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Zum zweiten Mal verheiratet

2020 169 Seiten

Leseprobe

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Zum zweiten Mal verheiratet

Copyright

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Zum zweiten Mal verheiratet

Schicksalsroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 169 Taschenbuchseiten.

 

Mara hat Krebs und beobachtet von ihrem Sterbebett aus, wie die junge Meike sich nicht nur um die Apotheke ihres Mannes kümmert, sondern auch immer mehr zur Ersatzmutter ihrer kleinen Tochter wird. Als Maras Lebenszeit nur noch in Stunden zu zählen ist, bittet sie Meike zu sich. Ihr letzter Wunsch ist es, dass Meike ihren Platz einnimmt. Nicht nur in der Apotheke, sondern auch in den Herzen ihres Kindes und ihres Mannes. Was hält Meike von diesem ungewöhnlichen Anliegen?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der Sturm heulte über die nahezu menschenleeren Straßen, er trieb Papier vor sich her, bog die Kronen der Bäume auseinander und ließ die Zweige aneinander peitschen. Das letzte falbe Laub löste sich so von ihnen.

Das Mädchen, das trotz des schlechten Wetters langsam die Straße entlangging, schien vollkommen in seine Gedanken versunken zu sein.

In den dunklen Augen brannte ein seltsam düsterer Schein, um den Mund zuckte es immer wieder.

Meike Randers blieb vor einem Haus im Hamburger Vorort Wellingsbüttel stehen. Nervös suchte sie in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel. Mit ungeschickten Fingern öffnete sie dann und ging die Treppe des Wohnhauses hinauf in den ersten Stock. Dort wohnte sie schon seit vielen Jahren. Die letzte Zeit mit dem Vater allein. Die Mutter war ihnen durch einen tragischen Unfall plötzlich entrissen worden.

Neue Schatten huschten über das schöne, schmale Gesicht Meikes, als sie eine Stimme hörte, die ihren Namen rief.

„Ja, Vater, ich bin es. Ich komme gleich. Ich muss mich nur erst umziehen. Ich habe ganz nasse Schuhe.“

„Kein Wunder bei diesem Wetter!“

Meike beeilte sich. Sie wusste, der Vater wartete immer sehr auf ihr Kommen, war er doch den ganzen Tag auf sein Zimmer verbannt. Ja, das Unglück durch den Tod der Mutter hatte weiteres Unglück heraufbeschworen.

Der Vater, der schon seit langen Jahren an einem Herzleiden erkrankt war, sich aber immer noch auf den Beinen hatte halten können, war zusammengebrochen, als er von dem Tod seiner Frau gehört hatte. Ein Schlaganfall hatte ihn gelähmt und ein ganzes Jahr an das Bett gefesselt. Wohl ging es ihm jetzt etwas besser, doch blieb er behindert. Nur mühsam konnte er sich auf einem Stock durch die Wohnung bewegen. Hinaus ins Freie ging er nur, wenn Meike ihn begleitete und stützte. Vorzeitig hatte sich Hermann Randers pensionieren lassen müssen. Für ihn, der als Jurist im Staatsdienst gestanden hatte, war das ein hartes Los. Hätte er Meike nicht gehabt, er wäre wohl oft verzweifelt. Doch das Mädchen machte es ihm leicht, wo es nur ging. Niemals klagte Meike darüber, dass sie ihr Medizinstudium hatte aufgeben müssen, weil es zu lange gedauert hätte, bis sie auf eigenen Beinen hätte stehen können. Kurzerhand hatte sie umgesattelt und war nun seit zwei Jahren Apothekerin. Auch dieser Beruf füllte sie ganz aus. Sie war mit Leib und Seele dabei.

Jetzt trat Meike in das kleine, gediegen eingerichtete Wohnzimmer. Alles hier atmete Behaglichkeit. Was die Mutter noch eingerichtet hatte, pflegte Meike. Sie machte dem Vater seine kleine Umwelt so bequem und schön wie nur möglich.

„Guten Abend, Vater.“ Meike neigte sich über den Mann im hohen Lehnsessel, sie sah auf das silbrige Haar und strich zärtlich darüber. „Du hast wieder lange auf mich warten müssen, nicht wahr, Vater?“

„Ja, ja, ich war schon in Sorge. Aber sag, wie geht es Frau Holsten?“

Der warme Schein in den braunen Mädchenaugen erlosch.

„Leider nicht besser, Vater. Auch der neue Professor, den Herr Holsten zu Rate gezogen hat, konnte nicht verhehlen, dass er keine Hoffnung mehr sieht. Es ist Blutkrebs, und es gibt kein Mittel, das in diesem Stadium der Krankheit noch helfen könnte. Ist das nicht schrecklich? So jung ist Frau Holsten noch und soll schon sterben müssen?“

„Ja, es ist entsetzlich. Aber du solltest dich nicht so aufreiben dabei, Kind. Wenn du doch nur in eine andere Apotheke gekommen wärest.“

Meike hatte des Vaters letzte Worte wohl gar nicht gehört. Mit ineinandergeschlungenen Händen saß sie in ihrem Sessel.

„Und das Kind, Vater! Stell dir vor, die kleine vierjährige Claudia, wie soll sie das denn nur verstehen, dass sie eines Tages keine Mutter mehr haben wird. Und für Herrn Holsten ist es auch furchtbar. Wir sehen ihn kaum noch in der Apotheke. Sonja und ich tun fast alle Arbeit allein. Ich klage darüber nicht, wir nehmen es Herrn Holsten ja gerne ab, das Furchtbare ist nur, dass er seiner Frau nicht helfen kann und selbst auch so leidet. Heute bat er mich wieder, ein Stündchen bei Claudia zu bleiben. Das Mädchen hatte Ausgang, und das Kind wäre sonst ganz auf sich selbst angewiesen gewesen. So lieb und süß war sie, die kleine Dia.“ Jetzt leuchteten Meikes Augen auf. „Ich habe sie zu Bett gebracht und ihr noch eine Geschichte vorgelesen, ach, was sage ich, eine? Es sind eine ganze Menge geworden. Sie ließ mich einfach nicht los und wollte und wollte nicht einschlafen. Als es dann endlich soweit war, rief mich Herr Holsten noch zu seiner Frau. Sie wollte sich bei mir dafür bedanken, dass ich mich so um Claudia annehme. Dabei tu ich es doch so gern.“

„Und opferst deinen Feierabend!“ Es kam ein wenig ärgerlich von den Lippen des Vaters.

„Aber Vater, das macht doch nichts. Ach, verzeih, ich habe jetzt nicht an dich gedacht. Du brauchst mich ja jetzt auch.“

„Ist schon gut, Kind. Es brauchen dich eben zu viele. Und ich glaube, das wird immer so bleiben. Du bist wie deine Mutter, die musste auch überall einspringen, wo Not am Mann war. Ich habe ja auch nichts dagegen, es ist ein gutes Zeichen, wenn die anderen Vertrauen zu einem haben, ich mache mir nur Sorgen um dein Wohl. Mit deinen vierundzwanzig Jahren hast du kaum etwas von deinem Leben gehabt. Nur Krankheit und Unglück waren um dich.“

„Doch nicht immer, Vater. Die vielen sorglosen Jahre, als wir Mutter noch hatten, haben mir viel Kraft gegeben. Ohne sie könnte ich das alles jetzt nicht schaffen, übrigens strapaziert es mich gar nicht, bei Holstens auch privat, ein bisschen einzuspringen. Es ist für mich richtig eine Freude, dem kleinen Mädchen zu helfen. Sie kommt aber auch, so oft es nur geht, in die Apotheke gelaufen und hängt sich an mich. Sonja ist oft ärgerlich. Ich weiß auch gar nicht, dass das Kind zu ihr nicht will. Dabei ist Sonja Lohmann doch schon viel länger dort als ich.“

„Ja, so ist das eben. Kinder spüren gut, wo ihnen Liebe entgegengebracht wird und ob sie einen guten Menschen vor sich haben. Deine Kollegin scheint mir aber nach allem, was ich bis jetzt von dir gehört habe, gerade nicht zu den besten Menschen zu gehören.“

Meike schrak zusammen. „Habe ich geschimpft auf sie, Vater? Nein, ich möchte ihr nichts Nachteiliges nachsagen. Sie ist eben ein wenig herber, zurückgezogener.“

„Und älter ist sie auch schon. Wenn manche Frauen mit dreißig noch keinen Mann gekriegt haben, werden sie eigenartig, um es gelinde auszudrücken.“

„Du bist zu kritisch, Vater. In sechs Jahren werde ich auch dreißig sein. Und was sagst du dann?“

„Du bist ja auch anders. Nun, es ist schon gut. Ich kenne Fräulein Lohmann vielleicht wirklich nicht gut genug, um über sie urteilen zu können. Hoffentlich nimmt sie es dir nicht übel, dass du von dem Kind und wohl auch von Herrn und Frau Holsten so bevorzugt wirst.“

Meike sagte nichts mehr dazu, sie hätte dem Vater sonst erzählen müssen, dass es längst soweit war. Ihre ältere Kollegin Sonja war nicht mehr gut auf sie zu sprechen, seitdem sie gewahr geworden war, dass sie, Meike, immer wieder zu der Familie ihres Chefs eingeladen wurde.

