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Das Zeitalter des Kometen #21: Lennox und die Allianz

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lennox und die Allianz

Copyright

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Lennox und die Allianz

Das Zeitalter des Kometen #21

von Jo Zybell

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Die Gruppe um Tim Lennox, Marrela und den Cyborg Kaio wurde ergänzt durch den Führer der Running Men Mr. Darker und seine Assistentin, Merlin Roots und Karyaana. Nach einem Überfall durch schrecklich deformierte Mongolen ist nur einer der Angreifer übrig geblieben. Der aber schwört tödliche Rache. Als es ihm gelingt, sich befreien, scheint der Zeitpunkt gekommen, Marrela und Karyaana auf grausame Weise umzubringen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Wind bauschte seinen schwarzen Ledermantel. Manchmal peitschte ihm eine Böe den Zopf ins Gesicht. Oder er blies ihm den Rauch des Feuers in die Nase und den Duft der Fische, die sie acht Speerlängen unterhalb seines löchrigen Kerkers über den Flammen brieten. Er fegte über die verrosteten Metallkästen und wehte ihm Staub in Augen und Mund; Staub, der metallen schmeckte und zwischen den Zähnen knirschte.

Ostwind.

Ein Gruß aus der Heimat.

Die Zähne zusammenbeißen – das tat er oft, seit sie ihn in einem der Rostkästen gefangen hielten. Wenn der Hass ihn zu überwältigen drohte oder Schmerz und Enttäuschung über den verlorenen Kampf. Statt zu schreien, zu toben und um sich zu schlagen biss er dann auf die Zähne. Von Zeit zu Zeit stieß er auch Drohungen gegen die beiden Kriegerinnen aus, die ihn bewachten. »Ich werde euch alle töten!«, zischte er.

 

WAS BISHER GESCHAH

Am 8. Februar 2012 trifft der Komet »Alexander-Jonathan« die Erde. Die Folgen sind verheerend. Die Erdachse verschiebt sich, weite Teile Russlands und Chinas werden ausradiert, ein Leichentuch aus Staub, legt sich um den Planeten … für Jahrhunderte.

Als die Eiszeit endet, hat sich das Antlitz der Erde gewandelt: Mutationen bevölkern die Länder, und die Menschheit ist unter dem Einfluss grüner Kristalle aus dem Kometen auf rätselhafte Weise degeneriert.

In dieses Szenario verschlägt es den US-Piloten Timothy Lennox, dessen Jet-Staffel beim Kometeneinschlag durch einen Zeitriss ins Jahr 2516 gerät. Beim Absturz wird er von seinen Kameraden getrennt und von Barbaren gerettet, die ihn als Gott »Tinnox« verehren. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Marrela wandert er über eine dunkle, postapokalyptische Erde.

 

Beim Wettlauf zum Kometenkrater, wo laut der ISS-Daten vielfältiges Leben wuchert, haben Tim Lennox, Marrela und der Cyborg Kaio Konkurrenz: Der Weltrat (WCA), Nachfolger der US-Regierung unter Präsident Victor Hymes und General Arthur Crow, setzt seine Ziele unerbittlich durch, indem er barbarische Völker unterstützt, die andere Zivilisationen ständig angreifen und so klein halten. Crows Tochter Lynne leitet die WCA-Expedition, begleitet von dem irren Professor Dr. Jacob Blythe.

Die zweite Fraktion ist eine Rebellengruppe, die gegen die WCA kämpft, die Running Men. Ihr Anführer Mr. Darker ist ein Klon des früheren US-Präsidenten Schwarzenegger. Tim, Marrela und Kaio machen sich von Los Angeles aus auf den Weg, wo Marrela durch ein Experiment ihre telepathischen Kräfte eingebüßt hat.

Mit einem Eissegler geht es an der gefrorenen Westküste entlang hinauf nach Kanada, wo Tim in einer Biosphäre des Milliardärs De Broglie von einem Lava-Drachen entführt wird. Kaio und Marrela folgen der entschwindenden Kreatur mit dem Zeppelin der Sphäre und retten Timothy aus der Gewalt eines Volkes, das ihn den Walen im Großen Bärensee opfern wollte. Gemeinsam reisen sie weiter nach Norden – doch in der Nähe von Fort McPherson stürzt der Zeppelin ab. Inuit, die eine »Eisfrau« als Gottheit verehren, nehmen sie auf. Die Göttin entpuppt sich als Amber Floyd, eine Wissenschaftlerin, die seit über 500 Jahren in einem Kältetank liegt und nun von Tim geweckt wird. Gleichzeitig gelangt die Expedition der Running Men, verfolgt von einer Mongolenhorde, nach Fort McPherson. Gemeinsam stellen sie sich der Gefahr.

Es gibt Verluste auf beiden Seiten – und auch Amber stirbt, als ihre Zellen rapide altern. Die beiden Expeditionen schließen sich zusammen, doch Tim geht das Bündnis nicht ohne Vorbehalte ein, denn die Running Men und ihr Anführer Darker sind ihm suspekt.

 

*

Die Kriegerin, die mit gekreuzten Beinen auf dem Vorderteil des Blechkastens saß, blickte auf. Marrela nannten die anderen sie. Aus misstrauischen und seltsam grünen Augen fixierte sie ihn, als würde sie jedes seiner Worte verstehen.

