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Marias Rache

2020 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Marias Rache

Copyright

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Marias Rache

Roman von Manfred Weinland und W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

Noch immer ist Luke Ryland nach der Schussverletzung und dem Herzanfall nicht über den Berg, ganz im Gegenteil, sein Leben hängt am seidenen Faden. In seinen Träumen erlebt er, wie Nolan Curtis sich in die Familie drängte und zunächst einen guten Eindruck machte. Damals war noch nicht abzusehen, wie viel Leid er über sie alle bringen würde. Gleichzeitig kämpfen die Ärzte mit allen Mitteln um das Leben des Trucker-Kings.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

San Antonio, 1994: Texas Memorial Hospital

Herzstillstand! Das war das Wort, das Amber noch gehört halte, bevor die Tür des Krankenzimmers von innen geschlossen wurde. Drinnen lag ihr Vater – Luke Ryland, der Trucker-King!

»Nein!«, schrie sie auf. »Nein, nicht …« Sie wollte mit den Fäusten gegen die Tür hämmern, aber jemand packte energisch zu und zog sie zurück. »Du kannst nichts tun, Amber. Komm, lass uns gehen!«

»Dad stirbt!«, flüsterte sie mit tränennassen Augen. »Es sah doch gerade noch so gut aus, und jetzt … Warum, Jim? Das ist doch nicht fair!«

»Darüber«, sagte Jim leise, »entscheiden nicht wir und auch nicht die Ärzte. Darüber entscheidet ER.« Sein Daumen wies nach oben. »Alles liegt jetzt in Seiner Hand.«

Es fiel ihm schwer, beruhigend auf Amber einzuwirken. Der Mann, der im Krankenzimmer starb, war sein Freund.

Blassgrün bekittelte Gestalten bewegten sich wie seelenlose Roboter innerhalb des von gleißendem Licht erhellten OP-Saales. Geräte summten in fiebrig hohen Tönen. Dazwischen drängten Geräusche noch hässlicherer Natur: Ein Reanimationsapparat lud sich auf – für alle Fälle.

Obwohl die sofortige Herzmassage und Begleitmaßnahmen Erfolg gehabt und den grauhaarigen Mann ins Leben zurückgeholt hatten, wollte niemand die Hände ins Feuer legen, dass der endgültige Kollaps nicht doch jede Sekunde eintreten würde!

Dr. Kohlmann hielt wie eine Spinne jeden Faden in den Händen, der das Leben Luke Rylands bewahrte. Die Augen des Arztes schimmerten über dem Atemschutz, als wären sie mit ähnlicher Energie auf geladen wie das Wiederbelebungsgerät, das alle Nerven zum Zerreißen anspannte. In Wirklichkeit war der Ausdruck in Kohlmanns Augen ein Gemisch aus höchster Konzentration, Entschlossenheit und – Angst.

Angst war immer mit dabei. Sie sorgte dafür, dass Leute wie er nicht unvorsichtig oder gar überheblich im Umgang mit dem täglichen Tod wurden.

Herzstillstand!

Bei Ryland trafen alle Eventualitäten zusammen, die ein auf die lebensrettende Bypass-Operation wartender Patient gerade nicht gebrauchen konnte!

Kohlmann schüttelte unmerklich den Kopf. Der Mann, der mit eingefallenen Zügen vor ihm auf dem Tisch lag, hatte eine Strähne, die schon nicht mehr mit Pech allein zu erklären war.

Mit einer Schussverletzung im rechten Lungenflügel und einem akuten Herzinfarkt war er vor einer knappen Woche eingeliefert worden. Die Kugel hatte in einer sofortigen Notoperation entfernt werden können. Danach war Ryland jedoch dermaßen geschwächt gewesen, dass seine Herzattacke nur medikamentös hatte behandelt werden können.

Sieben Tage hatte er sich seither zwar ohne Bewusstsein, dafür aber scheinbar auf dem Weg der Genesung befunden.

Bis zu diesem herben Rückschlag.

Herzstillstand!

»Spritze!«, verlangte der Doc und wiederholte die stabilisierende Injektion, die er Sekunden zuvor schon einmal eingesetzt hatte. Sein Blick streifte Uhr und automatischen Kalender, die an der gegenüberliegenden Wand installiert waren.

Uhr und Kalender sprachen gegen Luke Ryland, dessen biologische Uhr in diesem Moment erneut streikte und den Trucker-King zum zweiten Mal binnen weniger Minuten sterben ließ.

Sein geschwächtes Herz setzte aus. Ein kapitulierender Laut rann über Rylands Lippen. Kohlmann lauschte dem Echo des Seufzers nach. Er wusste aus Hunderten anderen Fällen, was er bedeutete:

Nur als Katze hätte Luke Benjamin Ryland vielleicht noch eine Chance gehabt. Von neun Leben, die man denen nachsagte, wurde das zweite gerade aufgebraucht.

 

 

2

Rylands Erinnerungen: Kalifornien 1983

Ich bin tot.

Oder doch nicht? Eigentlich dürfte ich keinen Schmerz spüren. Aber es tut verdammt weh. Ein wildes Reißen in der Brust bei jedem Atemzug. Ich muss flach atmen, dann schmerzt es weniger.

Tote atmen nicht. Also lebe ich tatsächlich noch. Aber der Mistkerl hat auf mich geschossen. Ich habe gesehen, wie der grelle Blitz vor der Mündung seiner Pistole entstand. Ich habe den harten Schlag gefühlt. So, als schlage mir jemand mit einem Stock vor die Brust. Sekunden später war es, als wolle es mich zerreißen, und dann war nichts mehr. Jetzt ist alles irgendwie von seltsam wallenden Nebeln verschleiert. Ich liege auf dem Boden und weiß nicht, was passiert ist, nachdem dieser Gangsterboss mich niedergeschossen hat.

