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Wettfahrt ins Verderben

2020 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Wettfahrt ins Verderben

Copyright

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Wettfahrt ins Verderben

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

Jim Sherman und Bob Washburn, die beiden Trucker, sind sofort begeistert, als sie die Anzeige in der Zeitung entdecken. Ein Wettrennen - Austragungsort ist ein Wüstengebiet in New Mexico. Die Siegesprämie ist ein echter, über ein Kilo schwerer Goldbarren im Wert von rund 50.000 US-Dollar. Kurz entschlossen setzen sich die beiden Freunde mit Lucius Mahoni, dem Organisator und Herausgeber der Lokalzeitung »Eldorado Times«, in Verbindung …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Vollmond ... Sterngeflimmer ...

Sam Stonewall war kein Mann, der Gespenster sah. Er war ein Draufgänger der alten Schule, für den es nichts Herzerfrischenderes gab als eine gepflegte Schlägerei. Und das, obwohl er in ein paar Wochen immerhin schon hart an der Grenze zum Siebzigsten kratzen würde. Aber diese Nacht, das spürte er mit der ganzen Erfahrung seines an Abenteuern nicht armen Lebens, lag etwas in der Luft. Etwas, vor dem man sich in Acht nehmen musste.

Kalt war es.

Eine stille, frostklirrende, in flimmernden Sternenschimmer getauchte Wüstennacht!

Morgen Mittag würden dort, wo Sam Stonewall gerade das Lagerfeuer mit ein paar extra dicken Holzscheiten schürte, wieder sengende Temperaturen von weit über hundert Fahrenheitsgraden herrschen und jedem menschlichen Eindringling in diesem öden Sand- und Felsenmeer klarmachen, dass dieses fremde Stück Welt auf einem ansonsten vertrauten Planeten ihn nicht wollte.

Aber wer kapierte das schon?

Wer wollte es kapieren?

Stonewall spuckte ins Feuer. Die Flammen zeigten sich davon genauso wenig beeindruckt wie der Wüstensand von einem vereinzelten Regentropfen.

Irgendwo heulte ein Kojote.

Früher, dachte Stonewall fast sehnsüchtig, hätte man sich da nicht so sicher sein dürfen. Früher hatte es alternative Erklärungen für diesen langgezogenen, heulenden Ton gegeben, der so manchen eroberungsdurstigen Weißen den verlausten Skalp gekostet hatte.

Die Gefühle, die diesen Gedankengang begleiteten, waren durchaus zwiespältiger Natur. Stonewall hätte gerne damals gelebt. Sein ganzes Dasein litt unter dem Umstand, dass er für das, was ihm wirklich gefallen hätte, um etwa hundert Jahre zu spät gekommen war.

Der Fluch des Zuspätgeborenen, nannte er es für sich selbst. Dabei hatte das Leben ihm so übel nun wahrlich nicht mitgespielt. Immerhin hatte er einen »Weltbrand« im besten Mannesalter erleben dürfen. Eine Erinnerung, die noch heute eine ganze Wand in seinem bescheidenen Heim in Sonora zierte. Vergilbte Schwarzweiß-Fotografien der »alten Kameraden«, mit denen er damals Europa von seinem Alptraum befreit hatte.

Der Kojote brach mitten in seinem Geheule ab, als hätte ihn jäh der Stimmbruch ereilt. Danach herrschte wieder eine tiefe Ruhe, die nur vom Knistern des Feuers und den scharfen Atemzügen seiner Begleiter durchdrungen wurde. Sie hatten das Lager dicht an den Felsen geschmiegt errichtet - einen dieser grandiosen, zerklüfteten, roten Sandsteingebilde, die die Lebenszeit eines Menschen zum lächerlichen Wimpernschlag degradierten. Seit Jahrmillionen hatten Wind und Wetter die eigentümlichsten Formationen aus dem nackten Gestein geschliffen. Oft ertappte sich Stonewall dabei, wie er erst in sich selbst, dann in die sternhelle Nacht hinaus lauschte und zu ergründen versuchte, wie es hier vor Abertausenden von Jahren ausgesehen haben mochte.

Verdammt, er war neben allen draufgängerischen Qualitäten auch ein hoffnungsloser Romantiker!

Stonewall erhob sich, entschlossen, dem steifen Blut etwas Bewegung zu verschaffen. Die Wolldecke über den Schultern, erklomm er über einen eng gewundenen Pfad den Gipfel des etwa hundert Fuß hohen Felsenungetüms. Oben wollte er in aller Ruhe ein Pfeifchen schmauchen.

Aber noch ehe er mit seinen Vorbereitungen dazu fertig war, entdeckte er ein Licht, etwa zwei Meilen nordwestlich, das ein fremdes Camp erhellte.

Sam Stonewall war neugierig, unternehmenslustig und verrückt genug, um ein paar seiner Jungs aus ihrem wohlverdienten Schlaf zu reißen und sie zu einer mitternächtlichen Stippvisite zu animieren. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass es sich dabei nicht um eine seiner besseren Ideen handelte.

Vergessen waren seine »Ahnungen«, die ihn vor einer nächtlichen Gefahr hatten warnen wollen.

