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Carringo und der Winchester-Mann

2020 119 Seiten

Zusammenfassung


John Sallinger hat einen Artikel für die Zeitung geschrieben, für die er arbeitet. Andrew Hilton, Chef der Hilton-Comparny ist dabei schlecht weggekommen. Es geht um unrechtmäßig verkauftes Indianerland und Waffenhandel im Indianerreservat. Zeugen gibt es auch noch. Hilton und seine Verbündeten sind in Bedrängnis. Doch sie handeln schnell und skrupellos.

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und der Winchester-Mann

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und der Winchester-Mann

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

John Sallinger hat einen Artikel für die Zeitung geschrieben, für die er arbeitet. Andrew Hilton, Chef der Hilton-Comparny ist dabei schlecht weggekommen. Es geht um unrechtmäßig verkauftes Indianerland und Waffenhandel im Indianerreservat. Zeugen gibt es auch noch. Hilton und seine Verbündeten sind in Bedrängnis. Doch sie handeln schnell und skrupellos.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - Wird von Hiltons Killern hart bedrängt.

Chaco - Muss mit ansehen, wie Carringo Vergessen sucht, mischt sich aber nicht in die Seelenqualen des Freundes ein.

John Sallinger - Ein Journalist, der seinen Beruf ernst nimmt und dafür mit dem Leben bezahlen soll.

Loretta Cavallo - Die blonde Frau mit dem Engelsgesicht, der ein Menschenleben weniger bedeutet als ein hübsches Kleid.

Monk Cavallo - Der Mann, der seine Frau als Köder benutzt, um seine Opfer in die Falle zu locken.

Andrew Hilton - Carringos Todfeind, der lernen muss, dass sein Imperium zu zerbröckeln beginnt

 

 

1

Die Frau lächelte, als sie die Tür der kleinen Kammer aufstieß. Sie wandte sich zu dem Mann um und legte verschwörerisch den Zeigefinger auf die Lippen. Dann tastete sie sich leise zum Tisch und zündete die Petroleumlampe an.

Als der Docht der Lampe brannte, drehte die Frau sich um. Sie war jung, ihr Gesicht schmal geschnitten. Seidig schimmerndes, hellblondes Haar fiel in sanften Wellen auf ihre Schultern.

Sie lächelte. Ihre Augen glänzten seltsam.

Der Mann bemerkte es nicht. Er schloss die Tür und lehnte sich schwer atmend mit dem Rücken an die Wand.

Sein Gesicht war breit und aufgedunsen. Sein massiger Körper drohte die Nähte der Kleidung zu sprengen.

Beim Einatmen dehnte sich sein Hals so beträchtlich aus, dass der Hemdkragen auf die Zerreißprobe gestellt wurde. Der Hut wirkte auf seinem mächtigen Schädel geradezu lächerlich klein.

Er nahm den teuren Stetson ab und warf ihn auf einen Stuhl. Schwerfällig, watschelnd fast, ging er durch den Raum auf die Frau zu.

Sie lächelte wie ein Engel, als sie nun die Arme um seinen rotglänzenden Specknacken schlang.

Der Mann wusste nicht, dass er nur noch wenige Minuten zu leben hatte.

Seine fleischigen Finger gingen auf Entdeckungsreise, tasteten sich an dem straffen, jugendlichen Körper der Frau hinab. Schweiß perlte über seine Stirn, und hastig zerrte er sich den dunkelgrauen Bratenrock vom Oberkörper.

Leichtfüßig tänzelte die Frau um ihn herum, summte leise ein Lied und löste ihm die Kordelkrawatte.

Wieder griff der Mann nach ihr. Sie küsste ihn und ließ sich dann rücklings auf das Bett fallen, das nahe beim Fenster stand. Es knarrte vernehmlich, denn es war nicht besser als jedes durchschnittliche Hotelbett. Und das Zimmer war eingerichtet wie tausend andere Hotelzimmer.

Draußen trieb der Wind Schneeflocken gegen die Fensterscheiben.

Die hauchzarten Eiskristalle schmolzen schnell, denn es war warm im Raum.

Der beleibte Mann schwitzte zusehends heftiger. Schnaufend trat er an das Bett und beugte sich über die Frau, über seine vermeintliche Eroberung.

Hinter ihm schwang plötzlich die Tür des Kleiderschranks auf.

Der Beleibte hörte es nicht.

Ebensowenig hörte er, dass ein Mann in knöchellangem Mantel, der die Farbe der Nacht hatte, heraustrat, ein hagerer, nahezu knochiger, lederhäutiger Mann mit ungepflegtem sichelförmigen Schnauzbart und strähnigen langen Haaren. In den Fäusten hielt er eine Winchester, deren Lauf und Röhrenmagazin auf zehn oder elf Zoll gekürzt waren. Auch der Kolben war verkürzt, und so ließ sich die Waffe leicht unter dem langen Mantel verbergen.

Der Mann presste die Winchester fest gegen seine rechte Hüfte und richtete den Lauf auf den Rücken des feisten Liebhabers.

