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Carringo und die schwimmende Stadt

2020 117 Seiten

Zusammenfassung


Der Teufelsanbeter Saint findet auf dem Schiff „Arche“ Unterschlupf bei Menschen, die an das Gute glauben und Gewalt verabscheuen. Doch kaum ist Saint auf dem Schiff, zeigt er sein wahres Gesicht. Diesem Verbrecher folgt Carringo mit der „Sunlight“. Der schwarze Marshal Red Starbuck unterstützt ihn bei der Jagd. Aber noch hat die „Arche“ einen zu großen Vorsprung ...

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die schwimmende Stadt

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und die schwimmende Stadt

Western von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Der Teufelsanbeter Saint findet auf dem Schiff „Arche“ Unterschlupf bei Menschen, die an das Gute glauben und Gewalt verabscheuen. Doch kaum ist Saint auf dem Schiff, zeigt er sein wahres Gesicht. Diesem Verbrecher folgt Carringo mit der „Sunlight“. Der schwarze Marshal Red Starbuck unterstützt ihn bei der Jagd. Aber noch hat die „Arche“ einen zu großen Vorsprung ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo — muss sich als Flussschiffer betätigen und gleichzeitig kämpfen.

Red Starbuck — Ohne den schwarzen Marshal hätte Carringo keine Chance gehabt, zu überleben.

Padre Juan — Der Mexikaner glaubt, dass die Nächstenliebe jede Feindschaft überwinden kann.

Hank Loafer — will einen neuen Rachefeldzug beginnen und landet dafür im Wasser.

Saint — Der Teufelsanbeter mobilisiert alle Kräfte der Hölle und bringt sogar Wasser zum Brennen.

 

 

1

Jefferson City lag hinter ihnen. Der Steamer stampfte westwärts den Missouri hinauf. Die „Arche“ bot ein stolzes erhabenes Bild. Doch dieses Bild war trügerisch. Obwohl das Schiff mit seinen zahlreichen Kreuzen und christlichen Symbolen an Deck sowie mit der Vielzahl friedlicher demütiger Menschen an Bord den Eindruck einer schwimmenden Kirche vermittelte, wohnte doch der Teufel darin. Saint, der Satanskiller, hatte die Herrschaft über alles, was sich über und unter den Planken befand, übernommen. Wie eine gewaltige Fledermaus hockte er im Steuerhaus und starrte mit brennenden Augen in die gurgelnde, trübe Strömung. Ein dämonisches Licht stahl sich in seine Pupillen. Um seine schmalen, blutleeren Lippen spielte ein eisiges Lächeln.

Er hatte es wieder einmal geschafft. Satan zur Ehre hatte er ein Schiff unterworfen, dessen Menschen seinem schlimmsten Feind dienten: der himmlischen Macht. Die höllischen Kräfte hatten ihn gestärkt, wie sie es stets taten, und sie würden ihn weiter schützen, bis der Sieg der Finsternis endlich errungen war.

Voller Verachtung streifte sein Blick jene Personen, die sich mit ihm in dem engen Raum befanden. Der grauhaarige Mexikaner, dessen Lippen sich lautlos bewegten, kauerte in einer Ecke. Saint wusste, dass er betete, und er hätte ihn dafür am liebsten geprügelt. Das religiöse Gehabe, das diese „Ewigen“, wie der Mexikaner seine Gefolgschaft nannte, an den Tag legten, widerte ihn an. Er fühlte sich verhöhnt, aber er würde diese Narren schon kurieren. Die junge Indianerin neben dem Grauhaarigen hing an den Lippen ihres Sektenführers wie eine Verdurstende. Sie erwartete wohl von ihm ein erlösendes Zeichen. Das Zeichen konnte die gut proportionierte Irokesen Squaw haben. Aber nicht von ihrem Padre, sondern von ihm, Saint, der ihr ein Mal aufdrücken wollte, wenn sie ihn mit ihrem milden, entsagungsvollen Lächeln noch länger reizte. Dass ein Bursche, der sich jeden Tag mit den Fährnissen der großen Ströme auseinandersetzen musste, ein Ohr für das jämmerliche Gewinsel dieser menschenliebenden Sekte hatte, war dem Satansanbeter völlig unverständlich.

Der chinesische Steuermann der „Arche“, den er, wie auch die beiden anderen, gefangenhielt, hätte durchaus alle Anlagen eines Kämpfers gehabt. Er hatte einen kräftigen, sehnigen Körper, und sein Gesicht mit dem lächerlichen, dünnen Kinnbart drückte Entschlossenheit aus. Aber er hatte sich für die falsche Seite entschieden, für die Seite der Schwachen und Getretenen.

Saint wandte seinen Blick ab und starrte wieder geradeaus. Genau vor ihm ragte der Flaggenstock am Bug auf, der dem Lotsen oder Rudergänger die Mittschiffsrichtung anzeigte. Saint brauchte keinen Lotsen. Sein Steuermann war Satan. Er führte ihn sicher über Sandbänke und heimtückische Untiefen. Der Böse ließ seinen treuen Diener nicht im Stich.

