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Carringo und die Strandräuber

2020 125 Seiten

Zusammenfassung


Hampton Lester, ein Ex-Colonel, wird im Auftrag von Andrew Hilton entführt. Hilton befürchtet, dass Lester etwas über das Halcon-Canyon-Massaker ausplaudert, das Carringo entlasten könnte. Carringo und Chaco, das Halbblut, sind auf der Suche nach dem entführten Ex-Colonel. Als sie auf eine neue Spur stoßen, ahnen sie noch nicht, wie gefährlich diese für sie sein wird ...

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die Strandräuber

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und die Strandräuber

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Hampton Lester, ein Ex-Colonel, wird im Auftrag von Andrew Hilton entführt. Hilton befürchtet, dass Lester etwas über das Halcon-Canyon-Massaker ausplaudert, das Carringo entlasten könnte. Carringo und Chaco, das Halbblut, sind auf der Suche nach dem entführten Ex-Colonel. Als sie auf eine neue Spur stoßen, ahnen sie noch nicht, wie gefährlich diese für sie sein wird ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - sucht verzweifelt nach dem gekidnappten Ex-Colonel Hampton Lester und stößt in ein Wespennest.

Chaco - verliert beim Pokerspiel und ist nicht zu erschüttern.

Mahon Tabor - muss erkennen, dass nicht alle Menschen bestechlich sind.

Hampton Lester - Ex-Colonel, hat nichts weiter als Verachtung für den früheren Zahlmeister von Fort Calhoun übrig.

Jim Draper - jagte früher Wale mit der Harpune und verflucht die neu modischen Harpunenkanonen.

Dick Dempsey - erfährt immer rechtzeitig, wann ein reicher Fang auf die Klippen von Cliff Corner gelockt werden kann.

Fletcher Gerret - rebelliert gegen Dick Dempsey und wird furchtbar bestraft.

 

1

Carringo und Chaco zügelten ihre Pferde. Hinter ihnen sank die Sonne. Vom mexikanischen Golf her wehte ein starker Wind. Das nie verstummende Rauschen und Tosen der Wellen erfüllte die Luft. Über der zerklüfteten Felsenküste, die sich meilenweit hinzog, kreisten Seevögel. Ihre gellenden Schreie übertönten zeitweilig das Donnern der Wellen, die gegen die nahen Klippen brandeten.

Einsam in der schroffen Felslandschaft stand die Kutsche. Die Deichsel lag traurig auf dem Boden. Der Wagenaufbau hing schief in der Federung. Ein Seitenschlag hatte sich geöffnet und wurde vom Wind bewegt, genau wie die schwarzen Vorhänge vor den Fenstern.

Es war die Kutsche, mit der am gestrigen Vormittag Mahon Tabor, der mächtige Vertreter der Hilton Company, den ehemaligen Kommandanten von Fort Calhoun, Colonel Hampton Lester, aus Corpus Christi entführt hatte. Das war in dem Moment geschehen, als dieser gerade das Schiff verlassen hatte, mit dem er nach einem langjährigen Europa Aufenthalt aus England zurückgekehrt war.

Tabor war Carringo zuvorgekommen. Wieder einmal.

Das Land vor den Männern wirkte abweisend, feindlich, unwirtlich. Und menschenleer.

Als sie langsam auf die Kutsche zuritten, blinkte es plötzlich zwischen den Felsen neben der Kutsche auf. Carringo handelte blitzschnell. Er warf sich zur Seite, stieß Chaco aus dem Sattel und stürzte selbst hart zu Boden. Da krachten schon in rasendem Stakkato Karabinerschüsse. Das Echo der Detonationen brach sich an der Steilküste. Die Pferde der Männer stoben auseinander, und Carringo hielt bereits seinen Colt in der Rechten, während das Halbblut sich neben ihm aufrichtete und im Zickzack zu einem mannshohen Felsblock lief. Pulverdampf wogte hinter ihm auf.

Carringo hastete geduckt und hakenschlagend auf die Steilküste zu. Blei umsirrte ihn mit tödlichem Gluthauch. Kugeln schlugen in den felsigen Boden, rissen Gesteinssplitter hoch und pfiffen mit schrillen Dissonanzen davon. Er feuerte im Laufen, kaum gezielt, nur um Luft zu bekommen. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Chaco sich hinter dem Felsblock in Deckung warf.

Einen Atemzug später hatte auch Carringo es geschafft. Mit einem letzten Satz brachte er sich in Sicherheit. Der Steilküste war ein Gürtel von zerklüfteten Felsbrocken vorgelagert. Auf dem rauen, von Geröll übersäten Boden rollte Carringo sich ab und kroch auf den nächstbesten Felsbrocken zu. Ein wütender Bleihagel fauchte über ihn weg.

Chacos Colt stimmte mit dumpfem Krachen in das Peitschen der Karabinerschüsse ein. Das Feuer der heimtückischen Angreifer geriet ins Stocken.

Carringo nahm den Hut ab, packte ihn an der Krempe und ließ ihn über die Gesteinsbrocken hinwegsegeln. Der uralte Trick klappte. Zwei, drei Kugeln ließen den Hut Kapriolen schlagen. Die Kerle, die bei der Kutsche im Hinterhalt lauerten, schienen nicht zur ersten Garnitur zu gehören.

Chaco reagierte blitzschnell auf den Überrumpelungsversuch des Freundes. Der Colt des Halbbluts donnerte unvermittelt in rasender Reihenfolge. Er musste in der Zwischenzeit nachgeladen haben.

