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Rebellenritt

2020 204 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Rebellenritt

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Rebellenritt

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 204 Taschenbuchseiten.

 

Rancher Owen Carrol weigert sich, für seine Nachbarn die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Er steht auf dem Standpunkt, dass jeder Rancher selbst dafür sorgen soll, dem Rustlerunwesen Einhalt zu gebieten und sich nicht darauf verlässt, dass ein Aufgebot für ihn reitet. Er glaubt auch, den Mann zu erkennen, der hinter all den Rinderdiebstählen steht, aber er kann es ihm nicht beweisen. Zu viele Spitzel und Spione arbeiten für Dan Valler, den er in Verdacht hat, und Dan Valler ist sein Freund, wenigstens war er es! Die leidenschaftliche Liebe zu einem Mädchen hat sie zu Feinden gemacht. Nach und nach reißt er den zwielichtigen Gestalten um Dan Valler die Maske vom Gesicht, und er tut es auf seine eigene raue und besondere Art. Als schon Owens Nachbarn verzweifelt die Waffen strecken wollen vor dem unsichtbaren und gefährlichen Gegner, reißt Owen das Gesetz des Handelns an sich. In einem dramatischen Endkampf steht er am Schluss Dan Valler nur allein gegenüber, und sein Colt fällt die Entscheidung gegen einen Mann, den er einst seinen Freund genannt hat.

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Warm wehte der Westwind durch die Gassen. Er trug Blütenstaub mit sich und roch nach Harz und Wildnis, nach all den verführerisch herben Düften, die der Indianersommer den Menschen als Abschiedsgruß mit sich brachte.

Bald schon würde die weiße Einsamkeit des Winters über das weite Land fallen, würden Blizzards mit Eis und Schnee die große Starre schaffen, in der es vor Frost klirrte und der Atem schier zu Schneekristallen gefror. Es war die trostlose Zeit, in der in mondhellen Nächten die Wölfe ihren Hunger hinausheulten. Yeah, dann würde sich dieses Land verschließen, und jeder, der sich durch harte Arbeit eine Ranch geschaffen hatte, sich verkriechen wie der Bär in der Höhle zum Winterschlaf.

Aber noch war es nicht soweit, noch nicht!

„Es schwelt unter der Erde“, murmelte Jeff Dorak. „Es ist, als hätte der Boden irgendwo Feuer gefangen, sich entzündet und...“

Er brach ab, schob das doppelstöckige Whiskyglas mit einer heftigen Bewegung weg, und seine Augen wurden dunkel, als sie sich auf den Mann richteten, der sich neben ihn an den Tresen gestellt hatte und schon seit etwa zwei Stunden mit Jeff Dorak, dem Anwalt, fleißig dem Whisky zusprach. Der Bursche stand fest auf den Beinen, als hätte er erst ein Glas von Mike Shermans Feuerwasser, das einem Hals und Magen ausbrannte, hinuntergekippt.

„Du musst dich irren, Jeff“, mischte sich nun Mike Sherman ein, indem er das Spültuch, mit dem er vorher die Gläser ausgewischt hatte, nun dazu benutzte, seine schweißnasse Stirn zu trocknen.

„Yeah, du musst dich irren. Ich habe eine gute Nase und spüre noch keinen Rauch.“

Er lachte glucksend auf, ließ das Tuch fallen und stemmte seine Keulenarme in die fleischigen Hüften, was seine Ähnlichkeit mit einem menschlichen Affen noch mehr herausstellte.

Mike Sherman, das sah man auf den ersten Blick, war ein Mann mit Urinstinkten, in denen viel Grausamkeit steckte. An sein widerlich hässliches Gesicht hatten sich die Männer von Juniston gewöhnt. Sie alle waren zwar selbst keine besonders schönen Erscheinungen, doch an Mikes brutale Art mochte sich der oder jener noch stoßen. Mike indes störte das nicht. Mit einer tiefen, inneren Befriedigung nahm er sich die Gäste vor, die er an die Luft zu setzen wünschte, ohne sich auf einen anderen Mann zu verlassen. Eine verkürzte Schrotflinte und notfalls eine seiner vielen Flaschen gehörten zu seinen Hilfsmitteln hinter der Theke. Aber man musste es ihm lassen, wahre Freude schien es ihm beim Hinausschmeißen nur zu machen, wenn er hierzu nur seine Fäuste gebrauchte.

Nein, Mike Sherman sah nicht anziehend aus. Wer ihn zum ersten Mal sah, war jedoch von seiner Hässlichkeit geradezu erschreckt, doch Mike grinste dann nur, protzte mit seinen Muskelwülsten und schien sich selbst zu gefallen. Mike fühlte sich wohl, wenn er mit nacktem Oberkörper hinter dem Tresen stehen konnte, um seine fellähnlich behaarten Arme und seine Brust den Gästen zu zeigen. Wenn er den breiten, dicklippigen Mund auftat, sah man sein prächtiges Raubtiergebiss mit den großen Eckzähnen. In tiefe Höhlen gebettet, wieselten seine hellblauen Augen flink hin und her, nichts schien ihnen zu entgehen.

„Ich rieche nichts“, brummte er spöttisch. „Aber ich gehöre ja auch nicht zu den Leuten, die das Gras wachsen hören. In Juniston ist es friedlich bis auf einige Burschen, die dann und wann in die Gosse gesetzt werden müssen. In diesem wilden Lande mag es hin und wieder auch mal rau zugehen, aber das heitert auf und erfrischt zugleich. Es wäre ein zu ödes Leben, wenn nicht kleine Abwechslungen die Lebensgeister entflammten, wenn nicht der eine oder andere hin und wieder über die Stränge schlagen würde. Heh, Jeff, du hast zu viel getrunken!“

Der hörte nicht hin, sondern seufzte nur, als stände er unter einem unerhörten Druck. Sicherlich setzte ihm der Alkohol stark zu. Vielleicht machte es ihm Mühe, aufrecht stehenzubleiben.

„Ich bin nur ein Anwalt“, sagte nun Jeff Dorak, wobei er bemüht war, sich gerade aufzurichten, was ihm erstaunlicherweise auch noch gelang. „Ich vertrödle viel Zeit mit Beobachtungen. Aber dir, Mike, ist es wohl entgangen, dass sie bei Sheriff Watson eine außergewöhnliche Versammlung abhalten. Alle Klein- und Großranchers treffen sich dort. Sie wollen ergründen, wie sie den Viehdieben endlich das unsaubere Handwerk legen können. Denn es wird immer schlimmer. Yeah, solange nur dann und wann mal ein Rind von der Weide verschwand, drückte man beide Augen zu. Denn schließlich begannen viele Ranchers ihr Glück mit einem Brenneisen unter dem Sattel. Ich kenne eine Menge Leute, die…“

„Sag es lieber nicht! Gewisse Leute wollen nicht an die alten Zeiten erinnert werden. Sie sind zu stolz und mächtig geworden“, unterbrach ihn rau der Mann neben ihm.

Er war vielleicht eine Idee kleiner als der Anwalt, wirkte aber größer, drahtiger. Er hatte etwas an sich, das ihn mit einem Hauch der Einsamkeit umgab, und dass eine gewisse Schranke vor ihm aufrichtete. Vielleicht rührte es daher, dass Owen Carrol nicht aus dem Norden stammte, wie alle anderen hier, und dass er dem engeren Kontakt lieber auszuweichen schien, als ihn zu suchen. Vielleicht waren diese Ursachen aber auch in dem verlorenen Krieg zu suchen und dem Leid eines Mannes, der darüber nicht hinwegkam. Oder es gab noch andere, verschleierte Gründe, die ihn umgaben wie ein schützender Mantel.

„Man hat dir keine Aufforderung geschickt, Owen, bei der Versammlung dabei zu sein?“, erkundigte sich Jeff Dorak. „Oder hast du ihre Einladung abgeschlagen?“

„Ich war dort“, klang es kühl, fast leidenschaftslos, was augenblicklich wieder die Distanz schuf, die für zwei Stunden zwischen den beiden, sich einander so ähnlich sehenden Männern, verschwunden gewesen war. „Immer das alte Lied. Einige Großranchers werden unruhig, weil die Viehdiebstähle sich mehr und mehr nach unserem Weidegebiet hin verlagern. Sie brüllen und toben, haben aber Angst, das heiße Eisen allein anzufassen und fordern Aufgebote.“

„Und das passt dir nicht, Owen?“

„Nein, jeder soll mit seinen Schwierigkeiten allein fertigwerden. Dort drüben aber wird ein zu großer Kriegsgesang angestimmt. Es ist, als müssten sie sich gegenseitig Mut machen. Diesmal ist es die Angst, die sie gemeinsam in ein Horn blasen lässt, denn es steckt auf der anderen Seite kein Geringerer als…“

„Nenn keine Namen!“, brummte der Anwalt. „Ein altes Sprichwort sagt, dass man den Teufel nicht an die Wand malen soll. Wir wissen alle, wen du meinst. Jetzt begreife ich auch, dass du vorzeitig die Versammlung verlassen hast und dir deinen Ärger hinunterspülen willst. Sicherlich bot dir Watson an, eines der Aufgebote zu führen?“

„Er bot mir die Leitung an“, klang es schroff zurück. „Mein Verzicht hat die Ängstlichen noch furchtsamer und die Feigen noch feiger gemacht. Einige von ihnen verließen die Versammlung, weil sie ihr bisschen Mut verloren, oder weil sie darüber enttäuscht waren, dass ich nicht meine Hand für eine Sache hingebe, die jeder allein austragen sollte. Es sieht so aus, als suchten die Großranchers Dumme, die die schmutzige Arbeit für sie erledigen sollen. Jeff, mir ist übel geworden bei der Geschichte. Ich brauchte einige Drinks. Jetzt habe ich genug davon. Du warst natürlich mein Gast. Hey, Mike, zahlen!“

Er warf einige Dollars auf die Theke, schob das Kleingeld, das ihm Mike zurückgab, in die enge Hosentasche und nickte Jeff Dorak zu.

„Es ist etwas dran an dem Feuerherd unter der Erde“, sagte er, als hinge er seinen Gedanken nach. „Ich habe eine Witterung bekommen. Damit begnüge ich mich vorerst und warte ab. Yeah, das wäre alles!“

„Mit anderen Worten, Owen, du willst zusehen, wenn der Brand offen zutage tritt?“

„Ich lasse mich nicht einspannen. Das Spiel ist alt, aber in diesem Falle zu undurchsichtig. Ich werde nicht stillhalten, wenn jemand über meine Weide kommen sollte, und richtig zurückschlagen. Aber ich sehe nicht ein, warum die Kleinranchers und kleinen Leute für die Großen ins Geschirr gehen sollen.“

„Es ist doch alles ruhig“, knurrte Mike Sherman bissig, „ganz stiller Frieden!“

„Auf deine Betonung lege ich keinen Wert, Mike“, fuhr ihn Owen Carrol scharf an. „Ich kannte jemand, der auch etwas zu sehr herausstellte, um die wahren Tatsachen zu verdecken. Versuche du es überall, nur nicht bei mir!“

Einen Augenblick lang starrten sich die Männer in die Augen.

