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Der Fährtenwolf

2020 133 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Fährtenwolf

Copyright

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Der Fährtenwolf

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Für Gold, das nicht existiert, ermorden Jeff Griffin und seine Bande Clint Baxters Vater. Ihn lassen sie mit einem Revolver und ein paar Patronen zurück, denn die Apachen sind im Anmarsch.

Clint hat sich die Namen der fünf Banditen eingeprägt und schwört, dass er jeden von ihnen finden wird, um den feigen Mord an seinen Vater zu rächen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Steve Mayer nach Motiven, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Die Blockhütte brannte wie eine gigantische Fackel. Als weithin sichtbares Zeichen von Gewalt und Vernichtung stand die hohe Rauchsäule über dem einsamen, zerklüfteten Land. Clint Baxter sah nur den Mann, der mitten in der heißen Senke mit dem Gesicht nach unten reglos im Staub lag. Clint war zu spät gekommen. Das Entsetzen krampfte ihm den Magen zusammen. Die Kniekehlen wurden ihm weich. Etliche Sekunden musste er sich im Sattel seines staub- und schweißbedeckten Braunen festklammem. Dann lief er los und warf sich bei der schlaffen Gestalt auf die Knie.

„Dad!“

Der heisere Schrei ging im Prasseln und Knacken des Brandes unter. Mit donnerndem Getöse stürzte das flammenübersäte Dachgebälk der Hütte herab. Ein Funkenwirbel füllte die Senke. Der schlanke junge Mann in der verstaubten Cowboykleidung merkte nichts davon. Seine Hände krallten sich in die ärmellose Lederweste seines Vaters und wälzte ihn herum. Blicklose Augen starrten ihn an - Augen, die Clint sein Leben lang nicht mehr vergessen würde. Er krümmte sich wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Seine Zähne knirschten aufeinander. Er kniete da wie betäubt.

Clint Baxter hatte keine Ahnung, wieviel Zeit verstrichen war, als er das Malmen von Sand unter Stiefelsohlen hörte. Sporen klirrten dazu. Clint fühlte sich noch immer wie in einem Alptraum, aus dem es kein Erwachen mehr gab. Langsam hob er den Kopf.

Er blickte in ein lauerndes, verkniffenes, hageres Gesicht. Dunkle Augen glühten im Schatten eines breitrandigen Stetson. Der Mann war groß und knochig, sein Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Ein patronenbespickter Gurt schlang sich um seine Hüften. Die rechte Hand hatte er auf den glattgewetzten Walnussholzknauf seines Colts gestützt. Die Art, wie er die Waffe trug — tiefgeschnallt und in einem weit ausgeschnittenen Holster — verriet genug. Die Stimme des Hageren war kalt wie Stahl.

„Heraus mit der Sprache: Wo ist das Gold?“

In Clint zerbrach etwas. Alles war ihm jetzt egal. Schmerz, Verzweiflung und Hass lohten wie eine Flamme in seinem Gehirn. Das Gesicht des Hageren, auf dem sich Gier und Grausamkeit mischten, kam ihm wie eine Teufelsfratze vor. Clint packte den Revolverkolben und schnellte hoch.

Ehe er die Waffe aus dem Leder brachte, erwischte ihn der Hieb mit einem Gewehrkolben zwischen die Schulterblätter. Clint stürzte. Dröhnendes Gelächter schmerzte in seinen Ohren. Nie zuvor hatte er einen Mann so gemein und brutal lachen gehört. Stumm, mit zusammengepressten Lippen, wälzte sich Clint herum. Ein wuchtiger Stiefeltritt prellte ihm den Sechslader aus der Faust. Und wieder war da dieses Lachen, das ihm durch Mark und Bein ging.

„He, Jeff, da ist uns ja ein richtiger Puma ins Netz gelaufen! Pass bloß auf, dass dir dieser Bursche nicht an die Kehle springt!“

„Eine Kugel zwischen die Rippen zähmt auch ihn!“ Das war wieder die klirrende Stimme des Hageren. Eine Stiefelspitze traf Clint gegen die Seite.

„Hast du verstanden, du Bastard? Nur keine Zicken mehr, wenn du nicht schleunigst in der Hölle landen willst. Wir wollen nur wissen, wo das Gold ist. Wir sind nicht besonders geduldig, Muchacho.“

Keuchend stemmte sich Clint auf die Knie. Vor dem Hintergrund der lodernden, qualmenden Hütte, die nur noch ein Trümmerhaufen war, sah er sie zu viert im Halbkreis vor sich stehen. Der mit der Winchester in den klobigen Fäusten war ein massiger Kerl, dessen Wulstlippen zu einem schiefen Hohnlächeln verzogen waren. Der Mann neben ihm war mittelgroß, gedrungen und wie ein Farmer gekleidet. Aber auch er trug einen tiefhängenden Colt, und die Gier flackerte in seinen Augen. Er war der Älteste von ihnen. Der vierte Halunke wirkte geschmeidig wie eine Raubkatze, groß, sehnig und auf den ersten Blick als Spieler oder Revolverschwinger einzustufen.

Alle waren von Kopf bis Fuß vom grauen Alkalistaub gepudert, den es hier in der Wildnis der Sacramento Mountains in Massen gab. Sie schienen seit Tagen nicht mehr aus ihrer Kleidung herausgekommen zu sein. Ihre Gesichter waren unrasiert und verdreckt. Clint starrte sie der Reihe nach an, als wollte er sich jedes Gesicht für alle Zeiten unauslöschlich einprägen.

„Wird’s bald!“, zischte der Hagere und zog seinen Colt.

„Mörder!“, würgte Clint krächzend hervor. „Es gibt hier kein Gold. Ihr habt meinen Vater für nichts und wieder nichts umgebracht, ihr verdammten ...“

Das Wolfsgesicht des Anführers verzerrte sich zu einer wütenden Grimasse. Er holte mit dem Coltlauf zum Schlag aus.

„Dreckiger Lügner!“

Aus seiner knienden Haltung ließ sich der junge Mann vornüber fallen. Blitzschnell umschlang er die Beine des Banditen und riss ihn um. Im nächsten Moment hatte er sich wie ein Panther auf den Hageren geworfen. Mit einer Hand umklammerte er seine Kehle, die andere versuchte dem Verbrecher den Fünfundvierziger zu entwinden.

Clint wurde von kräftigen Fäusten gepackt und zurückgerissen. Von allen Seiten prasselten Schläge auf ihn ein. Er trat und schlug wild um sich, ohne etwas von den Schmerzen zu spüren. Aber dann wurden ihm die Arme auf den Rücken gepresst, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Vor seinem zerschundenen, schweißbedeckten Gesicht tauchte die Coltmündung des Hageren auf. Die dunklen Augen des Banditen funkelten gefährlich.

„Noch jeder, der die Hand gegen Jeff Griffin erhob, hat es über kurz oder lang bitter bereut“, fauchte ihm der Halunke ins Gesicht. „Du rettest dein Leben nur noch, wenn du redest. Und zwar fix! Versuch ja nicht, uns ’reinzulegen, du Hundesohn! Wir wissen Bescheid. Wir sind deinem Alten von Carrizozo aus gefolgt. Wir haben beobachtet, dass er in der Stadt überall mit reinen Nuggets bezahlt hat. Wir verschwinden erst, wenn wir das Gold haben, ist das klar?“

Clint lachte schrill auf.

