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Carringo und die Galgenvögel

2020 119 Seiten

Zusammenfassung


Carringo bekommt alle Vollmachten, dem Verantwortlichen für den Waffenschmuggel, Ben Hillary, das Handwerk zu legen. Aber auch der von der Regierung beauftragte Buz Sherlock ist hinter Hillary her. So bleibt es nicht aus, dass sich die Wege der beiden wieder einmal kreuzen. Chaco, das Halbblut, begleitet Carringo, denn ihm ist ein Gefangener entwischt, den er unbedingt wieder ins Gefängnis bringen will ...

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und die Galgenvögel

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Carringo und die Galgenvögel

Western von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Carringo bekommt alle Vollmachten, dem Verantwortlichen für den Waffenschmuggel, Ben Hillary, das Handwerk zu legen. Aber auch der von der Regierung beauftragte Buz Sherlock ist hinter Hillary her. So bleibt es nicht aus, dass sich die Wege der beiden wieder einmal kreuzen. Chaco, das Halbblut, begleitet Carringo, denn ihm ist ein Gefangener entwischt, den er unbedingt wieder ins Gefängnis bringen will ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo — verfolgt eine heiße Spur, doch seine Gegner bleiben unsichtbar.

Chaco — verliert einen Gefangenen aus dem Jail in Prescott und ist darüber sehr erbost.

Carlo Janos — Der Mexikaner versucht, mit seinen Leuten zu überleben, aber darüber bestimmen längst andere.

Slinger — eine kleine Ratte, die gern zu einer großen Ratte werden möchte.

Maxwell Hook — transportiert Kisten, die wie Särge aussehen und in denen der Tod liegt.

Buz Sherlock — sieht selbst dort Feinde, wo keine sind, und erschwert dadurch seine Lage.

Ben Hillary — möchte Carringo zum Teufel schicken, zu dem er offenbar gute Beziehungen unterhält.

 

 

 

1

Die Hitze des Tages war vorüber. Allmählich legte sich der Staub. Man konnte wieder freier atmen. Die untergehende Sonne zeichnete um die Silhouette der Prieta Mountains einen feurigen Saum. Die vereinzelten Opuntien schienen zu glühen, Die Berge atmeten Ruhe und Frieden.

Aber es herrschte kein Frieden. Eine Gruppe von Männern hatte lediglich auf diese Stunde gewartet. Wie Krustenechsen krochen sie aus ihren Verstecken hervor und scharten sich um einen Mann, dessen glühende Augen ungeduldig auf den letzten seiner Leute warteten.

„Du lässt dir viel Zeit, Bolo“, tadelte er einen großen Mann mit struppigem Vollbart, der sich in leicht gebeugter Haltung näherte und einen mächtigen Knüppel wie etwas in der Faust hielt, das ihm zutiefst zuwider war.

Bolo Montana war vier Jahre älter, als Carlo Janos. Trotzdem nahm er den Tadel hin. Carlo war der Anführer. Er hatte sie über die Grenze nach Arizona geführt, er würde auch den weiteren Weg finden, sogar wenn sich seine Methoden immer weiter von dem entfernten, was Bolo Montana mit seinem Gewissen zu vereinbaren suchte.

,.Die Leute haben Kinder“, erklärte er. Es sollte wohl eine Entschuldigung sein. „Es ist nicht recht, Kinder zu bestehlen.“

Carlo Janos blitzte ihn wild an.

„Haben wir keine Kinder, Bolo? Ist es nicht die Schuld der Gringos, dass mein Chico fast den ganzen Tag weint, weil er Hunger hat?“

Der große Mexikaner nickte zustimmend mit dem Kopf.

„Du hast recht, Carlo. Doch es waren nicht diese Gringos, die wir überfallen wollten. Es waren Pistoleros, die uns aus unserer Heimat vertrieben haben. Es waren Männer, die unser eigener Gouverneur auf uns gehetzt hat, um uns zu bestehlen und alles, was wir zurücklassen mussten, zu verbrennen.“

„Das weiß ich selbst, Bolo. Aber willst du etwa den Gouverneur selbst zur Verantwortung ziehen? Willst du, dass wir mit unseren jämmerlichen Waffen den Kampf gegen seine Killer aufnehmen?“

„Das können wir nicht“

„Nein, das können wir nicht. Aber wir können alles tun, damit unsere Frauen und Kinder nicht verhungern. Das ist unsere Pflicht. Wir nehmen uns nur, was wir brauchen, und schon bald, so hoffe ich, wird auch das nicht mehr nötig sein.“

Bolo Montana seufzte schwer. Was hätte er dagegen sagen sollen? Wusste er denn einen anderen Weg? Keiner von ihnen war mit Begeisterung dabei, wenn sie den Gringos, die fast genauso arme Schweine waren wie sie selbst das Wenige wegnahmen, was sie besaßen. Aber die Americanos hatten etwas, was sie ihnen nicht rauben konnten und mehr wert war als die armseligen Kleidungsstücke, die Lebensmittel und Werkzeuge, die sie in Tinayas Altas und Last Deal erbeutet hatten. Sie hatten eine Heimat, aus der sie kein geldgieriger, machthungriger Gouverneur vertrieb.

