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Die Welt der 1000 Reiche #4: Goyan und der Götterkopf

2020 120 Seiten

Zusammenfassung

Goyan, dessen Heimat Sibornien ist, bekommt von seinem Vater, einem angesehenen Tischlermeister, den Auftrag, einen sehr aufwendig geschnitzten Götterkopf bei dem reichen Händler Adrian Hemida abzuliefern. Dort erfährt er bereits beim Öffnen der Tür die erste Überraschung und will seinen Augen nicht trauen. Wenig später die zweite, die er an seinem Leib zu spüren bekommt, denn der Händler plant keineswegs, Goyan seinen vereinbarten Lohn zu geben. An Körper und Geist zutiefst verletzt sinnt er auf Rache und von nun an sollte sich sein Leben von Grund auf ändern …
Henry der Roboter ist noch immer auf seinem Weg durch die Welt der 1000 Reiche in das Reich hoch oben im Norden, das sich Gondrond nennt. Im Namenlosen Land erfährt er einiges über das Nachbarreich Sibornien, seinem nächsten Ziel. Doch einen entscheidenden Hinweis konnte man ihm nicht geben, da dieses Rätsel dort unbekannt ist. Und genau diese fehlende Information bringt Henry in arge Schwierigkeiten und an seine eigenen Grenzen …

Leseprobe

Table of Contents

Band 4: Goyan und der Götterkopf

1

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4

5

6

Die Welt der 1000 Reiche

Band 4: Goyan und der Götterkopf

 

 

 

Ein Science Fantasy Roman

von

Roland Heller

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Seve Meyer, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Goyan, dessen Heimat Sibornien ist, bekommt von seinem Vater, einem angesehenen Tischlermeister, den Auftrag, einen sehr aufwendig geschnitzten Götterkopf bei dem reichen Händler Adrian Hemida abzuliefern. Dort erfährt er bereits beim Öffnen der Tür die erste Überraschung und will seinen Augen nicht trauen. Wenig später die zweite, die er an seinem Leib zu spüren bekommt, denn der Händler plant keineswegs, Goyan seinen vereinbarten Lohn zu geben. An Körper und Geist zutiefst verletzt sinnt er auf Rache und von nun an sollte sich sein Leben von Grund auf ändern …

Henry der Roboter ist noch immer auf seinem Weg durch die Welt der 1000 Reiche in das Reich hoch oben im Norden, das sich Gondrond nennt. Im Namenlosen Land erfährt er einiges über das Nachbarreich Sibornien, seinem nächsten Ziel. Doch einen entscheidenden Hinweis konnte man ihm nicht geben, da dieses Rätsel dort unbekannt ist. Und genau diese fehlende Information bringt Henry in arge Schwierigkeiten und an seine eigenen Grenzen …

 

 

***

 

 

1

 

Goyan Osir gehörte zu jenen Männern der jungen Generation, die fürs Erste einmal alles anders machen wollten als ihre Väter und fürs Zweite gewillt waren, in ihrem Leben berühmt und reich zu werden. Vor allem das zweite Ziel sollte erreicht werden. Wenn daneben noch etwas für das private Glück abfiel, war es auch nicht zu verachten.

Die kleine Ortschaft, in der Goyan lebte, hieß Oberthal, und hier hatte sich die Familie Osir einen respektablen Ruf erarbeitet.

An diesem Morgen weckte Nouran ihren Sohn bereits vor den ersten Morgenstrahlen. Er sollte heute einen wichtigen Auftrag für die Familie erledigen. Nouran war eine in die Jahre gekommene Matrone, der man aber noch ansah, dass sie in früheren Jahren äußerst attraktiv gewesen sein musste. Nun wirkte sie verhärmt und abgearbeitet. Die Last der Arbeit hatte sie ihre aufrechte Haltung verlieren lassen. Hände und Gesicht waren übersäht von Falten, die Hände zudem schwielig und bereits von einigen Gichtknoten durchsetzt. Nur ihre Haare glänzten noch in jenem intensiven Schwarz, das typisch für die Osirs war. Auch Goyan besaß diese Haarfarbe.

