Lade Inhalt...

Stadt der Lyncher

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Stadt der Lyncher

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

Stadt der Lyncher

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Dave Denfield wird von den Bewohnern in Jeffersonville trotz seiner Unschuld gelyncht. Anführer ist Dole Jefferson, der die Stadt beherrscht.

Jane Denfield, die junge Frau des unschuldig Gehängten, schwört Rache und sucht sich Hilfe: Machato!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Steve Mayer mit Firuz Askin, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Dole Jefferson - gibt den Befehl zur Lynchpartie.

Kel Monahan - hat ein vitales Interesse daran.

Jim Rutland - mimt den unbeteiligten Zuschauer.

Dave Denfield - wird nicht zuletzt seiner Hautfarbe wegen zum Opfer auserkoren.

Jane Denfield - sinnt auf Vergeltung.

Machato - geht ihr dabei mit tödlicher Präzision zur Hand.

 

1

Das Gesicht des Halbbluts war schweißbedeckt.

»Ich hab ihn nicht erschossen! Ich verlang ’ne ordentliche Jury!«

Dole Jefferson hielt die Peitsche, die den Schecken des Todeskandidaten unter dem Galgenbaum forttreiben sollte. Der Hotelbesitzer und Bankier war ein stämmiger Mittfünfziger mit harten Zügen.

»In Jeffersonville werden wir mit verdammten Outlaws ganz gut selbst fertig.«

»Verdammt, ich hab den Lohngeldkurier nicht überfallen!«

Dole Jefferson ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

»Du kennst deine Chance: Nenn uns das Versteck der Beute!«

Hufgetrappel und Peitschengeknall zwang die Köpfe der Lyncher herum. Ein hochrädriger Ranchwagen fegte die Main Street herab. Die Nüstern der Pferde waren schaumverklebt. Eine blonde Frau im hellen Sommerkleid hielt die Zügel. Staub wogte hinter dem Fahrzeug.

»Jane!«, schrie der Halbapache.

Der Schecke bewegte sich. Die Schlinge zog sich um Dave Denfields Hals zusammen. Der schnurrbärtige Schmied brummte eine Verwünschung. Jeffersons Schießer schoben die Hände an die tief gehalfterten Colts. Mit erhitztem Gesicht brachte Denfields junge Frau das Pferd zum Stehen. Die blonden Haare hingen auf die Schultern.

»Dave ist unschuldig. Er war bei der Herde am Summergrass Creek, als der Überfall geschah.«

»Ich verstehe, dass Sie Ihren Mann schützen, Missis Denfield«, erwiderte Jefferson unbeeindruckt. »Aber Elliot lebte noch, als Blake ihn fand.« Jeffersons Kopfbewegung galt dem neben ihm Stehenden. »Er nannte den Namen des Mörders.«

»Blake lügt!«, rief der Gefangene. »Vielleicht war er selbst es, der Elliot wegen der fünfzehntausend Dollar erschoss.«

Der hagere Revolvermann fuhr wütend herum.

»Du kannst gern noch ’ne Abreibung bekommen, Rothaut, bevor dich die Hölle frisst.«

»Reiß dich zusammen, Blake!«, grollte Jefferson. »Wir wollen Gerechtigkeit, sonst nichts. Niemand kann dich beschuldigen.« Er wandte sich wieder an Jane. »Blake verließ erst eine Stunde nach Elliot die Stadt. Er hätte ihn auf dem Trail zu den Tonto-Hill-Minen nicht einholen können. Es gibt keinen Zweifel an der Schuld Ihres Mannes. Er bekommt, was er verdient.«

»Sie bekommen das Gleiche, wenn Sie ihn nicht sofort freilassen.«

Jane Denfield langte hinter den Wagensitz. Gleich darauf zielte ein kurzläufiger 38er Remington auf den Bankier. Kein Muskel bewegte sich in Dole Jeffersons Gesicht.

»Wenn Sie abdrücken, Ma’am, hängen Sie beide.«

Mit einer Hand nahm Jane die Zügel kurz. Entschlossenheit zeichnete ihr hübsches Gesicht.

»Was Sie und Ihre Gefolgsleute vorhaben, Jefferson, ist Mord. Ich zähle bis zehn. Wenn Dave dann nicht ...«

»Sie würden nicht aus der Stadt kommen.«

»In Ihrer Begleitung schon.«

»Überlegen Sie mal ...«

»Wenn Dave stirbt, sterben Sie auch.« Janes Augen glitzerten kalt. »Eins ... zwei ...«

»Lass das Pferd los, Pollock!«, befahl der Anführer.

»Sie wird schießen, Sir!«

»Drei ... vier ...«, zählte die Frau.

»Tu, was ich sage, Mann!«

Der Schmied trat zurück. Denfield presste die Beine an den Pferdeleib. Der Schecke verharrte. Janes Stimme zitterte.

»Fünf ...«

Jefferson blickte sie kalt an.

»Wenn Sie schießen, scheut der Gaul. Dann haben Sie Ihren Mann auf dem Gewissen.«

»Lass dich nicht bluffen, Jane!«, knirschte Denfield. »Er wird’s nicht drauf ankommen lassen.«

Jefferson ließ Jane nicht aus den Augen.

»Seit ich die Town gründete, bin ich schon mit größerem Verdruss fertiggeworden.«

Ein Lasso senkte sich jäh über die Frau, presste die Arme an ihren Körper und riss sie vom Bock.

Jane schrie. Das Pferd wieherte. Hufe stampften. Ein sehniger, dunkelhaariger Reiter hielt das Ende des Seils. Es war Kel Monahan, Jeffersons Revolverschwingerboss. Die anderen entwaffneten Jane. Staub biss in ihren Augen.

»Gut gemacht, Kel!«

Sie wollte sich losreißen, aber das Fauchen des Peitschenhiebs, der den Schecken traf, löschte alles um sie aus.

 

 

2

»Arizona King« prahlte das Schild über dem Salooneingang. Hinter der protzigen Fassade verbarg sich eine der üblichen Whiskytränken. Doch Tische und Dielen waren sauber, die Fenster trotz des Staubs, den jeder vorbeitrabende Reiter aufwirbelte, blankpoliert.

Dole Jefferson achtete darauf, dass »seine« Stadt auch äußerlich in Ordnung blieb, wie er es ausdrückte.

Die Lyncher stutzten, als sie den Fremden an der Theke bemerkten. Er war groß, schlank und sonnengebräunt. Zum grauen Anzug trug er eine weinrote Weste und eine ebensolche Kragenschleife. Das Coltholster war mit dünnen Riemen am rechten Oberschenkel festgebunden. Flasche und Glas standen vor ihm. Er legte eine Münze daneben. Mit einem halben Grinsen wandte er sich den Städtern zu.

