Lade Inhalt...

Carringo und das Wolfskind

2020 128 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und das Wolfskind

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Carringo und das Wolfskind

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Carringo und sein Freund Chaco, das Halbblut, wollen das Wolfskind Sammy vor den Leuten retten, die in ihm nur ein Tier und die Ausgeburt des Teufels sehen. Gleichzeitig muss Carringo sich vor Dutch Cassidys Killern in Acht nehmen, die hinter ihm her sind. Sie haben den Auftrag, ihn umzubringen – und das noch, bevor er Zeugen findet, die ihm die Namen der wahren Schuldigen des Halcon-Canyon-Massakers nennen könnten ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - will das Wolfskind retten und muss gleichzeitig vor Cassidys Killern auf der Hut sein.

Chaco - Er bringt den Freund in Sicherheit, als es hart auf hart geht.

Sammy - Für die Leute von Melville ist er weniger als ein Tier.

Don Callgary - Es ist ihm gleich, mit welcher Art von Betrug er sein Geld verdient.

Jane Callgary - Sie hasst ihren Vater, aber erst ein Mord bringt sie dazu, ihn zu verlassen.

Dutch Cassidy - Der Hilton-Killer macht unerbittlich Jagd auf Carringo und Chaco.

 

 

1

Der Padre klappte die große Bibel mit dem abgegriffenen Ledereinband zu. Es gab ein dumpfes Geräusch, das hohl im hohen Raum der Kapelle hallte. Die Bänke waren leer. Der Padre wartete seit einer Stunde. Er hatte geahnt, dass niemand kommen würde. Und es war niemand gekommen.

Der Padre zog fröstelnd die Schultern hoch. Draußen sang der eisige Wind um die Ecken der Kirche. Resignierend klemmte sich der Geistliche die Bibel unter den Arm und verließ die Kanzel über steile, knarrende Holzstufen. Vor dem Altar kniete er kurz nieder, schlug ein Kreuz und schritt dann zwischen den Bankreihen hindurch zur Tür. Seine Schritte waren überlaut in der Stille zu hören. Es kümmerte den Padre nicht.

Er ging an dem lose baumelnden Glockenseil im Turm vorbei und überlegte einen Moment, ob er läuten sollte. Dann ließ er es. Es hatte keinen Sinn, die Leute noch mehr gegen sich aufzubringen.

Der schneidende Wind erfasste ihn wie mit tausend Fäusten, als er aus der Kirche trat. Es war bereits dunkel. Und es war still in der kleinen Stadt. Hinter einigen wenigen Fenstern nur brannte noch Licht. Padre Williams atmete tief ein. Er zog den flachen Pilgerhut tiefer in die Stirn, stemmte sich gegen den Wind an und strebte auf das Pfarrhaus zu.

Plötzlich waren sie da, schienen aus dem Boden zu wachsen. Zwei Männer, die er noch nie gesehen hatte.

Furchtlos blieb er stehen. Er war nicht ängstlich. Er besaß keinen Instinkt für drohende Gefahr. Deshalb hatte er die Fremden nicht rechtzeitig bemerkt.

Williams drehte sich um, wollte den finsteren Kerlen kurzerhand aus dem Weg gehen. Aber auch der Rückweg war versperrt. Sie hatten ihn umringt. Er hatte keine Chance, zu entfliehen. Ein breitschultriger, untersetzt wirkender Mann mit Augen wie aus Eis, kantigem Gesicht und dichtem Schnauzbart trat auf ihn zu. Er trug einen knöchellangen Mantel aus festem Stoff. Der Kragen war hochgeschlagen. Auf dem Kopf hatte er einen hohen Sechs-Gallonen-Hut, der nicht billig gewesen sein konnte.

Er lächelte schmal. Aber es war kein freundliches Lächeln, und Williams hatte auf einmal Angst.

„Ja?“, fragte er unsicher. „Was möchten Sie?“

Der schnauzbärtige Mann stand vor ihm. Ansatzlos schlug er dem Padre in den Leib. Williams spürte den Schmerz bis in die Haarwurzeln. Er warf die Arme hoch und stürzte auf den Rücken in den Schnee. Die Bibel entfiel ihm. Keuchend stemmte er sich hoch. Ein gemeiner Tritt traf ihn in die Seite, schleuderte ihn erneut zu Boden. Doch kein Schmerzenslaut drang über seine Lippen. Schwer atmend wälzte er sich herum. Dann hockte er auf Händen und Knien vor den Fremden und versuchte, seine Kräfte zu sammeln. Er kannte keinen der brutalen Kerle, er begriff nicht, was sie von ihm wollten. Doch soviel wusste er: Angesichts roher Gewalt zählten weder Vernunft noch klärende Worte. Er musste duldsam sein, denn er hatte keine Chance, sich körperlich gegen die Übermacht zur Wehr zu setzen.

Unvermittelt packten ihn zwei Fäuste an den Aufschlägen der schwarzen Jacke. Mit einem harten Ruck wurde Padre Williams auf die Beine gerissen. Er sah das kantige Gesicht des Schnauzbärtigen dicht vor sich, und er spürte den nach Tabak riechenden Atem dieses Mannes.

„Wir haben gehört, dass du Carringo laufengelassen hast, Pfaffe“, sagte der Fremde, „sehr dumm von dir. Wir werden uns darüber unterhalten müssen.“ Seine Stimme verschärfte sich: „Und keine Ausflüchte! Wir wissen, dass dir in diesem lausigen Nest keiner hilft.“

Die jähe Erkenntnis war wie ein Schock für John Williams. Er hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt, als er Carringo und Chaco vor der entfesselten Meute der Bürger von Eagleton rettete. Buchstäblich in letzter Minute hatte er jenes furchtbare Unrecht verhindert, das die aufgewiegelten Menschen, vom Teufelswahn gepackt, an dem kleinen Schützling der beiden Freunde zu verüben trachteten. Das Wolfskind war gerettet worden, befand sich gemeinsam mit Carringo und Chaco auf der Flucht. Doch nun waren diese zweibeinigen Wölfe in Eagleton erschienen. Padre Williams spürte, welche Gefahr das für die Freunde und das arme Kind bedeutete - auch wenn er nicht wusste, aus welchem Grund die Fremden Carringo verfolgten.

Noch immer hielt ihn der Schnauzbärtige gepackt.

„Den Mund auf, Pfaffe!“ Seine Stimme klirrte förmlich.

Ein Fausthieb traf Williams’ Seite wie eine Explosion. Dumpfer Schmerz brandete in auf und abklingenden Wogen durch seinen Körper. Nur der eiserne Griff seines Gegenübers hinderte ihn daran, sich zu krümmen.

„Ich weiß es nicht“, sagte der Padre mühsam, „ich weiß es wirklich nicht.“

Der Schnauzbärtige gab einen heiseren Laut der Genugtuung von sich.

