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Kutsche nach Tonopah

2020 117 Seiten

Zusammenfassung


Ein bislang unbekannter Zeuge soll mit der Kutsche nach Tonopah gebracht werden, um gegen Frank Teggard auszusagen. Gegen Teggard wird nicht nur wegen Urkundenfälschung ermittelt, er soll auch die Bank in Cedar City überfallen und den Clerk erschossen haben. Ben Harrison will die Kutsche begleiten, doch Teggards Bruder will die Aussage des Unbekannten verhindern.

Leseprobe

Table of Contents

Kutsche nach Tonopah

Copyright

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Kutsche nach Tonopah

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Ein bislang unbekannter Zeuge soll mit der Kutsche nach Tonopah gebracht werden, um gegen Frank Teggard auszusagen. Gegen Teggard wird nicht nur wegen Urkundenfälschung ermittelt, er soll auch die Bank in Cedar City überfallen und den Clerk erschossen haben. Ben Harrison will die Kutsche begleiten, doch Teggards Bruder will die Aussage des Unbekannten verhindern.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Schüsse dröhnten durch das nächtliche Tonopah. Doch der Mann in der Zelle lauschte auf das Knarren der Vorbaubretter. Dunkelheit umgab ihn. Die Läden des Sheriffs Office waren von innen verriegelt. Nur der schmale Türspalt zeichnete einen fahlen Strich in die Schwärze.

Die Schüsse im Rotlichtbezirk verstummten. Ein Scharren und Keuchen war auf dem Vorbau zu hören, dann ein dumpfer Fall.

Frank Teggard stand am Zellengitter. Ein Grinsen spannte seine schmalen Lippen. Draußen wurde ein lebloser Körper über die Bretter geschleift.

Von der Stadtgrenze wehte das Durcheinander aufgeregter Stimmen. Gewiss dauerte es noch eine Weile, ehe der Sheriff zurückkam.

Die Tür bewegte sich. Sporen rasselten leise. Eine dunkle Gestalt trat ein. Ruhig näherten sich Schritte dem Schreibtisch. Teggard presste das Gesicht an die Eisenstäbe.

»Beeil dich! Der Schlüssel liegt oben in der rechten Schublade.«

Ein Stuhl knarrte.

Dann Stille.

»Jim?«, raunte Teggard. Ein Streichholz kratzte, der Docht der Petroleumlampe fing Feuer. Eine kräftige Hand stellte sie auf den Tisch. Teggard starrte den Mann mit aufgerissenen Augen an.

»Harrison!«

Ben Harrison kippte den Stuhl zurück und legte die Füße auf den Schreibtisch. Seine Stiefel waren staubbedeckt. Er war groß, und sehnig, das kantige Gesicht wettergegerbt. Lässig hielt er die Winchester 73.

»Wenn dein Bruder mit seinen Männern das Office stürmt, bist du der erste Tote, Frank.«

Teggards ringgeschmückte Hände umkrampften das Zellengitter. Das schmale Gesicht war – bis auf das schwarze Oberlippenbärtchen – glattrasiert. Zum dunklen Anzug trug er ein weißes Hemd mit schwarzer Schleife.

»Der Teufel hat dich hergebracht, Ben!«

»Nur, damit du ihm nicht wieder von der Schippe springst.«

Teggard biss die Zähne zusammen. Ein Gewehrschloss knackte vor der Tür, sofort hob Ben Harrison die Winchester.

»Seid vorsichtig!«, schrie Teggard. »Harrison ist hier.«

Einen Moment herrschte Stille, dann ertönte ein halblauter Fluch. Die Vorbaubretter knarrten wieder. Irgendwo in der Nähe schnaubte ein Pferd. Allmählich kehrte in der Stadt Ruhe ein. Mitternacht war vorüber, und die von den Schüssen aus dem Schlaf gerissenen Bewohner legten sich wieder in die Betten.

Nach fünf Minuten polterte Sheriff Lorrimer mit gezogenem Colt herein. Der vierschrötige Sternträger erstarrte, als er den Eindringling bemerkte.

»Zur Hölle, was …«

»Besser, Sie schließen die Tür, Sheriff. Jim Teggard und seine Killer schleichen draußen herum.«

Lorrimer befolgte die Anweisung.

»Wo ist Randall?«

»Wenn Sie den Deputy meinen, der liegt neben dem Regenfass mit ‘nem Messer im Rücken. Er braucht keinen Doc mehr. Ich hab es dem Messerstecher mit der Winchester besorgt, leider zu spät.«

Der Sheriff von Tonopah war kein Mann, der sich leicht aus der Fassung bringen ließ. Jetzt schluckte er.

»Wer sind Sie?«

»Ben Harrison.«

»Der Kopfgeldjäger?«

Bens Antwort war ein Achselzucken. Dann nahm er die Stiefel vom Schreibtisch und stand auf.

»Sie sollten ein Dutzend Deputys anheuern und Teggard rund um die Uhr bewachen lassen. Schätze, im Moment brauchen Sie mich nicht. Ich leg mich im Mietstall ein paar Stunden aufs Ohr.«

Zögernd halfterte Lorrimer den Sechsschüsser.

