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Carringo und der Winchester-Mann

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und der Winchester-Mann

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und der Winchester-Mann

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

John Sallinger hat einen Artikel für die Zeitung geschrieben, für die er arbeitet. Andrew Hilton, Chef der Hilton-Comparny ist dabei schlecht weggekommen. Es geht um unrechtmäßig verkauftes Indianerland und Waffenhandel im Indianerreservat. Zeugen gibt es auch noch. Hilton und seine Verbündeten sind in Bedrängnis. Doch sie handeln schnell und skrupellos.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - Wird von Hiltons Killern hart bedrängt.

Chaco - Muss mit ansehen, wie Carringo Vergessen sucht, mischt sich aber nicht in die Seelenqualen des Freundes ein.

John Sallinger - Ein Journalist, der seinen Beruf ernst nimmt und dafür mit dem Leben bezahlen soll.

Loretta Cavallo - Die blonde Frau mit dem Engelsgesicht, der ein Menschenleben weniger bedeutet als ein hübsches Kleid.

Monk Cavallo - Der Mann, der seine Frau als Köder benutzt, um seine Opfer in die Falle zu locken.

Andrew Hilton - Carringos Todfeind, der lernen muss, dass sein Imperium zu zerbröckeln beginnt

 

 

1

Die Frau lächelte, als sie die Tür der kleinen Kammer aufstieß. Sie wandte sich zu dem Mann um und legte verschwörerisch den Zeigefinger auf die Lippen. Dann tastete sie sich leise zum Tisch und zündete die Petroleumlampe an.

Als der Docht der Lampe brannte, drehte die Frau sich um. Sie war jung, ihr Gesicht schmal geschnitten. Seidig schimmerndes, hellblondes Haar fiel in sanften Wellen auf ihre Schultern.

Sie lächelte. Ihre Augen glänzten seltsam.

Der Mann bemerkte es nicht. Er schloss die Tür und lehnte sich schwer atmend mit dem Rücken an die Wand.

Sein Gesicht war breit und aufgedunsen. Sein massiger Körper drohte die Nähte der Kleidung zu sprengen.

Beim Einatmen dehnte sich sein Hals so beträchtlich aus, dass der Hemdkragen auf die Zerreißprobe gestellt wurde. Der Hut wirkte auf seinem mächtigen Schädel geradezu lächerlich klein.

Er nahm den teuren Stetson ab und warf ihn auf einen Stuhl. Schwerfällig, watschelnd fast, ging er durch den Raum auf die Frau zu.

Sie lächelte wie ein Engel, als sie nun die Arme um seinen rotglänzenden Specknacken schlang.

Der Mann wusste nicht, dass er nur noch wenige Minuten zu leben hatte.

Seine fleischigen Finger gingen auf Entdeckungsreise, tasteten sich an dem straffen, jugendlichen Körper der Frau hinab. Schweiß perlte über seine Stirn, und hastig zerrte er sich den dunkelgrauen Bratenrock vom Oberkörper.

Leichtfüßig tänzelte die Frau um ihn herum, summte leise ein Lied und löste ihm die Kordelkrawatte.

Wieder griff der Mann nach ihr. Sie küsste ihn und ließ sich dann rücklings auf das Bett fallen, das nahe beim Fenster stand. Es knarrte vernehmlich, denn es war nicht besser als jedes durchschnittliche Hotelbett. Und das Zimmer war eingerichtet wie tausend andere Hotelzimmer.

Draußen trieb der Wind Schneeflocken gegen die Fensterscheiben.

Die hauchzarten Eiskristalle schmolzen schnell, denn es war warm im Raum.

Der beleibte Mann schwitzte zusehends heftiger. Schnaufend trat er an das Bett und beugte sich über die Frau, über seine vermeintliche Eroberung.

Hinter ihm schwang plötzlich die Tür des Kleiderschranks auf.

Der Beleibte hörte es nicht.

Ebensowenig hörte er, dass ein Mann in knöchellangem Mantel, der die Farbe der Nacht hatte, heraustrat, ein hagerer, nahezu knochiger, lederhäutiger Mann mit ungepflegtem sichelförmigen Schnauzbart und strähnigen langen Haaren. In den Fäusten hielt er eine Winchester, deren Lauf und Röhrenmagazin auf zehn oder elf Zoll gekürzt waren. Auch der Kolben war verkürzt, und so ließ sich die Waffe leicht unter dem langen Mantel verbergen.

Der Mann presste die Winchester fest gegen seine rechte Hüfte und richtete den Lauf auf den Rücken des feisten Liebhabers.

Rasend schnell wirbelte er den Repetierbügel auf und ab.

In dem engen Raum dröhnten die Schüsse wie Donner, ließen die Trommelfelle schmerzen. Beißender Pulverdampf erfüllte das Zimmer.

Die Frau hatte reaktionsschnell die Beine angezogen und sich mit dem Rücken an das Kopfende des Bettes geschoben. Ruhig wartete sie, bis der letzte Schuss verklungen war und der Dicke blutüberströmt vor ihren Füßen auf der weißen Bettwäsche lag.

Langsam färbte sich das Weiß dunkelrot. Loretta Cavallo sprang federnd aus dem Bett und packte das Opfer an der linken Schulter, wo noch kein Blut den Hemdsärmel getränkt hatte. Sie zerrte vergeblich. Keuchend wandte sie sich um.

„Hilf mir, Monk“, bat sie, „der Fettkloß ist schwer wie ein Felsbrocken.“

Monk Cavallo nickte. Gelassen schob er die kurze Winchester in ein ledernes Spezialholster, das er an der rechten Hüfte trug. Dann trat er neben seine Frau. Nur mit der linken Faust packte er zu. Ein kurzer Ruck genügte, und es war ihm keine Anstrengung anzumerken.

Wie ein Mehlsack rollte der Feiste auf den Rücken.

Loretta Cavallo verzog keine Miene, als sie die furchtbaren Ausschussöffnungen sah, die die Winchesterkugeln aus der kurzen Entfernung gerissen hatten.

Monk Cavallo beugte sich über den blutigen Leichnam und horchte nach Herztönen. Schließlich fühlte er auch noch den Puls.

„Nichts“, sagte er und richtete sich auf. Kaum merklich schwang die Zufriedenheit in seiner Stimme mit, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos. Er ging niemals ein Risiko ein, was den Tod eines Opfers betraf. Aus Erfahrung wusste er, dass manchmal eine schlimm aussehende Wunde absolut nicht tödlich sein musste. Und im Westen wurden Geschichten von Gunmen erzählt, die mit drei oder vier Kugeln im Bauch dem Gegner noch den tödlichen Schuss verpassten, als dieser sich schon siegessicher abwandte.