„Du gibst also zu, dass du Carringo und das Halbblut kennst. Gib dir keine Mühe, uns Märchen aufzutischen! Meine Männer und ich sind seit heute Nachmittag hier. Im Saloon haben wir gehört, was passiert ist. Die Leute von Eagleton haben eine Mordswut auf dich, Pfaffe! Du hast ihnen den Spaß gründlich verdorben. Ich habe den Scheiterhaufen gesehen, auf dem Carringo und Chaco verbrannt werden sollten. Und ich muss sagen, ich kann die Enttäuschung der Leute verstehen.“

Die Begleiter des Schnauzbärtigen lachten rau.

Padre Williams presste die Lippen aufeinander. Es gab keine Hoffnung für ihn. Diese Männer wussten nur zu gut, in welcher Lage er sich befand. In Eagleton hatte er keine Freunde mehr. Besessen vom Teufelswahn, hatten sich die einst friedfertigen Bürger gegen ihn gestellt. Noch ließen sie ihn ungeschoren, trotz des wahnwitzigen Zorns, der ihre Seelen verwirrt hatte. Aber irgendwann würde auch die letzte Barriere des Respekts fallen, die er nur der Tatsache verdankte, dass er seit Jahren als Geistlicher in Eagleton gewirkt hatte

„Du wirst reden“, sagte der Schnauzbärtige in grimmiger Wut, „verlass dich drauf! Wir kennen Mittel und Wege, um dich zur Räson zu bringen.“

Wie zur Bekräftigung dieser Worte prasselten Fausthiebe von allen Seiten auf den Geistlichen ein. Er stöhnte, wand sich vor Schmerzen, und als ihn der Anführer der Männer losließ, wurde Padre Williams von den Hieben auf den Beinen gehalten. Von seinen Peinigern umringt, wankte er zwischen ihren harten Fäusten. Und jedes Mal, wenn er zusammensinken wollte, riss ihn abermals ein brutaler Hieb empor. Feurige Nebel umwallten den Blick des Padre. Sein ganzer Körper schien aus einem einzigen glühenden Schmerz zu bestehen. Er spürte seine Beine nicht mehr, und mit jedem Hieb schwanden seine Kräfte rascher. Doch sein Wille blieb. Er hörte das höhnische Gelächter der Kerle, und es ließ diesen Willen in ihm bis zur Unerschütterlichkeit anwachsen.

„Schluss!“, erscholl die herrische Stimme des Schnauzbärtigen.

Jäh endeten die Fausthiebe. Padre Williams sank auf die Knie. Doch ehe er vornüber kippen konnte, wurde er hochgerissen. Die Männer schleiften ihn beiseite und drückten ihn mit dem Rücken gegen die Außenwand der Kapelle.

„Ich will ihn reden hören!“, schrie der Anführer aufgebracht. Er konnte seine Ungeduld kaum noch bezwingen. „Ihr sollt ihn nicht totschlagen!“

John Williams hörte die Worte nur wie durch einen Wattebausch. Im nächsten Moment zuckte er zusammen. Eisige, feuchte Kälte traf sein zerschundenes Gesicht. Schnee. Mehrere Handvoll davon rieben sie ihm mit kindlich einfältigem Vergnügen auf die ungeschützte Haut. Er besaß nicht mehr die Kraft, sich dagegen zu wehren. Ohnehin hielten zwei der Kerle seine Oberarme gepackt. Doch der Schnee rüttelte die Sinne des Geistlichen nur für Minuten wach.

Wieder sah er das Gesicht des Schnauzbärtigen vor sich, wutverzerrt diesmal.

„Rede, Pfaffe! Rede, oder wir prügeln dir deine gottverdammte Seele aus dem Leib!“

Padre Williams konnte nur noch schmerzerfüllt krächzen.

„Der Zorn des Herrn wird euch ...“

Eine schallende Ohrfeige schnitt ihm die Worte ab. Sein Kopf wurde zur Seite gerissen. Aber schon im nächsten Moment spürte er die knochige Faust des Anführers unter seinem Kinn. Noch einmal war Williams gezwungen, dem Mann in die eiskalten Augen zu blicken.

„Zum letzten Mal!“, flüsterte der Schnauzbärtige, und seine Stimme zitterte vor Wut. „Wo ist Carringo? Heraus damit!“

„Niemals“, antwortete der Padre stöhnend. Er biss sich auf die Unterlippe, dass ein Blutstropfen hervorquoll.

„Verstockter Hundesohn!“, schrie der Schnauzbärtige schäumend. Er verlor die Beherrschung. Sein Knie ruckte blitzartig hoch.

Nun konnte der Padre den Schmerzensschrei nicht mehr unterdrücken. Er krümmte sich unter furchtbaren Qualen und kippte vornüber, als seine Peiniger beiseite wichen. Er spürte nicht mehr, wie er fiel. Sein Schrei versiegte, als sein Gesicht auf dem festgetrampelten Schnee liegenblieb.

Dutch Cassidy versetzte dem Bewusstlosen einen Tritt mit der Stiefelspitze.

„Dreckskerl von einem Pfaffen!“, fluchte er lauthals. „Seinetwegen gewinnen Carringo und Chaco Vorsprung. Man sollte ihm die Knochen einzeln brechen.“

„Vielleicht weiß er wirklich nichts“, sagte einer der Hilton-Killer zweifelnd.

„Unsinn“, entgegnete Cassidy wutschnaubend, „er hat ihnen zur Flucht verholfen, und vielleicht hat er ihnen sogar gesagt, wo sie sich am besten verkriechen können. Nein, wir nehmen dieses Priesterschwein mit. Und wir bringen ihn zum Reden, das schwöre ich euch.“

Die Killer brauchten keine weiteren Befehle. Sie packten den bewusstlosen Padre und schleiften ihn weg.

Dutch Cassidy stapfte mit schweren Schritten hinter seinen Gehilfen her. Sein langer Mantel flatterte im eisigen Abendwind. Er musste sich bezwingen, um seine Wut nicht in die Dunkelheit hinauszubrüllen.

Wieder war er zu spät gekommen, und wieder schienen Carringo und Chaco genügend Zeit zu gewinnen, um das Weite zu suchen. Aber Dutch Cassidy wollte sich nicht damit abfinden. Er konnte es nicht, denn es war die letzte Gelegenheit, die ihm noch blieb. Nur zu gut wusste er, dass er Andrew Hilton nicht noch einmal unter die Augen treten und einen Misserfolg melden durfte.

Cassidy war überzeugt, dass der Priester wusste, wohin Carringo und das Halbblut geflohen waren. Und niemand würde den Padre in Eagleton vermissen. Vielleicht waren die meisten Leute in diesem Nest sogar froh, wenn ihnen ein anderer die Arbeit abnahm, den Pfaffen aus dem Weg zu räumen.

Keine Menschenseele ließ sich blicken, als die Hilton-Killer den wehrlosen Padre zu ihren Pferden schleppten. Unbehelligt verließen Cassidy und seine Männer mit ihrem Opfer die Stadt. Ihr Ziel stand fest. Das alte Fort Brisbane, jener Ort, den Hilton als Stätte für Folterungen und Hinrichtungen verwenden ließ. Dort hatten schon die härtesten Burschen um Gnade gewinselt. Dutch Cassidy grinste bei diesem Gedanken, während er geduckt im Sattel hockte. Auch der Priester würde sein Schweigen aufgeben, wenn er erst einmal das Feuer unter dem Hintern spürte.