Nouran betrachtete ihren Sohn nicht ohne Stolz, als er sich jetzt im Bett aufrichtete und sich die Müdigkeit aus den Augen rieb. Seine fast schulterlangen Haare hatte er am Hinterkopf zu einem Zopf zusammengebunden. Er schlief ohne Nachtgewand. So erhaschte seine Mutter einen Blick auf seinen bestens gestylten Körper, der vor Kraft und Gesundheit strotzte.

„Mach dich schnell fertig. Dein Vater hat alles für den Transport vorbereitet“, sagte sie, während sie seine kleine Kammer verließ, damit er sich fertig machen konnte.

In der Küche saß bereits Bert Osir, sein Vater, am Tisch. Auch an ihm waren die zahlreichen Jahre der Arbeit nicht spurlos vorübergegangen. Aber noch zählte er zu den besten Kunstschnitzern und Tischlern in Sibornien, noch waren seine Hände für die komplizierte Arbeit ruhig genug, doch die Zeit war abzusehen, dass er die schwierigen Arbeiten seinem Sohn überlassen musste. Anfangs natürlich noch unter seiner Aufsicht. Goyan war ein talentierter und gelehriger Schüler und eigentlich hätte Bert stolz und zufrieden mit ihm sein müssen. Was die Arbeit betraf, stimmte dies auch. Mit der restlichen Entwicklung, die sein Sohn nahm, war er nicht so restlos zufrieden, denn Goyan entwickelte einen aufsässigen Geist, er hinterfragte alles und jeden und konnte nichts so hinnehmen, wie es einfach war. Er akzeptierte einfach nicht, dass sie als Handwerker gesellschaftlich weit unter den anderen Berufen, wie etwa den Händlern, standen.

„Was wollten die denn verkaufen, wenn wir die Sachen nicht herstellten?“, pflegte er stets zu sagen, wenn ihn sein Vater zurechtweisen wollte. Auch was die Preisgestaltung anbelangte, kamen sie stets übers Kreuz.

Ein paar Flausen musste Bert seinem Sohn noch austreiben. Den Enthusiasmus der Jugend musste er in die richtigen Bahnen lenken.

Nun saßen sie allerdings friedlich nebeneinander bei einem kargen gemeinsamen Frühstück. Nouran hatte frische Fladenbrote zubereitet, die zusammen mit einem Getreidebrei gar nicht einmal so schlecht schmeckten, aber Goyan hätte sich auch in der Früh manchmal ein wenig mehr Abwechslung gewünscht.

Bert aß ungefähr die Hälfte seiner Portion schweigend, ehe er das Essen auf seinem Holzteller ein wenig zurückschob.

„Du weißt, worauf es heute ankommt“, sagte er zu seinem Sohn. „Adrian Hemida hat die Arbeit bestellt. Sie ist perfekt geworden. Verlange mindestens die abgemachten hundert Einheiten.“

„Du hast mir das bereits viermal erklärt, Vater“, antwortete ihm Goyan, ohne mit dem Kauen eine Pause zu machen, „ich bringe ihm den Kopf seines Hausheiligen und er gibt mir das Geld dafür. Was ist daran so kompliziert?“

„Adrian Hemida ist ein Schlitzohr! Stets versucht er, seine Geschäftspartner über das Ohr zu hauen. Es würde mich nicht wundern, wenn er es bei uns ebenso hält.“

„Wieso lieferst du deine Ware dann nicht persönlich ab?“

„Goyan!“, erreichte ihn da bereits der Ordnungsruf seiner Mutter. „Widersprich deinem Vater nicht!“

„Das war lediglich eine Frage, Mutter. Aber eine Antwort bekomme ich ohnehin nie!“

„Du bist jung und beweglich“, sagte Bert. „Wenn du erst einmal mein Alter erreicht hast, wirst du es besser verstehen. Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß unterwegs.“

Du wirst alt, gib es doch zu, dachte Goyan, aber das kommt dir nicht über die Lippen – und ich kann es dir auch nicht in das Gesicht sagen.