Der Gedanke an das erlittene Unrecht brachte auch Bolo Montanas Blut zum Wallen. Sein Körper straffte sich. Er packte den Knüppel fester und nickte Carlo Janos entschlossen zu. Dieser lächelte. Es war kein frohes Lächeln und auch kein grausames. Es wirkte gequält und doch unerbittlich.

Es waren acht Männer, die, die langen Schatten nutzend, auf die ahnungslose Siedlung Cabeza Prieta zuschlichen und sich gegenseitig durch Blicke und Gesten verständigten. Carlo Janos ging als Erster. Er trug eine abenteuerliche Schrotflinte, die eher als Abschreckung, denn als echte Waffe geeignet war.

In Cabeza Prieta war man dabei, den Tag zu beschließen. Die knusprigen Tortillas ließen die Mühen mit dem kargen Boden vergessen. In einigen Hütten wurde der Tisch gar durch das köstliche süße Dulce aus dem Kugelkaktus bereichert.

Die Campesinos unter Carlo Janos verspürten keinen Appetit auf Dulce. Sie erreichten die erste Hütte, vor der ein hagerer Mann gerade dabei war, zwei Maultiere, die stumpf vor einem Karren ausharrten, auszuspannen. Wie ein wütender Wirbelsturm fielen sie über den Ahnungslosen her. Carlo Janos stieß ihm den Lauf der Schrotflinte in den Rücken und zischte drohend: „Wenn du schreist, bist du ein toter Mann!“

Juan Diego stand neben seinem Anführer. Selbst ohne den Knüppel in seiner Faust hätte er furchtbar ausgesehen. Seine Nase war gebrochen, das breitflächige Gesicht von Narben entstellt. In seiner Heimat in Mexiko war er nie ein Schläger gewesen. Erst die brutale Behandlung durch die Pistoleros des Provinzgouverneurs und die schreckliche Zeit im Kerker hatten auch in seiner Seele Narben zurückgelassen. Er schwang seinen Knüppel, und der hagere Mann stöhnte auf. Wenn er an Widerstand gedacht hatte, so verwarf er diesen Gedanken schleunigst.

„Nehmt mir nicht die Tiere!“, jammerte er nur. „Ich besitze sonst nichts.“

„Du besitzt immer noch mehr als wir, Gringo“, sagte Carlo Janos mitleidlos. Er stieß den Mann durch die Tür in die Hütte und griff den beiden Maultieren ins Geschirr.

Jetzt war der Bann gebrochen. Die mexikanischen Bauern schwärmten aus und drangen gleichzeitig in mehrere Häuser ein.

Bolo Montana blieb bei dem erbeuteten Karren. Er hörte vereinzelte Schreie, das Kreischen von Frauen und Kinderweinen. Jedes Mal zuckte er zusammen, und er verfluchte den Gouverneur und seine Mördergarde, die sie zu solchem Tun zwangen.

Die Campesinos schleppten herbei, was sie an Brauchbarem fanden. Sie stahlen nichts Glänzendes und auch kein Geld. Was sie brauchten, waren vor allem Lebensmittel. Aber auch Wäsche und Töpfe fanden ihr Interesse. Sie besaßen ja so gut wie nichts. Sie hatten auf ihrer Flucht alles zurücklassen müssen, um wenigstens ihr nacktes Leben zu retten. Ihre Ansprüche waren bescheiden, aber sie waren wild entschlossen, dieses erbärmliche Leben zu verteidigen.

Als Bolo Montana die Hacken und Spaten sah, die Enno Rico und Pablo Santos aus einem Schuppen trugen, glänzten seine Augen. Solche Geräte hatte er schon lange nicht mehr in den Händen gehalten. Sie versinnbildlichten für ihn die Heimaterde. Damit hatte er unermüdlich den Kampf gegen Staub und Dürre aufgenommen. Wann würde er das endlich wieder dürfen?

Er nahm den beiden Bauern die Werkzeuge ab und legte sie fast liebevoll auf den Karren, der sich allmählich mit nützlichen Dingen füllte. Eben wuchtete Juan Diego einen prall gefüllten Sack auf seinen Rücken. Die Maiskörner rieben gegeneinander. Jetzt brauchten sie nur noch ein Fleckchen Land, in das sie das Saatgut streuen konnten.

Juan Diego warf den Sack auf den Karren und zwinkerte Bolo Montana zu. Es klappte heute ausgezeichnet. Sie hatten in den vergangenen Tagen eine Menge gelernt, und es war ein eigenartiges Gefühl, dass es jetzt einmal die anderen waren, die zitterten und Angst hatten. Doch in diesem Gefühl lag kein Triumph.

Die Straßen waren wie leergefegt, seit die Mexikaner wie ein Unwetter über den Ort hereingebrochen waren. Die wilde Schar verbreitete Schrecken, so dass sogar der Wachtposten vor dem Gefängnis es vorgezogen hatte, nicht die Aufmerksamkeit der vermeintlichen Banditen zu erregen und eiligst weggelaufen war. Die Leute von Cabeza Prieta waren keine Helden. Das brauchten sie auch nicht zu sein, denn normalerweise geschah in dem Nest nichts, was Entschlossenheit und Waffengewalt erfordert hätten.