Rasend schnell wirbelte er den Repetierbügel auf und ab.

In dem engen Raum dröhnten die Schüsse wie Donner, ließen die Trommelfelle schmerzen. Beißender Pulverdampf erfüllte das Zimmer.

Die Frau hatte reaktionsschnell die Beine angezogen und sich mit dem Rücken an das Kopfende des Bettes geschoben. Ruhig wartete sie, bis der letzte Schuss verklungen war und der Dicke blutüberströmt vor ihren Füßen auf der weißen Bettwäsche lag.

Langsam färbte sich das Weiß dunkelrot. Loretta Cavallo sprang federnd aus dem Bett und packte das Opfer an der linken Schulter, wo noch kein Blut den Hemdsärmel getränkt hatte. Sie zerrte vergeblich. Keuchend wandte sie sich um.

„Hilf mir, Monk“, bat sie, „der Fettkloß ist schwer wie ein Felsbrocken.“

Monk Cavallo nickte. Gelassen schob er die kurze Winchester in ein ledernes Spezialholster, das er an der rechten Hüfte trug. Dann trat er neben seine Frau. Nur mit der linken Faust packte er zu. Ein kurzer Ruck genügte, und es war ihm keine Anstrengung anzumerken.

Wie ein Mehlsack rollte der Feiste auf den Rücken.

Loretta Cavallo verzog keine Miene, als sie die furchtbaren Ausschussöffnungen sah, die die Winchesterkugeln aus der kurzen Entfernung gerissen hatten.

Monk Cavallo beugte sich über den blutigen Leichnam und horchte nach Herztönen. Schließlich fühlte er auch noch den Puls.

„Nichts“, sagte er und richtete sich auf. Kaum merklich schwang die Zufriedenheit in seiner Stimme mit, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos. Er ging niemals ein Risiko ein, was den Tod eines Opfers betraf. Aus Erfahrung wusste er, dass manchmal eine schlimm aussehende Wunde absolut nicht tödlich sein musste. Und im Westen wurden Geschichten von Gunmen erzählt, die mit drei oder vier Kugeln im Bauch dem Gegner noch den tödlichen Schuss verpassten, als dieser sich schon siegessicher abwandte.

Nein, es gehörte zu Monk Cavallos wichtigsten Grundsätzen, sich davon zu überzeugen, ob er eine Arbeit hundertprozentig ausgeführt hatte.

Gerade zwei Minuten waren seit dem Tod des liebeshungrigen Dicken vergangen, als es leise an der Tür klopfte.

Lang, kurz, kurz, kurz.

Beruhigt lächelnd ging Loretta, um zu öffnen. Ihr Mann hielt die Rechte am Kolben der Winchester. Eine Vorsichtsmaßnahme aus Gewohnheit überflüssig jedoch, wie es sich im nächsten Moment zeigte.

Der Mann, der nun hastig eintrat, war mit einem eleganten Prince-Albert-Rock und hellgrauen Hosen mit messerscharfen Bügelfalten bekleidet. Sein erster Blick galt dem blutüberströmten Toten. Dann sah er Monk Cavallo an und zückte wortlos die Brieftasche.

Loretta drückte behutsam die Tür ins Schloss. Die Frau wirkte so ruhig wie ihr Ehemann, obwohl allmählich jede Minute kostbar wurde.

Ohne mit der Wimper zu zucken, zupfte der Elegante einen Packen Banknoten aus der Brieftasche.

Monk Cavallo nahm das Geld entgegen. Ein kurzer Blick genügte ihm, um festzustellen, dass die Summe stimmte. Fünftausend Dollar. Er ließ die Geldscheine unter dem nachtblauen Mantel verschwinden.

„Sie haben mir sehr geholfen“, sagte der Gentleman, „manchmal kann man sich einen geschäftlichen Konkurrenten eben nur noch auf diese Weise vom Hals schaffen.“

„Und Sie haben gut bezahlt, Sir“, erwiderte Monk Cavallo lächelnd, „damit trennen sich unsere Wege. Sie sollten sich jetzt beeilen.“

Der Gentleman nickte. Sekundenlang starrte er den Toten verächtlich an. Dann wandte er sich abrupt um und verließ das Zimmer. Wie verabredet würde er den Seitenausgang des Hotels benutzen, um in der Dunkelheit unterzutauchen, bevor der Aufruhr einsetzte.

Das Killerpaar folgte ihm Sekunden später. Doch Loretta und Monk Cavallo stiegen die Treppe hinunter, die direkt zum Hinterhof des Gebäudes führte. Aus dem Stallanbau holten sie ihre bereits gesattelten Pferde. Die Hufe der Tiere waren mit Lappen umwickelt.

Als sie die Pferde an den Zügeln in die nächste Seitengasse zogen, wurden im Hotel Stimmen laut. Petroleumlaternen bewegten sich mit blakendem Schein hinter beschlagenen Fensterscheiben.

Dann polterten die ersten Schritte über die Gehsteige. Jemand schrie nach dem Stadt-Marshal.