Ich versuche mich zu bewegen, die Hände zu heben. Ich weiß nicht, ob es mir gelingt. Ich kann sie nicht spüren. Aber meine Augen sind offen, und über mir sehe ich durch die wallenden Nebel Baumwipfel, Äste, Zweige. Ich bin in einer Waldlichtung, erinnere ich mich. Im Naturpark. San Bernardino National Forest nennt er sich, wenn ich richtig informiert bin. Sie haben mich vom Highway gepflückt, mich mit vorgehaltener Pistole gezwungen, hierher zu fahren. Dabei hatte ich doch nur Amber stoppen und zurückholen wollen. Amber … was ist mit ihr? Wo ist sie? Wo sind die anderen? Es ist so still, so tödlich still!

Das Laub raschelt im leichten, warmen Sommerwind. Vögel zwitschern. Insekten summen. Aber kein Mensch spricht. Sie müssen alle fort sein. Sie haben mich allein hier zurückgelassen.

Nein, ich bin noch nicht tot. Aber ich werde es bald sein. Ich versuche aufzustehen und bringe es nicht fertig, weil ich zu schwach dazu bin. Ich muss sehr viel Blut verloren haben. Wieso kann ich überhaupt noch so klar denken? Oder spielt sich mein Denken bereits in einer anderen, jenseitigen Sphäre ab?

Ich will nicht sterben. Nicht hier, nicht in dieser Einsamkeit, nicht so allein. Ich bin noch nicht bereit dafür. Ich habe noch so viel vor, und ich kann sie doch auch nicht allein lassen – Amber und Carla Sue, meine Töchter, und vor allem nicht Marilyn, meine Frau. Ich kann nicht einfach so verschwinden. Nicht, ehe ich ihr all das sagen konnte, was ich ihr noch sagen muss, nicht, ehe wir nicht zusammen all das ausgelebt haben, was wir uns einst versprochen haben – und wenn es auch, nur gedankliche, innere Versprechungen waren, deren Wortlaut niemand hörte.

Warum hilft mir keiner?

Es wird so dunkel. Ist es schon Abend? Wie lange liege ich hier? Aber es kann noch nicht Abend sein, ich sehe die Sonne zwischen den Baumwipfeln. Sie steht hoch. Und trotzdem ist es so dunkel, als würde ich meine Umgebung durch eine sehr dunkle Sonnenbrille betrachten. Es wird immer finsterer.

Und kalt, so furchtbar kalt.

Die Kälte frisst sich durch meinen Körper in meine Seele …

Warum muss es so kalt und so dunkel sein?

Ich versuche die Augen zu schließen und habe nicht einmal mehr dafür die Kraft.

Warum sterbe ich nicht endlich?

 

 

3

Einige Stunden vorher: Robbins Camp

Für Bruchteile von Sekunden wirkte die Szenerie wie eingefroren. Der Trucker, der sich zwischen Brent Robbins und Amber Ryland warf, der aufpeitschende Schuss, ein zu Boden sinkender Körper … aus der Starre wurde Zeitlupe. Ambers Vater flog zurück, breitete die Arme aus, stürzte rücklings zu Boden. Niemand war da, der seinen Sturz aufhalten konnte. Brent Robbins krümmte den Zeigefinger ein zweites Mal. Aber der bunte Jim fiel ihm in den Arm. Die Kugel, die Amber niederstrecken sollte, stieß in die Erde.

»Es ist genug, Brent«, sagte der bunte Jim.

Robbins stieß ihn zurück, wirbelte herum, richtete die Waffe auf ihn. Abermals bewegte sich sein nervöser Zeigefinger.

»Schieß«, sagte Jim. »Schieß auf mich. Schieß auf deinen Freund.«

Robbins drückte ab. Aber er verriss die Waffe dabei etwas. Die Kugel pfiff dicht an Jims Kopf vorbei.

Robbins Hand mit der Waffe fiel nach unten. »Ich kann das Wort Freund nicht mehr hören«, flüsterte er heiser. »Nicht mehr, seit dieses Stück Dreck meine Freundschaft verraten hat.« Er wandte sich um und sah Nolan Curtis an. »Zweimal verraten«, fuhr er fort. »Damals, und jetzt wieder. Du Scheißkerl hast mir meine Zukunft genommen und jetzt auch noch mein Mädchen. Und du besitzt die unglaubliche Frechheit, einfach hier aufzukreuzen. Ich werde dir die Haut zentimeterweise abziehen.«

»Wenn‘s dir deinen Seelenfrieden wiedergibt«, sagte Nolan Curtis kalt. Er sah zu dem Trucker hinüber, einen etwa 50-jährigen Mann, der reglos und blutend am Boden lag. Vielleicht war er tot, vielleicht lebte er noch. »Morden macht froh und erleichtert das Gemüt, wie? Früher warst du anders, Brent. Da waren wir beide kleine Gauner, aber keine Mörder. Zumindest einen Mord«, er deutete auf den Trucker, der sich als Ambers Vater entpuppt hatte, »hast du auf dem Gewissen. Bring Amber um, bring mich um. Dann sind‘s schon drei. Das ist etwas, worauf du stolz sein kannst. Nicht jeder schafft es, innerhalb weniger Minuten drei Menschen zu töten. Meistens passiert so etwas nur im Krieg. Glaubst du, man wird dir einen Orden dafür geben?«

»Halt die Schnauze!«, heulte Robbins. »Halt bloß die Schnauze, du Hund! Oder ich nähe dir das dreckige Schandmaul zu!«

Amber versuchte sich ihrem niedergeschossenen Vater zu nähern. Brent Robbins feuerte. Die Kugel jagte unmittelbar vor Ambers Füßen in den Boden. Erschrocken blieb sie stehen.