„Hey, dir ist etwas quer über die Leber gelaufen“, keuchte Mike böse heraus. „Ich suche keinen Streit!“

„Ich bin mir auch klar darüber, weshalb nicht, Mike. Und mach mir nichts vor. Du hast dir unsere erste Begegnung vor zwei Jahren gut gemerkt. Immerzu hast du auf deine Chance gewartet, aber eine Menge Nachrichten haben dich noch vorsichtiger gemacht. Yeah, ich habe dich durchschaut, Mike Sherman, so long!“

Er ging, ein großer, breitschultriger Mann mit schmalen Hüften und leicht gekrümmten Beinen. Leise rasselten die Silbersporen. Zwei Eisen trug er, tiefgeschnallte Waffen, deren Kolben überraschend schlicht, aber schon etwas abgewetzt waren.

Als sich die Schwingtür hinter ihm geschlossen hatte, füllte Mike ein Glas mit dem scharfen Brandy und schüttete ihn, ohne erst das Glas an die Lippen zu nehmen, in den Hals hinein. Hart stellte er dann das Glas auf die Theke zurück.

„Der Boss der H-Gitter-Ranch hat umgeschnallt, ein böses Zeichen, und ich kann solche Zeichen deuten, Anwalt Dorak. Das letzte Mal, als er die Waffen trug, vor zwei Jahren, da kam er hierher und stampfte seine Ranch aus dem Boden. Zwei Jahre lang trug er seine Angelegenheiten mit der Faust aus. Jetzt aber trägt er sie wieder, die 45er Colts ohne Kimme, Korn und Abzug. Er trägt auch seinen alten Stetson von der Rebellenarmee, als wollte er offen herausteilen, dass er anders denkt als wir. Der Teufel mag deinen Freund, Jeff Dorak, holen!“

„So schnell nicht“, grinste Jeff ihn offen an.

„Dich hätte er vor zwei Jahren beinahe in die Hölle geschickt. Du kannst das nicht vergessen!“

„Nein, so lange ich lebe nicht. Den Groll werde ich nicht los, nie!“

„Dann sei nur vorsichtig!“

„Ich weiß nicht, was du an ihm findest. Ich weiß auch nicht, was es ist, dass du ihn und Jack Steele zu deinen Freunden machtest.“

„Das, Mike, wirst du nie begreifen“, grinste der Anwalt und schenkte sich selbst sein Glas voll. „Eine Freundschaft kann man nicht einfach an den Haaren herbeiziehen. Sie wächst von innen heraus. Aber gewiss nicht aus Freundschaft zu dir trinke ich hier dieses fürchterliche Gesöff, sondern weil dein Anblick mir immer wieder neue Rätsel aufgibt und ein Teil der drückenden Langeweile in deiner Nähe mir entschwindet.“

„Hm, Dorak, du hast schon drei Prozesse für mich gewonnen, und doch juckt es mir immer wieder in den Fäusten, wenn ich dich nur sehe.“

„Vielen Dank, Mike, es bestätigt nur genau das, was auch ich für dich empfinde. Aber du weißt genau, wo du stehst, und dass einige Männer für dich nicht erreichbar sind.“

Die offene Art des betrunkenen Anwalts ließ Mike Sherman erbleichen. Seine Faust schmetterte auf den Tresen. Er knurrte Jeff an: „Hey, wir haben keine Zeugen. Du und ich, wir sind allein hier. Wenn du den Rücken kehrtest, könnte ich es probieren, so schätzt du mich doch ein, oder…“

Jeff sah ihn nachdenklich an.

„Yeah, genauso und noch schlimmer. Ich habe oft genug gesehen, wie du unliebsame Gäste behandelt hast. Ich weiß, woran ich mit dir bin, Mike. Aber ich weiß auch, wie man dich immer auf Distanz und in Schach hält. Nur über deine neuen Freundschaften bin ich noch nicht informiert. Aber ich bekomme es heraus.“

„Du kannst mir nichts in die Schuhe schieben. In deiner Schlinge fange ich mich nicht. Mit der rauen Horde der Viehdiebe habe ich nichts zu schaffen. Ich verdiene hier genug und kann meine Ansprüche erfüllen. Du wirst dich in einer anderen Richtung umsehen müssen, Anwalt Dorak. Aber was soll das Geschwätz? Es ist Frieden auf der Weide. Einige Tiere werden dann und wann verschwinden. Es gibt eine Menge kleiner Leute hier, die sich auf den Winter vorbereiten und Rauchfleisch in den Kamin hängen. Es ist doch beinahe zur Tradition geworden, dass man sich zu diesem Zweck das Fleisch von fremden Weiden holt. Kein Grund zur Aufregung. Sheriff Watson hatte immer schon eigenartige Ideen. Er ist zu nervös und überdies zu alt und sieht Gespenster. Bei der nächsten Wahl wird er in den Ruhestand treten. Kennedy wird schon dafür sorgen.“

„Ja, Kennedy wird sicherlich etwas unternehmen“, erwiderte Jeff zweideutig und grinste wieder. Er dachte wohl an Red Kennedy, der Richter und Rancher zugleich war und jetzt sicherlich eine Menge Sorgen haben mochte. Sicher, Kennedy war der mächtigste Mann in der Stadt und auf der Weide, ein stolzer Mann, der nur im Amt zwangsläufig mit jedem sprach, außer Dienst aber von einer selbstgewählten Höhe auf jeden herabsah und erwartete, dass man sich in Demut vor ihm verneigte. Kein angenehmer Zug, aber dafür war er gewissenhaft und sehr genau in seinem Amt. Man konnte sich keinen besseren Richter wünschen.

„Ich habe heute von dir genug, Mike“, murmelte Jeff, dem es langsam schwer wurde, sich noch länger aufrecht zu halten. „Yeah, von diesem ganzen verdammten Nest habe ich genug.“

„Scheinbar erst seit heute Morgen“, klang es hämisch zurück. „Und zwar seit der Stunde, als aus der Postkutsche nur ein einziger Gast ausstieg. Vom Fenster aus habe ich dich beobachtet und gesehen, wie du verteufelt bleich geworden bist und wie gelähmt vor deiner Praxis gestanden hast, Jeff Dorak. Aber die kam nicht deinetwegen!“

Eine eigentümliche Veränderung ging nun mit Jeff vor sich. Seine Mundwinkel zogen sich schief, und sein männlich herbes, gutgeschnittenes Gesicht wurde zur Grimasse. Sein rechter Arm fiel herumter, so als wollte er zum Griff seines Colts langen. Mike Sherman bewegte sich nicht, nur das Hohnleuchten in seinen Augen verschwand und machte einer unbestimmten Angst Platz.

„Du weißt genau, wie schnell ich bin“, sagte der Anwalt mit seltsam deutlicher Betonung. „Du hast das längst herausgefunden, was andere erst mühsam studieren müssen, weil du eine Nase für Schlechtigkeiten hast. Aber so schlecht wie du bin ich noch lange nicht. Wenn ich auch tief sank, bis in dieses Drecknest hinein und meine Nase kaum noch über diesen Dreck hinausheben kann, so habe ich doch noch etwas Anständiges bewahrt, wie lange, das wissen die Götter. Solange das noch in mir ist, schieße ich dich nicht über den Haufen und tue mir Zwang an, solange saufe ich, und wenn ich bis zum Hals unter Alkohol stehen sollte.“

„So lange, bis dieser Rest von Anständigkeit mit dem Alkohol davon schwimmt, nicht? Darin unterscheidest du dich kaum von Dan Valler!“

Hölle, Mike hatte den Namen ausgesprochen, den Namen des Ranchers, der auf einer recht wilden Weide lebte und eine Menge Nachtfalter beschäftigte und immer mehr Revolvermänner einstellte, des Mannes, dessen ungezügelte Wildheit noch einigermaßen in Schranken war, aber eines Tages ausbrechen konnte zum Entsetzen des ganzen Landes. Durch Jeff Doraks schlanke Gestalt ging ein Beben. Seine vom Whisky geröteten Augen waren fest auf Mike gerichtet.

„Dan Valler hätte Präsident der Staaten sein können oder ein Anwalt mit sicherlich viel besseren Zukunftsaussichten als ich. Sein Verstand ist auch nicht von deinem Höllenwasser benebelt worden, und er hat auch keinen Kummer zu ertränken. Er hat einen messerscharfen Verstand und ist groß genug, euch allen die Hosen über den Kopf zu streifen, dass euch Hören und Sehen verginge. Aber nur einer wäre in der Lage, Dan Valler zu trotzen, Owen Carrol! Aber wenn du schon so gut informiert bist, Mike Sherman, dann weißt du auch, in welchem Hotel Judith Landerton abstieg?“

„Nicht nur das, sondern auch, dass sie einzig und allein zurückkam, um nun für immer zu bleiben. Sicherlich wurde sie von den Erinnerungen getrieben. Es ist so, dass eine völlig neue Judith zurückkam, eine große Miss Landerton, die die Welt gesehen hat und ein großes Vermögen machte, eine Judith, die noch schöner, noch begehrenswerter geworden ist, eine Frau, nach der die Cowboys sich die Köpfe verrenken und sich vielleicht vor Eifersucht gegenseitig das Lebenslicht ausblasen werden. Yeah, alle Männer, ob jung oder alt, wird sie in ihren Bann ziehen!“

Er schmatzte genießerisch, leckte sich die aufgeworfenen Lippen, und in seine Augen kam ein sonderbarer Glanz.

„Sie hat nicht nur dich wieder verzaubert. Seit ihrer Ankunft ist mein Saloon leer, lungert die Meute um den Eingang ihres Hotels herum. Es ist, als wären die Männer losgezogen, um eine Königin zu feiern. Manchen wird es zu Hause bitter in den Ohren dröhnen, und mancher wird wie du seinen Kummer zu ertränken suchen. Mir kann es nur recht sein. Ich weiß, dass meine Kasse sich füllen wird. Ich weiß aber auch, dass sie nicht deinetwegen zurückkommt, sondern Owen Carrol sehen will. Nein, sie hat ihn nicht vergessen. Damals zog sie fort, weil sie ihn zu sehr mochte. Nun kam sie wieder, weil sie einsah, dass sie vor ihm nicht davonlaufen kann und die Stimme des Herzens sich nicht täuschen lässt.“

„Du hast ihr einen Song ins Ohr geblasen, wie?“

„Ganz recht. Ich erzählte ihr von deiner Freundschaft mit Owen und der zu Jack Steele, einer Freundschaft, die mir aber nicht so sehr Jack zu gelten scheint, sondern seiner Tochter Karoline. Judith fand das alles reizend, dass du dich mit Owen ausgesöhnt, und dass eure Rivalität zu einer Freundschaft auswuchs. Karoline nannte sie ein kleines Mädchen. Sie kann nicht ahnen, dass ein einziges Jahr eine Frau wunderbar wandeln kann. Sie fürchtet weder dich noch Karoline und ist ganz sicher, dass die Zeit stillgestanden hat und sie wiederbeginnen kann, wo sie einst aufhörte. Anscheinend hat sie vergessen, dass ihretwegen Owen Carrol unzählige Kämpfe, Raufereien, Händel und Revolver-Szenen hatte. Ihr ist es gleichgültig, dass die Frauen von Juniston einen weiten Bogen um sie herum machen und nun durch ihr Erscheinen aufschrecken wie Hennen, die einen Habicht sehen. Sie lachte nur und sagte, dass sie sehr viel erlebt und sogar große Männer vor ihr auf den Knien gelegen haben. Sie sprach davon, dass sie eine Menge Heiratsangebote habe ausschlagen müssen und alle Verträge gelöst hat, dass sie nur eine Sehnsucht hatte, heimzukommen. Oh, ich bewundere diese herrliche Frau. Aber sie steht so turmhoch über mir, dass ich wohl nie eine Chance habe. Aber auch du hast sie nicht!“, fügte er bitter und gehässig hinzu. „Nein, niemand hat diese Chance, keiner von denen, die sich vor ihr neigen und sie anbeten, die wie Motten das Licht umschwirren. Jeden wird dieses Licht verbrennen, nur Owen Carrol nicht.“