»Ich bin weit geritten und hab mich schon mal bedient, während ihr beschäftigt wart. Mein Pferd steht auf dem Hof. Da ist mehr Schatten.«

Sie sahen ihn finster an. Ihre Gesichter waren erhitzt. Jefferson schob sich nach vorn.

»Wer sind Sie? Wo kommen Sie her? «

»Mein Name ist Jim Rutland Spieler, Revolvermann, Satteltramp. Ich bin auf der Suche nach ’nem einträglichen Job. Zuletzt war ich in der Gegend um Gallup, New Mexico, tätig.« Der Schlanke genehmigte sich einen Schluck. Er benutzte die Linke.

Kel Monahan trat neben den Bankier. Etwas Lauerndes, Wölfisches haftete ihm an. Jefferson knurrte: »Sie haben keinen günstigen Zeitpunkt für den Besuch gewählt.«

Der Spieler hob die Schultern.

»Ich hab schon mehr Gehenkte gesehen, die ohne Richterspruch ins Jenseits befördert wurden.«

»Denfield war ein Mörder und Bandit ...«

»Und ein Halbblut.« Rutlands Zähne blinkten. »Keine Sorge, Jefferson, ich misch mich nie in fremde Angelegenheiten, solange sich das vermeiden lässt.«

»Das möchte ich dir auch geraten haben, Freundchen«, stieß Monahan hervor.

Jefferson fragte: »Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Ich hab das Schild an der Bank gesehen und die Aufschrift am Hotel. Sie sind doch der Anführer. Die Stadt trägt Ihren Namen.« Er trank und goss sich wieder einen Drink ein. »Vielleicht bin ich doch nicht an einem so ungünstigen Tag gekommen. Wie gesagt, Jefferson, ich such ’nen Job.«

»Wollen Sie mich erpressen?«

»Wie kommen Sie darauf?«

Blake und noch ein Revolverschwinger führten Jane Denfield herein. Das Seil lag noch um ihren Oberkörper. Sie war wie in Trance, so dass sie weder die harte Faust spürte, noch die Gesichter ringsum wahrnahm.

Betreten wichen die Stadtbewohner zur Seite. Meredith, der grobschlächtige Salooner, nahm wieder den Platz hinter der Theke ein. Die Frau des Storekeepers folgte Janes Bewachern.

»Genügt es nicht, dass die Arme zusehen musste, wie ihr ihren Mann gelyncht habt? Was wollt ihr noch?«

»Mary, um Himmels willen, halt dich da raus!«

Kinsley, der Storebesitzer, war ein untersetzter Fünfziger mit Stirnglatze und Backenbart. Seine Frau gab ihm einen flammenden Blick.

»Lass den Himmel aus dem Spiel, Rod, nachdem du mitgeholfen hast ...«

Jeffersons Handbewegung unterbrach sie.

»Wir wollen das Geld, die geraubten fünfzehntausend Dollar. Sobald wir das Beuteversteck kennen, hält niemand Denfields Frau zurück.«

»Sie weiß es nicht«, bemerkte Rutland.

Die Köpfe ruckten. Die Kerle, die Jane festhielten, sahen sich an. Monahans Rechte kroch zum tiefgehalfterten Colt.

Jefferson warnte: »Ich hoffe, Sie wissen, in was Sie sich da einmischen.«

»Nichts, womit ich nicht fertig würde. Außerdem stelle ich nur Tatsachen fest. Dazu gehört, dass ihr den Falschen aufgeknüpft habt.«

Plötzlich war es so still im »Arizona King«, dass man ein Streichholz hätte zu Boden fallen hören.

»Ich glaub, du bist lebensmüde, Mann!«, schnappte Monahan.

Jeffersons Wink bannte auch ihn.

»Wie viele Drinks haben Sie schon gekippt, Rutland?«

Der Spieler lachte.

»Ich würd auch mit ’ner halben Flasche Whisky im Bauch noch wissen, wo’s langgeht. Welches Pferd ritt Denfield bei dem Überfall?«

Verwunderung, aber auch Feindseligkeit zeichneten die Gesichter.

»Er ritt immer nur den Schecken«, platzte dann Kinsley heraus. »Der Braune gehört Jane.«

»Der Mörder des Geldkuriers besaß ’nen Falben.«

Langsam hob Jane den Kopf. Sie schien Rutland jetzt erst zu sehen. Irgendwer fluchte. Kein Laut drang herein. Die Stadt wirkte ausgestorben. Ein Funkeln erschien in Jeffersons Augen.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich wollte zu den Kupferminen in den Tonto Hills, um nach ’nem Job zu fragen. Auf halber Strecke hörte ich den Schuss. Von einem Hügel sah ich den Mörder im Dickicht verschwinden. Trotz der Entfernung erkannte ich, dass er ’nen Falben ritt.«

»Es musste nicht der Mörder sein.«

»Er hatte die Geldtasche.«

Mechanisch drehten sich alle Tom Blake zu.

»Der Kerl lügt!« Das Gesicht des Hageren war hassverzerrt. Seine Rechte krampfte sich um den Revolverkolben. »Denfield hielt Elliot für tot, aber der konnte mir noch den Namen nennen, als ich ihn fand.«

»Ich war fünf Minuten nach dem Schuss am Tatort«, berichtete Rutland. »Zu dem Zeitpunkt war kein Fünkchen Leben mehr in dem Kurier. Ich hätte ihn sonst hergebracht.«

»Warum taten Sie’s nicht trotzdem?«, fragte Jefferson scharf.

Rutland grinste.

»Weil ich mich, wie gesagt, nicht in fremde Angelegenheiten mische - falls nicht gerade die Frau eines Unschuldigen in die Mangel genommen werden soll. Das war auch der Grund, weshalb ich in den Hügeln übernachtete.«

»Ich wüsste noch einen«, dehnte Monahan.

»Welchen?«

»Dass du ein Komplize von Dave Denfield bist.«

Monahan, Blake und der dritte Revolvermann zogen fast gleichzeitig. Ihre Sechsschüsser waren noch nicht ganz aus dem Leder, da hielt Rutland bereits den Colt. Alle erstarrten.