Nein, es gehörte zu Monk Cavallos wichtigsten Grundsätzen, sich davon zu überzeugen, ob er eine Arbeit hundertprozentig ausgeführt hatte.

Gerade zwei Minuten waren seit dem Tod des liebeshungrigen Dicken vergangen, als es leise an der Tür klopfte.

Lang, kurz, kurz, kurz.

Beruhigt lächelnd ging Loretta, um zu öffnen. Ihr Mann hielt die Rechte am Kolben der Winchester. Eine Vorsichtsmaßnahme aus Gewohnheit überflüssig jedoch, wie es sich im nächsten Moment zeigte.

Der Mann, der nun hastig eintrat, war mit einem eleganten Prince-Albert-Rock und hellgrauen Hosen mit messerscharfen Bügelfalten bekleidet. Sein erster Blick galt dem blutüberströmten Toten. Dann sah er Monk Cavallo an und zückte wortlos die Brieftasche.

Loretta drückte behutsam die Tür ins Schloss. Die Frau wirkte so ruhig wie ihr Ehemann, obwohl allmählich jede Minute kostbar wurde.

Ohne mit der Wimper zu zucken, zupfte der Elegante einen Packen Banknoten aus der Brieftasche.

Monk Cavallo nahm das Geld entgegen. Ein kurzer Blick genügte ihm, um festzustellen, dass die Summe stimmte. Fünftausend Dollar. Er ließ die Geldscheine unter dem nachtblauen Mantel verschwinden.

„Sie haben mir sehr geholfen“, sagte der Gentleman, „manchmal kann man sich einen geschäftlichen Konkurrenten eben nur noch auf diese Weise vom Hals schaffen.“

„Und Sie haben gut bezahlt, Sir“, erwiderte Monk Cavallo lächelnd, „damit trennen sich unsere Wege. Sie sollten sich jetzt beeilen.“

Der Gentleman nickte. Sekundenlang starrte er den Toten verächtlich an. Dann wandte er sich abrupt um und verließ das Zimmer. Wie verabredet würde er den Seitenausgang des Hotels benutzen, um in der Dunkelheit unterzutauchen, bevor der Aufruhr einsetzte.

Das Killerpaar folgte ihm Sekunden später. Doch Loretta und Monk Cavallo stiegen die Treppe hinunter, die direkt zum Hinterhof des Gebäudes führte. Aus dem Stallanbau holten sie ihre bereits gesattelten Pferde. Die Hufe der Tiere waren mit Lappen umwickelt.

Als sie die Pferde an den Zügeln in die nächste Seitengasse zogen, wurden im Hotel Stimmen laut. Petroleumlaternen bewegten sich mit blakendem Schein hinter beschlagenen Fensterscheiben.

Dann polterten die ersten Schritte über die Gehsteige. Jemand schrie nach dem Stadt-Marshal.

Loretta und Monk Cavallo erreichten den Ortsrand, saßen auf und trieben die Pferde zum Galopp voran.

Die dumpfen Hufschläge wurden vom Schnee noch zusätzlich gedämpft. Die Finsternis, die wie ein schwarzes Samttuch über der Winterlandschaft lag, verschluckte die beiden Reiter schon nach Sekunden.

 

 

2

Er roch sein eigenes Blut und seinen Schweiß.

Die dünnen Holzwände des Lagerschuppens konnten ihn vor der Kälte nicht schützen. Dennoch rann der Schweiß über sein Gesicht und vereinigte sich mit dem Blut aus den Platzwunden, die noch nicht verkrustet waren.

Und innerlich fror er. Mit einem Gefühl von Verwunderung und Angst spürte er, wie Eiseskälte durch seine Adern strömte und äußerlich einen Schweißausbruch nach dem anderen hervorrief. War es nur Fieber? Er wusste es nicht. Er begann sich damit abzufinden, dass er an einer Lungenentzündung elend zugrunde gehen würde.

John Sallinger fürchtete den Tod nicht.

Doch er hatte Angst, nicht mehr die Wahrheit ans Tageslicht bringen zu können. Jetzt ging es weniger um das, was er in mühseligen und gefahrvollen Recherchen herausgefunden hatte.

Jetzt ging es um die Wahrheit, die ihn selbst betraf. Wenn er starb, würde er sich wie Judas fühlen.

Carringo und Chaco mussten ihn dann zwangsläufig für einen Verräter halten. Es gab gar keine andere Möglichkeit. Denn Hilton und seine Helfer hatten alles so teuflisch raffiniert zurechtgebastelt, dass es unmöglich sein würde, nach John Sallingers Tod die Wahrheit herauszufinden.

Bei diesen Gedanken erwachte seine Willenskraft.

Er wollte nicht, nein, er durfte nicht sterben. Es durfte nicht geschehen, dass Hiltons Killer den letzten Lebensfunken aus ihm herausprügelten.

Das Verderben, das wie eine düstere Gewitterwolke über Carringo und Chaco schwebte, konnte er nicht mehr aufhalten. Er selbst war dafür verantwortlich. Und er musste sich zwingen, mit den Selbstvorwürfen aufzuhören. Er hatte es nicht freiwillig getan, und nun versuchte er sich damit zu trösten, dass vermutlich selbst der härteste Mann die Foltern nicht durchgestanden hätte, die ihm Hiltons Schergen verabreicht hatten.

Ja, sie hatten ihn gezwungen, diesen Brief an Carringo zu schreiben, jene verhängnisvolle Mitteilung, in der er dem Geächteten vorschlug, sich mit ihm und Chaco in einer Bar in Mesilla zu treffen.

Sicherlich waren die beiden Freunde schon auf dem Weg nach Mesilla.

Erneut packte John Sallinger die Verzweiflung, als er daran dachte. Die beiden Männer, die er schätzen gelernt hatte, ritten in eine Falle.

Wieder zerrte Sallinger an seinen Fesseln. Wieder rann ihm der Schweiß in Strömen über die kalte Stirn, und wieder war der Versuch sinnlos. Hiltons Folterknechte verstanden ihr Handwerk. Seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt, die Fußgelenke ebenfalls verschnürt und zusätzlich mit einem Strick an einem Stützbalken des alten Lagerhauses festgebunden.