„Schieß doch, du Lump! Schlagt mich doch zusammen! Das ändert nichts an der Wahrheit. Alles war umsonst für euch. Dad und ich lebten hier nicht von Goldsuche, sondern von der Wildpferdjagd. Die Nuggets erhielten wir als Bezahlung für ein paar frisch zugerittene Pferde von einem durchziehenden Goldgräber. Das liegt Wochen zurück.“

Jeff Griff in fluchte und stieß ihm den Coltlauf in den Leib. Der Schmerz drohte Clint zu zerreißen. Er bekam keine Luft. Als die Kerle ihn losließen, brach er zusammen.

„Jeff, zum Teufel, ich fürchte, er sagt die Wahrheit“, keuchte der Kerl, der wie ein Farmer aussah. „Verschwinden wir!“

„Erst wenn dieser Bastard dort ist, wo er hingehört — in der Hölle nämlich!“

Clint hörte das metallische Knacken eines Colthammers schräg über sich. Langsam ließ der Schmerz nach. Clints Blick klärte sich. Vor dem schwarzen Rauchpilz über dem brennenden Trümmerhaufen neigte sich abermals das hagere Banditengesicht über ihn. In Griffins Augen las Clint grausamen Vernichtungswillen.

„Überlegst du’s dir nicht doch noch anders?“, fragte der Verbrecher gepresst.

Clint wollte sich hochstemmen und diesem Schurken ins Gesicht spucken. Aber die Kraft fehlte ihm dazu. Er hatte jetzt keine Angst vor dem Sterben. Aber der Gedanke, dass diese Mörder als freie Männer auf und davon reiten und niemals zur Rechenschaft gezogen würden, war ihm unerträglich.

Von den felsigen Höhen trommelte Hufschlag in die Senke herab.

„Es ist Larry Laredo“, hörte Clint die raue Stimme des Massigen. „He, zum Satan, da stimmt was nicht! Der Junge reitet wie ein Verrückter.“

Clint wandte den Kopf und sah den staubumhüllten Reiter, der sein schnaubendes Pferd auf die Hanken riss. Der Stetson baumelte an der Windschnur auf seinem Rücken. Rotblondes, zerzaustes Haar leuchtete in der grellen New Mexico Sonne. Der Reiter war etwa in Clints Alter, ein junger, drahtiger Kerl, dessen Blick funkelnd in die Runde schweifte. Das fünfte Gesicht, das sich Clint Baxter einprägte — ein neuer Name, den er nie mehr vergessen würde.

„Apachen!“, stieß der Rotblonde atemlos hervor und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Ein ganzes Rudel auf unserer Fährte. Mescaleros. In einer halben Stunde haben wir sie hier.“

„Jake, Bill, her mit den Pferden!“, rief Griffin sofort.

Der Gedrungene rannte los. Der Bullige zögerte und deutete mit dem Gewehr auf den am Boden Liegenden.

„Und was wird mit ihm?“

Jeff Griff ins knochiges Gesicht verzog sich zu einem hinterhältigen Grinsen.

„Er bleibt hier. Seinen Gaul nehmen wir mit. Die Apachen werden sich gerade lange genug mit ihm beschäftigen, damit wir den Vorsprung herausschinden können, auf den es ankommt.“ Der Hüne legte den Kopf in den Nacken und schickte abermals sein schallendes Gelächter durch die hitzeflimmernde Senke. Dann verschwand auch er aus Clints Sichtkreis. Sporengeklirr und Hufgestampfe mischten sich in das dumpfe Tosen des Brandes.

Schwankend richtete sich Clint auf. Er blickte sich nach seinem Revolver um. Die Waffe lag fünf oder sechs Schritt von ihm entfernt im Sand. Clint stolperte los. Als er sich nach der Waffe bückte, fiel der Schatten eines Reiters auf ihn. Clints hochzuckender Blick traf in Jeff Griffins hämisch grinsendes Gesicht. Der Bandit hielt die sechs Patronen aus Clints Revolver auf der offenen Handfläche.

„Grüß die Apachen von mir, Compadre!“, spottete er und ließ die Patronen neben Clint in den Sand klatschen. Dann wendete er mit hartem Zügeldruck sein Pferd und preschte zu den anderen hinüber, die am Senkenrand ungeduldig auf ihn warteten.

Clint starrte ihnen mit brennenden Augen nach, bis sie zwischen den zerklüfteten Felsen auf dem Senkenrand verschwunden waren. Das dumpfe Hufgetrappel wurde von der Weite des öden, sonnenversengten Landes verschluckt. Die Einsamkeit und die Nähe des Todes wurden zu einer Last, die Clint das Atmen erschwerten. Er sank auf die Knie und griff nach dem Revolver.

Clint lehnte sich erschöpft gegen einen sonnenheißen Felsen. Die Beine trugen ihn kaum noch. Es gab keine trockene Faser mehr auf seinem Körper. Das Laufen mit den hochhackigen Cowboystiefeln auf dem felsigen Grund war eine einzige Qual. Die Sonne stand hoch im Zenit und schleuderte ihre Feuerpfeile erbarmungslos auf ihn herab. Clint hatte keine Ahnung, wieviel Meilen er bereits in diesem Labyrinth aus Felsmassiven, steinigen Schluchten und staubigen Mulden zurückgelegt hatte. Er wusste nur, dass er eine deutliche Fährte hinterlassen hatte und den Verfolgern auf die Dauer nicht entkommen konnte.

Alles in ihm wehrte sich gegen diesen Gedanken. Wieder tastete seine vor Anstrengung zitternde Hand nach dem Revolverknauf, der aus seinem Hosenbund ragte. Sechs Patronen — mehr konnte er den bronzehäutigen Kriegern auf seiner Spur nicht entgegensetzen. Sechs Patronen und die wilde Entschlossenheit, sich bis zum letzten Atemzug seiner Haut zu wehren.

 

 

2

Clint stieß sich taumelnd von dem Felsen ab. Sein Blick suchte nach einem Schlupfwinkel, wo er sich verschanzen konnte. Da sah er den huschenden Schatten zwischen den Sandsteinblöcken. Ein silberner Strich flirrte durch die Luft.

Clint ließ sich fallen, wo er gerade stand. Ein rotgefiederter Pfeil klatschte gegen den Felsen. Der 38er Remington Revolver glitt Clint wie von selber in die Faust. Clint stieß sich um die eigene Achse. Dort, wo er eben noch gelegen war, bohrte sich ein zweiter Pfeil mit zitterndem Schaft in die ausgetrocknete Erde. Nur zehn Schritt von Clint entfernt sprang eine geduckte braunhäutige Gestalt hinter einem Felsklotz hervor.

Clint feuerte. Der Remington bäumte sich brüllend in seiner Faust.

Der Indianer richtete sich kerzengerade auf, verharrte einen Sekundenbruchteil in dieser Haltung und sackte im nächsten Moment lautlos zusammen. Es war wie ein Signal, das die Schatten zwischen den Felsen lebendig werden ließ. Ein kehliger Schrei schallte. Dann sah Clint überall rennende, huschende, von Deckung zu Deckung springende Feinde. Gewehrläufe und Pfeilspitzen schleuderten Strahlenreflexe. Aber nirgends rollten Steine, nirgends rieselte Sand. Dieser lautlose, raubkatzenhafte Angriff war unheimlicher als das mörderische Toben.

