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Greg Turner und das blutige Gold

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Greg Turner und das blutige Gold

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Greg Turner und das blutige Gold

Western von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Bibbs Bishop hatte sich geschunden und sich keinen einzigen Sonntag gegönnt. Wenn all die anderen ihren Fund in den provisorischen Barackenstädten versoffen oder mit den Weibern durchgebracht hatten, hatte er sich um sein Werkzeug gekümmert und aufgepasst, dass ihn niemand bestahl. Am Ende war er um 20 000 Dollar in Gold reicher.

Auf dem Weg zurück nach Hause zu seiner Familie verirrt er sich in der Wüste. Als er dem Tod schon näher ist als dem Leben, trifft er auf Greg Turner. Wird er ihm helfen, den nächsten Ort zu erreichen?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen des Romans:

Rick Parker - Er hilft den Bedrängten, doch der Dank sieht anders aus, als er sich vorgestellt hatte.

Greg Turner - Wäre er kein Killer geworden, hätte er Schauspieler werden müssen.

Sheridan Key - Sie ist einer Frage auf der Spur, um leben zu können. Der Tod begegnet ihr dort, wo sie es am wenigsten erwartet.

Bibbs Bishop - Fünfzig Dollar für ein Maultier findet er teuer. Dann zahlt er einen weitaus höheren Preis.

Dewey, Lester. Abel. Clay - Sie halten zusammen wie Pech und Schwefel, bis der Schwefel zu brennen beginnt

 

 

1

Seit Wochen schon gab es gekochte Bohnen. Nichts anderes als Bohnen. Bibbs Bishop bereitete sie auf verschiedene Weise. Bohnen ohne Speck, Bohnen ohne Fleisch und manchmal auch Bohnen ohne Maisbrot. In höchstens zwei Tagen jedoch würde ein völlig neues Gericht auf dem Speisezettel stehen: Bohnen ohne Bohnen. Und vor diesem Tag fürchtete sich Bibbs Bishop.

Sein Vorrat ging rapide dem Ende zu. Er hatte sich für drei Monate eingedeckt, aber er war nun schon fast ein halbes Jahr von daheim fort.

Er hatte sich geschunden und hatte sich keinen einzigen Sonntag gegönnt. Wenn all die anderen ihren Fund in den provisorischen Barackenstädten versoffen oder mit den Weibern durchgebracht hatten, hatte er sich um sein Werkzeug gekümmert und aufgepasst, dass ihn niemand bestahl.

Es hatte sich gelohnt. Er würde als eines der seltenen Exemplare zurückkehren, die reicher waren als bei ihrem Aufbruch.

Er hatte allerdings auch Glück gehabt. Heutzutage fand man nicht mehr so leicht einen Flecken Wüstengestein, der im Inneren das hielt, was seine Oberfläche versprach. Doch er hatte ihn gefunden, und er hatte nicht eher aufgehört bis er das letzte Stäubchen Gold herausgewaschen hatte.

Gold für zwanzigtausend Dollar. Er war ein reicher Mann.

Allerdings auch bald ein toter, denn von Bohnen ohne Bohnen konnte man nicht sehr lange leben, und eine Stadt, in der er seine erschöpften Vorräte ergänzen konnte, war weit und breit nicht in Sicht.

Er hatte sich gehörig verrannt. Er war der festen Meinung gewesen, in östlicher Richtung auf Jessville zu stoßen, doch nun irrte er schon seit Tagen in der glühenden Wüste umher.

Jetzt sah er ein, dass es klüger gewesen wäre, sich einen Führer zu nehmen, aber wie hätte er den dunkelhäutigen Mexikanerhalunken trauen sollen? Die waren doch alle nur hinter seinem Gold her. Unter deren Obhut hätte er sein Ziel erst recht nicht erreicht.

Er würde es schon schaffen. Er musste es einfach schaffen. Denn wozu wäre die Plagerei sonst gut gewesen?

Zu Hause in Gargston warteten seine vier Söhne auf ihn. Für sie war das Gold. Fünftausend für jeden. Damit konnten sie schon etwas anfangen.

Bibbs Bishop starrte trübsinnig in den verbeulten Topf über dem Feuer. Tagsüber kochte sein Körper vor unerträglicher Hitze, aber sobald die Sonne untergegangen war, fröstelte ihn, und er hätte gern eine zweite Decke gehabt.

Sein größter Fehler war wahrscheinlich gewesen, dass er sein Maultier erschossen und gegessen hatte. Aber er hätte es sowieso nicht durchgebracht. Er hätte höchstens seine Bohnen mit ihm teilen müssen.

Der Mann war vielleicht fünfzig Jahre alt, doch er sah so zerknittert aus, als trüge er bereits siebzig Jahre oder mehr auf seinem Rücken. Die letzten Monate hatten ihn um Jahrzehnte altern lassen. Seine faltige Haut glich der Steinwüste, durch die er wanderte. Sein Kinn war so stachlig wie die Kakteen, denen er viel zu selten begegnete. Sie hätten ein wenig Abwechslung in seinen Speiseplan gebracht und vor allem auch seinen Durst gelöscht.

Der Gedanke an jene erfrischenden Gewächse faszinierte ihn derart, dass er in beträchtlicher Entfernung einige gigantische Säulenkakteen zu sehen glaubte.

Bibbs Bishop wischte sich über die brennenden Augen. Natürlich handelte es sich nur um eine bösartige Täuschung. Als er vor einer Stunde den Lagerplatz ausgesucht hatte, war weit und breit nichts von einer Pflanze zu sehen gewesen. Und wenn jetzt die Luft auch klarer war und nicht mehr so flimmerte, so narrte ihn doch nur die Hoffnung.

Was wäre das Leben ohne Hoffnung? Musste er sich nicht an jede noch so winzige Hoffnung klammern? Was hatte er denn schon noch zu verlieren? Zwanzigtausend Dollar und sein Leben. Wenn er es recht bedachte, war dieses Vermögen die tausend Schritte wert, um sich zu überzeugen, ob er sich irrte oder nicht.

Bibbs Bishop erhob sich ächzend. Er glaubte, seine Knochen knarren zu hören. Er packte sein Bündel zusammen. Zurück würde er nicht wieder gehen.

Schon nach hundert Schritten wuchs seine Erregung. Nicht nur, dass das befürchtete Trugbild nicht verschwand, sondern immer deutlicher hervortrat, es bewegten sich sogar zwei unheimliche Schatten wie Nachtgeister bei den Kakteen.