»Dich zum Beispiel werde ich aufschlitzen«, sagte er zu ihr. »Von unten bis zum Kinn aufschlitzen, du drei Mal verdammtes Hurenbalg! Und vorher, weißt du, was ich vorher mit dir machen werde?« Er spuckte nach ihr, aber sein Mund war so trocken und so voller Roststaub, dass er nur einen jämmerlichen Spritzer ausspie, der zudem noch an einem der Glassplitter hängen blieb, die im unteren Rand des Fensterrahmens seiner Kerkerkiste steckten.

Diese Geste verstand sie auch, ohne seine Sprache zu sprechen. Die Lider der Frau verengten sich zu Schlitzen. Jetzt sahen ihre Augen eher braun als grün aus. War das nicht Beweis genug, dass ein Dämon sie beseelte? Sie beugte sich ein Stück nach vorn, sodass ihr die schwarze Lockenmähne über die Schulter rutschte. Und ohne Vorwarnung, ja, ohne auch nur die Miene zu verziehen, spuckte sie nach ihm.

Ihr Speichel klatschte auf seine von kleinen Geschwüren überzogene Stirn. Er zuckte kurz zurück, biss die Zähne zusammen – und dann schrie er doch; brüllte vor Wut, als hätte sie ihm ihr Schwert in die Weichteile gestoßen. Wenn nur seine Hände nicht gefesselt gewesen wären – eine einzige Bewegung, und sein Körper wäre durch das Fenster geflogen, und er hätte ihr das Schwert entrissen und sein Versprechen jetzt schon wahr gemacht.

»Aufschlitzen werde ich dich! Verdammtes Miststück! Aufschlitzen!« Er riss an seinen Ketten, zischte und stieß den Schädel in ihre Richtung. »Euch alle werde ich aufschlitzen, so wahr ich Kobajozzi Kanga heiße!«

Sie feixte ihm ins Gesicht, dieses gerissene, kriegerische Weib!

Natürlich verstand sie wieder kein Wort. Ihre Sprachen hätten gar nicht unterschiedlicher sein können. Und so verstand auch er nicht, als sie nach oben blickte, und mit der anderen redete, mit der Grauhaarigen.

Die konnte er nicht sehen; sie hockte ja auf dem Dach des Blechkastens. Manchmal, wenn sie sich bewegte, hörte er es über sich scharren und spürte Roststaub auf seinen Schädel rieseln. Und hin und wieder sah er auch ihren Fellmantel oder ein Stück ihres Stiefels hinter einem der Löcher im verrosteten Dach.

Die Weiber wechselten ein paar Worte. Das Gesicht der Schwarzhaarigen mit den wechselnden Augenfarben verfinsterte sich. Mit beiden Händen griff sie über ihre Schulter, zog ihr Schwert aus der Halterung an ihrem Rücken, richtete sich auf den Knien auf und setzte ihm die Klingenspitze auf den Bauch. Blitzschnell ging das; er hielt den Atem an und riss Mund und Augen auf.

Sie fauchte ihn an, bellte ein, zwei Sätze heraus, heiser und hart, und obwohl er sie nicht verstand, begriff er doch deren Sinn. Ihr Tonfall, ihr lodernder Blick, der Druck ihrer Klinge gegen seinen Bauch – deutlicher konnte eine tödliche Drohung nicht ausfallen.

Auf einmal beschlich ihn die Ahnung, dass diese beiden Kriegerinnen ganz genau wussten, was er ihnen verheißen hatte.

»Gut, Weib Marrela, schon gut«, flüsterte er. »Diese Stunde ist deine Stunde. Aber warte nur … warte, bis Kobajozzi Kangas Stunde kommt …«

Sie steckte ihr Schwert zurück in die Halterung. Ihr Blick durchbohrte ihn, bis er den Kopf senkte und die Augen schloss.

Ein dämonisches Weib, war sie das nicht ganz ohne Zweifel? Kobajozzi Kanga hockte auf einem Gestell aus Drahtgeflecht und Metallstangen, beides von Rost überwuchert. Seine Rechte war an einen Fensterholm des Kastens gekettet, seine Linke an eine Art Rad mit drei Speichen, das rechts von ihm unter dem Fensterrahmen befestigt war. Die Füße hatten sie ihm zusammengebunden, sodass er nicht mehr um sich treten konnte.

Er saß in der Mitte des Kastens, unter einer Kuppel, die eigentlich nur aus dem leicht gewölbten Dach und vielen Fensteröffnungen bestand. In einigen hingen noch Glassplitter, wie gesagt.

Wenn Kobajozzi Kanga sich umschaute und durch die Fensteröffnungen blickte, konnte er unglaublich viele dieser verrosteten Kuppelkästen sehen. Kreuz und quer übereinander gestapelt, teilweise auf dem Dach liegend, teilweise verbogen und eingedrückt, bildeten sie geradezu ein Gebirge aus Metall; ein Gebirge, das an manchen Stellen fast den vierten Teil eines Speerwurfes hoch aufragte. Die meisten Kästen hatten Räder an der Unterseite. Aus den Legenden der Priester wusste Kobajozzi Kanga, dass die Alten in den Zeiten vor dem Weltenbrand in solchen Kästen umhergefahren waren, ohne dass ein Tier sie ziehen musste.

Kangas verrosteter Kerker ruhte auf einem Stapel von etwa drei Speerlängen Höhe. Von hier aus konnte er die Feinde am Feuer – ein Weib und vier Krieger – gut beobachten, sogar ihre Stimmen konnte er hören. Obgleich er nichts verstand, glaubte er ihre Sprache wiederzuerkennen: Die Göttersöhne in der Heimat redeten manchmal in einem ähnlichen Dialekt miteinander.