»Sind Sie Teggards wegen hier?«

»Ich will dabei sein, wenn Sie ihn unter den Galgen führen.«

»Ich werd nicht hängen!« Zorn zeichnete Teggards Miene. »Ich bin Geschäftsmann als Spielhallenbesitzer, kein Mörder und Bandenboss, wie irgendwelche Verrückten behaupten. Alles, was man mir nachweisen kann, ist ‘ne läppische Urkundenfälschung. Ich bekomme dafür höchstens ein halbes Jahr, noch dazu auf Bewährung.«

»Haben Sie ihn deshalb eingelocht?«, fragte Ben den Sheriff.

»Ich bin kein Narr. Teggard wird sich wegen des Überfalls auf die Filiale der Miners Bank in Cedar City vor ‘nem halben Jahr verantworten müssen. Ein Clerk wurde von ihm erschossen. Das reicht, Teggard an den Galgen zu bringen.«

»Verrückt!« Der Gefangene lachte schrill.

»Es gibt einen Zeugen, der mit der nächsten Postkutsche aus Silverhill kommt. Er hat Teggard bei dem Überfall erkannt.«

»Da meldet er sich erst jetzt?«

»Wenn Sie bedenken, Harrison, wie gefürchtet Frank Teggards Revolverschwinger in den Minenstädten von Nevada waren, sollte Sie das nicht wundern. Der Zeuge meldete sich beim Gouverneur. Seine Personalien werden geheimgehalten, bis er Teggard vor Gericht gegenübersteht.«

»Ein lausiger Bluff!«, höhnte Teggard. »Ihr wollt ein Geständnis aus mir rauskitzeln, ihr Bastarde. Es gibt keinen Zeugen.«

»Warum beauftragt Ihr Bruder dann seine Schießer, Sie zu befreien?«

»Beweisen Sie erst mal, Sheriff, dass es Jims Männer sind.«

Ben stand bereits an der Tür. Er hielt das Gewehr in der Armbeuge. Trotz des langen Ritts, der hinter ihm lag, war ihm keine Müdigkeit anzumerken.

»Wann erwarten Sie die Kutsche, Sheriff?«

»Sie kommt aus Utah, erreicht übermorgen Silverhill und braucht von dort drei Tage nach Tonopah. Ich hab meinen zweiten Deputy nach Silverhill geschickt, damit er die Stage begleitet. Er verließ vor Sonnenuntergang die Stadt.«

Ein Schatten senkte sich auf Bens hartliniges Gesicht.

»Da waren Jim Teggards Banditen bereits hier. Ich fürchte, Sheriff, der Deputy kommt nicht weit.«

Der Gefangene lachte. »Die Kutsche mit dem Hundesohn, dem falschen Zeugen, bestimmt auch nicht.«

 

 

2

Die Wüste hatte das mühsam bewässerte Ackerland zurückerobert. Sandwehen türmten sich an den Bretterwänden der verlassenen Farm. Dornbüsche krallen sich in die Spalten. Das Dach der Wohnhütte war eingestürzt, der Kamin geborsten, die Zaunpfosten geknickt. Aber die Ziehbrunnenwinde funktionierte noch.

Der Deputy aus Tonopah hörte das Rasseln der Kette wie von weit her. Dann klatschte ein Wasserschwall in sein zerschundenes Gesicht. Der Schleier vor seinen Augen zerriss. Er spürte wieder die Steinmauer des Brunnens, an der er lehnte, und das schmerzende Kugelloch im rechten Oberschenkel. Keuchend hob er den Kopf.

Drei Männer umstanden ihn drohend. Sie trugen breitkrempige Hüte, lange Staubmäntel und schwerkalibrige Colts. An ihren Stiefeln blinkten handtellergroße Sporen. Die unrasierten Gesichter wirkten mitleidlos.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Die Hügel, die die Farm umschlossen, glänzten wie in flüssigem Gold. Der Schatten der Banditen lag auf dem Brunnen.

Eine schmutzige Hand krallte sich in das verfilzte Haar des Deputy. Das Gesicht des Anführers schob sich vor das seine. Der Mann trug eine indianische Glasperlenkette.

»Wir wollen nur den Namen von dem Bastard, der als Zeuge gegen Frank Tonopah auftreten will. Ich hatte bisher ‘ne Menge Geduld. Übertreib es nicht.«

»Ich kenn‘ den Mann nicht.«

»Aber du weißt, wie er heißt, das genügt. Vielleicht ist‘s auch gar kein Mann, sondern ‘ne Frau. Spiel nicht den Helden, Amigo. Du bist keiner. Spuck‘s aus!«

Der Bandit drückte den Kopf des Verwundeten an die Brunnenmauer. Seine Kumpane warteten. Ihre Sechsschüsser steckten in den tief geschnallten, mit Lederschnüren an den Oberschenkeln festgebundenen Halftern. Lässig hatten sie die Daumen hinter die Gurte geschoben.

»Wird‘s bald?« Der Anführer schlug dem Deputy ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, wer der Zeuge ist. Selbst wenn ich‘s wüsste, würde ich‘s nicht verraten. Ihr gehört zu Jim Teggards Revolvercrew. Da ihr nicht maskiert seid, werdet ihr mich eh nicht am Leben lassen.«

»Da haben wir ‘nen ganz Schlauen erwischt.« Der Bandit mit der Krähenfeder am Hutband lachte meckernd.

Der Anführer zog das breitklingige Green-River-Messer. Die, Stahlspitze berührte des Deputys Hals.

