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Der Teufel von Silverhill

2020 135 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Teufel von Silverhill

Copyright

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Der Teufel von Silverhill

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.

 

Lon Jayson kämpft verbissen auf seine Art, um endlich die Gewaltherrschaft des Ranchers Randall zu brechen. Ein Kampf, der aussichtslos zu sein scheint. Hat Jayson seine Kräfte überschätzt?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Lon Jayson riss die Winchester 73 aus dem Gewehrrechen. Der Schrei von der Main Street hallte noch immer in seinen Ohren, obwohl jetzt nur noch das monotone Rattern der alten Campbell-Presse in der Druckerei nebenan zu hören war. Wie ein Tiger stürzte Lon aus seinem Zeitungsbüro auf den überdachten Plankensteg. In den Fenstern der benachbarten Häuser spiegelte sich die feurige Röte des Sonnenuntergangs. Mitten auf der Fahrbahn vor Osbornes Hotel lag ein Mann mit dem Gesicht nach unten im Staub. Lon durchfuhr es siedendheiß, als er Allan erkannte. Der Reiter daneben, dessen gedrungene Gestalt wie eine geballte Ladung Kraft und Brutalität wirkte, war Randalls Vormann Jack Peacock.

Sein breitflächiges Gesicht mit den dunklen Augenschlitzen und dem sichelförmigen schwarzen Schnurrbart erinnerte Lon stets an einen Mongolen. Peacock hielt eine kurzstielige, aus Rohleder geflochtene Rinderpeitsche in der Faust, deren bleibeschwertes Ende im Staub schleifte. Kalt starrte er auf Allan hinab. Seine schneidende Stimme drang bis zu Lon herüber. „Hoch mit dir, Stuart! Zum Teufel, die Kutsche wartet. Wird's bald, du verdammter Tintenkleckser!" Die Peitschenschnur wand sich wie eine Schlange im Sand.

Lon, der nie zuvor eine Waffe auf einen Menschen gerichtet hatte, schwang in wilder Entschlossenheit die Winchester hoch. Ehe er Peacock anrufen konnte, klang raues Hohnlachen hinter ihm auf. Gleichzeitig spürte Lon den harten Druck einer Revolvermündung zwischen den Schulterblättern. Jetzt entdeckte er auch Greg Randall, der mit überkreuzten Beinen lässig an einem Vordachpfeiler lehnte und ihn spöttisch anlächelte. Das Aufglimmen der Zigarette hob Randalls kantiges Gesicht mit dem gestutzten Bärtchen aus der sich unterm Vordach verdichtenden Dämmerung. Randall war ganz in weichgegerbtes Hirschleder gekleidet, die Nähte der enganliegenden Hose und hüftlangen Jacke nach Mexikanerart mit vergoldeten Zierknöpfen besetzt. Dazu trug er ein schwarzes Seidenhemd und einen dunklen Stetson, der gewiss den Monatslohn eines Cowboys gekostet hatte.

„Jayson, ich an Ihrer Stelle würde das Gewehr fallen lassen. Bronc ist kein sehr geduldiger Mann. Der wird ohne mit der Wimper zu zucken abdrücken, wenn Sie auch nur noch eine Sekunde auf seinen Freund Peacock zielen.“

Der Kerl hinter dem jungen Zeitungsherausgeber stieß ein heiseres unmotiviertes Lachen aus. Lon warf einen Blick über die Schulter in Broncs fleischiges Bulldoggengesicht. Die kleinen, grausam glitzernden Augen des massigen Randall-Reiters kamen ihm wie die eines Irren vor. Lons Winchester polterte auf die Gehsteigplanken. Er wandte sich wieder an den Rancher, der sich in den letzten fünf Jahren zum Beherrscher des gesamten Landes in fünfzig Meilen Umkreis entwickelt hatte.

„Gewalt. Das war und ist Ihr einziger Trumpf, Randall. Damit zeigen Sie endlich der ganzen Stadt Ihr wahres Gesicht.“

Randall zuckte die Achseln. „Ich habe lediglich Ihre Herausforderung angenommen, Jayson.“ Er griff in die Innentasche seiner Lederjacke und warf eine zusammengefaltete Zeitung vor Lons Füße. „Silverhill Courier“, prangte in großen schwarzen Lettern auf dem oberen Rand des Titelblatts. Randalls Gesicht war glatt und ruhig. Der schwelende Hass in seinen dunklen Augen entging Lon jedoch nicht. „Sie haben die falsche Methode gewählt, mich vom Thron zu stürzen. Abgesehen davon, dass es niemand schaffen wird, auch nicht mit der Waffe in der Faust, wie das vielleicht dieser Narr Chester vorhat. Ich weiß so gut wie Sie, dass die fünf Jahre, zu denen ihn das Gericht verdonnert hat, um sind. Aber bauen Sie nur nicht auf seine Rückkehr, Jayson. Für Sie ist das Spiel schon gelaufen. Sie werden diesen verdammten Lügenartikel in Ihrer nächsten Ausgabe Satz für Satz widerrufen. Und danach sollten Sie sich ein Beispiel an Ihrem Partner nehmen und Silverhill schleunigst verlassen. Auf Nimmerwiedersehen, wohlgemerkt!“

Er wies mit einer gleichmütigen Kopfbewegung zur Straße. Dort hatte sich Allan Stuart schwankend aufgerichtet. Sein Anzug war zerknittert und staubbedeckt. Ein blutroter Riss lief quer über sein fahles Gesicht. Für einen Moment starrte er auf die Front des Zeitungsgebäudes. Aber seine Augen schienen wie blind für alles, was ringsum geschah. „Vorwärts!“, herrschte ihn Peacock an und ließ die Peitschenschnur drohend schnalzen.

Allan setzte sich taumelnd, wie ein Betrunkener, in Bewegung, den Blick starr auf die klobige Concord-Kutsche vor dem Office der Overland Mail gerichtet. Fahrer und Begleitmann saßen bereits auf dem Bock, vermieden es aber krampfhaft, sich auch nur einmal umzuschauen. Peacock, die Peitschenschnur nachschleifend, ritt langsam hinter Allan her. In der abgrundtiefen Stille über Silverhill war für eine Weile nur der dumpfe Hufschlag zu hören. An diesem Abend kam Lon die Stadt fremd, kalt und wie ausgestorben vor. Hier gab es niemand, der auch nur die Hand gegen Randall zu heben wagte. Allan war jetzt fast schon auf gleicher Höhe mit dem Büro des „Silverhill Courier“.

Lon sagte mit erzwungener Ruhe: „Es gibt nichts zu widerrufen, Randall. Ihr Name wird in dem Artikel überhaupt nicht genannt. Ich habe nur über die Verhandlung gegen Cliff Chester geschrieben, über McNallys Aussage von damals und seinen Tod zwei Wochen hinterher. Ich stehe zu meiner Behauptung, dass Chester unschuldig in die Steinbrüche geschickt wurde.“

„Weil ich es so wollte, wie? Ihre Anspielungen waren zu deutlich, Jayson. Das schlucke ich nicht.“

„An der Tatsache, dass Chester mit dem Quellsee das wertvollste Land im Umkreis von fünfzig Meilen besaß, ist nicht zu rütteln. Dass Ihnen, Randall, dieses Gebiet nach Chesters Verurteilung ohne einen Cent zugefallen ist, weiß in Silverhill jedes Kind. Das musste ich nicht extra in der Zeitung berichten. Sie waren nicht als einziger hinter diesem Land her. Ich habe in dem Artikel nur meine Meinung vertreten, dass es immerhin Motive gab, Chester durch eine falsche Zeugenaussage aus dem Weg zu räumen und ...“

„Genug! Sie haben auf jeden Fall den Bogen überspannt, Jayson. Silverhill ist meine Stadt. Ihre Zeit ist hier genauso abgelaufen wie die Ihres Freundes Stuart. Je eher Sie das kapieren, um so gesünder für Sie.“

„Nur nicht so lahm, Stuart!“, drang Peacocks Stimme herüber. „Du willst doch nicht, dass sich die Kutsche deinetwegen verspätet, he?“ Bronc, dem Lon noch immer den Rücken zukehrte, lachte erneut. Lon bückte sich langsam nach der Zeitung. Broncs staubbedeckter Stiefel tauchte neben ihm auf und stieß die Winchester von ihm weg über die Gehsteigkante. Lon reagierte mit einer Wildheit, die in Silverhill niemand diesem Zeitungsmann zugetraut hätte. Sein drahtiger Körper zuckte hoch, und Lon legte die ganze Wucht dieses Schwungs hinter den Haken, den er gegen Broncs massiges Kinn schmetterte.

