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Die Erbin in der Zelle

2020 106 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Erbin in der Zelle

Copyright

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Die Erbin in der Zelle

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

Maria Corrigan-Curtis, die in einer Blitzheirat Nolan Curtis geheiratet hat, sitzt seit 12 Monaten in einer Gefängniszelle in Peru. Auch die Tatsache, durch die Heirat amerikanische Staatsbürgerin und Erbin eines großen Vermögens zu sein, nutzt ihr nichts. Überraschend taucht ein ihr fremder Anwalt auf und sorgt für ihre Freilassung. Doch innerlich lebt sie noch immer in einer Zelle.

 

Dieser Roman wird fortgesetzt mit dem Titel „Die wilden Jahre“ von W. K. Giesa.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Riomedina, Texas

Es war ein Morgen wie in Chrom gegossen. Trotz wolkenlosen Himmels haftete dem Frühlicht etwas Unwirkliches an. Die Landschaft, in die sich die Ranch völlig harmonisch fügte, erhielt dadurch etwas von einem eigenwilligen Gemälde, in das ein begnadeter Künstler seine Gemütsverfassung eingebracht hatte.

Der Besitz war traumhaft.

Den Seinen gibt‘s der Herr im Schlaf, dachte Jim Sherman am Steuer seines Ford Mustang. Er tat es nicht bierernst, denn er wusste, dass alles, was er hier sah, auf unermüdlichem Fleiß basierte. Er lenkte sein olivgrünes Cabrio vor das Hauptgebäude und hielt dort an. In und vor den Corral herrschte bereits reges Treiben. Als eine schlanke Brünette hinter einem gesattelten, rassigen Araber-Vollblut auftauchte, stockte Jim kurz das Herz.

Carla Sue?

Carla Sue Sherman, geb. Ryland,

Jims Ex-Frau, 34 Jahre alt, nussbraune Augen, brünettes Haar, elegantes Auftreten, sehr gutaussehend; älteste Tochter des Trucker-Kings. Nach der Scheidung hatte sie in San Antonio eine Boutique namens »Mariachi Mood« eröffnet – anfangs als Ersatzbefriedigung, später als echte Herausforderung. Nichtraucherin. Wohnhaft: East Kelly, San Antonio, Penthouse.

Aber es war nicht seine Ex-Frau, die er seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Von vorn betrachtet, verlor sich jede Ähnlichkeit mit der Tochter des Trucker-Kings, die ein Jahr jünger als Jim und in ihrer Art gar nicht zu imitieren war. Carla Sue war einmalig. Dass seine Ehe mit ihr gescheitert war, hatte nichts mit Äußerlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatte den »Duft des Highways« auf Dauer nicht vertragen.

Bevor der texanische Trucker den Wagen verließ, rückte er seine Sonnenbrille und den obligatorischen Stetson zurecht, von dem viele glaubten, es handele sich stets um denselben. In Wahrheit tauschte Jim die Hüte aus, sobald sie einen bestimmten Grad an Abgegriffenheit aufwiesen. Darin unterschied er sich von solch treuen Seelen, die ihre Hauptbedeckungen wie einen Talisman hegten und pflegten und vermutlich einmal mit ins Grab nehmen würden.

Jim lächelte bei dem flüchtigen Gedanken an Pat, das irische Original mit dem Schirmmützen-Fimmel.

Die von Marilyn und Luke Ryland konsequent vorangetriebene Pferdezucht trug ihre sichtbaren Früchte. Das luxuriöse Anwesen mit den verzweigten Gebäuden und Stallungen erhielt dadurch jenen Touch, der auch weniger aufmerksamen Besuchern verriet, dass die Besitzer es »geschafft« hatten. Hier war Geschmack gnadenlos auf Geld geprallt – oder umgekehrt.

Jim ging die Verandastufen nach oben und nahm die Sonnenbrille ab. Seine blauen Augen funkelten belustigt, als er ein Fohlen beobachtete, das seine Mutter unbeholfen traktierte, um an ihre Stutenmilch heranzukommen. Er löste sich von der Idylle und schob die Fliegentür beiseite. Wenig später trat er in das Ranchgebäude, das so etwas wie das »geistige Zentrum« des Ryland-Clans darstellte, zu dem er sich auch noch nach seiner Scheidung zugehörig fühlen durfte.

Im Haus war es hell, und es roch, als würde man nach langer Abwesenheit heimkehren. Gefühle, die schon lange eine Heimat suchten, wurden hier geweckt. Auch in Jim. Aber er hatte sich vor Jahren entschieden, sich nicht ins gemachte Nest setzen, sondern lieber etwas Eigenes auf die Beine stellen zu wollen.

Als Schwiegersohn hatte er beste Karriere-Karten besessen.

Als Ex-Schwiegersohn besaß er immer noch die Freundschaft jenes Mannes, den man respektvoll den Trucker-King nannte, weil er aus dem Nichts das größte Trucking-Unternehmen im Süden der USA aufgebaut hatte. Mehr als 2000 Trucks und etwa die doppelte Zahl an Angestellten umfasste die Firma; etwa 200 in Verwaltung und technischem Service-Bereich, das Gros stellten die Fahrer, denen immer Rylands Hauptinteresse gegolten hatte. Auch noch, nachdem er »groß« geworden war.

Luke Benjamin Ryland fühlte sich für jeden einzelnen verantwortlich, weil er selbst aus dieser Ecke kam. Mit einem Truck hatte alles angefangen, damals vor über dreißig Jahren.

Jim wusste es so genau, weil sein eigener Vater als Shotgun mit dem »King« gefahren war – bevor dessen rasanter Aufstieg begonnen hatte. Mark Sherman war vor über 18 Jahren tödlich verunglückt, zusammen mit Jims Mutter.

Der maisblonde Trucker verdrängte die Gedanken an diese schwere Zeit, die er als Halbwüchsiger durchgemacht hatte. Er war jetzt fünfunddreißig, und er fühlte sich zu jung, um den Highway aufzugeben, aber noch lange nicht alt genug, um ihn gegen einen biederen Schreibtisch einzutauschen.

Er wusste, dass Ryland ihm auch heute noch einen Stuhl freihielt, aber selbst bei Interesse hätte er es Ray Jordan, Rylands Schwiegersohn, gegenüber als unfair empfunden, der sich berechtigte Chancen ausrechnete, den »Thron« eines Tages zu besteigen.