Bibbs Bishop hatte sich in den Monaten der Einsamkeit mit den Nachtgeistern von Arizona angefreundet. Was wäre ihm anderes übriggeblieben? Ein bisschen Unterhaltung wollte er schließlich auch haben. Und die Geister waren billiger als die geldgierigen Mädchen in den Städten.

Er hatte mit ihnen gesprochen, und sie hatten ihm geantwortet. Immer wieder hatten sie ihm versichert, dass er es schaffen würde. Sie hatten ihm Mut gemacht. Doch seit einigen Nächten hatten sie sich nicht mehr blicken lassen. Sie waren wohl auch zu der Überzeugung gelangt, dass sie sich in ihm geirrt hatten. Sie hatten ihn fallenlassen.

Nun waren sie wieder da. Zwei mächtige Geister, die fast wie Maultiere aussahen. Grau und kräftig, und Bibbs Bishop ertappte sich bei dem Gedanken, dass ihm momentan Maultiere noch lieber wären als Nachtgeister.

Er beschleunigte seine Schritte. Er spürte kaum noch die Schmerzen, die sie ihm bereiteten. Er merkte, dass jetzt endlich der Zeitpunkt gekommen war, an dem er den Verstand verlor. Er hatte immer damit gerechnet, dass irgendwann die sengende Feuerkugel am Himmel einen Koller bei ihm hervorrufen würde. Nun war es soweit.

Denn verrückt musste er wohl sein, wenn er außer den Kakteen und den beiden Mulis nun sogar einen Menschen entdeckte. Einen Mann, der seelenruhig ein Stück gebratenes Fleisch zwischen seine Zähne schob und dabei so laut schmatzte, dass er es noch auf die Entfernung von hundert Schritten hören konnte.

Der Alte mit dem faltigen Gesicht begann zu weinen. Er wollte nicht wahnsinnig werden. Wenn er schon sterben musste, dann wenigstens bei klarem Verstand. Dann konnte er an seine Jungs denken und an Laurie, die ihm schon vor Jahren vorausgegangen war.

Von dort, wo die Kakteen zu stehen schienen, klang ein Schnauben. Ihm folgte ein ärgerlicher Fluch.

Bibbs Bishop riss die Augen weit auf. Dann begann er zu laufen. So schnell war er nicht mehr gerannt, seit er vor Monaten seinen Claim angemeldet hatte.

Er war nicht verrückt. Die Kakteen und die Maultiere und sogar der Mann waren Wirklichkeit. Er war gerettet. Nun konnte es bis zur nächsten Siedlung nicht mehr weit sein.

Der andere sah ihm verwundert und mit unverkennbarem Misstrauen entgegen. Der zerlumpte Kerl mit dem flackernden Blick kam ihm nicht ganz geheuer vor.

„Dich schickt mir der Himmel“, stieß Bibbs Bishop kraftlos hervor.

Der andere, ein hagerer Bursche mit rötlichen Haaren begriff langsam, dass er von dem Fremden kaum etwas zu fürchten hatte. Der war am Ende, und er schien nicht mal eine Waffe zu tragen.

„Es scheint dir nicht besonders gut zu gehen, Freund“, vermutete er und reichte ihm einen Blechbecher, den der Alte hastig an die trockenen Lippen setzte und ihn bis zum letzten Tropfen leerte.

„Ich habe nur eine halbe Meile von dir entfernt gelagert“, berichtete er stockend. „Ich bin schon lange unterwegs und hatte fast die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder einen Menschen zu sehen, es sei denn drüben im Reich der Toten.“

„Du schleppst ja schaurige Gedanken mit dir herum. Hast du einen Namen?“

„Bishop. Bibbs Bishop. Und viel mehr als diesen Namen besitze ich nicht.“

„Bibbs gefällt mir. Ich heiße Greg, und gegen etwas Gesellschaft habe ich nichts einzuwenden. Wenn uns in dieser verlassenen Gegend wohl auch kaum jemand überfallen wird, so ist es doch angenehm, mit jemand anderem reden zu können als mit einem Maultier.“

Bibbs Bishop ließ sich ächzend nieder. „Ich wäre froh gewesen, wenn ich wenigstens ein Maultier als Gesprächspartner gehabt hätte. Aber wochenlang allein zu sein, das schlägt aufs Gemüt.“

„So lange schon?“, wunderte sich Greg. „Dann kommst du wohl von Mexiko herüber?“

„Das nicht gerade. Aber immerhin von weit genug, um sich unterwegs tüchtig verirren zu können. Ich wollte eigentlich nach Jessville, doch ich muss direkt vorbeigerannt sein.“

„Jessville?“ Greg legte seine Stirn in Falten. „Ein Ort dieses Namens ist mir unbekannt. Er muss ein schönes Stück entfernt liegen. Ich bin unterwegs nach Pittscreek.“

„Ist das noch weit?“

„Hundert Meilen vielleicht oder etwas mehr.“

„Und in welcher Richtung liegt es?“

„In östlicher.“

„Das trifft sich gut. Aber ich wäre auch in der entgegengesetzten Richtung mit dir geritten. Hauptsache, dass ich wieder unter Menschen komme.“

„Du willst mit mir reiten. Bibbs?“

„Natürlich, Greg. Du hast zwei Maultiere, aber nur einen Hintern. Was liegt näher, als dass ich mich auf eines setze, dann fühlt sich das andere nicht benachteiligt.“

„Du bist ein Spaßvogel, wie?“ Der Hagere kaute an seinem Stück Fleisch und warf Bibbs Bishop einen Brocken zu, den dieser gierig auffing und sogleich mit den Zähnen bearbeitete.

„Gott sei Dank kehrt mein Humor langsam wieder zurück, aber diesmal meine ich es ernst. Oder hast du die Absicht, mich hier allein zurückzulassen?“

Greg zuckte mit den Schultern. „Ich habe nichts zu verschenken, Bibbs. Das wirst du verstehen. Das zweite Muli brauche ich für das Gepäck. Ich kann es nicht entbehren.“ Bibbs Bishop war betroffen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der andere ihm die notwendige Hilfe versagte. „Und wenn ich es dir bezahlte?“, fragte er vorsichtig.