Der Unheimliche, dessen schwarze Kleidung sein düster wirkendes, graues Gesicht noch stärker hervorhob, kniff die Augen zusammen. Plötzliche Geräusche alarmierten seine Wachsamkeit.

„Was siehst du, Diablo?“, fragte er mit der ihm eigenen raschelnden Stimme, ohne seinen Blick von dem Flaggenstock zu lösen.

Der Angesprochene schoss von der Bank hoch, auf der er gelegen hatte. Er biss die Zähne zusammen und presste seine Hand auf seine rechte Hüfte. Die Wunde, die ihm dieser elende Kerl in St. Louis beigebracht hatte, schmerzte noch immer. Doch wenn sein Meister rief, kannte der Satansjünger kein Klagen. Mit Carringo würden sie schon noch abrechnen. Die Tage dieses Schuftes waren längst gezählt.

Diablo sah durch das breite Fenster des Steuerhauses, und was er zur Kenntnis nahm, gefiel ihm gar nicht.

„Meister, sie haben sich an Deck versammelt und singen.“

„Sie singen?“

„Ja, wie in einer Kirche.“

„Zum Teufel!“, schrie der Mann mit dem hageren Totenkopfgesicht. „Was soll dieses Wort in deinem Mund? Willst du mich zur Raserei bringen? Oder gefällt dir etwa das Theater, das diese Idioten aufführen?“

Der breitschultrige Bursche, der, genau wie sein Herr, in tiefstes Schwarz gekleidet war, zuckte zusammen.

„Verzeiht, Meister!“, bat er unterwürfig. „Auf diesem verdammten Kahn dreht man noch völlig durch. Natürlich hasse ich die Jammergestalten und ihr Gehabe ebenso wie ihr. Wenn wir uns nicht selbst darauf befänden, würde ich das Schiff mit Freuden versenken.“

„So ist es recht“, sagte der Hagere. „Weiter! Was tun die Kerle sonst noch?“

„Sie scheinen zu beten. Ja, sie heben ihre Arme, als stünden wir mit ein paar Gatling-Maschinenkanonen hinter ihnen, und preisen ihren ihren eingebildeten Anführer dort oben, von dem sie sich Hilfe gegen den Teufel erhoffen.“

„Diese Lumpen!“, tobte Saint. Er schoss in die Höhe und blickte wild den Mexikaner Padre Juan an, weil dieser nach seiner Meinung allein die Verantwortung für das lästerliche Betragen seiner Gefolgsleute trug. Der Sektenführer hielt ruhig dem sengenden Blick stand. Er vertraute darauf, dass Gott seine schützende Hand über alle hielt, die ihn liebten. Er fürchtete den Zorn des Bösewichts nicht.

Diese Gelassenheit vergrößerte die Wut des Satansanbeters nur noch mehr. Er schob eins der Fenster zur Seite und hieb mit der knochigen Faust gegen die Scheibe, dass sie klirrte.

„Verdammt!“, schrie er hinaus. „Werdet ihr wohl endlich mit eurem Geplärre aufhören?“

Ein inbrünstiger Choral schlug ihm entgegen. Mit zum Teil geschlossenen Augen und verzückten Gesichtern standen die Ewigen an Deck und priesen den Herrn. Ihre Stimmen klangen zuversichtlich. Der Verbrecher hatte ihnen zwar ihren geistigen Führer genommen, doch er würde sie nie dazu bringen, ihren Glauben zu leugnen.

Unbeirrt fuhren sie mit ihren Gesängen und Gebeten fort, die das Stampfen der Maschinen übertönten. Sie standen in südöstlicher Richtung, wo über den grünen Dächern der Wälder die Sonne wie eine feurige Kugel schwebte. Ein Mahnmal voller Wärme und Hoffnung. Auch ihre Hoffnung war unerschütterlich.

Ein Schuss peitschte mitten unter die Versammelten. Der Choral erstarb jäh auf ihren andächtigen Lippen. Entsetzt stoben Frauen, Männer und Kinder auseinander. Sie hatten Saints ungezügelten Hass bereits kennengelernt und wussten, dass er nicht zögern würde, ein Blutbad unter ihnen anzurichten, wenn sie sich ihm widersetzten.

Wie zur Bestätigung tropften die höhnischen Worte auf sie nieder: „Wo ist denn euer Gott, ihr miesen Würmer? Warum erscheint er nicht, um euch beizustehen? Ich will es euch verraten. Sogar er hat begriffen, dass es nur einen wahren Herrn der Welt gibt. Und das ist Satan, der alles Vernichtende. Er allein hat Anspruch auf Ehrfurcht. Nur er lenkt die Geschicke der Menschen, entfesselt Kriege und sorgt dafür, dass die Starken, die Mächtigen, die Rücksichtslosen überleben.“

Die Menge zog sich etwas zurück. Erst zaghaft leise, dann immer lauter und drängender erhob sich wieder ihr Gesang. Sie suchten Trost und Kraft, sanken auf die Knie und baten demütig, dass diese Prüfung von ihnen genommen würde. Aber der Satansknecht hatte schon die richtige Antwort für sie bereit.