Clint suchte Schutz hinter einem abgerundeten Felsbuckel und schoss wieder, diesmal zu hastig. Die Kugel fauchte ins Leere. Clint jagte den nächsten Schuss hinterher, und ein Apache taumelte in den Schatten zwischen den Klippen und Felstürmen zurück. Die anderen schwärmten wie ein Wolfsrudel aus. Sie waren nicht aufzuhalten. Ein Hagel aus Kugeln und Pfeilen überschüttete Clints Deckung. Und in seiner Revolvertrommel steckten nur noch drei Patronen.

„Nein!“, keuchte Clint. „Nein, zum Teufel, ihr sollt mich nicht bekommen.“

Er kroch hinter seiner Deckung ein Stück tiefer zwischen die Felsen, sprang auf und begann zu laufen. Jetzt erst brandete hinter ihm wüstes Geheul auf. Die Hölle schien aufgebrochen. Eine Serie von Detonationen peitschte hinter dem Flüchtenden her. Das Echo wogte donnernd zwischen den Felsflanken der Sacramento Mountains.

Clint, den Revolver in der Faust, warf einen Blick über die Schulter. Auf dem tiefer gelegenen Gelände hinter sich sah er sie in breiter Linie heranhetzen. Das waren mindestens ein Dutzend Krieger, die zu den gefährlichsten Guerillakämpfern der Welt zählten. Männer, die Hunger und Elend aus ihrer Reservation getrieben und die jedem Weißen den Tod geschworen hatten. Jedes Wort, jede Beteuerung musste in ihren Ohren wie blanker Hohn klingen. Ihr Hass war grenzenlos — der gleiche Hass, den Clint gegen die Mörder seines Vaters empfand.

Nach Atem ringend kämpfte er sich einen sandigen Hang hinauf. In seinen Lungen stach es. Der Schweiß biss salzig auf seinen rissigen Lippen. Vor ihm traten die Felsen plötzlich auseinander. Deckungslose Felsfläche dehnte sich vor ihm. Drüben türmten sich mächtige Steinbarrieren gen Himmel. Aber ehe Clint sie erreichen konnte, würden ihn die Geschosse der Apachen niederstrecken.

Clint blieb stehen. Vor Anstrengung war ihm regelrecht schlecht. Das Herz klopfte ihm bis in die Kehle. Das Gewicht des 38ers in seiner Rechten schien sich verdoppelt zu haben.

Clint drehte sich um. Er war viel zu ausgebrannt und verzweifelt, um sich nochmals nach einer schützenden Deckung umzusehen. Er packte den Revolver mit beiden ausgestreckten Händen und visierte den vordersten Verfolger an. Der hatte den Fuß des Hanges unter Clint erreicht. Ein gutturaler Warnschrei schallte. Da spuckte Clints Schießeisen schon Feuer und Rauch. Der Apache wurde zurückgestoßen, gegen einen Felsklotz getrieben, und an diesem rutschte er langsam nieder.

Die Indianer schickten Kugeln und Pfeile zu dem Weißen herauf. Aber in Clints kantigem, sonnengebräuntem Gesicht bewegte sich kein Muskel. Die qualmende Revolvermündung suchte ohne Hast nach dem nächsten Ziel. Clint traf einen Apachen, der sich nicht mehr rechtzeitig genug in Deckung werfen konnte. Ein Pfeil schlitzte Clints Hemd auf. Aber die kalte, maskenhafte Starre,

die sein Gesicht bedeckte, schien ihm bis ins Innerste gedrungen zu sein,

Erst das wilde Prasseln von Hufen dicht hinter ihm riss ihn herum. Er riss den Revolver hoch, entschlossen, die letzte Kugel dem Gegner mitten in den Kopf zu schießen. Dann begann die unheimliche Ausdruckslosigkeit auf seiner Miene zu zerbröckeln.

Ein Weißer saß da vor ihm auf einem schweißbedeckten, nervös tänzelnden Pferd. Es war ein großer, breitschultriger Mann, ganz in fransenverziertes Leder gekleidet. Zu seinem wettergegerbten braunen Gesicht boten die blauen Augen einen leuchtenden Kontrast. Der Fremde hielt die Kolbenplatte eines kurzläufigen Henrykarabiners auf seinen Oberschenkel gestemmt.

„Herauf zu mir!“, rief er Clint mit staubheiserer Stimme zu. „Los, nichts als weg hier!“

Clint war mit zwei, drei Sprüngen bei ihm. Aber anstatt sich hinter ihm auf den hochbeinigen Falben zu schwingen, entriss Clint ihm das Gewehr.

Clint stürzte geduckt zum Plateaurand zurück, lud den Karabiner durch, und dann brach ein hämmerndes Stakkato von Schüssen aus der Waffe. Es hörte sich an wie das Knattern einer Gatling Kanone. Pulverdampf umhüllte die schlanke Gestalt des jungen Mustangjägers. Er presste den Gewehrkolben gegen die Hüfte und streute blitzschnell repetierend den Hang und die Felsen darunter mit Kugeln ab. Die Apachen prallten schreiend zurück.

„Junge, zum Teufel, spiel nicht verrückt, wenn du deinen Skalp behalten willst!“, keuchte die Stimme des Fremden dicht neben Clint. Eine harte Faust krallte sich um seine Schulter. Der Ledergekleidete hatte sich halb aus dem Sattel zu Clint herabgebeugt.

Clint fuhr halb herum. Die Wildheit auf seiner Miene war erschreckend. Das war das Gesicht eines Mannes, der von jetzt an seinen Weg nur noch durch Pulverrauch und Mündungsfeuer gehen würde. Der Fremde zog seine Hand zurück, als hätte er glühendes Eisen berührt.

Da glättete sich Clints Miene. Für etliche Atemzüge sah er wieder wie der Junge aus, der noch nie seine Waffe gegen einen Menschen erhoben hat.

„Schon gut, Mister, verschwinden wir!“ Er reichte dem Ledergekleideten das Gewehr zurück und zog sich hinter ihm auf den Falben.

Unterhalb des Felsplateaus schwirrten kehlige Rufe durcheinander. Kein Schuss fiel mehr. Die Indianer rannten zu ihren Mustangs.

Der Fremde wendete sein Pferd und drückte ihm die Hacken an. Der Gaul schnaubte widerwillig unter der doppelten Belastung. Dann aber zeigte er, wieviel Kraft und Zähigkeit in ihm steckten. Sein Körper streckte sich. Die Hufe trommelten den alten, wilden Rhythmus vom Jagen und Gejagt werden. Die Felstürme jenseits der Hochfläche flogen Clint und seinem Helfer entgegen. Erst in ihrem Schatten zügelte der Breitschultrige das prustende Tier.

Er stieß mit den Fingerspitzen den Stetson aus der Stirn und spähte den Weg zurück. Das Plateau lag wie ausgestorben unter der glühenden Sonne. Die Apachen waren wie vom Erdboden verschluckt. Das verwitterte Gesicht des Mannes zeigte ein schmales, grimmig wirkendes Lächeln.

„Es wäre unser größter und letzter Fehler, wenn wir glaubten, dass die Kerle es bereits aufgegeben haben. Da wartet noch ein harter Ritt auf uns, Amigo. Übrigens, ich bin Tom Jackson. Die Rauchsäule und die Schüsse haben mir den Weg gewiesen.“

Clint murmelte seinen Namen.