Loretta und Monk Cavallo erreichten den Ortsrand, saßen auf und trieben die Pferde zum Galopp voran.

Die dumpfen Hufschläge wurden vom Schnee noch zusätzlich gedämpft. Die Finsternis, die wie ein schwarzes Samttuch über der Winterlandschaft lag, verschluckte die beiden Reiter schon nach Sekunden.

 

 

2

Er roch sein eigenes Blut und seinen Schweiß.

Die dünnen Holzwände des Lagerschuppens konnten ihn vor der Kälte nicht schützen. Dennoch rann der Schweiß über sein Gesicht und vereinigte sich mit dem Blut aus den Platzwunden, die noch nicht verkrustet waren.

Und innerlich fror er. Mit einem Gefühl von Verwunderung und Angst spürte er, wie Eiseskälte durch seine Adern strömte und äußerlich einen Schweißausbruch nach dem anderen hervorrief. War es nur Fieber? Er wusste es nicht. Er begann sich damit abzufinden, dass er an einer Lungenentzündung elend zugrunde gehen würde.

John Sallinger fürchtete den Tod nicht.

Doch er hatte Angst, nicht mehr die Wahrheit ans Tageslicht bringen zu können. Jetzt ging es weniger um das, was er in mühseligen und gefahrvollen Recherchen herausgefunden hatte.

Jetzt ging es um die Wahrheit, die ihn selbst betraf. Wenn er starb, würde er sich wie Judas fühlen.

Carringo und Chaco mussten ihn dann zwangsläufig für einen Verräter halten. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Denn Hilton und seine Helfer hatten alles so teuflisch raffiniert zurechtgebastelt, dass es unmöglich sein würde, nach John Sallingers Tod die Wahrheit herauszufinden.

Bei diesen Gedanken erwachte seine Willenskraft.

Er wollte nicht, nein, er durfte nicht sterben. Es durfte nicht geschehen, dass Hiltons Killer den letzten Lebensfunken aus ihm herausprügelten.

Das Verderben, das wie eine düstere Gewitterwolke über Carringo und Chaco schwebte, konnte er nicht mehr aufhalten. Er selbst war dafür verantwortlich. Und er musste sich zwingen, mit den Selbstvorwürfen aufzuhören. Er hatte es nicht freiwillig getan, und nun versuchte er sich damit zu trösten, dass vermutlich selbst der härteste Mann die Foltern nicht durchgestanden hätte, die ihm Hiltons Schergen verabreicht hatten.

Ja, sie hatten ihn gezwungen, diesen Brief an Carringo zu schreiben, jene verhängnisvolle Mitteilung, in der er dem Geächteten vorschlug, sich mit ihm und Chaco in einer Bar in Mesilla zu treffen.

Sicherlich waren die beiden Freunde schon auf dem Weg nach Mesilla.

Erneut packte John Sallinger die Verzweiflung, als er daran dachte. Die beiden Männer, die er schätzen gelernt hatte, ritten in eine Falle.

Wieder zerrte Sallinger an seinen Fesseln. Wieder rann ihm der Schweiß in Strömen über die kalte Stirn, und wieder war der Versuch sinnlos. Hiltons Folterknechte verstanden ihr Handwerk. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt, die Fußgelenke ebenfalls verschnürt und zusätzlich mit einem Strick an einem Stützbalken des alten Lagerhauses festgebunden.

Er hatte keine Chance, sich aus eigener Kraft zu befreien. Die Hoffnungslosigkeit und die bohrenden Schuldgefühle waren geeignet, ihn an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Ein übriges tat die Finsternis, die ihn nun schon seit Stunden umgab. Hin und wieder raschelte es, begleitet von hohem, durchdringendem Pfeifen. Sallinger hatte sich längst an die Anwesenheit der Ratten gewöhnt. Irgendwo zwischen leeren Kisten und fauligem Stroh huschten die Nager hin und her. Aber noch wagten sie sich nicht an den gemarterten Mann heran. Mit ihrem feinen Instinkt spürten die Tiere, dass noch zuviel Leben in ihm war.

Deutlich wurde ihm bewusst, wie er allmählich das Zeitgefühl verlor. Und auch die zurückliegenden Geschehnisse zerfaserten in seiner Erinnerung mehr und mehr zu einem bösen Alptraum.

Sicherlich war es das, was sie bezweckten. Dass er selbst nicht mehr daran glaubte, es miterlebt zu haben.

Aber seine Willenskraft bäumte sich dagegen auf.

Es war Wirklichkeit gewesen, was er in der Apachenreservation von New Mexico beobachtet hatte. Unfassbar und grausam, doch er hatte es mit eigenen Augen gesehen, wie im Auftrag der mächtigen Hilton-Company Waffen an die Indianer verkauft worden waren, um den Aufstand der Apachen anzuheizen. Skrupellos und aus eiskaltem Geschäftsinteresse hatte es Andrew Hilton fertiggebracht, durch diese illegale Transaktion Hunderte von Menschenleben zu zerstören.