 

 

2

Dass das Camp kein normales Camp war, erkannten sie erst, als sie mit zwei Jeeps und laufenden Motoren dicht vor dem mannshohen Maschendrahtzaun stoppten und die Scheinwerfer ein Schild mit der Warnung Achtung: ,Lebensgefahr! Starkstrom -Berühren des Zaunes auf eigene Gefahr!‘ aus der Dunkelheit rissen. Die Länge des Zaunes wurde gesäumt von etlichen Tierkadavern, die das Pech hatten, nicht lesen zu können.

Sam Stonewall sprang vom Jeep, begleitet vom Protestgeheul seiner Leute, die ebensowenig wie er akzeptieren wollten, dass ein Stück Wüste zum Spielplatz militanter Kräfte umfunktioniert wurde - Beispiele dafür gab es schon viel zu viele. Gar nicht weit von hier lag Alamogordo ...

»Heh!«, rief Stonewall dem Wächter zu, der hinter dem elektrischen Zaun patrouillierte und die Ankunft der Jeeps mit hochnäsiger Ignoranz beantwortete. »Wasch dir mal die Ohren, Jungchen! Wer oder was seid ihr? Spielt ihr hier, fernab der Zivilisation, ein bisschen Krieg? Oder grabt ihr nach Gold? Eigentlich wollten wir auf ein oder fünf Bierchen bei euch vorbeischauen. Aber wir trinken nicht gern aus Dosen, die vielleicht unter Strom stehen.«

Eigentlich war Stonewall damit noch nicht fertig. Eigentlich wollte er noch ein paar ganz andere Dinge loswerden, denn es ging ihm erheblich gegen den Strich, das eigene Lager völlig umsonst verlassen zu haben.

»Hau ab, Alter!«, sagte das Narbengesicht kalt - und hatte Glück, dass dieser effektvolle Zaun zwischen ihm und dem »Alten« stand.

Stonewall beherrschte sich mühsam. Seine Leute, die ihn lange genug kannten, verstummten.

Minutenlang stand er erstarrt vor dem bewaffneten Posten, dann hob er scheinbar gottergeben die Hände und kehrte zu seinem Jeep zurück. Doch statt einzusteigen, griff er sich den gewaltigen eisernen Kreuzschraubenschlüssel und warf ihn mit Schwung gegen den Zaun, wo er funkensprühend kleben blieb und innerhalb weniger Sekunden einen Kurzschluss im ganzen Camp verursachte.

Für kurze Zeit, bis die Notaggregate ansprangen, gingen die Lichter aus!

Stonewall wartete diesen Zeitpunkt nicht ab. An dem Camp war etwas oberfaul, das wusste er genau, denn nicht einmal die Behörden, mit denen er in Mahonis Auftrag verhandelt hatte, hatten etwas von einer solchen Festung mitten im Wüstensand gewusst. Sie hätten ihn garantiert darauf hingewiesen.

Daraus und aus dem Umstand, dass er seine Hoffnungen auf eine gemütliche Bierparty rapide schwinden sah, leitete er das Recht auf den Befehl ab, den er jetzt seinen Leuten zubrüllte: »Vorwärts!«

Die Jeeps ruckten verzögerungsfrei an und walzten den nun »entladenen« Todeszaun einfach platt. Innerhalb von Sekunden herrschte absolutes Chaos in dem fremden Camp, aber schon bald mussten Stonewall und seine Männer erkennen, dass sie ihre Gegner unterschätzt hatten. Das Blatt wendete sich abrupt, als ein gutes Dutzend gereizter Muskelprotze aus einer Baracke strömten und in die Keilerei eingriffen. Dennoch dauerte es ein paar Beulen und Rippenbrüche, bis Stonewall die Hoffnungslosigkeit des Fights einsah und er seinen Leuten das Zeichen zum ungeordneten Rückzug gab.

Wie geprügelte Hunde flohen sie aus dem geheimnisvollen Lager, begleitet von ein paar gezielten Warnschüssen aus automatischen Bleispritzen, die dicht über ihre Köpfe hinweg pfiffen.

Im Morgengrauen, als sie noch ihre Wunden leckten, folgte für Stonewall und seine Leute die nächste Überraschung: Das fremde Camp hatte sich über Nacht aufgelöst und war wie vom Erdboden verschwunden.

 

 

3

Der Zwerg, der Bob Washburn zielsicher anrempelte, als dieser das dreistöckige Mietshaus in San Antonios Culebra-Avenue betreten wollte, musste zu heiß gebadet haben.

Oder er liebte es riskant!

Hätte er nämlich geahnt, in welcher seelischen Verfassung sich Bob gerade befand, hätte ihn wahrscheinlich sein bloßer Selbsterhaltungstrieb davor bewahrt, sich ausgerechnet mit dem mindestens drei Fuß größeren und fünfzig Kilo schwereren Hünen anzulegen. Da er es jedoch offensichtlich nicht ahnte, setzte er noch eins drauf auf sein unverschämtes Verhalten und keifte: »Aus dem Weg, du schwarzes Elend!«

»Schwarzes Elend« titulierte man ihn nun wahrlich nicht allzu häufig. Auch wenn er hin und wieder Probleme wegen seiner Hautfarbe hatte, war es doch eher ungewöhnlich, dass eine traurige Gestalt wie dieser Giftzwerg sich solches anmaßte. Deshalb war Bob zunächst sogar bereit, die Sache als einmaligen Ausrutscher zu betrachten und auf sich beruhen zu lassen. Obwohl er obermieser Laune war.

»Cool, Boy, cool«, grinste er und vollführte einen Sidestep wie zu seinen besten Zeiten im Ring.