Ray F. Jordan.

Verheiratet mit der zweiten Tochter des Trucker-Kings, Amber. Unehelicher Sohn von Rylands einstigem Erzfeind Tucker Murphy aus den Anfangstagen der RTC. Ebenfalls 35 Jahre alt, halblanges, dunkles Haar, Vorliebe für legere Kleidung, Talismane und alle möglichen Verrücktheiten; selbst »Trucker auf Zeit«, bis er merkte, dass ihm dieser Job zu stressig war.

Jordan war ein netter Kerl, der Erfahrung im mittleren Management mitbrachte, auch wenn Ryland ihm manchmal mangelnde Härte attestierte. Er war jedoch auf einem guten Weg und benötigte vermutlich nur etwas mehr lobende Anerkennung, um sich voll zu entwickeln.

Noch bevor Jim auf die erste Hausangestellte traf, begegnete er Marilyn.

Sie kam mit einem verwelkten Blumenstrauß aus einem der Zimmer. Ein Ausdruck, der schwer zu deuten war, glitt über ihr faszinierendes Gesicht, dem die mexikanischen Vorfahren deutlich anzumerken waren.

Marilyn Ryland.

38 Jahre alt, die zweite Frau des Trucker-Kings, keine eigenen Kinder, Verwalterin einer Stiftung für schuldlos in Not geratene Trucker; gute Seele und ruhender Pol des Ryland-Clans.

»Jim!« Es klang erleichtert. Trotzdem sie sich anderweitig beschäftigt hatte, schien sie die ganze Zeit auf ihn gewartet zu haben.

Achtlos legte sie den Strauß auf einer Kommode ab und umarmte den Ankömmling eine Sekunde länger als üblich.

Wer nicht Bescheid wusste, hätte die beiden für das ideale Paar halten können. Einen sichtbaren Altersunterschied gab es nicht. Marilyn war drei Jahre älter als Jim. Luke Rylands Frau passte haarscharf ins Bild, das man sich insgeheim von einer temperamentvollen Rassefrau machte: volles, schwarzes Haar, dunkle, verheißungsvolle Augen, dazu das mexikanische Erbe …

Ryland hatte Glück gehabt – höllisches Glück! Nicht nur Jim attestierte ihm das immer wieder. Denn zu ihrem ästhetischen Aussehen brachte Marilyn auch noch Charakter mit. Eine höchst seltene Mischung. Kein anderer Mann durfte sich bei ihr Hoffnungen ausrechnen, und echte Freunde wussten, wie ihre manchmal harmlos-freundschaftlichen Flirts und Neckereien einzuordnen waren.

»Danke, dass du gleich gekommen bist!«

Jim winkte lächelnd ab, obwohl die Erinnerung an Marilyns nächtlichen Anruf etwas in ihm gefrieren ließ. »Ich hätte mich schon um Mitternacht ins Auto gesetzt – aber das wolltest du ja nicht.«

»Nein …« Ihr Blick schien nach innen gerichtet, als lägen dort vorbereitete Antworten für viele vorbereitete Fragen bereit. »Das wollte ich nicht.«

Der Klumpen in Jims Bauch wuchs.

Marilyn führte ihn in die Küche, wo ihn Kaffeeduft begrüßte. Ein Frühstückstisch war gedeckt. Aber auch hier ließ sich keiner der guten Geister blicken, die gewöhnlich unter Marilyns Regie für Ordnung, Sauberkeit und eine angenehme Atmosphäre Sorgten.

»Wir sind allein«, deutete sie Jims Blicke richtig. »Bedenken?«

»Warum sollte ich?« Er setzte sich an den Tisch und goss zunächst ihr, dann sich selbst Kaffee ein, der es in sich zu haben schien. Der Verdacht bestätigte sich beim ersten vorsichtigen Schluck.

»Das weckt die Lebensgeister«, scherzte Jim.

»Ich wünschte, es wäre so …«

Jim wusste, dass damit das Stichwort gefallen war, auf das sie gewartet hatte. Er lehnte sich zurück, sah sie forschend an und sagte: »Fang an!«

Sie flüchtete sich in keine weiteren Phrasen, sondern fragte rundheraus: »Du kennst Luke von einer anderen Warte aus als ich. Könntest du dir vorstellen, dass er mich betrügt?«

Jim hatte mit einigem gerechnet, aber das verschlug ihm den Atem. »Guter Gott, wie kommst du denn auf so was? Nein! Himmel, nein, ich kann mir das nicht vorstellen! Und du solltest es auch nicht. Er …«

»Ich habe Gründe, es anzunehmen«, sagte sie. Ihre Stimme klang dunkel, als müsste sie jedes Wort aus einem Abgrund schöpfen.

Jim begriff, was der bloße Verdacht für Marilyn bereits bedeutete.

»Welche?«, fragte er.

»Ich habe gehört, wie er mit ihr telefonierte«, sagte sie.

Jim überwand das Kribbeln in seiner Kehle. »Du hast ihn belauscht?«

»Ich wurde zufällig und unbemerkt Zeugin«, legte sie Wert auf Richtigstellung.

»Und es war Liebesgeflüster mit einer anderen?«, fragte er ungläubig.

»Es genügte, um mir die Augen zu öffnen. Es passt zu dem, was sich seit Wochen in unserer Ehe abspielt.«

»Was denn?«

»Nichts mehr!«

Sie sagte es krass, aber Jim brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, dass sie sich nichts mehr ersehnte, als dass er ihr die Zweifel genommen und dafür Hoffnung gegeben hätte, dass sie einem großen Missverständnis erlag.

Er stand auf. Vor ihr ging er in die Hocke und nahm ihre Hände. Sie waren kalt, aber er rieb sie sanft. Marilyns Blick ging durch ihn hindurch an einen Punkt, wohin er nicht folgen konnte. Sie stand kurz davor, ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

»Ich musste mit jemandem sprechen«, sagte sie erstickt. »Ich musste! Er lässt mich so oft allein …«

Jim räusperte sich. »Erzähl. Erzähl mir alles«, sagte er.