Der Hagere lachte geringschätzig. „Bezahlen? Du? Woher willst du fünfzig Dollar nehmen?“

Bibbs Bishop zuckte zusammen. „Fünfzig Dollar?“, fragte er keuchend. „Fünfzig Dollar für ein lumpiges Maultier?“

„Was willst du? Hier in der Wüste ist es fünfhundert wert. Für fünfzig könnte ich es dir höchstens leihen.“

„Fünfzig Dollar!“

„Und weitere fünfzig für die Verpflegung bis Pittscreek“, ergänzte Greg.

„Du bist ein Halsabschneider.“

„Unsinn! Deinen Hals kannst du getrost behalten. An dem ist nichts dran außer Falten. Aber meine Maultiere sind mir teuer. Da kann ich nichts dran ändern. Du wirst dich schon allein durchschlagen müssen. Hundert Meilen sind ja keine Ewigkeit, wo du schon so lange unterwegs bist.“

Bibbs Bishop hätte dem anderen am liebsten vor Zorn die Faust ans Kinn gesetzt, aber dafür fehlte ihm die Kraft, und Greg sah nicht so aus, als würde er schon durch einen wütenden Blick umfallen.

Sie schwiegen beide. Das Thema war abgehakt. Es hatte keinen Zweck, weiter darüber zu diskutieren.

Nachdem Bibbs Bishop das Fleisch verzehrt hatte, wickelte er sich in seine Decke ein und versank in trübsinnige Grübeleien. Er wollte nicht glauben, dass der erste und wahrscheinlich auch einzige Mensch, den er nach so langer Zeit der Entbehrungen und Strapazen traf, Kapital aus seinem Elend schlagen wollte.

Er selbst hatte schon manchem Mann geholfen, der am Ende war. Nie hatte er auch nur daran gedacht, einen Lohn dafür zu verlangen. Wenn er auch oft nicht einmal ein Danke für seine Hilfsbereitschaft erhielt, so hatte das nie etwas an seiner grundsätzlichen Einstellung geändert.

Er musste erst mal verkraften, dass nicht alle Menschen so dachten. Aber dazu hatte er ja genügend Zeit. Für heute war er wenigstens gestärkt. Ein paar Meilen würde er es wieder schaffen.

Wenn er morgen früh aufwachte, würde er wieder allein sein. Und das war schlimmer, als hätte er diesen Greg nie getroffen.

Der Hagere benahm sich völlig unbefangen. Er räumte das Geschirr weg, rückte näher ans Feuer, rieb sich die Hände und fing sogar an, ein Lied zu singen, zu dem er sich seinen eigenen, nicht ganz salonfähigen Text geschneidert hatte.

Bibbs Bishop hätte den Kerl dafür am liebsten erwürgt. Aber so groß waren seine Kräfte durch das Stückchen Fleisch nun auch wieder nicht geworden.

Eine Weile erwog er den Gedanken, ob er den Burschen nicht auf irgendeine Art zwingen könnte. Doch das war natürlich Unsinn, denn er trug schon längst keine Waffe mehr mit sich herum, seit er seine letzte Patrone in der Wüste nach einem Geier verschossen hatte, der ihm daraufhin seine mächtigen Schwingen zeigte und davonsegelte.

Der Mann aus Gargston dachte nicht daran abzuwarten, bis der andere schlief, um dann heimlich mit einem der beiden Mulis abzuhauen. Solche Gedanken waren ihm fremd. Wenn Greg auch nicht gerade das war, was er unter einem uneigennützigen Kerl verstand, so hatte er ihm doch Fleisch und Wasser gegeben, obwohl er wusste, dass er zumindest dafür keine Bezahlung erhielt.

Bibbs Bishop versank in Grübeleien. Er hätte wenigstens diese eine Nacht in Ruhe schlafen können, doch es gelang ihm nicht. Auch als Greg längst gewaltig schnarchte, dass sogar die Maultiere einigen Abstand hielten, blieb er mit seinen sorgenvollen Gedanken beschäftigt.

Aber diese durchwachte Nacht lohnte sich. Aus zweierlei Gründen. Erstens verpasste er Gregs Aufbruch am nächsten Morgen nicht. Und zweitens hatte er sich zu einem Entschluss durchgerungen. Er war bereit, etwas von dem herzugeben, was er eigentlich seinen Söhnen zugedacht hatte. Er würde es diesem Halsabschneider in den Rachen werfen, so sehr es ihm auch widerstrebte.

Greg war ausgezeichneter Laune. Ihm hatte der Schlaf gut getan, und er tat ganz überrascht, dass sich Bibbs Bishop nicht in der gleichen Verfassung befand. Er kochte Kaffee, von dem der andere den Verdacht nicht los wurde, dass er aus getrockneten Bohnen hergestellt war. Dann schlürften sie gemeinsam das heiße Gebräu.

„Ist dein Preis inzwischen gefallen?“, fragte Bibbs Bishop tastend.

Greg ließ sich nicht stören. Erst als sein Becher leer war und er ihn nachgefüllt hatte, fragte er verständnislos: „Mein Preis? Wovon sprichst du. Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Der Preis für das Muli und die Verpflegung bis Pittscreek.“

Der Hagere blickte den Mann mit dem zerklüfteten Gesicht verwundert an. „Hundert Dollar, alles zusammen“, bestätigte er. „Warum fragst du? Hast du in der Nacht von einer Bank geträumt, die du ausrauben konntest?“

Bibbs Bishop ging auf die Bosheit nicht ein. „Würdest du eventuell den Betrag auch in Gold nehmen?“

Greg verschluckte sich an dem Kaffee, hustete und spuckte ihn prustend in den Sand. Die braune Brühe schoss haarscharf an Bibbs Bishops Kopf vorbei. Er sah den anderen wie ein Phantom an. Dann grinste er verstehend. „Die Sonne muss dir wirklich arg zugesetzt haben, mein Junge. Mich hat noch nie jemand gefragt, ob ich Gold als Zahlungsmittel anerkenne. Natürlich wäre mir das Zeug lieber als so ein Lappen, von dem man nie weiß, ob er echt ist. Ich nehme an, dass du mir jetzt von einer Goldader erzählen wirst, die ganz in der Nähe von Pittscreek liegt, deren genauen Ort aber nur du kennst. Den Schwindel kannst du dir abschminken, Freundchen. Der alte Greg ist nicht so bescheuert, wie er vielleicht aussieht.“

„Dann wirst du ja wohl auch Gold von Mulidreck unterscheiden können“, vermutete Bibbs Bishop und öffnete seine schwielige Rechte, in der ein paar gelbe Körner glänzten.