Er hatte keine Chance, sich aus eigener Kraft zu befreien. Die Hoffnungslosigkeit und die bohrenden Schuldgefühle waren geeignet, ihn an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Ein übriges tat die Finsternis, die ihn nun schon seit Stunden umgab. Hin und wieder raschelte es, begleitet von hohem, durchdringendem Pfeifen. Sallinger hatte sich längst an die Anwesenheit der Ratten gewöhnt. Irgendwo zwischen leeren Kisten und fauligem Stroh huschten die Nager hin und her. Aber noch wagten sie sich nicht an den gemarterten Mann heran. Mit ihrem feinen Instinkt spürten die Tiere, dass noch zuviel Leben in ihm war.

Deutlich wurde ihm bewusst, wie er allmählich das Zeitgefühl verlor. Und auch die zurückliegenden Geschehnisse zerfaserten in seiner Erinnerung mehr und mehr zu einem bösen Alptraum.

Sicherlich war es das, was sie bezweckten. Dass er selbst nicht mehr daran glaubte, es miterlebt zu haben.

Aber seine Willenskraft bäumte sich dagegen auf.

Es war Wirklichkeit gewesen, was er in der Apachenreservation von New Mexico beobachtet hatte. Unfassbar und grausam, doch er hatte es mit eigenen Augen gesehen, wie im Auftrag der mächtigen Hilton-Company Waffen an die Indianer verkauft worden waren, um den Aufstand der Apachen anzuheizen. Skrupellos und aus eiskaltem Geschäftsinteresse hatte es Andrew Hilton fertiggebracht, durch diese illegale Transaktion Hunderte von Menschenleben zu zerstören.

Aber John Sallingers Versuch, diese verbrecherischen Machenschaften an die Öffentlichkeit zu bringen, war kläglich missglückt. Nicht durch sein eigenes Versagen. Er hatte zu spüren bekommen, wen er sich zum Feind gemacht hatte.

Trotz der erdrückenden Schwierigkeiten, in denen sich Andrew Hilton inzwischen selbst befand, hatten sein Einfluss und seine Beziehungen noch immer ausgereicht, um John Sallinger außer Gefecht zu setzen. Fassungslos hatte Sallinger erfahren müssen, dass ihn seine Zeitung, die „Dallas News“ in Texas, entlassen hatte, kurz nachdem er per Telegraph jenen Bericht durchgegeben hatte, von dem er geglaubt hatte, dass es der Sensationsartikel seines Lebens sein würde. Doch seine Vorgesetzten hatten ihn eiskalt abblitzen lassen.

Sein Bericht könne nicht gedruckt werden, es gäbe keine Beweise für seine Behauptungen, keine amtliche Stützung für seine Aussage, so hatte es in dem Telegramm geheißen, mit dem sie ihm aus Dallas geantwortet hatten. Dann, auf seinen Protest hin, war Sallinger gefeuert worden.

Er hatte begreifen müssen, dass seine Aussage auch vor den Behörden nichts wert war. Carringo und Chaco, die einzigen Zeugen der blutigen Geschehnisse in der Reservation, wurden von den Behörden nicht anerkannt.

John Sallinger hatte geglaubt, erstklassige journalistische Arbeit geleistet zu haben. Das niederschmetternde Ergebnis hatte ihn anfangs fast um den Verstand gebracht. Doch inzwischen wusste er, dass er nicht an mangelnden beruflichen Qualitäten gescheitert war. Hilton hatte es geschafft, ihn um seine Existenz zu bringen. Und nicht nur das. Nachdem ein Bestechungsversuch missglückt war, hatte Hilton den arbeitslosen Journalisten kurzerhand gefangennehmen und foltern lassen, um ihn als willenloses Werkzeug gegen Carringo und Chaco zu verwenden.

Sallinger wusste nicht mehr, wie viele Tage er schon in diesem dreckigen Lagerschuppen festgehalten wurde. Sein Zeitgefühl beschränkte sich darauf, Tag und Nacht zu unterscheiden.

Geräusche ließen Sallinger jäh aus seinen Gedanken erwachen.

Schritte von derben Stiefeln, die sich rasch näherten. Überdeutlich war es in der Stille des nächtlichen Ysleta zu hören.

Der Journalist blieb apathisch. Er hatte nicht mehr die Kraft, den Kopf zu heben. Und er wusste, dass er nichts tun konnte, wenn sie schon wieder kamen, um ihn zu peinigen.

Die Schritte endeten draußen an der kleinen Tür, die sich neben dem großen Schiebetor befand. Eine Kette rasselte, ein Schlüssel knirschte im Vorhängeschloss. Knarrend schwang die Tür auf. Flackerndes Licht einer Petroleumlaterne geisterte in das leere Lagerhaus.

Die Tür klappte zu, und die Schritte näherten sich. Kein Wort wurde gesprochen.

John Sallinger blieb auf der Seite liegen, den Kopf abgewandt. Er spürte kein Verlangen, Hiltons Folterknechte anzusehen. Sie waren alle gleich in ihrer Grausamkeit und in ihrer diabolischen Freude, einem Wehrlosen Schmerzen zuzufügen.

Ein brutaler Tritt traf den Journalisten in die Nierengegend. Er schrie auf, krümmte sich stöhnend, soweit die Fesseln dies zuließen. Doch schon im nächsten Moment wurde er an der Schulter gepackt und herumgerissen. Dann rammten harte Stiefelabsätze auf seine Schultern, pressten ihn mit dem Rücken auf den Boden.

Sallinger stöhnte noch immer vor Schmerzen, als er nun gezwungen war, aufzublicken. Der Geruch von Stiefelleder und Pferdemist stieg in seine Nase.

Breitbeinig und höhnisch grinsend standen die beiden Kerle links und rechts von ihm, jeweils einen Fuß auf seinen Schultern. Ihre Gesichter wirkten roh und verschlagen, bärtig und düster.

Der Dritte stand vor ihm, ebenfalls grinsend. Sein Gesicht war bartlos, und die spitze Nase und die unstet funkelnden Knopfaugen verliehen ihm das Aussehen einer Ratte. Er nickte, offensichtlich zufrieden über Sallingers miserablen Zustand. Dann stellte er die Laterne auf den Boden, zog einen zusammengerollten Bogen Papier aus der Jackentasche und kam näher.

„Mit besten Grüßen von Rechtsanwalt Hume“, sagte Rattengesicht, ging neben Sallinger in die Knie, glättete das Papier und hielt es dem Journalisten vor die Nase. „Was da drauf steht, wirst du abschreiben und mit deiner Unterschrift verzieren. Papier, Tinte und Feder liefern wir dir frei Haus.“

Die beiden anderen Folterknechte lachten heiser.