„Weiß Dan Valler, dass sie hier ist?“

„Er wird es bald erfahren. Wie ein Lauffeuer spricht sich das herum. Es wird auch in die Versammlung bei Watson dringen und die Gespräche nicht leicht machen. Es wird die Männer erregen und unruhig zum Aufbruch drängen lassen. Man wird für Stunden vergessen, dass man ganz bestimmte Sorgen hat. Ihren Abschluss als Sängerin will Judith Landerton damit krönen, dass sie ein letztes Konzert gibt. Niemand wird sich das entgehen lassen wollen. Ich erinnere mich noch ihres Abschiedskonzertes. Sie hatte eine gute Stimme, und man sagt, dass sie noch besser und vollendeter geworden ist. Nun, wir werden ja hören, denn auch ich lass mir das nicht entgehen und schließe meinen Bau, wenn sie singt. Es wäre gut, wenn wir zusammen gingen, Jeff Dorak.“

„Zum Teufel, warum?“

„Einfach darum, weil ich neutral bin wie du und Owen. Ich möchte das heraussteilen.“

„Warum erwähnst du Jack Steele nicht?“

„Weil ich mehr weiß als du und Owen“, grinste Mike Sherman lässig zurück. „Ein Mann kam vor wenigen Augenblicken und flüsterte mir etwas zu. Ich gebe zu, dass meine Offenheit einem Anwalt gegenüber vielleicht verhängnisvoll werden kann. Doch diese Stadt mit ihrer Geheimniskrämerei will es so, dass sich ein Mann, der etwas auf sich hält, seine Nachrichten durch Agenten beschafft, die er dementsprechend bezahlt. Dass ich hier keinen Namen nenne, wird dir wohl einleuchten.“

„Roll schon dein Lasso aus! Was ist mit Jack Steele?“, fiel ihm Jeff Dorak ungeduldig ins Wort. „Ich weiß, dass er allein in die Stadt kam, denn ich sah ihn, wie er vor dem Gerichtsgebäude seinen Einspänner anhielt. Er kam ohne seinen Vormann, Frau und Tochter und sah sehr erregt aus.“

„Seine Erregung wird sich inzwischen gesteigert haben.“

„Warum, zum Teufel?“

„Weil er auf allgemeinen Beschluss zum Leiter der Aufgebote gewählt wurde.“

„Jack Steele?“, keuchte der Anwalt. Er trat einen Schritt zurück, als könnte er die Nachricht nicht fassen. „Ausgerechnet diesem alten Mann haben sie das Amt übertragen?“

„Er ist der Zuverlässigste“, gab Mike Sherman fest zur Antwort. „Warum nicht er? Nur weil er Owens und dein Freund ist! Er wird diese Sache schon bewältigen und so hart anfassen, wie jeder andere auch. Das muss allgemein die Ansicht sein, denn weder dir noch Owen Carrol konnte man das Amt übertragen. Er hat eine Familie und weiß, was er will und wofür er kämpft. Weder du noch Carrol seid irgendwem verpflichtet. Ihr habt nur für euch selbst zu sorgen. Owen Carrols Mannschaft ist hart genug, um das raue Spiel allein zu schaffen.“

„Sie haben Jack Steele also schwach gemacht, dass er es tut?“

„Yeah, aber erschreckt dich das so sehr?“

„Zum Teufel, man hat seine Anständigkeit ausgenutzt. Er selbst hat nur eine kleine Ranch, nicht viel größer als die H-Gitter von Owen Carrol. Vielleicht stehen auf seiner G-i-Ranch ein paar Rinder mehr. Aber seine Mannschaft ist groß genug, um Ranch und Rinder zu schützen. Was kam ihm nur so quer in den Schädel, dass er sich nun zum Beschützer der großen Ranches aufwirft und sich dabei noch wohl fühlt? Ablehnen hätte er müssen, rundweg ausschlagen, so ein Angebot. Er hätte darauf hinweisen können, dass jeder sich selbst zu schützen habe, und dass es die Sache des Sheriffs sei.“

„Lass den Sheriff aus dem Spiel. Die Sache ist Watson über den Kopf gewachsen.“

„Wenn es so ist, sollte man ihn absetzen und einen neuen Mann ins Spiel bringen, der hart genug seine Wege reiten kann. Man sollte auch nicht herumzögern und warten, etwas zu tun, was zu aller Nutz und Frommen ist. Sherman, eine Frage, wer hat die Versammlung der Genossenschaft einberufen?“

„Red Kennedy!“

„Der Richter?“

„Yeah.“

„Er missbraucht sein Amt, Mike, missbraucht es für private Zwecke. Und das will mir ganz und gar nicht gefallen. Seine Angst vor der Zukunft hat etwas von seinem Stolz genommen, und er startete die Versammlung wohl nur, um seine Netze über die Dummen zu werfen, die für ihn kämpfen, und für ihn die heißen Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Watson ist ein Narr, dass er sich dazu mitreißen ließ, die Versammlung zuwege zu bringen. In dieser Stadt und auf der Weide, Sherman, gibt es einige durchtriebene Füchse. Ich weiß noch nicht genau, wo ich sie suchen kann. Aber ich werde mit meiner Nase nach allen Seiten suchen und wittern, bis mir ein bekannter Geruch in die Nase steigt und dann...“

„Dann...“, schnaubte Sherman höchst gespannt.

Jeff Dorak grinste ihn niederträchtig an.

„Ich mag dich nicht, Mike Sherman, ich werde dich nie mögen und eines Tages ohne Trauer hinter deinem Sarg her schreiten und mir sagen, er zahlte für die Prozesse gut, aber ich habe für einen Strolch die Gesetze verdreht. Er hat jetzt endlich das bekommen, was er herausforderte, einen Brettersarg und ein tiefes Loch, um zu verschwinden, um die Welt endlich von seinem Anblick zu befreien. Wenn mich danach eine Kugel ins Jenseits befördert, hätte ich die größte Genugtuung meines Lebens, und mehr verlange ich nicht.“

„Du lügst!“, schnappte Sherman, hochrot vor Zorn. „Du machst dir selbst etwas vor! Judith Landerton ist es, die du haben möchtest für den Preis deiner Seele, für Himmel und Hölle. Mir machst du nichts vor. Du bist längst nicht mehr so prächtig, wie du vorgibst. Du bist nicht mehr so groß und stehst verdammt schwankend auf den Beinen. Owen weiß sicher nicht, welch zweifelhafter Freund du in Wahrheit bist. Auch Jack Steele weiß das nicht, nur ich, ich allein!“

Im wilden Triumph schrie er es dem anderen, der kalkweiß vor dem Tresen stand, ins Gesicht. Jeff Dorak regte und rührte sich nicht. Seine grauen Augen waren weit offen und strömten eine Kälte aus, die einem Schauer über den Rücken fluten ließen. Sherman spürte, wie etwas Unsichtbares, Drohendes auf ihn zukam, das von dem Manne vor der Theke ausströmte wie das Verhängnis selbst. Aber Jeff Dorak schrie nicht, sondern schwieg. Aber gerade dieses Schweigen war es, das sich in die Nerven hineinfraß wie eine ätzende Säure, die alles zerstörte.

„Zieh niemals wieder über meine Freundschaft mit Owen Carrol und Jack Steele her, nie wieder!“, klang es dann sehr gedehnt und sanft.

Nein, er sprach keine Drohung aus, nichts, was einen erschrecken oder verletzen konnte. Aber doch waren seine Worte eine einzige kalte Warnung. Er zog auch nicht den Colt oder hieb auf den Tresen oder zertrümmerte die angebrochene Whiskyflasche, die vor ihm stand. Er schob nur langsam das Geld dem Saloonbesitzer zu, lachte dabei nicht mal böse, was den Barmann sicher von seinem Druck befreit hätte. Er drehte sich langsam herum und sagte lässig über die Schulter:

„Nun, versuche es, du brauchst dich nur zu bücken. Unter der Theke liegt doch deine Schrotbüchse! Ich käme nicht bis zur Schwingtür, und du wärst eine Sorge los, einen Mitwisser gemeiner Pläne, einen Rechtsverdreher, der deinen Kopf rettete. Du könntest doch einem Toten den Revolver in die Hand drücken und behaupten, in Notwehr gehandelt zu haben. Um die Sache noch echter zu gestalten, könntest du mein Eisen abfeuern, dass die Kugel hinter dir ins Regal schlägt, so dass man sicher glauben muss, ich hätte dich abschießen wollen. Eine Menge Zeit hast du. Aber wenn du dich darum sorgen solltest, dass man hinterher herausbringen würde, dass zuerst deine Büchse und dann mein Colt krachte, so habe keine Angst. Die Leute hören alle nicht gut. Zeugen widersprechen sich. Niemand würde dir etwas antun. Na, nun mach schon!“

Er ging ganz langsam, ohne sich herumzudrehen.

Gekrümmt stand Sherman hinter der Theke, mit kribbelnden Fingerspitzen, in Schweiß gebadet.

„Yeah, ich sollte es tun!“, keuchte er wild.

„Oder hast du Angst, dass ich schneller herumgewirbelt bin und schieße, ehe du abdrücken kannst?“

„By gosh, ich sollte deine Ratschläge befolgen!“, kreischte es hinter dem Anwalt her, der weiter auf die Schwingtür zuging. Er erreichte sie, als Jeff Sherman die Büchse ergriff und hochriss.

Jeff Dorak lachte ein schneidendes, wüstes Lachen, das ebenso geheimnisvoll war wie seine ganze Persönlichkeit. Und Sherman stockte der Atem.

„Nicht so und nicht heute! Ein andermal aber gibt es nicht mehr für dich“, klang Jeff Doraks Stimme zu Sherman hinüber. „Dann werde ich es sein. Nur mit dem Unterschied, dass ich nicht in deinem Rücken zur Waffe greife.“ Seine Ohren waren so scharf, dass er genau gewusst hatte, was Sherman tat. „Ich werde dir Zeit zum Ziehen lassen, natürlich weniger als jetzt. Und nun wirst du über diese Aussichten nachdenken können, so long!“

Und draußen war er. Die Schwingtür pendelte quietschend. Sherman presste den angehaltenen Atem aus und ließ die erhobene Waffe sinken.

