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Carringo und das Inferno im Öl-Camp

2020 128 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und das Inferno im Öl-Camp

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und das Inferno im Öl-Camp

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Mahon Tabor, der Agent der Hilton Company, ist verletzt. Trotzdem hofft er, den Zug in Menardville zu erreichen, der dafür sorgen kann, dass der Abstand zwischen Carringo und ihm noch größer wird. Carringo will endlich seine Unschuld beweisen, denn immer noch wird er steckbrieflich wegen der angeblichen Beteiligung am Halcon-Canyon-Massakers gesucht.

Aber erst gilt es für Carringo und seinen Freund Chaco ein paar Freunden zu helfen ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - versucht, einen alten Mann vor dem Unheil zu bewahren und stößt auf ein brennendes

Ölcamp

Chaco - entwaffnet einen Marshal, der Carringo bedroht

Mahon Tabor - zittert um sein Leben und lässt andere für sich kämpfen und sterben

Colin Walker - erkennt, dass es noch etwas anderes als Rache gibt

Laura Rusk - erschießt zwölf Wölfe und hat nur noch eine Kugel

Mike Fleming - weiß, wann man sich absetzen muss, um der Hölle zu entgehen

Gilbert McKenna - nimmt Dynamit, um das zu tun, was er für unabdingbar hält

 

 

1

Als der Sturm nachließ, hörte Laura Rusk die Wölfe. Ihr langgezogenes Heulen übertönte das wilde Singen der Böen, die noch immer Schwaden von Schneeflocken in die breite Felsspalte hineintrieben, in der das Mädchen Schutz vor dem Unwetter gefunden hatte.

Sie war völlig durchgefroren. Aber sie lebte, und nur das zählte im Augenblick. Ihre blaugefrorenen Hände hatten sich um den Griff des schweren Revolvers vom Kaliber 45 gekrampft. Der bläulich schimmernde Waffenstahl mit der fleckigen Brünierung glänzte feucht, als sei er von einem feinen Eisfilm überzogen.

Wieder klang das Heulen der Wölfe auf - viel näher diesmal.

Mühsam richtete sich Laura auf, verlor das Gleichgewicht und stürzte fast. Ihre Handflächen schmerzten, als sie an der rauen Felswand Halt fand. Einen Moment hielt sie keuchend inne und versuchte, die letzten Energiereserven zu mobilisieren. Doch in ihren Beinen war nur noch wenig Kraft. Von ungebrochenem Willen getrieben, verließ sie taumelnd die Felsspalte. Laura wirkte ausgemergelt, das Gesicht hohlwangig. Ihr löchriges Kleid schützte sie kaum vor der Kälte. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte sie einen Fuß vor den anderen. Vor ihr lag ein flacher Abhang, der weiß war von Schnee. Der Wind fegte über die weiße Decke und peitschte Eiskristalle vor sich her, die wie feine Nadelspitzen auf Lauras ungeschütztes Gesicht trafen.

Bohrender Hunger zog ihren Magen krampfartig zusammen. Der Durst hatte ihre Kehle entzündet. Sie bückte sich und hob eine Handvoll Schnee auf, den sie im Mund zergehen ließ. Es schmeckte bitter, als das eisige Wasser durch ihre Kehle rann.

Erschauernd zog Laura die Schultern hoch. Mit unsicheren Schritten bewegte sie sich weiter.

Irgendwann fand sie im dichten Unterholz des nahen Bergwaldes trockenes Holz. Sie schichtete es auf, bis sie es mit beiden Armen gerade noch umfassen konnte. Dann, als sie die knorrigen Zweige zu ihrem Unterschlupf trug, standen winzige Schweißperlen auf ihrer Stirn - trotz der Eiseskälte.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen. Im Schutz der Felsspalte hockte Laura vor dem kleinen Holzhaufen, der ihr wie ein kostbarer Schatz erschien. Den Revolver hatte sie beiseite gelegt. Zwischen den Handflächen bewegte sie einen fingerdicken Zweig, dessen unteres Ende sich in der rissigen Rinde eines Astes drehte. Feiner Staub wirbelte aus dem fast morschen Holz.

Laura gönnte sich keine Pause, sie arbeitete verbissen. Es war die einzige Möglichkeit, ein Feuer anzufachen. Denn außer dem Revolver und dem, was sie auf dem Leib trug, besaß sie nichts.

Endlich drang der beißende Geruch von Rauch in ihre Nase. Laura erwachte aus ihrer Lethargie. Erregt steigerte sie die Bewegung ihrer Handflächen, als sie eine feine Rauchsäule aus dem morschen Ast emporsteigen sah. Kurz darauf war es geschafft. Funken sprühten, wuchsen zu beängstigend winzigen Flammen, die jedoch in dem staubtrockenen Holz gute Nahrung fanden.

Als schließlich in der Felsspalte das Feuer aufflackerte und Laura eng an die wärmenden Flammen rückte, spürte sie das nahende Unheil wie eine böse Vorahnung. Sie warf den Kopf herum, spähte ins Freie.

Jähes Entsetzen packte sie. Draußen auf dem Hang tauchten die Wölfe auf. Sie trotteten aus dem Wald — große Tiere mit buschigem, graubraunem Pelz und mächtigen Schädeln. Sie waren abgemagert, so dass die Rippen sich unter dem Fell abzeichneten. Wieder heulten sie, gierig, drohend und - wie es schien - siegessicher.

Lauras Magen verkrampfte sich. Stechende Schmerzen durchzuckten ihren Leib. Übelkeit stieg in ihr hoch. Sie presste die Hand gegen die Lippen und vermied es gerade noch, sich zu übergeben. Schwer atmend lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die kalte Felswand. Nur allmählich wich die Übelkeit und ließen auch die Schmerzen nach. Laura spürte, wie sehr die Magenkrämpfe an ihren Kräften zehrten. Würde sie überhaupt noch fähig sein, sich selbst zu schützen? Wussten diese Bestien dort draußen nicht bereits, dass sie allein und ihnen ausgeliefert war?

Laura hob den schweren Revolver auf. Am Tage vorher hatte sie damit zum ersten Mal in ihrem Leben einen Menschen erschossen, einen Banditen. In höchster Not war es ihr gelungen, ihr Leben mit dem Colt zu verteidigen. Dennoch hatte sie kein rechtes Vertrauen zu der Waffe. Die Trommel war nur noch mit drei Patronen geladen. Viel zu wenig gegen ein Rudel hungriger Wölfe.

Das Geheul schwoll an, begleitet vom Abklingen der fauchenden Windböen. Nur noch in unregelmäßigen Abständen wurden Schneeflocken emporgewirbelt und umgaben die Raubtiere mit einem dichten weißen Schleier, der sie wie unwirkliche Schemen erscheinen ließ. Dann wieder, in der kristallklaren Winterluft, glühten die schmutzig gelben Augen der Wölfe voller Beutegier und Mordlust. Ihr heißer Atem bildete feine Schwaden, die sich rasch verflüchtigten.

