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Sieben glorreiche Western #18 - Mai 2020

2020 879 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Von Jasper P. Morgan, R.S. Stone und Wilfried A. Hary

Die Lady muss fliehen

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Prolog

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Die Wut eines Grizzly

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DIE RACHE EINER FRAU

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Der Autor:

Nachwort:

John Steins Rache

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Blutrache in Ghost Town City

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Sieben glorreiche Western #18 - Mai 2020

Von Jasper P. Morgan, R.S. Stone und Wilfried A. Hary

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Western:

 

Jasper P. Morgan: Die Lady muss fliehen

Jasper P. Morgan: Die Wut eines Grizzley

Jasper P.Morgan: Die Rache einer Frau

Wilfried A. Hary: John Steins Rache

Wilfried A. Hary: Blutrche in Ghosttown City

R.S.Stone: Die Flussbanditen am Brazos

R.S.Stone: Die Stunde des Texas Rangers

 

Seit langem haben Cal Hayes und sein Freund Vilkox ihr zu Hause in den Bergen. Jeder von ihnen wohnt in einer Blockhütte und der eigentliche Herr der Berge duldet sie in seinem Revier. Aber dann kommen Männer, die nichts Gutes im Sinn haben. Sie töten die beiden Freunde und als sie dem Grizzly begegnen, schießen sie auch auf ihn. Das riesige Tier wird verletzt und der Schmerz macht es wütend. In Zukunft wird es niemanden mehr in seinen Bergen dulden.

 

 

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Die Lady muss fliehen

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Eine hübsche Lady aus dem Osten muss fliehen. Als Mann verkleidet schlägt sie sich tapfer bis in den Westen durch. Doch immer wieder wird sie von kaltblütigen Männern aufgespürt, die sie ausliefern wollen. Nur knapp kann sie Dank des beherzten Einsatzes eines mutigen Cowboys erneut entkommen. Überwältigt von ihrer Erscheinung, entschließt sich der Cowboy, der attraktiven Frau zu helfen und folgt ihrer Fährte. Wird er den Männern zuvorkommen können?

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Prolog

Sie hetzte durch den Wald, stolperte, schlug lang hin. Raffte sich auf, wankte weiter. Der dumpfe Herzschlag dröhnte in ihren Ohren. Ihre Brust hob und senkte sich in keuchenden, schmerzhaften Atemzügen.

Der Boden wurde rauer, stieg steil an. Von zahlreichen Unwettern abgerissene Äste und zersplitterte Baumstämme bildeten schier unüberwindliche Barrieren. Ihr Fuß verfing sich in einer Astgabel. Sie schrie, als sie strauchelte und hart zu Boden schlug. Auf allen Vieren kroch sie den Abhang empor und gelangte auf eine Lichtung. Hier war alles still bis auf ihr Keuchen. Zu still! Sie tastete nach dem Revolver, der in ihrem Hosenbund steckte.

»Nur zu! Ziehen Sie die Kanone, Lady!«, sagte eine kalte Stimme und eine Winchester wurde durchgeladen...

 

 

1

Schaum troff vom Maul des Pferdes. Das Fell war schweißglänzend. Die mächtige Brust hob sich unter pfeifenden Atemzügen. Das Tier war am Ende seiner Kraft.

Eine schmale Hand tätschelte den feuchten Hals des Pferdes. »Es ist nicht mehr weit«, raunte eine sanfte Stimme. »Gleich hast du es geschafft.«

Das Tier nahm noch mal alle Kraft zusammen und flog in gestrecktem Galopp die Anhöhe hinauf.

Weit voraus waren die Häuser einer Ansiedlung oder Stadt zu erkennen. Das Band einer staubigen, ausgefahrenen Straße wand sich durch die Senke und die anschließende Ebene. Ausgedehnte Grasflächen mit vereinzelten Baum- und Buschgruppen begrenzten den Fahrweg.

Zwischen den dicht stehenden Bäumen schimmerte es bläulich. Dort zog sich entweder ein Bachlauf dahin oder ein Teich lag hinter den Bäumen verborgen.

Erst jagte das Pferd der Stadt zu, doch dann wurden die Zügel herumgerissen und das Tier galoppierte über den weichen Grasboden. Mehr als einmal verfehlten die trommelnden Hufe nur knapp einen Erdhörnchenbau. Hier einzubrechen hätte verheerende Folgen gehabt.

Birkenbäume und vereinzelte Pinien bildeten einen schmalen Hain, dem sich Pferd und Reiter rasend schnell näherten. Deutlich war nun die schimmernde Wasserfläche zwischen den Stämmen zu erkennen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung sprang der Reiter aus dem Sattel und führte das Pferd zum Ufer des Baches. Das Tier trank in langen Zügen. Anschließend trottete es zur Seite, um mit zitternden Flanken neben einem Busch stehen zu bleiben und an den zarten Knospen zu knabbern.

Die schmale Gestalt des Reiters wurde von Kleidungsstücken umhüllt, die etliche Nummern zu groß waren. Eine speckige dicke Cordjacke, darunter ein kariertes Baumwollhemd, eine ebenfalls fleckige und an mehreren Stellen geflickte Hose, die von einem breiten Gürtel gehalten wurde, und Schaftstiefel, deren Absätze schief gelaufen waren, ließen den Reiter wie einen Satteltramp erscheinen. Der verbeulte, von zahllosen Schweißflecken gezeichnete Hut verbarg die Haare und einen großen Teil des schmalen bleichen Gesichts.

Der Reiter kniete nieder und schöpfte sich Wasser an den Mund. Nachdem der Durst gestillt war, blickte er in die Ferne, in der sich die dunkle Häuserfront der Ortschaft abzeichnete, schaute sich dann nach allen Seiten um und schien einen Entschluss zu fassen. Er streifte die schwere Jacke ab, schob die Hosen über die Hüften und knöpfte das viel zu große Hemd auf.

Darunter kam der makellose Körper einer jungen Frau zum Vorschein!

Nackt, nur mit dem Hut auf dem Kopf, betrat sie zögernd das Wasser. Ein Seufzer kam über ihre Lippen, als das kühle, glucksende Nass ihre Beine umspülte. Bis zu den Hüften senkte sich der nackte Körper in den Bach.

»Verdammt will ich sein, wenn das nicht das lieblichste Wesen ist, das mir seit Wochen vor die Augen gekommen ist!«

Ein lautes Klatschen folgte auf die Worte. »Untersteh dich, Phineas Hancock, und werfe dieser Person auch nur noch einen weiteren Blick zu! Zumindest nicht, solange sie dir ihren bloßen Hintern entgegenstreckt!«

»Es ist doch nicht meine Schuld, dass wir sie beim Baden überrascht haben!«

Wieder ein Klatschen.

»Autsch! Wofür war das denn?«

»Dafür, dass du Widerworte gibst!«

Knarrend rollte ein bunt bemalter Kastenwagen ans Ufer. Auf dem Bock saßen zwei Gestalten, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten.

Phineas Hancock war ein Klappergestell von einem Mann, das aussah, als sei es Gevatter Tods Stellvertreter auf Erden. Um die von magerem Fleisch und runzliger Haut bedeckten Knochen und Sehnen flatterte ein dreiteiliger Anzug, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Der ausgeprägte Adamsapfel in dem dürren Hals hüpfte aufgeregt. Sein Gesicht war schmal, die Nase lang und spitz, die Stirn permanent in Falten gelegt. Ein dunkler Homburg thronte auf wirrem, von grauen Strähnen durchzogenen Haar.

Hancocks bessere Hälfte Amelia überragte ihn um mehr als Haupteslänge. Sie war auch doppelt so breit wie er, dabei aber nicht dick. Ihre ausladenden Brüste drohten das Mieder zu sprengen. Sie trug ein mit Spitze verziertes, tief ausgeschnittenes dunkles Kleid und einen mit etlichen Federbüschen besetzten, breitkrempigen Hut. Dichtes rotblondes Haar quoll darunter hervor und fiel bis auf die Schultern.

Ächzend und stöhnend schickte sich Phineas an, vom Bock zu klettern. Doch mitten in der Bewegung hielt er inne, als ein scharfer Ruf ihn stoppte.

»Verschwinden Sie! Sie können hier nicht bleiben!«

»Was fällt Ihnen ein?«, donnerte Amelias Stimme zurück. »Hier am See ist genug Platz für uns alle, deshalb bleiben wir hier.«

»Das werden Sie nicht tun!«

Amelia riss Phineas die Zügel aus der Hand und wickelte sie um den Bremshebel. »Das werden wir ja sehen.« Die voluminöse Frau kletterte behände vom Gefährt und stapfte zum Ufer. Als sie sah, dass der Hagere ihr folgte, wandte sie sich um und ließ ihre Pranke in sein Gesicht klatschen.

»Was hast du vor? Kümmere dich um das Pferd. Und lass die Mädchen raus.«

Phineas wieselte zum Wagen, schaute aber immer wieder über die Schulter zurück.

Amelia wandte sich wieder dem Bach zu, wo immer noch der mit einem verschwitzten Hut bedeckte Kopf auf der Wasserfläche zu tanzen schienen. »Nun stellen Sie sich nicht so an! Raus aus dem Wasser!«

»Würden Sie sich wenigstens umdrehen?«

»Vor mir brauchen Sie sich nicht zu zieren. Ich habe schon mehr nackte Mädchen gesehen, als Sie sich vorstellen können.«

Endlich erhob sich die Gestalt der jungen Frau aus dem Wasser. Wie eine Nixe tauchte sie aus den Fluten auf und watete zum Ufer.

Wassertropfen perlten auf festen runden Brüsten. Die dunklen Brustwarzen waren durch das kühle Nass hart geworden. Die zarte Haut der Aureolen hatte sich zusammengezogen.

Amelias Blick glitt über die sanften Rundungen der Hüften, über den flachen Bauch und das dichte dunkelbraune Dreieck der Schamhaare zwischen den Schenkeln.

Die Beine des Mädchens waren lang und wohl geformt.

Amelias Hand schoss vor und fegte dem Mädchen den Hut vom Kopf. Langes brünettes Haar ergoss sich über die schmalen Schultern.

»Du bist eine Augenweide, Mädchen!«

Die junge Frau raffte hastig ihre Kleidungsstücke auf und bedeckte ihre Blößen.

»Aber was sind denn das für Lumpen«, fuhr Amelia fort. »Die passen nun wirklich nicht zu dir, Kind!«

Phineas hatte sich unterdessen an der Tür des Wagens zu schaffen gemacht. Nun sprangen vier Mädchen heraus und warfen der nackten Lady neugierige Blicke zu.

»Steht nicht dumm rum, Girls! Sucht in den Truhen, ob ihr etwas Passendes zum Anziehen für unsere neue Bekanntschaft findet!«, befahl Amelia.

Wenig später schlüpfte die Nackte in ein Kleid, das ihre Figur hervorragend zur Geltung brachte. Amelia beobachtete sie, wie sie die Aufschrift auf dem Wagen las.

Phineas Hancocks Theater des Lebens, stand in großen verschnörkelten Lettern auf den Wagen gemalt. Darunter der Zusatz: Wahre Geschichten. Lachen Sie und weinen Sie mit uns!

Die Mädchen hatten bereits Feuerholz gesammelt, Wasser in einem Kessel geholt und ein Gestell aufgebaut. Der Kessel wurde über die Flammen gehängt.

Phineas lüftete den Homburg und stellte sich mit einer tausendmal geübten Verbeugung vor, während die Girls seiner Truppe geschäftig durcheinanderliefen. »Ungemein erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Das sind Gilda, Mina, Loma und Hannah. Meine reizende Gattin Amelia kennen Sie ja bereits. Ich muss sagen, Sie würden ausgezeichnet zu unserer Truppe passen. Ein richtiges Zugpferdchen, nicht wahr, Teuerste?«

Die Lady aus dem Bach winkte ab. »Bedaure, ich habe andere Pläne.«

Man ließ sich am Feuer nieder. Im Topf brodelte eine aromatische Suppe und Kaffee brodelte in einer Blechkanne. Heißhungrig löffelte die einsame Reiterin ihre Suppe.

»Verraten Sie uns, wie Sie heißen, Kind?«

»Nora. Nora Manning. Ich bin aus dem Osten«, antwortete die Lady ohne zu überlegen.

»Phineas hat selten Recht, aber diesmal schon. Sie passen ausgezeichnet zu unserer Truppe. Nora ist ein wunderbarer Name. Was haben Sie denn jetzt vor?«

»Ich will weiter in den Westen. Vielleicht auch in den Norden. Kann ich noch nicht genau sagen.«

»Nun, ich fürchte, Ihr Weg ist erstmal zu Ende.«

Nora runzelte die Stirn. »Wie soll ich das verstehen?«

»Sie werden uns begleiten. Jemand wie Sie hat in meinem Ensemble längst gefehlt.«

»Sie verstehen mich nicht, Amelia. Ich muss weiter!«

»Oh, ich verstehe sehr gut. Nur habe ich, glaube ich, die besseren Argumente.«

Fassungslos betrachtete Nora den Revolver, den Amelia unter den Falten ihrer Röcke hervorgezaubert hatte und mit dem sie wie unabsichtlich spielte.

Dabei zeigte die Mündung der Waffe auf Nora...

 

 

2

Der Schankraum war zum Bersten gefüllt.

Am Tresen drängten sich die Männer. Die meisten von ihnen waren nach Art der Cowboys gekleidet und tranken Bier.

An zwei mit grünem Samt bezogenen Tischen wurde gepokert. Es waren meist Rancher, die einen Einsatz wagten. Die Cowboys verloren ihr Geld lieber beim Glücksrad, das von einer zierlichen, schwarzgelockten und grellgeschminkten Glücksfee bedient wurde.

Niemand schenkte den beiden Männern, die den Cattle Queen Saloon betraten, besondere Aufmerksamkeit. Sie fielen unter den Anwesenden kaum auf.

Beide trugen Levishosen, karierte Hemden und breite Halstücher. Der größere der beiden Neuankömmlinge hatte einen hochkronigen Stetson tief in die Stirn gezogen. Lederhandschuhe waren hinter den patronengespickten Revolvergurt geklemmt worden.

Er strich sich über das Stoppelkinn. Der Trubel missfiel ihm. Er schätzte es nicht besonders, wenn zu viele Männer auf einem Haufen waren.

Auf einer Ranch oder beim Herdentrieb war das gerade noch erträglich. Wenn einem die Gesellschaft der anderen auf die Nerven ging, fand man immer einen Winkel, in dem man mit sich und seinen Gedanken allein sein konnte.

Hier war das nicht möglich. Außer, man verließ den Saloon. Aber wer wollte das schon, zumal er ihn gerade erst betreten hatte.

Case Christmas bestimmt nicht.

Der kleine krummbeinige Cowboy mit dem seltsamen Namen strahlte über das ganze Gesicht. Er war bestimmt keine Schönheit. Der Mund war zu breit, die Zähne standen zu weit auseinander, die Nase war krumm, das Kinn vorgereckt und die Augen klein und listig. Aber irgendwie übte er eine besondere Anziehungskraft auf die holde Weiblichkeit aus. Das merkte man schon daran, dass die Glücksfee bei seinem Anblick völlig vergaß, ihrer Pflicht nachzukommen.

Sie starrte Case unentwegt an und erst die fordernden Rufe der Spieler holten sie in die Wirklichkeit zurück.

Der große Cowboy neben Case suchte sich ein Plätzchen an der Bar. Er lockerte sein Halstuch und winkte dem Keeper.

»Lane?«

»Hm?«

»Hast du was dagegen, wenn ich dich allein lasse?«

»Geh nur.«

»Macht es dir auch wirklich nichts aus?«

»Nein, amüsier dich ruhig. Du weißt ja, wo du mich findest.«

»Hier am Tresen oder drüben im Stall?«

»Richtig.«

»Also, ich kapier das nicht, Lane. Hier hast du doch alles, was dein Herz begehrt. Warum schnappst du dir nicht eines dieser entzückenden Girls und zeigst ihm mal, was ein richtiger Mann ist?«

»Das überlasse ich dir, C.C.«

»Es kommt noch viel besser, Mister. Wartet, bis die Schauspielerinnen auftreten!«, mischte sich ein Mann am Schanktisch ein.

Case bekam große Augen. »Da haben wir uns ja den richtigen Abend ausgesucht. Hast du gehört, Lane? Wir kommen in den Genuss eines Spektakels. Ich werde mich nachher gleich mal umsehen, wo die Garderoben der Mädchen sind...«

Er klopfte sich den Staub aus der Kleidung.

Ein Kerl, dem der krummbeinige Cowboy gerade mal an die Brust reichte, hustete und wandte angewidert den Kopf ab. »Verflucht, Mister, musst du uns hier mit deinem stinkigen Präriestaub einnebeln? Verschwinde nach draußen und komm erst wieder rein, wenn du sauber bist!«

C.C. richtete sich zu seiner vollen Körpergröße auf, hob sich auf die Zehenspitzen und stemmte die Fäuste in die Seite. »Hast du was an mir auszusetzen, Mister? Willst du dich mit mir anlegen? Suchst du Streit? Dann solltest du es dir lieber noch mal überlegen. Du sprichst mit Case Christmas, dem Puma der Prärie. Ich zerreiße dich in der Luft in sämtliche Einzelteile und setze dich wieder zusammen, bevor du überhaupt merkst, was mit dir geschieht.«

Der große Bursche blinzelte. Ein breites Grienen lag auf seiner Schlägervisage. »Christmas? Sieht ganz danach aus, als unterhalte ich mich mit einem waschechten Weihnachtsmann.«

Grölendes Gelächter antwortete ihm.

»Was ich überhaupt nicht ausstehen kann, Mister, ist, wenn sich jemand über meinen Namen lustig macht!«

»Und was willst du dagegen tun, du halbe Portion?«

C.C. hob die Schultern, drehte sich von dem Burschen ab und gab sich unbeteiligt. Sein Absatz aber rammte im nächsten Moment auf die Zehen des großen Kerls.

Man hätte in C.C.s ausgemergelten Körper kaum eine solche Kraft vermutet. Dem großen Burschen traten die Tränen in die Augen.

Ehe er den gepeinigten Fuß anheben konnte, traf ihn ein schmerzhafter Tritt dicht unter dem Knie. Er jaulte und wollte C.C. mit einem wuchtigen Schwinger von den Beinen holen, doch da war niemand mehr.

C.C. war unter den Armen des Gegners weggetaucht, richtete sich nun auf, hämmerte seinen Schädel mit aller Wucht gegen den Kehlkopf des Muskelpakets. Als der Stänkerer verzweifelt nach Atem rang, bohrte sich ein Revolverlauf zwischen seine Zähne.

»Noch Fragen, Sonny?«, wollte C.C. mit süffisantem Lächeln wissen.

Einige Freunde des lädierten Schlägers fingerten an ihren Schießeisen herum, aber ein wohl bekanntes Klicken brachte sie auf andere Gedanken.

»Mein Partner hier kommt verdammt gut allein zurecht«, meinte Lane Briggs leise. »Solange die Chancen gerecht verteilt sind. Und für den Fall, dass sie das nicht sind, hat er mich.«

Sie starrten auf den 44er Colt, den Briggs locker in der Hand hielt. Der Cowboy wartete, bis die Umstehenden ihre Hände von den Revolvern genommen hatten, legte den Colt vor sich auf den Tresen und ergriff sein Bierglas.

»Ich fürchte, der Weihnachtsmann hat heute keine Lust, Geschenke zu verteilen, Sonny«, meinte C.C. und ließ seinen Revolver verschwinden. »Solltest dankbar dafür sein.«

C.C. klopfte sich den restlichen Staub aus der Hose und bahnte sich einen Weg zum Glücksrad, wo ihn die schwarzhaarige Schöne mit strahlendem Lächeln erwartete.

Lane kümmerte sich nicht weiter um seinen Sattelpartner. Der Kleine hatte sich lange Zeit allein durchgeschlagen, meist im Rahmen des Gesetzes, manchmal aber auch etwas außerhalb, bis er Lane über den Weg gelaufen war.

Damals hatte er nicht nur die liebenswürdigen Bürger einer kleinen Stadt beklaut und des Bürgermeisters Töchterlein verführt. Als man C.C. des Diebstahls und der Unzucht beschuldigt hatte, war er in die Berge geflohen. Die Verfolger hatten bald seine Spur verloren, doch Lane hatte ihn aufgestöbert.

Das war vor sechs Jahren gewesen und seitdem waren sie zusammen. C.C. hatte keine krummen Dinger mehr gedreht. Dafür hatte Lane gesorgt. Irgendwie war ihm C.C. ans Herz gewachsen. Er fühlte sich für ihn verantwortlich.

C.C. hatte es nicht leicht gehabt. Er war ein Findelkind. Am Weihnachtsabend hatte man ihn vor einem Waisenhaus ausgesetzt. In einem Brief war erklärt worden, dass seine Mutter gestorben war und der Vater nicht genug Geld hatte, ihn zu ernähren.

Für Case Christmas hatte das Leben seither nur aus Kampf bestanden.

Bis er sich Lane Briggs angeschlossen hatte.

Lane selbst war ebenfalls vom Leben enttäuscht worden. Er hatte den falschen Frauen und danach falschen Freunden vertraut. Die kleine Ranch, die er sich mühsam erarbeitet und aufgebaut hatte, war nur noch ein Trümmerhaufen. Er hatte das Land, seine Liebe und das Vertrauen in die Menschen verloren. Seitdem ritt er ziellos durch den Westen. Er hatte schon viele Jobs gehabt, hatte auch schon den Stern getragen und verdingte sich meist auf größeren Ranches als Cowboy.

»Werte Gentlemen, geschätztes Publikum. Es ist so weit. Miss Amelia und ihre Freundinnen freuen sich, Ihnen einen unvergesslichen Abend zu bereiten!«

Die Stimme riss Lane aus seinen Gedanken. Er blickte erwartungsvoll zu der Bühne, die noch von einem roten Samtvorhang verborgen wurde.

Der Mann, der die Mädchen angekündigt hatte, war verschwunden. Und eben verdrückte sich auch C.C., bei dem sich die Glücksfee untergehakt hatte. Während der Show war am Glücksrad nichts zu tun.

Da konnte man sich ein paar Dollar nebenher verdienen. Es gab immer Männer, die an den Shows wenig Interesse zeigten.

Der Vorhang öffnete sich.

Es war düster im Schankraum. Nur die Bühne wurde beleuchtet. Dumpfe Musik ertönte. Traurige Klänge, die der Klavierspieler seinem Instrument entlockte und die an das Dröhnen von Glocken erinnerte.

Auf der Bühne spielte sich ein Drama ab. Der hagere Phineas Hancock gab eine glanzvolle Leistung als düsterer Totengräber, der ungerührt die trauernde Witwe beobachtete und alles daransetzte, sie zu umgarnen, kaum dass ihr geliebter Gatte unter der Erde war.

Die Zuschauer konnten dem Spiel wenig abgewinnen. Für sie zählte nur der Anblick der Ladys, die in ihren tief ausgeschnittenen und geschlitzten Flitterkleidern ihre Wirkung auf das Publikum nicht verfehlten.

Ein Schatten schob sich an Lane heran und hüpfte vor ihm auf und ab. »Hast du mal zwei Dollar für mich?«

»Schhh!«

»Nur zwei Dollar, Partner...«

»Halt die Klappe, Weihnachtsmann!«

»Kriegst es vom nächsten Monatslohn wieder, Lane! Versprochen!«

Seufzend fischte Lane die Münzen aus der Hosentasche.

C.C.s Grienen wurde noch breiter. Er verschwand fast lautlos im düsteren Zwielicht des Raumes.

Anhaltender Beifall und Jubel brandeten auf. Die Darsteller verneigten sich. Phineas Hancock war in seinem Element.

Er kündigte eine Gesangsnummer an. Es war ein schlüpfriges Lied, das die Cowboys mit Gelächter und Gejohle begleiteten.

Lane wollte sich wieder seinem Bier zuwenden, als er stockte. Im Hintergrund der Bühne hatte er ein bildschönes Gesicht entdeckt. Im Gegensatz zu den anderen Girls der Truppe war dieses Mädchen nicht geschminkt. Es hatte eine natürliche Schönheit, die Lane sofort gefangennahm. Und diesmal war er es, der auf den Gedanken kam, nach den Garderoben der Mädchen zu suchen...

Selten war Lane einer Frau begegnet, deren Anblick ihn derart in seinen Bann schlug. Er hielt nicht viel von Frauen, nachdem er mehrmals böse enttäuscht worden war. Aber dieses Mädchen hatte etwas, das ihn nicht mehr losließ.

Wie gebannt hing sein Blick an dieser braungelockten Schönheit. Auch anderen Cowboys schien sie aufgefallen zu sein, denn jedes Mal wenn sie in den Vordergrund trat, wurde sie mit frenetischem Beifall bedacht.

Nach der nächsten Gesangs- und Tanznummer mischten sich drei Mädchen unter das Publikum. Amelia und zwei andere Girls spielten mit Phineas eine Liebesszene.

Lane nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier, während er die brünette Schauspielerin mit seinen Blicken verschlang.

Sie stockte mitten im Satz. Das Lächeln, das eben noch auf ihrem Gesicht gelegen hatte, war wie weggewischt. Sie erstarrte.

Lane folgte ihrem Blick, den sie auf eine bestimmte Person im Saal gerichtet hatte. Ihre Augen erinnerten Lane an die einer gejagten Antilope. Augen voller Angst und Verzweiflung.

Er entdeckte den schwarz gekleideten Mann, der in der Nähe der Schwingtüren stand. Der Bursche war groß und muskulös. Er trug schwarze Handschuhe, wie Männer vom schnellen Eisen sie zu tragen pflegten.

Und seine beiden Colts waren sehr tief geschnallt...

Gerade fingerte er nach einer Waffe, als Lane eine blitzschnelle Entscheidung traf.

Mit drei, vier großen Schritten stand er in der Nähe des Revolvermannes, der den Eindruck machte, als würde er auf diese wunderbare Frau schießen wollen...

»Vorsicht!«, brüllte Lane in den Saal. Ein Cowboy, der neben ihm stand, wirbelte herum und bekam Lanes gewaltigen Schwinger zu spüren, der ihn nach hinten schleuderte.

Genau auf den dunklen Schießer zu!

Der Revolvermann zuckte ebenfalls zusammen. Aber er wollte die Verwirrung nach dem Warnschrei nutzen. Er hob die Waffe und zielte sorgfältig.

Doch er verriss den Schuss, als der Cowboy gegen ihn prallte. Beide Männer wurden zum Fenster getrieben.

Der Cowboy stützte sich an dem Schießer ab, schaute ihm in die Augen und sah die behandschuhte Faust nach vorn zucken. Sie hielt noch den Revolver umklammert. Die schwere Waffe sollte ihn mitten ins Gesicht treffen.

Der Rindermann reagierte instinktiv, ging auf die Knie, entging dem gemeinen Hieb und teilte seinerseits aus.

Der Schießer knallte gegen die Fensterscheibe und zersplitterte sie.

Nach dem Schuss herrschte unglaublicher Tumult. Die Saloongirls kreischten. Die meisten Gäste suchten den Mann, der es gewagt hatte, die Vorstellung zu stören. Aber der war schon in einem Scherbenregen auf dem Vorbau gelandet.

Dafür entdeckte man den Cowboy, der ihn dorthin befördert hatte. Er stand grinsend vor dem Fenster, rieb sich die Hände und schaute in die Runde. »Es kann weitergehen, Jungs!«, rief er – und bekam als Dank einen Hieb mitten ins Gesicht.

Im Nu war die schönste Keilerei im Gange, bei der auch Phineas und Amelia Hancock kräftig mitmischten, um ihren Mädchen den Weg zur Bühne freizuhalten.

Lane Briggs hatte sich aus der Schlägerei heraushalten können und war der schönen Schauspielerin hinter die Bühne gefolgt. Er sah sie vor sich in einem engen dunklen Korridor verschwinden.

»Warten Sie!«, rief er und folgte ihr eilig. Ihr bleiches Gesicht hob sich von der Dunkelheit ab und wirkte noch schöner als auf der Bühne. Sie entzog sich seinen Blicken und huschte um eine Ecke.

Lane beschleunigte seine Schritte. Er fand eine andere Abzweigung, eilte durch zwei Zimmer, die bestenfalls als Ankleide dienten, und stand vor der verängstigten Schönen, als sie ihre Garderobe betreten wollte.

Sie schrie gellend auf, als er so unvermittelt vor ihr erschien.

»Bleiben Sie ruhig, ich will doch nur mit Ihnen...«

Ein harter Hieb traf ihn im Nacken.

Das schöne Gesicht verschwamm vor seinen Augen. Stechender Schmerz raste durch seinen Schädel. Er wankte zur Seite, brach in die Knie. Er schüttelte den Kopf, um einen klaren Blick zu bekommen.

»Lauf!«, zischte eine Stimme. »Lauf, mein Kind. Nimm dir ein Pferd im Mietstall. Ich bezahle später.«

Lane sah, wie das Mädchen hastig einige Kleidungsstücke zusammenraffte. Einen kurzen Moment lang trafen sich ihre Blicke.

Dann entdeckte Lane den dunklen Fremden und hörte das Girl schreien. Ein Schuss krachte. Das Mädchen musste an einen Revolver gekommen sein und feuerte auf den unheimlichen Verfolger!

Lane stieß den hageren Phineas, der ihn niedergeschlagen hatte, zur Seite. Grellgelbe Mündungslichter stachen von dem dunklen Stranger zu ihnen herüber. Dort wo der Mime eben noch gestanden war, fegte heißes Blei vorüber.

Phineas umarmte einen Kleiderständer und riss ihn zu Boden.

Lane erwiderte das Feuer des schwarzen Schießers. Er jagte die Kugeln aus dem .44er und folgte dem Revolvermann nach draußen.

Weder von dem Girl noch von dem Killer war etwas zu sehen.

Lane kamen die Worte des Hageren in den Sinn. Er überquerte die Straße, um zum Mietstall zu gelangen, als ihn ein sechster Sinn herumwirbeln und zur Waffe greifen ließ.

Im grellen Zucken des Mündungsfeuers fiel Lane Briggs zur Seite...

 

 

3

»Oh, C.C., du bist wunderbar!«

Sie kniete auf dem Boden vor dem breiten Bett. Er saß nach Indianerart mit verschränkten Beinen vor ihr. Beide waren nackt.

C.C. hatte von ihrem prächtigen Körper nicht genug bekommen können. Ihre Brüste waren voll und rund. Die großen Brustwarzen wirkten wie Knospen. C.C. hatte sich kaum beherrschen können. Zu lange hatte er keine Frau mehr gehabt. Er konnte sich nur schwer vorstellen, wie Lane das aushielt. Sie beide waren doch keine Mönche, die den fleischlichen Freuden entsagten.

Sie hieß Sally und war jeden Cent der beiden Dollars wert. Sie half ihm aus den Kleidern und wich überrascht zurück, als ihr die vor Verlangen zuckende Männlichkeit des kleinen Cowboys entgegenschwang.

»Mein lieber Weihnachtsmann, mit deiner Rute kannst du dich aber bei allen braven Mädchen sehen lassen!«

»Und ich bringe ihnen damit viel Freude«, pflichtete C.C. bei. »Jetzt kümmere dich um den Knüppel. Er ist schon ganz ungeduldig.«

Sally nahm sich des Freudenspenders an. Ihre Lippen schlossen sich um den Schaft, die Zunge spielte mit ihm und in Windeseile war C.C.s bestes Stück zu voller Größe angewachsen. Das Blut pulsierte durch seine Lenden. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Dieser schwarz gelockte Engel war direkt vom Himmel gesandt!

C.C. vergrub seine Finger in ihrem seidenweichen Haar, passte sich den Bewegungen ihres Kopfes an. Er stieß tief in sie.

Dann entzog er sich ihr, streichelte die vollen Brüste, spielte mit den Nippeln. Sie stand vor ihm, war sogar etwas größer als er. Er vergrub seine Finger im dichten Busch ihrer pechschwarzen Scham, spürte die Feuchtigkeit darunter.

Sanft legte er sie auf das Bett, glitt über sie und begann die samtweiche Haut ihres Bauches und ihrer Schenkel zu küssen. Endlich hatte er die Pforte zum Paradies gefunden und stieß sie mit seiner Zunge auf.

Sie bockte wie eine Mustangstute. Er versuchte ihre wippenden, hüpfenden Brüste zu bändigen. Es gelang ihm nicht.

Endlich gewährte er ihr eine Verschnaufpause, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf das Bett und ließ sich wieder zu neuer Größe blasen. Es war, als würden alle Posaunenengel des Himmels ein Konzert geben.

Als er seine Säfte aufsteigen fühlte und sein Leib zu beben begann, unterbrach Sally ihre Liebkosungen.

»Du bist ja nicht nur am Glücksrad eine Wucht, Schätzchen«, murmelte C.C. heiser. »Wenn ich einen Weihnachtsengel brauche, wirst du ganz oben auf der Liste stehen.«

»Oh, C.C., ich liebe dich...«

Bestimmt sagst du das ein paarmal am Tag zu deinen Freiern. Ein Jammer ist das. »Dann beweis es mir.«

Sally legte sich vor ihn hin, und er bohrte sich bis zum Anschlag in sie hinein. Sie keuchte und stöhnte, umklammerte ihn mit den Beinen, wollte ihn noch tiefer in sich spüren.

C.C. gab sein Bestes. Er musste sich unwahrscheinlich beherrschen, um sich nicht zu schnell zu entladen. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht, tropfte von seinem Kinn.

Er rollte sich auf den Rücken und Sally setzte sich auf ihn. Rittlings schob sie sich über sein hartes Sattelhorn, nahm es ganz in sich auf, bewegte ihr Becken in kreisenden Bewegungen. Unter durchdringenden Ahs und Ohs ritt sie ihn dem lange ersehnten Höhepunkt entgegen.

C.C. sah über sich die prallen Halbkugeln ihrer Brüste, die wahre Freudentänze vollführten, je schneller und wilder Sally auf ihm herumhopste.

Und dann konnte er sich nicht mehr zurückhalten.

Sally hatte gespürt, dass C.C. kurz vor dem entscheidenden Augenblick stand. Sie beschleunigte ihren Ritt, beugte sich zurück, stützte sich auf seinen Knien ab. »Ja, C.C., gib mir alles, jetzt, komm, jaaaa!«

Und C.C. verströmte sich tief in ihr, während irgendetwas krachte, Glas splitterte und laute Schreie ertönten.

»Wow!«, meinte er. »Ich hab noch nie erlebt, dass ein Feuerwerk veranstaltet wurde, wenn es mir kam.«

»Das sind doch Schüsse, du Knallkopf! Unten im Saloon ballern ein paar Idioten herum!«

Die Knallerei ging C.C. durch Mark und Bein. Ein Gedanke setzte sich in seinem Hirn fest, der gleichzeitig die Sorge in ihm wachsen ließ. Wenn dort unten geschossen wurde, konnte Lane in Gefahr sein.

Er musste seinem Partner helfen!

»Tut mir Leid, mein Engel, aber der Weihnachtsmann hat dringende Geschäfte zu erledigen. Muss sozusagen mal nach dem Rechten sehen, damit die bösen Buben nicht über die Stränge schlagen.«

»Och, und wo bleibe ich?«

C.C. streichelte die Wange der Schwarzhaarigen, küsste sie auf die Brustwarzen und dann auf die Lippen. »Ich bin bald wieder bei dir.«

Sie schlang die Arme um ihn. »Wie wär`s, wenn du gar nicht erst gehst?«

C.C. ruderte verzweifelt mit den Armen, um sich aus ihrem Griff zu befreien. Dabei hatte er das eigentümliche Gefühl, dass er auf jeden Fall zu spät kommen würde...

 

 

4

Lane wirbelte durch die Luft, knallte in einen leeren Pferdetrog und blieb flach liegen.

Heiße Kugeln fegten dicht über seine Nasenspitze hinweg.

»Fünf und sechs«, zählte Lane leise mit, schwang sich aus dem Trog, fächerte seine Schüsse aus dem Colt und zog sich zum Mietstall zurück.

Er kreiselte herum als die Tür aufbrach und ein Pferd vor ihm aufsteilte. Er konnte sich zwar vor dem keilenden Hufen in Sicherheit bringen, aber das Tier rammte ihn an der Schulter und stieß ihn aus dem Weg.

Und rettete ihm das Leben, denn so entging Lane den Schüssen des schwarz gekleideten Killers, der immer noch in einer dunklen Gasse auf der anderen Straßenseite saß und seine Wut an Lane auslassen wollte.

Lane erkannte die Reiterin, die sich krampfhaft im Sattel hielt und zwei rasche Schüsse abfeuerte, die ihn nicht treffen, sondern nur zurückhalten sollten.

Im nächsten Moment war sie verschwunden. Aus der Gasse wurde ihr hinterher geschossen, ohne, dass man sie traf.

Lane hechtete durch die Tür des Stalles und rollte sich in eine dunkle Ecke.

Die schöne Schauspielerin war ihm zwar entkommen. Er würde jedoch ihre Spur aufnehmen. Falls sie sich noch in der Nähe befand, würde er sie aufstöbern.

Zunächst aber musste er diesem Mistkerl mit den schnellen Colts entgehen.

Der Kerl war mit allen Wassern gewaschen. Und er schien mächtig nachtragend zu sein.

Lane huschte aus seiner Deckung und zu den Boxen hinüber. Der Gegner hatte die Augen einer Katze, denn er feuerte sofort und schickte eine Salve zu Lane herüber. Die Kugeln fetzten in das Holz der Stalltür, sirrten in die dunkle Scheune.

Pferde wieherten schrill, schnaubten und keilten aus. Die Hufe knallten gegen die Boxenwände. Es herrschte ein unbeschreibliches Getöse.

Lane schob langsam das Stalltor zur Seite, zog einige Pferde aus den Boxen und hielt sich zwischen den nervösen Tieren. Mit einem heiseren Schrei trieb er sie an.

Sie zogen ihn mit sich und gaben ihm gleichzeitig Deckung.

Drüben blitzte es wieder auf. Eines der Pferde wurde von einer Kugel gestreift. Es steilte schrill wiehernd auf.

Lane verlor den Halt. Das Tier sauste die Main Street entlang.

Lane hielt sich krampfhaft an einem verwirrt umherirrenden Pferd fest, ließ unvermittelt los und rollte über die Straße. Er kam hoch und fächerte alle sechs Kugeln aus seinem Revolver in die dunkle Gasse hinein, rollte sich hinter den Pferdetrog und lud hastig nach.

Schüsse bellten. Lane knirschte mit den Zähnen. Dieser vermaledeite Bursche schien tatsächlich unverwundbar zu sein.

Er kam hoch, den .44er im Anschlag...

... und starrte in C.C.s grinsendes Gesicht.

Der kleine Cowboy stand mit rauchendem Revolver auf der anderen Seite des Troges.

»Hast du ihn erwischt?«

»Glaub nicht.«

Lane rannte zu der Gasse hinüber, benutzte eine Hausecke als Deckung und wagte sich geduckt in die Dunkelheit.

C.C. stand am Eingang der Gasse, den Revolver im Anschlag. »Komm lieber raus, Mister. Mit meinem Partner ist nicht gut Kirschen essen, wenn er mit den Zähnen knirscht. Und er hat gerade verflucht laut geknirscht!«, warnte er.

C.C. sah eine Bewegung im Dunkeln, rief den Schießer nochmal an und erhielt keine Antwort.

Als sich der Schatten wieder bewegte, feuerte C.C.

»Bei allen Teufeln, hast du dir dein bisschen Verstand restlos aus dem Schädel gevögelt? Und dafür bezahle ich auch noch zwei Dollar!«

»Kriegst sie ja wieder.«

»Da hab ich aber viel von, wenn du mich vorher abknallst!«

»Verzeihung.«

Missmutig kam Lane Briggs aus der Gasse. »Der Aasgeier ist ausgeflogen.«

»Wird sich schon noch mal sehen lassen«, meinte C.C. »Solche Kerle sind wie der Lehm aus den Palo Verde Mountains.«

»Was bitte hat Lehm mit diesem Kerl zu tun? Nee, will es gar nicht wissen...«

»Also, das ist so...«

C.C. kam nicht mehr zum Erklären, denn eine Gruppe Männer, angeführt von einem Town-Marshal und einem Deputy, eilten über die Straße.

Die Doppelläufe einer Schrotflinte richteten sich auf die beiden Cowboys, als sie zum Mietstall gehen wollten. »Wohin so eilig, Gentlemen?«

»Unsere Pferde holen, Marshal. Hier ist es uns zu ungemütlich. Abgesehen vielleicht von einem gewissen schwarzhaarigen Engel, der am Glücksrad dreht...«

»Ich weiß ein hübsches, gemütliches Quartier für euch, Boys. Da werdet ihr euch ganz bestimmt wohlfühlen.«

»Kein Bedarf.«

Die Hähne der Schrotspritze knackten. »Eine Schießerei, ein paar durchgebrannte Pferde, Sachbeschädigung, Ruhestörung... Wenn wir ein wenig warten, kommt gewiss noch was dazu. Dann wollen wir mal, meine Herren.«

»Ich kann das erklären«, meinte Lane lahm.

»Später.«

»Ich kann das auch erklären, Marshal«, sprang C.C. in die Bresche. »Also, ich bin Case Christmas und mein Partner hier hatte ein äußerst beschwerliches Leben. Seine Kindheit war...«

»Mister, Sie haben nachher alle Zeit der Welt für Ihre Erklärungen. Aber wenn ich auch keinen Grund hätte, Sie einzulochen, Ihr Name würde mir bestimmt einen geben. Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, Sie Weihnachtsmann?!«

»Wie? Was? Hat der Weihnachtsmann gesagt, Lane?«

C.C.s Hand sauste zum Revolver und Lane konnte gerade noch verhindern, dass er sich richtig in den Schlamassel ritt, indem er ihm blitzschnell die Waffe aus dem Holster zog und dem Deputy reichte.

Kurz darauf saßen sie in einer wahrhaft gemütlichen Zelle. Der Town-Marshal hatte nicht zu viel versprochen.

Lane hatte die Arme im Nacken verschränkt, lehnte an der Wand und dachte an die bildschöne Schauspielerin. Welchen Grund sie wohl gehabt hatte, vor ihm zu fliehen? Er fragte sich, ob er es jemals erfahren würde.

»Man kann meilenweit latschen, sogar mit sauberen Stiefeln, und hat doch immer das Gefühl, das stinkende klebrige Zeug mit sich rumzuschleppen. Und irgendwann wird man zurückkehren und wieder reintreten, das ist so sicher wie der Sonnenaufgang.«

»C.C., verschon mich mit deinen Weisheiten.«

»Du wolltest es doch wissen, sonst hättest du nicht gefragt.«

Lane seufzte ergeben. »Was?«

»Der Lehm von den Palo Verde Mountains. Du wolltest doch wissen, was er mit diesem Kerl zu tun hat. Also, es ist ganz gewiss, dass du diesem stinkigen Mistkerl eines Tages wieder...«

»Case Christmas, wenn du nicht sofort deine Klappe hältst, erlebst du deinen nächsten Namenstag nicht mehr!«

»Oh, wäre ich doch bei meinem Engel Sally geblieben. Aber nein, da meint man es gut und eilt seinem Freund und Partner zu Hilfe, und was ist der Dank...?

»Case!«

C.C. brummelte noch lange missgestimmt vor sich hin, während Lane wütend durch das Gitterfenster in die Nacht starrte.

 

 

5

»Verdammt! Er war so nah dran!«

Der schlanke Mann mit dem gewellten Haar, dem sorgfältig gestutzten Bart und den manikürten Fingernägeln stand mit wenigen Schritten vor dem Barschränkchen und goss sich einen Whiskey ein. Seine Bewegungen waren fahrig. Er drohte, seine übliche distinguierte Haltung zu verlieren.

»Beruhige dich, Darling. Es wird andere Gelegenheiten geben.«

Er drehte sich um und trank dabei in langen Schlucken. Finster musterte er die rotblonde Schönheit auf dem breiten Bett.

Der Raum war fast völlig in Violett gehalten. Er hasste diese Farbe, aber sie hatte sie geliebt. In diesem Zimmer hatte alles begonnen. Der Plan hätte so wunderbar gelingen können, aber er hatte sie gehörig unterschätzt.

»Komm zu mir«, gurrte die Lady auf dem Bett und reckte ihm die Arme entgegen.

Die weiten Ärmel des purpurnen Morgenmantels fielen zurück. Der Mantel klaffte auf und gab den Blick auf eine feste, kleine Brust frei.

Robert Manning leckte sich über die Lippen. Das Verlangen nach dieser Frau hielt ihn gepackt. Vom ersten Augenblick an, als er ihr begegnet war, lag er ihr wie ein willenloser Sklave zu Füßen.

Sie war als Sängerin in zweit- und drittklassigen Etablissements aufgetreten und sich auch nicht zu schade gewesen, nach der Vorstellung den einen oder anderen Verehrer zu empfangen. So erzählte man sich jedenfalls in den besten Kreisen hinter vorgehaltener Hand.

Robert Manning hatte zunächst nicht viel auf das Gerede gegeben. Schließlich war er mit einer ausgesprochen schönen und dazu noch sehr wohlhabenden jungen Frau verheiratet. Bald aber war Christina Appleby zum Geheimtipp in Philadelphia geworden. Es blieb nicht aus, dass Robert Manning die Show der Sängerin besuchte und schließlich ihre Bekanntschaft machte.

Sein Herz entflammte sofort für diese Lady mit der rauchigen Stimme und dem Hauch von Verderbtheit, der sie umgab. Was die Schönheit anbelangte, konnte sie durchaus mit seiner Frau standhalten.

Langsam aber stetig manipulierte sie Robert Manning, bis er ihr völlig verfallen war. Sie hatte rasch erkannt, dass dieser wohlhabende Gentleman eine schier unerschöpfliche Quelle des Wohlstandes für sie darstellte. Sie würde alles tun, um diesen Quell nicht zum Versiegen zu bringen.

Christina Appelby war so anders als seine Frau, die er zwar auch mochte, aber nur aus Zweckmäßigkeit geheiratet hatte. An Nora gab es nichts auszusetzen, rein gar nichts. Sie war perfekt. Christina hingegen hatte einige Fehler, durch die sie ihm aber umso reizvoller erschien.

Auch jetzt, als sie ihn zu sich auf das Bett zog, war er ihr mit Haut und Haaren verfallen. Er drückte sein Gesicht gegen ihren Hals, schob es zwischen die Schöße des Morgenmantels, roch die nach Lavendel duftende Haut, liebkoste sie, wollte diese kleinen spitzen Brüste küssen und streicheln.

Doch der Inhalt des Telegramms, das er vor wenigen Augenblicken erhalten hatte, nagte in ihm. Er fuhr hoch und schwang die geballten Fäuste durch die Luft. »Ich hätte es selbst in die Hand nehmen sollen!«, rief er. Sein Gesicht rötete sich. »Dieser Kerl ist ein Versager, wie alle anderen auch. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie ihnen überlegen sein könnte!«

»Sie hat nur unglaubliches Glück.«

»Unglaublich! Das ist genau der richtige Ausdruck! Niemand, der bei klarem Verstand ist, könnte glauben, dass eine Frau, die nie zuvor auf sich allein gestellt war, den besten Detektiven und sogar einem berüchtigten Revolvermann ein Schnippchen schlagen würde!«

»Vielleicht hast du doch die falschen Leute...«

»Vergiss nicht, meine Liebe, es war deine Idee, diesen Royce auf ihre Spur zu hetzen. Er taugt genauso wenig, wie die Pinkerton-Männer, die ihr gefolgt sind! Alles Versager! Das muss man sich mal vorstellen. Es gibt niemanden, den Pinkerton nicht findet! Den Werbespruch kann sich die Agentur sparen. Dilettanten sind es, nichtsnutzige Schwachköpfe!«

»Immerhin hat Royce es weiter gebracht als die Schnüffler«, gab Christina zu bedenken. »Und er wird weitermachen. Er hat ja auch allen Grund dazu, nicht aufzuhören.«

»Oh, erinnere mich bitte nicht an dieses traurige Kapitel!«

»Reg dich wieder ab, Darling. Es klappt alles wie am Schnürchen.«

»So? Wenn dem so wäre, müssten wir ihr jetzt nicht quer durch die Staaten nachjagen!«

»Na und? Falls Royce sie nicht erwischt, wird sie sich dort draußen den hübschen Hals brechen. Und wenn nicht, können wir sie später immer noch abservieren. Aber ich bezweifle, dass sie viel länger in der Wildnis überleben wird. Ein wohl behütetes Küken verlässt das Nest und ist plötzlich ganz allein. An jeder Ecke lauert Gefahr.« Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich. »Du machst dir doch nicht etwa Sorgen um Sie? Hör mal, in letzter Zeit denkst du viel zu oft an sie. Das gefällt mir nicht!«

»Was redest du denn für einen Unsinn? Du weißt doch, dass ich nichts mehr für sie empfinde. Dass ich eigentlich nie etwas für sie empfunden habe. Das ist mir erst klar geworden, als ich dich traf.«

»Beweise es!«

Sie schaute interessiert zu, wie er seinen eleganten Gehrock abstreifte und begann, das Rüschenhemd aufzuknöpfen.

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Ihr mit Rouge bemaltes Gesicht rötete sich vor Verlangen. Um ihre Lippen lag ein entschlossener Zug.

»Du bist immer so zurückhaltend. Ich will dich mal wild erleben, hemmungslos.«

Sie sprang auf, kniete vor ihm und riss ihm das Hemd auf, dass die Knöpfe durch das Zimmer flogen. Ihre Fingernägel kratzten durch sein spärliches Brusthaar. Sie grub die Nägel in seine bleiche Haut, packte seine harten Brustwarzen und zog ihn zu sich heran.

Sie ließ den Morgenmantel aufklaffen. Ihr nackter Körper war verführerisch. Robert Manning fiel über sie her, umfasste die kleinen Brüste, saugte an den knospigen zarten Nippeln. Er wollte, musste sie besitzen...

Sie befreite sich aus seiner Umarmung, rollte sich aus dem Bett und streifte den Mantel ab. Nackt bis auf ein paar Seidenstrümpfe stolzierte sie zu der kleinen Bar, genehmigte sich einen Sherry und lehnte sich gegen den Schrank.

Mannings Blicke huschten über ihren begehrenswerten Körper, verweilten auf dem rotblonden Flaum zwischen ihren Beinen. Bestimmt war sie schon so feucht, dass er sofort und ohne weitere Umschweife in sie gleiten konnte...

Sie tunkte ihren Mittelfinger in das Sherryglas und führte ihn anschließend zwischen ihren Brüsten entlang nach unten. Mannings Lippen und Kehle wurden trocken, als er beobachtete, wie der Finger das Zentrum ihrer Lust erreichte und dort verschwand.

Alle Sinnlichkeit der Welt lag auf Christina Applebys Gesicht. Sie hatte die Augen halb geschlossen, seufzte theatralisch. Die vollen Lippen waren leicht geöffnet, die Zungenspitze huschte über sie hinweg.

Ihr Atem beschleunigte sich.

Fasziniert hing Mannings Blick auf ihrer Hand, die sich immer schneller bewegte. Er zerrte an seiner Kleidung, schob die Hosen herunter, stolperte und fiel vor dem Bett auf die Knie. Er machte sich völlig zum Narren, wie er da vor ihr kniete, mit offenem Hemd, heruntergelassener Hose und prall geschwollener Männlichkeit, die ihr fordernd entgegenragte.

Ein flehender, jammernder Laut entrang sich seiner Kehle. Er lechzte vor Verlangen.

Und dann kam Christinas Hand frei! Der Mittelfinger glänzte feucht, als sie ihn langsam hob und zwischen die verführerischen Lippen führte...

»Ooohhh«, machte Robert Manning und stürzte sich auf Christina, die sich ihm kichernd im letzten Augenblick entzog und längst wieder auf dem Bett kniete, als er sich schwerfällig umdrehte.

Sein harter Liebespfahl ragte vor ihrem Gesicht auf und sie machte sich sofort daran, ihn zu verwöhnen. Ihre schlanken Finger umfassten ihn, ihre warmen weichen Lippen schoben sich darüber.

Manning zitterte. Seine Knie wurden weich. Er wollte sie mit harten Stößen nehmen, wollte tief in ihren warmen Leib dringen.

Aber seine Lust und sein Verlangen waren zu groß. Er enttäuschte Christina, die ebenfalls auf ein langes, erfüllendes Liebesspiel gehofft hatte, wie schon so oft. Denn schon nach wenigen

Liebkosungen verströmte er sich zuckend und stöhnend in ihr.

»Es tut mir Leid, Liebling«, murmelte er und bettete seinen Kopf auf ihre Brust, wie er es immer tat. Er wirkte wie ein kleines verängstigtes Kind, das eine schlimme Strafe erwartete.

Christina wischte sich mit einem Tuch die Lippen sauber. Einen Moment lang zeugte ihr verzerrtes Gesicht davon, wie sehr sie dieser Mann anwiderte, aber gleich darauf trat wieder der sanfte, liebevolle, bezaubernde Ausdruck auf ihre Züge.

