmöglichen Gewinn verkaufen. Und das kann ich nur in Missouri erreichen. Mein Problem ist, dass ich weder eine Mannschaft, noch die geeigneten Mittel habe, um einen Trail durchzuführen. Die Männer, die ich zur Verfügung habe, weigern sich, ein solches Wagnis auf sich zu nehmen. Es ist zu riskant für sie. Und keiner von ihnen ist trailerfahren. Ich selbst stamme aus dem Osten und bin mit der Rinderarbeit nicht sonderlich vertraut. Aus gesundheitlichen Gründen hat es mich nach Texas verschlagen. Meine Lunge ist nicht ganz gesund. Und das Klima hier verspricht Linderung.«

Lungenkrank!

Amos sah argwöhnisch auf die dicke Zigarre, die Wellinghaus in seiner behandschuhten Rechten hielt. Er sagte aber nichts.

Wellinghaus ignorierte Amos skeptischen Blick und fuhr fort: »Ich habe gehört, dass Sie bald eine große Herde zum Markt bringen wollen. Nun, ich würde Sie bitten, meine tausend Tiere Ihren Rindern anzuschließen. Vorausgesetzt, dass Sie mit Sedalia einverstanden wären, Mister Nolan.«

Wieder wechselten Amos und Johnny einen Blick miteinander. Amos wandte sich an Wellinghaus: »Ihre Informationen sind richtig. Derzeit treibt Jed mit einem Teil der Mannschaft wieder Rinder aus dem Buschland der Brasada. Sie haben in der Nähe vom Nueces ein Tal gefunden, wo die Rinder zusammengetrieben und gebrändet werden. Dort ist auch das Camp. Mittlerweile sind´s an die tausendfünfhundert Tiere, die da weiden. Jed hat die Absicht, zweitausend Rinder auf den Markt bringen. Bisher wurde allerdings nur von New Orleans gesprochen.«

»Mir persönlich liegt sehr daran, mit Ihrem Bruder zu sprechen, Mister Nolan. Wäre das möglich?«

Amos nickte. »Natürlich. Das Camp ist nicht sehr weit von hier entfernt. Johnny und ich würden Sie dorthin begleiten. Aber ich möchte nicht, dass es heißt, wir Nolans wären schlechte Gastgeber, Mister Wellinghaus. Kommen Sie mit ins Haus und trinken eine Tasse Kaffee mit uns.«

Wellinghaus lächelte über sein breites Gesicht. Trotz des Sonneneinflusses im hiesigen Land wirkte es weiß und kalkig. Der Mann hielt sich nicht sehr oft im Freien auf. Eine Tasse Kaffee nahm er dankbar an.

 

*

 

Gil Fuller wischte sich den Schweiß von der Stirn und drückte sich den breitkrempigen Stetson tiefer ins Gesicht, um es vor der gleißenden Sonne zu schützen. Er nahm einen großzügigen Schluck aus der Wasserflasche, trieb den Korken mit der Handfläche hinein und hängte sie zurück. Vor ihm knackte es laut im Gebüsch und kaum zwei Sekunden später raste ein riesenhafter, schwarzer Stier aus dem dornenüberwucherten Busch, getrieben von Jim Harland und dessen wilden Rufen. Harlands Pinto hetzte hinter dem fliehenden Stier her.

Das erfahrene Pferd trieb den massigen Burschen auf eine Gruppe Männer zu, die ihn sogleich in Empfang nahm. Wurfseile sausten durch die Luft und binnen kürzester Zeit war der wilde Bursche an Vorder- und Hinterhufen gefesselt und lag brüllend auf der Seite. Pecos kam mit seinem Brandeisen heran und drückte dem Stier den »Nolan-Brand« auf. Dann wurde das Tier von den Seilen befreit und Harland trieb ihn in die Talsenke zu den anderen Rindern.

Das Spiel hatte sich zum x-ten Male wiederholt. Erfahrene Männer, darunter auch Jim Harland, Matt Lemmons mit seinen beiden Freunden und auch Luis Santero trieben die wilden Rinder aus dem Busch zu den Stellen, an denen sie gebrannt werden sollten. Und gerade die Buschreiter hatten dabei den schwierigsten Teil der Arbeit zu verrichten. Sie waren nicht nur den langen Dornen des dichten Buschwerks ausgesetzt. Oftmals konnten die wilden Rinder bösartig und gemein werden. Die Hörner, deren Spannwseite bis zu zwei Meter betrug, hatte schon so mach eines der Rinderpferde tödlich verletzt – und nicht nur die Pferde. Es war daher oberstes Gebot, dass kein einziger der Reiter ohne seine dickledrigen Chaparajos zu Werke ging.

Fuller zog ein Stück Lakritz aus der Brusttasche seines schweißnassen Hemdes und biss ein Stück ab. Gerade wollte er seinen Rappen antreiben, als er einen Zweispänner sah, der von zwei Reitern begleitet wurde. Er erkannte Amos und Johnny und lenkte seinen Rappen auf sie zu.

Amos sagte: »Mister Wellinghaus, das ist Gil Fuller, der Vormann dieser Truppe.«

Fuller tippte grüßend an die Hut. Ihm fielen sofort die Schürfungen in Johnnys Gesicht auf.

»Habt ihr neuerdings eine Wildkatze auf der Ranch, Johnny?«

Johnny nickte. »Ja. Eine schwarze mit vier Hufen.«

»Buster?«

»Yep.«

Fuller fuhr sich übers Gesicht und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Seit Tagen schon versuchte Johnny vergeblich, den wilden Mustang zu zähmen. Diesmal schien es heftiger gewesen zu sein, als die Male davor.

Vorher sah Johnny nicht so verbeult aus.

Amos sagte: »Mister Wellinghaus wollte dringend mit uns hierher zum Camp. Hat mit Jed einiges zu besprechen, Gil.«

Fuller nickte und sah auf den Mann im Zweispänner. Er bemerkte die auffallende Blässe in dessem Gesicht. Der Mann schwitzte ungewöhnlich stark. Bevor Fuller etwas sagen konnte, tauchte Jed Nolan auf seinem Braunen auf. Er brachte das Pferd dicht neben Fuller zum Stehen.

»Hallo, Jungs«, grüßte er seine Brüder und bedachte Johnny mit leichtem Grinsen, das den Schürfungen in dessen Gesicht galt. Er sagte nichts. Und brauchte es auch nicht. Er kannte seinen Bruder. Daher wusste er, was vorgefallen war. Dann maß er den Mann im Zweispänner mit fragenden Blicken.

Diesmal stellte sich Wellinghaus selber vor und sagte anschließend: »Es ist mir wichtig, dass wir uns unterhalten, Mister Nolan, und mein Anliegen Ihr Gehör erreicht.«

 

*

 

Jed Nolan hatte sich einen alten Baumstumpf ausgesucht, auf den er sich setzte, um sein spätes Abendmahl einzunehmen. Während er schweigend aß, schweiften seine Blicke zum Lager herüber.

Die Männer saßen müde um das Lagerfeuer herum. Ihre gedämpften Stimmen drangen zu ihm herüber.

Beim Chuckwagen machte sich der kauzige St. Marrs an irgendwelchen Kochgeräten zu schaffen.

Nolan spülte den letzten Bissen Rindfleisch mit einem Schluck Kaffee herunter und drehte sich eine Zigarette. Ein Blick zum sternklaren Himmel sagte ihm, dass der morgige Tag wieder heiß werden würde. Auch jetzt, zu später Stunde, rührte sich kein Lüftchen.

Amos und Tom waren mit Wellinghaus wieder zur Ranch zurückgekehrt. Dort wäre auch sein Platz gewesen, aber während des Zusammentreibens und Bränden der Rinder zog Jed es vor, bei der Treibmannschaft zu bleiben. Er zog diese Arbeit augenblicklich der Rancharbeit vor. Hier hatte er die nötige Ablenkung, die er brauchte. Seine Brüder hingegen dachten anders. Vor allem Tom. Tom hatte sich sofort nach seiner Ankunft über die Buchhaltung gemacht. Das war sein Part. Darin ging er auf. Und Jed war froh darüber. Er hasste jegliche Form von Schriftkram.

Er dachte oft über seine Brüder nach. Amos und Johnny liebten die Rancharbeit. Für sie gab es nichts anderes. Sicherlich hatten auch sie schwer an den Folgen des Krieges zu kauen. Aber sie waren harte Burschen und kamen damit klar. Tom war der sensibelste unter den Nolan-Brüdern. Und Jed fragte sich, ob Tom auf der Ranch bleiben oder letzten Endes in den Osten gehen würde, um zu studieren. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, der zweitjüngste im Bunde.

Nun, das würde die Zeit mit sich bringen.

Für Tom war es wichtig, dass er die harte Zeit des Krieges vergessen konnte. Und eine hübsche Miss Hazelwood schien da eine recht gute Medizin zu sein.

Jed grinste ein wenig. Ein paar Mal war sie schon auf der Ranch gewesen und hatte sich nach Tom erkundigt. Einige Male waren sie zusammen ausgeritten. Eine nette Frau, fand Jed, die gut zu Tom passte. Eine stille Frau, die zudem Toms Neigungen zu Büchern teilte.

Gil Fuller löste sich vom Feuer und kam auf ihn zu.

»Schöne Nacht«, meinte er, »fast wie im Bilderbuch. Störe ich?«

Nolan schüttelte den Kopf. Fuller setzte sich neben seinem Boss auf einen Stein und biss in seine Lakritzstange.

»Das schwarze Zeug hat´s Ihnen angetan, was, Gil?«

»Schwer, davon wegzukommen, Boss«, meinte Fuller grinsend. »Muss mir bald bei Gelegenheit neuen Proviant verschaffen.« Dann wurde er ernst. »Was halten Sie von der Sache?«

»Wellinghaus?«

Fuller nickte kauend. Nolan zog an seiner Zigarette und schnippte den Stummel fort. »Habe schon viel von dieser Sache mit Sedalia gehört, Gil. Ist ein langer Weg und gefährlich obendrein. Aber es ist zu schaffen.«

»Wenn wir die Herde von Wellinghaus mitnehmen, gehen über dreitausend Rinder auf den Trail – vorausgesetzt, dass wir noch fünfhundert aus dem Busch jagen.«

Jed Nolan nickte zustimmend. »Und das werden wir. Im Gegensatz zum ersten Trail sind wir sehr gut ausgerüstet. Wir haben genügend Pferde für die Remuda und eine erstklassige Mannschaft, die zudem noch kampferprobt ist, wenn´s drauf ankommt.«

»Ja. Und in Sedalia zahlt man weitaus mehr pro Rind als in New Orleans.« Fuller steckte sich das letzte Stück Lakritze in den Mund und rieb sich die Hände. »Das Doppelte, wenn man Wellinghaus Glauben schenken darf.«

»Davon ist auszugehen.«

»Na, dann dürfte unserem Trail nach Sedalia wohl nichts mehr im Wege stehen.«

»Sehe ich auch so, Gil.« Jed Nolans Gesicht zeigte einen düsteren Ausdruck, der Fuller trotz Dunkelheit nicht verborgen blieb.

»Boss?«

»Ja?«

»Etwas frisst an Ihnen. Das kann ich merken.«

»So? Und was?«

»Weiß nicht genau. Aber ich komme schon dahinter.«

Fuller erhob sich. Jed Nolan war nicht in der Stimmung über seine Sorgen zu sprechen. Das spürte Fuller. Er rieb sich die Hände an seinen Hosenbeinen. »Werde mich in meine Decken rollen. Schätze, morgen wird wieder ein harter Tag.«

Nolan grinste und tippte lässig an die Hutkrempe. »Schöne Träume, Gil.«

Fuller drehte sich noch einmal um. »Apropos Träume, Boss: Miss Sadie ist ne feine Lady. Auch wenn sie manchmal ein bißchen starrköpfig war.«

»Geh´n Sie schlafen, Gil. Morgen geht es früh los.«

Der barsche Ton in Jed Nolans Stimme verriet Fuller deutlich, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Absichtlich. Er hob die Hand und ließ Jed Nolan alleine an seinem Platz zurück.

Dieser verdammte Fuller! Dem entgeht auch nichts! Hat den Nagel wieder mal auf den Kopf getroffen, dachte Jed Nolan und grinste grimmig.

Und dann dachte er wieder mal an Sadie Riordan, die in New Orleans lebte und schuld daran war, dass er nachts oft nicht schlafen konnte.

 

 

5. Kapitel

 

 

Jed Nolan nahm sich eine Auszeit und ritt zusammen mit seinem Freund Luis zur Santero-Ranch, die mittlerweile mühselig wieder hergerichtet wurde, nachdem sie von Phil Jordan und dessen Männern dem Erdboden gleichgemacht worden war.

Luis war wieder zu Jed gestoßen, nachdem er beim Aufbau geholfen hatte. Das gleiche galt für drei Männer, die von Jed aus seiner Mannschaft zur Verfügung gestellt wurden.

Dona Marguerita richtete ein herzhaftes Mahl für Jed und ihrem Sohn her. Auch der alte Esteban war da.

»Hier sieht´s fast so aus wie früher, Dona Marguerita«, sagte Jed, als er den letzten Bissen verschlungen hatte und sich satt in seinem Stuhl zurücklehnte.

»Die Männer haben geschuftet – Tag und Nacht. Ja, Jed, es sieht aus wie früher – beinahe.« Das Gesicht der alten Frau verfinsterte sich. »Aber Stuart Conroy hat nicht für seine Taten gebüßt.«

»Keiner weiß, wo der Mann abgeblieben ist«, sagte Jed. »Auch June weiß es nicht.«

»Vielleicht wird er zurückkommen.« Dona Marguerita füllte die Tassen mit heißem Kaffee.

Jed Nolan zuckte mit den Schultern. »Daran habe ich auch gedacht – oft sogar. Aber es dürfte ihm schwerfallen, sich das zurückzuholen, was wir ihm genommen haben. Viele seiner Männer sind gefallen, die anderen haben das Land verlassen.«

»Ich denke, dass er nicht zurückkommen wird, Jed«, sagte Luis und strich über seinen dünnen Schnurrbart. »Warum sollte er auch? Hier hat er nichts mehr.«

»June ist immerhin noch seine Frau«, gab Jed zu bedenken.

»Die hat ihn verlassen, Jed. Du weißt das.«

»Ja, das weiß ich, Amigo. Und ich weiß auch, dass sie es zutiefst bereut, ihn geheiratet zu haben. «

»Trägst du es ihr nach?«

Jed schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist vorbei.«

Luis nickte. Er trank einen Schluck vom heißen Kaffee. Dona Marguerita nahm den Männern gegenüber am Tisch Platz und faltete die Hände ineinander. »Er war ein böser Mann. Und er verdient seine Strafe.«

»Die hat er schon bekommen, Madre«, sagte Luis und strich seiner Mutter sanft über die gefalteten Hände. »Er regierte hier wie ein König. Jetzt hat er nichts mehr. Falls er noch leben sollte, wird das wie eine Säure in ihm fressen. Einen machtzerfressenen Mann macht das fertig, und er wird daran zerbrechen.«

Jed Nolan zog die Stirn in Falten. »Oder auch nicht.«

»Du meinst, er wird zurückkommen?«

»Viele denken wie du, Luis. Fuller denkt so, meine Brüder ebenso. Nur Harland und ich sind uns da nicht sicher. Aber wie auch immer, alter Freund. Wenn Stuart Conroy jemals wieder seinen Fuß in das Gebiet des Nueces setzen wird – dann wird es für ihn das letzte Mal gewesen sein.«

Luis eifrig. »Si.«

Der alte Esteban stopfte in Seelenruhe seine Maiskolbenpfeife und zündete sie an. Während er sie paffend in Gang setzte, sagte er: »Ich war vor einigen Tagen in der Stadt. Es tummeln sich sehr viele Männer da herum, die mir nicht gefallen. Fremde, die hart aussehen und das Tageslicht scheuen. Ich mag mich täuschen, amigos. Aber die sind nicht zufällig hier.«

»Bekannte Gesichter?«, fragte Jed.

»Die tragen alle die gleichen Visagen, Jed. Aber ein bekanntes Gesicht habe ich nicht erkennen können. Ich weiß auch keine Namen. Sie scheinen sich alle irgendwie in Blaisdells Saloon herumzutreiben. Irgendetwas ist da im Gange, was mir nicht gefällt. Derzeit kommen viele Menschen ins Land. Aber diese Typen gefallen mir nicht.«

Jed nickte. »Danke, Esteban. Vielleicht hat´s nichts zu bedeuten. Aber es schadet nichts, Augen und Ohren offenzuhalten.«

Esteban paffte an seiner Pfeife. Dicke Qualmwolken zogen an die Decke. »Ich denke das genauso, Jed.«

Jed und Luis verabschiedeten sich, und als sie am späten Nachmittag das Camp erreichten, war Gil Fuller nicht da. Hugo St. Marrs berichtete ihnen, dass der kleine Pecos von einem Stier verletzt wurde. Das Biest hatte ihm mit seinen Hörnern übel das rechte Bein aufgerissen. Fuller hatte Pecos daraufhin in die Stadt zum Doc gebracht.

 

*

 

»Sie haben mir nicht gesagt, dass Gil Fuller bei dieser Nolan-Mannschaft ist, Blaisdell.«

Charles Blaisdell blickte von seiner gelegten Patience auf und sah zu dem Mann herüber, der dort am Fenster stand und die ganze Zeit hinausstarrte. Finn Corcoran drehte spielerisch sein Glas Whisky zwischen seinen langen Fingern.

Blaisdell rückte seine Krawatte zurecht, erhob sich und stellte sich neben Corcoran, um einen Blick aus dem Fenster des Saloons zu werfen. Vor der Arztpraxis parkte ein Wagen. Er erkannte die hochgewachsene, schlanke Gestalt Gil Fullers, der einem offensichtlich verwundeten Mann vom Wagen half.

Blaisdell wandte sich an Corcoran. »Kennen Sie ihn etwa, Corcoran?«

Corcoran grinste schief, ohne den Blick vom Fenster zu mehmen. »Seinen Ruf, Blaisdell. Und der genügt.«

»Etwa Angst vor dem Mann?« Blaisdells Frage kam lauernd und Corcoran maß ihn mit böse funkelnden Augen.

»Ich habe vor niemanden Angst, Blaisdell. Schreiben Sie sich das hinter Ihre Ohren.«

Blaisdell hob beschwichtigend die Hände. »Nur mit der Ruhe. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«

Aus Corcorans Kehle ertönte ein Brummen. Er schlug mit den Handballen gegen die Kolben seiner beiden 1861er Navys, die tiefgeschnallt im Halfter steckten. »Bis jetzt habe ich´s noch mit jedem aufgenommen«, stieß er gepresst zwischen den Zähnen hervor.

Blaisdell nickte. Er setzte sein gewinnendes Lächeln auf die Lippen.

»Das ist einer der Gründe, weshalb Sie für mich arbeiten.«

Corcoran kippte seinen Drink. Dabei hatte er seine zu Schlitzen geformten Augen wieder auf die gegenüberliegende Straße gerichtet. Ein mittelgroßer, schlanker Mann mit einem dichten, schwarzen Schnurrbart und langen Koteletten, durch die sich das erste Grau abzeichnete. Sein jähzorniges Temperament spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Es war schmal, die Lippen heruntergezogen. Tiefe Furchen zeichneten sich an den Nasen- und Mundwinkeln ab. Ein unberechenbarer Mann, der in einem Augenblick lachen, im nächsten töten konnte.

Und Corcoran hatte getötet.

Sehr oft.

Sein Ruf eilte ihm voraus.

Charles Blaisdell zum Beispiel wusste von mindestens sechs Männern, die von Finn Corcorans 1861er Navys in den Staub geschickt worden waren und nun nicht mehr lebten. Andere berichteten von acht Männern. Wieder andere wussten es noch besser und glaubten an zehn Tote, die auf Corcorans Konto gingen. Für Charles Blaisdell spielte dies letzten Endes keine Rolle.

Er hasste diesen Mann. Und er fürchtete ihn. Doch er brauchte ihn, ihn und seine Männer. Sie waren wichtig für seine Zukunftspläne.

Charles Blaisdell hatte große Pläne.

Er hörte Corcoran sagen: »Sind noch mehr von Fullers Sorte bei dieser verdammten Mannschaft, Blaisdell? Noch mehr, von denen Sie noch nichts gesagt haben?«

Blaisdell zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Spielt das eine Rolle?«

Corcoran zeigte ihm sein tadelloses Gebiss. »Und was für eine Rolle das spielt, mein Freund! Sie hatten von Cowboys gesprochen, die zwar kämpfen können, aber keine großartigen Revolverhelden sind. Der da - « er wies symbolisch zum Fenster nach draußen hin - »kann verdammt gut mit seinem Sechsschüsser umgehen. Fuller ist kein gewöhnlicher Cowboy.«

Blaisdell runzelte die Stirn.

Hatte Corcoran doch etwa Angst vor Gil Fuller?

»Zum Teufel, Corcoran. Ich kenne nicht jeden einzelnen Mann aus der Nolan-Mannschaft. Ich habe Ihnen von Anfang an gesagt, dass es harte Männer sind, die für den Nolan-Brand reiten. Und ich habe Ihnen ebenfalls gesagt, dass diese verdammten Nolans nicht einfach zu nehmen sind.«

Corcoran tippte mit dem Zeigefinger gegen Blaisdells Brust. »Freund Blaisdell«, sagte er beinahe freundlich, «Typen wie Gil Fuller erhöhen das Risiko. Und in diesem Falle kosten sie auch etwas mehr. Ansonsten ist mir so ein Typ scheißegal. Damit das klar ausgedrückt ist.«

Das war es also.

Es ging um die Bezahlung.

Am liebsten hätte Blaisdell diesen aufgeblasenen Pistolero vor ihm zum Teufel gejagt. Das konnte er aber nicht. Und Corcoran wusste das sehr wohl. Und so musste Blaisdell klein beigeben. Er sagte: »Okay, Corcoran. Ich lege noch Fünfhundert obendrauf.«

Corcoran schüttelte den Kopf. »Tausend!«

»Fünfhundert, Corcoran. Und keinen Cent mehr. Sie verdienen ohnehin schon eine verdammte Stange Geld bei mir.«

»Ich sagte: Tausend!«

Schwarze Augen, eben noch zu Schlitzen zusammengezogen, blickten nun kalt in Blaisdells Gesicht. Ein regelrechter Schauer fuhr durch Blaisdells Körper. Es gelang ihm nicht, den grausamen Augen Stand zu halten. Er senkte den Blick und hasste sich dafür. Und er hasste Corcoran noch mehr wegen dessen Unverschämtheiten.

Doch was hätte er tun sollen?

Charles Blaisdell war Geschäftsmann – kein Revolverheld. Er spürte deutlich, dass er dem Mann nicht gewachsen war. Ein unbehagliches Gefühl. Nur widerwillig sagte er: »Also gut. Tausend Dollar obendrauf. Aber dabei bleibt es!«

Corcorans Antwort war ein höhnisches Lachen.

 

*

 

Die beachtliche Gruppe kleiner Zinnsoldaten, die ordentlich im Regal seines Büros aufgereiht war, konnte ihn nicht über seine maßlose Wut hinweg trösten. Blaisdell saß wie so oft, wenn er alleine war, vor den Figuren, drehte die eine oder andere spielerisch in seinen Händen und stellte sie vorsichtig wieder zurück an den vorgesehenen Platz zurück, um dann eine andere in die Hand zu nehmen.

Eine Sammlung, die ihm bereits ein kleines Vermögen gekostet hatte. Und ein Hobby, das ihn seit seiner Kindheit begleitete – Zinnsoldaten aus verschiedensten Kriegen und Nationen. Kleinere und größere, Infanteristen und Reiter.

Charles Blaisdells kleiner, heimlicher Stolz. Das Kind im Manne sozusagen, von dem er sich nicht freimachen konnte – und wollte. Manchmal kam es sogar vor, dass er mit ihnen regelrechte Schlachten nachstellte. Natürlich nur dann, wenn sich völlig unbeobachtet fühlen konnte.

Die Sache mit Finn Corcoran war ihm außer Kontrolle zu geraten.

Wer war der Boss – er, Blaisdell, oder Corcoran? Was hatte dieser Pistolero mit den kalten, schwarzen Augen wirklich im Sinn?

Am Anfang schien alles klar und ganz einfach zu sein. Doch jetzt? Lilly hatte ihn gewarnt. Mehrmals. Und er hatte ihre Warnung in den Wind gestrichen. Verhöhnt hatte er sie sogar. Und doch …

Lilly war eine kluge Frau. Darüberhinaus eine talentierte und rechnende Geschäftsfrau. Sie besaß eine hervorragende Menschenkenntnis.

Auch sie hatte er unterschätzt.

Hatte er sich ebenfalls überschätzt?

Gedanken, die durch sein Hirn fluteten, während er liebevoll über den Hauptmann aus dem Napoleonischen Krieg strich, den er gerade in den Händen hielt. Eine Reiterfigur. Seine Lieblingsfigur.

Blaisdell gestand sich ein, dass es ein grober Fehler war, sich mit einem Burschen vom Kaliber eines Finn Corcoran einzulassen. Doch nun war es zu spät. So einfach wurde man ihn nicht mehr los. Und das Wissen versetzte ihn in eine panische Angst.

Corcoran hatte ihn ausgelacht. Mehr noch. Er hatte ihn verhöhnt.

Verdammt, dabei bin ich der Boss, schoss es ihm durch den Kopf. Ich sage, wo der Hase langläuft. Ich, Charles Blaisdell!

Aber Blaisdell konnte es drehen, wie er wollte – die Fakten lagen auf dem Tisch. Er hatte sich den Wolf im Schafspelz ins Boot gezogen.

Was man sich holt, kann man auch wieder weggeben!

Aber wie?

Er musste sich etwas einfallen lassen.

Aber was?

Seine Hände zitterten, als er die Reiterfigur zurück ins Regal stellte. Er brauchte dringend einen Drink. Daher ergriff er eine der Flaschen auf dem Glastisch und machte sich nicht die Mühe, ein Glas zu benutzen.

Er zog den Korken heraus und trank aus der Flasche.

 

*

 

»Denken Sie nicht daran, junger Mann. Vergessen Sie es. Sie sind nicht transportfähig. Sie haben sich da eine schreckliche Wunde zugezogen. Ihr Bein braucht Ruhe. Und vor allen Dingen Pflege, wenn Sie es jemals wieder gebrauchen wollen. Sie bleiben hübsch hier.«

Doc Mahoon nahm ein Handtuch vom Haken und trocknete seine Hände sorgfältig ab. Dabei sahen seine Augen durch die Nickelbrille mit besorgter Miene zu Pecos herüber. Der saß auf dem Krankenbett und war recht bleich im Gesicht. Bis zum Schluss hatte er geglaubt, der Doc würde ihm etwas Salbe auf die Wunde schmieren und er könnte dann zusammen mit Fuller wieder zum Camp zurück.

Fehlanzeige.

Der Stier hatte das Bein am Oberschenkel mit den Hörnern regelrecht aufgeschlitzt. Mahoon konnte beim Nähen schon auf den Knochen schauen.

Fuller lehnte im Türrahmen und rieb sich übers Kinn. »Schätze, ich werde für eine Weile deinen Job übernehmen, Pecos.«

»Fuller, du willst mich doch nicht allen Ernstes hier alleine lassen?«

»Na, soll ich dir hier tagelang Händchen halten? Wirst seh´n, Pecos. Wenn du doch daran hältst, was der Doc dir sagt, können wir dich in ein paar Tagen wieder holen, richtig, Doc?«

Mahoon schüttelte den Kopf. Er hängte das Handtuch sorgfältig an den Haken und strich es glatt. »Mit ein paar Tagen ist es nicht getan. Hier ist richtige Pflege oberstes Gebot. Die Wunde ist nicht ungefährlich. Und dabei hatte der Mann richtig Glück.« Doc Mahoon sah zu Pecos herüber. »Sagen Sie mal, junger Freund; haben Sie bei der Arbeit keine von diesen Chaparajos getragen? Ich dachte, Ihr Boss legt da peinlichen Wert drauf.«

Pecos wurde rot.

»Nun, Doc. Ich war bei der Brennmannschaft. Es war heiß und ich hatte mir die Dinger vorher abgelegt. Nur für einen Moment. Wollte sie auch wieder überziehen. Aber da war´s schon passiert. Verdammt, sagen Sie bloß Jed Nolan nichts davon. Der reißt mich in tausend Stücke. Reicht schon, dass ich mir von Fuller den ganzen Weg über Standpauken anhören lassen musste.«

Fuller presste die Lippen zusammen. Ihn traf gewissermaßen einen Teil der Schuld. Er hätte besser aufpassen müssen. Er selbst hatte sich auch angewöhnt, die schwerledrigen Chaparajos zu tragen.

Nun, ein zweites Mal würde es nicht geben. Das hatte er sich geschworen.

Fuller wandte sich zum Gehen. »Hör auf den Doc, Shorty. Die Geschichte soll eine Lehre für uns sein. Kurier dein Bein. Hast ja hier ne hübsche Pflege. Apropos. Wo ist sie eigentlich – Miss Hazelwood, meine ich.«

»Oh, sie hat heute ihren freien Tag und ist ausgeritten.«

Fuller grinste breit. »Richtung Nolan-Ranch, nehme ich an.«

Der Doc sagte nichts, erwiderte aber Fullers Grinsen mit einem wissenden Lächeln. Das sagte alles aus. Fuller hob grüßend die Hand zum Abschied und trat hinaus auf die Straße. Reger Betrieb herrschte auf der Main-Street, als Fuller sie überquerte. Er wollte die Stadt nicht verlassen, um sich einen gehörigen Vorrat an Lakritzstangen aus dem Store zu besorgen.

Vor dem Cronicle lungerten müßig ein paar hartgesichtige Gestalten herum, die ihm nicht gefielen.

Überhaupt, dachte er, sind in letzter Zeit sehr viele Kerle in die Stadt gekommen, denen man nicht im Dunkeln begegnen sollte. Und seltsamerweise waren die immer in der Nähe des Cronicle anzutreffen, stellte er fest.

Fuller spürte, dass eine lastende Spannung über der Stadt lag. Ein Gefühl. Sonst nichts. Aber bislang konnte er sich auf seine Gefühle verlassen. Und auf seine Instinkte.

Er hörte eine ältere Frau schimpfen: »Unmöglich, das Verhalten. Früher hätte es das nicht gegeben. Da hat man einer Dame noch Platz gemacht.«

Fuller trat auf den Gehsteig vor dem Store. Ein Mann im abgetragenen Anzug lehnte dort am Pfeiler. Der sah nicht sehr glücklich aus. Sein Gesicht war gerötet und seine Augen blickten zornig in die Richtung des Cronicle. Fuller hörte den Mann sagen: »Wir brauchen einen Marshal, der mal wieder für Ordnung sorgt.«

Fullers Blicke wanderten nun ebenfalls zum Cronicle. Ein paar Burschen hatten dort mittlerweile den ganzen Platz belagert, so dass Passanten, die an ihnen vorbeigehen wollten, auf die Straße ausweichen mussten.