Der Bullige flog rücklings gegen die Bretterwand, dass es nur so dröhnte. Seine Beine knickten leicht durch, aber er hielt sich auf den Füßen. Bevor er überhaupt begriff, was eigentlich los war, hatte ihm Lon den Revolver entrissen, glitt zur Seite und schwenkte die kalt schimmernde Waffe auf Randall herum.

Der hatte sich vom Vordachpfeiler abgestoßen und die Rechte um den mit Elfenbeinschalen ausgelegten Coltknauf geschraubt. Die Zigarette hing ihm noch immer im Mundwinkel. Er erstarrte, als er so unvermittelt das schwarze Todesauge von Lons Revolvermündung auf sich gerichtet sah. Bronc drückte sich mit einem heiseren Fluch von der Hauswand weg und wollte sich auf Lon stürzen.

„Sei kein Narr!“, stoppte ihn Randalls kühle Stimme. Die alte undurchdringliche Glätte legte sich wieder über das Gesicht des Ranchers. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Damit erreichen Sie gar nichts, Jayson. Spielen Sie lieber nicht nach Regeln, die Sie nicht beherrschen. Sie könnten sonst mehr verlieren als Ihre Zeitung.“

„Abwarten!“, murmelte Lon nur. Und dann laut zur Straße hin: „Allan, komm her! Peacock wird keine Hand mehr gegen dich rühren. Hast du verstanden, Peacock, du Halunke? Dein Boss ist meine Garantie dafür! Die Kutsche wird ohne Allan fahren. Allan, nur keine Sorge, wir stehen das schon durch.“

„Fragt sich nur, wie lange.“ Randall lächelte schon wieder, kalt und spöttisch wie eh und je.

Peacocks Mongolengesicht zeigte wütende Überraschung. Die erhobene Faust mit der Peitsche sank zögernd herab. „Verdammt, Jayson, bist du übergeschnappt? Hast du vergessen, mit wem du’s zu tun hast?“

„Im Gegenteil. Und deswegen bluffe ich nicht, Peacock. Lass ja deinen Revolver stecken! Allan, komm nur.“

Allan stand da wie ein Mann, der zu Fuß die Wüste durchquert hat. Das Kinn sank ihm auf die Brust, seine Schultern waren eingesunken. Seine Stimme klang brüchig und erschöpft. „Es hat keinen Sinn mehr, Lon. Du hast dir zuviel vorgenommen. Ich will damit nichts zu tun haben. Ich habe genug von diesem Land, in dem doch immer nur Gewalt und Stärke regieren. Ich kehre in den Osten zurück. Wenn noch ein Funken Vernunft in dir steckt, Lon, dann schmeißt du den ganzen Krempel hin und kommst mit.“

Randall schnippte den Zigarettenstummel auf die Straße. „Der beste Rat, den Sie je erhalten werden, Jayson.“

„Allan!“, rief Lon beschwörend. Dabei durfte er Randall keinen Moment aus den Augen lassen. Randalls Lässigkeit war die eines Panthers, der nur auf die winzigste Unachtsamkeit seines Gegners lauert. „Wir haben beide unsere ganze Zukunft auf den „Silverhill Courier“ gesetzt, Allan. Wir sind Partner. Es ist auch dein Geld, das ...“

„Ich pfeife drauf“, unterbrach ihn Allan krächzend. „Ich riskiere mein Leben nicht dafür, mein eigener Boss zu sein. Im Osten finde ich überall wieder einen Job als Zeitungsmann.“

„Es geht um mehr, Allan, das weißt du.“

Allan lachte heiser und verzerrt auf. „Um den Ruhm, einen Tyrannen vom Thron zu stürzen? Um Recht und Gesetz für ein Land, das ich nie mochte? Nein, Lon, ich habe nie richtig begriffen, warum du dich ausgerechnet hier niedergelassen hast, warum dir die Zukunft dieses Landes so viel bedeutet. Ich kam hierher, weil du mein Freund bist, und ich die Chance sah, eine eigene Zeitung aufzubauen. Alles hat seine Grenzen, Lon. Für mich zählten schon immer nur Tatsachen, keine Hirngespinste. Tut mir leid, Lon. Ich habe mein Lehrgeld bezahlt, und das genügt mir. Ich werde Silverhill keine Träne nachweinen. Mich hält hier weder Stolz noch Ehrgeiz oder sonstwas.“

Lon hörte wieder das Malmen der Tritte, die sich straßenabwärts entfernten. Er wollte einfach nicht glauben, dass dies wirklich der Abschied von dem Mann war, den er für seinen besten Freund gehalten hatte. Das Zuknallen des Kutschenschlags gleich darauf war wie ein Symbol der Endgültigkeit. Der Postfahrer schrie heiser auf die Pferde ein. Das Fahrzeug rollte an, und als Lon den Kopf wandte, sah er nur noch die von der Abendsonne rotgetränkte Staubwolke am Ortsausgang verschwinden.

Randall brannte sich eine neue Zigarette an. „Jetzt stehen Sie vor der Wahl, auf meine Forderungen einzugehen, oder mir auf der Stelle eine Kugel in den Kopf zu schießen. Was dann allerdings mit Ihnen passiert, können Sie sich an zwei Fingern abzählen.“

Lon ließ den Revolver sinken. Er fühlte sich müde und ausgebrannt wie nach einem verlorenen Kampf.

„Verschwinden Sie!“

Randall trat an den Gehsteigrand. Lon sah die von der Seite heranschießende behaarte Faust zu spät. Der Schlag traf ihn mit der Wucht eines Dampfhammers und schleuderte ihn gegen den Pfosten, an dem Randall zuvor gelehnt hatte. Wie aus weiter Ferne vernahm er Broncs raues Lachen. Lon versuchte, sich an dem Pfeiler festzuklammern. Da traf ihn ein neuer Hieb in den Nacken. Als er wieder einen einigermaßen klaren Gedanken fassen konnte, lag er auf den Gehsteigbohlen. Broncs hässliches Bulldoggengesicht schob sich wie durch Nebelschleier auf ihn zu. Auf der Straße stampften Hufe dicht heran, und Peacocks klirrende Stimme sagte: „Überlass ihn mir. Ich bin zu gespannt darauf, wie gut dieser Zeitungsschmierer wirklich mit ’nem Schießeisen umgehen kann. He, Jayson, steh auf und schnapp dir deine Kugelspritze, wenn du nicht willst, dass ich dich mit der Peitsche wie einen Hund aus der Stadt jage! Du hast A gesagt, du verdammtes Großmaul, jetzt musst du auch B sagen. Die einfachste Rechnung der Welt.“

Lon wälzte sich herum. Jack Peacock starrte ihn vom Sattel aus, die Hand an dem tiefhängenden Holster, mit steinerner Miene an. Er strahlte die kalte Überlegenheit eines Mannes aus, der nicht für Lassoarbeit sondern für seine Revolverfertigkeit bezahlt wird. Ein Schatten schob sich dazwischen: Randall. Die Zigarette in der hohlen Hand, blickte er lächelnd auf Lon hinab.