„Ich hätte es doch tun sollen“, keuchte er vor sich hin. „Seine Ratschläge waren gut. Er wollte es so haben, um sich nicht selbst töten zu müssen. Yeah, er ist ganz verrückt auf Judith Landerton. Kein Wunder bei seiner Leidenschaftlichkeit. Sie ist in ihm noch stärker entbrannt als vor einem Jahr, als er ihr imponieren wollte. Er führte meine Prozesse nur, um damit eine Menge Geld zu verdienen, womit er sie in den Himmel heben wollte. Aber er hat kein Glück bei ihr, obwohl er zu ihrer Art gehört. Yeah, sie und er sind von der gleichen Art, wenngleich er hier auch erst aus dem Dunkel auftauchte, und sie hier geboren wurde, ist doch kein Unterschied da. Aber sie stoßen sich ab oder verbrennen sich gegenseitig. Ein Narr ist er, ein ganz verrückter Narr!“

Fahrig wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Mike Sherman bebte vor Erregung. Das änderte sich jäh, als sich die Schwingtür durch einen Stiefeltritt abermals öffnete, und ein Mann wie ein Schatten pantherhaft weich eintrat, zur Seite glitt und stehenblieb.

„Komm nur, Dan, wir sind allein!“

„Juniston hat zwei Sensationen: der Aufstand der Ranchers, biederer Bürger und Siedler und die Ankunft von Judith Landerton.“

„Ich weiß, Dan. Aber im Augenblick brauchst du deinen Rücken nicht zu decken.“

Der neue Gast blieb stehen, ohne sich zu rühren. Er war hochgewachsen, ein Mann mit einer dunklen Haut und pechschwarzen Haaren. Aber er hatte dennoch kein Indianerblut in den Adern, obgleich man es leicht annehmen konnte. Nun verzog er den Mund, dass man seine schneeweißen Zähne blitzen sah.

„Einen Tiger sah ich hinausgehen, Mike.“

„Und jetzt bist du hier, um zu wissen, wo seine Sattelgefährten stehen?“

„Es würde mich interessieren.“

„Sie sind neutral, Dan, ganz einfach neutral, wenn man das so sagen darf. Sie stellen sich das ziemlich einfach vor.“

„Umso besser. Ich bin meiner Sache noch nicht sicher genug, um sie alle gegen mich haben zu können.“

„Dann bist du aber schon verdammt weit.“

„Yeah, bis vor dem Höllentor, und ich überlege, ob ich es nicht einfach aufstoßen soll.“

„Dein Besuch bei Judith scheint dir diese Idee eingegeben zu haben, was?“

„Dein winziges Hirn arbeitet erstaunlich schnell. Ich war zufällig Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen dem Oldtimer Steele und Owen Carrol. Steele wollte ihm gerade klarmachen, wie wichtig es ist, wenn man gemeinsam vorgeht und nicht nur allein Beweise suchen würde.“

„Und...?“

„Carrol erwiderte dem alten Mann, dass er sich nicht die Finger verbrennen wollte und auch nicht die Kastanien für andere Leute aus dem Feuer hole. Er tat genau das, wofür du und ich ihn einschätzten. Er sagte, er wisse genau, wann er zu kämpfen habe.“

„Man muss scharf auf ihn achten!“

„Nur zu, doch lasse es dir ja nicht anmerken. Du hast einen zu schlechten Ruf, und bei meinem Verein möchte ich dich nicht haben. Ich habe inzwischen viel frisches Blut aufgenommen.“

„Ein guter Trick, der die Schafsköpfe noch mehr verwirren wird. Lass dir Zeit, Dan. Du wirst mächtig werden. Sie alle werden sich vor dir niederbeugen und bereuen, dass sie dich aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen haben, oder willst du es noch einmal versuchen?“

„Yeah, noch einmal, und alles hängt von Karoline Steele ab.“

„Von Karoline? Ich tippte auf Judith“, staunte Sherman.

„Judith war arm wie ich. Uns verbindet nichts als die Jugenderinnerungen, und die werden vergessen sein, wenn sie herausbekommt, wie ich zu dem wurde, was ich heute bin, und dass ich ein anderer wurde als der, den sie kannte. Judith scheint ihre Arme nach Owen Carrol auszustrecken, soll sie, mir macht das nichts mehr aus. Für mich ist es nur wichtig, ob Karoline Steele ein Herz für mich hat. Das könnte mich und ihren Vater retten, und es würde eine Menge Dinge klarstellen. Noch kann ich frei durch die Straßen gehen, ohne mein Gesicht verbergen zu müssen.“

„Wenn Karoline ja sagt, willst du auf halbem Wege umkehren?“

„Yeah“, klang es mit beißendem Spott. „Ihretwegen bin ich hier. Ich werde sie fragen.“

„Und wenn sie dir einen Korb gibt, Dan? Wenn sie gar nicht daran denkt.“

„Ich habe es noch nicht versucht und will es herausfinden. Außerdem suche ich John McRull. Er treibt sich ohne einen Befehl von mir hier in der Gegend umher. Vielleicht hast du ihn gesehen?“

„Nein, aber wenn ich dich so reden höre, denke ich, dass dein Vormann auf eigene Rechnung etwas gegen Carrol in Szene setzen will. Er würde dir damit querkommen, und das wäre nicht gut für dich. Carrol mit im Spiel bedeutet, dass die andere Seite einen tüchtigen Anführer hätte, der seine Wege gerade zu gehen pflegt mit der Sturheit eines Leitbullen. Solange man ihn noch in Ruhe lässt, wirst du die Schafe scheren können, ohne dass er sich einmischt. Komm ihm vorerst nicht zu nahe. Er ist und bleibt ein verrückter Rebell, der explodiert, wenn man ihm auf die Zehen tritt.“

„Lass nur, eines Tages werde ich ihm schon auf den Füßen stehen, das heißt, wenn Karoline mir die kalte Schulter zeigt. Ich weiß, wie gefährlich dieser Mann ist, aber du scheinst es noch besser zu wissen, Sherman!“

„Jeff Dorak hat mich gewarnt, Dan. Dieser Jeff Dorak ist aber auch einer, den man im Auge behalten muss.“

„Übernimm das! Vielleicht kannst du ihm eines Tages quittieren, was er dir angetan hat. Ich sehe es deiner Nasenspitze an, wie sehr es dich danach treibt, ihm eines Tages alles mit Zins und Zinseszins heimzuzahlen.“

„Ich habe Zeit und Geduld wie du, Dan. Das Spiel läuft, wie du es dir ausgerechnet hattest, genau richtig, und man könnte darüber lachen, wie furchtbar schlau sich diese einfältigen Narren noch vorkommen. Nur bei Owen Carrol habe ich unbestimmte Gefühle, als sehe er hinter die Kulissen und warte nur noch ab.“

„Er wird dabei die beste Zeit versäumen, Sherman!“, schnitt ihm der andere das Wort ab und kam nun erst mit weichen, lautlosen Schritten näher zur Theke hin.

„Ich denke, ich könnte einen Drink oder zwei vertragen.“

Aber auch jetzt vermied er es noch, mit dem Rücken zur Tür stehenzubleiben. Mit einem schiefen Lächeln fuhr er fort: „Heute Abend singt Judith, wirst du hingehen?“

„Ich habe diese schwarzhaarige, temperamentvolle Frau mit ihren Glutaugen nie vergessen können. Manche Nacht habe ich von ihr geträumt.“

„Aber wenn sie dich im Traum gesehen hat, wird sie vermutlich aufgeschrien und sich die Decke über den Kopf gezogen haben. Du hast sie damals arg bedrängt, Mike Sherman, und die Rechnung dafür von diesem Mister Dorak in Empfang genommen. Dorak wird ebenso wie du aus dem Häuschen sein, wie? Hm, da kommt eine Frau heim! Zugegeben, dass sie gut gewachsen und toll aussieht, dass sie graziöser und geschmeidiger ist als sonst die Frauen in Juniston. Das aber bedeutet alles nicht so viel! Man muss sich darüber im Klaren sein, ein Gemisch aus Feuer und Lava, ein Gemisch, das sie triebhaft und unberechenbar macht, das Männer in selige Höhen bringen und in abgrundtiefe Schlünde reißen kann. Eine solche Frau, Sherman, schwebt für dich in den Wolken. Niemals könntest du sie zu dir herabholen und deine Träume Wirklichkeit werden lassen. Nein, eine solche Frau kann man nicht einbrechen wie ein Wildpferd. Die angeborene Wildheit in ihr würde keinen Zwang irgendwelcher Art dulden. Sie würde kein Mittel scheuen, um jegliche Fesseln zu sprengen, und das, Sherman, würde dich bald so zermürben, dass du nur noch ein Schatten deiner selbst sein würdest. Sei nur froh, dass sie dir damals entweichen konnte, und strecke nie wieder deine Hände nach ihr aus! Damals war sie ein kleines Tanzhallenmädchen und noch scheu. Heute aber wird sie dir bei jeder Gelegenheit deutlich machen, wie tief du unter ihr stehst.“

Mike Sherman verzog sein Gesicht zur Grimasse.

„Du schätzt sie sehr hoch ein, Dan.“

„Was soll ich darauf antworten? Ich weiß nur, was in ihr steckt, und dass sie einen starken Willen hat, weiß nur, dass sie herkam, um sich Owen Carrol zu nehmen, ihn zu erobern. Das aber sagt deutlich genug, dass ihr Herz in Flammen steht, dass die Liebe, die Sehnsucht sie zurücktrieb in dieses wilde Land und sie hier ihr Glück finden und halten will. Das bedeutet auch, dass sie vor einem Jahr nicht davonlief vor ihm, sondern dass sie nur ging, um sich zu erproben. Jetzt weiß sie genau, welchen Weg sie gehen will, und sie wird von solcher Leidenschaftlichkeit entflammt sein, die so groß ist, dass sie selbst ihr Leben für Carrol geben würde. — Als ihr Vater noch lebte und in der kleinen Siedlerhütte an seinem schweren Leiden langsam dahinsiechte, habe ich dann und wann etwas von einem Rind hingebracht. Yeah, damals hatte auch ich geglaubt, dass sie mich und ich sie lieben könnte. Aber wir waren wohl zu verschieden. Nicht einmal bekam ich auch nur einen Kuss. Dafür wurden wir aber gute Freunde. Diese Freundschaft blieb auch noch, als ihr Vater gestorben war und sie die kleine Weide und auch das Siedlerhaus verkaufte und als Tanzhallenmädchen arbeitete. Ich konnte ihr manchen Dienst erweisen und allzu lästige Verehrer zur Raison bringen, bis, yeah, bis dieser Rebell aus dem Süden die H-Gitter-Ranch kaufte, sie ihn sah und von ihm so beeindruckt wurde, dass sie vor ihren eigenen Gefühlen floh. Und dann wurde sie groß in der Welt dort draußen, reich, zu einer Lady mit ganz besonderen Reizen. Wenn du sie dir jetzt aus der Nähe anschaust, Sherman, wirst du vor Staunen zur Bildsäule erstarren, und dann wird all dein Blut in Wallung kommen.“

Dan Valler lachte scharf zu Mike Sherman hin, der nervös an der Unterlippe nagte und zwei doppelte Brandys eingoss. Heiser stieß er hervor: „Das Spiel kann beginnen, Dan Valler. Jeder hält seine Karten verdeckt. Wir werden sehen, was dabei herauskommt. Yeah, wir werden es bald wissen!“

 

 

2

„Man kann den Kummer und die Sorgen vergessen“, sagte Owen Carrol langsam und gedehnt. „Man kann vergessen, dass es Indianersommer ist und der Winter vor der Tür steht. Es ist, als ob ein Hauch vom verschwundenen Frühling mit dir kam, Karoline.“

„Oh, wie vielen Frauen hast du schon ähnliche Schmeicheleien gesagt, Owen?“ fragte sie lächelnd, und in ihrer glockenreinen Stimme schwang es hell.