»Was sind das für Burschen?« fragte er den Mann.

Dieser zuckte mit den Schultern. »Übles Gesindel, wie unschwer zu erkennen ist. Scheinen neuerdings für Blaisdell zu arbeiten. Ihr Anführer heißt Finn Corcoran.«

Fuller schürzte die Lippen und stieß einen leichten Pfiff aus.

»Kennen Sie den Mann, Mister?«

Fuller nickte. »Schon von ihm gehört.«

Finn Corcoran!

Ein Name, der Fuller nicht gefiel. Und dessen Ruf noch viel weniger. Er hätte jetzt zahlreiche Delikte aufzählen können, die für die Anzahl seiner Finger nicht gereicht hätte.

Wenn Corcoran also in der Stadt war, dann konnte das nur eins bedeuten: höllischen Ärger.

Es lag Fuller auf der Zunge, aber er sagte nichts. Er ließ den verärgerten Mann stehen und ging in den Store.

Zwei Männer waren im Store und lümmelten vor dem Tresen. Fuller sah sofort, dass sie unter Alkoholeinfluss standen. June stand hinter dem Tresen. Ihre Wangen waren gerötet. Die Augen blickten zornig.

Als Fuller eintrat, glaubte er so etwas wie Erleichterung in ihrem Gesicht zu erkennen. Eine Welle von spannungsgeladener Stimmung schlug ihm entgegen. Fuller hatte einen der beiden Männer schon einmal gesehen. An dem Tag, als die Kutsche mit den Mädchen in die Stadt kam und vor dem Cronicle gehalten hatte. Ein gedrungener Bursche mit schmalem Gesicht und eingefallenen Wangen, einer spitzen Nase und fast gelblichen Augen, die im Augenblick glasig zu ihm herüberstierten. Fuller konnte sich noch deutlich an ihn erinnern, weil er es war, der die Mädchen schroff behandelt hatte.

Den anderen Mann kannte Fuller nicht. Der war größer als sein Nebenmann und stämmig gebaut. Er hatte eine außergewöhnlich spitze Nase und abstehende Ohren. Sein grauer Stetson war aus der Stirn geschoben und weißes, lockiges Haar lugte darunter hervor. Er trug eine hellbraune Weste mit zahlreichen Stickereien als Verzierungen.

Beide hatten zwei Colts in tiefgeschnallten Zwillingshalftern. Der Weißhaarige mit den Kolben nach vorne.

Sie musterten ihn unverschämt und grinsten.

»Hallo, Gil. Ich bin sehr erfreut, Sie mal wieder zu sehen«, rief June laut aus. Zu laut, wie Fuller fand. Er tippte lässig an die Krempe seines Stetsons.

»Hallo, Miss June«, grüßte er und trat näher an den Tresen heran. Keiner der beiden Männer machte Anstalten, Platz zu machen. Fuller schob sich dicht an den Weißhaarigen heran, der ihm am nächsten stand. Übler Whiskyatem schlug ihm von der Seite entgegen.

»Was kann ich für Sie tun, Gil?«

Fuller entging nicht das leichte Flackern in ihren Augen. Ein Warnzeichen. Das hatte er verstanden.

Fuller tippte mit dem Zeigefinger gegen das Glas mit Lakritzstangen auf dem Tresen. »Die hätte ich gerne, Miss June. Und zwar – alle.«

June brachte ein zaghaftes Lächeln zustande. »Alle für Sie, Gil, oder hat die Mannschaft bereits Gefallen daran gefunden?«

»Die Jungs machen sich nichts daraus. Gott sei Dank«, antwortete Fuller und grinste breit. Nach außen hin gab er sich gelassen. Aber innerlich war er bis zur letzten Faser angespannt.

»Chick, findest du nicht auch, dass es plötzlich hier mächtig stinkt?«, sagte der Weißhaarige plötzlich. Aus den Augenwinkeln sah Fuller, wie Chick heftig nickte.

Mit einer Stimme, die an einen piepsenden Vogel erinnerte, erwiderte Chick: »Ja, Grogg. Es stinkt hier nach einem Kleinkind, das mit Kühen spielt. Nur ein Kleinkind frisst solch einen Mist.«

Fuller angelte eine Lakritzstange aus dem Glas und drehte sich zu den beiden um. Er sah in Groggs Gesicht. Der lachte und riss dabei seinen Mund sehr weit auf. Eine Reihe lückenhafter Zähne strahlte Fuller entgegen. Chick, der kleinere, fing ebenfalls an zu lachen. Das klang wie bei einer Hyäne.

Fuller fand das alles andere als spaßig. Und so rammte er mit der Linken die Lakritzstange in Groggs offenen Mund. Im gleichen Moment zuckte seine Rechte vor und langte nach einem von Groggs Revolvern. Noch ehe der Bursche reagieren konnte, hatte Fuller den Revolver in der Faust und drückte den Lauf unter das Kinn des anderen. Mit einem lauten Klicken spannte er den Abzugshahn.

Grogg erstarrte mitten in der Bewegung. Ein Röcheln entrang sich seiner Kehle. Es sah wirklich komisch aus, wie er in starrer Haltung vor Fuller stand und die lange Lakritzstange aus seinem verzerrten Mund herausragte.

Chicks Hände langten zu den Colts. Im gleichen Augenblick beschrieb Fullers Rechte einen Bogen. Der Lauf von Groggs Waffe krachte gegen Chicks Schädel. Der verdrehte die gelblichen Augen und sackte wie ein nasser Sack zu Boden. Fuller drückte den Revolver wieder unter Groggs Kinn.

»Grogg und Chick. Das klingt richtig dämlich. Ja, ehrlich; das hört sich nach zwei Idioten an, die nicht mehr alle Latten am Zaun haben.«

Fuller drückte den Lauf noch fester gegen Groggs Kinn. Der hatte immer noch die Lakritzstange im Mund. Und zitterte. Seine Augen schielten auf den Revolverlauf, der fest unter sein Kinn gedrückt wurde.

Ohne den Blick von Grogg zu nehmen, sagte Fuller: »Haben diese beiden Vögel Sie belästigt, Miss June?«

»Es … es war nicht der Rede Wert, Gil. Sie sind betrunken und haben nur etwas dummes Zeug geredet, aber … «

»Miss June!«

»Nein, Gil.«

Fuller nickte. »Da hast du aber mächtig großes Glück gehabt, Freund Grogg. Denn wenn die Lady jetzt etwas anderes gesagt hätte, hätte ich dir jetzt deinen verdammten Revolver zum Fressen gegeben. Stattdessen darfst du die Lakritzstange aufessen, die dir in deinem Maul klebt. Wie war das eben? Nur Kleinkinder fressen solch einen Mist?«

»Mister, ich … «

»Iss sie!«

Grogg biss ein Stück ab und begann widerwillig zu kauen. Fuller packte ihn am Arm und riss ihn heftig herum, so dass er plötzlich in Richtung Tür stand. Er drückte ihm die Revolvermündung in den Rücken. Mit der Linken zog er Groggs zweiten Revolver aus dem Halfter und verstaute ihn in seinem eigenen Hosenbund.

»Tür auf!«, herrschte er ihn an. Grogg gehorchte. Fuller versetzte ihm einen derben Fußtritt in den Hintern. Grogg sauste nach draußen, stolperte und fiel über den Gehsteig auf die staubige Straße. Fuller packte den bewusstlosen Chick am Hosenbund und Kragen und warf ihn wie einen Sack hinter Grogg her. Chick landete neben seinem Kumpan im Staub der Main-Street.

Grogg erhob sich stöhnend.

Passanten waren stehengeblieben und sahen neugierig auf das Schauspiel. Fuller trat aus dem Store. Er nahm die Patronen aus der Kammer von Groggs Revolver und warf ihn vor dessen Füße.

Grogg blickte ihn aus stumpfen Augen an. Dann wanderten seine Blicke zum Cronicle herüber. Dort befand sich immer noch eine Gruppe von Männern. Die starrten herüber. Aber keiner von denen machte Anstalten, etwas zu unternehmen. Sie standen einfach nur da und sahen zu. Wenn Grogg auf Unterstützung gehofft hatte, so wurde er in diesem Augenblick enttäuscht.

Das zeigte auch sein Gesichtsausdruck. Mit einer seltsamen Mischung aus Furcht und Hass sah er wieder zu Fuller. Der hatte inzwischen die Patronen aus Groggs zweitem Revolver entnommen. Die Waffe landete ebenfalls vor Groggs Füßen.

Fuller steckte die Patronen in die Westentasche.

»Nimm deinen Partner und verschwinde, Grogg, oder wie immer du heißen magst. Und lass dir ja nicht einfallen, mir noch mal unter die Augen zu kommen.«

Grogg wollte etwas erwidern. Sein breiter Mund klappte auf und wieder zu. Dieser Mann in der Tracht der Weidereiter war spielerisch mit zwei Mann fertig geworden. Das ließ ihn vorsichtig werden. So half er dem benommenen Chick auf die Beine.

Fuller blickte zum Cronicle herüber.

Die Männer vor dem Saloon stierten in seine Richtung. Aber noch immer machte keiner Anstalten, einzugreifen. Dennoch sah Fuller deutlich die lauernden Haltungen der Männer. Ihm war klar, dass Grogg und Chick zu dieser Gruppe gehörten. Aber sie hielten sich zurück.

Fuller erkannte Finn Corcoran unter den Männern. Er erkannte ihn wieder, obwohl es lange her war, seit er ihn das letzte Mal sah. Die schlanke Gestalt des Gesetzlosen lehnte lässig am Stützpfeiler. Keine Miene regte sich in seinem Gesicht. Ein leichtes Nicken mit dem Kopf deutete darauf hin, dass er Fuller erkannt hatte.

Grogg, der seinen benommenen Kumpan über die Straße geschleift hatte, erreichte nun den Cronicle. Die Männer sprachen etwas. Ihre Worte konnte Fuller nicht verstehen. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Und Fuller war klar, dass nur ein einziges Wort von Finn Corcoran genügen würde, um sie auf ihn loszulassen.

Aber es kam nichts.

Stattdessen gingen sie nacheinander in den Saloon. Finn Corcoran als Letzter. Dabei sah er die ganze Zeit in Fullers Richtung, bis er durch die Schwingtür gegangen war.

Die Traube schaulustiger Passanten löste sich auf. Fuller ging in den Store zurück. June war hinter dem Tresen hervorgekommen. Ihr Gesicht war blass, als sie zu ihm aufsah.

»Tut mir leid, Miss June, dass ich so rau werden musste«, sagte Fuller. June wischte sich eine widerspensitige Locke aus dem Gesicht und winkte ab.

Sie sagte: »Ich denke, sie haben es verdient. Gil, in letzter Zeit tauchen immer mehr solcher seltsamen Männer in der Stadt auf. Sie scheinen sich alle bei Blaisdell zu treffen. Der Mann hat irgend etwas vor, was mir nicht gefällt.«

»Hat das etwas mit Jed Nolan zu tun?«

June zuckte mit den Schultern.

»Blaisdell hat Jed schon immer gehasst. Ihn, und alles was mit der Nolan-Familie zu tun hat. Es kam immer wieder zu Sticheleien. Aber Blaisdell konnte ihnen niemals das Wasser reichen. Es ist möglich, dass er etwas plant, um Jed zu schaden – und seinen Brüdern.«

»Finn Corcoran ist unter diesen Männern. Scheint ihr Anführer zu sein. Ein ziemlich übler Bursche.«

„Sie kennen den Mann?«

»Ich bin ihm vor Jahren einmal begegnet. Ich kenne seinen Ruf. Wie dem auch sei. Wir werden auf der Hut sein.«

Fuller langte nach dem Glas mit den Lakritzstangen. »Was bin ich Ihnen schuldig?«

»Lassen Sie nur, Gil. Ein Dankeschön für Ihr Eingreifen.«

Er nickte und und erwiderte ihr Lächeln.

Sie ist schön, wenn sie lächelt, dachte Fuller. Ja, eine regelrecht schöne Frau! Zu schade nur, dass sie…

Er tippte mit dem Zeigefinger an die Hutkrempe. »Auf Wiedersehen, Miss June.«

Fuller wandte sich zum Gehen, als ihre Stimme ihn noch mal umdrehen ließ.

»Gil?«

»Miss June?«

»Sie sind Jed sehr ähnlich. «

Fuller hob überrascht die Augenbrauen. Das hatte er nicht erwartet.

June lehnte am Tresen und hatte die Arme ineinander verschränkt. Ihr prüfender Blick verunsicherte ihn. Er räusperte sich. »Wie kommen Sie darauf?«

»Vorhin, als Sie sich die beiden Männer vorgenommen hatten … ich weiß nicht, aber Jed hätte genauso gehandelt. Jed gibt sich oft sehr rau. Sie sind feiner in Ihrer Art. Aber trotzdem sind Sie einander sehr ähnlich.«

»Nur hätte Jed wahrscheinlich keine Lakritzstange in die Hand genommen«, antwortete Fuller grinsend.

June lachte herzlich auf. Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, das hätte er bestimmt nicht.» Sie wurde plötzlich wieder ernst. »Passen Sie auf sich auf, Gil.«

„Klar. Wiedersehen, Miss June.«

Er verschwand mit dem Glas Lakritzstangen unterm Arm aus dem Store. Beim Überqueren der Straße sah er zum Cronicle herüber.

Es stand keiner mehr vor dem Saloon.

Eine verdammt schöne Frau!, dachte er, als er mit dem Wagen aus der Stadt fuhr.

 

 

6. Kapitel

 

 

Grogg blickte Corcoran wütend an. »Und ihr habt alle nur dumm dagestanden geglotzt.«

Finn Corcoran lehnte lässig an der Theke. Er schenkte sich einen Whisky ein und grinste Grogg hohnvoll entgegen.

»Hat doch keiner gesagt, dass ihr euch unbedingt mit Gil Fuller anlegen sollt, oder?«

»Fuller?«, stieß Grogg überrascht hervor. »Du meinst, dieser Hombre in der Cowboymontur war …«

»Ja, du Held. Gil Fuller höchstpersönlich. Und der hätte es auch mit drei von eurem Kaliber aufgenommen.«

Grogg winkte ab. »Was soll´s, Finn! Ihr standet mindestens mit vier Mann herum. Außerdem: wer sagt dir denn, dass das wirklich Fuller war? Dachte, den hätte man in Mexiko erledigt.«

»Mit dem Denken ist´s bei dir weit her, mein lieber Grogg. Verlass dich drauf. Das war Fuller. Den Burschen erkenne ich sofort wieder.«

»So, du kennst ihn, was, Finn? Hast womöglich Angst vor ihm.«

Das Grinsen verschwand aus Finn Corcorans Gesicht. Seine schwarzen Augen blickten Grogg zornig entgegen. Er knallte das Glas auf den Tisch und stieß sich von der Theke ab. Sein Körper nahm eine drohende Haltung an. Mit lauter Stimme sagte er: »Ich sag´s nur einmal, Grogg: Ich habe vor niemandem Angst. Krieg das in deinen verdammten Schädel.«

Es war auf einmal ganz still im Saloon. Charles Blaisdell, der an einem Tisch saß und bislang stumm zugehört hatte, blickte auf. Grogg, der oft den Jähzorn Corcorans miterlebt hatte, hob beschwichtigend die Hände: »Schon gut, reg dich ab. Hab´s nicht so gemeint. Aber ich verstehe nicht …«

Corcorans Haltung lockerte sich. Er lehnte sich wieder an die Theke und nahm sein Glas auf. Seine Stimme war plötzlich sanft, fast freundlich. »Fuller ist ein besonderes Kaliber, Grogg. Dem ist mit ner Kugel nicht so schnell beizukommen. Alles zu seiner Zeit. Die Sache mit ihm müssen wir anders erledigen. Im Augenblick ist nicht die Zeit dafür. Wir haben wichtigere Dinge zu tun - vorerst.«

Corcoran sah zu Chick herüber, der wie ein nasser Sack auf einem Stuhl saß. Lilly hatte ihm einen Verband um den Kopf gewickelt. Der Schlag mit dem Revolver hatte ihm ziemlich zugesetzt. Chick stöhnte und war ganz blass im Gesicht.

»Hör auf zu stöhnen«, hörte Corcoran Lilly sagen. Er beobachtete, wie sie mit schnellen Bewegungen die restlichen Verbandsutensilien in eine Tasche verstaute. Dabei blieb sein Blick unweigerlich auf ihren vollen Brüsten haften, deren Konturen einladend unter dem engen Kleid zur Geltung kamen. Lilly trug ein tief ausgeschnittenes Seidenkleid ,und es entblößte mehr, als für Corcorans Augen gut war.

Aber es waren nicht nur Lillys wohlgeformte Rundungen, die seine Erregung entfachte. Sie ließ sich nichts gefallen. Ihr konnte man so schnell nichts vormachen. Sie verstand ihr Geschäft.

Sie war anders, als die anderen Saloonmädchen.

Corcoran grinste, während seine schwarzen Augen gierig jede Bewegung von ihr verfolgten.

Ja, die hat Haare auf den Zähnen… die ist richtig!

Instinktiv befühlte er seine rechte Wange, die schon einmal mit Lillys flacher Hand Kontakt aufgenommen hatte. Da hatte Finn Corcoran noch geglaubt, mit einer billigen Tour bei ihr durchzukommen.

Er wurde schnell eines Besseren belehrt.

Fortan gestand er sich ein, dass man eine Frau wie Lilly anders behandeln müsse, wenn man bei ihr landen wollte.

Und das wollte er.

Lilly Gant reizte ihn bis aufs Blut.

Und irgendwann würde er sie schon zähmen.

Das hatte er sich fest vorgenommen. Sie würde ihm schon noch aus der Hand fressen. Aber das konnte natürlich nicht auf eine billige Tour funktionieren.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Lilly streckte das Kinn vor und zog die Mundwinkel ihrer vollen Lippen nach unten. Dann warf sie verächtlich den Kopf zur Seite.

Warte nur, dachte Corcoran. Mit dir werde ich schon fertig.

Er sah zu Charles Blaisdell herüber. Und er sah den hasserfüllten Blick des Saloonbesitzers. Corcoran grinste zu ihm herüber und Blaisdell wandte den Blick ab. Er begann, eine Patience zu legen.

Corcoran kippte seinen Drink. Er war zufrieden. In seinen Augen hatte Blaisdell schon lange die Oberhand verloren.

Verloren?

Er hatte sie noch nie gehabt.

Blaisdell, so entschied Corcoran, war ein aufgeblasener Schwächling. Hinter der Fassade des aufgeputzten, wichtigtuerischen Geschäftsmannes steckte ein Nichts.

Er füllte sein Glas, trank und dachte dabei: Erst werde ich dir Lilly nehmen und dann deinen verdammten Laden. Und am Ende trete ich dich in den Dreck. Doch vorher werden wir unseren Job erledigen, für den du uns so großzügig bezahlt hast, alter Freund. Alles zu seiner Zeit…

 

*

 

Tom Nolan griff in das Körbchen, welches Rita für das Picknick mitgenommen hatte und brachte ein gekochtes Ei zum Vorschein.

Sie saßen beide auf einer ausgebreiten Decke inmitten einer ausgedehnten Graslandschaft, die sich, von zahlreichen Buschgruppen und einigen Felsgruppierungen unterbrochen, bis zu den Ausläufern einer Hügelkette erstreckte. Die Sonne stand bereits im Westen. Ein roter Feuerball, der das Land in ein organgefarbenes Licht tauchte. Am Himmel zeigten sich kleine Wolkengruppen, die langsam vorüberzogen.

Ein warmer Wind strich über das Land.

Es herrschte eine harmonische Stille, die ab und zu durch das Zwitschern der Vögel unterbrochen wurde und von dem gelegentlichen Schnauben der beiden Pferde, die am Zweispänner angeschirrt waren und geduldig auf den Aufbruch warteten. Aber daran dachten weder Tom noch Rita. Tom legte zaghaft einen Arm um ihre schmalen Schultern, während er sich das gekochte Ei in den Mund schob. Rita lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Tom sog den Duft ihres weichen Haares durch die Nase.

Rita sagte nach einer Weile: »Ich habe viel über dich nachgedacht Tom. Es ist schön, in deiner Nähe zu sein. Du bist anders als die Männer hier. Es ist ein raues Land und die Menschen, die hier leben, sind es auch. Auch deine Brüder sind anders als du. Du passt hier nicht hin.«

»Ich bin hier aufgewachsen, Rita. Hier sind meine Wurzeln, hier ist unser Zuhause. Meine Brüder brauchen mich.«

Rita schüttelte leicht den Kopf. »Deine Brüder? Denkst du dabei nur an sie?«

Er strich ihr sanft durchs Haar.

»Nein. Aber manche Dinge kann man sich nicht aussuchen, Rita. Das solltest du wissen. Außerdem … warum sollte ich anders sein?«

»Hast du dir denn nie Gedanken über deine Zukunft gemacht, Tom? Du bist jung. Du bist klug und gebildet. Du bist alles andere als ein Rindermann. Du beschäftigst dich mit Büchern und liebst es, hinter einem Schreibtisch zu arbeiten. Dinge, die ich mir nie von deinen Brüdern vorstellen könnte.«

Ein leichtes Lächeln zog sich durch Toms Gesicht.

»Natürlich habe ich oft an ein anderes Leben gedacht. Vor Jahren schon. Dann kam der Krieg und löschte viele Illusionen aus. Im Krieg hatte ich überleben gelernt. Zusammen mit meinen Brüdern Amos und Johnny. Da war kein Platz für Zukunftsvisionen und Träume. Und jetzt, da wir alle wieder auf der Ranch leben … nun … «

Er sprach nicht weiter, sondern blickte fragend in Ritas Gesicht. Sie hatte sich ihm zugewandt. Eine attraktive, junge Frau, dunkelhaarig und mit schmalen Lippen. Warmherzig und doch zurückhaltend, leidenschaftlich und auch kühl. Tom wusste, dass sie, wenn sie einmal liebte, dies mit aller Leidenschaft tat, die in ihr steckte. Und davon gab es viel.

Sie strich sanft über Toms Wange.

»Seit dem Tod meines Mannes habe ich mich noch nie zu jemand so hingezogen gefühlt, wie zu dir, Tom. Wir sind einander sehr ähnlich. Ich bin sensibel und du bist es auch. Du verstehst es, dich in Menschen hineinzudenken und zu erkennen, wie sie fühlen. Tom – ich würde gerne mit dir fortgehen, wenn du nur dazu bereit wärest.«

Ihre Worte berührten ihn. Sie brachten etwas zum Vorschein, was tief in ihm verborgen lag. Etwas, was ihn quälte. Sein Gesicht zeigte, was ihre Worte in ihm auslösten. Und Ritas Stimme wurde drängender, als sie fortfuhr: »Du bist nicht glücklich in diesem Land rauer Männer. Du magst im Krieg das Kämpfen gelernt haben, Tom. Aber dir ist die Gewalt verhasst. Deine Zukunft liegt nicht hier. Sie ist woanders. Du weißt es, und das quält dich. Ich habe oft gehört, wie du im Schlaf fantasiert hattest. Du hattest vom Krieg gesprochen. Vom Töten und …«

„Du … du hast es mitbekommen?«

Die Pferde beim Zweiergespann wurden plötzlich unruhig. Der Braune begann zu schnauben, während der Schwarzgefleckte ein paar Mal mit den Hufen auf den Boden stampfte und ein Wiehern ausstieß, das wie eine Warnung klang.

Eine Warnung, die für Tom und Rita zu spät kam. Das metallische Klicken eines Revolvers drang unnatürlich laut in die Stille herein, in der sie umgeben waren. Tom sprang von der Decke auf und wirbelte herum. Seine Rechte sauste unweigerlich dorthin, wo normalerweise sein Revolver im Halfter saß.

Normalerweise…

Er hatte den Waffengurt abgenommen. Der lag zusammen mit dem Gewehr in Ritas Buggy. Ein Picknick mit Waffen, das war für Tom nicht schicklich.

Eine Entscheidung, die er in dieser Sekunde bitter bereute.

Denn vor ihm standen vier Männer. Und die sahen alles andere als einladend aus.

Rita stieß einen erstickten Schrei aus.

Tom lag ein wilder Fluch auf den Lippen. Die vier hatten sich von hinten angeschlichen, während er und Rita nichtsahnend beim romantischen Picknick saßen.

Sie saßen hoffnungslos in der Falle.

Zwei der Männer hatten ihre langläufigen Revolver gezogen und sie auf ihn und Rita gerichtet. Ihre Gesichter waren hart, unrasiert und staubig. So wie ihre Kleidung, die sie trugen. Zwei von ihnen hatten lange sandfarbene Staubmäntel an, die ihnen bis zu den Stiefelschäften reichten. Einer war ein Mexikaner mit dichtem Schnurrbart. Ein Auge wurde durch eine schwarze Augenklappe verschlossen. Er trug einen Kreuzgurt über seinem Hemd am Oberkörper. Ein langes Messer steckte in einer Scheide an der Seite.

»Ich wusste, dass wir uns wiedersehen würden, Nolan.«

Der Sprecher, einer der Staubmantelträger, war groß und dünn. Sein ungepflegter Schnurrbart war mit braunen Tabakflecken durchzogen. Er hatte Lippen so schmal wie Rasierklingen. Langes, graues Haar wehte im Wind.

Und Tom fuhr es mit heißem Schrecken durch den Kopf:

Hardesty!

Er hatte es verdrängt. Das Gefangenenlager der Nordstaastler in Benton, Missouri! Nur in seinen Träumen erschienen noch diese Bilder. Die Schreie der Gefangenen drangen an seine Ohren. Und der Mann mit der Peitsche, der sie immer wieder schlug. Er hatte immer gelacht.

Laut, höhnisch und grausam!

»Ich sehe es dir an, dass du dich gut an mich erinnerst, Freund. Ja. Ist ein Weilchen her.«

Toms Augen hingen wie gebannt an dem Mann mit dem wehenden Haar. Dem Mann mit der Peitsche aus Benton, Missouri.

»Der Krieg ist vorbei, Hardesty. Vergessen und vergraben.«

Hardesty lachte. Und es klang wie damals im Lager.

»Der Krieg schon – ihr Nolans nicht!«

»Zum Teufel! Was willst du?«, schrie Tom zu ihm herüber.

»Eigentlich war´s bloß Zufall, dass wir hier auf dich gestoßen sind. Auf dich und deine süße Braut da neben dir. Ein herrliches Frauenzimmer. Gefällt mir gut. Nun, dazu komme ich später.« Er schnalzte anzüglich mit der Zunge und fuhr fort: »Wir haben momentan geschäftlich in Spanish Crossing zu tun, musst du wissen, Nolan. Und welch Freude, siehe da: bei einem kleinen Spazierritt durch das herrliche Land in Richtung Stadt stoßen wir auf dich. Das trifft sich natürlich gut, haben wir uns gedacht, unsere Gäule da hinten angepflockt und uns ganz leise angeschlichen, um eine kleine Überraschung zu inszenieren. Erinnerst du dich, Nolan? Ich war schon immer für kleine Überraschungen zu haben.« Er kicherte. Das Kichern eines Verrückten.

Und Tom dachte insgeheim, dass Hardesty noch viel irrer geworden sein musste, als damals im Lager, als er noch Aufseher war.

Tom wagte einen Blick zu Rita. Die war weiß wie eine Wand. Er konnte nichts tun und fühlte sich hilflos wie ein kleines Kind. Es war völlig klar, was diese Männer vorhatten. Dazu bedurfte es keiner großen Worte. Das stand deutlich in ihren Gesichtern.

»Als du und deine beiden Brüder so mir-nichts-dir-nichts das Lager verlassen hattet, da habt ihr drei gute Männer zurückgelassen. Tot waren sie. Und es waren meine Kameraden. Gute Nordstaatler, solide und ehrenhaft. Ihr habt sie bei eurer Flucht einfach erledigt. Nolan, das habe ich nicht vergessen.«

Das Grinsen, welches Hardesty in sein hageres, faltiges Gesicht legte, wirkte wölfisch. In seinen Augen blitzte es tückisch. Der Lauf des langläufigen Revolvers zeigte auf Toms Bauch.

»Ich habe keine Waffe, Hardesty.«

Hardesty zuckte mit den Schultern. »Stört mich nicht.«

»Das Mädchen hat nichts mit uns zu tun. Lass sie laufen.«

»Vielleicht – wenn wir mit ihr fertig sind. Aber erst werden wir uns mit dir beschäftigen Nolan. Du zuerst, dann das Mädel. Und später suchen wir deine Brüder auf. Wird ein Mordsspaß.«

Tom ballte die Fäuste. Er sah in vier hähmisch grinsende Gesichter. Eines gemeiner als das andere.

Seine Stunde schien geschlagen.

 

*

 

June ging ihm nicht aus dem Kopf. Während der Rückfahrt zum Camp sah er sie immer wieder vor sich – ein liebreizendes Lächeln um ihren vollen Mund, mit klaren, großen Augen und langes, wallendes Haar.

Zum Teufel, sie ist Jed Nolans Mädel! Schlag sie dir aus dem Kopf!, durchfuhr es ihn. Aber das wollte nicht klappen.

Gil Fuller dachte an June.

Er trieb das Zweiergespann zu schnellerer Gangart an. Das half zwar, vertrödelte Zeit aufzuholen, aber nicht, um seine Gedanken zu vertreiben.

Es gibt Tausende von hübschen Mädels – warum gerade sie? Dieses Lächeln…

Fuller nahm die Zügel in die linke Hand, während seine rechte in die Brusttasche seines Hemdes glitt. Dort befand sich ein kleiner Vorrat der heiß geliebten Lakritzstangen. Das Glas mit dem Rest hatte er neben sich auf dem Sitz verfrachtet. Er brauchte etwas zur Beruhigung, schob sich eine Stange in den Mund und lutschte lustlos darauf herum.

June, dachte er, hätte nicht so lächeln dürfen.

Und dann fiel ihm ihre Warnung ein. Etwas war gegen die Nolan-Ranch im Gange. Das klang deutlich aus ihren Worten heraus. Finn Corcoran kam nicht ohne Grund mit einer Gruppe hartgesottener Männer nach Spanish Crossing. Corcoran war weit von seinem Einzugsgebiet entfernt. Sicherlich mochte ihm der Boden in Westtexas zu heiß geworden sein und er brauchte daher dringend Luftveränderung. Aber einer wie er tauchte nur dann irgendwo öffentlich auf, wenn eine lohnende Sache auf ihn wartete.

Jed Nolan dürfte inzwischen längst mit Luis Santero wieder im Camp sein, überlegte Fuller. Natürlich hatten ihm die Männer von Pecos Unfall berichtet. Und so, wie er seinen Boss kannte, würde dieser nun ungeduldig auf die Nachricht aus der Stadt warten. Wenn der Boss erfährt, dass Pecos seine Chaps nicht umgeschnallt hatte, als der Stier sein Bein aufschlitzte, ist ein höllisches Donnerwetter zu erwarten.

Fuller kannte seinen Boss und die Einstellung zum Tragen der Arbeitskleidung sehr gut. Da verstand Jed Nolan keinen Spaß.