John Sallinger war im ersten Moment zu überrascht, um sofort eine Antwort zu geben. Gezwungenermaßen musste er den Text lesen. Die gestochene Handschrift des Advokaten und persönlichen Beraters von Andrew Hilton war leicht zu entziffern:

Ich, John Sallinger, seinerzeit Reporter der „Dallas News“, erklärte hiermit folgendes:

Meine Aussage und mein unveröffentlichter Bericht über illegale Waffengeschäfte in der Apachenreservation von New Mexico entsprechen nicht den Tatsachen.

Ich erkläre nunmehr wahrheitsgemäß, dass sich der Geächtete namens Carringo und sein Begleiter, ein Halbblut, genannt Chaco, in der Reservation mit zwei Männern trafen, um mit ihnen gemeinsam den Waffenhandel mit den aufständischen Apachen abzuwickeln. Dies habe ich persönlich beobachtet.

Ich widerrufe meine Aussage, gesehen zu haben, dass Mr. Cameron Stanford, der Stellvertreter Mr. Andrew Hiltons, den beiden Waffenhändlern in der Reservation Anweisungen gab. Dies war eine unwahre Behauptung von mir, mit dem alleinigen Ziel, Mr. Andrew Hilton zu belasten. Diese Erklärung gebe ich freiwillig und aus eigenem Entschluss ab.

John Sallinger

„Niemals!“, rief der Journalist empört. „Niemals werde ich das schreiben!“

Sofort verstärkte sich der Druck der Stiefelabsätze auf seinen Schultern.

Sallinger stöhnte schmerzerfüllt auf. Er konnte sich nicht einmal rühren. Bei der kleinsten Bewegung nahmen die Qualen nur noch zu.

„Überlege dir deine Worte gut“, sagte der Mann mit dem Rattengesicht drohend. Er rollte das Papier wieder zusammen und legte es neben die Laterne. „Für dich steht verdammt viel auf dem Spiel, Sallinger.

Ich würde sogar sagen, für dich steht alles auf dem Spiel. Deshalb solltest du dich endlich bequemen, vernünftig zu sein.“

Der Journalist brachte nur ein krampfhaftes Ächzen hervor. Ihm war klar, was Hilton mit dem erzwungenen Geständnis von ihm erreichen wollte. Wenn er die Erklärung abschrieb und unterzeichnete, konnte Andrew Hilton vor dem Gesetz wieder eine weiße Weste präsentieren. Denn dann würde Hiltons Behauptung untermauert sein, dass die beiden Waffenschieber auf eigene Rechnung arbeiteten und ihren Arbeitgeber, die Hilton-Company, hintergangen hatten. Der Boss des mächtigen Unternehmens brauchte die weiße Weste jetzt dringender als je zuvor. Denn er stand noch immer unter Verdacht, wenn Sallinger seine Aussagen auch nicht hatte beweisen können. Es zählte in diesem Zusammenhang nicht, dass Hilton gleich nach seiner Verhaftung wieder auf freien Fuß gesetzt worden war. Die unwiderlegten Beschuldigungen schwebten weiter über ihm wie das Schwert des Damokles.

Nur deshalb wollte er Sallingers falsches Geständnis. Und der Journalist wusste, dass Hilton alles daransetzen würde, um dieses Geständnis zu erzwingen.

„Jetzt hör mal gut zu“, sagte Rattengesicht mit einem trügerischen Hauch von Versöhnlichkeit. „Mein Boss ist kein Unmensch. Er bringt andere nicht unnötig in Schwierigkeiten, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Sieh mal, Sallinger, du steckst doch höllisch in der Klemme. Hast deinen Job verloren, hast keinen Cent mehr auf der Naht und weißt nicht, wie du deine Familie in Dallas durchbringen sollst. Richtig?“

John Sallinger antwortete nicht. Er ahnte, was folgen würde.

„Also richtig“, sagte der andere und nickte. „Ich soll dir von Mr. Hilton ausrichten, dass er bereit ist, die ganze verrückte Geschichte zu vergessen und dir aus der Patsche zu helfen. Als Gegenleistung verlangt er nichts weiter als diesen lächerlichen Wisch.“ Rattengesicht tippte mit dem Zeigefinger auf das zusammengerollte Papier. „Wenn du vernünftig bist, Sallinger, kriegst du einen hübschen Batzen Geld, der dir erst mal wieder auf die Beine hilft. Und dann ... ja, und dann wird auch dafür gesorgt, dass du deinen Job zurückerhältst. Ich denke, du kannst dir mittlerweile vorstellen, dass wir so was zurechtbiegen können.“

Allerdings, dachte Sallinger bitter, Hilton hat mich kaltlächelnd über die Klinge springen lassen, und ebenso kostet es ihn nicht mehr als ein Fingerschnipsen, mir den Job erneut zu beschaffen.

„Ich denke nicht daran“, sagte Sallinger laut, „ihr könnt mich foltern, bis ich krepiere. Aber dieses Geständnis schreibe ich nicht. Niemals!“

Das Rattengesicht des anderen verzerrte sich vor Wut.

„Du Narr!“, sagte er gefährlich leise. „Glaubst du denn, es geht nur um deinen erbärmlichen Kadaver? Hast du noch nicht daran gedacht, was mit deiner Frau und den beiden Kindern in Dallas passieren könnte? Eh, hast du daran mal gedacht?“

Dem Journalist stockte der Atem. Sein Gesicht wurde kalkweiß. Nein, dass seine Peiniger zu einer solchen Gemeinheit fähig sein würden, daran hatte er nicht einmal im Traum gedacht. Es war wie ein Schock für ihn, erfahren zu müssen, dass Hilton und seine Schergen selbst vor dieser grenzenlosen Skrupellosigkeit nicht zurückschrecken würden.

Aber Dallas war nicht Ysleta, überlegte Sallinger hastig. Seine Familie war in Dallas bestimmt sicher. Dort gab es einen Stadt-Marshal, der über eine schlagkräftige Polizeitruppe verfügte. Und dort konnten Hiltons Killer nicht ungehindert ihre Grausamkeiten an den Tag legen.

„Nein“, sagte Sallinger gepresst.

„Ich tue es nicht. Ich schreibe das Geständnis nicht.“

Die Augen des Mannes mit dem Rattengesicht verengten sich zu Schlitzen.