»Die Jungs sind nicht schlecht«, tröstete Rutland den Bankier. »Es gibt aber immer einen, der noch besser ist. Der Letzte, dem ich das bewies, war Crazy Bull Higgins. Ich traf ihn in Gallup. Gewiss haben Sie von ihm gehört.«

Niemand im Saloon rührte sich, als er Jane das Seil abnahm. Merediths Hände waren zwar unter der Theke verschwunden, aber sie blieben dort, als der Spieler ihn warnend ansah.

»Ich begleite Sie hinaus, Ma’am.«

 

 

3

Der weißhaarige Totengräber räusperte sich vernehmlich, aber Jane reagierte nicht. Mit zusammengepressten Händen stand sie am frischen Grab. Ein schlichtes Holzkreuz und ein Wildblumenstrauß schmückten es. Der Alte trat zu ihr. Sein Gesicht war ebenso zerknittert wie der schwarze Prinz Albert Rock, der seine gebeugte Gestalt umschlotterte.

»Missis Denfield, da ist jemand. Er beobachtet Sie schon ’ne ganze Weile.«

Janes Blick schien von weither zu kommen. Sie wischte die letzten Tränen aus den Augen. Das hochgeschlossene schwarze Kleid betonte die halb mädchenhafte, halb frauliche Figur. Sie erkannte Rutland, der reglos auf seinem Braunen am Rand der Lichtung wartete. Das Wäldchen lag hundert Yard abseits der Denfield Ranch. Daves Lieblingsplatz war hier. Deshalb hatte Jane den Totengräber überredet, Dave auf eigenem Grund zu beerdigen.

Der Weißhaarige beäugte den Reiter misstrauisch.

»Schon gut, Old Sam«, beschwichtigte ihn die junge Frau. »Mir droht keine Gefahr.« Sie bezahlte ihn.

Rutland wartete, bis der Alte sein Maultier bestieg und zögernd davonritt. Dann lenkte er sein Pferd auf die Lichtung. Jane stand neben dem Ranchwagen.

»Wenn Sie Dave die letzte Ehre erweisen wollten, danke ich Ihnen.«

Rutland brannte sich eine Zigarette an.

»Ich dachte nicht so sehr an Ihren Mann. Doch Sie werden bald Besuch aus Jeffersonville bekommen. Vielleicht benötigen Sie dann Hilfe.«

»Ich hab nicht das Geld, einen Revolvermann anzuheuern.«

»Fünfzehntausend sind ’ne hübsche Summe.«

Jane sah das Lauern in Rutlands Augen. Ihre Miene wurde abweisend.

»Sie täuschen sich, wenn Sie das Geld auf der Ranch vermuten.«

»Sie könnten mir helfen, es zu finden - beziehungsweise den Kerl, der Elliot erschoss. Ich verschwieg, dass ich seiner Spur bis in die Nähe von Jeffersonville gefolgt bin. Sie wissen besser als ich, wer von den Burschen dort für den Überfall in Frage kommt.«

Unwillkürlich hob Jane eine Hand an die Kehle.

»Sind Sie sicher, dass es die richtige Fährte war?«

»Ich versteh das Geschäft, Lady, und bei so ’ner Summe leiste ich mir keinen Irrtum.«

»Das Geld gehört Jefferson.«

»Ich wette, sein Safe bleibt trotzdem voll. Außerdem trägt er die Verantwortung dafür, dass Ihr Mann starb.«

»Sie hätten es verhindern können!«, stieß Jane hervor.

Der Spieler lächelte starr.

»Da kannte ich Sie noch nicht.« Er horchte. Lärmfetzen drangen über die Bodenwelle zwischen dem Wäldchen und der Ranch.

»Sie sind da.«

Jane straffte sich.

»Ich werde allein mit ihnen fertig.«

»Überlegen Sie es sich!«

»Bereits geschehen.« Jane bestieg den Buggy und nahm die Zügel. »Ich danke Ihnen nochmals, dass Sie mir im ,Arizona King‘ beistanden.«

»War mir ein Vergnügen, Ma’am.«

Jane trieb das Pferd an. Mit einem verkniffenen Zug um die Mundwinkel sah Rutland ihr nach. Bald darauf rollte der Wagen den grasbewachsenen Hang zur Ranch hinab. Die tief stehende Sonne tauchte die Lehmziegelgebäude in kupferfarbenes Licht. Pferde standen am Ziehbrunnen. Ein Poltern und Scheppern drang aus dem Wohnhaus. In der Scheune fluchte jemand.

Dann traten Pollock, Meredith, Kinsley und drei von Jeffersons Revolvermännern auf den Hof. Der Salooner hielt noch die Gabel, mit der er im Heu nach der Beute gesucht hatte. Die anderen trugen Gewehre.

Jane senkte die Hand auf den Remington, der neben ihr auf der Fahrerbank lag.

»Verschwindet!«

Der knochige und schnurrbärtige Schmied starrte sie finster an.

»Nicht ohne das Geld.«

»Sie dürfen nicht glauben, dass wir auf Rutlands Story reinfielen«, fügte Meredith hinzu. »Gewiss hat er selbst mit dem Raub zu tun.«

»Ihr seid verrückt.«

Pollock hob die siebenschüssige Spencer.

»Keine Dummheiten, Jane! Es würde mir leidtun, wenn ich schießen müsste. Sucht weiter, Leute es sei denn, sie verrät, wo die Beute liegt!«

Jane spürte ihre Besessenheit. Da trommelte Hufschlag. Ein drahtiger, ganz in schwarzes Leder gekleideter Reiter galoppierte auf dem Wagentrail zur Ranch.

Jane erkannte Frank Jefferson, den Sohn des Bank und Hotelbesitzers. Er trug den langläufigen 44er wie ein Revolvermann. Auch Halstuch, Stiefel und Stetson waren schwarz. Das Pferd war ein rassiger Rapphengst, Sattel und Zaum mit Silberbeschlägen verziert. Franks Augen blitzten.

»Waffen weg!«

»Frank, wir ...«

»Ich kam erst vor zwei Stunden aus Morenci zurück, aber ich weiß inzwischen, was geschah. Glaubt ihr denn, dass Denfield so leichtsinnig war, das Geld auf der Ranch zu verstecken?«

»Sie weiß, wo.«

»Bestimmt nicht.« Jeffersons Sohn saß geschmeidig ab. Seine Sporen klirrten. »Denfield hätte damit rechnen müssen, dass sie ihn verlässt. So gut kenn ich sie.«

Die Männer sahen einander bedeutsam an. Sie wussten, dass Frank die junge Frau heftig umworben hatte, bevor sie sich für Dave Denfield entschied.

»Reitet!«, befahl er.

Die Männer zögerten. Da kletterte Jane vom Wagen.