Dann war er wirklich baff, denn der Zwerg machte erstens die Bewegung mit und wollte dann zweitens offenbar genau durch ihn hindurch.

Jetzt war das Maß voll.

Bob hatte den Flegel noch nie zuvor hier gesehen. Es konnte sich also nur um jemanden handeln, der einen der anderen Bewohner des Mietshauses besucht hatte. Bob wartete den Zusammenprall gar nicht erst ab. Seine Faust schoss schon vorher in Richtung Kragen des Giftigen, der vermummt herumlief wie im tiefsten Winter. Er ertrank förmlich in einem weiten, dunklen Trenchcoat. Sein Gesicht hatte etwas Eulenartiges, obwohl er kein Brillenträger war. Dafür hatten sich stark ausgeprägte, natürliche Wülste um seine winzigen, verschlagen dreinblickenden Augen gebildet, die einer Brillenfassung nicht unähnlich waren und seiner Physiognomie etwas Kauziges verliehen.

Bob packte zu, drehte die Faust um den Mantelkragen und lupfte das schmächtige Kerlchen erst einmal auf gleiche Höhe. Gesicht an Gesicht knurrte er sodann: »Pack dich, du Gnom! Schwarz hat Vorfahrt! Wusstest du das nicht?«

Wie gesagt, Bob hatte nicht seinen besten Tag. Sein Freund und Partner Jim Sherman, der andere Teil des auf allen Highways bekannten Gespanns »Sherman & Washburn«, hatte ihn gerade vor der Haustür abgesetzt, nachdem sie eine längere Tour hinauf nach Jacksonville hinter sich gebracht hatten. Auf dem Rückweg hatten sie einen Stop in Baton Rouge eingelegt - und genau das war, wie schon so oft, der Fehler gewesen. Die Wurzel des Übels!

Bob grunzte, um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Und dann war er sekundenlang fassungslos, denn der Zwerg spuckte ihm treffsicher ins linke Auge.

»Jetzt langt’s!«, grollte Bob.

Das Lama vor ihm hatte gerade jede Gnade verspielt. Aber bevor er seinen ganzen Zorn in kinetische Energie umwandeln und dem Giftzwerg eins auf die Nase geben konnte, vernahm er ein Geräusch, das ihn erstarren ließ. Ein kurzes, trockenes Klicken irgendwo in der schmalen Schlucht zwischen sich und dem Gnom.

Als sein Instinkt endlich Gefahr! signalisierte, schleuderte er das schlaffe Bündel mit aller Wucht von sich. Die Zeit zwischen Flug und harter Landung genügte ihm, um sich zu vergewissern, dass er gut daran getan hatte, sich des kleinen Ungeheuers zu entledigen. Das, was da so hässlich geklickt hatte, war ein etwa zehn Zentimeter langes Stilett, dessen Klinge jetzt wahrscheinlich an einer wenig verträglichen Stelle von Bob’s Körper gesteckt hätte, wenn er nicht noch geistesgegenwärtig gehandelt hätte. Bob wischte sich mit dem Ärmel die Spucke aus dem Gesicht und starrte mindestens genauso fassungslos auf die Wertgegenstände, die der Zwerg außer dem Stilett bei der Landung verloren hatte.

Einiges davon kam ihm ausgesprochen bekannt vor.

Mit zwei Sätzen war Bob bei dem Giftigen, der sich in Rekordtempo in einen um Mitleid flehenden, ertappten Sünder verwandelte. Aber Bob kannte diesen Typ zu gut, um darauf hereinzufallen. Er schüttelte ihn, bis auch das letzte Stück seiner Beute aus dem Mantel gefallen war. Dann versetzte er ihm ein paar schallende Ohrfeigen, ließ ihn das Diebesgut wieder einsammeln und schleifte ihn am Kragen die Treppe bis hoch in sein Appartement, dessen Türschloss nach allen Regeln der Kunst geknackt worden war. Zehn Minuten später holte die von ihm informierte Polizei den Ganoven ab.

Wie sich herausstellte, hatte er auch noch den Bewohner eines anderen Apartments erleichtert, und die Cops begrüßten ihn wie einen alten Spezi. Nachdem Bob den Hergang zu Protokoll gegeben hatte, kam er endlich dazu, unter die Dusche zu steigen.

Seine Laune besserte sich jedoch kaum.

In Baton Rouge hatte er Sheila besuchen wollen. Aber wie er von ihrer Freundin Sandy Winfield erfahren hatte, befand sich die »Louisiana-Lady«, wie ihr CB-Handle lautete, gerade selbst mal wieder auf großer Tour mit ihrem Peterbilt Conventional.

Bob hatte zwar ihren gemeinsamen, nunmehr schon ein Jahr alten Sohn Michael, auf den Sandy wie üblich in Abwesenheit der Mutter aufpasste, sehen können, aber irgendwie hatte ihm die ganze Situation jegliche Laune vergällt.

Er hatte sich auf ein Wiedersehen mit der kaffeebraunen Mulattin gefreut, die ihre Beziehung leider trotz des gemeinsamen Kindes wesentlich emanzipierter sah, als es Bob lieb war. Seine Heiratsanträge wies sie mit ebensolcher Regelmäßigkeit zurück wie sein Ansinnen, wenigstens zusammenzuziehen. Sie liebte ihre Freiheit und die damit verbundenen Freiheiten eben über alles.