Sie ließ sich nicht zweimal bitten. Aber wie sie es tat, nährte die Sorge in ihm, dass die Heile-Welt-Fassade vor der Ehe der beiden bereits heftig am Bröckeln war.

Er erfuhr, dass Ryland, seitdem er sich körperlich wieder besser fühlte, kaum noch zu Hause war. Entweder ackerte er wie ein Besessener in der RTC, oder er ging mit in Marilyns Augen fadenscheinigen Begründungen mindestens einmal wöchentlich für ein, zwei Tage auf Geschäftsreise.

»Ich wollte ihm nicht nachspionieren«, sagte sie. »Aber irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und rief beim Flughafen an. Seither weiß ich, dass Luke immer das gleiche Ziel hat …«

Je länger Jim zuhörte, desto verständlicher wurde ihm Marilyns Verhalten. Selbst blindestes Vertrauen musste irgendwann ins Wanken geraten, wenn der Partner auf offen gestellte Fragen nur noch ausweichend antwortete.

»Als ich dann dieses Telefonat vor drei Tagen mitbekam«, sagte sie mit zitternden Lippen, »war ich nahe dran, selbst die Koffer zu packen, ihm nachzureisen – und vielleicht nicht wieder zurückzukommen .« Sie neigte den Kopf nach vorn und legte ihn auf Jims Schulter. Kurz darauf spürte er heiße Tränen durch sein Hemd. Er verstärkte den Druck, mit dem er ihre Arme umfasste.

»Vielleicht wäre ich nicht so überempfindlich, wenn nicht auch noch dieser Name gewesen wäre.«

»Welcher Name?«

»Er fiel mehrmals im Gespräch …«

»Ja?«

»Deanna!«

Jetzt war Jim alles klar. Auch Luke Rylands erste Frau, mit der er seine beiden Töchter Carla Sue und Amber gezeugt hatte, hatte diesen Namen getragen: Deanna Walsh.

Mit wem Ryland auch immer telefoniert hatte – es war Zufall, dass dieser Jemand ebenfalls diesen Namen trug. Aber auch als Zufall genügte es bei Marilyn, die innerlich seit Längerem auf Habachtstellung war, um das Tränenfass zum Überlaufen zu bringen!

»Und du bist sicher, dass die beiden am Telefon miteinander … turtelten?«, fragte er.

Marilyn hob den Kopf. Ihr Make-up war zerlaufen und gab ihr etwas Tragikomisches. »Ich weiß, wie eine Verabredung klingt!«, erklärte sie schneidend.

Jim richtete sich auf, gab ihr eine Papierserviette, mit der sie sich Tränen und Schminke abwischen konnte, und kehrte zu seinem Platz zurück. Mechanisch nahm er einen Schluck inzwischen fast kalten Kaffees.

»Möchtest du, dass ich mit ihm rede?«

Sie schüttelte den Kopf, aber sie meinte ja.

»Es gibt bestimmt eine harmlose Erklärung«, setzte er an.

»Ich liebe harmlose Erklärungen.« Unsicherheit flackerte nun unübersehbar in ihren Rehaugen. »Aber ich glaube nicht mehr daran. Wenn ich die Einzige wäre, der er weh tut …«

»Wie meinst du das?«

In die Verzweiflung mischte sich jetzt auch Erstaunen. »Du weißt es nicht?«

»Ich weiß was nicht? Bob und ich sind gestern erst heimgekommen. Bei uns tut sich auch einiges. Du weißt es noch nicht, aber wir wollen …«

Sie schien gar nicht zuzuhören. Tonlos sagte sie: »Er hat Pat entlassen.«

Patrick »Pat« O’Neill.

64 Jahre alt, irischer Abstammung, rüstig-vital, stämmig, schneeweißes, aber immer noch volles Haar; Mitbegründer der RTC und ältester Freund des Trucker-Kings, jetziger Wagenmeister und Chefmechaniker. Alleinstehend.

Der kalte Klumpen in Jims Bauch verwandelte sich funkenstiebend in glühende Lava. Es dauerte eine Schrecksekunde, bis er zu einer Erwiderung fähig war.

»Er hat …«

»Oder Pat hat gekündigt. Ich weiß nichts Genaues. Wie auch immer, es ist Ernst, und auch zwischen den beiden muss etwas Tiefgreifendes vorgefallen sein. Das muss es doch, wenn ein Unzertrennlicher sich vom anderen trennt und der andere es einfach akzeptiert?«

Jim war einigermaßen neutral hierher gekommen. Es tauchten immer wieder mal Probleme auf, die man mit gemeinsamer Anstrengung meistern konnte. So wie Marilyn sich jetzt von ihm Rat und Hilfe erhoffte, hatte er selbst sie auch schon aufgesucht. Um so schlimmer empfand er es, dass er ihr nicht wirklich helfen konnte. Vielleicht wenn sie sich ihm früher anvertraut hätte … Mittlerweile hatte sie sich schon so sehr in ihren Verdacht versteift, dass sie »Beruhigungspillen« ohne gleichzeitigen Beweis nicht mehr an sich heranließ.

»Ich werde mit ihm sprechen!«, sagte er. »So ein Narr ist Luke nicht, dass er dich aufs Spiel setzen würde. Er …«

»Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir gemeinsame Kinder hätten.«

Der simple Satz genügte, um den Klumpen in eine letzte Qualität übergehen zu lassen. Er lag Jim jetzt wie eine alte, erloschene Sonne im Magen.

»Marilyn …«

»Lass nur.« Sie lächelte missvergnügt.

»Wann erwartest du ihn zurück?«, fragte er, weil ihm keine andere Frage mehr einfiel.

»Heute am frühen Abend.«

»Dann bedanke ich mich für die Einladung zum Dinner. Ich werde pünktlich um acht Uhr hier sein. Mein Gastgeschenk an Luke wird ein kräftiges Shampoo sein, mit dem man sogar einem Dickhäuter den Kopf waschen könnte!«

Auf der Fahrt zurück nach San Antonio achtete Jim ungewohnt nachlässig auf den Verkehr. Nach der dritten brenzligen Situation, in die er sich durch seine gedankliche Abwesenheit gebracht hatte, fuhr er rechts von der Fahrbahn, hielt an und schüttelte immer wieder den Kopf.

Der Trucker-King auf Abwegen?