»Ich werd beweisen, dass das Geld nicht hier ist.« Sie lief ins Haus.

Unschlüssig ließ der Schmied das Gewehr sinken. Ein Klirren drang heraus, dann roch es intensiv nach Petroleum.

»Tu’s nicht!«, schrie Frank. Schon stand sie wieder auf der Schwelle, das schmale Gesicht maskenstarr. Flammen züngelten hinter ihr.

»Großer Lord!«, ächzte der Storekeeper. Aus den Fenstern quoll Rauch, Funken wirbelten. Die Gebäude standen so nahe beieinander, dass das Feuer die ganze Ranch vernichten würde.

Steif ging Jane zum Wagen.

»Seid ihr nun zufrieden?« Sie sah die Lyncher der Reihe nach an. Kinsley schwitzte.

»Ich verlasse das Land - aber erst, nachdem Daves Tod gesühnt ist.«

Kinsley war der erste, der sich in den Sattel zog und wild mit den Zügelenden auf das Tier einschlug. Die anderen folgten ihm. Nur Frank blieb. Er starrte auf die Flammen, ehe er zu Jane trat. »Vielleicht ist es so am besten. Dave war der falsche Mann für dich.«

»Ich hab ihn geliebt. Und ich weiß, dass er unschuldig ist.«

»Das möchtest du. Doch weshalb sollte Tom Blake lügen?«

»Vielleicht steckt er mit dem Mörder unter einer Decke.«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Pa hat nicht nur die Stadt, sondern auch seine Revolverschwinger im Griff.« Frank lachte rissig. »Mich auch. Niemand in Jeffersonville würde es wagen, ’nen Mann zu erschießen, der auf Pas Lohnliste steht. Das gilt auch für die Miner und Viehzüchter. Nur Dave ließ sich von Pas Macht und Reichtum nie beeindrucken. Er hatte verdammt gute Nerven, das muss man ihm lassen.« Frank stützte seine Hände neben Jane an das Fahrzeug. »Ich hab’s satt, nach Pas Pfeife zu tanzen. Du brauchst jemand, der dich beschützt. Komm mit mir nach Mexiko!« Janes Augen weiteten sich. »Du weißt, was ich nach wie vor für dich empfinde!«

»Dave liegt noch keine Stunde im Grab, und du willst mich überreden, eine neue Zukunft mit dir zu beginnen?«

»Ich dräng dich nicht, Jane, aber das Leben geht weiter. Du kannst nichts mehr ändern, indem du ein Marshalaufgebot nach Jeffersonville schickst.«

»Niemand wäre bereit, gegen deinen Vater und seine Anhänger auszusagen. Ich muss selbst dafür sorgen, dass Dave von dem falschen Verdacht befreit wird und seine Mörder büßen.«

Franks Hände umschlossen ihre Schultern.

»Ich lass nicht zu, dass du dich in Gefahr begibst wegen eines ...«

»Sprich’s nicht aus!« Janes Stimme klirrte.

Schweratmend ließ Jeffersons Sohn sie los.

 

 

4

Drohend ragten die Pinaleno Mountains über die kakteenbestandenen Bodenwellen jenseits des Gila River. Sie waren die letzte Bastion der frei lebenden Chiricahua, Pinaleno und Gileno Apachen.

Jane zügelte das Pferd im Fluss. Es war hier, an seinem Oberlauf, nur knietief. Der Braune, für Wagen und Sattel abgerichtet, löschte seinen Durst. Jane hatte das Trauerkleid mit Bluse, Wildlederrock und ärmelloser Wildlederweste vertauscht. Dazu trug sie halbhohe Stiefel und einen flachkrempigen Hut. Der Remington steckte im Holster am Patronengurt. Aus dem Sattelfutteral ragte der Kolben einer Winchester 73. Außerdem trug der Braune Deckenrolle, Wasserflasche, Proviant und Futterbeutel.

Flimmernde Weite dehnte sich hinter Jane. Keine Bewegung war zu erkennen. Es dauerte noch eine Stunde, bis die junge Frau in den Schatten der Berge eintauchte. Rote Felsmauern und kiefernbestandene Hänge säumten den Trail. In den Canyons wuchsen Fettholz, Rotdorn und Mesquitebüsche. Die Hufe klapperten auf Felsboden, dann malmten sie wieder in grobkörnigem Sand. Der Himmel war wolkenlos. Die Sonne glühte.

Dann machte ein Plätschern Jane aufmerksam. Als sie um eine Felsecke bog, glitzerte ein seichter Creek vor ihr. Mehrfarbige Kiesel schimmerten auf dem Grund.

Jane wollte den Braunen nochmals saufen lassen. Prustend drehte der Wallach jedoch den Kopf. Jane erstarrte.

Zwei Reiter spiegelten sich neben ihr im Creek, bronzehäutige, gedrungene Gestalten. Der eine packte das Kopfgeschirr des Braunen, der andere bedrohte Jane mit einem kurzläufigen Gewehr. Die Gesichter waren breitflächig, die Augen funkelten. Jane versuchte sich den Schreck nicht anmerken zu lassen.

»Ich möchte zu Bob Denfield.«

Die Apachen sprachen miteinander. Es klang kehlig und abgehackt. Der Krieger mit dem Gewehr lachte. Dann wollte er die Frau vor sich aufs Pferd ziehen.

Jane griff zum Revolver. Da ertönte ein scharfer Ruf. Ein dritter Apache ritt um die Biegung, ebenfalls mit einem Gewehr. Am Gürtel hingen Messer und Tomahawk. Widerwillig ließen Janes Bedränger sie los. Der Ankömmling musterte Jane schweigend, dann deutete er auf den Eingang des schmalen, langgewundenen Tals, aus dem der Creek floss.

»Machato.«

Es war der indianische Name von Janes Schwager.

Der Apache ritt am Creek entlang. Als Jane sich umschaute, waren die beiden Krieger verschwunden. Janes Führer blieb immer einige Pferdelängen vor ihr. Der Sand und Kiesboden ging in Grasfläche über. Grünbelaubte Sträucher wuchsen am Creek. Vor einer Höhle häutete ein muskulöser, mit Lendenschurz und Mokassins bekleideter Apache ein Bergschaf ab. Als er Jane an der Biegung sah, stieß er das Messer in die Erde und wusch sich die Hände. Dann kam er ihr entgegen.

»Bob!« Sie erkannte ihn erst jetzt. Ein gelbes Stirnband hielt das schulterlange schwarze Haar. Nur die graugrünen Augen verrieten, dass Bob Denfields Vater ein Weißer war. Das breitknochige Indianergesicht zeigte ein Lächeln.