»Nehmen wir mal an, Freundchen, du hast recht. Meinst du nicht auch, dass es ‘nen Unterschied macht, wie lange es dauert, bis du zur Hölle fährst? Ich stamme aus Arizona und kenn‘ Apachentricks, die auch den Hartgesottensten zum Reden bringen.«

Der Deputy schwitzte. Er war ein kräftiger Bursche, gerade vierundzwanzig, viel zu jung zum Sterben. »Ich weiß es nicht Mein Auftrag ist lediglich, die Kutsche durchzubringen … ah!«

Stöhnend versuchte er den Kopf wegzubiegen.

»Vielleicht hat er wirklich keine Ahnung«, grinste der dritte Bandit. »Dann können wir Lorrimer ja seinen Skalp schicken.«

»In dem Fall kriegt Lorrimer eure Skalps kostenlos dazu.«

Die Stimme klang nicht besonders laut, aber sie traf die Teggard-Schießer wie ein Peitschenhieb. Im Herumwirbeln zuckten ihre Hände zu den Colts.

Der Reiter verhielt auf der knapp vierzig Yard entfernten Bodenwelle. Die knapp über dem Horizont stehende Sonne blendete die Banditen.

Trotzdem zogen sie nahezu gleichzeitig.

Ein Krachen toste durch die Senke.

Staub wallte. Geduckt sprengte der Reiter auf den Ziehbrunnen zu. Mündungsblitze flammten neben dem Pferdehals.

»Harrison!«, gurgelte der Krähenfedermann. Er kniete, beide Hände gegen die Brust gepresst. Blut quoll zwischen den Fingern hervor. Zwei Schritte neben ihm lag der Anführer.

Der dritte Bandit versuchte schießend die Pferde zu erreichen. Da erwischte es auch ihn.

»Verdammt!« Der Krähenfedermann streckte die Hand nach seinem im Sand liegenden Revolver aus. Mitten in der Bewegung fiel er leblos vornüber.

Ben zügelte das Pferd neben dem Deputy.

»Schaffen Sie den Rückweg nach Tonopah mit dem Loch im Bein?«

»Ich muss nach Silverhill. Die Kutsche …«

»Ich kümmere mich drum.«

 

 

3

Mit der Zigarette im Mundwinkel schaute der Wells-Fargo-Driver den beiden Mexikanern beim Pferdewechsel zu. Der hagere, sichelbärtige Mann lehnte an einem Vordachposten der Poststation. Der Kolben des schweren 45ers, den er vorn an der linken Hüfte trug, verdeckte die Gürtelschnalle.

Es war ein heißer, windstiller Vormittag. Die Luft über den Dächern von Silverhill flimmerte. Da und dort stieg eine kerzengerade Rauchsäule aus einem Blechschornstein. Die Station befand sich im Zentrum der Minenstadt, flankiert vom Generalstore und dem Nevada Hotel. Schräg gegenüber prunkte die knallige Fassade des Palace Saloon.

Ein Fährgast saß bereits in der Concord-Kutsche. Er trug einen grauen Stadtanzug. Auf seinen Knien lag ein schmaler, brauner Lederkoffer. Die Nickelbrille funkelte, als er den Kopf herausstreckte. Eine Geiernase beherrschte das knochige Gesicht.

»Wie lange dauert das denn noch? Nach Fahrplan hätten wir vor zehn Minuten abfahren müssen, Kutscher. Wenn wir nicht rechtzeitig in Tonopah sind, werd ich mich bei der Gesellschaft beschweren.«

»Tun Sie das, Sir.«

»Ich glaube, Kutscher, Sie wissen nicht, mit wem Sie‘s zu tun haben! Ich bin Stephen Campbell, Direktor der Miners Bank von Silverhill. Es ist ein Kinderspiel für mich, dafür zu sorgen, dass Sie Ihren Job verlieren.«

»Wie Sie meinen, Sir.« Der Sichelbärtige blies einen Rauchring. Dann zog er betont bedächtig die Uhr aus der Westentasche und ließ den Sprungdeckel aufschnappen.

»Abfahrt in fünf Minuten!«, rief er ins Haus.

»Ich hab ‘ne Extrakutsche für mich allein bestellt.«

»Wenn ich Sie daran erinnern darf, Sir: Wir sind hier in Silverhill, Nevada, sozusagen am Ende der Welt. Leider war‘s der Gesellschaft nicht möglich, Ihren Sonderwunsch zu erfüllen.«

Grinsend schnippte der Driver die Zigarettenkippe neben die Kutsche.

Campbell wurde blass, dann rot.

»Das sagt man mir erst jetzt! Eine Unverschämtheit! Ich werde …«

»Sie werden sich beschweren, aber dazu müssen Sie erst mal nach Tonopah«, unterbrach ihn eine spöttische Stimme.

Campbell starrte die Frau auf dem Vorbau an wie ein kurzsichtiger Uhu. Sie war groß, schlank, Anfang Dreißig und ungemein attraktiv. Die kühlen Augen und der sinnliche Mund bildeten einen reizvollen Kontrast. Ein kleiner, runder Hut saß keck auf dem hochfrisierten kastanienbraunen Haar. Das dunkelblaue Reisekostüm betonte die makellose Figur. Das Lächeln der Schönen war ätzend.