Carringo stieß seinen Revolver an der schrägen Kante des Felsbrockens vorbei. Haargenau im richtigen Moment. Ein Mündungsblitz zuckte in dem Gesteinswirrwarr neben der Kutsche auf. Carringo brauchte nur einen Sekundenbruchteil, um anzuvisieren und zu feuern. Ein gellender Schrei hallte über das Land, übertönte selbst den Nachhall der Schüsse und das Kreischen der Seevögel. Hinter den Felsbrocken bei der Kutsche schraubte sich eine verkrampfte Gestalt hoch.

Der Todesschrei des Mannes brach ab. Für einen Moment war sein schmerzverzerrtes Gesicht zu sehen, als er sich um die eigene Achse drehte und dann nach hinten kippte.

Stille kehrte ein. Nur noch das heisere Geschrei der Möwen und das Toben der Brandung, die tief unten über schroffe Klippen donnerte und gegen die Steilküste anrannte, waren zu hören.

Plötzlich schlugen Stiefelabsätze auf den Fels. Sofort darauf krachten erneute Karabinerschüsse. Doch die Kugeln lagen viel zu hoch. Chacos Colt antwortete wummernd. Carringo nutzte den Feuerschutz, sprang auf und stürmte geduckt los, auf die Kutsche zu.

Der Mann hatte höchstens zwanzig Schritte Vorsprung. Wie von Furien gehetzt, versuchte er, das Weite zu gewinnen. Im Laufen drehte er sich immer wieder um und feuerte den Winchesterkarabiner aus der Hüfte ab. Er trug einen breitkrempigen mexikanischen Sombrero und gekreuzte Patronengurte über den Schultern.

Im Schutz der Kutsche holte Carringo rasch auf. Er sah, wie der Mexikaner in Revolverschussweite hinter einem mächtigen Felsblock verschwand.

Urplötzlich tauchte der Mann wieder auf. Er hockte im Sattel eines struppigen kleinen Pferdes und feuerte wie wahnsinnig. Die Mündungsblitze seines Karabiners jagten sich, gingen ineinander über.

Carringo musste sich zu Boden werfen. Noch im Fallen schoss er. Dennoch geriet er in arge Bedrängnis. Die Kugeln sirrten bedrohlich nahe über ihn weg. Er spürte den sengenden Luftzug des Bleies im Nacken. Chaco griff ein. Er konnte nicht anders. denn er sah den Freund in höchster Gefahr. Zweimal, dreimal krachte sein Colt.

Chaco hatte das Feuer eingestellt und lief jetzt ebenfalls zur Kutsche. Sofort stürmte Carringo weiter, an der dem Meer abgewandten Seite der Kutsche entlang. Wieder gab ihm Chaco Feuerschutz. Hakenschlagend jagte Carringo auf den riesigen Felsblock zu.

Der Mexikaner stieß einen Schrei aus. Während des rasenden Galopps wurde sein Körper von der Wucht der Einschüsse durchgeschüttelt. Die Winchester wurde ihm aus den Händen gerissen. Dann kippte er aus dem Sattel und blieb mit dem rechten Stiefel im Steigbügel hängen. Fast fünfzig Yards wurde er mitgeschleift, ehe das Pferd stehenblieb.

Carringo rappelte sich auf. Chaco war bereits zur Stelle, um nach dem Mann zu sehen, den es zuerst zwischen den Felsbrocken erwischt hatte. Währenddessen lief Carringo zu dem struppigen grauen Pferd. Er löste den Stiefel des Mexikaners aus dem Steigbügel. Das Pferd trabte davon. Hinter dem Felsblock tauchte nun ein zweites Pferd auf. Die beiden Tiere entfernten sich und waren kurz darauf außer Sichtweite.

Ein Blick genügte Carringo, um festzustellen, dass für den Mexikaner jede Hilfe umsonst war. War er nicht schon durch Chacos Kugeln getötet worden, so hatte es ihn spätestens dann erwischt, als er sich den Schädel auf dem felsigen Boden eingeschlagen hatte.

Resignierend wandte sich Carringo ab. Chaco ging ihm entgegen, ließ bedauernd die Arme hängen.

„Der Mann redet nicht mehr“, sagte er leise.

„Auch ein Mexikaner?“, fragte Carringo.

Chaco nickte.

Wortlos begannen die beiden Männer, nach Spuren zu suchen. Carringo machte Chaco keinen Vorwurf. Er hatte nicht anders handeln können. Carringo wäre sonst vermutlich von den Kugeln des fliehenden Mexikaners durchsiebt worden. Der Tod der beiden drittklassigen Revolverschwinger erschwerte die Lage jedoch beträchtlich. Es gab keine Möglichkeit, herauszufinden, wer die Kerle beauftragt hatte, Carringo und Chaco zu erledigen.

Während Chaco versuchte, eine Fährte aufzustöbern, nahm sich Carringo zunächst die Kutsche vor. Aber der Innenraum des schwarzen Fahrzeugs war leer. Es gab nicht den geringsten Hinweis, nicht einmal Dreckspuren von den Stiefeln der Männer, die auf den gepolsterten Bänken gesessen hatten. Auch die Gespannpferde waren nirgendwo in der Umgebung aufzufinden..

Chaco kehrte zurück. Seine harten Gesichtszüge spiegelten die Bitterkeit, die er empfand.