Sogar Tom Erdoes verwandte mehr Zeit auf seinen Beruf als Zimmermann als auf seine Marshal-Tätigkeit. Er wirkte eher wie der Wirt einer Bodega als wie ein grimmiger Gesetzeshüter. Sein gutmütiges Gesicht unter der Halbglatze und der beträchtliche Bauchansatz, der ihn zu wenig respektgebietenden Beinkleidern zwang, ließen keinen Kämpfer in ihm erwarten.

Und der war er auch nicht. Trotzdem wusste er, was er dem Stern an seiner Brust schuldig war. In seinen spärlichen Haaren hingen noch die Sägespäne von der Arbeit, als er über die knochenharte Plaza eilte. Der ungewohnte Lärm, mit dem die Fremden in die Häuser eindrangen, das Schreien und Poltern hatten ihn auf den Plan gerufen. Mit einem erleichterten Blick stellte er fest, dass es sich anscheinend nur um ein paar abgerissene Mexikaner handelte, denen vermutlich der Pulque in den Schädel gestiegen war. Jetzt gebärdeten sie sich allerdings wie die Eroberer unter Cortes.

Während des Laufens schnallte er seinen Revolvergurt um. Dabei schrie und brüllte er so kraftvoll, dass er erwartete, allein durch seinen Auftritt die Campesinos in eine heillose Flucht schlagen zu können.

Doch Carlo Janos und seine Männer befanden sich wie in einem Rausch. Sie ließen sich durch einen einzelnen Mann nicht einschüchtern. Und als Tom Erdoes es gar wagte, seinen Revolver Bolo Montana drohend unter die Nase zu halten und die sofortige Rückgabe des gestohlenen Gutes zu fordern, warf sich Juan Diego von hinten mit einem zornigen Aufschrei auf den wackeren Marshal und streckte ihn mit einem wuchtigen Hieb seines Knüppels nieder.

Bolo Montana stellte sich schützend vor die Spaten und das Saatgut und ließ mit finsterem Gesichtsausdruck erkennen, dass er diese Beute verteidigen würde. Notfalls wollte auch er mit seinem Prügel dazwischenfahren.

Doch das war nicht mehr nötig. Tom Erdoes lag zusammengekrümmt auf dem Boden und rührte sich nicht mehr. Ein paar Männer, die sich noch einen Rest Mut bewahrt hatten und ihrem Marshal zu Hilfe eilen wollten, wurden von den mexikanischen Bauern gebührend empfangen. Sie zogen sich hastig in ihre Häuser zurück und versuchten, ein Eindringen der Banditen zu verhindern.

Die entfesselten Campesinos brachen jeden Widerstand. Sie trieben ihre erbeuteten Maultiere ein Stück in das Städtchen hinein, damit sie das Geschirr und die gewebten Tücher nicht soweit zu tragen brauchten. Mit abschätzenden Blicken beurteilten sie die Häuser und entschieden sich für jene, in denen etwas zu holen war.

Dem kleinen Adobe-Gefängnis schenkten sie dabei keine Beachtung. Dort gab es nichts, was für sie von Wert gewesen wäre. Juan Diego erinnerte sich an den Kerker, in dem er gesessen hatte. Das waren andere Mauern gewesen als diese vergleichsweise harmlosen Lehmziegel. Er ahnte nicht, dass sich hinter diesen Wänden ein paar Männer aufhielten, die ihnen wesentlich mehr Interesse entgegenbrachten. Fünf wenig vertrauenserweckende Gesichter drängten sich hinter dem vergitterten Fenster, wobei ein Leuchten über diese Visagen ging, als Marshal Erdoes den Knüppel schmecken musste.

„Warum schlagt ihr ihn nicht tot?“, zischte der jüngste der Burschen enttäuscht. Er war hager und ging so krumm wie ein Greis, obwohl er gerade erst zweiundzwanzig war.

Al Burn stand neben ihm. Er massierte unaufhörlich seine schlanken Hände. Seine größte Sorge schien zu sein, dass er in dem schäbigen Gefängnis keine Möglichkeit fand, sein Äußeres in Schuss zu halten.

„Der kriegt schon noch seine Strafe, Fred“, sagte er und grinste gemein. „Er hat uns nicht umsonst eingebunkert.“

Henry Carter, ein Kerl mit einer Habichtsnase und tortillagroßen Händen, die zu seiner schlanken Gestalt so gut passten wie ein Gatling Gewehr in die Arme einer Muchacha, beobachtete gespannt die Mexikaner, die unablässig den Maultierkarren mit Beutestücken beluden.

„Die Burschen sind uns nicht fremd“, sagte er nachdenklich.

Maxwell Hook gab ihm recht.

„Vor ein paar Tagen, als sie von Mexiko über die Grenze flohen, schienen sie wesentlich hilfloser zu sein als jetzt.“

Jetzt dämmerte es auch Henry Carter.

„Stimmt! Wir haben sie beobachtet und dabei den verdammten Sheriff mit seinen Leuten überhört, die uns so schnell überrumpelten, dass wir nicht mal mehr Zeit für einen kräftigen Fluch hatten.“

Jetzt glaubte auch der fünfte der Gruppe, seinen Kommentar dazugeben zu müssen. Er sah ziemlich verwildert aus, aber das störte ihn offenbar nicht. Sein verfilztes, schwarzes Haar ging in einen struppigen Vollbart über und bedeckte den größten Teil seines Gesichtes, was durchaus kein Nachteil war.