Bob war zwei Stunden mit Klein-Michael durch den Park spaziert und hatte zum Abschied den üblichen Unterhaltsscheck bei Sandy hinterlassen. Den ganzen Rückweg hatte er Jim mit seinen Problemen vollgequasselt.

Jedenfalls sah er selbst es so - obwohl er eigentlich hätte wissen müssen, dass es seinem Freund nichts ausmachte, auch mal seelische Müllkippe zu spielen. Sie gingen ja auch sonst durch dick und dünn. Außerdem kannte Jim die Tücken einer unbefriedigenden Partnerschaft zu Genüge aus eigener Erfahrung mit seiner Ex-Frau Cora-Mae.

Nachdem er frische Sachen angezogen hatte, brachte Bob den Abfall nach unten, den er vor Antritt der Tour vergessen hatte und der bereits ein überaus eigenes Aroma entwickelt hatte. Im Nachhinein musste Bob sich wundern, dass die Cops bei ihm nicht nach einer vergrabenen Leiche gesucht hatten.

Auf dem Rückweg vom Müllcontainer checkte er seinen überquellenden Briefkasten. Dann glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können, als ihm außer ein paar typischen Rechnungskuverts und Wurfsendungen etwas entgegenflatterte, das er zuerst gar nicht richtig realisierte.

Aber es war eindeutig ein … Höschen!

Ein seidener, champagnerfarbener Damenslip, auf den kunstvoll die Frage ,Do you remember?‘ gestickt war.

Erinnerst du dich ...?

Bob schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich nicht.

Leider!

 

 

4

Als Nolan Curtis seinen Bungalow in Castle Hills betrat, spürte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Nichts Dramatisches, aber der strenge Parfumduft, der seine Nasenschleimhäute attackierte, weckte nichts Vertrautes, was ihm eine Identifizierung gestattet hätte.

Monica?, dachte er irritiert, während er den Aktenkoffer an der Garderobe abstellte und in den luxuriösen Livingroom wechselte.

Als er sie dort nicht antraf, fügte er hinzu: Verdammt, ich sollte wirklich mal die Schlösser austauschen lassen.

Natürlich würde er das nicht tun. Nicht wirklich. Auch wenn die Vorstellung, Monica einmal richtig auflaufen zu lassen, nicht ohne Reiz war.

Er seufzte, ging zur Bar, goss sich einen doppelten Whisky hinter die Binde und rief ihren Namen. Zweimal tat er es sehr höflich. Beim dritten Mal wäre Monica wahrscheinlich schockiert gewesen, auch wenn sie den Realitäten längst ins Auge sah und Curtis‘ sympathisches Auftreten in der Öffentlichkeit nicht mehr mit der Wirklichkeit verwechselte.

Sein Gesicht hatte sich verzerrt, und die Art, wie er ihren Namen brüllte, hätte feinsinnigere Naturen problemlos in die Flucht geschlagen. Aber Monica - falls sie es war, die das gewagte Parfüm in seine vollklimatisierte Behausung eingeschleppt hatte, und falls sie noch da war - reagierte auch diesmal nicht.

Nolan Curtis stellte das Glas klirrend auf die Bar zurück und stampfte zur Treppe. Er hatte einen harten Tag hinter sich. Eigentlich war jeder seiner Tage »hart«, aber dieser hatte ganz besonders an den Nerven gesägt. Zudem erwartete er einen wichtigen Anruf, der dafür sorgen konnte, dass bald wieder die Dollar-Zeichen in seinen stahlblauen Augen aufblitzten.

Monica Corrigan, das egoistische, launische und verschwenderische Jet-Set-Girl, hatte er für diesen Abend eigentlich nicht auf seiner Rechnung gehabt.

Aber schon während er die Treppe nach oben stieg, glätteten sich seine Züge, die einen Moment den wahren Nolan Curtis gezeigt und auch seinen Spitznamen »Sharkey« gerechtfertigt hatten. Ein »Hai« war er in geschäftlichen Dingen tatsächlich. Einer, der seine Geschäftspartner bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eiskalt übervorteilte. Gleichzeitig besaß er aber auch genügend schauspielerisches Vermögen, um sich Menschen, von deren Nützlichkeit er überzeugt war, bei der Stange zu halten.

Monica gehörte in letztere Kategorie.

Und da sie für ihn vor allem anderen Mittel zum Zweck war und er durch sie erst bei der ALAMO TRUCKING, dem Konkurrenzunternehmen zu Rylands RTC, hatte einsteigen können, musste er über manche ihrer Launen hinwegsehen. Monica Corrigan war der Schlüssel zu seinem großen Ziel, die Ryland TRUCKING COMPANY zu schwächen und die ALAMO TRUCKING zum bedeutendsten Truck-Unternehmen im Südosten der USA zu machen.

Seit Jefferson Corrigans Ableben (Monicas Eigeninitiative, Curtis zum Geschäftsführer der ALAMO zu machen, trug nicht wenig zum Herztod des Firmengründers bei) war das ehemals fast freundschaftliche Konkurrenzverhältnis zur RTC auf den absoluten Tiefpunkt gesunken.

Der einstige Kalte Krieg zwischen Ost und West war mitunter ein Dreck gegen das, was sich hinter den Kulissen der beiden Großunternehmen abspielte, um sich gegenseitig auszubooten.