»Das macht nichts, Darling«, hauchte sie. »Beim nächsten Mal wird es bestimmt besser.«

»Ja, nächstes Mal ganz sicher...«

Sie streichelte sein straff zurückgekämmtes Haar. »Du solltest Royce telegrafieren«, meinte sie. »Er soll sich einige Männer besorgen und eine richtige Treibjagd veranstalten. Wäre doch gelacht, wenn ihm dieses Miststück durch die Lappen ginge.«

»Das wird eine Menge Geld kosten. Gute Männer sind nicht billig.«

»Aber Darling, ist es das nicht wert? Du kannst es dir doch leisten und bedenke, was du für diesen Preis erhältst. Du wirst frei sein. Frei, Darling!«

Manning kleidete sich hektisch an. »Du hast Recht, mein Schatz. Ich kümmere mich gleich darum. Wenn sie erst mal aus dem Weg ist, können wir uns in der Öffentlichkeit sehen lassen. Wir können auf all die Empfänge und Bälle gehen, die du schon immer besuchen wolltest. Wir können sogar heiraten!«

Er warf ihr eine Kusshand zu und stürzte hinaus.

»Ich weiß nicht, ob das so eine großartige Idee ist, mein Lieber«, murmelte Christina und machte es sich auf dem Bett bequem. »Schließlich bist du gerade dabei, dein geliebtes Weib über die Klinge springen zu lassen. Und wer das einmal macht, bringt es wieder fertig. Andererseits könnte ich dich beerben, falls dir etwas zustößt. Und das, mein Lieber, ist ein ganz und gar nicht übler Gedanke...«

Sie rutschte auf dem Bett nach unten, ließ ihre Hand über ihren nackten Körper gleiten, liebkoste sich selbst. Lange war das violette Zimmer von heftigem Atmen und Stöhnen erfüllt. Erst als ihr Körper von einem Höhepunkt geschüttelt wurde, sank sie befriedigt in die Kissen zurück. Schweiß glitzerte auf ihrem Körper. Sanft strich sie über ihre Brüste, spielte mit den harten Nippeln.

Sie war mit sich, der Welt und der Entwicklung der Dinge mehr als zufrieden...

 

 

6

Sie hatte das Pferd in einer Buschgruppe an einen Strauch gebunden und sich in eine Decke gerollt. Wem das Tier gehörte, wusste sie nicht. Es war bereits gesattelt gewesen, als sie den Mietstall aufgesucht hatte. Ausdauernd war es mit ihr durch die Nacht geprescht.

Sie konnte nicht ahnen, wie viele Meilen sie zurückgelegt hatte. Sie hoffte aber, schon sehr weit von dieser Stadt entfernt zu sein.

Es hätte alles so wunderbar sein können. Amelia hatte nur etwas Überzeugungskraft gebraucht, um ihr klarzumachen, dass es besser für sie war, erstmal eine Zeit lang bei Phineas Hancocks Truppe unterzuschlüpfen. Dass sie leicht bekleidet auf Bühnen auftreten und sich von lüsternen Cowboys betatschen lassen musste, hätte sie in Kauf genommen. Zumindest aber wäre sie hier im Westen erstmal in Sicherheit gewesen.

Das hatte sie jedenfalls geglaubt. Aber schon bei ihrem ersten Auftritt war dieser schreckliche Kerl erschienen, der so grausam wirkte. Sie kannte ihn nicht. Aber sein Gesicht erinnerte sie an jemanden. Sie kam nur nicht darauf, an wen.

Sie dachte an den großen Cowboy, der ihr das Leben gerettet hatte. Deutlich sah sie sein Gesicht vor sich. Es war von der Sonne gebräunt. Um die leuchtend blauen Augen hatten sich leichte Krähenfüße in die Haut gegraben. Die Nase war gerade, die Lippen voll und wie zum Küssen geschaffen.

Und doch war sie vor diesem Mann geflohen. Später musste sie sich eingestehen, dass er ihr doch nur hatte helfen wollen. Schließlich hatte er sich mit ihrem furchtbaren Verfolger eine Schießerei geliefert.

Insgeheim hoffte sie, dass ihm nichts zugestoßen war. Wenn er von dem Revolvermann getötet worden war, würde sie sich das nie verzeihen können...

Es dauerte lange, bis sie in einen erschöpften Schlaf fiel.

»Nooorrraaa!«

Die Stimme hallte auf, war ganz dicht bei ihr. Sie kannte die Stimme.

Das war Robert.

Er trat aus einem Nebelschleier. Er trug seinen eleganten, mit Samt besetzten Gehrock, einen Zylinder, den Spazierstock mit dem silbernen Schlangenkopf.

Er kam ganz nahe, ein Lächeln auf den Lippen, und streckte ihr die Hand entgegen. Sie wollte die dargebotene Rechte ergreifen, wollte sich wieder geborgen fühlen bei dem Mann, den sie liebte.

Aber – liebte sie ihn wirklich?

Sein Gesicht verwandelte sich. Das war nicht mehr Robert, der den Gehrock trug, sondern der Cowboy, der ihr beigestanden hatte. Die blauen Augen waren ehrlich, das Lächeln um die vollen Lippen nicht gekünstelt. Diesem Mann konnte sie vertrauen. Freudig warf sie sich ihm entgegen.

Ein Blutschwall schoss aus dem Mund des Cowboys. Er war blass geworden, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen. Seine Brust war rot gefärbt. Er krallte die Finger in die Wunden.

Hämisches Gelächter brandete auf, hallte in Noras Ohren wider. Sie wich zurück und prallte gegen den Mann, der so grässlich lachte.

Als sie sich umdrehte, sah sie sich dem schwarz gekleideten Revolvermann gegenüber, der die rauchenden Waffen noch in der Hand hielt und immer wieder auf den Cowboy feuerte.

Nora schrie gellend. Alles um sie her versank in einer roten Flut, die ins Violette überging. Alles war violett. Die Wände, das Bett, die Polstermöbel. Ihr Hausmantel. Die Pantoffeln.

Nur der chromblitzende Revolver, den sie in der Hand hielt, hob sich von der violetten Umgebung ab.

Sie fröstelte. Splitternackt saß sie auf dem Sofa und hielt den Colt, aus dessen Lauf Rauch kräuselte. Ihr Blick glitt über den Boden, zu der stillen Männergestalt, die vor ihr lag, ebenfalls einen Revolver in der Hand.

Sie beugte sich vor. Eine Gänsehaut hatte sich auf ihrem nackten Körper gebildet. Ihre Brüste zuckten, als sie den Toten umdrehte.

Mit einem gellenden Schrei fuhr sie in die Höhe, als die strahlend blauen Augen des Cowboys sie klagend anstarrten. Nora schrie und schrie und hörte nicht mehr auf, suchte nach einem Ausweg. Sie begegnete Amelia Hancock, die lächelnd die Arme ausbreitete, um sie an ihren mächtigen Busen zu drücken. Und Phineas Hancock, der ihr winkte und dabei versuchte, gütig zu lächeln.

Da war Robert, der ihr die Hand entgegenstreckte. Er würde ihr Sicherheit geben, würde sie vor allem Übel bewahren.

Sie hatte seine Hand noch nicht berührt, als eine zierliche Gestalt aus seinem Schatten trat. Sie kannte diese Frau mit dem langen rotblonden Haar. Sie war das Stadtgespräch in Philadelphia.

Die Frau warf den Kopf zurück, lachte schallend und deutete auf Nora. Sie trug Noras purpurnen Hausmantel. Er klaffte auf. Sie strich über ihren entblößten Körper, als wollte sie sagen: »Sie her, Darling, dies ist es, was dein Mann liebt. Damit kannst du niemals mithalten!«

Der Schmerz kam in Nora hoch. Sie stürzte sich kreischend auf die Rivalin. Ein verzweifelter Kampf entbrannte, aber Robert unterbrach ihn. Er tat etwas, das Nora nie für möglich gehalten hätte.

Er schlug sie!

Mit dem Stock drosch er auf sie sein. Ihr Rücken schmerzte. Nie zuvor war sie geschlagen worden. Sie wich zurück, floh vor diesen schmerzhaften Schlägen, prallte gegen die starken Männer in den groben Uniformen, die sie mit sich zerrten.

Ihre schmalen Hände umklammerten die kalten Gitterstäbe vor dem Fenster. Sie starrte zum Sternenhimmel empor. Es war kalt. Nur mit einem dünnen weißen Hemd bekleidet, hatte man sie hier eingesperrt. Sie drehte sich um. Brabbelnde, kriechende, schreiende, wimmernde Gestalten waren um sie herum. Eine Frau mit völlig zerzausten Haaren zerrte sie vom Fenster weg, um selbst ihren Platz einnehmen zu können.

Dünne Hände mit Fingern wie Krallen zerrten an ihrem Hemd, zerrissen den Stoff. Verzweifelt versuchte sie, ihre Blöße zu bedecken.

Lautlos öffnete sich die Zellentür. Umwabert von einer Nebelwand stand Robert da, in seiner eleganten Kleidung, den Spazierstock erhoben.

Robert, der sie befreien würde.

»Du bist in Sicherheit«, sagte er.

Sie kam zu ihm. Und wieder trat die nackte Sängerin aus dem Dunstkreis hinter ihm, machte ihr den Mann streitig. Grell lachend begegnete ihr die Rotblonde, wie eine grausame Hexe. Sie stieß Robert nach vorn.

»Nichts wird dir geschehen, mein Kind!«

Nora sah den Spazierstock, sah, wie der Knauf sich drehte. Sah die blitzende Klinge aus dem Schaft gleiten, ohne wirklich zu begreifen. Der scharfe, glühend heiße Schmerz, der sie durchzuckte, ließ sie verstehen.

Die Klinge bohrte sich in ihren Körper, wieder und wieder. Sie brach in die Knie. Blut hatte ihr weißes Gewand besudelt. Sie kroch an Robert und der Sängerin vorbei. Die uniformierten Wärter standen herum und lachten bei ihrem Anblick.

Unermessliche Wut packte sie. Wenn sie schon sterben musste, dann bestimmt nicht allein. Von der Liebe, die sie einst für Robert zu empfinden glaubte, war nichts mehr zu spüren. Sie zog sich an einem Wärter hoch, bekam seinen Revolver zu fassen, zerrte ihn aus dem Gürtel und feuerte auf ihre Peiniger. Ohrenbetäubend klangen die Schüsse in der Zelle auf.

Robert und das nackte grauenhafte Weib brachen zusammen. Nora drückte immer wieder ab. Auch nachdem der Colt längst leer geschossen war.

Ihre Sinne schwanden.

Das Letzte was sie sah, war eine ihrer Leidensgenossinnen. Ein zahnloser Mund in einer grässlichen Fratze, zu einem schrillen kreischenden Lachen aufgerissen...

»Nein! Bitte... Neeeiiinnn«

»Ganz ruhig, Kindchen!«

Nora schoss in die Höhe, fühlte sich von starken Armen umfangen. Kalter Schweiß lag auf ihrer Stirn. Schüttelfrost hielt sie gepackt, ihre Zähne klapperten unkontrolliert.

»Es wird alles gut, Liebling.«

»Nichts...«, erwiderte sie mühsam. »Nichts wird gut...«

Sanfte Hände streichelten das braune, seidenweiche Haar. Und dann vernahm sie das leise Summen. Es war die Melodie eines Wiegenliedes, das ihr ihre Mutter vor unendlich langer Zeit vorgesungen hatte.

»...und winkt dir auch nicht Gut und Geld, so bleibst du doch das süßeste Baby auf der Welt...«

Nora summte mit und fühlte sich so geborgen wie lange nicht mehr. Selbst das Klappern des Geschirrs und die herrischen Worte: »Kannst du nicht Acht geben, du Trampeltier? Du siehst doch, dass das Kind Ruhe braucht!«, konnten ihr dieses wohlige Gefühl der Geborgenheit nicht nehmen.

 

 

7

Der Kastenwagen rumpelte über Wiesen und Salbeifelder. Lange war man den ausgefahrenen Straßen gefolgt, doch irgendwann hatte Phineas Hancock beschlossen, den Weg abzukürzen.

»Wo liegt denn nun dieses Nest, in das du uns bringen willst?«

»Gleich hinter den Hügeln dort drüben.«

»Du meinst also, unser müder lahmer Klepper zieht diesen Karren dort hinauf?«

»Wenn wir alle absteigen und schieben, schafft er es.«

»Alle außer Nora.«

»Sie ist kein kleines Kind mehr, Teuerste.«

Für diese Bemerkung fing sich der klapperdürre Phineas wieder einen klatschenden Schlag ein. »Wage es ja nicht, die Kleine zu irgendwelchen Schindereien zu missbrauchen, Phineas Hancock! Ein Blinder kann sehen, wie erschöpft und schwach sie ist. Sie braucht unsere Hilfe und die wird sie bekommen. Amelia Hancock hat noch niemanden von der Schwelle ihres Hauses weggestoßen, der ihre Unterstützung brauchte!«

»Amelia Hancock besaß noch nie ein Haus!«, wetterte ihr Göttergatte dazwischen. Und verfluchte sich gleich darauf in Gedanken, weil er sein Mundwerk mal wieder nicht hatte halten können.

Am Fuß der Hügelkette ließ Phineas die Mädchen aussteigen. »So, Kinder, der liebe Onkel Phineas muss euch leider bitten mitzuhelfen, dass der Wagen diesen Hügelpfad emporkommt.«

Sofort setzte lautes Protestgeschrei ein. »Wir sind doch keine Sklaven! Und Maulesel schon gleich gar nicht, dass wir diesen Klapperkasten da hochschleppen!«

»Ihr sollt ja auch schieben, nicht ziehen.«

»Ausgeschlossen!«

»Nur eine kleine Anstrengung, meine lieben Kinder, und wir haben unser Ziel erreicht.«

»Nein!«

»Jetzt stellt euch nicht so an, Mädchen! Los, die Ärmel hochgestreift und zugepackt! Wir werden diesen Wagen da raufschaffen und wenn wir kriechen müssen!«

Amelia stemmte sich gegen das Fuhrwerk und die Mädchen folgten ihrem Beispiel. Phineas schwang eine große Fuhrmannspeitsche, die er irgendwo aufgetrieben hatte.

Das ausgemergelte Pferd machte keine Anstalten, den Wagen von der Stelle zu ziehen.

Phineas fluchte zum Gotterbarmen und handelte sich dafür Tadel von seiner besseren Hälfte ein, die um das Seelenheil ihrer Schützlinge besorgt war.

Hinter dem Fahrbock befand sich eine von einem Vorhang bedeckte Öffnung, durch die man ebenfalls in den Wagen gelangen konnte. Dort tauchte Nora Manning auf. Sie trug Männerkleidung, die sie in den Satteltaschen des Pferdes gefunden hatte. In ihrem Flitterkleid hatte sie die Flucht nicht fortsetzen wollen, das war ihr zu auffällig gewesen.

Sie kletterte vom Wagen, streichelte sanft das Pferd und redete ihm gut zu.

»Das wird dem Zossen auch nicht viel helfen«, maulte Phineas, als er Noras Bemühungen sah. Er schwang die Peitsche und ließ die Lederschnur in der Luft knallen. »Auf gehts, du Schindmähre, nimm deine lahmen Knochen zusammen und zieh endlich diesen Karren da rauf!«

Das Pferd strengte sich an. Es machte einen Satz nach vorn. Phineas verlor den Halt, klatschte auf den Boden und wurde einige Schritte weit mitgeschleift, ehe er losließ.

Auch Amelia und die Mädchen wurden völlig überrascht. Sie verloren das Gleichgewicht und landeten auf allen Vieren.

»Nichts als Scherereien hat man!« Phineas hüpfte wie ein wütender Kobold auf und ab. »Warum haben wir dich bloß mitgenommen? Wieso mussten wir den Mutterinstinkten dieser Matrone nachgeben und dich aufnehmen? Zuerst fliegen uns die Kugeln um die Ohren, dann brechen wir uns beinahe alle Knochen. Warum hast du kein Herz und schießt uns gleich über den Haufen. Dann wäre es vorbei!«

Amelia stapfte auf ihn zu, entriss ihm die Treiberpeitsche und wirbelte sie pfeifend durch die Luft. »Ich bin also eine Matrone, ja? Eine Matrone? Noch nie hat jemand gewagt, mich derart zu beleidigen! Mister Hancock, du wirst bald erkennen, wozu eine Matrone fähig ist!«

Die Mädchen kümmerten sich nicht um die Beiden. Sie schoben weiter, und bald war der Wagen die Anhöhe emporgerollt. Keuchend blieben sie stehen und schauten über das Land, das sich vor ihnen erstreckte.

Von einer Stadt war weit und breit nichts zu sehen.

»Ich glaube, wir hätten doch lieber unten bleiben sollen«, meinte Gilda.

»Da wären wir bestimmt auf eine Stadt gestoßen. Ich frage mich, was wir hier oben sollen!«, pflichtete Hannah bei.

»Erstmal den Wagen wieder runter bringen und dann ein Lager aufschlagen«, schlug Nora vor.

»Das ist eine ausgezeichnete Idee«, zeigte sich Phineas begeistert. Er rieb sich den schmerzenden Hosenboden und schob den Hut in den Nacken, als er der unbesiedelten Landschaft ansichtig wurde. »Aber wir können auch schon hier oben lagern. Ihr bringt ein hübsches Feuer in Gang und setzt den Kessel auf und Onkel Phineas wird sich die nächsten Schritte überlegen, ja?«

Der Schausteller nahm zwischen einigen kleineren Felsbrocken Platz.

Bald gluckerte eine aus kargen Vorräten zubereitete, aber nahrhafte Suppe im Kessel.

»Wo liegt nun dieses Nest, zu dem du willst?«

»Three Meadows ist genau... dort!« Phineas deutete nach Nordwesten.

»Blödsinn. Da sind nur Berge.«

»Das ist die Saddler’s Range. Davor, meine Teuerste. Am Fuß dieser Berge.«

»Du hast dich auch bei diesen Hügeln geirrt, Mister Hancock. Ich glaube dir nicht mehr.«

»Dann kehr doch um. Es steht dir frei zu gehen. Ich halte niemanden.« Ein verschlagener Ausdruck trat in seine Augen.

»Phineas Hancock, du bist das verkommenste Subjekt, das mir jemals untergekommen ist! Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich geritten hat, dass ich dich geheiratet habe!«

»Ich habe dich geehelicht. Wir wollen die Tatsachen doch nicht verdrehen, ja?«

Bevor ein neuer Streit zwischen den ungleichen Partnern entbrennen konnte, rief Gilda zum Essen.

Als sie später die untergehende Sonne beobachteten, seufzte Amelia. »Ach, ich sehne mich nach einem gemütlichen Heim und einem Kaminfeuer, vor dem man sich die Füße wärmen kann.«

»Das hatte ich«, sagte Nora bedrückt. »Ich habe es verloren.«

»Es geht mich ja nichts an, mein Kind, aber du musst Schlimmes durchgemacht haben. Wenn du nicht darüber sprechen willst, ist das in Ordnung. Aber als wir dich neulich Nacht in diesem Gebüsch fanden, nachdem du aus der Stadt geflohen warst, hast du ein wenig im Schlaf geredet...«

Nora schreckte auf. »Was hab ich denn erzählt?«

»Ich konnte mir keinen rechten Reim darauf machen. Du hast von einem toten Cowboy gesprochen, von einem violetten Zimmer und von einer Sängerin. Und du hast davon gesprochen, wie du einen gewissen Robert und diese Sängerin erschießen willst. Das hat mir Angst gemacht, Kleines.«

Nora presste die Lippen aufeinander. Tränen schimmerten in ihren Augen. »Sie hätten den Tod verdient. Tausendfach!«

Amelia legte den Arm schützend um sie. »Ist es so schlimm?«

»Ich bin eine Mörderin, Amelia.«

Die matronenhafte Frau drückte Nora an ihren Busen. »Kleines, das interessiert mich nicht besonders. Welche Schuld du auch auf dich geladen hast, hier zählt sie nicht.«

»Aber ich hatte doch keine Wahl. Ich sollte dir erzählen, was geschehen ist, damit du verstehst...« Noras Blick verschleierte sich. »Aber ich kann nicht. Noch nicht.«

»Dann erzähle mir einfach von deinem Heim mit dem Kamin, ja? Ich möchte auch mal träumen können.«

Und Nora schilderte ihr Elternhaus, beschrieb die Einrichtung, die zahlreichen Zimmer, den großen Kamin. Sie erzählte von dem Stadthaus, in dem sie zusammen mit Robert gewohnt hatte, von der Bibliothek, dem Kaminzimmer und dem violetten Schlafzimmer, ihrem Lieblingsraum.

Amelias Blick war weit entrückt. Ihre Lippen bebten. Tief in ihrem Innern sehnte sie sich danach, ein kleines Häuschen zu bewohnen, zusammen mit Phineas auf der Veranda zu sitzen und dem fahrenden Leben zu entsagen. Sie würden wohl keine eigenen Kinder mehr bekommen, aber wenn sie den Mädchen einen guten Start ins Leben ermöglichen konnten und eine Ausbildung, wäre schon viel gewonnen. Und vielleicht konnte man auch fremde Kinder aufnehmen...

»Diese Männer dort unten dürften wohl auf deiner Fährte sein, mein Kind.«

Nora schreckte hoch. Hastig löste sie sich von Amelia und trat an den Rand des kleinen Plateaus, wo Phineas stand.

Tief unten zwischen den Hügeln waren einige Reiter schwach im zunehmenden Dämmerlicht zu erkennen. Angeführt wurden sie von dem schwarz gekleideten Revolverschwinger, der vor einigen Tagen versucht hatte, Nora zu ermorden.

Zitternd und bebend drängte sich Nora an den hageren Schausteller, der sich nicht anders zu helfen wusste, als sie in die Arme zu nehmen. Es fiel ihm schwer, seine Gefühle zu zeigen, aber manchmal geschah es eben doch...

»Ich muss weg von hier«, sagte sie leise.

»Auf keinen Fall. Du würdest ihnen in die Arme laufen.«

Widerwillig ließ sie sich zum Feuer führen.

Die Nacht senkte sich über die Hügel. Einige Mädchen schliefen im Wagen, Loma und Nora beim Feuer und Phineas und Amelia etwas abseits, bei den Felsen. Man hatte sich in dicke Wolldecken gewickelt, um sich vor dem schneidenden Gebirgswind zu schützen.

In der Dunkelheit war die schmale Gestalt kaum zu erkennen, die zum Wagen huschte. Einmal hielt sie inne, als sich eines der Girls bewegte, dann kramte sie in einigen Utensilien herum. Schließlich löste sie die Zügel des Reitpferdes vom Wagenrad, führte das Tier den schmalen Pfad hinunter, der in die Senke führte, und saß erst auf, als sie sich weit genug vom Lager entfernt hatte.

»Liebe Amelia!«, las die voluminöse Frau am Morgen vor. Sie warf Phineas einen bedeutsamen Blick zu. »Der Brief ist nur an mich gerichtet, Mister Hancock. Wenn das nichts heißen will...«

»Pah«, machte Phineas.

Sie hatten den Zettel, mit einem Stein beschwert, auf dem Fahrersitz gefunden. Die Zeilen waren schief. Offenbar waren sie im Dunkeln geschrieben worden.

»Liebe Amelia! Bitte entschuldige, dass ich euch bei Nacht und Nebel verlasse, aber es ist besser so. Ich werde versuchen, mich an die Küste durchzuschlagen und dort irgendwo unterzutauchen. Vielleicht kann ich auch auf einem Schiff unterkommen. Ich wünsche dir, dass du eines Tages den Ort findest, an dem deine Träume in Erfüllung gehen werden. Vielen Dank für alles und liebe Grüße an die Mädchen und vor allem an Phineas. Nora Manning.«

»Da siehst du es!«, rief Phineas. »Sie grüßt vor allem mich! Das Mädchen weiß, was sich gehört, ganz im Gegensatz zu...«

Er sah die Tränen über Amelias Wangen strömen. Sofort eilte er zu ihr und umarmte sie, so weit ihm dies möglich war.

»Sie wird sterben«, schluchzte Amelia. »Sie wird in dieser Wildnis zugrunde gehen. Sie wird diesem schrecklichen Menschen in die Hände fallen. Er wird sie töten. O Phineas, warum?«

Auf diese Frage wusste der Schausteller keine Antwort. Der Schmerz wollte ihm die Brust zerreißen. Und ähnlich erging es Nora Manning, die tief über den Hals des Pferdes gebeugt dahinpreschte, einem ungewissen Schicksal entgegen...

 

 

8

»Kannst du mir mal verraten, wohin wir reiten?«

»Nach Westen.«

»Das erkenne ich selbst, dazu brauche ich dich nicht, Partner. Aber der Westen ist weit. Du hast doch wohl ein gewisses Ziel vor Augen.«

»Nein.«

»Auch gut. Aber so ohne Anhaltspunkt loszureiten ist nichts für mich. Da kehre ich besser um und kümmere mich um die süße Sally.«

»So long.«

C.C. zügelte sein Pferd. »Du würdest mich einfach so verlassen? Nach all den Jahren? Ja, bei allen Teufeln, die einem das Weihnachtsfest vermiesen können, was ist denn in dich gefahren?«

Lane Briggs zuckte die breiten Schultern und ritt schweigend weiter.

C.C. zog verschiedene Grimassen, eine hässlicher als die andere, folgte ihm aber.

»Nett von dem Marshal, uns noch ein Frühstück zu spendieren, nachdem er festgestellt hatte, dass wir unschuldig sind.«

»Er hat es nur bezahlt, um uns ausfragen zu können, C.C.«

»Ach was. Von mir hätte er sowieso nichts erfahren.«

»Du hast geredet wie ein Wasserfall.«

»Ich? Verflixt, da brat mir doch einer eine Klapperschlange. Ach, was sag ich? Ein ganzes Nest von dem Gewürm! Du warst es doch, der ununterbrochen geredet hat, Partner!«

»Stimmt. Aber nur belangloses Zeug.«

»Eben. Und was anderes hab ich dem Marshal auch nicht erzählt. Was ist schon dabei, wenn er erfährt, woher wir kommen, wohin wir wollen, dass wir Nora Manning nicht kennen, dass wir nur zufällig in der Stadt waren und du dich nur eingemischt hast, weil du verhindern wolltest, dass diese Schauspielerin abgeknallt wird, und dass wir an sich zwei ganz harmlose, friedliebende Cowboys sind?«

»Nichts, C.C. Der Marshal interessierte sich auch nicht besonders für deine Laufbahn als Satteltramp, Landstreicher, Bandenmitglied, Ladendieb und für all die Kleinigkeiten, die du sonst noch auf dem Kerbholz hast. Sonst hätte er dich wohl behalten. Nur gut, dass ich ihn von deiner Harmlosigkeit überzeugen konnte.«

»Du siehst das völlig falsch, Lane. Der Marshal war doch die Freundlichkeit in Person. Hab selten einen so liebenswürdigen Sternträger kennengelernt.«

»Mag sein. Nur hätte er dich neulich Nacht ohne Zögern über den Haufen geknallt, wenn er da schon gewusst hätte, was für ein Früchtchen er sich eingefangen hat.«

C.C. hüllte sich in Schweigen. Wo Lane Recht hatte, konnte man ihm einfach nicht widersprechen. Er hatte wirklich zu viel geredet und dem Marshal seinen ganzen traurigen Lebenslauf aufs Auge gedrückt.

Sie folgten der Wagenstraße, bis Lane seinen Schecken zügelte und zu den Hügeln hinüberblickte.

»Du willst doch nicht etwa da rauf?«

»Doch, das hatte ich vor.«

»Ohne mich. Was sollen wir denn dort? Ich bin doch keine Bergziege, die in den Felsen rumklettert!«

»Ich kenne da eine kleine Rinderstadt, nicht weit unterhalb der Berge. Dort werden wir unser Glück versuchen.«

»Weil du meinst, dass Nora Manning dort ist, nicht wahr? Ich heiße zwar wie der Weihnachtsmann persönlich, aber ich bin nicht blöd. Der kleine Engel hat dir ganz schön den Kopf verdreht.«

»Bullenscheiße.«

»Gib es zu, Lane, du bist bis über beide Ohren verknallt.«

»So ein Blödsinn. Mister, wenn du keinen Streit haben willst, dann gib keinen solchen Unsinn von dir. Du weißt, dass ich den Weiberröcken nicht mehr nachlaufe, seit...«

»Man muss auch mal vergessen können. Du kannst nicht alle Weiber über einen Kamm scheren, Lane. Es gibt auch ehrliche darunter.«

»Vor allem, wenn sie gesucht werden. Und Nora Manning soll sogar jemanden erschossen haben.«

»Ach, du glaubst doch nicht alles, was dieser Marshal sagt.«

»Er hat es telegrafisch bestätigt bekommen. Aus Philadelphia. Sie hat einen Burschen umgelegt und ist seitdem auf der Flucht. Kein Wunder, dass dieser Schießer scharf auf sie war. Er wollte sich sicherlich das Kopfgeld verdienen.«

»Für einen Mann, der nichts von ihr wissen will, reitest du aber beharrlich auf ihrer Fährte.«

Lane fühlte sich ertappt. Tatsächlich hatte es ihm Nora Manning angetan. Es gab immer zwei Seiten eines Dollarstücks. Er würde sich ihre Seite eingehend betrachten, bevor er ein Urteil fällte. Aber wenn sie wirklich eine eiskalte Mörderin war, was sollte er dann mit ihr anfangen? Sich von ihr erschießen lassen? Sie dem nächsten Sheriff übergeben?

»Du könntest sie laufen lassen«, meinte C.C., als hätte er Lanes Gedanken gelesen.

»Niemals.«

»Och Lane, ich will diesem Weibsbild nicht nachjagen wie all die anderen. Lass uns in dieses Gebirgsnest reiten und dort unser Glück versuchen. Bestimmt findest du irgendwann einen anderen hübschen Engel, der es wert ist, sich wegen ihm den Kopf zu zerbrechen. Wenn nicht, hast du immer noch den alten C.C., der dir jedes Weibsbild besorgen kann, das dein Interesse geweckt hat. Also?«

Lane zog den Schecken herum und trieb ihn mit sanftem Schenkeldruck an. »Three Meadows wartet auf uns, C.C.«

»Yiiiihaaa!«, schrie der krummbeinige Cowboy, schwenkte seinen Hut und preschte an Lane vorbei. Erst an einer Weggabelung brachte er den starkknochigen Fuchswallach zum Stehen.

»Ähm, wo liegt dieses Kaff noch mal?«

Lane griente. »Bleib an meiner Seite, Partner. Wir kommen noch früh genug hin.«

Sie passierten mehrere kleine Ortschaften, die an der Straße lagen. Bald wurde der Weg schmaler, wand sich in die Berge hinein. Nach der ersten großen Anhöhe senkte sich die Straße in weiten Windungen einer Talsohle zu, bevor sie endgültig in der bizarren Bergwelt verschwand.

Tief unten, am Fuße der nächsten Anhöhe, stieg Rauch aus dem Schornstein eines langen, flachen Gebäudes, das vollständig aus Baumstämmen errichtet worden war. Es wirkte wie eine übergroße Blockhütte, wie sie von Trappern gebaut wurde.

Ein Corral beherbergte zwei, drei Pferde. In einem kleineren Gatter waren zwei Milchkühe untergebracht. Neben dem Gebäude befand sich ein Heuschober und eine Wagenremise.

C.C. schnupperte. »Riechst du das?«

Lane schüttelte den Kopf.

»O Mann, es riecht verteufelt nach Steak, Bratkartoffeln, Eiern, Bohnen und frisch gebackenem Brot. Da lacht mein Herz.«

»Und mein Geldbeutel.«

»Du wirst mich doch wohl nicht verhungern lassen, Lane? Du weißt, dass du alles, was du mir leihst, wiederkriegst. Mit Zinsen. Ich muss nur erst einen Job finden.«

»Und den besorge ich dir, richtig?«

»Na ja, aber ich trage auch zum Gelingen bei. Schließlich kriegen wir immer dann Arbeit, wenn der Rancher oder der Vormann in mein mitleiderregendes und unschuldig dreinblickendes Gesicht schaut und erkennt, dass er ein gutes Werk tut, wenn...«

»Wir werden da runter reiten, C.C., und eine Rast einlegen. Aber nicht, weil du Hunger hast!«

»Warum dann? Glaubst du, eine Spur von Nora Manning zu finden?«

»Nein. Ich weiß, dass du dein verdammtes Mundwerk hältst, solange du isst!«

Wie sie wenig später feststellen konnten, bestand das Blockhaus aus einem Gastraum, in dessen Mitte eine lange Tafel mit zwei Sitzbänken aufgestellt worden war, sowie einer angrenzenden Küche und einer Vorratskammer.

In einem abgetrennten Nebenraum war eine Art Gemischtwarenladen eingerichtet worden, in dem man sich verproviantieren konnte.

Übernachtungsmöglichkeit gab es auch, die jedoch nur aus drei schmalen

Betten in einer Nische neben der Vorratskammer bestand. Sie waren weiblichen Reisenden vorbehalten. Die Männer mussten entweder im Gastraum nächtigen oder im angrenzenden Heuschober.

»Was kann ich für Sie tun, Gents?«, fragte der Wirt. Er war klein, schob eine gewaltige Wampe vor sich her, trug eine verbeulte Melone auf dem kahlen Schädel und hatte nur noch zwei, drei Zähne im Mund.

»Wir haben mächtigen Kohldampf«, beeilte sich C.C. mit der Antwort.

Ein breites Lächeln erhellte das Pfannkuchengesicht des Wirts. »Das seid ihr bei mir genau an der richtigen Adresse«, meinte er. »Setzt euch. Ihr habt bestimmt nichts gegen einen Topf voll Bier einzuwenden, was? Während meine Martha ein paar ordentliche Steaks in die Pfanne wirft, leiste ich euch ein wenig Gesellschaft.«

Er flitzte in die Küche, kramte in der Vorratskammer herum und schleppte einen großen Krug herbei, den er mit kühlem Gerstensaft gefüllt hatte.

»Ist immer ein wenig langweilig zwischen den Kutschen. Die nächste kommt erst in drei Tagen vorbei. Seit sie die Kutschenroute über den Pass gelegt haben, dachte ich mir, ich würde mich vor Arbeit kaum noch retten können. Pustekuchen! Zwei Kutschen in der Woche, was ist das schon?«

»Na, die müssen ja auch wieder zurück«, meinte Lane.

»Pah, die Leute, die auf dem Rückweg sind, steigen hier nur aus, um sich die Füße zu vertreten. Von denen ist weder Geld noch Unterhaltung zu kriegen. Ich kann nur hoffen, dass noch ein paar Rinderstädte aus dem Boden gestampft werden, damit es sich für die Leute lohnt, in diese gottverdammten Berge zu reisen.«

»Wir sind wohl die ersten Reisenden seit der letzten Kutsche?«, erkundigte sich C.C. beiläufig, stieß aber Lane mit dem Fuß an.

»Von wegen. War richtig was los in den letzten beiden Tagen. Ist ein kleines Wunder. Ich dachte schon, das würde anhalten, aber ich hab mich getäuscht.«

»Wohlhabende Reisende?«

»Nö, eine Horde von zwielichtigen Jungs. Zuerst kam so ein schwarzer Teufel hier vorbei. Hat mir eine Ladung Steaks weggefressen und ein halbes Fass Bier leergesoffen und wollte dann nicht dafür bezahlen. Hat nur zwei Dollar rausgerückt. Na, ich hab vielleicht getobt, sag ich euch.« Der Wirt blinzelte und schürzte die Lippen. »Ihr könnt eure Zeche doch bezahlen oder muss ich euch gleich rauswerfen?«

»Keine Sorge.«

»Na, und dann kam diese Horde angeritten. Haben sich nach dem schwarzen Satan erkundigt und wollten ihm ausrichten lassen, dass sie sich hier wieder mit ihm treffen würden. Hab den Anführer gleich erkannt. War der alte Jackson Lambert. Ist lange nicht mehr so gefährlich wie ein zahnloser Wolf, aber sein Neffe Cody schleppt zwei verdammt heiße Eisen mit sich rum.«

»Eine Lady war nicht zufällig hier?«

»Danach haben die Lamberts auch gefragt. Kann mich ums Verrecken nicht erinnern.«

C.C. stieß Lane an. Seufzend fischte der große Cowboy eine Münze aus der Brusttasche seines Hemdes und schob sie über den Tisch.

Der Wirt schnappte sie und biss mit zwei seiner verbliebenen Zähne darauf herum. »Tja also, abgestiegen ist sie nicht. Aber sie hat ihr Pferd getränkt und ist gleich weitergeritten.«

»Und das haben Sie den Lamberts erzählt?«

»Yeah.«

»Hätten Sie das nicht für sich behalten können? Ich meine, Sie können sich doch vorstellen, was mit der Lady geschieht, wenn diese Burschen sie in die Finger kriegen.«

»Ist nicht mein Bier. Ach so, wollen Sie noch was trinken?«

C.C. nickte heftig. Der Wirt füllte den Krug und brachte ihn herein.

»Da fällt mir gerade ein, Lambert wird bald wieder hier sein. Er wollte sich heute Abend mit dem schwarzen Kerl treffen. Ist mir gar nicht Recht, aber was will ich machen? Falls es euch nicht passt, könnt ihr euch ja rechtzeitig verziehen. Oder ihr verkriecht euch im Heu. Der alte Jack wird bestimmt nicht übernachten wollen.«

»Wir speisen erstmal.«

»Mann, Sie drücken sich aber gewählt aus. Was, glauben Sie, ist das hier, Söhnchen? Einer von diesen Feine-Pinkel-Läden in der Stadt, wo man karierte Decken auf den Tischen hat und sich weiße Tücher in den Kragen stopft?«

Lane trat auf den Vorbau und zog sein Rauchzeug aus der Tasche. Er hatte noch keinen Appetit.

Nora Manning war also hier gewesen. Ihr Vorsprung konnte nicht besonders groß sein. Andererseits, wenn sie ihr Pferd angetrieben hatte, konnte sie den Pass schon längst hinter sich gebracht haben.

Er bezweifelte es. Nach allem, was der Marshal über sie wusste, war sie eine Lady aus dem Osten und kannte sich in dieser Gegend überhaupt nicht aus. Lane vermutete, dass sie öfters gerastet hatte und sich irgendwo in den Bergen verkroch.

Mit etwas Glück würde er sie aufstöbern, bevor die Lambert-Bande sie fand.

Er hatte von den Burschen gehört. Sie hatten vor einigen Jahren die Gegend um die Saddler’s Range unsicher gemacht, waren dann aber von der Bildfläche verschwunden, als der alte Jackson schwer angeschossen worden war. Offenbar hatte man dem alten Wolf noch nicht alle Zähne ziehen können.

Er schnickte seine Zigarettenkippe in den Hof und kehrte in den Gastraum zurück. Martha brachte eben zwei Teller mit dampfenden Steaks. Obendrauf hatte sie riesige Portionen Kartoffeln, Bohnen und zwei Spiegeleier gepackt.

»Hörst du?«, fragte C.C.

Lane schüttelte den Kopf.

»Hör genau hin.«

Sogar der Wirt lauschte angestrengt, konnte aber nichts Auffälliges bemerken. Seine Stirn lag in tiefen Falten.

»Mensch, ihr müsst doch hören, wie mein Gaumen jauchzt!«

Lane rollte mit den Augen und wollte sich eben setzen, als das Rattern eines Wagens erklang. Leder knirschte, dumpfer Hufschlag ertönte.

Aber etwas passte nicht zu den Geräuschen.

Es war das dumpfe Dröhnen weiterer Pferdehufe.

Lane ging zur Tür und spähte hinaus.

Eine Reiterhorde hatte den Wagen vor dem Corral eingekreist. Lane erkannte den hageren Schauspieler, der ihn in der Garderobe des Saloons mit einem Hieb ausgeschaltet hatte.

Der Bursche hielt die Fuhrmannpeitsche umklammert und blickte ängstlich in die Runde.

»He, Klappergestell, hast du eine Lady gesehen?«

»Mein Name ist Phineas Hancock, Sir. Und ich würde es Ihnen vermutlich nicht sagen, selbst wenn es zuträfe!«

»Mister, du läufst Gefahr, dich an deinen großen Worten zu verschlucken. Soll mancher schon daran krepiert sein.«

»Ich habe selbst einige Ladys im Wagen. Was kümmert mich da eine Frau, die durch die Wildnis reitet?«

Phineas Hancock lief rot an und wurde gleich darauf totenbleich, als ihm auffiel, dass er sich verplappert hatte.

»Er hat sie also gesehen. Vielleicht hat er ihr sogar geholfen. Seht im Wagen nach!«, befahl ein nuschelnder Mittfünfziger, der schwerfällig im Sattel saß. Ein dicker Walross-Schnurrbart zierte seine Lippe.

»Ihr werdet in diesem Karren nichts finden, was euch interessiert!«, schrie Phineas Hancock und schlug mit der Peitsche nach den Reitern, die sich am hinteren Teil des Wagens zu schaffen machten.

Jackson Lambert zog seinen Colt. »Mister, wenn du nicht gleich die Peitsche wegwirfst, schieße ich dich in Stücke!«

Hancock bewies Mut. »Das dürfte ja ohnehin Ihre Absicht sein, Mister!«

»Kannst Recht haben. Wenn ich rausfinde, dass du der Lady geholfen hast, hilft dir nicht mal mehr Beten.«

»He, Boss, schau mal, was wir gefunden haben!«

Die Reiter johlten und pfiffen begeistert, als die vier Mädchen aus dem Wagen stiegen.

Ein junger Bursche, vielleicht noch nicht mal zwanzig, mit bleichem Pickelgesicht, beugte sich aus dem Sattel und griff Loma in den Ausschnitt. Seine Finger legten sich um ihre Brust. Schmerzhaft drückte er das Fleisch und freute sich tierisch, als das Girl schrie.

»Nimm deine dreckigen Pfoten von ihr, sonst lege ich dich übers Knie und hole das nach, was bei dir schon längst fällig gewesen wäre!«

Cody Lambert fuhr erschrocken hoch, als Amelia Hancock aus dem Wagen sauste und ihm an die Kehle fuhr. Die riesige Frau zerrte den jungen Revolvermann aus dem Sattel, schüttelte ihn mühelos wie eine Strohpuppe durch und schleuderte ihn gegen den Wagen.

Bevor sie nachsetzen konnte, starrte sie in die Mündungen zweier Revolver. Dem Jungen musste Amelia wie eine zornige Teufelin erscheinen. Er bebte vor Angst. Noch nie war eine Frau derart mit ihm umgesprungen.

»Sag ihr, sie soll zurückbleiben, Klappermann, oder ich leg sie um! So wahr ich Cody Lambert heiße, ich knall sie ab!«

»Ein seltsamer Ruhm, den Sie dadurch erlangen, dass Sie wehrlose Frauen ermorden, mein Junge.«

»Das Riesenweib ist nicht wehrlos. Die walzt alles nieder wie eine wild gewordene Büffelkuh!«

»Riesenweib? Büffelkuh?« Amelia stampfte mit geballten Fäusten auf Cody zu. »Jungchen, du bist entschieden zu weit gegangen. Und mit deinen beiden Schießeisen machst du überhaupt keinen Eindruck auf mich! Nur ein Jammerlappen verbirgt sich hinter Revolvern!«

Der Junge bog die Hämmer der Colts zurück. »Bleib stehen, Alte!« Die Finger an den Abzügen krümmten sich...

 

 

9

Nora Manning hatte die Passstraße längst verlassen und war schmalen Pfaden gefolgt. Diese Gegend, die nur aus majestätischen Bergriesen, tiefen Abgründen und schroffen Felswänden zu bestehen schien, kam ihr vor wie ein unüberwindliches Labyrinth. Ob sie jemals einen Weg aus diesem Irrgarten der Natur finden würde? Und wenn, würde sie bald eine Stadt erreichen, die einen Eisenbahnanschluss hatte? Oder wenigstens eine Kutschenstation?

Das Reiten strengte sie an. Sie war es nicht gewohnt, im Sattel zu sitzen. Ihr Hinterteil und die Innenseite ihrer Schenkel schien nur noch aus rohem Fleisch zu bestehen. Es wurde allmählich Zeit, dass sie wieder weiche Polster oder ein Bett unter sich spürte.

Nebelfetzen umwaberten die Beine des Pferdes. Das Tier war ziemlich erschöpft. Sie musste wieder eine Rast einlegen. Ohne das Pferd war sie verloren.

Sie fand einen schmalen Einschnitt, der sich ausweitete und den Blick auf eine grasbewachsene Stelle freigab. Hier entdeckte sie auch eine kleine Quelle, die direkt aus den Felsen zu entspringen schien.

Nachdem das Pferd seinen Durst gestillt hatte, labte sich Nora an dem erfrischenden Quell. Sie streifte ihr Hemd ab, wusch sich den Hals, die Brüste und den Bauch. Es tat gut, sich den Schweiß abwaschen zu können.

Sie stand auf und wollte zu ihrem Pferd gehen, um die Sattelgurte zu lockern. Danach würde sie sich ins Gras legen und ein paar Stunden schlafen. Es war unwahrscheinlich, dass man sie hier oben fand.

Der peitschende Knall einer Winchester brach sich an den umliegenden Felswänden. Die Kugel klatschte über ihr gegen das Gestein und jaulte als Querschläger davon.

Splitter regneten auf sie herab.

Nora schrie. Das Pferd wieherte schrill.

Das halbnackte Mädchen zerrte an den Zügeln, um zu verhindern, dass der Gaul davon stob. Sie drängte sich weiter in die Spalte hinein.

Wieder krachte das Gewehr. Man deckte sie mit Schüssen ein.

»He, Boys, ich hab sie!«, brüllte eine Stimme. »Was ich gesehen habe, verspricht uns eine Menge Spaß, Jungs. Die Kleine ist verdammt gut gewachsen!«

Nora schlüpfte hastig in Hemd und Jacke und kauerte sich neben dem Pferd an der Felswand nieder.

Die Schüsse rollten wie Donnergrollen durch die Berge. Die Kugeln jaulten um Nora herum. Gras und Erde spritzten vor den Hufen des Pferdes auf. Das Tier tänzelte nervös und wollte ausbrechen.

Nora sprang auf und tätschelte es beruhigend, während sie ihm ins Ohr flüsterte. Sie hatte viel über das Leben im Westen gelesen und war dankbar dafür. Alles schien der Wahrheit zu entsprechen. Aber dass man auf eine Frau feuerte, davon hatte nirgends etwas gestanden.

Denk nach!, forderte sie sich in Gedanken auf, Streng deinen Grips an! Du musst hier weg. Oder kämpfen!

Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg.

Es gab nur einen Weg aus dieser Spalte. Wenn sie nach draußen gelangen konnte, führte ein schmaler Pfad entweder nach oben oder zurück zum Pass. In jedem Fall aber fiel eine Seite des Pfades fast senkrecht ab. Sie hatte nur einen kurzen Blick in diesen Abgrund geworfen. Den Boden der Schlucht hatte sie nicht erkannt...

Kämpfen... Kämpfen... Kämpfen...!

Nur dieses eine Wort kehrte in ihr Gedächtnis zurück, füllte ihr gesamtes Denken aus. Was würde wohl dieser große Cowboy machen, der ihr gegen den Revolvermann beigestanden hatte? Würde er warten, bis sie ihn holten? Bestimmt nicht. Er würde sich den Weg freischießen!

Noras Blick fiel auf den Sattel. Der Scabbard war leer.

Es war zum Verzweifeln!

Fieberhaft durchsuchte Nora die Satteltaschen. Sie fand nichts, was als Waffe zu gebrauchen gewesen wäre. Dabei bewahrten viele Reiter eine Ersatzwaffe in den Taschen auf.

»Wir kommen und holen dich, Schätzchen! Royce wird dich lebend haben wollen, aber er kann nichts dagegen haben, dass wir uns ein wenig vergnügen!«

Dröhnendes Gelächter hallte auf. Nora presste ihre Hände an die Ohren und schluchzte.

Sie sollen aufhören. Aufhören! Hört endlich auf!

Sie verdrängte diese verzweifelten Gedanken und dachte wieder nur daran, dass ein gewisser Cowboy kämpfen würde.

Ich brauche eine Waffe!

Woher konnte sie in dieser Einöde einen Revolver bekommen?

Es gab nur wenige Leute hier oben, die Waffen trugen.

Nora hob den Kopf. In ihren Augen lag ein eigentümliches Glitzern.

»Wir verschwinden, mein Junge. Es dauert nicht mehr lange.« Ihr Flüstern war nicht mehr als ein kaum hörbares Krächzen. Sie wühlte in den Satteltaschen und brachte eine in ein Tuch eingewickelte, fast volle Flasche Brandy zum Vorschein.

Nachdenklich wog sie die Flasche in der Hand.

Sie hatte ihren Entschluss gefasst. Vorsichtig führte sie das Tier zum Rand des Einschnitts.

Die nächsten Minuten würden über ihr Schicksal entscheiden...

»He, Lady, es wäre besser für Sie, wenn Sie freiwillig kommen. Das erspart uns eine Menge Mühe. Das Hemd brauchen Sie nicht erst anzuziehen. Sie können uns einen kleinen Vorgeschmack geben!«

Nora streifte die Jacke ab.

»Kannst du haben, Mister«, murmelte sie. »Dass ihr Männer immer den Verstand verliert, wenn ihr eine nackte Frau seht. Das war bei Robert auch nicht anders...«

Lüsterne, erwartungsvolle Blicke richteten sich auf den Eingang der Spalte. Winchestergewehre richteten sich auf ihr Ziel. Sie würden die Lady auf keinen Fall erschießen. Aber sie würden ihr einen gewaltigen Schreck einjagen, bis sie jammernd auf den Knien lag und um ihr erbärmliches Leben flehte.

Dann konnten sie alles von ihr haben.

Alles...

Nora hatte Hemd und Jacke über den Arm gelegt und ließ sich in der Spalte sehen. Die Männer, die sie entdeckt hatten, hielten den Atem an.

Kalter Wind pfiff zwischen den Felswänden entlang. Er sorgte dafür, dass Nora fröstelte. Die dunklen Nippel, die sich deutlich von den vollen Brüsten abhoben, wurden hart.

»Seht euch dieses Prachtweib an. Das wird ein Fest, Freunde«, raunte der Bursche, der Nora zuerst ins Visier genommen hatte.

Ein Finger krümmte sich am Abzug, zog den Stecher durch.

Nora zuckte zusammen, als die Schüsse aufpeitschten. Kugeln schlugen um sie her und über ihr gegen die Felskanten, jaulten durch die Luft. Obwohl sie etwas Derartiges erwartet hatte, erschrak sie doch, aber sie durfte jetzt nicht die Nerven verlieren.

Nora machte noch zwei Schritte nach vorn, zog das Pferd mit sich. Wie sie vermutet hatte, schonten die Heckenschützen das Tier, um es selbst behalten zu können.

Nora sah es in den Felswänden vor sich grell aufblitzen. Als der Heckenschütze, der ihr am Nächsten war, wieder feuerte, warf sich Nora herum, prallte gegen die Wand und fiel zu Boden.

»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Schütze. »Ich hab sie erwischt. Warum ist sie auch nicht stehengeblieben, verdammt?«

»Quatsch nicht, sieh nach. Vielleicht hat sie nur einen Kratzer abgekriegt. Wir sollten sie unversehrt zu Royce bringen, sonst brauchen wir dort gar nicht erst aufzukreuzen. Der Kerl knallt uns ab wie räudige Straßenköter.«

Der verhängnisvolle Schütze kletterte aus der Felswand, sprang auf den schmalen Pfad und war mit wenigen Schritten neben Nora. Er stützte sich auf seine Winchester und drehte das Mädchen auf den Rücken.

Ihr Gesicht war bleich. Die Augen waren geschlossen. Nichts regte sich. Der nackte Brustkorb hob sich nicht.

Der Schütze beugte seinen Kopf herab und legte ein Ohr auf die Brust, suchte nach dem Herzschlag.

Und spürte ihn!

»Sie le!«

»Mehr brachte er nicht heraus. Als er sich aufrichtete, öffneten sich blitzartig die Augen in Noras Gesicht. Die braunen Augen starrten ihn wütend an. Der Atem stockte ihm. Er konnte nicht mehr reagieren, als Noras Hand nach oben sauste und die Brandyflasche mit voller Wucht gegen seine Stirn knallte.

Glas splitterte. Blut spritzte. Der Kerl schrie gellend, drückte beide Hände auf die stark blutende Wunde. Der Fusel brannte in seinen Augen.

Nora war sofort auf den Beinen, riss ihm den Revolver aus dem Holster, schwang sich in den Sattel und jagte auf den schmalen Pfad.

Doch sie hatte die beiden anderen Heckenschützen unterschätzt.

Sie waren sofort aus der Felswand geklettert, zu ihren Pferden geeilt und jagten in wildem Galopp heran. Schießen wollte keiner von ihnen. Sie wollten offenbar nicht riskieren, Nora doch noch zu verwunden oder gar zu töten.

Und genau diese Zurückhaltung wurde ihnen zum Verhängnis.

Noras Pferd rammte das Tier des vordersten Reiters mit voller Wucht. Erschrocken steilte das gegnerische Pferd hoch. Nora schlug mit dem Revolver zu, traf den Reiter über der Nase.