Mit beiden Händen packte Laura den kalten Griff des Colts und legte den Lauf auf ihre Knie. Sie wagte nicht, sich zu rühren, spürte kaum noch die Kälte. Die Angst löschte alle anderen Empfindungen in ihr aus.

Die Wölfe verlangsamten ihre Bewegungen und näherten sich der Felsspalte bis auf Steinwurfweite. Das Geheul verstummte. Die Tiere begannen, unruhig hin und her zu streichen.

Laura war wie gelähmt. Die plötzliche Stille ließ ihre Angst nur noch wachsen. Es schien, als bereiteten sich die Bestien nun auf den entscheidenen Moment vor, als lauerten sie nur noch darauf, ihre sichere Beute aus der Reserve zu locken. Oder spürten sie instinktiv, dass Laura eine Waffe besaß? Hielten sie sich nur deshalb noch zurück?

Das Mädchen brachte es nicht fertig, den Blick von dem Wolfsrudel zu wenden. Niemals hatte sie geglaubt, dass man dem Tod ins Auge sehen konnte, ohne den Verstand zu verlieren oder in Panik zu geraten. Doch jetzt, in diesem Moment, hatte sie Gewissheit, dass das Verderben unaufhaltsam war. Und sie begriff nicht, dass es nur die Todesangst war, die ihr zu einer seltsamen Art von Ruhe verhalf.

Noch zögerten die Wölfe. Deutlich waren jetzt ihre blitzenden Reißzähne zu erkennen. Lautlos trotteten die Bestien über den verharschten Schnee ein nervöses Durcheinander von zottigem Grau.

Plötzlich war ein erstes Knurren zu hören. Es klang heiser, ungeduldig und herausfordernd.

Unwillkürlich zuckte Laura zusammen. Ihre Gedanken begannen zu rasen, die scheinbare Ruhe fiel von ihr ab.

Draußen rotteten sich die Wölfe zusammen. Mit lauernd gesenkten Köpfen näherten sie sich bis auf etwa zwanzig Yards dem Unterschlupf, in dem das Feuer flackerte. Laura hob den Colt. Der Griff war jetzt nicht mehr kalt. Sie blickte auf die schwere Waffe, die doch keine Hilfe bedeuten konnte. Drei Kugeln, von denen vielleicht keine einzige treffen würde.

Es sei denn ...

Nur eine Patrone war nötig, um den tödlichen Reißzähnen der grauen Bestien zu entgehen. Und es würde ein rascher, sicherlich schmerzloser Tod sein.

„Nein!“ Laura schrie es jäh hinaus. Ihre Stimme hallte gellend von den Felswänden zurück.

Draußen auf dem Hang verharrten die Wölfe. Regungslos starrten sie zur Höhlenöffnung, bis sie begriffen, dass der Schrei für sie bedeutungslos war. Wieder trotteten sie näher auf das Versteck des Mädchens zu.

Laura schluchzte, schüttelte den Kopf. Nein, niemals durfte sie ihr Leben selbst beenden. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Vaters. Es ist eine furchtbare Sünde, an sich selbst Hand anzulegen.

Sie hasste sich dafür, überhaupt daran gedacht zu haben. Ihre Eltern waren strenggläubige Mormonen gewesen, aufrechte Menschen, die ihre Kraft aus den Worten der Bibel geschöpft hatten. Laura hatte es gelernt, nach den gleichen Grundsätzen zu leben. So gab es keinen anderen Weg, als auszuharren. Sie musste ihr Schicksal in Gottes Hand legen.

Wieder erscholl das heisere Knurren, mehrstimmig Neuem zu lähmen drohte. Den Revolver in der Rechten, warf sie mit der Linken neue trockene Äste auf das Feuer. Ein Funkenregen sprühte hoch. Dann prasselten die Flammen heftiger, als sie die zusätzliche Nahrung erfassten.

Das Knurren der Wölfe wuchs zu einem drohenden, bösartigen Grollen an. Noch zögerten die Bestien. Aber Laura fühlte, dass ihre Frist auf Minuten zusammenschmolz. Langsam, als könne sie es den zottigen Tieren verheimlichen, richtete sie sich auf. Ihre Beine zitterten vor Anstrengung. Sie musste sich an der Felswand stützen, um nicht ins Wanken zu geraten.

Ein heiserer Schrei erscholl, fast einer menschlichen Stimme gleich. Es klang wie das Zeichen zum Angriff.

Aus geweiteten Augen sah Laura, wie sich ein graubrauner Schatten aus dem Rudel der Wölfe löste. Mit kraftvollen Sätzen jagte das Tier heran. Es wirkte größter und sehniger als die anderen. Sein Schädel hatte kahle Stellen von schlecht verheilten Narben. Der Anführer des Rudels?

Laura zögerte nicht. Sie bückte sich und packte einen der Äste, die sie gerade aufs Feuer gelegt hatte.

Der Wolf war nur noch fünf Schritte vom Eingang der Höhle entfernt.

Laura schleuderte den brennenden Ast mit der Linken. Ein Strahl von Funken zischte der Bestie entgegen. Der Angreifer wich aus. Das glühende Holz bohrte sich in den Schnee und schmolz eine Mulde. Das Rudel stimmte ein wütendes Geschrei an und schob sich näher auf den Unterschlupf des Mädchens zu.

Während Laura einen weiteren Ast aus dem Feuer hob, sah sie, dass der narbige Wolf einen fast eleganten Bogen beschrieb und von Neuem auf die Höhle zujagte. Seine ausgehungerten Gefährten stießen raue Knurrlaute aus.

Wieder schleuderte Laura den brennenden Ast mit aller Kraft. Sie verschätzte sich. Das Holz prallte rechts gegen die Felswand, geriet aus der Bahn und torkelte viel zu weit vor der Bestie in den Schnee. Ein höhnisches Grollen war die Reaktion. Nur einen Atemzug lang verharrte der Narbenwolf. Dann spannte er die Muskeln und setzte zum entscheidenden Sprung an, um in die Höhle vorzudringen.

Laura hatte keine Gedanken mehr. Nur noch der instinktive Überlebenswille bestimmte ihr Handeln. Sie hob den Revolver, hielt ihn mit beiden Händen und spannte den Hahn. Tränen standen in ihren Augen und erschwerten das Anvisieren. Sie hatte es nie gelernt, mit einer solchen Waffe umzugehen. Verzweifelt zwang sie sich zur Ruhe. Dennoch konnte sie es nicht verhindern, dass der lange Lauf des Colts zitterte.

Der Wolf schnellte los. Sein Schatten verdunkelte die Öffnung der Felsspalte.

Gelbe Augen glühten, Reißzähne blitzten.