»Jetzt ist es aber genug«, sagte der bunte Jim. Auch Slim, der Maler, und die dunkelhäutige und kraushaarige Jet näherten sich ihm. »Hör auf, Brent. Wir mögen Räuber sein, aber keine Mörder.«

»Habt ihr euch gegen mich verschworen?«, schrie er auf. »Ich … ich …«

»Sieht so aus, als müsstest du noch ein paar Leute mehr erschießen. Der Orden wird größer, Brent«, sagte Curtis kalt. »Worauf wartest du noch? Bring uns alle um. Alle, die dir jemals vertraut haben. Deine Freunde zuerst.«

»Ich habe keine Freunde!«, schrie Robbins auf. »Das hast du mir schlagend bewiesen, du miese Ratte!«

Curtis lachte leise auf. »Du hast keine Freunde? Wenn du jetzt keine hast, hattest du wirklich nie welche. Deine Untertanen haben deine markigen Worte gehört. Sie sind nicht deine Freunde. Du brauchst sie nicht. Du würdest sie genauso opfern, wie du mich über die Klinge springen lässt. Ach ja – so einen Boss zu haben, muss für jeden Raubritter eine geradezu göttliche Erfahrung sein.«

Robbins schoss.

Aber der bunte Jim hieb ihm abermals auf den Unterarm, riss ihm die Pistole aus der Hand und streckte seinen Boss mit einem Fausthieb nieder. Robbins rollte sich herum und versuchte sich wieder aufzurichten. Der bunte Jim hob die Pistole auf und richtete sie auf Robbins.

»Geh«, sagte er.

»Der Dreckskerl hat euch aufgehetzt!«, schrie Robbins. »Er …«

»Geh«, wiederholte Jim. »Es ist vorbei. Wir gehen auch. Es gibt eine Grenze, verstehst du? Du hast sie überschritten. Du bist nicht mehr unser Boss. Es gibt deine Truppe nicht mehr. Vielleicht trennen wir uns, vielleicht bleiben wir zusammen und wählen einen anderen. Aber wir machen weder bei Mord mit, noch bei privaten Rachefeldzügen. Verschwinde!«

»Du … du würdest auf mich schießen?«, stieß Robbins hervor. »Du würdest wirklich auf mich schießen?«

»Du hast auch auf mich geschossen, Brent.«

»Aber ich habe daneben gezielt.«

»Vielleicht ziele ich ja auch daneben«, sagte Jim spöttisch. »Aber ich bin ein miserabler Schütze. Wenn du es unbedingt ausprobieren willst …«

»Du bist genauso ein dreckiger Verräter wie Curtis! Verdammt, ihr alle habt euch von diesem Mistkerl aufhetzen lassen!«

»Wir haben etwas gesehen«, sagte Jim. »Und es ist ein Bild, das nicht in unsere Welt passt. Geh. Wir alle gehen.«

Amber hatte jetzt ihren Vater erreicht, kniete neben ihm und untersuchte ihn.

»Er … er ist …« Curtis trat neben sie, hockte sich hin. Nur Jim sah, dass er etwas flüsterte, das Amber zusammenzucken ließ. »Er ist tot«, vervollständigte Amber. »Brent, du hast ihn ermordet!«

»Der Vater ist für die Tochter gestorben«, fauchte Robbins höhnisch. »Du weißt, dass ich dich töten wollte, nicht ihn. Er war nur so blöd, in die Schussbahn zu kommen!«

»Es reicht, Brent«, sagte Jim. »Wenn du jetzt nicht verschwindest, knalle ich dich ab wie einen tollwütigen Hund. Was anderes bist du zur Zeit auch nicht. Du bist gemeingefährlich, sogar für deine Freunde. Wir dachten alle, du hättest Amber geliebt. Deshalb haben wir darauf verzichtet, ihr schöne Augen zu machen. Nicht etwa, weil du der Boss warst. Nebenbei hast du ein paar böse Fehler gemacht, die unsere Sicherheit untergraben. Und du hast dabei nicht auf uns gehört.«

»Ich gehe«, murmelte Robbins. »Aber ihr werdet euch noch wundern. Ich mache euch fertig, jeden einzelnen von euch, und dich als zweiten, Jim. Direkt nach dem Schwein Curtis.«

»Ich kann‘s kaum erwarten«, sagte Jim spöttisch. »Warum sehen wir von dir noch nicht deine Kehrseite?«

Robbins stapfte zu einem der Wagen. Es war das Fahrzeug, das sie immer als Polizeiwagen tarnten, um harmlose Autofahrer wegen angeblicher Geschwindigkeitsüberschreitungen abzukassieren. Er stieg ein, startete und fuhr davon.

Jim ließ die Pistole sinken.

»Ich glaube, das war das Ende einer wundervollen Freundschaft«, bemerkte er spöttisch. »Wir sollten sehen, dass auch wir hier verschwinden.«

»Was wird mit uns?«, fragte Curtis und deutete dabei auf Amber.

»Wir nehmen euch mit, zerstreuen uns und schmeißen euch irgendwo raus, wo wir sicher sein können, dass ihr keinen Unfug anstellt«, sagte der bunte Jim. Alle anderen nickten zustimmend. Es war, als hätten sie die Aktion bereits lange vorher abgesprochen.

Curtis fasste nach Ambers Arm und zog sie vom Boden hoch. »Komm mit«, sagte er leise, aber in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Im Moment müssen wir mit den Wölfen heulen.«

»Aber …«, versuchte sie sich zu wehren.