Aber wozu an diese Dinge denken, viel schlimmer war das Elend um Frau Mara Holsten. Seit Monaten lag sie nun schon schwerkrank danieder. Alles war versucht worden, sie zu retten, aber es blieb auch alles vergeblich.

Mara Holsten war vierzig Jahre, genauso alt wie ihr Mann. Spät erst hatte sich in der Ehe die kleine Claudia angemeldet. Nun musste es für die Mutter furchtbar sein, zu wissen, dass sie ihr Kind bald verlassen würde. Denn dass es Frau Mara wusste, hatte Meike vor einigen Tagen erkannt. Die Kranke hatte es ihr unumwunden erklärt. Doch sie hatte auch gebeten, ihrem Mann davon nichts zu sagen. Er war bemüht, es sie nicht merken zu lassen, dass alle Ärzte ihm die Hoffnung nahmen. Mit bewundernswerter Geduld ertrug Frau Mara ihr Leiden. Und doch war es gerade in den letzten Tagen immer schlimmer geworden. Es wollte kein Lichtblick mehr kommen.

Meike fühlte jetzt förmlich noch die heißen Hände der Kranken in den ihren. „Wenn Claudia doch immer einen so lieben Menschen um sich hätte wie Sie, Fräulein Meike. Das Kind war schon ganz gedrückt von der Atmosphäre hier. Nun ist es richtig aufgeblüht und wieder so frisch und lieb wie sonst.“ Ein tiefer Seufzer hatte die Brust der Kranken gehoben. Und Meike hatte gewusst, was hinter ihm steckte. Frau Mara hatte nichts mehr sagen können, weil ihr Mann das Zimmer betreten hatte.

Meike war daraufhin gegangen. Bis nach Hause hatte sie mit dem Schicksal gehadert, das so ein blühendes Frauenleben auslöschen wollte.

Im Hause Holsten wäre alles dagewesen, was zu dem Glück der Familie beitragen konnte.

Die gutgehende Apotheke im Stadtteil Winterhude war zwar nicht groß, aber jeder, der sie kannte, ging gern zu dem freundlichen Apotheker Dietrich Holsten. Es war stets Verlass auf ihn. Ja, er ließ sich auch einmal aus dem Bett trommeln, wenn gerade kein Nachtdienst war.

So gutgelaunt, wie Dietrich Holsten in seinem Geschäft war, sah man ihn auch in seiner Familie.

Seitdem die kleine Claudia bei ihnen war, hatte die Freude kein Ende gekannt. Aus heiterem Himmel war die Sorge eingekehrt.

Oft wusste Meike nicht, mit wem sie mehr Mitleid haben sollte, mit der Kranken oder mit deren Mann.

„Nun denke einmal an etwas anderes, Meike. Du wirst selbst noch krank werden über dem Unglück. Es ist nun einmal so im Leben, dass wir Menschen anscheinend bald erkennen müssen, wie machtlos wir sind. Willst du nicht noch essen? Ich habe mir in der Zwischenzeit selbst etwas gemacht. Es dauerte mir heute doch zu lange.“

„Da hast du recht gehabt, Vater. Aber ich habe schon bei Holstens zu Abend gegessen, sonst hätte Claudia darauf verzichtet. Ich werde jetzt noch etwas für morgen vorbereiten, Vater. Damit du zu Mittag nicht soviel Arbeit hast.“

„Ja, und dann lege dich bald hin, Meike. Du brauchst den Schlaf.“

 

 

2

Mit schwerem Herzen ging Meike am nächsten Tag wieder in ihren Dienst. Dabei hätte es so schön sein können. Sie war gern in der Apotheke.

Der Chef ließ sich an diesem Morgen kaum blicken. Selbst die Post, die er sonst noch immer genau durchgesehen hatte, ließ er heute achtlos liegen.

Der Anruf eines Arztes, der unbedingt den Apotheker selbst sprechen wollte, kam ihm sehr ungelegen. Rasch erledigte er ihn, um dann wieder in die Wohnung zu eilen.

Jedesmal sah Meike ängstlich auf die Tür, die dahin führte. Erst als die kleine blonde Claudia, trippelnd und eifrig wie immer, hereingehuscht kam, leuchteten Meikes Augen auf.

„Du solltest nachher zu meiner Mutti kommen, hat sie gesagt, Tante Meike.“

„Stimmt das?“

„Ja, es stimmt, Fräulein Meike.“ Dietrich Holsten stand jetzt hinter seinem Kind. „Es wäre sehr lieb von Ihnen, wenn Sie sich ein Stündchen lang meiner Frau annehmen könnten. Es geht ihr heute schlechter denn je, und ich möchte ihr diesen Wunsch nicht abschlagen. Ich werde Sie in der Zwischenzeit hier vertreten.“ Der große schlanke Mann mit dem braunen Haar, das an den Schläfen die ersten Silberstreifen zeigte, wirkte müde, abgespannt.

Meike verließ die Apotheke. Im Rücken fühlte sie förmlich die spöttischen Blicke Sonja Lohmanns. Doch was scherte sie das jetzt. Die Schwerkranke hatte einen Wunsch, und sie konnte ihn erfüllen. Wie gerne tat sie das.

Meike legte ihren weißen Kittel im Vorzimmer ab, strich sich das braune Haar flüchtig zurecht und betrat dann mit dem Kind das Krankenzimmer.

Ein krampfhaftes, sehr mühsames Lächeln legte sich um den Mund der blassen Frau in den Kissen. Gut sah man Mara Holsten an, dass sie eine sehr schöne Frau gewesen sein musste. Jetzt allerdings konnte es niemandem mehr entgehen, dass sie dem Tod näher war als dem Leben.

„Ich danke Ihnen, Fräulein Meike, dass Sie gekommen sind.“

„Aber das ist doch selbstverständlich, Frau Holsten.“ Meike ließ sich auf dem Stuhl vor dem Bett nieder. Claudia schmiegte sich an sie. „Tante Meike, spielst du mit mir?“

Unschlüssig sah Meike zu der Kranken. Diese sagte:

„Dia, geh ein bisschen zu Erna in die Küche. Sie hat mir versprochen, dich zum Einkaufen mitzunehmen. Das tust du doch gerne, nicht wahr?“

„Lieber will ich mit Tante Meike spielen.“

„Das tun wir auch wieder, Dia, aber jetzt geht es nicht gut, Tante Meike muss dann gleich wieder in die Apotheke gehen. Aber am Abend komme ich wieder ein Weilchen zu dir.“

„Liest du mir dann wieder die schöne Geschichte von dem Wolf und den sieben Geißlein vor?“

„Ja, das tu ich. Aber jetzt geh zu Erna. Sie wird sicher schon auf dich warten.“ Meike führte das Kind hinaus, spürte sie doch, dass die Kranke das Verlangen hatte, mit ihr allein zu sein. Vielleicht beunruhigte das lebhafte Kind sie.

Kaum hatte Meike das Zimmer wieder betreten und sich an dem Bett niedergelassen, spürte sie die Hand Frau Maras auf der ihren. Eine fiebernde, nervöse Hand war es. In den Augen der Kranken flimmerte es seltsam. Meike wurde richtig bange.

„Hoffentlich ist mein Mann nicht böse, dass ich ihn fortgeschickt habe. Aber ich musste mit Ihnen allein sein, Meike.“ Zum ersten Mal sprach Frau Mara das Mädchen so vertraut an.

Meike wurde immer eigenartiger ums Herz. Sie spürte etwas auf sich zukommen, das sie nicht hätte beschreiben können, das sie aber ängstigte.