„Nichts“, sagte er, „der Boden ist zu hart. Da drüben“, er deutete landeinwärts, „gibt es zwar stellenweise Sandboden. Es könnte sein, dass sie dort ihre Spuren sorgfältig verwischt haben. Ich bin mir nicht sicher.“

Carringo klopfte ihm auf die Schulter. Wenn es Chaco nicht gelang, eine Fährte aufzunehmen, dann gelang es niemandem. Das Halbblut besaß die überragenden Fähigkeiten seiner indianischen Vorfahren, auch die winzigsten Hinweise zu entdecken einen Kratzer im Fels, einen zerbröckelten Stein, von Hufeisen verursacht. Wenn Chaco hier nichts dergleichen gefunden hatte, so bedeutete das, dass es wirklich keine Spuren gab. Unmöglich also, den Weg zu erkunden, den Mahon Tabor und seine Gehilfen mit Colonel Lester eingeschlagen hatten.

Carringo sah ein, das er zu große Hoffnungen gehegt hatte. Nach dem niederschmetternden Geschehen bei der Ankunft des Dampfers aus England hatte Carringo fest damit gerechnet, Tabors Vorsprung rasch einzuholen. Es war Tabor geglückt, den pensionierten Colonel vom Kai weg zu entführen. Die beiden Freunde hatten sofort die Verfolgung aufgenommen. Doch sie kannten das Land am Golf von Mexiko nicht. Und sie waren gezwungen gewesen, sich nach der anfangs noch deutlich erkennbaren Fährte zu richten. Dann war es immer schwieriger geworden, der Spur zu folgen. Und der Vorsprung Tabors hatte sich rasch vergrößert.

Eine bittere Bilanz für Carringo.

Ohne Zweifel hatte Mahon Tabor die Entführung besser vorbereitet, als es ausgesehen hatte. Der Hinterhalt bei der leeren Kutsche ließ darauf schließen, dass Tabor in der Gegend Helfer angeheuert hatte. Womöglich nutzte er sogar die Dienste eines Freundes, der Revolvermänner auf seiner Lohnliste hatte. Die beiden toten Mexikaner ließen diesen Schluss immerhin zu.

Jenes Ziel, das Carringo vor Augen gehabt hatte, verlor sich von Neuem in enttäuschender Ferne. Colonel Hampton Lester, früherer Kommandant von Fort Calhoun, kannte die Hintergründe des Halcon-Canyon-Massakers. Wenn Lester sein jahrelanges Schweigen brach und sich nicht mehr vor die Armee stellte, konnte Carringo ohne Zweifel mit seiner endgültigen Rehabilitierung rechnen. Doch Lesters Wissen konnte vielen mächtigen Leuten gefährlich werden - insbesondere der Hilton Company. Carringo wusste, dass es nicht leicht werden würde, den Ex-Colonel aus den Fängen der Hilton-Killer zu befreien. Zudem konnte Carringo nicht einmal ahnen, was Mahon Tabor mit dem pensionierten Offizier vorhatte. Andrew Hilton war es zuzutrauen, dass er Hampton Lester kaltblütig aus dem Weg räumen ließ. Die Zeit drängte für Carringo. Jede Stunde, ja, jede Minute wurde kostbar.

Doch vorher gab es nur eine Möglichkeit. Carringo und Chaco blieb nichts anderes übrig, als nach Corpus Christi zurückzukehren. Dort mussten sie versuchen, mit Jefferson Lester, dem Sohn des Ex-Colonels, ins Gespräch zu kommen. Der junge Lester war bei der Entführung seines Vaters durch eine Revolverkugel Tabors verwundet worden. Außerdem hatten Carringo und Chaco einen guten Verbündeten in Corpus Christi: Jim Draper, einen alten Walfänger, den sie kennengelernt hatten, als sie sich auf die Ankunft Hampton Lesters vorbereiteten. Draper musste ihnen Informationen über dieses Land liefern. Bestimmt kannte er sich in der Gegend aus. Und sicherlich wusste er, wer in diesem rauen Land dafür in Frage kam, eine zwielichtige Aktion wie die Entführung des Ex-Colonels zu unterstützen.

Carringo und Chaco befanden sich östlich von Corpus Christi. Das Land an der Küste war wild zerklüftet, karg und unwirtlich. Ein kahler Gesteinsgürtel, der sich in bedrückender Ödheit an den steil abfallenden Felswänden der Golfküste entlangzog. Nichts deutete darauf hin, dass es hier eine menschliche Ansiedlung gab. Raue, eisige Winde fauchten vom Meer her über das Land. Weit und breit gab es nur nackte Felsen, die weiter landeinwärts in eine karge, fast vegetationslose Steppe übergingen. Es war sinnlos, hier auf eigene Faust zu suchen, ohne den geringsten Anhaltspunkt. Carringo und Chaco riefen ihre Pferde und schwangen sich in die Sättel. Wildcat schnaubte erfreut. Während der Tage in Corpus Christi hatte der Rapphengst seinen Herrn lange vermisst.

Die beiden Freunde verschwendeten keine Zeit. Sie konnten es schaffen, noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder in der Hafenstadt zu sein.

 

 

2

Finstere Wolkenbänke jagten sich am Himmel. Orkanböen tobten, peitschten Wellen haushoch empor und rissen die Wolken immer wieder auf. Fahle Streifen von Mondlicht huschten zuckend über das Land. Doch im nächsten Moment wurde die Dunkelheit wieder zu einer unendlichen, dichten schwarzen Decke. Nur die weißen Schaumkronen auf den mächtigen Wogen des Meeres waren zu sehen, und die schäumende Gischt der Fluten, die sich brüllend an den Klippen brachen und mit nur wenig verringerter Kraft gegen die Steilküste brandeten. Die Böen packten die Gischt, rissen feuchte Schleier heraus, die wie feiner Regen gegen die Felswand gepeitscht wurden.