Reflexartig krümmte Laura den Zeigefinger. Die Mündungsflamme schoss aus dem Lauf und fraß sich in die verzerrte Fratze der Bestie.

Das Donnern des Schusses übertönte den gellenden Schrei des Wolfes. Lauras Handgelenke schmerzten vom Rückstoß der schweren Waffe. Beißender Pulvergestank breitete sich aus. Sie schloss die Augen und hörte nur noch den nicht enden wollenden Schrei des Tieres. Dann waren andere Laute zu hören. Triumphierendes Knurren, gieriges Hecheln und zuschnappende Fangzähne.

Das Mädchen öffnete verwirrt die Augen. Ungläubig starrte sie auf die Szenerie, die sich ihrem Blick mit erschreckender Deutlichkeit bot.

Der angreifende Wolf war durch die Wucht des Einschusses mehrere Yards weit zurück auf den Hang geschleudert worden. Doch die Kugel hatte ihn nicht sofort getötet. Heulend wälzte er sich über den Schnee, der sich blutrot färbte. Für einen Moment war die furchtbare Wunde in der linken Flanke des Tieres zu erkennen - die Ausschussöffnung. Seine Gefährten umkreisten ihn immer enger. Die ersten wagten sich heran und schnappten zu. Ihr narbiger Anführer wand sich im Todeskampf. Sein Geheul brach nicht ab. Sekunden später steigerte es sich noch, als sich die ersten Reißzähne in die klaffende Wunde gruben. Jetzt gab es für das Rudel kein Zurück mehr. Die Bestien zerfetzten den sterbenden Wolf, dessen Macht sie sich noch vor Minuten gebeugt hatten. Es wurde still auf dem Hang. Nur noch die Fressgeräusche waren zu hören.

Laura wandte sich ab, als die Übelkeit in ihr emporstieg. Sie taumelte bis zum hinteren Ende der Felsspalte. Diesmal konnte sie es nicht verhindern, dass sich ihr Magen entleerte. Als sie mit unsicheren Schritten zum Feuer zurückkehrte, waren die Wölfe noch mit ihrem grausigen Mahl beschäftigt.

Laura ließ sich neben die wärmenden Flammen sinken. Gewiss, sie hatte Zeit gewonnen. Aber es war nur ein lächerlich geringer Aufschub. Sie konnte nicht damit rechnen, dass die Bestien von ihr abließen. Denn der Hunger von zehn oder fünfzehn abgemagerten Bergwölfen ließ sich nicht durch ein paar Brocken stillen. Nein, sicherlich wurde ihre Blutgier dadurch erst angefacht. Es gab keine Hoffnung, keine Illusionen mehr für das Mädchen. Als sie begann, Geröllsteine aufzuschichten, tat sie dies vor allem, um nicht denken zu müssen. Dass sie die Steine als Deckung und als Auflage für den schweren Colt verwenden konnte, brachte nur einen lächerlichen Vorteil. Vielleicht schaffte sie es, mit den letzten beiden Patronen noch zwei der Bestien zu töten. Doch mehr als einen weiteren Aufschub konnte sie sich nicht verschaffen.

Die Einsamkeit der Bergwelt hatte ihr geholfen, den Verfolgern zu entkommen. Nun war es die gleiche Einsamkeit, die ihr Ende bringen würde. Denn mit fremder Hilfe konnte sie hier niemals rechnen.

Laura erschauerte.

 

 

2

„Es ist vorbei“, sagte Gilbert McKenna und versuchte ein Lächeln, das ihm nur halbwegs gelang. „Meine Hütte hat bislang noch jeden Sturm überstanden.“

Carringo nickte. Er streifte McKenna mit einem Blick und trat auf das Fenster neben der Tür zu.

„Wie fühlen Sie sich heute?“

Der Trapper lachte polternd. Doch dann ächzte er, als er die Ellenbogen auf seine Fellpritsche stemmte und den Oberkörper halb aufrichtete. Von weißem Haar und einem mächtigen eisgrauen Vollbart umrahmt, wirkte sein lederhäutiges Gesicht ungewohnt blass.

„Es geht prächtig, junger Freund“, sagte er gepresst, „um mich braucht ihr euch nicht mehr zu sorgen. Die Schmerzen sind weg. Nur die alten Knochen wollen noch nicht so recht. Aber in ein paar Tagen habe ich auch das vergessen.“

Carringo schob die Fensterklappe zur Seite. Frische, eisige Morgenluft wehte herein und zerfaserte den Kaffeeduft, der noch in dem behaglichen kleinen Raum hing. Die verschneite Berglandschaft bot ein Bild des Friedens. Kein Windhauch regte sich mehr. Der Himmel strahlte hellblau über den Bäumen, deren Zweige sich unter den Schneelasten bogen.

Carringo schloss das Fenster und wandte sich um. Chaco hockte vor dem aus Felssteinen gemauerten Kamin und bemühte sich, das fast heruntergebrannte Feuer mit armdicken Holzscheiten wieder in Gang zu bringen.

Colin Walker lag auf weichen Fellen, die Carringo und Chaco nahe beim Feuer platziert hatten. Walkers Gesicht hatte bereits ein wenig von seiner ursprünglichen sonnenbraunen Farbe zurückgewonnen. Dennoch wusste Carringo, dass die Verletzungen dem Mann noch immer zusetzten. Überdies hatte Walker furchtbare Torturen erdulden müssen, als er gemeinsam mit Chaco in Camp Verde gefangengehalten worden war.

Colin Walker war wach, aber er schien seine Umgebung noch nicht wahrzunehmen. Regungslos lag er unter der dicken Felldecke. Seine schmalen Augen starrten zu den Dachbalken empor. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich, war immer wieder von glühenden Alpträumen wachgerüttelt worden - Träume, die die Vergangenheit bis an die Oberfläche des Bewusstseins dringen ließen.

Carringo wusste dies. Denn Walkers böse Erinnerungen entstammten aus seiner eigenen Vergangenheit. Der große, sehnige Mann, der dort beim prasselnden Kaminfeuer ruhte, hatte als Junge das Halcon-Canyon-Massaker überlebt. In all den Jahren seiner Flucht hatte Carringo es nie für möglich gehalten, dass es außer ihm noch einen anderen Menschen gab, der jenen blutigen Indianerüberfall überstanden hatte. Sein Zusammentreffen mit Colin Walker war Zufall gewesen, eine Fügung des Schicksals vielleicht. Denn Colin Walker würde dem Geächteten helfen können, endlich seine Unschuld an dem Massaker zu beweisen. Damals, bei dem furchtbaren Gemetzel im Halcon Canyon, hatte der junge Colin einen Mann gesehen, der das grausige Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete: Mahon Tabor, seinerzeit noch als Zahlmeister in den Diensten der US-Armee und heute einer der führenden Leute der berüchtigten Hilton Company.