»Später«, sagte er schroff. »Keine Suppe wird so heiß gegessen, wie man sie kocht.«

 

 

4

Angefangen hatte es damit, dass Amber Ryland, gut behütete und wohlerzogene Tochter aus gutem texanischem Haus, einfach aus dem Alltagstrott ausgebrochen war. Die 17-jährige hatte den Beginn der Ferien benutzt, sich in ihr Auto zu setzen und einfach zu verschwinden. Richtung Kalifornien. Dort hatte es ihr gefallen, als die Ryland-Familie im vergangenen Jahr erstmals einen halbwegs gemeinsamen Urlaub veranstaltete – oder was ihr Vater als Urlaub bezeichnete; er hatte es natürlich mit einer geschäftlichen Besprechung verbunden.

Amber liebte ihren Vater und ihre Stiefmutter Marilyn, die nur vier Jahre älter als Ambers große Schwester Carla Sue war und sich auch eher wie eine »noch größere« Schwester zeigte. Aber sie wollte auch einmal auf eigenen Beinen stehen, sich nicht immer den Zwängen der Familie unterwerfen. Immer brav und anständig auftreten, langweilige Partys der High Society von San Antonio oder auch Austin ertragen – Amber wollte nicht die Tochter von Trucker-King Ryland sein, sondern Amber. Und sie war ungeduldig.

Carla Sue war schon verheiratet gewesen und gerade frisch geschieden. Amber neidete ihr ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Nicht die Erfahrung, eine Scheidung erleben zu müssen, aber alles andere. Carla Sue, die Große, war jetzt eine erwachsene, selbständige Frau, sie durfte alles.

Amber, erschreckende 6 Jahre jünger, war das Küken, das kleine Kind, das Knuddelviech der Familie; zumindest kam sie sich hin und wieder so vor. Aber sie wollte als das anerkannt werden, was sie war: eine selbständige Persönlichkeit.

Also hatte sie ein paar Klamotten in die Reisetasche gestopft, war ins Auto gestiegen, das Dad ihr geschenkt hatte, als sie 16 wurde und die Führerscheinprüfung bestanden hatte, und war davongefahren.

Marilyn hatte sie noch dabei erwischt, hatte erfahren, dass Amber ein paar Tage und Wochen allein erleben wollte; ein wenig hatte Amber ein schlechtes Gewissen, weil Marilyn das nun Dad hatte beibringen müssen. Aber das war ja unvermeidbar gewesen.

Amber hatte eine Anhalterin mitgenommen. Reena. Die hatte sie zum Camp gebrachte, und von einem Moment zum anderen war Amber Brent Robbins verfallen gewesen. Er war ein Liebhaber voll zärtlich-wilder Romantik, und er entführte sie in Welten des Sex-Genusses, die die College-Boys ihres Alters ihr niemals auch nur hatten andeuten können. Nebenbei erfuhr sie, dass Brent Robbins und die anderen ihr Leben mit Gaunereien fristeten. Derzeit war es ihre Masche, mit einem als Polizeiwagen getarnten Auto angebliche Temposünder abzukassieren.

Nolan Curtis war in die Falle getappt. Dummerweise war gerade an diesem Tag Brent Robbins selbst als falscher Polizist »draußen« gewesen, und Curtis hatte ihn als einen alten Freund wiedererkannt, mit dem er zusammen in seiner Collegezeit die halbe Welt auf den Kopf gestellt hatte. Die beiden waren ein Herz und eine Seele gewesen – bis zu ihrem schulischen Abschluss. Offenbar war Robbins davon ausgegangen, dass Curtis ihm der Freundschaft wegen einen gutbezahlten Job in der väterlichen Firma besorgen könne. Das aber hatte Curtis nicht getan; er hatte sich an die Spielregeln gehalten, und Robbins hatte Pech gehabt: Er war bei seiner Bewerbung nicht einmal in die engere Wahl gekommen. Aber dass Nolan sich nicht für ihn eingesetzt hatte, kreidete er ihm als üblen Verrat an.

Der Kontakt war abgerissen; über Jahre hatte Curtis nichts mehr von Robbins gehört. Als ihn jetzt eine Geschäftsreise in väterlichem Auftrag nach Kalifornien brachte, hatte er das mit einem unbefristeten »Kurz-Urlaub« verbunden – ein Privileg seiner Position als Juniorchef – und nach Robbins gesucht, von dem er nur wusste, dass sein alter Schulfreund zuletzt in Kalifornien gesichtet worden sei. Als Curtis die Suche bereits aufgegeben hatte, war er in Robbins Falle gefahren

Robbins hatte ihn mit ins Camp genommen, weil er fürchtete, Curtis werde ihn und sein Tun an die echte Polizei verraten. Er hatte ihn einige Tage lang beobachtet, um sich während dieser Zeit darüber klar zu werden, was er mit dem Verräter anstellen sollte, der sich derweil – wenn auch nur innerhalb des Camps und unter Bewachung – einigermaßen frei bewegen konnte.

Währenddessen fanden nun Curtis und Amber Gefallen aneinander. Robbins wurde eifersüchtig; während innerhalb der kleinen Gang Partnertausch und »freie Liebe« an der Tagesordnung waren. Robbins Gang sah nicht nur äußerlich wie eine Hippie-Kommune der späten 60er und frühen 70er Jahre aus, aber Robbins hatte Amber für sich allein »reserviert«. Alle hatten das akzeptiert. Nur Curtis nicht; er hatte sich an das Girl vom Boss herangemacht. Dass ihm keiner die im Camp geltenden Regeln beigebracht hatte, war eine andere Sache.

Schließlich hatte Robbins die Schuld daran Amber gegeben und sie vergewaltigt. In der Nacht darauf war sie zusammen mit Curtis geflohen, hatte ihm erst die Flucht ermöglicht.