„Später, Jack! Er soll seine Frist haben. Vierundzwanzig Stunden, Jayson, um den Artikel zu drucken, auf den es mir ankommt. Darin liegt Ihre einzige Chance. Ansonsten lasse ich Jack freie Hand. Und Jack ist ein Mann, der noch nie in einem Zweikampf von einem Gegner besiegt wurde. Well, Jungs, das war’s für heute. Wir reiten!“ Sporenklirrende Schritte entfernten sich zusammen mit dem Hufgepoche von Peacocks Gaul.

Lon stemmte sich hoch, überwand die momentane Schwäche, die ihm die Knie zittern ließ, und taumelte ins Office. Drinnen war es schon finster. In der angebauten Druckerei rührte sich nichts. Lon ging zu seinem Schreibtisch und zündete die Petroleumlampe an. Erst dann sah er den mageren weißhaarigen Mann, der mit einer schweren Parker Schrotflinte in den knotigen Fäusten an der Wand neben dem Fenster stand. Das faltenzerfurchte Gesicht wurde von einem grünen Augenschirm beschattet. Die bis über die Ellenbogen gezogenen Ärmelschoner waren mit Druckerschwärze bespritzt. Mit seiner rostigen Stimme krächzte Nick Drury: „Ich hätte sie alle miteinander umgepustet, wenn es zum Revolverkampf gekommen wäre. Das schwöre ich dir, Boss!“ Sein Adamsapfel ruckte auf und ab.

Lon ließ sich auf den Stuhl fallen und brachte ein müdes Lächeln zustande. „Du wirst vom 'Silverhill Courier' als Drucker bezahlt, Old Nick, nicht als Revolverschwinger. Du verlierst deinen Job früh genug.“

 

 

2

Der große, hagere Reiter erreichte Silverhill zur heißesten Tageszeit. Das wolkenlose Firmament wölbte sich wie eine glühende Messingkuppel über der stillen, leeren Stadt und dem kargen Hügelland ringsherum. Nirgends ein Laut. Nirgends auch nur der Schatten einer Bewegung. Nur das Pochen der Hufe weckte geisterhafte Echos an den verwitterten, gebleichten Hausfassaden, von denen längst alle Farbe abgeblättert war. Der Mann hockte zusammengesunken, den breitkrempigen Stetson tief in die Stirn gezogen, im Sattel und schien vor sich hin zu dösen, wie er es Meile um Meile getan hatte. Bei jedem müden Huftritt seines Pinto schaukelte der abgegriffene Kolben des Sechsladers, der auffällig tief an seiner rechten Seite baumelte. Ansonsten sah er mit seinen dornenzerkratzten Chaps, dem staub und schweißverkrusteten Baumwollhemd und der ausgefransten Bandena wie irgendein Cowboy aus, der auf dem Rücken seines Pferdes den halben Westen durchquert hatte. Mann und Pferd waren über und über mit einer dicken Staubschicht bedeckt, abgemagert und knochig. Das metallische Rasseln von Sporen mischte sich in das monotone Malmen der Hufe. Ein sehniger, raubvogelgesichtiger Mann löste sich geschmeidig aus dem Schatten eines Vordaches, stiefelte bis zur Straßenmitte und blieb breitbeinig im Sonnenglast stehen.

Die große, hagere Reitergestalt schaukelte noch immer schläfrig im Rhythmus des Hufschlags. Der Raubvogelgesichtige spähte ihr aus zusammengekniffenen Augen entgegen. „Chester?“

Nach dem peitschenden Ruf drückte das hitzegesättigte Schweigen wie eine Last. Der Pinto ging zögernd noch ein paar Schritte und blieb dann stehen. Es dauerte eine Weile, bis der Reiter den Kopf hob, und der Hutschatten langsam über das knochige, hartlinige Gesicht hochglitt. Schließlich verdeckte er nur noch die tiefliegenden grauen Augen, in denen ein düsteres Feuer glomm. „Yeah, ich bin Chester! Und du? Hat Randall dich geschickt?“

Das Raubvogelgesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen. Die klauenartig gekrümmte Hand über dem abgewetzten Revolverknauf ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Ich bin Ben Killeen. Ich weiß nichts von einem Randall. Ich weiß nur, dass ein Kerl, der fünf Jahre hinter Zuchthausmauern und in den Steinbrüchen verbracht hat, in dieser hübschen, friedlichen Stadt unerwünscht ist.“

„Nur weiter“, meinte Cliff Chester schläfrig.

Killeens Augen blitzten. „Genügt dir das nicht? Schwer von Begriff, Hombre? Du sollst hier verschwinden, Chester, und zwar schnell! Reite meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst. Aber hier hast du vor fünf Jahren bereits genug Schaden angerichtet. Das wird sich nicht wiederholen. Dafür garantiere ich.“

„Also doch Randall!“, stellte Cliff gelangweilt fest. Seine Hände ruhten lässig auf dem steilen Horn des Texassattels. „Killeen, oder wie du heißt, du verlässt dich zu sehr darauf, dass ich fünf Jahre lang kein Schießeisen in der Hand hielt, aber man verlernt es nicht so schnell, wenn man es einmal aus dem FF beherrscht hat. Randall scheint dir verschwiegen zu haben, dass ich einmal zu derselben Garde gehörte, zu der auch du dich rechnest? Zu denen, die vom Revolver leben? Well, wenn ich dich so ansehe, Muchacho, glaube ich, dass ich einige Nummern besser war als du — und noch immer bin.“

„Zum Teufel, du nimmst dein Maul reichlich voll. Du wirst den Beweis dafür antreten müssen, wenn du auch nur eine Minute länger in Silverhill bleiben willst.“

„Und ob ich bleiben will!“ Cliff wollte sich aus dem Sattel schwingen. Im selben Moment flogen einige Häuser weiter die schulterhohen Schwingtüren des Sunset Saloons auseinander.

„Cliff!“, zitterte die helle, atemlose Stimme einer Frau über die sonnenheiße Main Street. „Kehr um, Cliff, es ist eine Falle!“ Die Frau war mittelgroß, schlank und trug die üppige Pracht des tizianroten Haares aufgesteckt. Das bis zur Hüfte enganliegende grüne Kleid betonte noch die aufregenden Formen ihrer biegsamen Figur. In dem blassen, ebenmäßigen Gesicht brannten dunkelgrüne Augen.

Cliff Chester saß plötzlich kerzengerade und angespannt im Sattel, als würde ihm ein Coltlauf zwischen die Schulterblätter gedrückt. „Mary ...“

„Zu spät, Chester! Du hast schon verloren, ehe das Spiel richtig begonnen hat!" Ein kräftiger junger Bursche, dessen Gesicht von einer glutroten Narbe entstellt war, tauchte hinter der Frau auf. Er hielt seinen Revolver bereits in der Faust. Die Mündung deutete auf den staubbedeckten Reiter. Dazu grinste er lauernd und höhnisch.