„Für den Hin- und Rückweg brauche auch ich fast den ganzen Tag“, brummte Goyan, als wäre er bereits ein alter Mann.

„Je eher du aufbrichst, umso besser wird es sein.“

„Ja, ja“, murmelte Goyan missgelaunt und schob einen weiteren Bissen in seinen Mund.

Auch sein Vater nahm sein Essen wieder auf, aber kaum hatte er den letzten Bissen in seinen Mund gestopft, als er aufstand und wenig später mit einem kunstvoll geschnitzten Götterkopf an den Tisch zurückkehrte.

Das Gesicht des Hausheiligen der Hemidas umgab ein filigraner Kranz aus vielblättrigen Zweigen. Jedes dieser Blätter war fein ausgearbeitet. Dieser Kranz stellte die eigentliche künstlerische Arbeit dar, denn zu seiner Herstellung bedurfte es in dieser Qualität einiges an kunstfertigem Können. Bert Osir war weit und breit der Einzige, der dies in diesem Maß beherrschte. Selbst Goyan konnte seinem Vater in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen, obwohl er auch trotz seiner wenigen Lebensjahre bereits ein Meister in diesem Fach war.

„Gib besonders auf den Kranz acht“, mahnte Bert, dann wickelte er den Kopf in ein weiches Tuch ein. Der so entstandene Ballen besaß einen Durchmesser von etwa einem halben Meter. Dieser Ballen wurde in einem Rucksack verstaut.

Demonstrativ wartete Bert Osir neben dem Rucksack, bis Goyan sein Frühstück beendet hatte.

Goyan hatte dies natürlich bemerkt und verstand auch die Absicht, die sein Vater damit bezweckte. Trotzdem blieb er ruhig sitzen und kaute die letzten Bissen extra gründlich.

„Ich esse deswegen nicht schneller, weil du wartest“, sagte er ungerührt. „Ich erreiche Adrian Hemida heute sicher noch. Er kann dir also keine Terminverfehlung vorwerfen.“

„Manchmal bringst du mich noch zum Wahnsinn, Sohn.“

„Ob du es glaubst oder nicht, du mich auch!“

„Jetzt hört ihr sofort auf, euch gegenseitig zu provozieren!“, mischte sich Nouran ein. „Ihr glaubt wohl, ich habe den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, als ständig eure Streitereien zu schlichten. Du Goyan kannst ruhig deinen Vater etwas mehr respektieren, und du Bert kannst Goyan ruhig zutrauen, dass er einen Auftrag ordnungsgemäß erledigt. So, das sind meine Worte! Und jetzt schnallst du dir den Rucksack um, Goyan. Den letzten Bissen kannst du auch im Gehen essen.“

Mit einer wütenden Geste warf Goyan den Rest seines Brotes auf den Teller zurück, dann stand er auf, aber anstatt den Rucksack umzuschnallen, suchte er nochmals die Nasszelle auf. Auch dort ließ er sich über Gebühr Zeit.

Als er sich dann endlich den Rucksack umschnallte, schwieg sein Vater eisern. Er blickte seinen Sohn nur starr an. Kein Lachen ließ sich in seinen Zügen entdecken.

Ebenso wortlos marschierte Goyan aus der Küche.

Vielsagend blickten sich Nouran und Bert an.

„Es wird Zeit, dass er eine Frau bekommt!“, hoffte Nouran.

„Den nimmt doch keine“, mutmaßte Bert.

„Sag das nicht. Die Bäckerstochter Jovana blickt ihm richtig verliebt hinterher!“

 

*

 

Ein Teil seiner Wut war gespielt, das gab Goyan zu, aber so ganz unbeschwert hatte der Tag für ihn nicht begonnen.

Als er draußen stand, richtete er sich nochmals den Rucksack, damit er bequem saß, dann angelte er nach seinem Stock, der neben der Haustür lehnte. Er ließ ihn einige Male in seiner Hand kreisen, dann pfiff er schon fast vergnügt. Eigentlich freute er sich auf einen Tag an der frischen Luft und ohne die konzentrierte Arbeit in der Werkstatt. Den Stock nahm er einfach so mit. Die Straße, die er heute entlang gehen musste, wartete ohne Schwierigkeiten auf ihn. Auf diesem Weg benötigte er keine Gehhilfe. Der Stock machte sich aber für einen Wanderer gut, er gab so etwas wie einen professionellen Touch.