Drei oder vier Speerwürfe hinter dem Feuer verschwamm niedriges Gestrüpp mit der einsetzenden Dämmerung. Dort irgendwo lag das Flussufer. Manchmal trug der Wind das Rauschen der Wasser in Kobajozzi Kangas Gefängnis.

Es wurde Nacht. Ein fremder Geruch mischte sich in Bratenduft und Rauch, ein scharfer, widerlicher Geruch. Kobajozzi Kangas Jägerinstinkt schlug an. Seine scharfen Augen versuchten die Dunkelheit zu durchdringen. Doch nirgendwo nahm er eine verdächtige Bewegung wahr. Irgendwann kletterte einer der Feinde über die Blechkästen zu seinem Kerker herauf. Ein großer schwarzhäutiger Mann mit tiefer Stimme. Er wechselte ein paar Worte mit der Hexe und setzte sich dann an ihre Stelle auf den vorderen Teil des Blechkastens. Die beiden Weiber kletterten hinunter und gingen zum Feuer.

»Auch dich werde ich töten, Hundesohn«, zischte Kobajozzi Kanga. Der Schwarze reagierte nicht. Wie ein großes Tier hockte er vor dem Fenster und rührte sich nicht. Hin und wieder, wenn der Wind die Glut des Feuers am Fuß des Rostgebirges anfachte, konnte Kobajozzi Kanga für kurze Zeit das Weiß seiner Augen erkennen, und das helle, seit den Kämpfen blutverschmierte Fell seines langen Mantels.

Der Schatten in seiner Hand war diese dämonische Waffe, die Blitz und Donner verschleudern konnte. Selbst in tiefster Nacht, selbst im Nebel würde Kanga sie erkennen. Niemals wieder würde er die Feuerblitze vergessen, die sie versprühte, und die Donnerschläge, die sie verursachte, und die Wunden, die sie in Körper reißen konnte. Diese Zauberwaffe – neben anderen – hatte Kobajozzi Kanga zu einem einsamen Krieger gemacht. Später ging die Sichel des Mondes auf. Sie hing zwischen Wolkenfetzen in einem milchigen Lichthof. Vor wenigen Tagen noch hatte der Vollmond auf dreiundsechzig stolze Ostmänner herab geschienen. Und heute war nur noch er übrig, Kobajozzi Kanga, der Vulkan. Ja, so hieß er zu Hause: Vulkan. Und so hatten ihn die Gefährten genannt, die jetzt tot waren. Auch Atorrn, der bei den Reittieren geblieben war, mussten sie getötet haben. Wie anders war es zu erklären, dass ihm der Kampfgefährte nicht längst zu Hilfe gekommen war?

Nur zwei Feinde hatten sie im Gegenzug vernichten können. Nur zwei von neun!

Kobajozzi Kanga schrie auf, riss an seinen Ketten und wand sich wie in Schmerzen: Nur zwei von neun! Blech knirschte, Metall schabte über Metall, und das Rad mit den drei Speichen klapperte. Sein schwarzer Wächter blaffte ihn an und richtete die Zauberwaffe auf ihn.

Kobajozzi Kanga gab Ruhe. Seine Stunde würden kommen. Er wusste es mit der gleichen Klarheit, mit der er den Tod der verbliebenen sieben Feinde wollte. Denn wenn von dreiundsechzig stolzen Ostmännern tatsächlich nur er übrig geblieben war, ruhte somit die ganze Last des Auftrags jetzt auf seinen Schultern. »Ich werde euch töten, ich werde euch töten …« Wieder und wieder flüsterte er es: »Ich werde euch töten, ich werde euch töten …«

Die Nachtstunden zogen sich hin. Manchmal döste Kobajozzi Kanga ein. Einmal, als er aufwachte, merkte er, dass sie den schwarzen Wächter abgelöst hatten. Der große Weiße mit dem gelben Haar hockte jetzt auf dem Vorderteil des Blechkastens; der Mann, den die dämonische Kriegerin »Tinnox« nannte. Kanga zog die Nase hoch, aus der es seit Stunden unaufhörlich rann. Sie war missgebildet wie die vieler Kampfgefährten. Es war eine Auszeichnung der Götter, so wie auch die gespaltenen Münder, deformierten Ohren und Geschwüre im Gesicht und auf den Armen, die alle Ostmänner mit Stolz trugen. Sie dienten dazu, die Feinde in Angst und Schrecken zu versetzen, hatten die Meister der Erde verkündet.

Das Feuer unten glomm nur noch vor sich hin, die Sichel des Mondes war vom Nachthimmel verschwunden. Die tiefe Stimme des Schwarzen drang zu ihm hoch: Er erzählte ununterbrochen. Ihm gegenüber am Feuer saß jener starke Krieger, der ihr gewaltiges Gefährt befehligte, ein sehr großer, muskulöser Mann. Er schien dem Schwarzen aufmerksam zuzuhören.

Noch etwas hatte sich verändert: Der scharfe Geruch war intensiver geworden. Und plötzlich wusste Kobajozzi Kanga, was sich da unsichtbar in der Dunkelheit zwischen den Blechkasten-Hügeln zusammenrottete.