Er ließ die Winchester fallen, warf die Arme hoch, schrie gellend und verschwand in der unauslotbaren Tiefe des Abgrunds. Dumpf hallte sein gellender Todesschrei nach. Es dauerte verdammt lange, bis er verstummte.

Nora feuerte auf den herannahenden zweiten Reiter. Sie zielte nicht genau und zwang sich, beim zweiten Schuss genauer hinzusehen.

Sie traf.

Die erste Kugel schrammte über den Arm des Mannes. Dann war Nora nahe genug heran, um auf jeden Fall treffen zu müssen.

Durch den Pulverdampf sah sie das vor Entsetzen verzerrte Gesicht des Mannes, der eine halbnackte, schießende Amazone vor sich auftauchen sah. Sie drückte ab, fächerte den Hammer mit der Linken zurück, wie sie es auf einer Abbildung des Revolverhelden Wesley Hardin gesehen hatte, und zog den Stecher erneut durch.

Sie hielt sich nicht damit auf, den Getroffenen zu untersuchen. Hinter ihr peitschten Schüsse. Die Schmerzensschreie des Kerls, dem sie mit der Flasche zugesetzt hatte, gellten ihr nach.

Nora beugte sich zu dem Angeschossenen hinüber, riss ihm den Revolver aus dem Gürtel, drehte sich um und feuerte aus beiden Colts gleichzeitig. Drei, vier Kugeln gingen durch den ungewohnten Rückschlag fehl, dann aber wirbelte der Kerl mit der blutverschmierten Visage um die eigene Achse und rutschte an der Felswand entlang zu Boden.

Nora aber stieß einen schrillen Siegesschrei aus und preschte davon. Erst viele Meilen weit entfernt wagte sie anzuhalten und in ihre Kleider zu schlüpfen. Sie musste niesen.

»Verdammt«, fluchte sie überhaupt nicht damenhaft, »wenn ich einen Schnupfen kriege, mache ich Jagd auf euch!«

 

 

10

»Das ist der Mann, der ihr in der Garderobe aufgelauert hat!«

Phineas Hancocks Stimme überschlug sich, als er in höchster Not auf Lane Briggs deutete. Er selbst konnte nichts für die Rettung seiner geliebten Amelia tun, aber der Cowboy sah doch ganz danach aus, als sei er aus anderem Holz geschnitzt.

Cody Lambert rollte herum und starrte zu der Veranda hinüber, auf der Lane erschienen war.

Jackson Lambert zog sein Pferd herum. »Holen wir ihn uns!«

Lane wartete nicht, bis die Banditen anstürmten. »Arbeit, C.C.!«, brüllte er und feuerte bereits, als er sich in das Haus zurückzog.

Er rammte die Tür zu. Die Kugeln schlugen in das Holz und gegen die Hauswand. Aber den starken Bohlen und Baumstämmen konnten sie nicht viel anhaben.

»Immer beim Essen!«, beschwerte sich C.C., als mehrere Projektile das Fenster zerschmetterten und er unter dem Tisch Deckung suchen musste. Prompt fegte eine Kugel den Teller vom Tisch.

»Himmeldonnerwetter, ihr Saukerle! Ich hasse es, wenn man mich beim Essen stört!«, brüllte C. C., rollte unter dem Tisch hervor und flitzte schießend ans Fenster. Zwei, drei Banditen wurden von seinem heißen Blei getroffen und wirbelten aus dem Sattel.

»Das wird euch lehren, euch mit Case Christmas anzulegen!«

Die Antwort waren einige hastig abgefeuerte Schüsse, die Case umschwirrten.

»Wohl doch nicht«, murmelte er, als er unsanft auf dem Hosenboden landete.

Lane holte zwei Mann vom Pferd, sauste in die Küche und suchte nach einem Hinterausgang.

»Gibt`s hier nicht«, meinte der Wirt. »Ihr könnt höchstens durch den Heuschober raus.«

Lane überlegte in fieberhafter Eile. Das Heu! Dort lag die Rettung.

Mit dem Revolverlauf stieß er die gusseiserne Ofentür auf. »Der Heuschober, Case!«, brüllte er.

»Schon kapiert«, rief C.C. zurück und wieselte auf seinen Säbelbeinen zu der Wand, in der sich der Durchgang zum Anbau befand. Die Tür bestand aus zwei Hälften. Die untere Hälfte war verriegelt. C.C. rüttelte daran, aber der Riegel klemmte.

»Hühnerkacke, verfluchte!« C.C. hechtete über die Türhälfte und tauchte in das Heu ein.

Gleich darauf segelte ein lichterloh brennendes Holzscheit hinterher und setzte das Gras in Brand.

Lane stand bereits an der Tür, den Colt frisch aufgeladen, als die ersten Rauchschwaden aus dem Anbau zogen. Die Banditen wurden darauf aufmerksam.

»Sie wollen aus dem Heuschober ausbrechen! Legt sie um!«, brüllte Jackson Lambert.

Aus dem Anbau wurde geschossen. Mit irrem Gebrüll sauste ein rußiger, in schwelende Kleider gehüllter Teufel aus den Flammen hervor und jagte heißes Blei zu den Banditen hinüber, die vor Schreck die Fassung verloren.

»C.C., du Teufelskerl!«, zischte Lane, sprang durch die Tür und hämmerte seine Schüsse aus dem .44er.

Und um das Durcheinander noch perfekt zu machen, humpelte der Wirt auf den Vorbau und ließ eine Schrotbüchse krachen.

Das war den Banditen dann doch zu viel. Lambert blies zum Rückzug, konnte es sich aber doch nicht verwehren, auf den schwelenden Weihnachtsmann anzulegen.

C.C. war wie erstarrt vor Schreck. Sein Colt war leer geschossen, und er hatte dem Banditenchef nichts mehr entgegenzusetzen.

»Zurück in die Hölle, wo du hingehörst!«, brüllte der Bandenchef.

»Lambert!« Lanes Schrei hallte über den Hof.

Lambert feuerte.

C.C. stand breitbeinig da und starrte in das Mündungsfeuer, wartete auf den Einschlag der Kugel.

Lambert riss das Pferd herum und feuerte von der Hüfte aus, aber Lane war um den entscheidenden Moment schneller...

Als Lamberts Gesicht sich in eine blutige Fratze verwandelte und er rücklings aus dem Sattel fiel, wandte sich sein Neffe Cody um, jagte einige wilde Schüsse herüber. »Dein Gesicht merke ich mir, Cowboy!«, kreischte er und verschwand in einer Staubwolke.

C.C. stand immer noch breitbeinig vor dem brennenden Heuschober, während die Löscharbeiten in vollem Gange waren, Amelia und die Mädchen hatten eine Eimerkette gebildet. Das Gebäude würde man retten können, aber das Heu war verloren.

»Mister, ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, freute sich Phineas Hancock und schüttelte Lanes Hand wie einen Pumpenschwängel. »Sie haben meine teuerste Amelia vor dem sicheren Tod bewahrt.«

»Und Sie haben durch Ihren blöden Nackenschlag Nora Manning in größte Gefahr gebracht, Mister«, gab Lane zurück.

Phineas verschluckte betreten seine weiteren Worte.

Als er sich gefasst hatte, tapste er betreten von einem Fuß auf den anderen. »Ich wollte Nora doch nur beschützen, Sir. Ich fürchte, ich habe da eine Dummheit begangen.«

»Den Eindruck habe ich allerdings auch.«

»Darf ich fragen, welche Verbindung zwischen Ihnen und Miss Nora besteht, Sir?«

»Er liebt sie.«

»Sie lieb...« Phineas stockte und blinzelte verwirrt, denn die Antwort war nicht von Lane gekommen.

Lane kümmerte sich nicht weiter um Phineas, sondern half den Mädchen beim Löschen. Als die Arbeit endlich getan war und sie schweißgebadet zum Haus gingen, blieb Lane dicht vor C.C. stehen. »Danke für deine Hilfe, Mister Christmas.«

»Gern geschehen.«

»Kannst du mir mal verraten, was du damit bezweckst?«

»Womit?«

»Hier so überflüssig rumzustehen.«

»Ich kann mich nicht rühren. Ich bin tot.«

»Dafür scheint dein Mundwerk ein Eigenleben zu besitzen. Zu deiner Information – ich liebe Nora Manning nicht!«

»Tust du wohl.«

»Noch ein Wort und ich sorge dafür, dass du wirklich auf einer Wolke die Rentiere füttern kannst.«

»Du kommst zu spät. Ich hab gesehen, wie Lambert mich erschossen hat.«

»Hast du die Kugel gespürt?«

C.C. schüttelte sacht den Kopf.

»Konntest du ja auch gar nicht. Sie ist in den Boden gefahren. Ungefähr hier.« Lane zog mit der Stiefelspitze eine Linie zwischen C.C.s Beinen.

Der krummbeinige Cowboy senkte den Kopf. »Dann muss er ja...« Hastig legte C.C. seine Hände auf seine Manneszierde. »Das ist ja noch viel schlimmer.«

»Schade. Bei den hübschen Küken, die hier rumlaufen...«

»Wo?«

Lane wandte sich ab und ging zum Haus. »Hat dich nicht mehr zu interessieren, Partner. Du bist ja tot.«

Später saßen sie um den großen Tisch herum. Die ausgehungerten Mädchen langten heißhungrig zu und füllten ihre Bäuche.

C.C. war auf wundersame Weise wieder zum Leben erweckt worden, nachdem Lane die vier Girls nach draußen geschickt hatte und sie gebeten hatte, ihn zu küssen. Er saß zwischen ihnen und achtete darauf, dass jede von ihnen auch wirklich satt wurde.

»Wo haben Sie Miss Manning zuletzt gesehen?«, fragte Lane.

»Oben bei den Hügeln. Sie zog es vor, ihren Weg allein fortzusetzen. Wir wollten nach Three Meadows, haben uns aber etwas verfahren. Und nun ist Nora auf sich allein gestellt. Verfolgt von diesen Banditen. Sie kennt sich nicht aus und wird sich in den Bergen verirren. Sie wird verhungern, verdursten, von Wölfen zerrissen...«

Amelia versetzte ihm einen harten Knuffer, der ihn in die Wirklichkeit zurückbrachte.

»Dazu lasse ich es nicht kommen.«

»Ach, guter Sir, wenn Sie die Güte hätten, die Kleine zu retten und unter Ihre Fittiche zu nehmen. Sie ist meiner teuren Gattin Amelia sehr ans Herz gewachsen, müssen sie wissen. Und mir auch ein bisschen...«

»Klar wird sich Lane ihrer annehmen. Er liebt sie ja...«

Lane packte C.C. im Nacken und schüttelte ihn kräftig durch.

Man verbrachte einen langen Abend im Blockhaus. Lane und C.C. würden in aller Herrgottsfrühe aufbrechen. Bis dahin hatten sich die Banditen wahrscheinlich in ihren Schlupfwinkel zurückgezogen.

C.C. hatte den Mädchen in einer Ecke des Gastraumes ein Lager bereitet und leistete ihnen Gesellschaft, während Lane, die Hancocks und das Wirtsehepaar am Tisch saßen und sich leise unterhielten.

C.C. führte das große Wort, aber er war schließlich doch derjenige, der zuerst in tiefes Schnarchen verfiel und inmitten der Mädchen selig schlummerte.

»Die Schießerei hat mir den Rest gegeben«, meinte der Wirt. »Wenn Sie nicht dagewesen wären, hätten die Kerle Kleinholz aus dieser Station gemacht. Ich könnte noch jemanden wie Sie gebrauchen, Cowboy.«

»Danke, aber ich träume von einer eigenen Ranch. Aber wie wär`s mit Amelia? Sie ist resolut und kann zupacken. Und die Mädchen können das ebenfalls. Und sie könnten zur Unterhaltung der Gäste beitragen. Die erste Kutschenstation mit Unterhaltungsprogramm, sozusagen.«

Lane bemerkte mit Genugtuung, wie Amelias Augen hoffnungsvoll glänzten. Und diesmal wollte Amelia die Entscheidung ihres Gatten abwarten.

»Das Haus, von dem ich immer geträumt habe«, flüsterte sie.

»Na ja, ein Vorschlag, über den man durchaus nachdenken sollte«, meinte Phineas Hancock noch zurückhaltend, aber die dicke Eisschicht wies bereits tiefe Risse auf.

Lane trat auf den Vorbau und rauchte, während er in die Nacht starrte und an Nora Manning dachte, die irgendwo in diesen Bergen herumirrte.

 

 

11

Sie hatte völlig die Orientierung verloren.

Über schmale, kaum begehbare Grate kletterte sie durch diese kalte, trostlose Bergwelt. Sie fror. Eng hatte sie die Jacke über der Brust zusammengezogen. Sie versuchte, das Zähneklappern zu kontrollieren.

Ein Feuer konnte sie nicht entfachen. Es gab kein Holz, und wenn sie doch auf ein paar abgestorbene Wurzeln oder trockene Zweige stieß, befürchtete sie, dass ihre Verfolger den Feuerschein von Weitem sehen konnten.

Zitternd kauerte sie sich auf einer schmalen Felsplatte nieder. Das Pferd war mit hängendem Kopf hinter ihr her getrottet und stand nun schnaubend einige Schritte entfernt. Es suchte auf dem kargen Boden nach Essbarem, fand aber nur vereinzelte dürre Grashalme.

»Wir sitzen ziemlich tief im Dreck«, murmelte Nora. Das Tier hob die Ohren und lauschte der inzwischen vertraut gewordenen Stimme.

Ihre Finger huschten über den Griff des Revolvers, der aus ihrem Hosenbund ragte. Sie zog die schwere Waffe, öffnete den Verschluss der Trommel und überprüfte die Kammern.

Noch vier Kugeln.

Der andere Colt war leer geschossen. Sie hatte ihn längst weggeworfen.

Wenn man sie einholte, würde sie versuchen, diesen schwarz gekleideten Schießer zu erwischen. Mit etwas Glück traf sie so gut, dass er sich zurückzog oder die Verfolgung aufgab.

Aber auch Zweifel keimten in ihr auf. Er war bestimmt sehr gut mit den Revolvern. Robert hatte sicherlich keinen Anfänger auf ihre Spur gesetzt. Sie fragte sich, wie viel er wohl dafür bezahlt hatte, dass man sie umbrachte. Oder dass man sie zu ihm zurückschaffte.

Sofort verwarf sie den letzten Gedanken wieder. Was sollte Robert schon mit ihr anfangen wollen? Er war völlig in diese Sängerin vernarrt und wollte Nora nur loswerden. Er hatte ihr das schlimmste Schicksal zugedacht, das man sich nur vorstellen konnte. Den Rest ihres Lebens hätte sie unter Kreaturen verbringen sollen, die man kaum mehr als Menschen bezeichnen konnte.

Vergessen von der Welt erlebten sie die schlimmsten Qualen, bis ein gnädiger Tod ihrem Leid ein Ende setzte.

Es waren lebende Tote...

Obwohl sie atmeten, aßen und tranken, obwohl Blut durch ihre Adern floss, waren sie für die Gesellschaft gestorben.

Sie existierten nicht mehr...

Der Schmerz krampfte Noras Herz zusammen. Sie schluchzte. Heiße Tränen wallten auf, zogen tiefe Schlieren über ihre schmutzigen Wangen. Sie zog die Nase hoch und wischte sich mit dem Jackenärmel über das Gesicht.

Nicht aufgeben!

Einen Augenblick lang dachte sie an den Colt.

Vier Schüsse.

Vier Männer, die sie aus dem Sattel holen konnte, wenn alles gut lief.

Aber andere würden ihren Platz einnehmen. Mit vier Kugeln kam sie nicht weit. Sie würden über sie herfallen, ihr Schlimmes antun, sie peinigen, ihr unsagbare Schmerzen und Erniedrigungen zufügen, wenn man sie schnappte.

Drei Kugeln. Drei Verfolger.

Der letzte Schuss für sie selbst...

Keuchend ging ihr Atem. Das Blut, das durch ihren Körper rann, schien sich in Eiswasser verwandelt zu haben. Sie spürte den eisigen Bergwind nicht, der an ihrer Kleidung zerrte.

Würde sie den Mut haben, die Waffe gegen sich selbst zu richten?

Sollte sie nicht schon hier und jetzt ein Ende machen?

Warum floh sie, wo sie doch keine Chance mehr hatte?

Der Colt wog schwer in ihrer Hand. Die Finger strichen über das kalte Metall. Sie hob die Waffe, setzte die Mündung an ihre Stirn. Ein eigenartiges Gefühl überkam sie. Der Stahl schien sich in ihre Haut zu brennen, erzeugte einen dumpfen Druck.

Sie bog den Hammer zurück.

Das Pferd hob den Kopf, als sich die Trommel klickend drehte.

Noras Finger krümmte sich um den Abzug.

Sie schloss die Augen, atmete tief durch und...

... brachte es nicht fertig...

Ein neuer Versuch. Schweiß trat auf ihre Stirn. Die Mündung der Waffe hatte einen roten Kreis auf ihrer Stirn hinterlassen. Das Metall wanderte tiefer, rutschte wie von selbst zwischen ihre Lippen.

Ihre Zunge schmeckte den widerwärtigen, säuerlichen Geschmack des Metalls und das ranzige Waffenöl.

Wie würde es sein, wenn sie mit einer kurzen, entschlossenen Bewegung des Zeigefingers ihr Gehirn gegen die Felswand spritzte? Würde sie Schmerzen haben? Würde es gleich beim ersten Schuss gelingen?

Oder würde sie als schwer verwundetes Bündel Mensch auf dieser Felsplatte liegen, zitternd, keines klaren Gedankens mehr fähig, und auf den Tod warten, der nicht kommen wollte? Würde sie mitbekommen, wie jedes Glied ihres Körpers langsam abstarb, wie das Blut Tropfen für Tropfen aus ihrem Körper sickerte und keine Kraft mehr haben, die Qual zu beenden?

Ihre Lippen schlossen sich um den Revolverlauf.

Es tut mir Leid, Pferd!

Der Finger krümmte sich.

Tränen strömten unter den Lidern hervor. Sie konnte sie nicht zurückhalten.

Ihr Körper wurde von leisem Schluchzen geschüttelt.

Es tut mir Leid, Amelia! Phineas!

Ihr vorletzter Gedanke galt diesen beiden Menschen, die ihr mit Zuneigung begegnet waren, obwohl sie wussten, dass sie auf der Flucht war. Sie hatten ihr grenzenloses Vertrauen entgegengebracht.

Der letzte Gedanke aber galt einem Cowboy mit strahlend blauen Augen...

Der Finger zog den Stecher weiter zurück...

Und nur der Wind und ein Pferd waren Zeuge des Dilemmas, das Nora Manning umgab...

 

 

12

»Welcher pferdefüßige Satan hat dich bloß geritten, dass du mir ein brennendes Scheit nachgeworfen hast?«

Lane hatte den Schecken auf einer Anhöhe gezügelt. Vor ihm teilte sich der Pfad. Rechter Hand führte er in die zerklüfteten Bergregionen hinein, links verlief er daran vorbei, um nach etlichen Meilen auf einen breiteren Weg zu treffen, der nach Three Meadows führte.

»Ich konnte ja nicht ahnen, dass du im Heu Unterschlupf suchen würdest.«

»Nun mach aber mal ’nen Punkt! Du warst es doch, der mir gesagt hat, ich soll...«

»Ich hab dich nur auf den Heuschober hingewiesen. Ich nahm an, du hättest den gleichen Einfall wie ich und würdest das Heu ebenfalls in Brand stecken.«

»Hast du schon mal gehört, dass zwei so unterschiedliche Partner die gleichen Gedanken denken? Wenn du in ein Schlammloch hüpfst, meinst du dann, der gute C.C. ist so blöd und macht es dir nach? Weit gefehlt, Mister, denn C.C. würde nicht mal einen kleinen Finger rühren, um dich aus der Pampe wieder rauszufischen!«

Während er lautstark zeterte, beobachtete C.C., wie Lane eine Münze aus der Brusttasche zog.

»Kannst du mir mal verraten, was du mit einem Vierteldollar in dieser Einöde anfangen willst? Du kannst höchstens die Bussarde bestechen, dass sie nicht an unseren traurigen Gebeinen knabbern, wenn wir uns den Hals brechen, aber ich bezweifle, ob die Viecher scharf auf dein Geld sind...«

»Ich spiele darum, ob du weiter mit mir reitest und mir jeden Nerv mit deinem Gezeter tötest oder ob du direkt nach Three Meadows reiten wirst.«

C.C. schluckte und blinzelte Lane von der Seite an. »Das ist nicht dein Ernst!«

Die Münze flirrte durch die Luft.

»Pah! Ich lasse mich von dir doch nicht mit miesen Taschenspielertricks abspeisen! Wie die Münze auch fällt, du wirst mich ertragen müssen, denn...«

»Sag was.«

»Zahl!«

»So long, Partner.«

»He, warte, du hast mich ja noch gar nicht ausreden lassen!«

»Ich lausche.«

»...denn ich kenne mich hier aus wie in meiner leeren Geldbörse.«

»Was du nicht sagst!«

»Man folge mir, Gevatter. Du willst in die Berge und Case Christmas kennt eine erstklassige Abkürzung!«

Lane zog den Stetson tiefer in die Stirn und folgte seinem Gefährten wider besseres Wissen und ein Gefühl des Misstrauens, das ihn noch selten getrogen hatte.

Nach dreistündigem Ritt durch unwegsames Gelände, auf dem längst kein Pfad mehr zu erkennen war, ritt Lane an seinem Partner vorbei nach vorn.

»Abkürzung nennst du das?«, zischte er. »An diesem verdammten Felsen, der mich an deinen Eierkopf erinnert, sind wir schon viermal vorbeigekommen! Abkürzung! Dass ich nicht lache! Von jetzt an führe ich!«

»Hab keinen Eierkopf. Höchstens einen Holzkopf, aber keinen Eierkopf!«, maulte C.C.

Zur Bekräftigung klopfte er mit der Faust auf die Stirn. Schmerzlich verzog er das Gesicht und folgte seinem Partner.

»Bist du immer noch sauer auf mich?«, fragte er nach einer Weile.

»Wenn ihr etwas zustößt, während wir hier unsere Zeit und Kraft verplempern, ziehe ich dir dein Fell über die Schlitzohren!«

»Ach, mach dir da mal keine Sorgen. Mit Frauen wie ihr habe ich so meine Erfahrung. Die sind wie Katzen. Sie fallen immer wieder auf die Pfoten...«

C.C. zuckte zusammen, als ein Schuss wie Donnergrollen durch die Berge rollte.

»Komisches Gewitter. Hab gar keinen Blitz gesehen. Es wird gleich regnen, Lane!«

»Es wird Blei hageln, Partner! Da sind ein paar Kerle auf Katzenjagd!«

Lane preschte über eine weite Geröllhalde. Der Boden gab unter den Hufen des Schecken nach, aber das Tier war das Gebirge gewohnt. Mit weiten Sätzen jagte es dahin, entging dem rutschenden Gestein und fand wieder festen Halt.

Lane erkannte einen schmalen Grat, der gerade Platz für sein Pferd bot. Er lenkte das Tier hinauf und an einer schroffen Felswand entlang.

Weitere Schüsse waren nicht aufgeklungen, aber das wollte nichts heißen.

Vielleicht hatte man Nora Manning bereits mit der ersten Kugel vom Pferd geholt.

Vor ihm teilte sich der Fels. Der Grat stieg steil an, führte immer höher und tiefer in das Gebirgsmassiv.

Der kalte, schneidende Wind zerrte an Lanes Kleidung.

Er achtete nicht darauf. Mit Schenkeldruck trieb er den Schecken an, der gewandt zwischen den Felsen dahinkletterte.

Endlich erreichte Lane einen breiteren Pfad, der an unergründlich tiefen Abgründen und glatten, nicht erkletterbaren Felswänden entlangführte.

Vor einer Wegbiegung verhielt er das Pferd und schaute zurück. Weit unter ihm folgte C.C und außer dem Hufgeklapper seines Fuchswallachs war nur sein anhaltendes Gezeter zu hören.

Lane wartete, bis sein Partner heran war, bevor er seinen Weg fortsetzte.

Er kam nicht weit.

Als er die Biegung umrundete, blitzte es in einer Felswand gegenüber auf.

»Ha, es blitzt! Ich habs doch gewusst! Das Wetter in diesen Bergen...«

C.C. zuckte zusammen, als die Kugel an Lanes Kopf vorbeisauste und an seinem verbeulten Hut zupfte.

»Miserables Gesindel! Nichtmal in diesen einsamen scheiß Bergen können sie einen in Frieden lassen! Wie oft soll ich es noch sagen, dass ich keines dieser Bergviecher bin, das man einfach so abknallen...«

Das Wummern einer Winchester unterbrach das »... knallen... nallen... nal len...« von C.C.s Echo. Mit einem mächtigen Satz war der krummbeinige Geselle aus dem Sattel, hatte den Karabiner aus dem Sattelschuh gezerrt und deckte die Heckenschützen mit Blei ein.

C.C. konnte nicht nur mit dem Colt, sondern auch mit einer Winchester verdammt gut umgehen. Er hatte sich eine eigene Methode angewöhnt, aus der Hüfte zu feuern.

Auch Lane feuerte auf die kaum sichtbaren Gegner, die sich in den Felsen gut verborgen hatten. Aber die beiden Cowboys deckten die Schützen derart mit heißem Blei ein, dass sie bald die Lust verloren, sich weiter mit Lane und C.C. anzulegen.

Lane verlor keine Zeit mehr. Er jagte den Weg entlang und drückte sich dabei nach Indianerart an die Flanke des Pferdes. Vereinzelte Schüsse gingen fehl und klatschten harmlos gegen die Felsen.

Dann waren die beiden im Gewirr des Bergmassivs verschwunden.

»Der Schuss von vorhin muss sie aufgeschreckt haben«, vermutete Lane. »Wir müssen Nora finden, bevor diese Stinktiere uns zuvorkommen!«

»Ich denke, du brauchst nicht mehr lange zu suchen«, meinte C.C. und nickte zu einem Pferd hinüber, das ihnen mit hängenden Zügeln entgegentrottete.

Lane warf sich aus dem Sattel, rannte den Weg entlang, kletterte in eine Mulde, die von großen Felsblöcken begrenzt war.

Und sah – sie...

 

 

13

Der Colt lag vor ihr auf dem Boden.

Sie zitterte wie Espenlaub. Ihr bleiches Gesicht hob sich von der dunklen Kleidung ab.

Sie hatte den Kopf gegen den Fels gelegt.

Lane war mit wenigen Schritten bei ihr.

»Ich konnte es nicht«, brachte sie mühsam mit tränenerstickter Stimme hervor. »Ich musste immer wieder daran denken, wie ich hier lag, mit halb zerfetztem Kopf, und langsam und qualvoll sterben würde. O Gott, es war so schrecklich...«

Lane hob die Waffe an. Der Lauf war noch warm. Der Schuss musste sich gelöst haben, als sie den Colt hatte fallen lassen.

»Alles wird gut«, sagte er leise und legte seinen Arm um sie.

Er irrte sich.

Der Hufschlag hallte zwischen den Felswänden auf. Es musste eine größere Anzahl Reiter sein, die über den schmalen Pfad heranpreschten.

Vielleicht hatten sie auch einen breiteren Weg gefunden, den Lane nicht kannte. Jedenfalls würde es hier sehr bald schon äußerst ungemütlich werden.

»Halt sie auf, C.C.!«, brüllte Briggs, hetzte zu seinem Pferd und schwang die Winchester aus dem Scabbard.

Schon bellten die ersten Schüsse. Durch die Nebelschwaden, die hier oben alles etwas unheimlich erscheinen ließen, konnte Lane den schwarz gekleideten Zweihandmann erkennen. Er nahm ihn aufs Korn, verfehlte ihn aber.

Der Killer segelte aus dem Sattel, rollte über den Boden und feuerte aus beiden Revolvern hinter einem Felsen hervor.

Nora Manning schrie wild auf. Ihre ganze Wut, die Verzweiflung und die Entschlossenheit, sich nicht aufzugeben, lagen in diesem Schrei. Sie fegte den Sechsschüsser vom Boden hoch und rannte zu ihrem Pferd, das jedoch in diesem Augenblick erschrocken aufsteilte.

Nora bekam die Zügel zu fassen. Das Pferd jagte in die Mulde, in der sie gekauert hatte, zwischen den Felsbrocken dahin, und war verschwunden.

Und mit ihm Nora Manning!

»Sie haut ab!«, brüllte der Schießer. »Haltet sie auf!«

Es gelang den Verfolgern nicht, der Flüchtigen nachzureiten, denn Lane und C.C. hielten sie in Deckung.

Im Kugelhagel schwang sich Lane auf den Schecken und jagte Nora nach. Er fürchtete, dass sie sich zu Tode stürzte.

Weit voraus konnte er sie zwischen den wabernden, milchigen Dunstschleiern erkennen. Sie klammerte sich verzweifelt am Sattel fest. Eine Hand lag auf dem Sattelhorn, ein Fuß steckte im Steigbügel. Aber sie hatte offenbar nicht die Kraft, sich auf das Pferd zu schwingen.

Hinter ihm wurde geschossen. Auf C.C. konnte er sich verlassen. Der kleine Cowboy würde der Verfolgermeute kräftig einheizen.

»Versuchen Sie, das Pferd zu zügeln!«, brüllte Lane.

Nora hatte ihn wohl nicht verstanden. Sie machte keine Anstalten, das rasende Tier zum Stehen zu bringen.

Lane erkannte die Gefahr, bevor Nora sich ihrer bewusst wurde. Weit voraus lichteten sich die Nebelschwaden und gaben einen Moment lang den Blick auf eine breite Spalte frei, die sich quer über den Weg zog.

So wie Noras Pferd dahingaloppierte, würde es springen müssen.

Aber mit der menschlichen Last würde es den Sprung nicht schaffen. Wenn Nora im Sattel saß, hatten sie vielleicht eine Chance.

Aber so würden beide in den Tod stürzen!

»Anhalten!«, brüllte Lane und stellte sich im Sattel auf. »Sie können nicht springen!«

Nora warf einen Blick zurück. Das braune Haar umflatterte ihren Kopf, klatschte in ihr Gesicht. »Springen? Der ist wohl von Sinnen!«

»Verdammt, Sie dürfen nicht springen!«

»Das scheint eine fixe Idee zu sein, Mister. Ich werde auf keinen Fall spring...!«, brüllte Nora, wandte den Kopf und sah die breite Kluft vor sich auftauchen.

»Aaaahhhh!«

Für Nora gab es nur eine Möglichkeit, dem Tod zu entgehen. Sie musste sich von dem Pferd trennen.

Instinktiv gab sie den Sattel frei, warf sich zur Seite. Jeden Augenblick musste der Aufprall kommen, der Schmerz.

Er kam nicht.

Nora wirbelte durch die Luft, kam mit dem Fuß auf dem Boden auf. Das Erdreich bröckelte unter ihrem Tritt, und der Sturz wurde nicht aufgehalten.

Während das Pferd schrill wiehernd über den Abgrund sprang und mit letzter Kraft auf der anderen Seite aufkam, sauste Nora Manning in die Tiefe!

Verzweifelt krallten sich ihre Finger in losem Erdreich und hartem Fels fest, suchten nach einem Halt. Sie bekam eine Wurzel zu fassen.

Der Fall wurde gebremst.

Nora lachte schrill und irr, schickte ein Dankgebet zum Himmel. Das Lachen lag noch auf ihren Lippen, als sich der Wurzelstrang aus der Felswand löste...

Das Lachen verwandelte sich in einen gellenden Angstschrei.

Dann kam der Ruck, der ihr beinahe den Arm aus dem Schultergelenk riss.

»Nicht nach unten sehen!«

Sie tat es trotzdem.

Eisiger Schreck durchzuckte sie. Todesangst hielt sie gepackt.

Sie konnte den Boden der Schlucht nicht sehen!

Sollte dies das Ende ihrer Flucht sein? Sollte sie einem schrecklichen Schicksal entgangen sein, nur, um in dieser nebelumwaberten Schlucht mit gebrochenen Gliedern zu verrotten?

»Bleiben Sie ruhig. Ich werde sie ganz langsam nach oben ziehen!«

Sie hob den Kopf. Hoffnung lag in ihrem Blick, als sie in die strahlend blauen Augen des Cowboys schaute. Er lächelte sie zuversichtlich an.

Wärme erfüllte sie. Dieser Mann hatte sich schon wieder für sie eingesetzt, obwohl er sie gar nicht kannte. Robert hätte das wohl niemals für irgendjemanden getan. Er half anderen nur, wenn er sich einen Vorteil davon versprach.

Der Griff um ihr Handgelenk verstärkte sich. Langsam glitt sie nach oben. Ihr Retter schob sich Zoll um Zoll nach hinten, hielt eisern fest. Unendlich langsam hob sie sich dem Rand der Schlucht entgegen.

Ihr Herz pochte bis zum Hals, als sie die Felskante näher kommen sah. Sie streckte den linken Arm hoch, um den Cowboy zu unterstützen, strampelte mit den Beinen, um in der Wand eine Stelle zu finden, an der sie sich abstützen konnte.

»Halten Sie still, verdammt noch mal!«, stieß Lane Briggs hervor. Die Anstrengung ließ ihn zittern. Schweißtropfen rollten in seine Augen. Es brannte höllisch.

Nora spürte den Schmerz in ihrer Schulter kaum noch. Ihr Arm drohte taub zu werden. Sie schwitzte. Die Kleidung klebte an ihrem Körper.

Und dann kam der Augenblick, in dem sie feststellte, dass ihr Arm aus dem Klammergriff des Retters rutschte!

»Nein! Gütiger Gott, bitte nicht!«, flüsterte sie.

»Haben Sie was gesagt, Lady?«

Nora bewegte die Lippen, brachte aber keinen Ton heraus. Ihr Blick war auf das Handgelenk fixiert, das langsam aus dem Griff der behandschuhten Hand glitt.

»Ich... verstehe... nichts, Lady! Gleich... haben wir... es...«

Lanes Stimme zitterte vor Anstrengung.

»Ich... rutsche!«

Nun spürte auch er es, fasste hastig mit der Linken nach, aber es war zu spät.

»Nein! Es darf nicht sein!«

Sie wollte mit der Linken seinen Arm umklammern, doch auch diesmal rutschte sie ab. Der Staub auf ihren Handflächen verhinderte, dass sie fest zupacken konnte.

Lane Briggs starrte in ihr Gesicht, in dem sich ihre Todesangst widerspiegelte.

Es darf nicht sein!, flehte er in Gedanken nochmal.

Sie rutschte ihm buchstäblich durch die Finger. Seine Faust schloss sich. Er registrierte nur schwach, dass er sie nicht mehr hielt.

Ihr gellender Schrei hallte in seinen Ohren, drang in sein Bewusstsein. Mit rudernden Armen und Beinen entschwand sie seinem Blick, wurde von den Nebelschwaden verschlungen.

Und ich weiß nicht mal seinen Namen, dachte Nora Manning, während der gähnende Schlund sie verschluckte.

 

 

14

»Ja, komm, fester! Du kannst es! Mach mich glücklich!«

Christina Appleby hatte ihre Fingernägel in die Haut seines schmalen Rückens gekrallt. Sie ließ die Finger langsam nach unten wandern, bis sie seine zuckenden Hinterbacken erreicht hatten.

Lautes Stöhnen erklang. Der Körper über ihr klebte von Schweiß. Es widerte sie an, aber gleichzeitig verlangte es sie nach einem Höhepunkt. Lange hatte sie dieses Gefühl entbehren müssen.

Außer wenn sie es sich selbst besorgt hatte...

»Komm, dreh dich um. Diesmal sollst du nicht enttäuscht werden!«

Sie glitt unter ihm hervor, kniete vor ihm und hielt sich an dem Messingbettrahmen fest. \

Sie spürte kaum, wie er in sie eindrang. Als er sich aber in ihr bewegte und weiter wuchs, härter wurde und sie mit seiner Wärme ausfüllte, passte sie sich seinem Rhythmus an.

Seine Hände krochen zu ihren kleinen Brüsten, die wild hüpften. Er bedeckte sie ganz mit seinen Händen, während sein Bauch gegen ihre knackigen Hinterbacken klatschte.

»Hah... hah... hah... haaaaahhhh!«, machte er.

»Noch nicht, Darling. Ich bin noch nicht so weit«, wollte Christina ihren Liebhaber bremsen, doch er hatte die Schwelle zur Erlösung längst überschritten.

Tief in ihr verströmte er seine heißen Säfte und brach über ihr zusammen.

Christina arbeitete sich unter ihm hervor. Er keuchte. Schweiß bedeckte sein Gesicht. Verlangen lag in seinem Blick, als er ihren begehrenswerten, nackten Körper betrachtete.

Sie rollte sich aus dem Bett und goss sich einen Sherry ein. Langsam trank sie den Likör. »Wir warten eine Weile und versuchen es dann nochmal, Darling. Ich kriege immer, was ich will. Auch meinen Höhepunkt.«

»Aber gewiss, meine Liebe. Das schätze ich so an dir. Du bist konsequent und unnachgiebig, wenn du ein Ziel vor Augen hast. Anders als Nora. Sie hat sich in die Heirat gefügt, weil ihr alter Herr es so wollte. Sie hat zu allem Ja und Amen gesagt. Widerlich.«

»Und doch denkst du immer noch an sie.«

»Falsch. Ich denke an uns. An unsere Zukunft, meine Liebe. Nora weiß, dass ich sie deinetwegen loswerden wollte. Sie kann mir eine Menge Scherereien bereiten.«

»Dieser Royce wird sie schon mundtot machen.«

»Ich fürchte, Sid Royce wird mich eine Stange Geld kosten, genau wie die Pinkertons, aber er wird ebenso wenig erreichen wie die Detektive.«

»Royce genießt den Ruf eines skrupellosen Killers. Er wird es schon schaffen.«

Ehe Robert Manning etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür. Er wollte sich erheben, doch Christina war schneller. »Bleib nur liegen, ich kümmere mich darum.«

»Sie öffnete die Tür einen Spalt breit, spähte hinaus und öffnete weit, als sie den jungen Boten vom Telegrafenbüro erkannte.

»Was kann ich für dich tun, mein Junge?«, gurrte sie.

Sie war sich ihrer Wirkung auf den Burschen vollkommen bewusst. Die Augen und den Mund weit aufgerissen, stierte er ihren splitternackten Körper an.

»Aufwachen, Sonny!«

»Ein... ein... Tele... gramm, Sir! Für... Miss Manning, äh, ich meine...«

Sie nahm ihm das gefaltete Blatt aus der Hand und strich sanft über seine Wange. »Warte«, flüsterte sie.

Sie schloss die Tür und schleuderte das Telegramm zu Manning auf das Bett.

Er las die wenigen Zeilen und fuhr wie von einer Viper gebissen in die Höhe. »Sie ist schon wieder entwischt. Ein paar verdammte Cowboys sind Royce in die Quere gekommen. Offensichtlich hat dieses Miststück das Mitleid einiger Cowboys erweckt.«

»Und nun?«

Manning ballte die Fäuste. Er stürzte zu dem Stuhl, auf dem seine Kleider lagen, und schlüpfte rasch in die Hosen. Wütend ergriff er seinen Spazierstock, hieb damit in der Luft herum, als stände Nora vor ihm, drehte am Knauf und ließ die lange Klinge aus dem Stock gleiten.

»Ich werde mich wohl selbst zum trauernden Witwer machen müssen«, sinnierte er.

»Ich komme mit!«, entschied Christina. »Deine Frau imponiert mir. Ich möchte mir nicht entgehen lassen, wie du sie erniedrigst, bevor du sie abservierst.«

»Ich denke, das ist keine gute Idee.«

Sie streichelte seine Hemdbrust. »Das Klima im Westen soll der Manneskraft sehr zuträglich sein«, flötete sie. »Da komme ich ganz bestimmt auf meine Kosten.«

Ihre Finger schlossen sich um seinen Freudenspender und drückten sanft.

»Also gut. Ich bereite alles vor. Wir brechen noch heute Abend auf.«

»Der Nachtzug fährt erst nach acht ab. Da habe ich noch Zeit zum Baden.«

»Mach aber nicht zu lange. Ich will den Zug nicht verpassen.«

»Keine Angst. Ich werde mir die Zeit ein wenig vertreiben, während du die Vorbereitungen triffst, Darling. Ich bin rechtzeitig reisefertig, verlass dich drauf.«

Manning eilte in langen Schritten aus dem Zimmer.

Christina stand gegen die Kommode gelehnt, als es leise klopfte. Auf ihre Aufforderung betrat der Telegrammbote den Raum und leckte sich über die Lippen.

»Wie heißt du, mein Junge?«

»Barney.«

»Du bist doch groß und stark, Barney, Schatz?«

»Yeah, Ma’am, denke ich doch.«

»Zeig es mir.«

Barney begriff nicht.

Christina deutete auf seine Hosen und bewegte den Zeigefinger nach unten. Zögernd streifte Barney die Hosenträger ab und schob die Beinkleider über die schmalen Hüften.

Christinas Augen weiteten sich. »O Barney!«, hauchte sie. »Du bist ja ein Prachtbursche!

Gleich darauf kniete sie vor ihm und startete ein Blaskonzert, das dem guten Barney die Ohren klingelten. Mit beiden Händen hielt sie seinen geschwollenen Schaft umklammert und brachte das Blut in seinen Lenden zum Kochen.

Er nahm sie zunächst von hinten, doch bald darauf legte sich Christina mit gespreizten Beinen vor ihn auf das Bett. Barney konnte sich nicht entscheiden, was ihm besser gefiel – die kleinen hohen Brüste, deren Knospen ihm erwartungsvoll entgegenreckten, oder der feuchte, dichte Busch ihrer Scham.

Er beschloss, beides zu genießen. Tief bohrte er seinen Freudenspender in ihren Leib, während er an den knospigen Nippeln saugte und die Brüste streichelte.

Christina umklammerte ihn mit ihren heißen Schenkeln, nahm ihn tief in sich auf und erreichte schon nach wenigen Stößen einen unvergleichlichen, lange ersehnten Orgasmus...

 

 

15

C.C. hatte neben Lane gestanden und betreten in die unergründliche Tiefe der Schlucht gestarrt, in der Nora Manning verschwunden war.

»Es tut mir so Leid, Partner«, flüsterte er.

Lane erwiderte nichts. Er schwang sich in den Sattel.

Die Verfolger hatten es nach C.C.s Bleigewitter vorgezogen, erstmal zu verschwinden. Sie würden jedoch die Passwege besetzt halten, dessen war sich Lane sicher.

Nora Manning sollte ihnen nicht entkommen. Und ihre beiden Helfer auch nicht.

Nur wussten die Kerle nicht, dass sie Nora Manning zu weit getrieben hatten.

Bis in den Tod...

»Three Meadows?«, fragte C.C. leise.

»Ich will sie sehen«, erklärte Lane heiser. »Ich will, dass sie ein ordentliches Begräbnis bekommt.«

C.C. traute seinen Ohren nicht. »Du willst doch nicht etwa da runter?«

Lane nickte. »Es gibt nur einen, der sie finden kann. Old Man Wickers.«

C.C. lachte. »Weiß doch keiner, wo sich die alte Sumpfratte verkrochen hat. Damals, unten am Mississippi, hat er mit Pelzen gehandelt, bis ihn der Teufel geritten hat. Dann ist er in diesen scheiß Bergen verschwunden. Wahrscheinlich haben ihn längst die Murmeltiere abgenagt.«

»Murmeltiere ernähren sich nicht von Fleisch.«

»Dann eben hungrige Wölfe, Pumas oder was sich sonst noch hier rumtreibt. Was weiß ich?«

Lane ritt an. »Ich hab mal gehört, Wickers soll in der Nähe eines Felsens leben, der wie ein Adlerkopf geformt ist. Diesen Felsen werden wir verdammt nochmal finden, Mister Christmas. Und zwar heute noch!«

»Geht klar. Ist ja auch nichts einfacher als unter Tausenden von Felsen, inmitten riesiger Berge und verwinkelter Felswände einen einzigen Felsen zu finden, der auch noch wie ein Vogelkopf aussieht. Nichts leichter als das. Einen falsch geprägten Penny unter allen verdammten Pennys in der Staatlichen Münzanstalt von Denver zu finden, ist kaum leichter, aber wenn Mister Lane Briggs sagt, dass wir es heute noch schaffen, dann ist das so. Mister Lane Briggs ist ja auch ein richtiger Mann der Berge, der kennt hier jeden Stein, jeden kleinen Felssplitter. Ich will dir mal was sagen, Mister Briggs, dieser scheißkalte Gebirgswind hat deine grauen Zellen einfrieren lassen. Hörst du mich? He, Briggs! Partner! Warte, verdammt!«

Sie irrten die ganze Nacht herum, suchten im Mondlicht nach dem Felsen und froren. Die Finger wurden klamm und vermochten die Zügel kaum zu halten.

Aber sie gaben nicht auf.

Der Morgen graute, der Nebel war schier undurchdringlich. Mit Rufen verständigten sie sich. Sie mussten aufpassen, dass die Pferde nicht fehltraten und sie Nora Mannings Schicksal teilten.

»Da ist er!«

C.C. lief es siedend heiß über den Rücken, als er Lanes Ruf aus den Nebelschwaden vernahm. Er trieb sein Pferd vorwärts.

Lane stand auf einem schmalen Plateau. Vor ihm, einige hundert Yards entfernt, schälte sich ein gewaltiger Adlerkopf aus dem Nebel.

»Ich fass es nicht!«, murmelte C.C.

Lane gönnte sich keine Rast. So nah am Ziel würde er nicht aufgeben. Er würde Old Man Wickers finden, jenen Alten, der für viele im Westen zur Legende geworden war. Manche behaupteten sogar, es sei nur sein Geist, der ruhelos durch diese Berge streifte.

Lane glaubte nicht an diesen Unsinn. All seine Hoffnung lag bei Wickers. Nur dieser alte Mann konnte ihm helfen, Nora Manning einen letzten Dienst zu erweisen.

»Bei allen stinkenden, sabbernden Teufeln der verdammten Hölle!«, brüllte C.C., »willst du wohl auf mich warten, Partner?«

Aber Lane war bereits so weit voraus, dass er nicht mehr auf die entfernte Stimme des krummbeinigen Cowboys achtete. Er fand eine Stelle, wo ein breiter, von Erdreich bedeckter und von Pflanzen gesäumter Weg die Berge mit dem Tal verband. Der Weg war von wilder Vegetation umgeben. Vom Unwetter gefällte Baumstämme lagen quer. Die zersplitterten Stümpfe ragten wie mahnende Finger aus dem Nebel.

Dichtes Gebüsch, dicht stehende Baumstämme, schief gewachsene Krüppelkiefern, riesige, hohe Ponderosafichten ließen diese Umgebung undurchdringlich erscheinen.

Irgendwo gluckerte ein Gebirgsbach.

Der Schecke schnaubte.

Lane stieg ab, kletterte über sperriges Unterholz, musste fast auf allen Vieren den Abhang emporklettern.

Er hörte die Stimme zwischen den Bäumen und ein eisiger Schrecken durchzuckte ihn. Im nächsten Augenblick brach er unter den Stämmen hervor.

»Nicht schießen!«, brüllte er. »Um Himmels willen, drücken Sie nicht ab!«

 

 

16

Die Faust krachte auf die Tischplatte nieder, dass die Flaschen und Gläser tanzten.

»Aufregen hilft dir auch nicht weiter«, meinte Cody Lambert. Er stand an die Theke gelehnt und polierte an einem langläufigen Colt herum. Der Zwilling des Schießeisens lag auf dem Tresen.

Sid Royce musterte den jungen Revolverschwinger finster. Er hasst diese Burschen, die noch nicht mal gerade pissen konnten und sich einbildeten, einem erfahrenen Revolverschützen den Rang ablaufen zu können.

Sie landeten meistens sehr schnell auf der Nase.

»Diese Lady ist ganz schön gerissen. Glatt wie eine verdammte Klapperschlange. Und die beiden Kuhhirten sind auch nicht zu verachten. Die haben ein ziemlich dickes Fell. Willst du hier rumsitzen und zulassen, dass dieser verdammte Cowboy dein Vögelchen vernascht? », stichelte Cody. Er griente und leerte ein Brandyglas in einem Zug, ohne das Gesicht zu verziehen. »Du wolltest dich doch mit ihr beschäftigen, wenn ich mich nicht irre. Jetzt wird sie von diesem Kuhtreiber flachgelegt.«

»Halt dein Schandmaul, Lambert.«

»Dein hübscher Plan ist ganz und gar nicht so gelaufen, wie du ihn dir zurecht gelegt hattest. Du hättest mich an die Kleine ranlassen sollen. Dann würde sie dir jetzt zu Füßen liegen, anstatt da oben die Beine breit zu machen...«

»Ich sagte, du sollst deine verdammte Schnauze halten, Sonny!«

Royce sprang auf. Seine Hände schwebten über den Revolvergriffen. »Ich bin es nicht gewöhnt, meine Anweisungen zu wiederholen.«

Das Grienen fror auf Codys Gesicht ein. »Du bist nicht mein Boss, solange du mich nicht bezahlt hast, Royce. Meinen tatterigen Onkel konntest du bequatschen, dir zu helfen, aber ich will Bares sehen, bevor ich den Finger krumm mache. Es war nie die Rede davon, dass sich die Braut zwei hartgesottene Kuhtreiber zu Hilfe geholt hat. Die Kerle haben uns ganz schön eingeheizt und den ollen Jack ins Jenseits befördert. Das sollte ihnen mal einer nachmachen. Und du hast auch drei Jungs verloren, vergiss das nicht. Glaubst du, sie sind abgestürzt? So ein Blödsinn, Royce. Das waren ganz sicher die Beiden, die dich da oben auf Distanz gehalten haben. Nein, Royce, meine Jungs riskieren nicht Kopf und Kragen, ohne vorher bezahlt worden zu sein!«

Royce war mit zwei Schritten bei dem Jungen und packte ihn am Kragen. Er erstarrte, als er das Klicken des Revolvers hörte. Der Lauf bohrte sich unter sein Kinn.

»Das würde ich mir aber ganz besonders gut überlegen, Mister«, sagte Cody Lambert gefährlich leise.

»Du kommst dir wohl besonders schlau vor, Lambert?«

»Für dich genügt es, Royce.«

Der schwarz gekleidete Schießer wandte sich ab. Er kramte in seiner Weste herum, zog ein Bündel Dollars aus der Innentasche und drehte sich langsam wieder zu Lambert um. Die Augen des Jungen waren auf das Geld fixiert und so reagierte er viel zu spät auf die Bewegung.

Royce wirbelte den .45er aus dem Holster. Glatt und fließend kam die Waffe aus dem Leder, schwang hoch und spuckte Feuer und Blei.

Die beiden Schüsse dröhnten ohrenbetäubend in dem Schankraum. Sie klangen wie ein langer, bellender Knall.

Das Brandyglas neben Lambert zersplitterte. Die zweite Kugel prellte ihm den Revolver aus der Hand. Dumpf polterte die Waffe hinter dem Tresen zu Boden.

Royce hob die Kanone und ließ Lambert in die rauchende Mündung starren.

»Schon gut, Royce. Hab`s kapiert.«

Royce holsterte den Colt, trat dicht an Lambert heran und schlug ihm das Geldscheinbündel quer ins Gesicht. »Wenn du mir noch mal so dumm und überheblich daherkommst, Sonny, bist du tot«, zischte er.

Der Revolvermann stopfte einige Scheine in Codys Brusttasche. »Du wirst diese verdammten Berge absuchen. Finde sie, und wenn du jeden Stein einzeln umdrehen musst. Ich will sie haben!«

»Das kann Tage dauern...«

Royce schlug mit dem Handrücken zu. Sofort krallten sich seine Finger in Codys Wangen und drückten schmerzhaft.

»Du findest sie«, wiederholte Royce.

»Und was ist mit den Cowboys?«

»Wenn sie dir über den Weg laufen, knallst du sie ab.«

»Das kostet aber extra.«

»Verdammt, Lambert, scher dich endlich raus und mach deine Arbeit!«, brüllte Royce. »Oder ich leg dich um und heuere jemand anders an. Es gibt genug Kerle da draußen, die für ein paar lumpige Dollar ihrer Großmutter die Gurgel durchschneiden würden! Ich frage mich langsam, warum ich mich überhaupt noch mit dir abgebe!«

»Weil ich verdammt noch mal der Beste bin, den du für die paar Lappen kriegen kannst!«, erklärte Cody.

»Bisher hab ich davon aber noch nichts gesehen.«

»Warte es ab.«

»Lass mich nicht zu lange warten, Lambert. Ich bin kein sehr geduldiger Mensch.«

»Ich bring dir das Flittchen.«

»Das hoffe ich, Sonny. Für dich...«

Cody wollte etwas erwidern, überlegte es sich aber anders, als er das gefährliche Funkeln in den Augen des Revolvermannes bemerkte. Er holte sich seine Waffe, betrachtete den beschädigten Revolver und verließ den Saloon, um sich beim Waffenschmied eine Ersatzkanone zu besorgen und seine Leute zusammenzutrommeln.

Royce folgte ihm nach draußen.