„Im Namen des Höllenfürsten verbiete ich eure einfältigen Lieder und Gebete. Ich will nichts mehr davon hören. Auf diesem Schiff gibt es ab sofort nur noch jene Messen, die ich für Satan zelebrieren werde. Wem das von euch nicht passt, kriegt von mir eine Kugel in seinen hohlen Schädel, bevor er den Missouri hinunter schwimmen darf.“

Diablo lachte hinter ihm spöttisch. Der unterwürfige, willenlose Diener Saints hatte bereits die Waffe in der Hand, um auf ein entsprechendes Kommando mit dem Morden zu beginnen. Doch der Unheimliche entschied anders. Er gab eine knappe Anweisung, und der athletische Bursche beeilte sich, die Treppe zum Deck hinunterzuhumpeln. Dort fuhr er wie eine Furie unter die Gläubigen und befahl mit kreischender Stimme, sämtliche Kreuze, die die „Arche“ mit sich führte, auf dem Vordeck aufzustapeln.

Die Ewigen hatten zwar längst erkannt, dass der Zwanzigjährige mit den pechschwarzen Haaren und den glühenden Augen, die tief in den Höhlen lagen, lediglich ein Werkzeug des eigentlichen Meisters dort oben im Steuerhaus war, dennoch fürchteten sie gerade die Unbeherrschtheit und den zügellosen Hass des Killerknechts.

„Bewegt euch gefälligst!“, schrie er und fuchtelte drohend mit seinem Revolver.

Ein paar Kinder weinten. Ihre Mütter versuchten, sie zu beruhigen, doch der Schwarzgekleidete fuhr dazwischen. Vor seiner Faust duckten sie sich und begannen, dem unverständlichen Befehl Folge zu leisten. Was wollten die beiden finsteren Gesellen mit den Kruzifixen? Sie ahnten nichts Gutes.

Aber es wurde schlimmer, als sie befürchtet hatten. Nachdem sie die zum Teil sehr schweren Kreuze herangeschleppt und auf einen Haufen getürmt hatten, kontrollierte Diablo misstrauisch, ob sie ihm auch keins vorenthalten hatten. Er fand noch ein kleineres Kruzifix im Laderaum und zertrat es wütend unter seinem Stiefel. Dann kehrte er an Deck zurück. Seine Augen funkelten unter dichten, buschigen Brauen. Sein Gesicht wirkte wie das eines gereizten Pumas, und auch sein schleichender Gang erinnerte an ein Raubtier. Sein rechtes Bein zog er etwas nach, aber der Streifschuss an der Hüfte behinderte ihn schon längst nicht mehr so stark wie am Anfang. Die Heilsalbe, die ihm der Meister aufgetragen hatte, und die Gebete zu Satan hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.

Diablo zog seinen Kopf tief zwischen den Schultern zurück. Er belauerte die Männer und Frauen, die immer weiter von ihm wichen. Dann trat ein triumphierendes Leuchten in seinen Blick. Mit einem schnellen Sprung stand er vor einem blutjungen Mädchen, dessen Wangen bleich waren, und dem die blonden Locken wirr in die Stirn hingen. Es war barfuß. Sein schlanker Körper steckte in einem faltenreichen Umhang. Aus einer dieser Falten lugte ein herrlich geschnitztes Kruzifix hervor.

„Dachte ich mir’s doch, du kleine Hure!“, zischte der Hasserfüllte. Seine brutale Hand packte zu und zerrte das Kreuz hervor.

Das Mädchen schrie gequält auf. Der leinene Umhang riss ein. Das Geräusch und die keusche Bewegung, mit der die Blonde ihre Blöße zu bedecken suchte, amüsierten Diablo. Er fetzte einen breiten Streifen aus dem Stoff und hielt ihn wie ein Siegesbanner in die Höhe. Mit einem Zündholz setzte er das Gewebe blitzschnell in Brand. Erst schwelte und qualmte es nur, dann aber nährte es eine gierige Flamme, die der Bursche fasziniert anstarrte. Das Feuer spiegelte sich in seinen seelenlosen Pupillen. Es flackerte jetzt darin wie im tiefsten Schlund der Verdammnis.

Schließlich schleuderte der Satansknecht den Lumpen zwischen die Kreuze, deren trockenes Holz augenblicklich in hellen Flammen stand.

Ein paar rettende Hände zuckten vor, um das Furchtbare zu verhindern, doch ein weiterer Schuss aus dem Steuerhaus ließ sie zurückfahren.

„Vater Satan“, ertönte es zwischen den beiden qualmenden Kaminen, „der du bist in der Hölle. Gepreiset sei dein Name! Gelobet seien deine Untaten! Deine Macht möge wachsen, wie in der Hölle, also auch auf Erden.“ Saint, der diabolische Satansanbeter, deklamierte pathetisch dieses Credo des Teufels, und Diablo fiel begeistert in das Gebet ein.