Aber John Sallingers Versuch, diese verbrecherischen Machenschaften an die Öffentlichkeit zu bringen, war kläglich missglückt. Nicht durch sein eigenes Versagen. Er hatte zu spüren bekommen, wen er sich zum Feind gemacht hatte.

Trotz der erdrückenden Schwierigkeiten, in denen sich Andrew Hilton inzwischen selbst befand, hatten sein Einfluss und seine Beziehungen noch immer ausgereicht, um John Sallinger außer Gefecht zu setzen. Fassungslos hatte Sallinger erfahren müssen, dass ihn seine Zeitung, die „Dallas News“ in Texas, entlassen hatte, kurz nachdem er per Telegraph jenen Bericht durchgegeben hatte, von dem er geglaubt hatte, dass es der Sensationsartikel seines Lebens sein würde. Doch seine Vorgesetzten hatten ihn eiskalt abblitzen lassen.

Sein Bericht könne nicht gedruckt werden, es gäbe keine Beweise für seine Behauptungen, keine amtliche Stützung für seine Aussage, so hatte es in dem Telegramm geheißen, mit dem sie ihm aus Dallas geantwortet hatten. Dann, auf seinen Protest hin, war Sallinger gefeuert worden.

Er hatte begreifen müssen, dass seine Aussage auch vor den Behörden nichts wert war. Carringo und Chaco, die einzigen Zeugen der blutigen Geschehnisse in der Reservation, wurden von den Behörden nicht anerkannt.

John Sallinger hatte geglaubt, erstklassige journalistische Arbeit geleistet zu haben. Das niederschmetternde Ergebnis hatte ihn anfangs fast um den Verstand gebracht. Doch inzwischen wusste er, dass er nicht an mangelnden beruflichen Qualitäten gescheitert war. Hilton hatte es geschafft, ihn um seine Existenz zu bringen. Und nicht nur das. Nachdem ein Bestechungsversuch missglückt war, hatte Hilton den arbeitslosen Journalisten kurzerhand gefangennehmen und foltern lassen, um ihn als willenloses Werkzeug gegen Carringo und Chaco zu verwenden.

Sallinger wusste nicht mehr, wie viele Tage er schon in diesem dreckigen Lagerschuppen festgehalten wurde. Sein Zeitgefühl beschränkte sich darauf, Tag und Nacht zu unterscheiden.

Geräusche ließen Sallinger jäh aus seinen Gedanken erwachen.

Schritte von derben Stiefeln, die sich rasch näherten. Überdeutlich war es in der Stille des nächtlichen Ysleta zu hören.

Der Journalist blieb apathisch. Er hatte nicht mehr die Kraft, den Kopf zu heben. Und er wusste, dass er nichts tun konnte, wenn sie schon wieder kamen, um ihn zu peinigen.

Die Schritte endeten draußen an der kleinen Tür, die sich neben dem großen Schiebetor befand. Eine Kette rasselte, ein Schlüssel knirschte im Vorhängeschloss. Knarrend schwang die Tür auf. Flackerndes Licht einer Petroleumlaterne geisterte in das leere Lagerhaus.

Die Tür klappte zu, und die Schritte näherten sich. Kein Wort wurde gesprochen.

John Sallinger blieb auf der Seite liegen, den Kopf abgewandt. Er spürte kein Verlangen, Hiltons Folterknechte anzusehen. Sie waren alle gleich in ihrer Grausamkeit und in ihrer diabolischen Freude, einem Wehrlosen Schmerzen zuzufügen.

Ein brutaler Tritt traf den Journalisten in die Nierengegend. Er schrie auf, krümmte sich stöhnend, soweit die Fesseln dies zuließen. Doch schon im nächsten Moment wurde er an der Schulter gepackt und herumgerissen. Dann rammten harte Stiefelabsätze auf seine Schultern, pressten ihn mit dem Rücken auf den Boden.

Sallinger stöhnte noch immer vor Schmerzen, als er nun gezwungen war, aufzublicken. Der Geruch von Stiefelleder und Pferdemist stieg in seine Nase.

Breitbeinig und höhnisch grinsend standen die beiden Kerle links und rechts von ihm, jeweils einen Fuß auf seinen Schultern. Ihre Gesichter wirkten roh und verschlagen, bärtig und düster.

Der Dritte stand vor ihm, ebenfalls grinsend. Sein Gesicht war bartlos, und die spitze Nase und die unstet funkelnden Knopfaugen verliehen ihm das Aussehen einer Ratte. Er nickte, offensichtlich zufrieden über Sallingers miserablen Zustand. Dann stellte er die Laterne auf den Boden, zog einen zusammengerollten Bogen Papier aus der Jackentasche und kam näher.

„Mit besten Grüßen von Rechtsanwalt Hume“, sagte Rattengesicht, ging neben Sallinger in die Knie, glättete das Papier und hielt es dem Journalisten vor die Nase. „Was da drauf steht, wirst du abschreiben und mit deiner Unterschrift verzieren. Papier, Tinte und Feder liefern wir dir frei Haus.“

Die beiden anderen Folterknechte lachten heiser.