Er ließ seine Blicke über die schlammige, von tiefen Furchen und Huftriften aufgeweichte Main Street wandern. Die Ortschaft lag im Schatten der Mountains. Sie wurde von der Sonne nur selten verwöhnt. Während der Trockenzeit, wenn es richtig heiß war, wurde der Boden fest und staubig. Aber meist war er weich, denn allein der Morgennebel tränkte mit seiner Feuchtigkeit das Erdreich.

Nur wenige Menschen waren auf der Straße. Vor einem Schneiderladen unterhielten sich zwei Frauen. Von der Schmiede klang das Dröhnen eines Hammers auf dem Amboss. Ein Wagen rutschte durch den Schlamm. Die Räder vermochten sich kaum zu drehen.

Royce wollte eben wieder den Saloon betreten, als er auf eine kleine gekrümmte Gestalt aufmerksam wurde. Sie glitt vom Rücken eines Maultieres, stapfte durch den Schlamm zu einem Gestell, das mit etlichen Fellbündeln beladen war.

Der kleine Mann trug einen mehrfach geflickten, knöchellangen Mantel aus Elchhaut und einen verbeulten Hut, dessen Krempen traurig herabhingen.

Mühsam schleppte das Männchen die Pelzbündel auf den Vorbau.

Royce überquerte die Straße. Dieser Matsch widerte ihn an. Er lehnte sich gegen einen Vorbaupfosten und wischte sich mit einem Taschentuch die Stiefel sauber.

»Guten Fang gemacht, Oldtimer?«

Das Männchen kicherte und nickte. »Kann mich nicht beklagen«, nuschelte es.

»Die Schufterei zahlt sich bestimmt nicht mehr aus.«

»Och, für mich reicht es allemal. Ich brauche nicht viel. Hab nur meine Freda und mich zu versorgen, Mister. Ist manchmal störrischer als ein zänkisches Weib, meine Freda. Aber ich hab sie nunmal und kann ohne sie nicht sein.«

»Sie kennen sich bestimmt gut aus in den Bergen.«

»Kann man wohl sagen, Jungchen.« Der Alte richtete sich auf und breitete die Arme aus. Royce hatte den Eindruck, als hörte er die Sehnen und Knochen knacken. »Die ganzen Mountains auf dieser Seite, dann über die Wasserscheide bis rauf nach Montana hab ich schon durchklettert. Zusammen mit meiner Freda, die macht nämlich wirklich alles mit. Manchmal klettert sie sogar schneller und besser als ich, das Mistvieh. Bis oben in Alberta war ich, drüben über der Grenze. Wollte weiter zum Yukon Valley, aber da oben gibt es ja kein Gold mehr für unsereinen zu finden. Diese verdammten Einwanderer aus Übersee und die Kerle unten aus dem Süden haben alles aufgebuddelt und jeden verdammten Cent aus dem Boden geholt. Also bin ich wieder hier. Außerdem ist es im Norden viel zu kalt für die alte Freda und mich.«

»Ziemlich unübersichtliches Gelände, nicht wahr?«

Der Alte blinzelte und grinste verschmitzt. »Es gibt ein paar Männer wie mich, die sich dort oben blind zurechtfinden.«

»Und wenn jemand, sagen wir, nicht gefunden werden will, dann gelingt ihm das ohne Probleme?«

»Sicher. Er muss sich nur auskennen. Und falls nicht, gibt es ja noch mich. Oder den alten Lucius.«

Royce hob fragend die Augenbraue, rollte sich eine Zigarette und zündete sie gemächlich an. »Ihr wohnt ganz allein in den Bergen?«

»Nicht ganz. Ich hab meine Freda, Lucius hat seine Enkelin und seine Tiere. Mehr brauchen wir nicht. Ich komme nur ab und zu in die Stadt, um meine Felle zu verkaufen. Wird aber immer schwieriger etwas zu erwischen. Bald ist es damit auch vorbei. Ich hab nicht mal eine Hütte, Mister. Einen windschiefen Unterstand hier und da, in dem ich mich vor dem Regen schützen kann. Lucius hat es da schon besser. Er hat sich ein feines Blockhaus gebaut.«

»Weit von hier?«

Die Äuglein des Männchens blitzten listig. »Wieso fragen Sie? Wollen Sie Lucius etwa besuchen?«

»Wohl kaum. Aber ich frage mich, ob seine Enkelin nicht manchmal das Leben in der Stadt vermisst, wenn sie weit weg von der Zivilisation in der Wildnis lebt.«

»Ach, sie kommt schon zurecht. Das Kind ist genauso stur wie ihr Großvater. Man hat dem alten Lucius vor Jahren übel mitgespielt. War keine schöne Sache. Daraufhin hat Laurie beschlossen, die Stadt ebenfalls zu meiden.« Er deutete über die Dächer der Häuser zur Saddler’s Range hinauf. »Sehen Sie den Einschnitt dort, zwischen den beiden schneebedeckten Gipfeln? Ungefähr auf halber Höhe befindet sich eine schmale Lichtung im Bergwald, die nach links abzweigt und zu einem kleinen Tal führt. Und dort hat sich Lucius verkrochen. Ist ein richtiger Fuchs, der Alte. Hat sich den besten Platz in diesem verflixten Gebirge für seine Hütte ausgesucht. Er kriegt alles mit, was in seinem Reich dort oben vor sich geht. Ihm entgeht so schnell nichts! Ja, ist ein Fuchs, ein ganz gerissener!«

Royce rauchte seinen Glimmstengel zu Ende, schnickte ihn auf die Straße und verabschiedete sich von dem Alten. Er schlenderte den Gehsteig entlang und drückte Cody Lambert in den Eingang der Waffenschmiede zurück.

»Bring deine Männer auf Trab, Sonny.«

»Bin ja schon dabei. Warum hast du es denn so eilig, Mister? Auf ein paar Stunden mehr oder weniger wird es ja wohl nicht ankommen.«

»Und ob. Ich weiß, wo sie steckt...«

Cody Lambert fiel die Kinnlade herab, als er den leisen Worten seines Auftraggebers lauschte...

 

 

17

»Wir kriegen verdammt selten Besuch«, meinte Lucius Wickers und steckte sich seine große Meerschaumpfeife an. Er paffte wie eine Dampflokomotive. Bläuliche Rauchwolken umnebelten seinen Kopf.

Er war hager, klein und hatte ein runzliges, verwittertes, von einem schlohweißen Vollbart bedecktes Gesicht und ebenso weißes Haar.

Durch den Rauch musterte er Nora Manning, die vor dem Kaminfeuer kauerte. Seine Enkelin Laurie hatte eine Wolldecke über die Schultern der jungen Frau gebreitet. Geistesabwesend starrte Nora in die Flammen.

Laurie hatte die Winchester in eine Ecke der Hütte gestellt und sich in der kleinen Küche zu schaffen gemacht. Sie war eine ausgezeichnete Köchin, wie ihr Großvater immer bekräftigte. Laurie mochte es nicht, wenn er sie vor anderen lobte. Sie gab ihr Bestes und errötete immer schüchtern, wenn sie dafür gepriesen wurde.

Das Blockhaus sah von außen nicht besonders groß aus, war aber geräumig. Es war in den Fels hinein gebaut. Fenster waren in die Vorderseite und die beiden Seitenwände eingepasst worden. Es war schwierig, sich unbemerkt der Hütte zu nähern.

Vom Haus gelangte man in zwei Schlafräume, einen kleinen Stall und einen Anbau, in dem das Winterfutter für zwei Pferde, eine Milchkuh, ein Kalb und zwei Maultiere aufbewahrt wurde.

C.C. hatte den Schecken und den Fuchs in eine Ecke des kleinen Stalles gebracht. Er hielt sich lange bei den Pferden auf. Er wollte Lane und Nora Manning Gelegenheit geben, einander näherzukommen.

Nachdem Lane die Lady wie durch ein Wunder lebend gefunden und sie davor bewahrt hatte, von Laurie Wickers über den Haufen geknallt zu werden, hatten sich beide ein wenig Zärtlichkeit verdient.

»Wir gedenken auch nicht, lange zu bleiben. Miss Manning wird sich aufwärmen und zu Kräften kommen, dann bringe ich sie nach Three Meadows. Dort werden wir den Sheriff um Unterstützung ersuchen.«

Noras Kopf ruckte hoch. »Ausgeschlossen. Ich kann mich keinem Sheriff stellen!«

Lane schob den Hut in den Nacken. Er hatte es sich auf einem robusten Stuhl gemütlich gemacht. »Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Weil ich gesucht werde«, gab sich Nora einen Ruck. »Wegen Mordes.«

Der alte Wickers knallte die Faust auf den Tisch. »Na, das sind ja schöne Aussichten. Nicht nur, dass ihr mich in meiner geschätzten Einsamkeit stört, die Lady hat auch noch einen Kerl abgemurkst. Wer war es denn? Ihr Mann?«

Nora schüttelte stumm den Kopf und starrte wieder in die Flammen.

Laurie stapfte in den Wohnraum. Sie hatte alles mit angehört und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Es ist wohl besser, wenn Sie sich anderswo aufwärmen, Lady. Mit Gesindel wie Ihnen wollen wir nichts zu schaffen haben. Ich hätte Sie doch erschießen sollen, dann wäre uns ein Haufen Ärger erspart geblieben.«

»Wir sind kein Gesindel, Ma’am!«, brauste Lane auf.

»Nein, bestimmt nicht«, pflichtete C.C. bei, der eben den Wohnraum betrat. »Ich bin ein Weihnachtsmann, der sich ständig in irgendwelchen Schlamassel ziehen lässt und er ist ein Volltrottel, weil er sich nicht eingestehen will, dass er sich bis über beide Ohren in die Lady ver«

Lane trat C.C. gegen das Schienbein. Jaulend hinkte der krummbeinige Cowboy durch den Raum.

Laurie verzog sich in die Küche und C.C. folgte ihr. Ihm ging es ähnlich wie Lane. Vom ersten Augenblick, als er dieses starke, aber ausgesprochen hübsche Mädchen zu Gesicht bekommen hatte, war sein Herz in Flammen auf gegangen.

Dieses Geschöpf der Berge war wie geschaffen für ihn. Vergessen waren all die Saloon und Tingeltangelgirls, mit denen er sich bisher die Zeit vertrieben und von denen er sich das Geld aus den Taschen hatte ziehen lassen.

Laurie Wickers war die Frau seiner Träume. Er beschloss, ihr nicht mehr von der Seite zu weichen.

»Wie soll es nun weitergehen?«, fragte Lucius.

»Wie ich schon sagte, ich bringe Miss Manning in die Stadt.«

»Mrs.«, verbesserte Nora. »Noch bin ich verheiratet.«

Lane errötete. Ihm gefiel es nicht, dass man ihn daran erinnerte. Er bemühte sich um eine verheiratete Frau und diese Aufgabe oblag eigentlich ihrem Mann.

»Wenn Sie sich etwas davon versprechen, Cowboy, tun Sie das. Ich an Ihrer Stelle würde zwar die Finger davon lassen. Sie verbrennen sich die Pfoten, Mister. Lassen Sie sich das von einem alten, erfahrenen Mann gesagt sein. Dieses Geballer gestern, drüben, auf der Ostseite, das hat wohl Ihnen gegolten, Lady?«

Nora nickte.

»C.C. und ich haben mitgemischt«, erklärte Lane. »Wir haben ihr die Kerle vom Hals gehalten, und dann ist Miss... äh, Mrs. Manning abgestürzt. Ich konnte sie nicht halten.« Er räusperte sich. »Es... tut mir Leid, Ma’am.«

»Ich mag es nicht, wenn in meinen Bergen rumgeknallt wird. Das macht mir die ganzen Tiere scheu. Außerdem kann das rasch zur Gewohnheit werden und dann ist es mit dem ruhigen Leben vorbei. Sehen Sie, Laurie und ich, wir sind hier glücklich. Wir brauchen niemanden, um zufrieden zu sein. Wir wollen, dass es so bleibt. Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber nach dieser Nacht werden Sie gehen müssen. Es ist wirklich besser so.«

Lange schwiegen sie, bis der Alte seine Pfeife ausklopfte und neu stopfte. »Die Männer, die Ihnen gefolgt sind, Ma’am, waren das Vertreter des Gesetzes?«

»Nein. Ich weiß nicht, warum sie mir folgen. Einer von ihnen, der Mann in Schwarz, kommt mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich ihm schon mal begegnet bin.«

»Der Kerl wollte Sie umlegen, Ma’am. Damals, im Theater. Ich konnte es gerade noch verhindern«, fügte Lane hinzu.

»Ja, und um ein Haar hätte Lane mich zum Teufel geschickt«, mischte sich C.C. ein.

»Das hat nichts damit zu tun, Partner.«

»Nein? Na, jetzt hört sich aber alles auf. Seit du dir in den Dickschädel gesetzt hast, dieser Frau zu helfen, bin ich fast erschossen worden, bei lebendigem Leibe geröstet worden, fast zu Tode gestürzt, und noch viele weitere Todesarten werden folgen, und du sagst, das gehört nicht hierher? Wo, bitte schön, gehört es denn dann hin? Ich hätte gute Lust, dir die Partnerschaft aufzukündigen, mein Freund, und bei diesen netten liebenswürdigen Leutchen hier in den Bergen mein Dasein zu fristen. Jawoll!«

»Das ist keine gute Idee«, meinte Lucius.

»Ah, ich freue mich, dass Sie mir nicht gleich ablehnend begegnen und mich zum Teufel jagen. Mein Name ist übrigens Case Christmas, Sir. Überaus erfreut, mich Ihnen vorstellen zu dürfen. Sie müssen ja schließlich wissen, wer Ihre Enkelin zum Traualtar führt...«

Er hatte die Hand des Alten ergriffen, nachdem er ihm die Pfeife abgenommen hatte, und schüttelte sie wild.

Ein Tritt in den Allerwertesten ließ ihn zusammenfahren.

Laurie stand mit hochgekrempelten Hemdsärmeln hinter ihm und funkelte ihn wütend an. Das lange, rote Haar hing wirr in ihre Stirn und fiel über ihre breiten Schultern.

Die Wut in ihrem Gesicht schadete ihrer Schönheit keinesfalls. Sogar die unzähligen Sommersprossen, die sich um ihre Nase verteilt hatten, schienen wütend zu sein.

»Was soll dieses dämliche Gefasel, Mister? Lassen Sie gefälligst meinen Großvater los und schlagen Sie sich diesen hirnverbrannten Einfall aus dem Kopf, sonst binde ich Sie verkehrt herum auf Ihren Gaul und jage sie bis nach Kanada!«

»Miss Laurie, Sie sind noch viel schöner, wenn Sie sich ärgern. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit Sie noch recht oft wütend sind. Äh, also ich meine, natürlich gefallen Sie mir wesentlich besser, wenn Sie fröhlich sind. Überlegen Sie mal, Laurie Christmas, das klingt doch wie Christkind und Weihnachtsmann zusammen. Dieser Name hat einen Klang wie von Engelschören gezwitschert...«

Eine Schöpfkelle traf C.C. am Kopf und unterbrach seinen Redefluss. Er rieb sich die schmerzende Stelle und griff hastig zu, als ihm Laurie einen Topf mit kochend heißer Brühe entgegenhielt. »Schluss mit diesem Unsinn. Machen Sie sich nützlich, Sie – Weihnachtsmann!«

»Jawohl, teuerste Lau iiieeehhh!«

Case hatte die glühend heißen Henkel des Topfes angefasst und wurde sich nun erst des Schmerzes bewusst. Er hüpfte von einem krummen Bein auf das andere und suchte nach einem Platz, wo er den Kessel abstellen konnte.

Dass der Tisch hinter ihm stand, fiel ihm erst spät auf.

Den Rest des Tages verbrachten sie meist schweigend. Lucius drang nicht in Nora, um ihre Leidensgeschichte zu erfahren. Es ging ihn nichts an. Wenn sie etwas zu sagen hatte, würde sie es tun, wenn sie so weit war.

Nur C.C. plapperte unentwegt auf Laurie ein. Es gelang ihm sogar, das ernste Mädchen mehrmals zum Lachen zu bringen. Lucius schüttelte den Kopf. So oft hintereinander hatte er seine Enkelin noch nie lachen hören.

Ihre Stimme hatte einen glockenhellen Klang. Er liebte es, wenn sie lachte.

Dieser komische C.C. schien doch kein so übler Bursche zu sein...

Die Nacht hatte sich über die Berge gesenkt. Die dunkle Wolkenwand, die ein Unwetter angekündigt hatte, war aufgerissen. Die kleinen Wolkenfetzen hatten sich verzogen und den Blick auf den sternenklaren Himmel freigegeben.

Lane lehnte an der Ecke des Stalles und rauchte. Er betrachtete die Sterne und die hohen Bergriesen, deren Umrisse sich schwach in der Dunkelheit abzeichneten.

Er nahm die leisen Schritte kaum wahr, bis sie neben ihm stehenblieb.

Sie trug die Decke immer noch über den Schultern, die Arme vor der Brust verschränkt, und zitterte.

»Sie frieren«, sagte er leise. »Sie sollten nach drinnen gehen. Am Feuer ist es wärmer.«

»Ich wollte an die frische Luft«, widersprach sie. »Es ist wunderschön hier.«

Er sagte nichts. Sie bebte am ganzen Körper. Ihre Zähne klapperten. Er drückte sie an sich, und sie ließ es geschehen. Es schien fast, als habe sie diesen Augenblick herbeigesehnt.

Er führte sie in den Stall. Die Pferde machten bereitwillig Platz. Lane drückte Nora in das Heu, das in einer der hinteren Ecken lag.

Hier war es warm. Es roch nach den Pferden und nach dem trockenen Gras, aber es war gemütlich.

Nora hatte ihren Kopf auf Lanes Brust gebettet. Lange lagen sie so, schweigend, und genossen ihre Nähe.

»Mein Fuß hat sich in einer Spalte verklemmt«, sagte sie endlich leise. »Eigentlich war es eine tiefe Rinne. Mein Strampeln war also doch nicht verkehrt.«

»Ja, es kam zum richtigen Zeitpunkt.«

»Ich hab lange gebraucht, bis ich mich durch die Rinne nach unten gearbeitet hatte. Wie ich den Pfad und den Wald gefunden hab, weiß ich nicht mehr. Irgendwann war ich dann auf diesem Hügel, und ich hatte so ein komisches Gefühl und griff zum Revolver.«

»Und Laurie war drauf und dran, Sie abzuschießen.«

»Vielleicht wäre es besser gewesen.«

»Sie wollten sich in den Bergen das Leben nehmen«, erinnerte er sich. »Das ist die feigste Lösung, Nora, glauben Sie mir.«

»Ich hätte Sie früher kennenlernen sollen, Lane«, flüsterte sie. »Dann wäre alles anders gekommen.«

»Ich weiß nicht.« Es dauerte lange, bis er fortfuhr. »Bisher wurde ich von Frauen nur ausgenutzt, hintergangen und enttäuscht. Und nun ist die Frau, die mich interessiert, eine Mörderin. Ich gerate anscheinend immer an die Falschen.«

Sie legte ihren Finger auf seine Lippen.

»Ich stamme aus Philadelphia. Dort habe ich einen Mann erschossen. Aber es war kein kaltblütiger Mord, das müssen Sie mir glauben.«

Sie stockte. Sie war sich nicht sicher, ob sie weitersprechen sollte. Konnte sie ihm vertrauen? Würde er nicht mit seinem Wissen zum nächsten Sheriff laufen und sie ausliefern?

Nora traf eine Entscheidung.

»Er hieß Manny Royce. Er war jung, kam aus dem Westen. Mein Mann Robert hatte ihn mir vorgestellt. Royce fiel in Philadelphia auf. Er war wie ein Cowboy gekleidet und führte allerlei Kunststücke mit seinem Revolver vor. Robert sagte, er habe geschäftlich mit ihm zu tun.«

Nora schniefte, als die Erinnerung zurückkehrte.

»Es war gelogen. Aber das erfuhr ich erst später. Er hatte Royce eingekauft, um mir Avancen zu machen. Zur selben Zeit hatte mein Mann eine Affäre mit einer stadtbekannten Sängerin. Christina Appleby. Ich kämpfte um meinen Mann, Lane. Ich liebte ihn nicht mehr, aber ich wollte dem Ansehen meiner Familie nicht schaden. Ich hatte Robert nunmal geheiratet und so sollte es auch bleiben.«

»Aber Sie haben ihn einmal geliebt.«

»Das glaubte ich. Man redet sich oft etwas ein, Lane.«

»Royce ist über Sie hergefallen?«

»An jenem Tag hatte ich mir vorgenommen, Robert zu beweisen, dass ich viel reizvoller sei als Christina Appleby. Ich wollte ihn verführen. Ich erwartete ihn in meinem, in unserem Lieblingszimmer. Es ist ganz in violett und Purpur gehalten.« Sie errötete. »Ich hatte mich zurecht gemacht, Lane, trug einen Hausmantel und Pantoffeln. Sonst nichts.«

Lane fühlte sich unbehaglich. Die Vorstellung, Nora nackt zu sehen, erregte ihn ungemein.

»Robert erschien nicht.«

»Sondern Royce...«

»Er stürzte sich sofort auf mich, bevor ich meine Blöße bedecken konnte. Es kam zum Kampf. Ich wehrte mich. Royce trug einen Revolver im Gürtel und einen zweiten im Hosenbund. Ich konnte die Waffe aus dem Bund ziehen und sie auf ihn richten. Er griff zu seinem anderen Revolver, wollte mir wohl Angst machen. Ich glaube nicht, dass er auf mich geschossen hätte, aber da war dieser grausame Zug um den Mund. Er sagte mir auf den Kopf zu, dass er mich besitzen würde und dass er für dieses Vergnügen sogar noch bezahlt worden war. Da drückte ich ab.«

»Es war Notwehr.«

»Er wollte ausweichen, aber er lief genau in die Kugel. Danach tauchte Robert auf. Er wollte alles vertuschen. Ich wurde hysterisch. Er rief einige Männer und ließ mich wegbringen.«

Nora wurde von einem Weinkrampf geschüttelt.

»Sie brachten mich in ein Sanatorium für Geisteskranke, Lane! Ich wurde wie ein Tier in einen Käfig gesperrt, zusammen mit gemeingefährlichen Irren! Man quälte mich. Jeden Tag Schläge. Die Wärter machten sich einen Spaß daraus, mich, die Gesunde, zu schinden und mir einzubläuen, dass ich eine geisteskranke Mörderin sei. Man machte mir klar, dass ich in diesem Sanatorium vergessen worden war. Niemand würde mich vermissen. Niemand würde mich besuchen oder nach mir fragen. Ich war tot, Lane...«

»Wie hast du es geschafft, auszubrechen?«

»Eines Tages kam Robert zu einem Abschiedsbesuch. Zusammen mit Christina. Ich wurde wütend und griff die Sängerin an. Robert schlug mir mit seinem Spazierstock so lange auf den Rücken, bis er keuchte und Schaum vor den Lippen hatte. Er ist krank, Lane. Er sagte mir, dass er noch eine Weile warten würde, bis man mich vergessen hatte, und dann mit meinem Geld und dem Geld meiner Familie zusammen mit Christina ein neues Leben beginnen würde. Man schloss mich wieder ein. Er erlaubte den Wärtern, mit mir zu machen, was sie wollten. Als sie mich in dieser Nacht besuchten, konnte ich einem von ihnen die Waffe wegnehmen. Ich schoss auf die beiden und floh. Frag mich nicht, wie es mir gelungen ist.«

»Und jetzt lässt dich dein Mann jagen, weil er einen Skandal befürchtet, wenn du zurückkehrst.«

»Ich will doch gar nicht zurück.«

»Das weiß er aber nicht.«

»Er will mich mundtot machen...«

Lane überlegte. »Den Namen Royce hab ich schon mal gehört. Kann es sein, dass Manny Royce und der schwarze Schießer verwandt waren?«

Nora richtete sich auf. »Deshalb die Ähnlichkeit! Mir kam dieser Revolvermann so bekannt vor...«

»Er hat sich mit einer Bande zusammengeschlossen, die von Jackson Lambert angeführt wurde. Ich habe Lambert erschossen, aber sein Neffe Cody wird jetzt mächtig scharf auf mich sein...«

»O Lane, wieso musste alles so kommen...?«

Er streichelte sanft ihre Wange, zog ihren Kopf zu sich heran, küsste sie. Ihre Lippen waren warm und weich. Endlich gestand er sich ein, dass er sich nach dieser Frau sehnte, wie er noch nie eine Frau begehrt hatte.

Sie erwiderte seine Küsse, strich über seine Brust. Er spürte, wie sie die Knöpfe an seinem Hemd löste.

»Wo bleibt deine Zurückhaltung, Lady?«

»Ich will dich, Lane Briggs. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass mein Leben doch noch einen Sinn hat. Es tut gut mit dir zu reden, dich zu fühlen und zu spüren...«

Sie riss sich ihre Kleider vom Leib, als er nackt vor ihr lag. Lane starrte die vollen runden Brüste an. Trotz der Wärme im Stall stellten sich die dunklen Nippel auf.

Lane stemmte sich hoch und saugte an den Brustknospen, spielte zärtlich mit ihnen.

Nora warf den Kopf zurück. Sie atmete heftig, umfasste Lanes Kopf und spielte mit seinem blonden Haar, während sie über seinen muskulösen Rücken strich.

Er glitt an ihrem straffen Bauch hinab und vergrub sein Gesicht in dem dichten Busch ihrer Scham. Das Blut pulsierte in seinen Adern und in seiner Männlichkeit, die zuckend zwischen ihnen aufragte.

Scheu fasste sie den harten Schaft an, massierte ihn und merkte, dass sie Lane damit höchste Genüsse bereitete. Sie drückte ihn zurück, glitt lächelnd über ihn, leckte über seine Brust, seinen Bauch und nahm seinen Pfahl schließlich zwischen ihre Lippen.

Es war ein Gefühl, das sie noch nie zuvor erlebt hatte. Die Liebe mit Robert war äußerst unbefriedigend gewesen. Nach der Hochzeitsnacht hatte er nur zweimal mit ihr geschlafen, ohne dass sie zum Orgasmus gekommen wäre.

Sie blies Lanes Schaft, bis er vor Erregung zitterte und sich kaum mehr beherrschen konnte. Sie ließ von ihm ab, legte sich auf ihn und rollte mit ihm durch das Heu.

Sie wollte ihn mit ihren Schenkeln umklammern, damit er in sie eindringen konnte, aber Lane erlaubte es nicht. Er erforschte nun seinerseits ihren Körper, pflügte mit der Zunge durch die gekräuselten Locken ihrer Scham und versenkte sie in der Pforte zum Paradies.

Nora bäumte sich auf. Ihre Finger gruben sich in Lanes Haar. Ihr Leib wurde von einer Feuersbrunst verzehrt. Ihre Schenkel waren heiß und feucht. Die Brüste wippten, die Nippel waren geschwollen.

»Bitte... nimm mich«, hauchte sie.

Im nächsten Moment schlugen die Wogen eines Höhepunkts über ihr zusammen. Schweiß trat auf ihre Stirn. Zwischen ihren Brüsten glänzte die Haut feucht.

Lane wartete, bis die ersten Wonnen abgeklungen waren, bevor er sich zwischen ihre Beine schob und sanft in sie drang. Sein praller Schaft füllte sie ganz aus. Bis zum Anschlag schob er ihn in die feuchte Wärme ihres Schoßes, bewegte sich vorsichtig in ihr, sanft und doch fordernd.

Sie umklammerte ihn, schlang endlich ihre Beine um seine Hüften, passte sich seinen Stößen an. Beide atmeten keuchend. Er spürte die harten Nippel auf seiner Brust, als sie sich an ihn drängte. Seine Stöße wurden heftiger.

Sie rollte herum, kam auf ihn zu sitzen, ritt ihn. Sie hüpfte auf ihm herum, jauchzte leise. Er bekam ihre wippenden, wogenden Brüste zu fassen, drückte die prallen Halbkugeln, liebkoste die harten Knospen.

Nora warf den Kopf zurück. Ihre Haare flogen.

»Ja«, rief sie. »Jetzt! Gleich, Lane! Gib mir alles!«

Er kam dieser Aufforderung gerne nach. Seine Hände schienen überall an ihrem Körper zugleich zu sein, liebkosten sie, und er hielt sich bis zum letzten Augenblick zurück.

»Laaannneee!«

Als sie zuckend und schweißüberströmt auf ihn niedersank, verströmte er sich in ihr und besiegelte ihre Liebe...

Sie verbrachten den Rest der Nacht eng umschlungen im Stall. Als sie in den frühen Morgenstunden ins Haus zurückkehrten, lagen Laurie und C.C. ebenfalls in inniger Umarmung vor dem Kamin. C.C. hatte ein dickes Fell über Laurie gebreitet und winkte Lane und Nora, sich zu verdrücken.

Lane trat vor das Blockhaus, um Wasser für Kaffee zu holen. Dicke Nebelschwaden waberten über den Platz vor dem Haus. Es war kalt.

Lane überquerte eine lichte Stelle, tauchte in den Nebel ein und bückte sich an der Quelle, um Wasser zu schöpfen – als neben ihm das Gestein hochspritzte und gleich darauf der wummernde Knall einer Winchester die Stille des Morgens zerriss...

 

 

18

Gesteinssplitter tanzten hinter und unter Lanes Schritten, als er zum Blockhaus hetzte.

Aber er verschwand nicht im Haus, sondern rannte daran vorbei.

»Er will zu den Pferden! Haltet ihn auf!«, brüllte eine Stimme.

Im Nebel blitzten Mündungslichter. Kugeln schlugen in das Holz der Hauswand und in den Rahmen des Anbaus.

Die Pferde wurden unruhig.

Lane rollte über den Boden, flüsterte den Tieren beruhigend ins Ohr, zog die Winchestergewehre aus den Futteralen an den beiden Sätteln und wartete neben der Tür.

Nichts regte sich.

Das Schießen hatte aufgehört.

»Verdammt!«, hörte Lane die bellende Stimme des alten Lucius. »Ich habs geahnt. Ich hasse diese verfluchte Knallerei in den Bergen. Hätte euch gestern gleich wegjagen sollen. Nichts als Scherereien hat man, wenn man mal freundlich und hilfsbereit sein will.«

»Dein Großvater kann mir Konkurrenz machen, was das Nörgeln anbelangt«, meinte C.C. zu Laurie und bekam dafür einen Rippenstoß.

»Bilde dir ja nicht ein, du kannst damit weitermachen. Zwei ewige Nörgler im Haus sind mehr, als ich ertragen kann!«

Sie kamen durch den Nebel geschlichen. Von drei Seiten huschten sie zum Blockhaus.

Lane lockerte zwei Bretter an der Rückwand des Stalles und kroch durch die Öffnung. Er huschte um den Anbau herum, sah drei, vier Gestalten, die sich aus den Dunstschwaden lösten, und feuerte aus beiden Gewehren gleichzeitig.

Er kannte keine Rücksicht. Diese Kerle wollten Nora und sie würden dabei jeden, der ihnen in die Quere kam, aus dem Weg räumen.

Schwer getroffen sanken die Banditen zu Boden. Lane jagte vor dem Stall entlang am Haus vorbei.

Wieder entging er nur knapp einigen Kugeln, dann hatte er weitere Angreifer vor sich und deckte sie mit Schüssen ein.

Auch vom Haus wurde nun gefeuert. C.C. hatte zwei Revolver in den Fäusten, Laurie benutzte ein Gewehr, der alte Lucius verließ sich auf eine Schrotflinte und auch Nora gebrauchte ihren Sechsschüsser mit aller Entschlossenheit.

»Passt an der Seite auf!«, bellte Lane.

Er stand an der Tür und jagte den Gegnern Schuss um Schuss entgegen.

Eine Kugel schrammte über seine Hüfte, eine zweite zupfte an seinem Hemdkragen. Eine hässliche Schmarre zierte seinen Hals.

Die Wunde schmerzte höllisch.

»Lane!«, schrie Nora, als er zusammenzuckte.

Die Tür öffnete sich. Schießend war Nora an seiner Seite, wollte ihn ins Haus ziehen.

»Da drüben!«, schrie er, warf sich nach vorn und feuerte im Liegen.

Zwei Männer wirbelten um die eigene Achse und stürzten zu Boden.

»Nora, aufpassen!«

Er riss einen der Revolver aus dem Gürtel und schleuderte ihn zu Nora hinüber, die ihn geschickt auffing.

Gleichzeitig feuerten Nora und Lane in die Nebelschwaden hinein. Schmerzensschreie zeigten ihnen, dass sie ihr Ziel nicht verfehlt hatten.

Aber es waren zu viele Gegner. Ein Bleihagel ging auf Nora und Lane nieder. Beide zogen sich ins Haus zurück.

Lucius begleitete jeden seiner donnernden Schüsse mit einem greulichen Fluch und andauerndem Nörgeln.

»He, Großvater, deine Nörgelei geht mir aber gewaltig auf den Senkel! Kannst du nicht mal die Klappe halten und das tun, was getan werden muss?«

»Was glaubst du, was ich die ganze Zeit mache, Söhnchen? Und wer bist du eigentlich, dass du mir in meinem eigenen Haus Vorschriften machen willst? Dass du was mit dem Fest der Liebe zu tun hast, gibt dir noch lange nicht das Recht, mir meine Enkelin wegzunehmen und mich hier zu behandeln wie...«

»Schnauze, Opa!«, wetterte C.C. und holte ein paar Angreifer von den Beinen. »Pass lieber auf, dass du was triffst.«

Irgendwo ertönte ein heiserer, langgezogener Schrei.

Lucius traute seinen Ohren nicht.

Ein donnerndes Krachen ertönte, danach ein gellender Schmerzensschrei.

Ein Ungetüm tauchte aus dem Nebel auf. Kickend und auskeilend stürzte das Maultier unter die Belagerer. Rippen und andere Knochen brachen. Männer rannten kreischend davon.

»Genug jetzt, Freda, meine Liebe! Sieh zu, dass du aus der Schusslinie kommst!«

Das Maultier trabte in den Stall und begrüßte freudig krächzend die anderen Tiere.

»Moss Digby! Alter Elchknochen, bist du es wirklich?«

»Keine Zeit für Begrüßungen, Lucius Wickers. Halte dein verdammtes Rauchzeug parat, und etwas von diesem hervorragend teuflischen Fusel, den du Whiskey nennst. Bin gleich bei dir!«

Das Männchen in dem Flickenfellmantel feuerte eine langläufige Kentucky Rifle ab, zog einen alten Dragoon-Colt und lehrte einige Angreifer das Fürchten, bevor es das Blockhaus betrat.

»Da haben doch gleich alle Englein unter meiner Haube mit Warnschreien angefangen, als mich dieser schwarze Bursche unten in Three Meadows ausgequetscht hat. Moss, dachte ich mir, da wird der alte Lucius aber Hilfe brauchen können. Ich war so dämlich und hab die Lage der Blockhütte ausgeplaudert, bevor die Engel mit ihrem Geschrei angefangen haben.«

»Dafür sollte ich dir den Schädel von den Schultern ballern! Du bist nicht viel gescheiter geworden, seit ich dich das letzte Mal sah. Dein dämliches Maultier hat ja mehr Grips als du!«

»Beleidige gefälligst meine Freda nicht, du hinterwäldlerischer Einsiedler!«

Sie stritten noch eine Weile, bis Lane den Disput unterbrach. »Eure Meinungsverschiedenheiten könnte ihr später klären. Ich schlage vor, wir kümmern uns mal darum, dass die Herrschaften da draußen die Lust verlieren.«

Mit vereinten Kräften gelang es, die Angreifer in die Flucht zu schlagen. Zurück blieben über ein halbes Dutzend Tote und Verwundete.

Lane lud seine Waffen auf, reichte C.C. eine Winchester und ging zum Stall. »Es wird Zeit, Nora. Du solltest dich jetzt von diesen netten Menschen verabschieden und sie ihrem Streit überlassen.«

»Was hast du vor?«

Als Lane es ihnen sagte, starrten sie ihn mit verblüfften Gesichtern an.

»Ich hab doch immer gesagt, dass du nicht alle beieinander hast. Hätte mich schon vor Jahren von dir trennen sollen. Kaum hast du die Frau deines Lebens gefunden, riskierst du schon wieder alles«, maulte C.C.

Aber er war der erste, der bei den Pferden stand.

»Sie werden die Hütte beobachten. Ich kenne einen Weg, auf dem ihr ungesehen wegkommt!«

Lucius führte sie in eine Nische an der Rückseite zwischen Stall und Blockhaus. Von dort gelangte man in eine ausgedehnte Höhle. »Folgt nur immer dem Hauptgang. Wenn ihr im Freien seid, wendet euch nach Süden und nach drei, vier Meilen nach Osten.«

C.C. umarmte seine Laurie, die ihm einen leichten Kinnhaken versetzte. »Wehe, du lässt dir eine Kugel aufbrennen!«, warnte sie.

»Eine? Vier, fünf. Mindestens!«

C.C. winkte und dann waren sie in den Tiefen der Höhle verschwunden...

 

 

19

»Sie sind in der Hütte. Wir kommen nicht an sie ran! Und dann ist auch noch dieser verrückte Alte gekommen, mit seinem Maultier!«

Royce schlug aus der Drehung heraus zu. Sein Handrücken klatschte gegen Cody Lamberts Wange. Die Haut färbte sich dunkel.

»Du bist unfähig, Lambert. Du hast nur ein großes Maul und das kann dich eines Tages das Leben kosten. Du rückst mit einer halben Armee an und wirst nicht mal mit zwei alten Knackern und ein paar Cowboys fertig, geschweige denn mit zwei Frauen. Mann, bin ich denn nur von kompletten Versagern umgeben?«

»Du hättest dabei sein sollen, Royce, dann würdest du nicht so reden...«

Der Revolvermann schlug noch mal auf Cody Lambert ein. »Geh mir aus den Augen, Mister, bevor ich eine Kugel für dich verschwende!«

Er goss sich einen Drink ein und kippte ihn in die Kehle. Er würde sich diese beiden Cowboys persönlich vorknöpfen. Danach war die Lady dran. Es würde ihm ein besonderes Vergnügen bereiten, sich mit ihr zu befassen. Sie sollte für Mannys Tod büßen. Er hatte sich nie besonders um seinen kleineren Bruder kümmern können, aber das besagte nicht, dass sein Verlust nicht schmerzte.

»Royce!«

»Mister, du stehst kurz davor, in die Grube zu fahren!

»Komm her, Royce. Das wirst du nicht glauben.«

Royce zog den Revolver und legte wutentbrannt auf Cody Lambert an, als er bemerkte, dass der Junge die Straße hinaufstarrte.

Neugierig geworden, eilte Royce zu den Schwingtüren.

Ihm stockte der Atem.

Noch lagen leichte Nebelschwaden in der Luft und ließen die Erscheinung gespenstisch wirken.

Einsam und allein stand sie dort.

Sie saß auf einem Pferd. Sie trug Männerkleidung. Sie hatte einen Revolver im Hosenbund.

Nora Manning war höchstpersönlich gekommen! Sie präsentierte sich selbst wie auf einem Silbertablett! Wenn das kein Glückstag war...

»Hol die anderen«, fauchte Royce. »Verteilt euch. Ich will nicht in eine Falle geraten.«

Cody jagte über die Straße.

Royce ging den Bohlensteig entlang.

Nora rührte sich nicht.

»Welche Ehre, Mrs. Manning! Sie ziehen es also vor, aufzugeben! Haben Sie eingesehen, dass Ihre Flucht sinnlos ist? Steigen Sie ab und kommen Sie rüber. Wir beide haben eine Menge zu besprechen, bevor Sie nach Philadelphia zurückkehren. Dort wartet ein nettes kleines Sanatorium auf Sie.«

»Dort kriegen Sie mich nicht hin, Mister Royce.«

»Ah, ist Ihnen endlich eingefallen, woher Sie mich kennen? Manny Royce war mein kleiner Bruder. Ich habe nichts gegen Sie, Lady, aber zum einen haben Sie mir den Bruder genommen, und das wäre schon Grund genug, Sie umzubringen. Zum anderen winkt mir eine größere Summe Geldes für eine, sagen wir, Gefälligkeit. Ich sollte Sie töten, Ma’am, aber ich denke, in dem Sanatorium sterben Sie genauso gut. Nur viel, viel qualvoller...«

»Ich bin gekommen, um Sie herauszufordern, Royce. Ich fordere Sie zum Revolverkampf!«

Den wenigen Leuten, die an diesem tristen Morgen unterwegs waren, verschlug es die Sprache. Der Besitzer des General Stores rannte die Straße entlang, um den Sheriff zu benachrichtigen.

Er kam nicht bis zum Office. Dort hatte man bereits einen von Lamberts Männern postiert, der ihn abfing.

Sid Royce lachte. Es war ein gehässiges, heiseres Lachen.

Er zog die schwarzen Handschuhe über den Fingern straff und trat an den Rand des Bohlensteigs. »Sie haben Mut, Lady, das muss Ihnen der Neid lassen. Hätte ich von einer behüteten Dame aus dem Osten nicht erwartet. Ihr seid das Kämpfen nicht gewohnt. Haben verdammt viel hinter sich, Ma’am. Hätte nicht gedacht, dass Sie in den Bergen überleben.«

»Ich bin sogar abgestürzt, Mister Royce. Wie Sie sehen, bin ich nicht tot zu kriegen.«

»Das werde ich wohl ändern müssen. Gut, ich werde mich mit Ihnen schießen, Ma’am. Ist mal was anderes. Es gibt immer noch einen neuen Reiz in diesem langweiligen Geschäft. Aber ich werde Sie nicht töten, Ma’am. Ich werde Sie nur verwunden. Die Kutsche und der Zug nach Osten warten auf Sie, Ma’am. Oh, ich bin sicher, dass wir uns prächtig verstehen werden.«

»Kommen Sie auf die Straße!«

»Ma’am, Sie erwarten doch nicht von mir, dass ich mir die Stiefel dreckig mache. Steigen Sie ab, und wir bringen es hinter uns. So einfach ist das.«

Hinter ihm, in der Main Street, hatte Cody Lambert mit Royces Männern Aufstellung genommen. Codys Hände schwebten dicht über den Revolvergriffen. Er sehnte sich danach, die Waffen ziehen zu können.

»Wo haben Sie Ihre Freunde gelassen, Ma’am? Man hat Sie doch nicht etwa mutterseelenallein in die Höhle des Löwen reiten lassen?«

»Wir haben uns getrennt.«

Es klang kalt, entschieden. Royce konnte nicht die Spur einer Lüge in ihrer Stimme entdecken. Es war möglich. Diese Frau hatte ihren Stolz. Warum sollte sie sich mit einfachen Cowboys abgeben, wo sie doch die eleganten, wohlhabenden Gentlemen des Ostens gewohnt war?

Nora stieg ab. Ihre Füße versanken bis zu den Knöcheln im Matsch.

Sie schlug dem Pferd auf die Kruppe. Das Tier trabte nach vorn.

Royce grinste anerkennend. »Kompliment, Ma’am. Sie haben rasch gelernt, sich im Westen zurecht zu finden.«

»Ich habe auch gelernt, mit dem Colt umzugehen, Royce. Zieh!«

Sid Royce lachte, bis ihm Tränen in die Augen traten. »Schätzchen, du bist wunderbar!«

Er wandte sich ab, um sich einen Drink zu genehmigen. Es gehörte alles zu seinem Spiel. Er würde sie mürbe machen. Sie würde überhaupt nicht zum Revolver greifen, sondern schluchzend zusammenbrechen.

»Zieh!«

Er reagierte nicht.

»Verdammt, Royce...!«

»Zieh!«

Royce kannte die Stimme, die ihn gefordert hatte. Sie gehörte nicht Nora Manning.

Der Cowboy!

Royce fegte in der Drehung die beiden schweren .45er heraus. Er starrte ungläubig in die grellen Mündungslichter von Nora Mannings Colt. Die Kugeln gingen fehl, aber das Licht blendete ihn für einen kurzen, kaum messbaren Moment.

Und dieser Augenblick genügte Lane Briggs.

Er war ein Cowboy, kein Mann vom Schnellen Eisen. Er hätte niemals eine Chance gegen Royce gehabt. Doch nun sah es anders aus. Diese kurze Ablenkung, diese Verunsicherung machte es möglich, dass Lane Briggs schneller zog und schoss.

Royce spürte die harten Schläge, als die Kugeln in seine Brust hieben. Er taumelte nach vorn, stapfte in den Matsch, schickte seine Kugeln zu dem Cowboy hinüber, den er nur undeutlich im Nebel erkannte.

Auf der Straße wurde geschossen. C.C. feuerte aus Colt und Winchester, war aber kein ernst zu nehmender Gegner für Cody Lambert.

Der schmächtige Körper des krummbeinigen Cowboys wurde von Kugeln geschüttelt. Er brach in die Knie, fiel in den Schlamm.

Auch Sid Royce ging in die Knie.

Alles um ihn her verschwamm.

Irgendwo hörte man das Knattern und Schlittern von Wagenrädern und das Knarren von Leder.

Royce stand mühsam auf, strich mit den Händen über die verschmutzten Hosenbeine, ohne etwas zu bewirken.

Er drehte sich langsam um und fiel.

»Ich hasse Schmutz«, murmelte er, als Lane Briggs vor ihm stand. »Ich kenne nicht mal deinen Namen, Cowboy.«

»Er würde dir nichts sagen.«

Sein Blick fiel auf Nora Manning.

»Verdammt, Lady, Ihr Mann hätte sich niemals mit Ihnen anlegen sollen. Er sollte stolz sein, eine Frau wie Sie zu haben...«

»Das sollten sie ihm sagen, Royce.«

»Ich... hasse... Schmutz...!«

Royces Kopf klatschte in den Dreck. Er sah nicht mehr, wie Lane Briggs zu C.C. hinübereilte.

»Briggs!«

Lane achtete nicht auf Cody Lambert. Für ihn zählte nur sein Partner.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Lambert die Waffen hob. Er riss den Revolver hoch, doch da krachten bereits Schüsse. Lambert wirbelte herum und fiel auf das Gesicht.

»O Lane!«, rief Nora Manning und eilte mit rauchendem Colt zu dem Cowboy.

Der Stock kam aus dem Nebel und prallte gegen ihre Brust. Erschrocken schrie Nora auf. Sie kannte diesen Stock. Den Knauf mit der silbernen Schlange.

»Robert!«

»Sie haben versagt. Alle. Sie sind ihr Geld nicht wert. Ich verabscheue Versager. Das weißt du. Die Pinkertons haben versagt. Royce, seine Männer. Nora, du hättest niemals fliehen dürfen. Das war ein unverzeihlicher Fehler.«

»Mach endlich Schluss, Robert!«, drängte eine Frauenstimme.

»Du hast sie mitgebracht?«

»Warum nicht? Es hat wenig Sinn, dich in das Sanatorium zurückzubringen, Nora, Liebes. Du bist eine gesuchte Mörderin und ich werde dem Gesetz Genüge tun. Das ist besser für uns alle. Du wirst auf dem Friedhof dieser Stadt ein Grab bekommen. Niemand wird jemals erfahren, wo du begraben liegst.«

»Warum, Robert? Warum? Was hab ich dir getan?«

»Nichts. Aber du bist reich. Ich hatte einige Verpflichtungen, die mein Konto sehr in Anspruch nahmen. Und meine liebe Christina ist auch einen gewissen Lebensstil gewöhnt.«

»Meine Familie wird...«

»Sie haben sich damit abgefunden, dass du in einem Anfall geistiger Verwirrung verschwunden bist. Du wirst verschollen bleiben, meine Liebe. Genug der Worte! Leb wohl!«

»Nur wegen Geld? All die Qualen nur deswegen?«

»Mach endlich voran! Dieses Kaff ist ekelhaft!«, schrie Christina.

Manning drehte am Knauf des Stocks. Die lange Klinge schoss aus dem Schaft und glänzte matt.

Nora schrie und riss den Colt hoch.

Manning lachte. »Du wirst nicht schießen, meine Liebe. Dazu fehlt dem behüteten Mädchen der Mut.«

C.C. stemmte sich hoch. Seine Brust war mit Blut und Matsch besudelt. Er deutete auf Nora und Manning. »Unternimm was«, hauchte er. »Der Kerl bringt sie um!«

Lane hob den Colt und drückte ab.

Klick!

Der Hammer schlug auf eine leere Patronenhülse!

Die Klinge raste nach vorn. Nora feuerte, traf aber nicht, weil der Stock ihr den Revolver aus der Hand fegte.

»Lane!«

Mannings Kopf fuhr herum.

Mit dem Mut der Verzweiflung entriss ihm Nora den Stock, richtete die Klinge auf seine Brust. »Komm nicht näher, Robert! Zwing mich nicht, dich zu töten!«

»Mein Kind, du beginnst mich zu langweilen. Mach es uns doch nicht so schwer!«

Er griff unter den Gehrock und brachte einen kleinen nickelbeschlagenen Revolver hervor.

Nora sah ein, dass sie alle Chancen vertan hatte.

Sie hatte so viele Gefahren überstanden. Nun war alles vorbei.

Sie starrte auf die Mündung, wartete auf den Schuss.

Es blitzte grell.

Sie schloss die Augen, fühlte den scharfen Ruck, hörte den lauten Knall.

Und fiel...

 

 

20

»C.C.! Oh, C.C., du verrückter Kerl! Ich hab dir doch gesagt, du sollst dich nicht erwischen lassen!«

Laurie kniete neben dem kleinen Cowboy im Matsch und küsste sein dreckverschmiertes Gesicht.

»Fünf Kugeln, wie ich dir versprochen hatte. Aber es sind nur Kratzer! Autsch!«

»Dafür stellt er sich an wie ein zu Tode Verwundeter«, meinte Lane und erntete einen bösen Blick von C.C.

»Du verrückter Weihnachtsmann«, murmelte Laurie. Sie sorgte dafür, dass man C.C. zum Doc brachte und blieb bei ihm. Das bekam Lane aber nicht mehr mit.

Er hatte einen Zuber mit heißem Wasser in sein Hotelzimmer schaffen lassen und wollte eben in die dampfende Brühe steigen, als er feststellte, dass der Zuber bereits belegt war.

»Komm nur rein, hier gibt es Platz für Zwei.« Eine schmale Hand glitt an seinem Bein entlang und umfasste seine Manneszierde. »Du hast dir eine Belohnung verdient, Cowboy. Ich kann gar nicht genug von dir bekommen.«

»Das muss warten bis später. Zuerst wird gebadet. Ich will, dass du nach Lavendel duftest.«

»Nein.«

»Wieso?«

»Veilchen. Passt zu meiner Lieblingsfarbe.«

Lane hielt den Atem an, als sie sich aus den Fluten erhob, splitternackt und begehrenswert vor ihm stand und sich einseifte.

»Lass mich«, forderte er und nahm ihr die Seife ab. Sanft verteilte er die Lauge auf ihrer Haut.

»Ich bin so froh, dass alles vorbei ist.«

Lane nickte. Man hatte Robert Manning bereits zum Leichenbestatter geschafft. Lanes Schuss, der aus C.C.s Winchester gekommen war, hatte Manning nicht tödlich getroffen, sondern ihn stolpern lassen. Die Wucht des Schusses hatte ihn gegen die Klinge des Stocks getrieben...

Christina Appleby war in Tränen zerflossen. Nora hatte von einer Anzeige gegen sie abgesehen. Doch man hatte die Sängerin vorsichtshalber erstmal in Gewahrsam genommen. Gerüchten zufolge hatte sie jedoch sofort in dem Deputy, der sie verhaftete, einen feurigen und wohl auch ausdauernden Verehrer gefunden...

»Denk nicht mehr dran.«

»Was wird nun aus uns?«

»Das fragst du noch? Du wirst eine wunderbare Rancherin und Mutter abgeben.«

Er küsste sie, presste sie eng an sich. Ihre glitschige Haut rieb sich an ihm. Die harten Nippel berührten seine Brust.

Er nahm sie im Stehen. Wie von selbst glitt sein Glied in ihre feuchte, warme Spalte. Das Wasser schwappte aus dem Bottich. Sie umklammerte ihn mit den Beinen, ritt auf ihm und ließ diesmal ihren Lustschreien freien Lauf.

Er brachte sie gekonnt zu einem ersten verzehrenden Orgasmus.

»Bist du sicher, dass ich auf einer Ranch leben will?«

»Ich werde dich schon überzeugen, Darling.«

Und flugs machte er sich daran, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen...

 

ENDE

 

Die Wut eines Grizzly

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Seit langem haben Cal Hayes und sein Freund Vilkox ihr zu Hause in den Bergen. Jeder von ihnen wohnt in einer Blockhütte und der eigentliche Herr der Berge duldet sie in seinem Revier. Aber dann kommen Männer, die nichts Gutes im Sinn haben. Sie töten die beiden Freunde und als sie dem Grizzly begegnen, schießen sie auch auf ihn. Das riesige Tier wird verletzt und der Schmerz macht es wütend. In Zukunft wird es niemanden mehr in seinen Bergen dulden.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Der Oldtimer trat vor die Blockhütte, einen verbeulten Eimer in jeder Hand. Er blickte sich um, lauschte und schnüffelte in den Wind wie ein Wolf. Dann stakste er zu einer Fichtenschonung, die von einem schmalen plätschernden Bachlauf geteilt wurde. Er kniete am Ufer nieder und füllte einen Eimer mit eisigem Gletscherwasser. Als er nach dem zweiten Behältnis griff, erklang das scharfe Knacken eines zerbrechenden Astes!