Das Innere seiner Brust fühlte sich schlagartig an, als wurde Eiswasser hineingefüllt. Für Augenblicke hockte er stocksteif und hörte auf zu atmen. Wenn er Recht hatte, wenn tatsächlich sie es waren, die hier nach Beute suchten – dann waren nicht nur die Stunden seiner sieben Feinde gezählt, dann war auch sein eigenes Leben in Gefahr!

Oder hatten die Geister seiner Vorfahren die Bestien geschickt, um ihn zu retten?

 

 

2

Vor über fünfhundert Jahren

Washington D.C., 8. Februar 2012

»… neunzehn, achtzehn, siebzehn …«

Die raue Männerstimme erfüllte den saalartigen Raum. Der Countdown für den Abschuss von acht Interkontinentalraketen lief aus. Um die achtzig Männer und Frauen saßen oder standen vor Bildschirmen und Instrumentenkonsolen. Niemand sprach ein Wort, alle lauschten sie der Stimme aus der Internationalen Raumstation.

»… fünfzehn, vierzehn, dreizehn …«

9:09 Uhr Central Time, behauptete die Zeitangabe am oberen Rand des großen Monitors an der Stirnwand. Schneetreiben hüllte die Skyline von Washington ein. Präsident Schwarzenegger saß in einem Sessel auf einer erhöhten, hufeisenförmigen Plattform in der Mitte der Kommandozentrale, Monitore, Mikrofone und Telefone vor sich auf der Instrumentenkonsole.

Rechts von ihm stand der Stabschef der US Air Force, General Forster Crow, daneben Cora Topalias, Medizinerin und Biogenetikerin und Schwarzeneggers Leibärztin. Links des Präsidenten wechselte sein Stellvertreter, Vizepräsident Carl Spencer Davis, unruhig von einem Bein auf das andere.

»… neun, acht, sieben …«

Eine Windböe zerriss den Schneeschleier auf dem Hauptmonitor, und für Sekunden konnte man die Umrisse von Menschen auf einem der Hochhausdächer erkennen. Der Präsident stützte seinen Kopf in die Rechte und schloss die Augen.

Er dachte an die vielen Millionen Amerikaner, die in diesen Minuten vor Fernseh- oder Radiogeräten auf die erlösende Nachricht lauschten. Oder auf die letzte Nachricht ihres Lebens. In U-Bahnschächten, in Kellern, auf Dächern, in Autokolonnen auf den Highways oder auf Dächern, wie diese Leute auf dem Monitor, die jetzt das Schneetreiben schon wieder verhüllte.

Und er dachte an die hundert Millionen, ja, Milliarden von Menschen in der ganzen Welt, die nicht das seltene Privileg hatten, sich vor dem Kometen in einen unterirdischen Bunker verkriechen zu können.

So wie er und sein Vize, sein Stabschef und seine Ärztin – und etwa dreitausend Wissenschaftler, Politiker und Militärs der Washingtoner Regierungskaste samt ihrer Familien. Lauter ausgewählte Angehörige der US-Elite, die im bombensicheren Bunkersystem unter dem Pentagon Zuflucht gesucht hatten.

»… sechs, fünf, vier …«

»Umschalten zur ISS!« Die Stimme Forster Crows riss Schwarzenegger aus seinen Gedanken. »Ich will die Bilder von Hubble!«

»… zwei, eins, null.« Das Schneetreiben und die winterliche Skyline auf dem großen Monitor verblassten, ein neues Bild baute sich auf: An den äußeren Monitorrändern sah man Sternengefunkel in der Schwärze des Alls, in der linken unteren Bildhälfte einen Ausschnitt des blauen Planeten, und fast in der Bildmitte eine gleißender Ellipse, deren gewaltiger Schweif alle anderen Gestirne in ihrer Umgebung verblassen ließ: »Alexander-Jonathan«.

»Jordan an Houston!« Wieder die Männerstimme aus den Deckenlautsprechern. General Jordans Stimme. Er saß auf der ISS und kommandierte den Beschuss des Kometen mit Interkontinentalraketen. »Acht MX-3-Raketen gestartet und auf vorgesehenem Kurs! Over.«

Keiner außer dem Präsidenten, den es noch auf seinem Platz hielt. Alle standen sie jetzt, alle. Über neunzig Augenpaare hingen an den acht Lichtgeraden, die auf Abfangkurs dem Kometen entgegenschossen. Je näher sie ihm kamen, desto blasser wurden sie.

»Sehen Sir, Sir?« General Crow deutete auf den Hauptmonitor.

»Sehen Sie die Raketen? Nicht mal eine halbe Stunde noch, und wir sind das Problem los.« Für seine Verhältnisse wirkte der Stabschef geradezu erregt.

Irgendjemand in Schwarzeneggers Umgebung betete. Nun erhob er sich ebenfalls und blickte auf die Männer und Frauen vor den Konsolen und Monitoren hinunter. Viele hatten einander die Arme um die Schultern gelegt, einige bedeckten ihre Münder mit den Händen. Bis auf das Murmeln und Flüstern einiger Betender und das Summen der vielen Geräte war es still in der Kommandozentrale des Pentagonbunkers.