Gregs raues Gelächter verstummte augenblicklich. Er wurde ganz still. Beinahe ehrfürchtig still. Er rutschte zögernd dichter heran und warf dem anderen einen fragenden Blick zu.

Bibbs Bishop nickte.

Gregs Finger schossen vor und fischten eins der Körnchen vom Handteller. Er drehte es aufmerksam zwischen Daumen und Zeigefinger und biss schließlich darauf.

„Gold!“, stellte er knapp und staunend fest.

„Jedenfalls kein getrocknetes Eigelb. Das Zeug dürfte wohl hundert Dollar wert sein.“

„Höchstens fünfzig“, wandte Greg hastig ein. Seine Augen funkelten verschlagen. „Du musst noch was drauflegen.“

„Selbst wenn ich noch mehr davon hätte, würde ich es nicht tun“, beharrte Bibbs Bishop. „Das sind hundert Dollar. Eher etwas mehr als zu wenig. Es ist alles, was ich besitze, und eigentlich gehört es meinen Söhnen in Gargston.“

„Wo hast du es her?“

„Irgendwann habe ich es als Bezahlung bekommen. Hätte nicht gedacht, dass es mir mal das Leben retten würde.“

Greg schüttelte nachdenklich den Kopf. „Und das ist alles, was du hast?“

„Ich besitze kein Stäubchen weiter.“

„Das ist aber ein ulkiger Zufall, nicht wahr?“

„Ein Zufall? Warum?“

„Weil es ausgerechnet hundert Dollar sind. Ich wette, du hättest die doppelte Menge aus dem Hut gezaubert, wenn ich zweihundert verlangt hätte.“

Bibbs Bishop lächelte müde. „Habe nichts dagegen, wenn wir um dein Maultier wetten. Dann spare ich das Gold, denn die Wette verlierst du.“ Greg seufzte enttäuscht. „Schade!“, sagte er. „Ich hätte dir noch manches verkaufen können was du in Pittscreek brauchen würdest. Einen Colt zum Beispiel.“

„Vielleicht beim nächsten Mal, Greg. Was ist nun? Kriege ich das Vieh und den Proviant?“

„Ich bin zwar davon überzeugt, dass du außer den paar Krümeln einen Schatz mit dir herumschleppst, aber ich stehe zu meinem Wort. Gib her! Ich bringe dich bis Pittscreek.“ Das Edelmetall wechselte seinen Besitzer.

Bibbs Bishop wusste, dass er das Gold einem miesen Lumpen in den Hals geworfen hatte. Aber schließlich ging es ums Überleben, und für seine Söhne blieb immer noch genug. Das würde dieser Geier nicht bekommen.

Er schlurfte zu einem der Maultiere und begann, es an den neuen Reiter zu gewöhnen.

„Lass die Pfoten von meinem Muli!“, forderte hinter ihm plötzlich eine scharfe Stimme.

Bibbs Bishop zuckte herum. Er sah den hageren, rothaarigen Greg und in dessen Faust einen schweren Sechsschüsser. Er konnte genau in den Lauf sehen.

„Was soll das heißen?“, stieß er hervor, obwohl er die Bedeutung und den Grund des auf ihn gerichteten Revolvers genau kannte.

„Das soll heißen, dass sich Greg nicht übers Ohr hauen lässt. Hier wird redlich geteilt. Du kriegst die Hälfte meiner Maultiere und ich die Hälfte von deinem Gold.“

„Du hast alles, was ich hatte, Greg.“ Der Rothaarige federte ein paar Schritte näher. „Findest du, dass deine Lage geeignet ist, mir Lügen zu erzählen? Ich bin wahnsinnig sensibel, verstehst du? Wenn einer mein Vertrauen missbraucht, reagiere ich manchmal unkontrolliert. Meine Kanone kann ein Lied davon singen.“

„Du kannst mich abknallen, Greg. Aber du wirst nichts bei mir finden.“

„Du bist also ein armer Schlucker?“

„So kann man es nennen.“

„Kennst du den Unterschied zwischen einem armen Schlucker und einem toten Schlucker?“

„Nein.“

„Es gibt auch keinen, mein Freund.“ Damit drückte er ab. Die beiden Maultiere liefen erschrocken davon, blieben aber bald wieder stehen und kehrten zögernd zurück.

Greg hatte sich inzwischen über den Toten gebeugt. Schon sein erster suchender Griff brachte ihm den erwarteten Erfolg. Bibbs Bishop trug seinen Schatz in einem Lederbeutel auf der Brust.

Der Mörder schüttete einen Teil des Inhalts auf seine Handfläche. Seine Augen glänzten triumphierend. „Armer, toter Schlucker!“, murmelte er. „Möchte nicht wissen, wie lange du dafür gerackert hast. Dabei kann man das gleiche viel schneller und bequemer erreichen. Man muss nur den richtigen Mann treffen.“

Er setzte die Durchsuchung des Toten fort und fand außer ein paar vergilbten Fotografien nur noch eine billige Taschenuhr, die nicht mehr funktionierte.

Er stopfte alles in seine Taschen, richtete sich zufrieden auf und ließ den Erschossen achtlos liegen. Um den würden sich die Geier kümmern.

Dann schwang er sich auf eines der beiden Maultiere und setzte seinen Weg fort.

 

 

2

In Pittscreek gab es nur den Red Rose Saloon, und der Wirt hatte alle Hände voll zu tun, um die durstigen Kehlen zu füllen. Das war kein leichtes Stück Arbeit, denn hier am Rande der Wüste verdampfte das Bier, kaum dass es eine Zunge erreichte. Die Gläser waren viel zu klein. Aber Brack Fuller beklagte sich nicht. Der Durst der anderen brachte ihm Gewinn.

Die einheimischen Männer konnten schon einen gehörigen Schluck vertragen, aber die vier Fremden, die sich seit zwei Tagen in der Stadt aufhielten, schlugen alle Rekorde, Sie verschmähten das Bier und soffen nur Whisky, und den gleich flaschenweise, obwohl der Jüngste von ihnen nicht einmal zwanzig sein mochte.

Anfangs hatte sich Brack Fuller gesorgt, dass er sein Geld nicht bekommen würde. Doch die vier zahlten jeden Abend prompt ihre Rechnung und schienen keine Geldsorgen zu haben.