Caleb Hayes wirbelte herum. Er bewegte sich mit einer Gewandtheit, die man ihm nicht zugetraut hätte. In weiten Sätzen jagte er zwischen den Baumstämmen dahin, brach auf die Lichtung vor der Hütte und erstarrte! Caleb Hayes konnte sich auf seine Nase verlassen. Den Geruch, der in der Luft lag, erkannte er sofort. So roch nur der Tod!

Der Schemen war groß.

Er maß weit über acht Fuß. Er war massig, wuchtig, und doch bewegte er sich fast lautlos durch den Gebirgswald.

Auch er nahm Witterung auf, wie es nur wenige Meilen entfernt der alte Mann getan hatte. Er schob sich unter tief hängenden Fichtenzweigen hindurch, schrammte über raue Baumrinden. Es schien ihm nicht das Geringste auszumachen.

Irgendwo wieherte ein Pferd. Leise zwar, aber das Geräusch war deutlich zu hören gewesen. Der Schemen hob den Kopf. Seine dunklen Knopfaugen funkelten böse.

Etwas raschelte im Gebüsch. Ein Karnickel entging dem wuchtigen Tritt der massigen Gestalt und lief dabei Gefahr, seinen zuckenden Stummelschwanz zu verlieren.

Ein Damhirsch, der sich etwas zu weit von seinem Rudel entfernt hatte, hob käuend den Kopf. Das mächtige Geweih zitterte.

Er vernahm das Wiehern, schätzte es jedoch nicht als gefährlich ein. Doch die Gefahr drohte von anderer Seite und näherte sich gegen den Wind.

Dem Leithirsch blieb keine Zeit, sein Rudel zu warnen. Die Vernichtung kam blitzartig und ohne jegliche Vorwarnung über ihn. Einen Augenblick hatte er äsend gestanden, den Kopf gesenkt, im nächsten Moment lag er im Todeskampf zuckend auf dem Boden. Das Geweih brach mit lautem, hässlichem Krachen.

Das Hirschrudel erkannte die drohende Gefahr und stob davon. Doch der Schemen schnitt einigen Tieren den Weg ab und wütete furchtbar.

Er watete in Blut und Eingeweiden.

Er hielt sich nicht lange auf. Das Ausschlachten der Beutetiere konnte bis später warten. Er hetzte über die Lichtung, den steilen, aber für ihn kaum bemerkenswerten Hang hinauf.

»Damit kommt ihr nicht durch«, ließ sich eine hohe, krächzende Stimme vernehmen.

Der Schemen verharrte auf der Stelle und lauschte.

»Die Wette würdest du glatt verlieren, Oldtimer«, antwortete jemand dem alten Caleb Hayes. »Du hast dein letztes Lied gepfiffen.«

»Ich spucke auf euch, Lumpenpack!«, gab Caleb Hayes zurück. »Ich spucke euch ins Gesicht. Jedem Einzelnen von euch!«

»Spar dir die Mühe, Oldtimer.«

Das metallische Ratschen des Repetierbügels übertönte alles.

Grelle Lichtblitze durchzuckten die von dicken grauen Wolkenbänken verstärkte Dämmerung. Schüsse wummerten, und Caleb Hayes stürzte sich kopfüber mitten in eine Hölle aus Blei und Tod.

 

 

2

Tab Morris gefiel die ganze Sache nicht.

Er war nicht dazu geschaffen, sich in den Felsen und Gletscherwänden die Füße und Hände wund zu klettern. Er zog es vor, auf Vorbauten, in Mietställen und in Saloons auf seine Opfer zu warten.

Das war seine Welt. Er liebte das Klimpern der Klavierspieler, den Gesang und die wirbelnden Beine der Saloongirls, das Knarren der Holzbohlen unter seinen Schritten oder auch nur die mit tanzenden Strohpartikeln erfüllte Luft eines Mietstalles.

Aber von alledem war Morris weit entfernt.

Zusammen mit einem halben Dutzend Männer hatte er sich aufgemacht, die alte Ratte Caleb Hayes aus ihrem Loch zu treiben. Morris hatte sich die Sache lange überlegt. Als er den Job akzeptierte, hatte er Caleb Hayes bereits für so gut wie tot erklärt.

Aber er war eben noch nicht ganz tot. Und die Ratte kämpfte verbissen, so lange noch das Blut durch ihre Adern strömte. Das musste Morris auch in diesem Augenblick feststellen.

Er hatte Hayes tagelang von verschiedenen Verstecken aus beobachtet. Es hatte fast eine Woche gedauert, bis Morris die Blockhütte des Alten gefunden hatte.

Geduldig hatte er gewartet, bis sich Hayes sehr sicher fühlte.

Es war interessant gewesen, Hayes zu beobachten, wie er vorsichtig auf jeden Schritt bedacht zum Bach gelaufen war.

Lautlos hatte Morris seine Männer den Kreis schließen lassen.

»Nicht mal hier oben in dieser idyllischen Einsamkeit kann man ein friedliches Leben fern vom Trubel der Städte führen, Mister Hayes«, begrüßte Morris sein Opfer, als es wie von Furien gehetzt aus dem Wäldchen auf die Lichtung brach. »Es ist ein Jammer.«

Das schlohweiße Haar hing wirr vom Kopf des Alten. Der Bart war ebenfalls weiß geworden. Das sonnengebräunte Gesicht war verwittert. Die Kleidung des Oldtimers war einfach aber zweckmäßig und bestand aus rauem Cordstoff und Wildleder.

Die kleinen Augen funkelten angriffslustig.

Hayes ballte die Hände zu Fäusten. »Was wollen Sie?«

»Diese Frage brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu beantworten, Mister Hayes.«

»Der Grizzly«

»Sehen Sie, er ist nun mal der Herr dieser Berge, Mister Hayes. Er sieht es nicht gern, wenn sich Eindringlinge auf seinem Land niederlassen und ihm den Besitz streitig machen. Das werden Sie verstehen.«

»Sie haben Recht, Mister. Die Mountains gehören dem König der Berge. Aber damit ist nicht Ihr Brötchengeber gemeint, der seine gierigen Krallen nun auch nach den Mountains ausstreckt. Er sollte sich mit dem Land zufrieden geben, das er sich mit Hilfe von Leuten Ihres Schlages schon unter den Nagel gerissen hat. Wenn er die Griffel nicht von den Bergen lässt, kann es böse für ihn enden. Hier oben herrschen eigene Gesetze.«

Eines der Pferde wieherte in seinem Versteck.

Morris schob den Jackenaufschlag zurück. »Ich fürchte, da muss ich Ihnen zustimmen, Mister Hayes. Leider werden Sie durch diese Gesetze für Ihr Eindringen und Ihre Anmaßung, dieses Land zu bewohnen, bestraft werden.«

»Damit kommen Sie nicht durch«, stieß Hayes krächzend hervor.

»Die Wette würdest du glatt verlieren, Oldtimer.« Morris zog den chromblitzenden Revolver.

Und dann rollte das Wummern der Schüsse über die Höhen.

Aber Caleb Hayes stand längst nicht mehr dort, wo man ihn hatte treffen wollen. Wie ein Wirbelwind fegte er zwischen die Angreifer, riss einem von ihnen den Karabiner weg und rammte ihm den Lauf in den Leib.

Hayes fiel auf ein Knie, jagte rasend schnell die Kugeln aus dem Lauf und holte zwei Gegner von den Beinen.

Das scharfe trockene Bellen des 45ers antwortete dem Wummern der Gewehre. Hayes spürte, wie die Bleihummeln an ihm vorbei sirrten. Er rollte über den harten Boden, entging nur knapp den tödlichen Schüssen, kam hoch und wollte mit einem katzengleichen Satz in die Blockhütte eintauchen, als ihn ein heftiger Schlag an der linken Seite herum riss.

Hayes prallte gegen die von roh gehauenen Baumstämmen gebildete Hauswand, kreiselte herum, die Winchester tief an der Hüfte im Anschlag.

Er stierte direkt in das grelle Mündungslicht von Morris’ Sechsschüsser. Die Kugeln rammten mit unglaublicher Wucht in Hayes’ drahtigen Körper.

Aber sie töteten ihn nicht. Sie raubten ihm die Kraft, die schwere Winchester zu halten. Der Karabiner schepperte über einen Gesteinsbrocken.

Noch immer spürte Caleb Hayes keinen Schmerz. Das Einzige, was er fühlte, war sein warmer Lebenssaft, der aus den Wunden strömte und ihm langsam, aber unnachgiebig den Rest gab.

Sein Blick verschwamm. Er musste sich anstrengen, um Tab Morris zu erkennen, der wie ein elegant gekleideter Gevatter Tod vor ihm Aufstellung genommen hatte.

»Wie ich schon sagte, es ist ein Jammer«, murmelte Morris. »Sie hätten sich die Schmerzen ersparen können, Mister Hayes, und mir die teure Munition, die ich an Ihnen verschwenden muss. Sicherlich haben Sie keine Ahnung, was auch nur eine Patrone für diesen Revolver kostet, Mister Hayes.«

Der Alte stemmte sich an der Hauswand hoch. »Ihre Wette haben Sie verloren, Mister«, stieß er hervor. Ein Hustenanfall unterbrach ihn. Ein Blutfaden färbte seinen Bart rot. »Der Grizzly holt sich sein Land zurück. Der König der Berge. Er hat mich hier nur geduldet.«

»Wahre Worte, Mister Hayes«, pflichtete Morris bei. »Aber die Erkenntnis kommt leider zu spät. Lassen Sie uns das Ende nicht länger hinauszögern, Oldtimer. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich Sie nicht gleich mit dem ersten Schuss richtig erwischt habe.«

Hayes hustete und schüttelte sich. Erst allmählich fiel Morris auf, dass der alte Mann lachte. »Sie irren sich, Sonny. Ich hab Sie erwischt. Bin gespannt, wer zuerst dem Teufel die Hörner putzt.«

Morris erfasste den Sinn der leisen Worte erst, als hinter und neben ihm die Welt in einer gewaltigen Woge aus Blut versank...

 

 

3

Der gigantische Schemen näherte sich lautlos den auf der kleinen Lichtung versammelten Männern, die ihm den Rücken zukehrten. Sie wiegten sich in trügerischer Sicherheit. So war es immer. Dieser Irrtum würde sie ihr Leben kosten.

Der Schemen löste sich aus dem Schatten der Bäume, bewegte seinen massigen Leib vorwärts.

Niemand bemerkte ihn.

Er überwand die kurze Distanz in Windeseile. Er sah den Mann mit dem weißen Haar, dessen Blut so verführerisch roch. Es würde warm sein.

So mochte es der Schemen.

Der weißhaarige Mann streckte die zitternde Hand aus und deutete auf den Schemen.

Er lachte.

Einer der versammelten Männer drehte sich um...

... und stand dem Grauen gegenüber!

Ehe sein eisiger Schrecken und die Todesangst in einem markerschütternden Schrei gipfeln konnten, traf ihn ein furchtbarer Hieb, und rasiermesserscharfe Krallen fetzten mit Brachialgewalt durch sein Gesicht, seinen Hals und die Brust.

Der riesenhafte Grizzly bewegte sich rasend schnell, und die beiden krallenbewehrten Pranken troffen vom Blut der Opfer. Er richtete in Windeseile ein Blutbad an, wie Tab Morris es niemals für möglich gehalten hatte.

Der Revolvermann überwand seinen Schrecken, als der massige Leib wie ein gigantischer Fleischberg vor ihm aufragte.

Ein Schrei löste sich aus seiner Kehle. Für einen winzigen Moment verharrten seine ungläubigen Blicke auf der Furcht erregenden Fratze. Nie zuvor hatte Tab Morris Angst empfunden, aber nun hielt sie ihn mit eiserner Faust gepackt, und Krämpfe rasten wie ein Feuerbrand durch seine Gedärme.

Zur Todesangst kam nun noch die Angst vor der unfassbaren Demütigung, dass er die Kontrolle über seinen Körper verlor und sich selbst beschmutzte.

Sein Blick folgte der tödlichen Pranke, die sich hob, um im nächsten Moment auf ihn herabzusausen und ihn zu zerfetzen. Instinktiv drehte er sich weg, wirbelte zur Seite, holte alles aus sich heraus.

Eine Kralle schlitzte seine Jacke vom Kragen bis zur Hüfte auf. Der Stoff zerriss ratschend, und Morris spürte, wie sich ein brennender Schmerz auf seinem Rücken ausbreitete. Er stolperte, stürzte und krabbelte auf allen Vieren davon. Unterwegs krallten sich seine Hände um den Lauf einer Winchester.

Der Grizzly ruderte mit den Pranken durch die Luft. Morris ging auf Tauchstation. Dicht über seinem Kopf rasierten die Krallen hinweg.

Morris benutzte das Gewehr als Krücke und wich taumelnd zurück. Zu groß war der Schock, als dass er auch nur daran dachte, seine Waffe zu gebrauchen.

Im Hintergrund sah er, wie sich Caleb Hayes von der Hüttenwand abstieß.

»Der König der Berge fordert seinen Tribut, Sonny!«, schrie der Oldtimer. »Du hast Angst, Sonny! Du machst dir in die Hosen!« Sein schadenfrohes Lachen ging in einen Hustenanfall über. »Und mit vollgeschissenen Hosen wirst du vor den Teufel treten, Sonny! Und ich werde lachen! Lach... aaaahhhh!«

Die Bestie hielt sich nicht lange mit Caleb Hayes auf. Der massige Leib kreiselte herum. Wie ein schmächtiger Zwerg wirkte der Oldtimer vor dem pelzbedeckten Giganten. Die Pranke sauste durch die Luft und fegte Caleb einfach beiseite.

Aber nicht der Prankenhieb war es, der Caleb Hayes tötete.

Es waren die Kugeln aus Tab Morris’ 45er!

Der Killer konnte Hayes’ höhnische Worte nicht verwinden. Und er wollte seinen Triumph auskosten und den Alten nicht der Bestie überlassen.

Die Schüsse stachelten die Wut des riesigen Grizzly noch mehr an. Er warf sich Tab Morris entgegen, doch der Schießer gab Fersengeld. Er jagte zu dem dichten Gebüsch, in dem die Pferde versteckt waren.

Er wusste die blutrünstige Bestie dicht hinter sich. Der Bär würde ihn mit Leichtigkeit einholen. Morris erinnerte sich an die Schilderungen alter Trapper, die den Grizzly als äußerst gewandt und trotz seiner Leibesfülle als ungemein flink beschrieben.

Morris brach durch das Dickicht. Die Pferde scheuten. Sie rochen den Grizzly und zerrten nervös an den Zügeln, die um starke Äste geschlungen waren.

Morris warf sich in den Sattel seines starkknochigen Apfelschimmels, hatte mit einem Ruck die Zügel gelöst und zerrte das Pferd herum. Wild schreiend hieb er ihm die Absätze in die Weichen und peitschte es mit den Lederriemen.

Das Pferd wieherte schrill, steilte auf und sah in seiner Panik nicht, wo es diese geschützte Stelle zwischen den Bäumen verlassen konnte.

»Wirst du wohl gehorchen, du verdammte Schindmähre?«, brüllte Morris. Seine Stimme hatte sich zu einem angsterfüllten Falsett gesteigert. Er schlug dem Pferd zwischen die Ohren.

Seine Blicke flirrten herum, suchten die Umgebung ab. Er befürchtete, jeden Moment das Untier zwischen den Büschen auftauchen zu sehen.

Nichts geschah.

Tab Morris brachte den Apfelschimmel dazu, sich einen Weg zwischen den Baumstämmen zu suchen. Das Pferd sauste schnaubend durch das Wäldchen.

Morris beugte sich tief über den Pferdehals, entging so im allerletzten Moment den alles vernichtenden Prankenhieben, als eine dichte Pelzwand urplötzlich zwischen den Fichten aufragte.

»Schneller!«, brüllte Morris und drosch auf das Pferd ein.

Hinter ihm vernahm er die gequälten Todesschreie der übrigen Reittiere, die sich der Wut des Grizzly ausgesetzt sahen.

Ich hab es geschafft, schrie es in Morris.

Der Apfelschimmel sprang in eine Senke, strauchelte und hätte den Reiter beinahe abgeworfen.

Der Revolvermann zog das keuchende Tier herum und ließ es durch die Senke traben. Immer wieder schaute er über die Schulter zurück und hielt nach dem Grizzly Ausschau.

Nichts.

Er hatte den Rand der Senke erreicht, wo eine Bodenrinne über eine Böschung in einen tiefen Graben führte. Morris zwang sich, auf den Weg zu achten.

Zum Schreien blieb ihm keine Zeit mehr.

Der pelzige Gigant wuchs wie ein lebender Berg vor ihm auf. Blut spritzte hoch, als die Brust des Pferdes von den Klauen durchbohrt und zerfleischt wurden.

Morris sauste aus dem Sattel, kullerte die Rinne hinunter, krachte mit dem Rücken hart gegen einen scharfkantigen Felsen.

Er biss die Zähne zusammen, hob das Gewehr und feuerte in den Wald hinein. Dorthin, wo er den Grizzly vermutete.

«Du kriegst mich nicht, du Bastard!«

Die Kugeln schrammten über Rinden und ließen Äste zersplittern. Sonst richteten sie keinen Schaden an.

Ein leises Knurren ließ Tab Morris herumfahren. Der Schmerz in seinem Rücken raubte ihm schier den Verstand.

Und da war er! Abwartend stand er am Rand des Grabens, schüttelte den Kopf und tapste langsam nach vorn.

Morris kreischte und schwenkte das Gewehr hoch.

Klick!

Das Röhrenmagazin war leer!

Verzweifelt betätigte Morris den Repetierhebel, ohne damit das Geringste zu erreichen. Heulend schleuderte er dem Grizzly das Gewehr entgegen, zerrte den Colt aus dem Leder und fächerte den Hammer zurück.

Nie zuvor hatte sich die Waffe so kalt und schwer in seiner Hand angefühlt.

Morris feuerte, als der Grizzly heranwalzte.

Die Bestie schüttelte unwillig den Kopf, steckte die Revolverkugeln wie Bienenstiche weg und erreichte Morris. Stinkende Speichelfetzen lösten sich aus den Lefzen, klatschten in Morris’ verzerrtes Gesicht.

Eine winzige Zeitspanne schien es, als betrachte das Biest den Menschen mit beinahe mitleidigem Blick. Doch in den dunklen Knopfaugen las Morris keine Gnade.

»Nein... bitte!«, stieß er hervor.

Zum ersten Mal in seinem Leben bat Tab Morris um etwas.

Die Bitte wurde ihm nicht erfüllt.

»Nein ...Neeeiiinnn! Aaaarrrggh...!«

Sein gellender Schrei brach schlagartig ab, als die Pranken auf ihn nieder rasten und Tab Morris in seiner höchsten Todesangst die feuchte Wärme spürte, die sich an seinem Unterleib ausbreitete...

 

 

4

»Oh, wie ich mich nach einem heißen Bad gesehnt habe!«, seufzte Annie Hunter. Sie reckte die bloßen Arme weit über den Kopf, sodass sich die festen runden Brüste aus dem mit schäumenden wohlduftenden Essenzen versetzten Badewasser hoben.

»Genieße es, Annie. Wird für einige Zeit das letzte Bad sein.«

Annie Hunter zog einen Flunsch und warf ihrer Freundin Jenna Wilcox einen tadelnden Blick zu. »Hättest du damit nicht warten können, bis das Wasser kalt ist? Du verdirbst einem jegliche Freude, Jenna!«

Die junge Frau, die auf dem Bett saß und sich das lange, leuchtend rote Haar bürstete, achtete nicht weiter auf das Gezeter der Badenden.

Sie war mit ihren Gedanken weit entfernt, tief in den umliegenden, zerklüfteten Bergen von Colorado. Dieser kleine Ort und die wilde, teils unberührte Bergwelt waren zwar nicht unbedingt der geeignete Platz für eine Schönheit wie sie, aber sie hatte ihn sich nun mal ausgesucht.

Selbst Annie Hunter musste zugeben, dass ihre Freundin ein berauschend schönes Mädchen war. Die rote Haarflut umrahmte das schmale, bleich wirkende Gesicht mit den etwas zu hoch angesetzten Wangenknochen. Große, goldene Ohrringe waren zwischen den roten Strähnen zu erkennen. Die Augen leuchteten in einem hellen Farbton. Lange Wimpern ließen sie größer wirken. Die Lippen waren voll und wie zum Küssen geschaffen.

Annie war genau das Gegenteil. Sie hatte zwar auch ein schmales Gesicht, aber ausgeprägte Wangenknochen, sehr schmale und trotzdem sinnliche Lippen, die zwei Reihen blitzender Zähne verbargen. Ihr blondes Haar trug sie kurz geschnitten.

Auch was die Figur betraf, unterschieden sich die beiden Frauen. War Jenna wohl proportioniert, mit vollen, runden Brüsten und sanft geschwungenen Hüften, so war Annie von der Natur nicht allzu großzügig ausgestattet worden. Sie hatte lange, schlanke Beine, war etwas zu schmal in den Hüften, und die Brüste mit den dunklen Spitzen waren gerade groß genug, um von Männerhänden völlig bedeckt zu werden.

Jenna legte die Bürste weg und trat ans Fenster. Die festen Halbkugeln ihrer vollen Brüste drängten gegen das tief ausgeschnittene, mit Spitzen besetzte rote Mieder.

Ihre Blicke wanderten über die Dächer der umliegenden Häuser zu den majestätischen Bergriesen, deren schneebedeckte Gipfel im Sonnenlicht gleißten.

Dort lag ihre neue Heimat.

Sie dachte an jenen Tag vor einigen Wochen, als sie die Nachricht erhalten hatte.

Es war ein regnerischer Tag gewesen. Die Straßen der kleinen Stadt in Georgia hatten sich in dem Dauerregen in Schlammkuhlen verwandelt.

Jenna unterhielt einen Bücherladen in der Town, der gut besucht war. Als sie damit begonnen hatte, den Laden einzurichten, hatte man ihr nur mäßigen Erfolg vorausgesagt.

Man hatte sich geirrt.

Eine von Jennas Stammkundinnen war Annie Hunter gewesen, die keinen besonders guten Ruf in der Stadt genoss. Sie arbeitete zeitweilig in einem Etablissement, in dem sich der großzügige Gentleman einige Stunden voller Zärtlichkeit erkaufen konnte.

Aber Annie war sehr belesen. Beide Frauen hatten sich stundenlang über Bücher und Autoren unterhalten, hatten aus Gedichtbänden und opulenten Werken zitiert, und eine tiefe Freundschaft war zwischen ihnen entstanden.

Jenna zuckte zusammen, als unten auf der Straße eine Glocke ertönte. Es war die Ladenglocke über der Tür des Schneidergeschäfts. Solch ein Glöckchen hatte Jenna auch in ihrem Bücherladen angebracht, und es läutete sehr häufig.

So auch an jenem regnerischen Tag. Der Himmel hatte diesem Teil Georgias sintflutartige Wassermassen geschenkt, und kaum jemand wagte sich auf die Straße. Es versprach, ein ruhiger Tag zu werden.

»Miss Jenna... äh... Wilcox?«, fragte der Mann, der den Laden betrat. Er trug einen dunklen, durchnässten Anzug und wahr wohl lange im Regen geritten.

»Was kann ich für Sie tun, Mister?«

Der Besucher zog einen zerknitterten Umschlag hervor und gab sich als der Bote eines Nachlassverwalters aus. Er bat Jenna, die Nachricht zu lesen und ihm eine Rückantwort mitzugeben.

Das Schreiben war nicht sonderlich lang und ausführlich. Es war nur eine kurze Nachricht, dass ein gewisser Lawrence Larry Wilcox verstorben war und Jenna seinen Grundbesitz in Colorado erben sollte.

»Larry Wilcox? Nie von ihm gehört«, murmelte sie und runzelte die Stirn.

Der Bote räusperte sich. »Verzeihung, Ma’am, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte? Er war unter dem Namen Beaver Hide Wilcox bekannt.«

»Na, da soll doch gleich der Blitz in diesen Laden sausen und diese ganzen Bücher verbrennen!«, rief Jenna. »Der alte Biberjäger hat ziemlich lange durchgehalten.«

»Wie meinen Sie das?«

»Er war das schwarze Schaf der Familie. Hat sich lieber in den Rockys rumgetrieben und mit Biberfellen gehandelt, als sich um die Belange der Familie zu kümmern. Keiner hat geglaubt, dass er es länger als ein paar Jahre da oben in der Einsamkeit aushalten würde. Ich mochte ihn. Er hat mich als kleines Mädchen zu den Bibern mitgenommen. Er konnte trinken wie ein Whiskeykutscher und schießen wie die beiden Bills zusammen! Fällt mir schwer zu glauben, dass er tot ist.«

»Die beiden... wer, Ma’am?«

»Buffalo Bill Cody und Wild Bill Hickock natürlich. Wo leben Sie eigentlich, Mister?«

»Ich verstehe. Vielen Dank, Ma’am. Wenn Sie freundlicherweise an die Rückantwort denken...«

Jenna kam der Bitte nach und informierte die Anwaltskanzlei, dass sie das Erbe annehmen würde.

Der Drahtige bedankte sich überschwänglich und eilte zur Tür. »Hab leider keine Zeit, mit Ihnen zu plauschen, Ma’am. Muss heute noch weiter nach Baton Rouge.« Er stellte den Jackenkragen hoch und zog die Schultern hoch, als der Regen vor ihm niederplatschte. »Ach, bevor ich es vergesse, Ma’am... Beaver Hide hatte keine Chance, auch wenn er noch so gut schoss. Er wurde umgebracht.«

Jenna hob eine Augenbraue.

»Von einem Grizzly«, fügte der Bote hinzu und tauchte im strömenden Regen unter.

 

 

5

Jenna hatte den Laden für diesen Tag schließen wollen, aber Annie Hunter hatte sie aufgesucht und Jennas trübseligen Gesichtsausdruck richtig gedeutet. »Ohoh«, gab sie gut gelaunt von sich, »du siehst aus wie eine Katze, die man bei diesem Dreckswetter aus dem Haus gejagt hat. Probleme?«

»Larry Wilcox ist tot.«

»Gratuliere. Freu dich, da kannst du bald mit seinen Büchern ein gutes Geschäft machen.«

»Larry war mit mir verwandt, Annie.«

»Noch schöner. Da kanntest du ihn ja persönlich. Was glaubst du, wie die Leser dir die Schwarten aus den Fingern reißen. Hast du was von diesem Kerl mit der grausigen Fantasie, wie heißt der doch gleich... Poe? Edward Aaron Poe?«

»Edgar Allen«, verbesserte Jenna.

»Meinetwegen auch das.«

Jenna deutete zu einem Regal im hintersten Winkel des Ladens. »Ich gehe nach Colorado, Annie.«

Flattern und dumpfes Poltern war zu hören. Jenna sah, wie Annie sich nach den Büchern bückte, die ihr vor lauter Schreck aus den Fingern gerutscht waren.

»Was in drei Teufels Namen willst du denn dort oben in den Rockys? Dort wimmelt es nur so von Wölfen, Bären und was weiß ich noch welchen Ungeheuern, und von blutrünstigen Rothäuten. Also mich würden keine zehn Pferde, ach, was sag ich? keine hundert Zossen würden mich da rauf bringen!«

»Ich hab Land geerbt, Annie.«

»Verscherble es an einen Viehzüchter. Oder verpachte es. Für dich ist es besser, wenn du hier bleibst. Die rauen Berge sind nichts für eine Lady, die ihr ganzes Leben nur mit Büchern zu tun hatte. Außerdem, wer sollte mich mit Büchern versorgen und mir zuhören, wenn ich mich ausheulen will und du nicht da bist?«

Jenna legte ihren Arm um Annies Schultern. »Ich kann mich nur noch vage an Larry erinnern. Als Kind hab ich ihn ein paarmal zur Jagd begleitet. Aber er muss mich sehr gemocht haben. Deshalb möchte ich das Erbe auch würdigen. Er war ein verschrobener Kerl, der sich gegen alle Regeln der feinen Gesellschaft auflehnte und mit seinen Ansichten überall aneckte. Er war das schwarze Schaf des Wilcox-Clans, obwohl ich oft feststellen musste, dass er mit seiner Meinung richtig lag. Man hat ihn ausgestoßen, und er zog sich in die Berge zurück. Ich hatte geglaubt, er sei längst verschollen oder tot.«

»Wie ist es passiert? Ist er in eine Gletscherspalte gestürzt?«

»Anscheinend hat ihn ein Bär angefallen.«

»Da hast du es! Ich hab dir doch gesagt, dass es dort oben gefährlich ist. Also bleibst du besser hier, um mir das Händchen zu halten, ja?«

»Nein, Annie. Ich bin Larry dankbar, dass er mich bedacht hat. Ich weiß nicht, wie viel Land er besessen hat, aber er hat es mir vermacht. Von allen Mitgliedern der Wilcox-Sippe habe ausgerechnet ich geerbt, Annie. Larry hat es verdient, dass ich mir meine Erbschaft wenigstens mal anschaue. Wenn es nichts wert ist...«

»... dann kommst du wieder«, vollendete Annie hoffnungsvoll.

Jennas Blick verschleierte sich. »Ich glaube nicht«, antwortete sie leise. »Ich denke, diese Reise nach Colorado ist die Wende in meinem Leben, die ich so lange herbeigesehnt habe.«

»Das redest du dir nur ein.« Annie winkte ab. »Du hast dein Auskommen hier, wirst geachtet, bist beliebt. Du hast Freunde in dieser Stadt. Willst du das alles aufgeben, um in der Wildnis von der Hand in den Mund zu leben und ein Dankgebet zum Himmel zu schicken, wenn du mit viel Glück ein paar Beeren oder Haselnüsse findest, um den ärgsten Hunger zu stillen? Du musst den Verstand verloren haben, Jenna. Du hast so viele Bücher gelesen und doch nichts gelernt.«

Jenna fauchte ihre Freundin zornig an. »Du vergisst, dass es hier auch Männer wie Julian Traeger gibt. Das allein wäre Grund genug für mich, die Stadt zu verlassen!«

»Der Hitzkopf wird sich früher oder später abkühlen. Lass ihn einfach links liegen.«

»Das ist nicht so leicht, wie es sich anhört, meine Liebe.«

Annie lehnte sich an den Türrahmen. »Dein Entschluss steht fest?«

Jenna gab ihr keine Antwort. In Gedanken kehrte sie zu jenem Abend zurück, der ihr deutlich gemacht hatte, dass sie hier nicht bleiben konnte...

 

 

6

Als die Dunkelheit hereingebrochen war und die Kerosinlampen an den Vorbaudächern trübes Licht verbreiteten, hatte sie ihren Laden abgeschlossen und sich auf den Weg zu dem kleinen Haus gemacht, das sie allein bewohnte.

Sie durchquerte eine dunkle Gasse, gelangte zu dem Häuschen, dessen Vorgarten von einem weiß gestrichenen Lattenzaun begrenzt wurde.

Sie betrat das Gebäude, durchquerte die Diele und den Wohnraum und tastete nach einer Petroleumlampe, die sie auf dem Tisch wusste. Doch sie berührte etwas Weiches. Grobe Haarborsten. Haut. Mit einem leisen Schrei zog Jenna ihre Hand zurück.

Stahlharte Finger schlossen sich um ihr Handgelenk!

Sie wurde zum Tisch gezerrt. Schmerzhaft prallte sie dagegen.

Ein Zündholz wurde angerissen, der Docht der Lampe flackerte auf, und Jenna sah das sonnengebräunte Gesicht mit den dunklen buschigen Augenbrauen, der Hakennase und den etwas wulstigen Lippen dicht vor sich.

»Willkommen zuhause, mein Liebling«, hauchte der Mann, der auf Jenna gewartet hatte. Sein Brandyatem bereitete ihr Übelkeit.

»Was wollen Sie, Julian?« Jenna versuchte ihrer Stimme Kraft zu geben. »Wieso dringen Sie in mein Haus ein?«

»Warum so förmlich, meine Liebe? Dein zukünftiger Ehemann hat es doch verdient, dass du zärtlich zu ihm bist. Gegen einen Begrüßungskuss wäre doch nichts einzuwenden, oder?«

»Lassen Sie mich sofort los, Mister Traeger. Seit Monaten stellen Sie mir nach, und ebenso lange habe ich Ihnen zu verstehen gegeben, dass ich niemals Ihre Frau werde. Begreifen Sie es denn nie? Verschwinden Sie, bevor ich Sie beim Sheriff anzeige!«

»Du vergisst, dass Julian Traeger immer bekommt, was er will«, zischte der elegant gekleidete Bursche und schleuderte Jenna auf den Schreibtisch. »Ich habe die Spielchen satt, Jenna. Du wirst mich küssen, und danach werden wir beide uns die ganze Nacht lang vergnügen. Wenn du erst merkst, welch strammen Hengst du heiraten wirst, bricht dein Widerstand von selbst.«

»Nehmen Sie Ihre Hände von mir!«

»Küss mich!«, forderte er und beugte sich über sie.

Jenna erschlaffte. Sie wartete, bis Traegers Nasenspitze dicht vor ihrem Gesicht war, bevor sie alle Kraft zusammennahm, sich aus seinem Griff befreite und Traeger die spitzen Fingernägel über die Wangen zog.

Er drückte beide Hände gegen die blutenden Wangen und taumelte nach hinten.

Im Nu war Jenna auf den Beinen, raffte die Röcke und flitzte zum Kamin.

Traeger flog förmlich nach vorn, prallte gegen Jenna und stieß sie beiseite. Breitbeinig stand er über ihr.

»Ich will nicht länger warten, Jenna. Heute Nacht wirst du mir gehören. Mir ganz allein! Ob es dir gefällt oder nicht...«

Sein Gesicht war zu einer teuflischen Fratze verzerrt, als er die blutigen Finger krümmte und langsam näher kam...

«Jenna!«

Die junge Frau schrak aus ihren trüben Gedanken und starrte Annie Hunter an.

»Entschuldige. Was hast du gesagt?« Tränen wallten in ihren Augen.

»Denkst du immer noch an Traeger?«, fragte Annie mitfühlend. »Der Bastard hat seine Lektion gelernt, Darling.«

Noch immer sah sie Julian Traegers Visage vor sich, die höhnisch griente und sich gleich darauf in unerträglichem Schmerz verzerrte. Sie hatte ihren hartnäckigen Verehrer an seiner empfindlichsten Stelle getroffen, genau zwischen den Beinen. Es hatte ein hässliches Geräusch gegeben, als ihr Fuß in sein Gemächte rammte. Tränen schossen aus seinen dunklen Augen. Er krümmte sich wimmernd zusammen.

Jenna stürzte zum Kamin und ergriff einen eisernen Schürhaken und kreiselte herum. Den Haken schwang sie wie ein Schwert, traktierte Traeger im Gesicht, an den schützend erhobenen Armen und an den Beinen. Sie drosch auf ihn ein, bis er reglos auf dem Boden lag...

 

 

7

Annie Hunter holte Jenna in die Wirklichkeit zurück, indem sie einen Arm um sie legte. Jenna hatte gar nicht mitbekommen, wie die Freundin sich abgetrocknet und angezogen hatte.

»Komm, wir gehen aus!«, drängte Annie. »Damit du auf andere Gedanken kommst. Schräg gegenüber gibt es einen Saloon, wo wir bestimmt auch etwas zu Essen bekommen.«

Sie traten ins Freie. Der kühle Nachtwind zerrte an ihrem Haar, an ihrer Kleidung. Sie fröstelten.

Und dann geschah es.

Sie liefen einer Gruppe abgerissener, verschwitzter und stinkender Gestalten direkt in die Arme. Es waren drei Satteltramps, sinnlos besoffen.

»Hey, trinkt mit uns!«, lallte einer der Kerle und schwenkte eine Whiskeyflasche.

Jenna wollte schreien, doch eine grobe behaarte Hand legte sich blitzschnell um ihren Mund. Jenna würgte. Ihr Magen verkrampfte sich.

Man stieß sie auf den Boden. Eine Hand packte ihr langes Haar. Schmerzen rasten durch die Kopfhaut. Sie hörte Annie schreien.

Dann überstürzten sich die Ereignisse. Jenna war es, als hätte das Schicksal eine Tür vor ihrer Nase zugeschlagen, um gleich darauf ein Fenster zu öffnen, durch das sie kriechen konnte.

«Das ist keine Art, eine Lady zu behandeln, Boys!«, hörte sie eine ruhige Männerstimme sagen. Sie wusste, dass ihnen jemand zu Hilfe gekommen war.

Doch noch sah es gar nicht danach aus, dass der unbekannte Held überhaupt zu seiner ruhmreichen Tat schreiten konnte.

Die Satteltramps beäugten den mittelgroßen blonden Jüngling, der über enorm breite Schultern und muskelbepackte Arme verfügte und so aussah, als könnte er kein Wässerchen trüben.

Der Blonde trug Levishosen, ein dickes Baumwollhemd, einen hochkronigen Calispell-Hut und ein leuchtend rotes Halstuch. Um die Hüften hatte er einen mit zahlreichen Verzierungen versehenen, patronengespickten Revolvergurt geschlungen, aus dessen Holstern die Griffe zweier Colts ragten.

»Verzisch dich, Sonny!«, stieß einer der Tramps hervor. »Das hier ist ein Spiel für Männer, nicht für Kids.«

»Sicher«, entgegnete der Blondschopf. »Aber ich kenne auch ein nettes Spiel. Es nennt sich Teufelstanz. Soll ich es euch mal zeigen?«

Die Tramps waren offenbar nicht interessiert. Ihre Hände stießen zu den Revolvern.

Wie durch Zauberhand flogen die beiden Schießeisen aus den Holstern des Blonden. Ehe die Gegner feuern konnten, waren die Mündungen auf sie gerichtet! Und der Blonde stand nur breitbeinig da und grinste.

»Werft eure Kanonen weg, Boys«, befahl er. »Ihr braucht sie nicht mehr.«

»Willst du uns kaltblütig abknallen, Sonny?«, fragte ein Tramp lauernd.

»Kommt drauf an, ob ihr Ärger macht. Weg mit den Schießeisen!«, wiederholte der Blonde barsch.

Die Revolver klatschten in den Staub. Der Blonde ließ seine Colts im Gürtel verschwinden.

»Und jetzt?«, wollte ein Tramp wissen.

»Ich will keinen Ärger. Wenn ihr verschwindet und euch nicht mehr blicken lasst, ist die Sache erledigt.«

Die Tramps standen mit offenen Mündern da. Mit vielem hatten sie gerechnet, aber das... Sie warteten nicht, bis der Blonde es sich anders überlegte. Ohne Waffen waren sie nicht halb so mutig. Sie gaben Fersengeld.

»So, meine Damen, das wäre geschafft.« Der Jüngling schien mit sich und der Welt zufrieden.

»Ich bin dir ja dankbar, Sonny« , warf Annie ein, »aber hättest du die Kerle nicht besser abgeknallt? Die kommen sicher wieder!«

»Das war mir leider unmöglich.«

»Warum denn? Du kannst doch mit den Bleispritzen umgehen, als hättest du schon in der Wiege daran genuckelt!«

»Ich hab noch nie...«

Annies Augen leuchteten. »Gevögelt?«

»... einen Menschen erschossen.«

Sie musterte ihn aufmerksam und bemerkte, dass ihm die Schamröte ins Gesicht stieg. »Das andere auch nicht?« Sie jauchzte. »Das werden wir schleunigst ändern, Schätzchen! Irgendwie muss ich mich ja bei dir bedanken, Mister...!«

»Harding«, stellte er sich vor. »Wayne Harding. Aber Miss, ich...« Er wich zurück, als Annie auf ihn zu glitt und an seinem Gürtel zu nesteln begann. Auf offener Straße! Es war zwar dunkel, aber...

»Grundgütiger Himmel, du schleppst solch ein Gerät mit dir rum und hast noch nie?«, stieß Annie atemlos hervor, als ihre Hand in seiner Hose verschwand.

»Es ergab sich noch keine Gelegenheit...«, kam die vage Antwort.

Während Annie sich nicht um Sitte und Anstand scherte, stand Jenna Wilcox wie vom Donner gerührt und starrte zu einem großen, dunkel gekleideten Reiter hin, der vom Eingang einer Gasse zu ihnen herüber schaute.

Dann bemerkte sie, dass seine Aufmerksamkeit gar nicht ihnen galt, sondern den Satteltramps, die eben zurück kamen! Offenbar hatten sie sich neue Waffen besorgt und wollten sich an dem Blonden rächen!

Der Stranger hatte kein Wort gesprochen, als er bereits den langläufigen 44er in der Rechten hielt und tödliches Blei zu dem Trio hinüber jagte.

Annie schrie erschrocken auf; Waynes Hand fuhr reflexartig zum Revolver. Doch es blieb nichts zu tun übrig. Tödlich getroffen stürzten die Tramps zu Boden. Jenna stierte zu dem Schützen hinüber, der ihr strahlend wie ein Ritter in blitzender Rüstung erschien.

Er trabte heran und lud bedächtig den Revolver nach. Lange verweilten seine Blicke auf ihrem Gesicht und den vollen Brüsten, die ihre Bluse ausfüllten. Schließlich zog er sein Pferd herum und ritt grußlos in die Nacht hinein.

 

 

8

Wenig später war Annie am Ziel ihrer Wünsche. Sie hatte den ganz Blonden mit sich gezerrt und ließ keinen Einwand gelten. Sollte doch Jenna dem hiesigen Marshal erklären, was passiert war. Ihr stand der Sinn jetzt nur nach einem...

Wayne Harding stand es auch, allerdings weniger der Sinn als vielmehr sein bestes Stück.

»Na komm schon!« Annie spreizte die Schenkel weit und bot ihm ihre rosige Lustgrotte dar. Aber noch zierte er sich. Da umfasste sie seinen Lustspeer mit beiden Händen und zog ihn zu sich heran. Es musste doch verdammt noch mal möglich sein, diesem strammen Burschen den Himmel auf Erden zu bereiten!

»Siehst du, er ist bereit!«, kommentierte sie seine Erregung. »Jetzt müssen wir ihn nur noch dahin kriegen wohin er gehört.«

Sie dirigierte ihn zu ihrer weit geöffneten Scham. »Zeigs mir, Cowboy!«, forderte sie ihn auf. »Ich will dich, aber ganz!«

Wayne war zunächst unschlüssig, schob dann aber seinen steil aufgerichteten Freudenspender tief in ihre feuchte Spalte. Er bewegte sich langsam und behutsam in ihr, drang immer weiter vor und entlockte Annie laute Lustschreie.

Ihr Körper bockte und bebte. Wayne legte seine Pranken auf ihre wogenden Brüste. Als er ihre Nippel berührte, schoss ein weiterer Luststoß durch Annies Körper.

Sie hatte nie geglaubt, dass sie ihn ganz in sich aufnehmen konnte. Aber es klappte. Anne passte sich seinen harten Stößen an und schlang ihre Beine um seine schmalen Hüften. Waynes Pranken lagen unter ihren runden festen Hinterbacken, lupften sie hoch, als wäre sie leicht wie eine Feder, und bewegten sie mit seinen gewaltigen Stößen. Er lernte schnell!

Annie presste sich an ihn. »Komm... ja, komm jeeetttzzztttl«, schrie sie, als die Wogen des Orgasmus über ihr zusammenschwappten.

Sie vergaß sich völlig, und endlich explodierten auch seine heißen Liebessäfte in ihr.

In diesem Augenblick war Annie nicht nur froh, dass sie von Wayne aus ihrer misslichen Lage befreit worden war, sondern auch, dass sie ihrer Freundin Jenna zum Fuß der Rocky Mountains gefolgt war.

»Oh, Wayne, Darling, wenn Jenna wüsste...«, murmelte Annie und genoss seine Liebkosungen.

Die Tür schwang auf, und Jenna stand im Rahmen. »Sie weiß«, sagte sie kühl. »Konntest dich mal wieder nicht beherrschen, was?« Sie sah zu, wie sich Annie langsam von Wayne Harding löste. Sie traute ihren Augen nicht, als sie seine erschlaffte Männlichkeit zu Gesicht bekam.

»O mein Gott«, hauchte sie. »Da hat sich Annie aber wirklich ein Prachtexemplar ausgesucht...«

»Yeah, Ma’am«, stimmte Wayne zu, und es klang, als wäre überhaupt nichts Besonderes an ihm.

 

 

9

Zwei Tage später waren Jenna und Annie auf dem Weg nach Nordwesten. Der Town Marshal hatte sie für ihre Aussage länger als erwartet aufgehalten.

Wayne Harding hatte ebenfalls seine Angaben gemacht und sich anschließend schnurstracks zum General Store und dem Mietstall begeben. Sein Gesicht glühte vor Erregung. Er war bis über beide Ohren in Annie Hunter verschossen und schien alle Welt an seinem Glück teilhaben lassen zu wollen.

So kam es dann auch, dass er reisefertig bereit stand, als Jenna und Annie mit zwei starken Stuten und zwei Packmulis den Ort verließen.

»Was wollen Sie denn?«, fragte Jenna nicht besonders freundlich. Sie hatte genug von Männern, seit Julian Traeger sie als sein Eigentum betrachtet hatte.

Ihre Gedanken straften sie Lügen.

Der große Stranger tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Er war zur Stelle gewesen, als sie ihn am Dringendsten gebraucht hatte, und sie rechnete ihm dies hoch an. Aber sie war fest entschlossen zu beweisen, dass sie auch ohne einen Mann ausgezeichnet zurechtkommen konnte.

»Verzeihung, Ma’am, ich wollte Ihnen meine Dienste als Führer anbieten. Miss Annie hat mir erzählt, dass Sie ganz da rauf wollen, in die Gegend vom Bianca Peak. Ist ein verteufelt wildes Gelände, Ma’am«, beantwortete Wayne Harding die Frage der jungen Frau.

»Tratschtante!«, zischte Jenna und sandte einen wütenden Blick zu ihrer Freundin.

»Sie tun Miss Annie Unrecht, Ma’am«, sprang Wayne sofort in die Bresche. »Jeder in dieser Stadt weiß von Ihrem Vorhaben. Solche Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Sie werden verstehen, dass es nicht gerade alltäglich ist, wenn zwei Frauen allein in den Bergen leben wollen.«

»Man wird sich eben daran gewöhnen müssen!«, widersprach Jenna barsch. »Entschuldigen Sie uns.«

»Es wird den meisten Leuten schwer fallen, Ma’am. Die wenigen Trapper, die sich da oben ein Heim geschaffen haben, werden oft wie Außenseiter oder sogar wie Aussätzige behandelt. Aber das ist nicht das Schlimmste, Ma’am. In den Bergen hat das übelste Gesindel Zuflucht gesucht, das Sie sich vorstellen können. Außerdem hausen da Wölfe, Bären...«

»...Pumas, Coyoten und andere Bestien. Annie hat mir während unserer Reise hierher andauernd mit den blutigsten Schauergeschichten in den Ohren gelegen. Ihr beide könntet euch als Geschichtenerzähler zusammen tun, da lasst ihr mir wenigstens meine Ruhe.«

»Aber Ma’am, wir meinen es doch nur gut. Jedenfalls werden Sie jemanden brauchen, der Sie und Miss Annie beschützt.«

»Und dafür sind Sie genau der Richtige?«

»Ma’am, ich kann mit dem Revolver umgehen und...«

»Kennen Sie sich in den Bergen aus?«

»Nun, Ma’am, auskennen wäre vielleicht zu viel gesagt, aber...«

»Vergessen Sie es. Sie verhauen Ihre Gegner ja viel lieber, anstatt Ihre Waffen zu gebrauchen. Komm, Annie. Wir haben einen weiten Ritt vor uns.«

Wayne Harding blieb hart. »Ich begleite Sie auf eigenes Risiko, Ma’am. Sie werden mich nicht los, auch wenn Sie sich noch so viel Mühe geben.«

Jenna seufzte und drückte der Stute die Hacken in die Weichen. »Vorwärts, wir haben schon genug Zeit verloren. Ich kann Sie wohl nicht abhalten, Mister, aber wenn Sie mich behindern, werden Sie Ihre Aufdringlichkeit bereuen.«

Gegen Abend hatten sie die ersten Ausläufer der Berge erreicht und lagerten in einer Senke, die von Laub und Nadelbäumen bekränzt wurde. Harding hatte ein kleines Feuer entfacht, das wenig Rauch abgab. Man hatte Kaffee gekocht und kaute Dörrfleisch dazu.

Schon früh rollten sie sich in ihre Decken. Das leise Schnarchen des Mannes machte bald dem Zirpen der Grillen und einem gelegentlichen Rascheln aus dem Wäldchen Konkurrenz.

Ein aggressiver Schrei ließ Jenna und Annie zusammenzucken. Aus ihren Büchern wusste Jenna, dass es sich um einen Berglöwen oder eine Wildkatze handelte, die ganz in der Nähe durch die Nacht streifte.

Das Feuer würde den nächtlichen Jäger abhalten. Sie legte einige Zweige auf und betrachtete eine Zeit lang die fauchenden Flammen, ehe sie sich wieder hinlegte.

Lange blieb es ruhig, bis das unheimliche Kreischen erneut erscholl. Diesmal war es viel näher erklungen!

Annie hielt nichts mehr. Sie krabbelte zu Wayne Harding hinüber und rüttelte ihn an der breiten Schulter. Er reagierte nicht.

»Verdammt, wach auf! Da draußen treibt sich eine hungrige Bestie rum! Anstatt zu schnarchen, solltest du lieber Wache halten!«, verlangte sie.

Harding schlummerte tief und fest.

Annie lauschte angestrengt. Es war Ruhe eingekehrt. Nur die Grillen zirpten ungestört weiter.

Die junge Frau entschloss sich schweren Herzens, ihr Nachtlager wieder einzunehmen. Als sie halbwegs zu ihre Decken zurückgekehrt war, brach im Wäldchen ein wahrer Höllensturm los. Unheimliches Kreischen erfüllte die Nacht, als würden sich tausend zornige Teufel zwischen den Bäumen eine blutige Schlacht liefern.

Annie schrie spitz und warf sich auf Wayne Harding, der nun doch aus seinem Tiefschlaf erwachte.

»Was ist denn? Können Sie nicht schlafen, Miss Annie?«

»Da...«, setzte Annie an und deutete zu den Bäumen, ohne einen weiteren Laut von sich geben zu können.

Wayne runzelte die Stirn. »Da streiten sich ein paar Katzen, Miss Annie. Man sollte sich nicht um die Viecher kümmern, dann lassen sie einen in Ruhe. Meistens.«

»Du machst mir Spaß! Ich hab das Gefühl, als würden diese Raubkatzen nur darauf warten, mich zum Frühstück zu verspeisen. Jenna hatte Recht, du bist uns hier draußen keine große Hilfe. Jeder andere Kerl an deiner Stelle wäre bereits drüben beim Wald und würde nach dem Rechten sehen, um die Gefahr von uns abzuhalten. Und du schnarchst!«

»Die Katzen würden sich von mir nicht stören lassen , Miss Annie. Wenn ein Puma sich ein Opfer ausgesucht hat, wird er es auch bekommen. Da könnten zwanzig Mann in der Nähe sein, er würde nicht aufgeben.«

»Soll das heißen, du überlässt mich diesen furchtbaren Biestern? Wayne Harding, wenn ich nicht genau wüsste, wie du beschaffen bist, würde ich dich als den miesesten kleinen Schlappschwanz bezeichnen, der mir jemals begegnet ist! Du wirst jetzt gefälligst da rüber marschieren und zwischen diese Viecher fahren, damit ein müdes Mädchen auch mal die Augen zumachen kann!«

Harding ahnte, dass jeglicher Widerspruch seiner Beziehung zu Annie nicht sehr zuträglich sein würde. Er stand auf und stiefelte los.

Zitternd kuschelte sich Annie in seine warmen Decken und wartete darauf, dass Harding die Störenfriede vertrieb.

Allmählich beruhigte sie sich. Die Augenlider wurden schwer. Sie weigerte sich verbissen, sich vom Schlaf übermannen zu lassen, und schreckte ständig hoch. Die Schatten zwischen den Bäumen wurden zu Furcht erregenden Schemen, die sich heran wälzten, um sich auf sie zu stürzen.

Immer länger wurden die Phasen, in denen sie die Augen geschlossen hielt, bis sie endlich in einen wohligen Schlummer fiel.

Wayne Harding stand unterdessen am Waldrand, hielt einen armdicken Ast in der Hand und lauschte. Auf einer mondbeschienenen Lichtung beobachtete er drei Wildkatzen mit struppigem Fell, die in ein wildes Gerangel verstrickt waren und dabei durchdringend fauchten und kreischten.

Belustigt beobachtete Harding das wüste Treiben. Er mochte Tiere. Es hatte ihm immer widerstrebt, ihnen Schmerzen zu bereiten oder sie gar zu töten.

Auch in diesem Fall griff er nicht zur Waffe. Warum auch? Die Katzen würden Annie Hunter nichts antun. Sie störten nur ihren Schlaf.

Harding schlug den Ast mit voller Wucht gegen einen Baum.