„Dein letztes Wort, Sallinger?“

„Ja!“, schrie der Journalist, und es war wie eine Befreiung von allen Qualen, die er hatte erdulden müssen. „Ja, es ist mein letztes Wort, ihr Teufel!“ Keuchend hielt er inne, als er spürte, wie ihm die Anstrengung wieder den kalten Schweiß auf die Stirn trieb.

Rattengesicht richtete sich langsam auf.

„Also gut, Sallinger. Dann gibt es nur noch den einen Weg, um dich zur Räson zu bringen.“ Es gab den beiden anderen einen Wink.

Sofort ließ der schmerzhafte Druck der Stiefelabsätze nach. Doch es war eine trügerische Erleichterung. Denn im nächsten Moment fühlte sich Sallinger von derben Fäusten gepackt, die ihn unsanft auf die Beine rissen.

Und dann prasselten die Hiebe auf ihn ein, gnadenlose, gemeine Schläge, die ihn an jenen Körperteilen trafen, die ohnehin noch von den Foltern angeschwollen waren.

Sallinger schrie auf. Er schwankte, konnte sich wegen der Beinfesseln nicht halten. Doch jeder Hieb brachte ihn erneut wieder in die Senkrechte. Wie ein lebloses Bündel pendelte er zwischen den Fäusten der beiden Schläger hin und her. Schon bald spürte er nur noch eine einzige glühende Schmerzwoge, die durch seinen Körper brandete und alle anderen Empfindungen mit Macht auslöschte. Die Flut der Schmerzen trieb ihn der Bewusstlosigkeit entgegen.

Irgendwann, nach Minuten, die wie Ewigkeiten waren, sank er zu Boden.

Auf diese Weise hatten sie ihn dazu gebracht, den Brief an Carringo zu schreiben. Das war Sallingers letzter Gedanke, ehe ihn die Ohnmacht von den Qualen erlöste.

Er spürte nicht mehr, wie sie ihn nun noch mit Fußtritten traktierten, nur um ihrer Wut über seine Standhaftigkeit ein Ventil zu geben.

 

 

3

Die Wärme, die der kleine Kanonenofen ausstrahlte, begann zu versiegen. Windböen rüttelten an den Fensterläden. Ungemütlichkeit bereitete sich aus.

Linda Hilton bemerkte es erst, als ihr die Kälte einen Schauer über den Rücken trieb. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch, stand auf und warf Holz nach.

Das Prasseln der neu aufflackernden Flammen vermittelte der jungen Frau Behaglichkeit. Sie nahm eine dicke wollene Jacke vom Bügel, zog sie über die schmalen Schultern und setzte sich wieder.

Ihre Gedanken blieben unruhig. Sie vermochte die Dinge nicht mehr zu ordnen, die ihr unablässig durch den Kopf gingen. Daran konnte auch die Zurückgezogenheit des luxuriösen Hotelzimmers nichts ändern.

Linda Hilton trug das dunkelblonde Haar in der Mitte gescheitelt, seidig und schimmernd, sorgsam gepflegt, reichte es ihr bis auf die Schultern. Ihre zarte Gesichtshaut hatte schon einen Teil jener Blässe verloren, die sie von der Ostküste, aus Boston, mitgebracht hatte. Linda hatte große braune Augen, die voll zurückhaltendem Temperament zu sprühen vermochten. Trotz des einfachen hellblauen Baumwollkleides, das sie an diesem Abend trug, war ihre schlanke, wohlproportionierte Figur nicht zu verkennen.

Doch aus ihren Augen schien die Lebendigkeit gewichen zu sein. Immer wieder musste sie auf die Zeitungen starren, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Und ihre Miene spiegelte wachsende Verzweiflung, gegen die sie nicht anzukämpfen vermochte.

Es waren die neuesten Ausgaben der Tages und Wochenzeitungen aus Washington und auch aus dem Westen.

Linda glaubte, die Anklage, die aus den fettgedruckten Schlagzeilen schrie, fast körperlich zu spüren. Denn diese Anklage richtete sich gegen ihren Vater, den sie über alles liebte. Immer wieder hatte sie die Berichte gelesen, hatte versucht, zwischen den Zeilen die wahren Hintergründe zu entdecken. Und die schreierischen Überschriften kannte sie inzwischen auswendig.

KORRUPTIONSSKANDAL UM SENATOR STEVENSON!

ANDREW HILTON IN KORRUPTIONSAFFÄRE STEVENSON VERWICKELT?

SKANDAL STEVENSON HILTON ZIEHT KREISE.

HILTON WEGEN WAFFENSCHIEBUNG VERHAFTET.

HILTON NACH VERHAFTUNG AUF FREIEN FUSS GESETZT

Gewiss, all diese Schlagzeilen basierten nur auf Verdächtigungen und Gerüchten. Aber die Zweifel ließen sich nicht mehr ausräumen. Es schmerzte die junge Frau um so mehr, als sie seit Wochen vergeblich auf ein klärendes und offenes Wort von ihrem Vater wartete. Nach ihrer Rückkehr vom Studium in Boston hatte er für sie eine Schule in der kleinen Stadt Freetown eingerichtet. Linda war fast berauscht gewesen vor Dankbarkeit und vor Freude über die Aufgabe, die sie nun zu bewältigen hatte.

Doch dann war sie auf die ersten geheimnisvollen Zusammenhänge gestoßen, düstere Machenschaften, in die ihr Vater verwickelt zu sein schien. Die Vermutungen hatten böse Konflikte in Linda ausgelöst. Aber sie hatte darauf vertraut, von ihrem Vater über die wahren Zusammenhänge aufgeklärt zu werden. Entsprechend schmerzlich war ihre Enttäuschung gewesen, als sie ausgerechnet von ihrem eigenen Vater mit Ausflüchten abgespeist worden war, von ihm, dem sie nie eine Unrechtmäßigkeit zugetraut hatte, wohl aber das taktische Geschick und die unnachgiebige Härte des erfolgreichen Geschäftsmannes.

Und nun diese Zeitungsartikel.

Was dadurch ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wurde, steigerte Lindas bohrende Zweifel bis ins Unerträgliche. Es war nicht ihre Art, sich wirklichkeitsfremden Illusionen hinzugeben. Dass ein einflussreicher und mächtiger Mann wie ihr Vater verhaftet worden war, ließ nur den einen Schluss zu: Die Verdachtsmomente gegen ihn mussten erdrückend gewesen sein. Daran änderte auch die Tatsache wenig, dass er anschließend wieder freigelassen worden war. Linda kannte die Fähigkeiten, die der aalglatte Advokat Hume in dieser Beziehung zu entwickeln vermochte.