Mary Wynn, die Besitzerin des Sunset Saloons, klammerte sich am Verandageländer fest, als würden ihr sonst die Beine den Dienst versagen. Nichts als Hoffnungslosigkeit spiegelte sich auf ihrem Gesicht, das jeden Mann faszinieren musste. „Cliff, es tut mir so leid. Er hat mich drinnen im Saloon festgehalten. Ich konnte nicht...“

„Schon gut, Mary!“ Cliffs Stimme war wieder ganz ruhig, nur ein bisschen angeraut. „Es ist schön, dich wiederzusehen — nach so langer Zeit.“

Der Narbige trat neben Mary an die Verandabrüstung. „Well, gib dich damit zufrieden, Chester. Zehn Sekunden! Wenn du dann nicht verschwunden bist...“ Er schnalzte mit der Zunge.

„Tu, was sie verlangen!“, keuchte die Frau. „Reite! Ich werde nachkommen, Cliff, wohin du nur willst. Ich habe fünf Jahre auf dich gewartet. Der Saloon bedeutet mir nichts. Reite, ehe sie dich töten!“

„Mary, du weißt, dass ich noch eine Menge in Silverhill zu erledigen habe“, entgegnete Cliff langsam und betont. „Das ist etwas, worauf ich fünf Jahre lang gewartet habe.“

„Wahnsinn, Cliff! Randall ist mächtiger denn je. Du hast keine ...“

„Fünf Sekunden!“, meldete der Narbige schneidend. „Hoffentlich hast du genug Geld für den Totengräber bei dir, Chester.“

Cliff spuckte auf die Straße. „Randall scheint ein bisschen knapp bei Kasse zu sein, wie? Sonst hätte er sicher bessere Leute angeworben. Keine solchen Aasgeier wie dich und Killeen, die es nicht fertigbringen, einem Gegner von Mann zu Mann gegenüberzutreten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je vor solchen Burschen davongelaufen bin. Einer von euch bleibt todsicher auf der Strecke, und wenn du zehnmal bereits den Finger am Drücker hältst, Narbengesicht!“

„Cliff, sie sind zu dritt“, rief Mary Wynn verzweifelt. „Einer steckt noch irgendwo zwischen den Häusern.“

„Wie gefällt dir das, Chester?“, grinste Killeen schief. „Wo bleibt jetzt deine große Klappe? Vielleicht haben wir gar keine Lust mehr, dich einfach sang und klanglos verduften zu lassen. Joe: zähl nur weiter und lass dir Zeit dabei Ich will den großen, eingebildeten Chester ein wenig schwitzen sehen.“

„Nein! Ihr Schufte, lasst ihn reiten!“, schrie Mary auf. Plötzlich fuhr sie wie eine Wildkatze herum, warf sich stumm und verbissen gegen den Narbigen und versuchte, ihm den Colt zu entreißen. Der Kerl stieß sie brutal zurück. Sie taumelte nach Atem ringend gegen die Saloonwand.

„Noch drei Sekunden!“, knurrte Joe.

„Der dritte Mann ist nicht mehr im Spiel“, klang plötzlich eine entschlossene Stimme aus dem Häuserschatten. „Chester, Sie haben es nur noch mit diesen beiden Coyoten vor Ihnen zu tun. Ich schätze, damit sind die Grenzen klar gezogen.“

Tritte scharrten auf den Gehsteigbohlen, eine heisere Verwünschung war zu vernehmen. Dann schob sich zuerst ein bärtiger Bursche mit erhobenen Händen und leerem Revolverholster ins Sonnenlicht. Seine Kinnladen malmten. Das Knirschen seiner Zähne war bis zu Cliff Chester zu hören. Hinter ihm schob sich ein schlanker blonder Mann in dunklem Stadtanzug um die Hausecke. Er hielt einen kurzläufigen 36er Remington-Revolver auf den Bärtigen gerichtet. Killeen fluchte.

„Der verdammte Zeitungsschmierer, der seine Nase in alles stecken muss, was ihn nichts angeht! Jayson, du Narr, hast du vergessen, dass deine Frist bei Sonnenuntergang abläuft? Bist du lebensmüde, dass du dir auch noch diesen neuen Kummer aufhalst?“

„Bis jetzt fühle ich mich recht wohl in meiner Haut. Chester, jetzt sind Sie an der Reihe, diesen Halunken einiges klarzumachen.“

Cliff beging nicht den Fehler, sich nach seinem Helfer umzusehen. Seine Lippen waren strichdünn, seine grauen Augen funkelten. Drüben beim Saloon verkrampfte Mary die Hände vor der Brust. „Nein, Cliff! Es ist Wahnsinn, gegen einen Mann zu ziehen, der seinen Colt schon in der Faust hält. Dir bleibt jetzt nur noch die Chance, davonzureiten, Cliff, ich bitte dich, sei vernünftig. Jayson, um Himmels willen, sagen Sie ihm, dass er nicht kämpfen darf!“

Lon atmete tief durch. „Tut mir leid, Ma’am. Ich habe auf ihn gewartet. Ich brauche einen Partner gegen Greg Randall. Wenn Chester jetzt aufgibt, bin auch ich erledigt. Chester, entscheiden Sie sich!“

„Ich bleibe!“, sagte Cliff kehlig.

Er hatte kaum ausgesprochen, da stieß Joe, der Narbige, auch schon die Coltfaust über die Verandabrüstung. Der Mündungsblitz verschmolz mit dem gleißenden Sonnenschein. Der Schuss krachte wie ein Donnerschlag. Der Sattel des Pinto war von einem Moment zum anderen wie leergefegt. Joe öffnete den Mund zu einem Triumphschrei. Da sah er durch den zerflattertenden Pulverrauch und wirbelnden Staub die dunkle Gestalt wie ein Bündel über die Straße rollen. Ein Feuerstrahl raste auf ihn zu. Joe wollte nochmals abdrücken. Da fuhr ihm schon das heiße tödliche Blei in die Brust. Der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Er brach über dem Querbalken des Geländers zusammen.

Das Dröhnen rasender Schüsse ließ die Fensterscheiben klirren. Mary schrie entsetzt auf, als sie Cliff plötzlich still und reglos im Staub liegen sah. Aus Killeens Colt schlugen noch immer Mündungsblitze. Aber der Stahllauf deutete jetzt nach unten. Die Kugeln hackten vor den Stiefeln des Revolverschwingers in den Sand. Dabei knickten Killeen mehr und mehr die Beine durch. Schließlich fiel der Hammer auf eine leere Patronenhülse. Mit verzerrtem Gesicht starrte Killeen zu Cliff hinüber. Der hob jetzt den Kopf. Ihre Blicke kreuzten sich. „Genügt dir der Beweis?“, fragte Cliff heiser.

Auf Killeens Miene brach nochmals der ganze Hass des Verlierers durch. Er versuchte eine neue Patrone aus den Gurtschlaufen zu ziehen, aber seine Hand glitt kraftlos ab. Zuerst rutschte ihm der Sechsschüssige aus den Fingern, dann sackte er schwer über der heißgeschossenen Waffe zusammen.

„Cliff!“, brachte Mary tonlos hervor. Sie hastete die Verandastufen hinab. Cliff erhob sich mühsam. Ein dunkler Fleck breitete sich an seiner linken Schulter auf dem Hemd aus. Trotzdem erhellte ein Lächeln sein Gesicht. „Nur keine Aufregung mehr. Jetzt ist ja alles vorbei.“

 

 

3

Der kleine, schmächtige Doc von Silverhill stellte achselzuckend die schwarze Ledertasche auf die Tischplatte zurück und starrte an Lon vorbei zur knarrenden Tür. Lon drehte sich um. Sein Gesicht verkantete sich, als er die Männer sah, die einer nach dem anderen über die Schwelle in die Wohnung des Arztes traten. Wie eine Mauer versperrten sie ihm und dem Doc den Weg. Osborne, der Hotelbesitzer und Bürgermeister, wischte sich mit einem rotgetupften Taschentuch übers schweißnasse schwammige Gesicht. Er warf Lon einen finsteren Blick zu, und genauso finster und entschlossen wie er schauten die anderen drein: Gillespie, dem der Mietstall gehörte, Mortimer, der Storekeeper, Bowles, der Schmied, und Hendrick, der Stellmacher.