Das Hufgetrappel verklang in der Dunkelheit.

Still und wie ausgestorben blieb Eagleton zurück.

 

 

2

Die Klänge der Drehorgel hallten von den Hauswänden zurück. Erwartungsvoll, beinahe andächtig, drängten sich die Menschen auf der kleinen Plaza von Langtown. Frauen summten das Lied von der „Letzten Rose“ mit, das die Drehorgel klagend intonierte. Die Aufmerksamkeit der Männer von Langtown galt mehr der hübschen jungen Frau, die die Kurbel der buntbemalten Orgel mit ausdrucksloser Miene betätigte.

Jane Callgary hasste es, diese Blicke ertragen zu müssen, die sie gierig abtasteten. Sie spürte förmlich, mit welchen Gedanken sich die Männer dabei beschäftigten.

„He, Baby! Dreh langsamer, das macht die Leute traurig. Und traurige Leute denken eher an ihre Wehwehchen als lustige.“ Es war Mike O’Neal, der dies krächzend und spöttisch von sich gab.

Jane warf stolz den Kopf in den Nacken, ohne den Blick zu wenden. Sie versuchte, den Mann mit Verachtung zu strafen, obwohl sie wusste, dass gerade das bei ihm am allerwenigsten fruchtete. O’Neal war ihr mehr zuwider als eine stinkende Ratte.

Das hochgewachsene, schlanke Mädchen und der krummbeinige O’Neal standen hinter einem Halbkreis aus sechs lodernden Fackeln, die in den Erdboden gerammt waren. O’Neal hatte einen wackligen Klapptisch vor sich, auf dem eine schwarz lackierte Munitionskiste mit noch geschlossenem Deckel ruhte. Jenseits der Fackeln warteten die Bürger des kleinen Ortes. In Mäntel und Decken gehüllt, harrten sie trotz der abendlichen Kälte aus. Mit wachsender Spannung spähten sie immer wieder in die Dunkelheit hinter dem Flammenschein. Dort waren nur die Umrisse des hochbeinigen Kastenwagens zu erkennen, mit dem die Fremden nach Langtown gekommen waren.

Jene Bürger, die den Wagen schon bei Tageslicht gesehen hatten, kannten die verschnörkelten Schriftzüge an den Seitenwänden des Kastenaufbaues.

„Doktor Callgary - der Arzt, dessen wundersame Heilungen in die Geschichte des Westens eingegangen sind.“

Und dieser Doktor Callgary hatte weder Plakate noch einen Ausrufer benötigt, um für seinen abendlichen Auftritt zu werben. Als der Wagen bei Einbruch der Dunkelheit auf der Plaza gehalten hatte, war die Nachricht von den bevorstehenden medizinischen Offenbarungen wie ein Lauffeuer durch die Stadt gegangen. Nun wartete alles darauf, diesen geheimnisvollen Mann zu sehen. Wem würde er Hilfe bringen? Wie viele lang erduldete Leiden würde er lindern helfen oder gar heilen? Mit jeder Minute wuchs die Spannung der Männer und Frauen.

Unvermittelt endete das klagende Lied der Drehorgel. Ein Raunen ging durch die Menge.

Der Mann neben dem Mädchen mit der Drehorgel hob gebieterisch die Arme. Der abgetragene Gehrock hing schief auf seinen eckigen Schultern, und sein hagerer, fast ausgemergelter Körper ließ nicht gerade darauf schließen, dass ihm Doktor Callgary einen angemessenen Lebensstandard bot. Doch darüber dachten die Leute von Langtown nicht nach.

Als Ruhe eingekehrt war, zog O’Neal eine der Fackeln aus dem Boden und ging damit zum Kutschbock des Wagens, wo er sie in die leere Laternenhalterung steckte. Würdevoll wandte sich der Krummbeinige nun um und hob von Neuem die Arme.

„Bürger von Langtown!“, rief er. „Ihr alle seid erschienen, um den großen Doktor Callgary zu sehen. Und ich darf euch sagen, dass sich der Doktor eurem Wunsch nicht verschließen wird.“

Seine letzten Worte waren im tosenden Beifall der Männer und Frauen schon nicht mehr zu hören. Dann, als O’Neal mit der Linken zum Heck des Kastenwagens deutete, nahm der Applaus an Lautstärke noch zu. Die Silhouette eines Mannes in Frack und Zylinder löste sich aus dem Halbdunkel hinter dem Wagen. Mit den Gebärden des Erfolggewohnten, Umjubelten winkte Callgary den Bürgern von Langtown zu. Der Beifall wollte nicht enden. Mit gemessenen Schritten trat er auf den Kutschbock zu, wo sein Gehilfe sich verneigte.

Die Leute sahen nun, dass der Wunderdoktor das rechte Bein beim Gehen mühevoll nachzog. Ihr Beifall geriet ins Stocken. O'Neal reichte seinem Herrn die Hand, und als Callgary auf den Kutschbock kletterte, war sein Holzbein einen Moment lang unter dem Hosenaufschlag deutlich erkennbar. Wieder schwoll der Applaus zur ursprünglichen Lautstärke an. Die Tatsache, dass auch ein Mann wie Doktor Callgary gegen menschliche Gebrechen nicht gefeit zu sein schien, trug von vornherein zu seiner Glaubhaftigkeit bei.

Die Leute wurden ruhig. Ihre Blicke hingen wie gebannt an den Lippen des Mannes, den die Fackel mit einem gespenstisch züngelnden Schein umgab.

„Ladies and Gentlemen!“, rief Callgary dröhnend. „Bürger von Langtown, ich bin zutiefst gerührt. Lasst mich dies zuallererst erklären: Vor langen Jahren, als der gerade beendete Bürgerkrieg noch wie eine frische Wunde über unserem Land lag, stand ich vor der schwersten Entscheidung meines Lebens. Gehe mit mir an die Ostküste, sagte ein Kollege zu mir, ein erfahrener Stabsarzt wie ich selbst. An der Ostküste, so sagte er, gäbe es so viele reiche Ladies mit so vielen kleinen Gebrechen, dass ein Arzt dort wohlhabend werden müsse, ob er nun wollte oder nicht ...“ An dieser Stelle legte Callgary wie immer eine bedeutungsvolle Pause ein, und die Wirkung blieb auch in Langtown nicht aus.

Gelächter, beifällige Bemerkungen und bissige Worte über die feinen Pinkel im Osten waren aus der Menge zu hören.

Wieder genügte eine Handbewegung Callgarys, um die Leute zur Ruhe zu bringen.

„Ich sprach von einer Entscheidung“, fuhr er fort, „diese Entscheidung traf ich damals im Gespräch mit meinem Kollegen. Er erklärte mich für verrückt, als ich sagte, dass ich meine Praxis in der Weite des Westens eröffnen würde. Noch verwirrter starrte er mich an, als ich ihm erklärte, dass ich mich an keinen Ort binden würde. Nun, vielleicht war es ein wenig Kollegenneid, den er dabei empfand. Denn er hatte nicht die Verantwortung zu tragen, die ich auf meinen Schultern wusste ...“ Erneut ließ Callgary eine kurze Pause folgen.