Die Verhaftung ihres Vaters hatte sie wie ein Schock getroffen. Aber danach hatte Andrew Hilton nichts getan, um seiner Tochter aus der Fassungslosigkeit und Verzweiflung zu helfen. Nichts schien mehr vorhanden von seiner gütigen, hilfreichen Art, mit der er Linda sonst stets in allen Situationen zur Seite gestanden hatte. Nur ausweichende Antworten hatte sie diesmal von ihm zu hören bekommen. Und ausgerechnet Hume hatte ihr spöttisch empfohlen, sie solle sich gefälligst um ihre Schule in Freetown kümmern.

Im Grunde hatte Hume recht. Linda war sich darüber im klaren, dass sie die Verpflichtung in Freetown nicht einfach abschütteln konnte. Aber sie zögerte, hatte einfach Angst, sich an die Öffentlichkeit zu wagen. Sie fürchtete sich davor, mit den Verdächtigungen und den Skandalgeschichten um ihren Vater in Zusammenhang gebracht zu werden, ohne mit klaren und handfesten Gegenargumenten aufwarten zu können.

Ja, dies war der Gesichtspunkt, den sie ihrem Vater vorhalten musste. Vielleicht konnte sie ihn dann endlich dazu bringen, dass er so mit ihr redete, wie er es früher stets getan hatte. Und ohne die Anwesenheit des schleimigen Hume.

Linda stand mit einem Ruck auf. Ihr Entschluss war gefasst. Sie würde nach Freetown zurückgehen und sich der Öffentlichkeit stellen, doch nur mit hieb und stichfesten Erklärungen, die sie zu den Gerüchten um ihren Vater abgeben konnte.

Diesem Verlangen konnte er sich unmöglich verschließen. Linda war sicher, ihn trotz allem gut genug zu kennen. Neu aufkeimende Hoffnung beflügelte sie, als sie nun das Zimmer in der elegantesten Suite des „City-Palace“ verließ.

Andrew Hilton hatte in diesem Hotel vorübergehend sein Hauptquartier aufgeschlagen, nachdem Carringo die Geschäftsgebäude der Company in einem blindwütigen Rachefeldzug zerstört hatte.

Wandlampen tauchten den Korridor in ein gemütliches Licht. Bis zu halber Höhe waren die Wände mit dunklem Eichenholz getäfelt, darüber mit seidenmatt schimmerndem weinrotem Stoff bespannt. Weiche Teppiche lagen über den Holzdielen und verschluckten jeden Schritt.

Linda wusste, dass ihr Vater in dieser sorgenreichen Zeit erst spät schlafen ging. Er nutzte die ruhigen Abendstunden, um zu sich selbst zu finden. Deshalb war die junge Frau sicher, ihren Vater allein anzutreffen.

Sie näherte sich seiner Zimmertür, wollte anklopfen. Erst in diesem Moment hörte sie die Männerstimmen. Deutlich erkannte sie die Stimme ihres Vaters und auch die der anderen, die zu seiner Leibgarde gehörten.

Linda verharrte zögernd. Durfte sie stören? Während sie noch überlegte, drangen die ersten Gesprächsfetzen in ihr Gehör.

„... haben den Kerl bald soweit“, sagte einer der Leibwächter gerade, „er weiß, dass er in dem Lagerschuppen hocken wird, bis er schwarz wird. Und mit einer regelmäßigen Portion Prügel kriegen wir ihn weich, Sir. Das steht fest.“

Die anderen lachten leise, verstummten jedoch, als Andrew Hiltons herrische Stimme laut wurde.

„Durch Versprechungen wird dieser Sallinger ohnehin nicht gefügig, Männer. Aber ich brauche die schriftliche Erklärung von ihm. Damit steht und fällt alles. Ich sage es noch einmal: Sallinger ist ein gefährlicher Zeuge. Er hat den Waffenhandel in der Reservation beobachtet. Das wissen inzwischen genügend andere Leute, die uns noch gefährlicher werden können. Deshalb ist Sallingers Widerruf die einzige Möglichkeit, die Gefahr abzuwenden. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Selbstverständlich, Sir. Sallinger wird schreiben. Er wird sich geradezu freuen, nach Papier und Feder greifen zu können.“

„Hoffentlich“, sagte Andrew Hilton wieder, „denn wir dürfen nicht vergessen, dass diese Aktion einen zweiten Gesichtspunkt hat, der nicht weniger bedeutend ist...“

„Carringo kriegt an allem die Schuld“, sagte einer der Leibwächter und lachte glucksend.

„Richtig. Das ist das eine. Und zum anderen werden wir Carringo so rechtzeitig außer Gefecht setzen, dass er nirgendwo mehr Gelegenheit haben wird, den Mund aufzureißen und Aufsehen zu erregen. Wir können nur hoffen, dass es diesmal keinen Fehlschlag gibt.“

„In Mesilla tappt er in die Falle, Sir. Er traut diesem Sallinger. Das wissen wir doch. Und Sallinger sitzt bei uns auf Nummer Sicher...“

Linda Hilton presste in jähem Entsetzen die geballte Faust vor die Lippen. Etwas verschnürte ihre Kehle. Es war ein neuer Schock, schlimmer noch als zuvor.

Sie taumelte, musste sich an der Wand schützen. Ihre Knie wurden weich.

Drinnen ging das Gespräch weiter. Linda konnte nicht mehr hinhören. Die plötzliche Gewissheit war zu furchtbar. Ihre Gedanken überschlugen sich. Einen Moment lang war sie versucht, in das Zimmer zu stürmen und ihrem Vater die ganze Verachtung ins Gesicht zu schreien, die sie auf einmal für ihn empfand.

Aber sie ließ es. Eine mahnende innere Stimme sagte ihr, dass es sinnlos war. Jahrelang hatte sie sich von ihrem Vater täuschen lassen, hatte ihm blind vertraut, hatte ihn geliebt. Ihn jetzt mit dem Wissen um seine Unaufrichtigkeit zu konfrontieren, wäre mehr gewesen, als Linda verkraften konnte.

Resignierend wandte sie sich ab. Ihre Bewegungen wirkten unsagbar müde, als sie zu ihrem Zimmer zurückging.

Doch vor der Tür blieb sie stehen, ohne zu öffnen.

Ein Gedanke durchzuckte sie, entstanden aus dem quälenden Gefühl, einen Teil der Verantwortung mitzutragen. Es war der Name Hilton, der Name, auf den Linda nicht länger stolz sein konnte. Allein dies genügte, um böse Schuldgefühle in ihr zu wecken.