„Sie haben eine Menge für mich riskiert“, fügte er hinzu. „Ohne Ihr Eingreifen würde ich jetzt nicht mehr leben.“

Jacksons Lächeln wurde breiter.

„Wart’s nur ab, Junge! Du wirst noch genug Gelegenheit bekommen, deine Schuld bis zum letzten Cent abzutragen. Ich werde es dir nicht ersparen können.“

Eine Stunde später bog der müde trottende Falbe um eine Felsecke, und Clint Baxter sah in die Mündung eines schussbereiten Spencergewehrs. Das schmale Gesicht darüber wurde von einer Flut seidigen dunkelbraunen Haares umrahmt. Es war ein Gesicht mit großen hellgrauen Augen, roten, verlockend geschwungenen Lippen und einem kleinen festen Kinn. Das Mädchen war nicht älter als neunzehn. In dieser Wildnis aus Felsen, Sand und Dornengestrüpp wirkte es wie ein Wesen aus einer anderen Welt.

Jackson hob eine Hand.

„Alles in Ordnung, Miss Nelly. Das ist Clint Baxter. Die Apachen waren hinter ihm her, aber ich machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Baxter ist genau der Mann, den wir brauchen, um übermorgen in Carrizozo zu sein. Und von dort ist es nicht mehr weit zu Ihrem Ziel. Baxter, das ist Miss Nelly Clayfield.“

Das Gewehr sank herab. Aber die Anspannung auf dem hübschen Mädchengesicht löste sich nur zögernd. Jackson ritt weiter bis zum Planwagen, der am Fuß einer riesigen Felsmauer stand. Daneben glühte ein Kochfeuer. Am gusseisernen Dreibein brodelte Kaffeewasser in einem Topf. Mehrere Pferde drängten sich in einer Seilumzäunung. Jackson saß ab, trat an den Wagen und schlug die Leinwand hoch.

„Na, Slocum, wie geht’s, alter Peitschenschwinger?“

Drinnen zwischen Kisten und Fässern stemmte sich ein grauhaariger, bärtiger Mann, der auf einem Deckenlager ruhte, auf die Ellenbogen. Der Wulst eines dicken Verbandes zeichnete sich unter seinem verschwitzten Hemd ab. Seine Stimme klang rostig vor Schmerz und Anstrengung.

„Machen Sie mal nähere Bekanntschaft mit einem verdammten Apachenpfeil, Jackson!“ Sein fiebrig flackernder Blick heftete sich auf Clint, der an Tom Jacksons Stelle in den Sattel gerückt war. „Wer ist das?“

Jackson drehte sich lächelnd halb zu Clint herum.

„Dein Ersatzmann, Old Slocum. Der Mann, der an deiner Stelle Miss Nellys Wagen nach Carrizozo lenken wird. Nicht wahr, Baxter?“

Clints Haltung versteifte sich. Er dachte an die fünf Männer, die inzwischen viele Meilen entfernt im Westen ritten.

„Wenn Sie das mit der Begleichung meiner Schuld meinten, Jackson, dann muss ich Sie enttäuschen.“

Der verwundete Oldtimer auf dem Conestoga Wagen stieß einen Krächzlaut aus, der sich nach einem Fluch anhörte. Jacksons Lächeln verflog. Seine blauen Augen wurden spalteng. Er wandte sich Clint voll zu. Seiner Stimme fehlte jede Freundlichkeit.

„Damit es klar ist, ich würde kein Wort über die Sache verlieren, wenn es nur um mich ginge. Baxter, zum Kuckuck, willst du eine junge Lady mitten in der Wildnis sitzenlassen, in der es vor skalphungrigen Rothäuten wimmelt? Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“

„Miss Clayfield hat ja Sie, Jackson.“

„Ein Mann auf dem Wagen und einer auf dem Pferd, der die Augen offenhält. Wir teilen uns in den Job, Baxter. Miss Nelly hat Slocum und mich angeworben, sie und den Wagen über die Berge zu bringen. Und, verflucht noch mal, das werden wir auch.“

„Tut mir leid, Jackson — ohne mich!“, sagte Clint mit Überwindung. Er vermied es, sich nach dem Mädchen umzudrehen. Er wusste, dass er den Blick aus diesen klaren grauen Augen nicht würde ertragen können. Aber wenn er an die Fährte der fünf Mörder dachte, gab es überhaupt keinen Zweifel mehr für ihn. Er spürte, wie die Hitze des Jagdfiebers von ihm Besitz ergriff. Jede Minute in diesem Camp kam ihm nur noch wie Verschwendung vor.

Jackson ging langsam und schwergewichtig auf ihn zu. Sein Gesicht war hart und kantig.

„Ich habe meinen Preis im Voraus bezahlt, mein Junge.“

„Niemand hat Sie darum gebeten. Im Übrigen — ich bin nicht Ihr Junge!“

„Das Pferd, auf dem du sitzt, gehört nicht dir. Zu Fuß wirst du hier nicht weit kommen. Baxter, Menschenskind, sei vernünftig, du hast gar keine andere Wahl, als ...“ Clint griff in die Hemdbrusttasche. Die Dollarscheine darin waren sein letzter Besitz, der Erlös des letzten Pferdeverkaufs in Carrizozo. Die Erinnerung daran war wie der Traum von einer unwirklichen Welt. An dem Geld klebten der Schweiß und die harte Arbeit von Wochen. Die Banditen hatten nur an das Gold gedacht, das es gar nicht gab — nicht daran, Clints Taschen durchzuwühlen. Clint ließ die Dollarnoten vor Tom Jackson auf die Erde flattern.

„Genug für das Pferd, das Gewehr und den Inhalt der Satteltaschen. Versuchen Sie mich nicht zu halten, Jackson! Vielleicht ergibt sich ein andermal die Gelegenheit, über offene Schulden zu sprechen.“

„Jetzt und hier!“, knurrte Jackson grimmig und senkte die Rechte auf den Coltknauf.

Clint war schneller. Es war eine Schnelligkeit, die er sich mit einem Leben in der Wildnis und der Jagd auf flinke Mustangs erworben hatte. Jetzt erwies sie sich als die Schnelligkeit eines gefährlichen, entschlossenen Revolvermannes. Jackson erstarrte, als plötzlich die Mündung von Clints 38er auf ihn gerichtet war. In den Kammern des Revolvers steckte noch eine Patrone.

„Nehmen Sie das Geld, Jackson!“, befahl Clint schneidend. Er war dabei, die letzten Brücken hinter sich abzubrechen. Vielleicht wartete nicht nur die Hetzjagd auf fünf skrupellose Verbrecher auf ihn. Vielleicht würde er dann immer der Mann mit dem schnellen Colt bleiben müssen, der nirgends mehr Ruhe und Frieden finden würde. Clint kämpfte die Zweifel in sich nieder.

Jacksons Blick geisterte an ihm vorbei. Der große, breitschultrige Mann straffte sich.

„Also gut, spielen wir nach deinen Regeln, Baxter — nach den Regeln eines Revolverschwingers. Sieh dich um, Baxter! Miss Nellys Gewehr zielt auf dich. Ich garantiere dir, sie wird nicht danebenschießen.“

Clint lächelte nur. Es war ein Lächeln, das ihn fremd, hart und wesentlich älter wirken ließ, als er tatsächlich war.