Der Präsident starrte die Feuerkeule auf dem Monitor an. Ihr Schweif füllte schon fast die ganze rechte Bildhälfte aus. Neben der digitalen Zeitangabe am oberen Bildrand – 9:10 Uhr Central Time – eine weitere Ziffern- und Buchstabenfolge: 0 hours, 31 minutes, 17 seconds. Die verbleibende Zeit bis zum errechneten Kometeneinschlag – bis zum hypothetischen Einschlag …

»Gütiger Gott, gib, dass es eine hypothetische Zeit bleibt!«

Jetzt fing auch der Präsident an zu beten. »Mach, dass wir ihn in Millionen Trümmer sprengen!«

Carl Spencer Davis legte ihm die Hand auf die Schulter. »Um 9:29 Uhr treffen sie ihn.« Der Afroamerikaner drückte die Schulter seines Chefs. »Sie werden ihn in Millionen Trümmer zersprengen. Ich glaube ganz fest daran, Sir. Noch knapp achtzehn Minuten, dann ist der Spuk vorbei.«

Oder noch einunddreißig Minuten, und dann geht die Welt unter, dachte Schwarzenegger. Jemand schob sich von rechts an seine Seite, fasste seinen Arm und schmiegte sich an ihn. Der Präsident spürte, dass Dr. Cora Topalias zitterte. Ihre Angst überstieg die Norm, und so sprengte auch ihr Verhalten das übliche Maß: Normalerweise achteten sie darauf, sich in der Öffentlichkeit nicht zu berühren. Aber jetzt war sowieso nichts mehr normal.

Der Präsident riss sich vom Anblick des Kometen los und sank wieder in seinen Sessel. Müde war er, todmüde. Kaum konnte er sich erinnern, wann er das letzte Mal ein Bett gesehen hatte. Cora blieb an seiner Seite und legte die Hand auf seine Schulter.

Noch achtzehn Minuten, oder noch einunddreißig Minuten, dachte er.

In seinem breiten Brustkorb dröhnte plötzlich eine Pauke. Auf einmal tauchte seine Großmutter vor seinem inneren Auge auf. Die alte Nickelbrille auf der Nase, beugte sie sich über die Bibel auf dem Küchentisch. Wie oft hatte sie ihm aus dem dicken schwarzen Buch vorgelesen, als er noch ein kleiner Junge war. Jetzt war ihm, als hörte er ihre Stimme so deutlich, wie er eben noch die General Jordans aus den Lautsprechern gehört hatte.

»… da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack«, las sie in breitestem Grazer Dialekt. »Und der ganze Mond wurde Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde …«

Der Präsident stöhnte leise und bedeckte seine Augen mit der Hand. Wo in diesem dicken schwarzen Buch stand das noch gleich? Im Johannes-Evangelium, richtig. Nein, in der Offenbarung des Johannes. Er schüttelte sich, um die Erinnerung an seine Großmutter aus seinem Schädel zu jagen, er riss die Augen auf und starrte auf den kleinen Monitor direkt vor ihm auf der Konsole. Acht schmale Silhouetten stachen dort in eng beieinander liegenden Geraden der gleißenden Ellipse

»Alexander-Jonathans« entgegen; eine vom Hauptcomputer der ISS errechnete Visualisierung der aktuellsten Radaraufnahmen.

Der Anblick verschaffte der alten Frauenstimme in Schwarzeneggers Hirn nur noch mehr Raum. Unerbittlich las sie aus dem schwarzen Buch: »… der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln werden wegbewegt von ihren Orten …«

»Houston an ISS und Pentagon. Meldung von Eagle 1: Die Flugstaffel hat die Raketen auf dem Radar. Over.«

Die Stimme aus dem Kontrollzentrum in Houston ließ die Erinnerung verblassen. Der Präsident hob den Blick. Die leuchtende Feuerkeule auf dem Hauptmonitor überstrahlte alles. Auch in Houston starrten sie jetzt auf den Kometen. In Houston, und in unzähligen anderen Observatorien, Kontrollzentren und Regierungsbunkern auf der ganzen Welt ebenfalls. 9:19 Uhr Central Time, sagte die Zeitangabe am oberen Monitorrand; und daneben die Zeit bis zum hypothetischen Einschlag: 0 hours, 22 minutes, 07 seconds.

»Wir schaffen es, Sir«, flüsterte der Vizepräsident. »In acht Minuten und achtundvierzig Sekunden erwischen wir ihn.«

Cora Topalias sagte nichts. Doch ihre Hand klammerte sich an seiner Schulter fest, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Er blickte zu ihr hinauf und sah, wie sie sich auf die Unterlippe biss.

Noch acht Minuten, oder noch einundzwanzig Minuten … alle Berge und Inseln werden wegbewegt von ihren Orten.

Auf einmal strahlte ein wolkenloser blauer Himmel vor seinem inneren Auge, und er sah die majestätischen Gipfel der Hohen Tauern. Mit seinem Vater stand er selbst auf einem dieser Gipfel und bestaunte den erhabenen Anblick. Der Präsident fragte sich, ob er jemals wieder einen solchen Himmel sehen würde, und er fragte sich, in welchem Jahr er mit seinem Vater in den Hohen Tauern auf einer Bergwanderung unterwegs gewesen war. War es 1959 oder 1960 gewesen?

Zwölf oder dreizehn Jahre alt musste er damals gewesen sein. Genau wusste er es nicht mehr, aber er wusste noch genau, was sein Vater damals auf jenem Gipfel sagte.

»Wie klein und unbedeutend sind wir doch gegen diese majestätischen Berge«, sagte er. »Wenn es dich und mich längst nicht mehr gibt, werden sie immer noch stehen, Arnold. Bis in alle Ewigkeiten werden sie in den Himmel ragen.«

Alle Berge und Inseln werden wegbewegt von ihren Orten.