Pat gekündigt?

Es war nicht zu begreifen!

 

 

2

Iquitos, Peru

Die junge, dunkelhaarige Gefangene studierte ihr Bild in einer Spiegelscherbe an der Wand und suchte herauszufinden, was außer Scherben von ihr noch übriggeblieben war. Der Spiegel war fast blind. Das Gesicht der jungen Frau darin erschien wie ein Gespenst.

In einer normalen Gefängniszelle hätte es keine Glasspiegel gegeben. Schon wegen der Verletzungs- und damit verbundenen Selbstmordgefahren. Hier störte sich niemand daran.

Ein peruanisches Sprichwort sagte: Der Tod klopft jeden Tag an eine andere Tür. Vor Polizeistationen, Kommandozentralen der illegalen Schwadronen oder den Landesgefängnissen machte er am wenigsten Halt.

Geräusche ließen die zierliche Frau zusammenzucken. Schlüssel klirrten metallisch, als sie im Bund aneinander rieben. Dann drehte sich einer von ihnen im Schloss.

In den Augen der Frau irrlichterte jetzt mehr als normale Angst. Viel mehr, als ein Mann in vergleichbarer Situation sich überhaupt vorzustellen vermochte. Noch bemühter starrte sie in das fleckige Glas.

In ihrer Vorstellung glaubte sie den schwitzenden Wärter bereits hinter sich treten zu spüren. Seinen Atem. Seinen Geruch. Seine Berührungen …

Einer leisen Stimme gelang das Kunststück, den Kokon, den sie unsichtbar um sich gesponnen hatte – jeden Tag ein paar Fäden mehr, seit sie hier war – zu überwinden.

»Maria Curtis?«

Maria Conchita Curtis geb. Corrigan.

27 Jahre alt, schwarzgelocktes Haar, bildhübsch, Zwillingsschwester von Mario Corrigan; ehemalige Gemeindeschwester in Cancorra, Paraguay, bis der »Ruf« ihres Erbes sie erreichte. Seither designierte Chefin der ALAMO; »taktisch verheiratet« mit Nolan Curtis.

Sie drehte sich um. Ihr Blick blieb leer.

Der Mann sah aus wie ein Anwalt, aber es handelte sich nicht um Garcia Penalba.

Der Fremde war – und das allein war schon ungewöhnlich – ohne die Begleitung eines Wärters eingetreten. Der Aufsichtsbeamte blieb draußen und schloss sogar die Tür, ohne dass der Besucher eigens darum bitten musste.

Penalba war zuletzt immer mit Eskorte erschienen. Angeblich, weil es nicht anders ging, aber Maria hegte neben vielen anderen düsteren Bedenken längst den Verdacht, dass dies für den kleinen, dicklichen Mann, den sie sich selbst als Interessenvertreter erkoren hatte, nachdem sie sich von den Anwälten ihres Mannes im Stich gelassen fühlte, nur eine Alibiausrede war.

Penalba hatte in all den Monaten noch weniger als nichts für sie erreicht. Obwohl er bei ihren ersten Begegnungen vollmundig versprochen hatte, ihre dreißigjährige Haftstrafe auf höchstens drei Jahre herunterzudrücken.

Das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte, war drei Monate her.

Das letzte Mal, dass sie etwas von Nolan Curtis, ihrem »Ehemann«, gehört hatte, noch um einiges länger.

»Wer schickt Sie?«, fragte sie ablehnend.

Sie fand es selbst erstaunlich, dass sie die Gespenster so leicht in einen ihrer Kerker hatte verschwinden lassen können. Im Labyrinth ihrer Seele. In den Untiefen, die jeder Mensch besaß und von denen Maria nichts gewusst hatte, bevor sie hierhergekommen war.

Und bevor sie ihren Bruder in der brennenden Hölle eines bewusst zur Explosion gebrachten Tanklasters hatte sterben sehen …

Das Gesicht des Mannes im dunklen Anzug war wohltuend klar im Vergleich zu Penalbas pomadiger, aufgedunsener Erscheinung. Der Fremde war schlank und breitschultrig. Nur sein blasser Teint verriet, dass er seine Nase mehr in Paragraphen steckte als sie am Strand spazieren zu führen. Aber das musste kein Nachteil sein. Er war weder Südamerikaner noch Mexikaner, sprach aber ohne erkennbaren Akzent in Marias Muttersprache.

»Niemand«, antwortete er. »Mein Name ist John Meringo. Ich möchte Ihnen helfen, aber dazu benötige ich Ihr Entgegenkommen.« Er lächelte und zog ein vorbereitetes Formular aus der Tasche.

Marias Gesicht verschloss sich.

»Wer schickt Sie?«, wiederholte sie. »Ich habe schon vieles unterschrieben – zu viel. Vor einem Jahr kam einer daher …«, und sie lachte in bitterer Erinnerung, »bat mich um meine Hand … Nicht ganz so romantisch, wie ich es mir immer erträumt hatte, aber es hat meinen Hals gerettet. Ich bin jetzt amerikanische Staatsbürgerin. Sie können es auf meinem Grabstein nachlesen. Früher komme ich hier doch nicht heraus. Ich weiß es inzwischen.«

»Was wissen Sie noch?«, fragte Meringo. Er hatte sie ausreden lassen und sparte sich Aufmunterungsfloskeln.

»Was müsste ich noch wissen?«

»Dass es nicht normal sein kann, mit welcher Schlafmützigkeit um Ihre Freiheit gekämpft wird, zum Beispiel.«

Sie nickte.

»Dass Ihr Gatte sich tausendprozentig um die ALAMO kümmert, aber vielleicht mit einem Prozent seiner Möglichkeiten um Sie.«

»Dann kommen Sie also nicht von Nolan?«

Meringo schien dieses Missverständnis nicht gerade als Kompliment zu empfinden.

»Merkt man das etwa?«, fragte er ironisch.