Wie erwartet, blickten die Leute diesmal voller atemloser Spannung zu ihm auf. Er ließ sie nicht zu lange warten und sprach nach einem Räuspern weiter.

„Ja, liebe Bürger von Langtown, ich konnte es damals nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, die Welt in Unkenntnis zu lassen über das, was ich entdeckt hatte. Denn ich, Doktor Callgary, wusste schon damals, dass ich unendlich vielen Menschen helfen konnte. Ich brachte es beim besten Willen nicht übers Herz, mich irgendwo an die Ostküste zu verkriechen und meine segensreiche Hilfe an gelangweilte reiche Ladies zu verschwenden.“ Beifallsrufe wurden laut. Don Callgary nickte gütig und redete weiter. „Vielen von Ihnen, liebe Leute, mag es so erscheinen, als ob ich zu große Worte gebrauche. Aber keine Worte reichen aus, um jene Medizin zu beschreiben, die selbst mir das Leben rettete. Lassen Sie mich darüber berichten, wie alles geschah. Lange vor dem Krieg hatte mir ein greiser Medizinmann der Cherokees in den Appalachen Bergen sein Geheimnis offenbart. Aus Dankbarkeit, denn ich hatte den an Lungenentzündung erkrankten Häuptling des Stammes geheilt, wozu die Kräfte des Medizinmannes nicht mehr ausgereicht hatten. Nun, ich musste ihm schwören, niemals den Ort jener geheimnisvollen Quelle in den Appalachen zu verraten, aus dem er seine Wundermedizin schöpfte. Ich glaubte zunächst nicht daran, wie Sie sicherlich verstehen werden. Aber ich musste dem Medizinmann versprechen, ständig ein lederumhülltes Fläschchen seines Heilwassers bei mir zu tragen. Ich befolgte diesen Wunsch, hütete das Fläschchen aber mehr als einen guten Talisman oder ein Erinnerungsstück. Dann, Jahre später wollte es das Schicksal in der Schlacht von Gettysburg, dass eine Zwölfpfündergranate der Yankees in unmittelbarer Nähe meines Sanitätszeltes einschlug. Ich erlebte bei vollem Bewusstsein, wie eine zersplitterte stählerne Zeltstange mein rechtes Bein durchschlug. Niemand war da, der sich in den Wirren des Gefechts um mich kümmern konnte, Ladies and Gentlemen. Doch in diesen Augenblicken des unerträglichen Schmerzes erinnerte ich mich plötzlich an das Heilwasser aus den Appalachen Bergen.“ Wieder eine Pause. Auf der Plaza von Langtown war es so still, dass selbst die berühmte Stecknadel zu hören gewesen wäre, wenn sie in den Schnee gefallen wäre. „Ich riss das Fläschchen aus der Tasche“, fuhr Callgary mit theatralischen Handbewegungen fort, „und mit zitternden Fingern gelang es mir, etwas von dem Wasser auf die Wunde zu träufeln. Gleichzeitig trank ich einen Schluck davon, wie es mir der Cherokee Medizinmann geraten hatte. Im nächsten Moment glaubte ich zu träumen. Während um mich herum die Schlacht tobte, erlebte ich ein Wunder. Die Schmerzen ließen nach, und es gelang mir selbst, die furchtbare Beinwunde abzubinden, bis nach Beendigung des Kampfes Hilfe kam. Natürlich konnte das Heilwasser mich nicht vor dem Verlust meines Beines retten. Aber es bewahrte mich vor Blutvergiftung und Wundstarrkrampf, woran ich sonst jämmerlich zugrunde gegangen wäre. Und auch die darauffolgende Amputation verlief ohne schwerwiegende Komplikationen. Nun, Bürger von Langtown, urteilt selbst, ob mein Heilwasser es wert ist, allen Menschen zugänglich gemacht zu werden! Ich darf euch sagen, dass ich in den langen Jahren nach dem Bürgerkrieg immer wieder feststellen konnte, dass es gegen alle nur erdenklichen Krankheiten die beste Medizin ist. Ratlose Ärzte waren verblüfft, wenn ich ihre dahinsiechenden Patienten mit wenigen Tropfen aus dem Fläschchen innerhalb von Minuten kurierte.“

Der Beifall, der jetzt aufbrandete, übertraf alles bisherige. Minutenlang musste Callgary die Begeisterung der Leute mit dankenden Gesten quittieren, ehe wieder halbwegs Ruhe einkehrte.

Programmgemäß öffnete Mike O’Neal nun den Deckel der Kiste, und sorgfältig aneinandergereihte braune Fläschchen mit weißen Etiketten wurden sichtbar. Der Beifall, den die Menge Doktor Callgary zollte, versiegte rasch. Denn Männer und Frauen drängten sich jetzt auf O‘ Neals Klapptisch zu. Jeder wollte der erste sein. Silberdollars funkelten in erhobenen Händen im Schein der Fackeln.

„Bildet eine Reihe, Leute!“, brüllte O’Neal. „Keiner kommt zu kurz. Es ist genug da für jeden von euch!“

Mit mechanischen Bewegungen setzte Jane Callgary wieder die Drehorgel in Gang, und das Lied von der „San Antonio Rose“ übertönte das Stimmengewirr der aufgeregten Bürger. Es schien keine Zweifler mehr zu geben. Fast alle Leute, die gekommen waren, hatten sich jetzt angestellt, um die angebliche Wundermedizin zu kaufen. Es war nicht anders als in den meisten Orten, in denen Janes Vater sein Betrugsgeschäft abwickelte. Die Männer und Frauen kauften wie besessen. Don Callgarys Rede hatte den richtigen Nerv in ihnen getroffen, und wie er sich jetzt neben seinem Gehilfen aufgebaut hatte, musste er unablässig Hände schütteln, väterliche Worte von sich geben und beruhigend auf die Schultern gebeugter, abgearbeiteter Frauen klopfen.

Jane musste sich bezwingen, um ihre Verachtung nicht hinauszuschreien und die Leute auf den Betrug aufmerksam zu machen. Aber sicherlich hätte ihr doch niemand geglaubt, denn die Hoffnung auf die Wundermedizin hatte in den Menschen bereits alle Skepsis beseitigt. Ohnedies hatte Jane keine Chance, die Wahrheit jemals an den Tag bringen zu können. Sie war auf ihren Vater angewiesen; er war der einzige, den sie noch hatte. Und er nutzte diese Tatsache weidlich aus.

Wie gewohnt, dauerte der Verkauf der Wundermedizin auch in Langtown geraume Zeit. Fast zwei Stunden vergingen, ehe alle Bürger beruhigt mit einem der vermeintlich kostbaren Fläschchen nach Hause zogen. O’Neal hatte zwischendurch eine zweite Kiste heranschleppen müssen, die noch bis zur Hälfte geleert wurde. Jane brauchte nicht nachzurechnen, um zu wissen, dass annähernd 150 Fläschchen ihren Besitzer gewechselt hatten.