John Sallinger war im ersten Moment zu überrascht, um sofort eine Antwort zu geben. Gezwungenermaßen musste er den Text lesen. Die gestochene Handschrift des Advokaten und persönlichen Beraters von Andrew Hilton war leicht zu entziffern:

Ich, John Sallinger, seinerzeit Reporter der „Dallas News“, erklärte hiermit folgendes:

Meine Aussage und mein unveröffentlichter Bericht über illegale Waffengeschäfte in der Apachenreservation von New Mexico entsprechen nicht den Tatsachen.

Ich erkläre nunmehr wahrheitsgemäß, dass sich der Geächtete namens Carringo und sein Begleiter, ein Halbblut, genannt Chaco, in der Reservation mit zwei Männern trafen, um mit ihnen gemeinsam den Waffenhandel mit den aufständischen Apachen abzuwickeln. Dies habe ich persönlich beobachtet.

Ich widerrufe meine Aussage, gesehen zu haben, dass Mr. Cameron Stanford, der Stellvertreter Mr. Andrew Hiltons, den beiden Waffenhändlern in der Reservation Anweisungen gab. Dies war eine unwahre Behauptung von mir, mit dem alleinigen Ziel, Mr. Andrew Hilton zu belasten. Diese Erklärung gebe ich freiwillig und aus eigenem Entschluss ab.

John Sallinger

„Niemals!“, rief der Journalist empört. „Niemals werde ich das schreiben!“

Sofort verstärkte sich der Druck der Stiefelabsätze auf seinen Schultern.

Sallinger stöhnte schmerzerfüllt auf. Er konnte sich nicht einmal rühren. Bei der kleinsten Bewegung nahmen die Qualen nur noch zu.

„Überlege dir deine Worte gut“, sagte der Mann mit dem Rattengesicht drohend. Er rollte das Papier wieder zusammen und legte es neben die Laterne. „Für dich steht verdammt viel auf dem Spiel, Sallinger.

Ich würde sogar sagen, für dich steht alles auf dem Spiel. Deshalb solltest du dich endlich bequemen, vernünftig zu sein.“

Der Journalist brachte nur ein krampfhaftes Ächzen hervor. Ihm war klar, was Hilton mit dem erzwungenen Geständnis von ihm erreichen wollte. Wenn er die Erklärung abschrieb und unterzeichnete, konnte Andrew Hilton vor dem Gesetz wieder eine weiße Weste präsentieren. Denn dann würde Hiltons Behauptung untermauert sein, dass die beiden Waffenschieber auf eigene Rechnung arbeiteten und ihren Arbeitgeber, die Hilton-Company, hintergangen hatten. Der Boss des mächtigen Unternehmens brauchte die weiße Weste jetzt dringender als je zuvor. Denn er stand noch immer unter Verdacht, wenn Sallinger seine Aussagen auch nicht hatte beweisen können. Es zählte in diesem Zusammenhang nicht, dass Hilton gleich nach seiner Verhaftung wieder auf freien Fuß gesetzt worden war. Die unwiderlegten Beschuldigungen schwebten weiter über ihm wie das Schwert des Damokles.

Nur deshalb wollte er Sallingers falsches Geständnis. Und der Journalist wusste, dass Hilton alles daransetzen würde, um dieses Geständnis zu erzwingen.

„Jetzt hör mal gut zu“, sagte Rattengesicht mit einem trügerischen Hauch von Versöhnlichkeit. „Mein Boss ist kein Unmensch. Er bringt andere nicht unnötig in Schwierigkeiten, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Sieh mal, Sallinger, du steckst doch höllisch in der Klemme. Hast deinen Job verloren, hast keinen Cent mehr auf der Naht und weißt nicht, wie du deine Familie in Dallas durchbringen sollst. Richtig?“

John Sallinger antwortete nicht. Er ahnte, was folgen würde.

„Also richtig“, sagte der andere und nickte. „Ich soll dir von Mr. Hilton ausrichten, dass er bereit ist, die ganze verrückte Geschichte zu vergessen und dir aus der Patsche zu helfen. Als Gegenleistung verlangt er nichts weiter als diesen lächerlichen Wisch.“ Rattengesicht tippte mit dem Zeigefinger auf das zusammengerollte Papier. „Wenn du vernünftig bist, Sallinger, kriegst du einen hübschen Batzen Geld, der dir erst mal wieder auf die Beine hilft. Und dann ... ja, und dann wird auch dafür gesorgt, dass du deinen Job zurückerhältst. Ich denke, du kannst dir mittlerweile vorstellen, dass wir so was zurechtbiegen können.“

Allerdings, dachte Sallinger bitter, Hilton hat mich kaltlächelnd über die Klinge springen lassen, und ebenso kostet es ihn nicht mehr als ein Fingerschnipsen, mir den Job erneut zu beschaffen.

„Ich denke nicht daran“, sagte Sallinger laut, „ihr könnt mich foltern, bis ich krepiere. Aber dieses Geständnis schreibe ich nicht. Niemals!“

Das Rattengesicht des anderen verzerrte sich vor Wut.