Auf der Flucht vor Carringo waren Mahon Tabor und seine Handlanger auf Colin Walker gestoßen, für den damit das Verhängnis begonnen hatte. Nur mit Mühe war Colin den Mordanschlägen der Hilton-Gunmen entgangen, und fast war es ihm gelungen, Rache zu üben. Doch er hatte Tabor lediglich schwer verwundet. Eine mörderische Hetzjagd auf den Überlebenden des Halcon-Canyon-Massakers hatte eingesetzt. Mehr als einmal hatte ihm Carringo in den vergangenen Tagen das Leben gerettet. Doch nicht allein dieser Umstand hatte Walker dazu gebracht, mehr und mehr Sympathie für den Geächteten zu empfinden. Er hatte Zeit gehabt, Carringo kennenzulernen, und er hatte feststellen müssen, dass dieser Mann zu Unrecht beschuldigt und verfolgt wurde. Solchermaßen umzudenken, war Colin Walker nicht leichtgefallen. Denn auch er hatte Carringo anfangs für jenen Verräter gehalten, der damals den Treck von Frauen und Kindern an die Indianer verraten haben sollte. Erst heute konnte sich Colin erklären, was seinerzeit das Auftauchen Mahon Tabors im Halcon Canyon zu bedeuten gehabt hatte.

Carringo erwachte aus seinen Gedanken. Eine plötzliche innere Unruhe befiel ihn. Nach dem Abflauen des Sturms kam es ihm unangemessen vor, noch in der Behaglichkeit der Trapperhütte auszuharren.

Chaco warf einen letzten Holzscheit auf das Feuer, dessen Flammen nun wieder hoch in den rußgeschwärzten Kamin züngelten und wohlige Wärme ausstrahlten. Das Halbblut richtete sich auf, nahm den Calispel-Hut von McKennas roh gezimmertem Tisch und wandte sich zur Tür.

„Ich kümmere mich um die Pferde“, sagte Chaco halblaut. Sie hatten die Tiere während des Unwetters im Anbau hinter der Hütte untergebracht.

„Wir brechen sofort auf“, sagte Carringo und nickte, „denken wir nicht daran, dass es zu spät sein könnte. Wir dürfen nichts unversucht lassen.“

Chaco trat ins Freie. Bevor er die Tür wieder schloss, fauchte der Durchzug sekundenlang in das Kaminfeuer.

Colin Walker, eben noch völlig apathisch, blinzelte verwirrt. Es schien, als erwachte er erst jetzt, obwohl er schon seit einer halben Stunde mit offenen Augen dagelegen hatte. Unvermittelt stieß er die Felldecke von sich und richtete sich mit einem Ruck auf. Seine Gesichtsmuskeln zuckten. Er musste die Zähne zusammenbeißen. Doch mit keinem Laut gestand er ein, dass ihm seine Wunden noch Schmerzen bereiteten. Carringo ging eilig auf ihn zu.

„Bleiben Sie liegen, Colin! Sie dürfen auf keinen Fall ...“

Walker fiel ihm ins Wort.

„Laura!“, rief er voller Besorgnis. „Mein Gott, sie ist ...“ Er stockte. Dann sprang er mit einem Satz auf. „Wir müssen sie suchen. Sofort! Wir müssen ...“

Carringo legte ihm die Hand auf die Schulter. Obwohl er erkannte, welche eiserne Willenskraft Walker besaß, wollte er doch kein Risiko eingehen. In der Sorge um das Mädchen überschätzte Walker wahrscheinlich seine Kräfte.

„Chaco und ich übernehmen das“, sagte Carringo eindringlich, „Sie würden es noch nicht durchhalten, Colin. Und wenn Sie sich bei Kräften fühlen, dann reicht es, dass Sie sich um unseren Freund McKenna kümmern. Chaco und ich werden alles tun, um Laura zu finden.“

„Ich komme mit“, entgegnete Walker beinahe bissig, „es würde mich verrückt machen, hier untätig herumzusitzen. Ich weiß, was ich mir zumuten kann. Außerdem sehen drei Augenpaare mehr als zwei. Ich begleite Sie, Carringo. Sie werden mich nicht daran hindern.“

„Recht so!“, rief der Pelzjäger von seinem Lager her. „Er ist ein zäher Bursche, Carringo. Einer, dessen Willen man nicht unterdrücken kann. Oder wollen Sie ihn hier festbinden?“

Carringo zuckte mit den Schultern. Colin Walker setzte ein mattes Lächeln auf.

„Ich gehe Ihnen nicht verloren, Carringo. Ich hänge verdammt am Leben. Aber ich könnte in meinem weiteren Leben nicht mehr froh werden, wenn ich nichts tue, um dem Mädchen zu helfen.“

„Und McKenna?“, fragte Carringo. „Soll er vor die Hunde gehen?“

„Unsinn!“, rief der Trapper dröhnend. „Hölle und Teufel, sehe ich so aus, als ob ich noch eine Amme brauche? Mir geht es bestens, verdammt noch mal! Nur noch ein bisschen Ruhe, und dann ist alles vergessen. Was steht ihr noch herum? Seht zu, dass ihr in die Stiefel kommt! Und nehmen Sie diesen Starrkopf mit, Carringo. Mir würde er mit dem Gejammer nach seiner Laura nur auf die Nerven gehen.“

Leichte Röte überzog Colin Walkers Gesicht. Er senkte den Blick. Carringo musste lächeln, obwohl ihm im Grunde nicht danach zumute war. Aber der alte Trapper hatte es zweifellos richtig erkannt. Walker würde alle Kraftreserven mobilisieren, um die Suche nach Laura durchzuhalten. Und sicherlich war er zäh genug. Andererseits würde er halb verrückt werden, wenn er in der Hütte ausharren musste.

„Also gut“, sagte er, „in zehn Minuten sitzen wir im Sattel, Colin.“

Walker nickte nur. Wortlos begann er, seine Sachen zusammenzusuchen und sich anzukleiden.

Carringo ging neben McKennas Pritsche in die Knie.

„Schaffen Sie es wirklich allein?“, fragte er leise.

„Keine Frage“, entgegnete der Trapper, „hören Sie endlich auf damit, Carringo! Ich bin es nicht gewohnt, dass sich andere um mich kümmern. Unsereins ist ein Leben lang darauf angewiesen, sich selbst zu helfen. Anders kenne ich es nicht.“

Carringo glaubte es ihm. Der alte Pelzjäger war stets allein gewesen. Und er führte noch heute sein Einsiedlerleben, obwohl es schon nicht mehr in diese Zeit passte. Aber er war wie eine knorrige Eiche, die sich nicht verpflanzen ließ.