„Oder ist es die besondere Luft heute, die dich zu Komplimenten hinreißt?“

„Ich bin eben ein Träumer, Karoline, ein unverbesserlicher Schwärmer und koste die Stimmungen aus, die mir beschert sind. Ich habe aber auch Augen, die das Schöne zu sehen vermögen, eine Nase, die sich von milden Düften einfangen lässt, und Ohren, die einen besonderen Klang und Wohllaut nicht überhören.“

„Hm, wenn es so ist, wirst du heute noch verzaubert sein, Owen. Sicherlich wird Judith Landerton nur für dich allein singen.“

Er hob den Kopf und sah auf sie hinab. Es war ihm plötzlich, als sähe er sie heute zum ersten Mal deutlich. Drei Monate hatte er sie nicht mehr gesehen, uni jetzt glaubte er in der Tat, zu träumen. Eine jungerblühte Frau stand vor ihm. Ihr helles Haar erinnerte in der Farbe an ein reifes Weizernfeld. Der Sommerwind spielte darin und schuf wundersam leuchtende Reflexe. Große, mandelförmig geschnittene Augen mit langen, dichten Wimpern standen in einem oval geschnittenen liebreizenden Gesicht. Hochgeschwungen wölbten sich die Brauen. Rot leuchtete der Mund wie eine Flamme. Ihre weißen Zähne blitzten wie Perlenschnüre.

„Judith will mich sehen, Karoline. Ich war auf dem Wege zu ihr.“

„Oh, es tut mir leid. Dann habe ich dich nur aufgehalten, Owen!“

„So lasse ich mich gern aufhalten, Kleines!“

„Sage nicht noch einmal Kleines zu mir. Du scheinst wahrhaftig nur zu träumen, denn es müsste dir aufgefallen sein, dass die Menschen älter werden.“

„Wie schade!“

„Sage das nicht, Owen! Ich habe es mir immer gewünscht, einmal erwachsen zu sein.“

„Aber das ist man doch viel zu schnell, Kleines.“

Sie stampfte mit dem Fuß auf und blitzte ihn an.

„Wie lange noch willst du das Kind in mir sehen, alter Mann!“, fuhr sie auf. „Wie lange willst du noch deinen Träumen nachhängen? Alle Cowboys ziehen bereits von weitem den Stetson, wenn sie mir begegnen, nur du hältst es nicht für nötig.“

„Wenn du es so wünschst, werde ich es nicht mehr vergessen.“

„Wirst du mir sagen, ob du mit Dad‘s Aufgebot reitest?“

„Hat dein Vater es dir denn nicht gesagt?“

„Nein, aber du kannst mir die Frage doch besser beantworten!“

„Tut mir leid, Karoline, ich halte mich heraus. Dein Vater hat sich in eine Sache eingelassen, die ihm über den Kopf wachsen wird. Er sollte daran denken, dass er nicht mehr der Jüngste ist, und dass man ihn nur nahm, weil er ein geachteter Mann ist.“

„Dad sieht die Sache anders und nimmt sie sehr ernst. Owen, du solltest dich nicht abseits stellen. Aber diese Entscheidung bleibt dir überlassen. Sicher bist du froh, dass Judith zurückkam. Viele Männer sind darüber froh, wenngleich es auch jeder auf eine andere Weise zeigt. Vor einigen Minuten sah ich Jeff Dorak. Er sah furchtbar grimmig aus und war betrunkener, als es seinem Ansehen guttut. Das wird auf dich und meinen Vater kein gutes Licht werfen. Man weiß zu genau, dass ihr Freunde seid. Ich sah auch Dan Valler. Er war äußerst freundlich zu mir, grüßte überschwänglich höflich und fragte, ob er mich heute Abend einige Minuten vor der Vorstellung sprechen könnte. Ich frage mich, was dieser Wildrancher von mir will.“

„Sicherlich dich zum Tanz führen, Kleines. Nach Judiths Konzert ist Tanz.“

„Ich lasse mich aber nicht von ihm zum Tanz führen!“, brauste sie auf. „Von ihm nicht und von keinem anderen. Mein Vater wird mich ausführen.“

Sie wollte gehen, doch plötzlich schien ihr etwas Besonderes einzufallen.

„Sei vorsichtig, Owen. Dan Vallers Vormann geht von Saloon zu Saloon und trinkt mehr, als für ihn gut ist. Er hat einige Bemerkungen über dich fallen lassen. Es sieht so aus, als wäre er hinter einem bestimmten Skalp her. Vielleicht ist es deiner, und John McRull befindet sich auf dem Kriegspfad.“

„John McRull steckte lange in den Hügeln. Vielleicht irrst du dich, und er kam nur hierher, um etwas Unterhaltung zu haben. Vielleicht hat sich Judiths Konzertansage mit Windeseile über das Land verbreitet. Es ist erstaunlich, dass in diesem Lande nichts verborgen bleiben kann.“

„Zweimal hast du McRull auf seine Größe zurechtgestutzt und ihn wieder laufen lassen. Du hast ihn nicht völlig aus dem Lande gejagt, Owen. Das war dein Fehler. Denn Valler stellte ihn als Vormann seiner revolverschwingenden Brigade ein.“

„Valler ist dir wohl nicht sympathisch, Kleines, was?“

„Ich hasse es, wenn du immer Kleines sagst, und ich hasse Valler, weil hinter seiner hübschen Maske viele Dinge verdeckt sind, die recht Schlimmes ahnen lassen. Wenn er nicht wäre, brauchte Dad sich keine Sorgen zu machen, brauchte es wohl keine Aufgebote zu geben,- die gründlich nachschauen sollen. Warum verhaftet man ihn nicht einfach? Warum tritt niemand vor ihn hin und zwingt ihn zur Wahrheit und dazu, seine Meute zu entlassen? Warum will man nachts reiten und nachschauen? Man weiß doch, wo man zu suchen hat, nur in den Hügeln!“

„Wenn du schon eine genaue Antwort darauf haben willst, Kleines“, lächelte er sie an und freute sich über ihre helle, lichte Erscheinung, an der Frische ihres unverdorbenen Wesens, „so sind es verschiedene Gründe. Erstens haben wir einen Sheriff, der allmählich alt und grau in seinem langen Dienst wurde und lieber in Ruhe auf seine Pension wartet, als einer heißen Sache entschlossen entgegenzutreten. Zweitens ducken sich die Großranchers und sind zu feige, ihre Angelegenheiten selbst zu bereinigen. Sie schreien Mord und Brand und Hilfe, so dass einige Dumme für sie in die Sättel klettern. Drittens kann man einen Mann nur dann überführen, wenn man ihn bei der Tat ertappt. Viertens sind alle die Burschen, die nach Hilfe schreien, früher ähnlich wie Dan Valler geritten über nächtliche Weiden, die ihnen nicht gehörten, und schwangen ihre Lassos über Rinder, die einen fremden Brand-Stempel trugen. Die meisten Ranchers waren erst Wildranchers, ehe sie ehrbar wurden. Auf jedem lastet ein dunkler Fleck aus der Vergangenheit. Nun schreien sie nach Ehrlichkeit und Recht, obwohl sie selbst unehrlich begannen. Sie schreien nach Rache, obwohl es ihnen höchst unlieb wäre, wenn aus der Vergangenheit die Rache auf sie zukommen würde. Solange Dan Valler sich an seine kleinen Aktionen hält und den Rahmen nicht sprengt, ist es lächerlich, sich so zu gebärden, wie man es jetzt tut.“

Ihre Augen wurden nachdenklich. Ernst sah sie ihn an.

„Wenn man über deine Weiden kommt, was dann?“

„Dann werde ich nicht um Hilfe schreien. Ich erledige meine Angelegenheiten, wie sie erledigt werden müssen, Karoline!“

„Du fühlst dich wohl besonders stark, Owen?“ Ein leichter, verhaltener Spott war in ihrer Stimme. Sie kam noch näher heran, stand nun dicht vor ihm. Ihre Augen funkelten und leuchteten.

By Gosh, yeah, man sollte beim Betrachten eines schönen Mädchens nicht ernsthafte Dinge und solche Themen besprechen, wenn sie auch ein Kind der Weide war und wusste, wie gewisse Dinge ihre Kreise schlugen. Sie hatte aber auch beobachtet, dass Owen Carrol recht tief geschnallte Eisen trug, jene Waffen, die er vom Süden her ins Land gebracht hatte, als er damals die H-Gitter-Ranch kaufte und eine harte Mannschaft einstellte. Karoline tat aber so, als übersehe sie die drohend nach außen gerichteten Kolben der schwarzen Waffen. Sie forschte ihn mit lächelndem Spott aus, den man ihr nicht einmal übelnehmen konnte.

„Jeder ist so stark, wie es seine Wachsamkeit und seine Colts zulassen, Karoline.“

„Dann ist aber Richter Kennedy nicht besonders stark, Owen“, spöttelte sie. „In der Versammlung, hat er am lautesten geklagt und vor Empörung gebrüllt, dass ihm in der letzten Nacht einige Dutzend Rinder von der Weide getrieben worden sein. Ebenso benahm sich auch der Großrancher Belson von der Doppelkreuz. Belson aber scheint ein Mann zu sein, den du und auch Dad mögen. Kam er noch nicht zu dir?“

„Nein!“

„Dann wird er es noch tun. Ich gehe jetzt, Owen. Habe noch einige Einkäufe zu machen. Heute Abend sehen wir uns doch?“

„Gewiss, alles was laufen kann, wird in der Stadt sein.“

Sie lächelte ihm noch einmal zu und ging. Ihr schönes, buntes Sommerkleid umschmeichelte ihre hochgewachsene, wunderbare Gestalt. Einer nordischen Göttin glich sie, einer jener Lichtgestalten, die die Nacht aufhellen und die dunkelsten Schatten vertreiben können. Er sah ihr nach, bis sie im Eingang eines Stores untertauchte, dann wurde er vor dem Gerichtsgebäude vom Richter Red Kennedy aufgehalten. By gosh, nicht jedem erteilte der Richter die Ehre, sich zu ihm hinzubemühen. Dass er es tat, war ein Beweis dafür, wie hoch er Carrol einschätzte.

„Sie haben vorzeitig die Genossenschaftsversammlung verlassen, Carrol! Es wäre gut, wenn Sie das Problem noch einmal überdenken würden. Ich erwarte, dass Sie mir dann einen Bescheid zukommen lassen.“

„Sie haben eine Menge Reiter auf Ihrer Ranch, die dafür sorgen könnten, dass Ihr Kummer nicht zu groß wird, Mister Kennedy.“

„Carrol!“, mischte sich nun auch Belson ein, der hinzugetreten war, „warum verdammen Sie uns Großranchers?“

„Davon kann keine Rede sein!“

„Es wird bald die Zeit kommen, wo es keine Neutralen mehr gibt. Es wäre bitter, wenn man erkennen würde, dass Sie auf der anderen Seite des Zaunes stehen.“

„Mister Belson, Ihre Herden sind ständig gewachsen, und trotzdem haben Sie Cowboys entlassen. Wie ich hörte, beschäftigen Sie nur noch drei Mann. Stellen Sie neue ein! Es gibt genug gute Jungen, die für Sie reiten würden!“

„Wenn die Sorgen mich erdrücken sollten, komme ich zu Ihnen und lass mir Cowboys empfehlen. Aber ich denke, dass die neue Lösung mir recht geben wird. Außerdem frage ich mich, warum ich nicht sparen sollte, wo doch gerade meine Weiden so günstig liegen, dass drei Reiter sie bewachen können.“

„Yeah, Sie haben Ihr Spiel selbst in der Hand und müssen wissen, ob Ihre Trümpfe stark genug sind, Belson.“

„Es ist nicht Geiz, was mich dazu veranlasste, meine Mannschaft zu verkleinern, andererseits sehe ich aber auch nicht ein, weshalb ich mein gutes Geld verschwenden sollte, Carrol. Aber vergessen Sie nicht, dass viele Leute Sie beobachten und sich nach Ihrer Haltung richten. Vergessen Sie das nicht!“

Belson nickte ihm und dem Richter kurz zu und ging dann, wie von schweren Sorgen bedrückt davon.