Derweil hatte sich Luke Ryland auf die Suche nach seiner Tochter gemacht. Im Zuge einer »hausinternen Fahndung« war sie von Truckern seiner Ryland Trucking Company (RTC) gesehen worden, und der Trucker-King hatte sich selbst in jenen alten Truck gesetzt, mit dem er einst seine Firma begründet hatte, und war nach Kalifornien gefahren, um seine Tochter zurück nach Texas zu holen. Ihre Flucht und seine Suche – sie hatten sich getroffen. Doch noch ehe sie miteinander reden konnten, waren Robbins und seine Leute aufgetaucht und hatten die Flüchtigen wieder einkassiert, und Ryland als Beteiligten gleich mit. Im Camp war es dann zum Streit gekommen, und der wütende, eifersüchtige Brent Robbins hatte die Pistole gezogen und auf Amber geschossen. Luke Ryland hatte sich dazwischengeworfen, um seine Tochter zu schützen, und die Kugel abbekommen, die eigentlich Amber galt.

Und nun lag er da, während die anderen über seinem Körper stritten.

Sie hielten ihn für tot.

Und sie taten, was beschlossen wurde. Sie schickten Robbins, den Killer, in die Wüste, und verschwanden auch selbst. Dabei nahmen sie Nolan und Amber vorsichtshalber mit, mit verbundenen Augen, um sie irgendwo auszusetzen und dadurch einen Vorsprung zu gewinnen, denn es war klar, dass zumindest Curtis die Polizei alarmieren würde.

Sollte er es tun. Nur durch einen Mord wäre er daran zu hindern.

Aber die Männer und Frauen, die sich um Robbins gescharrt hatten, waren keine Killer. Sie kannten ihre eigenen moralischen Grenzen nur zu gut. Ihr Boss hatte diese Grenzen überschritten; und deshalb hatten sie ihn ausgestoßen.

Nach dem Schuss auf Ryland war er selbst für sie ein »Outlaw«, ein Gesetzloser.

 

 

5

San Antonio, 1994: Texas Memorial Hospital

Die Zeit tröpfelte.

Die Angst auch.

»Er darf nicht sterben.« Obwohl Marilyn Ryland flüsterte, war sie klar zu verstehen. »Er wird nicht sterben!«

Aus unterschiedlichen Gründen, nicht unbedingt, weil sie diesen Glauben teilten, widersprachen weder Jim noch Amber oder Ray. Ambers Mann, der die RTC-Geschäfte in Rylands Abwesenheit alleinverantwortlich führte, war fast zeitgleich mit Marilyn eingetroffen. Er hatte sein Büro vorzeitig verlassen, weil das Schicksal seines Schwiegervaters auch ihm nicht gleichgültig war.

Marilyn war mit einem Taxi aus ihrem Hotel in die hiesige Warteschleife zurückgekehrt, nachdem sie in dem noblen Beherbergungsbetrieb keine Erholung gefunden hatte. Seit einer Woche logierte sie außerhalb der Ranch, nur um schneller und näher bei ihrem Mann zu sein, den es doppelt und dreifach gebeutelt hatte.

Seit einer Woche wurde sie hin und her gerissen zwischen Selbstzweifeln und Überzeugungen, die immer wieder in Frage gestellt wurden.

Etwas, das es zuvor in ihrer Ehe mit Luke Ryland nicht gegeben hatte, stand plötzlich wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Der Schatten war allgegenwärtig, selbst wenn der Mann, den sie liebte, hilflos vor ihr lag und sie mit einem Bewusstlosen sprach.

Seit einer Woche war der Trucker-King nun schon ohne Bewusstsein. Noch kein einziges Mal war er nach der Lungenoperation erwacht. Er schlief und träumte, wie Doc Kohlmann anhand einer EEG-Studie festgestellt zu haben meinte.

Marilyn hatte Nächte neben einem Mann verbracht, der – obwohl nur stumm daliegend – ihre Gefühle der schwersten Prüfung unterzogen hatte, die es zwischen zwei Ehepartnern geben konnte. Unmittelbar vor Rylands Einlieferung ins Hospital war Marilyn drauf und dran gewesen, »Urlaub von der Ehe« zu nehmen – die Hiobsbotschaft hatte sie quasi auf gepackten Koffern erreicht. Statt zur Freundin nach Kalifornien war sie mit diesen Koffern in die City von San Antonio gezogen.

Ausgestanden war die Sache damit noch nicht.

Ein Anruf in Atlanta, wo Luke Ryland nach eigener Aussage keine Freundin, sondern ein »zweites Standbein« neben seinem Trucking Unternehmen aufbaute, hatte neue Zweifel an diesem »Geständnis« des Trucker-Kings aufkommen lassen. Ein Büro gab es zwar unter der von ihm genannten Adresse, aber niemand dort wollte je den Namen Ryland oder Deanna Blair gehört haben. Diese Blair, die laut Ryland nur seine Atlanta-Sekretärin sein sollte, wuchs sich trotz gegenteiliger Beteuerungen allmählich zu einem Alptraum für Marilyn aus. Diese Deanna war genauso unauffindbar wie alles, was angeblich mit den Geschäftsaktivitäten ihres Mannes in Atlanta zu tun haben sollte!