Der Knall ließ die Katzen wild kreischend auseinander stieben und das Weite suchen.

Harding begab sich zurück zum Lager. Einen Moment lang war er versucht, Annies Platz einzunehmen, um nicht zudringlich zu wirken. Aber dann war das Verlangen, dieses bezaubernde Wesen in den Armen zu halten, mächtiger. Er legte sich neben sie und genoss es, mit ihr die Lagerstatt zu teilen.

Auch Annie fühlte sich geborgen. Instinktiv suchte sie den Schutz seiner Arme, die Wärme seines Körpers. Ihr kleiner Kopf ruhte unter seinem Kinn.

Augenblicke später war Wayne Harding in tiefen Schlaf gefallen. Im Wäldchen blieb alles ruhig.

Als sich Annie und Jenna am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen rieben, war Wayne Harding schon auf. Er hatte Kaffee aufgesetzt und begrüßte die beiden Frauen mit strahlendem Lächeln.

»Hatten Sie eine angenehme Nacht, Ladys?«, fragte er höflich.

»Nun tu bloß nicht so scheinheilig!«, fauchte Annie. »Kein Auge hab ich zugemacht! Hoffentlich hast du es diesen verdammten Mistviechern gegeben!«

»Aber sicher.«

»Wahrscheinlich hat er sie zwischen den Ohren gestreichelt und ihnen gut zugeredet, damit sie still sind. Ich hab jedenfalls keinen Schuss gehört«, meinte Jenna mit spöttischem Unterton.

»Ich auch nicht«, pflichtete Annie bei und hob eine Augenbraue, als sie Wayne lauernd musterte. »Du hast den Viechern doch eine Ladung auf den Pelz gebrannt, oder?«

Wayne brummte etwas Unverständliches, aber seine großen Ohren leuchteten in tiefstem Rot.

»Ist es denn zu fassen?«, stöhnte Annie. »Du siehst zwar nicht mal schlecht aus und hast bestimmte Qualitäten, und ich nehme auch hin, dass du nicht auf Kerle ballern willst, die dir ans Leder wollen. Aber dass du sogar vor ein paar Viechern kneifst, das ist zu viel! Was hättest du denn gemacht, wenn das Wölfe gewesen wären? Oder gar ein Bär? O Mann, womit hab ich das verdient? Warum bin ich nicht in meinem Puff in Georgia geblieben?«

Wie um Annies Worte zu bekräftigen, schallte von den Bergen ein markerschütterndes Gebrüll herunter, das bei den Frauen eine Gänsehaut erzeugte.

»Sie waren...?«, setzte Wayne an. »Aber... Sie hätten mir ruhig sagen können, dass Sie Ihre Erfahrungen in einem Freudenhaus gesammelt haben, Miss Annie!«

»Hätte das etwas geändert? Sei froh, dass du jetzt weißt, wie es geht.«

»Ich dachte, Sie hätten einige Liebhaber gehabt, Miss Annie. Das hätte ich akzeptieren können. Aber Sie haben sich für Geld den Männern hingegeben! Miss Annie, Sie wissen, wie sehr ich Sie verehre. Aber das hätte ich Ihnen niemals zugetraut. Sie enttäuschen mich.«

Kaum hatte sie seine traurigen Worte vernommen, als Annie bewusst wurde, wie sehr ihn die Vorstellung, von einer Hure in die Liebeskunst eingeführt worden zu sein, quälen musste. Sie spürte Mitleid mit diesem bärenstarken, gutmütigen Kerl, dessen Illusionen und Gefühle sie durch ihren Wutausbruch zerstört hatte.

Schweigend ritten sie in die Mountains. Wayne hielt sich etwas zurück. Er konnte Annie Hunter nicht unter die Augen treten. Der schuldbewusste Blick ihrer blauen Augen schmerzte ihn.

Sie folgten einem breiten Pass, der sich zwischen mannshohen Felsen hindurch wand. In einem kleinen Seitental, das Wayne entdeckt hatte, übernachteten sie ungestört. Am Ende des darauffolgenden Tages trabten sie auf erschöpften Pferden an einem Bachlauf entlang, der kristallklares Wasser mit sich führte.

Jenna studierte eine grobe Karte, die sie über das Nachlassbüro von der Gegend hatte anfertigen lassen. »Das müsste der Cascade Creek sein. Er entspringt am Fuß des Bianca Peak«, erklärte sie.

»Wenn du dich nur nicht irrst«, maulte Annie. »Ich hab genug davon, durch diese beschissenen Berge zu reiten. Immer nur aufwärts. Wie lange brauchen wir denn noch?«

»Zwei, drei Tage, schätze ich.«

»Gibt es hier irgendwo wenigstens eine Siedlung, wo man ein Bad nehmen kann?«

»Sicher, Miss«, brach Wayne Harding sein Schweigen. »Auf der anderen Seite dieser Hügelkette, etwa dreißig Meilen nordwestlich, liegt Hill’s End. Man kann die Town von Durango aus erreichen. Von hier wird es ziemlich beschwerlich.«

»Hört, hört, der Cowboy hat wohl eine Landkarte verspeist und kennt sich nun aus wie in seiner Westentasche!«, kam Annies spitze Antwort.

»Lass ihn in Ruhe, Annie!«, befahl Jenna.

Das Liebesmädchen trieb die Stute an. »Ich sehne mich nach einem Bad. Sehen wir uns dieses Kaff mal an.«

»Von wegen. Wir werden den Pfad an der nächsten Biegung des Creeks verlassen und über die Bergwiesen reiten. Das spart uns Zeit.«

»Kommt nicht in Frage!«, keifte Annie. »Ich werde mich in dem Kaff ausruhen und baden und etwas Ordentliches zwischen die Rippen schieben. Wenn es mir besser geht, können wir meinetwegen weiterreiten. Vorher nicht!«

Jenna Wilcox schluckte eine barsche Bemerkung hinunter, ritt an ihrer Freundin vorbei und schwenkte an der nächsten Krümmung, die der Creek beschrieb, nach rechts ab.

Annie ritt weiter am Bach entlang, folgte dem Pfad zum Rand der Hügelkette und schien durch nichts und niemanden von ihrem Vorhaben abzubringen zu sein.

Wayne schloss sich Jenna Wilcox an, obwohl er viel lieber bei Annie geblieben wäre. Aber er wollte ihrem Starrsinn nicht nachgeben.

Sie ritten über steile, ausgedehnte Wiesen, die mit einem dünnen, saftigen Grasteppich bewachsen waren. »Das ist ein herrliches Land«, sagte Jenna bewundernd. »Man könnte hier eine kleine Rinderzucht beginnen. Oder Schafe züchten. Es gibt genug Weideland.«

»Yeah, Ma’am«, bekräftigte Wayne. »Zähe, starke Bergrinder. Vielleicht auch Pferde. Man könnte ausdauernde, starkknochige Tiere heranzüchten, die im Norden Verwendung finden. Es gibt nicht viele Pferde, die in diesem Gebiet wie Bergziegen klettern können. Die Armee würde sie mit Kusshand nehmen.«

Jenna konnte ihre Erwartung, den Besitz von Beaver Hide Wilcox zu betreten, kaum zügeln. Der alte Trapper, dem man den Beinamen »Biberfell« gegeben hatte, musste dieses Land geliebt haben, und sie konnte verstehen, warum er das Leben eines Einsiedlers der Zivilisation vorgezogen hatte.

Sie mussten nicht mehr weit reiten, bis sie erneut auf den Creek stießen. Das kristallklare Gletscherwasser spritzte und gurgelte über die Bachkiesel.

Ringsum breiteten sich grüne Flächen aus, unterbrochen von Ponderosa-Fichten und Bergkiefern.

Über ihnen reckten sich die schneebedeckten Gipfel empor, unter denen der Bianca Peak mit weit über zwölftausend Fuß ein Gigant war.

Es war ein atemberaubender Anblick, von dem sich Jenna nur mit Mühe losreißen konnte.

Sie lagerten bei einer Ansammlung dicht stehender Bäume.

»Ich sollte mich nach Miss Annie umschauen«, murmelte Wayne.

»Nicht nötig. Sie wird nicht nach Hill’s End reiten. Sie kennt sich nicht aus und würde niemals das Risiko eingehen, sich in diesen Bergen zu verirren. Nein, sie wird kommen.«

»Aber sie weiß ja nicht, wo wir sind!«

»Glauben Sie mir, Wayne. Sie wird dem Creek folgen und uns finden.«

Jenna legte sich bald zur Ruhe.

Wayne Harding konnte nicht schlafen. Er saß am Feuer und dachte an Annie Hunter, die er vergötterte. Je länger seine Gedanken um sie kreisten, desto sicherer war er, dass sie die Frau seines Lebens war. Auch wenn sie sich für Geld verkauft hatte. Er würde darüber hinwegsehen.

Er wartete lange, aber Annie tauchte nicht auf.

Ungeduldig marschierte Wayne Harding vor dem Lager auf und ab. Mit jeder Minute, die verging, wurde er unruhiger.

Die schlimmsten Befürchtungen beschlichen ihn. Er stellte sich vor, wie Annies Stute scheute und sie in unwegsamem Gelände abwarf. Nacktes Grauen erfüllte ihn, als er daran dachte, dass sie mit gebrochenen Gliedern in einer Felsspalte liegen konnte.

Wayne betrachtete Jenna Wilcox’ schlafende Gestalt. Dieser Platz war friedlich. Das Feuer brannte hell und würde nächtliche Streuner abschrecken. Die Pferde würden Jenna warnen, wenn sich ein ungebetener Besucher dem Lager näherte. Vorsichtshalber legte Wayne eine Winchester griffbereit neben die Schlafende und schob noch einige Äste in die Flammen.

Dann machte er sich auf die Suche nach Annie. Er würde ihr entgegen reiten und sie sicher ins Lager geleiten.

Er folgte dem Creek. Langsam trabte er an dem glitzernden Bachbett entlang, dessen Rauschen und Gurgeln romantisch klang.

Der Schrei, den er vernahm, als er um eine Biegung des Baches ritt, schickte einen eiskalten Schauer über seinen Rücken. Nie zuvor hatte er ein derartiges Geräusch vernommen. Er konnte es nicht einordnen. Es hatte Ähnlichkeit mit dem Ruf gehabt, den sie am Fuß der Berge gehört hatten, aber irgendwie hatte es doch anders geklungen.

Wie eine Warnung.

Oder eine Herausforderung.

Wayne zog das Gewehr aus dem Sattelschuh, repetierte eine Kugel in den Lauf und ritt langsam weiter. Er würde verteufelt auf der Hut sein.

Das Gurgeln des Baches wurde von lautem Plätschern abgelöst. Etwas scharrte über einen Felsen.

Der junge Cowboy glitt aus dem Sattel und band sein Pferd in einem Gebüsch an. Sorgfältig darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen, schlich er weiter.

Er konzentrierte sich völlig auf das Geräusch und näherte sich einem Einschnitt zwischen den Felsen, wo der scharrende Ton erklungen war.

Er sprang direkt vor das zerklüftete V, hob das Gewehr und übersah dabei völlig den Prügel, der durch die Luft sirrte.

Das Holzstück traf ihn zwischen den Beinen, verkeilte sich und raubte ihm das Gleichgewicht. Wayne rollte einen leichten Abhang hinab zum Ufer des Creek.

Sofort tauchte eine Gestalt vor ihm aus der Dunkelheit und warf sich auf ihn. Wayne war zu schockiert, um das Gewehr zu benutzen. Er fiel hinterrücks hin, die Waffe wurde ihm aus der Hand geprellt, und er musste harte Schläge einstecken.

Zusammen mit dem Angreifer klatschte Wayne Harding ins Wasser, und einen Atemzug später wurde sein Kopf in die eiskalten Fluten gedrückt.

 

 

10

Stinkender Geifer troff aus dem Maul der Bestie.

Die fürchterlichen Reißzähne blitzten. Die behaarten, krallenbewehrten Pranken fuhren durch die Luft.

Der Grizzly richtete sich zu voller Größe auf und knurrte. Er hatte die Witterung von Eindringlingen aufgenommen.

Er tappte durch die Dunkelheit. Er war vorsichtig geworden. Als er vor nicht allzu langer Zeit den verhassten Zweibeinern begegnet war, hatten sie ihm grelles Feuer entgegen geschickt, und etwas war in seinen massigen Leib gefahren. Es war nicht tief eingedrungen, aber es bereitete ihm Schmerzen.

Sein Hass hatte sich zur Raserei gesteigert. Er würde die Zweibeiner für seine Schmerzen büßen lassen. Er würde ihre Körper zerfetzen und ihr Blut trinken...

Ein anderer Geruch drang zu ihm hin. Er folgte der neuen Richtung, gelangte zu einem Einschnitt zwischen den Felsen. Er wagte sich selten aus dem Bergwald. Das war sein Reich, in dem er ungekrönter König war. Aber die Gier nach Beute und die Wut auf die Eindringlinge trieben ihn weiter.

Seine Tatzen kratzten über den felsigen Boden. Kaum hörbar, aber die Stute vernahm es dennoch. Der Kopf des Pferdes ruckte hoch. Die Ohren stellten sich. Das Tier stieß ein unwilliges Schnauben aus. Es scharrte mit den Hufen über den Felsboden, tänzelte aufgeregt und suchte nach einem Ausweg. Es steilte auf und setzte zu einem durchdringenden Wiehern an, als die riesige Gestalt vor ihm empor wuchs und die Pranke mit tödlicher Wucht niedersauste...

Fontänen heißen Blutes ergossen sich über den Grizzly. Er leckte sie auf, gierte nach mehr, und wollte sich dem Bachlauf zuwenden, wo er weitere Opfer wusste, als ein lautes Platschen ertönte.

Das Wasser nahm der Bestie den Geruch der Opfer. Unwillig warf der zottige Geselle den Kopf herum, schüttelte sich und schnaufte. Er trollte sich, jagte in langen Sätzen dem fernen Bergwald zu.

Dabei erfasste seine ausgezeichnete Nase eine Duftspur, die ihn seine Bewegungen beschleunigen ließ...

Die Bestie erreichte den Rand eines Wäldchens. Mit der Witterung wurde auch das Triumphgefühl des Grizzly stärker. Er richtete sich auf und brüllte aus tiefster Kehle.

Jenna Wilcox wachte von dem dröhnenden Gebrüll auf. Sie schreckte hoch und blickte sich verschlafen um.

»Annie?«, rief sie leise.

Keine Antwort.

»Wayne?«

Das Feuer spendete nur noch wenig Licht. Jenna schälte sich aus ihren Decken und legte Holz nach.

Ihr Blick fiel auf die Winchester, die Wayne neben sie gelegt hatte. Insgeheim fluchte sie, weil er sie verlassen hatte.

Ein lautes Knacken ertönte.

Jenna fuhr herum und starrte in die Dunkelheit. Jeder Baum, der undeutlich zu erkennen war, wirkte wie eine drohende Gestalt.

Hastig nahm sie das Gewehr, repetierte es leise und wartete.

Sie hätte auch den Revolver aus der Satteltasche holen können, aber mit dem Gewehr rechnete sie sich größere Chancen gegen nächtliche Angreifer aus. Der Karabiner hatte sechzehn Schuss im Röhrenmagazin. Damit konnte man einen ziemlichen Feuerzauber entwickeln.

Ihre Stute wieherte und trampelte nervös herum. Für Jenna stand nun zweifelsfrei fest, dass sich ungebetener Besuch in der Nähe des Lagers herumtrieb.

Jennas Herz pochte bis zum Hals. Der eisige Finger der Angst strich über ihren Rücken. Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn.

Sie hatte die Helden in den Büchern immer bewundert, die ihre haarsträubenden Abenteuer furchtlos bestanden hatten. Sie selbst schlotterte am ganzen Leib. Sie konnte das Gewehr nicht mehr ruhig halten. Es war sehr schwer geworden.

Weg vom Feuer!, schrie es in ihr. Sie machte zwei Sätze in die Dunkelheit hinein.

Etwas raschelte und kratzte über einen Baumstamm. Es folgte ihr.

Jenna sah, wie das Pferd in panischem Schrecken an den Zügeln zerrte. Sie wollte das Tier beruhigen, kam aber nicht mehr dazu.

Wie eine riesige, dunkle Wand stand der Grizzly vor ihr. In der Dunkelheit konnte sie ihn nicht genau erkennen. Die funkelnden Knopfaugen und die blitzenden Zähne nahm sie in einem

blitzschnellen Wirbel wahr, bevor sich ihre Angst in einem gellenden Schrei löste.

Sie feuerte, verriss den Schuss aber. Im grellen Mündungslicht bekam sie einen besseren Eindruck von der Bestie.

Jenna feuerte wieder, stolperte aber dabei. Die Kugel erwischte das Biest am Schädel, furchte durch die fellbedeckte Haut.

Jenna kreiselte herum, rutschte aus und lag flach auf dem Boden. Und genau das rettet ihr das Leben! Haarscharf wischte die krallenbewehrte Pranke des Bären über sie hinweg.

Der Grizzly schrie seinen Schmerz hinaus.

Jenna wartete nicht, bis er sich auf sie stürzte. Sie raffte sich hoch und jagte blindlings in die Dunkelheit, über Wiese und Gestein, nur weg von dieser Bestie.

Sie achtete nicht auf den Weg. Keuchend rannte sie weiter, gönnte sich keine Rast. Stechende Schmerzen strahlten von ihrer rechten Seite ab und rasten durch ihren Körper. Ihre vollen Brüste hoben und senkten sich, die Lungen brannten. Jeder Atemzug fiel ihr schwer.

Einmal drehte sie sich um und repetierte hastig mehrere Schüsse aus dem Gewehr.

Die Bestie war nur als dunkler Schatten zu erkennen. Sie brüllte röhrend und setzte die Verfolgung fort.

Jenna konnte sich nicht entscheiden, in welche Richtung sie laufen sollte. Es ging nur bergauf, und das Biest würde sie unweigerlich einholen.

Sie wandte sich nach rechts, schlug einen Haken und kletterte über einige große Felsbrocken. Das Laufen strengte sie an. Sie hatte wenig Hoffnung, dem Tod zu entgehen, aber sie würde nicht aufgeben. Alles in ihr sträubte sich gegen die Vorstellung, sich kampflos in ihr Schicksal zu ergeben.

Sie drehte sich um und feuerte, machte dabei einen Schritt nach hinten und...

... trat ins Leere!

Sie wankte. Vergessen war das Gewehr. Es entfiel ihr, als sie verzweifelt nach einem Halt suchte.

Sie fand ihn nicht.

Dafür war die Bestie heran und erhob sich drohend. Die tödlichen Krallen würden Jenna im nächsten Augenblick zerfetzen.

Sie fiel nach hinten.

Der Luftzug strich über ihr Gesicht, als die Tatzen vor ihr zusammenstießen. Rücklings stürzte sie in die Tiefe.

Einem schrecklichen Tod entronnen, lauerte bereits der Nächste auf sie.

Es gab keine Hoffnung mehr.

Es war aus.

 

 

11

Wayne Harding bekam keine Luft mehr.

Das eisige Wasser klatschte über seinem Gesicht zusammen. Es erzeugte ein Prickeln auf der Gesichtshaut. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Sein Brustkorb wurde von einem brennenden Schmerz erfüllt.

Jemand hieb mit einem Stein auf ihn ein. Der Angriff hatte ihn völlig überrumpelt. Ein Hieb hatte ihn an der Schläfe gestreift, und er konnte sich nicht mehr so gut wehren.

Der faustgroße Stein hob sich, um auf ihn niederzusausen. Sein Gegner, den er kaum erkennen konnte, richtete sich auf, um noch mehr Schwung holen zu können.

Es war Waynes letzte Chance, und er nutzte sie.

Er nahm alle Kraft zusammen, stemmte sich gegen den Druck, riss gleichzeitig die Beine aus dem Wasser. Seine Knie rammten in den Rücken des Gegners und stießen ihn nach vorn.

Wayne bekam den Angreifer zu fassen und riss ihn zur Seite weg.

Beide rollten durch das Bachbett, spuckten, husteten. Wayne kam hoch und drückte den Kontrahenten in die Fluten, bis dessen Bewegungen schwächer wurden. Er zerrte ihn hoch und schleuderte ihn zum Ufer.

Keuchend und prustend watete er zu ihm, zerrte ihn aufs Trockene und drehte ihn um.

«Miss Annie?«, entfuhr es ihm, als das Mondlicht ihr bleiches, schönes Gesicht beschien.

»Nimm gefälligst die Hände von mir, du Einfaltspinsel!«, röchelte sie.

»Wieso haben Sie mich angegriffen, Miss Annie?«

»Konnte ich ahnen, dass du es bist? Für mich warst du einer dieser beschissenen Tramps, der mich überfallen wollte.«

»Miss Annie, Sie wollten mich umbringen«, rief er vorwurfsvoll.

»Was hättest du denn an meiner Stelle getan?«

»Oh, Ma’am, um ein Haar hätte ich Sie ersäuft wie eine Ratte.«

»Herzlichen Dank für den treffenden Vergleich, Mister. Genau so fühle ich mich auch. Und dabei wollte ich doch nur ein Bad nehmen.«

Wayne fiel auf, dass Annie nur eine offene Bluse und eine durchnässte Miederhose trug. Was er hier zu sehen bekam, war ein himmlischer Anblick.

»Miss Annie, Sie sind wunderschön«, hauchte er andächtig.

Sie schritt an ihm vorbei. »Spar dir deine Komplimente, du Rindvieh. Was treibst du hier überhaupt?«

»Ich dachte, Ihnen sei etwas passiert, weil Sie so lange nicht zu uns kamen. Ich bin so froh, dass Ihnen nichts Übles widerfahren ist.«

Wayne kam auf die Beine, und ein rasender Schmerz jagte durch seinen Schädel. Er griff sich an die Schläfe. Alles um ihn her drehte sich in einem wilden Schwindel. Rote und schwarze Schleier tanzten vor seinen Augen.

Er brach in die Knie und fiel auf die Seite.

»Du hast Jenna allein gelassen«, tadelte Annie und wollte Wayne eine neue Standpauke halten, als sie ihn reglos am Ufer liegen sah.

»Wayne?«, rief sie erschrocken. »Menschenskind, Junge, was ist denn mit dir?«

Hastig untersuchte sie ihn und fand die Schwellung am Kopf. Sie kühlte die Wunde mit seinem Halstuch, das sie in den Fluten befeuchtete. Sie streichelte ihn, strich über das kantige Gesicht und die muskulösen Arme. Sie küsste ihn. Ihre Tränen tropften heiß auf sein Gesicht.

»Das wollte ich nicht, Kleiner! Verflucht, wieso musstest du mich auch so erschrecken? Stirb mir bloß nicht unter den Händen weg!«

Er regte sich nicht.

Sie küsste ihn länger, leidenschaftlicher. Ihr Mund berührte seine kalten Lippen. Ihre Zunge schob sich dazwischen, tastete sich vor.

Es nützte nichts.

»Ich bring dich auf Trab, Mister. Lass Annie nur machen. Du wärst der erste Kerl, bei dem meine Medizin nicht wirkt«, sagte sie leise und schälte sich aus ihrer spärlichen Kleidung.

Sie befreite auch ihn von seinen nassen Klamotten und presste ihren nackten warmen Körper an ihn. Ihre dunklen Nippel waren in dem Gletscherwasser hart geworden und drückten gegen seine Brust.

Sie bedeckte ihn mit Küssen. Ihre Zunge spielte mit seinen Nippeln, glitt tiefer, fand seinen Nabel und seinen Freudenspender. Sanft hob Annie ihn an und senkte ihre feuchten Lippen über ihn. Er reagierte prompt und wuchs unter ihren Küssen. Das Blut pulste durch die Adern und ließ den harten Liebesprügel zucken.

»Wach gefälligst auf, Mister. Ich will auch was davon haben!«, befahl Annie.

Sie schwang sich über ihn, nahm seinen Schädel zwischen ihre heißen Schenkel und blies gleichzeitig seinen harten Schaft. Da plötzlich spürte sie, wie seine Zunge ihre Schamlippen suchte.

»Oh!«, entfuhr es ihr. «Oooouu uhhh!«

Seine Zunge glitt in sie und brachte ihr Blut in Wallung. Aber damit war erst der Anfang gemacht.

Geschickt schob er sich unter Annie hervor, kniete hinter sie und drang sanft in sie sein.

Sie war so feucht und warm. Er warf den Kopf in den Nacken und trieb sie mit harten Stößen einem Höhepunkt entgegen. Tief in ihr bewegte er sich und bändigte mit seinen großen Händen ihre wippenden Brüste. Seine Finger und der Daumen spielten mit den knospigen harten Nippeln.

Annie sog laut die Luft in die Lungen. Sie keuchte und schrie, als er immer heftiger zustieß.

«Mach schneller... ja, kooommm!«, spornte sie ihn an.

Gleich darauf schwappten die Wellen des Orgasmus über ihr zusammen, während auch er in ihr kam.

Lange lagen sie dicht aneinander gepresst. Wayne sagte nichts. Er war selig. Seine Hände streichelten ihr Haar.

Annie spielte mit seinem Brusthaar, strich mit den Fingerspitzen über sein kantiges Kinn und die Wangen.

Vorsichtig berührte sie seine geschwollene Schläfe. »Schmerzen?«, hauchte sie.

»Mhm«, machte er.

»Davon hab ich eben aber nichts gemerkt.«

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine schlaffe Manneszierde, die unter ihrem Griff zu Eigenleben erwachte. »Vorhin waren die Schmerzen an dieser Stelle«, flüsterte er. »Ich glaube, ich brauche noch etwas von deiner Medizin, Frau Doktor.«

Sie massierte ihn grinsend. Ihre Augen leuchteten erwartungsvoll, doch gleich darauf verdüsterte sich ihr Gesicht. »Du hast Jenna allein zurückgelassen«, entfuhr es ihr.

»Mach dir keine Sorgen, Annie. Sie ist in Sicherheit.«

Ein durchdringendes Gebrüll drang zu ihnen herunter.

»Das klingt aber nicht, als würdest du Recht haben. Ich versorge dich später.«

Annie sprang leichtfüßig auf und warf sich die Kleidung über, und auch Wayne zog sich mit fliegenden Fingern an. Gemeinsam eilten sie zu dem Felseinschnitt, wo sie die Stute gelassen hatte.

Sie blieben abrupt stehen. Annie wurde bleich. Erschrocken starrten beide auf die zerfetzten, blutigen Überreste der Stute.

»Wer kann so etwas getan haben?«, flüsterte Annie mit tränenerstickter Stimme.

Er drückte sie an sich. »Ein Grizzly. Wir hatten verdammtes Glück, dass es ihm genügt hat.«

Sie hasteten zu Waynes Pferd, schwangen sich in den Sattel und preschten den Berg hinauf. Wayne hatte die Winchester aus dem Sattelschuh gezogen und hielt sie schussbereit in der Hand. Er wusste, dass so gut wie niemand einem wütenden Grizzlybären gewachsen war.

Eine zierliche Frau wie Jenna Wilcox ganz sicher nicht.

Sie erreichten den Lagerplatz, sprangen vom Pferd und suchten nach Jenna.

»O mein Gott!«, gab Annie von sich und deutete schreckensbleich auf die völlig zerfetzten und verschlissenen Decken, in denen ihre Freundin Jenna noch vor Kurzem gelegen hatte...

 

 

12

Etwas legte sich wie ein Panzer um Jennas Arme und den Brustkorb.

Sie wurde nach hinten gerissen. Ihre Füße rutschten über raues Gestein und über Gras. Hart prallte sie auf ihr Hinterteil und den Rücken.

Sie überschlug sich und kam wieder hoch, um abermals von starken Armen umschlungen zu werden.

Sie schrie gellend und trommelte mit ihren Fäusten gegen die breite Brust.

Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass es kein Grizzly war, der sie angegriffen hatte.

Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung erkannte sie jenen großen, dunkel gekleideten Mann, der ihr schon in der Stadt gegen die Satteltramps beigestanden hatte.

Er legte ihr den Finger auf die Lippen und zog sie mit sich.

Leise bewegten sie sich eine Böschung hinunter, glitten durch eine Felsrinne und gelangten in eine schmale Öffnung, die gerade genug Platz bot, dass sie hindurchschlüpfen konnten.

Hier ließ der Stranger Jenna zu Boden gleiten und nahm ihr das Lasso ab, mit dem er sie aus der Reichweite des Grizzly gezogen hatte.

»Dieses Biest hätte mich glatt zu Frikassee verarbeitet«, murmelte Jenna.

Der Fremde antwortete nicht.

»Wird er sich zurückziehen?«

»Abwarten. Wenn Sie weiter so viel quasseln, bleibt er bestimmt.«

»Verbindlichsten Dank für die freundlichen Worte, Mister. Da bin ich ja wohl vom Regen in die Traufe geraten. Hören Sie, diese Reise hier herauf ist schon beschwerlich genug. Da muss ich mir Ihre Hmmmpf.«

Die behandschuhte Rechte des Strangers legte sich blitzschnell auf Jennas Gesicht. »Wenn Sie am Leben bleiben wollen, halten Sie verdammt noch mal die Klappe, Lady!«

Der Fremde stand vor der Felsspalte, halb Jenna zugewandt, als die Pranke durch den Spalt schoss.

Die scharfen Bärenkrallen bohrten sich in seine Jacke und schlitzten sie der Länge nach auf.

Er kreiselte herum und hielt seinen langläufigen 44er in der Hand. Noch nie hatte Jenna jemanden so rasch die Waffe ziehen sehen.

Der Stranger fächerte den Hammer des Sechsschüssers zurück. Rasend schnell zuckten die Mündungslichter aus dem Lauf. Die Schüsse hallten ohrenbetäubend in der schmalen Felsnische.

Die Pranke des Grizzly zog sich zurück. Das massige Biest tobte vor der Felsspalte. Es kratzte über das Gestein, als könnte es so zu den Opfern gelangen.

Es war vergebene Mühe.

Der Fremde lud den Colt nach und wartete darauf, dass der Bär seine Schnauze durch die Spalte steckte, aber diesen Gefallen tat ihm Meister Petz nicht.

Der große Mann zog sein Rauchzeug aus der Tasche. Er bot Jenna eine Zigarette an. Sie lehnte dankend ab.

»Wie lange müssen wir wohl hier bleiben?«, wollte sie wissen.

»Kommt ganz darauf an.«

»Worauf?«

»Wie hungrig unser Freund da draußen ist. Oder wie wütend. Und ich denke mal, nachdem ich ihm ein paar Kugeln in die Tatze geknallt hab, dürfte er stinksauer sein.«

»Herzlichen Glückwunsch! Da haben Sie uns beiden ja einen Bärendienst erwiesen. Schauen Sie mich nicht so an! Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als hätten Sie die Bestie mit Absicht gereizt.«

»Natürlich, Lady. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit Ihnen in dieser Nische eingesperrt zu sein und von einem wütenden Grizzly bewacht zu werden. Danach habe ich mich wirklich die letzten Jahre gesehnt.«

»Sprücheklopfer!«

»Sie haben doch damit angefangen!«

Jenna kreuzte die Arme vor der Brust und lief auf und ab. Sie blieb nicht lange still. »Können Sie nicht endlich etwas unternehmen, um uns hier rauszubringen, anstatt dumm rumzustehen und eine Zigarette nach der anderen zu qualmen?«, herrschte sie ihren Retter an.

»Sicher. Spazieren Sie raus und laufen Sie, so schnell Sie können.«

»Das Vieh wird mich zerfleischen!«

»Wahrscheinlich. Aber immerhin sterben Sie in dem Bewusstsein, alles Mögliche unternommen zu haben, um ihm zu entgehen.«

»Sie Scheusal! Wie können Sie es wagen, sich in einer solchen Situation über mich lustig zu machen?«

»Oh, Sie missverstehen mich, Lady. Sie haben gefragt und ich habe geantwortet. So einfach ist das. Wenn alle Dinge im Leben so simpel wären, würde uns Manches leichter fallen.«

Sie stampfte wütend mit dem Fuß auf und lauschte dabei angestrengt, ob noch etwas von dem Grizzly zu hören war. Neugierig musterte sie ihren Retter.

Er maß fast sechs Fuß. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er trug einen flachkronigen schwarzen Roperhut, unter dem dunkles Haar hervor lugte. Sein Gesicht war kantig, schmal, mit dichten Augenbrauen, einer geraden Nase und vollen Lippen. Wenn er die Augen verengte oder lächelte, gruben sich Krähenfüße tief an den Augenwinkeln in die Haut.

Er trug eine dicke Cordjacke, ein blaues Hemd und braune Leinenhosen, die in kniehohen Stiefeln steckten. Um die Hüften war ein Patronengurt geschlungen, dessen Holster mit einem Lederriemen am Schenkel befestigt war.

Der Fremde trug den Revolver sehr tief, und Jenna fragte sich im Stillen, ob sie einen der berüchtigten Männer vom Schnellen Eisen vor sich hatte.

Sie mochte ihn, aber sie wollte es sich nicht eingestehen. Immerhin war sie ja fest entschlossen, ihr Leben ohne einen Mann an ihrer Seite zu verbringen. Die Erfahrungen, die sie mit Julian Traeger gemacht hatte, waren bitter genug gewesen.

»Habe ich die Prüfung bestanden?«, fragte er ruhig.

»Ich verstehe nicht...«

»Sie haben mich doch ziemlich lang betrachtet.«

»Sie irren sich.«

»Auch gut. Was suchen Sie eigentlich in dieser einsamen Gegend, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«

»Sie dürfen nicht, Mister, aber ich verrate es Ihnen trotzdem. Ich gedenke hier zu leben.«

Er starrte sie ungläubig an. »Das kann nicht Ihr Ernst sein, Lady. Sie haben doch selbst gesehen, welche Gefahren hier auf Sie lauern!«

»Ich komme zurecht.«

»Und wo wollen Sie wohnen? Wollen Sie sich mit Ihren zarten Händen eine Blockhütte bauen?«

»Die gibt es hoffentlich schon.«

»Lady, hier oben gibt es nur zwei Blockhäuser. Eines davon gehörte Caleb Hayes. Das andere bewohnte Beaver Hide Wilcox.«

»Sie sind gut informiert. Ich bin Jenna Wilcox. Seine Erbin.«

»Er hat Ihnen die Hütte vermacht?«

»Und sein ganzes Land gleich dazu. Ich hoffe, er hat es eintragen lassen.«

»Hat er, Lady. Genau wie Caleb Hayes. Das wird einigen Leuten mächtig sauer aufstoßen, dass Sie Ihr Erbe antreten wollen.«

»Wer sollte etwas dagegen einzuwenden haben?«

»Oh, der Grizzly zum Beispiel.«

Ein gehässiges Lächeln huschte über Jennas Lippen. »Er zeigt mir ja gerade sehr deutlich, dass er mich nicht in seinem Revier haben will.«

»Nicht der Bär. Ich meinte den Mann, der diese Berge beherrscht.«

Jenna wurde aufmerksam. »Ein Bandit?«

»Sagen wir, ein skrupelloser Geschäftsmann«, erklärte der Fremde ruhig. »Ein Mann, der über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen. Er hat seine Finger nach dem Land ausgestreckt, das Wilcox und der alte Caleb abgesteckt hatten. Sein Pech, dass er es nun nicht so leicht bekommt, wie er erwartet hatte.«

»Kennen Sie ihn?«

Der Stranger schüttelte den Kopf. »Er lässt sich durch Bevollmächtigte vertreten und bleibt immer im Hintergrund. Für die Drecksarbeit hat er seine Schießer. Nicht mal sein Name ist in Hill’s End bekannt.«

»Sie haben sich wohl ganz genau erkundigt. Und was treibt Sie in die Berge?«

»Die Suche nach einer neuen Heimat, Lady. Genau wie Sie.«

»Dann werden wir ja vielleicht Nachbarn.«

Der Stranger griente. »Vorausgesetzt, unser pelziger Freund fällt vor der Spalte nicht in unruhigen Schlaf. Dann müssten wir nämlich hier verhungern und verdursten.«

»Tolle Aussichten.«

Sie mussten bis kurz vor Sonnenaufgang in ihrem selbstgewählten Gefängnis ausharren. Erst gegen Morgen trottete der Bär von dannen.

Der Fremde brachte Jenna zum Lager zurück, wo beide überschwänglich von Wayne Harding und Annie Hunter begrüßt wurden. Wayne verwickelte den Fremden in ein leise geführtes, aber langes Gespräch.

Der Stranger führte die Frauen und Wayne weit hinauf in die Berge, bis sie am oberen Rand des Bergwaldes zu einer Lichtung kamen, die von Sonnenlicht überflutet wurde.

»Im Winter haben Sie hier sehr viel Schnee, Lady«, kündigte er an. »Das wird sehr bald sein. Wollen Sie ganz bestimmt hier oben leben?«

Jenna betrachtete die lang gezogene Blockhütte, die solide gebaut war. Aus dem Kamin kräuselte kein Rauch, aber das würde bald anders werden. Es gab zwei kleine Schuppen, die Felle, Heu, Fallen und Werkzeug enthielten.

»Es ist wunderschön hier«, sagte Jenna. »Ich werde mich hier wohl fühlen.«

»Frag mich mal«, meckerte Annie, die sich immer noch nicht so recht für ein Leben in den Mountains begeistern konnte.

»Fein. Ich lasse Ihnen Wayne hier, damit er Ihnen zur Hand gehen kann. Wir sehen uns.«

Der Fremde zog sein Pferd herum und trabte davon. In seiner zerschlissenen Jacke ähnelte er mehr einer reitenden Vogelscheuche als einem stolzen Mann.

»Sie lassen ihn uns?«, schickte ihm Jenna nach. »Das ist aber verflucht großzügig, Mister! Wer sagt Ihnen überhaupt, dass wir auf männliche Hilfe angewiesen sind? Wir können unsere Arbeit selbst bewältigen. Und wenn sich dieser Grizzly hier blicken lässt, schieße ich ihn in Stücke. Egal, ob er zwei oder vier Beine hat!«

»Gehen Sie nicht zu sehr mit ihm ins Gericht, Miss Jenna. Er war zu lange allein und muss sich erst wieder an den Umgang mit einer Lady gewöhnen«, warf Wayne ein.

»Das scheint mir allerdings auch so. Wie kommt er dazu, über Sie zu verfügen, Mister?«

»Oh, wir kennen uns schon einige Jahre. Er wollte nicht, dass Sie es von mir erfahren, aber er hat mich zu Ihrem Schutz abgestellt.«

»Was maßt sich dieser Kerl denn an? Wer ist er überhaupt, dass er hier rumkommandieren kann?«

»Schon mal von Vince Brady gehört? Er ist mein Freund, Ma’am, und ich bin verdammt stolz darauf.«

»Kann mich nicht entsinnen, jemals auf den Namen gestoßen zu sein«, meinte Jenna.

Wayne schmunzelte. »Sie werden noch von ihm hören, Ma’am. Das ist so sicher, Ma’am, wie dieser Cascade Creek niemals versiegen wird.«

Jenna blickte Brady nach, bis er nicht mehr zu sehen war. »Wo will er denn hin?«, fragte sie.

»Rauf zu Caleb Hayes’ Hütte. Wenn Sie dort vorne auf diese kleine Erhöhung klettern, können Sie das Blockhaus des alten Hayes sehen. Es steht auf einer Sohle, die man über einen schmalen Pfad erreichen kann. Wenn irgendwelche Halunken dort einen offenen Angriff planen, kann sich Vince tagelang gegen sie verteidigen. Sie kommen nicht an ihn ran.«

Jenna inspizierte das Blockhaus, das sie geerbt hatte. Es war gemütlich eingerichtet. Ein Flickenteppich lag auf dem Boden. Die Möbel waren grob, aber bequem. Es gab eine Feuerstelle, die als offener Kamin diente, auf der man aber auch kochen konnte.

»Wayne, Darling, sieh mal nach, ob du hier ’ne Badewanne findest«, bat Annie und malte mit dem Finger in der dicken Staubschicht, die auf den Möbeln lag.

Jenna trat an die Tür, legte die Wange an den Türrahmen und flüsterte: »Danke, Onkel Larry. Ich werde dich nicht enttäuschen.«

Noch am selben Nachmittag stand sie auf der Anhöhe und blickte zum Haus des alten Hayes empor, in dem sie Vince Brady wusste. Rauch quoll aus dem Schornstein, und Jenna konnte ihren ersten nachbarschaftlichen Besuch nicht erwarten...

 

 

 

13

»Sie sind eingezogen!«

»So ein verdammter Dreck!« Der Mann schob das üppige halbnackte Mädchen von seinen Knien. Er zog sein Jackett zurecht und fuchtelte mit einem Spazierstock herum.

»Sollen wir sie besuchen?« Der Sprecher stand an die Wand gelehnt, die Arme gekreuzt, und betrachtete den wütenden Mittfünfziger, der vor ihm herumsauste, eher mitleidig.

»Nein, Morris! Das will ich nicht! Der Boss hat eine Nachricht aus Durango geschickt. Er wird in den nächsten Tagen hier eintreffen und sich persönlich um die Angelegenheit kümmern.«

»Das passt mir nicht, Andrews. Mein Bruder Tab ist da oben geblieben, weil Sie ihn auf den alten Hayes angesetzt haben. Ich will, dass jemand für seinen Tod bezahlt, Andrews. Und zwar nicht mit Geld.«

»Sie können Miss Wilcox nicht für den Tod Ihres Bruders verantwortlich machen! Zu der Zeit war sie doch noch in Georgia!«, entrüstete sich der feiste Andrews.

»Ein Jammer. Aber sie steht dem Boss nun mal im Weg, und wenn man sie beseitigen würde, wären das doch zwei Fliegen, die man mit einer Klappe schlagen könnte.«

»Lassen Sie die Finger von ihr, Morris !« Die Stimme des Dicken überschlug sich. »Der Boss hat ausdrücklich befohlen, dass Miss Wilcox nicht angerührt werden darf.« Ein Lächeln verbreitete sich über das ganze Gesicht. »Allerdings hat er nichts von ihren Begleitern gesagt.«

Greg Morris hatte verstanden. Seine dunklen Augen funkelten erwartungsvoll.

Er war ganz in Schwarz gekleidet. Sein schmales Gesicht war von Pockennarben gezeichnet. Ein dünner, schwarzer Schnurrbart zierte die Oberlippe und verlieh dem Gesicht etwas Diabolisches.

Morris war ein Schießer der übelsten Sorte. Er war schneller und geschickter als jeder Revolvermann, dem Andrews jemals begegnet war. Und Andrews hatte unzählige Männer vom Schnellen Eisen gesehen.

Zusammen mit seinen drei Brüdern war er schon vor ein paar Jahren nach Hill’s End gekommen, um für Andrews’ Auftraggeber die Lauf und Schmutzarbeit zu verrichten. Nur diesmal hatte es nicht geklappt. Tab war auf der Strecke geblieben.

Als Morris zur Tür ging, wurde diese geöffnet. Ein Diener betrat den Raum und flüsterte Andrews ins Ohr.

Der feiste Mensch wurde blass, gewann aber rasch seine Haltung zurück. »Mister Morris, gedulden Sie sich doch bitte ein wenig. Unser Auftraggeber ist bereits früher als erwartet eingetroffen. Wenn Sie ihn gemeinsam mit mir begrüßen wollen...?« Andrews hatte so laut gesprochen, dass es draußen in der Eingangshalle zu hören gewesen war.

»Das ist äußerst liebenswürdig von Ihnen, mein lieber Andrews«, erwiderte der Mann, dem man hier in der Umgebung von Hill’s End den Beinamen Grizzly gegeben hatte. Er war groß, schlank und ähnelte in Nichts der pelzigen Bestie, die in den Bergwäldern ihr Unwesen trieb. Nur seine Beutegier und seine Skrupellosigkeit ließen ihn zu einem menschlichen Raubtier werden.

Er bewegte sich seltsam verkrümmt, als er den nobel eingerichteten Wohnraum betrat. Jeder Schritt schien ihm Unbehagen zu bereiten.

Er warf seinen Hut, einen Spazierstock und seine Handschuhe auf ein Sofa und begab sich zum Kamin, in dem ein Feuer knisterte und flackerte, um sich aufzuwärmen.

»Mächtig kalt hier oben, Andrews«, sagte er und rieb sich die Hände über dem Feuer. »Wie ich hören musste, haben Sie den tragischen Verlust Ihres Bruders zu beklagen, Mister Morris. Das bedaure ich.«

»Dafür kann ich mir nichts kaufen, Mister!«, brummte der Schießer. »Ich werde mir jemanden schnappen, der dafür büßen wird.«

»Nur zu! Solange Sie damit meinen Plänen nicht im Wege stehen...«

»Gewiss nicht, Sir«, mischte sich Andrews ein. »Das werden Sie doch nicht, Morris. Nicht wahr?«

Der Schießer hob nichtssagend die Schultern.

»Die Geschäfte laufen nicht besonders gut, Mister Andrews«, meinte der Grizzly lauernd. »Woran mag das wohl liegen? An mangelndem Einsatz Ihrerseits? An mangelnder Überzeugungskraft von Mister Morris’ Seite? Vielleicht sind Sie auch schlicht überfordert, mein Lieber...«

»In der Tat«, beeilte sich der feiste Andrews katzbuckelnd, »in den vergangenen Wochen waren wir sehr beschäftigt.«

Der Grizzly drehte sich langsam um. Er betrachtete das üppige Mädchen, dessen große volle Brüste so manchen Mann um den Verstand gebracht hätten. »Das sehe ich, mein lieber Andrews«, meinte er.

»Äh, jawohl, Sir, das ist Milly«, setzte Andrews sofort hinzu. »Ein ganz bezauberndes Geschöpf. Hin und wieder verschafft sie mir etwas Entspannung, damit ich dann voller Tatendrang weiterhin für Sie tätig sein kann, Sir.«

»Ich möchte die Bücher einsehen, mein Lieber«, verlangte der Grizzly abrupt.

»Aber selbstverständlich, Sir. Gerne. Das heißt, Sie haben sich einen etwas, wie soll ich sagen?, ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, Sir.«

»Wie darf ich das verstehen?« Im Gesicht von Andrews’ Auftraggeber hob sich eine Augenbraue.

»Sir, die Bücher werden gerade auf meine Anweisung hin einer externen Prüfung unterzogen. Sie befinden sich in Durango, Sir.«

Der Boss trat an den wuchtigen Schreibtisch in einer Ecke des Raums und ließ sich in einen hochlehnigen Ledersessel sinken. Er winkte der halbnackten Milly, deren langes, schwarzes Haar flog, als sie zu ihm kam.

Er bat Andrews zu sich, als Milly auf seinen Schenkeln Platz genommen und den Arm um seinen Nacken gelegt hatte.

Der Dicke walzte herbei.

»Lass hören, Täubchen«, säuselte der Boss.

»Einhundertdreizehntausend Dollar«, schoss Milly eine Zahl ab.

»Und ein paar zerquetschte«, fügte der Grizzly hinzu. »Wie nennt man mich hier, mein Lieber?«

Andrews räusperte sich. »G...rizz ly«, stieß er zögernd und heiser hervor.

»Korrekt, Andrews. Und wie würde Ihrer Meinung nach ein Grizzly reagieren, wenn man ihn seiner Beute beraubt?«

»Nun... äh... ich habe mich leider mit dem Verhalten der Bären noch nicht beschäftigt, Sir.« Andrews war der Schweiß auf die hohe Stirn getreten. Der Hemdkragen wurde ihm zu eng. Sein Gesicht hätte eine ungesunde Röte angenommen.

»Er würde Sie in der Luft zerreißen, Andrews«, meldete sich Morris zu Wort.

»Ohne jeden Zweifel, Mister Morris«, stimmte der Boss zu. »Vielen Dank. Nun, mein lieber Andrews, ich werde Sie bestimmt nicht in Stücke hauen.«

Erleichtert atmete der Feiste auf.

Der Boss griff blitzschnell zu, packte den Spazierstock in Andrews’ Hand und stieß ihn nach oben. Er spritzte aus dem Sessel und rammte den erschrocken quiekenden Andrews gegen die Wand. Der Stockknauf drückte schmerzhaft gegen das Dreifach-Kinn des Dicken.

»Sie sind ein Schwein, Andrews!«, zischte der Grizzly und verstärkte den Druck. »Ein widerliches, schleimiges, geldgieriges und hinterhältiges Schwein. Sie dachten allen Ernstes damit durchzukommen, wie? Da haben schon andere früher als Sie aufstehen müssen und es auch nicht geschafft, mein Lieber.«

»Ich kann das erklären, Sir. Bitte...«

»Ihr schwitzendes Gesicht und ihr zitternder Fettwanst sind Erklärung genug, mein Lieber.«

»Bitte... lassen Sie mich am Leben, Sir...!«

»Mister Morris!«

Andrews stockte der Herzschlag, als er den Namen des Schießers hörte. Er sah sich bereits in einer dunklen Gasse von Hill’s End liegen, von Kugeln durchsiebt.

»Unser Freund bedarf dringend der Entspannung, Mister Morris. Hätten Sie die Güte, ihm alles Nötige zu beschaffen?«

Greg Morris verabschiedete sich.

Bald darauf kehrte er zurück und schob drei alternde Dirnen in den Raum. Sie waren allesamt grell geschminkt; aber das Make up konnte die Spuren, die das Leben bei ihnen hinterlassen hatte, nicht übertünchen.

»Bereiten Sie alles für einen Hahnenmarsch vor, Mister Morris«, bat der Grizzly.

Morris kam dem Befehl gern nach.

Er konnte Andrews nicht ausstehen. Das würde ein Fest für Hill’s End werden, wenn man den fetten Kerl auf die Straße jagte.

Als sich Morris und seine Brüder später im Wohnraum versammelt hatten, stieß der den Fetten von sich. »Entkleidet ihn!«, rief er.

Andrews wich erschrocken zurück, als sich die kichernden Liebesdamen wie Furien auf ihn stürzten. Sie zerrten an seiner eleganten Kleidung, rissen sie ihm förmlich vom Leib. Die Demütigung, splitternackt vor diesen Dirnen zu kriechen, war für Andrews unerträglich.

»Ich werde Sie für Ihr Vergehen nicht töten lassen, mein lieber Andrews«, ließ der Grizzly sich vernehmen. »Im Gegenteil, ich lasse Sie laufen.« Er grinste. »Laufen Sie, Mr. Andrews!«

«Neeiinn!«, kreischte Andrews. Wenn das geschah, war er für alle Zeiten erledigt. »Nein, bitte nicht! Das dürfen Sie nicht! Diese Schmach! Gnade, Sir, bitte, tun Sie das nicht... nee eiiinnn!«

Die Schreie des Dicken verhallten ungehört. Die Morris-Brüder und die Mädchen stießen Andrews auf die Main Street, wo schon einige Tramps mit Honigtöpfen und Daunenfedern Spalier standen.

Honig klatschte auf den nackten Andrews nieder, dicht gefolgt von den Federn, die auf ihm kleben blieben. Die Peiniger richteten eine ziemliche Sauerei an. Was Honig und Federn nicht gelang, besorgte der Straßenstaub, in den man den Dicken stieß.

Er bot ein trauriges Bild, wie er unter dem höhnischen Gelächter der Männer nach einem Platz suchte, wo er sich vor ihren Blicken verbergen konnte.

»Mister Morris, Sie werden mich entschuldigen. Später habe ich Instruktionen für Sie«, erklärte unterdessen der Grizzly.

Als Morris das Haus verlassen hatte, ließ sich der Grizzly von Milly verwöhnen. Sie streifte ihren Rock ab, unter dem sie nichts trug.

Er betrachtete den wunderbaren Körper, streichelte die Brüste und den straffen Bauch. Seine Finger pflügten durch das Schamhaar.

Milly musste nicht mal Hand anlegen, um seine Erregung herbeizurufen. Er schien unersättlich und ging nicht gerade zimperlich mit ihr um. Doch die ekstatische Lustexplosion, die er erhoffte, kam nicht.

Denn während der Grizzly sich im Schweiße seines Angesichts mit Milly abmühte, um seine Blockade zu überwinden, hatte er nur eine Frau vor Augen, der seine ganze Aufmerksamkeit galt.

Jenna Wilcox...

 

 

14

»Ein wundervoller Ort.«

Sie saß auf einem Baumstumpf und schaute in die Ferne. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie die weiten Hänge, die umliegenden Berge und die Täler überblicken.

»Stimmt«, antwortete Vince Brady.

Jenna fühlte sich geborgen, als sie seine Nähe spürte. Und das ängstigte sie. Bisher war sie Männerbekanntschaften aus dem Weg gegangen. Sie wollte nicht von einem Mann abhängig sein.

Bei Julian Traeger war das anders gewesen. Sein elegantes Erscheinungsbild, das höfliche Auftreten und die Art, wie er ihr Komplimente gemacht hatte, ließen sie ihre Vorsicht rasch vergessen. Sie war ihm auf den Leim gegangen, und als er ihr sein wahres Gesicht gezeigt hatte, war es schon fast zu spät gewesen...

»Was bedrückt Sie, Lady?«, fragte Vince ruhig.