Am Wegrand sah Fuller vier gesattelte, aber reiterlose Pferde stehen. Sie waren lose an einem Busch angebunden. Die Scabbards, in denen gewöhnlich Gewehre steckten, waren leer. Fuller brachte den Wagen zum Stehen. Seine Augen suchten die Gegend ab.

Da hörte er einen Schrei. Den Schrei einer Frau. Ganz aus der Nähe war er gekommen. Fuller langte nach seinem Henrygewehr und sprang vom Wagen. Er spähte nach links und rechts des Weges, während er sich in geduckter Haltung den vier Pferden näherte. Wieder ertönte der Schrei einer Frau. Er schob sich an den Tieren vorbei und spähte durch das dichte Gebüsch. Sein Gewehr hielt er in beiden Händen. Gedämpfte Stimmen drangen zu ihm herüber, schmerzvolles Stöhnen, vermischt mit dem Schreien einer Frau.

Noch konnte er nichts erkennen. Das Gebüsch, das ihn umgab, war zu dicht. Er arbeitete sich durch das dornige Buschwerk hindurch und fluchte leise, als sich ein paar Dornen ins Fleisch bohrten. Mit dem Kolben des Gewehres schob er ein paar Zweige und Blättergewälk zur Seite. Er hatte nun freie Sicht hinunter in eine Talsenke mit hohem Grasbestand.

Dann bekam er etwas zu sehen, das eine heftige Zorneswelle in ihm hochsteigen ließ.

Jemand war dort unten in eine üble Situation geraten. Und dieser Jemand war kein anderer als Tom Nolan. Vier Männer hatten ihn in der Bredouille. Genau gesagt drei. Zwei hielten ihn an den Armen fest, während ein dritter sich einen Spaß daraus machte, auf den Wehrlosen einzuschlagen. Der vierte Mann zerrte eine Frau in Richtung des Zweispänners, der dort unten stand. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen gegen ihn. Sie hatte Fuller den Rücken zugewandt, so dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Aber er wusste auch so, wer diese Frau war.

Alleine der Zweispänner gab Fuller Ausschluß darüber. Es war ein schwarzer Buggy mit einer goldgeprägten Rose auf dem Rücksitz. Und den fuhr nur eine Person: Rita Hazelwood.

Die Schläge, die Tom verabreicht wurden, drangen bis zu Fuller herüber. Tom hatte keine Chance. Und für Fuller sah es so aus, als würden sie ihn toschlagen wollen. Nicht nur das; der Vierte hatte auch nichts Gutes mit Rita im Sinn. Der Kerl da unten – ein Mexikaner, wie Fuller erkannte – packte sie am Haarschopf und zog sie hoch.

Viel Zeit zum Überlegen blieb Fuller nicht.

Er musste schnell reagieren und lud die Henry durch. Seine Blicke wanderten nach einer möglichen Deckung umher. Hinter ihm befand sich das dichte Dorngebüsch. Er hätte sich wieder dorthin zurückziehen können. Das Problem war nur, dass durch das dicht gedrängte Wirrwarr von Geäst und Blättern ein sicherer Schuss kaum möglich war.

Weder rechts noch links gab es ausreichende Deckungsmöglichkeiten. Und nach vorne hin den abschüssigen Hang hinunter erst recht nicht. Aber aus dieser ungedeckten Position hatte er die Chance, besser treffen zu können.

Noch hatte man ihn nicht gesehen. Das war sein Vorteil.

Und den nutzte er nun aus.

 

*

 

Sein Kopf schien zu explodieren, als ihn wieder ein wuchtiger Schlag mitten ins Gesicht traf. Tom spürte den salzigen Geschmack von Blut auf der Zunge. Mit unbändiger Wut versuchte er seine Arme freizubekommen.

Doch die beiden Männer hatten ihn fest am Wickel. Mit aller Gewalt hielten sie ihn fest, während Hardesty ihn mit gemeinen Schlägen attackierte. Er tat es langsam. So, als würde er jeden einzelnen Schlag genießen, den er Tom verabreichte.

Immer wieder drangen Ritas Schreie an sein Ohr. Er musste ihr helfen. Irgendwie. Doch es ging nicht. Toms blutige Lippen formten sich zu einem hilflosen Schrei. Doch er schrie nicht.

Wieder holte Hardesty zu einem Schlag aus. Er grinste böse. Er hatte die Absicht, Tom zu töten.

Aber es sollte nicht schnell gehen.

Ein Schuss krachte.

Hardesty verhielt mitten in der Bewegung. Ein Röcheln entrang sich seiner Kehle. Tom sah, wie seine Augen glasig wurden. Blut lief aus seinem verzerrten Mund. Ein Zucken durchlief seinen Körper. Hardestys Arm sackte herunter. Er verdrehte die Augen und sackte auf die Knie.

Plötzlich wurde Tom losgelassen. Er machte einen taumelnden Schritt und sah zum Hang hinauf, wo der Schuss gefallen war.

Sein Herz raste. Ein stöhnendes Aufatmen entrang sich seinen blutigen Lippen.

Fuller!

Zuerst hatten die drei anderen Männer nicht so schnell begreifen können, was passierte, als Hardesty in die Knie ging. Doch dann kam Bewegung in jeden einzelnen von ihnen. Sie schnellten herum. Tom sah, wie der Mexikaner von Rita abließ, deren Kleid in Fetzen vom Körper hing. Seine Rechte glitt zum Halfter. Auch die anderen beiden hatten sich schnell in Position gebracht. Ihre Hände sausten zu den Colts. Sie hatten sich schnell von ihrem Schock erholt.

Was nun geschah, passierte in rasend schneller Zeitfolge.

Tom sah Gil Fuller stand breitbeinig dort oben am Hang stehen. Das Gewehr visierte den Mexikaner an. Der hatte gerade seine Waffe gezogen, als die Kugel mitten in sein Gesicht klatschte und ihn zu Boden schickte. Toms Blicke hasteten zu den beiden Männern hin, die ihn vor wenigen Augenblicken noch fest umklammert hielten. Sie hatten ihm den Rücken zugedreht und sich dem Mann oben auf dem Hang zugewandt. Ihre Revolver sausten aus den Halftern.

Tom, durch die harten Schläge geschwächt, stolperte nach vorne und fiel auf die Knie. Genau neben einen Stein. Instinktiv ergriff er diesen. Mit einem Aufschrei voller Wut wuchtete er ihn hoch.

Der Bursche mit dem Staubmantel war ihm am nächsten. Tom ließ den Stein mit voller Wucht gegen seinen Hinterkopf krachen. Der Mann machte einen Satz nach vorne und wurde gleichzeitig von zwei Geschossen aus Fullers Henry getroffen. Wie ein gefällter Baum kippte er zur Seite, sein Kopf eine einzig blutige Masse.

Der andere ließ seine Linke über den Abzugshahn seines 36ers rasen. Tom sah, wie Fuller plötzlich das Gleichgewicht verlor. Er stolperte. Die Henry fiel ihm aus der Hand und polterte den Hang herunter. Eine Kugel riss ihm den Hut vom Kopf. Tom hörte Fuller fluchen, während er stürzte und hinter seinem Gewehr den Hang herunterkollerte. Die Geschosse aus dem 36er des Banditen pflügten dicht neben dem heruntersausenden Fuller in den Dreck und warfen Fontänen aus schwarzer Erde hoch. Tom warf sich neben den Toten im Staubmantel. Er riss ihm den Revolver aus der schlaffen Hand und schoss dem noch stehenden Desperado zweimal durch den Kopf, ehe dieser noch einen Schuss auf Fuller abgeben konnte. Der Mann starb im Stehen.

Pulverdampf stieg Tom in die Nase, und der Geruch des Todes breitete sich aus. Toms Atem ging keuchennd. Es gab keine Stelle in seinem Körper, die nicht schmerzte. Er senkte den Revolver. Sein Blick war erst auf Rita gerichtet, die mit bebenden Lippen am Buggy hockte und mit zitternden Händen ihren halb entblößten Körper bedeckte. Das tat sie unbewusst. Tom sah, wie ihre Augen weit aufgerissen auf die Toten am Boden starrten. So, als konnte sie nicht fassen, was sich da gerade abgespielt hatte.

Tom hörte Fuller fluchen und sah, wie dieser sich vom Boden erhob. Er schlug sich mit der linken Hand den Dreck von der Kleidung, während er in der Rechten seinen 51er Navy hielt.

Aber er brauchte die Waffe nicht mehr.

Vier Männer lagen tot am Boden. Fullers 51er vollzog eine Drehung über dem Zeigefinger und wanderte zurück in das Holster.

Tom bemerkte, dass er unverletzt geblieben war.

»Keine Sekunde zu früh, wie mir scheint«, sagte Fuller trocken, blickte zuerst auf Tom, dann zu dem Mädchen herüber.

»Nein, Gil. Wahrhaftig nicht.« Tom wischte sich das Blut von den Lippen. Er wollte lächeln, doch es wurde nur eine schmerzverzerrte Grimasse daraus. Mit lautem Stöhnen erhob er sich aus dem Gras. Die Waffe warf er achtlos zu dem Toten im Staubmantel herüber. Er ging unbeholfen zu Rita, nahm sie behutsam in die Arme und half ihr hoch.

 

*

 

Fuller drehte den toten Hardesty mit der Stiefelspitze auf den Rücken. Zwei tote Augen starrten zu ihm auf.

»Die Visage habe ich noch nie gesehen«, sagte er.

»Er hieß Hardesty«, antwortete Tom, während er die Decke vom Boden aufhob, sie ausschüttelte und anschließend um Ritas zitternden Körper legte.

»Du kennst ihn?«, fragte Fuller.

Tom nickte.

»Er war einer dieser sadistischen Wärter im Kriegsgefangenenlager von Benton, aus dem Amos, Johnny und ich fliehen konnten. Ein verdammt übler Bursche. Der Teufel weiß, weshalb er hier aufgetaucht ist. Er und diese anderen Schweine da.« Er machte eine abwerfende Handbewegung in die Richtung der anderen Toten.

Fuller fuhr sich durch sein dichtes, braunes Haar. »Scheint sich ja eine wirklich liebreizende Truppe zusammengefunden zu haben.« Sein Blick ruhte auf dem toten Hardesty.

Tom berichtete Fuller, wie es dazu kam, dass Hardesty und seine drei Freunde zufällig hier auf ihn und Rita gestoßen waren. Fuller hörte schweigend zu und nickte dann.

Er sagte: »Ich befand mich auf dem Rückweg zum Camp, Tom. Hatte Pecos in die Stadt gefahren, der von einem Stier angegegriffen wurde. Es hat ihn böse am Bein erwischt. Ist beim Doc untergebracht. Wird auch noch ein paar Tage dort bleiben müssen, schätze ich. Nun, oben am Wegesrand sah ich dann die vier reiterlosen Gäule stehen, die oben am Buschwerk angebunden waren. Dachte mir schon, dass da irgendetwas nicht stimmt. Und kurz darauf« - er wandte sich an Rita - »hörte ich auch schon den Schrei. Ihren Schrei, Miss Hazelwood. Ich habe mich dann durchs Gebüsch gearbeitet und gesehen, was los war. Ich bin wohl im rechten Augenblick gekommen, wie´s scheint.«

»Wenn du nicht wirklich zufällig hier vorbeigekommen wärest, Gil, dann … nun, unser beider Leben wäre keinen Pfifferling mehr wert gewesen. Das werde ich nie vergessen.«

»Und wenn du nicht den Hombre erledigt hättest, als ich stolperte und den Hang runterkullerte, hätte der mich glattweg ins Jenseits befördert.«

„Das Mindeste, was ich tun konnte.« Wieder versuchte Tom ein Grinsen. Und wieder wurde eine Grimasse daraus. Sein Gesicht war übersät mit Abschürfungen, Rissen und Beulen. Seine Lippen angeschwollen, das rechte Auge blau und fast geschlossen. Er sah schrecklich aus.

Rita Hazelwoods Gesicht war weiß. Sie zitterte am ganzen Körper. In ihren Augen spiegelten sich der Schrecken der vergangenen Minuten wieder.

Mit heiserer Stimme sagte sie: »In was für einem Land leben wir eigentlich? Ein Land, in dem sich Menschen wie blutrünstige Tiere aufführen? Was macht dieses Land so lebenswert? Für Sie, Mister Fuller? Für dich, Tom?« Sie schüttelte dabei immer wieder den Kopf.

Tom strich ihr behutsam durchs zerzauste Haar.

»Am besten, wir bringen dich zur Ranch, Rita. Dort bleibst du über Nacht. Morgen fahre ich dich zurück in die Stadt – Gil?«

Fuller nickte.

»Ich komme mit euch, Tom.« Seine Blicke suchten das Umfeld ab und blieben dann bei den Toten haften. »Vorher sollten wir diesen Abschaum mit ein paar Steinen bedecken, bevor sich irgendwelches Tierzeug daran zu schaffen macht.«

 

 

7. Kapitel

 

 

Einige Meilen westlich von Spanish Crossing befand sich eine alte, verwitterte Hütte mit zwei danebenstehenden Ställen. Früher einmal gehörte die Hütte einem alten Mexikaner, der einsam lebte und ein paar Schafe gezüchtet hatte. Der Mexikaner war lange fort. Und die Schafe auch.

Das unscheinbare Anwesen lag auf einer kleinen, leicht erhobenen Lichtung mitten in einem Waldgebiet. Ein sehr gutes Versteck, denn es führte nur ein schmaler Pfad mitten durch dichtgewachsene Baumgruppen, unzähliges Dornengestrüpp und losen Felsformationen zu ihr hin.

Finn Corcoran war durch Zufall auf den Pfad gestoßen und hatte das verlassene Anwesen entdeckt. Dort hielt er sich auf, wenn er nicht im Cronicle war. Ein Zufluchtsort und Treffpunkt seiner Mannschaft zugleich. Während Corcoran in Zeiten seines hiesigen Aufenthaltes die Hütte in Beschlag nahm, hausten seine Männer in den Ställen.

Sicherlich keine Nobelunterkunft. Aber hier würde niemand sie vermuten. Der Ort galt als sicher.

Doch nicht nur Corcoran und seine Männer hatten hier ihren Unterschlupf.

Die Tür ging auf und quietschte dabei laut in den Angeln. Die junge Frau trat aus der Hütte und schüttete einen Eimer schmutziges Wasser aus. Sie war sehr jung und auffallend hübsch. Mit gesenktem Kopf ging sie zu dem Brunnen, um frisches Wasser in den Eimer zu pumpen. Dabei sah sie zu Angus Hook, der die ganze Zeit über auf der alten Holzbank vor dem maroden Schuppen saß und an einer Holzfigur schnitzte. Er hatte seinen Stetson weit aus dem Gesicht geschoben. Lockiges, feuerrotes Haar trat ihm in die Stirn. Aus seinen blassgrauen Augen beobachtete er sie, während sein scharfes Messer schabend über die Holzfigur strich. Er grinste, als sich ihre Blicke trafen.

Angelina wandte angewidert ihren Kopf von ihm ab und blickte zum anderen Schuppen herüber. Dort lehnte der hässliche Boston-Gregg und ließ in stoischer Monotonie sein Jo-Jo auf- und niedersausen. Er zeigte seine lückenhaften Zähne, als er zu ihr herübergrinste.

Beim Anblick von Boston-Gregg presste sie ihre Lippen fest aufeinander. Hin und wieder war es ihr gelungen, mit Angus Hook einen kurzen Wortwechsel zu führen, aus dem sie eine leichte Spur von Freundlichkeit seinerseits entnehmen konnte. Das war bei Boston-Gregg nicht möglich. Sein Wortschatz schien nur aus einer einsilbigen, vulgären Sprache zu bestehen, wenn er den Mund aufmachte. Das tat er allerdings selten – sehr zu ihrer Erleichterung.

Angelina ersparte sich den Blick zu dem dritten Mann, der einige Meter weiter links neben Boston-Gregg Posten bezog, um sie zu bewachen.

Linus Cahill.

Der saß mitten im hohen Gras und polierte sein Messer auf Hochglanz. Es war ein langes, zweischneidiges Werkzeug mit einem verzierten Griff aus Messing. Mit akribischer Genauigkeit vollzog sich diese Reinigung.

Cahill machte sich nicht die Mühe, zu Angelina aufzusehen. Er schien auch so zu wissen, dass sie beim Brunnen stand.

Cahill war ein Halbblut, halb Mescalero-Apache, halb Weißer. Ihn hatte sie noch nie lachen gesehen. Das konnte er wahrscheinlich auch nicht. Sein Gesicht war wie das einer starren Maske.

Unbeweglich, ohne Regungen.

Vor ihm hatte Angelina am meisten Angst.

Was hatte Corcoran einmal über ihn berichtet? Er hatte gesagt, es gäbe keinen Menschen, der mit so viel Hingabe und Freude beim Töten ist, wie Linus Cahill. Als man daraufhin die Frage stellte, woran man das bei dieser unbeweglichen, maskenhafen Visage erkennen könne, hatte Corcoran geantwortet, man sähe es an den gleichmäßigen und rhytmischen Bewegungen, die er ausführt, wenn er das Messer immer wieder in sein Opfer treibt. Das Messer wird dann mit äußerster Sorgfalt wieder gereinigt, während das Opfer am Boden liegt und qualvoll stirbt.

Corcoran hatte bei seiner Erzählung laut und kehlig gelacht. Angelina fand das alles andere als zum Lachen. Sie war aus der Hütte gelaufen, hinaus in den Hof und hatte sich dort erbrochen.

Zwei Reiter tauchten zwischen den Bäumen und Felsen auf und ritten in den Hof. Angelina, die in Begriff stand, mit dem vollen Wassereimer in die Hütte zu gehen, blieb stehen. Mit der freien Hand schirmte sie ihr Gesicht gegen die Sonne ab und blinzelte den Reitern entgegen.

Es waren Cash Noakes und ein Mann, den alle Sunshine-Holly nannten – ein kleiner, gedrungener Mann mit einem rosigen Vollmondgesicht, das von einem schwarzen Bart umrahmt wurde. Seine fleischigen Lippen schienen stets zu lächeln. Aber seine schmalen Augen erreichte das Lächeln nie.

Cash Noakes war mittelgroß und hager. Er unterschied sich kaum von einem der zahlreichen Buschreiter hier im Land. Sein Gesicht war feingeschnitten und fast hübsch. Sein sandfarbenes Haar quoll dicht unter dem breitkrempigen Texashut hervor und reichte über den Kragen seines Hemdes hinaus.

Die beiden Reiter waren über und über mit Staub bedeckt. Sie sandten Angelina gleichgültige Blicke zu, als sie aus den Sätteln stiegen. Und sie sah ihnen ebenso gleichgültig entgegen. Sie bemerkte, wie Boston-Gregg den Lauf des Jo-Jos geschickt stoppte und es dann in der Hosentasche verstaute. Seine bucklige Gestalt löste sich von der Wand des Schuppens. Mit gemächlichen Schritten kam er Noakes und Sunshine entgegen. Angelina hörte ihn sagen: »Seid mächtig spät dran, Boys. Der Boss wartet schon ungeduldig auf euch.«

»Ist er in der Hütte?«, fragte Noakes.

»Hält gerade seine Siesta.«

Die beiden Männer überreichten Boston-Gregg die Zügel ihrer Pferde. Auch sie waren staubbedeckt. Und ihre Leiber schwitzten.

»Kümmere dich um sie, Boston. Striegle sie sauber und gib ihnen eine Extraportion Hafer. Haben´s sich verdient.«

Cash Noakes hatte gleichmütig gesprochen. Angelina erkannte aber den lauernden Ausdruck in seinen Augen. Sie bemerkte, wie Cahill kurz aufsah und Angus Hook aufhörte, an seiner Holzfigur zu schnitzen. Auch er blickte mit unverhohlener Neugier zu den Männern herüber.

Angelina wusste genau, dass es Boston-Gregg zuwider war, die aufgetragene Arbeit zu erledigen. Er war sich zu fein dafür, anderer Leute Arbeit zu verrichten. Einmal hatte es bereits deswegen Ärger gegeben. Und Finn Corcoran hatte dann ganz schnell für klare Verhältnisse gesorgt, indem er den Schädel des Buckligen auf die Tischkante schmetterte. Fortan gab es keine Probleme mit der Rollenverteilung in der Mannschaft. Angelina erschauerte leicht, als sie sich daran erinnerte. Wortlos nahm Boston-Gregg die Zügel der beiden Pferde und führte sie fort. Noakes und Sunshine gingen an Angelina vorbei und traten in die Hütte.

Angelina rief hinter ihnen her: »Putzt euch eure verdammten Stiefel ab, ihr zwei Idioten. Ich habe gerade den Boden gewischt.«

Ein dreckiges Lachen von Cash Noakes war die Antwort.

 

*

 

Finn Corcoran erschien aus einem Hinterzimmer. Sein verschlafenes Gesicht wies den Abdruck eines Kissens auf. Er gähnte laut und beobachte mit missbilligenden Blicken, wie Vivain den Wassereimer auf den Boden knallte. Wasser spritzte heraus. Mit zornigem Gesicht griff sie nach einem Putzlappen.

»Lass das!«, herrschte er sie an. »Koch uns Kaffee.« Er wandte sich an Cash Noakes und Sunshine-Holly. »Habt lange auf euch warten lassen. Was gibt´s Neues?«

Noakes ließ sich auf einen Stuhl fallen und legte seine schmutzigen Stiefel auf den Tisch. Er grinste dabei unverschämt in Angelinas Richtung.

»Nimm deine verdammten Füße da runter, Noakes!«, herrschte Corcoran ihn an. »Ich will es hier sauber haben. Wo sind deine Manieren?«

Widerwillig gehorchte Noakes. Er zog ein zerknülltes Päckchen Tabak aus der Brusttasche und drehte sich eine Zigarette. Sunshine-Holly lehnte an der Wand. Er verschränkte seine Arme ineinander. Sein Vollmondgesicht sah teilnahmslos von einer Person zur anderen. Er war ein Mann, der zwar viel grinste, aber wenig redete. Und so überließ er es Cash zu antworten.

Der sagte: »Dieser Nolan hat bisher ne hübsche Anzahl von Rindern zusammengetrieben und den Viechern sein Brandzeichen aufgedrückt. Schätze, es sind so an die tausendfünfhundert Rinder. So, wie´s aussieht, wollen die noch ein paar Viecher aus dem Busch treiben und dann auf den Trail gehen. Nach Missouri. Außerdem tauchte im Nolan-Camp so´n komischer Vogel auf. Sah aus wie ein Handelsvertreter. Ein kleiner Dicker. Hatte so eine blöde Melone auf dem Kopf. Na, jedenfalls wollte der, dass seine Herde mit auf den Trail nach Missouri wandert. Sollen wohl an die tausend Tiere sein, die dieser Dicke auf den Markt bringen will. Doch er scheint nicht die richtigen Leute zu haben und hat sich daher an die Nolans gewandt.«

Corcoran nickte. »Von dem Dicken habe ich gehört. Heißt Wellinghaus. Hat weiter südlich von hier eine Ranch gekauft. Der hat in der Stadt ein paar Mal im Cronicle gesessen und nach Cowboys gefragt, die bereit wären, eine kleine Herde zu treiben. Hat aber nichts von tausend Rindern gesagt. Ist natürlich mächtig interessant, das zu wissen.«

»Das haben wir so gehört. Die Cowboys im Camp quatschen ja ziemlich viel. Und vor allen Dingen versteht man gerade nachts jedes Wort.«

»Dann wart ihr ja ziemlich nahe am Camp, was? Hat euch keiner gesehen?«

»Natürlich nicht. Sonst wären wir nicht hier.«

Corcoran rieb sich über das unrasierte Kinn. »Dieses kleine Nebengeschäft sollten wir unbedingt noch mitnehmen«, sagte er grinsend. »Schließlich bezahlt uns dieser Idiot von Blaisdell dafür, dass wir den Nolans eins auswischen.«

»So einfach wird das nicht werden, Finn«, sagte Cash Noakes. »Das ist eine ziemlich raue Mannschaft, die Nolan um sich hat.«

»Das weiß ich auch, du Schlaumeier. Gil Fuller gehört auch zu denen.«

»Fuller? Dachte, den hätte es in Mexiko erwischt.«

Corcoran schüttelte den Kopf. »Fehlanzeige. Der ist quicklebendig. Habe ihn gestern noch in der Stadt gesehen. Grogg und Chick hatten im Store die Gelegenheit, ihn kennenzulernen.« Knapp berichtete er von dem Zwischenfall.

Noakes und Sunshine-Holly wechselten einen Blick miteinander. Erst grinsten sie breit. Dann fingen sie an zu lachen.

»Hätte zu gerne das Bild gesehen, wie dieser blöde Affe von Grogg mit der Lakritzstange im Maul herumläuft.« Cash schlug sich lachend auf die Oberschenkel.

»Sind die beiden Schwachköpfe in der Stadt geblieben?«, fragte Sunshine.

»Ja. Ich will die Idioten hier nicht haben. Außerdem sollen die ein bisschen auf Blaisdell aufpassen.«

Cash hatte sich beruhigt. Er sah fragend zu Corcoran herüber.

»Wieso?«

»Freund Blaisdell ist mächtig pikiert darüber, dass er etwas an Oberwasser verloren hat. Das schmeckt ihm nicht. Ich will nicht, dass er wankelmütig wird und Dummheiten macht Bislang hat er sich für den Boss gehalten..«

»Du hast ihm natürlich klar gemacht, dass dem nicht so ist, nicht wahr?«, schaltete sich Angelina gehässig ein.

Corcoran bedachte sie mit einer abwehrenden Handbewegung, die jemand macht, um eine lästige Fliege zu vertreiben. »Kümmere dich um den Kaffee.«

Angelina bedachte ihn mit einem hasserfüllten Blick. Den sah er allerdings nicht, weil er ihr bereits wieder den Rücken zugewandt hatte.

»Der Cronicle ist eine verdammt gute Einnahmequelle«, bemerkte Corcoran. »So einen Laden habe ich mir schon immer gewünscht. Den werde ich mir unter den Nagel reißen.«

Und natürlich Lilly, kam ihm der Gedanke. Den behielt er für sich.

»Du?«, war die lauernde Frage von Cash Noakes. »Du etwa alleine?«

Corcoran winkte barsch ab. »Blödsinn. Natürlich seid ihr mit dabei. Mit dieser Nolan-Geschichte schlagen wir dann zwei Fliegen mit einer Klappe. Und dann sind wir die uneingeschränkten Herren in dieser Gegend. Und wir können in Ruhe unseren Geschäften nachgehen. In der verdammten Stadt gibt es kein Gesetz. Und das Militär ist abgezogen und macht Jagd auf Apachen irgendwo im Westen. Wir haben also mächtig freie Bahn, Jungs. Wobei Blaisdell das geringere Problem darstellen wird. Aber – alles zu seiner Zeit.«

»Hast du schon einen Plan, Finn?«, fragte Cash Noakes.

Corcoran nickte. »Pronto Hardesty und seine Jungs werden heute oder morgen hier eintreffen. Dann gebe ich genaue Instruktionen.«

Cash wies mit ausgestrecktem Zeigefinger in Angelinas Richtung.

»Was machen wir mit ihr?«

Corcoran drehte sich zu Angelina um, die am Herd stand und heißen Kaffee in drei Tassen füllte. Er schlug mit der flachen Hand auf ihr Hinterteil. »Wenn sie brav ist, kann sie unseren Aufstieg hier in diesem verdammten Landstrich noch erleben – wenn sie überdrüssig wird, verkaufe ich sie an die Mexikaner. So einfach ist das.« Er fiel in ein kehliges Lachen.

Da Angelina ihm den Rücken zugewandt hatte, konnte er natürlich nicht den mörderischen Ausdruck in ihrem hübschen Gesicht erkennen.

Ihre Augen waren zu Schlitzen geformt. Purer Hass lag in ihnen.

Sie war dieser Bande hilflos ausgeliefert. Finn Corcoran hielt sie wie eine Gefangene.

Angelina war außergewöhnlich hübsch. Hübscher als die Mädchen, die er »verkauft« hatte. Und sie war jung.

Deshalb behielt Corcoran sie noch hier.

Finn Corcorans persönliches Spielzeug.

Ich werde noch eine Gelegenheit bekommen, es dir heimzuzahlen, du verdammtes Schwein. Wirst sehen, irgendwann kann ich von hier abhauen. Und dann …

Diese Gedanken gingen ihr von morgens bis abends durch den Kopf. Und jetzt, als sie sich umdrehte und die Tassen mit dampfenden Kaffee auf den Tisch stellte, waren sie intensiver denn je zuvor.

Ja, Sie hasste jeden einzelnen von ihnen. Und sie sah das wölfische Grinsen in ihren Gesichtern. Am liebsten hätte sie jedem von ihnen den heißen Kaffee ins Gesicht geschüttet.

Angelina wusste genau, was sie dachten.

Doch keiner hatte bislang gewagt, Hand an sie zu legen.

Dafür sorgte Finn Corcoran. Und vor dem hatten alle einen Heidenrespekt.

Doch Corcoran war launisch.

Was wäre, wenn er plötzlich das Interesse an ihr verlöre?

Angelina ließ es sich nicht anmerken, aber sie erschauerte zutiefst bei diesem Gedanken.

 

 

8. Kapitel

 

 

Es war dunkel, als die beiden Wagen auf den Hof der Nolan-Ranch fuhren. Im Haupthaus brannte noch Licht, ebenso im Bunkhouse. Fuller parkte seinen Zweispänner direkt vor dem Pferdestall. Ein Mann trat heraus. Sein Name war Crowley. Ein alter Mann mit verkrüppeltem Bein, der einst für Stuart Conroy gearbeitet hatte. Durch seine Verkrüppelung hatte er nur die Aufgabe, den Stalldienst zu verrichten, froh darüber, überhaupt noch arbeiten zu können. Die Nolans hatten den Mann behalten.

Fuller schwang sich vom Bock. »Kannst die Pferde abschirren, Crowley. Die Wagen werden heute nicht mehr gebraucht. Sattle ein Pferd für mich. Ich will heute Nacht noch ins Camp zurück. Mit dem Wagen bin ich zu langsam.«

Crowley nickte. Er blickte auf Fuller, dann zu dem Buggy mit Tom und Rita. Er murmelte einen Gruß und begann, die Pferde abzuschirren.

Fuller trat ein paar Mal auf den festgestampften Boden, um die Steifheit aus seinen Gliedern zu vertreiben, während Tom Rita vom Wagen half. Gemeinsam näherten sie sich dem Haupthaus. Fuller schlenderte hinterher.

Amos Nolan trat auf die Veranda. Er hob grüßend die Hand und nickte Fuller kameradschaftlich zu.

Tom sagte: »Hallo, Amos. Rita wird heute auf der Ranch übernachten. Ich bringe sie morgen in die Stadt.«

Amos blickte in das zerschlagene Gesicht seines Bruders und fuhr sich durchs Haar.

»Bist du in eine Stampede geraten, Bruderherz? Du siehst ja höllisch übel aus.« Er sah zu Rita. Sie war immer noch bleich und zitterte. Die Decke verhüllte ihr zerissenes Kleid.