»Von wem dann? Von der Botschaft? Dem hiesigen Konsulat?«

»Ich arbeite auf eigene Rechnung«, sagte der Mann kopfschüttelnd. »Ich habe mich auf aussichtslose Fälle spezialisiert, gehe alte Gerichtsakten durch und orientiere mich, wo erfahrungsgemäß etwas zu holen wäre. Ich weiß, das ist ungewöhnlich, aber ich hoffe, dass Sie reif sind, auch ungewöhnliche Strategien zu akzeptieren, wenn Sie dadurch«, er maß die Zelle mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung, wobei sich letzteres unzweifelhaft auf die Insassin bezog, »von hier fortkommen!«

»Das wollen Sie mir versprechen?«

»Ich verspreche gar nichts. Vielleicht unterscheide ich mich darin von meinen Vorgängern.«

Wohltuend, dachte Maria, aber sie sprach es nicht aus. Obwohl sie sich dagegen zu wehren versuchte, konnte sie gar nicht verhindern, dass Meringos Worte neue Hoffnung in ihr keimen ließen. »Was haben Sie davon?«

Meringo ähnelte in seiner Ruhe und auch im Zellenlicht ein bisschen einer Wachsfigur, die jemand aus einem Kabinett entführt und hierher gestellt hatte.

»Sie sind reich, sehr reich. Auch wenn man hier an diesem Ort wenig davon spürt. Sie werden mich entlohnen, sobald Ihnen die Vollmachten zurückerkannt worden sind. Ich bin ein geduldiger Mensch – für eine lange, aber nicht endlos lange Zeit.«

»Sie wollen mir nicht mehr über sich verraten?«

»Nein.«

Was habe ich zu verlieren?, dachte Maria, einzige lebende Erbin der ALAMO TRUCKING. Jener Firma, die mit Marias Wissen und ihrer Billigung »Krieg« gegen das Konkurrenzunternehmen RTC führte.

Und gegen den Mann, der ihren Bruder auf dem Gewissen hatte:

Luke Benjamin Ryland.

»Einverstanden«, sagte sie.

 

 

3

San Antonio, Texas

»Unmöglich! Da haben dir deine Trommelfelle oder die Logistikabteilung deines Dachstübchens einen Streich gespielt!«

Der Kraushaarige, der in gewohntem Ton Zweifel über das gerade Gehörte anmeldete, sah nicht nur aus wie ein Schwergewichtsboxer – er war es auch einige Zeit gewesen, nachdem er seinen damaligen Fahrerjob bei der RTC an den berühmten Nagel gehängt hatte. Querelen und illegale Manipulationsversuche der Mafia hatten ihm das Boxen jedoch nachdrücklich verleidet, und so hatte er als Shotgun bei Jim Sherman angeheuert.

Robert (Bob) Washburn.

Dunkelhäutiger Virginier, 36 Jahre alt, sechseinhalb Fuß großer und zwei Zentner schwerer Hüne; eingefleischter Nichtraucher und Gerechtigkeitsfanatiker. Ledig, ein Sohn (Michael) mit Truckerin Sheila Dalton, die in Louisiana lebte, Mietwohnung in der Culebra Avenue, San Antonio.

Seit sich die beiden äußerlich so unterschiedlichen Typen zusammengetan hatten, hatten sie eine Strähne der besseren Art. Ihre Zuverlässigkeit auch bei schwierigsten und ausgefallenen Aufträgen hatte sich herumgesprochen und allmählich bezahlt gemacht. Mittlerweile war das »Thunder«-Team – so ihr CB-Handle – mit seinem Kenworth W 900 auf allen Highways bekannt wie bunte Hunde. Selbst in den arktischen Norden, nach Südamerika und letztens sogar, ohne »Thunder«, bis nach Australien hatte es sie zeitweise verschlagen. Nicht ohne Stolz durften sie behaupten, jede der Hauptverkehrsschlagadern in den Staaten wie ihre Westentaschen zu kennen.

Und genau das war der Punkt, der nach Veränderung schrie!

Jim rührte trotz markiger Worte gelassen in seinem Tabakbeutel und formte mit kaum verfolgbaren, geübten Bewegungen eine Selbstgedrehte, die er in den Mundwinkel klemmte. Mit einem Streichholz, das er an der rauen Stiefelsohle anriss, brachte er das tadellose Produkt zum Glimmen.

Jim Sherman.

35 Jahre alt, groß, durchtrainiert, typischer Texas-Trucker: blond, blauäugig (nicht in Geschäftsfragen!), markantes Gesicht. Besitzer einer selbst renovierten Villa an der Starcrest Avenue, San Antonio; Gelegenheitsraucher – ausschließlich Selbstgedrehte.

Er nahm ein paar tiefe Züge, lehnte sich auf dem Pneumositz des »Thunder« zurück und legte beide Hände auf das Steuer des Kenworth-Trucks. Der Rauch seiner Zigarette verfing sich unter der Krempe des Stetsons und kletterte von dort aus weiter Richtung Klimabox.

»Wenn ich’s dir sage: Pat hat geschmissen!«

»Wer sagt das?«

»Marilyn sagt das.« Jim lenkte den aufliegerlosen Truck bereits auf den ringförmig um die Stadt laufenden Interstate 410 und beschleunigte gefühlvoll auf die zulässigen 55 Meilen pro Stunde. Das 8-Zylinder-4-Takt-Dieseltriebwerk schnurrte wie eine gut geölte Nähmaschine. Es war nur schneller.

»Marilyn?«

Jim verriet nichts von dem, was Rylands Frau ihm vertraulich über den Trucker-King erzählt hatte. Er wunderte sich selbst, dass er Bob verbergen konnte, wie sehr ihm das Erfahrene unter die Haut gegangen war. Wenn sein Freund und Shotgun überhaupt etwas merkte, dann bezog er es vermutlich auf die Sache mit Pat.

»Sie rief an«, flüchtete er sich in eine Zwecklüge.