Der Richter lächelte schief. Sein so arrogantes Gesicht verzog sich spöttisch. Langsam strich er sich über die ergrauten Schläfenhaare, eine Geste, die er unbewusst in seiner Verlegenheit ausführte.

„Es kommt langsam auf uns zu, Carrol“, murmelte er, „von Tag zu Tag mehr. Wir können nicht untätig zusehen. Man muss im Gegenteil sofort und richtig zuschlagen. Das ist meine Devise, und sie wird richtig sein. Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf diese Weise den Ausbruch eines richtigen Weidekrieges verhindert habe.“

„Dann kommt es nicht auf mich an, Mister Kennedy.“

„Seien Sie doch nicht so stur, Carrol, auf jeden kommt es an, auf jeden Mann. Aber Sie haben es wohl eilig, wie?“

Owen Carrols Unruhe war ihm nicht entgangen. Er trat zur Seite, um Owen den Weg freizugeben. Dabei sagte er: „Was passt Ihnen eigentlich nicht, Carrol?“

„Verschiedenes, Richter!“

„So, und was, zum Beispiel?“

„Dass man meinem alten Freund Jack Steele die ganze Verantwortung auf die Schultern bürdete.“

„Hm, und was sonst noch?“

„Später, später sage ich es Ihnen. Yeah, wenn es dann noch für Sie wichtig ist. Im Augenblick sehe ich verschiedenes noch nicht klar genug. Sie werden sich also gedulden müssen. So long, Mister Kennedy!“

Etwas verwirrt sah ihm der Richter nach, hob die Schultern an und zog die Augen schmal. Er drehte sich dann brüsk ab und steuerte auf das Stadthaus zu. Dabei murmelte er leise vor sich hin: „Er denkt nur an diese Judith Landerton. Yeah, solche Weiber können einem Mann schon arg zusetzen. Es ist ein wahrer Jammer, wenn ein guter Mann seinen Verstand verliert, ein Jammer ist das!“

Owen Carrol hörte es nicht mehr. Gewiss hätte er darüber nur lächeln können. Er ging nun ganz langsam auf das Diamond-Hotel zu, so, als müsse er bei jedem weiteren Schritt Bilder aus der Vergangenheit heraufbeschwören. Unter seinen Stiefelsohlen hob sich der Staub der Fahrbahn wie im Sonnenlicht flimmerndes Gold. Leise klirrten seine Sporen. Owen war vertieft in diese Bilder der Vergangenheit, die ihm wie ein Traum erschienen, verschwommen und unklar, als wollten sie sich weiter und weiter entfernen.

Hatte sie ein Recht, ihn zu rufen? — Yeah, zum Teufel, yeah! Er erinnerte sich an den Tag des Abschieds, an jene beseligende Dämmerstunde, in der sie in seinen Armen gelegen, er ihre Küsse getrunken hatte und die Glut der Sinne über sie zusammenschlagen wollte wie eine helllodernde Flamme, die sich selbst verzehren musste. Yeah, so war sie, eine Frau voller Hingabe, eine Frau, die einem Manne die traurige Einsamkeit für kurze Zeit vertreiben konnte, aber auch eine Frau, deren Klugheit sie davor zurückhielt, das Rätsel seines Wesens ganz lösen zu wollen. Denn dieses Rätsel war ein Teil seines Ichs. War es das, warum sie fortgegangen war? War es auch der Grund dafür, dass sie nun in die Heimat zurückkehrte?

Er wusste es nicht, machte sich auch keine weiteren Gedanken darum, fragte sich nur, weshalb sich gerade in diesem Augenblick das lichte Bild Karoline Steeles so stark in seine Gedanken drängte.

Der alte Mann hinter dem Schreibpult erkannte ihn gleich und zwinkerte ihm zu, als fühlte er sich ganz besonders mit Owen Caxrol vertraut. Doch der zweite Mann, der im Hintergrund an einem niedrigen Tisch hockte, ließ Owen stehenbleiben, als hätte ihn eine eiskalte Hand berührt. John McRull war es, der ihn ansah und auch wieder nicht, weil seine Augen durch Owen hindurch zu blicken schienen wie durch eine Glaswand. Er saß nur still da und schaute hinüber. Kein tiefer Atemzug, keine Drohung, kein Anzeichen irgendwelcher Erregung zeigte dieser dunkle Mann, dessen rüge Gestalt im Halbdunkel eher massig wirkte.

„Wenn du deinen Boss suchst, McRull, findest du ihn bei Mike Sherman“, sagte Owen langsam.

McRull bewegte sich nicht.

„In dieser zugigen Halle wirst du dich erkälten, McRull!“

„Du suchst Streit, Carrol?“

„Ich leide es nicht, wenn man hinter mir her spioniert. Sage das Valler!“

„Oh, er war schon vor dir bei Judith Landerton. Vielleicht waren aber auch noch andere Männer vor dir bei ihr, und nach dir werden sicher noch andere kommen!“

„Steh auf!“ Hart, grollend, befehlend, stieß es Owen heraus. „Los, steh auf und troll dich. Und merk dir, in meiner Gegenwart wirst du nie wieder einer Lady etwas Übles nachsagen!“

„Ich dachte mir doch gleich, dass du ein Narr geblieben bist und dich groß aufspielen wirst“, klang es kalt zurück. „Schnalle ab und dann versuche doch, die Stiegen zu ihr hinaufzukommen. Vielleicht gelingt es dir, aber dann nur mit einem anderen Gesicht! Es kann aber auch sein, dass es dir nicht gelingt, und dann, wenn sie herunterkommt und sich über dich beugt, erkennt sie dich möglicherweise nicht mehr wieder. Carrol, ich hätte dich eben niederschießen können, als du vom Hellen hereinkamst. Ich tat es nicht, will dafür aber jetzt diese Gegenchance, ist das klar?“

By Gosh, yeah, wie einfach das doch alles war. Ein kräftiger, bulliger Kerl hatte ihm eine Chance gelassen und forderte jetzt seine Chance, den Faustkampf! Der alte Mann hinter dem Pult stand ganz steif und vergaß, den Federkiel in die Tinte zu tauchen.

McRull schaute immer noch wie unbeteiligt herüber. Breit, schwer und massig saß er da und wartete. Eine sture Gewalttätigkeit ging von ihm aus. Man sah es an seiner niedrigen Stirn, dem ausladend breiten Kinn und den tückischen, kleinen Augen. Yeah, er hätte ein Verwandter von Mike Sherman sein können. Nur fehlte ihm wie Sherman das bullige Äußere.

„Valler hat es so haben wollen?“, erkundigte sich Owen leichthin, als spräche er über das Wetter.

„Lass Dan Valler aus dem Spiel. Er hat nichts damit zu tun, das weißt du genau! Ich war lange genug in den Hügeln, um über meine letzte Niederlage gegen dich nachzudenken. Dann kam mir dieser Einfall, und er ist gut, wie du zugeben musst. Ich bekam eben heraus, dass deine Crew nicht in der Stadt ist, aber Judith Landerton. Mehr war nicht nötig. Es hat sich alles so entwickelt, wie ich vorausdachte. Ich brauchte keinen Befehl, um zu reiten. Yeah, Carrol, die Überraschung ist immer die beste Waffe. Für mich hatte es keinen Sinn, dich durch mein Erscheinen hier und dort zu beunruhigen. Der Tanz ist leichter, wenn man ihn entschlossen sogleich beginnt. Ich will es endgültig wissen.“

„Du hast dir aber einen schlechten Tag ausgesucht, McRull“, erwiderte Owen sanft. „Und ganz gegen deine Gewohnheit kein Publikum.“

„Das mit dem Publikum hat mir genug Kummer bereitet und mir schlaflose Nächte geschaffen. Zweimal schon hast du Glück gehabt. Zweimal war es ein Kampf, der offen ließ, wer der schnellere und stärkere von uns beiden ist. Ich sage es noch mal, niemand brauchte mich gegen dich anzusetzen. Aber wofür reden wir noch lange? Beginnen wir!“

Als er aufstand, kippte der Stuhl hinter ihm zu Roden. Im nächsten Augenblick lag sein Waffengurt mit dem schweren Colt daneben. Der Alte am Pult kam gerade noch dazu, die Feder wegzulegen und sich zu ducken, als auch schon Owen Carrol fertig zum Kampf war und McRull mit einem explosiven Angriff begann, und zwar so, dass er mit einem gewaltigen Tritt den Tisch vor sich gegen Owen schleuderte, dass der nur noch eben mit einem schnellen Satz zur Seite springen konnte. Der Tisch prallte gegen die nächste Säule, zersplitterte und barst, fiel in Stücken auseinander.

McRull, der hinter dem Tisch hergesprungen war, hieb zu, und abermals entging Owen dem mit wilden Faustschlägen eingeleiteten Angriff durch eine schnelle Körperdrehung. Aber die Faust des anderen streifte ihn so scharf, dass seine Wange höllisch brannte und sogleich heftig zu bluten begann. So kam es, dass Owen in einen der Schläge hineintaumelte, der ihn zu Boden gehen ließ. Dabei rollte er schnell hintenüber, stieß seine Beine hoch und hob den bulligen Angreifer so plötzlich aus dem Stand, dass er über ihn hinweg einen Salto schlug, zu Boden krachte, dass der Staub nur so von den Dielenbrettern hochwirbelte. Beide kamen sie wieder fast zur gleichen Zeit auf die Beine. Owen war von einem kalten Zorn erfasst, einem Zorn aus den Urtieren seines Ichs, der ihn schier zu ersticken drohte. Es war ein Zorn, von dem er sich nur durch einen Angriff befreien konnte.

Er warf sich vor, schlug die erhobene Deckung McRulls nieder, traf und spürte zugleich, wie er getroffen wurde. Aber das entfachte seinen Zorn nur noch mehr, ließ ihn ohne Rücksicht auf die eigenen Schmerzen kämpfen. Er hörte erst auf, als McRull vor ihm auf die Knie brach und sein Kopf hin und her taumelte, seine Augen sich verdrehten. Yeah, jetzt erst wieder schien er zu sich zu kommen, aus einem schrecklichen Zustand zu erwachen. Mit hängenden Fäusten stand er vor McRull, keuchte ihn an: „Raus!“

„Ja, raus mit dir!“, klang von der Schwingtür her eine befehlende Stimme. „Raus, McRull, oder du bleibst mit einer Kugel im Kopf auf der Strecke!“

McRull wandte mühsam den Kopf zur Tür hin und erkannte seinen Boss, der breitbeinig dort stand und eine Hand auf dem Kolben seines Colts liegen hatte. McRull stieß einen Grunzlaut aus.