Die Sonne ließ sich noch nicht blicken, ihr Licht schickte sie jedoch bereits voraus. Die Umwelt lag in einem diffusen Licht, das die Konturen der Schatten extrem scharf zeichnete.

Wenn er schnell ging, brauchte er etwa drei Stunden, wenn er sich Zeit ließ, konnten daraus auch vier Stunden werden. Also kein Grund, gleich in der Früh in Stress zu verfallen.

Die Straße war mit unbehauenen Steinen gepflastert. Man musste also stets auf die Füße sehen, damit man nicht über die eine oder andere Unebenheit stolperte. Aber sie leitete einen ohne Umwege direkt aus dem Dorf auf die Landstraße, die zu der Residenz von Adrian Hemida führte. Sie zeugte von solider Arbeit, ließ aber kein Anzeichen von Reichtum erkennen, denn die Bauweise beschränkte sich auf das Notwendigste.

Auch die Häuser, die sich links und rechts der Straße erhoben, erweckten den gleichen Eindruck.

Die Wände waren mit rohen Steinen hochgezogen und mit einem groben Mörtel verputzt. Sie wirkten massiv. Und das sollten sie wohl auch sein. Vom ästhetischen Standpunkt her gesehen, war die Bauweise schlampig.

„Auf geht es!“, befahl er sich und tat die ersten Schritte.

Die Gasse, die von seinem Haus in die Richtung der Hauptstraße führte, war eng und zog sich in einem langen Bogen dahin. Goyan wusste, weshalb man keine geraden Straßen baute. Dies sollte mögliche Angreifer im Unklaren darüber lassen, wie viele Häuser und Meter sie noch zu erobern hatten. Was vom strategischen Standpunkt aus vorteilhaft sein mochte, ärgerte ihn persönlich, denn dadurch wurde die Wegstrecke unnötig verlängert.

Goyan konnte sich ärgern wie er wollte, deshalb musste er die Strecke dennoch ausgehen. Und wenn ihm dann noch seine Nachbarin über den Weg lief, war alles dazu angetan, seine gute Laune in den tiefsten Keller zu verbannen.

Jovana Zuljko war die Tochter des Bäckers. Zusammen mit Goyan hatten sie sieben Jahre die Schulbank geteilt und in dieser Zeit hatte sie ihre unauslöschliche Liebe zu ihm entdeckt. Diese Zuneigung blieb vorerst einseitig, aber Jovana gab ihre Hoffnung nicht auf. Wenn man den Männern des Dorfes glauben durfte – und die waren immerhin Spezialisten auf diesem Gebiet –, war sie eine Augenweide, auch wenn sie um die Mitte etwas pummelig war. Jovana zeichneten die gleichen pechschwarzen Haare wie Goyan aus, die sie in zwei langen Zöpfen trug. Sie hatte sich geschworen, ihre Zöpfe erst dann abzuschneiden, wenn sich Goyan zu ihr bekannte. Im anderen Fall wollte sie sich ihr Haar abscheren und mit einer Glatze durch das Leben laufen – wie es bei den Witwen üblich war.

Als Brotbäckerin musste man früh aufstehen.

Jovana hatte ihre Frühschicht bereits erledigt, als sie sich zur Erholung vor die Tür begab.

Gerade in diesem Augenblick trat Goyan aus dem Haus.

„Hallo, Nachbar. So früh sieht man dich selten.“

„Halte dich mit deinem Spott zurück, Jovana.“

„Ich freue mich, dich so früh zu sehen, Goyan“, sagte Jovans und tat ein paar Schritte auf ihn zu.