Wobei Luke Ryland, der Kopf der RTC, trotz härtester Prüfungen immer noch darauf bedacht war, Curtiss Heimsuchungen auf legale Weise zu beantworten. Was man von ihm nicht unbedingt immer behaupten konnte.

Als er das Ende der Treppe erreicht hatte, hörte er das Plätschern aus dem Badezimmer.

Verdammtes Biest!, dachte er, mittlerweile sicher, dass Monica sich dazu entschlossen hatte, ihn zu »überraschen«.

Er öffnete die Tür. Der Luxus hatte auch vor diesem Ort nicht halt gemacht. Von Wasserdampf beschlagene Spiegelflächen warfen Curtiss verzerrtes Abbild vielfach zurück. Der strenge Duft wurde so intensiv, dass er sich ernsthaft fragte, ob Monica neuerdings in Salmiakgeist badete.

Dann sah er sie.

Die rotblonde Nackte, die sich in der im Boden eingelassenen Rundwanne tummelte und gerade dabei war, sich mit einem leise summenden Gerät eine gesunde Röte ins Gesicht zu treiben. Ihr lauter Atem übertönte die Geräusche bei Curtiss Eintreten mühelos.

Erst als er bis an den Wannenrand getreten war, schlug sie die verklärten Augen auf und lächelte ihm ohne eine Spur von Schuldbewusstsein entgegen.

»Hi, Darling. Du kommst spät.«

Koks, diagnostizierte er mit Kennerblick und empfand es wie einen Schlag ins Gesicht, dass sie sich das Zeug wieder irgendwoher besorgt hatte, nachdem sie kürzlich wegen Drogenbesitzes verhaftet worden war und sogar in einem Frauengefängnis einsitzen musste. Curtis hatte sich mit ihrer Auslösung viel Zeit gelassen, um ihr eine Lehre zu erteilen. Aber offenbar hatte diese Lektion nicht gefruchtet.

Er war selbst kein Heiliger. Monicas Sexbesessenheit und ihren Kaufrausch nahm er gerade noch hin. Aber ihre Drogeneskapaden konnten seinen hochgesteckten Zielen schweren Schaden zufügen.

Bevor er sich jedoch ausführlich mit ihr beschäftigen konnte, summte das Telefon am Wannenrand. Er nahm es, ehe Monica sich darauf stürzen konnte, und trat auf den Gang hinaus. Erst als er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, um ihre sich überschlagende Stimme zu dämpfen, nahm er das Gespräch entgegen.

»Jefferson hier«, klang es dumpf aus dem Hörer. »Sie wollen regelmäßig über alle Vorkommnisse informiert werden.«

»Ja, ja«, Curtis nickte. »Heißt das, Sie sind fündig geworden?«

Wie stets, wenn er kurz davor stand, einen großen Coup zu landen, wurde er innerlich völlig ruhig.

Jefferson stieß ein verunsichertes Lachen aus.

»Soweit sind wir leider noch nicht. Aber ...«

Curtis unterbrach ihn ungnädig.

»Rufen Sie mich wieder an, sobald Sie mir etwas Konkretes bieten können! Wofür bezahle ich Sie sonst?« Er unterband jeglichen Rechtfertigungsversuch, indem er das Gespräch beendete.

Als er ins Bad zurückkehrte, wankte ihm Monica schmollend entgegen. Da das mit Spannung erwartete Telefonat noch nicht das erhoffte Ergebnis gebracht hatte, disponierte er innerlich kurzfristig um.

Auch oder gerade in ihrem gegenwärtigen Zustand ließ sich mit Monicas aufregendem Körper einiges anstellen, was die Zeit bis zu Jeffersons nächstem Rapport auf durchaus angenehme Weise verkürzen würde.

 

 

5

»Ein Damenslip?« Jim Sherman zeigte sich von seiner schadenfrohen Seite. Den Stetson weit in den Nacken geschoben, saß er bei Bier und Fritten mit Mayo Bob gegenüber in einer Snackbar und grinste sich eins. »Und du kennst den Absender nicht?«

Bob schüttelte in einem erneuten Anflug schon fast komisch wirkender Verzweiflung das Haupt.

»No!«

»Kommen denn so viele in Frage?« Der maisblonde Texas-Trucker maß seinen Partner mit nur scheinbar respektvollem Blick. »Himmel, ich erkenne dich ja kaum wieder. Du mauserst dich ja zum richtigen Aufreißer, zum Highway-Casanova.«

Bob’s Augen schleuderten kleine tödliche Blitze.

»Dir werden die Witzeleien auch noch vergehen«, prophezeite er mit unheilschwangerer Stimme. »Statt mir aus meinem Dilemma herauszuhelfen, machst du dich auf meine Kosten lustig.«

»Entschuldige mal!« Jim kratzte sich an seinem markanten Kinn. In seinen Augen blitzte es kurz auf. »Aber ich kann beim besten Willen nicht erkennen, wo da ein Dilemma liegen soll. Andere würden sich glücklich schätzen, wenn ihnen mal ein solcher Sehnsuchtsbeweis ins Haus flattern würde.«

»Ach ja?«, grollte Bob, nicht im Mindesten besänftigt. »Von Sheila ist das Ding jedenfalls nicht!«

»Und woher weißt du das so genau?«

Bob’s schwarzes Gesicht wurde noch eine Spur dunkler.

»Ich weiß es eben.«

»Woher?«, bohrte Jim gnadenlos weiter, »’ne andere Größe - oder was?«

»Das geht dich einen feuchten Schmutz an!«, brauste Bob auf.