»Sie haben hoffentlich nichts dagegen, Sir, dass Mister Bradley und ich Ihnen während der nächsten drei Tage Gesellschaft leisten.«

Der Mann, der hinter ihr aus der Station trat, war mittelgroß, bärtig und von kräftiger Statur. Das wettergegerbte Gesicht, die hornigen Hände und einfache Kleidung verrieten den Farmer. Er stand ein wenig linkisch mit hochgezogenen Schultern da.

»Ich protestiere!«, brauste Campbell auf. »Wo ist der Stationshalter? Ich reise nicht mit dieser Frau!«

»Mein Geld war Ihnen bisher aber immer gut genug, nicht wahr? Niemand hindert Sie, auf die nächste Stage zu warten.«

»Ich habe einen wichtigen Termin in Tonopah.«

»Und ich bin pleite – weil Sie, verehrter Mister Campbell, die Hypothek für den Saloon nicht verlängern wollten. Wie viel Gewinn haben Sie eigentlich beim Verkauf erzielt? Ich weiß schon: Geschäftsgeheimnis. Well, wenn Sie mir den Aufenthalt in Silverhill für eine Woche finanzieren, nehm‘ ich gern die nächste Stage. Ansonsten bleibt mir nichts anderes übrig, als bei ‘nem Bekannten in Tonopah im Saloon zu arbeiten. Damit, Mister Campbell, steh ich wieder genau da, wo ich vor fünf Jahren begann – doch das schert Sie ja gewiss nicht.«

»Sie sind ganz hübsch in Fahrt, Lady.« Der Driver zwinkerte.

Die Augen der Frau funkelten.

»Hombre, ich bin sowenig ‘ne Lady wie du ein Gentleman.«

»Dann passen wir ja prächtig zusammen, Süße.«

»Für dich bin ich Miss Jennifer Doyle. Ich glaub nicht, dass Wells Fargo dich bezahlt, damit du weibliche Passagiere anmachst.«

Der Sichelbärtige lachte.

»Du siehst hinreißend aus, Süße, wenn du wütend bist.«

»Du legst es wohl wirklich drauf an, deinen Job zu verlieren.«

Der Farmer räusperte sich.

»Die fünf Minuten sind um. Ich schlage vor, wir fahren.«

»Hast du‘s auch so eilig wie unser verehrter Mister Campbell?«

Ein Lauern lag in den Augen des Fahrers. Bevor Bradley antworten konnte, drang ein Poltern aus dem Saloon gegenüber. Dann krachte ein Schuss. Gleich darauf flogen die Schwingtüren auf.

Ein junger, drahtiger Bursche stürzte heraus, flankte über den Zügelholm und band eins der Pferde los, die vor dem Saloon standen. Er trug Cowboykluft. Der Stetson hing an der Windschnur auf dem Rücken. Der weizenblonde Haarschopf war zerzaust.

»He!«, rief der Kutscher überrascht, als er die Stahlkette zwischen den Handgelenken erkannte.

Mit einem Panthersatz landete der Blonde auf dem Pferd. Die stampfenden Hufe wirbelten Staub auf. In dem Staub stand plötzlich ein breitschultriger Mann, der den Braunen am Kopfgeschirr erwischte.

Der Blonde zielte mit der Stiefelspitze auf seinen Kopf, aber der Breitschultrige bog ihn zur Seite, packte das ausgestreckte Bein und warf den Reiter herab. Wiehernd trottete das Pferd zur Seite. Schon war der Blonde wieder auf den Füßen.

»Verdammter Henkersknecht!« Trotz der Handschellen griff er den Gegner an. Ein Fausthieb streckte ihn nieder.

»Versuch‘s nicht nochmal, Kid, sonst leg ich dir auch Fußketten an.«

»Geh zum Teufel, McLone!«

»Steh auf, Kid! Die Kutsche wartet.« Der Staub senkte sich, der Fünfzack am Hemd des Breitschultrigen funkelte.

»Town Marshal of Silverhill« war eingraviert.

Der Sternträger war um die Fünfzig. Graue Strähnen durchzogen sein Haar, Falten kerbten die Mundwinkel. Drohend lag seine Hand am rotbraunen Walnussholzgriff des Revolvers.

»Vorwärts, Kid!«

Der Blonde gehorchte.

»Wollen Sie etwa auch noch mit, Marshal?«, rief Campbell bestürzt.

»Was dagegen?«

»Aber dieser Verbrecher …«

»Larry Hoogster, genannt Rio-Kid.«

Die Stahlfessel hinderte den jungen Outlaw nicht an einer Verbeugung. Sein strahlendes Lächeln galt der ehemaligen Saloonbesitzerin. Kids Augen waren von einem seltenen Blau, das zur Bräune seines gut geschnittenen Gesichts einen vorteilhaften Kontrast bildete.

»Marshal McLone besteht darauf, mich in Tonopah vor Gericht zu stellen. Ich soll da ‘nen Mord begangen haben. Nun frag ich Sie, Ma‘am: Seh‘ ich wie ein Mörder aus?«

»Wie sieht ein Mörder denn aus?«

»Hm, ja, darüber hab ich noch nicht nachgedacht. So wie ich jedenfalls bestimmt nicht. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie ebenfalls mitfahren, hätte ich allerdings nicht zu fliehen versucht.«

»Lass das Süßholzraspeln, Kid. Wie ich Miss Doyle kenne, verhilft sie dir ganz gewiss nicht zur Flucht. Sie hat genug eigene Probleme.«

»So gut kennen Sie die Lady, Marshal?«

»Wenn du unverschämt wirst, Kid, kriegst du eins aufs Maul«, knurrte McLone. »Hören Sie nicht hin, Miss Doyle. Er ist einer von denen, die sich einbilden, dass ein fixer Revolver der Schlüssel zu Freiheit und Erfolg ist. Erst unterm Galgen sehen solche Burschen diesen Irrtum ein.«

Kid lachte.