»Lange nicht gesehen, Jane. - Schickt Dave dich? «

Sie krümmte sich. »Dave ist tot.«

Der Halbindianer starrte sie an. Mehrere Sekunden verstrichen, dann wandte er sich mit einigen gutturalen Worten an Janes Führer. Dieser ritt zum Taleingang zurück. Daves Bruder half Jane vom Pferd. Sie hatte seit Daves Begräbnis nur wenige Stunden geschlafen. Nun musste sie sich am Sattel festhalten. Der Jäger holte einen Krug aus der Höhle.

»Trink! Es wird dir guttun.«

Jane gehorchte. Es war Tiswin, der von den Apachen gebraute Agavenschnaps. Dann führte Bob Denfield alias Machato die junge Witwe in den Schatten der Felswand. Sie setzte sich. Schweigend wartete er, bis sie sich aufraffte und alles berichtete. Dann nahm er ebenfalls den Krug und trank. Sinnend blickte er zu dem Bussard empor, dessen Schrei dünn ins Tal drang.

»Dave lebte viele Jahre als Apache wie ich. Wir nannten ihn ,Derim Rauch‘. Ich war immer dagegen, dass er zu den Weißen ging.«

»Er tat es meinetwegen.«

»Ich mache dir keinen Vorwurf. Doch ich habe Dave gewarnt. Die Ranch in der Nähe von Jeffersonville war der absolut falsche Platz für ihn.« Er stand auf. »Ich danke dir, dass du gekommen bist.«

Auch Jane erhob sich. »Ich hoffte, du würdest mich begleiten.«

»Wohin?«

Janes Augen brannten. »Nach Jeffersonville.«

Machatos Miene blieb ausdruckslos.

»Du willst Dave rächen.«

»Ich will Gerechtigkeit.«

»Wenn du eine Squaw wärst, würde ich nicht zögern, an deiner Seite zu reiten.«

»Ich werde dir beweisen, Bob, dass auch eine Weiße kämpfen kann.«

»Der Name, den mir mein Vater gab, steht lediglich auf dem Papier. Ich hab bei den Missionaren von San Carlos wie ein Weißer sprechen und denken gelernt, aber ich blieb Machato. Das Gesetz meines Volkes ...« Er blickte an Jane vorbei.

Der Apache kam zurück. Er schleifte eine mit Steinen beschwerte Decke hinter sich her, die seine Spur verwischte. Machato sprach kurz mit ihm.

»Nun kannst du dein Wort einlösen und zeigen, wie gut du kämpfst«, wandte er sich dann an Jane. »Nanonteh berichtete, dass dir Reiter gefolgt sind. Sie lauern am Ausgang des Tals.«

 

 

5

Machatos Reittier war ein rammsnasiger Apachenmustang. Ein Lasso, eine Kürbiskalebasse und ein Hickorybogen mit einem pfeilgefüllten Köcher hingen am Sattel. Außerdem besaß das Halbblut Colt und Tomahawk. Im Schaft des rechten Mokassin steckte ein Bowiemesser. Die Pferde stampften nebeneinander.

Machatos Jagdgefährte war zurückgeblieben. Die blonde Witwe und der bronzehäutige Halbapache bildeten ein gegensätzliches Paar. Beklommen musterte Jane die Felshänge. Vor dem Talausgang traten zwei Männer aus dem Schatten. Sie hielten Gewehre. Die langen Staubmäntel waren vorn offen. In den Schlaufen der Revolvergurte glänzten Patronen. Der Sichelbärtige rauchte ein Zigarillo. Sein Kumpan kaute Tabak. Es waren sehnige Gestalten mit verkniffenen Gesichtern. Beide gehörten zu Jeffersons Schießergarde.

Machato raunte: »Nanonteh sprach von drei Kerlen. Halt mir den Rücken frei, Jane!«

Sie blieb ein Stück zurück, die Hand am Remington. Der Streifen zwischen Creek und Felshang war hier nur wenige Yard breit. Die beiden Jefferson Schießer warteten reglos. Ihre Pferde standen außerhalb des Tals.

»Wohin, Rothaut?«

Das Schaufeln der Hufe setzte aus. Machatos Hände ruhten auf dem Sattelhorn.

»Das geht euch nichts an. Gebt den Weg frei!«

»Aber natürlich, Mister! Zu Befehl, Sir!«, höhnte der Tabakkauer. »Du wirst nur nicht weit kommen, wenn dein Trail nach Jeffersonville führt. Für Denfields Begräbnis bist du eh’ zu spät dran.«

Beide lachten. Am Hang klirrten Steine. Ein Schatten bewegte sich. Metall blinkte.

»Da ist einer!«, rief Jane.

»Schieß!«

Machatos Rechte umschloss den Colt. Die Gewehre flogen hoch. Im Dröhnen der Schüsse warf er sich vom Pferd. Blei pfiff über den leeren Sattel.

Janes Wallach wieherte schrill. Der Halbindianer prallte auf, feuerte und traf den Sichelbärtigen. Dann rollte er sich schießend von den stampfenden Pferden weg. Sand und Steine spritzten auf ihn. Der zweite Gegner fiel auf die Knie. Auch Janes Revolver krachte. Eine Gestalt huschte am Hang. Dann blitzte es wieder. Machato federte hoch, riss Jane herab und warf sich mit ihr hinter einen Felsen.

Querschläger jaulten. Der Halbapache zielte, sah aber nur die Mündungsflamme. Der dritte Gegner hockte in sicherer Deckung. Wiehernd liefen die Pferde durch den Creek. Schon traf die nächste Kugel Machatos und Janes Deckung. Ruhig ersetzte das Halbblut die abgeschossenen Patronen.

»Ich muss ihn erledigen, bevor er die Pferde abknallt. Gib mir Feuerschutz!«

Jane blickte fröstelnd auf die Getroffenen.

»Wir sollten auf Nanonteh warten.«

»Ich hab ihm gesagt, dass es unser Kampf ist.«

Jane lud. Am Hang peitschte es wieder. Der Kerl benutzte wie seine Kumpane ein Gewehr.

»Ich bin bereit.«

Machato schnellte hoch. Mit wenigen Sätzen war er am Hang. Das Gewehr krachte. Gleichzeitig schoss Jane. Pulverrauch trieb an ihrem bleichen Gesicht vorbei.