„Demnach sind die Mexe schuld, dass wir hier hocken müssen“, brummte er und kicherte idiotisch.

„Da hast du gar nicht so unrecht, John“, erwiderte Maxwell Hook. „Deshalb ist es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, dafür zu sorgen, dass wir unser unfreiwilliges Hotel auch wieder verlassen können.“

Dieser Gedankenflug war für John Millis zu hoch. Er konnte gerade so weit denken, um seinem Zeigefinger den Befehl zu geben, den Abzugshebel zu betätigen. Alles andere besorgte Maxwell Hook für ihn. Wozu war er schließlich der Boss? Bevor es ihm noch gelang, eine Frage zu formulieren, erklärte der athletische Mann, der mit seiner dichten Körperbehaarung und den ungewöhnlich langen Armen wie ein Affe wirkte: „Ich habe keine Lust zu warten, bis Sheriff Brookson erscheint, um uns abzuholen.“

Nach dem aufgeregten Gemurmel zu schließen, hatten auch seine Kumpane keine Lust dazu.

„Der hat bestimmt ein Jail, das besser bewacht wird als dieses hier“, sagte Fred Steel.

„Eben! Und es ist wahrscheinlich auch nicht so leicht zu knacken.“

Al Burn verstand als Erster.

„Du bist ein verrückter Hund, Maxwell“, sagte er anerkennend. „Du willst also hier raus?“

„Jedenfalls habe ich nicht die Absicht, abzuwarten, bis die tapferen Leute dieses Kaffs ihren Marshal wieder gesundgepflegt haben.“

„Aber man wird uns nicht rauslassen“, sagte John Millis und wühlte verbissen in seinem Bart.

„Unsere mexikanischen Freunde werden uns dabei helfen.“

„Helfen?“

Henry Carter tippte sich gegen die Stirn. Manchmal war John aber auch zu begriffsstutzig. Zum Glück hatte er andere Qualitäten, die er besonders dann zeigte, wenn überdurchschnittliche Rücksichtslosigkeit und Brutalität verlangt wurden.

„Das ist doch klar“, erklärte er. „Diese Bauernlümmel sorgen für genügend Aufregung und Durcheinander. Außerdem vollführen sie einen Lärm, dass es keinem auffallen wird, wenn es auch in unserer Ecke ein bisschen lebendig wird.“

„Weißt du denn, wo der Schlüssel ist?“ John Millis ließ keine Gelegenheit aus, seine geistige Harmlosigkeit unter Beweis zu stellen. Henry Carter hielt ihm seine riesigen Fleischhauerhände unter die Nase.

„Hier!“, fauchte er. „Das ist unser Schlüssel. Und vielleicht bequemst du dich sogar, ein bisschen mit anzupacken.“

„Wenn wir alle helfen“, sagte Maxwell Hook ruhig, „dürfte dieses Gitter kein Hindernis für uns sein. Beeilen wir uns, Männer! Die Mexikaner haben ihren Wagen fast beladen. Wenn sie erst mal fort sind, wird es hier wieder ruhiger, und unsere Chancen sinken gewaltig.“ Er klammerte sich an dem Eisengitter fest, und alle anderen drängten sich heran und zerrten aus Leibeskräften an den Stäben.

Das nicht sehr stabile Gemäuer begann schon bald zu knirschen. Die Banditen unterdrückten einen Jubelschrei, denn noch saßen sie ja in diesem engen Viereck und mussten besorgt sein, dass sie ihren schmutzigen Auftrag nicht ausführen konnten und auf die ersehnten harten Dollars verzichten mussten. Doch diese Sorge war nur noch von kurzer Dauer. Als das Gitter mit einigen Ziegelresten aus der Mauer brach, stürzten die Männer übereinander. Sie hatten es geschafft.

Maxwell Hook riskierte einen ersten Blick durch die Öffnung, in der noch der Lehmstaub wie ein Schleier hing. Seine tückischen, kleinen Augen überrissen die Lage, und sie waren zufrieden mit dem, was sie sahen. Er wandte sich an Al Burn und befahl: „Du kletterst hinaus und kümmerst dich um die Tür. Aber beeil dich! Sonst klauen dir die Kerle da draußen noch deine elegante Uniform.“

Er lachte gutgelaunt, während Al Burn mit einem liebevollen Blick seinen Prince Albert Rock streifte. Er fürchtete nicht die Campesinos, sondern war über die Tatsache betrübt, dass er sich bei der Kletterpartie das gute Stück beschmutzen würde.

John Millis hob ihn mit einer Leichtigkeit in die Höhe, als bestände er nur aus Haut und Knochen. In Wirklichkeit verbargen sich unter seiner teuren Kleidung ein paar Muskelpakete, die er sich im unermüdlichen Kampf gegen Gesetz und Ordnung erworben hatte. Wie eine Schlange zog er sich durch die Öffnung und sprang auf der anderen Seite auf den Boden. Mit flinken Augen suchte er nach einem geeigneten Werkzeug, mit dem er der verschlossenen Tür zu Leibe rücken wollte. Er fand ganz in der Nähe eine Hacke, wie sie die Minenarbeiter benutzten. Die war genau richtig. Geduckt huschte er zu dem Schuppen, aber es achtete ohnehin niemand auf ihn. Die mexikanischen Plünderer waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Mit wuchtigen Schlägen brach Al Burn die Tür des Gefängnisses auf. Die Banditen stürmten über die Trümmer ins Freie. Alles weitere war ein Kinderspiel. Die Berge lagen praktisch vor der Haustür. Dort gab es genügend Schlupfwinkel. Bevor jemand an ihre Verfolgung denken würde, waren sie längst untergetaucht und unauffindbar.