„Das wäre für uns beide schlimm, Jackson. Denn so viel Zeit, den Finger zu krümmen, bleibt mir immer noch. Auch mit einer Kugel im Rücken!“

„Lassen Sie ihn reiten, Jackson!“, meldete sich zum ersten Mal das Mädchen mit herber Stimme. „Er ist es nicht wert, dass Sie auch nur noch ein Wort an ihn vergeuden. Er ist einer von denen, die nur an sich selber denken können. Sie reden in die Luft, Jackson. Baxter, reiten Sie! Ich werde nicht schießen.“

Ihre Verachtung traf Clint. Aber er beging nicht den Fehler, Jackson jetzt aus den Augen zu lassen. Jackson wartete nur darauf. Jackson war erfahren und kaltblütig genug, jede Chance zu nutzen, die sich ihm bot. Er war ganz der Mann, der als Freund und Partner unbezahlbar war. Für ein einmal gegebenes Versprechen würde er bis in die Hölle reiten — und zweifellos hatte Nelly Clayfield sein Wort.

Zwei Sekunden wartete Jackson reglos. Dann, als Clints Haltung sich nicht veränderte, zog er die Hand von der Waffe. Ein bissiger Zug kerbte sich um seine Mundwinkel. Er zuckte die Achseln und bückte sich nach den Geldscheinen. Clint wollte den Falben zur Seite lenken. Im nächsten Moment fühlte er sich von Jacksons Fäusten wie mit Stahlklammern am Bein gepackt. Der Fuß wurde ihm aus dem Steigbügel gerissen, ein Ruck — und Clint kippte auf der anderen Pferdeseite aus dem Sattel. Der Aufprall war dumpf und hart. Erschreckt wiehernd sprang der Falbe zur Felsmauer hinüber. Wie aus weiter Ferne hörte Clint den halb erstickten Aufschrei des Mädchens.

Dann fiel Jacksons klobiger Schatten über ihn. Clint wirbelte zur Seite, und Jacksons Angriff verfehlte ihn. Jackson krachte neben ihm zu Boden. Clint federte hoch. Der breitschultrige, ältere Mann war schneller und geschmeidiger, als Clint gerechnet hatte. Vom Boden aus schnellte er auf Clint zu. Seine Schultern trafen Clint wie ein Rammbock. Clint stürzte auf den Rücken.

Er hatte den Revolver verloren. Jackson warf sich auf ihn. Doch Clint zog die Beine an, zwängte, sich auf die Knie zwischen sich und den massiger gebauten Gegner und schleuderte ihn zurück. Diesmal verlor Clint keine Zeit damit, sich aufzurappeln und wieder Jacksons Ansturm abzuwarten. Er hatte keine Lust und keine Zeit mehr, sich auf einen Faustkampf mit dem sturen Mann einzulassen. Clint rollte sich blitzschnell bis zu seinem Revolver. Seine Faust mit der kaltschimmernden Waffe stieß hoch.

„Genug, Jackson, du Narr!“

Jackson war bis auf wenige Schritte heran. Er sah aus, als würde er seinen wütenden Angriff nicht mehr bremsen.

Da war Nelly Clayfield bei ihm. Sie klammerte sich an dem breitschultrigen Mann fest.

„Jackson, dieser Revolverschwinger wird Sie töten. Lassen Sie ihn!“

Jackson atmete tief durch. Er spuckte aus. „Verschwinde, Baxter!“

Clint erhob sich. Die Waffe in seiner Faust war wie ein Symbol für den Weg, den er eingeschlagen hatte. Es gab kein Zurück mehr. Vorsichtig bewegte er sich rückwärts zu dem Pferd, das an der Felswand nicht mehr ausweichen konnte. Er legte eine Hand auf den Sattel.

„Ich bin sicher, du schaffst den Weg nach Carrizozo auch ohne mich, Jackson. Ich werde eine deutliche Fährte für die Apachen zurücklassen und versuchen, sie von euch abzulenken. Mehr kann ich nicht für euch tun. Wenn ich sage, dass es mir leidtut, dann rede ich das nicht bloß so daher. Aber wie du deine Aufgabe hast, Jackson, so habe ich meine: die Jagd auf Jeff Griffin und seine Mörderbande.“

Er war überrascht, als sich Jacksons Gesicht schlagartig aschgrau färbte. Dicke Schweißtropfen glänzten plötzlich auf Jacksons Stirn. Mit einem harten Ruck schob er Nelly zur Seite.

„Griffin?“, keuchte er. „Baxter, was redest du da?“

„Kennst du den Bastard? Er und seine Freunde haben meinen Vater ermordet. Erinnerst du dich an die Rauchsäule, Jackson? Sie stammt von dem Blockhaus, in dem ich mit meinem Vater lebte. Es liegt erst Stunden zurück. Die Fährte der Halunken ist noch zu frisch.“

Jackson kam auf ihn zu, ohne sich noch um den angeschlagenen Revolver in Clints Faust zu kümmern. Er packte Clints Schultern.

„Wer war bei ihm?“

Clint zog die Augenbrauen hoch.

„Kennst du ihn so gut, Jackson?“

Jacksons Augen funkelten. „Jeff Griffin ist ein Kerl wie reines Gift! Wenn ich jemand in die Hölle wünsche, dann ihn! Wer war bei ihm? Antworte!“

„Vier Kerle, von denen ich jeden an den Galgen schleppen werde. Der eine war der typische Revolvermann und Kartenhai. Ein Bursche wie ein Tiger.“

„Cole Eagan!“, nickte Jackson heftig.

„Dann war da noch ein Bulle von Mann und einer, der wie ein Farmer aussah — bis auf den Revolver an seiner Seite.“

„Grizzly Bill Bowman und Missouri Jake! Und der letzte?“ Aus irgendeinem Grund fieberte Jackson der Antwort entgegen. Alles andere um sich schien er vergessen zu haben.

Clint zuckte die Achseln. Sein Gesicht wurde wieder zu der Maske, hinter der er die Qual der Erinnerung zu verbergen versuchte.

„Was soll’s? Der vierte von Griffins Komplizen war ein Kerl in meinem Alter. Die anderen nannten ihn Larry Laredo. Und jetzt lass mich in Ruhe! Wir haben genug Zeit vertrödelt. Bring du den Wagen nach Carrizozo — ich kümmere mich um die Griffin Bande.“

Jackson schluckte, wich von ihm zurück und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Für ein paar Sekunden sah er wie ein alter, müder Mann aus. Clint begrub seinen Groll gegen ihn. Dieser Mann, dem er sein Leben verdankte, schleppte vielleicht eine ähnliche Last mit sich herum wie er selber. Jackson rührte sich nicht, als Clint sich aufs Pferd schwang. Erst als die Hufe lospochten, ruckte Jacksons Kopf hoch, und seine Augen brannten sich an Clint fest.

„Du ahnst nicht, worauf du dich einlässt, Baxter. Diese fünf Männer sind wie reißende Wölfe, mit denen kein Einzelner fertig wird. Reite mit uns nach Carrizozo, dann nehmen wir die Jagd gemeinsam auf.“

„Vielleicht ist es dann längst zu spät“, erwiderte Clint kopfschüttelnd. „Nichts zu machen, Jackson. Sie gehören mir! Mir allein! Und wenn ich sie bis hinauf nach Alaska hetzen müsste — ich kehre erst um, bis der Letzte bezahlt hat. Adios, alle miteinander.“

Der Falbe gehorchte dem Druck seiner Hacken und peitschte los. Staub wellte über den Lagerplatz. Als er sich verzog, war der Reiter auf dem Weg ins Ungewisse verschwunden.