„Ja, ich muss mit Ihnen sprechen. Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit dazu.“

„Ich bitte Sie, Frau Holsten, sprechen Sie nicht so“, bat Meike mit erstickter Stimme.

„Nein, nein, jetzt keine Floskeln. Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich weiß, wie es um mich steht. Man soll sein Haus bestellen, solange man noch die Kraft dazu hat. Lange wird sie bei mir nicht mehr reichen. Seit Tagen quäle ich mich schon damit, ob ich Ihnen das sagen kann, was mich bewegt. Aber jetzt muss es sein.“ Tief holte die Kranke Atem. Das viele Sprechen strengte sie sichtlich an. „Ja, es geht um Claudia. Dass ich das Kind allein lassen muss — ach, ich darf nicht daran denken. Auch für meinen Mann wird es furchtbar sein, aber er ist erwachsen, er hat seinen Beruf; noch ärger ist es für das Kind.“ Noch fester hielten Frau Maras Hände jetzt die Meikes. Beschwörend war der fiebrige Blick geworden. „Meike, ich habe niemanden, den ich bitten könnte: nimm dich meines Kindes an, niemanden — außer Ihnen. Erschrecken Sie nicht, bitte, erschrecken Sie nicht. Ich weiß, ich verlange jetzt sehr viel von Ihnen. Aber eine Mutter denkt immer zuerst an ihr Kind. Claudia liebt Sie. Jeden Tag sehe ich es von neuem, wie sie an Ihnen hängt. Niemandem läuft sie so hinterher, wie ihrer Tante Meike. Claudia kennt Sie seit ihrem zweiten Lebensjahr. Es ist so, als gehörten Sie zur Familie. Vielleicht würde mich das Kind gar nicht so vermissen, wenn Sie sich seiner annehmen. Es könnte vieles beim alten bleiben, nur, dass ich — nicht mehr hier wäre.“

„Es ist alles so furchtbar!“, stöhnte Meike.

„Hören Sie nur zu, Meike, bitte, tun Sie es. Die Zeit ist so kurz, die uns zur Verfügung steht.“ Frau Maras Augen wurden immer glänzender, ihre Wangen röteten sich. „Geben Sie mir die Ruhe, nach der ich mich so verzehre. Sie können es. Sie allein. Ich habe mir alles reiflich überlegt, glauben Sie mir das. Es ist nicht nur so dahingesagt, worum ich Sie bitte. Können Sie mir versprechen, dass Sie Claudia behüten werden?“

„Ja, Frau Holsten“, würgte Meike hervor. Sie hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. „Ich werde mich anstrengen, das Kind aufzuheitern, mit ihm zu spielen.“

Etwas unwirsch fuhr die Hand der Kranken durch die Luft.

„Das ist zu wenig, Meike. Ich meinte mehr.“ Nun richtete sich die Kranke sogar etwas auf. Das hatte sie seit langem schon nicht mehr geschafft. „Ich bitte Sie, Claudia eine richtige Mutter

zu werden, eine ganz richtige. Sie sind reif genug, Sie lieben das Kind.“

„Ja, ich liebe es“, flüsterte Meike kaum hörbar.

Doch die Kranke hatte es trotzdem vernommen. „Sehen Sie, ich habe mich also nicht getäuscht. Sie wissen nicht, was Sie mir damit geben. Das Schlimmste, das Sterben, machen Sie mir leichter damit. Haben Sie mich jetzt verstanden, was ich von Ihnen will? Mein Mann wird sehr allein sein, er wird es anfangs nicht verstehen wollen, dass er mir nicht helfen konnte, vielleicht wird er dann das Kind sogar vernachlässigen, bevor er sich wiedergefunden hat. Aber Claudia darf nicht leiden, nicht unter meinem Tod leiden. Nehmen Sie sich auch meines Mannes an, Meike. Er schätzt Sie, ich weiß es, und — ja, und — eines Tages wird es vielleicht mehr werden, wenn Sie warten können.“ Erschöpft sank sie jetzt in die Kissen zurück.

„Frau Holsten!“ Fassungslos sah Meike die Kranke an. Noch glaubte sie, nicht richtig gehört zu haben oder einem Missverständnis zum Opfer gefallen zu sein.

„Nicht entsetzt sein, Meike, bitte, nicht entsetzt sein. Sie werden auch Dietrich eines Tages liebgewinnen. Bitte, werden Sie seine Frau, bitte!“

„Das kann ich nicht, Frau Holsten. Er hat doch nur Sie lieb.“

„Jetzt, ja, und eine Zeitlang noch. Aber wenn er immer allein sein wird, wenn er spüren wird, dass das Kind wieder eine Mutter braucht und er eine Kameradin, dann wird er erkennen, was er an Ihnen hat. Ein bisschen Geduld, Meike, müssen Sie nur mit ihm haben. Glauben Sie mir, wenn ich imstande bin, Ihnen einen Segen geben zu können, ich tu es — über meinen Tod hinaus.“ Tränen standen jetzt in den Augen Frau Maras, mühsam kämpfte sie gegen die Erschütterung ihres Herzens. Plötzlich aber veränderte sich ihr Gesicht, Furcht stand darauf. Unsicherheit. „Oder, Meike, haben Sie einen anderen Menschen, den Sie liebhaben? Sind Sie bereits gebunden?“

Meike schüttelte den Kopf. Leise sagte sie: „Ich hatte einmal jemanden lieb, aber er ist fortgegangen und nicht wiedergekommen. Seither bin ich allein geblieben. Mein Vater brauchte mich.“

„Ihn können Sie mit hierherbringen. Sie brauchen ihn nicht zu vernachlässigen. Es wird hell und schön werden in Ihrem Leben, Meike. Dietrich ist ein wunderbarer Mensch, ein guter Mann. Sie werden es nie zu bereuen haben, gewiss nicht.“ Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, stoßweise ging der Atem.

„Das ist zuviel für Sie, Frau Holsten.“

„Sie können es mir leichter machen, Meike, nur Sie. Lassen Sie mich nicht so lange bitten!“ Flehend blickte die Kranke, Angst stand in ihren Augen auf. „Denken Sie an Claudia, Meike, bitte, tun Sie es. Ich werde meinem Mann einen Brief hinterlassen mit meinem letzten großen Wunsch. Sprechen, nein, das kann ich nicht, zu ihm nicht davon, Meike!“ Beschwörend rief sie es aus. „Warum lassen Sie mich so bitten.“

„Es kommt so überraschend, Frau Holsten. Ich kann es noch nicht fassen.“

„Sie werden sich daran gewöhnen. Gerne würde ich sagen, überlegen Sie es sich, lassen Sie sich Zeit, aber das gönnt mir das Schicksal nicht mehr. Ich spüre es, das ist die letzte Kraft, die ich heute aufbringe. Erfüllen Sie meinen Wunsch, Meike!“ Immer drängender wurde die Stimme, aber auch immer leiser. „Sagt man nicht, dass der Wunsch eines Sterbenden heilig sei?“

Noch einige Sekunden brauchte Meike, um ruhiger zu werden, dann legte sie ihre Hand fest in die der Kranken.

„Er soll auch mir heilig sein, Frau Holsten.“

Mit einem tiefen Seufzer drückte sich die Todkranke in die Kissen hinein. Ein Lächeln spielte nun um ihre Lippen.

„Sie werden Ihr Wort halten, Meike, ich weiß es. Und glauben Sie mir, es ist nicht nur Egoismus, dass ich diese Bitte an Sie gestellt habe. Es wird auch für Sie schön werden. Ich glaube daran, dass Sie eines Tages sehr glücklich sein werden als meine Nachfolgerin. Darüber sind keine bitteren Gedanken in mir. Ich wünsche es sogar von ganzem Herzen. Wer so erkannt hat, wie ich, dass der Tod unaufhaltbar näher kommt, der denkt anders.“ Sie zuckte bei den letzten Worten zusammen, ihr Blick heftete sich auf die Tür. Dort stand Dietrich Holsten. Tiefe Sorge lag auf seinem Gesicht.

„Sprichst du nicht zuviel, mein Liebes?“

Meike kam es vor, als schaue er sie vorwurfsvoll an. Rasch erhob sie sich.