Und sie hatte das jähe Verlangen, das ihre dazu beizutragen, diese Schuld zu tilgen. Wenigstens zum Teil, soweit es in ihren Kräften stand.

Sie wandte sich um und vergewisserte sich, dass sie unbeobachtet war. Dann eilte sie auf leisen Sohlen bis zum Ende des Korridors, wo eine Treppe zum Hinterausgang des Hotels führte. Ebenfalls mit Teppich ausgelegt, knarrten die Stufen nicht, wie es einem Hotel der gehobenen Klasse angemessen war.

Linda atmete auf, als sie sah, dass die Hintertür lediglich mit einem Riegel von innen verschlossen war. Eilends knöpfte sie ihre wollene Jacke zu, schlug den Kragen hoch und öffnete dann die Tür.

Kalter Wind schlug ihr entgegen, trieb ihr Schneeflocken ins Gesicht. Linda achtete nicht darauf. Zorn und Empörung waren stärker als alle anderen Empfindungen in ihr. Behutsam zog sie die Tür von außen wieder ins Schloss. Dann rannte sie los, durch die nächtlich düsteren Seitengassen von Ysleta.

Keine Menschenseele begegnete ihr, niemand beobachtete sie. Das raue Winterwetter hatte die Leute in ihre Behausungen getrieben. Wer nicht von einer Pflicht gezwungen wurde, setzte keinen Fuß mehr vor die Haustürschwelle.

Linda hatte sofort gewusst, um welchen Lagerschuppen es sich handelte. Nachdem die meisten Geschäftsgebäude ihres Vaters zerstört waren, war in dieser Beziehung kein langes Rätselraten mehr erforderlich.

Die junge Frau brauchte nur wenige Minuten, um den Schuppen zu erreichen. Die Eiseskälte hatte ihr Gesicht gerötet, und ihre Haut brannte wie von tausend Nadelstichen. Aber es kümmerte sie nicht. Es gab keine Macht der Welt, die sie noch daran hindern konnte, ihr Schuldgefühl abzubauen, jene Schuld, die der Name Hilton auf ihr lasten ließ.

Sie verlangsamte ihre Schritte, als sie sich der kleinen Tür neben dem Rollentor des Lagerschuppens näherte. Mit klammen Fingern tastete sie nach dem Stahlriegel.

Eine Kette klirrte leise. Linda presste die Lippen aufeinander. Verzweiflung packte sie, als sie das schwere Vorhängeschloss fühlte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie früher, in einer ähnlichen Situation, sicher aufgegeben hätte. Aber gerade diese Erkenntnis beflügelte ihre Entschlossenheit.

Ihre Augen hatten sich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt. So konnte sie in dem Gerümpel, das auf dem Vorplatz des Schuppens herumlag, wenigstens Umrisse erkennen. Auf der Suche nach einem geeigneten Gegenstand stieß sie mit dem Fuß gegen die Petroleumlaterne, die die Leibwächter ihres Vaters vor der Tür stehengelassen hatten. Behutsam stellte Linda die Laterne wieder auf, erfreut darüber, dass sie diesen Fund gut gebrauchen konnte.

Dann, Minuten später, entdeckte sie im Gerümpel eine schwere Eisenstange. Keuchend vor Anstrengung schaffte sie es, die fast zwei Yard lange Stange aus einem Kistenstapel hervorzuzerren und zur Schuppentür zu schleppen. Der Rest ließ sich beinahe spielerisch leicht bewältigen. Kette und Vorhängeschloss hielten der Hebelkraft stand. Aber die Verankerung des Riegels löste sich knirschend aus dem verwitterten Holz.

Linda ließ die Stange zu Boden sinken, nahm die Laterne und zog die Tür auf. Die Angeln kreischten leise. Sekundenlang spähte die junge Frau angstvoll in die Dunkelheit. Aber die nächsten Wohnhäuser waren zu weit entfernt, als dass jemand das Geräusch hätte bemerken können.

Im Schuppen war es stockfinster. Nur ein kurzes Rascheln war zu hören. Dann herrschte absolute Stille. Linda wusste, dass es in dem betagten Holzgebäude Ratten gab. Noch vor zwei Monaten hätte allein der Gedanke an die pelzigen Nagetiere gereicht, und sie hätte panikartig die Flucht ergriffen. Aber in diesen Tagen und Wochen, die sie jetzt im rauen Westen zugebracht hatte, war eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Und vielleicht, so glaubte sie, war das auch ein Grund dafür, dass sie ihren Vater in einem anderen Licht sehen konnte, ohne daran zu zerbrechen.

Sie griff in die Tasche der wollenen Jacke. Zum Glück hatte sie die Zündhölzer bei sich, mit denen sie den Ofen in ihrem Hotelzimmer in Gang gebracht hatte.

Der verrußte Glaszylinder der Petroleumlampe ließ nur einen spärlichen Lichtschein durchdringen. Schritt für Schritt musste Linda den fast leeren Lagerschuppen absuchen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Auf einmal fürchtete sie sich davor, dem Mann gegenüberzustehen, dem auf so brutale Weise Unrecht zugefügt worden war.

Hinter einem Stapel alter Strohballen sah sie ihn plötzlich, gefesselt, zusammengekrümmt, das Kinn wie schutzsuchend auf die Brust gepresst.

Vor Aufregung innerlich bebend, ging Linda auf ihn zu. Doch sie wagte sich nicht näher als zwei Schritte heran. Sie hatte ein schlechtes Gewissen für das, was ihr Vater diesem Mann angetan hatte.

John Sallingers graue Augen flackerten, als er zu der jungen Frau aufblickte. Sein Gesicht war geschwollen und blutverkrustet. Auch in seinem braunen Haar und dem dichten Schnauzbart waren Blutflecken geronnen. Der hellgraue Leinenanzug des Journalisten war dreckverschmiert und ebenso die buntkarierte Weste.

Feindseligkeit und Furcht lagen in seinem Blick. Linda spürte es deutlich. Sie stellte die Petroleumlaterne auf den Boden.

„Ich, ich bin gekommen, um ...“, stotterte sie, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nicht einmal ein Messer bei sich hatte, um die Fesseln des Gefangenen zu lösen.

„... um es mit einem neuen Trick zu versuchen?“, vollendete Sallinger ihre Worte voll Bitterkeit. „Ich kenne Sie. Sie sind Hiltons Tochter. Und wahrscheinlich warten seine Schergen schon draußen, um mir den Rest zu geben, wenn ich diesmal wieder nicht pariere.“

Linda schüttelte stumm den Kopf. Die Erkenntnis der wahren Zusammenhänge stürzte wie eine erdrückende Last auf sie ein. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Denn dieser Mann hatte für seine Verbitterung allen Grund, und sein Misstrauen ihr gegenüber war nur natürlich.