»Ich möchte wissen, wo Carla Sue steckt«, sagte Jim in erkennbarem Bemühen, Marilyn und die anderen abzulenken. »Sie hat sich nicht blicken zu lassen, obwohl ich bereits mehrere Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ!«

»Es scheint eine Seuche zu sein«, murmelte Marilyn. Die fragenden Blicke beantwortete sie, indem sie auf Patrick O'Neill, Luke Rylands ältesten Freund, verwies. »Sagtest du nicht, Pat hätte nach der Kündigung nun endgültig abgeheuert?«

»Bob sagte das«, bestätigte Jim. »Er wollte ihn besuchen, fand aber nur noch eine geräumte Wohnung.« Er strich sich kopfschüttelnd durch das hellblonde Haar. »Ich verstehe das nicht. Es passt alles nicht zu dem Pat, wie ich ihn kenne … Einfach abzuhauen, mit Glory!«

Die Australierin hatten sie noch kurz zuvor in Pats Wohnung angetroffen – dann waren beide verschwunden, was den Verdacht nahelegte, dass sie alle Brücken abgebrochen und Kurs down-under gesetzt hatten.

Richtig glauben konnte und wollte das aber immer noch niemand.

Ray und Amber verfolgten das Zwiegespräch mit äußerster Zurückhaltung. Das Verhältnis zwischen ihr und Jim war immer noch nicht ganz frei von Hemmnissen, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hatten. Als Rylands jüngste Tochter aus erster Ehe doch noch zu einem Kommentar ansetzen wollte, kam Kohlmann aus der gegenüberliegenden Tür. Auf die Entfernung sah sein Gesicht aus wie mit frischem Kalk überzogen. Beim Näherkommen zeigte sich, dass selbst die Hände, die aus den Ärmeln des Kittels ragten, diese Unfarbe angenommen hatten. Ein dünner Schweißfilm schien die Züge des Arztes wie fahler Kleister zusammenzuhalten.

Marilyn presste die Faust vor den Mund, um nicht loszuschreien. Ihr wurde klar, dass sie sich vor diesem Moment immer gefürchtet hatte.

Kohlmanns Worte verschafften nur scheinbare Erleichterung. »Wenn er nicht diesen unbändigen Lebenswillen besäße, wäre er längst tot!«, erklärte er dumpf. »Er kämpft wie ein Löwe!«

»Klartext, Doc, bitte!«, schaltete sich Jim ein, ohne seinen Platz neben Marilyn aufzugeben. Ihre Hand krallte sich, mehr unbewusst, in seinen Oberschenkel.

»Das Herz«, sagte der Arzt. »Es erinnert im Moment eher an einen Seismographen als an einen Chronometer. Es hat seinen Rhythmus verloren, setzt manchmal völlig aus – dann braucht es einen äußeren Anstoß. Lange wird das aber auch nicht mehr funktionieren!«

»Gibt es noch Hoffnung?«, fragte Marilyn mit einem Klang, als würde bei jedem Wort eine Stimmbandsaite reißen. »Sagen Sie die Wahrheit, Doc!«

»Die Wahrheit …« Einen Moment sah es so aus, als wollte sich Kohlmann philosophisch auslassen. Aber er beherrschte sich rechtzeitig. »Wenn Ihr Mann transportfähig wäre, wäre alles leichter. So geht es nur nach dem alten Grundsatz: Kommt der Berg nicht zum Propheten – muss der Prophet eben zum Berg kommen.«

»Wenn Sie das Klartext nennen …« Jim spürte Wut in sich hochkochen. Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt wie in dieser Situation. Anderen gute Ratschläge zu erteilen wie vorhin Amber, war eine Sache – sich selbst danach zu richten, etwas völlig anderes!

»Heißt das, es gibt noch Hoffnung?«, fragte Marilyn.

Kohlmann nickte zögerlich. »Ich habe die letzten Tage nicht untätig verstreichen lassen, auch wenn es in Ihren Augen so ausgesehen haben mag. Sie kennen die Problematik: Die Schwächung durch die erste Operation, die wir wegen der Schussverletzung mit Priorität durchführen mussten, machte die erforderliche Bypass-Operation bislang unmöglich. Ihr Mann hätte das nicht überlebt – auf gar keinen Fall. Das klingt hart, ist aber bittere Wahrheit. Während er sich vermeintlich erholte, ließ ich die Drähte zu Kollegen am Brigham and Women‘s Hospital in Boston glühen. Dort werden, wie fachmedizinische Veröffentlichungen belegen, bei Arteriosklerose-Patienten seit geraumer Zeit erfolgreiche Eingriffe mit einem Laserskalpell durchgeführt. Die Methode nennt sich in Fachchinesisch Transmyokardiale Revaskularisation, kurz TMR.«

»Was ist daran anders als bei einer Bypass-Operation?«, fragte Marilyn skeptisch. »Wären Lukes Chancen bei einem solchen Eingriff höher? Und was genau würde getan werden, um ihm zu helfen?«

»Die Chancen wären erheblich höher, weil der Organismus beim Einsatz eines Kohlendioxidlasers kaum belastet würde! Wir könnten praktisch sofort beginnen, die verstopften Arterien aufs Korn zu nehmen. Außerdem wurde bei fast allen Patienten, die mit TMR behandelt wurden, ein verblüffendes Heilungstempo beobachtet. Der Clou ist ein noch nicht vollständig geklärtes Phänomen: Der Laser schießt quasi neue Blutgefäße in den Herzmuskel, die auch nach der Abheilung des Gewebes erhalten bleiben und die bessere Durchblutung großer Teile des geschädigten Herzmuskels gewährleisten! Diese Methode ist jedoch nur anwendbar bei vorhandenen punktuellen Störungen, wie es bei Ihrem Mann der Fall ist. Wären alle Herzkranzgefäße angegriffen, käme auch die TMR-Methode nicht in Betracht.«

»Der Clou wäre dann ein Clou«, warf Jim mit gedämpfter Stimme ein, »wenn Luke transportfähig wäre – habe ich Sie richtig verstanden?«

Kohlmann lächelte verkrampft. »Wir verfügen nicht über die technischen Voraussetzungen für einen solchen Eingriff. Hier im Memorial ist auch niemand geschult, ich eingeschlossen. Die Kollegen in Brigham berichten jedoch von Versuchen mit einem mobilen Set. Sie …«

»Ja?« Es hatte gedauert, aber nun flammte Hoffnung in Marilyn auf.