 

 

3

Es ging schon auf Mitternacht zu, als der einsame, staubbedeckte Reiter fünf Tage später in die kleine Stadt Three Forks am Fuß der Zuni Mountains einritt.

Clint Baxter zügelte seinen müden Falben beim Tränketrog, stieg ab und schlang die Zügel lose um den Querbalken. Die Stufen zur Saloonveranda ächzten unter seinem Gewicht. Bevor Clint die Türflügel auseinanderstieß, rückte er mit einer unbewussten Bewegung den Revolvergurt zurecht. Es war die eingefleischte Bewegung des echten Revolvermannes, der auf Schritt und Tritt bereit ist, sein Leben mit dem Colt in der Faust zu verteidigen.

Dann atmete Clint die stickige, vom Tabaksqualm gesättigte Saloonluft ein. Zu dieser späten Stunde war nur noch ein Tisch in der Ecke besetzt. Dort wurde unentwegt gepokert. Der hemdsärmelige fette Keeper lehnte an einem Stützpfeiler und schaute gespannt zu. Die Männer blickten bei Clints Eintreten nur flüchtig auf und widmeten sich dann wieder voll und ganz den Karten.

Aber Clint gab es einen Stich in der Herzgegend. Die Strapazen des Fünf-Tage-Rittes durch Staub und glühende Hitze waren wie weggewischt. Für einige Sekunden kostete es Clint alle Mühe, die Maske kühler Gleichmütigkeit weiter zur Schau zu tragen. In dieser Spanne hafteten seine unter der Stetsonkrempe verborgenen Augen an einem der Spieler, der gerade mit flinken Fingern die Karten von Neuem austeilte.

Cole Eagan, der Revolverschwinger und Kartenhai! Jetzt war er nicht mehr der verwilderte Mann, der wochenlang kein festes Dach über den Kopf bekommen hatte. Jetzt trug er einen eleganten dunklen Tuchanzug, weißes Hemd und Kragenschleife. Sein hartliniges Gesicht war glattrasiert. Die schwarzen Jettaugen schienen keinen Moment zur Ruhe zu kommen. Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen schmallippigen Mund — das Lächeln des Gewinners. Seine Hände bewegten sich mit einer Geschicklichkeit, die schon an Zauberei grenzte, Hände, die nicht nur mit den Karten umzugehen verstanden, sondern auch mit dem Schießeisen, das sich unter der Anzugsjacke abzeichnete.

Neben Eagan saß eine schlanke schwarzhaarige Schönheit. Der tiefe Ausschnitt ihres hautengen Saloonkleides war ein Blickfang für jeden Mann. Ihre Formen waren atemberaubend, ihr Gesicht eine Spur zu grell geschminkt. Das pechschwarze Haar war zu einer kunstvollen Frisur hochgetürmt. Eine Perlenkette glänzte an ihrem schlanken weißen Hals. Sie hatte eine ringgeschmückte Hand auf Eagans Schulter gelegt und blickte ihm interessiert in die Karten, die er nun auseinanderfächerte.

 

 

4

Cole Eagan hatte, wie die anderen, Clint nur einen kurzen Blick zugeworfen, ihn jedoch nicht erkannt. Als Clint an die messingbeschlagene Theke trat und sich im Spiegel über dem Flaschenregal sah, wusste er auch warum. Er hatte kaum noch etwas mit dem jungen Sohn des Mustangfängers aus den Sacramento Mountains gemeinsam. Er war abgemagert wie ein ruhelos auf einer Fährte streifender Wolf. Ein staubverfilzter, dichter Stoppelbart umrahmte sein hartes, knochiges Gesicht. Der alte, verwaschene Militärmantel, den er in Tom Jacksons Sattelrolle gefunden hatte, hing ihm lose von den Schultern.

Der dicke Keeper beeilte sich, watschelnd hinter die Theke zu kommen. Sein freundliches Grinsen war nicht mehr als eine Grimasse. Dabei schielte er dauernd zu den Pokerspielern hinüber.

„Was darf’s sein, Mister?“

„Whisky.“

„Selbstverständlich, Mister. Macht einen halben Dollar.“

Clint lebte seit fünf Tagen von dem Proviant in Jacksons Satteltaschen und von der Jagd. Er besaß keinen Cent mehr.

„Eagan bezahlt“, sagte er gelassen und blickte dabei in den Barspiegel.

Am Pokertisch war es auf einmal still. Clint sah die Blicke der Männer und der schwarzhaarigen Frau auf seinen Rücken gerichtet. Cole Eagan nahm die ringgeschmückte Hand der Frau von seiner Schulter und schob langsam den Stuhl zurück. Das Kratzen auf den ungehobelten Dielen war das einzige Geräusch im Saloon. Clints und Eagans Blicke begegneten sich im Spiegel. Der sehnige, dunkelgekleidete Verbrecher erkannte den Mann aus den Sacramento Mountains immer noch nicht.

Die anderen drei saßen wie erstarrt auf ihren Stühlen. Es waren kaltäugige, drahtige Gestalten, die mit Eagan eins gemeinsam hatten: die auffällig tief gehalfterten Revolver. Clint stufte sie als Eagans Freunde ein. Aber das zählte nicht für ihn.

Alles, was zählte, war die Tatsache, dass er den ersten der fünf Mörder gestellt hatte. Dabei hatte er die Fährte bereits vor zwei Tagen mitten in einem Staubsturm verloren. Von da an war er nur noch seinem Instinkt gefolgt, dem Instinkt eines zweibeinigen Wolfes, den nichts mehr von der Spur abschütteln kann, in die er sich einmal verbissen hat.

Eagan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, dass die Anzugsjacke vorn auseinanderglitt und der elfenbeinbeschlagene Knauf seines Revolvers sichtbar wurde. Eagan lächelte schief.

„He, Mister, wie komme ich dazu?“ Clint nahm dem Salooner die bauchige Flasche aus der Hand und goss sich selber ein Glas voll. Mit dem Glas in der Hand wandte er sich langsam dem Ecktisch zu. Jetzt lächelte er ebenfalls. In seinen Augen jedoch spiegelte sich die Kälte, die sein ganzes Inneres ausfüllte. Jetzt, in seiner ersten entscheidenden Stunde als Menschenjäger, war die heiße Erregung abgeklungen. Jetzt war Clint Baxter ganz Ruhe, Konzentration und eisige Entschlossenheit.

„Schulden, Eagan“, sagte er leichthin. „Der Kassierer ist da, und nicht nur der Whisky geht auf deine Rechnung.“ Er leerte das Glas mit einem Zug. Als er es auf die Theke zurückstellte, sprang Cole Eagan so wild auf, dass sein Stuhl auf die Bretter knallte.

„Wer bist du, zum Teufel?“

Clint antwortete nicht. Seine Stiefelabsätze pochten zwischen den Tischreihen quer durch den Saloon. Eagans Pokerpartner tauschten einen bedeutsamen Blick. Dann erhoben sie sich schnell und lautlos und wichen an die Bretterwand zurück. Auch die schwarzhaarige Saloonlady stand auf, blieb aber neben ihrem Platz. Mit jedem Yard, den Clint näher kam, krümmte sich Eagans sehnige Gestalt mehr zusammen. Seine schlanke, nervige Hand kroch zum Revolverkolben. Eagans Augen glühten gefährlich.