Hastig verstauten Callgary und O’Neal das Geld in Lederbeuteln, die sie in einer verschließbaren Kiste unter dem Kutschbock verwahrten. Dann luden sie ihre Utensilien in den Kastenaufbau des Wagens, und O’Neal schwang sich auf den Bock, um die beiden Gespannpferde anzutreiben.

Callgary und seine Tochter folgten dem Wagen zu Fuß. Die Bürger hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen - nicht nur wegen des Schneetreibens, das jetzt einsetzte. Alle waren sie begierig darauf, die Wirkung der Wundermedizin auszuprobieren. Denn es gab keinen unter ihnen, der nicht an irgendwelchen Gebrechen zu leiden hatte.

„Wir werden die Nacht hier verbringen“, sagte Don Callgary, während der Wagen vor ihnen auf den Hinterhof eines Saloons rumpelte. „Ich habe mit dem Saloonbesitzer gesprochen. Er ist einverstanden. Das Wetter ist zu miserabel, um jetzt noch weiterzuziehen.“ Er deutete zum nachtschwarzen Himmel, von dem die Schneeflocken immer dichter herabschwebten.

Jane ergriff seinen Arm.

„Dad!“, rief sie beschwörend. „Begreifst du nicht, in welche Gefahr du uns bringst? Wenn wir morgen früh noch hier sind, werden sie alle wissen, dass es keine Wundermedizin ist. Warum musst du ausgerechnet verdünnten Methylalkohol in die Flaschen füllen? Würde nicht einfaches Wasser genügen, wenn du schon diesen gemeinen Betrug veranstalten musst?“

Er riss sich wütend von ihr los.

„Sei still!“, herrschte er sie an. „Zerbrich dir nicht meinen Kopf. Ich weiß selber am besten, wann das Zeug anfängt zu wirken. Jedenfalls werden wir längst über alle Berge sein, wenn es soweit ist. Also rede nicht herum und befolge meine Anordnungen. Wir haben ein prächtiges Geschäft gemacht heute Abend. Fast hundertfünfzig Dollar! Davon lebst auch du nicht schlecht, mein Kind.“

O’Neal brachte den Wagen vor dem Stallgebäude des Saloons zum Stehen und schirrte die Gespannpferde ab.

Don Callgary wollte sich dem Eingang zu den Stallboxen zuwenden.

„Dad!“, flehte Jane noch einmal. „Bitte, lass uns weiterfahren. Ich habe Angst. Warum können wir unser Geld nicht auf ehrliche Weise verdienen? Ich würde arbeiten, und ich würde alles tun, um keine Angst mehr haben zu müssen.“

Callgary versetzte ihr eine Ohrfeige. Jane barg schluchzend das Gesicht in den Händen. O’Neals meckerndes Lachen war vom Stalleingang zu hören.

„Kein Wort mehr!“, sagte Callgary leise und drohend. „Ich könnte mich sonst vergessen. Denke daran, dass es für dich nur zwei Möglichkeiten gibt - entweder du gehorchst, oder du gehst deiner Wege. Ich halte dich nicht. Suche dir aus, was für dich besser ist!“

Damit wandte er sich ab, ohne sie noch zu beachten.

Jane rieb sich die Tränen aus den Augen. Sie erschauerte. Erst jetzt spürte sie die Kälte der Schneeflocken, die ihr ins Gesicht trieben. Tiefe Resignation erfüllte sie, wusste sie doch, dass es nur die eine Möglichkeit für sie gab. Sie war an ihren Vater gebunden, wollte sie ein halbwegs menschliches Leben führen. Denn ohne ihn hätte es für sie bestenfalls noch den Ausweg gegeben, sich als Tingeltangel-Girl in einem Saloon oder gar in einem Bordell zu verpflichten. Nein, dann wollte sie schon lieber das erbärmliche und zwielichtige Dasein auf sich nehmen, zu dem ihr Vater sie zwang.

In der Halterung am Kutschbock brannte noch die Fackel. Die kleine Flamme warf nur einen spärlichen Lichtkreis in die Dunkelheit des Hinterhofes. Mike O’Neal tauchte aus dem Stalleingang auf. Mit verschlagenem Fuchsgesicht blinzelte er zu Jane herüber.

„Komm schon, Kleines“, krächzte er grinsend, „ich habe uns einen schönen warmen Schlafplatz bereitet.“

Jane erwachte aus ihren Gedanken. Wie von Furien gehetzt, eilte sie zum Wagen, öffnete die Hecktür und schwang sich mit einem Satz hinauf. Sie hörte O’Neal, wie er fluchend auf seinen krummen Beinen herantapste. Keuchend legte sie von innen den Riegel vor. Draußen rüttelte O’Neal an der Tür. Vergeblich. Dazu ließ er Zoten und Flüche hören, die Jane einen Schauer über den Rücken trieben. Endlich gab er es auf und trollte sich. Dumpf schlug die Stalltür zu.

Aufatmend legte Jane die Decken zurecht und ließ sich zwischen die Kisten mit „Callgarys Wundermedizin“ sinken. Sie wusste nur zu gut, dass ihr Vater grinsend dabeigestanden hätte, wenn das krummbeinige Ekel O'Neal über sie hergefallen wäre. Zu oft hatte sie Derartiges schon erlebt.

Sie brauchte lange Zeit, um einschlafen zu können. Gedanken und Visionen quälten sie. Immer wieder schrak sie empor, wenn sie glaubte, wutentbrannte Gesichter von Menschen zu sehen, die sich in furchtbaren Krämpfen wanden.

Jane Callgary war schweißgebadet, als sie endlich vom Schlaf erlöst wurde.

 

 

3

Eine hohe Schneedecke lag über der Winterlandschaft von New Mexico. Der Morgen erwachte friedlich und still. Kein Windhauch regte sich mehr, und das Schneetreiben hatte aufgehört. Am östlichen Horizont färbte sich der Dunststreifen rötlich. Noch verschwommen waren die Umrisse des auf steigenden Feuerballs der Sonne zu erkennen.

Der Atem der Männer und ihrer Pferde kristallisierte sich in der eisigen Winterluft zu kleinen Wölkchen. Die Hufe der Tiere fanden hinreichenden Halt auf der fest verharschten Schneedecke.

Dennoch ließen Carringo und Chaco die Pferde nur im Schritt gehen. Sie waren die ganze Nacht über geritten, hatten den Tieren und sich selbst keine Ruhepause gegönnt, um vor Verfolgern sicher zu sein. Nun, in der frühen Morgenstunde, konnten sie sich ein wenig Zeit gönnen und neue Kräfte sammeln.

Die langen Mäntel der Freunde waren vom Schnee verkrustet. In ihren Gesichtern waren feine Eiskristalle haften geblieben, die ihre Brauen silbergrau schimmern ließen. Gleichmäßig dumpf und hohl klangen die Hufschläge auf der Schneedecke. Carringo ritt voraus. Chaco folgte ihm mit einer halben Länge Abstand. Vor sich im Sattel hielt das Halbblut das Wolfskind.