„Es ist Chester!“, schnaubte Osborne. „Hat Jayson Ihnen das nicht gesagt, Doc? Sie bleiben hier. Sie werden keinen Finger für ihn rühren, dass das nur klar ist.“

Lon sagte eisig: „Der Doc ist dazu da, jedem zu helfen. Das ist einzig und allein seine Entscheidung.“

„Und unsere, solange es darum geht, dass ein Zuchthäusler und Bandit in Silverhill nichts verloren hat. Das fehlte gerade noch, dass wir so einem Kerl auch noch helfen, erneut Tod und Unheil zu verbreiten.“

Lon verzog angewidert den Mund.

„Schade, dass Randall Sie nicht hört, was?"

Osborne starrte ihn wütend an. Sein Doppelkinn zitterte. „Sie mit Ihrer verrückten Idee, Randall die Verurteilung dieses Schießers in die Stiefel zu schieben. Damit haben Sie sich bei uns genauso beliebt gemacht wie Chester. Am besten, Sie verschwinden gemeinsam mit ihm aus der Stadt. Wir haben ganz und gar keine Lust, wegen eines größenwahnsinnigen Tintenfuchsers und eines rachsüchtigen Desperados unseren Frieden zu opfern.“

„Auch ein Standpunkt. Sitzt euch die Angst so tief in den Knochen, dass euch die Wahrheit kein bisschen mehr interessiert?“

„Wahrheit, pah! Das sind Hirngespinste!“

„Und die Sache mit meinem Partner Allan?“

„Was haben Sie denn von Randall erwartet, nachdem Sie diesen verrückten Artikel losgelassen haben? Dass er Ihnen auch noch für Ihren Einfallsreichtum gratuliert? Wofür halten Sie sich eigentlich, dass Sie es wagen, ausgerechnet gegen den Mann loszugehen, dessen Wort in fünfzig Meilen Umkreis Gesetz ist?“

„Aha, damit kommen wir der Wahrheit schon einen Schritt näher“, lächelte Lon scharfzüngig. „Randalls Macht! Randalls Peitsche, unter der sich eine ganze Stadt duckt. Gebt jetzt den Weg frei. Der Doc wird Chester gleich die Kugel aus der Schulter pflücken, ob es Randall und euch passt oder nicht.“ Lons Hand glitt unter die Jacke und tauchte mit dem 36er Remington wieder auf. Seit er die schlaffen Gestalten von Killeen und Joe im Straßenstaub gesehen hatte, kostete es ihn mehr Überwindung als zuvor, die Waffe in die Faust zu nehmen. Aber seit er gestern zum ersten Mal mit der Winchester auf Randalls Vormann gezielt hatte, gab es kein Zurück mehr auf diesem Weg. Dass die Bewohner der Stadt ihn nicht nur im Stich ließen, sondern sich auch noch gegen ihn stellten, weckte wieder jene verbissene Entschlossenheit in ihm, mit der er gestern Bronc angegriffen hatte.

Vor der drohend kreisenden Revolvermündung klaffte die Front der mürrisch und unbehaglich aussehenden Männer auseinander. Osborne fuchtelte mit dem Taschentuch in der Luft herum. Seine Stimme war schrill und nervös. „Doc, wenn Sie mit ihm gehen, dann können Sie gleich die Stadt für immer verlassen. Randall wird schon dafür sorgen, dass wir einen neuen Doc bekommen.“

„Randall, Randall! Das kann ich schon nicht mehr hören“, stieß Lon voller Abscheu hervor. „Doc, hören Sie nicht hin. Kommen Sie endlich.“ Er trat durch die Gasse zwischen den Männern zur Tür. Hinter ihm rührte sich nichts. Auf der Schwelle drehte sich Lon um. Der kleine, schmächtige Mann putzte verlegen seine Brillengläser und schaute nicht auf. Seine Stimme war leise und müde. „Ich bin zu alt, um anderswo ganz von vorn anzufangen, Jayson. Das müssen Sie begreifen. Chester ist ein zäher Bursche. Mit der nächsten Kutsche schafft der es schon bis Las Cruces. Dort gibt es einen tüchtigen Doc, der ihn ...“

„Chester wird hier und gleich verarztet! Doc, ich lasse Ihnen so wenig eine Wahl wie Osborne.“ Der Remingtonlauf schwang herum. Osbornes Begleiter murrten drohend. Der dicke Bürgermeister biss sich auf die Unterlippe.

„Damit stellen Sie sich außerhalb des Gesetzes, Jayson. Das wird Ihnen noch leid tun.“

„Welches Gesetz? Das von Randall, der dafür gesorgt hat, dass es nicht einmal einen Town- Marshal in Silverhill gibt? Vorwärts, Doc! Randall wird seine Forderung bei mir und nicht bei Ihnen eintreiben müssen!“

Der Doc setzte die Brille auf. Für eine Sekunde glaubte Lon die Erleichterung in seinen kurzsichtig blinzelnden Augen zu erkennen. Mit der Instrumententasche unterm Arm schlurfte der Doc an ihm vorbei aus dem Haus. Lon schlug die Tür zu. Der Doc lief vor ihm her, dass Lon Mühe hatte, ihm zu folgen. Die Toten waren von der Straße verschwunden. Auch der Bärtige, den Lon niedergeschlagen hatte, war fort. Erst auf der Saloonveranda wartete der Doc auf Lon. „Urteilen Sie nicht zu hart über diese Männer, Jayson. Jeder von ihnen hat Familie und eine Menge zu verlieren. Keiner kann es auch nur mit dem letzten von Randalls Revolvercowboys aufnehmen. Mut ist eine Sache, die nicht jedem gegeben ist. Ich schließe mich da nicht aus. Aber eines verspreche ich Ihnen: ich werde für Chester tun, was in meiner Macht steht.“

Im Saloon ruhte Cliff Chester auf zwei zusammengerückten Tischen. Mary wusch ihm gerade das Blut von der verletzten Schulter. Daneben dampfte eine Schüssel mit kochendem Wasser. Blütenweiße Leinentücher hingen über Stuhllehnen. Die Saloonbesitzerin kehrte, über Cliff gebeugt, dem Eingang den Rücken zu.

„Ich werde verkaufen, Cliff“, sagte sie eben beschwörend. „Wir sind nicht auf die zehn oder fünfzehntausend Dollar angewiesen, die das Land wert ist, das Randall dir abgenommen hat. Wichtig ist nur, dass du lebst. Wir nehmen die nächste Kutsche nach Las Cruces. Wir sind jung genug, ganz von vorn anzufangen.“

Cliffs Stimme war rau vor Schmerz und Grimm. „Randall schuldet mir mehr als das Geld für mein Land, auf dem ich endlich meine Vergangenheit als Revolvermann loswerden wollte. Fünf Jahre in den Steinbrüchen, das bedeutet die Hölle! Das kann sich niemand vorstellen, der es nicht erlebt hat.“

„Bedeutet dir deine Rache mehr als die Zukunft mit mir?“

„Der Doc ist da“, sagte Lon laut und stieß die Türflügel auseinander. Mary schaute auf. Ihre grünen Augen blickten kalt und abweisend. Der Doc stellte keine langen Fragen, sondern ging sofort daran, die Verwundung zu untersuchen. Cliffs Gesicht wirkte grau und hohlwangig. Jetzt sah man ihm erst richtig an, dass Jahre tiefster Einsamkeit, Not und Entbehrung hinter ihm lagen. Als sein Blick auf Lon fiel, drückte er ein Auge zu und lächelte schmal.