Während Maxwell Hook mit seinen Männern wie ein lautloser Spuk aus Cabeza Prieta verschwand, verließen in der anderen Richtung auch die Campesinos um Carlo Janos die Stadt. Sie waren so zufrieden, wie es die Umstände zuließen. Immerhin hatten sie jetzt ein Maultiergespann mit einem Wagen, und für das Nötigste zum Überleben war ebenfalls gesorgt. Vielleicht war dies der letzte Raubzug, zu dem sie gezwungen waren.

Die Sonne, die nur scheinbar in Mexiko jenseits der Grenze untergegangen war, obwohl sie selbstverständlich zu Arizona gehörte, war nicht mehr zu sehen. Nur zögernd verließen die Überfallenen ihre Häuser. Sie wehrten sich noch immer, ihr Unglück zu begreifen. Hilflos waren sie diesen entfesselten, brutalen Kerlen ausgeliefert gewesen. So mancher von den Männern hatte eine gehörige Tracht Prügel erhalten.

Marshal Erdoes war zum Glück nicht tot, doch die Banditen hatten ihn übel zugerichtet. Er wurde in ein Haus getragen, während man auf der Plaza aufgeregt diskutierte und über die Frevler schimpfte. Dass sogar das Gefängnis leer war, bemerkten die Verzweifelten erst viel später.

 

 

2

Einen einzigen Insassen hatte das Gefängnis von Prescott. Slinger war zwar nur ein Halbwüchsiger, doch er hatte schon für mehr Ärger gesorgt als mancher abgefeimte Schurke. Nicht nur, dass er sich in Rains von einer Bande von Waffenhändlern zu Handlangerdiensten missbrauchen ließ, er hatte mich auch in eine ganz miese Falle gelockt und dazu meine Tasche gestohlen, an der mir sehr gelegen war, weil in ihr der Aktenordner steckte, den ich in St. Louis in der „Western Missouri Trailblazing Company“ aufgespürt hatte. Dieser Ordner enthielt Dokumente und Briefe. Und über einen Mann, der dort genannt wurde, hoffte ich, Licht in das Dunkel meiner Vergangenheit zu bringen.

Die Tasche hatte ich glücklicherweise inzwischen wieder zurückerhalten, aber nur, weil der dürre, sommersprossige Halunke die Unverschämtheit gehabt hatte, sie bei Manuela abzuliefern, der er eine haarsträubende Story von einem Toten erzählte, neben dem er sie angeblich gefunden hatte. Statt der erhofften Belohnung hatte Chaco ihn jedoch durchschaut und kurzerhand ins Jail geworfen, während Manuela sich nur schwer von dem Schock erholt hatte und erst glaubte, dass ich noch am Leben war, als ich wieder leibhaftig vor ihr stand. Dieser Gauner verdiente, dass man ihm Beachtung schenkte. Deshalb war auch Chaco, der sich einige Zeit in unserem Haus aufgehalten hatte, wieder auf dem Weg zu seinem Office.

Ich dagegen wollte das Wells Fargo Office aufsuchen. Vielleicht war schon die Antwort auf meinen telegraphischen Bericht an die Zentrale in San Francisco eingegangen.

Slinger hatte eine unruhige Nacht verbracht. Aber er war nicht untätig gewesen. Diesem verfluchten Bastard, der ihn hier eingelocht hatte, wollte er es zeigen. Wenn er sich auch einen schweren Fehler geleistet hatte, als er ausgerechnet hier in Prescott auftauchte und die schnellen Verbindungen der Wells Fargo Leute unterschätzte, so gab er sich doch noch lange nicht geschlagen. Schließlich hatte er sich in seinem kurzen Leben als Tramp so manchen Trick angeeignet, und jetzt stand er wieder mal vor einer Situation, in der er das Gelernte nutzbringend anwenden konnte.

Der große Mann, den sie Carringo nannten, hatte ihn gestern ganz schön in die Mangel genommen. Aber obwohl er alles ausgespuckt hatte, was er über die Männer um Ben Hillary und den geplanten Waffenschmuggel nach Mexiko wusste, hatte der Kerl sich nicht einwickeln lassen. Seine eisigen Augen hatten ihn erbarmungslos gemustert, und er, Slinger, hatte begreifen müssen, dass Carringo seinen groben Spaß in die falsche Kehle gekriegt hatte.

Egal! Wenn er hier erst mal raus war, sollte der blonde Schnüffler vor Wut ersticken. Und das würde nicht mehr lange dauern. Dafür hatte er gesorgt. Wenn ihm der Bastard von einem Marshal auch alles weggenommen hatte, was er irgendwie als Waffe hätte einsetzen können, so hatte er doch übersehen, dass ein in die Enge getriebener Tramp mit allem etwas anfangen konnte. Sogar mit einem Strohsack, auf dem er eigentlich hatte schlafen sollen. Doch zum Schlafen war die Nacht zu kostbar gewesen. In aller Ruhe und ungestört war es ihm gelungen, einzelne Hanffäden aus dem Sack zu ziehen und daraus geschickt eine Schlinge zu fertigen. Es war eine Mordsarbeit, und zum Schluss bluteten seine Finger, aber Slinger hatte sich sagen lassen, dass eine Schlinge aus Hanf an einem anderen Körperteil noch viel unangenehmere Spuren hinterlassen konnte.