Die Ewigen standen wie erstarrt. Hilflos mussten sie mitansehen, wie die Glut das fraß, woran ihre Herzen hingen. Bei einigen zuckten zwar die Finger, doch sie erinnerten sich an die Worte ihres Padre, der ihnen Gewaltlosigkeit gepredigt hatte.

Mit ihren bloßen Fäusten hätten sie gegen ihre Peiniger auch nichts ausrichten können. Der unheimliche Mann im schwarzen Umhang, der sich in St. Louis mit seinem Gehilfen und zwei Pferden heimlich an Bord geschlichen hatte und schon bald das Schiff in seine Gewalt brachte, indem er ihren Führer gefangennahm und SanChin, den Steuermann, zu einem neuen Kurs zwang, richtete den Lauf seines Gewehrs auf sie und höhnte: „Ich hoffe, ihr habt jetzt endlich kapiert, woher der Wind weht. Satan hat mich zu euch gesandt, weil ihm speiübel bei eurem Irrglauben geworden ist. Das Opfer, das wir ihm mit dem hübschen Feuer gebracht haben, hat ihn etwas besänftigt. Aber hütet euch! Sobald einer meint, sich mir widersetzen zu müssen, sobald ich noch eins eurer widerlichen Gebeten höre, wird mein Gewehr einen Choral anstimmen, zu dem meine Gefangenen tanzen können.“

„Der Meister wird sie erschießen“, wurde Diablo noch deutlicher und grinste gehässig. „Zuerst den Alten, dann den Chinesen und zum Schluss die Indianerschlampe. Ihr könnt es ja ausprobieren, falls ihr es nicht glaubt.“

Die Kruzifixe krachten, während sie zerfielen. Und mit ihnen zerfiel auch die Hoffnung der Gläubigen. Das Leben von Padre Juan, von Orani und SanChin hing an einem seidenen Faden. Sie würden sterben, falls man sich zu einer Unbesonnenheit hinreißen ließ. Die Ewigen waren es gewöhnt, allen Menschen mit Liebe zu begegnen, doch es war eine schwere Prüfung, Leute wie Saint und Diablo zu lieben.

Ein breitschultriger Bursche mit sehnigen Schultern und kurzem Hals wandte sich ab, um seine ohnmächtige Verzweiflung nicht zum Schauspiel für seine Peiniger werden zu lassen.

„O Gott“, murmelte er. „Du hast nicht gewollt, dass wir den Mississippi hinauffahren, um in den Wäldern auf die Sintflut zu warten, die du dieser sündigen Erde schicken wirst. Du hast zugelassen, dass das Böse auf unserem Schiff einen Platz findet, du wirst uns auch aus dieser Hölle herausführen und den Sündern den rechten Weg weisen.“

„Amen!“, flüsterten die neben ihm Stehenden.

Diablo hatte dieses Gebet zum Glück nicht gehört. In Siegerpose reckte er sein Gesicht hinauf zum Steuerhaus, wo Saint ihm zufrieden zunickte.

Ein weiterer Schuss mitten in die schwelende Glut ließ rote Funken aufstieben. Sie fraßen sich wie kleine Wunden in den Seelen der Ewigen ein.

„Volle Kraft voraus!“, schrie Saint hohnlachend.

Und die mächtigen Schaufelräder fraßen sich durch die tückischen Fluten des Missouri.

 

 

2

Die Sonne brannte durch die Fenster. Die Luft war stickig und schwer. Mir klebte das Hemd auf dem Rücken. Der Mann neben mir rollte mit den Augen. Ich war froh, dass Red Starbuck an meiner Seite war. Diesem prächtigen Burschen hatte ich viel zu verdanken. Der schwarze Marshal von Meramec, der Stadt nahe St.Louis, in der ausschließlich ehemalige Sklavenfamilien wohnten, setzte sich für meine Sache ein, als hinge sein eigenes Leben davon ab.

Zusammen mit ihm war es mir gelungen, die selbstgerechte Gruppe der Racheengel zu zerschlagen, denen ihr angebliches Rechtsbewusstsein nur als Vorwand diente, um eine gnadenlose Jagd auf unterpriviligierte Minderheiten zu veranstalten. Sie hatten nicht den wirklich brutalen Verbrechern den Kampf angesagt, sondern den jämmerlichen Tagedieben, die kaum einen Schaden anrichteten, oder den Schwarzen, die ihnen ein Dorn im Auge waren. Red und ich hatten ihre Macht gebrochen. Restlos, wie wir geglaubt hatten. Doch das war ein Irrtum gewesen.

Ohne dass wir es ahnten, hatte sich eine Gruppe von Anhängern der Racheengel auf die „Sunlight“ geschlichen, die wir in St. Louis mieteten, um mit dem schnellen, wendigen Schiff der „Arche“ zu folgen, auf der Saint zu fliehen versuchte. Sie konnten sich mit der Niederlage nicht abfinden und hatten geschworen, sich an uns zu rächen. Fast wäre ihr nächtlicher Überfall erfolgreich gewesen, doch es war mir im letzten Augenblick gelungen, das Steuerhaus zu stürmen und Jerry Daggs, den sie, wie auch den Rest der Mannschaft, bestochen hatten, zu überwältigen. Er war über Bord gestürzt.