Clint blieb am Tisch stehen. Spielkarten waren über die mit dunkelgrünem Samt bespannte Platte verstreut. Vor Eagans Platz türmte sich ein Stapel Münzen und Geldscheine.

„Ihr habt mein Pferd mitgenommen“, sagte Clint ruhig. „Ich bekomme vierzig Dollar dafür.“

Die Lampe über dem Spieltisch schien ihm jetzt mitten ins Gesicht. In Eagans Augen blitzte es auf. Einen Moment hielt er die Luft an. Dann keuchte er: „Keine Ahnung, wovon du redest.“

„Wirklich?“, dehnte Clint. „Hast du das Gold aus den Sacramento Mountains schon vergessen? Wo sind die anderen, Eagan?“

Cole Eagans Gesicht verzerrte sich. Die Finger seiner Rechten zuckten über dem Revolverknauf. „Geh zum Teufel, du verdammter Satteltramp! Hast du noch immer nicht genug? Willst du unbedingt eine Kugel zwischen die Augen?“

„Erst einmal will ich die vierzig Dollar für mein Pferd. Dann reden wir weiter.“

„Mit den Colts in den Fäusten, ja!“, krächzte der Spieler höhnisch.

Der Kopf der Frau flog zu ihm herum. Ihre Stimme klang schrill.

„Cole, keinen Fehler! Sieh ihn dir genau an, Cole! Das ist ein Revolvermann, wie er im Buch steht. Vorsicht, Cole! Gib ihm die vierzig Bucks!“

„Revolvermann!“, lachte Eagan hämisch. „Ein lausiger Lassoschwinger und Pferdejäger, den der Größenwahn gepackt hat! So sieht die Wahrheit aus. Gleich werde ich ihn auf die richtige Größe zurechtstutzen. Geh zur Seite, Elena!“

„Cole, für vierzig Dollar lohnt sich dieses Risiko nicht. Sei vernünftig, Cole!“ In der Stimme der Frau zitterte echte Besorgnis.

Eagans Blick war an dem reglos verharrenden, staubbedeckten Mann festgebrannt.

„Er will mehr als die vierzig Bucks! Viel mehr! Der verdammte Narr, dabei wird er sich nichts weiter als den Tod holen. Elena, tu, was ich dir sage! Zur Seite mit dir!“

Einer von Eagans Pokergefährten packte die Schwarzhaarige am Arm und zog sie zur Wand zurück. Ein verzerrtes Lächeln geisterte um Cole Eagans dünne Lippen.

„Well, Mustangjäger, hol dir deine vierzig Dollar!“

Clint hatte lediglich den staubbedeckten, zerschlissenen Militärmantel zurückgeschlagen, damit der Revolver in dem tiefhängenden Holster freilag.

„Wo sind die anderen?“, wiederholte er eisig. „Jeff Griffin? Grizzly Bill Bowman? Missouri Jake? Larry Laredo?“

Bei jedem Namen zuckte Eagan unmerklich zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass Clint bereits so gut über seine Kumpane Bescheid wusste. Der Schimmer flüchtiger Unsicherheit tauchte in seinen Augen auf. Aber dann lachte er schon wieder höhnisch.

„Frag den Teufel nach ihnen, Spürhund!“

Seine Rechte bewegte sich schnell wie eine zustoßende Klapperschlange. Wie hingezaubert lag der Revolver in seiner hochzuckenden Faust. Die brüllende Detonation drohte den Saloon zu sprengen. Ein fußlanger Blitz raste über den Spieltisch. Dahinter wurde Eagans wild verzerrtes Gesicht von einem Pulverwölkchen verschleiert. Alle warteten auf das Zusammenbrechen von Eagans Gegner. Doch Clint stand nicht mehr dort, wo er eben noch gewesen war. Eagans Kugel zerschmetterte eine Flasche im Regal hinter der Theke. Der Keeper stieß einen erschrockenen Schrei aus, als ihm plötzlich die Scherben um den Kopf flogen.

Im Seitwärtsgleiten brachte Clint nun ebenfalls das Eisen heraus. Sein Schuss donnerte noch in das Krachen von Eagans Revolver hinein. Der sehnige Verbrecher konnte kein zweites Mal ab drücken. Er ließ die rauchende Waffe fallen, presste beide Hände gegen den Leib und brach mit einer halben Drehung zusammen.

Die Frau stieß einen spitzen Schrei aus.

„Cole!“ Sie riss sich von dem Mann los, der sie festhielt, und stürzte zu dem Getroffenen. „Cole! Um Himmels willen, Cole!“

Schluchzend warf sie sich neben ihm auf die Knie. Sie umklammerte seine Schultern, presste ihre Wange gegen sein Gesicht. Eagan lag auf dem Rücken und atmete schwer. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor. Die Wildheit auf seiner Miene war dahin. Über die zuckende Schulter der Frau starrte er mit flackernden Augen zu dem Mann hoch, der jetzt langsam näher trat.

Clint Baxters steinernes Gesicht wirkte unheimlich. In seinem Blick gab es kein Bedauern, als er auf Eagan hinabschaute.

„Rede!“, forderte er kalt. „Wo sind die anderen vier? Ihr habt euch getrennt, nicht wahr? Sag mir, wo ich die anderen finde! Du hast nicht mehr viel Zeit, Eagan.“

Eagans ausgetrocknete Lippen bewegten sich. Es dauerte eine Weile, bis ein Wort zu hören war. „Diesmal hast du nur Glück gehabt, Mustangjäger. Beim nächsten Mal wirst du dich dafür verfluchen, dass du dich auf unsere Fährte gesetzt hast. Die Jungs werden dich ...“ Seine Stimme wurde zu einem Hauch und verwehte schließlich.

„Wo sind sie?“, wiederholte Clint peitschend. Er konnte an nichts anderes mehr denken. Das Jagdfieber war wieder da, die brennende Rastlosigkeit, die ihn nicht mehr loslassen würde, bis er den letzten Mann der Griffin-Bande gestellt hatte.

Eagans Augen begannen sich zu trüben.

„Missouri Jake ... in San Miguel ... sechzig Meilen nördlich von Carrizozo. Jeff, Bill und Larry sind weitergeritten nach ...“ Eagans Kopf rollte zur Seite. Er atmete nicht mehr.

Clint hatte sich unwillkürlich tiefer hinabgebeugt und wie gebannt auf Eagans Lippen gestarrt. Jetzt richtete er sich langsam auf. Plötzlich spürte er die Müdigkeit wie mit Bleigewichten an seinen Armen und Beinen. Ein schaler Geschmack füllte seine Mundhöhle. Der erste der fünf Mörder war tot. Aber Clint konnte weder Triumph noch Genugtuung empfinden. In seinen Ohren hallten Eagans letzte Worte nach. Missouri Jake in San Miguel!

Seine Gedanken versuchten sich auf dieses neue Ziel zu konzentrieren. Doch insgeheim wusste er, dass er von jetzt an eine neue Erinnerung sein Leben lang mit sich herumtragen würde: das Bild dieses Mannes, der unter seiner Kugel auf den Saloonbrettern zusammengebrochen war.