»Das glaubst du doch nicht ernsthaft …«

»Er klang ernsthaft! Und es scheint sich um mehr als eine von Pats Launen zu handeln! Er hat gekündigt – die Brocken hingeschmissen!«

»Das könnte Pat sich gar nicht leisten – von der ideellen Verbundenheit der beiden ganz abgesehen«, sagte Bob kopfschüttelnd. »Er knabbert doch immer noch am Tornado-Verlust seines Hauses.«

»Er knabbert vielleicht noch an ganz anderen Dingen«, konterte Jim. »Auch Marilyn wusste nicht, was die Kündigung ausgelöst hat. Wir sollten uns selbst darum kümmern.«

»Auf dem Rückweg fahren wir bei dem alten Haudegen vorbei«, ging Bob sofort darauf ein. Ihnen beiden war Pat ein mindestens ebenso guter Freund wie Ryland. Wenn zwischen den beiden wirklich etwas in die Brüche gegangen war, mussten sie zu kitten versuchen. Mit allen Mitteln. »Je älter sie werden, desto starrsinniger«, murmelte er und tippte sich immer noch etwas zweifelnd gegen die Stirn. »Vielleicht hat Marilyn nur was in den falschen Hals gekriegt. Kaum ist man mal ein paar Tage weg, gerät die schöne, heile Welt aus den Fugen.«

Über den 10er Highway gelangten sie zu dem Rendezvous-Punkt bei Leon Springs.

»Sie sind schon da.« Jim lenkte den »Thunder« am Truck-Stop-Gebäude vorbei zu den Parkflächen. Er wies mit dem Arm zu einem dort stehenden Kenworth T 600, der spöttisch »Ameisenbär« genannt wurde und zwischen all den wohltuend »altmodischen« Traditions-Trucks mit den langgestreckten, wuchtigen Motorhauben ein ungewohntes Bild abgab.

»Pünktlich wie die Trucker!«

»Es sind Trucker«, verwies Jim.

»Was noch zu beweisen wäre«, griente Bob.

Sie stiegen aus und verschlossen sorgfältig ihr feuerrotes Prachtstück mit den aufgemalten Blitzen an beiden Flanken. Dann stiefelten sie zum Restaurantgebäude.

Nicht rein zufällig lenkten sie ihre Schritte dabei an dem schneeweißen Kenworth neuester Generation vorbei, dessen aerodynamisch herabgezogene Schnauze Spott bei eingefleischten Old-fashioned-Truckern provozierte.

»Hässlich!«, urteilte auch Bob kurz und bündig, nachdem sie sich vom äußerlich tadellos gepflegten Zustand des Haubers überzeugt hatten.

Es war klar, dass er nicht die schwarzen Airbrush-Verzierungen meinte, die wie Figuren eines Schattentheaters wirkten und ausschließlich Frauen darstellten. Auf den Türen beiderseits prangte das Handle: Ebony & Ivory.

Auch Jim hatte mehr als einen flüchtigen Blick auf das Arbeitsgerät geworfen, das künftig eine wichtige Rolle in ihren Planungen einnehmen sollte, wenn man sich mit den Besitzern einigte.

»Bin gespannt, ob die beiden Ladies ihren Malereien ähnlich sehen«, sagte Bob. Es war nicht das erste Treffen dieser Art, das sie in den letzten Tagen absolvierten. »Auslese« gehörte zu dem Plan, den sie verfolgten. »Ebony und Ivory hört sich ja ganz vielversprechend an …«

»Sei dir mal nicht so sicher, dass wir ihnen so ohne Weiteres gefallen«, holte Jim ihn auf den Teppich zurück. »Oder glaubst du, du kannst sie überzeugen, dass es eine Ehre ist, ihr Kapital mit unserem zusammenzuwerfen?«

»Lass mich nur machen«, winkte Bob großspurig ab.

Kurz darauf blieb ihm die Zuversicht im Halse stecken. Eine Kluft zwischen Imagination und Wirklichkeit tat sich vor ihm auf. Obwohl der Stop gut besucht war, stachen die beiden Besitzerinnen des »Ameisenbären« sofort heraus. Zumal sie Stirnbänder mit ihren Namenszügen trugen. Ein schwarzes und ein weißes: Ebony & Ivory!

Bob brauchte eine Weile, bis er verdaut hatte, dass die Gesuchten zwei Köpfe kleiner waren als er, aber in etwa seiner Gewichtsklasse angehörten. Außer den plakativen Stirnbändern trugen beide einfache Jeansklamotten und wiesen von der Physiognomie her erstaunliche Ähnlichkeit auf. Nicht gerade zwillingsverdächtig, aber doch so, dass verwandtschaftliche Bande nahelagen. Dem war aber, wie sie wussten, nicht so.

»Ich bin Ivory«, lächelte die Jim gegenübersitzende Frau, deren breites Gesicht von wasserstoffblonden Dauerwellen umrahmt wurde. Das Gehänge an ihren Ohren musste Gewicht haben. Es stellte miniaturisierte Räder eines Trucks dar, die an einem stilisierten Chromauspuff baumelten. Erstaunlicherweise zeigten weder die Ohrläppchen noch die Trägerin irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Der Teint wirkte frisch und kam ohne ein Gramm Schminke aus. »Freunde nennen mich Ivy.«

»Und mich Ebby«, ergänzte die Schwarzhaarige. Ihre linke Gesichtshälfte wies Spuren von Verbrennungen auf, die nie ganz verheilt waren. An rohes Fleisch erinnernde Röte verteilte sich vom Tränensack bis zum Unterkiefer. Dafür waren die Augen mit das Strahlendste, was es in dieser Sparte in Grün gab.

Ebby und Ivy waren beide geschätzte Vierzig. Man hätte auch sagen können, echte Vierzig, denn beide verzichteten auf jegliche Art von Rouge, Lidschatten oder andere ladyübliche Verjüngungstinkturen. Der Eindruck, dass sie geborene Malocherinnen waren, unterstrich das, was Jim und Bob bereits über inoffizielle Kanäle recherchiert hatten.

Ganz unvorbereitet waren sie nicht zu diesem Treff erschienen.

»Freut mich«, sagte Bob, überrascht von seiner eigenen Reserviertheit.

»Die beiden«, ergriff Jim das Wort, »haben ein paar Jahre fast ausschließlich im Nordwesten geackert. Eine Erbschaft hat sie nach San Antonio verschlagen, wo es ihrer Meinung nach schon viel zu viele Trucker gibt. Ein besonderer Dorn im Auge ist ihnen die RTC, die ihrer Meinung nach ihre Fahrer nur ausbeutet.«

Er hatte mit ihnen bereits ein Vorgespräch am Telefon geführt.