»Gib, dass er sich nicht getäuscht hat«, betete der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Seine Ärztin sah erschrocken zu ihm herunter. Er merkte es nicht. »Heiliger Jesus, gib, dass er sich nicht getäuscht hat!«

9:24 Uhr Central Time, lautete die digitale Zeitangabe. Noch fünf Minuten, bis die Raketen auf »Alexander-Jonathan« explodierten. Oder, falls sein Vater sich doch getäuscht hatte, noch siebzehn Minuten, bis der Komet auf der Erde einschlug.

 

 

Ehemaliges Nordwestkanada Ende August 2518

»Grazer Dialekt? Wo, beim Schweif des Kometen, liegt Graz?« Mr. Darker warf einen Ast ins Feuer. Hellwach war er plötzlich. Merlin Roots‘ Erzählung brachte sein Blut in Wallung. Ja, sie erregten ihn mehr als diese ganze kräftezehrende Reise, mehr als die fremdartige Tundra-Landschaft, in die es sie verschlagen hatte; mehr sogar als der blutige Kampf, der hinter ihnen lag. Komisch eigentlich, oder?

»Graz liegt nirgendwo mehr«, sagte Merlin Roots in dem ihm eigenen gelassenen Tonfall. »Früher aber lag es in einem Staat, den man Austria nannte.« Roots‘ Bass rollte tief und gleichmäßig. Jeder Hohlraum seines Körpers schien zu vibrieren, wenn der schwarze Historiker sprach, selbst der Boden, auf dem er saß.

Merlin Roots war mit einer Stimme gesegnet, die vermutlich sogar die Würmer unter der Erde erreichte; mit einer Stimme, der man jedes Wort zu glauben geneigt war.

»Woher wissen Sie das eigentlich alles so genau, Mr. Roots?« Der Anführer der Running Men mimte den coolen Skeptiker. So amüsiert und spöttisch, wie er grinste, war Darker im Grunde gar nicht zumute.

»Ich bin Historiker, Mr. Darker«, sagte Merlin Roots unbeeindruckt. »Historiker und Chronist. Ich nehme meinen Job ziemlich ernst, wissen Sie? Während meines Studiums habe ich die Archive der WCA gründlich durchforstet. Sie glauben gar nicht, welche Schätze man in den Datenbanken des Pentagon finden kann.«

»Schon möglich.« Darker zog die Brauen hoch, sein kantiges Gesicht nahm einen gönnerhaften Ausdruck an. »Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich schätze fantasiebegabte Menschen. Aber Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Sie in den Datenbanken gelesen haben, wo der Präsident an jenem verfluchten Tag gesessen hat, wer neben ihm stand, und was dieser – wie hieß er gleich? – dieser Davis so alles von sich gegeben hat.«

Aus der Dunkelheit knirschte Blech. Jemand stieg eine Schrotthalde herab.

»Es existieren Audio- und Videodateien von diesem Tag, Mr. Darker.« Merlin gähnte. Es war ein Fehler gewesen, das Thema mitten in der Nacht anzuschneiden. »Und nicht nur von diesem. Schauen Sie – meine frühen Vorgänger hatten nicht gerade einen großen Aktionsradius. Außerhalb des Bunkers herrschten Nacht und Winter, und eine Horde futterneidischer Neubarbaren. Die Historiker des ersten Jahrhunderts nach Alexander-Jonathan mussten sich in ihrer Datensammelwut auf das Bunkersystem unter dem Pentagon beschränken. Und wichtige Leute wurden natürlich besonders oft gefilmt.«

Darker grinste jetzt nicht mehr. Fast ein bisschen nachdenklich sah er aus. »So, so«, brummte er.

Schritte näherten sich, eine in einen Kapuzenfellmantel gehüllte Männergestalt kam ans Feuer. Timothy Lennox, der seine Wache hinter sich hatte. Er winkte kurz, ging an ihnen vorbei und verschwand Richtung Fluss. Bald hörten sie die Panzerluke quietschen, und kurz darauf kamen zwei Männer zurück. Tim Lennox setzte sich zu Mr. Darker und Merlin ans Feuer, Kaio Tsuyoshi ging zur Schrotthalde und kletterte hinauf zu dem verrosteten Wagen, in dem sie den gefangenen Mongolen untergebracht hatten.

»Was wird mit ihm?« Mit einer Kopfbewegung deutete Tim hinauf zur Schrotthalde. Kaio Tsuyoshi ließ sich dort oben auf der Kühlerhaube des verrosteten Autowracks nieder. Nur undeutlich sah man die Umrisse seines Körpers. Zwei Punkte leuchteten in Höhe seines Gesichts. Die Augen des Cyborgs.

Manchmal, wenn der Nachtsichtmodus seiner Optik aktiviert war, schimmerten sie wie Glühwürmchen.