Er hatte nicht vor, mit seinem kleinen Lasso jemanden aufzuhängen. Das wäre nicht möglich gewesen. Aber seit dem Moment, an dem er am Anfang des Zellenganges den Haken mit den Schlüsseln entdeckt hatte, war er entschlossen gewesen, sie sich zu holen. Er hatte unzählige Versuche unternommen. Er war schon nahe dran gewesen, sein Vorhaben aufzugeben. Doch dann sah er im Geiste Carringo und das Halbblut Chaco, die beide anscheinend eine dicke Freundschaft verband, vor sich, und seine Energie gehörte ganz dem Hass.

Das leise Klappern des Schlüsselbunds auf dem Fußboden hatte wie Musik in seinen Ohren geklungen. Vorsichtig zog er die kostbare Beute zu sich heran, immer besorgt, sie nicht unterwegs noch zu verlieren. Als er das kühle Metall zwischen seinen Fingern fühlte, atmete er erleichtert auf. Der Schlüssel passte, und in Sekundenschnelle war Slinger frei.

Jetzt musste er sich aber beeilen. Der Morgen war angebrochen, und jeden Augenblick konnte sich einer von seinen Gegnern wieder für ihn interessieren. Jedenfalls wollte er nicht ohne Waffe sein, und zu Fuß war der Weg, den er vor sich hatte, auch ziemlich weit. Er pries die Weitsicht des Marshals, der offenbar an alles gedacht hatte, was er für seine Flucht brauchte. Im Office fand er ein Gewehr und die dazugehörige Munition. Jetzt fühlte der Junge sich schon wieder fast unbesiegbar.

Er schlich zum Stall des Jailgebäudes. Wie er von früheren Beobachtungen her wusste, stand dort stets ein Ersatzpferd für alle Fälle. Na, und so ein Fall war das ja jetzt zweifellos.

Slinger grinste verschlagen, während er sich auf den Hengst schwang. Es hatte besser geklappt, als er zu hoffen gewagt hatte. Es war eben noch immer ein Fehler gewesen, wenn man ihn unterschätzt hatte. In rücksichtslosem Galopp preschte er über den Hof. Er beugte sich weit über den Hals des Tieres, das sich anfänglich gegen die brutale Behandlung wehrte, von dem hageren Burschen aber zum Gehorsam gezwungen wurde. Er sah den Mann kaum, der gerade das Gebäude erreichte und ihm reflexartig in die Zügel greifen wollte. Er ritt ihn einfach über den Haufen, und als er einen flüchtigen Blick zurückwarf, freute er sich erst richtig, dass er ausgerechnet diesen verhassten Halbindianer erwischt hatte. Hoffentlich hatte er ihm wenigstens das Kreuz gebrochen!

Genauso gefährlich sah es auch aus. Ich wurde von weitem durch das wilde Wiehern des Pferdes aufmerksam und erkannte mit Entsetzen, dass Chaco dem heranrasenden Tier nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Die Ereignisse richtig zu beurteilen, war nicht schwer. Slinger, der raffinierte Halunke, hatte es tatsächlich geschafft, aus seinem unfreiwilligen Hotel auszubrechen. Das musste ich verhindern. Mit langen Sätzen eilte ich heran. Der Bursche preschte direkt auf mich zu. Ein Warnschuss würde sicher genügen. Ich hatte nicht die Absicht, den Gauner zu erschießen, wenn ich auch wenig Hoffnung hatte, dass er seinen Lebenswandel demnächst ändern würde und sich damit auf jeden Fall früher oder später einen unehrenhaften Tod verdiente.

Ich riss meinen Revolver aus dem Holster und setzte ihm eine Kugel direkt vor die Hufe. Der Hengst war zu meinem Leidwesen prächtig erzogen und scheute nur geringfügig. Slingers Erziehung ließ dagegen zu wünschen übrig. Kaum dass er mich sah, riss er das Gewehr an die Hüfte und feuerte sofort. Der Kerl hätte mich glatt durchlöchert, wenn ich nicht im letzten Moment wie ein Seehund mit dem Bauch über die Straße gerutscht wäre.

Ich rollte mich blitzschnell zur Seite, suchte meinen Gegner und jagte ihm ein paar Kugeln hinterher. Aber dafür war es längst zu spät. Triumphierend galoppierte Slinger davon und verschwand wenig später hinter den Hügeln im Süden der Stadt.

Wütend stand ich auf und klopfte mir den Dreck von der Hose. Der Halunke hatte Glück gehabt. Ich allerdings auch, und nun hoffte ich nur noch, dass sich Chaco ebenfalls dafür entschieden hatte.

Ich eilte zu ihm hinüber. Er lag noch immer am Boden. Er rührte sich nicht. Nur sein Gesicht war schmerzverzerrt.