»Hört, hört.« Bobs prüfende Blicke wanderten von einer Truckerin zur anderen. »Und ihr traut euch zu, bei uns einzusteigen? Wie lange schluckt ihr denn schon Diesel und Staub?«

»Er hält uns für Greenhorns!«, lachte Ebby. »Ich bin zehn Jahre dabei, Ivy acht! Ich fuhr anfangs allein, nur mit einem Husky als Begleiter. Kurz nachdem der von einem Smokey wegen angeblicher Tollwut erschossen wurde, fand ich …« Sie nickte Ivy zu. Zuletzt hatte ein Kloß im Hals verhindert, dass sie den Satz vollendet hatte.

Es war unverkennbar, dass die Gefühlsduselei, mit der sie offenbar immer noch an ihrem Hund hing, von tief innen kam. Aber ebenso schnell brachte sie sich wieder unter Kontrolle.

»Ivy ist gelernte Automechanikerin. Ich bin gelernte Optimistin«, lächelte Ebby und schluckte den letzten Rest Sentimentalität hinunter. »Und wir beide sind Kämpferinnen.« Bob wechselte verstohlene Blicke mit Jim, ehe er fragte: »Habt ihr auch richtige Namen?«

Ivy, die die Resolutere von beiden war, nickte vielsagend. »Die stehen dann in unserem Vertrag.«

»Welchem Vertrag?« Bob zog die Stirn in Falten.

»Dem, den wir abschließen – oder auch nicht«, erklärte Ivy.

Jim lächelte und hielt sich offenbar bewusst heraus.

Noch.

»Wir dachten eigentlich, dass ein Handschlag genügt«, entgegnete Bob »Unter Ehren …«

»Lassen wir den Schmalz beiseite«, unterbrach Ivy streng. Das Klischee vom »blonden Dummchen« durfte man sich bei ihr getrost abschminken. »So wie ich es überblicke, könnten wir uns an euch gewöhnen, aber hört bitte gleich mit diesem Asphalt-Cowboy-Scheiß auf! In der Hinsicht könnt ihr mit uns nicht rechnen. Wir kennen die Chose. Dieses Leben ist eines der härtesten, und die Stunden auf dem Bock sind kein ungetrübtes Vergnügen. Wenn es um Geld geht, zählt kein Ehrenwort. Ohne handfesten Vertrag läuft nichts. Dann machen wir lieber auf eigene Rechnung weiter.«

Die Bestimmtheit, mit der sie sprach, und die schweigende Zustimmung ihrer Partnerin verrieten, dass ihre Vorstellungen über eine mögliche Zusammenarbeit bereits gefestigt waren.

Zumindest Bob begriff in diesem Moment, dass es bei ihm noch nicht der Fall war. Etwas hilflos blickte er zu Jim. Obwohl in stundenlangen Gesprächen während der Plackerei auf einsamen Highways geformt, erkannte er erst jetzt die volle Konsequenz ihres Vorhabens.

Wenn sie einwilligten und den »Pakt« mit den Besitzerinnen des »Ameisenbären« schlossen, eröffnete das nicht nur neue Chancen, sondern auch neue Pflichten.

»Man hört nur das Beste von euch«, hielt Jim das versandende Gespräch in Gang. »Ihr habt einen guten Namen im Norden. Wir haben uns schlau gemacht.«

»Kann ich dich kurz allein sprechen?«, wandte sich Bob an ihn, bevor er weiter ausholen konnte.

Jim sah zu den Frauen, die einträchtig die Achseln zuckten.

Ebby orderte einen Snack und Kaffee, während sich das »Thunder«-Team in den Schatten eines laufenden Spielautomaten zurückzog.

»Wir sollten noch mal drüber schlafen«, sagte Bob mit einem Gesicht wie auf dem Zahnarztstuhl.

Jim wirkte nicht sehr überrascht. »Plötzlich Angst vor der eigenen Courage?«

»Wenn ich ehrlich bin, ja!«

»Das musst du. Wir müssen uns beide völlig sicher sein, dass das der Weg ist, den wir beschreiten wollen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.«

»Ich habe nichts gegen die Ladies, weil sie nicht gerade wie die knackigsten Pin-ups aussehen«, glaubte Bob sich verteidigen zu müssen. »Es können Pfundskerle sein …«

»Und das im wahrsten Sinne des Wortes«, nickte Jim vielsagend.

»Das ist kein Problem«, erwiderte Bob glaubhaft. »Man macht manchmal so seine Jokes, ich weiß, aber in Wirklichkeit ist es der Kern eines Menschen, der zählt – nicht die Schale. Ich weiß das, denn meine Schale ist schwarz. Es hat auch nichts direkt mit den beiden zu tun – gewöhnen müssten wir uns schließlich an jeden, auf den die Wahl fiele. Wir sollten einfach das Grundsätzliche noch einmal überdenken.«

»Ich für meinen Teil habe es getan.«

»Ich aber noch nicht tiefschürfend genug, tut mir leid.«

»Schon okay.« Jim klopfte ihm auf die Schulter. »Vertagen wir die Sache.« Er ließ sich immer noch nicht anmerken, dass er selbst nicht in der richtigen Stimmung für berufliche Weichenstellungen war.

Sie kehrten zum Tisch zurück.

Noch ehe sie einen Ton sagen konnten, erklärte Ebby: »Wir haben uns auch noch mal besprochen. Ich glaube, wir sollten die Angelegenheit alle noch mal überschlafen. Ihr wisst ja, wie ihr uns erreichen könnt. Sollte sich das Projekt zerschlagen, brechen wir hier unsere Zelte ab. Treffen wir uns in drei Tagen – selbe Stelle, selbe Zeit!«

»Wir werden da sein«, versprach Jim. Ein kräftiger Händedruck beendete das erste gemeinsame Treffen.

»Ein hässliches Vieh«, seufzte Bob draußen auf dem Parkplatz, als sie noch einmal an dem Kenworth T 600 vorbeikamen. Er wirkte erleichtert. »Was für ein Monstrum!«

Jim schwieg.

Auf dem Rückweg fuhren sie bei Pats Wohnung vorbei.

Das irischstämmige Original zeigte sich nicht, obwohl sie die Klingel einige Male malträtierten. Die einzige spürbare Reaktion war heftiges Gebell.

»Seit wann hat Pat einen Hund?«, wunderte sich Bob.