»Was soll mit Mr. Tsuyoshi werden, Commander?« Darker hätte das Gespräch mit Merlin Roots gern fortgesetzt. Die Unterbrechung gefiel ihm ganz und gar nicht. »Wenn einer diese Reise überlebt, dann Ihr Cyborg-Freund.«

Timothy Lennox neigte den Kopf und betrachtete den hünenhaften Anführer der Running Men aus zusammengekniffenen Augen; so wie man die Eisdecke eines zugefrorenen Sees betrachtet, wenn man sich nicht sicher ist, ob sie schon trägt. »Erstens, Mr. Darker, ist Kaio ein Mensch aus Fleisch und Blut, auch wenn er künstliche Arme hat und den einen oder anderen Prozessor benutzt, um seine organischen Funktionen zu optimieren. Und zweitens schätze ich es nicht, bewusst missverstanden zu werden. Ich spreche nicht von Kaio Tsuyoshi. Ich spreche von dem Barbaren in dem verrosteten Mercedes dort oben, diesem Kobajozzi Kanga, wie Karyaana herausgefunden hat. Was wird aus ihm? Wir können ihn unmöglich bis zum Kratersee mitschleppen.«

»Warum so empfindlich, Lennox?« Mr. Darker neigte nicht zu Illusionen; er wusste, dass der Mann aus der Vergangenheit ihm nicht über den Weg traute. Und er wusste auch, dass er ihm Grund genug dafür geliefert hatte. »Ich glaubte wirklich, Sie sprechen von ihrem Freund. Denn was aus dem Mongolen wird, das liegt doch wohl auf der Hand.« Als suchte er Bestätigung, blickte er über das Feuer zu dem schwarzen Historiker. Doch Merlin Roots gähnte und tat, als ginge ihn das Gespräch nichts an. »Mr. Roots‘ Freundin wird ihn belauschen, wie Sie das nennen, und wenn sie seine Gedanken ausspioniert hat und wir wissen, warum diese Horde uns ans Leben wollte«, er zuckte mit den Schultern, »dann werden wir uns seiner entledigen.«

»Entledigen? Sie meinen ermorden!« Tim schüttelte den Kopf. »Das kommt nicht in Frage.«

»Wir haben vor Kurzem sechzig seiner Kumpane getötet, schon vergessen?«

»Das war im Kampf«, stellte Tim klar. »Wir hatten keine andere Wahl. Aber ich weigere mich, einen Gefangenen zu exekutieren.« Wieder wies er mit einer Kopfbewegung die Schrotthalde hinauf. »Er mag ein Barbar sein, er mag kein anderes Gesetz als das des Stärkeren akzeptieren – aber ich werde ihn nicht töten. Von mir aus jagen wir ihn irgendwo mit einem Messer und etwas Proviant in die Wildnis hinaus.«

Darker lachte. »Wo ist der Unterschied? Wir könnten ihm natürlich auch Ihren Driller, ein Zelt, unseren Panzer und ein bisschen Munition überlassen, dann schafft er es vielleicht wirklich allein.« Schlagartig versteinerte sein Gesicht. »Hören Sie zu, Lennox. Seit ich der Kommandeur der Running Men bin, musste ich Hunderte von unpopulären und manchmal auch grausamen Entscheidungen treffen. Ich mache das nicht gern, aber es ist eine Notwendigkeit. Diesen Barbaren freizulassen kann uns selbst die Köpfe kosten. Wenn ich richtig liege, dann hat er einen Auftrag vom Weltrat erhalten, und er wird nicht ruhen, bis wir alle tot vor ihm liegen. Uns bleibt also gar keine Wahl! War das deutlich genug?«

»Der Kommandeur der Running Men!« Jetzt war es an Tim zu lachen, aber es klang bitterer als bei Darker. »Wenn ich mich recht entsinne, wurde Ihre Truppe von der WCA aufgerieben. Ich weiß zwar nicht, wie viele Getreue Sie noch in Washington haben, aber hier kommandieren Sie nur über Mr. Roots und Miss Hardy, bestenfalls noch über Miss Karyaana. Wir anderen sind Ihrem Verein noch nicht beigetreten und haben es auch nicht vor.« Tim griff hinter sich, angelte eine Flasche aus der Dunkelheit, setzte sie an und trank, ohne Darker aus den Augen zu lassen.

»Das verlangt auch niemand von Ihnen.« Seltsam leise und ruhig sprach Darker jetzt. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht, seine großen Hände lagen vollkommen reglos auf seinen Schenkeln. »Aber dieser Mongole ist ein Gefangener der Running Men.«

»Das ist er nicht.«

»Warum so zimperlich, Lennox? Nach allem, was ich von Ihrer Zeitepoche weiß, passt das gar nicht zu Ihnen. Dieser Kobajozzi Kanga ist einer der Schlächter, die Mr. Eddy und Phil Hollyday auf dem Gewissen haben. Mein Gewissen wird rein sein, wenn ich ihn erschieße.«

»Und ich werde mein Gewissen nicht mit einem weiteren Toten belasten, noch dazu einem Kriegsgefangenen.«

»Das brauchen Sie nicht, Mr. Lennox. Ich werde tun, was getan werden muss.«

Endlich schaltete Merlin Roots sich ein. Beschwichtigend hob er beide Hände. »Schluss jetzt.« Sein Bass brummte gleichmütig. »Keiner ist hier Kommandeur von irgendjemandem, und wenn Karyaana ihren Job erledigt hat, entscheiden wir gemeinsam, was zu tun ist. Alles klar?«

Tim und Darker fixierten sich gegenseitig. Obwohl sie so taten, als hätten sie Merlins Worte gar nicht gehört, waren beide im Grunde froh, das Problem vertagen zu können, ohne das Gesicht zu verlieren.

In das Rauschen des nahen Flusses mischte sich erst das Quietschen der Panzerluke und dann Schritte. Nur die drei Frauen schliefen im Nixon-Panzer. Mindestens eine war aufgewacht. Marrela; Tim hörte es an den Schritten.