Der Kleine, dessen Äußeres abergläubische Menschen zum Teufelswahn getrieben hatte, war ruhig geworden. Er lehnte sich nicht mehr gegen die Menschen auf, bei denen er spürte, dass sie ihm helfen wollten. In eine Decke gehüllt und zusätzlich von Chacos Mantel geschützt, schmiegte er sich dicht an den großen Mann, dessen Schicksal dem seinen so sehr ähnelte. Nur durch die schmale Öffnung des Mantels blickten die tiefliegenden Augen des kleinen Sammy auf die winterliche Landschaft, die ihm so sehr vertraut war. Er fing erst an, Gefühle zu entwickeln. Deshalb empfand er keinen Schmerz angesichts des weiten Landes, durch das er gemeinsam mit seiner Wolfsmutter gestreift war. So, wie ihn damals der anerzogene Wolfsinstinkt zum Überleben in der Wildnis verholfen hatte - so war es jetzt sein Instinkt, der ihn allmählich die Geborgenheit menschlichen Zusammenlebens spüren ließ.

Carringo und Chaco hatten das Kind aus einer Felsenhöhle geborgen, als sich seine Wolfsmutter gegen eine Übermacht ausgehungerter und angriffslustiger Artgenossen verteidigen musste. „Sammy 3.7.1868“ stand auf dem silbernen Armreif des Jungen, der danach etwa zehn Jahre alt sein musste. Doch Sammy war körperlich kleiner als seine Altersgenossen, die unter menschlicher Obhut aufgewachsen waren. Seine Hände und Füße waren verkrümmt vom Laufen auf allen Vieren. Die graubraune Haut des sehnigen Wolfskindes war von Narben, Rissen und Frostbeulen übersät. Dicke Schwielen hatten seine Knie und Ellenbogen verformt. Sein faltiges, hohlwangiges Gesicht hatte nichts Kindliches mehr, und sein Mund wirkte seltsam verzerrt, weil er sein Leben lang nichts anderes gelernt hatte, als Knochen abzunagen. Sprechen konnte das Wolfskind nicht. Meist schweigsam gab es nur in Augenblicken der Erregung heisere Knurrlaute von sich. Doch während der Tage, in denen sich Sammy nun in der Gesellschaft von Menschen befand, war eine deutliche Wandlung mit ihm vorgegangen. Er horchte auf, wenn Carringo und Chaco sich unterhielten, und es schien, als konnte er bereits einzelne Worte verstehen oder zumindest deren Bedeutung erfassen.

In Eagleton hatten Carringo und Chaco bei Padre Williams Rat gesucht, ohne zu ahnen, dass sie allein durch die Anwesenheit des Wolfskindes den Zorn der Bürger auf sich ziehen würden. Der Padre hatte ihnen geraten, den kleinen Sammy zu einem befreundeten Geistlichen in Amoles zu bringen, einem Ort, der weiter nördlich am Rio Grande lag. Dorthin waren die Freunde jetzt unterwegs, nachdem es ihnen gelungen war, das Wolfskind und sich selbst vor dem Teufelswahn der Menschen zu retten.

Es war eine böse Fügung des Schicksals gewesen, dass Sammy in den Wirren dieser Flucht seine wahre Mutter gefunden hatte. Joan Miles, die mit ihrer Familie auf einer einsam gelegenen Farm gelebt hatte, war beim Auftauchen des Kindes in furchtbare seelische Konflikte gestürzt worden. Doch ihr Mann hatte den kleinen Sammy in seinem Versteck auf der Farm aufgestöbert, und Joan war gezwungen gewesen, die Wahrheit zu beichten.

Vor langen Jahren, als Joan in einem Bordell der HiltonCompany geknechtet worden war, hatte sie das Kind zur Welt gebracht. Von Hiltons Handlangern war es ihr weggenommen und ausgesetzt worden. Nur an dem Armreif hatte sie den kleinen Sammy jetzt wiedererkannt. Doch die Freude über das Wiedersehen hatte nicht lange gewährt.

Linda Hilton, die im nahegelegenen Freetown eine von ihrem Vater gestiftete Schule eröffnet hatte, war im Rahmen ihrer Antrittsbesuche bei den Eltern auch zur Farm der Miles’ gefahren. Allein der Name Hilton hatte für Joan Miles indessen genügt, um die Nerven zu verlieren und die junge Frau fortzujagen. Linda Hilton hatte ihren Vater daraufhin zur Rede gestellt, war jedoch mit Ausflüchten abgespeist worden. Ohne Wissen seiner Tochter hatte Andrew Hilton daraufhin seine Killer losgeschickt, um die Familie Miles, deren Wissen ihn vor seiner Tochter in ein schlechtes Licht rücken konnte, aus dem Weg räumen zu lassen.

Carringo und Chaco waren rechtzeitig zur Stelle gewesen, um auf der Farm ein Blutbad zu verhindern. Dennoch hatte es danach für das Ehepaar Miles und ihren sechsjährigen Sohn Tim nur die eine Möglichkeit gegeben, alles im Stich zu lassen und irgendwo, weit entfernt, neu anzufangen. Denn Joan Miles wusste, was es hieß, den Verfolgungen durch Hiltons Schergen ausgesetzt zu sein. Carringo und Chaco hatten der Frau geraten, sich bei dem Pfarrer in Amoles zu melden, um sich nach Sammy zu erkundigen, sobald sie eine neue Bleibe gefunden hatten.

Auf ihrer Flucht vor den Hilton Killern hatten die Miles’ vor allem an den kleinen Tim denken müssen. Das Wolfskind mitzunehmen, wäre eine zu große Belastung für sie gewesen. Carringo und Chaco hatten daher versprochen, für Sammy zu sorgen, bis sie ihn in sichere Obhut nach Amoles gebracht hatten.

Mit der höher steigenden Morgensonne löste sich der Bodennebel aus den Senken und bildete aufwallende Schwaden, die nur allmählich in der kristallklaren Winterluft zerfaserten. Büsche und einzelne, verkrüppelte Bäume wirkten in dem Nebel wie schemenhafte Gestalten.

Carringo zügelte Wildcat auf einer flachen Anhöhe. Sofort brachte auch Chaco sein Pferd zum Stehen. Angestrengt spähte Carringo voraus in die Dunstschleier, die die Sicht höllisch erschwerten. Aber nein, er hatte sich nicht getäuscht.

Vor ihnen, kaum mehr als zweihundert Yard entfernt, waren die düsteren Umrisse des halb verfallenen Forts zu erkennen, das sie noch von ihrem ersten Ritt nach Eagleton kannten. Carringo wandte sich zu Chaco um, wollte ihm seine Beobachtung mit teilen.

Das Peitschen eines Schusses zerriss die morgendliche Stille. Jäh erwachte in den Freunden die Erinnerung an die brutale Hinrichtung, die sie bei ihrer ersten Konfrontation mit Fort Brisbane miterlebt hatten. Es gab kein Überlegen, kein Zögern. Carringo und Chaco schwangen sich aus den Sätteln und brachten die Pferde eilends in den Schutz einer Buschgruppe. Das Wolfskind wehrte sich nicht, als sie es zu seinem eigenen Schutz fesselten und zusätzlich in eine wärmende Decke hüllten.