 

 

3

Für einen Augenblick befürchtete ich das Schlimmste und war wütend, weil sich natürlich sofort eine Menge Schaulustiger auf der Straße ansammelte, von denen keiner einen Finger rührte. Erst ein stämmiger Mann mit gerötetem Gesicht eilte herbei und fasste sofort mit an, um Chaco ins Office hinüberzutragen. Es war mein Freund Henry Duncan, der Chef der hiesigen Wells Fargo Frachtagentur.

„Schöne Schweinerei!“, schnaubte er wütend. „Wer ist das gewesen?“

Ich sagte es ihm.

Durch die Menge, die sich nun vor dem Office staute, drängte sich Doc Walter, der Arbeit witterte. Der kleine, ewig aktive Mann beugte sich besorgt über Chaco und zeigte ein bedenkliches Gesicht. Aber Chaco wehrte ihn ab.

„Lassen Sie es gut sein, Doc“, sagte er stöhnend. „Diesmal sind Sie noch zu früh dran. Aber viel hätte nicht gefehlt, dann sähen meine Knochen so aus wie ein Haufen durcheinandergeworfener Zündhölzer.“ Er erhob sich ächzend und ließ sich dabei nicht mal von mir helfen.

Ich war froh, dass er überhaupt noch lebte, wenn auch sein Gesicht um ein paar Schrammen reicher geworden war. Da ich sah, dass seine seelische Verfassung kaum besser als seine körperliche war, verkniff ich mir die Frage, ob er seine Gefangenen immer im Freien übernachten ließ. Aber Chaco ahnte, dass ich mich, gelinde ausgedrückt, wunderte, wie dem Bürschchen ohne Hilfe die Flucht gelingen konnte.

„Er ist wohl der gerissenste Halunke, der mir seit langem begegnet ist“, stieß er wütend hervor. Und da er meinen zu einem Einwand geöffneten Mund bemerkte, fügte er gleich hinzu: „Außer dir natürlich, Carringo.“

„Wie fühlst du dich?“, fragte ich.

„Erlaubst du mir das Fluchen?“

„Du hast es dir verdient.“

„Ach was, der Kerl ist gar nicht wert, dass ich mich ärgere.“

„Warum tust du es dann?“

„Ich ärgere mich ja hauptsächlich über mich selbst. Ich dachte, dass mich so leicht kein Gesicht mehr täuschen könnte, dabei bin ich der Fratze ordentlich auf den Leim gegangen. Dass Slinger ein schmieriger, ausgekochter Schwindler ist, der uns mit seinem Theater zu Tränen rühren wollte, hatte ich ja gewusst, aber dass er auch vor einer Gewalttat nicht zurückschrecken würde, hätte ich ihm nicht zugetraut.“

„Ohne neue Erfahrungen wäre das Leben arm“, dozierte ich.

„Deine geistvollen Sprüche kannst du dir sparen“, sagte Chaco. „Hilf mir lieber auf mein Pferd!“

Ich sah ihn überrascht an, und auch der Doc protestierte lautstark: „Was fällt Ihnen ein, Mister Gates? Was Sie brauchen, ist unbedingte Ruhe. Wenn Sie auch wie durch ein Wunder nichts gebrochen haben, so sind Ihre Prellungen auch nicht von schlechten Eltern.“

„Sind Sie etwa der Anwalt von diesem Slinger?“, fauchte Chaco. „Sie bilden sich doch nicht etwa ein, dass ich das wildgewordene Bürschchen laufenlasse?“

Vor dem Office sprang ein Reiter aus dem Sattel und trat in das Office. Sein erhitztes Gesicht glänzte. Er musste scharf geritten sein. Ich kannte ihn. Es war der Express-Reiter der Wells Fargo, der, wie ich hoffte, die telegraphische Nachricht, auf die ich dringend wartete, von Fort Whipple mitbrachte.

„Ich habe mich beeilt, so sehr ich konnte, Mister Carringo“, erklärte er keuchend, „denn ich nehme an, dass es wichtig ist, wenn Chefdetektiv James B. Hume persönlich telegraphiert.“

Mein Lob war aufrichtig gemeint. Gespannt las ich die Zeilen aus Kalifornien. Chaco beobachtete grinsend, wie ich von Zeit zu Zeit zustimmend nickte, störte mich aber nicht. Auch Henry Duncan schwieg. Aber auch er war neugierig, denn er sah meinem Gesicht an, dass es sich um keine Lappalie handelte.

Als ich das Papier sinken ließ, hielt es Chaco nicht länger aus.

„Was befiehlt der große Boss?“, fragte er. „Nach deinem Mienenspiel zu urteilen, scheinen sich eure Ansichten zu decken.“

Ich hatte ihm nicht nur von meinen Erlebnissen in St. Louis und dem Missouri erzählt, sondern natürlich wusste er auch über den Zwischenfall in Rains Bescheid. Ich nickte daher zustimmend. „Wie ich erwartet habe, wünscht Hume, dass ich mich auf jeden Fall um die geheimnisvollen Waffenhändler kümmere. Schließlich wurde bei dem Überfall auf einen unserer Waggons Wells Fargon Eigentum beschädigt. Außerdem ist ein Mitarbeiter der Agentur in Rains von den Verbrechern bestochen worden, und auf mich hat man einen Mordanschlag verübt.“

„Und Mister Hume mag es nicht, wenn man auf seine Sicherheitsagenten schießt, nicht wahr?“

„Nein, das gefällt ihm nicht. Genauso wenig wie der Umstand, dass die Wells Fargo unter offensichtlich falschen Angaben zum Transport einer illegalen Waffenladung missbraucht wurde, denn dass die Kisten weder Maschinenteile enthielten, noch für eine nicht existierende Porzellanfabrik in Cerbat bestimmt waren, ist ja inzwischen bewiesen.“

„Da wird Mister Sherlock aber gar nicht einverstanden sein“, sagte Chaco.