Tom berichtete, was sich zugetragen hatte. Amos hörte mit zusammengepressten Lippen zu. Fuller bemerkte, wie sich das Gesicht des älteren Bruders verfinsterte. Als Tom seinen Bericht beendet hatte, nickte Amos düster.

»Ihr hattet mehr Glück als Verstand«, sagte er und wandte sich an Fuller: »Wenn Sie nicht dazwischengeraten wären, hätte Hardesty kurzen Prozess gemacht. Diesen verdammten Hundesohn kenne ich schließlich. Benton war kein Erholungsort ,und Hardesty war der Schlimmste. Wie gerne hätte ich das Schwein in die Finger bekommen. Wir hätten ihm damals bei der Flucht schon ein paar heiße Kugeln aufbrennen sollen.«

Amos ballte seine mächtige Hand zur Faust. Fuller sah, wie Rita unter den heftigen Worten zusammenzuckte. Auch Amos bemerkte es. Er räusperte sich und meinte etwas ruhiger: »Sorry, Ma´am. Aber die Geschichte macht mich rasend.«

Ein zaghaftes Lächeln erschien in ihrem bleichen Gesicht. »Es ist in Ordnung, Amos. Ich verstehe Sie.«

Tom sagte: »Komm mit ins Haus, Rita. Du brauchst unbedingt eine Stärkung und Ruhe.« Er drehte sich zu Fuller. »Gil … nochmals danke.«

Tom nickte Amos zu, nahm Rita beim Arm und führte sie ins Haus.

Als sie drinnen waren, meinte Amos: »Verdammt, Fuller, ich kann nicht sagen, wie froh ich bin, dass Sie …«

Fuller winkte ab. »Ist ja noch mal gut gegangen, Amos.«

»Ausgerechnet Tom, Fuller. Der Junge hat´s eh am meisten schwer. Von uns Nolans, meine ich. Wir haben alle eine Menge abgekriegt. Der verdammte Krieg. Aber Tom kann´s irgendwie nicht so recht verdauen. Und dann noch die Geschichte jetzt …«

Amos sprach den Satz nicht zu Ende. Er holte tief Luft und atmete geräuschvoll wieder aus. Seine Worte hinterließen bei Fuller den Eindruck, als müsse man Tom besonders beschützen. Er dachte kurz darüber nach und sagte dann zu Amos: »Er hat sich bei der Vorstellung mit den Hardesty-Männern sehr gut ins Zeug gelegt. Wenn er nicht mit in das Feuergefecht eingegriffen hätte, dann läge ich womöglich dort, wo jetzt die anderen liegen.«

Amos sah ihn überrascht an.

»Wie kann ich das verstehen?«

»Tom mag ein sensibler Bursche sein, Amos. Aber er kann kämpfen. Und bei der Schießerei hat er einen der Bursche mit zwei Schüssen sauber gefällt, als dieser auf mich geschossen hat. Ich will damit sagen: Er hat verdammt schnell reagiert.«

»Ich hab ja auch nie behauptet, dass er ein Feigling ist. Er ist genauso Nolan wie ich. Oder Jed und Johnny. Halt nur etwas sensibel.«

Fuller sah zu ihm auf, wie er da breitbeinig auf der Veranda stand. Amos kratzte sich erneut am Hinterkopf. Ein Grinsen huschte über sein breites Gesicht. Er war ein stämmig gebauter Mann, hünenhaft und schwer. Aber es gab keine Unze Fett an ihm. Das Leben hatte ihn mit einer unbändigen Kraft ausgestattet. Und es hatte ihn gestählt.

Amos ähnelte seinem Bruder Jed. Nicht so sehr äußerlich. Jed war eher hager und zäh. Aber auch von ihm ging diese vitale, unbändige Kraft aus.

Jed war der Kopf, Amos der Mann fürs Grobe. Und Fuller fragte sich insgeheim, was passiert wäre, wenn dieser gewichtige Hüne an Toms Stelle gewesen wäre.

Er erschauerte leicht bei diesem Gedanken.

Fuller wandte sich zum Gehen, als Amos ihn anrief: »Fuller. Warten Sie. Wollen Sie etwa heute Nacht noch ins Camp zurückreiten?«

Fuller nickte. »Ja. Muss noch ein paar Sachen mit Jed besprechen. Außerdem werde ich wohl langsam schon erwartet.«

Amos schüttelte den Kopf. »Ich denke, das hat Zeit bis morgen, mein Freund. Warten Sie einen Augenblick. Ich habe da noch eine kleine Überraschung für Sie.«

Fuller runzelte die Stirn.

Was war denn nun? Wieso grinste der plötzlich so geheimnisvoll?

Amos drehte sich um und ging ins Haus.

Einige Minuten später kam er zurück. Aber nicht allein. Eine Frau war an seiner Seite. Fullers Mund klappte auf und wieder zu.

Sadie Riordan!

Fuller war auf alles gefasst. Nur nicht auf sie. Mit großen Augen starrte er zu ihr herüber. Ihre schlanke Gestalt löste sich von der Veranda und trat auf ihn zu.

Sadies dunkle Stimme wehte ihm sanft entgegen: »Nun starre mich nicht so an, als wäre ich ein Geist, Gil Fuller. Ich habe doch gesagt, dass wir uns wiedersehen.«

 

*

 

Wenn Jed Nolan Zeit zum Nachdenken brauchte, dann hielt er es gewöhnlich so, dass er sich zurückzog. In solchen Momenten wollte er alleine sein.

So, wie jetzt.

Es gab zu viele Dinge, die er erst einmal verdauen musste. Fullers Ankunft am Morgen warf Probleme auf. Da war vieles nicht in Ordnung. Pecos fiel erst einmal aus. Für einen längeren Zeitraum, wie Fuller berichtete. Ein Mann, den er hier dringend brauchte. Es scharrten sich ein Rudel Hartgesottener um den Cronicle. Nichts Außergewöhnliches. Nolan hätte dieser Sache vielleicht weniger Bedeutung beigemessen. Wäre da nicht der Name Finn Corcoran gefallen. Der Ruf des Mannes war Jed wohlbekannt. Setzte er diesen mit Blaisdell in Verbindung, konnte das nur eines bedeuten: nämlich Ärger. In welcher Form, bliebe abzuwarten. Tom war übel zugerichtet worden. Das nagte an ihm und ließ eine maßlose Wut in ihm aufsteigen.

Und dann Sadie!

Mutterseelenallein war sie hier aufgetaucht. Es gab keinen Brief, keine Nachricht. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, New Orleans zu verlassen. Sie nahm eine weite, beschwerliche und nicht ungefährliche Reise in Kauf, um hierher zu kommen. Zu ihm.

Verdammt, und das in einer solchen Zeit, dachte Jed grimmig. Was hat sich das Mädchen denn dabei gedacht?

Das alles machte ihn nervös. Er rieb sich über sein unrasiertes Kinn und strich über den Nacken. Am Boden lag ein kleiner Stein. Den hob er auf, drehte ihn in seiner lassonarbigen Hand und warf ihn dann gegen einen nahestehenden Baum. Mit dem rechten Fuß scharrte er ungeduldig im Sand herum.

Verdammte Sadie…

Es hatte in der ganzen Zeit nicht einen Moment gegeben, wo sie nicht in seinem Geiste aufgetaucht war. Seit New Orleans, als er sie dorthin gebracht hatte, damit sie dort einen Neuanfang beginnen konnte.

Und oft dachte er daran, sie wäre nicht dort gelandet. Und jetzt war sie plötzlich hier.

Beim Knacken einiger Zweige drehte er sich herum. Er sah, wie Sadie sich durch ein paar Büsche hindurch auf ihn zu bewegte. Dicht vor ihm blieb sie stehen. Ihre schlanken Hände spielten mit einem Blatt, das sie von einem Busch gezupft hatte. Sie blies sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn. Ein Lächeln tauchte in ihrem hübschen Gesicht auf, das bei Jed nicht ohne Wirkung blieb. Einer seiner vielen, rauen Sprüche lag ihm auf der Zunge. Aber der kam nicht von seinen Lippen. Viel zu hübsch war sie, als sie vor ihm stand – in der Cowboytracht, die sie trug.

Und dann dieses Lächeln…

Jed räusperte sich, um den Kloß im Hals loszuwerden.

»Mädel, was ist nur in dich gefahren? So mir-nichts-dir-nichts hier aufzutauchen? Warum hast du nicht geschrieben? Verdammt, wir sind doch überhaupt nicht vorbereitet gewesen, und…«

Er hob und senkte resignierend die Schultern und hörte sie sagen: »Hätte ich das getan, mein Lieber, dann wären dir sicherlich tausend Gründe eingefallen, um mich an einer Reise zu dir zu hindern. Ich kenne dich, Jed. Oh, und wie ich dich kenne.«

Sie hatte recht.

Und dennoch gab es stets die einsamen Nächte, in denen er sie sich in seiner Nähe gewünscht hätte.

Jeds Augen registrierten jede Bewegung von ihr. Sadie zerrieb das kleine Blatt zwischen den Händen und setzte sich ihm gegenüber auf einen Baumstumpf. Sie schlug ihre Beine übereinander und legte ihre Hände unters Kinn. Ihre abwartenden Blicke ruhten auf seinem Gesicht. Das Lächeln war von ihren Lippen verschwunden.

Jed sagte: »Natürlich freue ich mich, dich zu sehen. Und wie ich mich freue. Es ist … «

»Oh!«, unterbrach sie ihn scharf, »ich kann es genau sehen, Jed Nolan. Dein verkniffenes Gesicht sagt mir tausend Worte. Ich erwarte ja nicht, dass du meinetwegen einen Freudentanz aufführst, aber …«

Sie machte eine resignierte Handbewegung.

Jed erhob sich und fasste sie an den Schuiltern.

»Nun hör mir doch mal zu, Sadie«, brummte er, »du weißt, dass ich es nicht so mit dem Zeigen von Gefühlen habe. Wir haben hier noch ne Menge Ärger zu bewältigen. Wir stecken mitten in einem Auftrieb. Die Herde, die du dort weiden siehst, soll nach Missouri getrieben werden. Diese und noch tausend Rinder eines benachbarten Ranchers. Du hättest wenigstens schreiben können. Ich … ich … hätte dir dann schon zurückgeschrieben und dich geholt, wenn das alles vorüber wäre. Ja, Sadie. Das hätte ich getan. Denn … verdammt, Mädchen, es hat nicht einen gottverdammten Tag gegeben, an dem ich dich nicht bei mir gewünscht hätte, seit wir New Orleans verlassen hatten.«

»Ist das wirklich wahr, Jed?«

»Zur Hölle – ja!«, stieß er rau hervor. Er zog sie zu sich hoch und küsste sie. Sadie legte ihren Arm seine Schultern und erwiderte den Kuss – wild und voller Hingabe.

Später saßen sie Arm im Arm im Gras und blickten die Senke hinuter zum Camp und zu den Rindern herüber. Sadie legte ihren Kopf an seine Schulter und sagte: »Sicherlich hätte ich dir schreiben können. Ich habe es ja auch getan. Bestimmt tausend Mal. Aber jedes Mal ist der Brief dann zerknüllt im Papierkorb gelandet. Ich bin nicht sehr gut im Schreiben, Jed. An dem Tag, als du fortgeritten warst, hätte ich dir noch so viel zu sagen gehabt. Ich war zu stolz, um zuzugeben, das mir der Neuanfang in New Orleans vollkommen gleichgültig geworden war. Ich wollte bei dir sein, Jed. Doch du warst nur mit deinen Rindern beschäftigt und damit, dir die Ranch zurückzuerobern. Es tat weh, als du forgeritten bist. Und ich habe mir geschworen, zu dir zu kommen, wenn die Zeit soweit ist.«

»Woher wusstest du denn, dass die Zeit jetzt soweit ist?« Jed strich ihr sanft durchs Haar und ließ dabei eine Locke spielerisch durch seine Finger gleiten.

»Vergiss nicht, dass ich ein Restaurant geführt habe, mein Lieber. Viele Fremde geben sich die Klinke in die Hand. Und da sprechen sich viele Dinge herum. Zum Beispiel von einem wilden Kampf in Südtexas, der in einer Stadt namens Spanish Crossing ausgeführt worden war. Dein Name war gefallen, Jed. Und der von Gil und deinen Brüdern, die unerwartet heimgekehrt waren. Männer sprachen von der harten Nolan-Mannschaft, die das Land zurückerobert hatten und die bösen Yankees zum Teufel jagten. Sie sprachen in Ehrfurcht darüber.«

»Tatsächlich?«

Sie knuffte ihm verspielt in die Seite. »So ein Restaurant ist wie eine Zeitung. Eine riesige Fülle von Informationen werden ausgetauscht.«

»Trotzdem, Sadie. Der Kampf ist noch nicht vorbei.«

»Der Kampf wird das ganze Leben beherrschen, Jed. Leben heißt kämpfen. Dachte, das wüsstest du«

Der Satz hätte von mir stammen können, dachte Jed und grinste. Für eine Weile schwiegen sie. Dann fragte Jed: »Wie geht´s nun weiter, Sadie? Was willst du tun?«

»Meinst du denn, ich habe die verdammte Reise gemacht, um dir Guten Tag zu sagen? Ich will hierbleiben, Jed. Hier bei dir. Ich liebe dich und gehöre an deine Seite. Und je eher du dir das in deinen verdammten Dickschädel rammst, desto besser ist es.« Etwas zaghafter fügte sie hinzu: »Es sei denn, du magst mich nicht und willst, dass ich gehe.«

Jed Nolan schüttelte den Kopf.

Nein. Das wollte er nicht. Deshalb zog er sie zu sich heran und hielt sie fest in seinen Armen. Und dann geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Sadies Körper begann heftig zu zucken. Sie weinte.

 

*

 

»Sie ist schon ein Teufelsweib, diese Miss Sadie.«

Jim Harland kaute an einem Grashalm herum und blickte in die prasselnden Flammen des Lagerfeuers.

»Da ist was dran, Jim. Der Boss hat sich den ganzen Tag nicht blicken lassen«, meinte Matt Lemmons grinsend, der lässig am Wagenrad des Chuckwagens lehnte und sich aus der heißen Blechkanne Kaffee in eine Tasse goss.

Harland streckte sich geräuschvoll und spuckte seinen Grashalm auf den Boden. »Und Mut hat die Lady, Jungs. Das muss man ihr lassen. So mutterseelenallein von New Orleans hierherzukommen, ohne vorher Bescheid zu sagen – dazu gehört schon eine verdammte Menge. Der Boss ist ein richtiger Glückspilz. Yeah, er kann sich glücklich schätzen. So eine Frau, die gibt´s nur einmal unter Tausend.«

Die Männer am Lagerfeuer nickten stumm.

»Man muss schon Jed Nolan heißen, um solch ein Schwein zu haben. Mir würde kein Mädchen über hunterte von Meilen nachreisen«, brummte Clint Travis. Der hielt seinen Blechbecher in beiden Händen und schlürfte verdrießlich den heißen Kaffee.

Lee Sutton, der neben ihm saß, stieß ihm freundschaftlich in die Seite. »Na, bei deinem Galgenvogelgesicht ist das ja auch kein Wunder.«

»Galgenvogelgesicht? Ich werde dir gleich was, von wegen Galgenvogelgesicht. Wenn deine Visage in Mode kommen sollte, würde ich mir gleich zwei Ohren an meinen Hintern nageln.«

»Nimm´s locker hin, amigo«, grinste Sutton seinen Freund an, »gib mir lieber etwas Tabak, damit ich mir eine Zigarette drehen kann.«

Die krächzende Stimme des kauzigen Hugo St. Marrs drang zu den Männern herüber: »Sadie Riordan hat Haare auf den Zähnen, Jungs. Das könnt ihr mir glauben. Da wird sich der Boss noch die Zähne dran ausbeißen. Die ist härter als ne Schuhsohle. Und starrköpfig wie ein alter Maulesel. Wenn die sich erst was in den Kopf gesetzt hat, dann zieht die es auch durch. Fragt mich ruhig, Jungs. Ich kenne die Dame schon seit Jahren. Möchte noch jemand etwas von dem Stew?«

St. Marrs Blick glitt durch die Runde und blieb auf Fuller haften, der abseits in einer Ecke stand und düster zum sternklaren Himmel hinaufschaute.

»Was ist mir dir, Vormann?«, rief der Trailkoch zu ihm herüber. »Du hast noch nicht viel gegessen. Willst du noch von dem Stew?«

Fuller schüttelte den Kopf.

»Nein, keinen Hunger. Heb´s mir auf.«

Das klang nicht sonderlich fröhlich. St. Marrs schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern.

Was ist denn mit dem? So kennt man ihn gar nicht …

Der Trailkoch runzelte die Stirn und beobachtete, wie Fuller seine Lakritzstange aus dem Mund nahm und sie angewidert auf den Boden warf, sich abwandte und in der Dunkelheit aus dem Camp verschwand.

 

*

 

Die Auskünfte, die ihm dieser Doc Mahoon gegeben hatte, erfüllten ihn mit einer grimmigen Freude.

Finn Corcoran war also hier!

Der Arzt hatte es ihm bestätigt.

Im Augenblick war er nicht in der Stadt. Und der Arzt konnte nicht sagen, wann er zurückkommen würde. Doch dass er zurückkommen würde, dessen war sich Doc Mahoon wohl ziemlich sicher.

Und es waren einige Mädchen vor kurzem in die Stadt gebracht worden, die nun im Cronicle arbeiten würden. Namen wusste der Arzt keine. Und die Beschreibungen des Arztes waren dürftig. Er habe die Mädchen nur einmal gesehen, hatte Mahoon erklärt. Das war an jenem Tag, als die Kutsche vor dem Cronicle hielt.

Doc Mahoon mochte den Cronicle nicht. Und den Besitzer mit Namen Charles Blaisdell noch viel weniger. Daher war es ganz verständlich, dass sich Mahoon dort nie aufhielt. Er war ohnehin kein Saloongänger, hatte er Monroe erklärt.

Die bereitwilligen Auskünfte hatten Kyle Monroe vorerst einmal gereicht. Der sterbende Watts Rule hatte damals also nicht gelogen!

Doch was war aus ihr geworden?

War sie unter den Mädchen, die dort drüben im Cronicle als Barmädchen arbeiteten?

Diese Fragen brannten in Kyle Monroe, während er aus dem schmutigen Fenster hinaus auf den Cronicle blickte, der sich schräg gegenüber auf der anderen Seite befand. Das Gebäude war hell erleuchtet. Und auch die Straßenlaternen an den Gehsteigen schirmten das Treiben auf der Straße gegen die Dunkelheit ab. Monroe konnte genau beobachten, was dort drüben vor sich ging. Und auch das Pulsieren auf der Main-Street, was zu dieser Stunde – es mochte gegen Mitternacht sein – herrschte. An den Straßenrändern parkten zahlreiche Fracht- und Fuhrwagen, Menschen schlenderten über die Gehsteige. Zwei Betrunkene stolperten aus dem Cronicle. Arm in Arm torkelten sie den Gehsteig entlang und gröhlten laut. Das drang bis zu Monroe herüber. Passanten wichen entsetzt zur Seite. Reiter kamen und verließen die Stadt. Und dies alles saugten Kyle Monroes Augen mit gierigem Interesse auf.

»Er wird nicht alleine sein«, hörte Monroe Kate sprechen, die auf dem Bett lag. Monore biss sich auf die Unterlippe. Eine Zeitlang sagte er nichts. Dann wandte er sich vom Fenster ab und blickte zu ihr herüber. Durch den Schein der Petroleumlampe auf dem Tisch wirkte ihr Gesicht noch wächserner und eingefallener, als es ohnehin schon war. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen. Sie waren glasig. Tiefe Schatten hatten sich um ihre Augenränder gebildet. Es kam Monroe so vor, als blickte ein Totenschädel zu ihm herüber. In Kates rechter Hand ruhte eine halbvolle Flasche Gin, aus der sie sich regelmäßig bediente. Sie trank aus der Flasche. Ein Glas benutzte sie schon lange nicht mehr.

Kyle Monroe hatte genügend Gründe, sie zu hassen. Doch das tat er nicht. Sie tat ihm leid. Sie war krank. Gesund würde sie nie wieder werden.

Vielleicht waren es nur noch ein paar Wochen, die Kate blieben. Doch daran glaubte Monroe nicht. Eher ein paar Tage. Vielleicht nur noch wenige Stunden…

Doc Mahoon hatte nichts gesagt. Das brauchte er auch nicht. Die Blicke des Mannes hatten ausgereicht. Für Kate war Spanish Crossing die Endstation.

Kyle Monroe setzte sich auf einen Stuhl, schlug die Beine übereinander und zog eine Zigarre aus der Anzugtasche. Er fühlte Kates Blicke auf sich ruhen und wusste, was sie dachte.

»Du gibst mir die Schuld, nicht wahr, Kyle?«, hörte er ihre Alkoholstimme. Monroe biss die Spitze der Zigarre ab. Kate richtete sich ein wenig auf. Sie trank einen Schluck aus der Flasche. Monroe sagte nichts. Er nahm das Glas der Lampe vom Zylinder und zündete die Zigarre am Docht an. Er paffte ein paar Züge, bis sie richtig brannte. Dann schob er das Glas wieder über den Zylinder. Dichte Qualmwolken zogen durch den Raum. Er lehnte sich wieder zurück, legte die langen Beine erneut übereinander und sah zu Kate herüber.

Schuld…, dachte er bitter. Kann man davon sprechen?

War es nicht eher der Krieg gewesen, der Menschen zu Dingen trieb, die sie später bitter bereuten?

War es Einsamkeit?

Und wenn Schuld – trug er dazu nicht auch einen gehörigen Anteil bei?

»Ich wünschte, du hättest mich nie in Wichita Falls gefunden, Kyle. Ich wünschte, du hättest mich in deinen Gedanken begraben, und …«

Kate machte eine resignierende Geste.

Wichita Falls…

Ja, dort hatte er sie gefunden. In einer üblen Spelunke. Das war vor einem Jahr, nachdem er bereits zwei Jahre nach ihr gesucht hatte. Nach ihr – und seiner Tochter. In Wichita Falls arbeitete sie als heruntergekommene Hure. Etwas anderes war Kate nicht mehr geblieben. Und da zeichnete sich schon ihre Krankheit ab, der übermäßige Alkoholkonsum in Verbindung mit dem Opium, das sie jeden Abend einsetzen musste.

»Hattest du denn jemals im Traum daran gedacht, dass es dir und Angie bei einem Mann wie Finn Corcoran besser gehen würde, Kate? Sag mir: hast du wirklich an diesen Mann geglaubt?«

Kates Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. »Kyle, du warst fort – im Krieg. Niemand wusste, ob du jemals wieder heimkehren würdest. Corcoran hatte uns ein gutes Leben versprochen. Er sprach von all den schönen Dingen, die es gibt. Wir verzehrten uns nach Geborgenheit – Angie und ich. Wir waren einsam, Kyle. Einsam auf der Ranch inmitten dieser schrecklichen Einöde.«

Monroe nickte düster.

Doch er war zurückgekehrt, aus dem Krieg, zurück zur Ranch, die er verlassen vorgefunden hatte. Er kam zurück als ein gezeichneter Mann, der tiefe Spuren aus dem Krieg mit heimbrachte. Er wollte vergessen und wieder das sein, was er vorher war – ein Rancher, der eine Familie hatte, um die er sich kümmern konnte.

Kate und Angie waren fort.

Er brauchte lange Zeit, um zu begreifen, was geschehen war. Männer waren gekommen. Sie hatten die beiden Frauen einfach mitgenommen. Keine Gewalt, denn es geschah freiwillig.

Viel später erfuhr Monroe, was dann passierte.

Man hatte zumindestens aus Kate eine alkoholsüchtige Hure gemacht und sie alleine in einer fremden Stadt zurückgelassen. Sie waren weitergezogen. Angie wurde mitgenommen, während Kate sinnlos betrunken in einem schäbigen Hotelzimmer ihren Rausch ausschlief.

Irgendwann hatten sich diese Männer getrennt.

Kyle Monroe spürte sie fast alle auf. Sie starben im Pulverdampf. Kate hatte er dann irgendwann gefunden. Zumindestens das, was von ihr übrig geblieben war.

So gab es nur noch die Hoffnung für ihn, dass Angie noch lebte. Und er betete, dass nicht das aus ihr geworden war, was aus Kate wurde. Kate hatte für ihre Leichtgläubigkeit bitter bezahlen müssen. Die Zigarre wollte ihm nicht mehr schmecken. Angewidert drückte er sie im Aschenbecher aus. Eine Unruhe überfiel ihn. Er musste raus aus diesem Hotelzimmer. Seine Gedanken übermannten ihn und drohten, ihn allmählich zu ersticken. Er musste fort von Kate, deren Anblick er nicht länger ertragen konnte.

Monroe erhob sich und rückte seinen Revolvergurt zurecht.

»Du willst noch fort? Etwa in diesen Cronicle

Monroe nahm den Hut vom Haken. Er nickte düster.

»Lass mich nicht alleine, Kyle, bitte …«

Er sah auf sie herab. Einst war sie eine hübsche Frau gewesen und lebenslustig.

Doch jetzt …

»Ich kann es hier drinnen nicht mehr aushalten«, sagte er grob. Er trat aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

 

*

 

Doc Mahoon machte einen nächtlichen Spaziergang, um seine düsteren Gedanken zu vertreiben. Die Luft war angenehm. Ein leichter Wind wehte von Norden her und trug den Duft von Salbei in die Stadt. Doch das besserte Mahoons Laune nicht sonderlich. Die Entwicklungen der letzten Tage gefielen ihm überhaupt nicht und bereiteten ihm große Sorgen. Der Doc war ein Mann, der als Arzt nicht nur den Beruf als solchen sah, sondern als Berufung. Für den kleinen Mann war dieser Unterschied von großer Bedeutung. Leben retten, war seine Devise. Als junger Mann war er in den Westen gekommen, voller Optimismus und Tatendrang. Der Krieg brach aus und wütete über das Land. Er erlebte die kurze Zeit danach und fragte sich oftmals, was wohl schlimmer war – der Krieg oder das, was jetzt das Land beherrschte. Alles schien aus den Zügeln zu geraten. Und auch Frauen waren hier nicht mehr sicher.

Doc Mahoon spürte den aufwallenden Druck in der Magengegend. Vor wenigen Stunden hatte er erfahren, was mit Rita passiert war – und auch Tom. Das hatte ihn zutiefst erschüttert. Und immer wieder stellte er sich die Frage, was noch alles geschehen würde, wenn sogar Frauen nicht mehr sicher waren.

Es gab kein Gesetz in Spanish Crossing.

Das war schlimm.

Dort drüben im Cronicle braute sich etwas zusammen. Und immer mehr Müßiggänger kamen in die Stadt.

Ja, es musste etwas passieren. Es musste ein Marshal her, der Manns genug war, aus Spanish Crossing wieder eine ruhige Stadt zu machen. Auf die Armee konnte man nicht zählen. Die hatte derzeit andere Sorgen. Und möglicherweise, dachte Mahoon, war das auch ganz gut so. Kein Mensch in Spanish Crossing hatte je gerne einen blau uniformierten Yankee in der Nähe gesehen.

Jedermann hatte damals mit Freuden zugesehen, als die Soldaten abrückten.

Aber besser ein Yankee, als das ganze Gesocks, das sich derzeit hier einschleicht, dachte er bitter. Er schneuzte sich mit einem Taschentuch geräuschvoll die Nase, während seine Blicke zum Cronicle herüberwanderten. Charles Blaisdell hatte es über all die Jahre immer wieder verstanden, mit diesem Laden dort Geld zu verdienen. Selbst jetzt, da Bargeld in Texas knapp war. Blaisdell hatte immer seine Nase nach dem Wind gedreht.

Und irgendwie ist dieser windige und heuchlerische Bursche gut damit klar gekommen, überlegte Mahoon. Verdammt gut sogar!

Er blieb auf den schmutzigen Planken des Gehsteiges stehen und verstaute das Taschentuch in die Hosentasche.

Doch etwas stimmte da drüben nicht.

Böse Zungen behaupteten sogar, dass sich Blaisdell allmählich das Zepter aus der Hand nehmen ließe.

Finn Corcoran und seine Männer kamen und gingen, wie es ihnen passte. Und für den Doc sah es so aus, als würden sie den Laden regieren – und nicht mehr Charles Blaisdell.

Im Augenblick schien Corcoran nicht da zu sein. Sein auffälliges Pferd – ein Schwarzer mit einer weißen Blässe und weißen Fesseln – stand nicht vor dem Saloon. Das bedeutete jedoch nicht, dass nicht einige andere Männer der Mannschaft dort drüben waren. Im Cronicle herrschte noch reges Treiben. Laute Musik drang auf die Straße. Gläser klirrten. Eine Frau lachte – laut und schrill.

Finn Corcoran war dem Doc schon lange ein Dorn im Auge. Der Mann hatte etwas vor. Und egal, was es war – für Doc Mahoon konnte es nichts Gutes bedeuten. Und nicht nur Doc Mahoon war dieser Auffassung. Durch die vielen Gespräche, die der Arzt führte, konnte er deutlich den Unmut der ansässigen Bürger vernehmen.

»Ja«, sagte er laut zu sich selbst, »ein Marshal muss her. Ein Mann, der für Gesetz und Ordnung sorgt. Ansonsten, liebe Stadt, sehe ich hier mächtig, mächtig schwarz.«

Kaum hatte er diesen Satz ausgeprochen, als er die hochgewachsene Gestalt des Mannes in einem schwarzen Anzug erblickte, der soeben aus dem kleinen Hotel trat. Mahoon erkannte in ihm den Mann, der heute Nachmittag mit der schwerkranken Frau in seine Praxis gekommen war und sich auffällig nach Finn Corcoran erkundigt hatte.

Ein gefährlicher und düsterer Mann, dachte Mahoon. Was mag er hier nur wollen. Und diese Frau, die wie eine ganze Schnapsfabrik gerochen hatte – seine Frau…

Sie war todkrank, dessen war sich Mahoon sicher, obwohl er sie nicht einmal gründlich untersucht hatte.

Ihre gelben Augenränder und das eingefallene Gesicht hatten ihm schon alles gesagt.

Laudanum.

Die Frau hatte Laudanum haben wollen – gegen die Schmerzen.

Zum Teufel!, dachte Mahoon bitter, die Frau ist hochgradig abhängig.

Und sie wollte überhaupt nicht zu diesem Mann dort passen, der auf dem Gehsteig stehenblieb, sich eine Zigarre anzündete und zum Cronicle herübersah. Während sich Doc Mahoon sich schlendernden Schrittes dem Mann näherte, studierte er dessen Profil. Ein hageres Gesicht mit zwei kalten, grauen Augen, die im Moment im Schatten verborgen lagen. Und da war der auffallend schmallippige Mund, der selten zu lächeln schien.

Mahoon blieb neben dem Mann stehen und sagte im beiläufigen Plauderton: »Gute Luft, um sich noch kurz die Beine zu vertreten, nicht wahr?« Und mit lauerndem Unterton fügte er hinzu: »Oder auf die Jagd?«

Monroe sah auf den kleinen Arzt nieder und runzelte die Stirn dabei.