»Mache ich den Eindruck, als hätte ich etwas auf dem Herzen?«

»Nicht direkt. Aber es gibt viele Anzeichen dafür. Man kann in Ihnen lesen wie in einer Fährte. Sie verlieren sich am Anblick der Umgebung. Sie reagieren aufbrausend, wenn man nur das Wort an Sie richtet. Sie wehren sich gegen etwas, wollen es aber nicht zugeben. Wayne hat mir erzählt, dass sie sich schwer damit taten, ihn zu akzeptieren. Warum, Lady? Wo liegt Ihr Problem?«

»Sie sind unverschämt, Mister!«, schimpfte Jenna. »Ich habe Sie nicht darum gebeten, mich oder mein Verhalten zu beurteilen.«

Brady blieb gelassen. Er brachte das Thema auf die Berge, die Blockhütten und ihre Nachbarschaft. »Ich kannte übrigens Beaver Hide Wilcox«, fügte er schließlich hinzu.

»O ja?« Jennas Gesicht erhellte sich. »Wie war er? Ich habe ihn nur in Erinnerung, wie er mich als kleines Mädchen mit auf die Jagd nahm und auf den Knien schaukelte.«

»Er war in Ordnung.«

»Was soll das denn nun wieder heißen? Wollen Sie mit diesen paar Worten den Charakter eines Mannes beschreiben? Mister, dazu bedarf es weit mehr als nur einen Satz. Sie können auch von Caleb Hayes nicht einfach nur sagen, dass er ein guter Kerl war, und mehr nicht.«

»Aber das war er, Ma’am. Er war der Beste, den man sich vorstellen kann.«

Sie hörte die Wehmut aus seiner Stimme. »Sie standen sich wohl sehr nahe?«, fragte sie vorsichtig.

»Das kann man wohl sagen...«

»Waren Sie verwandt?«

Er schüttelte den Kopf. »Er war so eine Art Vaterersatz für mich.«

Nachdem sie lange auf dem Baumstumpf gesessen und sich unterhalten hatten, begleitete Brady sie zu ihrer Hütte.

Er war überrascht, wie sehr eine Frauenhand ein kaltes, unpersönliches Heim verändern konnte. Die Hütte war gesäubert worden. Ein Deckchen hier und da, die Betten frisch bezogen, ein Strauß Lilien und Berglorbeer auf dem Tisch, das alles brachte Wärme in die bislang so kalte Behausung. Larry Wilcox hatte nie viel Wert darauf gelegt, in einem schönen Heim zu leben, und Blumen pflücken wäre für ihn undenkbar gewesen.

Genau wie für Caleb Hayes.

Oder für Vince Brady...

Er verabschiedete sich und ging zu seinem Pferd.

»Wollen Sie nicht zum Abendessen bleiben?«, fragte Jenna hastig, obwohl sie es gar nicht wollte.

»Danke, Ma’am. Ein andermal vielleicht. Es gibt viel zu tun.«

Noch an diesem Abend ritt er los und erkundete die Bergwiesen und die oberen Ausläufer des Waldes. Er campierte an einer windgeschützten Stelle und betrachtete die schmutziggrauen Wolkenbänke, die sich über ihm zusammen ballten. Es roch nach Schnee. Er würde in diesem Jahr sehr früh fallen.

Brady hatte schon viele harte Winter überstanden, in den Ebenen und den Mountains.

Meist waren sie einsam gewesen.

Verdammt einsam.

Er dachte an den Tag zurück, als er Wayne Harding getroffen hatte. Man hatte dem Jungen übel mitgespielt. Er war böse zerschlagen und mit dem Pferd halb tot geschleift worden.

Brady hatte sich des Jungen angenommen, weil es vor vielen Jahren einen Mann gegeben hatte, der bei Vince ebenso gehandelt hatte.

Das war Caleb Hayes gewesen.

Hayes war einer der schnellste Revolverschützen gewesen, die Vince jemals zu Gesicht bekommen hatte. Von ihm hatte der junge Heißsporn Vince Brady einiges gelernt. Nicht nur, wie man mit dem Colt umging, sondern vor allem, wie man Menschen einschätzen musste und wie man mit der Natur im Einklang lebte. Und dass man an der Einsamkeit nicht zu Grunde gehen musste, dass sie niemals von Dauer war.

Vince hatte damals lange über die Worte des alten Schießers nachgedacht. Es hatte ihn quer durch den Westen getrieben. Er hatte viele gefährliche Jobs gehabt, hatte wilde Städte gezähmt, Postkutschen und Geldtransporte begleitet und war Staatenreiter gewesen. Aber immer gab es Männer, die beweisen wollten, dass sie mit dem Revolver schneller waren als Vince Brady.

Er war ein Ausgestoßener der Gesellschaft geworden. Er war immer bestrebt gewesen, dem Ärger aus dem Weg zu gehen. Doch ihm war, als steckten die Kugeln, die Caleb Hayes ihm vor vielen Jahren aus dem jugendlichen Körper operiert hatte, noch tief in ihm. Oft spürte er die Schmerzen, wenn er über die alten Narben strich.

In den letzten Jahren hatte er sich nicht mehr schießen wollen. Es war besser gewesen, einer Schießerei aus dem Weg zu gehen.

Bis zu dem Tag, an dem er von Caleb Hayes’ Tod erfahren hatte. Er war nach Colorado geritten. Er hatte sich in Hill’s End umgesehen, hatte diskrete Fragen gestellt und Hinweise darauf erhalten, dass Caleb ermordet worden war. Rasch hatten ihn seine Ermittlungen auf die Spur jenes Mannes geführt, der sich Grizzly nannte.

Als er Calebs Hütte nach vielen Jahren wieder betreten hatte, schwor er, dass einige Leute Caleb auf dem Weg ins Jenseits die Stiefel putzen würden...

Diese Erinnerungen gingen ihm durch den Kopf, als er zur Hütte zurückkehrte.

Er merkte, dass etwas nicht stimmte, als er vor dem Blockhaus abstieg. Er hätte nicht sagen können, was es war, aber etwas war anders als sonst.

Er zog den Revolver, drückte sich neben der Tür an die Wand und wartete. Wenn jemand im Haus auf ihn lauerte, hatte er ihn bereits heranreiten sehen. Es machte also wenig Sinn, die Konfrontation hinauszuzögern.

Vince stieß die Tür auf und sauste geduckt in den Raum. Er fiel auf ein Knie und erstarrte.

Im Kamin flackerte ein Feuer und verbreitete wohlige Wärme. Der einzige Tisch im Raum war mit einer karierten Tischdecke bedeckt. Eine kleine Vase mit Berglilien stand in der Mitte.

Das Bett war ordentlich gemacht.

Jenna!, ging es Vince durch den Kopf.

Er stand langsam auf und trat an den Tisch. Ein gefaltetes Blatt Papier lag darauf. Er las die von einer zierlichen Frauenhand geschriebenen Zeilen.

Es war eine Einladung zum Abendessen.

»Bin gespannt, wie gut Sie kochen können, Lady«, raunte er.

Als er sich zur Tür wandte, um sein Pferd zu versorgen, verhakte sich sein Revolver am Tischtuch. Um ein Haar hätte er die Blumenvase umgeworfen. Er konnte sie gerade noch auffangen.

Und entging dadurch dem Tod!

Die Fensterscheibe zersplitterte. Eine großkalibrige Kugel klatschte dicht hinter Bradys Kopf in die Wand über der Feuerstelle.

Er kroch zur Tür und duckte sich unwillkürlich, als weitere Bleihummeln über ihn hinweg sirrten.

Der Schütze musste sich im Hochwald verborgen halten. An einer Stelle, von der aus er das Haus einsehen konnte. Mit einem Revolver konnte Brady nichts gegen ihn ausrichten.

Er musste ein Gewehr haben, und er musste näher heran.

»Verfluchte Saubande!«, stieß Brady hervor. Er biss die Zähne zusammen. Er würde sich nicht von einem einzelnen Kerl mit einem Gewehr ins Bockshorn jagen lassen.

Brady handelte instinktiv und blitzschnell. Er katapultierte sich durch die Tür, rollte über die Verandastufen, kam neben dem Braunen hoch und riss die Winchester aus dem Scabbard, als dicht neben seinen Füßen das Erdreich empor spritzte.

Brady erwiderte das Feuer nicht. Er schlug dem Pferd auf die Kruppe, damit es aus der Schusslinie lief und lief im Zickzack über die kleine Lichtung.

Er sprang über den Bach und landete flach auf dem Boden.

Wasser spritzte auf. Die Schüsse brachen sich wie fernes Donnergrollen an den Felswänden.

Noch hatte Vince kein Mündungsfeuer entdeckt. Er kroch zwischen die Bäume, huschte dann unter den tief hängenden Zweigen und Ästen hindurch und lehnte sich keuchend an einen Stamm. Er kannte eine Stelle, von der er einen wunderbaren Blick über die Berghänge hatte. Der Mistkerl würde nicht lange im Verborgenen bleiben.

Eine kurze, ungeschützte Strecke musste Brady überwinden. Er musste nur schnell genug sein...

Er atmete tief durch und stieß sich ab. In weiten Sätzen hetzte er dahin. Seine Absätze gruben sich tief in den Waldboden. Endlich trommelten sie auf Gestein, und die Deckung der Felsen war nicht mehr weit, als es über ihm aufgrellte und eine Kugel dicht an seinem Kopf vorbei pfiff.

Er wirbelte zur Seite, wollte einem weiteren Schuss ausweichen und schaffte es nicht mehr. Ein harter Schlag traf ihn an der Seite. Er ging hart zu Boden, rollte weiter und kam wieder hoch. Diesmal hatte er die Winchester im Anschlag und wollte das Feuer erwidern, als ihn bereits die nächste Kugel erwartete.

Brady spürte den heißen Luftzug an seiner Wange, wich aus und trat fehl.

Gestein bröckelte unter ihm weg. Er warf die Arme in die Luft und stürzte über den Felsrand in die Tiefe.

 

 

15

Jenna war allein in der Hütte, als sie kamen.

Annie und Wayne hatten einen Spazierritt unternommen. Und Brady wurde erst zum Abendessen erwartet.

Jenna hatte sich eine Närrin gescholten, weil sie ihm so kühl und ablehnend begegnete. Sie spielte die Widerspenstige, die von einem starken Mann gezähmt werden wollte. Aber in Wirklichkeit ging ihr Vince Brady nicht mehr aus dem Sinn.

Er hatte etwas Animalisches, eine beängstigende Wildheit, und strahlte doch eine Ruhe und Gelassenheit aus, die sie nicht bei ihm vermutet hätte. Obwohl er kaum etwas von sich erzählt hatte, beschlich sie das Gefühl, als kenne sie ihn schon viele Jahre. Er war ihr vertraut, und sie fühlte sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen.

Und doch weigerte sie sich, den alles entscheidenden Schritt zu tun und auf ihn zuzugehen.

Ihre Hände und die Unterarme waren mit Mehl und Teig verschmiert. Sie war gerade dabei, eine Apfeltorte zu backen, als sie den Hufschlag hörte.

Sie wischte sich die Hände ab und öffnete die Tür.

Ein halbes Dutzend Reiter hatte seine Pferde vor dem Haus gezügelt. Die Burschen sahen alles andere als freundlich aus. Aber die beiden Männer in der Mitte wirkten wie unheimliche, todbringende Wesen aus dem Jenseits.

»Sie wünschen?«, fragte Jenna tapfer. In Gedanken legte sie sich ihre nächsten Handlungen zurecht. Sie musste das Gewehr erreichen. In der Kommode in der Schlafstube lag der Colt.

»Mein Name ist Morris, Ma’am«, sagte der pockennarbige Reiter. »Wie ich sehe, haben Sie bereits damit begonnen, sich hier häuslich niederzulassen. Sie backen wohl gerade... Brot?«

»Apfelkuchen.«

»Klingt gut. Aber leider werden wir nicht mehr in den Genuss Ihrer Backkunst kommen, Ma’am. Ich fürchte, Sie werden Ihren Krempel packen und wegziehen müssen.«

»Wer gibt Ihnen das Recht, so unverschämt mit mir zu reden?«, brauste Jenna auf. Ihre Wangen glühten vor Wut. Wieder so ein Schnösel, der sie behandelte wie ein schwaches, willenloses Weibsbild, das sofort sprang, wenn er nur mit dem Finger schnippte.

»Der Besitzer dieses Hauses, Ma’am.«

»Sie sind falsch informiert, Mister. Ich habe dieses Haus und das Land, auf dem es steht, geerbt und besitze die nötigen Dokumente. Deshalb kann jeder, der diesen Besitz für sich beansprucht, nur ein Betrüger sein. Sie befinden sich auf meinem Grund und Boden, Mister, und Sie sind nicht willkommen. Reiten Sie dahin zurück, woher Sie gekommen sind.«

»Ich bedaure dieses Missverständnis wirklich aufrichtig, Ma’am, aber ich fürchte, Ihre Schriftstücke sind hier draußen keinen Pfifferling wert. Dieses Land befindet sich bereits seit Monaten im Besitz meines Auftraggebers, und daran wird sich auch nichts ändern.«

»Ich warne Sie, Mister!« Jenna ärgerte sich über das Zittern in ihrer Stimme. Aber es war keine Angst, sondern Wut. »Verschwinden Sie, bevor ich Sie dazu zwingen muss! Jedes Gericht wird mir dieses Land zusprechen. Ich brauche nur an meinen Nachlassverwalter zu telegrafieren und...«

»Dazu werden Sie wohl kaum Gelegenheit bekommen, Ma’am. Sehen Sie, es ist so einfach. Sie verzichten auf alles und reisen unverzüglich ab, und eine schöne Frau wie Sie kann überall mühelos ein neues Leben führen. Oder Sie bleiben stur, und ein hübsches, kleines Feuer wird leider nicht nur alle Ihre wertvollen Dokumente vernichten, sondern Ihnen auch alles nehmen, was Sie besitzen. Von Ihrer Schönheit ganz zu schweigen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen, Ma’am.«

»Gehen Sie zum Teufel!«

Die Augen des Schießers funkelten wütend. Gelassen stieg er vom Pferd und näherte sich der Veranda.

Jenna schrie und schlug die Tür zu, verriegelte sie und hastete zu dem Gewehr, das in einer Ecke des Wohnraumes lehnte. Über dem Kamin hing ein alter Springfield-Vorderlader, der eine verheerende Wirkung haben konnte.

Jenna kam ein Gedanke. Bestimmt hatte Beaver Hide die Waffe ständig schussbereit gehalten. Sie hob die schwere, langläufige Büchse herunter und bog den Hammer zurück. Dazu benötigte sie alle Kraft, die in ihrem Daumen lag.

»Bleiben Sie draußen, Mister! Ich warne Sie zum letzten Mal!«, brüllte sie.

Die Antwort war ein dröhnender Knall, als sich einige Männer gegen die Hüttentür warfen.

Jenna zog sich in den Schlafraum zurück. Die Tür lehnte sie an, sodass sie die Eingangstür im Auge behalten konnte.

Die Kraft der anstürmenden Männer war so stark, dass die alten Scharniere des Riegels ihr nicht lange Stand halten konnten. Der Balken polterte zu Boden, und die Eindringlinge drängten in den Raum.

«Zurück!«, brüllte Morris und warf sich zur Seite, als Jenna den Stecher durchzog.

Das Dröhnen des Schusses erstickte jedes weitere Geräusch. Den Männern klingelten die Ohren.

Zwei von Morris’ Kumpanen, die dicht hintereinander standen, fielen der Wucht der Bleikugel vom Kaliber 58 zum Opfer. Das Geschoss bohrte sich durch die Leiber wie durch Butter und riss beim Austritt faustgroße Löcher.

Jenna warf die Schlafzimmertür zu, klemmte einen Stuhl unter den Türknauf und verschanzte sich mit der Winchester hinter dem Bett. Rasch holte sie noch den Colt aus der Kommode. Auf kurze Distanz konnte ihr der Revolver nützlich sein.

Morris wurde vorsichtiger. Er schickte seinen Bruder an die Rückseite der Hütte, wo er versuchen sollte, durch ein Fenster in das Haus zu dringen.

Aber Jenna war auch darauf vorbereitet. So rasch sie konnte, jagte sie ihre Kugeln zum Fenster hin. Nur knapp entging der Schießer den tödlichen Projektilen.

Morris und seine Leute beharkten die Schlafzimmertür mit Blei, aber das nützte nichts. Solange Jenna über genügend Munition verfügte, um sich zu verteidigen, war das Risiko einfach zu groß, das Zimmer zu stürmen.

»Nehmen Sie Vernunft an, Lady!«, bellte Morris. »Sie haben es hier nicht mit einem Haufen Milchbubis zu tun. Sie haben doch sicherlich schon von dem Mann gehört, der diese Gegend beherrscht. Der Grizzly will nun mal Ihr Land, und er wird es auch bekommen.«

»Ich habe Freunde, Mister!«, schrie Jenna zurück. »Kampflos wird Ihr Boss meinen Besitz niemals bekommen. Ich hab mal gelesen, dass sogar eine aggressive Wildkatze einem Grizzly arg zusetzen kann. Richten Sie Ihrem Boss aus, dass er auf seine Krallen aufpassen soll, sonst stutze ich sie ihm.«

»Wenn Sie Vince Brady meinen, muss ich Sie leider enttäuschen, Lady. Der hat im Moment genug mit sich selbst zu tun. Denn er hatte auch das Pech, sich mit dem Grizzly anlegen zu wollen. Auf ihn können Sie also nicht zählen. Geben Sie auf, ehe ich unfreundlich werde!«

»Niemals, Mister!«

»Sie sollten sich einen Mann suchen, heiraten und einen Stall voller Bälger kriegen, Ma’am, anstatt in dieser Einöde hausen zu wollen. Nehmen Sie einen gut gemeinten Ratschlag an!«

Damit hatte Morris nun, ohne es zu ahnen, Jennas wundesten Punkt berührt und mit einem glühenden Eisen darin herumgestochert. Die Vorstellung, eines Tages zu heiraten, mochte Jenna zwar gefallen, aber als Heimchen am Herd wollte sie bestimmt nicht enden. Damit würde sie sich von einem Mann abhängig machen, und das war das Letzte, was sie sich wünschte.

»Mistkerl!«, keifte sie und feuerte durch die Tür. »Wann ich heirate und ob ich Kinder kriege, bestimme immer noch ich!«, schrie sie hinterher.

Draußen blieb alles ruhig. Sie vernahm keine Schritte und keine Worte mehr. Quälend langsam vergingen die Minuten.

Das Blut rauschte in Jennas Ohren. Sie dachte weniger an sich und die Gefahr, in der sie sich befand, sondern an Vince Brady und seine Zwangslage. Aber sie traute ihm durchaus zu, alle Schwierigkeiten zu meistern, und das beruhigte sie auch ein wenig.

»Lady, Sie haben es nicht anders gewollt«, drang Morris’ Stimme herein. »Der Boss wollte zwar, dass Sie ohne einen Kratzer bleiben, aber ich mag keine halben Sachen. Wenn man widerspenstigen Weibsbildern wie Ihnen nur ein wenig entgegen kommt, werden sie niemals aufgeben. Leben Sie wohl, Lady!«

Glas klirrte. Möbel wurden zerschlagen. Schritte entfernten sich. Jenna wartete auf den Hufschlag, der ihr anzeigte, dass die Banditen verschwunden waren, doch sie hörte ihn nicht.

Dafür drang das Prasseln und Knacken brennenden Holzes zu ihr. Dünne Rauchschwaden quollen unter der Schlafzimmertür hindurch.

Mit Schrecken erkannte Jenna, dass Morris seine Drohungen wahrmachen und sie bei lebendigem Leib verbrennen wollte!

Sie eilte zum Fenster und wollte hindurch klettern. Aber kaum zeichneten sich ihre Umrisse im Fensterrahmen ab, als auch schon Schüsse wummerten.

Sie ließ sich einfach fallen. Die Kugeln fetzten das Holz aus dem Rahmen und sirrten als Querschläger durch den Raum.

Jenna kroch zur Tür und riss sie auf. Eine Flammenzunge leckte ihr entgegen.

Hastig drückte Jenna die Tür wieder ins Schloss.

Es gab keinen Ausweg mehr. Im Wohnraum loderten die Flammen, und beißender Qualm waberte. Und vor dem Fenster lauerten die Banditen, um sie zu erledigen.

Jennas Finger schlossen sich um den Griff des Revolvers. Sie hob die schwere Waffe, betrachtete sie aus tränenverschleierten Augen.

Bevor sie einen qualvollen Feuertod erlitt, würde sie ihr Leiden mit einer Kugel abkürzen.

Alles war verloren. Sie hatte keine Wahl.

Langsam hob sie den Colt, schickte ein Stoßgebet zum Himmel und bog entschlossen den Hammer zurück.

»Es tut mir Leid, Onkel Larry. Du bist sicher enttäuscht von mir, aber ich hab es wenigstens versucht. Es tut mir so schrecklich leid. Verzeih mir«, flüsterte sie kaum hörbar. Tränen strömten über ihre Wangen.

Aus der starken Frau war ein hilfloses Mädchen geworden. Ein Mädchen, das sich zwar immer den Vorschriften widersetzt hatte, das immer widerspenstig gewesen war und nun doch klein beigeben musste. Sie hatte Strapazen auf sich genommen, hatte den Angriff eines blutrünstigen Grizzlybären überstanden und musste doch aufgeben. War von einem Mann, den sie nicht mal kannte, in die Knie gezwungen worden. Von einem Mann, dem es nur darauf ankam, dieses Land zu besitzen.

Sie schniefte und hustete, als der Rauch in ihre Nase und den Mund drang.

Sie hob die Waffe und setzte die Mündung an ihre Stirn.

Langsam krümmte sich der Finger am Abzug...

 

 

16

Brady prallte hart auf den Rücken, überschlug sich und rutschte auf dem Bauch in die Tiefe.

Erd- und Geröllbrocken begleiteten ihn. Er breitete die Arme aus, suchte nach einem Halt und fand ihn nicht.

Sein Stiefel verhakte sich in einem Wurzelstrang, der aus dem Erdreich ragte. Er wurde herumgerissen, rutschte nun kopfunter weiter und konnte sich nicht abbremsen.

Weiter unten öffnete ein gähnender Abgrund den gierigen Schlund, um ihn zu verschlingen und mit zermalmten Gliedern wieder auszuspucken.

Brady konnte nur noch versuchen, den Gewehrlauf in den Erdboden zu rammen und hoffen, dass er die Rutschpartie dadurch aufhielt.

Er wirbelte den Karabiner herum, als er die gebogene Wurzelspitze entdeckte.

Hoffnung keimte in der winzigen Zeitspanne zwischen der Entdeckung und dem Erkennen in ihm auf. Er hieb mit dem Gewehr nicht zu, sondern ließ den Kolben auf den Wurzelstrang fallen.

Es war die letzte Möglichkeit.

Eisern festhalten und hoffen...

Der Kolben glitt ab. Die Spitze des Strunks schabte knirschend über das polierte Holz des Gewehrschafts.

Es war vorbei...

Der Ruck riss Brady beinahe den Arm aus dem Schultergelenk. Sein Griff am Gewehrlauf lockerte sich. Die Finger rutschten ab.

Er fasste nach, klammerte sich mit beiden Händen fest.

Er konnte es nicht fassen. Sein Gesicht war schweißgebadet. Erde und Staub hatten sich darauf festgesetzt. Die Schweißtropfen hatten Schlieren über seine Wangen gezogen.

Er ruhte sich aus. Sammelte die Kraft in seinem Körper, konzentrierte sich auf die Arme. Langsam, unendlich langsam zog er sich nach oben.

Er fand eine Stelle, an der er die Stiefelspitze tief in das Erdreich graben konnte. So verfuhr er weiter und stieg stetig bergan, wie auf einer Leiter.

Nur wenige Fuß brachte er auf diese anstrengende Weise hinter sich, bis er zu seiner Rechten eine Felsnase bemerkte, die aus dem Erdreich ragte. Dort befanden sich weitere Felsen in Griffweite, zusammen mit kleinen, armdicken Krüppelkiefern.

Dort würde der Aufstieg leichter fallen.

Brady griente trotz seiner misslichen Lage. Er würde sich den Kerl schnappen, der ihn unter Feuer genommen hatte.

Wer Vince Brady bis aufs Blut reizte, musste einen teuren Preis dafür bezahlen...

Brady löste den Hosengürtel und schlang ihn um die Winchester. Der Gürtel selbst war zu kurz, aber mit dem Gewehr als provisorischem Widerhaken konnte es funktionieren.

Brady wusste, dass er nur einen, höchstens zwei Versuche hatte. Er konnte den Gürtel nur am äußersten Ende halten. Wenn er zu oft warf, würde ihn die Kraft verlassen und Gürtel und Gewehr würden in der Tiefe verschwinden...

Er presste die Kiefer aufeinander. Die Anspannung war groß. Er schwang den Karabiner probeweise hin und her, um ein Gefühl für das Gewicht zu bekommen, und riskierte es.

Das Gewehr schwang durch die Luft, prallte mit dem Kolben gegen den Hang und flog nach außen.

Nur mit Mühe konnte Brady den Gürtel festhalten. Er zitterte am ganzen Leib. Er spürte die Anstrengung in den Armen und den Beinmuskeln.

Lange konnte er nicht mehr durchhalten.

Ein neuer Versuch.

Brady holte diesmal mehr Schwung und ließ das Gewehr fliegen. Es schwirrte frei am Abhang entlang, prallte gegen die Felsnase, schwang darüber hinweg und landete wie ein Keil zwischen den Felsen und den Kiefernstämmchen.

Brady atmete auf. Vor Glück hätte er laut schreien mögen. Er verstärkte seinen Griff, richtete sich auf und wollte sich eben an dem provisorischen Seil zur rettenden Stelle schwingen, als...

Kraaachh!

Holz brach. Das Gewehr löste sich!

«Aaaahhh!«

Der Schreckensschrei entrang sich Bradys Kehle. Er warf sich nach hinten, klammerte sich im letzten Moment an dem gekrümmten Wurzelstrang fest. Seine Füße hatten sich von der Wand gelöst und baumelten frei über dem Hang.

Fassungslos beobachtete Brady, wie der abgebrochene Kiefernstamm nach unten segelte und in der gähnenden Tiefe verschwand.

Er war am Ende. Für einen dritten Versuch mochte seine Kraft noch reichen, aber wenn er misslang, war alles aus.

Etwas in ihm kämpfte sich aus den Tiefen seiner Seele empor. Du wirst nicht aufgeben, Mister! Du hast dich niemals aufgegeben. Hast unzählige Revolverkämpfe bestanden. Hast dich von Cal Hayes dem Sensenmann von der Schippe holen lassen. Und wozu? Du musst überleben... überleben!

»Yeah!«, krächzte Brady. »Ich werde es schaffen. Ich werde den Mistkerl mit seinen eigenen Waffen schlagen.«

Noch während seine Worte nachhallten, schwang er das Gewehr. Wie von selbst glitt es über die Felsnase.

Brady setzte alles auf eine Karte.

Ehe sich die Waffe verhakt hatte, warf er sich nach vorn. Sein Körpergewicht sorgte dafür, dass sich der Karabiner verkeilte. Der Schwung war so groß, dass Brady Augenblicke später die Felsen erreicht hatte, seine Stiefelspitzen in das Erdreich drückte und Atem schöpfte.

Nun konnte er sich mit beiden Händen festklammern, aber er gönnte sich kaum Ruhe. Der Antrieb war da, und er nutzte ihn.

Bedächtig kletterte er nach oben. Ausgepumpt blieb er am Rand des Hangs liegen und inspizierte dabei die höher gelegenen Felsformationen. Irgendwo dort oben saß der Killer mit dem Präzisionsgewehr und freute sich über seinen Triumph.

Er würde sich daran verschlucken.

Schlangengleich kroch Brady über den Boden. Seine Kleidung war mit Staub und Erde bedeckt. Er hob sich kaum von der Umgebung ab. Der Gegner musste schon verdammt gute Augen haben, um ihn auszumachen.

Brady rollte sich in ein Dickicht, kam auf die Beine und schob sich zwischen den Bäumen dahin.

Als er den Bergwald zur Hälfte hinter sich gebracht hatte, ließ er sich auf einem vom Blitz oder Sturm gefällten Baumstamm nieder.

Seine Gedanken kreisten nur um ein Thema. Wie war der Killer dort hinauf gekommen?

Zu Fuß bestimmt nicht. Er musste damit rechnen, Brady zu verfehlen und einen schnellen Rückzug antreten zu müssen.

Also hatte er ein Pferd dabei.

Er musste an einer Stelle sitzen, die er zu Pferd erreichen konnte.

Bradys Kopf ruckte herum. Seine Augen funkelten wütend.

Die Ratte sitzt beim Crying Woman’s Rock!

Der Fels hatte die Form eines Frauenkopfes. Weil es dort oben einen Wasserfall gab, der den Felsen besprühte, hatte man ihn die »weinende Frau« genannt.

Es war ein wunderschöner Ort für Liebende. Brady schwor sich, dass er Jenna Wilcox dort hinauf führen würde. Und dort oben würde er ihr sagen, was er für sie empfand.

Er war lange genug einsam gewesen.

Brady kletterte über Felskaskaden, dicht am rauschenden Wasserfall vorbei, nahm vereinzelte Bäume als Stütze. Die Wunde in seiner Seite brannte höllisch, aber er ignorierte den Schmerz.

Auf dem Frauenkopf kam er heraus, trat an die Kante und sah unter sich eine dunkel gekleidete Gestalt. Der Mann war Anfang Vierzig, trug einen dunklen Anzug, ein helles Hemd und einen Binder.

Er lehnte am Stamm eines Bergahoms, hatte die Beine übereinander geschlagen, rauchte eine dünne Zigarre und nahm gelegentlich einen Schluck aus einer Brandyflasche.

In Griffweite hatte er das Gewehr stehen, eine Hotchkiss-Büchse mit Zielfernrohr.

Das Pferd graste in der Nähe.

Brady wartete, bis der Heckenschütze die Flasche an die Lippen setzte.

»Hast du den weinenden Felsen gesehen, Mister? Er weint für dich!«

Beim Klang von Bradys Stimme erstarrte der heimtückische Mörder. Die Farbe wich aus seinem Gesicht.

»Du hättest dir Zeit lassen sollen. Wer ein Hotchkiss benutzt, sollte sich immer genug Zeit für einen sorgfältigen Schuss nehmen. Einer genügt. Meistens.«

Der Killer sprang behände auf, fegte das Gewehr hoch und feuerte zum Frauenkopffelsen empor. Eines musste ihm Brady zugestehen, er war gut.

Verdammt gut sogar.

Aber für Vince Brady reichte es nicht aus...

Die Kugel schraubte sich in die Luft, ohne Schaden anzurichten.

»Hat dich der Grizzly geschickt?«, rief Brady. »Er hätte einen Profi auswählen sollen. Es ist schade, solch ein wunderbares Gewehr in den Händen eines blutigen Anfängers zu sehen.«

Der Schütze kreiselte lauernd herum. Hinter jedem Felsen, jedem Strauch und Baum vermutete er den Gegner..

»Du bist dein Geld nicht wert, Mister. Du wirst dich selbst richten, mit deiner eigenen Waffe. Wer nicht damit umgehen kann, jagt sich selbst die Kugeln in den Leib.«

Der Killer schrie. Er sprang zum Rand des Plateaus, suchte nach Brady und fand keine Spur von ihm.

Er wurde unvorsichtig.

Als er zwischen zwei Felsen sprang, tauchte Brady hinter ihm auf. »Suchst du mich?«, fragte er leise.

Der Killer wirbelte herum. Brady schlug mit dem Gewehrkolben so wuchtig zu, dass der Heckenschütze nach hinten kippte und den Abhang hinunter rollte.

»So ist es mir ergangen, Mister. Spürst du die Todesangst, wenn man nicht weiß, wo der Fall endet?«

Der Killer feuerte nach oben, zur Felskante, traf aber niemanden.

Brady sprang seitlich auf den Rand und schoss mit dem 44er.

Der Killer wurde herumgerissen und gegen einen Baum geschleudert. Die raue Rinde zog blutige Schrammen über sein Gesicht.

»Du lebst noch, Mister. Das war noch nicht alles. Du hast mich gejagt, und nun drehe ich den Spieß um. Aber ich mache es kurz. Ich werde dich nicht töten, Mister. Das wirst du selbst besorgen.«

Der irre Wutschrei wurde tief in der Kehle des Heckenschützen geboren. Der Killer drückte einhändig ab, ohne zu treffen. Undeutlich sah er Brady vor sich. Er hetzte hinter ihm her, kämpfte sich durch dichtes Unterholz, kletterte über umgestürzte Bäume und verfing sich in Luftranken. Er krabbelte über Felsen und legte wiederholt auf Brady an, ohne ein genaues Ziel zu haben.

Auf einmal war der Weg zu Ende!

Der Killer stand unschlüssig. Es ging nicht mehr weiter. Nach allen Seiten erstreckte sich dichtes Gestrüpp. Es blieb nur noch der Weg zurück.

«Ich warte auf dich!«

Die Stimme war von vorn gekommen!

Aber das war unmöglich!

Der Heckenschütze schlich weiter, das Gewehr vorgestreckt. Er gelangte an eine Felsbarriere und entdeckte den schmalen Einschnitt erst spät. Langsam schob er sich hindurch und fand sich in einem von mannshohen Felsbrocken geformten Rondell wieder, aber von Brady war nichts zu sehen.

»Schieß, Mister!«

Diese Aufforderung kam so unerwartet und klang so nah, dass der Killer völlig die Fassung verlor. Sein Nervenkostüm war ohnehin angekratzt, und der Brandy hatte wohl ein Übriges dazu beigetragen.

Er drehte sich im Kreis, die Hotchkiss-Büchse an der Hüfte, und schoss wild um sich. Als er einmal absetzte, blitzte es zwischen den Felsen auf.

Bradys Kugel ging weit daneben, aber den Killer kümmerte das nicht. Er brüllte und jagte im Laufen Schuss um Schuss aus der Waffe.

Seine Projektile klatschten gegen die Felsen und jaulten als Querschläger davon. In alle Richtungen.

Der Killer hatte die Felsen fast erreicht, als ihn ein geplättetes Projektil erwischte. Er bäumte sich auf, drehte sich um die eigene Achse und brach in die Knie.

Der Querschläger hatte ihm den Hals aufgerissen. Blut pumpte aus der klaffenden Wunde.

»Wer das Schwert führt, wird durch das Schwert umkommen«, sagte Vince Brady ruhig. »So was Ähnliches steht in der Bibel. Hättest du lesen sollen, Mister, bevor du deinen Beruf ausgesucht hast.« .

Der Killer wollte etwas sagen, aber nur ein Gurgeln kam aus seiner Kehle. Blut blubberte über seine Lippen.

Er starrte Brady an, der die Hotchkiss-Büchse an sich nahm. »Da ist bestimmt noch eine Kugel für den Grizzly drin«, meinte Brady. »Du hast bestimmt nichts dagegen, oder?«

Der Killer langte nach dem Revolver, brachte ihn halb aus dem Holster und fiel auf das Gesicht.

Brady kehrte zum Crying Woman’s Rock zurück und durchsuchte die Satteltaschen des Toten.

»Dack Morris«, las er leise von einigen Briefen ab. »Einer der Morris Brüder? Da hab ich wohl tatsächlich verdammtes Schwein gehabt. Hast einen besseren Herrn verdient«, fügte er an das Pferd gewandt hinzu, nahm es am Zügel und führte es auf den Pfad, der nach unten und zu Caleb Haynes Hütte führte.

 

 

17

Jenna brachte den Mut nicht auf.

Ihre Hand zitterte. Heftiges Schluchzen schüttelte ihren Körper.

Die Hitze wurde immer stärker. Die Tür zur Schlafkammer schwelte bereits.

Sie drückte die Mündung des Colts erneut an die Stirn, sodass sie das kalte Metall spüren konnte. Schmerzhaft war der Druck. Sie zwang sich, den letzten Schritt zu gehen.

Der Zeigefinger krümmte sich, und diesmal gab es kein Zurück.

Ein Holzscheit flog durch die Luft, knallte zielsicher gegen den Revolverlauf und lenkte ihn ab. Als Jenna den Stecher durchzog, zischte die heiße Kugel dicht an ihrem Kopf vorbei und bohrte sich in die Wand.

Und dann stand Vince Brady vor ihr, nahm ihr die Waffe ab und zog sie auf die Füße. Sie starrte in sein verdrecktes Gesicht, sah sein freundliches Lächeln, und alles um sie herum drehte sich.

Er fing sie auf, als sie die Besinnung verlor.

Draußen legte er sie nieder, schnappte sich einen Holzkübel aus einem Anbau und holte Wasser vom Bach. Er versuchte, das Feuer einzudämmen.

Zischend verdampfte die Flüssigkeit, und er kämpfte einen aussichtslosen Kampf, aber er erhielt unerwartet Unterstützung.

Wayne Harding und Annie Hunter kehrten von ihrem Ausritt zurück.

Wayne sprang aus dem Sattel, rannte in die Flammenhölle und kämpfte sich bis zum Schlafraum vor. Er schleuderte brennende Möbel durch die Tür nach draußen. Mit Decken und Vorhängen hieb er auf die Flammen ein, erstickte sie im Keim.

Er arbeitete wie ein Berserker, und wieder musste Annie ihn ob seiner Kraft bewundern.

Jeder andere wäre vor dem Feuer zurückgeschreckt und hätte das Haus ein Raub der Flammen werden lassen, aber Wayne wusste, was dieses Haus Jenna bedeutete.

Seine Mühe wurde belohnt. Zwar war sein Haar und die Kleidung angesengt und er hatte einige Brandblasen davongetragen, aber das Feuer war gelöscht. Der Boden musste ausgebessert werden, man würde neue Möbel benötigen, aber die aus dicken Baumstämmen bestehenden Wände hatten dem Feuer widerstanden.

Während Annie sich um Wayne kümmerte und ihn liebevoll anhimmelte, ritt Vince mit der immer noch ohnmächtigen Jenna zum Wasserfall. Am Felsbassin, in das sich die Wassermassen ergossen, entkleidete er sie, legte auch seine Kleidung ab, und glitt mit ihr ins Wasser.

Sie erwachte mit einem Ruck. Sie sah ihn vor sich, sah seine nackte, breite Brust und fühlte, wie starke Arme sie hielten.

Sie errötete, als sie sich ihrer Nacktheit bewusst wurde.

»Was erlauben Sie sich, Sie unverschämter...?«

»Lassen Sie sich gehen, Jenna. Sie haben viel durchgemacht.«

Die Schrecken der vergangenen Stunden liefen vor ihr ab. Unwillkürlich klammerte sie sich an Brady fest.

»Es ist vorbei!«, hauchte er und drückte sie an sich.

Sie weinte. Es war ein erlösendes Schluchzen, und er ließ ihr Zeit.

Langsam glitt er mit ihr zum Rand des Beckens und setzte sie darauf. Er betrachtete den wohlgeformten, nackten Körper. Sie hatte die Beine leicht gespreizt. Das nasse rote Haar fiel in langen Strähnen auf ihre prallen Brüste, deren dunkle Warzen sich im kalten Wasser aufgestellt hatten. Hart und fordernd reckten sie sich Brady entgegen.

Er beobachtete einen Wassertropfen, der zwischen ihren Brüsten hinab kullerte, den Nabel und den straffen Bauch hinter sich brachte, bis er sich in dem dichten, rostroten Pelz ihrer Scham verlor.

Jenna bewegte die zierlichen Füße und schrak zusammen, als sie seine geschwollene Manneszierde berührte. Sie spürte seine Erregung, und mit einem Mal wurde ihr warm. Die wohlige Wärme erfüllte ihren Leib. Es war ein sonderbares Gefühl, das sie bis heute nicht gekannt hatte.

»Das Abendessen«, flüsterte sie.

»Vergiss es. Wir können noch oft zusammen essen.«

»Wären Sie gekommen?«

»Nichts hätte mich davon abgehalten, meine Schöne.«

»Ich wollte Apfelkuchen backen.«

»Nun muss ich eben dich vernaschen.«

»Oh, Vince...«

»Ich liebe dich, Jenna. Vom dem Augenblick, als ich dir begegnet bin, wusste ich, dass ich mit dir in die Zukunft gehen wollte.«

Seine Eröffnung überraschte sie nicht. Sie hatte seine Gefühle gespürt, sie aber nicht wahrhaben wollen.

»Wieso warst du in jener Nacht da?«, fragte sie leise und streichelte sein Gesicht.

»Cal Hayes und dein Onkel Larry waren Freunde. Sie waren lange Jahre zusammen geritten und haben sich als Fallensteller ihren Lebensunterhalt verdient. Sie wollten auch zusammen in diesen Bergen leben. Als ich von Cals Tod erfuhr, kam ich nach Hill’s End und habe nachgeforscht. Ich stieß auf den berüchtigten Grizzly und auf den Umstand, dass nicht nur Cal ermordet worden war, sondern offenbar auch dein Onkel Larry. Als ich erfuhr, dass du Larrys Besitz geerbt hast, rechnete ich mir aus, dass du das Erbe antreten würdest. Deshalb schickte ich Wayne zu deiner Unterstützung und war zur Stelle, als die Tramps dich überfielen. Es waren die Leute des Grizzly.«

»Aber wieso hast du dich nicht gleich zu erkennen gegeben?«

»Ich hielt es für besser so. Der Marshal hätte zu viele Fragen gestellt, und mein Name ist nicht ganz unbekannt im Westen. Der Grizzly unterhält ein weit verzweigtes Informationsnetz. Er wusste sogar, dass ich Cals Besitz übernommen habe. Ich denke, er wird auf eine Entscheidung drängen. Er will uns beide aus dem Weg haben, und das möglichst bald.«

»O Vince, ich bin so froh, dass du hier bist. Ich wollte mich auf keinen Mann mehr verlassen, aber bei dir ist das anders. Halt mich fest, Vince.«

Er kam ihrer Bitte gern nach. Sie spürte seine harte Männlichkeit, die gegen ihre Bauchdecke drückte.

Ihre Lippen fanden sich zu einem leidenschaftlichen Kuss. Ihre Zungen spielten miteinander. Vince ließ seine Hände über ihren samtweichen Körper gleiten. Sie schauderte, aber es waren wohlige Schauer, die über ihren Rücken rannen.

Er saugte sanft an ihren harten Nippeln. Jenna legte den Kopf zurück. Ein Kribbeln erfüllte ihren Leib. Sie sehnte sich danach, diesem Mann zu gehören, von ihm wild und leidenschaftlich genommen zu werden.

Im nächsten Moment bäumte sie sich auf, als er sein Gesicht zwischen ihren strammen Schenkeln vergraben hatte und seine Zunge den Eingang zum Paradies erforschte. Tief drang er in ihre warme Spalte, brachte Jenna zur Raserei. Sie vergrub ihre Finger in seinem Haar und bewegte seinen Kopf rhythmisch zwischen ihren Beinen.

Das Blut brodelte in ihren Adern. Die Wassertropfen auf ihrer Haut vermischten sich bald mit Schweiß. Jenna konnte und wollte ihre Lust nicht länger unterdrücken. Sie schrie, als sie von einem verzehrenden Orgasmus geschüttelt wurde.

Vince lächelte zufrieden und hob Jenna ins Wasser. Ihre warmen Lippen senkten sich über seinen Schaft, dem die Kälte des Wassers nichts anhaben konnte. Sie massierte seine Manneszierde, ging dabei sehr geschickt vor, um eine vorzeitige Eruption zu verhindern.

Endlich war sie bereit, sich ihm völlig hinzugeben. Sie schwang sich hoch, umarmte ihn und umschlang ihn mit den Beinen. Tief drang er in sie, bewegte sich sanft in ihr.

Sie spürte den kurzen scharfen Schmerz kaum, der sie zur Frau machte, ritt auf ihm und merkte, wie ihre Lust und die Leidenschaft zur Ekstase wurden.

Er knetete ihre Brüste, umfasste ihre wohlgeformten festen Hinterbacken. Bald stand Jenna vor dem erlösenden Höhepunkt.

«Oooohhh!«, entfuhr ihr ein Stoßseufzer der Lust. Er schien ihren gesamten Leib zu durchbohren, erfüllte sie bis in die kleinste Faser.

Seine Stöße wurden schneller.

«Ja, jetzt... gleich... oh... jaaaa!« Sein Schrei mischte sich mit ihren Seufzern. Und als er sich heiß in sie verströmte, wurde sie von einem intensiven Höhepunkt geschüttelt, der ihr sämtliche Kräfte raubte.

Lange blieben sie im Becken und hielten sich eng umschlungen, ließen die Wogen der Lust abebben, küssten und streichelten einander.

»Du kannst nicht in das Blockhaus zurück«, sagte Vince leise. »Wie wäre es, wenn du bei mir übernachtest?«

»Auf deinem kleinen Bett? Das bietet doch nicht genug Platz für uns zwei.«

»Lass dich überraschen.«

Sie kehrten in seine Hütte zurück. Vince trug Jenna über die Schwelle und legte sie auf ein dickes Bärenfell nieder, das er in einem Anbau gefunden und vor den Kamin gelegt hatte. Er schälte Jenna aus ihren Kleidern. Das rote Mieder schmiegte sich an ihre Brüste, und sie wirkte um so aufreizender im goldenen Feuerschein.

Sie liebten sich fast die ganze Nacht vor dem Kaminfeuer, bis Jenna endlich in erschöpften Schlaf fiel. Er deckte sie zu und ging nach draußen. Er lauschte auf die Geräusche des Waldes und seiner Bewohner.

Als die Bodennebel zwischen den Baumstämmen schwebten, weckte er Jenna. Sie kleideten sich an. Er reichte ihr einen Ersatzrevolver, den sie umschnallen sollte.

»Was hast du vor?«, wollte sie wissen.

»Wir reiten nach Hill’s End. Es ist besser, eine Entscheidung zu erzwingen, als von ihr überrumpelt zu werden.«

»Oh, Liebling, das ist doch viel zu gefährlich. Dieser Mann hat eine ganze Armee Halsabschneider um sich geschart, und was können wir beide gegen sie ausrichten?«

Er streichelte sie und küsste sie leidenschaftlich. Die Lust erwachte in ihr, und sie wollte sich erneut in seinen Armen auf dem Bärenfell wälzen, als draußen hastige Schritte trampelten.

Die Tür flog auf, und Vince und Jenna richteten ihre Colts auf den Eingang.

»Wayne ist fort!«, keuchte eine völlig aufgelöste Annie Hunter. »Ich fürchte, er macht eine Dummheit. Der Hitzkopf will sich die Kerle vorknöpfen, die unser Blockhaus angesteckt haben. Ich hab Angst, Jenna!«

»Er kommt schon zurecht. Mach dir keine Sorgen«, versuchte Jenna ihre Freundin zu beruhigen.

»Aber er hat doch noch nie auf einen Menschen geschossen...«

»Wir reiten«, entschied Vince. »Ich möchte Wayne nicht begraben müssen.«

Kleine Knopfaugen schickten wütende Blicke hinter ihnen her, als sie wenig später über die Bergwiesen zu dem Pfad preschten, der nach Hill’s End führte.

Der König der Berge richtete sich auf und ließ sein Furcht erregendes Gebrüll erschallen. Sie würden zurückkehren, und dann würden sie ihm gehören. Sie waren in sein Revier eingedrungen, und sie würden es niemals wieder verlassen...

 

 

18

Der Sheriff von Hill’s End war ein krummbeiniger, stoppelbärtiger Oldtimer, der sich aus allen Scherereien heraushielt. Deshalb hatte man ihm wohl auch den Blechstern an die Brust geheftet.

Er war ein abgehalftertes Wrack, das früher einmal mit Stolz den Revolver getragen hatte. Doch das war schon lange vorbei.

Er roch an dem lauwarmen Kaffee und verzog angewidert das Gesicht. Er rieb sich die Hände und verfluchte sich dafür, dass er am vorhergehenden Abend vergessen hatte, den Ofen zu schüren und Holz nachzulegen.

Gähnend schlurfte er zur Tür des Sheriffs Office und kratzte sich das wirr abstehende Haar. Er kramte seinen Kneifer aus der Brusttasche seines schmutzigen Hemdes und klemmte ihn auf die Nase.

Weit riss er die Augen auf, als er einen finster dreinblickenden Mann und zwei Frauen die Straße entlang reiten sah.

Hatte er am Ende etwas verpasst? War hier gleich der Teufel los? Das Trio sah jedenfalls nicht danach aus, als sei es auf einem Vergnügungsritt.

»Das riecht verdammt nach Ärger«, nuschelte der Alte. »Soll ich da mitmischen oder lieber wieder in die Falle gehen? Wenn ich doch nur wüsste, ob die bloß hauen oder auch ballern. Hab keine Lust, mich auf meine alten Tage von Bleihummeln in den Hintern stechen zu lassen. Hm, ich sollte wohl erst mal frühstücken. Danach sieht die Welt schon viel freundlicher aus. Kann nur hoffen, dass diese Leute in der Zwischenzeit Ruhe geben. Möchte nur wissen, welcher Satan mich geritten hat, dass ich diesen Scheiß-Stern angenommen hab!«

Er zog die Hosenträger straff, schob einen Colt hinter den Hosenbund und pflanzte einen verbeulten Derby-Hut auf seinen kantigen Schädel. Säbelbeinig wieselte er über die Straße zum Speiserestaurant, wo es ein verdammt gutes Frühstück für ihn gab, das er nicht mal bezahlen musste. Das war so ziemlich die einzige Annehmlichkeit, die der Job mit sich brachte.

Er hatte sich eben an einer Tasse glühend heißem Kaffee die Lippen verbrüht und wollte sich über die Eier mit Schinken und die Kartoffeln hermachen, als ein lautes Splittern die morgendliche Stille zerriss.

»Vermaledeit aber auch, kann man den in diesem Nest nicht mal in Ruhe frühstücken?«, zeterte er.

»Du machst nichts anderes, als essen, Sammy. Und schlafen«, erinnerte ihn die Wirtin.

»Und was, bitte schön, ist daran verkehrt?«

»Nichts. Nur schläfst du seltsamerweise immer dann, wenn es in dieser Stadt kracht. Oder du frühstückst. Lass dich nur nicht stören. Die Kerle werden einander die Köpfe einschlagen, und du kannst dann die traurigen Reste zusammenklauben. Übrigens, Reste. Ich hab noch was von dem Rindfleischeintopf von gestern übrig. Wäre doch schade, wenn man es verkommen ließe.«

Die Augen des Alten leuchteten wie Fanale in der Nacht. »Dieses köstliche Stew, nach dem ich mir alle Finger abgeleckt habe?«

»Genau. Ich könnte es zwar auch den Schweinen vorwerfen, die würden sich auch freuen, aber da wir ja einen Sheriff haben, der eine gute Mahlzeit zu würdigen weiß...«

»Quassel mir hier nicht die Ohren voll, bring das Zeug lieber auf den Tisch!«

Der Ordnungshüter schloss gequält die Augen, als das Splittern erneut zu hören war. Ich frage besser gar nicht, was passiert ist! Ich will es gar nicht wissen!, redete er sich ein.

Es war auch besser so, denn im Saloon von Hell’s End räumte Wayne Harding auf.

Er war in das Etablissement gestiefelt und hatte sich einen Drink bestellt, den er aber nicht anrührte. Bezeichnend für Hill’s End war, dass in dem Saloon rund um die Uhr Betrieb herrschte. Die Girls arbeiteten in zwei oder drei Schichten, und sogar die Barkeeper wechselten sich ab.

Wayne hatte keine Augen für die Girls. Er konzentrierte sich auf die Männer, die sich an den Tischen verteilt hatten und dem Brandy und Whiskey zusprachen oder sich zu Pokerpartien zusammengefunden hatten. Für ihn saßen die Brandstifter, die Jennas Hütte angesteckt hatten in diesem Raum, und wenn er alle zur Verantwortung zog, würden die Schuldigen ganz sicher dabei sein.

Aber instinktiv kannte Wayne eine Ratte, wenn er sie sah, und hier fühlte er sich von zwei Dutzend gelb gestreiften Nagern umgeben.

Er pickte sich ein Opfer heraus. Ein schwarz gekleidetes Individuum, das aussah wie eine schwindsüchtige Vogelscheuche..

Wayne rutschte am Schanktisch entlang, bis er dicht neben Curt Morris stand, und griente ihn an.

Der Schießer war nun ein völlig humorloser Mensch und hatte für grinsende Kerle überhaupt kein Verständnis. Schon gar nicht, wenn sie ihn als Objekt ihrer freundlichen Anwandlungen auserwählt hatten.

»Hast du ein Problem, Sonny?«, brummte Morris und schob die Hand in die Nähe seines Revolvergriffs.

Wayne gab ihm keine Antwort.

Morris’ Geduld war bald erschöpft. »Sonny, entweder du drehst sich um und grinst die Wand an, oder ich poliere dir das blöde Grinsen von der Visage«, stieß er heiser hervor.

Waynes Antwort kennen wir schon. Er setzte noch einen drauf.

Er griente schwachsinnig.

Das brachte Curt Morris aus der Fassung.

Der Revolvermann zog die Kanone und rammte Wayne die Mündung unter das Kinn. »Ich sollte dir das bisschen Hirn aus dem Schädel pusten. Aber ich würde mir dabei den Anzug versauen, und das wäre der Spaß nicht wert. Hau ab, Sonny, und du bleibst am Leben. Andernfalls trete ich dich so lange, bis du auf der Straße liegst und puste dich draußen weg. Hast du das gefressen?«

Das Grinsen schien auf Waynes Gesicht eingefroren zu sein.