Jetzt befand sich zwar das Steuer in unserer Hand, doch das half uns nicht viel, denn die Halunken sorgten dafür, dass die Maschinen stillstanden, und so trieben wir zwar mit der schwachen Strömung wieder auf den Mississippi zu, aus dem die Halunken uns herausmanövriert hatten, aber wir steckten in dem erhöhten Ruderhaus in einer regelrechten Falle.

Red Starbuck reichte mir die Feldflasche herüber.

„Es ist für jeden noch ein Schluck drin“, sagte er. Seine Stimme klang fest und ohne eine Spur von Furcht. Dieser Bursche war mit der Gefahr aufgewachsen. Er ließ sich nicht von einer Handvoll Fanatiker unterkriegen. Ich nahm die Flasche und benetzte meine Lippen. Sie fühlte sich leicht an. Jerry Daggs hatte uns keine großen Vorräte hinterlassen. Sein Brot, das wir gefunden hatten, war längst verzehrt. Irgendetwas musste passieren, bevor Hunger, Durst und die mörderische Hitze uns zu sehr geschwächt hatten.

Saints Vorsprung wurde inzwischen immer größer. Dieser Satanskiller, der mir in St. Louis wieder entwischte, nachdem es ihm nicht gelungen war, mich umzubringen, war wirklich mit dem Teufel im Bunde. Dass er sich ausgerechnet die „Arche“ als Fluchtmittel ausgesucht hatte, war für ihn bezeichnend. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie er die frommen Menschen, deren einziges Lebensziel es war, die Seelen ihrer Mitmenschen zu retten, verhöhnte, wenn ihnen nicht gar Schlimmeres passierte. Dieser Mörder schreckte vor nichts zurück. Er ging über Leichen. Das Böse in ihm trieb ihn vorwärts, und einige tausend Dollar, mit denen sein Auftraggeber Titus Lancaster nicht geizte, hielten seinen Hass gegen mich wach.

Und jetzt dampfte er - so meinte ich - mit den Ewigen den Mississippi hinauf. Die „Sunlight“ wäre wesentlich schneller gewesen als die gewaltige „Arche“. Doch das nützte uns jetzt nichts. Wir lagen fest - auf irgendeinem unbefahrenen Seitenarm des mächtigen Stromes, beidseitig flankiert von undurchdringlichen Sumpfwäldern und deren geheimnisvoller Fauna. Eine kleine Gruppe von Narren verhinderte die Verfolgung des Verbrechers und seines kaum weniger abscheulichen Gehilfen. Sie begriffen nicht die wahre Grenze zwischen Recht und Unrecht. Sie meinten, mit ihrer Privatfehde einer gerechten Sache zu dienen, dabei waren sie nichts weiter als Verblendete, die ihr eigenes Süppchen kochen wollten.

Aber gerade solche Typen durfte man nicht unterschätzen. Fanatiker aller Schattierungen wurden von einer besonderen Energie beseelt, die bis zur Selbstzerstörung reichte.

Mir konnte es egal sein, wenn sie sich selber zerfleischen wollten, doch dass sie dadurch meine eigenen Pläne behinderten, störte mich beträchtlich, und Red Starbuck ging es ebenso. Das sah ich seinem entschlossenen Gesicht mit dem kantigen Kinn an.

„Ich glaube nicht, dass sie warten, bis es wieder dunkel wird“, sagte ich, während ich die Aufbauten an Deck nicht aus den Augen ließ.

„Bestimmt nicht.“ Der schwarze Marshal gab mir recht. „Auf meiner Seite ist zwar nichts zu sehen, doch ich will den Rest unserer Reise schwimmen, wenn hier nicht schon bald der Teufel los ist.“

„Vielleicht geht dein Wunsch schneller in Erfüllung, als dir lieb ist, Red“, meinte ich mit bitterem Lächeln. Ich hatte schräg vor mir eine Bewegung wahrgenommen, die mich warnte.

Bestimmt verlor der Kerl, der sich Hank Loafer nannte und anscheinend der Wortführer der „Piraten“ war, bald die Geduld. Er hatte uns ja deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er in der Auseinandersetzung mit uns nur zwei Möglichkeiten sah. Entweder wir wurden abgeknallt und anschließend in die trübe Brühe unter der „Sunlight“ geworfen, oder das Ganze spielte sich in umgekehrter Reihenfolge ab.

Red Starbuck antwortete mir nicht. Er schoss. Es ging also los.

Gleichzeitig huschten auch vor mir ein paar geduckte Gestalten über das Vordeck. Ich bereitete ihnen einen gebührenden Empfang. Sie sollten erst gar nicht so selbstsicher werden.