»Oh, verstehen Sie mich nicht falsch, Mister Monroe«, Mahoon hob in entschuldigender Geste beide Hände vor die Brust. »Aber es sieht für mich ganz offensichtlich so aus, als wären Sie nicht ohne Grund nach Spanish Crossing gekommen.«

»Möglich.« Monroes Zigarre glimmte auf. Er nickte kurz, aber er sah den Doc dabei nicht mehr an. Seine Blicke hingen wie gebannt am gegenüberliegenden Cronicle. Monroe schob seinen Waffengurt zurecht und ging zielstrebigen Schrittes über die Straße – geradewegs auf den Cronicle zu.

Mahoon lehnte sich an einen Stützpfeiler und schob seinen Bowlerhut aus dem Gesicht.

Dieser Mann, dachte er, trägt Hass in seinem Herzen. Eine Saat des Zorns! Und ich will verdammt sein, wenn der nicht die pure Hölle loslassen wird…

Ein leichtes Frösteln zog sich durch seinen Körper. Und das kam nicht vom Nachtwind.

 

 

9. Kapitel

 

 

Getrieben von einer inneren Gespanntheit, wanderten seine Augen suchend hin und her, während er langsam auf die Theke zuging.

Junge Mädchen liefen emsig zwischen den Tischen umher.

Im Laufe der Jahre seiner Jagd entwickelte Kyle Monroe ein Gespür für gewisse Dinge, auch wenn diese scheinbar im Verborgenen lagen. Und so bemerkte er, dass etwas mit diesen Mädchen nicht stimmte. Sie wirkten angespannt. Das Lächeln auf ihren Gesichtern sah aus wie eine Maskerade. Es war unecht. Ihre Bewegungen machten auf ihn einen eher gehetzten Eindruck.

Er erkannte keine von ihnen.

Das enttäuschte ihn sehr.

Einige Männer saßen an den Tischen, tranken und redeten. An einem Tisch weiter hinten war ein Pokerspiel im Gang. Ein schmächtiger, älterer Bursche mit Halbglatze saß am Klavier. Monroe fielen die langen Finger auf, die der Kleine zum Einsatz brachte, um einige klangvolle Töne aus dem Klavier zu holen. An der Theke lümmelten sich zwei Männer, ein größerer und ein etwas kleinerer Bursche. Etwas abseits vom Tresen hielt sich ein mittelgroßer Mann mit schwarzem Bart und einem tadellos sitzenden Anzug auf.

Das musste dieser Charles Blaisdell sein, von dem der Arzt gesprochen hatte, kam es ihm in den Sinn.

Blaisdell sah zu ihm auf und ein seltsames Leuchten zeigte sich in seinen Augen, das Monroe nicht entging. Und noch etwas bemerkte Monroe: der Ausdruck des Mannes wirkte verzerrt. Auch in der Haltung des Mannes lag etwas, das verkrampft erschien. Monroe sah zu den beiden Männern an der Theke. Sie musterten ihn unverhohlenen Blickes. Beide grinsten überheblich.

Finn Corcorans Männer…

Sie wechselten vielsagende Blicke miteinander, die Monroe nicht entgingen.

Der Schwarzbärtige – Blaisdell – wurde nicht mit einbezogen.

Offenbar gehörte er nicht in dieses Spiel. Nach außen hin war er hier wohl der Boss. Aber er hatte hier nicht das Sagen. Kyle Monroe spürte es ganz deutlich.

Hier im Saloon waren also zwei Männer, die zu Corcoran gehörten. Wo, zum Teufel, war der Rest? Corcoran selbst war nicht hier, obwohl Monroe es gehofft hatte. Auch das enttäuschte ihn. Aber der Arzt hatte es ihm ja gesagt.

Blaisdells Haltung verriet Unsicherheit. Vielleicht wäre das einem Anderen kaum aufgefallen. Kyle Monroe aber hatte ein geschultes Auge für jene gewissen Dinge.

Wie würde sich Blaisdell verhalten, sollte es zu einem Kampf kommen?

Stand er auf der Seite der Corcoran-Männer? Oder hoffte er insgeheim, sie loswerden zu können?

Ein Mädchen mit feuerrotem Haar ging auf Blaisdell zu. Sie legte kurz die Hand auf dessen Schulter und sagte etwas, das er mit einem verzerrten Grinsen erwiderte. Sie sah zu Monroe herüber und unterzog ihn einer kurzen, für ihn allerdings vielsagenden Musterung. Ein einladendes Lächeln erschien um ihren roten Mund.

Die ist ganz anders, als die anderen Mädchen, entschied Monroe, während er das Lächeln erwiderte. Die versteht etwas von ihrem Geschäft. Ganz klar!

Er stellte sich an die Theke. Rechts von ihm befanden sich der Große und der Kleine. Die musterten ihn unverschämt. Doch Monroe reagierte nicht darauf. Die Rothaarige trat an seine Seite.

»Hallo, Fremder«, begrüßte sie ihn mit ihrem aufreizenden Lächeln. Monroe wandte sich ihr zu. Er tippte an die Krempe seines schwarzen Hutes.

»Ma´am.«

»Ich bin Lilly«, stellte sie sich vor. »Und Sie sehen so aus, als könnten Sie etwas Gesellschaft vertragen.« Sie deutete mit einem vielsagenden Kopfnicken zu einem leerstehenden Tisch herüber.

Monroe lächelte breit über die anzügliche Offenheit dieser Rothaarigen. Sie war wirklich verdammt hübsch.

Kaum möglich, sich ihrer Wirkung entziehen zu können, dachte er. Zu Lilly sagte er: »Es ist mir ein Vergnügen, Ma ´am.«

»Lilly«, verbesserte sie lächelnd. »Ich heiße Lilly. Das Ma´am wollen wir doch lassen, hm?«

»Einverstanden.«

Sie hakte sich bei ihm ein und führte ihn zu dem Tisch. In höflicher Manier rückte er ihr einen Stuhl zurecht und Lilly nahm Platz. Sie nickte ihm anerkennend zu. Offensichtlich war sie es nicht gewohnt, in Gentlemanmanier behandelt zu werden.

Monroe setzte sich Lilly gegenüber auf den Stuhl. Er hatte die Platzierung bewusst gewählt, denn er wollte den gesamten Saal im Augenschein behalten. Vor allen Dingen die beiden Corcoran-Männer dort am Tresen.

»Sie kommen nicht von hier«, sagte Lilly, »das merkt man gleich., Mister.«

Monroe legte seinen Hut auf die Tischkante. Er strich sich durch das dunkle Haar, das an den Seiten bereits graue Strähnen aufwies.

»Ich heiße Kyle Monroe», stellte er sich vor, »Kyle für meine Freunde. Was möchten Sie trinken?«

Monroe sah an Lilly vorbei in Blaisdells Richtung. Der Mann stand an einem Pfeiler gelehnt und sah mit düsteren Blicken zu ihnen herüber. Kyle Monroe ahnte, dass diesem Mann etwas nicht passte.

»Ich trinke einen Kaffee – schwarz, wenn es Ihnen nichts ausmachen sollte – Kyle«, antwortete Lilly. Dabei legte sie eine ganz besondere Betonung in seinen Namen.

Monroe nickte. Er reagierte nicht auf die Betonung, nahm sie aber zur Kenntnis.

»Kaffee? Nun, warum nicht.« Er zuckte gleichmütig mit den Schultern, während seine Augen immerfort suchend durch den Saal glitten.

Monroe sah, wie Lilly ihn interessiert musterte. Diese Frau, so schätzte er sie folgerichtig ein, war durchs Ohr gebrannt. Ihr entging so schnell nichts. Und sicherlich fragte sie sich gerade, weshalb er hier war. Das verrieten ihm ihre Augen.

Monroe winkte den Mann hinter der Theke heran und bestellte den gewüschten Kaffee.

Der Mann am Klavier änderte die Musik. Er begann, ein schnelleres Stück zu spielen. Laut, falsch, aber stimmungsvoll. Monroe hörte jemand rufen: »Das wurde langsam Zeit! Diese verdammte Trauermusik kannst du in der Kirche spielen, Opa!«

Jemand fiel in ein gackerndes Lachen ein.

Eine Frau kreischte schrill.

Monroe wandte sich Lilly zu, deren Augen immer noch interessiert an ihm hingen.

»Mächtig netter Laden hier«, meinte er. Es klang ironisch.

»Sie sind sicherlich etwas ganz anderes gewohnt, nicht wahr, Kyle«

Wieder diese Betonung seines Namens…

»Schlimmeres und Besseres. Wie man´s nimmt.«

Plötzlich schob sie ihren Kopf näher heran. »Wen oder was suchen Sie hier eigentlich, Kyle?«

Monroe zog die Stirn in Falten.

»Wer sagt denn, dass ich was suche?«

Lillys Lächeln wurde geheimnisvoller. »Verkaufen Sie mich nicht für dumm, Mann. Ich hab doch sofort gemerkt, als Sie hier hereinspaziert kamen, dass Sie auf Jagd sind. Also?«

Monroe nickte. Lächelnd sagte er: »Schätze, Sie sind gewiss nicht auf den Kopf gefallen. Ihnen macht man nichts vor, was?«

»Bin lange im Geschäft, Kyle.«

»Was ist mit Ihrem Boss, Lilly? Hat der die Hosen voll? Oder hat Finn Corcoran diesen Laden schon übernommen?«

Das saß. Die Überraschung war auf seiner Seite. Nun war es an Lilly, die Stirn in Falten zu ziehen.

Der Barmann kam und servierte zwei Tassen Kaffee. Als er wieder gegangen war, sagte Lilly: »Ziemlich direkte Fragen für einen Fremden, der gerade erst in die Stadt gekommen ist. Was sind Sie, Kyle? Ein Hellseher? Oder gar – ein Marshal?«

Monroe schüttelte den Kopf.

»Weder noch. Bin halt auch lange im Geschäft. Und ich habe Augen, die sehen können.«

Lilly befeuchtete ihre roten Lippen und sah ihn für eine Zeitlang nachdenklich an. Schließlich nickte sie und sagte: »Ich denke, dass ich Sie richtig eingeschätzt haben, Kyle Und vormachen kann man Ihnen auch nichts.« Sie blickte zur Seite. Monroes Blicke folgten den ihren.

Blaisdell stand immer noch am Pfeiler und sah zu ihnen herüber. Das ungleiche Duo lehnte am Tresen. Der Große hielt eine Flasche an die Lippen und trank gierig. Der Kleine stierte mit glasigen Augen zu Lilly herüber. Und dann zu Monroe. Ein lauernder Ausdruck erschien in seinem Gesicht.

Lilly wandte sich Monroe zu.

»Wir werden beobachtet«, sagte sie.

»Ich weiß. Wer sind die beiden Kerle dort am Tresen?«

»Corcoran-Männer. Zwei miese Typen. Sie heißen Grogg und Chick. Hören Sie, Kyle: Hier haben die Wände Ohren. Oben in meinem Zimmer können wir uns besser unterhalten.«

»Sonst noch jemand von Corcorans Männern hier?«, fragte Monroe.

Lilly schüttelte den Kopf.

»Im Augenblick nicht, aber …«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Monroe sah die plötzliche Veränderung in ihrem Gesicht. Lilly lächelte nicht mehr. Sie war ernst. Ein dunkler Schatten hatte sich über ihre Augen gelegt. Monroe nahm die Tasse mit der Linken beim Henkel und führte sie an den Mund. Über den Tassenrand hinweg sah er Lilly direkt an.

»In Ordnung«, sagte er, nickte und stellte die Tasse auf die Tischplatte.

 

*

 

Charles Blaisdell gefiel das nicht. Es entsprach nicht Lillys Art, sich gleich so vertrauenswürdig einem Fremden zu geben. Sie machte ihren Job. Und den machte sie verdammt gut. Das stand außer Frage. Aber so, wie das hier für Blaisdell aussah, hatte es nichts mit Lillys Job zu tun.

Was war das für ein Kerl?, fragte er sich, während er die Zigarre zwischen den Lippen hin und her rollen ließ.

Spielte Lilly jetzt auch noch nach ihren eigenen Regeln?

Mit zusammengezogenen Augenbrauen beobachtete Charles Blaisdell, wie Lilly mit dem Fremden in Richtung Treppe zu den oberen Etagen ging. Lilly hatte den hochgewachsenen Mann im schwarzen Anzug dabei an die Hand genommen und zog ihn fast hinter sich her. Dabei lachte sie laut und scheinbar unbeschwert.

Was war das für ein verdammtes Spiel?

Blaisdells Finger spielten nervös mit dem Knopf seiner Anzugjacke. Sein rechtes Auge begann zu zucken. Das tat es immer, wenn für ihn etwas nicht in Ordnung war.

Als Lilly mit dem Kerl mitten auf der Treppe stand, trafen sich kurz ihre Blicke.

Sie lächelte nicht mehr.

Irrte er sich, oder hatte sie ihm gerade zugezwinkert? Fast kam es Blaisdell so vor. Doch bevor er sich weitere Gedanken darpüber machen konnte, hörte er die stark alkoholisierte Stimme Groggs durch den Saloon brüllen: »He, du Schönling da auf der Treppe! Wer sagt dir eigentlich, dass du dich mit der Schönen da an deiner Seite vergnügen sollst, he? Komm da wieder runter und setz dich wieder an den Tisch.«

Blaisdell zuckte zusammen. Grogg war betrunken und wollte unbedingt Streit provozieren. Sein Kopf machte eine schnelle Drehung zu dem grobschlächtigen Kerl. Der hatte sich von der Theke abgestoßen und stand breitbeinig auf den Planken des Saloons. Die Flasche in der Rechten beschrieb einen Halbkreis. Whisky tropfte auf die Bretter. Chick lehnte lässig am Tresen und grinste breit. Es war ein giftiges Grinsen. Auf der Stirn zeichnete sich das breite Andenken ab, das ihm vor wenigen Tagen Gil Fuller im Store verabreicht hatte. Blaisdell war alles andere als ein Freund der Nolans und deren Mannschaft. Aber als dieser Giftzwerg von Chick seine Lektion erhalten hatte, konnte er nicht umhin, sich diebisch darüber zu freuen.

Doch diese klein geratene Bestie im Menschengestalt schien nichts daraus gelernt zu haben.

Denn jetzt sah es für Charles Blaisdell so aus, als hätten er und Grogg ein neues Opfer gefunden.

Verdammt sei diese Brut von Finn Corcoran, dachte er zornig und hilflos zugleich, verdammt sei Finn Corcoran. Wäre ich doch nie…

Er führte seinen Gedanken nicht zu Ende.

Im Saloon war es plötzlich sehr ruhig geworden.

Der Alte am Klavier hatte aufgehört zu spielen. Ein Glas fiel auf den Boden und kollerte gegen ein Tischbein. Und in diese Ruhe hinein dröhnte abermals Groggs Whiskystimme: »Bist du taub auf den Ohren, Mann? Du sollst dich wieder auf den Stuhl da setzen. Die Lady habe ich für mich reserviert.«

Blaisdells Gesicht lief rot an vor Wut. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging auf Grogg los.

»Lass den Quatsch!«, schrie er ihn an. »Trink in Ruhe deinen Whisky und hör auf, hier Streit anzufangen.«

Grogg stierte Blaisdell aus stupiden Augen entgegen.

»Du hast hier gar nichts zu melden, Stutzer!«, kam es von ihm und im gleichen Augenblick knallte die halbvolle Whiskeyflasche gegen Blaisdells Schädel. Blaisdell verdrehte die Augen. Wie ein gefällter Baum landete er auf dem Boden. Einige der Mädchen schrien entsetzt auf. Grogg lachte dreckig auf und ließ die Flasche achtlos neben Blaisdell auf die Bretter fallen. Er brachte sich in Position.

Chick stieß sich ebenfalls von der Theke ab.

 

*

 

Kyle Monroe verharrte auf der Treppenstufe. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Lilly die Hände vors Gesicht schlug, als Blaisdell fiel.

Diese Burschen da unten hatten es von Anfang an auf ihn abgesehen. Das hatte Monore deutlich gespürt. Monroe war es nur recht.

Zwei Corcoran-Männer weniger, um die ich mir Sorgen machen muss, dachte er grimmig.

Er schob langsam die Rockaufschläge zurück, so dass der Kolben seines 36er Navy sichtbar wurde.

Mit tödlicher Sanftheit wehte seine Stimme zu Grogg und Chick herunter, als er sagte: »Bevor du den Mund so weit aufreißst, solltest du lieber die Lady fragen, ob sie sich mit dir einlassen würde.«

Groggs Augen verengten sich. Sein stumpfsinniges Gesicht schien zuerst die Worte nicht verstanden zu haben, die ihm Kyle Monroe zugeworfen hatte. Sein Mund klappte auf, dann wieder zu. Er wechselte einen kurzen Seitenblick mit seinem Partner. Chick stellte sich breitbeinig neben Grogg. Die Finger seiner Rechten trommelten nervös gegen die Perlmuttschalen seines Colts.

Blaisdell lag immer noch reglos auf dem Boden – dicht vor Chicks Stiefelspitzen.

»Einen Dreck werde ich!«, rief Grogg zu Monroe hoch. »Ich will mich mit der Puppe amüsieren. Und da frage ich nicht lange nach. Hast du das kapiert?«

»Na, dann hole sie dir doch, du Schlaukopf«, höhnte Monroe.

»Okay, Grogg, der will seine Medizin schlucken – tun wir ihm den Gefallen«, kam es zischend aus Chicks Munde In seinen gelblichen Augen blitzte es tückisch auf.

Ohne Lilly anzusehen, sagte Monroe: »Lilly, bitte seien Sie so freundlich und bewegen sich bitte ganz schnell nach oben in Deckung.«

»Hören Sie, Kyle, das alles …«

»Verdammt, diskutieren können wir später! Tun Sie, was ich Ihnen sage.«

Sie sah ihn erschrocken von der Seite an. Eben noch war er ein Mann mit den feinsten Manieren eines Gentleman – jetzt hatte sich ein Wandel vollzogen, der ihn an einen Wolf erinnerte. Lilly hob den Saum ihres Samtkleides an und huschte die Treppe hinauf zur ersten Etage.

Doch das beachtete Monroe nur am Rande. Seine kalten Augen hielt er auf Grogg und Chick gerichtet. Und der Instinkt eines Kämpfers sagte ihm, dass der kleine Giftzwerg da unten gefährlicher war, als der Große mit dem losen Mundwerk.

Und richtig!

Während Grogg für den Bruchteil einer Sekunde noch zögerte, sprang Chick plötzlich vor und riss seinen Revolver aus dem Leder. Doch da fraßen sich schon die ersten Mündungsblitze von Monroes 36er durch seinen Körper. Die dumpfen Einschläge der Geschosse ließen Chick mitten in der Bewegung erstarren. Mit fassungslosem, stupiden Gesichtsausdruck stierte er zu Monroe hoch. Der Revolver fiel ihm aus der Hand und polterte auf die Bretter des Saloons.

Chick machte eine seitliche Drehung und war schon tot, als sein Körper dicht neben dem bewusstlosen Blaisdell aufschlug.

Stille!

Grogg stand wie angewurzelt da, seine Rechte schwebte über dem Kolben seines Colts. Ungläubig starrte er in die rauchende Mündung des 36ers, der soeben seinen Kumpan getötet hatte und nun auf ihn gerichtet war.

Das metallische Klicken drang unnatürlich laut durch den Saal, als Monroe den Abzugshahn nach hinten zog. Seine Augen sahen kalt zu Grogg herunter, dem der Schweiß von der Stirn lief.

»Zieh deine Kanone aus dem Leder oder mach, dass du verschwindest, Großmaul!«

Sämtliche Kampflust war aus Groggs Gesicht entschwunden. Er stand plötzlich ganz alleine da. Sämtliche Menschen im Saal hielten gebannt den Atem an. Jegliche Augenpaare waren auf das Geschehen gerichtet.

Doch keiner dachte daran, sich einzumischen, geschweige denn, ihm helfen zu wollen.

Das schien Grogg zu erkennen. Und er wusste auch allzu gut, dass er gegen diesen hochgewachsenen Mann im schwarzen Anzug keine Chance haben würde. Seine roten Augen blickten auf den toten Chick am Boden, dann wieder zu Monroe hoch.

Der hatte immer noch seinen 36er auf ihn gerichtet.

Und da passierte etwas, das dieser Szenerie eine Wendung gab.

Ein stechender Schmerz durchzuckte plötzlich Kyle Monroes Körper. Er kam jäh und versetzte seinen rechten Arm in eine vollständige Lähmung. Monroes Gesicht wurde kalkweiß. Er stolperte nach hinten gegen die Wand. Eine Panik erfüllte ihn. Denn er wusste, was das bedeutete.

Ein Raunen ging durch die Menge im Saloon.

Monroes Gesicht verzerrte sich. Er sah, wie es in Groggs stupidem Gesicht dort unten zu arbeiten begann.

Er hörte Lilly rufen: »Kyle! Was ist mit Ihnen?«

Monroe achtete nicht auf sie. Er hatte genug mit sich zu tun. Dieser bullige Bursche dort unten schien die neue Situation erkannt zu haben. Ein höhnisches Grinsen zog sich über das feiste Gesicht.

Monroe griff mit der Linken seinen 36er. Genau in dem Augenblick stürmte Grogg mit einem tierischen Aufschrei nach vorne, hatte seine Waffe aus dem Revolvergurt gerissen und feuerte. Doch er reagierte zu hastig. Das Geschoss donnerte in das Holz des Treppengeländers. Späne flogen Monroe ins Gesicht. Die Lähmung setzte ihm arg zu. Er konnte nicht so reagieren, wie es sonst der Fall war. Außerdem musste er mit der linken Hand schießen. Das war ebenfalls ungewohnt für ihn.

Doch er hatte keine andere Wahl. Der Finger krümmte sich um den Abzug. So schnell es ihm gelingen mochte. Er fehlte. Grogg war inzwischen an der unteren Treppe angekommen. Sein Colt bellte auf. Die Kugel raste dicht an Monroe vorbei und schlug sich in der Kalkwand dicht neben ihm platt. Kalk rieselte Monore entgegen. Er ließ sich fallen, entging somit einer zweiten Kugel, die haarscharf an seinem Kopf vorbei jaulte. Noch im Fallen zog er durch. Er sah Grogg taumeln. Ein roter Fleck breitete sich auf dessen Brust aus. Grogg stieß einen heiseren Seufzer aus. Er stolperte.

Monroe wollte noch einmal abdrücken. Der Hammer schlug auf eine leere Patrone. Grogg sackte auf dem Treppenabsatz zusammen. In seiner Rechten hielt er verkrampft die Waffe. Er brachte sie in Anschlag. Doch er erschlaffte. Der Revolver polterte auf die Treppenstufe. Ein Zucken ging durch Groggs Körper. Dann brach er endgültig zusammen.

Monroe lehnte sich erschöpft gegen das Treppengeländer. Von oben hörte er Lilly laut seufzen. Die Schwingtür flog auf und die Gestalt des kleinen Docs betrat den Saloon.

 

*

 

»Wann haben diese Lähmungen erstmals eingesetzt?« Doc Mahoon wischte sich seine Hände mit einem Handtuch ab. Er sah kurz von Monroe zu Charles Blaisdell herüber, dessen Platzwunde am Schädel von Rita verbunden wurde. Der Saloonbesitzer stöhnte dabei die ganze Zeit wehleidig auf. Und das ging dem Arzt mächtig auf die Nerven.

Lilly hatte sich Blaisdell gegenüber rittlings auf einen Stuhl gesetzt und blickte skepitsch auf Ritas Wirken. Es war ihr deutlich anzusehen, dass sie die junge Arzthelferin nicht leiden konnte.

Kyle Monroe ballte immer wieder die rechte Hand zur Faust. Die Lähmung war genauo schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Dennoch hätte dieser Vorfall ihm beinahe in einem entscheidenden Moment das Leben gekostet.

»Ist schon eine Weile her, Doc. Genau weiß ich es nicht mehr. Vielleicht vor einem Jahr etwa. Sie traten ein paar Mal auf und verschwanden dann auch wieder.«

Doc Mahoon nickte düster.

Er sagte: »In Ihrem Rücken steckt eine Kugel, Monroe. Die sorgt dafür, dass diese Lähmungen von Zeit zu Zeit auftreten. Wenn Sie nicht sehr bald dafür sorgen, dass die Kugel entfernt wird, werden diese Lähmungen immer häufiger auftreten und dabei wahrscheinlich länger andauern als die Male davor. Und die Gefahr besteht, dass sie dann sogar irgendwann vollständig gelähmt bleiben. Frage mich wirklich, wieso Sie nicht schon längst dafür gesorgt haben, dass man Ihnen die Kugel da rausholt, Mann.«

Monroes Antwort ließ dem Arzt die Stirn in Falten ziehen.

»Hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mich darum zu kümmern, Doc.«

Mahoon schüttelte den Kopf. »Mister, das ist Ihre Gesundheit. Aber ich kann meinen Rat nur wiederholen: Die Kugel muss dringend raus. Am besten wäre es, wenn wir gleich …«

Monroe schnitt ihm mit einer energischen Handbewegung das Wort ab. »Nein, Doc. Dafür ist jetzt keine Zeit. Ich werde mich darum kümmern. Aber da gibt es etwas, was ich noch zu erledigen habe. Und das kann nicht warten.«

Der Arzt verstand diesen Mann nicht. Aber es war zwecklos, noch etwas dagegen zu sagen. Monroe musste schließlich wissen, was er tat.

»Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie diese Kugel da im Rücken mit sich rumschleppen?«

Monroe grinste freudlos. »Ein Andenken aus vergangenen Tagen«, sagte er.

Monroe erinnerte sich genau. Es war, als er anfing, die Bande aufzuspüren, die ihm seine Familie geraubt hatte. In Trinidad war er auf Angry Adams gestoßen. Das war der erste Mann gewesen. Mit Angry hatte er abgerechnet. Aber er rechnete nicht mit Angrys jähzornigen Freundin, die ihm kurzerhand mit einer kleinen Deringerpistole eine Kugel in den Rücken schoss. Monroe kam zwar aus Trinidad heraus, aber keine zehn Meilen hinter der Stadt war er bewusstlos vom Pferd gefallen. Ein beherzter Farmer fand ihn, der einiges über medizinische Dinge zu wissen schien. Er konnte zwar nicht das Projektil aus dem Rücken entfernen, sorgte aber dafür, dass Kyle Monroe am Leben blieb und einige Wochen später wieder im Sattel saß.

Auch der Farmer hatte ihm seinerzeit dringend dazu geraten, sich an einen Arzt zu wenden, um die Kugel zu entfernen.

Aber darüber schwieg Monroe berharrlich.

Mahoon wandte sich an Blaisdell: »Ich hoffe, Sie sehen jetzt langsam ein, dass Sie sich mit diesen Corcoran-Männern mächtig übernommen haben, Blaisdell.«

Der Saloonbesitzer sah Mahoon mit einer übertriebenen Leidesmiene an. »Ich konnte nicht ahnen, dass sich die Dinge so entwickeln würden», sagte er barsch. »Wollen Sie mir das etwa zum Vorwurf machen, Mahoon?«

»Ja«, war die knappe Antwort, die Blaisdell merklich zusammenzucken ließ. Der Doc packte seine Utensilien zusammen und verstaute sie in seinen schwarzen Koffer. Als er und Rita das Büro von Blaisdell verlassen hatten, sahen Lilly und Blaisdell stumm auf Kyle Monroe. Der hatte sich inzwischen seine Anzugjacke wieder übergestreift und war ebenfalls in Begriff, zu gehen.

Blaisdell räusperte sich. Etwas verlegen drangen seine Worte an Kyle Monroes Ohren: »Einen Augenblick, Mister. Bitte, warten Sie einen Augenblick.«

Monroes Hand hatte bereits den Türgriff umschlossen. Seine Hand senkte sich herab und seine Augen blieben fragend an Blaisdell haften.

»Mir sind in vergangener Zeit ein paar gravierende Fehler unterlaufen«, sagte Blaisdell. Er atmete tief ein und aus. Dann schien er sich vollständig wieder in der Gewalt zu haben, denn seine Stimme klang plötzlich etwas sicherer. »Ich bin natürlich bereit, diese Fehler wieder zu korrigieren.«

»Kommen Sie auf den Punkt, Mister«, sagte Monroe barsch. »Ich habe nicht sehr viel Zeit.« Er beobachtete dabei Lilly, die ihn aus unergründlichen Augen direkt ins Gesicht sah. Aber Monroe glaubte so etwas wie eine Bitte in ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen.

Charles Blaisdell rückte seinen Stuhl in Monroes Richtung.

»Mir scheint, dass Sie nicht nur rein zufällig in der Stadt sind, Mister …«

»Monroe. Mein Name ist Kyle Monroe.«

Blaisdell nickte. Sein oft zur Schau gestellter, selbstsicherer Gesichtsausdruck trat wieder zum Vorschein. »Nun, Mister Monroe, wie ich schon sagte: ich habe da wieder etwas in ein gerades Licht zu rücken. «

»Damit meinen Sie sicherlich Finn Corcoran, richtig?«

Blaisdell nickte heftig, wobei er sich wieder an seine Kopfschmerzen erinnerte und er das Gesicht verzog.

»Ich sehe, Sie durchschauen die Sache, Mister Monroe.«

Monroe wechselte einen flüchtigen Blick mit Lilly.

Diese Frau, so entschied er, mochte ein seltsames Verhältnis zu diesem Blaisdell hegen.

In Monroes Augen schien Blaisdell nicht viel zu taugen. Jedenfalls machte er nicht den Eindruck eines Mannes von hoher Standhaftigkeit. Er wirkte eher wankelmütig – ein Mann, der es verstand, die Fahne nach dem Wind zu hängen.

Lilly hingegen wirkte auf ihn ganz anders.

»Sie haben sich da auf etwas eingelassen, was ein paar Nummern zu groß für Sie ist, richtig? Ist es das, worum es geht?«

Monroes harte Frage wühlte in Blaisdell, das konnte er deutlich sehen. Das Gesicht des Saloonbesitzers verdunkelte sich. Es traf seinen Stolz.

Aber Blaisdell schien in einer so prekären Lage, dass er über diesen Punkt hinweg ging. Stattdessen nickte er nur.

»Das gebe ich zu. Ja, Finn Corcoran stellt ein großes Problem dar. Ein sehr großes sogar.»

Blaisdell blickte zu Lilly, und diese nickte stumm.

Monroe nickte zufrieden. Er sah sich seiner Sache näher, als er jemals war.

Dieser windige Blaisdell war ganz offensichtlich dazu angetan, seinen Widersacher ans Messer zu liefern, dachte er.

Und das konnte und wollte sich Kyle Monroe nicht entgehen lassen.

Er setzte sich zurück auf den Stuhl, auf den er vorhin gesessen hatte und legte seine langen Beine übereinander. Im gemütlichen Plauderton sagte er: »Okay, Blaisdell, dann legen wir mal unsere Karten auf den Tisch. Und Sie erzählen mir mal alles über unseren gemeinsamen Freund Finn Corcoran…«

 

*

 

Nachdem Kyle Monroe das Büro von Charles Blaisdell verlassen hatte, stand Blaisdell vor dem Regal der zahlreichen Zinnfiguren. Er nahm behutsam einen Reiter heraus und wischte mit einem Tuch über die Figur. Er sah Lilly nicht an.