Die Burschen waren ihm trotzdem nicht sympathisch. Er wurde das Gefühl nichts los, dass es mit ihnen noch Ärger geben würde. Sie legten es förmlich darauf an und hatten anscheinend nur noch nicht das richtige Opfer gefunden.

Brack Fuller wollte dieses Opfer nicht sein. Trotz ihrer ansehnlichen Zechen hätte er die Kerle gern fortreiten sehen.

Aber sie dachten nicht daran, die Stadt schnell wieder zu verlassen. Sie lungerten den ganzen Tag herum, betraten nachmittags gemeinsam den Saloon und blieben dort hocken, bis der letzte Gast gegangen war.

Hin und wieder fingen sie eine Schlägerei an, und ihre tiefhängenden Colts warnten jeden, zu kräftig zurückzuschlagen. Eine der vier Kanonen hätte ihn mit Sicherheit an einer Stelle durchlöchert, die seiner Gesundheit nicht gerade zuträglich war.

Die Männer von Pittscreek hielten sich von den Raubeinen fern, so gut es ging. Aber sie taten nicht das, was eigentlich am vernünftigsten gewesen wäre. Sie mieden den Red Rose Saloon nicht, solange sich die Stänkerer dort aufhielten. Auch sie witterten die bevorstehende Auseinandersetzung, und die wollten sie auf keinen Fall versäumen.

Als der Fremde in die Stadt ritt, ahnten sie, dass der Zeitpunkt gekommen war. Typen wie diese vier Revolverschwinger akzeptierten keinen Mann mexikanischer Abstammung in ihrer Nähe. Er war der ideale Blitzableiter für ihre aufgestaute Energie, und da auch er fremd war und außerdem kein Weißer, gab es keinen in der Stadt, der sich seinetwegen den Kopf zerbrochen hätte.

„Verdammt, Brack Fuller!“, schrie der Älteste der vier. Es war ein Kerl wie eine knorrige Eiche. Seine Gesichtsfarbe war auffallend rot. Das rührte zum Teil von dem Whisky her, zum Teil aber von seinem cholerischen Temperament. „Was gibst du uns da für ein Gift zu saufen? Davon wird man ja blind.“

„Blind, Mister?“, fragte der Wirt, „Keiner meiner Gäste ist bisher mit einem Augenschaden aus meinem Saloon gegangen, wenn er ihn nicht schon vorher hatte. Der Whisky ist in Ordnung.“

„Aber ich sehe dort an der Tür einen Mexikaner. Das kann doch nur eine Sinnestäuschung sein. Du wirst doch keinen Bastard bewirten?“

Es wurde still im Saloon. Die erwartete Auseinandersetzung bahnte sich an. Nur der Fremde schien nichts davon zu merken, dass er in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt war, kaum dass seine Stiefel die Dielenbretter der Kneipe betreten hatten.

„Für einen Quarter erhält bei Brack Fuller jeder sein Bier“, erwiderte der Wirt stolz. Dabei schielte er mit einem Auge unter den Tresen, wo er seinen Revolver wusste. „Wenn euch der Mann nicht gefällt, müsst ihr euch selbst um ihn kümmern.“ Dewey, die knorrige Eiche, grinste hinterhältig. „Das werden wir auch. Nicht wahr, Lester?“ Er wandte sich dem übergewichtigen Mann zu, der neben ihm thronte und kaum durch seine Schweinsaugen sehen konnte, weil die Lider wie Pfannkuchen darüberhingen.

Lester hob schnaufend den bulligen Schädel. Sein Mund war wabbelig wie der ganze Kerl, das Kinn rund und voller Speckfalten. „Kümmere du dich um ihn, Dewey“, maulte er. „Ich habe Durst. Es ist heiß hier und der Whisky verdammt wässrig.“

Dewey grinste. Er stemmte sich in die Höhe und bahnte sich einen Weg durch die eng stehenden Tische.

Die Cowboys zogen ihre Stiefel ein. Sie wollten nicht, dass der Rauflustige darüber stolperte und dafür sein Mütchen an ihnen kühlte. Niemand kam auf den Gedanken, den Mann zu besänftigen.

Rick Parker sah den anderen auf sich zuschlingern. Selbstverständlich hatte er das kurze Gespräch mit dem Wirt nicht überhört. Aber obwohl er genügend Zeit gehabt hätte, den Rückzug anzutreten, dachte er nicht daran. Wäre er aus jedem Saloon davongelaufen, in dem einer seine Nase nicht mochte, würde er immer noch auf sein erstes Bier warten.

Er wählte den direkten Weg zum Tresen, während Dewey ihn von der Seite her ansteuerte.

Sie trafen sich fast genau in der Mitte des Saloons. Dewey vertrat dem anderen den Weg.

Der Mann mit dem mexikanischen Aussehen hob langsam und lächelnd den Kopf und schob den Störenfried wortlos zur Seite.

Dewey schäumte vor Wut. „Habt ihr das gesehen?“, kreischte er. „Der dreckige Bastard hat mich angefasst. Jetzt habe ich bestimmt Ungeziefer.“

„Wenn Sie davor Angst haben, sollten Sie mir aus dem Weg gehen, Mister“, schlug Rick Parker ruhig vor. „Und auch sonst empfehle ich Ihnen, sich lieber wieder Ihrem Whisky zu widmen. Ich habe nicht vor, Ihnen ins Glas zu spucken. Und im übrigen brauchen Sie keine Angst vor mir zu haben.“

Dewey sperrte überrascht seinen Mund auf, in dem zwei fehlende Zähne eine breite Lücke hinterließen. „Angst?“, stieß er fassungslos hervor. „Angst vor dir? Ich glaube, bei dir tickt es nicht richtig. Ich dresche dir deinen mexikanischen Schädel in den Hals, dass du daran erstickst.“

Vom Tisch der Fremden klang rohes Gelächter. Auch die Einheimischen quittierten den groben Scherz mit einem, wenn auch zurückhaltenden Lachen.

„Lass ihn mal die Finger an deiner Hand zählen, Dewey“, schrie ein hagerer Typ herüber. Seine Augen funkelten kalt. Er war kahlgeschoren, obwohl er die zwanzig erst knapp überschritten hatte.

„Ich weiß selbst, wie ich mit diesem Stinker umzugehen habe, Abel“, meinte Dewey herablassend.