Neben mir schlug eine Kugel ins Holz. Die Kerle konnten anscheinend nicht nur mit dem Mundwerk ausgezeichnet umgehen. Da sie jetzt von zwei Seiten angriffen, wurde unsere Lage ungemütlich. Sie schleppten Leitern heran, während ihre Kumpane ihnen aus sicherer Deckung heraus Feuerschutz gaben. Wir mussten höllisch aufpassen. Uns selbst war es erst vor wenigen Stunden gelungen, das Steuerhaus zu stürmen, und wir waren lediglich zu zweit gewesen. Die Kerle verfügten über wesentlich mehr Männer. Und es gab keinen, der ihnen im Rücken lag. Der Maschinist und der Heizer der „Sunlight“ waren auf ihrer Seite. Geld hatte schon so manches Gefecht entschieden.

Zum Glück waren wir nicht nur auf unsere eigenen Waffen angewiesen, sondern hatten hier noch etliche Revolver und auch eine Schrotflinte gefunden. Wir mussten also nicht so häufig nachladen, wozu uns die Angreifer auch kaum Zeit ließen.

Für einen Augenblick hatte ich mir ein bisschen Luft verschafft. Dafür geriet Red Starbuck auf der anderen Seite in arge Bedrängnis. Ich eilte ihm zu Hilfe in dem Moment, als sich ein Arm über die Brüstung der Aufbauten schwang und der erste der Kerle fast die Brücke erreichte. Wir feuerten gleichzeitig, und ein wütender Aufschrei zeigte uns, dass einer getroffen hatte.

Der Arm verschwand. Etwas polterte auf das Deck. Auch die Leiter fiel. Hastige Schritte zeigten uns an, dass die Burschen sich bemühten, ihren Kumpan aus der Gefahrenzone zu bergen.

Ich hatte längst meinen Posten wieder eingenommen und ließ den Lauf meines Colts heiß werden. Wir durften ihnen keine Verschnaufpause gönnen, ohne dabei mehr Munition als nötig zu verpulvern.

„Die haben die Nase voll, Carringo!“, rief Red Starbuck herüber.

„Vorläufig wenigstens. Aber sie geben sich nicht geschlagen. Es wird nicht lange dauern, dann versuchen sie es erneut.“

„Sie sollen es nur wagen.“ Das Gesicht des Schwarzen leuchtete. Es lag wohl hauptsächlich am Schweiß. Aber eine gehörige Portion Stolz war auch dabei. „Bevor wir nicht die letzte Kugel verschossen haben, bringen die kein Bein in das Steuerhaus.“

Ich blickte ihn nachdenklich an. Dieser Mann war nicht mit Gold zu bezahlen. Trotzdem musste ich seinen Optimismus etwas dämpfen.

„Und nach der letzten Kugel?“, fragte ich.

Red Starbuck senkte den Blick und schwieg. Dann schlürfte er den letzten Wassertropfen aus der Feldflasche.

 

 

3

Wie eine gigantische schwimmende Stadt bewegte sich die „Arche“ in der Mitte des Missouri. Die hoffnungsvollen Lieder und Gebete der Ewigen waren verstummt. Schrecken hatte sich an Bord ausgebreitet. Zwei Männer hatten es fertiggebracht, diese Vielzahl unterschiedlicher Menschen zu unterjochen. Aber Saint, der skrupellose Killer, gab sich noch immer nicht zufrieden. Ihm genügte nicht, dass er ein Schiff befehligte, das ihn weit genug von diesem Carringo wegbringen würde, damit er irgendwo an sicherer Stelle an Land gehen konnte, um in Ruhe über den nächsten Schlag gegen den Wells Fargo Mann nachzudenken.

Der Hass gegen Carringo zerfraß ihn. Doch er musste seine Rachegedanken zurückstellen. Was ihn im Augenblick viel mehr peinigte, war die unerträgliche Nähe der Ewigen. Die satanische Freude über die brennenden Kreuze hatte nicht lange gewährt. Überall, wohin er auch schaute, fiel sein düsterer Blick auf christliche Zeichen und Symbole. Dies hier war kein Steamer, sondern eine schwimmende Kathedrale.

„Du sollst schänden alle Heiligtümer anderer Götter außer Satan, denn Satan ist der einzige Gott“, murmelte er und ließ eine der silbernen Patronen seines Patronenkranzes durch seine Finger gleiten. Ja, er würde nicht nur die Kreuze vernichten lassen, sondern auch die vielen religiösen Bilder, die Bibeln und Gebetbücher und alle äußeren Merkmale des Christentums. Aber wie sollte er den Menschen auf diesem Schiff seinen Willen aufzwingen?

Sie gehorchten ihm zwar, weil sie ihn fürchteten, aber insgeheim beteten sie doch zu ihrem Gott und verabscheuten Satan. Ihre Sanftmut brachte ihn noch zur Raserei. Er konnte mit diesen seltsamen Jammergestalten nichts anfangen, die nach so lächerlichen, gewaltverabscheuenden Geboten lebten. Aber er würde es ihnen noch beweisen, dass Satan allein ihrer Gebete würdig war. Er war der Stärkere. Welchen Einfluss auf die Geschicke der Welt konnte ein Glaube haben, dessen Anführer Greise wie dieser Padre Juan waren, der anscheinend überhaupt keine Bedürfnisse hatte.