Durch das Wüten des Unwetters wurden neue Geräusche hörbar, die nicht den entfesselten Naturgewalten entstammten.

Eisenbeschlagene Räder rumpelten über den felsigen Boden. Hufe von Maultieren trappelten in unregelmäßigem Takt. Peitschen knallten und wurden begleitet von dumpf fluchenden Männerstimmen. Die Ledergeschirre knarrten kaum hörbar. Langsam näherten sich die Geräusche der Küste. Die blassen Fetzen des Mondlichts huschten über dunkelgekleidete, vermummte Gestalten, die auf Maultieren und auf den Kutschböcken der offenen Kastenwagen hockten. Vornübergebeugt, mit schützenden Tüchern vor den Gesichtern, kämpften die Männer gegen den Sturm an. Der an der Spitze deutete mit ausgestrecktem Arm voraus, auf die weißen Schaumkronen der Meereswogen. Seine dumpfen Worte wurden vom Sturm weggerissen. Dennoch hatten die anderen Männer verstanden. Sie lachten hohl. Über den Maskentüchern blitzten ihre Augen voll tückischer Vorfreude.

Das Brüllen der Brandung wurde lauter. Wagen und Maultiere beschrieben einen Bogen und bewegten sich parallel zur Steilküste. Unvermittelt reckte der Anführer den Arm hoch. Die geheimnisvolle Kolonne stoppte. Die Männer an der Spitze saßen ab und folgten dem Anführer, der sich über etwas beugte, das am Boden zu liegen schien. Doch wegen der zerklüfteten Felsbrocken und der Dunkelheit ließ es sich nur aus allernächster Nähe erkennen.

Einer der Männer lief los, holte eine Sturmlaterne vom vordersten Wagen und kehrte damit zurück. Im Windschatten eines Felsblocks gelang es ihm, den Docht der Laterne anzuzünden und das Glas herunterzuklappen, bevor eine Bö die kleine Flamme wieder ausblasen konnte.

Im flackernden Lichtschein wurde das wachsbleiche, bärtige Gesicht eines Mannes erkennbar. Gebrochene Augen starrten zum nachtschwarzen Himmel. Über der Brust des Toten kreuzten sich breite Patronengurte mit Winchestermunition. Ein Teil der Lederschlaufen war leer.

Die Vermummten wechselten bedeutungsvolle Blicke. Kurz darauf hatte sich ihre Vermutung bestätigt. Ein Stück landeinwärts wurde auch der zweite Mexikaner gefunden. Ratlos sahen sich die Männer an. Der Sturm ließ ihre schwarzen Regenmäntel flattern, die Hüte wurden von Kinnriemen gehalten. Auch der Anführer konnte sich keinen Reim darauf bilden, was der Fund der Leichen zu bedeuten hatte. Der Grund für den Tod der Mexikaner schien rätselhaft, während ihre Identität indessen festzustehen schien. Mit Gesten deutete der Anführer an. die Toten vorerst liegenzulassen.

Reiter und Wagen setzten ihren Weg fort. Erst dann, nach wenigen Yards, sahen sie die schwarze Kutsche, die offenbar von Orkanböen auf die Seite geworfen worden war. Der Sturm griff in die Speichen der Räder und drehte sie, als wollte er mit ihnen spielen.

Die Vermummten hielten sich hier nur kurz auf, denn es war rasch festzustellen, dass die Kutsche leer war. Was die verlassene Kutsche zu bedeuten hatte, war den Männern allerdings noch rätselhafter als der Tod der beiden Mexikaner.

Nach etwa zweihundert Yards wurde der felsige Boden abschüssig. Es folgte eine ausgedehnte Mulde, die zum Meer hin abflachte und in einen canyonähnlichen Felsspalt mündete. Der Spalt war gerade breit genug, um die Wagen hindurchzulassen und sah aus, als sei er mit einer gigantischen Axt in die Steilküste gehauen worden. Die senkrechten Felswände öffneten sich zu einem Stück Strand, das eben ausreichte, um die Wagen wenden zu lassen. Der Strand wurde umsäumt von schroffen Klippen, die der Steilküste vorgelagert waren und sich weit hinaus in die Fluten fortsetzten. Die Ausläufer der Brandung schäumten bis über die Klippen an der kleinen Strandfläche hinweg. Nachdem die Wagen mit den Heckklappen zum Meer aufgestellt waren, wurden die hölzernen Aufbauten schon bald durch Gischtspritzer von Feuchtigkeit überzogen.

Wegen des ohrenbetäubenden Brüllens der Brandung konnten sich die Männer hier nur noch durch Handzeichen verständigen. Wagen und Kutscher blieben zurück, als die Vermummten auf den Maultieren wieder zur Steilküste hinaufritten. Sie erreichten eine Felsenbucht, die durch mannshohe Gesteinsblöcke halbwegs windgeschützt war. In der Bucht lag knorriges, trockenes Treibholz, das zu einem riesigen Scheiterhaufen aufgeschichtet war.

Der Anführer gab ein kurzes Zeichen. Zwei seiner Komplizen saßen ab und lösten die Blechkanister, die sie auf den Rücken ihrer Maultiere festgeschnallt hatten. Hastig gossen sie den Inhalt der Kanister ringsherum über die untersten Holzscheite. Petroleumgeruch breitete sich aus. Während die beiden mit den Kanistern noch an der Arbeit waren, begannen die anderen schon, Streichhölzer anzureißen. Gelbliche Flammen loderten auf, strahlten jähe Hitze aus und fanden rasche Nahrung in dem morschen, rissigen Holz. Die Böen, die über die Felsblöcke hinweg in den Scheiterhaufen fauchten, taten ein Übriges, um das Feuer anzufachen.