„Carrol, tut mir leid, dass dieser Bursche es mit Ihnen versuchte. Seine eigene Sturheit treibt ihn zu solchen Versuchen. Er muss immer und immer wieder einen vor den Kopf bekommen, bis er begreift, was er sich Zutrauen kann.“

„Von mir aber nicht wieder! Das nächste Mal wird es nämlich nicht mehr die Faust, sondern eine Kugel sein“, wandte sich Owen, der sich schnell erholt zu haben schien, an Dan Valler.

„Er wird es nicht mehr versuchen. Ich selbst würde ihm eine Kugel schicken. Los, raus mit dir jetzt, John! Mit deinem sturen Kopf kannst du keine Wände einrennen. Du hast es gehört: Versuche es nie wieder! Ich würde dich aus den Stiefeln holen!“

McRull erhob sich schwankend und starrte seinen Boss seltsam an, wankte dann an beiden Männern und dem Alten hinter dem Pult vorbei ins Freie. Einen Augenblick später hörte man den eiligen Hufschlag seines Pferdes.

„Man hat schon sein Kreuz mit ihm“, sagte Dan Valler ruhig. „Jetzt verstehe ich auch, warum er sich immer wieder Munition kaufte und weit in den Hügeln seine Schießübungen machte. Er wird dir aber nicht mehr ins Gehege kommen, Carrol, dafür sorge ich. Mein Wort darauf!“

Ohne eine Entgegnung darauf abzuwarten, drehte er sich um und verschwand ebenso lautlos, wie er aufgetaucht war.

„Oh, Owen!“, klang es da von der Balustrade herab. „Ich dachte mir gleich, dass du es bist. Es ist genau wie vor einem Jahr, und du bist der gleiche geblieben. Komm herauf, ich habe dich erwartet.“

Judith Landerton stand gebeugt und blickte zu ihm hinab.

Als er aufschaute, blickte er in zwei dunkle, mandelförmig geschnittene Augen voller Glut, in ein olivenfarbenes, glattes Gesicht, in dem ein verführerischer Mund lockte. Yeah, schöner, reifer war sie geworden, von einer tief beeindruckenden Schönheit und einem Wuchs, der durch das enganliegende Kleid mit dem weiten Ausschnitt vorteilhaft betont wurde. Jeder Zoll an ihr war königlieh, musste Sehnsüchte und viele Wünsche erwecken. In ihrer Hand aber blitzte ein kleiner Ring.

„Ich hätte McRull einfach niedergeschossen“, flammte sie auf. „Oh, ich hätte nie geduldet, dass er dir das gleiche antun würde, was er mit Jim Bones und Tom Ander gemacht hat. Ich habe nichts vergessen!“

Sie eilte die Stufen hinab, als könnte sie nicht erwarten, dass sie zu ihm käme, schreckte aber zusammen, als sie seine Verletzung sah. Dann betastete sie mit ihrer Hand sein Gesicht.

Er ließ es geschehen. War es nicht, als wäre die Zeit stillgestanden, als wäre ein ganzes Jahr ausgelöscht?

„Judith, damals wollte ich dich zurückholen, aber mein Stolz ließ es nicht zu. Ich fragte mich, warum du fortgelaufen bist.“

Sie stand noch eine Stufe höher als er, doch war er so groß, dass sie sich in die Augen sehen konnten. Ihre Hand, die über seine Wange getastet hatte, zog sich sofort zurück, als hätte sie etwas Heißes berührt.

„Muss ich dir das sagen, Owen?“

„Um es zu hören, kam ich her.“

„Weil ich mich prüfen wollte!“

„Und...?“

„Ich tat es und musste zurückkommen.“

„Nur um abermals weiterzuziehen?“

„Nicht mehr! Das ist vorbei! Ich kaufe ein gutes Haus hier in der Stadt und eröffne einen Saloon. Vielleicht aber habe ich auch ganz andere Pläne. Es kommt auf dich an.“

„Ein Jahr ist keine zu lange Zeit.“

„Nicht für uns beide, Owen.“

„Hm, ich weiß nicht recht.“

„Du wirst es aber bald wissen, oder du weißt es schon und hast noch Furcht vor der Wahrheit.“

„Es wäre besser gewesen, wenn unsere Trennung für immer gewesen wäre, Judith. Es gab viel Leid damals und viele Kämpfe. In diesem einen Jahr hat sich vieles verändert. Damals konnte ein Mann wie Dan Valler noch einer meiner Freunde sein.“

„Weil er für mich eintrat und dir beistand?“, unterbrach sie ihn. „Dan Valler war auch schon bei mir gewesen. Wir stellten beide fest, dass die alte Freundschaft zwischen uns noch bestand. Bei ihm war es nur Freundschaft, doch bei dir, Owen...“

„Was meinst du?“

„Bei uns sollte es mehr, sollte es Liebe sein! Ja, ich sage es dir offen, Owen! Ich liebe dich und weiß es jetzt ganz sicher. Nur darum kam ich zurück, um es dir zu sagen. Zwischen Valler und mir aber war niemals etwas Ernsthaftes. Er beschützte mich damals, heute kann ich es selbst tun. Ich habe vieles erfahren müssen und dabei allerlei gelernt. Es traten viele Männer in mein Leben. Ich wusste jedoch, dass es nur einen Mann für mich gab und dass ich heim musste. Nun bin ich hier und sehe dich.“

„Verändert, Judith?“

„Ich weiß nicht. Der Kampf in der Halle glich verschiedenen früheren Ereignissen. Aber wenn ich in deine Augen schaue, werde ich unsicher. Ich war immer unsicher mit dir, Owen. Vielleicht kann nur eine Frau dich von deinem einsamen Berg herunterholen?“

„Glaubst du tatsächlich daran?“

„Vielleicht! Ich werde es immer und immer wieder versuchen. Gerade jetzt, wo du einsamer dastehst als je zuvor. Ich habe schon einiges gehört und frage mich, warum Valler nicht mehr zu deinen Freunden zählt. Damals habt ihr euch doch gut verstanden!“

„Du hast aber doch eben gehört, dass er meine Sache zu der seinen machte mit McRull!“

„Ich habe es zwar gehört und auch gesehen, und doch, etwas steht zwischen euch. Ich fühle es. Kalt wie Eis ist es, und es kommt auf euch zu, aber nicht nur auf euch, sondern auf alle Menschen in der Stadt und auf der Weide. Irgendwie seid ihr alle verändert. Man sieht es euch zwar nicht an, es steht auch nicht auf euren Gesichtern geschrieben, aber man spürt es. Es ist wie die Stimmung kurz vor einem Gewitter. Das Erschreckende daran aber ist, dass ich diesmal keinen Einfluss habe und nichts tun kann. Ein Jahr steht dazwischen. Du hast schon recht. Ich werde auf dich warten müssen.“

 

 

3

In ihrem Zimmer wischte Judith ihm das Blut von der Wange. Er ließ es geschehen, nahm keinen Blick von ihr. Beide schwiegen, waren wohl zu sehr in ihre eigenen Gedanken versunken. Nach einer Pause fragte sie: „Du wirst doch meine Vorstellung besuchen?“ Owen hatte sich erhoben, um zu gehen. Ruhig antwortete er: „Sicher, ein solches Ereignis wird sich niemand entgehen lassen wollen. Überall, wo Menschen versuchen, so etwas wie einen Staat zu schaffen, bauen sie sich auch gesellschaftliche Verpflichtungen auf. Hm, man wird sich rasieren und ein sauberes Hemd überziehen. Aber all das wird nichts daran ändern können, dass die Luft vor Spannung vibriert.“

„Ich habe verschiedenes gehört und weiß, dass es einige Männer gibt, die sich heraushalten und neutral bleiben wollen. Ich freue mich, dass du deine kühle Überlegung bewahrt hast, Owen. Trotzdem, es sieht so aus, als wollte man gewisse Leute zwischen zwei Feuer bekommen.“

„Seit heute weiß ich es auch. Ich werde aber meine Augen offenhalten.“

„Dan Valler ist sicher nicht über all das informiert, was sein raues Rudel treibt, und nicht jedem kann er Zügel anlegen.“

„Gewiss nicht! Demgemäß trat er auch auf“, murmelt Owen bitter. „Noch glaube ich ihm auch, dass er nichts mit dem Vorfall von vorhin zu tun hat. Sollte es anders sein, wüsste ich, wie ich handeln müsste. Immerhin bleibt die Tatsache bestehen, dass es Leute gibt, die es auf meinen Skalp abgesehen haben.“

„Solche Leute wirst du immer wieder anziehen, Owen. Auch vor einem Jahr kamen schnelle Männer her geritten, von weither, nur, um dich einmal schießen zu sehen. In einem Jahr hast du dich verwandelt und scheinst noch einsamer irgendwo fern zu stehen. John McRull wird sich mit der Abfuhr nicht zufriedengeben. Immer wieder wird er sein Glück bei dir versuchen, ob es ihm Dan Valler verbot oder nicht. Er wird erst Ruhe haben, wenn er dich besiegt hat. John McRull ist ein Mann, der sich gern daran erinnert, dass er der Vormann einer rauen Crew ist, eines Rudels, in dem Männer stehen wie Andy Bain, Tom Salwig und Steve Dottery. Diese Männer aber stehen hinter ihm und wissen, dass du nicht von deiner Crew deinen Rücken stärken lässt, dass dein Stolz es ablehnt, um Hilfe zu rufen und deine Männer in die Sättel zu bringen. Alle wissen, dass du deinen Boys eher einen Dämpfer aufsetzt, als dass du sie für dich reiten lässt. Jeder kennt jeden, und jeder weiß, was er ungefähr von dem anderen zu erwarten hat. Wenn das auch nicht hundertprozentig stimmen mag, so stehst du aber praktisch allein, und das dünkt mich, ist das Schrecklichste bei der ganzen Sache.“

„Weil jeder mit dem anderen durch unsichtbare Fäden verbunden ist, Judith? Das aber wird wohl immer so sein solange Menschen leben. Nur die wenigsten haben darüber nachgedacht und fühlen sich wer weiß wie erhaben und unabhängig. Die raue Wirklichkeit ist anders, und das scheint mir gut zu sein.“

„Du sprichst das aus, was mir auf dem Herzen drückt, Owen. Mir ist, als hätte ein messerscharfer Verstand dieses Spiel so aufgezogen, als hätte er vorher in jedes Mannes Herz wie in einem offenen Buch gelesen. Nur darum stehst du auf der neutralen Seite, nur du, dein Freund Dorak zählt nicht. Er hat keine Ranch und keine Crew, keine Rinder, die er verlieren könnte. Er hat eigentlich nur den Whisky, und eines Tages wird der es sein, der ihn entnervt und haltlos machen wird wie den Doc, den man nur betrunken sieht. Er wird sein genaues Abbild sein, und man wird sich von ihm abwenden und zur Seite schauen, wenn er über die Straße geht. Dein anderer Freund, Steele, hat sich eine große Verantwortung aufbürden lassen. Ich frage mich, was dich mit dem alten Manne verbindet.“

„Vielleicht zieht mich seine Tochter besonders an, Judith.“

„Karoline? Oh, sie ist doch erst 19 Jahre alt, denke ich, also fast ein Kind noch. Sie wird einmal werden wie ihre Mutter, eine kühle, in sich verschlossene Frau. Du aber würdest bei einer solchen Frau innerlich erkalten. Du musst eine Frau an deiner Seite haben, die niemals fragt, wohin du gehst und wann du kommst. Sie muss immer für dich da sein und deine Kummerfalten zu glätten versuchen. Diese Frau muss glücklich sein, wenn du kommst, und lachen, wenn du sie in die Arme nimmst. Sie muss darüber hinwegsehen, wenn du sie auch zerbrichst. Sie muss ertragen, dass sie dich nie ganz erobern kann.“

Sanft schob sie Owen aus ihrem Zimmer hinaus auf den Flur.