Er spielte damit auf den Burschen an, der sich erst, nachdem ich ihn niedergeschlagen hatte, als Spezialagent der Regierung in Washington vorstellte und das alleinige Recht für sich in Anspruch nahm, den Waffenhändlern auf die schmutzigen Finger zu klopfen. Er hatte mir sogar mit seinem hochoffiziellen Auftraggeber gedroht, wenn ich nicht meine verdammten Pfoten, wie er sich ausdrückte, von diesem heiklen Fall ließe.

„Er wird sich wohl oder übel damit abfinden müssen“, erklärte ich, nicht ohne gewisse Genugtuung. Mir waren Leute zuwider, die sich aufgrund eines Dienstausweises als die Herren der Welt fühlten. „Mister Hume sieht das genau wie ich. Die Tatsache, dass ein Regierungsagent mit der Klärung des Falls betraut wurde, schließt die Zuständigkeit der Wells Fargo nicht aus. Der Mann ist nicht berechtigt, mir Weisungen zu erteilen. Unsere Gesellschaft klärt Verbrechen, besonders wenn sie gegen das Eigentum der Wells Fargo gerichtet waren, in eigener Verantwortung.“

„Und wenn du doch wieder mit diesem Sherlock zusammenrauschst?“

„Der Boss hat mir sämtliche Vollmachten erteilt. Eventuelle Konsequenzen wird die Zentrale in San Francisco tragen. Jedenfalls habe ich den Auftrag, sofort die Verfolgung der Waffenhändler aufzunehmen.“

„Siehst du, Carringo“, meldete sich Henry Duncan, „das gefällt mir so an Mister Hume. Obwohl er weit weg vom Schuss sitzt, drückt er sich nie vor klaren Aussagen. Er lässt seine Mitarbeiter nicht hängen, indem er sich bei kitzligen Angelegenheiten windet.“

Damit hatte er recht. Obwohl James B. Hume mich nie in ein enges Korsett von Vorschriften und Anordnungen presste, die meine Handlungsfreiheit beeinträchtigt hätten, war er doch stets ein Mann des klaren Wortes, in dem ich notfalls einen zuverlässigen Rückhalt fand.

Es war also schon wieder soweit. Kaum dass ich zu Hause eingetroffen war, musste ich auch schon wieder fort. Ich hatte mich so sehr auf Manuela und die Kinder gefreut, nachdem ich wochenlang unterwegs gewesen war, doch es waren mir nur wenige Stunden vergönnt gewesen.

Andererseits war ich froh, dass ich den Halunken das Handwerk legen sollte. Diese illegalen Waffenhändler waren eine üble Plage. Durch ihre gewinnsüchtige Tätigkeit halfen sie, überall neue Brandherde zu schüren. Sie sorgten dafür, dass die ohnehin schon Starken noch stärker und die Unterdrückten völlig vernichtet wurden. dass sie dabei selbst noch über Leichen gingen, kennzeichnete ihre Rücksichtslosigkeit, von der ich bereits eine kleine Kostprobe erhalten hatte.

„Wir werden in südwestliche Richtung reiten müssen“, sagte Chaco und massierte mit grimmigem Gesicht seine geschundenen Körperpartien.

„Wir?“, fragte ich scheinheilig.

Der Kerl grinste mich an.

„Dachtest du, ich lasse dir diese fette Beute allein? Schließlich habe ich noch eine kleine Rechnung zu begleichen.“

„Slinger?“

„Genau! Die kleine Laus wird noch gern in unserem Jail sitzen und nicht mehr daran denken, harmlose Leute halb tot zu reiten.“

„Woran mag es liegen, dass du mir nie einfällst, wenn ich an harmlose Leute denke?“

Chaco warf mir einen drohenden, aber freundschaftlichen Blick zu. Wir verstanden uns, und ich freute mich, dass er mit von der Partie sein würde, wenn er auch nicht gerade den Eindruck eines vollwertigen Partners erweckte, wie er mühsam durch das Office humpelte und alles Notwendige für den Aufbruch vorbereitete.

Doch ich ließ mich nicht täuschen. Chaco war ein Bursche, den sein Schicksal gehärtet hatte. Er würde erst aufgeben, wenn sechs Fuß Erde über ihm lagen. Und das war gut so.

Als Manuela mich sah, brauchte ich kein Wort zu sagen. Sie wusste auch so, dass dieser Morgen bereits wieder den Abschied brachte. Tapfer versuchte sie, ihre Enttäuschung zu verbergen. Sie war eine prächtige Frau, und sie war klug. Sie wusste, dass sie sich nun mal für einen Mann entschieden hatte, dessen Beruf ihn weder hinter einem Schreibtisch hocken noch ein Stückchen Land dicht beim Haus bearbeiten ließ.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940053
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (November)
Schlagworte
carringo galgenvögel

Autor

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Titel: Carringo und die Galgenvögel