»… sind unterwegs hierher. Ich erwarte sie mit einer Chartermaschine in drei Stunden. Wenn unser Patient seinen Willen so lange behält …«

Amber trat vor Kohlmann und fasste ihn behutsam am Arm. Der Arzt schwieg, angerührt von dieser Geste. »Ich weiß, es ist nicht relevant im Moment«, sagte sie, »aber mich würde interessieren, ob er immer noch – träumt.«

Der Arzt nickte mehr aus einem Reflex heraus. »Soweit ich das beurteilen kann, ja. Diese Phasen kommen und gehen. Es könnte also durchaus sein, dass sein Unterbewusstsein selbst oder gerade in dieser erheblichen Stresssituation Aufarbeitung betreibt.«

 

 

6

Kalifornien, 1983: Nolan Curtis

Er hatte versucht, sich die Folge von Rechts- und Links-Schwenks zu merken, das Bremsen und Beschleunigen, aber er glaubte nicht wirklich daran, dass er daraus die zurückgelegte Strecke wiedererkennen würde. Die Späthippies hatten, als sie das Camp aufgaben, Amber und ihm die Augen verbunden und sie gefesselt. Nolans Schätzung nach hatte man sie gut 30 Meilen weit in der Gegend herumgefahren und sie dann am Straßenrand abgelegt – irgendwo. Der Sinn der Maßnahme war klar: Die Gang gewann dadurch wertvolle Zeit. Die Straße, auf der Nolan und Amber lagen, war staubig und unbefestigt; es handelte sich also um einen relativ selten benutzten Pfad. Es würde Zeit vergehen, bis sie sich von ihren Fesseln befreit hatten, und noch einmal eine Menge Zeit, bis sie einen »Vorposten der Zivilisation« erreichten; zudem wussten sie ja nicht einmal, wo sie ausgesetzt worden waren. Das einzige, was sich klar feststellen ließ, war die Himmelsrichtung.

Amber war unruhig. Sie bangte um ihren Vater. Nolan hatte ihr zugeflüstert, dass er noch lebte – aber das konnte sich mit jeder verstreichenden Viertelstunde ändern. Die Späthippies hielten ihn für tot; vermutlich hätten sie ihm sonst trotz ihres relativ menschenfreundlichen Denkens den Todesschuss verpasst – allein, um ihm längeres Leiden zu ersparen. Denn einen Arzt herbeizufunken konnten sie schon um ihrer eigenen Sicherheit willen nicht riskieren.

Amber machte sich Vorwürfe. Wäre sie nicht einfach von daheim weggefahren, wäre ihr Vater ihr nicht gefolgt, und deshalb jetzt auch nicht in diese Situation geraten.

Irgendwie schaffte es Nolan, seine Fesseln zu lösen. Er riss sich die Augenbinde vom Kopf und fand seinen Verdacht bestätigt – sie lagen auf einer Art Feldweg, fernab aller befahrenen Straßen und Ortschaften. Er betrachtete kurz seine wund gescheuerten Handgelenke; sie bluteten ein wenig. Aber das würde bald wieder aufhören. Er löste auch Ambers Verschnürung.

»Kannst du gehen?«, fragte er.

Sie machte ein paar zögernde Schritte. »Ja, ich glaube schon«, sagte sie. »Ich muss es ja.«

Im nächsten Moment knickte sie ein; die mittlerweile fast eine Stunde anhaltende Fesselung ihrer Fußgelenke zeigte Wirkung. Nolan fing Amber auf, bevor sie stürzen konnte. Ihre Blicke trafen sich, und wieder fühlte Amber diese Flut der Sympathie, die von ihm ausging. Es war etwas anderes als bei Brent Robbins. Den hatte sie auch gemocht – sonst hätte sie sich gar nicht mit dem räuberischen Leben der Gang anfreunden können, aber das war etwas völlig anderes gewesen. Sein animalischer Sex hatte sie berauscht. Bei Nolan Curtis war es Zuneigung und Gefühl.

Er massierte ihre Gelenke. »Es geht gleich schon wieder«, versicherte sie. »Du muss doch die gleichen Probleme haben.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe dafür gesorgt, dass sie meine Füße nicht so eng fesseln konnten«, sagte er. »Deshalb stockt das Blut bei mir auch nicht.«

Nach einer Weile setzte sich Amber in Bewegung. Es klappte, sie hatte wieder Kontrolle über ihre Beine. Schnell und schweigend gingen sie nebeneinander her, Richtung Westen. Nolan war sicher, dass sie früher oder später an ein Haus oder eine Straße kommen würden. Hoffentlich nicht zu spät!

»Seltsam«, sagte Amber nach einer Weile. »Jetzt könnten wir uns zum ersten Mal wirklich unbeaufsichtigt miteinander unterhalten, und wir haben uns nichts mehr zu sagen.«

Er grinste. »Wie ein altes Ehepaar abends im Bett, wenn er die Zeitung und sie den Krimi liest.«

»Ehepaar … du spinnst ja.« Aber der Begriff ließ sie nicht mehr los. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie mit Nolan verheiratet war. Mrs. Nolan Curtis! Ein schwer vorstellbarer Gedanke. Aber sie begann ihn für sich auszumalen. Schließlich musste sie sich irgendwie ablenken, um nicht ständig an ihren Vater denken zu müssen, der im Camp lag und dringend Hilfe brauchte, der vielleicht schon tot war …

Nur das nicht! Gott, was habe ich ihm angetan! Dieser Preis für ein paar Tage absoluter Freiheit ist zu hoch!