Machato verschwand hinter einem Felsen, tauchte ein Stück weiter oben nochmals auf und verschwand wieder. Klirrende Steine verrieten, dass der unsichtbare Schütze eilig seine Deckung verließ. Jane feuerte aufs Geratewohl, dann rührte sich nichts mehr.

Jane wartete. Es war heiß und still. Reglos standen die Pferde am Creek. Kein Lebenszeichen kam von Machato und dem Gewehrschützen. Die Minuten verstrichen. Immer wieder suchten Janes Augen vergeblich den zerklüfteten Hang ab. Bleischwer lag der Revolver in ihrer Hand. Ein Geräusch veranlasste sie, den Kopf zu drehen. Der Sichelbärtige richtete sich, eine Hand an der verletzten Schulter, mühsam auf. Jane begriff, dass er Jeffersonville nicht erreichen durfte. Doch sie brachte es nicht über sich, auf ihn zu schießen. Er stolperte zur Biegung. Einige Minuten später entfernte sich Hufschlag.

Jane hoffte, dass der Revolvermann seine Wunde nicht in der Stadt, sondern auf einer näher gelegenen Ranch versorgen ließ.

Plötzlich stand Machato neben ihr. Jane schauderte. Ein dünner Riss, der von einem Messer stammte, lief quer über seine Brust.

 

6

Jim Rutland saß mit dem Rücken zur Wand im »Arizona King«. Er rauchte. Ein Päckchen Spielkarten lag vor ihm. Es war Spätnachmittag. Die Town erwachte allmählich nach der Mittagshitze. Ein Fuhrwerk rumpelte vorbei. Schritte pochten auf dem Gehsteig. Zwei Cowboys lungerten an der Theke.

Monahan unterhielt sich leise mit dem Salooner. Rutland tat, als bemerkte er nicht, dass sie über ihn sprachen. Dann kam Pollock, der die Gäule der Weidereiter beschlagen hatte. Sie bezahlten ihn und gingen.

Monahan trat an Rutlands Tisch. Der Spieler mischte.

»Poker?«

»Es wäre gesünder für dich, Kartenhai, wenn du schleunigst aus Jeffersonville verschwindest.«

»Mir gefällt’s hier.«

»Du bist ein lausiger Bluffer, Kartenhai.« Monahan beugte sich vor. Seine leisen, aber scharfen Worte waren an der Theke nicht zu verstehen. »Es stimmt gar nicht, dass du Elliots Mörder gesehen hast.«

»Dann weißt du also, dass der Hombre keinen Falben ritt.« Rutland grinste, als Monahan erstarrte. »Ich sah das Pferd des Mörders heute Morgen im Mietstall. Der Stallmann wollte mir keine Auskunft geben. Trotzdem dürfte es kein Problem sein, rauszufinden, wem’s gehört.«

Monahans Rechte sank unter die Tischkante.

»Versuch’s lieber nicht!«, warnte Rutland leise. Er bewegte die Hand, als wollte er die Zigarette aus dem Mund nehmen. Plötzlich hielt er einen kleinen, doppelläufigen Derringer. Die Waffe war im Ärmel verborgen gewesen.

Pollock und Meredith, die gespannt herüberblickten, sahen sie nicht. Monahan verdeckte sie.

Grinsend ließ Rutland die Taschenpistole wieder verschwinden.

»Zur Klarstellung: Mir liegt nichts am Skalp des Mannes, der Jeffersons Geldkurier erschoss.«

»Es war Denfield.«

»Ich bin mit ’nem Anteil zufrieden. Fünftausend - damit verlass ich Jeffersonville.«

Monahan schien aufspringen und ziehen zu wollen. Dann zischte er: »Du bist närrisch! Glaubst du gar, dass ich die Beute hab? Frag Meredith! Ich war im Saloon, als Elliot überfallen wurde.«

»Vielleicht sollte ich Blake fragen.«

»Du ...«

Frank Jefferson kam mit einem rothaarigen, leichtbekleideten Girl die Treppe herab. Beide hatten getrunken. Frank hielt die Flasche, in der sich nur mehr ein Rest befand. Sein Stetson hing auf dem Rücken. Das schwarze Lederhemd war nur halb zugeknöpft.

»Was ist? Ihr macht Gesichter, als hätt’s euch in den Whisky gehagelt! ’Ne Runde für alle, Meredith!«

Die Rothaarige kicherte. Ihre Schminke war verwischt. Frank zog sie zum Tisch, an dem Rutland und Monahan saßen.

»Kel, Amigo, hat der Kartenhai dich ausgenommen?« Er blinzelte. »Wie wär’s, Mister, wenn Sie mal ein Spielchen mit mir versuchten?«

»Warum nicht?«

Jeffersons Sohn setzte sich und drückte die Rothaarige auf seinen Schoß.

»Ich warne Sie aber, Mister. Ich bin der hartgesottenste Spieler im County. Stimmt’s, Nelly?«

Das Girl schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sie lachten. Monahan erhob sich.

»Ich glaub nicht, dass der Boss damit einverstanden ist, Frank.«

»Was du glaubst, Kel, interessiert mich nicht. Mister, worauf warten Sie?«

»Ich spiele ohne Limit. Kein Einsatz unter zehn Dollar.«

»Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben?« Lachend warf Frank einen Packen Geldscheine auf den Tisch. »Ich bin der Sohn des reichsten Mannes von Jeffersonville.«

Monahan ballte die Hände. Der Salooner brachte ein Tablett mit vollen Gläsern. Rutland mischte. Dann knarrten die Schwingtüren.

Dole Jefferson betrat den »Arizona King«. Blake schob sich hinter ihm herein. Die Rothaarige sprang sofort auf und lief zur Theke. Blake blieb neben der Tür, die Hand am Sechsschüsser.

Bedächtig legte Rutland die Karten weg. Der Bankier beachtete ihn nicht. Grinsend sah Frank zu ihm hoch.

»Hey, Boss!«

»Du solltest schon vor ’ner Stunde mit Blake zu den Tonto-Hill-Minen reiten. Sie warten da draußen noch immer auf das Geld.«

»Ich war beschäftigt, Boss.«

Jeffersons bärtiges Gesicht färbte sich dunkel.

»Ich geb jeden Befehl nur einmal. Wer nicht spurt, fliegt. Das gilt, verdammt noch mal, auch für dich.«

Schwankend stemmte Frank sich hoch.

»All right, Boss, ich fliege.«

»Du bist betrunken.«

»Gut beobachtet, Boss.«

Jeffersons Rechte zuckte. Der unerwartete Hieb warf den jungen Mann um. Erschrocken presste das Saloongirl die Hand auf den Mund. Es dauerte eine Weile, bis Frank sich aufrappelte. Der Alkoholglanz in seinen Augen war fort.