Jim zuckte die Achseln. »Vielleicht trainiert er ihn, um ihn gegen den King zu hetzen …«

Sie wollten sich schon unverrichteter Dinge zurückziehen, als die Wohnungstür doch noch aufging. Eine füllige Lady, deren sympathische Rubensfigur von einem bunten Gewand eher betont denn kaschiert wurde, erschien im Rahmen. Das toupierte, kupferglänzende Haar stand zerzaust nach allen Richtungen, als sei sie gerade in ihrem Schönheitsschlaf gestört worden.

Zwischen ihren Beinen tauchte ein fideler Pudel auf.

»Glory!«, rann es freudig überrascht über Jims Lippen.

Bob fixierte immer noch den Hund, der aussah, als wollte er gegen einen großen, schwarzen Baum pinkeln.

»Billy the Kid!«

Begeistert klang es nicht.

 

 

4

Glory Palominoe war um die Fünfzig und Reporterin des American Trucker Magazine auf australischem Vorposten.

Down-under sozusagen.

Jim und Bob hatten sie kennen und schätzen gelernt, als sie vor Monaten Pat und Ryland auf den Känguru-Kontinent gefolgt waren, um den Trucker-King – damals schon von einer schweren Herzkrankheit gezeichnet – zur Vernunft zu bringen.

Die damaligen Ereignisse hatten nicht nur Ryland, sondern auch Jim an den Rand des Todes geführt. Ein Aborigine-Schamane hatte den Trucker-King jedoch auf heute noch mysteriöse Weise gesundheitlich wieder aufgemöbelt. Seitdem schwebte er auf einer Wolke voller Tatendrang, die von den nach der Rückkehr hinzugezogenen Ärzten in Texas nicht erklärt werden konnte. Sie hatten jeglichen Optimismus gedämpft, denn die Ursache von Rylands Problemen war nach wie vor vorhanden und nicht weggezaubert worden. Er litt an fortgeschrittener Arteriosklerose. Blockierte Blutgefäße verhinderten die ausreichende Durchblutung und Sauerstoffzufuhr von Teilen seines Herzens. Die gängige Therapie hierzu war das Legen einer »Umgehung« der geschädigten Ader oder Vene, eine Bypass-Operation also, und das Öffnen des verstopften Blutgefäßes mit Hilfe eines Ballon-Katheters.

Genau dagegen aber hatte der Trucker-King sich immer wieder gesperrt.

Und seit Australien sah er sich – zumindest vertrat er diese Ansicht nach außen hin – noch mehr in seiner Haltung bestätigt.

»Das Herz eines Truckers«, pflegte er zu sagen, »lässt sich eben in keine medizinische Schublade stecken. Der Wille zählt! Und da ist noch einiges von mir zu erwarten!«

Eine etwas banale Philosophie, wie seine Freunde und Familienangehörigen fanden. Aber es war nicht mit ihm zu reden, und letztlich blieb es eine Entscheidung, die ihm keiner abnehmen konnte.

Nicht nur mit Glory Palominoe verband Jim Erinnerungen, die jetzt hochschwemmten. Noch viel plastischer hatte er ihre reizende Tochter Sandy in Erinnerung, die sich damals zum Abschied eine Rose mit seinem Namen auf den Oberarm tätowiert hatte.

»Glory!« Bob fing sich als erster. »Wir wussten nicht, dass du hier bist. Pat verlor kein Sterbenswörtchen …« Er schielte zu Billy the Kid, der immer noch leutselig vor seinem Schuh verharrte. Den Hund kannten sie nur aus Pats Berichten und einer kurzen Verabschiedungsszene am Melbourner Flughafen. Aber das genügte.

»Hallo, Jungs!« Glory lächelte zuckersüß. »Konnte er nicht, weil ich ihn selbst überfallen habe. Spontaner Entschluss. Bin gerade erst angekommen und habe erst mal ein Nickerchen auf der Couch gemacht. War ein langer Flug. Entschuldigt, wenn ich euch nicht hereinbitte. Pat ist noch mal weg, und ich weiß nicht …«

»Schon gut«, wiegelte Jim ab. Er umarmte die gewichtige Persönlichkeit – vielmehr wollte er sie umarmen. Billy the Kid ging jedoch entschlossen dazwischen, und es blieb bei dem Versuch.

Wer Glorys Listenreichtum kannte, stellte sich gar nicht erst die Frage, wie es ihr gelungen war, den Hund durch die strengen amerikanischen Quarantänebestimmungen zu schleusen.

»Wie geht es Sandy?«, fragte Jim betont beiläufig. Bobs Grinsen und Glorys Augenfunkeln verrieten ihm jedoch, dass ihm diese Beiläufigkeit niemand abnahm.

»Sie truckt sich durch.«

Sandy fuhr einen der legendären Monster-Trucks, die wie Züge ohne Schienen über die australischen Highways donnerten.

»Wollte sie nicht mitkommen?«

»Ich habe sie nicht gefragt.« Glory zuckte die Schultern. »Tut mir leid. Aber es geht ihr gut.«

Er beließ es dabei.

»Weißt du, wann Pat zurückkommt?«

»Nein. Er wollte noch etwas Unaufschiebbares erledigen – was, sagte er nicht.«

»Okay. Dann wollen wir deine Erholungsphase nicht länger stören. Leg dich noch mal aufs Ohr. Wir sehen uns ja bestimmt noch öfter. Würde uns freuen, wenn ihr uns besucht. Pat weiß ja, wo wir zu erreichen sind. Sagst du ihm bitte, dass wir da waren?«

»Mach ich.«

Jim und Bob gingen zu ihrem Truck zurück.

Glory winkte ihnen und schloss die Wohnungstür.

»Danke«, sagte der weißhaarige Mann, der ihr aus dem Schlafzimmer entgegenkam.

»Wo waren wir eigentlich stehengeblieben?«, fragte sie neckend.

»Ich wollte mein Geschenk auspacken«, grinste Pat etwas verlegen. Dabei strichen seine Blicke unmissverständlich über ihr bunt-fließendes Gewand.

»Worum ich gebeten haben möchte …«

Billy the Kid kläffte übermütig.

Seiner Rolle als »Anstands-Wauwau« wurde er nur unzulänglich gerecht.

 

 

Details

Seiten
106
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940022
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v588156
Schlagworte
erbin zelle

Autor

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Titel: Die Erbin in der Zelle