Schon nach wenigen Minuten hatten die gierig züngelnden Flammen die oberen Holzscheite erfasst. Gelblich rote Glut verbreitete zunehmende Hitze. Die Männer mussten zurückweichen. Noch einen Moment starrten sie wie gebannt in das Feuer, das mittlerweile haushoch loderte, weit über die oberen Felsenränder der Bucht hinaus.

Die Vermummten wandten sich ab, hasteten zu ihren Maultieren und schwangen sich auf die Rücken der struppigen kleinen Reittiere. Hinter ihnen leuchtete das Feuer wie eine riesige Fackel, die vom Wind zu immer intensiverer Helligkeit angefacht wurde. Unten in dem Felsspalt, der einem Canyon glich, ließen die Männer ihre Maultiere zurück, nicht ohne sie sorgfältig anzuleinen. Der Anführer, der durch seine bullige, hünenhafte Statur auffiel, lief als Erster zu den Wagen und brüllte Befehle, die im Toben der Brandung untergingen. Doch die Kutscher verstanden auch so.

Sie gaben die Waffen heraus, die auf den Ladeflächen unter wasserdichtem Ölzeug verstaut waren. Winchesterkarabiner, einschüssige Perkussionsgewehre, schwere Colt Revolver und Kavalleriesäbel. Innerhalb von wenigen Minuten verteilten sich die bewaffneten Männer auf die Verstecke, die jedem von ihnen bestens vertraut waren. Hinter den Klippen, die den Strand umsäumten, am Fuß der Steilküste und in höhlenartigen Öffnungen der senkrecht aufragenden Felswand suchten sie Deckung. Ihre Waffen schützten sie vor der Feuchtigkeit der Brandung, indem sie Gewehre und Revolver unter den schwarzen Regenmänteln verbargen.

Es schien, als hätten Dunkelheit und Unwetter die Vermummten geschluckt. Das mächtige Feuer schickte schwachen Lichtschein bis zum Fuß der Steilküste hinunter. Nur die Wagen und Maultiergespanne waren zu erkennen. Doch diese waren zum Meer hin wegen der Klippen unsichtbar.

Angestrengt, atemlos lauernd, spähten die Männer in die Finsternis hinaus, die nur von den weißen Schaumkronen der Meereswogen unterbrochen wurde. Sekunden vergingen, wurden zu Minuten und schließlich zu fast einer halben Stunde.

Plötzlich erscholl ein heiserer Schrei von den Klippen her. Die Augen in den Verstecken wurden schmal, glitzerten in fieberhafter Erwartung. Ein Lichtpunkt erschien und tanzte weit entfernt über den Schaumkronen der Wogen. Anfangs war es wie ein Irrlicht, eine Sinnestäuschung - durch Hoffnungen und gespannte Erwartung der Lauernden entstanden. Doch das Licht kam näher.

Die Vermummten entspannten sich. Es gab keinen Grund mehr zur Unsicherheit. Dass alles Weitere klappen würde, stand bereits fest.

Der einzelne Lichtpunkt löste sich nun auf. Der gelbliche Schein einer großen Sturmlaterne wurde erkennbar. Daneben rote und grüne Positionslampen, Backbord und Steuerbord. Unaufhaltsam näherten sich die Lichter. Bald darauf waren Aufbauten und Takelage zu erkennen.

Das Schiff steuerte geradewegs auf die Klippen zu, jene mörderischen Klippen, aus denen es kein Entrinnen gab. Es schien wie von teuflischen, geheimnisvollen Kräften ins Verderben gezogen zu werden. Und doch war es nur das mächtige Feuer oberhalb der Steilküste, das die Männer auf dem erhöhten Achterdeck des Schiffes zu einem tödlichen Fehler verleitete.

Schon war der Bug mit der buntbemalten Gallionsfigur zu sehen. Dann wieder nur die Takelage, wenn der Segler in einem Wellental verschwand. Aus der Entfernung wirkte das Frachtschiff wie eine lächerliche Nussschale, mit der die Wogen ihr tückisches Spiel trieben. Unentrinnbar wurde das Schiff vom Feuer in die Falle gelockt. In den brüllenden, entfesselten Naturgewalten der Brandung war es schon jetzt kaum mehr als ein Stück Treibholz, zur Bedeutungslosigkeit degradiert.

Unter den größtenteils gerefften Segeln des Schiffes war nun bereits die Beleuchtung von Achterdeck und Kajüten zu erkennen. Noch einen Moment waren plötzlich Gestalten zu sehen, die panikartig vor den hellen Bullaugen und Fenstern hin und her huschten.

Dann geschah es.

Ein ohrenbetäubendes Krachen übertönte das Tosen der Fluten und des Sturmes. Der Bug des Schiffes schob sich senkrecht über eine schroff geformte Klippe. Das Krachen wollte nicht enden. Holzteile wirbelten durch die Luft, Masten knickten weg wie Streichhölzer, und Schatten waren zu sehen, die in die weißschäumenden Wassermassen zwischen den Klippen sprangen. Noch immer schob sich das zerberstende Schiff weiter über die Klippen. Der Rumpf löste sich förmlich auf und blieb in Fragmenten aus Spanten und Planken auf dem scharfkantig emporragenden Felsgestein hängen. Segel wurden von den Böen zerfetzt und zur Steilküste getrieben.