Nach dem Schuss war wieder Stille eingekehrt.

Die Freunde zogen die Winchesterkarabiner aus den Scabbards und pirschten sich in Richtung auf das Fort voran. Der Nebel leistete ihnen gute Hilfe. Sie kamen zügig voran, ohne befürchten zu müssen, dass man sie vorzeitig entdeckte.

Dunkel und drohend reckten sich die Reste des Palisadenzaunes vor ihnen empor. Nebel waberte durch eingestürzte Balken und Stützpfeiler, die einst den Wehrgang des Forts getragen hatten. Die hohe Luftfeuchtigkeit trug den Klang barscher Männerstimmen herüber, undeutlich noch. Auch ein schmerzerfülltes Stöhnen war zu hören.

Carringo und Chaco fanden mühelos eine Lücke zwischen den morschen Palisadenstämmen. Lautlos schlüpften sie hindurch und schlichen im Schutz der alten Mannschaftsunterkünfte auf den ehemaligen Appellplatz des Forts zu, der von den Überresten der Unterkünfte und Stallungen u-förmig umgeben war. Die Stimmen wurden deutlicher. Flüche waren zu hören, gefolgt von den typischen dumpfen Lauten, wie sie Fausthiebe verursachten.

Die beiden Freunde erreichten den schmalen Durchgang zwischen den früheren Offizierswohnungen und der Wachbaracke. Der Blick auf den Appellplatz war frei.

Carringo und Chaco erschraken, als sie das Brettergerüst erkannten, das Andrew Hilton an diesem abgelegenen Ort für die von ihm befohlenen Hinrichtungen hatte aufbauen lassen. Sie sahen Padre Williams von der Seite. Der Geistliche hing blutüberströmt in den Fesseln. Sein Gesicht war geschwollen, Lippen und Augenbrauen aufgeplatzt. Der flache schwarze Pilgerhut lag vor seinen Füßen im zertrampelten Schnee.

Carringo hielt den Atem an. Die Killer in ihren langen Mänteln bildeten eine drohende Front vor dem gepeinigten Padre. Sieben finstere Gestalten waren es, über deren Absichten kein Zweifel bestand.

Der Schnauzbärtige trat einen Schritt vor. Sein Gesicht war wutverzerrt. Carringo erkannte ihn sofort. Dutch Cassidy, der Revolvermann, den Hilton mehr als einmal auf seine Spur gehetzt hatte. Jener Dutch Cassidy, der dabei immer wieder versagt hatte und von dem Carringo schon geglaubt hatte, dass er bei Hilton endgültig in Ungnade gefallen sei.

Hart rammte Cassidy dem Padre den Winchesterkolben in den Leib. Williams schrie vor Schmerz.

„Meine Geduld ist zu Ende!“, brüllte Cassidy, und die Adern an seinem Hals schwollen zu Strängen an. „Die erste Kugel war eine Warnung, Pfaffe! Die nächste bereitet deinem Leben ein Ende. Du hast noch eine Minute, um nachzudenken. Überlege es dir gut, ob du für Carringo krepieren willst.“

Padre Williams schüttelte mit letzter Kraft den Kopf.

Carringo und Chaco verständigten sich mit einem raschen Blick. Es gab nur eine Möglichkeit, dem Geistlichen zu helfen. Denn höchste Eile war geboten, und gegen die Übermacht der Killer hatten die Freunde im offenen Kampf keine Chance. Durch den Gang zwischen den verfallenen Baracken waren die Pferde der Banditen zu erkennen. Beim eingestürzten Haupttor des Forts, gut fünfzig Schritt von dem Exekutionsgerüst entfernt, waren die Tiere angeleint. Chaco begriff den Plan des Freundes, ohne dass Wort notwendig waren. Lautlos huschte das Halbblut los, an der Rückseite der alten Wachbaracke entlang, auf die vorderen Palisaden zu.

„Hier wird dir keiner helfen!“, schrie Dutch Cassidy mit sich überschlagender Stimme. „Nicht einmal der da oben steht dir an diesem Ort bei.“ Er stieß den Lauf des Winchesterkarabiners zum Himmel empor.

„Du wirst der Strafe Gottes nicht entgehen“, flüsterte Padre Williams kaum hörbar.

Cassidy versetzte ihm einen Fußtritt, der ihm die Beine unter dem Leib wegriss. Wieder schrie der Geistliche auf, als sein ganzes Körpergewicht in den Handfesseln hing und die Stricke tief in seine Haut schnitten.

Carringo zählte die Sekunden. Cassidy fühlte sich an diesem Ort sicher - wie schon so oft, wenn Hilton seine Feinde in dem abgelegenen Fort hatte hinrichten lassen. Carringo rechnete nicht damit, dass der Revolvermann bei den Pferden eine Wache postiert hatte. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, würde Chaco leichtere Arbeit haben.

Cassidy scheuchte seine Gehilfen mit einer herrischen Handbewegung zurück. Er selbst entfernte sich drei, vier Schritte von dem Exekutionsgerüst und lud den Karabiner mit einem energischen Ruck am Unterhebel durch. Das metallische Klicken hallte überlaut durch den Innenhof des Forts.

„Du hast es nicht anders gewollt, Pfaffe“, sagte der Killer gefährlich leise.

Padre Williams schloss die Augen.

Carringo spannte die Muskeln.

Einen Atemzug später geschah es.

Schrilles Wiehern gellte plötzlich herüber. Im gleichen Moment waren lodernde Flammen zu sehen, die an den morschen Palisaden emporleckten. Chaco musste trockenes Stroh gefunden haben, mit dem er das Feuer rasch in Gang gebracht hatte.

Dutch Cassidy wirbelte erschrocken herum.

Carringo schnellte los. Mit wenigen Sätzen war er an der vorderen Ecke der Offiziersunterkunft.

„Die Pferde!“, brüllte Cassidy. „Haltet sie!“

Mit wehenden Mänteln rannten die Killer auf die Tiere zu, die sich angstvoll aufbäumten und durch das rasch anwachsende Feuer zunehmend in Panik gerieten.

Cassidy zögerte noch sekundenlang. Offensichtlich widerstrebte ihm der Gedanke, das selbstherrliche Urteil nicht sofort vollstrecken zu können, wie er es dem Padre angedroht hatte. Doch in diesem Moment peitschten die ersten Gewehrschüsse vom Feuer her.

Cassidy hastete los. Hakenschlagend rannte er auf die alten Stallungen jenseits des Appellplatzes zu. Gleichzeitig spritzten seine Gehilfen auseinander, um Deckung zu suchen. Immer noch peitschten Gewehrschüsse. Die Mündungsblitze waren durch den grellen Feuerschein nicht zu erkennen.

Die ersten Pferde rissen sich los, stoben in wilder Jagd durch das offene Tor davon.

Cassidy und seine Männer erwiderten Chacos Gewehrfeuer.

Carringo wartete nicht mehr. Höchstens noch für Minuten würde der Freund die Killer hinhalten können. Geduckt rannte Carringo auf das Exekutionsgerüst zu. Dann fand er hinter den Balken und Brettern Sichtschutz, zog das Bowiemesser und durchtrennte die Fesseln des Geistlichen mit wenigen schnellen Schnitten.