Jim hob beschwichtigend die Hände.

»Bleib auf dem Teppich, Alter! Ich dachte, du wolltest meine Meinung hören. Und um mir die bilden zu können, muss ich doch erst mal alle Fakten kennen.«

»Fakten!«, äffte Bob ihn nach. »Vergiss es! Vielleicht war’s nur ein Jux von ein paar Halbstarken. Wenn’s was zu bedeuten hatte, wird sich die Unbekannte schon wieder melden.« Jim gefiel sich in der Rolle des Fatalisten. »Sei dir da mal nicht so sicher! Was ist, wenn das Ganze eine Art Prüfung für dich ist? Vielleicht will sich deine Verehrerin erst vergewissern, ob sie noch einen Platz in deinem Herzen hat, ehe sie sich dir offenbart. Wenn du jetzt einen Fehler machst und keine Erkennungssignale aussendest, kann es durchaus passieren, dass sie sich wieder schmollend zurückzieht, ohne dass du je erfährst, welche Chance du mit Fußen getreten hast.«

Bob warf ihm eine Fritte ins Gesicht. Mit Mayo.

»Du bist ein Spinner!« Sein Lachen ließ auf bessere Zeiten hoffen. Offenbar bekam er seinen Frust langsam in den Griff. »Was macht eigentlich dein sogenanntes Liebesleben?«

Jim winkte ab.

»Ich schufte wie ein Tier - wo sollte da Zeit für ein ordentliches Liebesleben bleiben?«

»Du bist der Ärmste unter der Sonne!«

»Nachts ist es schlimmer«, bekannte Jim. »Diese einsamen Nächte, teils sogar in der Gesellschaft eines Schnarchkopfs wie dir ...«

»Und was ist mit Raketen-Kitty McCallum? Ich dachte, da läuft was?«

Jim nippte an seinem Bier.

»Der Gentleman genießt und schweigt.«

»Gut und schön. Aber ich rede mit dir. Also?«

Ein Zeitungsjunge kam an ihren Tisch und rettete Jim. Der griff nach dem Strohhalm, winkte ihm zu und kaufte ein Exemplar. Vielleicht hoffte er wirklich, seinen Shotgun auf diese Weise endlich auf ein anderes Thema zu bringen.

Aber Bob machte seine Hoffnung zunichte.

»So leicht kommst du mir nicht davon. Erst bringst du mich auf die berühmte Palme ...«

Er verstummte. Seine schlechte Angewohnheit, in anderer Leute Zeitungen mitzulesen - nötigenfalls auch auf dem Kopf stehende Meldungen verursachte sein kurzes Stocken.

Auch Jim hatte die Schlagzeile längst entdeckt. Für ihn las sie sich jedoch wie folgt: HERZ FÜR TRUCKER - ELDORADO-TIMES SCHREIBT WETTBEWERB AUS!

Der Text, offenbar stark gekürzt von der erwähnten Zeitung übernommen, meldete weiter: Lotteriegewinner Lucius Mahoni, seines Zeichens Herausgeber der Lokalzeitung »Eldorado Times«, veranstaltet eine »Schnitzeljagd« ganz besonderer Art. Austragungsort ist ein Wüstengebiet in New Mexico. Die Siegesprämie wird ein echter, über ein Kilo schwerer Goldbarren im Wert von rund 50.000 US-Dollar sein! Nähere Auskünfte erteilt der Herausgeber der »Eldorado Times«, Lucius Mahoni, auf Anfrage selbst ...

Am Ende des Artikels war eine Telefonnummer veröffentlicht, bei der man weitere Details abfragen konnte.

Jim pfiff durch die Zähne, holte seinen Tabakbeutel heraus und fertigte sich erst mal eine Selbstgedrehte. Während er kurz darauf die Rauchkringel genüsslich in Bob’s Richtung blies, sagte er: »Hört sich nicht schlecht an. Eigentlich schade ...«

»Wieso schade?«, erkundigte sich Bob, der die Zeitung zu sich herangezogen hatte und sich nun ebenfalls die Einzelheiten des Berichts einverleibte.

»Dass nur einer den Barren gewinnen kann«, grinste Jim. »Schade für die anderen!«

Bob saß ein bisschen auf der Leitung. Es dauerte drei Fritten mit Mayo, ehe ihm endlich das berühmte Licht aufging. Doch dann stimmte er in Jims unverschämtes Grinsen ein.

»Es kann nur einen geben ...«, missbrauchte er den Trailer eines bekannten Filmes. »Du meinst also, dass wir den Pott holen?«

Jim demonstrierte ein fast schon beängstigendes Selbstbewusstsein.

»Wer sonst?«

Bob schob seinen leeren Teller beiseite.

»Worauf warten wir dann noch? Lass uns anrufen!«

Und das taten sie dann auch.

 

 

6

»Mister Sherman?« Die Stimme am Telefon klang so hocherfreut, als gälte es, einen guten alten Bekannten, zu begrüßen. »Welche Ehre!«

Jim staunte nicht schlecht.

»Kennen wir uns?«

Lucius Mahoni selbst hatte sich am anderen Ende der Leitung gemeldet. Aber Jim war fast sicher, ihm noch nie im Leben begegnet zu sein.