„Den Spott denkst du dir nur dazu. Du weißt, wie ich zu dir stehe.“

„Vergiss es, Jovana. Ich werde nie um dich werben. Nur weil wir Nachbarn und zusammen aufgewachsen sind, heißt das noch lange nicht, dass wir unser ganzes Leben aufeinander picken müssen.“

„Ich liebe dich, Goyan. Ich gebe nicht auf. Ich werde schon einen Weg finden, dich an mich zu binden.“

„Spar dir die Mühe. Ich habe mich für Iris entschieden.“

„Wohin des Weges eigentlich?“

„Ich muss einen geschnitzten Kopf abliefern. Bei Adrian Hemida.“

„Oh“, sagte Jovana. Weiter äußerste sie sich allerdings nicht, was sie mit diesem ‚oh‘ meinte.

„Was soll das oh“?“

„Weißt du es wirklich nicht? Dann bin ich die Letzte, die es dir verrät.“

„Sag es Jovana!“, verlangte Goyan.

„Du kommst früh genug dahinter“, sagte Jovana. „Soll ich dich begleiten?“

„Du musst doch in der Bäckerei arbeiten.“

„Die Hauptarbeit ist getan. Wenn ich meinen Vater bitte, gibt er mir sicherlich frei. Besonders wenn ich dich begleite.“

„Ist eigentlich deine ganze Familie hinter mir her?“, brummte Goyan.

„Sie unterstützen mich nur.“

„Bleib zu Hause, Jovana. Ich kann dich auf meinem Weg nicht gebrauchen. Außerdem brauche ich nicht das Gerede der Tratschweiber. Wie die sich den Mund zerreißen, wenn ich mit dir bereits in aller Früh unterwegs bin.“

„Auf die musst du doch nicht hören.“

„Jovana, können wir nicht einfach gute Nachbarn sein? Unterlass einfach diese ständigen Anspielungen auf ein gemeinsames Familienglück. Ich liebe dich nicht! Akzeptier das einfach!“

„Mit Iris wirst du nie glücklich werden. Die strebt nach Höherem!“

„Das werden wir sehen. Jetzt muss ich mich auf den Weg machen. Alleine!“

Goyan nickte Jovana zu. Wider Erwarten hatte ihn die Begegnung mit der Bäckerstochter nicht so in Rage gebracht, wie er gefürchtet hatte. Im Grunde mochte er sie ja ganz gerne, doch ihre Anhänglichkeit störte ihn maßlos – und ihre ewigen Versuche, sich seiner Freundschaft zu versichern und ihm womöglich ein Eheversprechen zu entlocken.

Die nächsten Stunden gehörten ihm und seinen Gedanken.

 

*

 

Es ging gegen Mittag zu, als Goyan das Anwesen von Adrian Hemida erreichte. Wuchtig erhob sich das weitläufige Gebäude vor ihm. Deutlich konnte man ihm ansehen, dass es von Generation zu Generation der Vorbesitzer gewachsen war, denn obwohl sich die einzelnen Anbauten harmonisch einfügten, vermittelte das Anwesen keinen geschlossenen Eindruck, sondern erinnerte eher an Stückwerk, das irgendwie zusammengefügt worden war.

Goyan befand sich nicht das erste Mal hier. So besaß er keine Schwierigkeiten, in dem Durcheinander der Fronten mit ihren verschiedenen Eingängen den Haupteingang zu finden. Zielstrebig steuerte er darauf zu.

Ein Strick neben der Tür führte zu einer Glocke, die mehr als einen Meter über seinem Kopf hing.

Sie war hoch genug, damit niemand mit ihr Schindluder treiben konnte, und dementsprechend schwer, dass ein versehentliches Ankommen an dem Seilzug die Glocke nicht anschlagen ließ.

Offensichtlich hatte die Familie Hemida in den letzten Jahren in dieser Beziehung gewisse Schwierigkeiten gehabt.

Entschlossen betätigte Goyan die Glocke.