„Du Narr!“, sagte er gefährlich leise. „Glaubst du denn, es geht nur um deinen erbärmlichen Kadaver? Hast du noch nicht daran gedacht, was mit deiner Frau und den beiden Kindern in Dallas passieren könnte? Eh, hast du daran mal gedacht?“

Dem Journalist stockte der Atem. Sein Gesicht wurde kalkweiß. Nein, dass seine Peiniger zu einer solchen Gemeinheit fähig sein würden, daran hatte er nicht einmal im Traum gedacht. Es war wie ein Schock für ihn, erfahren zu müssen, dass Hilton und seine Schergen selbst vor dieser grenzenlosen Skrupellosigkeit nicht zurückschrecken würden.

Aber Dallas war nicht Ysleta, überlegte Sallinger hastig. Seine Familie war in Dallas bestimmt sicher. Dort gab es einen Stadt-Marshal, der über eine schlagkräftige Polizeitruppe verfügte. Und dort konnten Hiltons Killer nicht ungehindert ihre Grausamkeiten an den Tag legen.

„Nein“, sagte Sallinger gepresst.

„Ich tue es nicht. Ich schreibe das Geständnis nicht.“

Die Augen des Mannes mit dem Rattengesicht verengten sich zu Schlitzen.

„Dein letztes Wort, Sallinger?“

„Ja!“, schrie der Journalist, und es war wie eine Befreiung von allen Qualen, die er hatte erdulden müssen. „Ja, es ist mein letztes Wort, ihr Teufel!“ Keuchend hielt er inne, als er spürte, wie ihm die Anstrengung wieder den kalten Schweiß auf die Stirn trieb.

Rattengesicht richtete sich langsam auf.

„Also gut, Sallinger. Dann gibt es nur noch den einen Weg, um dich zur Räson zu bringen.“ Es gab den beiden anderen einen Wink.

Sofort ließ der schmerzhafte Druck der Stiefelabsätze nach. Doch es war eine trügerische Erleichterung. Denn im nächsten Moment fühlte sich Sallinger von derben Fäusten gepackt, die ihn unsanft auf die Beine rissen.

Und dann prasselten die Hiebe auf ihn ein, gnadenlose, gemeine Schläge, die ihn an jenen Körperteilen trafen, die ohnehin noch von den Foltern angeschwollen waren.

Sallinger schrie auf. Er schwankte, konnte sich wegen der Beinfesseln nicht halten. Doch jeder Hieb brachte ihn erneut wieder in die Senkrechte. Wie ein lebloses Bündel pendelte er zwischen den Fäusten der beiden Schläger hin und her. Schon bald spürte er nur noch eine einzige glühende Schmerzwoge, die durch seinen Körper brandete und alle anderen Empfindungen mit Macht auslöschte. Die Flut der Schmerzen trieb ihn der Bewusstlosigkeit entgegen.

Irgendwann, nach Minuten, die wie Ewigkeiten waren, sank er zu Boden.

Auf diese Weise hatten sie ihn dazu gebracht, den Brief an Carringo zu schreiben. Das war Sallingers letzter Gedanke, ehe ihn die Ohnmacht von den Qualen erlöste.

Er spürte nicht mehr, wie sie ihn nun noch mit Fußtritten traktierten, nur um ihrer Wut über seine Standhaftigkeit ein Ventil zu geben.

 

 

3

Die Wärme, die der kleine Kanonenofen ausstrahlte, begann zu versiegen. Windböen rüttelten an den Fensterläden. Ungemütlichkeit bereitete sich aus.

Linda Hilton bemerkte es erst, als ihr die Kälte einen Schauer über den Rücken trieb. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch, stand auf und warf Holz nach.

Das Prasseln der neu aufflackernden Flammen vermittelte der jungen Frau Behaglichkeit. Sie nahm eine dicke wollene Jacke vom Bügel, zog sie über die schmalen Schultern und setzte sich wieder.

Ihre Gedanken blieben unruhig. Sie vermochte die Dinge nicht mehr zu ordnen, die ihr unablässig durch den Kopf gingen. Daran konnte auch die Zurückgezogenheit des luxuriösen Hotelzimmers nichts ändern.

Linda Hilton trug das dunkelblonde Haar in der Mitte gescheitelt, seidig und schimmernd, sorgsam gepflegt, reichte es ihr bis auf die Schultern. Ihre zarte Gesichtshaut hatte schon einen Teil jener Blässe verloren, die sie von der Ostküste, aus Boston, mitgebracht hatte. Linda hatte große braune Augen, die voll zurückhaltendem Temperament zu sprühen vermochten. Trotz des einfachen hellblauen Baumwollkleides, das sie an diesem Abend trug, war ihre schlanke, wohlproportionierte Figur nicht zu verkennen.

Doch aus ihren Augen schien die Lebendigkeit gewichen zu sein. Immer wieder musste sie auf die Zeitungen starren, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Und ihre Miene spiegelte wachsende Verzweiflung, gegen die sie nicht anzukämpfen vermochte.

Es waren die neuesten Ausgaben der Tages und Wochenzeitungen aus Washington und auch aus dem Westen.