»Was für eine Wahl hätte ich gehabt, Lilly?«, fragte er, während er die von Staub befreite Figur wieder zurück ins Regal stellte. Eine weitere glitt in seine Hände.

»Ich hatte dich von Anfang an gewarnt, dich mit dieser Bestie Corcoran einzulassen.« Der Tonfall in Lillys Stimme war nicht ohne Vorwurf.

»Ja, das hast du getan.«

Lilly erhob sich von ihrem Stuhl und trat neben Blaisdell ans Regal. Zögernd legte sie ihre schmale Hand auf seine Schulter. »Niemand kennt dich besser als ich, Charles,« sagte sie mit weicher Stimme. »Das weißt du genau. Du bist nicht der harte Mann, den du ständig zur Schau stellst. Warum blickst du nicht tief in dein inneres und erkennst dich selbst? Der Cronicle läuft sehr gut. Warum lässt du es nicht einfach dabei? Was willst du beweisen? Ist es etwa der krankafte Hass gegen die Nolans? Du bist nicht der Mann, der hart genug ist, sich gegen sie zu stellen.«

Blaisdell wandte sich ihr zu. In seinen Augen lag ein gequälter Ausdruck, der Lilly erschrak. Dieser Mann litt unter heftigen Selbstzweifeln. Sein ganzes Bestreben lag darin, zu den ganz Großen zu gehören. Er wollte Macht und Anerkennung. Aber innerlich war er ein schwacher Mann, der sich zuviel vorgenommen hatte. Er erwartete zuviel, als er erreichen konnte.

Eine Tatsache, die Charles Blaisdell leiden ließ wie ein Tier.

Lilly hatte das schon lange gewusst. Sie erkannte den Charles Blaisdell, der er wirklich war.

»Ja Lilly», sagte er mit rostig klingender Stimme, »es ist wahr. Ich bin schwach. Dir kann ich nichts vormachen. Du kennst mich genau. Du hast mich schon lange durchschaut. Ich hätte auf dich hören sollen. Aber ich habe es nicht getan. Ich hätte erkennen müssen, dass es falsch ist, sich mit einem Mann wie Finn Corcoran einzulassen. Finn Corcoran hält eine Mannschaft von mindestens zwölf Männern zusammen. Du weißt, was das für Männer sind. Diese Schwachköpfe Grogg und Chick waren die schwächsten Glieder in der Crew. Gerade gut genug dafür, hiergelassen zu werden, um mich unter Kontrolle zu halten, während die anderen ihren sogenannten Coup starten wollen. Und wenn sie damit fertig sind, werden sie zurückkommen. Und dann werden sie sich meinen Cronicle nehmen, Lilly. Und Corcoran ist mächtig scharf auf dich. Ich weiß das alles. Ich hab´s erkannt. Zu spät. Ja, du hast Recht. Ich hatte wirklich geglaubt, wenn ich mich mit Corcoran zusammentue, dann kann ich´s mit Jed Nolan aufnehmen. Sieh mich nicht so an, Lilly. Es ist schwer mich für, mir einzugestehen, den Fehler gemacht zu haben, und…«

Er verstummte und sah von ihr weg.

Lilly sagte: »Das alles darf nicht geschehen, Charles. Ja, ich weiß, dass Finn Corcoran ein Auge auf mich geworfen hat. Und davor fürchte ich mich. Der ganze Mann macht mir Angst. Und du weißt, dass ich nicht die Frau bin, die schnell zu verängstigen ist. Vergiss endlich deinen sinnlosen Hass gegen Jed Nolan und seine Brüder. Das ist längst Geschichte. Und nur dadurch ist alles entstanden! Je eher du das begreifst, desso besser ist es.« Sie hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als ihr ein Gedanke kam. Ein seltsames Lächeln legte sich um ihre roten Lippen, als sie fortfuhr: »Finn Corcoran ist ein übler Bursche. Aber wer weiß: möglicherweise war es ausgesprochen dumm von ihm, nur zwei seiner Männer hier in der Stadt zu lassen.«

Blaisdell sah sie fragend an. »Wie meinst du das?«

»Na, denk doch mal nach! Grogg und Chick sind tot. Wer sollte Corcoran denn jetzt warnen, dass Kyle Monroe auf seiner Fährte ist? Und dieser Mann ist ein Bluthund. Der brennt darauf, mit Corcoran abzurechnen. Hast du nicht den Ausdruck in seinen Augen gesehen?«

Blaisdell nickte. Ja, den Ausdruck hatte er deutlich gesehen. Und in Charles Blaisdell keimte ein leichter Hoffnungsschimmer auf.

 

*

 

Als Kyle Monroe ins Hotelzimmer trat, lag Kate auf dem Bett. Im matten Schein der Tischlampe sah er ihr wächsernes Gesicht. Die Augen waren starr auf die Decke gerichtet. Ihrer schlaffen Hand war die halb leere Flasche entglitten und lag jetzt auf dem Boden.

Monroe rümpfte er die Nase. Ein übler Gestank menschlicher Ausdünstung vermischt mit Alkohol stieg ihm in die Nase.

Die Fenster waren verschlossen.

Früher hätte Kate es in einem muffigen Zimmer nie aushalten können. Für sie war es stets wichtig gewesen, frische Luft atmen zu können.

Monroe drehte den Docht der Lampe etwas höher.

Lange blickte er auf die reglose Gestalt dort auf dem Bett. Ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Kehle. Nur zögernd nahm er den Hut ab, hielt ihn in beiden Händen.

Ein leichter Schauer fuhr ihm durch den Körper.

Seine Augen brannten. Er fühlte sich leer und ausgebrannt. Mit einer leisen Stimme sagte er: »Wir sind unserem Ziel sehr nahe, Kate. Ja, es ist so, wie ich es dir gesagt habe. Ich hätte dir gerne erzählt, was ich heute Nacht erfahren habe, Kate.«

Kate blieb stumm. Sie hörte ihn nicht.

Sie würde ihn niemals wieder hören.

Kate Monroe war in dieser Nacht gestorben.

 

 

 

ENDE

 

A.F.Morland

HANK SHOOTER

Auf meiner Kugel steht dein Name

Western

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Auf meiner Kugel steht dein Name

 

Doc Reyner, ein betagter, knochendürrer Arzt, der früher Tiere – Hunde, Pferde, Rinder, Esel und dergleichen mehr - behandelt hatte, musste die Kugel aus Hank Shooters Schulter schneiden. Das Werkzeug, das ihm zur Verfügung stand, war schon alt gewesen, als man Flaming City vor mehr als hundert Jahren gegründet hatte. Sehr viel Feingefühl legte der Mediziner nicht an den Tag, und er machte kein Hehl daraus, dass er für Revolverhelden – und ein solcher war Shooter in seinen Augen - nicht viel übrig hatte. „So etwas kann euch in jeder Stadt, an jeder Straßenecke passieren“, sagte er ohne Mitgefühl. „Wenn bei einem Mann der Colt so locker sitzt, muss er damit rechnen, irgendwann an einen Gegner zu geraten, der schneller zieht und besser trifft.“

 

Der dritte und letzte Band der HANK SHOOTER Trilogie, ein neuer Roman von A.F. Morland

 

Es ist immer und überall das selbe, dachte Hank Shooter ziemlich sauer. Ich kann hingehen, wo ich will. Kaum möchte ich friedlich und in aller Ruhe meinen Whiskey trinken, kommt ein Blödmann aus der Versenkung hoch und will mich daran hindern.

„Hey!“ Der Kerl, der das gebellt hatte, roch nicht nur nach Ärger – er stank danach.

„Was gibt’s?“

„Du bist Shooter.“

Der große Blonde mit dem roten Halstuch atmete schwer aus und nickte.

„Seit meiner Geburt.“ Er stellte sein noch volles Glas auf den Tresen zurück und musterte den ungewaschenen und unrasierten Stänkerer. „Hast du ein Problem damit?“

„Allerdings.“

„Und welches?“

„Du bist hier unerwünscht.“

„Sagt wer?“, fragte Shooter betont gelassen.

„Sage ich.“

„Aha. Und wer bist du?“

„Yancey Clancey.“

Shooter griente. „Hat dich noch nie einer wegen deines Namens aufgezogen?“

„Einige schon.“

„Und?“

„Sie liegen jetzt auf dem Friedhof und halten ihre gottverdammte Lästerfresse.“

Shooter zog die Augenbrauen hoch. „Du hast sie umgelegt?“

Yancey Clancey fletschte die Zähne. „Man macht sich nicht über mich lustig.“

Shooter nickte. „Alles klar. Darf ich jetzt ungestört meinen Whiskey trinken?“

Yancey Clancey kniff die Augen zusammen. „Ich weiß, weshalb du nach Flaming City gekommen bist.“

„Schön für dich.“

„Du sollst für Rip Woolf arbeiten.“

„Mr. Woolf hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.“

„Er hat mich rausgeschmissen, damit er dir meinen Job anbieten kann“, knurrte Yancey Clancey.

Die Luft begann bedrohlich zu knistern. Im rauchgeschwängerten Saloon war es so still wie in einer Kirche, wenn keiner drin ist.

Das Lokal und das darüber befindliche Hotel gehörte Rumer Lockman, einer ebenso attraktiven wie resoluten schwarzhaarigen Witwe Anfang dreißig. Sie war heißer als ein Sonnenbrand. Abel Lockman, den Ehemann, hatte man ihr vor etwas mehr als einem Jahr auf der Mainstreet hinterrücks von der Seite weggeschossen. Seitdem schmiss sie den Laden allein. Und das gar nicht mal so schlecht.

„Dann war Mr. Woolf mit dir wohl nicht zufrieden“, sagte Shooter kühl.

„Ich habe meine Arbeit immer prompt und zuverlässig erledigt, habe mir in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen ...“

„Das solltest du mit Mr. Woolf diskutieren“, empfahl Shooter dem Ungewaschenen. „Nicht mit mir.“

„Wenn es dich nicht gäbe, hätte ich meinen Job noch.“

„Es gibt mich aber.“

„Das werde ich ändern“, kündigte Yancey Clancey an, und seine Hand näherte sich verdächtig langsam dem Kolben seines tief hängenden Revolvers.

Shooter hatte keine Lust, sich von Yancey Clancey provozieren zu lassen. Er drehte sich halb um, grummelte mürrisch, der Unrasierte solle sich verziehen, griff erneut nach seinem Glas und genehmigte sich endlich den schon längst fälligen Schluck. Es ärgerte Yancey Clancey natürlich maßlos, dass Shooter ihn vor aller Augen so beschämend ignorierte. Wenn er sein Gesicht nicht verlieren wollte, musste er bleiben. Und ziehen. Und schießen.

Die Anwesenden warteten angespannt auf den alles entscheidenden Moment. Man hätte meinen können, Shooter hätte nicht allen Streusel am Kuchen.

Schließlich zeigt man einem Kerl, er einen unbedingt umlegen will, nicht unbekümmert die kalte Schulter, weil das verdammt ins Auge – oder sonst wohin - gehen kann. Das war Selbstmord. Doch Shooter war nicht so unvorsichtig, wie es den Anschein hatte.

Er behielt Yancey Clancey die ganze Zeit im Spiegel aufmerksam im Auge. Nicht er spielte mit seinem Leben, sondern Yancey Clancey, weil Shooter nämlich ein verdammt guter Schütze war. Der Beste, den er kannte. Mit hervorragenden Reflexen.

„Zieh!“, verlangte Yancey Clancey heiser. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und sein Gesicht war fast so rot wie Shooters Halstuch.

Der große Blonde reagierte nicht.

„Ich sagte: Zieh!“

Shooter dachte: Ich hab's gehört, Arschloch. Du solltest deinem Schöpfer danken, dass ich dir diesen Gefallen nicht tue, denn es wäre dein letzter.

„Feiges Schwein!“, blaffte Yancey Clancey. Er brannte auf eine Entscheidung.

Und die kam auch. Aber nicht so, wie Yancey Clancey sie sich vorstellte. Denn als er sich nicht länger beherrschen konnte und zur Kanone greifen wollte, flogen die hölzernen Schwingtüren auf, als hätte ein Pferd dagegen getreten, und ein großer, starker, grimmiger Mann mit kantigen Zügen und einem blitzenden Blechstern an der Brust betrat Rumer Lockmans Saloon: Sheriff G. M. Lomy.

„Lass Dampf ab, Yancey Clancey!“, befahl er dem Heißsporn energisch, drückte ihm seinen Revolver in den Rücken und nahm ihm das Schießeisen weg, damit er in seiner unendlichen Blödheit keinen Schaden anrichten konnte. „Heute wird keiner umgelegt!“

Yancey Clancey drehte sich wutschäumend um. „Verdammt, Sheriff ...“

„Geh nach Hause, Mann!“, knurrte G. M. Lomy. Er wedelte mit Yancey Clanceys Waffe. „Die kannst du dir morgen, wenn du wieder einigermaßen bei Verstand bist, in meinem Büro abholen.“ Er schob sie in seinen Gürtel. „Und jetzt verschwinde!“

Yancey Clanceys Augen versprühten jede Menge Hass. Er stampfte wie ein gereiztes Longhorn mit gesenktem Kopf aus dem Saloon, und Shooter sagte entspannt lächelnd: „Hallo, G. M. Lange nicht gesehen.“

*

Als Yancey Clancey gefährlich zu glühen begonnen hatte, hatte Rumer Lockman, die schöne Saloon-Besitzerin, einen ihrer Gäste zum Sheriff geschickt, und der hatte es zum Glück gerade noch geschafft, die kritische Situation energisch zu entschärfen.

Was sie nicht – und auch keiner ihrer Gäste - wusste, war, dass Hank Shooter und G. M. Lomy alte Freunde waren. Der Sheriff umarmte den großen Blonden mit dem roten Halstuch herzlich und klopfte ihm so fest auf den Rücken, als wollte er ihm die Lungenflügel zu Brei schlagen. „Hank! Altes Haus! Ich werde verrückt! Du – in meiner Stadt! Das ist vielleicht eine Überraschung!“

„Hoffentlich eine freudige.“

„Auf jeden Fall.“ G. M. Lomy nickte bekräftigend. „Auf jeden Fall“, wiederholte er aufrichtig.

Der Saloon füllte sich wieder mit entspanntem Gemurmel, Klaviergeklimper und Gelächter. Shooter und der Sheriff setzten sich an einen Tisch.

Der große Blonde bat die Wirtin, eine Flasche Whiskey und zwei Gläser zu bringen. Während Shooter einschenkte und Rumer Lockman mit schwingenden Hüften hinter den Tresen zurückkehrte, schnalzte G. M. Lomy mit der Zunge und sagte: „Was für ein Prachtweib.“

„Ist mir noch gar nicht aufgefallen“, behauptete Shooter.

„Verdammter Lügner“, grinste G. M. Lomy. „Du hättest Chancen bei ihr.“

„Blödsinn.“

„Doch, doch. Seit ihr Mann tot ist, hat sie keinen mehr so angesehen wie dich vorhin. Erzähl. Wo kommst du her?“

Shooter stellte die Flasche auf den Tisch und schob dem Freund eines der beiden Gläser zu. „Zuletzt war ich in Snake City. Davor in Sweetwater.“

G. M. Lomy wackelte beeindruckt mit dem Kopf. „Du kommst ganz schön in der Gegend herum.“ Er hob sein Glas und stieß mit Shooter an. Dann tranken sie. „Freut mich ehrlich, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen“, sagte er. „Wie lange ist es her, dass wir uns ... Zehn Jahre?“

„Kann sein.“

G. M. Lomy lachte. „Mann, was waren wir für wilde Hunde.“ Er schüttelte den Kopf, und seine Miene ließ erkennen, dass er alles, was er sich mit Shooter einst geleistet hatte, noch in bester Erinnerung hatte. „Wir haben's manchmal ganz schön krachen lassen, was? Wie geht es deinem Bruder?“, wollte er wissen. „Äh, deinem Halbbruder?“, verbesserte er sich.

Shooter zog die Augenbrauen ernst zusammen. „Gregg ist tot“, sagte er mit finsterer Miene.

„Was?“ Der Sheriff sah ihn verblüfft an. „Das glaube ich nicht. Gregg Leece lebt nicht mehr? Was ist passiert?“

Shooters Züge wurden hart. „Drei gottverfluchte Schurken haben ihn gefoltert, beraubt, gekillt und seine Farm niedergebrannt.“

„Das ist ja ...“ Der Sheriff hatte Gregg Leece als netten, offenen, ehrlichen, klugen und hilfsbereiten Burschen in Erinnerung.

Gregg war ein allzeit gut gelaunter, bei Jung und Alt beliebter Träumer gewesen. Ein Fantast mit tausend Flausen im Kopf.

G. M. hatte Gregg sehr gemocht. Wie jeder, der das Glück gehabt hatte, ihn kennen zu lernen. Shooter erzählte dem Sternträger, was ihn seit Greggs Tod nicht mehr zur Ruhe kommen ließ: „Als ich nach einem wochenlangen, verdammt anstrengenden Trail ziemlich erledigt auf die Leece-Farm zurückkehrte – wir waren von blutrünstigen Indianern angegriffen und von hinterlistigen Rustlern bestohlen worden -, sah ich schon von weitem die Rauchsäule ... Das Haupthaus stand im Vollbrand und das Feuer war im Begriff auf die Nebengebäude überzugreifen ... Gregg lag neben dem Brunnen. Seine Kleidung und seine Haut waren verbrannt. Er hatte entsetzliche Schmerzen, röchelte, blutete aus mehreren Schusswunden und war kaum wiederzuerkennen. Ich wollte wissen, wer ihm das angetan hatte. Er sprach von drei Männern. Gutmütig, wie er war, hat er ihnen zu essen gegeben und sie auf der Farm übernachten lassen. Zum Dank dafür haben ihn die Bastarde tags darauf ... Sie wollten Geld. Er sagte, er habe keines. Sie glaubten ihm nicht und folterten ihn so lange, bis er ihnen verriet, dass in einem kleinen Hohlraum unter dem Küchenboden dreitausend Dollar versteckt seien ... Weil er nicht gleich damit herausgerückt war, beschlossen sie, ihn zu bestrafen. Sie zündeten die Farm an. Er wollte sie daran hindern. Da haben sie ihn gnadenlos zusammengeschossen ... Er starb in meinen Armen und ich habe an seinem Grab die Namen seiner Mörder gebrüllt und geschworen: Ich werde euer Henker sein!“

Der Sheriff schob sein Glas betroffen hin und her. „Mein Gott“, kam es leise über seine Lippen. Sie schwiegen eine Weile. Shooter machte die leeren Gläser wieder voll. Sie tranken mit finsteren Mienen. Schließlich wollte G. M. Lomy mit belegter Stimme wissen: „Wie heißen die Schweine?“

„Yuma Peel, Rufus Porter und Zack Snyder“, knurrte Shooter. „Ich werde erst zur Ruhe kommen, wenn Greggs Tod gesühnt ist.“

G. M. Lomy sah ihn ernst an. „Das kann ich verstehen.“

„Peel und Porter leben inzwischen nicht mehr.“

„Hast du sie ...“

Shooter nickte grimmig. „Peel in Sweetwater und Porter in Snake City.“

„Dann bist du jetzt hinter Snyder her.“

„Richtig.“

„Zack Snyder.“ Der Sheriff massierte nachdenklich seinen Nacken. „Ich höre diesen Namen zum ersten Mal.“

„Typen wie er nennen sich oft in jedem Bundesstaat anders. In Texas Smith. In Utah Brown. In Arizona Black. In Wyoming White ... Angeblich treibt Snyder sich hier irgendwo herum.“

„Bist du deshalb nach Flaming City gekommen?“

Shooter nickte. „Auch?“

„Es gibt noch einen anderen Grund?“

„Ich soll für Rip Woolf arbeiten.“

G. M. Lomy runzelte die Stirn. „Für den reichen Viehbaron. Als Gunslinger?“

„Woolf hat massiven Ärger.“

G. M. Lomy wusste Bescheid. „Mit einer Siedlerfamilie namens Wallach. Ich nehme an, du sollst sie einschüchtern.“

„Darüber habe ich mit Woolf noch nicht gesprochen. Bin ja heute erst in Flaming City angekommen.“

„Und wann gedenkst du die Woolf-Ranch aufzusuchen?“

Shooter zuckte mit den Achseln. „Weiß ich noch nicht. In den nächsten Tagen.“ Er musterte seinen Freund eingehend. „Dir scheint es nicht zu gefallen, dass ich für Woolf arbeiten werde.“

„Der Mann ist ein gottverdammter Kotzbrocken. Er ist nicht nur stinkreich, sondern auch verdammt skrupellos, braucht für seine vielen Longhorns immer mehr Land und will deshalb unbedingt die Wallach-Farm haben. Da die Familie sie aber nicht zu verkaufen gedenkt, hat er die Absicht, sie so lange unter Druck zu setzen, bis sie sein Angebot, das so niedrig ist, dass es schon einer Beleidigung gleichkommt, annimmt.“ Der Gesetzeshüter beugte sich vor. „Und jetzt bin ich so vermessen, ihm zu unterstellen, dass du nicht nur wegen der Wallachs in Flaming City bist, sondern auch, damit du ihm den von ihm höchst ungeliebten, weil für ihn äußerst unbequemen, Sternträger dieser Stadt vom Leib hältst. Er kauft sich den derzeit besten Revolvermann des Westens und stellt ihn Sheriff G. M. Lomy, der ebenfalls ein hervorragender Schütze ist, in den Weg, um für seine dreckigen Gaunereien mit den Wallachs freie Hand zu haben.“

„Das wusste ich nicht“, sagte Shooter ehrlich. Die Flasche, die Rumer Lockman auf den Tisch gestellt hatte, war nur noch halb voll.

„Die Wallachs machen nicht ihm, sondern er ihnen Ärger“, erklärte G. M. Lomy.

„Dann werde ich ihm sagen, dass ich nicht der richtige Mann für ihn bin.“

Der Sheriff hob die Hand. „Vorsicht! Rip Woolf bekommt fast immer, was er will.“

Shooter zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Er wird lernen müssen, auch mal eine Enttäuschung wegzustecken.“

„Er kann sehr unangenehm werden, wenn man ihm eine Abfuhr erteilt.“

„Das kratzt mich nicht.“

„Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. So sieht er das jedenfalls.“

Shooter beeindruckte das nicht im Mindesten. Er wechselte das Thema und wollte wissen, wie G. M. Lomys Privatleben aussah. „Gibt es eine Mrs. Lomy?“, erkundigte er sich neugierig.

G. M. schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber bald.“

„Ich hoffe, ich darf deine Angebetete irgendwann kennen lernen.“

„Sie ist zurzeit bei ihren Eltern in Fort Collins. Wenn sie zurückkommt, werden wir heiraten.“

„Sind Kinder geplant?“

„Mal sehen.“

Shooter feixte. „An und für sich sollen sich Typen wie du ja nicht vermehren, aber...“

„Ich schlag dir gleich ein blaues Auge“, polterte der Sheriff.

„Wie ist der Name deiner Zukünftigen?“

„Shania. Shania Blair. Sie ist ein Schatz. Ein Engel. Eine Heilige.“

„Eine Heilige?“ Shooter lachte. „Dann passt sie ja gar nicht zu dir.“

„Blödmann.“

„Ich weiß, was für ein schlimmer Finger du früher warst.“

„Das ist Schnee von gestern. Heute hüte ich in Flaming City seriös, unbestechlich, streng und zuverlässig das Gesetz, die Bürger achten und schätzen mich und sind mit mir so zufrieden, dass sie mich mit Sicherheit wieder wählen werden, wenn meine Amtszeit abgelaufen ist. Weil sie wissen, dass sie für diesen Job keinen Besseren kriegen können.“

Shooter schmunzelte. „Ob Rip Woolf das auch so sieht?“

„Bestimmt nicht.“ G. M. Lomy blies seinen breiten Brustkorb stolz auf. „Und das ist für mich ein klarer Beweis dafür, dass ich meine Arbeit richtig mache.“ Er zeigte auf Shooters blutrotes Halstuch. „Was verbirgst du darunter?“

„Eine hässliche Narbe“, antwortete Shooter ehrlich.

„Wie bist du zu der gekommen?“

„Sie haben mich in Rock Springs aufgeknüpft.“

„Was hast du verbrochen?“

„Eigentlich nichts. Sie waren der Meinung, ich hätte einen Indianerjungen erschossen.“

„Hast du?“

„Natürlich nicht. Aber man hat mir nicht geglaubt. Und damit es zu keinem Blutbad zwischen den Roten und den Weißen kommt, haben sie mich mit einer Schlinge um den Hals auf meinen Rappen gesetzt und...“

„Wie hast du das überlebt?“

„Als der wahre Täter mich baumeln sah, hat er gestanden. Da haben sie mich abgeschnitten und ihn aufgehängt.“

G. M. schüttelte den Kopf. „Wie man auf dich nicht aufpasst, gibt’s gleich 'ne Katastrophe“, sagte er mit gespieltem Vorwurf.

Langsam wurde der Whiskey weniger, und als die Flasche leer war, verließ der Sheriff mit festem Schritt den vom Lärm der Weidereiter erfüllten Saloon.

*

Shooter hängte in seinem Zimmer den Revolvergurt über die Stuhllehne und zog ohne Eile sein Hemd aus. Das rote Halstuch blieb, wo es war. Das nahm er nie ab. Seine harten Muskel waren im Schein der Öllampe scharf konturiert. Es klopfte. Der große Blonde ging zur Tür und öffnete sie. Draußen stand Rumer Lockman. Sie lächelte verlegen.

„Was gibt’s?“, fragte er.

„Ich wollte nur wissen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist, Mr. Shooter“, sagte die schöne Witwe.

Er wusste, was sie wirklich wollte: Ihn. Und sie sollte ihn bekommen. Er sah ihr an, dass sie mal wieder ziemlich dringend einen Mann brauchte.

Er war einer. Und – verdammt – er war auch schon länger mit keiner Frau mehr zusammen gewesen, deshalb sagte er mit rauer Kehle: „Komm rein!“

Die attraktive Saloon- und Hotelbesitzerin war von seiner unverhofften Selbstverständlichkeit so sehr überrascht, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie war einerseits gehemmt, anderseits aber bebte sie innerlich vor Verlangen und deshalb betrat sie zögernd sein Zimmer. Er kickte mit dem Stiefelabsatz die Tür zu, nahm Rumer in die Arme, küsste sie mit harten, fordernden Lippen und ihre Hemmungen verpufften im selben Moment.

Sie presste ihren brennenden Schoß gierig gegen seinen Harten. Er legte sie aufs Bett. Sie ließ es gerne geschehen, wehrte sich nicht, hatte nicht das Geringste dagegen. Ganz im Gegenteil.

Als er anfing, sie zu entkleiden, half sie ihm, damit es schneller ging. Ihr zierlicher Alabasterkörper war schlank und wohlgeformt.

Ein Meisterwerk von Mutter Natur. Sie schämte sich ihrer Nacktheit nicht, genoss Shooters bewundernde Blicke und wünschte sich ganz offensichtlich nichts sehnlicher, als von ihm wild und leidenschaftlich genommen zu werden. Er gab ihr in reichem Maße, wonach sie sich verzehrte und worauf sie schon so lange verzichtet hatte.

Sie nahm sein großzügiges Geschenk mit glückseligem Jauchzen, tief empfundenem Schluchzen und restlos erfüllter Befriedigung an und blieb die ganze Nacht bei ihm. Erst als der Morgen graute, küsste sie ihn dankbar, stand auf, zog sich an und schlich aus seinem Zimmer.

Kurz nach dem Frühstück ging Shooter in den Mietstall, sattelte seinen prächtigen Rapphengst und verließ Flaming City. Er war ein Mann für klare Verhältnisse, deshalb suchte er Rip Woolf auf, um ihm mitzuteilen, dass er auf seine Dienste verzichten müsse.

Die Ranch des Viehbarons war riesig. Gutes, gesundes Vieh stand auf den schier endlosen Weiden. Ein paar Cowboys waren damit beschäftigt, Kälber einzufangen und ihnen das Brandzeichen ihres Arbeitgebers aufzudrücken.

Rip Woolfs Haus hätte selbst dem amerikanischen Präsidenten zur Ehre gereicht. Der Viehbaron residierte in einem imposanten weißen Prachtbau, der alle Welt unschwer erkennen ließ, wie reich sein Besitzer war.

Wenn G. M. Lomy nicht so schlecht über Woolf gesprochen hätte, hätte Shooter von dem Mann zunächst einen sehr guten Eindruck gehabt.

Der große, schlanke Rip Woolf sah gut aus, war Anfang fünfzig, hatte dichtes schwarzes Haar, ausgezeichnete Manieren und war erstklassig gekleidet.

Er hieß Shooter herzlich in seinem Heim willkommen, führte ihn in einen prunkvollen Salon und rauchte mit ihm eine lange, dicke, handgerollte Zigarre.

Er war weder arrogant, noch prahlte er mit seinem immensen Reichtum, der für ihn im Laufe der Zeit offenbar zur Selbstverständlichkeit geworden war – einfach das Ergebnis eines arbeitsreichen Lebens.

Woolf schien sich ehrlich über Shooters Ankunft zu freuen und tüchtige, charakterfeste Männer sehr zu schätzen. Er fragte, wo Shooter untergekommen war.

„Ich wohne in Rumer Lockmans Hotel“, gab der große Blonde mit dem roten Halstuch zur Antwort.

Rip Woolf lächelte. „Bei Rumer. Sie ist eine bewundernswerte Frau. Stolz. Klug. Tüchtig. Selbstbewusst. Ich mag sie sehr. Jeder in Flaming City und Umgebung mag sie, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich würde sie vom Fleck weg heiraten, habe ihr das auch schon gesagt, aber sie scheint noch immer nicht über den Tod ihres Mannes hinweg gekommen zu sein.“ Er sah Shooter an. „Meine Tür ist immer für sie offen, das weiß sie.“

Der große Blonde kam auf das Angebot des Viehbarons zu sprechen.