Sie mochten etwa eine halbe Stunde gegangen sein, als sie eine Straße erreichten. Es dauerte noch einmal zehn Minuten, bis ein Auto vorbeikam. Sie winkten heftig, aber der Fahrer beschleunigte nur, wollte schnell an ihnen vorbei und davonfahren. Im letzten Augenblick stürmte Nolan wie ein Selbstmörder auf die Straße, direkt auf den Wagen zu. Der Fahrer reagierte instinktiv; er riss am Lenkrad und trat gleichzeitig auf die Bremse. Der Wagen, ein recht betagter Oldsmobile Toronado mit einer gewaltigen Funkantenne auf dem Dach, schleuderte und drehte sich einmal um sich selbst, ehe er knapp vor der Böschungskante stehenblieb.

Amber hatte aufgeschrien. Sie hatte schon zu sehen geglaubt, wie Nolan von dem Auto erfasst und durch die Luft geschleudert wurde. Aber er lebte. Er rannte auf den Wagen zu, dessen wie ein Farmer gekleideter Fahrer die Tür aufriss und so totenbleich wie zornig ausstieg, ein schweres Vierkanteisen in der Hand, das er möglicherweise aus Selbstschutzgründen in Griffnähe liegen gehabt haben musste.

»Wohl wahnsinnig geworden, was?«, brüllte er. »Ich schlage dir den Schädel ein, du verdammter Idiot! Du hättest uns beide umbringen können «

Nolan zeigte, dass er noch lauter brüllen konnte. »Und wenn wir uns jetzt hier streiten, stirbt ein weiterer Mensch! Das ist ein Notfall, Mann! Wir brauchen sofort einen Arzt – am besten per Hubschrauber! Heiz deine Quasselkiste an, oder ich bringe dich wegen unterlassener Hilfeleistung ins Gefängnis!«

Das saß.

So übertrieben, wie es war, machte es den Toronado-Fahrer erst mal still. Die erhobene Hand mit dem Vierkantrohr sank herab. »Was …«

»Erklärungen später«, sagte Nolan. »Los, Mann, funken Sie, oder besser: Lassen Sie mich funken! Ich weiß, wo der Verletzte liegt. Angeschossen. Vielleicht schon verblutet. Jede Sekunde zählt!«

»Ist das wirklich kein Witz?«, fragte der Mann misstrauisch.

Nolan zeigte ihm seine wund gescheuerten Handgelenke. »Sieht das nach ‘nem Witz aus, Meister? Nun machen Sie schon!«

Er sah, dass die Beifahrertür nicht verriegelt war, und stieg dort ein, um nicht erneutes Misstrauen zu provozieren, wenn er auf dem Fahrersitz Platz nahm. Das CB-Gerät in der Mittelkonsole konnte er auch von rechts bedienen.

Er sah Amber an. »Der Trucker Notrufkanal?«

Den kannte sie. »Neunzehn!«

Da hatte er ihn schon eingestellt und jagte seinen Notruf in den Äther. »Wer immer mich hört: Sofort einen Notarzt zu einer Lichtung im San Bernardino Forest … nahe Big Bear Lake … Da verblutet seit fast zwei Stunden ein Trucker mit einer Schusswunde … Mayday, Mayday!«

Der Kontakt kam sofort zustande. »Hier ist der Thunder, Dale Parker hört dich, Mann. Wo steckst du, und was genau ist passiert?«

Curtis sprudelte das Nötigste hervor.

»Wir kümmern uns drum«, kam es zurück. »Wie ist überhaupt dein Handle, Mann?«

Curtis sah den Farmer fragend an. Der zuckte mit den Schultern.

Amber mischte sich ein. Durch ihren Vater kannte sie ein paar Begriffe des CB-Funk-Slangs. »Der Rufname«, sagte sie und deutete auf die Antenne.

Der Farmer zuckte mit den Schultern. »So was habe ich nicht.«

»Also ein nicht zugelassenes Gerät«, seufzte Amber. »Auch das noch.« Sie nahm Nolan das Mikrofon aus der Hand. »Das Handle ist Trucker-King«, sagte sie.

Ein Schrei war die Antwort. Eine andere Stimme sprach. »Trucker-King? Verdammt, und die Stimme … bist du das etwa, Amber? Hier ist Jim!«

Ihre Augen wurden groß. »Ich bin Amber«, sagte sie. »Jim Sherman? Großer Himmel! Du hier?«

»Wer sonst? Der King ist angeschossen worden? Verdammt, jetzt machen wir erst recht Dampf!«

 

 

7

Kalifornien 1983: Robbins Camp

Der Farmer, der endlich begriffen hatte, worum es ging, zeigte sich plötzlich von der besonders hilfreichen Seite und fuhr Nolan und Amber nicht einfach nur zur nächsten Telefonzelle, wie Nolan ursprünglich gebeten hatte, um dort ein Taxi zu bestellen. Er brachte sie zum aufgelösten Räuberlager. Während der Fahrt erklärte Amber, was es mit jenem Jim auf sich hatte, der Dampf machen wollte. »Das ist Jim Sherman aus San Antonio, Texas«, sagte sie.

»Da kommst du doch auch her.«

Sie nickte. »Jim ist Trucker. Wir kennen uns ziemlich gut. Bis vor ein paar Wochen war er mit meiner Schwester verheiratet, diesem Rabenaas. Er ist ein toller Bursche, nur ein paar Jahre jünger als du, Nolan. Carla Sue hatte ihn gar nicht verdient. Zu mir würde er viel besser passen. Aber vor fünf Jahren durfte ich ihn ja noch nicht heiraten. Da war ich erst zwölf.«

Details

Seiten
104
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940077
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v591328
Schlagworte
marias rache

Autoren

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Titel: Marias Rache