»Noch ist‘s nicht soweit.«

»Packen wir‘s.« Der Kutscher kletterte auf den Bock. »Einsteigen, Lady and Gentlemen.« Jennifer ignorierte sein neuerliches Blinzeln. McLone fragte: »Wieso fährt Sam Mulford diesmal nicht die Strecke?«

»Sam liegt mit gebrochenem Bein auf der White Creek Station. Bin für ihn eingesprungen. Keine Sorge, Marshal, ich kenn‘ den Weg.«

Fünf Meilen westlich von Silverhill versperrte ein Felsrutsch die Overland Road. Fluchend zügelte der Sichelbärtige das Sechsergespann. Zerklüftete Hänge schwangen ringsum empor. Dornbüsche und Fettholzstauden krallten sich an ihnen fest. Bizarre Felstürme ragten in den stahlblauen Himmel. Ein Bussard umkreiste sie. Der Gluthauch der nahen Wüste hüllte die Concord-Stage ein. Das Gesicht des Drivers war eine schweißige Staubmaske.

»Das fängt ja gut an! Diese Brocken räumen wir nicht mal in zwei Tagen weg. Und noch fünfzehn Meilen sind‘s zu Mendozas Station. Well, Leute, wir fahren durch Arroyo del Burro. Das ist ein Umweg von acht Meilen.«

»Wenn mein Termin platzt, mache ich Wells Fargo verantwortlich!«, schimpfte Campbell in der Kutsche. »Worauf warten Sie, Mann? Fahren Sie durch dieses verdammte Arroyo!«

»Nur nichts überstürzen.« Die Kutschentür schwang auf. Marshal McLone stand mit gezogenem Colt neben dem Fahrzeug. Misstrauisch musterte er die Felstrümmer am Hang. »Sieht nach ‘ner Sprengung aus. Ich kenn‘ im Umkreis von zehn Meilen keinen günstigeren Platz für ‘nen Hinterhalt als das Arroyo del Burro. Campbell, was haben Sie im Koffer? Geld?«

»Wichtige Geschäftspapiere.« Die Augen des Bankiers flackerten hinter den Brillengläsern. »Nichts, worauf irgendwelche Banditen es abgesehen haben könnten.«

»Vielleicht stecken dahinter Freunde von Rio-Kid«, spekulierte Jennifer Doyle. McLones Gefangener, der ihr gegenübersaß, strahlte sie an.

»Dann schlag ich vor, Ma‘am, dass Sie den Marshal überreden, mich laufenzulassen. Ich möcht‘ auf gar keinen Fall, dass Ihnen was zustößt.«

»Red keinen Stuss, Kid.« McLones Gestalt verdunkelte die offene Kutschentür. »Wenn ein Kerl wie du überhaupt Freunde hat, werden sie deinetwegen kein Loch im Fell riskieren.«

»Marshal, Sie haben kein Recht, uns alle zu gefährden …« Campbell verstummte, als McLone ihn hart ansah.

Bradley murmelte: »Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Ich bin dafür, dass wir weiterfahren – durchs Arroyo.«

»Nicht mit McLone und dem Gefangenen!«, rief Campbell hysterisch. »Ich bin kein Kugelfang für Banditen.«

»Stellen Sie sich vor, Campbell, wir auch nicht«, spottete Jennifer. »Denken Sie an Ihren Termin. Weiß der Kuckuck, wie viele Dollar Ihnen durch die Lappen gehen, wenn Sie zu spät kommen. Was sind dagegen ein paar Bleibohnen, die Ihnen um die Ohren pfeifen? Einen Mann wie Sie wirft so was doch nicht um.«

Kid lachte.

»Campbell, die Lady scheint Sie ganz besonders ins Herz geschlossen zu haben.«

Jennifer beugte sich vor. Sie lächelte, aber ihr Blick war kalt.

»Amigo, ich hab schon dem Peitschenschwinger klargemacht, dass ich keine Lady bin. Aber wenn du jetzt ‘ne blöde Bemerkung machst, kleb ich dir eine.«

»Das wäre immerhin ein Anfang.« Kid grinste jungenhaft.

»Entscheidet euch!«, meldete der Kutscher. »Ich werde dafür bezahlt, dass ich die Stage nach Tonopah durchbringe, auch ohne Passagiere. Die fünf Meilen nach Silverhill zurück schafft ihr leicht zu Fuß.«

»Ich bleibe.« Bradley nahm eine klobige, abgesägte Schrotflinte aus dem Gepäcknetz. »Ich bin zwar kein Kämpfer, vom Revolverschießen versteh ich nichts. Aber wenn wir angegriffen werden, Marshal, können Sie auf mich zählen.«

»Auf mich auch.« Jennifer zog den Rock hoch. Eine kleine, doppelläufige Derringerpistole steckte in der am Unterschenkel befestigten Halfter. Kid pfiff anerkennend. Campbell kaute nervös die Unterlippe.

»Nun?«, wandte sich der Marshal an ihn.