»Hat Karyaana weiter nichts in den Gedanken dieses Kobajozzi Kanga gefunden als seinen Namen?«, fragte Merlin Roots in das gespannte Schweigen hinein.

»Doch.« Der Mann aus der Vergangenheit blickte in die Glut.

»Die Kerle kommen aus dem Osten. Aus Russland, oder Ruland, wie sie es jetzt nennen. Irgendjemand hat sie beauftragt, uns zu beseitigen. Nicht Sie, Merlin. Und auch nicht die Running Men. Sondern mich und Marrela und Kaio. Dass sie dabei auf Ihren Panzer gestoßen sind, war reiner Zufall.«

»Beseitigen klingt ja geradezu freundlich.« Darker lächelte wieder. »Wenn ich Karyaana richtig verstanden habe, will die Mordmaschine dort oben uns der Länge nach aufschlitzen. Und Miss Marrela, Ihre – wie soll ich sagen – Ihre wehrhafte Gefährtin, will er zuvor nach allen Regeln der Kunst vergewaltigen.«

»Tinnox?« Marrela blieb ein paar Schritte vor dem Feuer stehen und schnüffelte nach allen Seiten. »Riechst du das auch?«

»Ja«, sagte Tim. »Rostiges Metall, Feuer und feuchte Erde.«

»Nein, nein – hier riecht es nach Vieh.« Marrela bückte sich nach einer Trinkflasche. Sie leerte die noch fast volle Flasche in wenigen gierigen Zügen. Danach entfernte sie sich Richtung Schrotthalden. Timothy Lennox blickte ihr hinterher. Marrelas unglaublicher Durst, den sie in den letzten Wochen zeigte, war merkwürdig. Und ihre Marotten auch. Warum zum Beispiel trug Marrela Tag und Nacht Handschuhe? Und warum war sie so sprunghaft geworden in ihrem Verlangen nach Sex? Er hatte keine Erklärung dafür.

Bald hörten sie die Barbarin mit Kaio reden.

»Wir waren übrigens gerade bei einem interessanten Thema, Mr. Lennox«, riss Darker den ehemaligen Air Force Piloten aus seinen Gedanken. »Mr. Roots erzählte mir von meinem Vater.« Tim machte ein begriffsstutziges Gesicht. »Von meinem genetischen Vater«, fügte Darker hinzu.

»Ah, von Präsident Schwarzenegger. Ein bemerkenswerter Mann, in der Tat.« Tim verstand den plötzlichen Themenwechsel als Angebot für einen vorübergehenden Waffenstillstand.

»Haben Sie ihn gekannt?«

»Gekannt ist übertrieben. Ich habe ihn oft im Fernsehen gesehen oder bei Truppenparaden. Einmal auch auf einer Leinwand in Brüssel. Irgendwann im Januar 2012 auf einer Krisensitzung im NATO-Hauptquartier. Der Präsident war uns über Satellit zugeschaltet. Schon mehr als zwei Jahre her.« Er blickte auf und sah mit hochgezogenen Brauen von einem zum anderen. »Aus ihrer Perspektive schon mehr als fünfhundertsechs Jahre.«

»Er sah ähnlich aus wie ich, nehme ich an.«

»Nun, er war Mitte sechzig, als ich ihn das letzte Mal sah. In jungen Jahren natürlich sah er aus wie Ihr Zwillingsbruder.« Aufmerksam betrachtete er Darker. »Und auch in seiner Beharrlichkeit stand er Ihnen in nichts nach. Er wollte nach Hollywood, und er hat es geschafft. Auch wenn er in seinen ersten Rollen mehr Muskeln als Talent zeigte. Er begann als Bodybuilder.«

»Als … Körperformer?«, fragte Darker. Tim hörte das Interesse in seiner Stimme.

»Das war eine Art Sport«, präzisierte er. »Die eindrucksvollen Muskelpakete haben ihm zu seiner Karriere als Schauspieler verholfen. Und ohne diesen Bekanntheitsgrad wäre er vermutlich niemals Gouverneur und schließlich sogar Präsident der Vereinigten Staaten geworden.«

»Nehmen Sie mich nicht auf den Arm, Lennox! Ein Schauspieler kann doch nicht Präsident werden.«

Tim schüttelte den Kopf. »Irrtum. Vor ihm ist das auch schon Ronald Reagan gelungen. Die US-Bevölkerung hatte schon immer Probleme damit, Entertainment und Realität auseinanderzuhalten. Ich wette, viele haben sogar Alexander-Jonathan für den Star einer SF-Serie gehalten – bis er ihnen auf den Kopf fiel.«

»Ronald Reagan?«, hakte Merlin Roots nach. »Da scheint es in den Chroniken eine Verwechslung zu geben. Ich dachte, er hieß Ronald McDonald.«

»Knapp daneben.« Tim grinste breit. »Der war, so weit ich weiß, Spaßminister in der Clinton-Regierung.«

An Roots‘ Gesicht ließ sich nicht ablesen, ob er den Kalauer verstanden hatte. Tim war‘s egal; heute interessierte eh keinen mehr, welche Staatsmänner sich vor über fünfhundert Jahren am Regierungs-Showbiz beteiligt hatten.

Keinen, bis auf Mr. Darker.

Der wandte sich wieder an den hochgewachsenen Schwarzen.

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940633
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
allianz kometen lennox zeitalter

Autor

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Titel: Das Zeitalter des Kometen #21: Lennox und die Allianz