Er freute sich darauf, die Last in seinem Rucksack loszuwerden, denn mit der Zeit spürte er das Gewicht des geschnitzten Kopfes immer stärker. Wenn er an diese Last dachte, freute er sich auf einen gemütlichen Rückweg. Auch gedachte er auf seinem Weg zurück irgendwo einzukehren und seinen Hunger und Durst zu stillen. Manche der Häuser entlang des Weges waren bekannt für ihre Qualität. Es wäre richtig schade, wenn er nicht zumindest in eines davon einkehren würde. Aber zuerst wollte er die Ware abliefern.

Dreimal musste Goyan die Glocke betätigen, ehe er endlich Geräusche aus dem Haus vernahm.

In Erwartung des Hausbesitzers streckte er sich und stand aufrecht. Er wollte den Eindruck eines selbstsicheren Herrn vermitteln. Adrian Hemida hatte eine Ware bestellt, etwas für ihn Wertvolles.

Goyan brauchte sich als Tischer absolut nicht verstecken. In seinem Metier waren er und sein Vater Künstler. Und das sollten die anderen ruhig anerkennen.

Die Tür öffnete sich.

Im ersten Augenblick schaute Goyan verwirrt in das ihm bekannte Gesicht, das ihn nur im ersten Moment fragend anblickte, um dann einem fast wütenden Gesichtsausdruck Platz zu machen.

„Was bringt dich hierher?“, fragte Iris Sams unwirsch. „Was erlaubst du dir eigentlich? Stellst du mir immer noch nach?“

„Ich … Nein“, stammelte Goyan, „ich habe nicht erwartet, dich hier anzutreffen. Ich bringe eine Bestellung für Adrian Hemida.“

„Ha, dass ich nicht lache! Glaubst du, Adrian bestellt etwas bei einem minderbemittelten Tischler? Du versuchst wohl jeden Trick!“

Ganz sicher war sich Iris jedoch nicht, denn in diesem Fall hätte sie vermutlich die Tür vor Goyan zugeknallt.

Iris war ein hübsches Mädchen. Goldfarbene Locken umrahmten ihr Gesicht. Ihre Augen standen vielleicht eine Spur zu nahe beieinander, aber vielleicht war es gerade dies, was ihre Attraktivität erhöhte. Wenn sie nicht gerade wütend wie jetzt blickte, zeichneten sich auf ihren Wangen entzückende Grübchen ab, die ihr einen pfiffigen und gutgelaunten Eindruck verliehen. Ihre Nase und Mundpartie wirkten ohnehin wie von einem Künstler auf Eindruck schielend modelliert. Mit einem Wort, kaum ein Mann konnte an ihr vorbeigehen, ohne ihre Schönheit zu bewundern.

Ganz im Gegensatz zu ihrer äußeren Schönheit stand leider ihr Charakter. Iris war gefühlskalt – und berechnend. So bezeichnete sie zumindest Goyan. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, die Gewinnung ihrer Liebe als eines seiner Lebensziele anzugeben.

Nur für einen Augenblick verwirrte der Anblick von Iris den jungen Mann, dann hatte er sich wieder gefasst.

„Iris, lass mich zuerst das Geschäftliche erledigen. Dann würde ich gerne mit dir sprechen.“

„Das kannst du dir sparen. Glaubst du, ich bin auf so einen Hungerleider wie dich angewiesen? Ich will mehr. Und Adrian kann mir alles bieten, was ich mir wünsche.“

„Iris, ich …“

„Vergiss das, wir sind zufällig gleich alt und haben dieselbe Schule besucht. Und damit hat es sich.

Ich habe andere Pläne, und in denen kommst du absolut nicht vor.“

In diesem Augenblick drängte sich eine Stimme in ihr Gespräch.

„Wer ist an der Tür?“ Das musste Adrian Hemida sein.

„Sie haben einen Heiligenkopf bestellt!“, rief Goyan.

„Bestehst du immer noch darauf?“, fuhr Iris dazwischen.

„Verdammt, es dreht sich nicht immer alles nur um dich!“, sagte Goyan wütend.

„Als würde Adrian bei dir ein Handwerk bestellen!“, beharrte Iris. Sie wandte sich Richtung Wohnbereich und ließ einen lautstarken Schrei ertönen. „Wirf diesen Verrückten hinaus!“, verlangte sie.