Nur allmählich versiegte das Bersten und Krachen des Schiffes, das jetzt nur noch ein Wrack war. Eine scheinbare Stille kehrte ein, doch das Toben der Naturgewalten hielt mit unverminderter Heftigkeit an. Kaltblütig warteten die Vermummten am Fuß der Steilküste.

 

 

3

Schreie gellten durch den Lärm der Brandung und hallten von der senkrechten Felswand zurück. Menschliche Körper wurden von den Wogen gepackt und als leblose dunkle Bündel auf die Klippen geschleudert.

Doch nicht alle Besatzungsmitglieder des Frachtschiffes fanden den Seemannstod zwischen den mörderischen Klippen. Angstverzerrte, bleiche Gesichter erschienen im seichten Wasser vor dem Strand. Keuchende Männer, erschöpft vom Kampf mit den Wogen und teilweise nur spärlich bekleidet, wateten dem rettenden Land entgegen. Sie begriffen noch nicht den Zweck des Feuers, das hoch über ihnen loderte. Der Kampf ums Überleben und die vermeintliche Rettung hatten ihre Sinne gelähmt.

In diesem Moment krachte der erste Schuss. Als glühende Lanze stach das Mündungsfeuer hinter einem der Felsbrocken am Strand hervor.

Ein Mann in Offiziersuniform, der schon den ersten Fuß auf trockenen Boden gesetzt hatte, griff sich an die Brust. Die Wucht des Einschusses schleuderte ihn zurück. Der Länge nach stürzte er in das seichte Uferwasser, das sofort seinen Körper umspülte und sich blutrot färbte.

Panisches Entsetzen packte die anderen Seeleute. Schreiend versuchten sie, aus dem offenen Wasser wegzukommen und hinter den Klippen einen trügerischen Schutz zu finden. Doch aus allen Richtungen durchstachen jetzt Mündungsblitze die Dunkelheit. Ein höllisches Inferno hämmernder Schüsse setzte ein, lauter als das Toben der Brandung. Mit einem dichten Bleihagel bestrichen die Vermummten aus dem Hinterhalt die kleine Strandfläche. Die Todesschreie der Seeleute steigerten sich zu schrillen Dissonanzen. Verkrümmte Körper stürzten klatschend in das nur knöchelhohe Wasser am Strand.

Kurz darauf brachen die Schüsse ab.

Die Vermummten tauchten aus ihren Verstecken auf. Drei von ihnen liefen zum Strand hinunter. Über ihren Köpfen blitzten die breiten Klingen der Kavalleriesäbel. Letzte Schreie und gequältes Stöhnen wurden nun endgültig erstickt. Die dumpfen Laute der Säbelhiebe waren zu hören. Dann reinigten die drei Männer die blutbeschmierten Klingen im Meerwasser. Noch einmal sahen sie sich um. Nirgendwo war mehr ein Rest von Leben festzustellen.

Inzwischen hatten die übrigen Strandräuber begonnen, ihre Regenmäntel abzustreifen, sich ihrer Hemden und Schuhe zu entledigen und Stricke um die Hüften zu schlingen, die sie miteinander verbanden. Auf diese Weise wurde eine Kette gebildet. Der vorderste Mann watete in das Uferwasser, mit etwa drei bis vier Schritten Abstand von seinen Kumpanen gefolgt. Achtlos stiegen sie über die Leichen der Erschossenen. Bald darauf reichte ihnen das Wasser bis zu den Hüften. Die zerschmetterten Körper jener Seeleute trieben vorüber, die auf die Klippen geschleudert worden waren. Dann erreichte der erste Strandräuber das Wrack. Weitere vier Männer erschienen in Sichtweite. Sie trugen Sturmlaternen und hangelten sich an der Kette ihrer durch Stricke verbundenen Komplizen entlang. Die Laderäume des Schiffes waren leicht zugänglich. Große Löcher klafften in den zersplitterten Bordwänden. Ein Teil der Kisten und Ballen war herausgefallen, lag auf den Klippen oder trieb in den gischtenden Fluten.

Die vier Männer mit den Laternen drangen in den vorderen Laderaum vor und befestigten ihre Lampen an den teilweise zerborstenen Spanten. Die Arbeit begann. Kein Wort wurde gewechselt - was ohnehin überflüssig war, denn der Sturm wütete mit unverminderter Heftigkeit.

Zuerst wurden die Kisten herausgeschafft. Sie waren unhandlich und schwer, dass sie ein Mann allein mit Mühe tragen konnte. Trotz des eiskalten Wassers, in dem sie standen, rann den Strandräubern der Schweiß in Bächen über die Gesichter. Kiste um Kiste wurde von der menschlichen Kette zum Strand geschafft. Anschließend folgten die Ballen, die in wasserdichtes Öltuch verpackt waren.

Die Männer brauchten eineinhalb Stunden, bis sie die zerstörten Laderäume des Frachtschiffes restlos geleert hatten. Dann erst widmeten sich die vier mit den Sturmlaternen den Mannschaftskajüten und der Kommandobrücke. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde geplündert: Geschirr, Kleidungsstücke, Uhren, Geldbörsen mit den Resten der letzten Heuer, hochwertige nautische Instrumente aus dem Steuerhaus, Messingteile, die sich von den fest eingebauten Instrumenten lösen ließen. Die wertvollste Beute wurde zum Schluss in der Kapitänskajüte gesichert. Es handelte sich um eine eisenbeschlagene Kiste, in der der Kapitän des Schiffes seine persönlichen Wertsachen aufbewahrt hatte: silbernes Besteck und Trinkbecher, ein Schmuckkästchen mit kostbaren Broschen und Ketten, eine Lederschatulle mit einem vernickelten Kipplaufrevolver der Marke Smith & Wesson sowie ledergebundene Bücher und ein Paar hochwertiger Stiefel.