Wortlos ging sie neben dem Stützbalken in die Knie, wo der Strick festgebunden war. Sie begann, die Knoten des rauen Hanfseiles zu lösen. Es kümmerte sie nicht, dass sie ihre Fingernägel einriss und die Haut über den Fingergelenken blutig schrammte.

John Sallinger beobachtete sie mit zunehmender Verwunderung. Als sie ihm die Fußfesseln löste, verstand er die Welt nicht mehr. Innerlich fluchte er auf sich selbst, weil er nicht begriff, wie dieser neue Trick funktionieren sollte. Hatte die Frau womöglich den Auftrag, ihm die Flucht zu ermöglichen, damit sie ihn dann wie einen Hasen abknallten? Ja, so musste es sein. Der Gedanke fraß sich in ihm fest.

„Hören Sie, Miss“, sagte er wütend, „Sie brauchen sich keine Mühe zu geben. Ich tue Ihnen den Gefallen nicht, zu fliehen.“

Linda hielt inne, bevor sie sich seine Handfesseln vornahm. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Nicht im entferntesten hatte sie erwartet, den Mann erst noch zu seinem eigenen Vorteil überreden zu müssen.

„Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, was Sie tun sollen“, sagte sie leise, „aber Ihnen bleibt nicht viel Zeit. Bestimmt werden die Gehilfen meines Vaters noch in dieser Nacht wieder auftauchen.“

„Gehilfen!“, echote Sallinger spöttisch. „Eine sehr schmeichelhafte Bezeichnung für diese Halunken. Wissen Sie, wie man solche Kerle nennt, Miss? Killer, dreckiges Mördergesindel! Es ist der Abschaum, mit dem Ihr ehrenwerter Dad zusammenarbeitet.“

„Ich weiß“, sagte Linda mit gesenktem Kopf, „ich habe es eben erst erfahren, Mr. Sallinger. Und ich weiß nicht, wie ich Sie davon überzeugen soll, dass ich mit all dem nichts zu tun habe. Ich weiß es nicht, wenn Sie meine Hilfe nicht annehmen.“

John Sallinger stutzte. Einen Moment lang vergaß er die Schmerzen, die ihn noch immer peinigten. Wenn er ehrlich war, sah Hiltons Tochter keineswegs aus wie ein gerissenes Luder. Hatte sie tatsächlich ernsthaft vor, ihm zu helfen?

„Warum wollen Sie das tun?“, fragte er zweifelnd.

„Ich fühle mich mitschuldig an dem, was mein Vater getan hat“, sagte sie offen, „ich helfe Ihnen und befreie mich von der Schuld. Wenigstens zum Teil. Können Sie das verstehen?“

„Vielleicht“, sagte Sallinger seufzend, „wenn Sie ein Mann wären, würde ich Ihnen jedes Wort glauben. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass Frauen rätselhafte Wesen sind. Wie soll ich da wissen...?“

„Soll ich Ihnen die Hände losbinden oder nicht?“, unterbrach sie ihn.

Sallinger musste lächeln, trotz seiner Schmerzen und trotz seiner Wunden.

„Ich bitte darum“, antwortete er mit gespielter Förmlichkeit, und er wunderte sich über sich selbst, dass er schon wieder zu solchem Schalk fähig war. Lag es an der Nähe dieser bezaubernden jungen Frau?

Linda brauchte jetzt keine Minute mehr, um Sallingers Hände loszubinden. Und sie half ihm auf die Beine, stützte ihn, bis er sich gegen einen der Balken lehnen konnte und stöhnend darauf wartete, dass die Blutzirkulation wieder in vollem Maße einsetzte. Linda massierte ihm die Handgelenke, wo sich noch die Druckstellen der Stricke abzeichneten.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte sie kurz entschlossen, „wir werden jetzt gemeinsam diesen Schuppen verlassen. Ich bin in Ihrer unmittelbaren Nähe. Wenn Sie wirklich glauben, mir nicht trauen zu können, haben Sie mein Leben als Faustpfand. Mein Vater wird es niemals fertigbringen, auf seine eigene Tochter schießen zu lassen.“

John Sallinger blickte sie verwirrt an. Sekundenlang schien er sprachlos.

„Hören Sie auf damit“, sagte er dann, „einen solchen Wahnsinn würde ich niemals akzeptieren. Ich glaube Ihnen auch so, obgleich es mir schwerfällt.“

Linda ergriff seinen rechten Unterarm.

„Mr. Sallinger“, sagte sie fast flehentlich, „sagen Sie mir, was in der Reservation geschehen ist. Und was mein Vater von Ihnen verlangt. Ich muss die Wahrheit erfahren, hören Sie!“

„Es wird keine angenehme Wahrheit für Sie sein.“

„Das ist mir jetzt einerlei. Ich kann die Zweifel nicht mehr ertragen.“

„Also gut“, sagte Sallinger und nickte, „aber hier ist es mir zu ungemütlich für ein Gespräch. Und außerdem brennt mir die Zeit unter den Nägeln.“

„Oh, verzeihen Sie!“, rief Linda hastig. Sie war nun selber verwirrt, hatte sie doch vorübergehend vergessen, wie bedrohlich die Lage noch immer war. Es lag an den vielen Fragen, die ihr durch den Kopf schossen.

Sie griff nach der Laterne, nahm John Sallinger bei der Hand und führte ihn zur Tür des Schuppens. Der Journalist war noch unsicher auf den Beinen, aber er schaffte es bereits, ohne Stütze zu gehen.

Linda blies die Laterne aus, ehe sie die Tür aufstieß. Draußen war alles ruhig. Die Dunkelheit wirkte schutzspendend. Bereitwillig ließ sich John Sallinger von der jungen Frau über den Vorhof des Lagerschuppens und durch die angrenzenden Seitengassen führen. Schließlich zog sie ihn in eine Durchfahrt neben dem Warenlager eines General Store. Hier waren sie vor dem eisigen Wind und dem Schneetreiben geschützt.

Sallinger atmete schwer. Die Wunden bereiteten ihm noch immer höllische Schmerzen, und nur durch seine Willenskraft schaffte er es, auf den Beinen zu bleiben.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940527
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v595092
Schlagworte
carringo winchester-mann

Autor

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Titel: Carringo und der Winchester-Mann