Adrian kam die Treppe herab, die vom oberen Wohnbereich in den Eingangsbereich führte und sah Iris wütend vor der Tür stehen. Den jungen Mann mit dem Rucksack, den dieser jetzt in der Hand hielt, bemerkte er nur am Rande und taxierte ihn gleich als Störenfried.

Adrian trug am Gürtel stets eine neunschwänzige Peitsche. Sie gehörte zu seinen Lieblingswerkzeugen, und er war ein Meister in der Handhabung dieser Waffe. Da seine Bettgenossin ganz offensichtlich in Schwierigkeiten war, war er verpflichtet, für ihre Ehre und ihren Schutz einzutreten.

Bevor er den Eingangsbereich ganz erreicht hatte, nahm er die Peitsche in seine Hand.

Iris bemerkte dies wohlwollend und trat beiseite, um den Schnüren nicht in den Weg zu kommen.

Goyan sah dies alles wohl, aber er reagierte viel zu spät. Dass eine Gefahr auf ihn so unmittelbar zukommen konnte, damit hatte er nicht gerechnet. Er war ja nur ein Bote, der eine Ware abliefern sollte.

Da knallten die Peitschenschnüre bereits um seine Brust.

Goyan schrie auf. Der Schmerz raubte ihm für mehrere Atemzüge die Besinnung.

Er bemerkte, dass Adrian zu einem neuen Schlag ausholte.

Goyan hielt den Rucksack wie einen Schild vor seine Brust.

Da waren die Schnüre heran. Die Hauptwucht traf den Rucksack, aber seine Hände, die den Rucksack hielten, bekamen den Rest ab. Blutige Striemen, abgerissene Haut, und Schmerzen …

Goyan fiel auf die Knie und hielt den Rucksack nach wie vor schützend vor seinen Kopf.

Adrian trat vor Goyan und blickte auf ihn hinab. Iris stand unberührt daneben. Warum hilft sie mir nicht?, dachte Goyan kurz, doch dann verwarf er diesen Gedanken, denn in diesem Moment starb etwas in ihm: seine Liebe zu Iris.

„Zieh dich zurück!“, befahl Adrian Iris.

Als die junge Frau sich zurückgezogen hatte, stellte sich Adrian breitbeinig vor Goyan. Seine Peitsche hatte er im Gürtel verstaut.

„Also, junger Mann, was führt dich hierher?“

„Du hast den Kopf deines Hausheiligen in Auftrag gegeben, den wollte ich dir bringen. Du hast ihn bestellt!“, sagte Goyan fest.

„Weshalb hast du Iris das nicht gesagt?“

„Sie wusste es, Herr. Aber sie hat nicht geglaubt, dass du eine Arbeit bei einem Künstler bestellst.“ Absichtlich benutze Goyan diese Wortwahl, und wie er erfreut feststellte, verfehlten seine Worte nicht ihre Wirkung.

„Lass sehen. Wenn ich mit dem Ergebnis zufrieden bin …“

„Ja, sofort.“ Goyan öffnete den Rucksack und holte die noch in den Stoff eingewickelte Figur hervor. Vorsichtig legte er sie auf den Boden, dann wickelte er die oberste Stoffschicht ab, um gleich darauf zu erstarren.

Der kunstvoll geschnitzte Blätterrand war an mehreren Stellen zerstört.

Fassungslos blickte Goyan auf den Blätterkranz.

„So etwas willst du mir bringen?“, rief Adria erbost.

„Es muss die Peitsche gewesen sein!“, sagte Goyan.

„Willst du jetzt mir die Schuld zuschieben, Bursche?“ Adrians Stimme erhob sich zu einem hellen Kreischen und im nächsten Moment hielt er wieder seine Peitsche in der Hand, ohne allerdings auszuholen – vorerst.