»Das hättest du nicht tun sollen, Boss.«

Jefferson blickte Rutland an.

»Nehmen Sie Ihr Geld!«

»Es gehört Ihrem Sohn.«

Einen Moment verharrte Jefferson reglos, dann warf er das Dollarbündel Frank vor die Füße.

»Raus!« Franks Augen flammten. Aber er bückte sich, schob das Geld ein und verließ den Saloon. Rutland nahm den von Frank bestellten Drink.

»Schade! Ich hätt mir gern was dazu verdient. Nun ja, morgen ist auch noch ein Tag.«

»Nicht für Sie in Jeffersonville - es sei denn, Sie heuern als Revolvermann bei mir an. Elliots Stelle ist frei.«

Monahan und Blake zuckten zusammen. Dem Spieler war keine Überraschung anzumerken.

»Wieviel zahlen Sie?«

»Fünfzig pro Monat.«

»Hundert.«

»So viel bekommt nur Kel.«

»Dann müsste ich hundertfünfzig verlangen.«

Hass zuckte auf Monahans dunkelgebräuntem Gesicht. Blake kam lauernd heran. Jefferson grollte: »Also gut, hundert.«

»Ich überleg’s mir.«

»Ich warte nur bis Sonnenuntergang.«

 

 

7

Das Lagerfeuer zauberte einen rötlichen Schimmer auf Jane Denfields Haar. Sträucher und Felsen umschlossen das Camp. Das leise Rauschen des Gila River erfüllte die Nacht.

Machato stand bei den Pferden, als das Käuzchen zweimal schrie. Der Halbindianer spannte sich. Nach einer Weile ertönte das klagende »Huuhuu« wieder.

»Nanoteh ruft mich. Ich bin bald zurück.«

Machato warf Reisig auf die Glut, ehe er den Mustang losband. Im Schein der Flammen wirkte er fremd, fast unheimlich. Der Tomahawk am Gürtel funkelte. Sand und Gras dämpften das Pochen der Hufe. Seit Anbruch der Dunkelheit war es kühl.

Jane zog die umgehängte Decke fester zusammen. Das »Käuzchen« schwieg. Nur die Flammen knisterten. Jeffersonville war einen halben Tagesritt entfernt.

Jane war müde. Aber sobald sie die Augen schloss, sah sie wieder Dave auf dem Schecken unter dem Galgenbaum, die Schlinge um den Hals.

Der Wallach schnaubte. Plötzlich standen zwei Männer im Lichtkreis. Sie trugen Reiterkluft. Ihre Sporen waren mit Riemen umwickelt. Sie gehörten zu den Kerlen, die Jefferson angeblich zum Schutz der Bank und Geldtransporte benötigte. Janes Decke rutschte herab. Sie bekam noch den Remington zu fassen, aber ein Tritt prellte ihr ihn aus der Hand. Der Stämmige hielt das Gewehr vor ihr Gesicht.

»Wo steckt die Rothaut?«

»Sein Gaul ist fort«, schnaufte der andere. »Ist abgehauen.«

»Stimmt, nicht«, meldete sich Machato hinter ihnen.

Sie wirbelten herum. Das Halbblut war mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Getroffen stürzte der eine Mann neben das Feuer. Den Stämmigen betäubte Machato mit dem Tomahawk. Ein Schuss löste sich dabei aus dem Gewehr.

»Fort!«, drängte Machato die junge Frau. »Vergiss den Revolver nicht! Es sind noch mehr in der Nähe. Sie suchen uns.«

Ein erschrecktes Begreifen malte sich auf Janes Gesicht.

»Du hast mich als Köder benutzt.«

»Gewiss. Der Verwundete, der in den Pinalenos entkam, hat uns die Kerle auf den Hals gehetzt.«

Jane hob Decke und Revolver auf. Machato warf Sand aufs Feuer, band den Wallach los und zog ihn zwischen die Felsen und Büsche, wo sein Mustang stand. Rufe erklangen, Hufgetrappel näherte sich. Jane nahm die Zügel.

»Wir müssen fliehen.«

»Sie würden uns hören. Besser, wir wissen, wo sie sind als umgekehrt.« Die Ruhe des Halbindianers übertrug sich allmählich auch auf Jane. Sie hielten den Pferden die Nüstern zu, damit kein Wiehern oder Schnauben sie verriet. Hufe polterten, Schatten bewegten sich vorbei.

»Kel, da liegen Bradkins und Finley!«, rief einer. Leder knarrte, Gebissketten klirrten. Weitere Reiter sprengten durch die fahle Dunkelheit heran. Einer saß ab.

»Bradkins ist verwundet, Finley nur bewusstlos.«

»Holt ihre Pferde!«, befahl Monahan.

»Jane und der Apache können nicht weit sein.« Das war die Stimme des Saloonbesitzers.

Der Schmied schimpfte: »Was nützt das? In der Nacht finden wir keine Spur. Außerdem möchte ich nicht der Nächste sein, dem Denfields Bruder ’nen Pfeil verpasst.«

»Woher willst du wissen, dass der Kerl Denfields Bruder ist?«

»Wer sonst? Er war zwar nie in Jeffersonville, aber Denfield erwähnte ihn, als er einen Schecken beschlagen ließ. Der Gaul war ein Apachenpferd. Monahan, wir sollten ...«

»Ich hab Fackeln dabei. Zündet sie an!«

Jane warf Machato einen besorgten Blick zu. Der Halbindianer blieb völlig ruhig. Der Hickorybogen hing wieder am Sattel, der Tomahawk am Gurt. Machatos Rechte umspannte den Colt. Feuerschein züngelte vor ihnen, Funken sprühten.

Jane erkannte Monahan, Pollock, Kinsley, Meredith und zwei Jefferson Schießer. Sie luden die Bewusstlosen auf deren Pferde.

»Wer von den Kerlen ist Blake?«, raunte Machato.

»Er ist nicht bei ihnen.«

Die Lyncher suchten Spuren. Mehrmals näherte sich der Fackelschein Machatos und Janes Versteck. Jane wartete darauf, dass Machato sich aufs Pferd schwang, aber er bewegte sich nicht. Jane nannte ihm flüsternd die Namen der Männer. Er prägte sich die Gesichter, soweit er sie im flackernden Licht zu sehen bekam, genau ein. Die Reiter hatten sich in Zweiergruppen aufgeteilt.