„O nein, Dietrich, es war nicht zuviel für mich. Ganz im Gegenteil, ich bin sehr ruhig. Fräulein Meike hat mich so glücklich gemacht.“

Unverständlich war das für Dietrich Holsten, denn er sah die tiefe Erregung auf dem Gesicht seiner Frau, und er erkannte auch, dass Meike aufgewühlt war.

„Ich werde jetzt wieder in die Apotheke gehen.“

„Ja, Meike, aber Sie kommen heute abend zu Claudia, nicht wahr? Und — ich danke Ihnen.“ Lange blickten die beiden Frauen einander in die Augen.

Noch einmal war es ein Bitten bei der einen, ein Versprechen bei der anderen.

Meike bemühte sich, festen Schrittes den Raum zu verlassen. Dabei meinte sie, ihre Beine mitschleppen zu müssen.

Als sie die Apotheke betrat, waren keine Kunden darin. Sonja sah ihr prüfend entgegen. „Gut sehen Sie gerade nicht aus, Meike. Sie sollten lieber hier arbeiten, statt sich da hineinzusetzen und das Elend mit anzusehen. Wo man nicht mehr helfen kann, sollte man sich nicht selbst noch krank machen. Ich glaube, lange wird das nicht mehr gutgehen. Herr Holsten sagte vorhin, dass seine Frau die schlechteste Nacht hinter sich habe. Eigentlich muss man der armen Frau jetzt schon wünschen, dass sie erlöst wird.“

„Nein, nein!“ Meike schrie es fast heraus, so dass Sonja einen Schritt zurückwich. Kopfschüttelnd ging sie ihrer Arbeit nach.

Für Meike war es gut, dass sie kurze Zeit später wieder bedienen musste. So konnte sie es sich nicht leisten, ihre Gedanken abschweifen zu lassen. Verdeckt aber arbeitete es in ihr. Immer wieder hörte sie die flehende Stimme der Kranken, und sie hörte sich, ihr das große Versprechen geben.

Dietrich Holsten kam an diesem Tag nicht mehr in die Apotheke. Mit erregt klopfendem Herzen sah Meike, dass der Arzt zweimal hintereinander vorfuhr.

Erst als Claudia zu ihr kam, wurde sie etwas ruhiger. Es war eigenartig, in der Nähe des Kindes wurde es ihr auf einmal nicht so schwer, an das zu denken, was Frau Mara von ihr verlangt hatte. Den Vater schaltete Meike bei diesen Gedanken aus. Für sie gab es jetzt nur das Kind. Dieses reizende blonde Mädchen mit den strahlend blauen großen, immer etwas neugierig blickenden Augen und dem Stimmchen, das so viel plappern konnte.

Als die Apotheke geschlossen wurde, sagte Sonja spitz: „Na ja, Sie kommen doch noch nicht mit zur Bahn, Meike, was? Sie müssen ja noch Kindermädchen machen.“

„Ja, ich werde Claudia noch ein wenig vorlesen und sie dann mit Ernas Hilfe zu Bett bringen.“ Sehr ruhig sprach Meike.

Doch als sie in dem Kinderzimmer war, wollte die bedrückende Stimmung, die über dem ganzen Haus lag, sie übermannen. Dazu spürte sie auch noch, dass das Kind heute unruhig war. Es hörte gar nicht richtig zu und war doch sonst ganz gefangen von den Märchen, die es sich stets so sehr wünschte.

Auf einmal sagte Claudia: „Tante Meike, Mutti hat mich vorhin so sehr liebgehabt. Ich habe ihr immer noch ein Küsschen geben müssen. Sie hat gesagt, ich soll dich sehr, sehr liebhaben. Warum hat sie das gesagt? Ich habe dich doch sehr lieb.“

Meike konnte nicht anders, sie zog das Kind vor Erschütterung an sich. Sie verbarg ihren Kopf an Claudias Brust, als müsse sie sich verstecken.

Erna steckte den Kopf zur Tür herein und ging gleich wieder, als sie sah, dass Meike noch bei Claudia war.

Dann war es wieder totenstill im Haus. Nirgends hörte man Schritte, keine Tür öffnen oder schließen.

Endlich fielen Claudia die Äuglein zu; doch einige Male überzeugte sie sich noch mit unsicherem Blick, ob Meike noch bei ihr war.

Das Mädchen wusste nicht, wie lange sie an dem Bett des schlafenden Kindes gesessen hatte, als sich die Tür öffnete. Sie sah hin und schrak zusammen.

War das dort ihr Chef? Dieser vornübergebeugte, im Gesicht aschfahle Mann, der mit nahezu irrem Blick auf sein Kind starrte und sie gar nicht zu sehen schien?

Schritt um Schritt kam er näher an das Bettchen. Er neigte sich über Claudia. Dass er Meike dabei streifte, spürte er wohl nicht.

Zitternde Hände lagen auf der Bettdecke, ein Lippenpaar, das sich lange bemühen musste, bis es Worte formen konnte, flüsterte jetzt:

„Nun hast du keine Mutti mehr, Dia — kleine, arme Dia.“

Meike erhob sich. Sie taumelte an das Fußende des Bettes.

„Ist das wahr?“, flüsterte sie mit rauer Stimme.

Da erst schien Dietrich Holsten zu erwachen.

„Ja, es ist wahr“, antwortete er Meike und sah sie anklagend an, als habe sie ihm etwas getan. Aber so würde wohl Dietrich Holsten heute jedermann, die ganze Welt anblicken. „Meine Frau ist vor einer halben Stunde eingeschlafen — ganz ruhig.“ Er senkte den Kopf.

Ganz mechanisch ging Meike auf ihren Chef zu und streckte ihm die Hand hin. „Mein tiefstes Beileid, Herr Holsten.“ Durch ihre Stimme klangen die Tränen, sie musste sich abwenden.

Als ihr Blick dabei auf das Kind fiel, war es um Meikes Beherrschung geschehen. Fluchtartig verließ sie das Zimmer. Sie rannte bis in die Apotheke. Dort schaltete sie das Nachtlicht ein und ließ sich in einen Sessel fallen.

Lange saß sie dort und starrte vor sich hin. Das heute vormittag war also ihr letzter Besuch bei Mara Holsten gewesen. Sie hatte ihr Leben ausgehaucht, nachdem sie mit ihr das besprochen, was ihr am meisten am Herzen gelegen hatte.

Auf einmal stand dieser Wunsch riesengroß vor Meike. Er wollte sie erdrücken. Als ziehe eine fremde Kraft sie hoch, stand sie auf und sah sich mit irrem Blick um. Dem allen war sie doch gar nicht gewachsen; sie würde daran zerbrechen.

Entsetzt starrte sie Dietrich Holsten an, als er die Apotheke betrat.

„Ach, hier sind Sie“, sagte er, als habe er sie bereits gesucht. „Verzeihen Sie, dass Sie in meinem Haus soviel Aufregung erleben müssen.“

Wie erwachend sah sich Meike um. Das konnte der Mann sagen, der doch selbst bis in alle Tiefen verwundet war?

„Es ist nur das Kind und — Sie“, stammelte Meike. „Und — und — ich habe Ihre Frau so gern gehabt.“

Ein müdes Lächeln zog über das Gesicht des Mannes. Trotzdem spürte man, es kam aus einem aufrichtigen Herzen. „Das beruht auf Gegenseitigkeit, Fräulein Meike. Meine Frau hat Sie auch über alles geschätzt. Noch heute nachmittag hat sie es mir gesagt. Ich glaube nicht, dass Mara jemandem näherstand als Ihnen. Claudia und mich ausgenommen. Aber das ist ja selbstverständlich. Wie soll ich es dem Kind nur sagen?“ Er kam auf Meike zu und sah sie bittend an. „Fräulein Meike, ist es zuviel verlangt, wenn ich Sie bitte, mir in den nächsten Tagen zur Seite zu stehen? Ich weiß, dass ich viel von Ihnen verlange. Sie sind weich veranlagt, es greift Sie an, aber ich bin so hilflos Claudia gegenüber. Sie soll es nicht so erschreckend erfahren. Ob ich aber die Kraft dazu habe, sie allein habe? Werden Sie mir helfen?“

Meike nickte. „Vielleicht wäre es gut, wenn das Kind nicht alles jetzt im Haus miterleben müsste.“

„Ja, das wäre gut. Es wird Dinge geben, die ihm nicht verborgen bleiben können — sehr nüchterne Dinge, wie sie nun einmal in einem Haus sein müssen, wo ein Mensch gegangen ist. Aber was sollen wir mit Claudia tun? Wir haben leider keine Verwandten, zu denen ich sie so lange geben könnte, bis hier alles vorbei ist.“

Meike zögerte noch einige Sekunden, bevor sie fragte:

„Soll ich Claudia mit zu meinem Vater nehmen? Dort wäre sie gut aufgehoben. Ich hatte es ihr schon lange versprochen. Es würde ihr vielleicht gar nicht auffallen.“

„Das wäre ein Ausweg. O ja, wenn Sie das tun wollten. Ich würde Ihnen so lange freigeben, damit Sie sich des Kindes annehmen könnten. Fräulein Sonja müsste sich eben einmal allein kümmern. Wir werden ohnedies in der Apotheke nur das Nötigste erledigen. Wollen Sie das wirklich tun, Fräulein Meike, und das Kind vielleicht morgen früh abholen?“

„Ja. Die Nacht über wird Claudia fest schlafen. Nun darf nur Erna nichts spüren lassen. Ich werde früher als sonst kommen und Claudia holen.“

„Ich danke Ihnen, Fräulein Meike. Wollen Sie noch einmal mit zu meiner Frau kommen?“ Er sagte es zögernd und sah Meike unsicher an.