»Nicht persönlich«, schränkte Mahoni ein und bestärkte ihn damit in seiner Überzeugung. »Aber Sie und Ihr Partner Bob sind auf den Highways doch mittlerweile so bekannt wie bunte Hunde. Sie rufen sicher wegen des Wettbewerbs an.«

Jim konnte nur noch bestätigen. Bob, der neben ihm stand und Münzen nachwarf, blickte ihn fragend an.

»Mein Partner und ich sind an einer Teilnahme durchaus interessiert. Dürften wir Näheres darüber erfahren?«

»Natürlich.« Mahonis Stimme klang äußerst angenehm. Vor Jims geistigem Auge formte sich das Bild eines älteren Gemütsmenschen, der hinter einem riesigen Schreibtisch thronte und während des Telefonats noch drei andere Dinge gleichzeitig erledigte - ohne eine Spur von Hast. »Aber wäre es nicht angenehmer, wenn wir uns hier, an Ort und Stelle, über alles unterhielten? Bei einem gemütlichen Umtrunk? Natürlich nur, wenn es Ihre Zeit erlaubt.«

Jim entschied sich postwendend.

»Okay. Wann?«

»Am besten gleich. Von wo rufen Sie an?«

»San Antonio.«

»Gut. Das ist nicht allzu weit. Nehmen Sie den Interstate 10 bis Sonora, dann sind es noch etwa zwanzig Meilen bis Eldorado! Ich kann Ihnen natürlich nicht versprechen, dass es sich in Form des Goldbarrens für Sie auszahlt. Aber einen schönen Abend und eine angenehme Übernachtung garantiere ich Ihnen.«

Das klang nicht übel. Jim hatte, ohnehin nichts Besseres vor.

»Abgemacht!«

»Einen Wermutstropfen aber schon vorweg«, meldete sich Mahoni noch einmal zu Wort, und es war selbst durch das Telefon hindurch zu spüren, dass es ihm fast unangenehm war, darüber zu sprechen.

»Heraus damit«, ermunterte ihn Jim deshalb.

Mahoni räusperte sich.

»Sie und Ihr Partner dürfen zwar beide an dem Wettbewerb teilnehmen, gar keine Frage ... Aber nicht im gleichen Truck! Eine der Bedingungen, die das Ganze etwas interessanter gestalten sollen, lautet nämlich, dass keine eingespielten Teams mitmachen dürfen.«

Jim schielte zu Bob.

»Sind Sie immer noch interessiert?«, erkundigte sich Mahoni, als ihm das Schweigen zu lange dauerte.

Jim gab sich einen Ruck.

Er hatte zwar noch keine Ahnung, wie er seinem Shotgun diese jähe Wendung verkaufen sollte.

Aber er sagte erst einmal zu.

 

 

7

»Heißt das, dass wir zwei Hübschen zwar mitmachen können, aber nicht gemeinsam in einem Truck?«, fragte Bob fassungslos, als sie sich bereits auf halber Strecke zwischen San Antonio und San Angelo befanden - also nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt.

Jim hatte erst im allerletzten Moment die Katze aus dem Sack gelassen. Ein Indiz, dass ihn die »Schnitzeljagd mit Goldbarren« doch in außergewöhnlichem Maße reizte und er auch bereit war, ein paar Abstriche zu machen, um an diesem Wettbewerb teilnehmen zu können. Natürlich wollte er Bob nicht ausbooten.

Als dieser mal kurz die Toilette der Snackbar heimgesucht hatte, hatte Jim noch ein zweites Telefonat geführt. Diesmal mit dem großen Luke Ryland persönlich - in seiner Funktion als dessen unvergessener Ex-Schwiegersohn.

Da sie immer noch eine ausgesprochen herzliche Beziehung zueinander pflegten, war es Jim nicht sonderlich schwergefallen, dem Herrn über zweitausend Trucks eine Bitte zu unterbreiten, die auch Bob wieder ins Spiel brachte. Ryland hatte spontan zugesagt -ja, sogar die Überlegung geäußert, sich selbst an der reizvollen »Schnitzeljagd« zu beteiligen. Doch Marilyns energische und um die rechten Worte nie verlegene Stimme, die Jim im Hintergrund vernommen hatte, ließ darauf schließen, dass sich der Gründer der RTC kurzfristig eines Besseren besinnen würde.

Zu frisch war allen noch - und allen voran seiner Frau Kathleen - seine Odyssee nach einem Unfall mit totalem Gedächtnisverlust gegenwärtig.

»Das soll uns dieser Lucius Mahoni am besten selbst erzählen«, wiegelte Jim ab. »Immerhin hat er uns eingeladen. Am Ende des Tages werden wir wissen, ob es sich gelohnt hat oder nur ein Schlag ins Wasser war.«

»Ich vermute Letzteres!«, betätigte sich Bob als Schwarzmaler.

»Positiv sollten Sie Ihren Tag beenden!«, frotzelte Jim und warf einen Blick auf seine Uhr.

Es war kurz nach 18 Uhr.

Und eine Stunde später rollte sein metallic-olivgrüner Ford Mustang in die kleine Stadt mit dem vielversprechenden Namen Eldorado ein. Jim griff nach dem CB.