»He, Curt, warum zeigst du dem Rotzjungen nicht mal, wie man mit dem Schießeisen umgeht. Der trägt die beiden Kanonen, als würde er damit schlafen gehen!«, rief jemand.

Morris ’ Interesse war von neuem geweckt. »Eine gute Idee«, sagte er. »Lass mal sehen, was du mit den Kanonen drauf hast, Kid.«

»Ich schieße mich nicht mit Ihnen«, gab Wayne zurück. Sein Grinsen raubte Morris den letzten Nerv.

»Raus mit den Eisen, Kid!«, zischte Morris. Seine Hand schwebte dicht über dem Griff seines 45ers. Er stand kurz davor, Wayne über den Haufen zu schießen.

Der Blondschopf setzte das Glas ab und zog in einer fließenden Bewegung. Morris’ Finger hatten den Revolver noch nicht berührt, als er schon in die Mündung von Waynes Colt starrte.

Es ging rasend schnell. Wayne zauberte die Revolver so geschickt und flirrend aus dem Leder, dass den Zuschauern der Atem stockte.

Curt Morris wurde bleich.

Wayne ließ die Colts in die Holster gleiten und ergriff sein Glas, als sei nichts Ungewöhnliches geschehen. »So macht man das«, sagte er ruhig und prostete Morris zu.

Der Revolvermann beobachtete das Glas in Waynes Hand, das dieser langsam an die Lippen hob.

»Auf Ihr Wohl, Mister«, sagte Wayne ruhig. »Und auf das jener Männer, die gestern oben in den Bergen mit Feuer gespielt haben.«

Morris zuckte zusammen. »Was faselst du da?«

»Das Feuer brannte lichterloh«, fuhr Wayne fort. »Bis es gelöscht wurde.« Er hob die Stimme. »Für alle, die es interessiert: Miss Jenna Wilcox lässt grüßen!«

»Halt die Schnauze, Schwachkopf! Die Kleine ist da oben mit ihrer Bruchbude verbrannt. Sonny, du bewegst dich auf verdammt dünnem Boden. Solch schwachsinniges Gefasel kann dich den Kopf kosten!«

»Aber ich lüge nicht, Mister. Ich selbst habe das Feuer gelöscht. Einfach Wasser reingegossen. So!«

Wayne schüttete Morris den Brandy ins Gesicht.

Der Revolvermann presste die Hände vor die Augen und taumelte in den Raum. Wayne setzte nach und verpasste ihm einen Schwinger, der ihn über einen Pokertisch schleuderte. Chips, Karten, Flaschen und Gläser flogen durch die Luft. Die Spieler spritzten auseinander.

Im Nu herrschte ein wildes Durcheinander im Saloon. Wie ein Wirbelwind sauste Wayne durch den Schankraum. Jeder seiner Hiebe traf.

Die Girls drückten sich in eine Ecke des Saloons. Der Keeper ging hinter dem Tresen in Deckung. Der Pianist krabbelte unter sein Instrument, nachdem ein Bierglas haarscharf an seinem Kopf vorbei rasiert war.

Ein Stuhl zersplitterte auf Waynes Rücken.

Wayne drehte sich um, schlug die beiden Kerle, die er am Kragen gepackt hielt, mit den Köpfen zusammen, erwischte den Stuhlschwinger und warf den strampelnden Mann kurzerhand durch ein Fenster.

Der Blondschopf duckte sich, als ein weiteres Möbelstück heran flog. Es sauste über ihn hinweg und zerschmetterte den Spiegel über der Bar.

Auch diesen Burschen, der sich so rege an der Prügelei beteiligt hatte, warf Wayne durch eine Fensterscheibe.

Schüsse krachten. Die Kugeln rissen Wayne den Hut vom Kopf, zupften an seiner Kleidung und verursachten schmerzhafte, stark blutende Streifschusswunden..

Der Blondschopf achtete nicht darauf. Er brüllte wie ein wild gewordener Büffel, stampfte zwischen den benommenen Männern dahin und bahnte sich seinen Weg zur Treppe, die zu den Zimmern der Girls führte. Dort stand Curt Morris und hob seinen Colt.

Morris feuerte, doch Wayne war darauf vorbereitet. Er wirbelte zur Seite, hob einen Tisch hoch und schleuderte ihn Morris entgegen.

Der Revolvermann hastete die Stufen hoch, wurde von der Tischkante aber an den Beinen getroffen. Er stürzte schwer.

Wie der Blitz war Wayne bei ihm, wand ihm den Revolver aus den Fingern und schüttelte Morris kräftig durch. »Du warst einer der Lumpen, die Miss Jennas Haus angesteckt haben!«, brüllte er.

Angst stand Morris im Gesicht geschrieben.

In seiner Wut hob Wayne den Schießer weit über seinen Kopf, um ihn in den Schankraum zu werfen. »Ich warte hier auf euren Boss!«, brüllte er über das Stöhnen der zerschlagenen Gegner. »Sagt dem Grizzly, dass ich ihm das Genick brechen werde!«

Wayne bog den Oberkörper zurück, um den zappelnden Revolvermann wegzuschleudern, als er hinter sich das metallische Klicken hörte.

»Du hättest in den Bergen bleiben sollen, Kid«, sagte der pockennarbige Greg Morris vom Treppenabsatz her, und Wayne schloss gequält die Augen.

Er hörte das Krachen des Schusses, als die Kugel auch schon tief in seinen Rücken drang. Die Wucht des Einschlags ließ ihn wanken. Er taumelte gegen das Treppengeländer. Curt Morris polterte zu Boden und rollte die Stufen hinab, brach sich aber nichts.

»Leg das Schwein um!«, herrschte er seinen Bruder an.

Wayne stierte nach oben, wo neben Morris auch noch ein elegant gekleideter Mann erschienen war, der sich seltsam verkrümmt bewegte. Alles verschwamm vor Waynes Augen.

Aber der Wille, diesen Mordbrennern ihr schmutziges Handwerk zu legen, war stärker. Wayne raffte sich auf und stürmte die Treppe empor.

»Lassen Sie ihn mir, Morris!«, befahl der Elegante und sprang Wayne entgegen.

»Du wolltest mit dem Grizzly ringen?«, fragte er Wayne und lächelte gelassen. »Ich freue mich, dir deinen Wunsch erfüllen zu können.«

Der Elegante ließ den Degenstock auf Wayne niedersausen. Die Hiebe trafen ihn schwer im Gesicht, an den Armen, den Händen, im Leib.

Wayne war zwar hart im Nehmen, aber diese Schläge waren so gekonnt geführt, dass der Junge das Gefühl hatte, in einem Meer aus Schmerzen zu schwimmen.

Er sank auf die Knie. Abwehrend hob er die Hand. Ein Fingerknochen brach. Sein Gesicht war eine blutig geschlagene Fratze.

Und doch gab er nicht auf. Er ging zum Angriff über, drosch auf den Eleganten ein und schlug doch immer wieder ins Leere.

Das grausame Spiel bereitete dem Grizzly sichtlich Vergnügen, und Wayne begriff, dass sein Gegner den Namen zu Recht verdient hatte. Er war blutrünstig wie die Bestie, nach der er benannt worden war.

«Schluss damit!«

Nur undeutlich hörte Wayne den Ruf, der vom Eingang des Saloons herüber schallte.

Der Kopf des Grizzly ruckte hoch. Blanker Hass lag auf seinen Zügen, als er Vince Brady im Schankraum stehen sah, flankiert von den beiden Frauen.

»Sie sagten, er wäre tot!«, beschwerte er sich bei Greg Morris.

Der Revolvermann konnte Bradys Glück auch nicht fassen. »Der Kerl ist entweder verdammt gerissen, oder er hat mehr Dusel als Verstand.«

»Versuch es mit mir, Morris!«, rief Brady. »Du brauchst einen ganzen Mann als Gegner, keinen Jungen.«

»Legen Sie ihn um!«, keifte der Grizzly.

Greg Morris zögerte. »Wo ist mein Bruder?«, fragte er ruhig.

»Er glaubte, er hätte eine größere Chance, wenn er mir aus dem Hinterhalt auflauert. Er hat sich geirrt.«

Der Grizzly starrte zu jenen Menschen hinunter, die ihm seine Vormachtstellung streitig machen wollten. Seine ganze Wut galt dabei Jenna Wilcox.

»Niemand widersteht dem Grizzly!«, schrie er, riss einen kurzläufigen Revolver aus der Innentasche seines Jacketts und eröffnete das Feuer auf das gegnerische Trio.

«Neeiiinnn!«, brüllte Wayne, als er Annie Hunter durch den beißenden Pulverdampf zusammenbrechen sah.

Die Morris-Brüder fächerten die Kugeln aus den Revolvern, doch Jenna und Brady waren bereits hinter dem Schanktisch in Deckung gegangen.

Wayne warf sich auf den eleganten Bandit, drängte ihn nach oben und wollte seine Pranken um seinen Hals legen, als er zusammenzuckte.

Der Grizzly hatte die Krallen gezeigt und Wayne mit der Klinge des Stockdegens durchbohrt.

Der Junge brach zusammen. Undeutlich sah er, wie die beiden Killer Brüder an ihm vorbei die Treppe empor eilten und im Korridor verschwanden.

Auch der Grizzly tauchte in dem dunklen Gang unter.

Wayne tastete nach seinen Revolvern, stemmte sich hoch und feuerte aus beiden Waffen gleichzeitig. Zum ersten Mal gebrauchte er die Colts gegen einen Menschen.

Er sah, wie der Grizzly zusammenzuckte, bevor er aus seinem Blickfeld verschwand.

Wayne stürzte hinterrücks die Treppe hinab und blieb im Schankraum liegen.

Er bekam kaum noch mit, wie Annie seinen Kopf auf ihre Schenkel bettete.

Wayne sah das engelsgleiche Gesicht seiner Angebeteten über sich. Annie war bleich, aber sie lächelte tapfer. Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Du dummer Junge«, flüsterte sie. »Dummer, tapferer Junge.«

»Hab ihn... erwischt...«, hauchte Wayne. »Du... lebst?«

»Nur ein Kratzer.«

»Aufhalten...«

Brady und die beiden Frauen brachten Wayne nach draußen. Einen Arzt gab es in Hill’s End nicht. Dafür aber den Sheriff, der nun krummbeinig herangeeilt kam und mit dem Revolver fuchtelte.

»Ist es vorbei?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Noch lange nicht, Mister. Aber in Hill’s End wird sich einiges ändern«, erwiderte Brady ernst. »Schaffen Sie das Pack aus dem Saloon und jagen Sie es am Besten gleich aus der Stadt. Der Grizzly wird nicht mehr zurückkommen.«

»Heureka!«, jubelte der Alte und warf seinen Derby-Hut in die Luft.

Und die Einzige, die sich nicht so recht freuen wollte, war das Liebesmädchen Milly, die in den Armen des Grizzly immer gut bedient worden war...

 

 

19

Sie hatten Wayne mit einem Travois in die Berge geschafft.

Er lag auf einem Lager aus Biberfellen. Annie hatte seine Wunden versorgt und kümmerte sich liebevoll um ihn.

In der Blockhütte herrschte gespannte Atmosphäre. Man erwartete einen Überfall der Morris-Brüder und ihres Auftraggebers, aber nichts rührte sich.

Es begann zu schneien. Der Winter hielt Einzug in den Bergen. Eisiger Wind wehte durch die Wälder und über die Felsen.

Jenna rührte in einem Kessel, den sie über das Kaminfeuer gehängt hatte. Ein köstliches Aroma verbreitete sich im Raum. Sie kostete von dem Eintopfgericht und beobachtete Brady, der die Hotchkiss-Flinte reinigte.

Sie aßen schweigend. Später lagen sie eng umschlungen in der Schlafkammer. Es hatte keinen Sinn, sich wegen der drohenden Gefahr die Nächte um die Ohren zu schlagen. Der Körper verlangte nach Schlaf.

Die Tage vergingen. Eine dünne Schneedecke hatte den Boden und die Bäume überzogen. Große Flocken rieselten vom Himmel herab.

Wieder senkte sich die Abenddämmerung über das Land.

Und Vince Brady wurde von einer selten gekannten Unruhe erfüllt. Er schlang sich das Hotchkiss-Gewehr über die Schulter, küsste Jenna zum Abschied und verließ die Hütte.

Er ritt langsam den Pfad entlang, der zu seiner Hütte führte. Die Unruhe in ihm wuchs .Ein sechster Sinn für Gefahr zwang ihn, aus dem Sattel zu gleiten und den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen.

Es war still im Bergwald. Brady verließ den Pfad und schlich zwischen den Bäumen dahin, bis er die Rückwand der Hütte vor sich hatte.

Er würde nicht den Fehler machen, das Blockhaus zu betreten.

Er setzte sich auf einen verschneiten, umgestürzten Baum und wartete.

Jenna beschäftigte sich in der Zwischenzeit damit, in ihrer Hütte aufzuräumen. Annie bot sich an, ihr bei der Hausarbeit zur Hand zu gehen, doch Jenna lehnte dankend ab.

Wayne brauchte Annie dringender.

Jenna schaute zum Kamin hinüber. Die Erinnerung an eine leidenschaftliche Liebesnacht vor dem Kamin ließ sie lächeln. Solch eine Nacht sollte man wiederholen. Alles, was man dazu benötigte, war ein Bärenfell und die Lust aufeinander.

Jenna beschloss, einige von Onkel Larrys Biberpelzen zusammenzunähen.

Sie verließ die Hütte und begab sich in den schmalen Anbau, in dem die Pelze lagerten.

Sie hatte ein halbes Dutzend Felle auf dem Arm und schritt zur Tür des Schuppens, als ein Arm aus der Dunkelheit hervor schoss und sich um ihren Hals spannte.

Er unterdrückte jeglichen Schrei. Jenna ließ die Pelze fallen und versuchte, sich aus dem Griff zu befreien, als sie eine wohl bekannte Stimme an ihrem Ohr vernahm.

»So sehen wir uns wieder, meine kleine Jenna. Ich kann immer noch nicht verstehen, dass du das Leben in dieser Einsamkeit einer Zukunft an meiner Seite vorgezogen hast. Aber ich hab dir damals versprochen, dass du mir gehörst, und ich pflege meine Versprechen zu halten. Leider wirst du für die Schmach, die du mir angetan hast, büßen müssen. Du hast also keine sehr glückliche Zeit vor dir, Liebste.«

Eisiger Schrecken durchzuckte Jenna. Auf einmal wusste sie, wer sich hinter der Maske des Grizzly verborgen hatte.

Julian Traeger!

Sie war überzeugt gewesen, dass sie ihn erschlagen oder zumindest an ein Krankenlager gefesselt hatte. Aber sie hatte wohl Traegers Hass unterschätzt.

»Du hättest mich damals heiraten sollen, meine Liebe. Dann wäre uns beiden sehr viel Ärger erspart geblieben. Dieses Land hätte uns gehört, und wir wären unermesslich reich geworden!«, fauchte er heiser.

Das Land! »Du hast gewusst, dass ich Onkel Larrys Hütte erben sollte, nicht wahr? Deshalb hast du so sehr auf eine Heirat gedrängt.«

»Mir bleibt nichts verborgen, Liebste.«

»Wieso liegt dir so viel an diesen Bergen? Du wirst wohl keine Rinder oder Pferde züchten wollen.«

»Bodenschätze, meine liebe Jenna. Kupfer, Nickel, Zinn, sogar Silber. Aber allein die Bäume bringen ein Vermögen ein. Ich lasse die Bergwälder abholzen. In den Minenstädten reißt man mir das Holz aus den Händen. Du hast keine Ahnung, welch wertvolles Erbe dir dein Onkel hinterlassen hat.«

»Du zerstörst dieses Paradies wegen ein paar lumpiger Dollars. Du nimmst den Tieren die Heimat. Du beutest die Natur aus, um in Luxus und Wohlstand leben zu können. Du bist eine schlimmere Bestie als der Bär, der in diesen Wäldern haust.«

»Gewäsch. Beeil dich, ich will in der Hütte sein, wenn Brady zurück kommt. Falls er kommt. Ich denke, es wird nicht leicht für ihn werden.«

Jenna entspannte sich. Noch wenige Schritte trennten sie von der Veranda, als sich die Hüttentür öffnete und Annie heraus trat. Sie hielt die Springfield-Büchse mit beiden Händen und richtete sie auf Traeger.

»Nimm deine Pfoten von ihr, Saukerl!«

Jenna nutzte Traegers Überraschung und biss ihn in die Hand. Er jaulte gellend und gab sie frei.

Jenna jagte zur Veranda, doch Traeger bewies, dass er trotz seiner Behinderung und einer Schussverletzung an der Seite wieselflink war.

Er schnitt Jenna den Weg ab und warf sich auf sie. Gemeinsam prallten sie gegen Annie, die das schwere Gewehr herum schwang.

Traeger stieß den Lauf nach oben. Krachend entlud sich der Schuss.

Traeger stieß die Flinte nach hinten. Der Kolben traf Annie unter dem Kinn. Sie sah Sterne und sackte an der Hauswand zusammen.

Traeger hob das Gewehr, um Annie den Schädel einzuschlagen, als Jenna die Flucht ergriff. Sie sprang zum Waldrand und verschwand zwischen den Bäumen.

Traeger nahm die Verfolgung auf. Einen Augenblick blieb er lauschend stehen, als von weiter oben Schüsse erklangen, aber er hielt sich nicht lange auf.

Er wollte Jenna.

Er würde sie bekommen...

 

 

20

Brady lehnte an einem Baumstamm. Es war kalt, aber es war auszuhalten.

Die Morris-Brüder waren ganz in der Nähe. Er musste sie nur zermürben, dann würden sie aus ihrem Schlupfwinkel kriechen und ihm direkt in die Arme laufen.

Der Plan hätte funktioniert, wenn unten bei Jennas Hütte nicht die Springfield-Büchse gedonnert hätte.

Weithin hallte der Schuss. Brady fuhr in die Höhe.

Das bedeutete, dass sie ihn weggelockt hatten, um an Jenna heranzukommen.

Verdammte Hunde!

Brady flitzte durch das Unterholz, und durch diese blitzschnelle Bewegung entging er dem Tod.

Er hörte, wie die Gewehrkugel in den Stamm klatschte, an dem er eben vorbeigesaust war. Er warf sich herum, hielt den 44er in der Hand und fächerte die Schüsse im Fallen hinaus.

Weiter oben hing eine Pulverdampfwolke in der Luft, die im Dämmerlicht gut auszumachen war. Dort hinein schickte Brady sein Blei.

Er überschlug sich. Zweige zerkratzten sein Gesicht.

Von der Hütte wurde nicht mehr geschossen.

Der oder die Gegner mussten seinen Schlupfwinkel erahnt haben und hatten wohl nur darauf gewartet, dass er sich bewegte.

Gewandt wie eine Eidechse kroch er durch das Dickicht. Er sah den Pfad vor sich, wo sein Pferd auf ihn wartete.

Er machte nicht den Fehler, die Deckung zu verlassen. Vorsichtig seine Schritte setzend, schlich er dicht am Wegrand entlang, huschte von Baum zu Baum und nutzte jede Möglichkeit, sich zu verbergen.

Den Revolver hielt er in der Hand. Es machte wenig Sinn, die Hotchkiss-Büchse auf kurze Distanz zu benutzen. Sie hatte einen zu großen Rückschlag und war zu schwer und unhandlich.

Nur noch wenige Schritte trennten Brady von der linken Ecke der Hütte. Er blieb abwartend stehen, lauschte auf jedes noch so leise Geräusch.

Der Schneefall hatte wieder eingesetzt. Die Flocken rieselten auf ihn nieder, legten sich auf sein Gesicht.

Er wollte nicht länger warten.

Er rannte zur Rückseite des Blockhauses, schlich an der Wand entlang und warf sich hinter der rechten Ecke hervor, als er hinter sich ein lautes Rascheln, gepaart mit einem schmerzerfüllten Keuchen, vernahm.

Er fuhr herum, fiel auf ein Knie und sah Curt Morris, der aus dem Wald hervorbrach.

Bradys Kugeln hatten ihm die Brust zerfetzt. Ein Blutstrom quoll über seine Lippen. Aber er hielt den Sechsschüsser in der Hand und war fest entschlossen, Brady zu erledigen.

»Gib auf, Morris«, sagte Vince nur, doch seine Worte blieben ungehört.

Morris kam näher und hob die Waffe.

Ein breites Grienen lag auf seinem Mund. Sein Blick glitt an Vince vorbei und fixierten einen Punkt hinter ihm.

Bradys Nackenhaare sträubten sich, als er sich in die Zange genommen fühlte. Ihm blieb nur ein Ausweg, und es war verdammt riskant.

Nur die Schnelligkeit und Treffsicherheit entschieden.

Er warf sich auf den Rücken, sah es bei Curt Morris grell aufblitzen und hörte hinter sich das Krachen mehrerer Schüsse. Im Liegen fächerte er alle Kugeln aus der Trommel des 44ers, spürte den heißen Luftzug und die Hitze des Revolverlaufs.

Curt Morris wurde von den Beinen gefegt, prallte gegen einen Fichtenstamm und rutschte sterbend daran zu Boden.

Greg Morris, der seinen eigenen Bruder getötet hatte, lehnte schwer getroffen an der Seitenwand des Blockhauses. Sein Atem ging schwer und rasselnd.

»Du hast wirklich mehr Glück als Verstand«, stieß er hervor.

»Hatte ich auch nötig. Du bist schneller als ich, Mister.«

»Oh, verdammt. Warum...?«

»Ihr habt euch die falschen Leute für euer Spiel ausgesucht, Mister. Zwei alte Männer, die niemandem im Weg standen. Die euch als harmlos erschienen, und an denen ihr euch doch die Zähne ausgebissen habt.«

»Tab hat es... zuerst... erwischt... Er sollte... Hayes erledigen.«

»Er wartet in der Hölle auf dich, Morris. Zusammen mit deinen Brüdern. Wer sich einen Grizzly zum Partner nimmt, verliert immer. Das habt ihr vergessen.«

Ein Ruck ging durch den Körper des pockennarbigen Revolvermannes, aber das sah Brady nicht mehr. Er hörte das durchdringende Gebrüll, das ihn bis ins Mark erschütterte, und den gellenden Schrei einer Frau.

Jenna! O mein Gott!

Brady holte alles aus sich heraus...

 

 

21

Jenna gelangte auf eine breite Wiesenfläche. Die Schneedecke glitzerte im letzten Licht des endenden Tages.

Sie wollte über die weite, weiße Fläche rennen, als Julian Traeger sie einholte und ihr seinen Spazierstock zwischen die Beine warf.

Jenna strauchelte und stürzte. Traeger hechtete auf sie, rollte mit ihr durch den Schnee und verpasste ihr ein paar schallende Ohrfeigen. Er drückte ihr Gesicht in die weiße, kalte Pracht.

»Du gehörst mir, Jenna! Dieser dämliche Morris wollte dich erledigen, aber du bist mein Eigentum. Wann begreifst du endlich, dass mir niemand etwas wegnimmt?«

Er schüttelte sie, zerrte sie am Kragen ihrer Hemdbluse hoch und schleifte sie mit sich. Sie wehrte sich verbissen, aber er prügelte auf sie ein und trieb sie mit schmerzhaften Schlägen weiter.

Sie schlugen einen Bogen und näherten sich vom Cascade Creek her der Blockhütte. Der Bach führte viel Wasser. Der erste Schneefall hatte die Fluten etwas ansteigen lassen. Die Strömung war stark.

Jenna brach in die Knie, umklammerte Traegers Beine und wollte ihn zu Fall bringen. Ihre Absicht war, ihn in die eisigen Fluten zu stürzen.

Doch Traeger tat ihr den Gefallen nicht. Vielmehr drehte er den Spieß um und drückte ihren Kopf unter Wasser..

»Wie gefällt dir das, Schätzchen? Möchtest du baden? Das Wasser ist im Winter besonders herrlich. Das wird dir die Dummheiten austreiben!«, schrie Traeger und schickte sich an, Jenna ins Wasser zu stoßen.

Das durchdringende Gebrüll des Grizzly hielt ihn davon ab. Traeger wich zurück und zog einen Sechsschüsser aus dem Gürtel.

»Er wird dich zerreißen, Traeger«, sagte Jenna heiser und wischte sich das Wasser vom Gesicht. »Diese Berge gehören ihm. Er duldet nicht, dass du in sein Revier eindringst!«

»Meinst du? Wir werden sehen. Du gibst einen vielversprechenden Lockvogel ab, Jenna!«

In der Mitte der Lichtung stieß er sie zu Boden. Er wollte sich zurückziehen, um aus sicherer Entfernung zu beobachten, ob der Grizzly sich mit seinem Opfer zufrieden gab, aber es war zu spät.

Jenna kreischte gellend, als das Untier sich aus dem Schatten der Bäume löste und sich hoch vor ihnen aufrichtete.

Treagers Entsetzensschrei ging im Gebrüll des Bären und im Krachen von Traegers Schüssen unter.

Die Bestie nahm die schmerzhaften Schüsse kaum zur Kenntnis, wandte sich Jenna zu, die abwehrend den Arm vor das Gesicht hob.

Die Pranken sirrten auf sie nieder, als Traeger die Ablenkung nutzte, um sich aus dem Staub zu machen.

Die Krallen drangen nicht in Jennas zierlichen Leib. Der Bär hatte den Fluchtversuch des Mannes registriert und fegte Traeger von den Beinen.

Als die Bestie ihre Aufmerksamkeit der angsterfüllten Jenna zuwandte, flog ein menschlicher Körper heran und prallte mit voller Wucht gegen den zottigen Gesellen.

Der Grizzly wurde aus dem Gleichgewicht gebracht. Ungläubig starrte Jenna auf Wayne Harding, der seine ganze Körperkraft gegen den Grizzly einsetzte.

Ein gewaltiger Prankenhieb fegte Wayne hinweg. Er rollte über den Boden und blieb nicht weit vom Cascade Creek liegen.

Aber die Ablenkung hatte genügt.

Jenna wankte davon.

Der Grizzly stierte ihr nach, wollte die Verfolgung aufnehmen, besann sich aber anders. Es gab noch einen Zweibeiner, den er zuerst vernichten würde.

Julian Traeger legte gerade auf Jenna an und wollte sie niederschießen, als der Grizzly sich auf ihn wuchtete. Traeger jagte die restlichen Kugeln in den massigen Leib des Tieres. Vergeblich!

Jenna traute ihren Augen nicht, als der Bär sein Opfer empor hob und ihn mit voller Wucht niederwarf. Traeger krümmte sich zusammen, und solange noch Leben in ihm war, kämpfte er darum.

Die Krallen durchbohrten ihn. Mit beiden Fäusten trommelte Traeger auf das mörderische Tier ein, bis der Bär ihn in die tödliche Umarmung nahm. Knochen knackten. Traeger stockte der Atem. Seine Lungen brannten.

Das Raubtiergebiss senkte sich auf ihn nieder, und er roch den bestialisch stinkenden Atem, der ihm aus dem Rachen entgegen schlug.

Traeger würgte und übergab sich.

«Brady! Gott sei Dank!«, schrie Jenna.

Der Grizzly drehte sich mit seinem Opfer in die Richtung ihrer Stimme.

Ein donnernder Schuss hallte über die Lichtung.

Das grelle Mündungslicht blendete den Bären. Er sah sich einem weiteren Zweibeiner gegenüber, der aber über eine starke Waffe verfügte.

Die großkalibrige Kugel aus der Hotchkiss-Büchse durchbohrte Traegers Brust und rammte in den massigen Leib der Bestie.

Der Grizzly taumelte zum Ufer des Cascade Creek. Er raste vor Wut. Er war völlig außer Kontrolle geraten.

Aber er war clever. Er sackte zusammen, gab leise Brummlaute von sich und lockte den starken Zweibeiner in eine gemeine Falle.

»Geh nicht hin, Brady!«, flehte Jenna, aber er konnte nicht anders. Er wollte Wayne und Traeger untersuchen.

Als Brady den reglosen Körper abtastete, stellte er fest, dass der Junge noch am Leben war.

Zwei Schritte weiter lag Traeger. Er rührte sich nicht. Doch als ihn Brady umdrehte, schossen seine Hände vor und umklammerten das Gewehr.

Und diesen Moment der Auseinandersetzung zwischen seinen Feinden nutzte der Grizzly!

Brady sah die weit aufgerissene Schnauze, sah die triefenden Reißzähne auf sich zu schießen, rammte Traeger den Gewehrkolben ins Gesicht und schickte den Gegner mit einem weiteren Stoß in die eisigen Fluten des Cascade Creek, bevor er in der selben fließenden Bewegung den Lauf der Büchse in den Rachen der Bestie stieß und den Stecher durchzog...

Das Letzte, was er sah, bevor der wuchtige Leib des Grizzly auf ihn fiel, war der Kopf des Bären, der in einem Geysir aus Blut und Knochen explodierte, und Julian Traegers Gestalt, die von der Strömung des Gebirgsbaches davongetragen und dabei von dicht fallenden Schneeflocken bedeckt wurde.

 

 

22

Als der Schneefall etwas nachließ, ritt Brady nach Hill’s End, um Vorräte für den Winter einzukaufen. Bei seinem zweiten Ausflug kam er am Laden des Totengräbers vorbei, vor dem ein Pferdefuhrwerk hielt.

Auf der Ladefläche lag eine elegant gekleidete, verkrümmte Gestalt, deren Gesicht blau angelaufen war.

Die Brandschäden an Jennas Blockhütte waren beseitigt worden. Annie und Wayne konnten nicht viel mit anpacken, aber das ehemalige Liebesmädchen sorgte für Verpflegung. Sie erwies sich als ausgezeichnete Köchin, die sogar Jenna den Rang ablief.

Brady hatte Wayne in seiner Hütte untergebracht und ihm das Bett zur Verfügung gestellt. Als Jenna an diesem Nachmittag nach Wayne und Annie sehen wollte, verhielt sie vor der Tür ihre Schritte. Sie winkte Brady und bedeutete ihm, leise zu sein.

Ein lustvolles Stöhnen klang aus der Hütte.

»Du bist bald wieder auf dem Damm, Darling. Und dann werden wir deinen Liebesunterricht nachholen«, sagte Annie.

»Fang gleich damit an, Miss Annie.«

»Hier?«

»Tiefer.«

»Wo? Hier?«

»Noch tiefer... aaahhh!«

Durch einen Türspalt sah man die nackte Annie rittlings auf Wayne sitzen. Ihre festen Brüste hüpften, und Wayne umfasste ihre wohl gerundeten Hinterbacken.

Brady und Jenna zogen sich zurück und machten es sich in Jennas Blockhaus gemütlich.

»Eigentlich schade, dass wir den König der Berge töten mussten«, meinte Jenna. »Irgendwie gehörte er doch hierher. Mir ist, als hätten wir ihm tatsächlich seine Heimat gestohlen.«

»Er hätte uns wohl kaum als Nachbarn akzeptiert. Aber es hat auch etwas Gutes.«

»Und was?«

Brady legte Jenna auf das dicke Fell des Grizzly, streifte ihr die Kleider ab und spürte seine Erregung, als sie sich wohlig seufzend auf dem Bärenfell räkelte.

»Wir müssen uns nicht auf dem kahlen Fußboden lieben«, sagte er.

»Na, du bist gut. Wozu gibt es denn Betten?«

»Im Winter gibt es keinen schöneren Platz für die Liebe als ein Bärenfell vor einem flackernden Kaminfeuer. Und dabei kann man wunderbar den fallenden Schnee beobachten und träumen.«

»Wovon denn?«

»Von einer lärmenden Kinderschar, die draußen herumtollt und auf das Weihnachtsfest wartet.«

»Diese Träume gehen nur in Erfüllung, wenn man etwas dafür tut«, hauchte Jenna.

Brady drang tief in sie ein. Jenna seufzte und umklammerte ihn mit ihren Schenkeln, um ihn ganz in sich aufzunehmen. Bald lag er unter ihr und ließ sie auf seinem Lustspieß reiten. Ihre vollen, festen Brüste wippten wild, die dunklen Brustwarzen glänzten im Feuerschein, und Brady wähnte sich im Siebten Himmel.

Als Jenna ihrer Leidenschaft freien Lauf ließ, stieß Brady immer heftiger zu, um sich gleich darauf in ihr zu verströmen.

»Bald ist Weihnachten«, hauchte er und leckte sie hinter dem Ohr, was bei ihr wohlige Schauer erzeugte.

»Ja«, flüsterte Jenna bestätigend. »O ja...«

Nichts deutete mehr auf die widerspenstige junge Frau hin, die sie einst gewesen war und die jeden Mann verabscheut hatte. Nun liebte sie nur noch. Leidenschaftlich und aus tiefstem Herzen.

Und in dieser Nacht wurde der Grundstock für eine lärmende Kinderschar gelegt...

 

ENDE

 

DIE RACHE EINER FRAU

„Gun Men – Der Colt war ihr Gesetz“

Western von JASPER P. MORGAN

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 180 Taschenbuchseiten.

 

Sie wurde gedemütigt, gepeinigt, geschändet. Man nahm ihr alles – sogar ihre Würde. Dann überließ man sie dem Tod.

Doch Hattie Darrow lebt!

Eine Frau, die nur noch einen Wunsch hat, ein Ziel, einen Sinn im Leben – Jene Männer, die ihr Leben zerstörten, sollen sterben!

Helfen soll ihr dabei ein Mann vom schnellen Eisen, ein Schießer. Auch er ist ein Getriebener, ein Mann mit dem Wunsch nach Vergeltung.

Schließlich bekommt Hattie Darrow noch zwei Streiterinnen zur Seite, die durch die Hand jener Männer, die Hattie jagt, unermessliches Leid erfuhren. Zusammen mit dem erfahrenen, kampferprobten Revolvermann machen sich die drei Racheengel auf den langen Trail – und wenn dieser Trail direkt in die Hölle führt, sind sie bereit, selbst dem Teufel vor die Füße zu springen!

 

Ein harter Western-Roman – so hart wie der Westen selbst!

Ein Western von Jasper P. Morgan.

Das heißt: Kein Western für schwache Nerven!

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Jasper P. Morgan & Edition Bärenklau 2015

– Aus der Reihe „Gun Men – Der Colt war ihr Gesetz - © by Edition Bärenklau

Cover © by Hugo Kastner & Tamara Mozgova/123RF, 2015

 

 

Der Autor:

Jasper P. Morgan ist Jahrgang 1959 und seit mehr als 50 Jahren Liebhaber und Kenner des amerikanischen Western. Seine erste Begegnung mit dem Westerngenre hatte er mit vier Jahren; mit Karl Mays „Old Surehand“ begegnete er im Alter von 9 Jahren der Westernliteratur, der er bis heute treu geblieben ist.

Morgans Leidenschaft gilt der deutschen und internationalen Spannungsliteratur, mit deren verschiedenen Facetten er sich intensiv beschäftigt.

Er ist Verfasser zahlreicher Western, Adult Western, Gruselromane, sowie einiger Film-Genresachbücher.

Der Autor lebt und arbeitet in Norddeutschland.

 

 

 

Die Siedlung bestand lediglich aus ein paar windschiefen, verwitterten Holzhäusern und einem Gemischtwarenladen, an den ein kleiner Mietstall, eine Schmiede und ein Saloon angebaut waren.

Der Wind heulte um die Hausecken und wehte Staub über die Straße. Die Windböen spielten mit Tumbleweedbüschen, die in ihren Einzugsbereich gerieten, jagten die entwurzelten Büschel aus trockenem Präriegras und verdorrtem Gestrüpp, die dem kargen Boden mühelos entrissen worden waren, von Hausecke zu Hausecke, über den morschen Bohlensteig und fegten sie gegen nicht minder morsche Wassertröge. Am Vorbaudach des General Store schaukelte leise quietschend eine Laterne.

Der Reiter, der sich von Südosten her der Ortschaft näherte, hatte den Hut tief in die Stirn gezogen und saß vorgebeugt im Sattel, stemmte sich so gegen die Staubfahnen, die um ihn herumwirbelten und ihm entgegengetrieben wurden. Sandkörner fanden ihren Weg zwischen die trockenen, verwitterten Lippen und knirschten zwischen den Zähnen.

Das Pferd schnaubte unwillig, da es wie der Reiter selbst unter den aufgewirbelten Staubkörnern litt.

Niemand schenkte dem einsamen Reiter Beachtung, als er seinen Falben vor dem Store zum Stehen brachte und eine Zeitlang regungslos auf dem Pferd verharrte, ehe er müde aus dem Sattel glitt. Er zog den Falben herum, führte ihn zu einem nur wenige Schritte entfernten Wassertrog auf der anderen Straßenseite und seufzte, als er das brackige und vom Sand schlammig gewordene Wasser betrachtete, das kaum eine Handbreit tief den Boden des Troges bedeckte. Behäbig tastete der Ankömmling nach der Pumpe, und selbst das widerwillige Kreischen des rostigen Pumpgestänges vermochte das Heulen des Windes kaum zu durchdringen, als der Mann kühles Nass aus den Tiefen des Erdbodens in den Trog rinnen ließ.

Das Pferd löschte seinen Durst und hob dann den Kopf, um den Reiter dankbar schnaubend mit der Nase anzustupsen. Der Mann täschelte sanft den Hals des Tieres, das sich wieder dem Wasser zuwandte.

Der Reiter ließ die Zügel auf den Boden hängen und wusste, dass sich der Falbe nicht vom Trog wegbewegen würde.

Langsam drehte er sich um, ließ den Blick aus zusammengekniffenen Augen durch die einzige Straße wandern, die sich zwischen den beiden Häuserreihen dahinzog.

Was er sah, waren verwitterte Holzbauten, von denen einige durch falsche Fassaden größer erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Am Ende der Straße glaubte der Fremde, durch die wirbelnden Staubfahnen hindurch die Umrisse windschiefer Holzbaracken zu erkennen, denen die Bezeichnung Haus zuviel Ehre hätte angedeien lassen.

Der Mann schüttelte kaum merklich den Kopf, wandte sich um und schritt auf den General Store zu. Die Vorbaubohlen knarzten unter seinen Stiefeln.

Niemand befand sich im Verkaufsraum, der durch das spärliche Tageslicht, das durch die beiden Fenster ins Innere des Ladens gelangte, kaum erhellt zu werden vermochte.

Der Mann trat an den Verkaufsregalen und dem Ladentisch vorbei zu dem Durchgang, der in den Saloon führte. Auch das Lokal hatte den hochtrabenden Titel Saloon kaum verdient, bestand es doch aus nicht viel mehr als einem einräumigen Anbau, dessen größten Teil die Theke einnahm, die sich links vom Durchgang bis zum gegenüberliegenden Ende des Schankraums erstreckte. Zur Rechten, vor zwei weiteren Fenstern, standen vier runde Tische. Einer davon war mit grünem Filz bezogen, der bereits deutliche Abnutzungsspuren aufwies. Whiskey- und Kaffeeflecken verunzierten die Fläche des Spieltisches ebenso wie zahlreiche Brandlöcher, die von Tabakasche hinterlassen worden waren, und eine tiefe, hässliche Schramme, die von einer Messerklinge stammen mochte.

Die Reihe der Tische wurde von einem Kanonenofen abgeschlossen, der massig eine Hälfte der gegenüberliegenden Wand einnahm und trotz seines wuchtigen Aussehens nicht den Eindruck erweckte, als wäre er im Stande, im Winter die Kälte aus den wurmstichigen Wänden fernzuhalten oder gar zu vertreiben.

Gedämpftes Stimmengewirr und das leise Klappern von Chips, mit denen die Männer am Pokertisch ihr Glück versuchten, drang an das Ohr des Fremden, der sich leicht bückte, um den Durchgang vom Verkaufsraum in den Saloon durchschreiten zu können.

Im Schankraum war es ebenso düster wie im Laden, nur ein paar Petroleumlampen spendeten schwaches Licht. Der zitternde Schein der blakenden Lampen ließ den Fremden bleich und unheimlich erscheinen.

Schlagartig verstummte das Gemurmel im Schankraum, als man den Fremden bemerkte.

Es wurde totenstill.

Und auf einmal war es, als hätte der leibhaftige Tod den Raum betreten!

Der Stranger war muskulös, breitschultrig und hielt den Kopf geneigt, sodass sein Gesicht weiterhin im Schatten der Hutkrempe verborgen blieb. Seine dunkle Kleidung war verstaubt.

Die wenigen Gäste im Baum unterzogen den Fremden einer eingehenden Musterung. Mancher Blick blieb an seinem tiefgeschnallten Revolvergurt hängen, aus dessen kurzem Quickdraw-Holster der Walnussgriff eines schweren 45er Colts ragte.

Für die meisten Anwesenden lag der Fall damit klar. Sie hatten einen Mann vom schnellen Eisen vor sich.

Einen Schießer.

Der Fremde klopfte sich den Staub von den Kleidern und trat an den grob gezimmerten Tresen. Die Sporen an seinen Stiefeln klingelten leise, wie kleine Glöckchen.

Die Gäste wandten sich wieder ihren Gesprächen zu.

Am Pokertisch, nicht weit vom Kanonenofen entfernt, saßen drei Männer bei einer Partie zusammen. Nur undeutlich konnte man sie im Zwielicht erkennen.

„Lausiges Wetter, was?“, fragte der Keeper zur Begrüßung.

„Hab schon Schlimmeres erlebt.“

Das aufgesetzte Lächeln fror auf dem Gesicht des Keepers ein. Seine Knollennase zuckte. „Was...kann ich für Sie tun, Mister?“

„Ein kühles Bier. Falls Sie sowas haben. Und einen Brandy. Den besten.“

Der Wirt beeilte sich, die Bestellung auszuführen. Gleich darauf schob er ein gefülltes Bierglas über den Tresen.

Der Fremde nahrn einen langen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen.

„Feinster französischer Brandy. Hab ich mir aus San Francisco kommen lassen, Mister. Nicht billig, aber ein ganz besonderes Tröpfchen“, sagte der Keeper und stellte das volle Brandyglas vor dem Fremden ab, wobei er sich bemühte, dabei nur ja keinen Tropfen zu verschütten.

Der Fremde nahm das Glas, roch daran und ging dann mit gemächlichen Schritten durch den Raum. Wieder verstummten die Gespräche, als er an den Tischen vorbeischritt.

Vor dem Pokertisch blieb er stehen.

Die drei Spieler hielten in ihrer Partie inne. Zwei von ihnen blickten fragend zu dem Fremden auf. Der Dritte ignorierte ihn. Er lehnte sich zurück und betrachtete sein Blatt.

Überlaut klang das Geräusch im Schankraum, als das Brandyglas vor ihm abgestellt wurde.

„Genießen Sie den Drink, Mister. Es könnte Ihr letzter sein.“

Der Fremde wandte sich nach diesen Worten um und wollte zur Theke zurückkehren.

„Augenblick!“

Der Stranger verharrte auf der Stelle. Aber man sah deutlich, wie sich seine Muskeln unter der Kleidung spannten. In diesem Moment war die tödliche Kälte, die von ihm ausging, fast körperlich zu spüren. Die Gäste im Schankraum hielten den Atem an und wagten nicht, den Blick von dem Fremden zu nehmen. Der Keeper schluckte krampfhaft. Sein Adamsapfel konnte sich in der trockenen Kehle des Mannes kaum bewegen.

Der Spieler beugte sich vor und legte seine Karten mit dem Bild nach unten auf den Tisch. „Wie komme ich zu der Ehre?“, wollte er wissen.

Der fremde Revolvermann drehte sich zu ihm um. Stahlblaue Augen musterten den Kartenspieler. „Die Einladung kommt nicht von mir, Thompson. Ich würde Ihnen nicht mal das Wasser aus einem Schweinetrog spendieren.“

Thompsons dichte Augenbrauen verengten sich. Zornesröte färbte sein schmales, kantiges Gesicht dunkel. Die Haut spannte sich über den hohen, ausgeprägten Wangenknochen, und die von einem schmalen Schnurrbart bewachsene Oberlippe zuckte, als er sie kurz auf die Unterlippe presste. „Sie wissen wohl nicht, was es heißt, sich mit Milt Thompson anzulegen, Mister?“, fragte er dann heiser. Langsam schob er seinen Stuhl zurück. „Bevor Sie ins Gras beißen, werden Sie mir noch sagen, bei wem ich mich für den Drink bedanken kann.“

„Bei mir!“

Thompsons Kopf ruckte herum.

Sie stand neben dem Eingang des Schankraums. Niemand hatte ihre Ankunft bemerkt. Lautlos war sie im Saloon erschienen – so lautlos, wie sich nur Indianer zu bewegen vermochten… oder Gespenster.

Aber die Gäste im Schankraum erkannten sofort, dass sie es hier weder mit einer Indianerin noch mit einem Wesen aus dem Jenseits zu tun hatten.

Sie trug verwaschene Arbeitshosen. Anstelle eines Gürtels hatte sie einen groben Strick um die Hüften geschlungen. Das blaurot karierte Hemd war an mehreren Stellen geflickt, sicherlich einige Nummern zu groß und verbarg ihre weiblichen Rundungen.

Das lange honigblonde Haar hing in weichen Locken bis weit über die Schultern der Frau hinab. Hellgrüne Augen lagen unter fein geschwungenen Brauen. Eine schmale Nase, hohe Wangenknochen und schmale sinnliche Lippen verliehen ihrem Gesicht eine atemberaubende Anmut.

Thompson stand auf und grinste. Er nahm das Glas und prostete der Frau zu. „Verbindlichsten Dank, Lady. Ich werde auf Ihr Wohl trinken. Vielleicht lernen wir uns ja sogar etwas näher kennen…“ Er wandte sich zu dem Fremden um. „Und Sie, Mister, sollten besser ganz schnell in den Wind schießen. Ich will Ihnen nicht in Gegenwart einer Lady das Licht ausblasen müssen…“

„Es ist noch gar nicht so lange her, da hatten Sie diese Skrupel nicht, Thompson!“, hallte die wohl modulierte und doch eiskalte Stimme der Frau hinter ihm auf.

Die Hand, die das Glas zum Mund führen wollte, stockte. Thompson starrte die Frau an. „Wer sind Sie?“, fragte er heiser.

Die Frau trat nach vorn und blieb im Lichtschein einer Lampe stehen. Nun erst bemerkte Thompson den Revolvergriff, der aus ihrem Hosenbund ragte.

„Ich habe lange gebraucht, um Sie zu finden, Thompson. Wo sind die anderen? Wo sind diese gelbgestreiften Beutelratten, mit denen Sie damals auf Darrows Ranch waren?“

Thompson schluckte krampfhaft. Sein schmales Gesicht verfinsterte sich zusehends. Schweißtropfen perlten mit einem Mal auf seiner Stirn. Hastig kippte

er den Drink hinunter und drehte das leere Glas zwischen den Fingern.

„Verflucht, Lady… wer sind Sie?“, stieß er beinahe mühsam hervor.

„Hattie Darrow.“

Die zwei Worte hatten eine verheerende Wirkung auf Thompson. Er schüttelte den Kopf, wich zwei Schritte zur Seite und deutete auf die Frau.

„Das… das kann nicht sein! Sie sind… tot! Stu sagte, dass er Sie erledigt hat…“

„Er hat sich geirrt.“

Thompson stieß einen wilden Schrei aus, sehleuderte Hattie Darrow das Glas

entgegen und warf sich zur Seite. In seiner Hast stolperte er über seinen Stuhl, prallte gegen den Pokertisch und verlor wertvolle Zeit.

Hattie zog den Revolver aus dem Hosenbund.

Thompson griff ebenfalls zum Colt, doch Hattie hatte ihren Zeitvorteil genutzt.

Mit beiden Händen hielt sie den schweren, langläufigen Colt und bog den Abzugshahn zurück. Man sah ihr an, wie schwer die Waffe in ihren zarten Händen wog. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Lauf ruhig zu halten.

Thompson gewann seine Selbstsicherheit wieder. „Du drückst nicht ab, Lady. Du hast nicht den Mumm dazu. Außerdem kannst du das Ding ja nicht mal richtig halten!“ Er richtete sich auf. „McNally hatte damals seinen Spaß mit dir. Mal sehen, ob ich dir nicht noch etwas mehr Freude bereiten kann als der alte Schwerenöter! Du liebst es bestimmt auf die harte Tour…“

Grinsend drückte er seinen Revolver ins Leder zurück und zog stattdessen ein Messer aus dem Gürtel. Die Klinge funkelte gefährlich im Schein der Petroleumlampen – genauso gefährlich wie Thompsons Augen, deren grausamer Blick Hattie eine Zukunft voll nie gekannter Schmerzen in Aussicht stellte! Thompson trat einen Schritt auf Hattie zu.

Weiter kam er nicht mehr.

Er sah, wie sich das wunderschöne Antlitz der jungen Frau in eine starre Maske verwandelte, in der es keinen Platz für Gefühlregungen gab. Er las weder Hass noch Abscheu in ihrem Gesicht, weder Wut noch Schmerz. Eher kam es ihm vor, als sei sie völlig emotionslos. Es schien ohne die geringste Bedeutung zu sein, was er mit ihr vorhatte oder was sie ihm entgegensetzen würde.

Ohrenbetäubend krachte der Schuss aus Hatties Waffe!

Thompson wurde von der Wucht der Kugel zurückgeschleudert, rollte über den Spieltisch und fiel zu Boden.

Seine Pokerpartner rissen nun ebenfalls ihre Eisen heraus, doch gegen den fremden Schießer hatten sie keine Chance.

Wie der Blitz lag der Sechsschüsser in seiner Rechten und spuckte Feuer und Blei, Tod und Verderben!

Ein Gegner schrie auf, wirbelte um die eigene Achse, prallte gegen den Kanonenofen und riss mit seinem Körpergewicht das Ofenrohr aus der Halterung, als er sterbend zu Boden rutschte. Der andere Pokerspieler krümmte sich unter dem Einschlag des Projektils zusammen und brach in die Knie. Der Colt rutschte aus seinen kraftlosen Fingern. Als er sich halb zu Hattie und dem fremden Revolvermann umdrehte, hatte er seine Finger um die stark blutende Wunde dicht über seiner Gürtelschnalle gekrallt. Er wimmerte, und seine Augen flirrten vor Schmerz.

Thompson richtete sich stöhnend auf. Sein Hemd hatte sich an der rechten Seite blutrot gefärbt. Er hob mit wutverzerrtem Gesicht sein Schießeisen. „Miststück!“, stieß er keuchend hervor. Der Atem rasselte in seiner Kehle. „McNally hätte dich damals abknallen sollen!“

„Stimmt.“

„Wie… hast du mich gefunden?“

Hattie fischte einen Gegenstand aus der Brusttasche ihres Hemdes und warf ihn vor Thompson auf den Boden.

Fassungslos stierte der Spieler auf den funkelnden Silberring mit dem türkisfarbenen Stein.

„Da soll mich doch der Teufel holen… Mein Ring! Den bin ich beim Pokern losgeworden!“

Hattie nickte. „Ich fürchte, diese Partie haben Sie auch verloren. Und was den Teufel betrifft – er muss Sie nicht holen. Er wartet, bis Sie zu ihm kommen. Ich glaube, er wird nicht mehr lange warten müssen…“

Thompson riss die Waffe hoch und drückte ab. Eine Schmerzwelle raste durch seinen Körper und ließ ihn zusammenzucken.

Sein Schuss verfehlte Hattie.

Dafür traf sie umso besser.

Ihre Kugel rammte in Thompsons Brust, riss ihn hoch und stieß ihn nach hinten und gegen die Wand.

Ein Blutfaden rann aus seinem Mundwinkel, gefolgt von einem breiten Blutschwall, den Thompson mit einem schmerzhaften Hustenanfall über seine Lippen schickte. Er krampfte sich noch einmal zusammen, sein Gesicht verzerrte sich zur Grimasse eines zutiefst Gepeinigten.

Dann rutschte er leblos an der Wand zwischen den beiden Fenstern entlang zu Boden und blieb dort breitbeinig sitzen.

Hattie Darrow nickte dem Fremden zu und verließ den Saloon.

Der Schießer trat zu dem verwundeten Kartenspieler. „Wo haben sich Thompsons Kumpane verkrochen, Sonny?“, fragte er ruhig.

„Ich hab keinen Schimmer, Mister. Lassen Sie mich am Leben. Bitte...“ Der Mann zitterte am ganzen Leib, und seine Augen flirrten vor Todesangst.

„Wo hielt sich Thompson auf, bevor er hierher kam?“

„Westlich von hier. Saddler‘s Creek. Hab ihn erst getroffen, als er bereits auf dem Weg hierher war. Wir wollten von hier aus runter nach Laredo.“

„Du hättest dir deine Sattelpartner sorgfältiger aussuchen sollen, Sonny.“

Der Revolvermann hatte längst erkannt, dass für den Verwundeten jede Hilfe zu spät kam. Er würde einen äußerst schmerzhaften und qualvollen Tod sterben.

Details

Seiten
879
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940688
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v703981
Schlagworte
sieben western

Autoren

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Titel: Sieben glorreiche Western #18 - Mai 2020