Dann zuckte seine Faust vor, aber sie preschte ins Leere. Parker hatte sich blitzschnell zur Seite geworfen und beobachtete nun amüsiert, wie sich der Schläger, den der eigene Schwung zu Fall gebracht hatte, wieder aufrappelte. Die wütenden Augen des anderen warnten ihn. An dieser Stelle war der Spaß zu Ende. Dewey war kein Mann, über den man lachen durfte. Auch dann nicht, wenn er eine lächerliche Figur abgab.

„Du Schwein!“, röchelte er. „Du stinkendes Schwein!“

Rick Parker wusste, dass seine Hautfarbe dunkler war und dass es andere in diesem Land leichter hatten als ein Mann mit einer mexikanischen Mutter. Aber er wusste auch, dass er nicht stank. Und für ein Schwein hielt er sich erst recht nicht. Wie konnte er das diesem Burschen am besten beibringen?

Es war wohl unklug, auf sein Bier am Tresen zu bestehen. Dewey würde die Niederlage nicht schlucken, und die Hilfe von seinen drei Gesinnungsgenossen war ihm gewiss. Wahrscheinlich gab es aber auch an den anderen Tischen genügend Männer, die sich gern an der Schlägerei mit einem Bastard beteiligen würden.

Also war es das beste, wenn er schnell klare Verhältnisse schuf.

Er wartete, bis der Mann wieder auf seinen Füßen stand. Dann wischte er ihn mit einem einzigen Hieb von den Stiefeln. Dewey krachte gegen den nächsten Tisch, warf ihn um und blieb röchelnd liegen.

Die Männer an dem Tisch waren aufgesprungen. Doch sie nahmen keine feindliche Haltung ein. Sie zogen sich lediglich vorsichtig zurück. Sie hatten offensichtlich die Absicht, der Auseinandersetzung nur als Zuschauer beizuwohnen.

Anders die drei, zu denen der Zusammengeschlagene gehörte. Sie stießen krachend die Stühle zurück und schickten sich an, sich auf den Fremden zu stürzen.

Der Peacemaker in Rick Parkers Faust brachte sie vorübergehend zur Vernunft. Sie stutzten und warfen sich gegenseitig ratlose Blicke zu. Niemand hatte gesehen, wie der Bastard den Colt aus der Holster gerissen hatte. Er schien ein unheimlich fixer Bursche zu sein, dem man lieber nicht in eine Kugel lief.

„Wie sieht es jetzt mit einem Bier für mich aus?“, rief Parker zu dem Wirt hinüber.

Brack Fuller beeilte sich, ein Glas zu füllen und es dem Fremden zu bringen.

Der schnippte ihm den Quarter in die offene Hand, ohne seine Gegner aus den Augen zu lassen. Er setzte das Glas an die Lippen und nahm einen kräftigen, erfrischenden Schluck, auf den er schon lange gewartet hatte.

Dewey sah darin seine Chance. Einen Bastard nahm er ohnehin nicht für voll. Einen, der sich mit einem großen Bierglas die Sicht versperrte, konnte er erst recht vergessen.

Er packte einen Stuhl und schleuderte ihn auf den schwarzhaarigen Mann mit dem Revolver.

Rick Parker hatte mit einer Gemeinheit gerechnet. Noch bevor der Stuhl ihn erreichte, landete sein Glas voll im Gesicht des anderen. Das für ihn bestimmte Wurfgeschoss duckte er ab. Es segelte in die Menge und gab das unweigerliche Signal für eine allgemeine Prügelei.

Dabei musste er den kürzeren ziehen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, ob sich einige der Männer auf seine Seite schlagen würden. Die Tatsache, dass ihm der Wirt ein Bier ausgeschenkt hatte, durfte er noch nicht als Freundschaftsbeweis werten.

Deweys Freunde hatten instinktiv erkannt, dass sie keinen Killer vor sich hatten. Grund genug zu schießen hätte das Halbblut längst gehabt, aber es benutzte den Colt lieber als abschreckende Warnung.

Diese Einstellung nützten sie aus. Der Lump würde auch auf sie nicht schießen, wenn sie über ihn herfielen und nicht zur Waffe griffen.

Mit dieser Ansicht hatten sie recht. Rick Parker hatte nicht die Absicht, wegen eines Betrunkenen ein Blutbad anzurichten, bei dem auch Unbeteiligte zu Schaden kommen konnten. Als er die drei Angreifer sah, steckte er den Revolver hastig zurück und packte den nächsten Stuhl.

„He, Fremder!“, protestierte Brack Fuller. „Glauben Sie, dass ich meine Möbel selber schnitze? Wer bezahlt mir den Schaden, den Sie anrichten?“

„Natürlich die, die den Streit begonnen haben, Mister“, entgegnete Parker ungerührt. „So, wie es überall üblich ist.“ Dann warf er den Stuhl, und die drei Helden spritzten auseinander.

Rick Parker verzichtete auf den Rest seines Biers und hielt es für vernünftiger, sich zurückzuziehen. Die Gemüter erhitzten sich immer mehr. Es musste so oder so ein böses, blutiges Ende nehmen, wenn er nicht das Weite suchte.

Nachdem er noch einen weiteren Stuhl auf die Reise geschickt hatte, bahnte er sich den Weg zur Schwingtür und verließ die ungastliche Stätte.

Draußen band er rasch seinen Hengst vom Balken und schwang sich in den Sattel.

Eigentlich hatte er ein paar Tage in Pittscreek bleiben wollen. Doch nun zog er es vor, sich einen anderen Ruheplatz zu suchen. Der freie Himmel war ihm lieber als ein Nest, in dem man ihn nicht haben wollte.

Ohne dass ihm einer folgte, ritt er die Mainstreet hinunter und verließ die Stadt.

Den Mann, der ihm entgegenkam, beachtete er kaum. Er konnte ja nicht wissen, dass auch er ein Fremder in dieser Stadt war. Und dass sich die nächsten Tage seines Lebens eng mit dem Schicksal dieses Mannes verknüpfen würden, ahnte er erst recht nicht.

 

 

3

Für Rick Parker war es gleich, welchen Weg er einschlug. Er war unabhängig und wurde nirgends erwartet.

Er wandte sich nach Norden. In Jessville hatte er Freunde. In drei Tagen konnte er dort sein, wenn er sich beeilte. Er kannte dort sogar den Marshal aus jener Zeit, als er selbst noch den Stern trug. Dort würde es niemand wagen, ihn anzupöbeln.