Schon wollte sie ablehnen. Doch dann ging sie neben Dietrich Holsten aus der Apotheke heraus, mit hinein in das Zimmer, in dem sie heute vormittag noch mit Frau Mara gesprochen hatte.

Auf Zehenspitzen ging Meike bis an das Bett. Dietrich Holsten folgte ihr.

Die Tränen liefen über Meikes Gesicht, als sie auf die geschlossenen Augen der Toten sah, auf die gefalteten Hände. Wie eine Schlafende sah sie aus. Frieden war auf ihrem Gesicht. Der Kampf, den sie so lange geführt hatte, war ausgekämpft. Was ihr auf dieser Erde nicht mehr beschieden gewesen war, Ruhe und Frieden, das hatte sie jetzt wohl gefunden.

Dietrich Holsten störte Meike nicht. Er selbst war in den Anblick seiner geliebten Frau versunken, er hatte Mühe, die Verzweiflung in sich niederzukämpfen.

Meike erlebte alles noch einmal, was sich vor einigen Stunden hier abgespielt hatte.

Als sie sich dann etwas später wieder abwandte und das Zimmer verließ, folgte ihr Dietrich Holsten.

Draußen reichten sie einander die Hand. Es wurde nichts mehr gesprochen.

 

 

3

Dietrich Holsten suchte Abend für Abend das Zimmer seiner Frau auf. Hier blieb er viele Stunden, bis der Schlaf ihn überfiel.

Was er über der Arbeit tagsüber vergessen musste, rief er des nachts wach. Hier lebte Mara um ihn, hier hörte er sie noch sprechen, noch lachen, wie sie es lange vorher einmal getan hatte.

Hier beschäftigte er sich aber auch mit den Dingen, die Mara gehört hatten.

Seit Tagen schon hatte er die zierliche Ebenholzkassette öffnen wollen, in der sie ihr besonders lieb gewordene Gegenstände aufbewahrt hatte. Besonders schöne Fotos von Claudia, ein Blumensträußchen, dass sie bei einem Ball einmal getragen hatte, einige Dinge, die an ihre Eltern erinnerten, und die Briefe, die sie einander in ihrer Brautzeit geschrieben hatten.

Bisher hatte Dietrich Holsten sich davor gescheut, an diese Kassette zu gehen, sie zu öffnen und all das vor sich zu sehen, was Mara mit soviel Liebe gesammelt hatte.

Auch heute tat er es mit zögernden Händen, mit wundem Herzen. Stück um Stück nahm er heraus, oft umspielte ein schmerzliches Lächeln seinen Mund.

Alles wirkte ein wenig abgegriffen, so wie Dinge eben sind, die oft in die Hände genommen wurden.

Deshalb fiel Dietrich Holsten der weiße Briefumschlag besonders auf, der so frisch, so neu aussah.

Verwundert nahm er ihn an sich und schrak zusammen.

„Meinem Mann“, stand darauf. Es war Maras Handschrift, doch sie war nicht mehr so sorgsam, wie er sie von früher her kannte.

Erregt öffnete er den Brief. Seine Blicke flogen über das Papier, sie verschlangen jedes der anscheinend sehr eilends hingeschriebenen Worte. Das Gesicht Dietrichs wurde immer erstaunter, zeitweise sah es sogar so aus, als zeichne sich Ärger darauf ab. Dann wieder schüttelte er den Kopf. Tief aufseufzend ließ er den Brief schließlich fallen. „Nein, Mara, das kannst du nicht von mir verlangen“, sagte er laut vor sich hin.

Besonders laut hörten sich seine Worte in der Stille des Zimmers an. Er erschrak selbst vor ihnen, als habe sie ein Fremder gesprochen. Fassungslos starrte Dietrich Holsten vor sich hin, dann griff er noch einmal zu dem Papier.

Mein über alles geliebter Dietrich“, las er und schon hetzten seine Augen weiter. „In letzter Minute schreibe ich Dir diese Zeilen. Lange hatte ich es schon vor, aber immer wieder verschob ich es. Ob ich doch noch hoffte, dass sie sich erübrigen würden, ob ich noch immer glaubte, Du würdest sie nicht brauchen? Ich weiß es nicht. Nur das eine fühle ich, dass es jetzt höchste Zeit dafür geworden ist. Ich will Dir Dank sagen für das große Glück, das ich bei Dir gefunden habe, für die Liebe, mit der Du mich stets umgeben hast. Das Leben mancher Frau mag länger währen, doch es kann nicht glücklicher sein. Deshalb allein ist es auch nur möglich, dass ich ruhiger den Weg antrete, als ich mir das jemals vorstellen konnte. Ich schließe ein erfülltes Leben ab. Was mich erwartet, ist wieder nur Ruhe und Frieden. Nur was aus Dir und unserem geliebten Kind wird, quält mich. Nein, es quält mich seit heute morgen auch nicht mehr, denn jetzt weiß ich, dass Du wohl harte Stunden der Verbitterung durch stehen wirst, aber doch noch einmal ein harmonisches Leben führen kannst. Und ich weiß vor allen Dingen, dass unsere kleine Dia nicht ohne Mutterliebe aufzuwachsen braucht. Ich habe für sie einen Menschen gefunden, der ihr Liebe schenken und sie ans Herz nehmen wird, wenn ich es nicht mehr können werde. Lange habe ich erwogen und geprüft, bevor ich die Aussprache suchte, die ich heute morgen mit Meike Randers hatte. Dietrich, sie hat mir versprochen, Claudia das zu geben, was ich so für sie ersehnte. Es war nicht leicht, Meike war sehr überrascht. Sie ist zu rein, als dass sie jemals mit dem Gedanken spekuliert hätte, Deine Frau zu werden, wenn ich nicht mehr bin. Ich aber habe sie darum gebeten. Und ich bitte Dich von ganzem Herzen, Dietrich, tu auch Du es. Meike ist wohl bedeutend jünger als Du, doch sie ist ein ernsthaftes Wesen, sie ist liebenswert und wird für Claudia sorgen und auch für Dich. Wenn es anfangs nicht überströmende Liebe ist, die Euch zusammenführt, sondern nur mein letzter Wunsch, so werden sich doch Eure Herzen eines Tages finden. Meike ist frei, sonst hätte ich nicht gewagt, diese Bitte an sie zu stellen. Sie ist aus einem guten Elternhaus und kann Dir die Frau auch nach außenhin sein, die Du brauchst. Du kannst nicht allein bleiben. Du bist daran gewöhnt, mit einem Kameraden alles zu besprechen, was Du tust. Bei wem könntest Du das besser, als bei Meike. Sie hat noch dazu den gleichen Beruf wie Du, sie kennt unser Leben hier im Haus, um Dir keine großen Umstellungen aufzubürden. Sei gut zu ihr, Dietrich. Sie verdient es. Lass mich in Deinem Herzen den Platz nach Meike und Claudia einnehmen, damit gibst Du mir. die Ruhe.