Linda glaubte, die Anklage, die aus den fettgedruckten Schlagzeilen schrie, fast körperlich zu spüren. Denn diese Anklage richtete sich gegen ihren Vater, den sie über alles liebte. Immer wieder hatte sie die Berichte gelesen, hatte versucht, zwischen den Zeilen die wahren Hintergründe zu entdecken. Und die schreierischen Überschriften kannte sie inzwischen auswendig.

KORRUPTIONSSKANDAL UM SENATOR STEVENSON!

ANDREW HILTON IN KORRUPTIONSAFFÄRE STEVENSON VERWICKELT?

SKANDAL STEVENSON HILTON ZIEHT KREISE.

HILTON WEGEN WAFFENSCHIEBUNG VERHAFTET.

HILTON NACH VERHAFTUNG AUF FREIEN FUSS GESETZT

Gewiss, all diese Schlagzeilen basierten nur auf Verdächtigungen und Gerüchten. Aber die Zweifel ließen sich nicht mehr ausräumen. Es schmerzte die junge Frau um so mehr, als sie seit Wochen vergeblich auf ein klärendes und offenes Wort von ihrem Vater wartete. Nach ihrer Rückkehr vom Studium in Boston hatte er für sie eine Schule in der kleinen Stadt Freetown eingerichtet. Linda war fast berauscht gewesen vor Dankbarkeit und vor Freude über die Aufgabe, die sie nun zu bewältigen hatte.

Doch dann war sie auf die ersten geheimnisvollen Zusammenhänge gestoßen, düstere Machenschaften, in die ihr Vater verwickelt zu sein schien. Die Vermutungen hatten böse Konflikte in Linda ausgelöst. Aber sie hatte darauf vertraut, von ihrem Vater über die wahren Zusammenhänge aufgeklärt zu werden. Entsprechend schmerzlich war ihre Enttäuschung gewesen, als sie ausgerechnet von ihrem eigenen Vater mit Ausflüchten abgespeist worden war, von ihm, dem sie nie eine Unrechtmäßigkeit zugetraut hatte, wohl aber das taktische Geschick und die unnachgiebige Härte des erfolgreichen Geschäftsmannes.

Und nun diese Zeitungsartikel.

Was dadurch ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde, steigerte Lindas bohrende Zweifel bis ins Unerträgliche. Es war nicht ihre Art, sich wirklichkeitsfremden Illusionen hinzugeben. Dass ein einflussreicher und mächtiger Mann wie ihr Vater verhaftet worden war, ließ nur den einen Schluss zu: Die Verdachtsmomente gegen ihn mussten erdrückend gewesen sein. Daran änderte auch die Tatsache wenig, dass er anschließend wieder freigelassen worden war. Linda kannte die Fähigkeiten, die der aalglatte Advokat Hume in dieser Beziehung zu entwickeln vermochte.

Die Verhaftung ihres Vaters hatte sie wie ein Schock getroffen. Aber danach hatte Andrew Hilton nichts getan, um seiner Tochter aus der Fassungslosigkeit und Verzweiflung zu helfen. Nichts schien mehr vorhanden von seiner gütigen, hilfreichen Art, mit der er Linda sonst stets in allen Situationen zur Seite gestanden hatte. Nur ausweichende Antworten hatte sie diesmal von ihm zu hören bekommen. Und ausgerechnet Hume hatte ihr spöttisch empfohlen, sie solle sich gefälligst um ihre Schule in Freetown kümmern.

Im Grunde hatte Hume recht. Linda war sich darüber im klaren, dass sie die Verpflichtung in Freetown nicht einfach abschütteln konnte. Aber sie zögerte, hatte einfach Angst, sich an die Öffentlichkeit zu wagen. Sie fürchtete sich davor, mit den Verdächtigungen und den Skandalgeschichten um ihren Vater in Zusammenhang gebracht zu werden, ohne mit klaren und handfesten Gegenargumenten aufwarten zu können.

Ja, dies war der Gesichtspunkt, den sie ihrem Vater vorhalten musste. Vielleicht konnte sie ihn dann endlich dazu bringen, dass er so mit ihr redete, wie er es früher stets getan hatte. Und ohne die Anwesenheit des schleimigen Hume.

Linda stand mit einem Ruck auf. Ihr Entschluss war gefasst. Sie würde nach Freetown zurückgehen und sich der Öffentlichkeit stellen, doch nur mit hieb und stichfesten Erklärungen, die sie zu den Gerüchten um ihren Vater abgeben konnte.

Diesem Verlangen konnte er sich unmöglich verschließen. Linda war sicher, ihn trotz allem gut genug zu kennen. Neu aufkeimende Hoffnung beflügelte sie, als sie nun das Zimmer in der elegantesten Suite des „City-Palace“ verließ.

Andrew Hilton hatte in diesem Hotel vorübergehend sein Hauptquartier aufgeschlagen, nachdem Carringo die Geschäftsgebäude der Company in einem blindwütigen Rachefeldzug zerstört hatte.