Nach gut zwei Stunden gab es in dem Wrack des Schiffes nichts mehr, was sich noch mitnehmen ließ. Die vier Männer mit den Sturmlaternen verließen das Wrack und arbeiteten sich mit Hilfe ihrer angeleinten Komplizen zurück zum Strand. Die Räuber vergaßen nicht, auch noch die im Wasser treibenden Leichen nach Wertsachen zu untersuchen. Uhren, Armbänder und Halsketten wurden bei diesem makabren Handwerk erbeutet. Schließlich versammelten sich alle Männer am Strand, wo Kisten und Ballen aufgestapelt waren.

 

 

4

„Hierher mit den Wertsachen!“

Die Stimme des Anführers dröhnte herrisch durch das tobende Unwetter. Breitbeinig, die riesigen Fäuste in die Hüften gestemmt, ragte er neben einem der fünf Wagen auf, die mit den Heckklappen zum Strand bereitstanden. Die Strandräuber eilten heran, warfen den Kleinkram auf die Ladefläche und hievten zum Schluss die eisenbeschlagene Kiste aus der Kapitänskajüte hinauf. Keiner verlor ein Wort, keiner zögerte, etwas herzugeben, das er schon in die Hosentaschen gesteckt hatte. Jeder wusste, dass es ungesund war, sich mit Dick Dempsey anzulegen. Seine Muskelpakete zeichneten sich deutlich unter dem Baumwollhemd ab. Schwarzes, strähniges Haar fiel ihm über die Schultern. Auffallend war in seinem grobschlächtigen Gesicht das gebrochene Nasenbein. Seine listigen, kleinen Augen waren fast farblos hell. Auf Dempseys Kinn wucherten Bartstoppeln.

Er warf einen kurzen Blick in die Kapitänskiste, nickte zufrieden und klappte den schweren Holzdeckel wieder zu. Mit einer knappen Handbewegung ordnete er an, dass eine Plane über die erbeuteten Wertsachen gelegt wurde. Dann wandte sich Dempsey den Kisten und Ballen zu. Er befahl einem seiner Komplizen, einen Ballen und eine Kiste zu öffnen.

Neugierig traten auch die anderen näher. Im Laternenlicht wurden teure englische Stoffe sichtbar, die in den Ballen zusammengeschnürt waren. Die Kisten enthielten Schraubenschlüssel und Zangen aus hochwertigem Stahl, ebenfalls in England hergestellt. Jedes Teil war einzeln in Ölpapier eingewickelt. Werkzeuge dieser Art wurden in zunehmendem Maße für die sich rasch verbreitenden Dampfmaschinen benötigt.

„Aufladen!“, befahl Dempsey. Er deutete auf die vier noch leeren Wagen. „Diesmal hat der Boss einen guten Riecher gehabt. Und er wird mit unserer Arbeit zufrieden sein.“

Ohne Murren gingen die Männer an die Arbeit. Sie würden es bald geschafft haben und konnten dann nach Hause, wo es warm und trocken war. Das Verladen der Kisten und Ballen war ohnehin weniger schweißtreibend als die Bergung der Beute aus dem Wrack.

Nur einer der Strandräuber dachte diesmal nicht daran, den Befehl Dempseys auszuführen. Sechs Fuß groß, ebenso breitschultrig und kräftig gebaut wie Dempsey, kam der Mann langsam hinter einem der Wagen hervor. Sein scharfgeschnittenes Gesicht wurde von einem mächtigen roten Vollbart eingerahmt.

Dick Dempseys Blick verfinsterte sich.

„Brauchst du eine Extraeinladung, Gerret?“, rief er mit unverhohlenem Ärger.

Der rothaarige Fletcher Gerret baute sich herausfordernd vor ihm auf.

„Du spuckst mir zu große Töne, Dempsey! Mit den anderen kannst du vielleicht so umspringen. Aber nicht mit mir! Mir reicht’s langsam!“

Dempsey spie wütend aus. Er reckte das stoppelige Kinn vor. Unter seinem feuchten Hemd war zu sehen, wie sich seine Muskeln spannten.

„Ich warne dich, Gerret! Such dir eine andere Gelegenheit aus, um Stunk anzuzetteln!“

„Das könnte dir so passen! Was mir gegen den Strich geht, muss hier und jetzt bereinigt werden.“

„Es gibt nichts zu bereinigen!“, schrie Dempsey, und seine Schläfenadern schwollen an. „Willst du behaupten, dass irgendwas nicht in Ordnung ist?“

„Genau das!“, brüllte Gerret zurück. „Es passt mir schon lange nicht mehr, dass du hier den großen Boss spielst! Das gilt vor allem für die Anteile. Du glaubst, du kannst alles allein entscheiden! Aber damit ist jetzt Schluss. Ich werde ...“

„Gar nichts wirst du“, unterbrach ihn Dempsey. „Jeder kriegt den gleichen Teil von den Wertsachen. Das ist schon immer so gewesen, und das wird auch so bleiben!“

Einige der Strandräuber warfen verstohlene Blicke herüber. Doch sie arbeiteten weiter. Keiner mischte sich ein.