Ich weiß nicht, wann Du diesen Brief lesen wirst, vielleicht bald nach meinem Tod, vielleicht zu einer Stunde, da die Wunden noch frisch sind. Dann wirf meine Zeilen nicht achtlos beiseite, glaube nicht, ich sei nicht mehr bei klarem Verstand gewesen. Ich bin es noch, Dietrich. Aber ich bin auch etwas anderes, ein wenig abgerückt schon von dieser Welt, ich stehe über den Dingen, die Dich jetzt noch zur Verzweiflung bringen. Von dieser Warte sehe ich eines: dass Ihr alle ein Glück finden werdet, dass ich ruhig sterben kann. Denke daran und danke es Meike, dass es ihr Verdienst ist. Ihr Versprechen, das sie mir heute morgen gegeben hat, lässt mich in Frieden hinübergehen.

Hab' nochmals Dank für all Deine Liebe!

Deine Mara.“

Diesmal blieb Dietrich Holstens Gesicht unbewegt. Jedes Wort hatte er ganz in sich aufgesogen. Er spürte Maras Wesen daraus. Mit der Leidenschaftlichkeit, mit der sie Dinge zu verteidigen gepflegt hatte, von denen sie überzeugt war, tat sie es auch in diesem Brief.

Ihm aber kam dies alles so überraschend. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass Meike Randers ja gesagt hatte. Sie musste doch genauso überrascht gewesen sein. Hatte sie nur, um seine Frau zu beruhigen, dies Versprechen gegeben?

Aber nein, Meike war ein sehr ernsthafter Mensch. Das hatte auch Mara erkannt. Sie sagte nicht etwas nur so dahin.

Nahm sich Meike nicht auch weiterhin Claudias an? Wusste sie warum sie es tat? Wollte sie nur abwarten, bis er sprach?

Doch allein bei diesem Gedanken schon widersetzte sich alles in Dietrich gegen eine neue Ehe. Gewiss, er kannte Meike, er schätzte sie sehr. Es gab vielleicht unter den Frauen, die er kannte, niemanden, dem er näherstand. Und doch wusste er eines, er liebte sie nicht so, wie man eine Frau lieben musste, wenn man sie ein Leben lang an der Seite haben wollte.

Doch da waren auch die anderen Stimmen, die laut wurden in ihm. Hatte er noch ein Recht, so zu denken wie früher, als er frei gewesen war? Konnte er hoffen, noch einmal so wählen zu dürfen wie bei Mara?

Nein, das wollte er ja auch nicht mehr.

Also blieb die Fürsorge um Claudia. Und für das Kind hatte Mara gehandelt, und er sollte es auch tun.

Was stürmte in dieser Nacht noch alles durch Dietrich Holstens Verstand und Herz. Er hätte es nicht wiedergeben können, er wusste nur eines, dass er am Ende so ratlos war wie zu Anfang.

Auch, als er sich an das Bett seines Kindes schlich, um dort Rat zu finden, wurde er nicht ruhiger.

Du musst Zeit gewinnen, Dietrich, musst abwarten, musst dich mit dem Gedanken erst vertraut machen, war das letzte, das er vor dem Einschlafen noch dachte.

Dietrich Holsten fürchtete am nächsten Morgen das Zusammentreffen mit Meike. Dabei war es bisher für ihn ein Lichtblick gewesen, wenn sie mit ihrer heiteren Art, mit dem stets liebenswürdigen Wesen, die Apotheke betreten hatte. Er wusste auch, dass die Kunden sich ihrer Bedienung freuten.

Sonja war herb, oft verletzend kühl und geschäftlich. Und doch bevorzugte Dietrich Holsten sie an diesem Morgen. Er besprach mit ihr, was nachzubestellen war. Eine Arbeit, die er sonst meist Meike überlassen hatte.

Sie sah denn auch verwundert drein. Noch mehr, als es ihr nicht mehr entgehen konnte, dass der Chef ihr sichtlich auswich. Er blickte sie kaum an.

Bald fragte auch Sonja: „Nanu, was ist denn hier los? Haben Sie was verkehrt gemacht? Der Chef ist verstimmt, das kann man gar nicht übersehen. Ein Glück, gegen mich scheint es nicht gerichtet zu sein.“

Meike wurde bei diesen Worten noch unsicherer. Immer wieder blickte sie Dietrich Holsten forschend an.

Am Abend wagte sie kaum zu Claudia zu gehen. Doch dabei bekam sie ihren Chef nicht mehr zu Gesicht. Er hatte sich wieder zurückgezogen.

Einmal kam Meike der Gedanke, dass Dietrich Holsten vielleicht doch ein paar Zeilen seiner Frau vorgefunden haben könnte, die auf das hindeuteten, was sie noch gewünscht hatte. Vielleicht war er deshalb so eigenartig zu ihr. Aber soviel sie auch grübelte, ergründen konnte sie es nicht. So blieb ihr nichts anderes, als zu hoffen, dass das Ganze nur eine Verstimmung gewesen war.

Für Dietrich Holsten schien diese Situation, in die er durch den Brief seiner verstorbenen Frau geraten war, schier unlösbar zu sein. Er nahm den Brief immer wieder zur Hand — er wusste gar nicht mehr, wie oft er ihn schon gelesen hatte — und sinnierte vor sich hin.

Der Apotheker war ein aufrechter, geradliniger Mensch. Ihm hatte es bereits Skrupel gebracht, dass er Meike so zur Seite geschoben hatte. Dabei war es doch nur aus seiner Unbeholfenheit heraus geschehen. Aus dem Gefühl, den Wünschen seiner Frau nicht gewachsen zu sein.

Er nahm sich ernstlich vor, mit Meike offen zu sprechen. Sie war kein Kind mehr. Sie würde ihm auch erzählen, was seine Frau ihr gesagt hatte.

Dieser Vorsatz allein ließ Dietrich schon etwas aufatmen. Gleich am nächsten Tag wollte er ihn in die Tat umsetzen.

Dietrich Holsten sah, wie scheu Meike die Apotheke betrat. Es war ihr also nicht entgangen, dass er gestern nicht besonders liebenswürdig zu ihr gewesen war, ja, dass er jedes Gespräch mit ihr gemieden hatte.

Am besten würde es sein, er sprach Meike in der Mittagspause an, die sie abwechselnd hielten.

Am späten Vormittag, als Sonja zum Mittagessen gegangen war, hantierte Dietrich Holsten neben Meike hinter dem Ladentisch. Nur kurz sah der Apotheker auf, als ein Kunde eintrat.

Erst als er einen sonderbar erstaunten Ausruf Meikes hörte, sah er zu ihr hin. Ihr gegenüber stand ein sehr schlanker hochgewachsener Mann in einem hellen Staubmantel.

„Meike, ja, das ist eine Überraschung!“, rief er jetzt aus und streckte dem Mädchen beide Hände entgegen.

Er schien gar nicht zu merken, dass er in ein todbleiches Antlitz sah, dass zwei brennende dunkle Augen ihn wie einen Geist anstarrten.

Mühsam quälte sich jetzt endlich etwas von den Lippen Meikes: „Jürgen, du?“

„Ja, ich, oder glaubst du es noch immer nicht? Du siehst mich ja an, als wäre ich für dich von den Toten auferstanden.“

„Das bist du auch, Jürgen. Oh, mein Gott, ist das denn möglich?“ Meike strich sich immer wieder über die Stirn. „Wo kommst du her?“ Ihre Stimme zitterte, ihre Augen blickten noch immer angstvoll auf ihr Gegenüber.

„Wo komme ich her? Seit zwei Monaten bin ich in Hamburg. Hast du etwa geglaubt, ich würde überhaupt nicht wiederkommen.“

„Ja, das habe ich glauben müssen, Jürgen. Niemand wusste ja etwas von dir.“

„Ich konnte mich lange Zeit nicht melden, wir hatten mit unserer Expedition viel Pech. Später dachte ich, wer wird sich wohl für mein Schicksal besonders interessieren? Die alten Kommilitonen sind sicher in alle Winde verstreut, Meike wird dich längst vergessen haben. Das Leben ist eben eine waghalsige Geschichte, stürzt man sich erst einmal hinein, verliert man oft das Steuer aus der Hand und wird nur getrieben. Ich werde dir später einmal erzählen, wie es mir ergangen ist.“

Der Mann hatte sehr schnell gesprochen, er erwartete wohl im Augenblick gar keine Fragen des Mädchens.

Meike sah sich recht fassungslos um, deutlich war das für Dietrich Holsten zu erkennen.

Er wusste nicht recht, was er tun sollte. Anscheinend stand Meike Randers hier einem alten Bekannten gegenüber.