„Sie war unversehrt. Ich schwöre es. Ich habe den gesamten Weg aufgepasst.“

„Jetzt ist sie unbrauchbar. Schau dir den Kopf an.“

„Ich sehe es. Mindestens fünf Blätter sind abgebrochen.“

„Nimm den Kopf zurück! – oder, warte, lass ihn mir. Du hast ihn den ganzen Weg hierher getragen. Ich gebe dir trotzdem noch dreißig Einheiten.“

„Nur dreißig Einheiten, Herr, das ist viel zu wenig. Man kann die fünf Blätter wieder anbringen …“

„dreißig Einheiten oder nichts!“, sagte Adrian scharf.

„Ich nehme ihn wieder mit“, entschied Goyan schließlich. „Er war unversehrt, als ich in dein Haus getreten bin, das schwöre ich.“

„Vielleicht solltest du besser auf deine Arbeiten achten“, sagte plötzlich Iris, die wieder zu ihnen getreten war. „Lass den Kopf hier. Dein Vater wird dir schon sagen, was er von dir hält! Nimm die dreißig Einheiten und sei zufrieden, dass du nicht nochmals die Peitsche zu spüren bekommst.“

„Iris, wir waren einmal Freunde.“

„Wir haben zufällig dieselbe Klasse besucht, das ist alles. Glaubst du wirklich, ich gebe mich mit den Hungerleidern da draußen zufrieden, wenn ich so viel mehr erhalten kann?“

„Du verkaufst dich!“, stieß Goyan hervor.

„Jetzt reicht es, junger Mann!“, mischte sich Adrian ein.

„Lass ihn“, sagte Iris fast versöhnlich, „er muss seinen Schock erst noch überwinden. Sicherlich hat er das Beste gemeint, als er den Kopf hierhergebracht hat, aber er ist einfach ein Dummkopf!“

Hatte sie bislang Goyan angeblickt, wandte sie sich jetzt an Adrian. „Schmeiß ihn hinaus. Es wird Zeit, dass sein Gestank nicht länger unser Haus verpestet.“

Sie drehte sich um und stolzierte erhobenen Hauptes wieder zu der Treppe, die in das Obergeschoss führte.

„Also, worauf wartest du noch?“, stieß Adrian heftig hervor.

„Auf die dreißig Einheiten!“, wagte Goyan endlich hervorzubringen.

Wutentbrannt ließ Adrian seine Peitsche knallen, aber diesmal nicht über Goyan, sondern im luftleeren Raum.

„Warte vor der Tür!“

Goyan sah ihm zu, wie er ebenfalls die Treppe nahm, ohne sich nochmals um ihn zu kümmern. In ihm krampfte sich alles zusammen. Die Wut ließ die Haut seiner Fäuste weiß werden.

„Das werde ich euch heimzahlen“, schwor er sich. „Ich bringe euch zu Fall!“

Er verinnerlichte diesen Schwur sicherlich noch mehrere Male, bis er endlich soweit war, die Eingangshalle zu verlassen.

Draußen vor der Tür wartete tatsächlich ein Diener, der ihm wortlos dreißig Einheiten überreichte.

Ebenso wortlos steckte Goyan die Geldscheine ein, dann warf er sich den leeren Rucksack über die Schulter und stapfte davon.

Begleitet wurde er von dem brennenden Schmerz, den die Peitschenhiebe auf seiner Haut zurück gelassen hatten.

 

*

 

Den Rückweg hatte er sich anders vorgestellt. Eigentlich hatte er einen vergnüglichen Spaziergang daraus machen wollen. Immerhin gab es entlang des Weges drei Gaststätten, zwei davon waren berühmt für ihr Bier und die dritte für den Wein, der, je nach Gusto, pur oder mit mineralisiertem Wasser gespritzt getrunken werden konnte. Kein Zweifel, dass Goyan allen drei Gaststätten einen Besuch hätte abstatten wollen, doch daran war nun nicht mehr zu denken.

Missmutig stapfte er den Weg entlang. Kaum konnte er sich zu einem leise gemurmelten Gruß durchringen, wenn er anderen Wanderern begegnete. Das blieb so, bis er sich seinem Heimatdorf auf einen Kilometer genähert hatte.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940091
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
götterkopf goyan reiche welt

Autor

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Titel: Die Welt der 1000 Reiche #4: Goyan und der Götterkopf