Auf Carringos Bitte schilderte McKenna mit knappen Worten, wie die Berglandschaft im Osten aussah. Denn in jene Richtung war Laura Rusk geflohen. Der alte Trapper verfügte über eine präzise und bildhafte Sprache. Es fiel Carringo nicht schwer, sich anhand von McKennas Beschreibung einen Plan für die Suchaktion zurechtzulegen. Nachdem er geendet hatte, winkte der Pelzjäger Carringo ein Stück näher heran.

„In den Bergen im Osten gibt es Wölfe“, flüsterte McKenna und vergewisserte sich mit einem raschen Blick, dass Colin Walker nicht mithörte. „Denken Sie daran, Carringo! Es hat keinen Zweck, sich etwas vorzumachen. Vielleicht bringen Sie es diesem Dickschädel irgendwie bei.“ Er deutete mit einer Kopfbewegung auf Walker.

Carringo drückte dem Trapper wortlos die Hand. Er erhob sich, nahm den Revolvergurt von der Stuhllehne und schnallte ihn um. Colin Walker war bereit für den Aufbruch. Dort, wo sich sein Schulterverband befand, spannte sich seine Lederjacke ein wenig. Doch er stand sicher auf beiden Beinen. Die Blässe schwand aus seinem Gesicht.

Sie verabschiedeten sich von McKenna, nahmen die Winchester und traten ins Freie.

Wildcat und die beiden anderen Pferde standen bereits gesattelt vor der Hütte. Chaco runzelte die Stirn, als er Colin Walker bemerkte. Doch Carringo gab dem Halbblut mit einem Blick zu verstehen, dass alles seine Ordnung hatte. Chaco nickte kaum merklich und verstaute die Winchester im Sattelschuh.

Colin Walker sprach kein Wort, während sie aufbrachen. Dennoch konnte er seine Ungeduld und seine Besorgnis kaum verbergen. Seine Fäuste waren um die Zügel verkrampft, und um seine zusammengepressten Lippen bildeten sich tiefe Furchen. Zügig drangen die drei Männer in das waldreiche Bergland vor. Zum Glück gab es unter dem Neuschnee eine fest verharschte Kruste, so dass die Pferdehufe nicht einsanken. Doch Sturm und Schneetreiben hatten auch sämtliche Spuren ausgelöscht.

Carringo und Chaco wussten, dass es eine äußerst schwierige Suche werden würde. Die beiden Freunde hatten wenig Hoffnung, das Mädchen noch lebend zu finden. Es war so gut wie ausgeschlossen, das Unwetter in dieser Wildnis schutzlos zu überstehen. Überdies hatte Gilbert McKenna nicht ohne Grund auf die Wölfe hingewiesen.

Trotz seiner Schweigsamkeit konnte Colin Walker nicht verbergen, dass er anders dachte. Carringo brachte es nicht fertig, ihm von der zusätzlichen Gefahr durch die Wölfe zu berichten. Denn Walker schöpfte seine Kraft nur aus der Überzeugung, dass Laura Rusk lebte und es gelingen würde, sie zu retten.

 

 

3

Das Schnauben der Pferde und das Knarren des Sattelleders waren lange verklungen. Trotzdem wartete Gilbert McKenna noch geraume Zeit, ehe er sich aus seinen Decken schälte.

Schwer atmend blieb er minutenlang auf der Pritschenkante sitzen. Er stieß einen Fluch aus, als er spürte, wie Schweißperlen über sein Gesicht perlten. Wie zur Antwort breiteten sich plötzlich stechende Schmerzen in seinem Schädel aus. Gleichzeitig senkte sich Benommenheit wie eine erdrückende Last über ihn. Seine Arme hingen bleischwer herab.

„Hölle und Teufel“, murmelte McKenna zähneknirschend, „reiß dich zusammen, Alter! Oder lässt du dich neuerdings vom erstbesten Windstoß umblasen?“

Die Selbstermahnung schien zu helfen. Er zwang sich, nicht an die Kopfschmerzen zu denken. Noch eine Weile blieb er ruhig sitzen. Dann half ihm sein eiserner Wille, auf die Beine zu kommen. Die Schmerzen unter der Schädeldecke ließen nach. Auch der Schweißausbruch versiegte. Dennoch musste sich der Trapper am Tisch abstützen, bis er auch das Schwindelgefühl überwunden hatte.

Mit jedem Schritt wurden seine Bewegungen sicherer, als er zur Tür ging, öffnete und hinausspähte. Die eisige Frische der Bergluft erschien ihm wie wohltuender Balsam. Er horchte angestrengt. Doch kein Laut war mehr zu hören. Die drei Männer waren weit genug entfernt.

Ein hartes Lächeln hatte sich in Gilbert McKennas Mundwinkel gekerbt, als er die Tür wieder schloss. Colin Walkers Tatendrang war ihm nur recht gewesen. So hatte er es ohne große Überredungskunst bewerkstelligen können, allein in der Hütte zurückzubleiben. Und für das, was er vorhatte, musste er allein sein. Niemand konnte ihm dabei helfen. Nein, er wollte keine Hilfe. Er hatte sein Leben darauf eingerichtet, stets allein mit allem fertigzuwerden. Anders wollte er es auch jetzt, bei dem vielleicht folgenschwersten Entschluss seines Lebens, nicht halten.

Aus einem Eimer in der Herdecke füllte McKenna die Waschschüssel. Das Wasser war eiskalt, aber es belebte ihn. Prustend rieb er sich mit einem Handtuch trocken.

Trotz seiner fast sechzig Jahre war McKennas Körper muskulös und geschmeidig wie der eines um zwanzig Jahre jüngeren Mannes. Unter seiner lederartigen Haut spielten mächtige Muskelpakete. Nur das weiße Haar, das sein Gesicht wie ein silbrig schimmernder Rahmen umgab, deutete auf sein wahres Alter hin.

McKenna zog seine gewohnte Wildlederkleidung an und stülpte sich anschließend die Pelzmütze auf den Kopf. Sorgsam stellte er seine Ausrüstung zusammen, genauso, als bereite er sich auf einen tagelangen Jagdzug in den Bergen vor. Aus seinem Gewehrständer nahm er zwei mannsgroße Perkussionsgewehre, deren Stahl unter einem hauchdünnen Ölfilm glänzte. Auch der Remington Vorderladerrevolver, den McKenna umschnallte, zeigte keinerlei Rostflecken. Sorgfältig lud der Trapper die altmodischen Waffen, die er für nichts in der Welt gegen moderne Hinterlader ausgetauscht hätte. Einen Vorrat an Bleikugeln, Schwarzpulver und Zündhütchen verstaute er in seinen Satteltaschen. Ebenso zwei Bündel Dynamitstangen, die er für Notfälle stets in seiner Hütte aufbewahrte.