»Mir bleibt keine Wahl.«

»Dacht‘ ich mir.« McLone stieg ein und setzte sich neben Rio-Kid. »Vorwärts, Kutscher!«

Die Peitsche knallte. Holpernd verließ die Stagecoach den Wagenweg, rollte die sanft abfallende, mit dürrem Gras bedeckte Böschung hinab und an rot schimmernden Klippen vorbei ins Arroyo del Burro. Die Räder mahlten in grobkörnigem Sand. Dumpf schlugen die Hufe. Das ausgetrocknete Flussbett wand sich tun ein fünfhundert Fuß hohes Felsmassiv, schlängelte sich dann durch die Ausläufer der Wüste und kreuzte eine halbe Meile vor Mendozas Pferdewechselstation wieder die Overland Road.

Der Kutscher musste immer wieder Felsblöcken ausweichen. Dorngestrüpp säumte die Arroyoränder. In der Kutsche war es stickig heiß. Durch die scheibenlosen Fenster und die Ritzen im Boden quoll Staub.

Jennifer hielt ein Taschentuch vor Mund und Nase. Bradley saß, die Greener-Flinte zwischen den Knien, steif da. Kid tat, als würde er dösen. Aber sobald er sich unbeobachtet glaubte, schoss er hellwache Blicke auf die vorbeihuschenden Sand und Geröllhänge. Campbell schwitzte, und McLone hielt mit steinerner Miene die Hand am Colt.

Bei einem Überfall besaß die Stagecoach keine Ausweichmöglichkeit. Zum Wenden würde keine Zeit bleiben. Das Arroyo war eine backofenheiße Rinne. Die hohe Böschung und das verfilzte Dornendickicht versperrten die Sicht auf das umliegende wüstenhafte Land. Das Fahrzeug hatte das bergige Gebiet um Silverhill verlassen. Der Schrei eines Bussards mischte sich in das monotone Hufgetrappel und Räderknirschen.

Ein Reiter wartete hinter einer Biegung, ein großer, sehniger Mann mit flachkronigem, dunklem Hut, dunklem Hemd und dunkler Hose. Dazu trug er eine hellbraune, ärmellose Lederweste und braune Stiefel. Der 44er Colt steckte in der am Oberschenkel festgebundenen Halfter.

Mit einem erschrockenen Fluch straffte der Driver die Zügel. Gleichzeitig hob er den Revolver.

Doch der Fremde auf dem staubbedeckten grauen Hengst war schneller. Im Dröhnen seines Schusses stürzte der Sichelbärtige vom Bock.

Steifbeinig stieg Ben Harrison ab und drehte den Kutscher auf den Rücken. Das Einschussloch befand sich über dem Herzen. Die Rechte des Toten umkrampfte noch den Sechsschüsser.

Bens 44er steckte wieder in der Halfter. Langsam, damit die Bewegung nicht missverstanden wurde, wandte er sich der Stage zu. McLones Revolver zielte auf ihn. Die Miene des Sternträgers war verbissen. Neugierig lugte Rio-Kid hinter ihm aus der offenen Tür.

»Machen Sie keinen Fehler, Marshal.« Bens Stimme war ruhig. Er berührte den Erschossenen mit der Stiefelspitze. »Der Mann gehörte zur Teggard-Bande. Ich bin sicher, dass seine Kumpane in der Nähe lauern.«

»Wer sind Sie?«

»Ben Harrison, der Kopfgeldjäger.« Jennifer schob sich an dem Marshal vorbei. Sie lächelte herb. »Hallo, Ben. Wieder mal auf Jagd?«

»Hallo, Jennifer. Das ist ‘ne Überraschung. Kommt mir wie ‘ne halbe Ewigkeit vor, dass wir uns sahen. Siehst bezaubernd aus.«

»Noch ein Verehrer«, grinste Kid. Die Stahlkette zwischen seinen Handgelenken klirrte.

»Bleib, wo du bist!«, zischte McLone, ohne den großen, staubbedeckten Fremden aus den Augen zu lassen.

Die Frau strich eine rotbraune Strähne aus der Stirn.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet, Ben.«

»Ich bin hier, die Kutsche mit dem Zeugen, der Jim Teggards Bruder an den Galgen bringen wird, nach Tonopah zu geleiten.«

»Was soll das heißen?«, krächzte Campbell. Mit dem Lederkoffer unterm Arm kletterte er aus der Stage. Auch Bradley verließ das Fahrzeug. Er hielt die Schrotflinte im Anschlag, machte aber den Eindruck eines Mannes, der noch nie auf einen Menschen geschossen hat. Campbell schluckte, als er den Toten sah.

»Ich verlange eine Erklärung! Ich verstehe nicht …«

»Das ist nicht nötig, wenn Sie nicht der sind, auf dessen Skalp es Jim Teggards Killer abgesehen haben.«

»Eins nach dem andern«, brummte McLone. »Solange wir nicht genau wissen, was hier gespielt wird, handelt es sich um Überfall und Mord. Dass Sie sich einen Namen als Banditenjäger gemacht haben, Harrison, hat damit nichts zu tun.«

»Der Hombre auf dem Kutschbock ließ mir keine Wahl.«

»Das werden Sie beweisen müssen. Ich finde die Behauptung, dass der Driver ein Bandit war, reichlich verwegen.«

»Ich erinnere mich, Marshal, dass Sie sich wunderten, weshalb Sam Mulford nicht wie üblich die Stage fuhr«, mischte sich Jennifer ein.