Die erste Nacht verbrachte er in einem Wäldchen, das höchstens aus zehn Bäumen bestand, aber immerhin ankündigte, dass hier die Wüste zu Ende war.

Am nächsten Morgen brach er schon sehr zeitig auf und ritt ungefähr vier Stunden, ehe er die Pferdewechselstation der Überlandlinie erreichte. Hier ergänzte er seinen Proviant und versorgte sein Pferd.

Fast zur gleichen Zeit traf die Kutsche ein. Sie beförderte drei Passagiere, von denen sich einer in einem erbärmlichen Zustand befand.

Es handelte sich um eine junge Frau, die während der Reise krank geworden war.

„Sie hat darauf bestanden weiterzufahren“, berichtete der Kutscher. „Dabei braucht sie dringend einen Arzt.“

„Den haben wir hier auch nicht“, sagte Melchior Carlson, der Pächter der Station. „Und soviel ich weiß, gibt es auch in Pittscreek keinen Doc. Du musst sie schon bis Jessville schaffen. Dort haben sie alles, was das Girl braucht.“

„Nach Jessville will sie ja auch. Aber ich bezweifle, ob sie die Stadt lebend erreicht. Sie hat Fieber. Während der vergangenen beiden Tage hat sich ihr Zustand erheblich verschlechtert.“

Einer der Reisenden, ein fettleibiger Mann mit einem Schweinsgenick und kurzsichtigen Augen meldete sich zu Wort: „Es ist unerhört, dass wir mit einer Todkranken reisen müssen. Wenn sie uns ansteckt, sind wir alle beim Teufel. Meine Frau ist auch nicht sehr widerstandsfähig. Sie hustet schon, wenn in fünfzig Meilen Entfernung ein Wind weht.“

Die Frau sah in der Tat ziemlich schwindsüchtig aus, und wie auf Kommando fing sie prompt zu husten an, dass ihre Augen vor Anstrengung aus den Höhlen traten.

„Ich kann sie schließlich nicht hier lassen, wo sie keine Hilfe zu erwarten hat“, verteidigte sich der Kutscher. „Dann können wir ihr ja gleich den Gnadenschuss geben. Außerdem glaube ich nicht, dass ihr Leiden ansteckend ist. Sie ist nur völlig erschöpft. Sie steht die Strapazen einer solchen Reise nicht durch.“

„Warum bleibt sie dann nicht zu Hause?“

„Fragen Sie sie, Mister! Vielleicht erhalten Sie eine zufriedenstellende Antwort.“

Der Dicke wandte sich grollend ab und ging mit seiner spindeldürren Frau in das Stationsgebäude, während Rick Parker dem Kutscher half, die Kranke ins Haus zu tragen.

Nachdem sie sie auf ein flaches Bett gelegt hatten, musterte der Pferdelenker den anderen interessiert. Dann kratzte er sich am Hinterkopf und räusperte sich verlegen. „Äh, Sie kennen sich wohl nicht zufällig ein bisschen mit Krankheiten aus, wie?“, begann er. „Was halten Sie von der Frau?“

„Sie muss zu einem Arzt“, antwortete Rick Parker, ohne zu zögern. „Und zwar schnell.“

„Den kann sie frühestens in vier Tagen bekommen. Wird sie solange durchhalten?“

Diesmal ließ sich der ehemalige Marshal mehr Zeit. Er beugte sich über die Kranke, fühlte ihren Puls, hob ihre Augenlider und zwang sie, den Mund zu öffnen. „Sie hat hohes Fieber“, stellte er fest. „Die Reise in der Kutsche wird sie umbringen. Sie kann den Doc nicht aufsuchen. Er muss zu ihr kommen.“

„Das dauert doppelt solange. Und welcher Arzt findet sich schon bereit, einen Ritt zu unternehmen, bei dem er sicher sein kann, nur noch eine Leiche vorzufinden?“

Rick Parker wusste, dass der Mann recht hatte. Er suchte nach einer anderen Lösung, aber das Ergebnis seiner Gedankentätigkeit war mehr als dürftig.

„Können Sie denn gar nichts tun?“, fragte der Kutscher. Er sah den anderen dabei so treuherzig an, dass Parker direkt Gewissensbisse wegen seiner medizinischen Unfähigkeit bekam. Er versuchte sich an uralte Heilmittel zu erinnern, mit denen seine Mutter sich bestens ausgekannt hatte. Er setzte zwar wenig Hoffnungen darauf, doch es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als wenigstens den Versuch zu unternehmen, wollte er die Frau nicht hilflos ihrem Schicksal überlassen.

Er gab an die Frau des Pächters einige Anweisungen, und wenn diese auch nicht alle Kräuter im Haus hatte, die er benötigt hätte, um den fiebersenkenden und stärkenden Trank zu bereiten, so hoffte er doch, dass auch das Provisorium genügend Kraft entwickeln würde.

Nach einem kurzen Aufenthalt setzte die Kutsche ihre Fahrt fort. Diesmal saßen nur noch zwei Reisende in dem engen Wagen. Und auf dem Dach fehlte auch eine grüne Reisetasche.

Mrs. Carlson konnte ihre Neugier kaum bezähmen. Wichtiger als die Heilung der ungebetenen Patientin war ihr die Frage, mit wem sie es zu tun hatten und ob die Kranke in der Lage war, für Unterkunft und Verpflegung zu bezahlen.

Rick Parker graute vor so viel Gewinnsucht. Nie hätte er daran gedacht, dass die Pächter für das ärmliche Lager einen Cent verlangen könnten.

Falls die Kranke über keine Barmittel verfügte, würde er selbst die Schuld begleichen. Allerdings fragte er sich, wie lange er dadurch an diesen Ort gebunden wurde.

Widerstrebend ließ er zu, dass Mrs. Carlson die Reisetasche der stark Fiebernden öffnete. Es fanden sich ganze sechs Dollar und fünfundfünfzig Cents, dazu noch ein paar persönliche Dinge.

Aus einem Dokument ging der Name hervor: Sheridan Key.

„Komischer Name“, fand die Frau. „Ob sie das hier auf dem Foto ist?“

Ihr Mann nahm ihr das Bild aus der Hand und betrachtete es genau. Dann reichte er es an Rick Parker weiter.