Wandlampen tauchten den Korridor in ein gemütliches Licht. Bis zu halber Höhe waren die Wände mit dunklem Eichenholz getäfelt, darüber mit seidenmatt schimmerndem weinrotem Stoff bespannt. Weiche Teppiche lagen über den Holzdielen und verschluckten jeden Schritt.

Linda wusste, dass ihr Vater in dieser sorgenreichen Zeit erst spät schlafen ging. Er nutzte die ruhigen Abendstunden, um zu sich selbst zu finden. Deshalb war die junge Frau sicher, ihren Vater allein anzutreffen.

Sie näherte sich seiner Zimmertür, wollte anklopfen. Erst in diesem Moment hörte sie die Männerstimmen. Deutlich erkannte sie die Stimme ihres Vaters und auch die der anderen, die zu seiner Leibgarde gehörten.

Linda verharrte zögernd. Durfte sie stören? Während sie noch überlegte, drangen die ersten Gesprächsfetzen in ihr Gehör.

„... haben den Kerl bald soweit“, sagte einer der Leibwächter gerade, „er weiß, dass er in dem Lagerschuppen hocken wird, bis er schwarz wird. Und mit einer regelmäßigen Portion Prügel kriegen wir ihn weich, Sir. Das steht fest.“

Die anderen lachten leise, verstummten jedoch, als Andrew Hiltons herrische Stimme laut wurde.

„Durch Versprechungen wird dieser Sallinger ohnehin nicht gefügig, Männer. Aber ich brauche die schriftliche Erklärung von ihm. Damit steht und fällt alles. Ich sage es noch einmal: Sallinger ist ein gefährlicher Zeuge. Er hat den Waffenhandel in der Reservation beobachtet. Das wissen inzwischen genügend andere Leute, die uns noch gefährlicher werden können. Deshalb ist Sallingers Widerruf die einzige Möglichkeit, die Gefahr abzuwenden. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Selbstverständlich, Sir. Sallinger wird schreiben. Er wird sich geradezu freuen, nach Papier und Feder greifen zu können.“

„Hoffentlich“, sagte Andrew Hilton wieder, „denn wir dürfen nicht vergessen, dass diese Aktion einen zweiten Gesichtspunkt hat, der nicht weniger bedeutend ist...“

„Carringo kriegt an allem die Schuld“, sagte einer der Leibwächter und lachte glucksend.

„Richtig. Das ist das eine. Und zum anderen werden wir Carringo so rechtzeitig außer Gefecht setzen, dass er nirgendwo mehr Gelegenheit haben wird, den Mund aufzureißen und Aufsehen zu erregen. Wir können nur hoffen, dass es diesmal keinen Fehlschlag gibt.“

„In Mesilla tappt er in die Falle, Sir. Er traut diesem Sallinger. Das wissen wir doch. Und Sallinger sitzt bei uns auf Nummer Sicher...“

Linda Hilton presste in jähem Entsetzen die geballte Faust vor die Lippen. Etwas verschnürte ihre Kehle. Es war ein neuer Schock, schlimmer noch als zuvor.

Sie taumelte, musste sich an der Wand schützen. Ihre Knie wurden weich.

Drinnen ging das Gespräch weiter. Linda konnte nicht mehr hinhören. Die plötzliche Gewissheit war zu furchtbar. Ihre Gedanken überschlugen sich. Einen Moment lang war sie versucht, in das Zimmer zu stürmen und ihrem Vater die ganze Verachtung ins Gesicht zu schreien, die sie auf einmal für ihn empfand.

Aber sie ließ es. Eine mahnende innere Stimme sagte ihr, dass es sinnlos war. Jahrelang hatte sie sich von ihrem Vater täuschen lassen, hatte ihm blind vertraut, hatte ihn geliebt. Ihn jetzt mit dem Wissen um seine Unaufrichtigkeit zu konfrontieren, wäre mehr gewesen, als Linda verkraften konnte.

Resignierend wandte sie sich ab. Ihre Bewegungen wirkten unsagbar müde, als sie zu ihrem Zimmer zurückging.

Doch vor der Tür blieb sie stehen, ohne zu öffnen.

Ein Gedanke durchzuckte sie, entstanden aus dem quälenden Gefühl, einen Teil der Verantwortung mitzutragen. Es war der Name Hilton, der Name, auf den Linda nicht länger stolz sein konnte. Allein dies genügte, um böse Schuldgefühle in ihr zu wecken.

Und sie hatte das jähe Verlangen, das ihre dazu beizutragen, diese Schuld zu tilgen. Wenigstens zum Teil, soweit es in ihren Kräften stand.

Sie wandte sich um und vergewisserte sich, dass sie unbeobachtet war. Dann eilte sie auf leisen Sohlen bis zum Ende des Korridors, wo eine Treppe zum Hinterausgang des Hotels führte. Ebenfalls mit Teppich ausgelegt, knarrten die Stufen nicht, wie es einem Hotel der gehobenen Klasse angemessen war.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940527
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
carringo winchester-mann

Autor

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Titel: Carringo und der Winchester-Mann