„Hallo, Jayson! Mary hat mir von Ihnen erzählt. Ich habe es mir nicht träumen lassen, dass es in Silverhill noch einen Mann gibt, der es wagt, Randall die Stirn zu bieten. Ohne Sie wäre ich glatt erledigt gewesen. Zum erstenmal in meinem Leben. Ich stehe in Ihrer Schuld.“

„Was nicht bedeutet, dass er einen aussichtslosen Kampf für Sie ausfechten wird, Jayson“, fügte Mary schnell und heftig hinzu.

„Nicht für mich, sondern mit mir“, meinte Lon achselzuckend. „So hatte ich mir das eigentlich vorgestellt.“

Marys Augen funkelten ihn an. „Niemand hat Sie darum gebeten, sich zu seinem Anwalt zu machen und sich damit Randalls Feindschaft einzuhandeln. Setzen Sie ihn nur damit nicht unter Druck.“

Lon lächelte sie mitleidig an. „Ich glaube, das ist gar nicht nötig. Seine Gründe, Randall den Kampf anzusagen, wiegen mindestens so schwer wie meine.“

„Warum nennen Sie die Dinge nicht beim Namen? Ehrgeiz! Ruhmsucht! Darauf läuft es doch hinaus. Von Anfang an war Ihr Ziel, den „Silverhill Courier“ in ganz New Mexico bekannt zu machen. Deswegen wollen Sie Randalls Macht brechen. Sie haben sich in eine Idee verbissen, die Sie das Leben kosten wird, Jayson.“

„Nicht, wenn Chester mit von der Partie ist. Doc, wie steht es mit Ihm?“

„Ihre Besorgnis ist wirklich rührend!“, stieß Mary halb verzweifelt, halb verächtlich hervor. Sie griff nach Cliffs Hand. „Sag ihm, dass er sich umsonst Hoffnungen gemacht hat. Sag ihm, dass du mit mir die nächste Kutsche nach Las Cruces nimmst!“

„Lass erst hören, was der Knochenflicker zu melden hat“, murmelte Cliff gepresst. „Well, Doc?“

Der Arzt rückte sich die Brille zurecht und kramte in seiner Instrumententasche herum. „Eine Menge Glück, Chester. Kein Knochen, kein Muskel verletzt. Ich hole jetzt die Kugel 'raus. Einige Tage Ruhe, und Sie sind wieder all right.“

„Dann fangen Sie an, Doc! Ein kräftiger Schluck Whisky vorher ist alles, was ich brauche. Mary, sei so gut.“

Die rothaarige Frau warf nochmals einen argwöhnischen Blick auf Lon, dann eilte sie zur Theke. Cliff stützte sich auf die Ellbogen und schaute Lon durchdringend an. „Glauben Sie wirklich an meine Unschuld oder war das nur der Fehdehandschuh, den Sie Randall hinwarfen?“

„McNallys Tod hat meine letzten Zweifel beseitigt. Er war auf dem Weg nach Albuquerque, zwei Wochen nach der Verhandlung, um seine Aussage gegen Sie zu widerrufen. Er kam nie an, weil er unterwegs erschossen wurde. Eine Kugel in den Rücken! Raubmord, hieß es hinterher. Damit gab es für Sie keine Chance mehr.“

„Woher wussten Sie von McNallys Absicht? Damals hielten Sie sich doch noch gar nicht in Silverhill auf.“

„Von mir“, sagte der kleine Doc leise, während er seine silbern blinkenden Instrumente auf eine Stuhlplatte reihte. „Wenn Randall davon wüsste, würde er mich bestimmt aufhängen lassen.“

„Er wird es nie erfahren“, erklärte Lon fest. „Außerdem, Chester, sehe ich keinen Grund dafür, dass Sie damals die Postkutsche überfallen haben sollen. Sie kamen ins Silverhill-Land um zu ranchen und eine neue Zukunft aufzubauen. Sie wären nie so verrückt gewesen, sich alles mit einem so waghalsigen Coup, der obendrein misslang, zunichte zu machen. Das passt nicht zu einem Mann, der sich entschlossen hat, den Revolver an den Nagel zu hängen.“

Cliffs Miene verdüsterte sich. Mary kam mit einer halbvollen Schnapsflasche an den Tisch zurück und reichte sie Cliff. „Hören Sie endlich damit auf, Jayson!“

„Ich habe nur Fragen beantwortet. Doc, Sie sind jetzt dran.“

„Einen Moment noch.“ Cliff drehte sein hageres Gesicht der Frau zu. „Wann fährt die Kutsche nach Las Cruces?“

Marys Augen leuchteten auf. „Gegen Sonnenuntergang. Um Mitternacht ist sie am Ziel.“

Cliff starrte zur verräucherten Balkendecke hoch. „Bis dahin sind längst Randalls Reiter in der Stadt.“

„Ich kenne eine verlassene und verborgene Silbermine droben in den Bergen“, erklärte Lon beiläufig. „Sie stammt noch aus der Zeit, in der Silverhill seinen Namen erhielt. Dort oben wären Sie sicher, Chester, bis Sie wieder mit eigener Faust für Ihren Skalp sorgen können. Wenn Sie wollen, stelle ich gleich die Pferde zum Aufbruch bereit. Bis zur Mine halten Sie schon durch. Dann können wir immer noch weiterreden.“

„Ein Mann mit Weitblick, hm? Mary, ich schätze, mir bleibt gar keine andere Wahl. Jayson, stellen Sie die Pferde bereit.“

 

 

4

Als Lon mit den beiden staubbedeckten Pferden aus den Bergen zurückkehrte, hatte er den Eindruck, die Zeit sei um vierundzwanzig Stunden zurückgedreht worden. Silverhill lag genauso still und leergefegt in der hereinbrechenden Dämmerung wie am vergangenen Abend. Über den schartigen Felsgraten im Westen leuchtete nur noch ein schmaler Streifen blasser Abendröte. Aber in keinem Gebäude zu beiden Seiten der Main Street brannte Licht. Die Fenstervierecke klafften wie tote Augen in der Front des Zeitungsbüros. Erst als Lon auf wenige Yards heran war, erkannte er die gedrungene Gestalt, die auf der Gehsteigkante vor dem Eingang hockte und auf ihn wartete: Peacock. der Mann mit dem Sichelbart und den asiatisch wirkenden Schlitzaugen. Er erhob sich geschmeidig, als Lon seinen Braunen zügelte. Seine Zähne schimmerten wie ein Raubtiergebiss durch die graue Dämmerung.