»Die Besatzung des ›Thunder‹ bittet um tätige Mithilfe bei der genauen Lokalisierung eines bestimmten Zieles in diesem hübschen Ort mit dem vielversprechenden Namen ›Eldorado‹«, sprach er launig in das Mikrofon. »Ist jemand willens und kundig genug, uns zu leiten? Wir fahren gerade von Süden in die Stadt ein und wollen zum Sitz der ›Eldorado Times‹.«

Jim murmelte den Spruch unablässig in den Äther. Mitten im dritten Versuch wurde er durch eine von Störgeräuschen untermalte Stimme unterbrochen.

»Hier ›White Eagle‹! ›White Eagle‹ ruft ›Thunder‹! Ihr könnt den alten Knaben und sein Käseblatt gar nicht verfehlen.«

Es folgte eine detaillierte Beschreibung, die Jim und Bob innerhalb kürzester Frist ins Herz der kleinen Stadt leitete und vor einem zweistöckigen Holzhaus stoppen ließ, das einen urgemütlichen Charme ausströmte und wie ein Relikt aus alten Wildwesttagen anmutete.

ELDORADO TIMES stand in großspurigen Lettern über der offenen Eingangstür. Die Buchstaben leuchteten in frischem, kräftigem Rot, so als seien sie erst neulich frisch überpinselt worden.

Jim bedankte sich beim »White Eagle« für die Hilfeleistung, und kurz darauf kam ihnen der Mann entgegen, der - zumindest in Trucker-Kreisen - ziemlichen Staub aufgewirbelt hatte.

 

 

8

Er sah aus wie ein hochbetagter Buchhalter, der die Siebzig bereits überschritten hatte. Ein kleiner Kugelbauch spannte sich über einem Paar karierter Hosen, die von ausgeleierten Stars & Stripes-Trägern gehalten wurden. Dahinter hatte er die Daumen eingehakt. Seinen von einem schütteren, silbergrauen Haarkranz umsäumten Kopf zierte eine verblichene Schirmmütze, und auf seiner langen, spitz zulaufenden Nase tanzte bei jedem Wort, das er hervorbrachte, eine bügellose, von unsichtbaren Kräften gehaltene Nickelbrille auf und ab.

»Mahoni!«, stellte er sich Jim vor, während er ihm die Hand schüttelte und gar nicht mehr loslassen wollte. Die gleiche Prozedur wiederholte sich bei Bob. »Kommen Sie doch herein! Meine Privatwohnung liegt im zweiten Stock. Die Belegschaft hat schon Feierabend. Wir werden ganz unter uns sein.«

Die Trucker folgten ihm neugierig. Draußen dämmerte es bereits.

Mahoni entpuppte sich als ein Mann, dessen offene Art und ungekünstelte Freundlichkeit jeden noch so großen Skeptiker überrumpeln musste. Er nutzte den Weg bis zur Treppe, die in seine privaten Gefilde führte, um ihnen einen Schnellkursus im Zeitungswesen anno 1890 zu verabreichen. Soweit reichte die Gründung der Eldorado Times nämlich zurück - und aus exakt dieser Epoche schienen auch noch alle Maschinen und sonstigen Einrichtungen zu stammen.

Jim und Bob entdeckten nichts, was nicht bereits musealen Wert gehabt hätte. Aber sie hüteten sich, Mahoni darauf anzusprechen. Der Stolz, mit dem er die Entstehungsgeschichte seines Wochenblattes vor ihnen ausbreitete, war unüberhörbar - und wahrscheinlich auch gerechtfertigt. Die Trucker maßten sich nicht an, Spott über einen Mann auszuschütten, der sein Handwerk noch von der Pike auf gelernt hatte. Wahrscheinlich war Lucius Mahoni so etwas wie der letzte Dinosaurier auf seinem Gebiet. Kein komplizierter Charakter. Aber ein Mann mit festen Prinzipien. Und mit einem Traum.

Das erfuhren Jim und Bob, nachdem sie ein Stockwerk höher gestiegen waren und eine Überraschung erlebten, die ihnen sekundenlang vor Staunen die Münder offenstehen ließ.

 

 

9

Lucius Mahonis privates kleines Reich war wie das Führerhaus eines chromblinkenden Trucks dekoriert. Der »Zeitungsmann« lebte in einem Mikrokosmos aus Souvenirs und Bildern der letzten fünf Dekaden. Unter den Schätzen, die er gehortet hatte, waren Raritäten, wie Jim und Bob, die nun weiß Gott weit herumgekommen waren, sie noch nie in dieser gehäuften Form gesehen hatten.

Und der freundliche alte Mann war für weitere Überraschungen gut.

»Ein Drink?«, fragte er.

»Gern«, nickten die Trucker unisono.

»Bier?«

»Warum nicht.« Jim schürzte die Lippen. Die Strecke hierher hatte sich gezogen. Seine Kehle war pulvertrocken. Eine nachhaltige Spülung konnte nicht schaden.

»Deutsches Bier«, unterstrich Mahoni, öffnete einen riesigen Kühlschrank, der eine Ecke des weiten, kaum unterteilten Raumes fast völlig ausfüllte, und nahm drei Flaschen heraus, von denen er zwei weiterreichte. »Eiskalt ...«

Es machte Plopp, und ein feiner weißer Nebel löste sich wie Frostatem aus dem offenen Flaschenhals, als er den Verschluss aufschnappen ließ.

»Es gibt nichts Besseres!«

Die Trucker taten es ihm gleich und prosteten ihm zu.

Details

Seiten
100
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940084
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v591330
Schlagworte
verderben wettfahrt

Autor

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Titel: Wettfahrt ins Verderben