Jetzt schien sie sich daran zu erinnern, dass sie diesen Bekannten noch gar nicht vorgestellt hatte.

„Bitte, entschuldigen Sie, Herr Holsten.“ Man hörte ihrer Stimme an, dass sie sich Mühe gab, ruhig zu sprechen. „Darf ich Ihnen Jürgen Fabricius vorstellen? Wir haben zusammen auf der Universität studiert. Herr Fabricius schloss sich sehr überraschend einer Expedition nach Südafrika an, seitdem galt er für mich als verschollen. Ich — glaubte ihn nicht mehr am Leben, da alle Nachforschungen ergebnislos verliefen.“

„Du hast versucht, eine Spur von mir zu finden?“, fragte Jürgen Fabricius sehr erstaunt.

Meikes Gesicht rötete sich, man hörte ihrer Stimme die Scham an, als sie murmelnd gestand. „Ja, das habe ich getan.“

Lächelnd sah Jürgen Fabricius den Apotheker an. „Ist es nicht ein gutes Zeichen für uns Männer, dass es noch Frauen gibt, die nicht sagen: aus den Augen aus dem Sinn?“

Dietrich Holsten schien genauso zusammenzuzucken wie Meike, beide hatte der frivole Tonfall getroffen.

Es blieb Jürgen Fabricius überlassen, weiterzusprechen.

„Hätte ich gewusst, dass du so an mir hängst, Meike, wäre ich natürlich nicht so leichtsinnig gewesen, kein Lebenszeichen von mir zu geben. In den letzten Jahren hätte ich das nämlich leicht gekonnt, obwohl es mir nicht allzu rosig ging. Aber sag einmal, wieso stehst du hier in der Apotheke? Du wolltest doch Medizinerin werden.“

„Ja, das wollte ich, aber ich habe umgesattelt.“

„Ach was, die strenge, nach Grundsätzen lebende Meike Randers wirft Pläne über den Haufen? Das ist mir neu an dir. Zum Teil aber verstehe ich dich. Ich halte auch nichts von Medizin, deshalb habe ich dieses Studium gleich fallenlassen. Als ich von Hamburg wegging, wollte ich ja nur einmal für einige Zeit hinaus, ein bisschen abenteuerlicher leben als hier, aber draußen zog mich nichts mehr zu dem angefangenen Studium zurück. Ich halte jetzt viel mehr von der Technik. Gigantische Brücken bauen, das stelle ich mir herrlich vor. Deshalb habe ich bereits auf der Technischen Hochschule hier belegt. Ich werde mich intensiv dem neuen Studium widmen. Nun ja, alt genug bin ich dazu geworden. Ich denke, mit dem Verstand meiner dreißig Jahre, den gemachten Erfahrungen, wird es mir nicht schwerfallen, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Jetzt aber staune ich zunächst über die Romantik unseres Lebens, sie stimmt mich recht optimistisch. Meike, ist das nicht wunderbar, dass ich in eine x-beliebige Apotheke gehe und gerade dich finde?“ Das schmale, krank wirkende Gesicht Jürgen Fabricius' hatte sich gerötet, in seinen Augen stand ein unstetes Flimmern auf.

Meike konnte sich nicht genug wundern. Sie hatte Jürgen ganz anders in Erinnerung. Er war sehr strebsam gewesen, nicht allzu gesprächig. Dass er das Herz auf der Zunge trug und so abrupt urteilte, das hatte sie früher an ihm nicht erlebt. Aber freilich, darüber waren ja Jahre vergangen. Heute war Jürgen dreißig Jahre, er hatte anscheinend Schweres erlebt, und das hatte ihn wohl verändert.

Meike sah, dass auch ihr Chef über die Art ihres Bekannten etwas frappiert war.

Es kränkte sie eigentlich ein wenig. Zum ersten Mal geschah es, dass ein Bekannter von ihr in die Apotheke kam, dass sie sich mit jemandem privat unterhielt, und dann hinterließ er nicht gerade den besten Eindruck.

Oder ärgerte es sie gerade bei Jürgen so?

Er war doch der einzige Mann gewesen, der ihr jemals nähergestanden hatte. Er war jener, von dem sie zu Mara Holsten gesagt hatte, dass sie ihn geliebt habe.

Jürgen unterbrach sie in ihrem Sinnieren. „Aber ich halte dich auf, Meike. Wir können uns zu einer anderen Stunde sicher noch einmal ausführlicher unterhalten. Bist du damit einverstanden? Ach, weißt du, ich würde ja vorschlagen, recht bald. Kann ich dich nicht am Abend hier abholen?“

Etwas unsicher sah sich Meike um. Dies Gespräch vor ihrem Chef wurde ihr jetzt peinlich. Doch da sah sie, dass er die Apotheke verließ.

„Gut, Jürgen, hole mich ab. Aber bitte nicht so früh. Vielleicht um acht Uhr.“

„Warum so spät? Bist du hier so lange beschäftigt?“

„Das erzähle ich dir heute abend. Aber wolltest du nicht etwas einkaufen?“ Sie lächelte ihn jetzt zum ersten Mal an. Der Bann schien etwas von ihr zu weichen, den dieses Auftauchen Jürgen Fabricius' in ihr hervorgerufen hatte.

„Ach ja, natürlich.“ Unsicher blickte sich Jürgen um. Dabei entdeckte Meike wieder das seltsame Flackern in seinen Augen. „Ach, jetzt fällt es mir wieder ein. Ein paar Kopfschmerztabletten wollte ich. Irgendwelche, du wirst ja wissen, was da am besten ist.“

Meike bediente ihn, kassierte das Geld, das er ihr hinlegte, und reichte ihm dann die Hand.

„Bis heute abend also“, sagte Jürgen Fabricius. Als er schon an der Tür war, kam er noch einmal zurück und lachte Meike übermütig an. „Beinah hätte ich vergessen, dir zu sagen, Meike, wie glücklich ich über diese Schicksalsfügung bin, dir hier begegnet zu sein. Wirklich, sehr glücklich bin ich. Aber das kann ich dir alles ja noch sagen.“ Schon eilte er hinaus.

Meike starrte hinter ihm her. War das denn alles kein Traum?

Sonja betrat das Geschäft und mit ihr zwei Kunden. Meike musste sich konzentrieren, doch es geschah gewaltsam.

„Jetzt können Sie zum Essen gehen, Meike. Was ist denn, Sie sind ja so verdattert?“ Sonja in ihrer immer etwas burschikosen Ausdrucksweise schreckte Meike auf.

„Ja, ja, ich gehe schon.“

Sie wusste nicht, dass nicht nur Sonja betroffen hinter ihr dreinschaute, sondern aus einem der Fenster der Wohnung auch Dietrich Holsten.

Dieser Mann, der eben bei Meike gewesen war, bedeutete ihr doch etwas, grübelte Dietrich Holsten. Sie hatte es nicht verbergen können. So betroffen, so aufgeregt über dieses unverhoffte Wiedersehen wäre ein unbeteiligter Mensch nicht gewesen.

War es gar nicht so, wie Mara geschrieben hatte, dass Meike Randers frei sei? Lenkte das Schicksal die Dinge, die er unfähig gewesen war, so anzugehen, wie Mara es gewünscht hatte, jetzt in die richtige Bahn?

Dietrich Holsten wusste nicht, war er erleichtert darüber oder enttäuscht. Eines aber nahm er sich,vor, die Aussprache mit Meike zu verschieben. Erst wollte er sehen, was weiter wurde. Das war auch für ihn zu plötzlich gekommen.

Er merkte es auch Meike an, dass sie den ganzen Tag nicht mehr richtig bei der Sache war. Sonja sprach ganz offen von der Zerstreutheit der Kollegin.

Das tat Dietrich Holsten weh. Er wollte nicht, dass Meike in die Enge getrieben wurde. Sonjas Art gefiel ihm immer weniger. Erst recht, als er hörte, dass Sonja zu Claudia sagte: „Geh zu Erna, Dia. Tante Meike hat heute keine Zeit für dich. Sie hat mit sich selbst gerade genug zu tun.“

„Wie können Sie so etwas sagen, Sonja“, entrüstete sich Meike. Blutrot war ihr Gesicht geworden. Hastig umschlang sie das kleine Mädchen. „Ich komme ja nachher zu dir, Dia. Hab' nur noch ein bisschen Geduld.“

„Tante Meike hat immer Zeit für mich“, triumphierte Claudia.