„Das war ein verflixt weiter Weg, Jayson, was? Ich habe lange gewartet.“

Lon lauschte. In der Druckerei, wo sonst um diese Zeit der alte Drury längst an der Arbeit war, war nichts zu hören. Plötzlich merkte Lon, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Old Nick, den hatte er glatt vergessen! Sein Herzschlag hämmerte ihm plötzlich bis in die Kehle. „Peacock, du bist umsonst gekommen! Heute ist keine Zeitung erschienen. Du kannst Randall ausrichten.. “

„Ich bin nicht dein Botenjunge, Jayson. Du weißt verdammt genau, dass es längst um mehr geht, als um dieses Zeitungsgeschreibsel. Also, keine langen Faxen! Wo steckt dieser Hundesohn Chester?“

Lon hob die Schultern. „Er hat Silverhill verlassen. Darauf kam es Randall doch so sehr an. Das war ihm sogar zwei tote Revolvermänner wert.“

Peacock kam ein paar Schritte weiter auf die Straße. „Wann kapierst du endlich, dass du dir diesen Ton abgewöhnen musst, Jayson! Hast du schon vergessen, dass Randall mir freie Hand versprochen hat, wenn du die Frist ungenutzt verstreichen lässt? Neuerdings schleppst du doch dauernd ein Schießeisen mit dir herum, oder? Wozu, weiß jeder in der Stadt. Grund genug für jeden von uns, dich ohne Warnung über den Haufen zu knallen. Oder bildest du dir wirklich ein, dass du es mit einem Mann aufnehmen kannst, dem Greg Randall hundert Dollar im Monat bezahlt?“ Er lachte überheblich. Sein Ton, seine Haltung, dieses Lachen — alles war eine einzige Herausforderung, die einen Mann zur Weißglut reizen konnte. Lon verzog keine Miene.

„Ich bilde mir ein, dass mein Tod zu diesem Zeitpunkt dir eine fristlose Kündigung einbringen würde, Peacock. Wenn Randall nämlich jemanden fürchtet, dann Chester. Und ich bin der einzige, der weiß, wo Chester steckt. So, Peacock, jetzt liegt der nächste Zug bei dir.“

„Ach nein, da will einer tatsächlich den harten Hombre spielen. Einer, dem diese Rolle ganz und gar nicht auf den Leib geschneidert ist. Jayson, und ob ich am Zug bin. Dir werden noch die Augen übergehen, mein Junge. Du bist nicht der erste, dem ich das Fürchten beibringe und zwar so, dass du’s niemals mehr verlernst.“ Jetzt sprach er keine leeren Drohungen mehr aus. Eine geradezu unheimliche, erschreckende Wildheit straffte sein breitflächiges Gesicht. Die Hand auf den tiefhängenden Coltkolben gestützt, kam er langsam und mit federnden Raubtierschritten auf den reglosen Reiter zu. So stämmig er auch aussah, es gab kein Gramm überflüssiges Fett an ihm, keine Spur von Schwerfälligkeit.

„Jayson, du wirst noch darum winseln, deine Geschichte loszuwerden.“

Lon Jayson setzte alles auf eine Karte, schlug dem Braunen mit aller Kraft die Hacken gegen die Flanken und griff gleichzeitig zum Revolver. Schrill aufwiehernd schoss das Tier vorwärts, genau auf Jack Peacock zu. Randalls Vormann wurde zu einem verwischten Schatten. Der Vierundvierziger schien ihm wie von selber in die Faust zu springen. Er war schneller, als es Lon jemals zuvor erlebt hatte. Der Braune stürmte an Peacock vorbei. Als Lon die Feuerlanze auf sich zustechen sah, gab er sich verloren. Da merkte er, wie das Pferd unter ihm heftig zusammenzuckte und wie vom Faustschlag eines Riesen getroffen einknickte. Lon riss geistesgegenwärtig die Füße aus den Steigbügeln und schleuderte sich seitwärts aus dem Sattel. Sein Anprall warf Peacock um. Lon stürzte auf ihn. Als er das grausame schnurrbärtige Gesicht unter sich sah, konnte er nicht anders. Er schmetterte seine geballte Rechte mitten hinein. Mit der Linken drückte er Peacocks Coltfaust auf die Erde.

Lon kam zu keinem zweiten Schlag mehr. Neben und hinter ihm vernahm er plötzlich Stiefelgescharre und Gekeuche. Derbe Fäuste krallten sich in seine Anzugjacke und zerrten ihn hoch. Er versuchte, sich loszureißen. Ein Hieb traf ihn ins Gesicht, dass er sekundenlang nur einen Funkenwirbel sah. Dann tauchten in einem lückenlosen Halbkreis die verkniffenen Gesichter der Silverhill-Bürger um ihn auf. Jemand riss ihm den Remington aus dem Hosenbund. Ein anderer setzte ihm eine Revolvermündung auf die Brust. Dabei wurde er noch immer links und rechts festgehalten, dass er sich kaum rühren konnte. Sein Nackenwirbel schmerzte, und der Schweiß lief ihm in Strömen übers Gesicht.

Ringsum fiel kein Wort. Lon Jayson konnte es kaum glauben, dass es dieselben Männer waren, unter denen er fast schon zwei Jahre lebte. Er fühlte sich wie in einem Wolfsrudel. Da gab es nur Hass und Feindschaft und den brennenden Wunsch, ihn endlich loszuwerden. Nirgends eine Spur Bedauern, höchstens Angst, nicht vor ihm, sondern vor Randall. Dann wurden zwei, drei Männer zur Seite gestoßen, und Peacock tauchte vor ihm auf. Groß und klobig schob sich sein Vierundvierziger vor sein Gesicht.

Peacock war bleich vor Wut.

„Leg ihn um, Jack!“, hallte Broncs raue Stimme vom Eingang des Zeitungsbüros.

Zwei Sekunden dehnten sich, in denen alles um Lon Jayson zu versinken schien außer Peacocks hassgezeichnetes Gesicht. Lon kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Dann trat Peacock zurück und ließ die Waffe sinken. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung deutete er zur Tür, über der ein Schild mit der Aufschrift „Silverhill Courier“ festgenagelt war. Seine Stimme erinnerte an brechendes Glas. „Hinein mit ihm!“

Lon wurde vorwärtsgestoßen. Er wehrte sich nicht. Der vertraute Geruch von frischbedrucktem Papier, Leim und Druckerschwärme strömte ihm entgegen. Vor ihm rumorte Bronc in der Finsternis des Raumes. Dann flackerte ein Schwefelholz auf. Der Docht einer Petroleumlampe fing Feuer, bestrahlte erst Broncs fleischiges Bulldoggengesicht und breitete dann einen trüben Schein im ganzen Büro aus.

Lon stockte der Atem. Wie mit einer eisigen Faust griff es nach seinem Herzen. Auf seinem Platz hinter dem papierbehäuften Schreibtisch hing eine schmächtige, gebrechlich wirkende Gestalt, deren Arme schlaff herabbaumelten. Es war der Doc. Sein spitzes Faltengesicht war blutüberströmt. Durch die zerbrochenen Brillengläser starrten seine aufgerissenen Augen leer und glasig zu den Männern an der Tür.

Lon merkte gar nicht, wie er plötzlich losgelassen wurde. Jemand hinter ihm stieß einen stöhnenden Laut aus. Peacocks Tritte pochten hart auf den Brettern. „Dieser Narr hat doch tatsächlich versucht, mir mit einem Skalpell die Kehle zu durchschneiden, als ich von ihm wissen wollte, wohin Jayson Chester gebracht hat. Jayson, das sollte dir eigentlich eine Lehre sein.“

Peacock wischte mit einer achtlosen Handbewegung Papierbögen, druckfeuchte Korrekturfahnen und Tintenfässer vom Schreibtisch. Er setzte sich auf die Kante und schlug die Beine übereinander. Den Vierundvierziger ließ er in das mit Silberbeschlägen verzierte Holster zurückgleiten. Die Nähe des Toten kümmerte ihn nicht. Für die betroffen und erschüttert dreinblickenden Bürger hatte er nur ein verächtliches Zucken um die vom Schnurrbart halb verdeckten Mundwinkel übrig.

„Verschwindet!"