Monahan rief wütend: »Ihr habt alles zertrampelt. Da sind nur Abdrücke von unseren eigenen Pferden und denen von Bradkins und Finley. Seid wenigstens mal still! Bei dem Lärm, den ihr macht, kann ja eine Armee marschieren, ohne dass man was hört!«

Die Geräusche verstummten. In der Ferne heulten Kojoten.

»Zeitverschwendung«, murrte der Schmied. »Der Kerl hätte längst geschossen, wenn er noch in der Nähe wäre. Ich kenn die Sorte. Zehn Jahre hab ich in der Army gegen die roten Teufel gekämpft.«

»Er ist ein halber Weißer.«

Die Reiter entfernten sich. Machato spuckte aus.

»Ich kenn sie jetzt und werd sie dort erwischen, wo sie sich am sichersten wähnen - in Jeffersonville.«

 

 

8

Drei Tage später stieg ein dunkelgesichtiger, elegant gekleideter Fremder aus der Postkutsche, die wöchentlich zwischen Morenci und Jeffersonville verkehrte. Er trug eine lederne Reisetasche.

Die dunkelblaue Anzugsjacke wölbte sich über dem Sechsschüsser, den er mit dem Kolben nach vorn an der linken Hüfte trug. Der Stetsonschatten verdeckte die Augenpartie. Nach einem prüfenden Blick auf die Häuser entlang der staubigen Main Street betrat er den »Arizona King«.

Rutland pokerte mit zwei Minenbesitzern. Zwei Revolvermänner lehnten an der Theke. Der Stämmige mit dem Pflaster über dem linken Auge war Finley, den Machato am Lagerfeuer niederschlug. Meredith füllte die Gläser. Steif drehten sie sich dem neuen Gast zu. Finley kniff argwöhnisch die Augen zusammen, erkannte ihn aber nicht.

Machato legte den Stetson auf die Theke. Sein kurz geschnittenes schwarzes Haar glänzte. Ein Sonnenstrahl traf von der Seite das bronzefarbene Gesicht.

Meredith knurrte: »Kein Whisky für Rothäute.«

Machato nahm ein leeres Glas und legte ein Nugget daneben.

»Gieß ein, Mann!«

Das Goldklümpchen war so groß wie eine Haselnuss. Der Salooner zögerte. Da schob Finley sich neben den Halbindianer.

»Bist du taub, Kerl? Schwirr ab! Jeffersonville ist die falsche Stadt für dich.«

»Ich bin hier genau richtig.«

Meredith konnte nicht widerstehen. Er biss auf das Nugget, um festzustellen, dass es tatsächlich Gold war. Dann füllte er das Glas.

Wütend riss der Stämmige Machato herum. Ehe er etwas sagen konnte, spürte er Machatos Coltmündung über der Gürtelschnalle. Schweigend nahm Machato ihm den Revolver weg. Die Waffe klatschte ins Spülbecken. Dann stieß Machato Finley zurück.

»Ich möchte in Ruhe den Whisky trinken.« Sein Sechsschüsser verschwand.

Finleys Kumpan wollte ziehen, doch der hielt ihn warnend fest. Reglos blickten die Pokerspieler herüber. Machato trank.

»Noch einen, Indianerfreund.«

Meredith beeilte sich.

»Ich brauch ein Zimmer«, erklärte Machato dann. Der Salooner wich seinem Blick aus. »Da müssen Sie in Jeffersons Hotel fragen, Mister. Wollen Sie länger bleiben?«

»Ich hab Denfields Ranch gekauft.«

Meredith fiel beinahe die Flasche aus der Hand. Machato grinste.

»Wenn du jemand weißt, Indianerfreund, der für vierzig Bucks im Monat als Cowboy für mich reitet, schick ihn mir. Nach allem, was ich von Denfields Witwe erfuhr, gibt’s ’ne Menge Arbeit draußen.« Er leerte auch das zweite Glas. Dann setzte er den Stetson auf und wandte sich mit der Reisetasche zum Gehen.

»Sie bekommen noch Geld raus, Mister.«

»Lass nur! Wir rechnen später ab.«

Die Schwingtüren klappten. Finley fluchte inbrünstig. Die Fahrbahn war leer, die Postkutsche nach Willcox weitergefahren. Im Obergeschoss des gegenüberliegenden Hauses wurde eine Gardine zur Seite geschoben. Ein angespanntes Gesicht zeigte sich dahinter.. Es verschwand, als Machato hinaufsah. Als er die Straße überquerte, trat Jim Rutland aus dem Saloon.

»Denfield!«

Ruhig ging Machato weiter. Da knallte es. Eine Sandfontäne spritzte neben ihm empor. Gelassen drehte der Halbindianer sich um. Rutland blies den Rauch von der Revolvermündung, ehe er die Waffe halfterte. Seine Hand blieb am Kolben. Machato hatte ihn schon im Saloon nach Janes Beschreibung erkannt.

»Man könnte glauben, dass es in Jeffersonville nur Männer mit lockeren Schießeisen gibt. Sie haben mich ziehen sehen. Wollen Sie nun auch noch wissen, wie gut ich schieße?«

»Darauf kommt’s nicht unbedingt an, Denfield.« Grinsend ging Rutland zu ihm. »Ihre Nerven sind jedenfalls in Ordnung.«

»Mein Name ist Machato.«

»Ich erfuhr, dass Dave Denfield einen Bruder besitzt, der bei den Chiricahua Apachen lebt.«

»Wenn Sie die Rechtmäßigkeit meines Kaufs bezweifeln, wenden Sie sich an den Sheriff von Morenci. Wer sind Sie überhaupt?«

»Jim Rutland. Denfields Witwe hat Ihnen vielleicht erzählt, dass ich ihr meine Hilfe anbot. Sie wies mich ab. Nun steht mein Name auf Dole Jeffersons Lohnliste. Sie wissen ja, Jefferson ist der Boss hier. Wenn Sie der Mann sind, für den ich Sie halte, dann sollte es Sie interessieren, dass ich mit dem Eisen besser als alle seine Leibwächter bin.«

»Ich glaube, ich weiß, für wen Sie mich halten, aber Sie sprechen mit dem falschen Mann.«

Machato schlenderte weiter. Sein Ziel war die Bank. Rutland eilte zum Mietstall. Misstrauisch stand der Stallmann dabei, als er seinen Braunen sattelte.

»Es kann ’ne Weile dauern, bis ich zurück bin. Sag das Jefferson, wenn er nach mir fragt!«

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940671
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v703312
Schlagworte
lyncher stadt

Autor

Zurück

Titel: Stadt der Lyncher