„Ich kann warten, Cowboy aus dem Süden, geliebter Rebell. Ich weiß sogar, dass ich gerade jetzt warten muss. Und so überlasse ich es dir, wiederzukommen, wann es dir passt und recht ist. Ich werde für dich da sein.“

„Wir sehen uns nach deiner Vorstellung, Judith“, war alles, was er herausbrachte. Dann ging er. Hinter ihm zog sie die Tür leise zu. Der Mann hinter dem Stehpult aber blinzelte verständnisvoll zu Owen hin, so, als wollte er andeuten, dass auch er einmal ein ziemlicher Herzensbrecher gewesen war. Schon wieder machte er sich mit seinem Federkiel zu schaffen, wenn es auch nichts zu schreiben gab.

Obwohl es draußen ruhig war, erkannte Owen dennoch gewisse Veränderungen. Einige Männer standen in kleinen Gruppen beieinander. Sie trugen frische Wäsche, ihren Sonntagsanzug und waren sauber rasiert. Von Stunde zu Stunde würden mehr leichte Wagen und Reiter in die Stadt kommen. Bis zur Dämmerung waren es noch gut vier Stunden. Einige Ranchers waren gleich nach der Versammlung abgefahren, um die Frauen herbeizuholen. Nur ein einzelner Mann lief noch struppig und ungepflegt umher, der Doc. Er aber war in seinem normalen Zustand, nämlich bis zum Halse voll Brandy. Es war seltsam, dass dieser Mann nur in dieser Verfassung kühne Reden schwingen und seine Praxis führen konnte. Nüchtern war dieser Mann geradezu hilflos und verstört, schüchtern und linkisch.

Sorgfältig betrachtete Owen alle Gesichter ringsum. Alle waren sie ihm vertraut. Jeder kannte hier jeden, kannte seine Eigenarten und seine Verhältnisse. Cowboys verschiedener Ranches, so die von der „Schüppenstdel“, der „Doppelkreuz“, der G-i-Ranch von Steele, standen beisammen, lachten und plauderten. Wenn man diese Burschen so sah, konnte man glauben, dass es tiefster Frieden war, und doch würden bald Männer aus diesen Gruppen aus dem Sattel sinken.

Den alten Steele sah Owen nur flüchtig in seiner Kutsche vorbeirollen. Steele, seine Frau und Tochter grüßten herüber. Sicherlich sprachen Mutter und Tochter von ihm und Judith. In dieser Stadt blieb einfach nichts verborgen. Die Frauen hatten wieder mal ein neues Thema, nämlich sein Verhältnis zu Judith Landerton.

Ein bitteres Gefühl stieg in ihm auf. Klatsch, dass wusste er, fand überall seinen Nährboden und würde immer in der menschlichen Gesellschaft Unheil anrichten wie eine schleichende Krankheit. So kühl war wiederum auch Miss Steele nicht, dass es ihr gleich sein konnte, was man über ihn und Judith erzählte.

„Du siehst, dass die alte Geschichte wahr ist, Karoline.“

„Ich habe es gesehen, Mutter, er war bei ihr.“

„Dann wirst du auch die Konsequenzen ziehen. Es gibt genug andere Männer. Du brauchst nur mit der Hand zu winken und kannst wählen, wenn es an der Zeit ist. Auch ich hatte eine Jugendliebe und bin frei davongekommen. Man muss im Leben den Dingen klar ins Auge schauen, und später kannst du darüber sogar lächeln. Bei deinem Vater habe ich es immer gutgehabt. Noch ist es Zeit, Karoline, noch stand nichts Ernstes zwischen euch. Nein, mir ist nicht entgangen, dass er dich gern anschaut, so wie du ihn. Ich meine, dass seine Freundschaft mit Vater nur auf dich zurückzuführen ist. Denn wenn er ein richtiger Freund wäre, würde er jetzt, da es um etwas Großes geht, nicht zurückschrecken und mit Dad bei den Aufgeboten reiten.“

„Mama, da muss sich jeder selbst entscheiden. Jeder hat das Recht, es zu tun. Warum erkennst du das nicht an?“

„Weil gerade er ein Mann ist, auf den viele sehen und es gerade deshalb auf ihn ankommt.“ Sie ging nicht auf die Worte ihrer Mutter ein, sagte: „Er hatte eine Schramme im Gesicht.“

„Oh, ich habe ihn eigentlich nie anders gesehen als mit irgendeiner Verletzung. Und diese Schramme war so frisch wie die Beulen, die McRulls Gesicht noch hässlicher machten. Hast du es nicht gesehen, als er an uns vorbeiritt? — Du beobachtest Owen Carrol wohl immer noch?“

„Ja, er reitet aus der Stadt, Mama.“

„Hm, er reitet oft, viel zu oft allein und auf einsamen Wegen. Nicht einmal dein Vater, der doch zu seinen unmittelbaren Freunden zählt, weiß so recht, was ihn dazu treibt. Er ist ebenso sonderbar und verrückt wie dieser Jeff Dorak. Ich frage mich oft, was deinen Vater dazu veranlasste, sich gerade solche Freunde anzuschaffen. Im Country gibt es viele achtbare und gute Männer, die besser zu uns passen würden.“

„Die Kennedys, Mam?“

„Yeah, die meine ich. Red ist Richter und Großrancher. So alt ist er nicht, um nicht seine Hand nach dem schönsten Mädchen ausstrecken zu können.“

„Er ist noch älter als Dad!“

„Darüber könnte man hinwegsehen, Darling. Vernunftehen waren immer noch die sichersten.“

„Ich könnte so etwas nicht!“

„Weil du zu viel Blut von deinem Vater in dir hast, Kind. Es braucht ja nicht gerade Kennedy zu sein. Aber ich denke da auch an Bill Hollery.“

„Er ist zu geizig.“

„Geiz schafft Reichtum, Mädel! Er wird es noch zu etwas Großartigem bringen. Jim Belson ist auch nicht zu verachten. Seine Doppelkreuz-Ranch ist die zweitgrößte im Lande.“

„Jim ist ein Spaßvogel. Auch er gehört zu dem erweiterten Freundeskreis von Dad, Dorak und

Owen Carrol. Ja, die Auswahl wird immer geringer.“

„Wenn schon! Ich würde lieber einer Heirat mit diesem Anwalt Jeff Dorak zustimmen, als mein Mädel von diesem wüsten Carrol ausführen zu lassen.“

„Mama, Jeff liebt aber doch Judith Landerton. Ohne diese unglückselige Liebe wäre er wirklich in Betracht zu ziehen.“

„Versuche nicht, mich zu verspotten, Kind!“, wies die Mutter Karoline zurecht. „Wir werden schon den richtigen Mann für dich finden. Aber du kannst dir noch Zeit lassen. Du bist jung und hübsch, und wir sind nicht unvermögend. Wir werden dich jedenfalls standesgemäß verheiraten.“

„So wie man auch dich verheiratete, Mama?“

„Yeah, und nicht anders!“ Das kam klar und deutlich.

Karoline zuckte schaudernd zusammen und sah ihre Mutter betroffen von der Seite an. Jetzt, nach so vielen Jahren, erkannte sie erst die Gefühlskälte der Frau, die ihre Mutter war und die scheinbar nur eine Interessengemeinschaft mit ihrem Vater hatte, nichts weiter! Nein, kein schwingendes Gefühl, das eine gute Ehe zusammenkittete, gab es hier. Jetzt erst begriff sie, dass im Leben ihres Vaters immer etwas gefehlt hatte und dass er sich in sich zurückzog, nachdem er keine andere Ausflucht gefunden hatte. Wie arm an Gefühl war doch diese Gemeinschaft zwischen ihren Eltern gewesen, und wäre nicht die warme Güte des Vaters, so hätte ihre Jugend gewiss keinen so fröhlichen Glanz gehabt. Nein, sie würde selbst wählen, wenn es an der Zeit war, und fest in ihrem Herzen stand das Idealbild eines Mannes auf so starkem Sockel, dass es nicht einmal die mütterliche Macht hinwegfegen konnte.

Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch, als der Vater die Pferde anhielt, die Zügel geschickt um den Peitschenknauf wickelte, den Schlag öffnete und der Mutter zuvorkommend aus der Kutsche half. Karoline lächelte, als sie sah, wie ihre Mutter bemüht war, das kostbare Spitzenkleid zusammen zu raffen, dass es nicht am engen Wagenschlag einriss. Karoline selbst sprang aus der Kutsche zum Entsetzen der Mutter, die das Schlimmste für das fast neue Kleid von Karoline befürchtete.

Yeah, noch einmal schien aller Farbenprunk in den Kleidern der Frauen aufzuleuchten an diesem herrlichen Spätsommertag. Es war, als wetteiferten sie mit dem leuchtenden Rot der Heckenrosen in den Vorgärten, mit dem ruhigen Gelb der Sonnenblumen. Die Männer indes wirkten dagegen fahl und steif, als ob sie sich nicht recht wohl fühlten in den hochgeschlossenen Hemdkragen und den breiten Krawatten darum.

Jack Steele geleitete seine Frauen in das vorher bestellte Hotelzimmer, das eigentlich immer für die Steeles reserviert war, wenn sie sich in der Stadt aufhielten.

Vom Fenster aus sah Karoline, wie Jim Belsons drei Cowboys angeritten kamen. Drei uralte Oldtimer waren es, die Jim von seiner einst so starken Mannschaft behalten hatte. Es sprach für Jim, dass er diese Alten in Arbeit und Brot gelassen hatte und nur die jüngeren von der Lohnliste gestrichen hatte.

Hinter den drei Alten kam ein Dutzend fremder Reiter in die Stadt. Sie kamen ganz langsam dahergeritten.

„Fremde!“, stieß Jack Steele durch die Zähne. „Mir passt das nicht. Es sieht ganz so aus, als hätte sie jemand zur Bewachung geschickt. Ihre Pferde tragen keine Brandzeichen, und das passt mir auch nicht. Ich könnte darauf schwören, dass sie nur spionieren wollen, oder aber...“ Er schluckte, brach ab, hieb die Faust in die hohle Hand. „Ich denke, dass ich noch einiges zu tun habe.“

„Jetzt?“

„Yeah, sofort!“

„Bitte, verschiebe das, Jack!“, forderte seine Frau herrisch.

„Jenny, es tut mir leid, aber mir fiel gerade ein, dass gerade heute viele Ranches von ihren Mannschaften entblößt sind, und gerade das wäre ein Fressen für gewisse Leute. Ich habe eine Aufgabe übernommen.“

Details

Seiten
204
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940275
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v593462
Schlagworte
rebellenritt

Autor

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Titel: Rebellenritt