„Du behauptest, dass die Anteile gleich sind?“, rief Gerret wütend. „Ich behaupte das Gegenteil, Dempsey. Es geht nicht gerecht zu! Ich denke nicht daran, mich diesmal wieder mit einem so läppischen Brocken abspeisen zu lassen wie bisher. Ich habe im Laderaum die Hauptarbeit geleistet. Und dafür will ich einen entsprechenden Anteil. Sonst wirst du mich kennenlernen, Dempsey.“ Der Anführer der Strandräuber ballte die riesigen Hände.

„Du willst also tatsächlich hier die Schnauze aufreißen, Gerret! Ich warne dich zum letzten Mal. Geh an die Arbeit wie die anderen!“

„Nur, wenn ich meinen gerechten Anteil kriege!“

„Für jeden das Gleiche!“

„Verdammter Hurensohn! Du weißt genau, dass ich mehr leiste als die anderen. Und ich tue das nicht umsonst!“

„Bei uns gibt’s keine Unterschiede, Gerret!“

Mit einem Wutschrei schnellte der Rothaarige aus dem Stand heraus los. Seine Fäuste standen denen des anderen an Umfang kaum nach. Dempsey wollte den Angreifer mit einem blitzschnellen Schritt zur Seite leerlaufen lassen. Aber Gerret hatte diese Reaktion einkalkuliert. Noch im Sprung wirbelte er herum und ließ seine rechte Faust sensenartig kreisen.

Der Hieb traf Dempsey an die Schläfe, ehe er ausweichen konnte. Er hatte das Gefühl, von einem Pferdehuf getroffen worden zu sein. Feurige Schleier wallten vor seinen Augen auf. Mit rudernden Armen wankte er auf das Uferwasser zu. Fletcher Gerret setzte sofort nach. Er wusste, dass er nur dann eine Chance hatte, wenn er den anderen im Handumdrehen überrumpelte. Denn Dempsey war ihm zumindest ebenbürtig.

Gerret schmetterte dem bulligen Anführer eine Dublette auf das Brustbein. Jeder Durchschnittsmann wäre sofort ins Traumland versunken. Dempsey klatschte lediglich der Länge nach ins Wasser. Aber sofort rappelte er sich wieder auf und stieß dabei ein Wutgebrüll aus, das die Sturmböen übertönte. Doch Fletcher Gerret ließ sich nicht einschüchtern. Breitbeinig, mit gespannten Muskeln wartete er, bis Dempsey wieder auf den Beinen stand. Dann legte Gerret seinen ganzen Zorn in den einen, entscheidenden Hieb. Seine Faust krachte unter Dempseys kantiges Kinn, bevor dieser eine Deckung aufbauen konnte. Durch die Wucht des Hakens wurde Dempsey buchstäblich von den Füßen gehoben. Das knöcheltiefe Wasser spritzte auf, als er mit dem Rücken hinschlug.

Gerret wollte noch einmal zuschlagen. Doch er ließ es, als er sah, dass Dempsey genug hatte. Der Anführer war nicht bewusstlos, aber zu benommen, um sich innerhalb der nächsten Minuten wieder aufzurappeln.

Wutschnaubend wandte sich Fletcher Gerret ab. Mit schweren Schritten stapfte er auf den Felsspalt zu, wo die Maultiere angeleint waren. Keiner der Strandräuber dachte daran, dem Schwarzhaarigen hoch zu helfen. Alle wussten sie, dass Dempsey es wie die Pest hasste, wenn ihm durch die Hilfe anderer eine Niederlage vor Augen geführt wurde. Und jeder der Männer rechnete damit, dass gleich ein Donnerwetter losbrechen würde, schlimmer als alle Naturgewalten.

Aber Dick Dempsey beherrschte sich wider Erwarten. Schnaufend richtete er sich halb auf, schüttelte das Wasser aus den Haaren und kam endgültig auf die Beine. Noch einen Moment stand er schwankend, bis er die Benommenheit abgeschüttelt hatte.

Die letzten Kisten und Ballen wurden aufgeladen. Dann war auch diese Arbeit beendet. Es gab jetzt genug für Dempsey zu tun, um den Zwischenfall vorübergehend zu vergessen. Er ließ die vier Wagen anfahren und schwang sich selbst auf den Kutschbock des fünften, der mit den Wertsachen der Seeleute beladen war. Die übrigen Männer warfen ihre Regenmäntel über, liefen zu den Maultieren und saßen auf.

In der Nähe der verwaisten schwarzen Kutsche ließ Dempsey die Kolonne noch einmal anhalten. Die Leichen der beiden Mexikaner wurden auf einen der Frachtwagen geworfen.

„Sagt dem Boss, wo wir sie gefunden haben!“, befahl Dempsey. „Und haltet euch unterwegs nicht auf!“

Die vier Wagen rumpelten los und waren kurz darauf landeinwärts in der Dunkelheit verschwunden.

Dick Dempsey trat mit dem Rest seiner Leute den Rückweg an.

 

 

5

Das Maultier trottete mit kurzen, harten Schritten durch die nächtliche Einöde. Fletcher Gerret wurde kräftig durchgeschüttelt. Es kümmerte ihn nicht. Auch den Sturm, der an seinem Regenmantel zerrte und ihm Wassertropfen wie feine Nadelspitzen ins Gesicht trieb, schien er kaum wahrzunehmen. Fünf Meilen westlich von den Felsenklippen vor der Steilküste war die Wut des breitschultrigen Mannes noch immer nicht verraucht.

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940268
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
carringo strandräuber

Autor

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Titel: Carringo und die Strandräuber