„Cole!“, schluchzte die Frau verzweifelt. „Cole! Großer Himmel, das darf nicht wahr sein.“

Als Clint sich abwandte, fiel sein Blick auf das Geld auf dem Tisch. Clint konnte es sich einfach nicht leisten, auf die vierzig Dollar für sein geraubtes Pferd zu verzichten. In den nächsten Wochen würde er nicht dazu kommen, sich auch nur einen Cent mit einer geregelten Arbeit zu verdienen. Er streckte die Hand nach den Geldscheinen und Münzen aus. Da sprang die Frau auf.

„Mörder!“, schrie sie Clint an. „Verfluchter Killer! Mac, Jim, Ben — worauf wartet ihr noch? Cole war euer Freund. Zahlt es diesem Halunken heim! Tötet ihn!“

Doch Clints Revolver, zu dem er die passende Munition in Jacksons Satteltaschen gefunden hatte, war bereits herumgeschwenkt. Die drei drahtigen Gestalten duckten sich wie sprungbereite Wölfe vor der Saloonwand. Hass glomm in ihren Augen.

„Die Sache ging nur mich und Eagan etwas an“, sagte Clint warnend. „Haltet euch da lieber heraus! Er hat zuerst gezogen. Mir blieb gar keine andere Wahl.“

Er zählte rasch vier Zehndollarscheine von Eagans Gewinn ab und steckte sie in die Hemdbrusttasche. Dabei wanderte sein Sechsschüssiger fortwährend drohend hin und her.

„Abschnallen!“, befahl Clint grimmig. „Ich möchte keine Kugel in den Rücken, wenn ich verschwinde. Los, los, Beeilung!“

Wieder tauschten sie einen Blick, dann tasteten sie zu den Gurtschnallen.

„Feiglinge!“, schrie die Frau. „Lohnt ihr so Coles Freundschaft? Zur Hölle mit diesem Killer!“

„Seien Sie still, Ma’am!“, sagte Clint gepresst. „Ihr Freund Cole war ein Bandit und Mörder. Er hat nur bekommen, was ihm zusteht.“

Grellrote Flecken brannten auf den bleichen Wangen der Frau.

„Du wirst es noch bereuen, du verfluchter Lump! Das schwöre ich dir. Cole und ich, wir hatten bereits alle Pläne für eine neue Zukunft geschmiedet. Ja, Cole war ein Bandit, aber er war der Mann, den ich liebte. Meinetwegen wollte er mit der Vergangenheit brechen und mit mir nach Mexiko oder Kalifornien ziehen.“

„Er war schon viel zu weit auf dem blutigen Trail geritten, um noch jemals umkehren zu können.“

„Was weißt du schon davon!“, keuchte die Frau. „Ich habe Cole besser gekannt als jeder andere. Er war kein Lump. Er hätte es noch geschafft. Aber du kamst dazwischen, du verdammter Bluthund. Jawohl, Bluthund — das ist das richtige Wort für dich, Revolverschwinger!“

„Genug, Ma’am! Reißen Sie sich zusammen!“

Clint wusste, dass die Frau kein Theater spielte. Sie war von der Richtigkeit ihrer Worte felsenfest überzeugt. Sie hatte Cole Eagan geliebt. Und so tief ihre Zuneigung zu dem Verbrecher gewesen war, so flammend war nun ihr Hass gegen den Mann, der Eagan erschossen hatte.

Clint fühlte sich plötzlich wie in einem Teufelskreis gefangen. Tod, Hass und Gewalttat bildeten eine nicht enden wollende Kette. Aber das Verhängnis hatte seinen Lauf genommen und war nicht mehr aufzuhalten.

Clint bewegte sich rückwärts zum Saloonausgang. Die Luft hier drinnen war so stickig und schwül, dass er kaum noch richtig atmen konnte. Das Aufleuchten in den Augen von Eagans Freunden warnte ihn. Clint wirbelte herum. Der fette Keeper hatte eine abgesägte, doppelläufige Schrotflinte unter der Theke hervorgerissen. Clint starrte in die drohenden schwarzen Mündungen und feuerte noch aus dem Schwung der Drehung.

Die Kugel traf den Salooner in die Schulter und stieß ihn gegen das Flaschenregal zurück. Es klirrte und schepperte. Der Dicke heulte wie ein getretener Hund.

„Jetzt!“, schrie einer der Männer in der Ecke. Sie warfen sich hinter den Stühlen und Tischen nieder und rissen ihre Revolvergurte an sich.

Clint stieß den Remingtonlauf hoch und holte mit ein paar blitzschnellen Schüssen die Petroleumlampen von der verräucherten Decke. Eine nach der anderen zerplatzte in einem bläulichen Feuerball. Brennendes Öl spritzte über das Mobiliar. Die Dunkelheit fiel wie ein Vorhang herab. Clint hetzte geduckt zur Tür.

„Schießt!“, gellte ihm die hasserfüllte Stimme der Frau in den Ohren. „Lasst ihn nicht entkommen!“

Clint warf sich gegen die nachgebenden Türflügel. Aus der Schwärze im Saloon glühten die ersten Mündungsfeuer. Die friedliche Stille über dem nächtlichen Three Forks gab es nicht mehr. Clint jagte über die Veranda. Der Falbe am Zügelholm schnaubte nervös. Jenseits der staubigen Fahrbahn wurden Türen und Fenster aufgestoßen. In den Häusern entlang der Main Street gingen Lichter an. Von der Veranda aus sprang Clint mit einem Panthersatz in den Sattel. Im Nu hatte er die Zügel vom Haltebalken gelöst und das wiehernde Pferd herumgezogen.

Im Saloon hämmerten Stiefelabsätze. Flüche schallten. Wieder krachte und blitzte es. Die Fensterscheiben wurden zerschmettert. Kugeln fauchten an Clint vorbei.

Er jagte die letzten Patronen aus einem 38er in die dunkel gähnenden Fensterhöhlen. Ein heiserer Schmerzensschrei ertönte. Die Hufe des Falben trommelten los. Der Mann, der den Tod nach Three Forks gebracht hatte, verschwand so schattengleich, wie er aufgetaucht war, in der einsamen New Mexico Nacht. Sein Ziel lag viele Tagesritte entfernt jenseits des Rio Grande Valley — San Miguel, wo er den zweiten Mann aus Griffins Bande finden würde.

 

 

5

Clint stieß die Stallgabel in den Heuhaufen zurück und trat in den breiten Gang zwischen den Pferdeboxen. Er wandte sich an den Stallmann, dessen dunkelhäutiges, breitknochiges Gesicht verriet, dass eine gehörige Portion Indianerblut in seinen Adern floss. Clint zog eine Münze aus der Hosentasche und warf sie spielerisch in die Luft.

„Ich suche einen Mann, der sich Missouri Jake nennt“, sagte er beiläufig.

Die schwarzen Indianeraugen beachteten das Geld überhaupt nicht. Sie hingen ausdruckslos an Clints Gesicht. Clint war nicht sicher, ob ihn der Mann verstanden hatte.

„Missouri Jake“, wiederholte er deshalb. „Wo finde ich ihn?“

„Sie haben ihn bereits gefunden“, meldete sich eine raue Stimme vom Stalltor her.

Details

Seiten
133
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940657
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v703309
Schlagworte
fährtenwolf

Autor

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Titel: Der Fährtenwolf