Keine volle Stunde war seit dem Aufbruch von Carringo, Chaco und Colin Walker vergangen, als Gilbert McKenna sein Maultier aus dem Anbau holte. Er schnallte die Vorderladergewehre fest und schwang sich in den Sattel. Einen Augenblick spürte er von Neuem Schwäche und Benommenheit. Er musste sich am Sattelhorn festhalten. Tief pumpte er die klare Bergluft in seine Lungen. Das Schwindelgefühl wich. Aufatmend trieb McKenna das Maultier voran. Er benutzte den gewohnten Weg ins Tal, nach Camp Verde. Dort unten, in dieser Pestbeule von einer Stadt, gab es für Gilbert McKenna noch einiges zu erledigen. Rechnungen, die beglichen werden mussten.

Er wusste, dass seine Kräfte ausreichen würden, um das noch zu bewältigen.

 

 

4

Eisenbeschlagene Räder rumpelten über steinigen Boden. Bei jeder Unebenheit ächzte der wacklige Kastenaufbau des Wagens in allen Fugen. Vorn klirrten die Hufeisen der Gespannpferde, begleitet vom Knarren des Ledergeschirrs.

Mahon Tabor lag weich und bequem in Decken eingerollt. Von der rauen Berglandschaft sah er nur einen kleinen Ausschnitt, den der Blick durch das offene Wagenheck ermöglichte. Über ihm war die blank gewetzte Plane, die an mehreren Stellen geflickt war.

John Nye, der neben dem Wagen ritt, blieb zeitweise zurück, um nach seinem Boss zu schauen. Burt Mulford hockte auf dem Kutschbock. Er arbeitete geschickt und trieb die Pferde zu zügigem Tempo an, ohne ihre Kräfte jedoch übermäßig zu strapazieren.

Mahon Tabor begann, die Welt mit zufriedeneren Augen zu sehen. Seine Wunde in der rechten Brusthälfte verursachte keine Schmerzen mehr. Auch fühlte er, wie neue Kraft durch seinen Körper pulsierte. Er war sicher, dass er bald wieder auf beiden Beinen stehen würde. Ein boshaftes Grinsen überflog das blasse Gesicht des dunkelhaarigen Mannes. Hatte er im Ernst geglaubt, dass schon alles verloren sei? Nun, dann hatte er sich getäuscht. Verständlich, angesichts der Verwundung und der sich überstürzenden Ereignisse in den vergangenen Tagen. Jetzt, da er seine Lage in Ruhe einschätzen konnte, sah doch alles wesentlich unkomplizierter aus, als er anfangs geglaubt hatte.

Da war dieser Hundesohn Walker, der ihm die Kugel verpasst hatte. Der Mann hatte es zwar geschafft, zu entkommen. Doch er besaß nicht die geringste Chance mehr, wenn Tabor erst einmal den übermächtigen Fahndungsapparat der Hilton Company auf ihn ansetzte. Das war zweifellos notwendig, denn Colin Walker bedeutete nicht nur für Mahon Tabor eine Gefahr. Nein, er konnte der gesamten Company erheblichen Schaden zufügen.

Und Carringo? Tabor grinste wieder. Immerhin war es dem Geächteten fast gelungen, an ihn heranzukommen. Das musste man objektiverweise einräumen. Aber jetzt war Carringo abgehängt. Bis er die Fährte wieder aufgenommen hatte, gab es Zeit, sich auf seinen Empfang einzurichten. Mahon Tabor war stolz auf sich, dass er schon wieder Pläne dieser Art schmieden konnte. Wer ihn überlisten wollte, musste eben doch noch eine Menge lernen. Das galt auch für Carringo.

Ein erschrockener Ruf riss den Hilton-Agenten in die Wirklichkeit zurück.

„Achtung, Burt! Verdammt ...“

Es war Nye, der dies brüllte. Mehr kriegte Tabor nicht mit.

Plötzlich sackte der Wagenboden ruckartig ab. Tabor rutschte in seinen Decken dem Heck entgegen. Der Aufprall stoppte diese Bewegung. Ein ohrenbetäubendes Krachen übertönte alle anderen Geräusche.

Mahon Tabor hatte das Gefühl, von Riesenfäusten hochgerissen zu werden. Eine glühende Schmerzwoge flutete jäh durch seinen Körper. Dann fiel er zurück auf den Wagenboden, der inzwischen zur Ruhe gekommen war. Mahon Tabor stieß einen gellenden Schmerzensschrei aus, der jedoch rasch versiegte. Er versank in Bewusstlosigkeit.

Burt Mulford hatte es gerade noch geschafft, sich festzuhalten, um nicht vom Kutschbock geschleudert zu werden. Geistesgegenwärtig redete er beruhigend auf die Pferde ein, ehe er die Zügelenden festschlang. Es war besser, Schlimmeres zu verhüten, als über das Missgeschick in Flüche auszubrechen.

„Verdammter Mist!“, schrie John Nye. Hart zügelte er sein Pferd am Rand des Bergpasses und starrte wütend dem Wagenrad nach, das hüpfend und torkelnd in die angrenzende Schlucht hinabrollte. Etwa hundert Fuß tief blieb das Rad liegen.

Nye schwang sich aus dem Sattel und eilte zum Heck des Wagens. Er fluchte von Neuem, als er sah, dass Mahon Tabor regungslos und vor Schmerzen gekrümmt in den verrutschten Decken lag.

Burt Mulford, der vom Kutschbock gesprungen war, untersuchte die Hinterachse, deren rechtes Ende in einer fast zwei Fuß tiefen Bodenmulde ruhte. Der vordere Rand der Mulde war scharfkantig. Mulford hatte sie deshalb vom Bock aus nicht rechtzeitig erkennen können.

„Komm her!“, brüllte Nye. Seine Stimme klang hohl unter dem Planenaufbau.

Mulford lief zum hinteren Ende des Wagens. Er wurde blass, als er seinen bewusstlosen Boss sah.

„Er wird es überstehen“, sagte Nye ärgerlich, „aber er frisst dich auf, wenn er aufwacht.“ Er zog die Decken zurecht und bettete Tabor an die rechte Seitenklappe des Wagenaufbaues.

„Ich konnte es unmöglich sehen“, erwiderte Mulford gepresst, „dieses verdammte Loch war vom Bock aus nicht zu...“

„Hör auf“, unterbrach ihn Nye bissig, „streng lieber deinen Grips an, damit wir weiterkommen!“

„Die Achse ist in Ordnung“, sagte Mulford hastig, „und das Rad müsste zu reparieren sein. Uns fehlt nur das Werkzeug.“

Nye runzelte nachdenklich die Stirn. Er warf einen kurzen Blick auf Tabor, der noch immer ohne Bewusstsein war. Dann schwang er sich mit einem Satz ins Freie.

„Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er mit gönnerhafter Rettermiene, „etwa drei Meilen weiter ist eine Überlandstation.“

„Woher willst du das wissen?“

„Hab's selber ausgekundschaftet“, entgegnete Nye großspurig, „das war neulich, als ich vom Camp Verde zur Telegrafenstation geritten bin.“

„Vielleicht treiben wir einen ganz neuen Wagen auf“, sagte Mulford hoffnungsfroh.