„Eine gewisse Ähnlichkeit scheint vorhanden zu sein“, bestätigte dieser, „außer die Abgebildete ist älter. Vielleicht sind es ihre Eltern.“ Er drehte das Foto um, aber es trug keinen weiteren Hinweis. „Sie braucht jetzt vor allem Ruhe. Wenn sie wach wird, muss sie wieder den Tee trinken. Möglichst viel davon. Und Sie sollten versuchen, noch die fehlenden Kräuter zu beschaffen, Mistress Carlson.“

„Ich? Das müssen Sie schon selbst tun, Mister Parker. Ich habe im Haus genug zu tun. Durch die Kranke habe ich sowieso nichts als zusätzliche Arbeit.“

Rick Parker sah ein, dass hier jedes Wort vergebens war. Sechs Dollar fünfundfünfzig ließen eine Mrs. Carlson nicht springen.

Er machte sich selbst auf den Weg und kehrte nach einem ermüdenden Ritt am späten Abend zurück. Aber er hatte Erfolg gehabt. Es war ihm gelungen, fast alle Kräuter, die er brauchte zu finden.

Während er den Tee selbst zubereitete, erfuhr er, dass die Kranke kurz bei Bewusstsein gewesen war, aber nur zusammenhangloses Zeug gestammelt hatte. Wahrscheinlich waren ihre Sinne durch das Fieber schon zu stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Es war wohl am besten, wenn sie nicht mehr aufwachte.

Die Ansicht vertrat Rick Parker nicht. Er setzte sich zu der Schlafenden ans Bett und betrachtete sie schweigend.

Sie sah so bleich aus, als wäre sie bereits tot. Ihr Haar wirkte matt und strähnig, obwohl sie noch nicht dreißig sein konnte. Ihre Züge waren energisch, obwohl momentan das Fieber die Oberhand gewonnen hatte. Die Kleidung bestand aus einem schlichten, baumwollenen Reisekleid, schwarzen Strümpfen und ebensolchen Schuhen, die Mrs. Carlson ihr ausgezogen hatte. Das Gesicht hatte sich trotz einer deutlich erkennbaren Verbitterung das Weibliche bewahrt. Eine junge Frau, so schätzte Rick Parker, die vom Leben hart angepackt worden war.

Dass sie unbedingt nach Jessville wollte, hatte sicher seinen Grund. Wahrscheinlich kannte man sie dort sogar.

Er flößte ihr zweimal den heißen Tee ein. Beim zweiten Mal schlug sie die Augen auf und schloss sie sofort wieder. Dann flatterten ihre Lider unruhig, und schließlich traf den Schwarzhaarigen ein fragender Blick aus grauen, matten Augen.

„Ich heiße Rick Parker“, stellte er sich vor. „Sie sind hier auf einer Pferdewechselstation unweit von Pittscreek.“

Ein Erschrecken ging über ihr Gesicht. „Ich bin nicht in Jessville?“

„Sie sind ziemlich krank, Ma’am. Sie hätten die Strapazen nicht mehr durchgehalten. Wenn Sie wiederhergestellt sind, können Sie Ihre Fahrt fortsetzen. Hier hält zweimal jede Woche eine Kutsche.“

„Dann ist es zu spät.“

„Zu spät, Mistress Key?“

„Miss Key“, korrigierte die Frau. „Ich bin nicht verheiratet.“

Frauen waren in dieser Gegend nicht gerade reich gesät. Wenn Sheridan Key, die durchaus anziehend wirkte, trotzdem ledig geblieben war, lag das sicher nicht an mangelnder Gelegenheit. Sie musste einen triftigen Grund für ihre Entscheidung besitzen, doch es stand Rick Parker nicht zu, danach zu forschen.

„Die Männer sind keinen Schuss Pulver wert“, fuhr die Erschöpfte fort. Anscheinend glaubte sie, eine Erklärung schuldig zu sein.

„Sie dürfen nicht so viel reden, Miss Key“, mahnte Rick Parker. „Es strengt Sie zu sehr an. Trinken Sie das! Es wird Ihnen guttun.“

„Was ist es?“

„Kein Gift. Ich will Sie nicht umbringen, obwohl ich ein Mann bin.“ Sie lächelte schmerzlich. „Und was für einer“, sagte sie. „Wie haben Sie es fertiggebracht, so alt zu werden?“

„Sie meinen, weil ich nicht strahlend weiß geraten bin?“

„Das meine ich.“

„Sie mögen also keine Mexikaner oder Mischlinge.“

„Das habe ich nicht gesagt. Aber ich kenne genügend Leute, die so denken.“

„Mir genügt es, wenn Sie eine andere Meinung haben, Miss Key. Aber selbst wenn Sie meinesgleichen verabscheuten, würde ich versuchen, Sie gesund zu pflegen.“

„Ich wusste, dass Sie einen großen Fehler haben, Mister Parker.“

„Wer hat den nicht?“

„Richtig! Aber Ihrer ist irgendwann tödlich. Sie glauben trotz allem an das Gute im Menschen. Sagen Sie Sheridan zu mir, Rick! Ich hoffe, dass wir es beide schaffen.“

Sie hielt ihm ihre Hand hin. Er ergriff sie. Sie fühlte sich kraftlos an und ohne Leben. Die Finger waren kalt und schienen steif zu sein.

Während sie den heißen Tee schlürfte und dabei ihr Gesicht zu einer Grimasse verzog, fragte Rick Parker: „Sie befürchten, zu spät in Jessville zu sein, Sheridan?“

Sie trank tapfer den Becher aus. Erst dann antwortete sie. „Ich komme jedes Jahr einmal her. Jedes Jahr zum zwanzigsten Juli. Es ist der Todestag meiner Mutter.“

Rick Parker war betroffen. „Sie besuchen ihr Grab?“

„Ja. Seit sie starb, oder besser gesagt, seit ich es erfuhr.“

„Sie sollten nicht darüber reden, wenn es Sie aufregt, Sheridan.“

„Es regt mich auf. Auch jetzt noch. Aber ich will darüber sprechen. Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie mir zuhören, Rick. Als ich auf die Welt kam, war ich für meinen Vater die größte Enttäuschung.“

„Er hatte sich wohl einen Sohn gewünscht“, vermutete Parker.

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940060
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v591324
Schlagworte
gold greg turner

Autor

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Titel: Greg Turner und das blutige Gold