„Es wird für Sie nicht viel zu tun geben“, sagte Rip Woolf. „Ihre bloße Anwesenheit wird genügen, um gewisse Dinge wunschgemäß ins Lot zu bringen. Man kennt Ihren Ruf, weiß, dass es im ganzen Westen keinen schnelleren und besseren Schützen gibt als Sie.“

Shooter begann: „Mr. Woolf, ich bin gekommen...“

„Sie brauchen selbstverständlich nicht in Rumer Lockmans Hotel zu bleiben“, fiel ihm der Viehbaron ins Wort. Er machte eine Handbewegung, die sein Haus einschloss. „Hier ist genug Platz für Sie.“

Shooters Miene wurde ernst. „Ich werde Ihr Angebot nicht annehmen, Mr. Woolf.“

Der Viehbaron zog eine Augenbraue hoch. „Darf ich fragen, warum nicht?“

„Ich habe meine Gründe.“

„Möchten Sie mehr Geld? Wir können gerne darüber reden.“

„Ich habe gestern Sheriff Lomy getroffen.“

Rip Woolf hatte erstmals merklich Mühe, sich zu beherrschen. Ein gefährliches Feuer begann in seinen Augen zu lodern. G. M. Schien für ihn ein rotes Tuch zu sein. „Was hat er Ihnen erzählt?“, fragte er schärfer, als er es vermutlich wollte. „Dass dieses gemeine, erpresserische Siedlerpack im Recht ist und ich im Unrecht bin?“

„Das auch.“

„Was noch? Mein Viehbestand wird immer größer. Ich brauche dieses Land und bin bereit, dafür einen fairen Preis zu bezahlen. Aber die Wallachs sind ja nicht bei Trost. Diese geldgierigen Gauner überschätzen ihren Besitz bei weitem und verlangen eine unverfroren hohe Summe dafür. Ich bin zwar großzügig, aber nicht blöd.“

Shooter legte seine Karten offen auf den Tisch. Der Viehbaron sollte wissen, woran er war. „Sheriff Lomy und ich sind alte Freunde, Mr. Woolf“, erklärte der große Blonde nüchtern. „Wie ich die Dinge sehe, wäre eine Konfrontation mit ihm unvermeidlich, wenn ich für Sie arbeite, und dazu darf es nicht kommen.“ Seine Lippen wurden schmal. „Ich bin nicht bereit, meine Waffe gegen G. M. Lomy zu richten.“

„Das verlangt doch keiner.“

„Machen wir uns nichts vor, Mr. Woolf. Irgendwann würde es dazu kommen.“

Der Viehbaron rieb nachdenklich die Handflächen aneinander. „Irgendeine Idee, wie ich Sie umstimmen könnte, Mr. Shooter?“, erkundigte er sich beherrscht.

Der große Blonde mit dem roten Halstuch schüttelte finster den Kopf – und damit waren die Würfel gefallen.

*

Rip Woolf hatte Shooters Absage erstaunlich gut weggesteckt. Äußerlich. In seinem tiefsten Inneren hatte mit Sicherheit ein fürchterlicher Wirbelsturm getobt, aber das hatte er sich nicht anmerken lassen. Er hatte sich mustergültig beherrscht. Doch Shooter kannte Typen wie den reichen Viehbaron zur Genüge.

Sie wurden zeit ihres Lebens vom Erfolg verwöhnt, setzten stets ihren Willen durch und bekamen fast immer, was sie haben wollten.

Wenn es allerdings einmal nicht nach ihren Vorstellungen lief, dann hatte derjenige, der so vermessen war, ihnen eine Abfuhr zu erteilen, zumeist ein äußerst schwerwiegendes Problem.

„Du wirst ab sofort immer wieder mal auch einen Blick über die Schulter werfen müssen, Shooter“, murmelte der große Blonde, während er gemächlich nach Flaming City zurückritt. „Weil Rip Woolf dich von nun an nämlich nicht mehr besonders gut leiden kann.“

Er hatte vor, G. M. Lomy Bericht zu erstatten. Sein Freund sollte wissen, wie das Gespräch mit dem Viehbaron verlaufen war.

Als er das Sheriff's Office erreichte, kam gerade der knorrige, leicht o-beinige, grauhaarige Deputy, heraus. Shooter stieg von seinem Schwarzen und band die Zügel am Hitch rack fest.

„Mr. Shooter?“

„Ganz recht.“

„Ich bin Caleb Thornton.“

„Sehr erfreut“, sagte der große Blonde.

„Ich nehme an, Sie wollen zu Ihrem Freund.“

„Ist er nicht da?“

„Doch“, antwortete Caleb Thornton. „Aber er ist in einer verdammt schlechten Verfassung.“

„Was ist passiert?“

„G. M. ist sturzbesoffen.“

„Um diese Zeit schon?“

„Ich habe ihm seinen Revolver weggenommen und ihn in eine der Zellen gesperrt.“

„Warum denn das?“

„Er wollte sich umbringen.“

„G. M.?“ Shooter konnte das nicht glauben.

Der Hilfssheriff nickte mit finsterer Miene. „Er hatte den Lauf seiner Kanone schon im Mund.“

„Meine Güte. Wieso denn?“

Caleb Thornton zuckte mit den Achseln. „Er muss irgendeine schlimme Nachricht bekommen haben.“

„Hat er Ihnen nicht gesagt, was...“

Der Deputy schüttelte den Kopf. „Er ist so voll, dass er kein verständliches Wort mehr herausbringt, lallt nur noch wie ein hirnloser Idiot, flennt, greint, ist eine Gefahr für jedermann und für sich selbst.“

„Ich muss ihn sehen.“

„Von mir aus“, sagte der Hilfssheriff. „Aber Sie werden nichts aus ihm herauskriegen.“

Caleb Thornton kehrte mit Shooter ins Sheriff's Office zurück. Auf dem großen, alten, zerkratzten Schreibtisch lagen eine leere Schnapsflasche und G. M. Lomys Waffe. Für Shooter war es unvorstellbar, dass sein Freund sich damit hatte erschießen wollen.

G. M. war stets ein charakterfester, willensstarker, mental nachgerade unbezwingbarer Mann gewesen, der das Leben immer bejaht hatte.

Selbst dann, wenn es für ihn mal – gesundheitlich oder anderswie - nicht so gut lief. So jemand gibt sich doch nicht selbst die Kugel.

Der Sheriff stieß eine Vielzahl tierischer Laute aus. Es gab drei Zellen. In einer davon lag G. M. Lomy und lallte schwachsinniges Zeug.

Shooter bat den Deputy, die Zellentür aufzuschließen. Caleb Thornton zögerte. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist“, sagte er. „G. M. ist zurzeit unberechenbar.“

„Er wird mir schon nicht den Kopf abreißen.“

„Den Peacemaker würde ich an Ihrer Stelle aber sicherheitshalber ablegen, bevor Sie die Zelle betreten.“

Das tat Shooter. Der Hilfssheriff schloss inzwischen auf und Shooter trat ein. Er bat den Deputy, ihn mit Lomy allein zu lassen.

„Wenn ich nicht wüsste, wie Sie beide zueinander stehen, würde ich bleiben“, sagte Caleb Thornton. Er deutete auf G. M. „Er hat sehr oft über Sie gesprochen.“

Shooter nickte. „Wir waren wirklich dicke Freunde.“

Der Deputy zog sich zurück und Shooter setzte sich neben den nahezu völlig weggetretenen Sheriff. Als er die Schulter des Freundes berührte, zuckte dieser zusammen.

„Ruhig“, sagte Shooter leise. „Ganz ruhig, Amigo. Ich bin's. Hank...“ Ob G. M. das hörte, wusste er nicht. Und falls er es hörte, war noch nicht gewiss, dass er es in seinem miserablen Zustand auch begriff. Er fragte den Freund, was ihn so sehr aus der Bahn geworfen hatte. G. M. brabbelte und lallte. Wenn das eine Antwort war, kann ich nichts damit anfangen, dachte Shooter.

Er blieb bei G. M. und erzählte ihm von seinem Besuch bei Rip Woolf. Der Sheriff hörte auf, sich völlig unverständlich zu artikulieren. Möglicherweise übte Shooters Stimme eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. Ihm fielen die Augen zu und er schlief ein.

Als Shooter die Zelle verließ, schnarchte G. M. Lomy so laut, dass man ihn wahrscheinlich in halb Flaming City hörte. Caleb Thornton saß mit besorgtem Blick an G. M.s Schreibtisch. Er gab Shooter den Peacemaker zurück.

„Was ist mit ihm?“, wollte der Hilfssheriff wissen.

„Er schläft jetzt.“

„Ich habe ihn noch nie so erlebt. Was hat ihn dermaßen umgehauen?“

„Das konnte er mir nicht sagen.“ Shooter bat den Deputy, den Sheriff nicht wieder einzusperren. Das sei nicht nötig, sagte er. Und: „Ich sehe heute Abend wieder nach ihm.“

Caleb Thornton nickte finster. Der große Blonde verließ das Sheriff's Office und plötzlich fiel ein Schuss.

*

Die Kugel traf wie ein brutaler Hammerschlag. Shooter wurde herumgerissen und hart zu Boden geschleudert. Während des Fallens zuckte seine Hand reflexhaft zum Peacemaker.

Er schoss zurück, ohne einen Gegner zu sehen, ballerte einfach in die Richtung, aus der die Kugel vermutlich gekommen war.

Seine Waffe bellte zweimal. Dann... Kurz... Stille... Jetzt erst setzte der Schmerz ein. In Shooters linker Schulter tobte ein Höllenfeuer. Leute kamen angerannt. Neugierig. Gespannt. Nervös. Der Deputy stürzte aus dem Office. „Verdammt, was...“

Shooter stand auf. Blut tropfte von seiner Hand. „Jemand hat auf mich geschossen.“

„Wer?“

„Keine Ahnung.“

„Von wo?“

„Von dort drüben – nehme ich an.“

Da war ein großer Wassertrog, und dahinter lag jemand. Man konnte nur seine Stiefel sehen. Shooter nahm an, dass der verärgerte Viehbaron einen seiner Cowboys auf ihn angesetzt hatte.

Zwei Männer warfen einen Blick hinter den Trog. „Da liegt einer von den Wallachs!“, rief der Erste.

„Welcher?“, wollte Caleb Thornton wissen.

„Der Jüngste“, antwortete der Zweite.

„Noah?“

„Ja.“

„Ist er tot?“

„Ja.“

„Verfluchte Scheiße.“ Der Deputy seufzte. „Der Junge war gerade mal sechzehn.“

„Er hat aus dem Hinterhalt auf mich geschossen.“

„Das kann ich bezeugen“, meldete sich einer der Umstehenden.

Shooter war plötzlich so manches klar. Die Siedlerfamilie hatte von seiner Ankunft in Flaming City erfahren, und als Noah Wallach Shooter nach seinem Besuch bei Rip Woolf in die Stadt zurückkommen gesehen hatte, hatte er angenommen, der gefährliche Gunslinger würde jetzt für den Viehbaron arbeiten und die Wallachs von ihrer Farm vertreiben wollen. Wahrscheinlich hatte er damit gerechnet, von Angesicht zu Angesicht keine Chance gegen den erfahrenen Revolvermann zu haben, deshalb wollte er ihn hinterrücks abknallen.

Ein sechzehnjähriger Junge, dachte Shooter betroffen. Er hatte noch nie einen so jungen Menschen getötet. Das ging ihm ziemlich tief unter die Haut. Er haderte zum ersten Mal schwer mit seinem Gewissen, obwohl er sich eigentlich nichts vorzuwerfen hatte, denn er hätte nie zur Waffe gegriffen, wenn dieser Schuss nicht gefallen wäre. Verdammt, Noah Wallach, warum musstest du auf mich schießen? Wieso hast du die Situation so sehr verkannt? Ich bin nicht euer Feind. Ich habe den Job nicht angenommen. Wieso hast du nicht mit mir geredet? Ich hätte das verhängnisvolle Missverständnis auf der Stelle ausräumen können.

*

Doc Reyner, ein betagter, knochendürrer Arzt, der früher Tiere – Hunde, Pferde, Rinder, Esel und dergleichen mehr - behandelt hatte, musste die Kugel aus Shooters Schulter schneiden.

Das Werkzeug, das ihm zur Verfügung stand, war schon alt gewesen, als man Flaming City vor mehr als hundert Jahren gegründet hatte.

Sehr viel Feingefühl legte der Mediziner nicht an den Tag, und er machte kein Hehl daraus, dass er für Revolverhelden nicht viel übrig hatte.

„So etwas kann euch in jeder Stadt, an jeder Straßenecke passieren“, sagte er ohne Mitgefühl. „Wenn bei einem Mann der Colt so locker sitzt, muss er damit rechnen, irgendwann an einen Gegner zu geraten, der schneller zieht und besser trifft.“

„Das da draußen war kein Duell, Doc“, erwiderte Shooter mürrisch. „Ich wurde hinterrücks angeschossen.“

„Sie hatten großes Glück. Wissen Sie das? Wenn die Kugel Sie etwas weiter rechts erwischt hätte, lägen Sie jetzt nicht bei mir, sondern beim Leichenbestatter.“

„Darauf sollten wir einen trinken“, grummelte Shooter sarkastisch.

„Typen wie Sie ziehen das Unheil an wie ein Magnet 'nen Eisennagel“, sagte Reyner ohne jeden Respekt. „Ganz gleich, wohin ihr kommt. Deshalb sollte man eure Nähe tunlichst meiden, damit man nicht zufällig eine verirrte Kugel abkriegt.“

Shooter musterte den Arzt unterkühlt. „Sie mögen mich nicht, richtig?“

Delmer Reyner zog die Mundwinkel nach unten und zuckte mit den Achseln. „Ich habe nichts gegen Sie persönlich, Mr. Shooter. Schließlich kenne ich Sie ja kaum. Ich bin nur gegen das, was Sie sind, was Sie verkörpern, wie Sie leben.“

„Ich bin sicher, Sie würden anders über mich urteilen, wenn Sie mehr über mich wüssten.“

Der Arzt winkte ab. „Ich kenne Ihre Sorte zur Genüge. Ihr kommt in eine Stadt, sorgt für eine Menge Ärger und wenn ihr weiter reitet, bleiben Verletzte und Tote zurück... Und trauernde Witwen... Und weinende Kinder...“

Shooter verzichtete darauf, den Doc davon überzeugen zu wollen, dass er anders war. Der Mann hatte seine vorgefasste Meinung, und von der ging er nicht ab.

Nachdem die Wunde einigermaßen fachgerecht verbunden war – besonders viel Mühe hatte sich der Doc dabei ja nicht gegeben -, bezahlte Shooter das überhöhte Arzthonorar und verließ Delmer Reyners Praxis, den linken Arm in einer Schlinge aus schwarzem Tuch.

Er verkroch sich für mehrere Stunden in seinem Hotelzimmer und suchte danach, wie versprochen, seinen Freund im Sheriff's Office auf. G. M. schlief noch.

„Er sägt mit vollem Einsatz, rodet ganze Wälder“, sagte der Deputy. Dann zeigte er auf Shooters Schulter. „Wie geht’s?“

„Euer Doc ist ein brutaler Folterknecht.“

Caleb Thornton nickte ernst. „Das weiß jeder. Deshalb bemüht man ihn auch nur im äußersten Notfall. Ich habe Ihren Rapphengst in den Mietstall bringen lassen.“

„Vielen Dank.“

„Was da draußen passiert ist, wird für Sie keinerlei Nachspiel haben. Es gibt genug Zeugen, die gesehen haben, dass der Junge zuerst geschossen hat. Den Wallachs sollten Sie allerdings von nun an aus dem Weg gehen. In deren Augen sind Sie nämlich ein Mörder.“

„Wie viele Wallachs gibt es?“

„Linus Wallach ist das Familienoberhaupt. Rahel ist seine Frau. Die beiden hatten drei Kinder. Zwei Söhne, eine Tochter. Noah war mit sechzehn Jahren der Jüngste. Sweety Wallach ist siebzehn und Zohar Wallach ist achtzehn.“ Der Hilfssheriff seufzte. „Wenn ich geahnt hätte, was Noah vor hat, wäre ich hinausgegangen, hätte ihm das Schießeisen weggenommen und ihn nach Hause geschickt. Dann würde er jetzt noch leben und Sie wären nicht verletzt.“

Plötzlich... sägte der Sheriff nicht mehr. Shooter sah sofort nach ihm. „Er kommt langsam zu sich“, informierte er den Deputy.

G. M. Lomy richtete sich schwer benommen auf. Sein Gesicht war so grau, dass man ihn für einen Silberminenarbeiter hätte halten können, der am Ende eines arbeitsreichen Tages hundemüde aus dem Stollen kommt.

Noch brachte er die Augen nicht auf und sein Haar war so struppig wie das Fell eines räudigen Kojoten. Shooter betrat die Zelle.

„Wie geht es dir, G. M.?“, erkundigte sich der große Blonde.

Die Augen des Sheriffs blieben geschlossen. „Sie ist tot, Hank“, sagte er mit brüchiger Stimme.

„Wer ist tot?“, wollte Shooter wissen.

„Shania.“

Shooters Kopfhaut spannte sich. „Was sagst du da?“

„Shania Blair ist tot“, krächzte G. M. Lomy unglücklich. „Die Frau, die ich über alles geliebt habe, die ich nach ihrer Rückkehr aus Fort Collins heiraten wollte...“

„Wieso...“

„Ein Unfall... Da war eine Klapperschlange... Shanias Pferd hat gescheut... Es warf sie ab... Sie fiel mit dem Kopf auf einen Stein und war auf der Stelle tot.“

„Woher weißt du...“

„Ein Telegramm – von ihren Eltern... Ich leide wie ein Hund, Hank... Ich kann nicht beschreiben, wie weh mir das tut. Ich glaube nicht, dass ich diesen schmerzlichen Verlust jemals überwinden kann...“

„Du wolltest dich erschießen.“

Jetzt öffnete G. M. Lomy mühsam die Augen. Sein Blick war unendlich traurig. „Ich wünschte, ich wäre tot, Hank. Tot und bei ihr.“

Shooter schüttelte mit finsterer Miene den Kopf. „Das ist nicht der G. M., den ich kenne. Früher konnte dich das Schicksal noch so hart prügeln, du bist nie liegen geblieben, hast die Zähne trotzig zusammengebissen und bist immer wieder aufgestanden.“

„Shania war der Sinn meines Lebens. Mein ein und alles.“

„Ich habe sie leider nie kennen gelernt, doch ich bin absolut davon überzeugt, dass sie unter keinen Umständen gewollt hätte, dass du dir eine Kugel in den Kopf schießt. Ich weiß, es klingt für dich scheiße, wenn ich jetzt sage, dass die Zeit alle Wunden heilt, aber es ist wahr. Das ist nicht bloß eine hohle Phrase. Du wirst darüber hinweg kommen, G. M. Weil du stark, robust und unbeugsam bist. Du hast dem Leben schon oft die Stirn geboten und wirst es, verdammt noch mal, auch diesmal schaffen. Einer wie du lässt sich nicht unterkriegen. Niemals.“

Caleb Thornton brachte Kaffee. Das Gebräu war so stark, dass man damit Tote hätte aufwecken können. Alle, die auf dem Friedhof von Flaming City lagen.

Während der krummbeinige Deputy sich wieder zurückzog, flößte Shooter seinem Freund die schwarze Brühe ein. Sie weckte nach und nach G. M.s Lebensgeister und sein Blick wurde allmählich klarer.

„Wieso trägst du den Arm in der Schlinge?“, wollte er wissen.

„Die hat mir Doc Reyner verpasst.“

„Was ist passiert?“

Shooter winkte ab. „Erzähle ich dir ein andermal.“

„Ich will's aber jetzt wissen.“

„Delmer Reyner muss in einem früheren Leben Folterknecht gewesen sein. Wenn der einen Patienten in seine gichtigen Finger kriegt, bringt er ihn fast um. Ich habe so viel Brutalität bei einem Doktor noch nicht erlebt.“

„Weshalb warst du bei ihm?“

„Er musste mir eine Kugel aus der Schulter schneiden.“

G. M. Lomy ließ nicht locker. „Und wie kam die da rein?“

„Du bist aber auch verflucht neugierig, Mann.“

„Ich bin der Sheriff. Ich muss wissen, was in meiner Stadt vorgeht.“

Shooter rückte endlich mit seiner Geschichte heraus und der Sternträger konnte nicht verhehlen, dass er sich um seinen Freund jetzt ernsthaft Sorgen machte.

*

Zwei Tage später wurde Noah Wallach beerdigt. G. M. Lomy bat Shooter, sich lieber nicht auf dem Friedhof blicken zu lassen, damit die Wallachs es nicht als Provokation auffassten. Also blieb er im Hotel.

Da der große Blonde mit dem roten Halstuch das Angebot des Viehbarons nicht angenommen hatte, arbeitete nun Yancey Clancey wieder für Rip Woolf.

Einen weiteren Besuch bei „Knecht“ Reyner konnte sich Shooter ersparen, weil Rumer Lockman den täglichen Verbandswechsel übernahm, und sie machte das mit sehr viel Liebe und weiblichem Feingefühl.

„So“, sagte sie, als sie wieder einmal mit Waschen, Einsalben und Verbinden fertig war. „Das hätten wir.“

Shooter lächelte. „Vielen Dank.“ Er saß auf dem Bett. „Du bist sanft wie ein Engel. Doc Reyner hätte mir wahrscheinlich mit Vergnügen den Arm ausgerenkt.“

„Er hätte Tierarzt bleiben sollen“, sagte Rumer, während sie ihm ganz vorsichtig und behutsam beim Anziehen des Hemds behilflich war. „Deine Wunde sieht gut aus. Du hast ein ausgezeichnetes Heilfleisch... Und viele Narben. Ich möchte nicht wissen, woher die alle stammen.“

„Zeig mir im rauen Westen einen Mann ohne Narben. Du wirst kaum einen finden.“

Rumer setzte sich neben ihn und seufzte. „Leider sitzen bei vielen Colts und Messer bisweilen ziemlich locker.“ Sie runzelte nachdenklich die Stirn. „Warum müssen Männer andauernd aufeinander schießen? Ich verstehe das nicht. Warum könnt ihr nicht in Frieden miteinander leben?“

„Das würde ich gern, aber man lässt mich nicht.“

„Wieso gibt es so viel Gemeinheit, Bosheit, Neid und Hass auf dieser Welt?“

„So ist der Mensch nun mal gestrickt.“

Rumer senkte betrübt den Blick und sagte leise: „Manchmal zweifle ich daran, dass es wirklich einen Gott gibt. Warum lässt er das ganze Leid zu? Um uns zu prüfen? Es heißt doch, er hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen.“

„So sagt man.“

„Aber...“

„Wir sind nicht seine Sklaven“, erklärte Shooter, „brauchen ihm nicht bedingungslos zu gehorchen. Er lässt jeden Einzelnen von uns selbst entscheiden, ob er gut oder böse sein will.“

„Und was kommt dabei heraus?“, fragte Rumer bitter.

Shooter strich ihr zärtlich eine schwarze Locke aus dem schönen Gesicht. „Es gibt auch Liebe“, flüsterte er, und dann küsste er sie mit heißen, verlangenden Lippen und ließ sich mit ihr zurückfallen.

*

Caleb Thornton begann sich Sorgen um den Sheriff zu machen. „G. M. trinkt zu viel“, beklagte er sich im Saloon bei Shooter. „Er ist zwar nie so besoffen, dass er nicht mehr aufrecht stehen kann, hat aber von früh bis spät eine Schnapsfahne. Wenn er so weitermacht, wird er noch zum Alkoholiker, dann hat Rip Woolf leichtes Spiel mit ihm und kann in Flaming City schalten und walten, wie er will. Außerdem... Wer hat vor einem alkoholkranken Gesetzeshüter noch Respekt?“

„Ich werde morgen mit ihm reden“, versprach Shooter.

Caleb Thornton rümpfte die Nase. „Ich fürchte, er wird nicht auf Sie hören.“

„Wir werden sehen“, erwiderte Shooter und fügte den Vorschlag hinzu, dass sie einander von nun an duzen sollten.

Der Deputy hatte nichts dagegen. „Okay.“ Er stand auf. „Ich muss gehen.“

„Wir sehen uns morgen im Sheriff's Office“, sagte Shooter.

„Geht klar“, nickte Caleb Thornton, verließ den Saloon – und fünf Minuten später kam es zur Katastrophe... Mochte der Teufel wissen, wieso sich Sweety Wallach ausgerechnet jetzt ein Herz gefasst hatte. Die Siebzehnjährige betrat den Saloon mit einer Winchester in den schlanken Händen. Verrückt vor Wut und Mordlust. Geistig dermaßen überdreht, dass man sie für unzurechnungsfähig halten musste. Ihr blondes Haar glich einer struppigen Löwenmähne. In ihren Augen funkelte unbändiger Hass.

Sie richtete das Gewehr auf Shooter. „Aufstehen!“

Er blieb sitzen.

„Steh auf, verdammt!“

Einige Gäste wollten sie beruhigen.

„Ihr haltet euch da raus, verstanden?“, rief sie mit schriller Stimme. „Das ist eine Sache zwischen diesem Dreckskerl und mir. Wer sich einmischt, riskiert, von mir eine Kugel verpasst zu bekommen. Ich schwör's, ich tu's!“

Shooter stand ganz langsam auf, damit Sweety nicht gleich abdrückte. Sie war schließlich verflixt nervös. „Darf ich fragen, was du von mir willst?“

„Du gottverfluchter Bastard hast meinen Bruder umgebracht“, spie sie ihm ins Gesicht.

„Er hat auf mich geschossen.“

„Er war erst sechzehn.“

„Er konnte aber schon verdammt gut mit einer Waffe umgehen.“

„Du hast ihn ermordet.“

„Ich habe lediglich zurückgeschossen. Es war Notwehr. Dafür gibt es Zeugen.“

„Ich scheiße auf diese Zeugen!“, schrillte Sweety Wallach total in Rage. „Noah ist tot, und das zahle ich dir jetzt heim.“ Sie hob die Winchester einige Zoll höher.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist?“

„Das hat dich nicht zu kümmern.“

„Wenn du abdrückst, ist das Mord“, sagte Shooter eindringlich. „Bist du dir dessen bewusst? Dann wartet auf dich der Galgen. Wie alt bist du? Siebzehn? Möchtest du jetzt schon hängen? Sollen deine Eltern noch ein Kind verlieren?“

Sweety weigerte sich, ihm zuzuhören. Was später kam, interessierte sie nicht. Sie hatte ihren Bruder geliebt, und es war ihr im Moment nichts wichtiger, als dessen Tod zu rächen. Doch das ließ Rumer Lockman nicht zu. Sie zauberte blitzschnell eine Schrotflinte unter dem Tresen hervor, richtete den Doppellauf auf das blonde Girl und rief energisch: „Schluss damit! In meinem Saloon wird niemand erschossen! Runter mit dem Gewehr, Sweety! Hörst du nicht? Wird's bald? Zwing mich nicht, dich zu erschießen, Mädchen. Wenn du abdrückst, muss ich es tun!“

Shooter erkannte in Sweetys Augen eine gewisse Unsicherheit und handelte augenblicklich. Er schnellte vorwärts, packte den Winchesterlauf und drückte ihn blitzartig nach oben. Ein Schuss löste sich krachend. Das Gewehr spie Feuer. Die Kugel bohrte sich in die Holzdecke, richtete aber keinen allzu großen Schaden an. Mit einem harten, kraftvollen Ruck entriss der große Blonde dem Mädchen das Gewehr, und während Sweety Wallach herumwirbelte und heulend zur Tür hinausrannte, entspannte er sich, drehte sich erleichtert um und sagte zu Rumer: „Danke.“

Die schwarzhaarige Schöne nickte und legte die Schrotflinte wieder unter den Tresen. „Gern geschehen“, gab sie trocken zurück. „Hättest du es fertig gebracht, auf Sweety Wallach zu schießen?“

„Ich glaube nicht“, gab er zurück. „Und du?“

Rumer antwortete nicht. Hieß das, sie hätte abgedrückt? „Sie wird das bestimmt nicht wiederholen“, sagte sie.

„Das hoffe ich“, sagte Shooter und überließ der heißen Wirtin die Winchester.

Tags darauf redete er G. M., gemeinsam mit dem Deputy, ernsthaft ins Gewissen. Der Sheriff tat so, als würde er ihnen zuhören, doch Shooter merkte, dass alles, was er sagte, beim linken Ohr des Sternträgers hineinging und beim rechten ungehört wieder herauskam.

„Willst du Rip Woolf wirklich deine Stadt überlassen?“, fragte er den deprimierten Freund. „Er wird in Flaming City das Gesetz mit Füßen treten. Keiner wird den Mut haben, es ihm zu verbieten. Wir trinken alle ab und zu mal ein bisschen mehr, als uns gut tut, aber wir lassen es nicht zur Gewohnheit werden. Verdammt, G. M. Niemand hat Achtung vor einem Sternträger, der ein Säufer ist. Deine Schnelligkeit wird leiden. Deine Treffsicherheit ebenfalls. Und ehe du dich's versiehst, karren sie dich – mit Blei gespickt - zum Friedhof hinaus. Ist es das, was du willst? Soll so deine Zukunft aussehen? Wenn ja, dann trink weiter. Wenn nein, dann lass ab sofort die Finger vom Schnaps, denn er ist ganz sicher nicht dein Freund. Wird es nie sein. Er ist ein Dämon. Lass nicht zu, dass er dich in seine Klauen kriegt, dich beherrscht und zum Gespött der Leute macht.“

„Bist du fertig?“, fragte Lomy lapidar.

„Verflucht noch mal, G. M., zerfließe nicht in Selbstmitleid. Das passt nicht zu dir. Ich kenne im Westen kaum einen härteren Mann als dich. Zugegeben, das Leben kann manchmal ziemlich scheiße sein, aber du trägst den Sheriffstern nicht bloß, weil er so schön glänzt. Es ist damit eine Aufgabe verbunden. Du bist eine Verpflichtung eingegangen, als du ihn angenommen hast. Die Menschen vertrauen dir. Sie brauchen dich. Du musst für sie da sein und sie beschützen. Wenn du Flaming City nicht sauber hältst – wer soll es dann tun?“

„War's das?“

„Gibst du dich auf?“

„Was immer ich tun werde, es ist einzig und allein meine Entscheidung.“

„Nein, G. M., das ist es nicht“, widersprach Shooter dem störrischen Freund. „Nicht, solange du in dieser Stadt Sheriff bist. Wenn du dich unbedingt mit Gewalt totsaufen möchtest – okay. Aber lege vorher den Stern ab, weil du dann nämlich nicht mehr wert bist, ihn zu tragen.“

Lomy schaute dem Freund ernst in die Augen. „Tust du mir einen Gefallen, Shooter?“

„Welchen?“

„Verschwinde. Lass mich allein. Du gehst mir auf die Nerven. Ich bin ein erwachsener Mann. Ich brauche kein Kindermädchen. Und auf deine guten Ratschläge kann ich auch verzichten.“

Shooters Züge wurden hart. „Ich hab dir noch nie die Fresse poliert, aber heute würde ich es verdammt gerne tun.“

Der Sheriff nahm die Fäuste hoch. „Na, dann mal los. Bloß keine Hemmungen. Lass sehen, was du drauf hast.“

„Verflucht noch mal, wo bin ich hier?“, ging Caleb Thornton aufgebracht dazwischen. „Dies ist das Sheriff's Office, Leute. Wenn ihr euch unbedingt prügeln wollt, tragt das von mir aus draußen aus, damit ganz Flaming City über euch lachen kann. Aber nicht hier drinnen.“

Shooter drehte sich um und verließ wortlos das Büro.

*

„Mr. Shooter! Mr. Shooter! Bitte warten Sie! Ich muss mit Ihnen reden!“

Der große Blonde blieb mitten auf der Mainstreet stehen und drehte sich um. Er sah einen schlampig gekleideten Mann mit zerbeultem Hut, abgewetzten Stiefeln und wallendem, schwarzem Vollbart – Linus Wallach.