„Wir?“, sagte Nye. „Ich erledige das, Partner. Oder willst du den Boss alleinlassen?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Also gut. Du kümmerst dich um ihn und holst das Rad aus der Schlucht. Schaffst du das, bis ich zurück bin?“

„Kein Problem“, antwortete Mulford. Er musste einsehen, dass Nye die wesentlich angenehmere Aufgabe übernehmen konnte. Tabors Wutanfälle waren selbst dann kein Zuckerlecken, wenn er hilflos auf dem Rücken lag.

John Nye grinste wieder, als er sich mit einem Satz in den Sattel schwang und dem Pferd die Stiefelabsätze in die Flanken trommelte. In gestrecktem Galopp stob er davon und verschwand kurz darauf hinter der nächsten Biegung des Passes aus Mulfords Blickfeld.

Missmutig begann der untersetzte Revolvermann, seinen Teil des unerwarteten Jobs zu erledigen. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass Tabor noch immer bewusstlos war, schirrte Mulford zunächst die beiden Pferde ab und leinte sie am Deichselgestänge vor dem Kutschbock an. Durch den Aufprall war der Wagen schräg stehengeblieben, mit der linken Vorderseite hart an der Felswand, die den Pass begrenzte. Mulford lief zehn, zwanzig Yards an der Kante des felsigen Weges entlang, bis er eine geeignete Stelle zum Abstieg fand. Er hatte Glück. Der Felsenhang, der schräg in die Schlucht hinabführte, bot genügend Vorsprünge und Rinnen. Mühelos erreichte Mulford den Boden der Schlucht.

Das Rad sah schlimm aus. Ein Teil mit vier Speichen war herausgebrochen. Der Rest wurde noch von dem Eisenreifen zusammengehalten. Mulford überlegte nicht lange. Mit einem Stück Schnur band er die herausgebrochenen Speichen am Rad fest und wuchtete sich das Ganze auf den Rücken. Entsprechend beschwerlich verlief der Aufstieg zurück zum Pass. Nur mit der freien rechten Hand konnte der Revolvermann in dem rauen Fels Halt suchen. Als er endlich den Wagen erreichte, war er schweißüberströmt. Keuchend setzte er das demolierte Rad neben der herabhängenden Achse ab. Mulford schätzte, dass seit Nyes Aufbruch mindestens eine halbe Stunde vergangen war. Garantiert war Tabor inzwischen aufgewacht.

Weshalb meldete er sich nicht? Wo blieb sein Wutgebrüll?

Burt Mulford wischte sich den Schweiß von der Stirn. Zögernd ging er zum Wagenheck. Er war auf das Donnerwetter gefasst, das jetzt über ihn hereinbrechen musste. Unwillkürlich zog er den Kopf ein Stück tiefer zwischen die Schultern, als er unter die Plane lugte.

Mulford erschrak. Mahon Tabor rührte sich nicht. Sein Gesicht war kreideweiß. Doch er atmete . Die Decke über seinem Oberkörper hob und senkte sich kaum merklich.

„Sir!“, rief Mulford vorsichtig. „Sir, wir hatten einen Unfall. Ein Rad ist gebrochen. Aber der Schaden wird behoben. Nye ist schon unterwegs, um Hilfe zu holen.“

Tabor stöhnte schmerzerfüllt. Seine Augen flackerten voller Verzweiflung. Nicht eine Spur von Überheblichkeit war mehr in seiner Miene. Der Schreck und die erneuten Schmerzen hatten sein gerade erwachtes Selbstbewusstsein mit einem Schlag ausgelöscht.

„Wie lange?“, ächzte Tabor mühevoll. „Wie lange braucht ... Nye?“

Mulford zuckte hilflos mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht, Sir. Er sagte, die Überlandstation sei drei Meilen entfernt.“

Tabor schloss ermattet die Augen. Trotz seiner Schwäche und seines seelischen Tiefs brachte er es nicht fertig, Mulford gegenüber seine Befürchtungen zu äußern. Denn der Gunman war ein Untergebener, zweite Garnitur in Tabors Augen. Und vor einem Untergebenen durfte man niemals zeigen, dass man Angst hatte. Das war eine der vielen Erfahrungen, die Mahon Tabor aus seiner Armeedienstzeit mitgebracht hatte. Auf seinen Befehl hin versorgte ihn Mulford mit Wasser. Dann schickte er den Revolvermann hinaus, mit der Anordnung, auf die Pferde zu achten und die Augen offen zu halten. Das musste reichen.

Vergeblich versuchte Tabor, seine Gedanken zu ordnen. Es gelang ihm nicht. Die Furcht, dass sein Vorsprung womöglich doch nicht ausreichte, war stärker als jede Vernunft. Hatte er Carringo wirklich abgehängt? Die wachsenden Zweifel brachten Tabor fast um den Verstand.

Irgendwann, später, klang unvermittelt Hufgetrappel auf.

Der Hilton-Agent zuckte zusammen. Im ersten Moment war er versucht, Mulford zu alarmieren. Doch er ließ es. Er hätte sich lächerlich gemacht. Die untersetzte Statur des Revolvermannes tauchte vor dem offenen Wagenheck auf.

„Das ist Nye, Sir!“, rief Mulford erleichtert. „Er bringt einen Helfer mit.“

„Gut“, murmelte Tabor und atmete kaum merklich auf.

„Wir werden uns beeilen, den Wagen wieder flott zu kriegen“, versicherte Mulford eifrig.

Vorn, bei den Gespannpferden, schwangen sich John Nye und der andere aus den Sätteln. Mulford erfuhr, dass der Mann Stallknecht bei der Überlandstation war und Brian hieß. Hinter seinem Sattel hingen längliche Packtaschen mit Werkzeug über dem Pferderücken.

Unter der fachmännischen Anleitung des Stallknechts gingen die drei Männer gemeinsam an die Arbeit. Stück für Stück hebelten sie die Hinterachse des Wagens hoch und stützten sie mit Geröllsteinen ab. Brian setzte die herausgebrochenen Speichen provisorisch in das Rad und flickte es notdürftig zusammen.

Der Stallknecht war ein wortkarger, verschlossener Mann, gerade fünf Fuß groß, breitschultrig und untersetzt. Seine schwieligen Hände arbeiteten jedoch erstaunlich geschickt. Er trug dunkelgraues Drillichzeug und klobige Farmerstiefel, an deren Sohlen Reste von getrocknetem Pferdedung klebten.

Bevor die Männer das geflickte Rad auf die Achse schoben, füllten sie die Bodenmulde mit Geröllsteinen. Kurz darauf stand der Wagen wieder auf seinen vier Rädern. Mulford schirrte die Gespannpferde an. Brian warf einen geringschätzigen Blick auf den Wagen.