Der Mann mit den grauen, langen Haaren und dem grauen Bart hatte offenbar eine ziemliche Macht über seine Gefolgschaft. Es war gut, dass Satans Wille ihn in seine Hände geliefert hatte. Jetzt waren die Schafe herrenlos, und ohne seine Herde blieb auch von der furchtlosen Erscheinung des Mexikaners nichts weiter als ein gedemütigter alter Mann.

Padre Juan fühlte den sengenden Blick auf sich ruhen. Er fürchtete sich nicht. Was lag an ihm? Gottes Wille würde geschehen, auch ohne ihn. Doch die Ewigen durften nicht vernichtet werden. Nach der großen, alles zerstörenden Sintflut sollten sie ein neues, besseres Menschheitsgeschlecht gründen. Die reißenden Wasser würden alles Böse fortschwemmen, und nur das Gute würde zur Ehre des Herrn überleben.

Fest erwiderten seine Augen den Blick des Satanskillers.

„Mein Bruder“, sagte er sanft, „wir leben in einer schlimmen Zeit, in der die Versuchung groß ist. Jeder von uns braucht eine leitende Hand, die ihn zu der Allmacht Gottes führt.“

Saint zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen.

„Ich höre wohl schief? Wie nennst du mich? Bruder? Kann mich nicht entsinnen, dass mein Vater einen so miesen Sohn wie dich gezeugt hat.“

„Dein Herz ist von Hass erfüllt“, fuhr der Padre unbeirrt fort. „Doch der Weg des Hasses ist der falsche. Auf ihm kann niemand das wahre Glück erreichen. Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, seinen Nächsten zu bekämpfen. Unser wahrer Feind ist das Böse, das mit aller Macht immer wieder versucht, ein Opfer zu finden. Glaube mir, Frieden findest du nur im Guten. Der demütige Kampf dafür ist nicht leicht, doch er führt dich zum höchsten Glück. Nur wenn das Gute siegt, können die verlorenen Seelen der Menschen gerettet werden. Wir brauchen starke Männer wie dich und deinen Freund. Schließt euch uns an! Noch ist es nicht zu spät, umzukehren. Die unfassbare Güte des Herrn wird euch verzeihen, und wenn das Böse längst besiegt ist, werdet ihr euch des ewigen Lebens erfreuen.“

Mit einem wütenden Aufschrei stürzte sich Saint auf den Grauhaarigen, packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn brutal.

„Du wagst es, mir mit Bibelsprüchen den Nerv zu töten?“, schrie er außer sich. „Du leugnest die unbesiegbare Größe Satans, des alleinigen Herrn dieser und aller Welten?“ Sein knochiger Handrücken traf das Gesicht Padre Juans, der zwar zurückzuckte, jedoch seine Hand nicht zur Verteidigung erhob.

„Die Gewalt wird von der Erde verschwinden“, predigte er enthusiastisch. „Es wird nur Liebe unter den Menschen sein. Jeder wird sein wie der andere. Keiner wird mehr gelten, wenn wir vor unseren Schöpfer treten.“

„Du wirst ein Haufen Blut und Knochen sein, wenn du tot bist“, brüllte der Satansanbeter und schlug wieder zu. „Bin neugierig, wer dich dann noch liebt.“

Der Mexikaner schmeckte Blut auf seiner Zunge. Der Rasende, der immer und immer wieder auf ihn einschlug, war in seinen Augen lediglich ein Verirrter, der zu bedauern war.

„Vertraue dem Herrn!“, sagte er keuchend. Er stürzte zu Boden, aber der Berserker ließ noch immer nicht von ihm ab.

Orani, die hübsche, schwarzhaarige Irokesen Squaw, zerrte an ihren Fesseln. Sie kauerte in einer Ecke des Steuerhauses und musste tatenlos mitansehen, wie der alte Mann misshandelt wurde. Sie wusste, dass sich Padre Juan nicht wehren würde. Er predigte Liebe und nicht Gewalt. Zu gern hätte sie ihr eigenes Leben für ihn gegeben, wenn sie das vermocht hätte. Der Padre war wichtiger für die Ewigen als sie. Er musste sie führen. Und falls Gott jemals die Geißel der beiden Fremden von ihrem Schiff nahm, dann sollte er es sein, der die „Arche“ mit allen Menschen und Tieren an Bord in ein neues, besseres Leben führte.

Die Stricke gruben sich tief in das Fleisch um ihre Handgelenke. Orani verbiss tapfer den Schmerz. Die rohen Schläge, die Padre Juan erduldete, schmerzten sie viel mehr.

Blutüberströmt lag der Alte auf dem Boden des Steuerhauses. Saint bearbeitete ihn nun sogar mit seinen Stiefeln.

SanChin, der chinesische Steuermann, ertrug dieses Anblick nicht länger. Wie alle Ewigen trug auch er keine Waffe. Aber er hatte seine Hände, und wenn er auch den Unheimlichen nicht schlagen wollte, so musste doch wenigstens diesem ungleichen Kampf ein Ende bereitet werden. Er stieß sich von dem Steuerrad ab und flog auf Saint zu, der sich in immer größere Wut hineinsteigerte, weil ihn der fehlende Widerstand seines Opfers aufs Äußerste reizte.