Ein Pferdewagen fuhr an ihnen vorbei. Sie traten ein Stück zur Seite.

„Was haben Sie auf dem Herzen?“, erkundigte sich Shooter.

„Ich möchte mich für das, was Sweety tun wollte, bei Ihnen aufrichtig entschuldigen, Mr. Shooter. Meine Frau und ich sind sehr froh, dass es nicht dazu gekommen ist. Es wäre äußerst schmerzlich für uns gewesen, nach unserem jüngsten Sohn auch noch unsere Tochter zu verlieren... Als Mörderin verurteilt... Am Galgen...“ Er zeigte auf Shooters linke Schulter. „Ich weiß, dass Sie nur zurückgeschossen und somit in Notwehr gehandelt haben, und Sie müssen mir glauben, dass ich Noah im Stall an einem dicken Pfosten festgebunden hätte, wenn ich geahnt hätte, was er vor hat.“ Er schüttelte ernst den Kopf. „So haben Rahel und ich unsere Kinder nicht erzogen, Mr. Shooter. Wir haben sie gelehrt, Gut von Böse zu unterscheiden und stets die Gesetze zu achten. Aber offenbar haben wir das nicht gut genug hingekriegt. Sonst wäre es nicht zu diesen bedauerlichen Vorfällen gekommen. Wir wissen inzwischen, dass Sie Rip Woolfs Angebot abgelehnt haben und nicht für ihn arbeiten werden. Das rechnen wir Ihnen hoch an. Sie sind ein guter Mensch. Wir haben Sie falsch eingeschätzt und das tut mir aufrichtig leid. Keiner aus meiner Familie wird jemals wieder seine Waffe auf Sie richten, das verspreche ich Ihnen. So wahr ich Linus Wallach heiße.“

Er streckte Shooter die Hand entgegen. Der große Blonde schlug kräftig ein und sagte: „Ich nehme an, die Winchester, mit der Sweety in den Saloon kam, gehört Ihnen.“

Wallach nickte. „Sie hat noch kein eigenes Gewehr.“

„Rumer Lockman hat es in Verwahrung genommen. Sie können es jederzeit abholen.“

„Das werde ich. Wie geht es Ihrer Schulter?“

„Die ist in ein paar Wochen wieder wie neu“, gab Shooter zur Antwort.

*

Je besser Shooters Wunde verheilte, desto trauriger wurde Rumer Lockman, denn sie kannte seine Geschichte und wusste, dass er Flaming City – und damit auch sie – bald verlassen würde, um weiter nach dem dritten Mörder seines Bruders zu suchen.

Als er wieder völlig hergestellt und die Wunde zufriedenstellend verheilt war, schlief er ein letztes Mal mit Rumer, und er machte sie in dieser Nacht so glücklich, dass es schöner, großartiger und erfüllender nicht sein konnte.

„Womit kann ich dich überreden, auf deine Rache zu verzichten und bei mir zu bleiben?“, flüsterte sie ihm zärtlich ins Ohr.

Sie waren beide nackt – bis auf Shooters Halstuch -, lagen eng aneinandergeschmiegt in Rumers Bett und genossen den wunderbaren Nachhall ihrer glutvollen, langsam verebbenden Leidenschaft.

„Ich muss tun, was ich mir vorgenommen habe“, gab er rau zurück. „Tut mir leid. Ich kann nicht anders. Ich habe es an Greggs Grab geschworen.“

„Angenommen du findest diesen – diesen Zack Snyder...“

„Ja?“

„Was dann?“

„Ich werde ihn töten“, kam es hart über Shooters Lippen.

„Was, wenn er bereut, was er getan hat?“

„Er muss sterben.“

„Dadurch wird dein Bruder aber nicht mehr lebendig.“

„Du hast nicht gesehen, was diese Bestien Gregg angetan haben. Eine solche Tat darf nicht ungesühnt bleiben.“

„Der Westen ist groß. Vielleicht findest du Snyder nie.“

„Ich finde ihn“, knurrte Shooter. „Irgendwann. Irgendwo.“

„Und wenn er dann schneller zieht? Oder wenn er dich eiskalt hinterrücks abknallt?“

„Dann sollte es eben so sein.“

Rumer atmete schwer aus und schwieg. In ihren Augen glänzten Tränen, doch das sah er nicht.

Am nächsten Morgen frühstückten sie zusammen, und als er sich von ihr verabschiedete, sagte sie leise: „Pass auf dich auf, Shooter.“

Er hörte das nicht zum ersten Mal. „Mach ich“, sagte er lächelnd.

„Die Zeit mit dir war wunderschön.“

Er nickte zustimmend.

„Darf ich mir noch etwas wünschen, bevor du...?“, fragte sie mit belegter Stimme.

„Was?“

„Vergiss mich nicht zu schnell.“

Er verpasste ihr schmunzelnd einen ganz leichten Kinnhaken. „Bestimmt nicht. Weil du nämlich etwas ganz Besonderes bist, Rumer Lockman.“

Sie begleitete ihn nicht hinaus, wollte nicht, dass er sie weinen sah. Verflucht, dachte sie. Warum muss ein Abschied nur so entsetzlich weh tun?

Shooter hatte sich zwar in den letzten Tagen bei G. M. rar gemacht, doch er wollte Flaming City nicht verlassen, ohne sich noch mal beim Sheriff blicken zu lassen.

Der Sternträger hatte die übliche Schnapsfahne, doch Shooter ging darüber hinweg – obwohl es ihm nicht leicht fiel. „Es ist Zeit, Abschied zu nehmen“, sagte er.

„Du verlässt uns?“ G. M. Lomy schien es nicht zu bedauern, sondern einfach nur zur Kenntnis zu nehmen.

„Ich muss weiter.“

„Wohin?“

Shooter zuckte mit den Achseln. „Weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht sehe ich mich als Nächstes in Virgin Creek um.“

„Hast du vor, irgendwann wieder nach Flaming City zurückzukommen?“

„Das Leben hat mich gelehrt, niemals nie zu sagen. Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Alles ist möglich.“

„Du begibst dich wieder auf die Suche nach Zack Snyder.“

„Er lebt ein geborgtes Leben.“

„Du brauchst seinen Tod für deinen Seelenfrieden.“

„So ist es“, bestätigte Shooter. „Ich hoffe, du kriegst dich bald wieder in den Griff.“

„Keine Sorge, ich komme zurecht.“

Das bezweifelte Shooter zwar, aber er widersprach dem Sheriff nicht. Als er wenig später aus der Stadt ritt, kam ihm Doc Reyner auf einem Pferdewagen entgegen. Der Arzt griff sich kurz an die Krempe seines schwarzen Hutes. „Hallo, Revolvermann.“

„Hallo, Folterknecht.“

„Ist Ihre Schulter wieder in Ordnung?“

„Das ist sie.“

Delmer Reyner griente. „Na also, dann habe ich ja gute Arbeit geleistet.“

„Ich fürchte, ich kann Sie nicht reinen Gewissens weiterempfehlen.“

Reyner zog die Schultern hoch. „Ich habe mein Bestes gegeben.“

„Dann bin ich froh, dass ich Ihnen an keinem Ihrer schlechten Tage in die Hände gefallen bin.“

„Kehren Sie Flaming City für immer den Rücken?“

„Werden Sie mich vermissen?“

„Nein.“

„Ich Sie auch nicht.“

Delmer Reyner lachte. „Langsam fangen Sie an mir zu imponieren.“

„Machen Sie's gut, Doc.“

„Ich werde mir Mühe geben.“ Der Arzt schnalzte mit der Zunge, und seine beiden betagten Pferde setzten sich gehorsam in Bewegung.

Nun hatte Shooter einen langen, einsamen Ritt durch dürre, struppige, menschenleere Plains vor sich. Vieles ging ihm dabei durch den Kopf. Die unlauteren Pläne des reichen Viehbarons. Der trotzige Widerstand der Siedlerfamilie Wallach, die einen geliebten Sohn verloren hatte. G. M. Lomys ungewisse Zukunft.

Und natürlich dachte er auch immer wieder an Rumer Lockman, diese wunderbare, attraktive, begehrenswerte Frau, die ihm so viel Liebe hätte geben können.

So manche Schönheit hatte im Laufe der Jahre seinen Weg gekreuzt – zuletzt Ethel Banks in Snake City -, doch bei keiner hatte er sich so zu Hause gefühlt wie bei Rumer. Ethel war zwar auch schwer in Ordnung gewesen, aber Rumer hatte etwas in die Waagschale gelegt, das weder zu sehen noch zu definieren, noch zu begreifen war, aber dennoch das Zünglein in ihre Richtung ausschlagen ließ.

Wenn da nicht Zack Snyder gewesen wäre... Aber es gab ihn. Und es gab den Schwur, der Shooter nicht zur Ruhe kommen ließ und ihn unaufhörlich weiter trieb. Weil er Snyder, den gottverfluchten Bastard, jagen musste – wenn es nicht anders ging, sogar bis ans Ende der Welt.

Nach drei heißen Tagen und zwei kalten Nächten erreichte er Virgin Creek – eine unscheinbare Metropole von gar nichts. Ein paar weiß getünchte, schäbige Adobehäuser umringten eine weiß gestrichene Holzkirche.

Sirius Cleef, dem Hufschmied, gehörten sowohl der Mietstall, als auch eine Bar und eine primitive Herberge. Shooter überließ ihm seinen Rappen und quartierte sich bei ihm ein. Cleef war von Shooters Prachthengst schwer beeindruckt. „Wenn Sie den verkaufen wollen... Ich zahle einen guten Preis“, sagte er.

„Mein Schwarzer ist für mich wie mein Arm oder mein Bein. Selbst für alle Reichtümer dieser Welt würde ich mich nicht von ihm trennen.“

„Wenn Sie Hunger haben... Nelya, meine Frau, kocht ganz hervorragend...“ Cleef klopfte sich auf seinen festen Bauch. „Hier ist der Beweis.“

Shooter erklärte sich gerne bereit, Nelya Cleefs Kochkünste zu testen. Es stellte sich heraus, dass sie tatsächlich meisterhaft kochen konnte, jedoch leider keine besonders schöne Frau war.

Sie schielte, war übergewichtig, hatte plumpe Beine und hörte schlecht. Aber ihr großzügig mit Chili gewürzter Eintopf roch und schmeckte fantastisch. Shooter aß in einem kleinen Hinterzimmer, das von der Bar durch einen Vorhang aus Holzperlen getrennt war. Er sprach der Köchin ein dickes, ehrlich gemeintes Lob aus.

Sie verstand ihn nicht. „Hä?“

Er wiederholte sein Lob etwas lauter und küsste seine Fingerspitzen. Jetzt ging in ihrem unregelmäßigen Gesicht die Sonne auf.

„Möchten Sie einen Nachschlag, Mr. Shooter?“, erkundigte sie sich strahlend, dankbar und erfreut, weil er ihr Talent zu schätzen wusste.

Er lehnte dankend ab, war angenehm satt. Als er sie fragte, ob sie schon mal den Namen Zack Snyder gehört habe, dachte sie kurz nach und verneinte dann.

„Suchen Sie ihn?“, erkundigte sie sich.

Er nickte.

„Sind Sie ein Kopfgeldjäger?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin wegen einer privaten Angelegenheit hinter ihm her.“

„Ich kann meinen Mann fragen.“

Shooter nickte. „Okay.“

Nelya Cleef zeigte auf seinen Peacemaker. „Sie können damit bestimmt sehr gut umgehen.“

Shooter zuckte mit den Achseln. „Geht so“, sagte er bescheiden.

„Männer, die ihren Revolver so tragen wie Sie, können zumeist einer Mücke im Flug den Rüssel wegschießen.“

Shooter grinste. „Das habe ich noch nie versucht.“

„Ich bin sicher, es würde Ihnen gelingen.“

Nebenan lärmten Männer. Nelya warf einen finsteren Blick auf den Holzperlenvorhang. „Das sind Rocky Canutt und seine Männer“, sagte sie abschätzig.

Shooter lächelte. „Sie scheinen von ihnen nicht besonders begeistert zu sein.“

„Diese üblen Rabauken lungern seit Tagen in Virgin Creek herum und sorgen hier für Angst und Unruhe. Die meisten Leute wagen sich ihretwegen schon nicht mehr aus dem Haus. Wir wünschen uns alle, dass sie bald wieder verschwinden.“

„Woher kommen sie?“

Nelya Cleef zuckte mit den Achseln. „Keiner weiß es.“

„Und wohin wollen sie?“

„Angeblich nach Flaming City.“

Shooter horchte auf. „Nach Flaming City.“

„Der reiche Viehbaron Rip Woolf hat dem Vernehmen nach Arbeit für sie, und er will sie bestimmt nicht als Weidereiter einsetzen, denn einen so anstrengenden Job würden diese skrupellosen Revolvermänner garantiert niemals annehmen. Die verdienen sich ihr Geld lieber leichter. Mit dem Colt in der Hand. Ein Schuss. Eine Leiche. Das war's... Und dafür kassieren sie dann einen Haufen Geld.“

„Wie viele sind es?“

„Fünf.“

„Und ihr Anführer heißt Rocky Canutt.“

„Er ist der Gefährlichste von allen. Schnell. Hart. Eiskalt. Gewissenlos. Man sagt, er hätte schon mehr als dreißig Menschen ermordet. Männer, Frauen, Kinder... Er ist der Teufel in Menschengestalt.“ Nelya Cleef war aufgeregt. Sie zitterte. „Dabei sieht er so harmlos aus. Groß, stattlich, attraktiv. Aber hinter dieser netten Fassade verbirgt sich ein grausames Monster, eine extrem gefährliche Bestie.“

In der Bar braute sich plötzlich etwas zusammen...

*

Ein junger Mann hatte die Bar betreten. Er hatte so kleine Füße, dass ihm Kinderstiefel passten. Als Rocky Canutt das bemerkte, grinste er und fragte: „Sag mal, kann man in diesen Dingern überhaupt gehen?“

Der Gefragte ignorierte ihn. Er zeigte auf einen von Canutts Männern und sagte: „Du gottverdammte Drecksau hast vor einer Woche in Green Hills einen alten Mann umgelegt, den ich sehr mochte.“

„Bist du bekloppt, oder was?“ Der Angesprochene tippte sich mürrisch an die Stirn. „Was willst du von mir? Ich war überhaupt nicht in Green Hills.“

„Doch, du warst. Man hat dich gesehen.“

„Wer bist du überhaupt?“

„Mein Name ist Alabama.“

Rocky Canutt lachte belustigt. „Alabama, das Männlein mit den Kinderstiefeln.“

Alabama würdigte ihn keines Blickes. Er starrte dem Kerl, den er zur Rechenschaft ziehen wollte, hasserfüllt in die Augen. „Ich will, dass du mit mir rauskommst.“

„Hörst du, Ronco?“, sagte Canutt amüsiert. „Er will, dass du ihn umlegst. Tu ihm den Gefallen. Geh mit ihm hinaus, knall ihn über den Haufen und komm wieder herein. Ich bestelle inzwischen die nächste Runde.“

Ronco Yeoh erhob sich grinsend. „Vielleicht war ich doch in Green Hills und habe da einen alten Penner mit vollgeschissener Hose ins Jenseits befördert. So unwichtiges Zeug vergisst man ja sehr leicht.“

Alabama verließ die Bar. Seine Augen glänzten wie im Fieber. Er presste die Kiefer fest zusammen. Seine Wangenmuskeln zuckten.

„Kann ich deine Stiefel haben, wenn du tot bist?“, ätzte Ronco Yeoh. „Ich könnte sie in Flaming City einem kleinen Mädchen schenken.“

Alabama zog die Krempe seines Hutes ein wenig tiefer und stellte sich mit leicht gegrätschten Beinen in die Straßenmitte.

Ronco Yeoh pflanzte sich fünfzehn Schritte von ihm entfernt auf. „Ich hoffe, du hast schon gebetet, mein Junge, denn gleich wirst du dafür keine Zeit mehr haben.“ Er hob die linke Hand. Es war ein Ablenkungsmanöver, das schon oft funktioniert hatte. „Hörst du's?“, fragte er. „Die Würmer auf dem Friedhof dieses Scheißkaffs haben schon ihr Sabberlätzchen umgebunden und wetzen hungrig die Messer. Sie warten auf dich.“ Während der heimtückische Bandit die linke Hand hob, griff er mit der rechten nach seinem Revolver. Doch zum Glück entging Alabama das nicht, und er zog, schoss und traf schneller als sein Gegner.

Der Schuss krachte. Die Waffe spie rotes Feuer und bäumte sich in Alabamas Hand auf – und Ronco Yeoh brach tödlich verwundet zusammen.

Er feuerte zwar auch noch eine Kugel ab, doch die bohrte sich nur zwei Schritte vor ihm entfernt in die staubige Straße.

Klatsch! Klatsch! Klatsch!

Alabama bekam für das, was er getan hatte, unerwarteten Applaus. Und zwar von Rocky Canutt, der sich das Duell mit seinen drei Freunden vor der Bar angesehen hatte.

„Bravo“, sagte Canutt imponiert. „Du bist verdammt gut. Ich hätte nicht gedacht, dass man einen, der so winzige Füße hat, wirklich ernst nehmen muss. Du hast es doch tatsächlich geschafft, Ronco Yeoh mit einer einzigen schnellen Kugel ins Jenseits zu befördern. Respekt, mein Lieber. Ich bin beeindruckt.“

Alabama holsterte seinen Colt. „Er hat seine verdiente Strafe bekommen.“

„Und was nun?“

„Mehr wollte ich nicht.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du von hier jetzt ungeschoren davonkommst“, sagte Rocky Canutt knurrend.

„Ich will nichts von euch.“

„Okay, aber vielleicht wollen wir was von dir. Du hast immerhin unseren lieben Freund Ronco umgelegt. Wir haben ihn sehr gemocht. Ronco Yeoh war für uns wie ein Bruder, war stets gut gelaunt, hat das Leben geliebt. Und du kommst in deinen kleinen Stiefeln daher spaziert und machst ihn vor unseren Augen ohne mit der Wimper zu zucken kalt.“ Canutt schnippte mit den Fingern. „Einfach so. Das geht doch nicht. Das können wir dir nicht nachsehen.“

„Ich werde mich mit keinem von euch schießen“, sagte Alabama entschieden.

„Das wirst du müssen, Kleinfuß“, gab Rocky Canutt wölfisch lächelnd zurück. „Wir könnten jetzt natürlich alle auf einmal auf dich schießen, aber das wäre nicht fair.“ Er zeigte auf den toten Komplizen. „Du hättest zwar nach diesem kaltblütigen Mord keine Fairness verdient, doch wir wollen mal nicht so sein und machen dir folgenden Vorschlag: Du suchst dir einen von uns aus. Er tritt gegen dich an, und wenn du das überlebst, kannst du gehen, wohin du willst. Zur Auswahl stehen: der ehrenwerte Mr. Sam Walker, der noch ehrenwertere Mr. Ethan Phongam, der ganz besonders ehrenwerte Mr. Linc Mosher und meine Wenigkeit.“ Rocky Canutt holte seine Taschenuhr heraus und sagte: „Du hast ein Zeitfenster von drei Minuten. Solltest du dich bis dahin nicht entschieden haben, ist unser Vorschlag hinfällig und wir legen dich gemeinsam um.“

Alabama war nicht bereit, sich zu entscheiden. Er ließ die Zeit ungenützt verstreichen.

„Eine Minute ist um“, informierte ihn Canutt.

Alabama regte sich nicht.

„Hey!“, rief Ethan Phongam, ein hässlicher vierschrötiger Bursche mit vorstehenden Zähnen, und richtete seinen Revolvergurt für eine mögliche Konfrontation zurecht. „Bist du ausgestopft oder was?“

„Zwei Minuten“, sagte Canutt.

„Alabama, der Fleck bei dir im Schritt“, spöttelte Linc Mosher, das Narbengesicht. „Ist das Pisse?“

„Mann, ich hoffe, du entscheidest dich für mich!“, meldete sich Sam Walker zu Wort und rieb sich ungeduldig die riesige Krummnase.

„Die drei Minuten sind gleich um“, sagte Rocky Canutt.

„Ich habe gesagt, ich werde mich mit keinem von euch schießen – und dabei bleibe ich“, gab Alabama kalt zurück.

„Ihr solltet seine Entscheidung akzeptieren, auf eure Gäule steigen und Virgin Creek verlassen“, sagte plötzlich ein großer Blonder mit einem blutroten Halstuch und stellte sich neben den Jungen mit den kleinen Füßen.

Rocky Canutt starrte ihn aufgebracht an. „Verdammt, wer bist du denn?“

„Shooter. Hank Shooter.“

„Wieso mischst du dich hier ein?“, fragte Canutt feindselig. „Was geht dich das an?“

„Alabama allein gegen vier Gunmen.“ Shooter rümpfte die Nase. „Das geht mir gegen den Strich.“

„Oh, ein Gutmensch.“ Rocky Canutt bleckte die Zähne. „Er darf sich einen Gegner aussuchen.“

„Ich glaube nicht, dass ihr ihn laufen lasst, wenn er ein zweites Mal gewinnt.“

„Was meinst du, wen es interessiert, was du glaubst, Shooter?“, blaffte Canutt. „Wieso machst du dich für den Kleinen mit den kleinen Füßen stark? Willst du mit ihm draufgehen? So blöd kannst du doch nicht sein.“

Shooters Hand näherte sich langsam seiner Waffe. „Auf die Pferde mit euch. Und vergesst euren toten Freund nicht mitzunehmen.“ Shooters Körpersprache ließ die Banditen unschwer erkennen, dass er sich zutraute, auch ganz allein mit ihnen fertig zu werden, wenn es sein musste.

Die Zeit schien ganz kurz den Atem anzuhalten. Dann knurrte Rocky Canutt: „Ich merke mir deine dämliche Fresse, Shooter. Bei unserer nächsten Begegnung bist du dran.“

Für den großen Blonden stand fest, dass der Banditenboss das nur gesagt hatte, um sein Gesicht zu wahren. Canutt stieg schwungvoll auf seinen rot gefleckten Appaloosa-Hengst. Sam Walker, Ethan Phongam und Linc Mosher legten den toten Ronco Yeoh auf sein Pferd und banden ihn fest, damit er nicht herunterfiel.

Rocky Canutt spuckte Shooter verächtlich vor die Füße. „Ich freue mich auf ein Wiedersehen, Arschloch. Kann es kaum erwarten, dich mit Blei vollzupumpen.“

Seine Männer stiegen mit grimmigen Mienen – von denen sich Shooter jedoch nicht beeindrucken ließ - auf ihre Gäule und verließen Virgin Creek hinter ihrem Anführer.

*

Alabama atmete schwer aus. „Danke, Shooter.“ Er streckte dem großen Blonden mit dem roten Halstuch die Hand entgegen.

Shooter schlug kräftig ein. „Du bist sehr mutig.“

„Die hätten mich fertig gemacht.“

„Davon kannst du ausgehen. Solche Typen halten sich an keine Abmachungen. Bist ein guter Schütze. Hast ein gutes Auge, Mut und starke Nerven.“

„Warum hast du eingegriffen?“

„Weil mir Gerechtigkeit über alles geht und ich Kerle wie Rocky Canutt und seine dreckigen Freunde nicht ausstehen kann.“

„Du hast dein Leben für mich aufs Spiel gesetzt“, sagte Alabama. „Ich schulde dir was.“

Shooter winkte ab. „Vergiss es.“

„Wenn ich mich irgendwie revanchieren kann...“

Shooter legte dem Jungen mit den kleinen Füßen den Arm um die Schultern und meinte freundschaftlich: „Ist wirklich nicht nötig.“ Dann ging er mit ihm in die Bar.

*

Sirius Cleef wackelte mit dem Kopf. „Meine Güte, ich befürchtete, es würde da draußen zu einem schrecklichen Blutbad kommen. Dass diese gewissenlosen Outlaws Virgin Creek verlassen haben, ohne einen Schuss abzufeuern, grenzt für mich an ein Wunder. Ich kann mir ihre vornehme Zurückhaltung nur damit erklären, dass sie unversehrt nach Flaming City reiten wollen, weil dort sehr viel Geld auf sie wartet.“

„Die sollten lieber einen großen Bogen um Flaming City machen“, sagte Alabama. „Ich habe gehört, dass der Sheriff dort ein verdammt guter Schütze ist. Der schießt sie schneller aus dem Sattel, als sie wissen, wie ihnen geschieht.“

Shooter runzelte kummervoll die Stirn. „Das war mal.“

„Du kennst den Sternträger?“

„Wir waren lange Zeit dicke Freunde“, antwortete Shooter. Er sprach über G. M. Lomys schmerzlichen Verlust und dessen anschließenden Absturz in ein Meer aus Trauer, Verzweiflung und Alkohol.

„Dann sind seine Tage gezählt, sobald Canutt und seine Männer in Flaming City eintreffen“, sagte Cleef heiser.

Shooter nickte mit finsterer Miene. „Das befürchte ich.“

Der Wirt klatschte mit beiden Händen auf den Tresen. „Was immer ihr zwei trinken wollt – es geht alles aufs Haus“, eröffnete er seinen Gästen.

Shooter sagte wie aus der Pistole geschossen: „Whiskey.“

Sirius Cleef nickte, stellte drei Gläser auf den Tresen, füllte sie und stieß mit Shooter und Alabama an. „Ich trinke darauf, dass diese ebenso ekelhafte wie gefährliche Canutt-Seuche Virgin Creek bald wieder verlässt.“

Irgendwie kamen sie auf Alabamas kleine Füße zu sprechen. Er zuckte mit den Achseln. „Es macht mir nichts aus, wenn die Leute sich darüber lustig machen. Ich bin das gewohnt.“ Er grinste breit. „Zum Glück ist nicht alles an mir so klein.“ Er blinzelte schelmisch. „Es gibt einige Ladys, die jederzeit bereit wären, das zu bestätigen.“

Sirius Cleef wandte sich an Shooter. „Sie haben meine Frau nach einem Zack Snyder gefragt.“

„Das ist richtig“, bestätigte der große Blonde.

Daraufhin ließ der Wirt eine Sensation hochgehen, die die Sprengkraft einer Dynamitkiste übertraf: „Rocky Canutt... Er ist Zack Snyder.“

Shooter riss die Augen auf. „Was?“

„Er war kürzlich ziemlich betrunken und hat damit geprahlt, dass er aus Sicherheitsgründen von Zeit zu Zeit den Namen wechselt, weil er im gesamten Westen steckbrieflich gesucht wird... Einige Namen habe ich behalten: Rory Meeker. Nathan Bryce. Salomon Slickman. Zack Snyder...“

Es wetterleuchtete in Shooters Augen.

„Darf ich fragen, weswegen du hinter ihm her bist?“, erkundigte sich Alabama.

„Drei Männer haben Gregg Leece, meinen Halbbruder, grausam gefoltert, beraubt und ermordet“, sagte Shooter. „Yuma Peel, Rufus Porter und Zack Snyder. Peel und Porter konnte ich bereits zur Verantwortung ziehen. Zack Snyders Rechnung ist noch offen.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Er kann sich nennen, wie er will. Am Ende des Tages wird er tot sein.“

*

Rip Woolf wollte in Flaming City eine neue Ordnung einführen. Die Menschen sollten zwar auch weiterhin nicht ohne Gesetze leben, aber es sollten ausschließlich die Gesetze des Viehbarons sein, die in Kürze in der Stadt Gültigkeit hatten, und dafür waren zwangsläufig personelle Veränderungen nötig, weil sich so ehrgeizige Pläne mit den Leuten, die im Moment noch das Sagen hatten, nicht umsetzen ließen.

Woolf kam mit einigen Männern seines Vertrauens in die Stadt. Er saß aufrecht im Sattel. Stolz. Gewohnt zu herrschen und zu siegen.

Yancey Clancey – wie immer unrasiert - durfte sogar an seiner Seite reiten. Das war eine Ehre, die nicht jedem zuteil wurde.

Rip Woolf hatte einiges mit ihm vor. Dass er auf der Mainstreet vielen ängstlichen Blicken begegnete, freute ihn. Es war gut, wenn die Menschen ihn fürchteten, denn dann taten sie eher, was er wollte.

Das Ziel der sechsköpfigen Gruppe war das Sheriff's Office. Woolf zügelte sein Pferd davor und knurrte: „Holt das versoffene Schwein heraus.“

Zwei Männer stiegen ab und betraten das Büro des Sternträgers. G. M. Lomy sah die Kerle mit glasigen Augen an. „Was wollt ihr denn hier?“

„Hallo, Sheriff. Wie geht’s?“

„Was wollt ihr Woolf-Halunken in Flaming City?“, fragte der Gesetzeshüter mit schwerer Zunge.

„Mr. Woolf möchte mit dir reden.“

Lomy wackelte mit dem Kopf. „Ich denke nicht im Traum daran, ihn auf seiner Ranch zu besuchen. Wenn er etwas von mir will, soll er gefälligst zu mir kommen.“

„Er ist schon da.“

„Wo?“

„Er wartet draußen.“

„Aha. Und warum kommt er nicht herein? Befürchtet er, dass ich ihn einsperre?“

„Er möchte, dass die Leute hören, was er dir zu sagen hat.“

Der Sheriff wollte sich den Revolvergurt umschnallen, doch das ließen Woolfs Männer nicht zu. „Du brauchst keine Kanone“, hieß es. „Würdest dir in deinem Zustand ohnedies nur selbst ins Knie schießen. Außerdem möchte dir Mr. Woolf nur was sagen.“

Sie packten den angeschlagenen Gesetzeshüter und führten ihn hinaus.

Rip Woolf musterte den Sheriff verächtlich. „Du siehst ziemlich mitgenommen aus, G. M.“

„Ist bloß äußerlich“, erwiderte Lomy. „Innen drinnen bin ich bestens in Form.“

Neugierige wagten sich etwas näher heran.

Woolf grinste spöttisch. „Was du nicht sagst. Kannst du auch ganz allein stehen oder fällst du um, wenn meine Männer dich loslassen?“

„Ich kann alles, was ich will.“

„Hör zu, G. M. Du bist für Flaming City nicht mehr tragbar, bist ein Schandfleck für die Stadt, bist nicht mehr in der Lage, für Gesetz und Ordnung zu sorgen. Bald werden die Menschen hier nur noch tun, was ihnen passt, weil es keinen gibt, der ihnen Einhalt gebietet. Chaos und Anarchie werden die Folge sein. Es wird Zeit, dass du abtrittst.“

„Das würde dir so passen, aber ich denke nicht dran.“

„Du taugst zu nichts mehr.“

„Ich kann nach wie vor jeden, der sich nicht an die Gesetze hält, ganz kräftig in den Arsch treten“, behauptete Lomy.

„Du eignest dich in Zukunft nur noch zum Spucknäpfe und Scheißhäuser reinigen.“

Lomy wurde wütend. „Steig ab, Woolf, damit ich dir die arrogante Visage polieren kann!“

„Mir liegt Flaming City am Herzen.“

„Ich lach' mich scheckig.“

Details

Seiten
708
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940725
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v704056
Schlagworte
sieben western

Autoren

Zurück

Titel: Sieben glorreiche Western 19 - Mai 2020