McLone knurrte: »Es wird sich rausstellen, ob Sam wirklich mit ‘nem Beinbruch auf der White Creek Station liegt. Bis dahin stehen Sie unter Mordverdacht, Harrison. – Bradley, entwaffnen Sie ihn. Seien Sie vorsichtig. Der Mann ist gefährlich. Bleiben Sie aus der Schusslinie.«

Der Farmer zog Ben von hinten den Colt aus der Halfter. Hastig, als befürchte er, dass Ben herumwirbeln und sich auf ihn stürzen könnte, trat er zurück.

»Tut mir leid, Ben, dass ich dir nicht helfen kann«, bedauerte Jennifer. »Marshal McLone nimmt es nun mal mit den Buchstaben des Gesetzes ziemlich genau. Wie war das mit dem Zeugen, der gegen Teggard aussagen soll?«

»Kennst du ihn?«

»Kein Ablenkungsmanöver!« McLone zog ein Paar Handschellen unter der schenkellangen Kordjacke hervor.

»Hände auf den Rücken und umdrehen, Harrison!«

»Sie begehen einen Fehler, Marshal. Wenn Teggards Leute …«

»Tun Sie, was ich sage!« Das Knarren der gegenüberliegenden Kutschentür alarmierte den Sternträger. »Bradley, Sie passen auf Harrison auf!«, schrie er, drehte sich und zielte auf Kid, der bereits einen Fuß auf dem Trittbrett hatte. »Ich hab dich schon in Silverhill gewarnt, Junge. Für wie dämlich hältst du mich?«

Kid grinste angestrengt »Schwierige Frage, Marshal.«

»Mach die Tür zu und setz dich wieder hin, sonst knallt‘s!«

»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß.«

»Die Sorte von Späßen bestimmt nicht.«

Kid schloss die Tür und lehnte sich auf die Lederbank.

»Übernehmen Sie sich nicht mit zwei Gefangenen, Marshal? He, Harrison, bist du wirklich dieser Kopfgeldjäger, der in den letzten drei Jahren unter den Banditen von Nevada so gründlich aufgeräumt hat? Mann, da hab ich ja richtig Glück gehabt, dass McLone mich schnappte und nicht du. Es heißt, dass du selten Gefangene machst.«

»Gerüchte, Kid. Die Leute brauchen was, worüber sie sich das Maul zerreißen können. Außerdem bin ich nicht mehr im Geschäft, seit ich vor zwei Monaten den letzten Mann von Frank Teggards Bande zur Strecke brachte.«

»Moment!«, rief McLone. »Vorhin erwähnten Sie, dass Teggards Banditen auf uns warten.«

»Jim Teggards Schießer. Es gab zwei Banden! Jims Leute trieben ihr Unwesen bis vor Kurzem drunten in Arizona und New Mexico. Frank Teggard organisierte seine Überfälle in Nevada und Utah. Während Jims Steckbrief im Südwesten in jedem Office hängt, war Frank bisher nichts nachzuweisen. Nun hat sich beim Gouverneur ein Zeuge gemeldet, der Frank Teggard bei dem Bankraub in Cedar City vor ‘nem halben Jahr erkannt hat. Ein Angestellter wurde dabei von Frank erschossen. Das bricht ihm das Genick.«

»Hoffentlich!«, stieß Bradley hervor.

»Hatten Sie auch schon mit ihm zu tun?«

»Ich kenn‘ genug Leute, die erst wieder ruhig schlafen, wenn Frank Teggard auf dem Boothill liegt«

»Du behauptest also, Ben, dass einer von uns dieser Zeuge ist.« Forschend blickte Jennifer von einem zum anderen.

»Allerdings.«

McLone hielt die Handschellen, wirkte jetzt aber unschlüssig.

»In Tonopah wird sich herausstellen, was an der Story dran ist. Kann jemand von euch die Kutsche fahren?« Er blickte Bradley an.

Kid krähte: »Nehmen Sie mich, Marshal. Ich bin der beste Stagecoach Driver westlich vom Old Man River.«

»Halt endlich die Klappe!«, schimpfte McLone.

»Ich übernehme es.« Bradley trat neben den Kutschbock, legte die Greener-Flinte auf die Fahrerbank und wollte sich hinaufschwingen.

Da peitschten Schüsse. Von Pulverrauch umhüllte Gestalten tauchten am nördlichen Arroyorand auf.

 

 

4

Frank Teggards Anwalt war ein schmächtiger Bursche mit gelblicher Gesichtsfarbe und einem zerzausten Kinnbart. Sein Anzug war zerknittert, die Jacke an den Ellenbogen abgewetzt Der runde Hut saß schief auf seinem Kopf.

Er kam mit einem derb gekleideten, bärtigen Goldsucher, der verlegen die Mütze abnahm und mit unbehaglicher Miene neben der Officetür stehenblieb.

Teggard trat sofort ans Zellengitter. Sein schmales Gesicht mit dem schwarzen Oberlippenbärtchen spannte sich. Der Sheriff verharrte auf seinem Schreibtischstuhl. Die Schublade rechts von ihm war offen. Auf den Papieren lag ein langläufiger, bläulich schimmernder Colt.