Die Schüsse verdichteten sich zu einem wilden Stakkato. Wie es schien, geriet Chaco allmählich in Bedrängnis. Carringo umrundete das Holzgerüst und sah, dass Padre Williams kraftlos in sich zusammengesunken war. Aber er hatte das Bewusstsein nicht verloren, versuchte verzweifelt, sich aufzurichten, um seinen Retter zu unterstützen. Carringo steckte das Messer ein, nahm die Winchester in die Linke und packte den Padre mit der freien Rechten. Die Killer schienen nichts davon zu bemerken. Offenbar dachten sie nur an ihre Pferde. Sie wussten, dass sie in dieser Einöde zu Fuß hilflos waren.

Das Prasseln der Flammen wuchs an, erreichte fast die Lautstärke der Schüsse. Im morschen Holz der verfallenen Fortgebäude fand das Feuer rasche Nahrung und konnte sich rasend schnell ausbreiten. Schon hatten die Flammen die Wachbaracke und auch die vordersten Stallungen erfasst.

Carringo schleifte den Padre auf den Durchgang zwischen den Baracken zu und brachte ihn dort in Sicherheit. Mit zwei Sätzen war Carringo wieder an der Vorderecke der alten Offiziersunterkunft und nahm die Winchester an die Schulter.

Drüben stand nun auch das morsche Gerippe des alten Haupttores in hellen Flammen. Mit gellendem Wiehern rissen sich auch die letzten Pferde los und stoben durch die Lücke in dem Flammenmeer davon.

Chacos stetiges Gewehrfeuer hinderte die Killer daran, die Pferde sofort wieder einzufangen. Und daran, den Brand zu löschen, konnten Cassidy und seine Männer erst recht nicht denken.

Carringo visierte das Mündungsfeuer an, das drüben hinter einer windschiefen Wand des Stallgebäudes aufzuckte. Doch in dem gleichen Moment, als Carringo abdrücken wollte, verließ der Schnauzbärtige plötzlich seine Deckung. Mit wutverzerrtem Gesicht brüllte er einen Befehl, den Carringo nicht verstand. Gleichzeitig stürmte Cassidy voran, wollte seine Gefolgsleute offenbar neu formieren. Carringo reagierte blitzartig. Im Herumschwenken des Winchesterlaufs krümmte sich sein Zeigefinger. Durch die grelle Mündungsflamme sah er Cassidy stürzen. Schreiend wälzte sich der Anführer der Revolvermänner am Boden, war jedoch geistesgegenwärtig genug, durch eine Lücke in der nächstgelegenen Stallwand zu kriechen.

Ruhig feuerte Carringo weiter, konzentrierte sich jetzt auf die Stellen hinter den verwitterten Holzwänden, wo er zuvor Mündungsfeuer gesehen hatte. Die Killer sollten wissen, dass ihnen nun aus der entgegengesetzten Richtung Gefahr drohte. Und für Chaco war es das Zeichen, seine Stellung zu verlassen.

Wie erwartet, brachen die Schüsse des Halbbluts ab. Das Gewehrfeuer der Killer geriet ins Stocken. Ihnen fehlte die moralische Stütze durch ihren Anführer. Und überdies saß ihnen buchstäblich die Faust im Nacken, denn es war nur noch eine Frage von Minuten, bis sich das Flammenmeer auch dorthin ausgebreitet hatte, wo sie ihre Deckungen gesucht hatten.

Carringo warf sich zu Boden, als die ersten Kugeln bedrohlich nahe ins Holz klatschten. Aber er erwiderte das Feuer weiter, und es gelang ihm, die Revolvermänner noch minutenlang in Schach zu halten.

Unvermittelt erscholl ein halblauter Ruf hinter ihm. Chaco war zur Stelle, half dem Padre auf, und zog ihn fort - auf die Lücke in den alten Palisaden zu, durch die die Freunde sich angepirscht hatten.

Carringo feuerte das Magazin seiner Winchester leer. Dann schob er sich bäuchlings zurück, schnellte hoch und rannte Chaco nach, der mit dem Padre bereits einen guten Vorsprung gewonnen hatte.

Ehe die Killer die neue Lage erfasst hatten, waren die Freunde bereits außerhalb des Forts. Carringo blieb hinter Chaco und dem Padre. Im Laufen lud er das Röhrenmagazin seines Winchesterkarabiners nach.

Vom Fort her waren wütende Schreie zu hören. Die Schüsse waren verstummt.

Hinter einer Anhöhe verharrte Carringo geduckt und wandte sich um. Er sah, wie sehr die Hilton-Gunmen ihre Aktivitäten verzetteln mussten. Zwei von ihnen rannten den Pferden nach, die westwärts aus dem Flammenmeer geflohen waren. Zwei weitere tauchten an der Lücke im Palisadenzaun auf. Die übrigen mussten sich zweifellos um den verwundeten Cassidy kümmern, damit er nicht ein Opfer des Feuers wurde.

Wieder nahm Carringo den Karabiner an die Schulter. Gnadenlos zog er durch, als er einen der Langmäntel bei der Palisadenlücke im Visier hatte. Der Schuss peitschte auf. Carringo sah, wie der Mann die Arme hochwarf und langsam vornüber kippte. Der andere riskierte es nicht, das Feuer zu erwidern. Der Präzisionsschuss, der seinen Komplizen außer Gefecht gesetzt hatte, musste ihn vorübergehend demoralisiert haben.

Carringo folgte dem Freund. Chaco war bereits bei den Pferden und half dem völlig zerschlagenen Padre in den Sattel seines Braunen. Das Halbblut schwang sich hinterher und trieb das Pferd voran. Carringo schob die Winchester in Wildcats Scabbard und befreite den kleinen Sammy von seinen Fesseln.

Das Wolfskind fror nicht. Es war schlimmere Kälte gewöhnt. Und in Sammys Augen lag keine Feindseligkeit, als Carringo ihn mit sich in den Sattel des hochbeinigen Rappen hob. Ein leichter Schenkeldruck genügte, und Wildcat jagte in gestrecktem Galopp hinter Chaco her.

Sie ritten nach Norden. Schon nach einer Meile verlangsamten sie das Tempo. Vorläufig brauchten sie nicht damit zu rechnen, dass sie von den Killern verfolgt wurden. Cassidy war dazu vermutlich nicht in der Lage. Und ohnehin würden die Revolvermänner geraume Zeit brauchen, um die Pferde wieder einzufangen.

Als Carringo sich noch einmal umwandte, sah er die mächtige schwarze Rauchwolke, die über dem alten Fort schwebte. Selbst auf die Entfernung war noch der Glutschein der lodernden Flammen zu erkennen. Hiltons Exekutionsstätte existierte nicht mehr. Unmöglich, das Feuer noch zu löschen. Die Flammen fraßen sich gierig und unaufhaltsam in das morsche, trockene Holz.

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940640
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v703308
Schlagworte
carringo wolfskind

Autor

Zurück

Titel: Carringo und das Wolfskind