Eigentlich freute sich Dietrich Holsten über diese Antwort seines Kindes. Es war ihm doch eben so gewesen, als habe er durch Meikes Stimme Tränen klingen hören.

An diesem Abend blieb der Vater lange bei seinem Kind. Er wusste, dass Meike eine Verabredung getroffen hatte. Sie sollte diese einhalten können. Sie hatten hier alle kein Recht, das Mädchen derart mit Beschlag zu belegen.

Aber Meike ging nicht früher, bevor sie Claudia nicht restlos befriedigt hatte und bis deren Äuglein müde zufielen.

Im Vorzimmer stand Meike Dietrich Holsten gegenüber. Scheu sah sie zur Seite. Sie war seit der Begegnung mit Jürgen nicht mehr frei. Sie konnte es sich zwar nicht erklären warum, aber sie spürte es.

Auch Dietrich Holsten wusste nicht recht, was er tun sollte. Eine Stimme in ihm rief plötzlich: „Verschiebe die Aussprache nicht. Tu es gleich. Noch ist Zeit. Vielleicht entscheidet sich sonst etwas gegen dich, gegen Claudia.“ Über sich selbst erstaunt, blickte sich Dietrich um. Was war denn das? Hatte er sich nicht noch gestern mit Händen und Füßen gegen das gesträubt, was Mara von ihm verlangte?

„Gute Nacht, Herr Holsten.“ Meike reichte ihm die Hand.

„Gute Nacht, Fräulein Meike und — ich danke Ihnen, dass Sie sich weiter so um mein Kind annehmen.“

„Aber das habe ich doch versprochen.“ Kaum hatte es Meike gesagt, schrak sie zusammen. Hatte sie das sagen wollen? Es war ihr spontan über die Lippen gehuscht.

„Wem haben Sie es versprochen?“ Dietrich Holsten sah sie eindringlich an.

In Meike kämpften die widerstreitendsten Gedanken und Gefühle. Als sie sagte: „Der kleinen Claudia habe ich es versprochen“, senkte sie den Blick vor den fragenden Männeraugen. Schnell huschte sie hinaus.

Sie kam nicht zum Nachdenken. Bereits vor der Haustür wurde sie von Jürgen Fabricius erwartet.

„Komm, Meike, da drüben ist eine nette Weinstube. Lass uns dort ein Stündchen hingehen. Es ist zu schlechtes Wetter zum Draußenbleiben. Ich glaube, wir haben uns vieles zu erzählen.“

Ohne etwas zu sagen, ging Meike mit ihm. In der Helligkeit des Lokals sah sie Jürgens Gesicht. Immer noch kam es ihr wie ein Traum vor, dass sie ihm auf einmal gegenübersaß.

„Erzähl mir von dir, Meike. Es wird vieles passiert sein in den letzten Jahren.“

„Es gibt nicht viel zu erzählen. Ich bin zufrieden in meinem Beruf. Ich habe nur eine große Sorge, das ist mein Vater.“ Sie erzählte kurz von dessen schwerem Los. Dann sprach sie von Claudia. Daran merkte man, wie sehr ihr dies am Herzen lag.

„Und da arbeitest du neben deiner Tätigkeit in der Apotheke noch für die Familie?“

„Arbeiten? Nein, so kann man es eigentlich nicht nennen. Ich liebe das Kind, und es braucht jemanden. Der Vater ist..“

„... ein sehr gutaussehender Mann in den besten Jahren, Meike. Es ist mir aufgefallen, wie interessiert er unserem Gespräch folgte. Hat er bestimmte Absichten?“

„Wie meinst du das?“ Erschrocken presste Meike die Hände auf die Brust.

„Nun, ich meine, man könnte es ihm gar nicht verargen, wenn er sich das Mädchen, das seinem Kind bereits soviel gibt, eines Tages zur Frau nehmen möchte.“

„Lass uns von so etwas nicht sprechen, Jürgen. Frau Holsten ist erst vor kurzer Zeit gestorben. Erzähle lieber von dir.“

Als er es dann tat, hörte Meike nicht richtig zu. Aber das wurde Jürgen Fabricius nicht gewahr. Er sprach, und dabei war er in seinem Element.

„Dann wollte ich dir noch sagen, dass ich ganz besonders glücklich bin, dich gefunden zu haben. Es liegt ja vieles zwischen damals und heute. Aber sag einmal, Meike, hattest du mich nicht ein wenig lieb?“ Er beugte sich zu ihr.

„Das scheinst du ja vergessen zu haben, Jürgen.“ Meike starrte vor sich hin.

„Ach, jetzt bist du mir böse, dass ich es dem Zufall überlassen habe, ob wir einander wiederfinden oder nicht. Ach, weißt du, Meike, da spielt so vieles mit. Ich bin nicht gesund. Ich schleppe mich mit einer Krankheit herum, die mir viel Kummer macht.“

„Was fehlt dir?“ Meike sah ihn groß an.

„Erst einmal habe ich bei einem Flugzeugabsturz ein paar schwere Verletzungen abgekriegt. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich unter dem Messer gelegen habe. Da unten wurde nicht so operiert, wie vielleicht hier in einer Klinik. Es war alles mangelhaft. Aber lass uns davon nicht sprechen. Dazu ist dieser Abend zu schön.“

„Aber das alles ist ja furchtbar, Jürgen. Kann man denn nichts dagegen tun? Du musst hier gleich in ärztliche Behandlung gehen.“

„Tu ich ja auch, und im Augenblick geht es mir etwas besser. Jetzt spüre ich gar nichts, weil die Schmerzen nicht mehr das Stärkste in mir sind. Vielmehr bewegt mich das Zusammensein mit dir. Meike, hast du mir noch etwas von der Liebe bewahrt, die du damals für mich übrig hattest?“ Er legte den Arm um ihre Schultern und wollte sie an sich ziehen.

Verlegen blickte sich Meike in dem Lokal um. Hier, unweit der ,Löwen Apotheke', kannte man sie doch. Sie konnte nicht so vertraut mit einem Mann hier sitzen.

Jürgen erkannte, was sie bewegte. Er lächelte amüsiert.

„Was gehen uns die anderen Leute an, Meike. Sei doch nicht so prüde. Ich kümmere mich um keinen Menschen mehr. Was hinter mir getuschelt wird, ist mir gleichgültig. Aber willst du mir nicht Antwort geben?“

„Ich kann es heute noch nicht, Jürgen.“ Gequält wandte sich Meike ab.

Vielleicht hätte sie gesagt: ja, ich habe dich noch immer lieb, es gab nach dir keinen anderen in meinem Leben. Aber da war plötzlich eine bittende, flehende Frauenstimme — die von Claudias Mutter.

Abrupt stand Meike auf. „Ich muss jetzt leider nach Hause, Jürgen. Mein Vater wartet stets sehr auf mich. Du kannst dir ja denken, wie arm er daran ist, wenn er den ganzen Tag so auf sich allein angewiesen ist. Wo wohnst du überhaupt?“

„Ich habe Glück gehabt und eine Studentenbude in Eppendorf gefunden. Aber jetzt bringe ich dich natürlich nach Hause.“

Sie fuhren miteinander mit der Straßenbahn und dann mit der S-Bahn bis nach Wellingsbüttel.

Jürgen hakte sich auf dem letzten Stück des Weges bei Meike unter. Sie ließ ihn gewähren, doch wohl fühlte sie sich nicht dabei.

„Ich rufe dich in der Apotheke an. Sobald ich etwas Zeit habe, müssen wir uns wiedersehen. Und ganz schön ausgehen wollen wir bald einmal, Meike. Ich bin richtig hungrig danach. Was meinst du, was das für mich bedeutet, mit einer so schönen Frau ein Vergnügen zu erleben. Nun, mit dem Tanzen ist es leider bei mir nicht mehr so gut bestellt, aber wenn du etwas Nachsicht übst, wird es gehen.“

Ja, lebenshungrig klangen seine Worte auch, Meike hörte sie noch, als sie schon längst zur Ruhe gegangen war.

Sie sinnierte darüber nach, warum sie von dieser Begegnung dem Vater genauso nichts erzählt hatte, wie von dem Versprechen, das sie Mara Holsten gegeben hatte.

Es wurde immer mehr, was Meike bedrückte.

Details

Seiten
169
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940343
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v594085

Autor

Zurück

Titel: Zum zweiten Mal verheiratet