Sie verdrückten sich murmelnd. Draußen, als schon die Tür knarrend hinter ihnen zugeklappt war, fiel kein Wort. Die Tritte knirschten hastig nach allen Seiten über die Main Street davon. Inzwischen war die Nacht wie mit samtschwarzen Schleiern übers Land gefallen. Von den fernen Hängen der Black Range drang das schaurige Geheul eines hungrigen Coyoten wie eine Totenklage. Broncs neuerliches Auflachen zerbrach etwas in Lon Jayson.

„Mörder!“, sagte Lon dumpf.

Bronc duckte sich und senkte die Faust auf den Revolver. Peacock schüttelte unmerklich den Kopf. Ein jähes wildes Grinsen zerriss die Spannung auf seinem eckigen Gesicht. „Chuck!“, rief er herrisch. „Schaff den Oldtimer her!“

In der Druckerei polterte es. Jemand fluchte. Dann folgte ein Geräusch wie von einem Schlag, danach ein halb unterdrücktes Stöhnen. Lon blieb wie angewurzelt stehen. Auf der Schwelle zur Nebentür tauchte jener bärtige Bursche auf, der zusammen mit Killeen und Joe Cliff Chester aufgelauert hatte. Seine eng beieinander stehenden Augen funkelten tückisch in dem scharfgeschnittenen Gesicht. Er zerrte den alten Drury neben sich aus dem Dunkel heraus und hielt ihm den Revolverlauf hinters Ohr Old Nicks Hände waren vorn zusammengebunden. Der grüne Zelluloidschirm über seinen Augen verrutscht.

Er atmete keuchend. Ein dünner Blutfaden lief ihm vom linken Mundwinkel übers Kinn. Er zuckte erschrocken, als er den Doc sah. Dann spuckte er vor Peacock auf den Boden.

„Zu meiner Zeit sind solche Dreckskerle ohne viel Federlesens an den höchsten Ast geknüpft worden.“

Der Bärtige hinter ihm hob wütend den Colt zum Schlag. Peacock winkte ab. Seine glitzernden Augen hefteten sich auf Lon. „Er ist der gleiche alte, verkalkte Narr wie der Doc. Du wirst seinetwegen reden, Jayson.“

„Den Teufel wirst du, Boss!“, krächzte Old Nick. Sein Adamsapfel hüpfte wild.

„Wo ist Chester?“, fragte Peacock krächzend.

„Oben in der Black Range.“

„Wissen wir. Das ist keine Antwort. Ich will sein Versteck erfahren, und zwar schnell.“

Lon schwieg.

„Chuck!“, schnaubte Peacock.

Der Coltlauf des Bärtigen sauste herab. Drury stieß einen gurgelnden Schrei aus. Er wurde halb herumgewirbelt, stieß gegen das Archivregal und rutschte ächzend an ihm nieder. Chucks Tritte klopften zu ihm hinüber. Chuck bückte sich, um den Oldtimer am Kragen hochzuziehen. Im selben Augenblick stürzte sich Lon wie ein Tiger auf Peacock. Mit einem Hieb, in dem sich seine ganze Erbitterung entlud, fegte er den Vormann über den Tisch. Das ging so wild und schnell, dass Peacock nicht einmal mehr den Colt aus dem Holster brachte. Dann hörte Lon Broncs fluchende Stimme direkt hinter sich. Im Herumzucken duckte sich der Zeitungsmann. Broncs Schwinger wischte über ihn weg. Die Wucht riss den Bulligen vorwärts. Er prallte gegen Lon. Dieser rammte ihm die Faust in den Leib, dass jeder andere zusammengeklappt wäre. Bronc taumelte nur einen Schritt zurück. Doch Lon war nicht mehr zu stoppen, setzte nach und traf ihn wieder. Bronc prallte gegen die Bretterwand. Er starrte Lon glasig an.

Ein Schuss füllte den Raum mit ohrenbetäubendem Knall. Lon spürte den heißen Luftzug an der Wange. Das brachte ihn zur Besinnung. Seine Faust sank herab. Hinterm Schreibtisch stand Jack Peacock mit dem qualmenden Colt in der Faust. Drüben beim Regal hielt Chuck ebenfalls seinen Sechsschüssigen auf Lon gerichtet. Drury lag bewusstlos zu seinen Füßen.

„Vorwärts, Bronc!“, sagte Peacock kalt.

Der Hüne grinste Lon gehässig an. Dann stieß er sich von der Wand ab und schlug zu. Es war wie ein Huftritt, der Lon quer durchs Zimmer trieb. Wie durch wallende Nebel entdeckte er nur einen Schritt neben sich den Gewehrrechen mit der Winchester und der Parkerflinte. Aber da war auch Peacocks Vierundvierziger, der schon wieder auf ihn deutete. Durch seine Benommenheit hörte Lon das metallische Knacken des Hammers unter Peacocks Daumen.

„Weiter, Bronc!“ Die massige Gestalt von Bronc verdeckte den Blick auf Peacock. Das verrückte raue Auflachen des Hünen, das Lon noch nie hatte ausstehen können, schmerzte in seinen Ohren. Dann traf ihn Bronc mit einem mörderischen Schlaghagel, der Lon gegen die Wand presste. Die Luft blieb ihm weg. Er versuchte die Hiebe zu blockieren. Aber Broncs Fäuste waren wie Schmiedehämmer, gegen die es keine Chance gab. Lon sackte auf die Knie, und Bronc stieß ihm das Knie ins Gesicht, dass Lon auf die Seite kippte. Ein Blutstrom sickerte ihm aus der Nase, Sein Gesicht brannte. Er fand nicht mehr die Kraft, sich aufzurichten.

„Wo ist Chester?“, fragte Peacock schräg über ihm.

Lon hob mühsam den Kopf. Er sah alles wie in einem Zerrspiegel. „Such ihn doch, du Mörder!“

„Er hat noch immer nicht genug, Bronc. Bring ihn zum Reden!“

Bronc trat den Niedergeschlagenen in die Seite, dass Lon ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte. „Antworte gefälligst!“

Lon versuchte, sich über die Bretter von Bronc wegzurollen. Aber da versperrten ihm Chucks staubbedeckte Stiefel den Weg. Große messerscharfe Radsporen hoben sich langsam über Lons schweißnasses, zerschundenes Gesicht. „Wo ist Chester?“

„Genug! Lasst ihn in Ruhe! Peacock, die erste Kugel trifft sonst Sie!“ Es war eine ferne helle Stimme wie aus einem Traum. Die Sporen verschwanden. Lon wandte mühselig das Gesicht. Neben der offenen Tür stand Mary Wynn. Ihr hochgestecktes Haar flammte im Lampenschein. Eine Kette glitzerte an ihrem schlanken weißen Hals. Um die weichgerundeten Schultern hatte sie einen fransenbesetzten Schal geworfen. Sie schien besser in einen Salon in St. Louis oder New Orleans zu passen, als ausgerechnet hierher, wo alles Gewalt und Brutalität atmete. Der alte Patterson Colt wirkte fremd und klobig in ihren Händen.

Peacocks dunkle Augen wurden schlangenhaft starr. „Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen, Mary.“

Bronc lachte hässlich. „Vielleicht sollten wir sie nach Chesters Schlupfwinkel fragen, Jack.“

Der Patterson spie brüllend einen Feuerstrahl. Bronc sprang fluchend zurück, als die Kugel vor seinen Stiefelspitzen in den Boden schmetterte. „Verschwindet!“, befahl die Frau herb. Ihr Gesicht sah aus wie aus weißem Marmor gemeißelt.

Details

Seiten
135
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940701
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v703992
Schlagworte
silverhill teufel

Autor

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Titel: Der Teufel von Silverhill