„Der ganze Karren taugt nicht viel“, sagte er kopfschüttelnd, „und mit dem Rad schaffen Sie es vielleicht gerade bis zur Station, Mister.“

„Das reicht“, sagte Nye und nickte zufrieden, „wenn wir angekommen sind, sehen wir weiter.“

Sie brachen auf. Der Stallknecht ritt dicht hinter dem rumpelnden und ächzenden Wagen, um das zusammengebastelte Rad im Auge zu behalten. Zweimal mussten sie unterwegs anhalten, weil die abgebrochenen Speichen sich erneut zu lösen drohten. Aber Brian behielt recht. Sie schafften es bis zu Überlandstation.

Die flachen Holzgebäude gruppierten sich karreeförmig im Schutz einer fast senkrechten Felswand. Das Tal, in dem der Stationer sich niedergelassen hatte, war etwa eineinhalb Meilen lang und stellenweise bewaldet. Ein schmaler Creek plätscherte parallel zu dem Wagentrail, dessen tiefe Furchen auf einen regen Frachtverkehr schließen ließen. Fraglos war die Station erst nach dem Ölboom in den Medina Mountains entstanden. Und alle Wagen, die nach Camp Verde wollten, mussten dieses Tal passieren.

Mulford zügelte die Pferde vor dem Wohnhaus der Station. Es schien zur Zeit wenig Betrieb zu herrschen, denn weitere Wagen waren im Innenhof nicht zu sehen. Rechtwinklig zum Hauptgebäude erstreckte sich links ein etwa dreißig Yards langer Wagenschuppen, der nach vorn offen war. Lediglich ein einziges Gefährt war dort abgestellt, jedoch von einer Plane verhüllt. Dem Schuppen gegenüber befanden sich die Stallungen.

Die Vordertür des Wohnhauses wurde geöffnet. Ein Mann und eine Frau traten heraus und blieben unter dem Vordach stehen. Ihre Blicke waren ohne Misstrauen. Beide mochten zwischen dreißig und vierzig Jahre alt sein. Der Mann war schlank, hochgewachsen und hatte graue Strähnen im dunkelblonden Haar. Unter den Trägern seiner Latzhose trug er ein hellgraues Baumwollhemd. Seine Frau war einen Kopf kleiner als er, dunkelhaarig und von molliger Statur. Mit dunklem Kattunkleid und makellos weißer Küchenschürze verkörperte sie den Inbegriff der Mütterlichkeit.

Der Mann trat auf die Hilton Agenten zu.

„Willkommen, Gentlemen“, sagte er freundlich, „ich bin Set Raffley, Inhaber dieser Station.“ Er deutete mit einer Handbewegung zum Vordach. „Meine Frau, Mary. Sie wird Ihnen eine warme Mahlzeit servieren. Treten Sie ein, Gentlemen!“

„Keine Zeit“, entgegnete John Nye schroff, „was wir brauchen, ist ein neuer Wagen. Ihr Stallknecht hat zwar gute Arbeit geleistet. Aber unser Karren ist keinen Cent mehr wert, Raffley.“

Der Stationer verzog bedauernd das Gesicht.

„Ich fürchte ...“, versuchte er zu antworten.

Mulford unterbrach ihn.

„Wir haben einen Verwundeten, Mann. Für Geschwafel ist keine Zeit. Sie werden uns einen Wagen verkaufen, klar?“

Set Raffley wandte sich zu seiner Frau um.

„Geh ins Haus, Mary!“, bat er. Er hatte erkannt, zu welcher Sorte die Männer gehörten, mit denen er sich auseinandersetzen musste.

„Sie bleibt!“, befahl Nye eisig.

Die Frau erstarrte und wagte nicht mehr, sich zu rühren. Brian, der die Gespannpferde zum Wassertrog vor den Stallungen geführt hatte, hob erstaunt den Kopf. Aber er riskierte es nicht, sich einzumischen. Die tief geschnallten Revolver der beiden Fremden sprachen eine zu deutliche Sprache.

„Gentlemen“, sagte Raffley mit fester Stimme, „ich besitze nur den einen Wagen, der dort drüben im Schuppen steht. Ein Bos Brake Einspänner. Ich benötige ihn für die regelmäßigen Nachschubeinkäufe. Die Ölsucher, die bei mir rasten, haben einen beträchtlichen Bedarf an Proviant und Ausrüstungsgegenständen. Sie müssen das verstehen, Gentlemen. Ohne den Wagen ist meine Station nicht lebensfähig.“

„Sie wollen also nicht verkaufen“, stellte Nye fest. Ein tückisches Grinsen spielte um seine Lippen.

Raffley schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein, Sir.“

John Nye grinste breiter.

„Sie müssen verrückt sein, Mann. Weil Sie genau wissen, dass es für uns jetzt nur noch eine Möglichkeit gibt.“

Fast gleichzeitig schlugen die beiden Revolvermänner ihre Jacketts auf. Der Stallknecht duckte sich hinter die Pferdetränke. Mary Raffley zitterte vor Angst, wagte aber immer noch nicht, sich zu rühren. Nur ihr Mann bewahrte die Ruhe und schien von der Drohung der Gunmen unbeeindruckt.

„Nye! Mulford!“, ertönte in diesem Moment eine schwache Stimme aus dem Wagenaufbau.

„Sir?“, antwortete Nye irritiert.

„Kommt her!“, rief Tabor. „Und bringt den Mann mit!“

„Sofort, Sir.“ Nye dirigierte den Stationer mit einer Handbewegung zum Heck des Wagens. Mulford blieb zurück, um den Hof der Überlandstation im Auge zu behalten.

Mahon Tabor hatte sich schon soweit erholt, dass er es schaffte, sich halb aufzurichten und auf die Ellenbogen zu stützen. Einen Moment lang musterte er Raffley schweigend.

„Was verlangen Sie für den Wagen?“, fragte er dann. „Ich will keine unnötigen Schwierigkeiten. Mister. Also nennen Sie eine Summe. Ich zahle gut.“

Set Raffley überlegte nicht. Er schüttelte energisch den Kopf.

„Geld nützt mir in diesem Fall nichts, Sir. Selbst dann nicht, wenn Sie mir das Zehnfache des eigentlichen Werts bieten würden. In dieser Einöde würde es Wochen dauern, bis ich einen neuen Wagen beschafft hätte. Selbst in Menardville ist so etwas nicht von heute auf morgen zu erledigen. Ich muss also dabei bleiben.“

„Sir!“, sagte Nye aufgebracht. „Weshalb fackeln wir noch lange? Fragen Sie ihn, ob ihm seine lächerliche Kutsche so viel wert ist, dass er dafür ein Loch im Pelz riskiert!“

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940350
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v594086
Schlagworte
öl-camp carringo inferno

Autor

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Titel: Carringo und das Inferno im Öl-Camp