Doch Diablo hatte aufgepasst. Sein Schuss verfehlte den Chinesen nur ganz knapp.

Saint federte herum. Sein starrer Blick war der eines Toten. Aber es lebte ein unglaublicher Hass darin. Auch er hielt plötzlich einen Revolver in der Faust.

„Jetzt reicht es“, zischte er. Mit kaltem Lächeln drückte er dem fast Bewusstlosen die Revolvermündung gegen die Nasenwurzel. „Noch ein Schritt, und dieser Jammerlappen wird Satan zum Opfer gebracht.“

SanChin erbleichte. Dieser Teufel würde seiner Drohung die Tat folgen lassen. Das war kein leerer Schwätzer. Den ließen ein paar Leichen völlig kalt. Nein, der Padre hat recht. Mit Gewalt konnte man nichts erreichen. Sie mussten auf höhere Hilfe warten.

Aufseufzend zog sich der Chinese wieder hinter das Rad zurück. Seine kräftigen Finger verkrampften sich in den Speichen. Er wusste, dass nicht er es war, der auf diesem Schiff das Ruder führte.

Saint lachte höhnisch auf. Einen Moment zögerte er. War es nicht am einfachsten, diesen Mexikaner kurzerhand über den Haufen zu schießen? Was sollte er ihnen noch nützen?

Der Alte war inzwischen verstummt. Er sah grässlich aus, doch das beeindruckte den Satanskiller nicht. Genussvoll zog er mit dem Daumen den Hammer zurück. Aufstöhnend verlor Padre Juan das Bewusstsein. Er hatte den Gegner nicht überzeugen können.

„Meister“, schmeichelte Diablos Stimme, „der Schuft hat Satan beleidigt. Aber ist er es wert, dass ihr ihm mit einer schnellen Kugel den Tod schenkt?“

„Er muss sterben!“, fauchte der andere.

„Wäre es nicht eher im Sinne unsres Herrn, wenn wir ihn die endgültige Herrschaft der Hölle auf Erden erleben ließen? Das wäre eine viel größere Strafe.“

Saint sah seinen Knecht nachdenklich an.

„Manchmal“, sagte er lobend, „hast du gar keine schlechten Ideen.“

„Ich gebe mir Mühe, Meister.“

„Das sollst du auch. Satan wird es dir lohnen.“

„Ihr macht mich glücklich. Wenn ich nur alles, was ihr mich lehrt, schneller begreifen würde. Ich möchte zu gern so sein wie ihr. Aber ich fürchte, dass ich das nie schaffe. Ihr müsst Geduld mit mir haben, wenn ich einen Fehler begehe.“

„Das ist nicht so schlimm“, sagte Saint. „Du stellst dich häufig schon recht geschickt an. Wie geht es deiner Hüfte?“

Diablo biss die Zähne zusammen. Nicht um alles in der Welt hätte er in diesem Augenblick des Lobs zugegeben, dass ihn noch immer beträchtliche Schmerzen plagten. Die Anerkennung seines Meisters bedeutete ihm ungeheuer viel. Fast soviel wie die Anerkennung Satans selbst.

 

 

4

Red Starbuck starrte finster vor sich hin. Ich sah ihm an, dass ihn die Untätigkeit, zu der wir verdammt waren, mehr quälte als der Durst. Und der war schon schlimm genug.

Fast zwei Stunden war alles ruhig geblieben. Die Kerle hatten vermutlich ihren Verwundeten versorgt und waren wohl dabei, sich einen wirkungsvollen Schlachtplan zurechtzulegen.

Der sumpfige Seitenarm des Mississippi, auf dem die „Sunlight“ jetzt fast bewegungslos lag, speicherte die Hitze. Das Wasser kochte. Ich war davon überzeugt, dass wesentlich mehr Krankheitserreger als Fische in der unappetitlichen Brühe zu finden waren.

Von den nahen Ufern klangen fremde Laute herüber. Der subtropische Wald beherbergte eine Vielzahl von Vögeln, deren Gekreische wie höhnisches Gelächter klang. Wir saßen jetzt buchstäblich auf dem Trockenen. Im ganzen Steuerhaus fand sich weder ein Bissen Brot noch ein Tropfen Wasser. Wir mussten hier raus. Das war unsere einzige Chance. Einen nochmaligen Überfall der Racheengel würden wir vermutlich nicht ungeschoren überstehen.

„Du denkst dasselbe wie ich, Carringo“, sagte Red Starbuck. „Schlimmer kann es nicht mehr werden. Wir schmoren hier drin in unserem eigenen Saft. Und wenn wir gar sind, werden sie uns holen.“

„So jedenfalls stellen sie es sich vor“, gab ich ihm recht.

Details

Seiten
117
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940251
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
carringo stadt

Autor

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Titel: Carringo und die schwimmende Stadt