»Was haben Sie jetzt wieder ausgebrütet, Benbow?«

Teggards Anwalt deutete auf den Digger. »Das ist der Mann, der Mister Teggard der Urkundenfälschung bezichtigte, nicht wahr?«

»Und? Soll ich vielleicht auch Sie einlochen, weil sich rausstellen könnte, dass Sie Teggard dabei geholfen haben?«

»Sheriff, das brauch ich mir nicht anzuhören.«

»Ich kenn‘ Sie, Benbow. Sie sind nicht empfindlich. Wenn in dieser Stadt jemand von Teggards dubiosen Geschäften profitiert, dann Sie. Dass Teggard diesem Mann den Claim weggeschnappt hat, ist nur ‘ne Kleinigkeit im Vergleich zu seinen übrigen Machenschaften. Also, was wollen Sie?«

»Sie haben kein Recht, so mit mir zu reden, Sheriff!« Der Schmächtige gestikulierte heftig.

Frank Teggard grinste verkniffen.

»Lassen Sie ihn doch, Benbow. Er weiß, dass er auf ‘nem Pulverfass sitzt, trotz der Deputys, die er auf Harrisons Rat angeheuert hat. Er muss sich abreagieren. Hab ich recht, Sheriff?«

»Mann, Teggard, tun Sie nicht so, als würde Ihnen das Wasser nicht bis zum Hals stehen! Nochmals, Benbow: Was wollen Sie?«

»Ich verlange die sofortige Freilassung meines Mandanten.«

Der Sheriff lehnte sich zurück. Sein Gesicht glich dem eines Nussknackers.

»Sonst sind Sie gesund?«

»Hawkins zieht die Anklage zurück.« Benbows schwarze Knopfaugen funkelten triumphierend. »Er gibt zu, dass die Unterschrift auf der Verkaufsurkunde tatsächlich von ihm stammt. Nur konnte er sich, weil er sich hinterher betrank, ‘ne Zeitlang nicht dran erinnern. Außerdem hätte er den Verkauf gern rückgängig gemacht, als sich zeigte, wie ertragreich der Claim ist. Nun, Mister Teggard ist sicherlich bereit, das Ganze als Missverständnis zu betrachten und auf eine Gegenklage zu verzichten.«

Ein halb unterdrücktes Lachen kam aus der Zelle. Der Digger wurde rot und knetete die Mütze.

Sheriff Lorrimer erhob sich.

»Stimmt das alles, Hawkins?«

»Natürlich, Sheriff, sonst wär‘ er ja nicht hier«, ereiferte sich Teggards Anwalt. Der Gesetzeshüter umrundete den Schreibtisch. »Halten Sie den Mund! Ich will‘s von ihm hören. Also, Hawkins, was ist?«

»Ich ziehe die Anklage zurück.« Der Goldsucher sah Lorrimer nicht an. Benbow warf dem Gefangenen einen triumphierenden Blick zu.

»Schließen Sie die Zelle auf, Sheriff!«

»Hawkins, wie viel hat Ihnen dieser Rechtsverdreher dafür bezahlt? Oder wurden Sie bedroht?«

»Das ist ‘ne Unverschämtheit, Sheriff!«, keifte Benbow. »Ich werde Ihre Vorgesetzten informieren.«

Lorrimer beachtete ihn nicht.

»Antworten Sie, Hawkins!«

»Das brauchen Sie sich nicht gefallen zu lassen, Hawkins. Sie haben Ihre Aussage gemacht und können nun gehen.«

Der Goldsucher stülpte hastig die Mütze aufs struppige Haar und verließ fluchtartig das Office. Herausfordernd wippte Benbow auf den Fußspitzen.

»Worauf warten Sie, Sheriff?«

»Auf den Tag, an dem der Henker Ihrem Boss die Schlinge um den Hals legt. Da ist nämlich immer noch der Banküberfall in Cedar City und der Zeuge, der Teggard erkannt hat.«

»Ich hab Nachforschungen angestellt. Die Banditen waren maskiert. Keiner der in der Bank anwesenden Angestellten und Kunden konnte einen von ihnen identifizieren. Sie haben kein Recht, Mister Teggard noch länger festzuhalten.«

»Ich handle auf Weisung des Gouverneurs.«

»Das ist doch nur ein verdammter Bluff.«

»Sonst noch was? «

»Ich verlange eine Unterredung mit meinem Mandanten.«

»Reden Sie, und danach machen Sie, dass Sie rauskommen.«

 

 

5

McLone warf sich zu Boden. Die Pferde wieherten. Kugeln trafen die Postkutsche. Sandfontänen spritzten um Campbell, der krampfhaft den schmalen Lederkoffer an sich presste.

»Deckung, Mann!«, brüllte der Marshal. Sein Sechsschüsser dröhnte.

Der Bankier flüchtete in die leere Stage. Kid war drüben hinausgesprungen. Er duckte sich hinter einem Felsblock. Querschläger jaulten vorbei. Aber Kids blaue Augen funkelten.

Bradley lag unter der Kutsche. Seine donnernde Schrotflinte hüllte das Fahrzeug in Pulverrauch. Für die Waffe mit den abgesägten Doppelläufen war die Entfernung jedoch zu groß. Immerhin hatte der Farmer zuvor noch die Bremse festgezogen, damit die erschreckten Gäule nicht samt der Stage davonstoben. Schießend kroch McLone zu ihm.

Details

Seiten
117
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940046
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
kutsche tonopah

Autor

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Titel: Kutsche nach Tonopah