Lade Inhalt...

Carringo und der Sohn des Killers

2020 121 Seiten

Zusammenfassung


Chaco, das Halbblut, hat den Posten des Marshals in Prescott übernommen. Als ein paar Radaubrüder in die Stadt kommen und diese für Unruhe sorgen, fangen die Bürger an, sich gegen ihn aufzulehnen, denn in der Zelle sitzt ein alter Indianer, dem die Radaubrüder absichtlich zu viel Alkohol und danach eine Waffe gaben, mit der er auf der Straße herumballerte.
Als Jason Chisum, der sich als Bundesrichter von Nevada ausgibt, in den Ort kommt, stachelt er die Leute noch mehr auf. Im Namen Gottes soll nicht nur das Halbblut gerichtet werden ...

Leseprobe

Table of Contents

Carringo und der Sohn des Killers

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Carringo und der Sohn des Killers

Western von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

Chaco, das Halbblut, hat den Posten des Marshals in Prescott übernommen. Als ein paar Radaubrüder in die Stadt kommen und diese für Unruhe sorgen, fangen die Bürger an, sich gegen ihn aufzulehnen, denn in der Zelle sitzt ein alter Indianer, dem die Radaubrüder absichtlich zu viel Alkohol und danach eine Waffe gaben, mit der er auf der Straße herumballerte.

Als Jason Chisum, der sich als Bundesrichter von Nevada ausgibt, in den Ort kommt, stachelt er die Leute noch mehr auf. Im Namen Gottes soll nicht nur das Halbblut gerichtet werden ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Carringo - reißt einem üblen Betrüger die Maske der Heuchelei vom Gesicht.

Chaco - verteidigt das Gesetz mit Klauen und Zähnen und wird gerade deswegen verdammt.

Jason Chisum - Er verkündet das Wort Gottes, doch er trachtet nach Blut und Geld.

Bill Ferrar - Sein Sohn wurde ermordet, und er fordert dafür Vergeltung - wen sie trifft, ist ihm gleichgültig.

Quinn Heston - Sein Name ist sein Fluch, denn sein Vater war ein Killer, für dessen Untaten er bezahlen soll.

 

 

1

Es war ein heißer Tag gewesen. Heiß und trocken wie die meisten Tage in Prescott. Jetzt endlich hatte sich die Hitze gelegt und war der kühleren Nacht gewichen. Aber einigen schien es zu kühl zu sein. Sie schienen sich wärmen zu wollen, obwohl ihr Blut noch heiß genug war, so heiß, dass es kochte.

Es war merkwürdig lebendig auf der Mainstreet, obwohl Mitternacht längst vorüber war. Hier und dort tauchten Gestalten auf, die sich lautlos bewegten und nicht miteinander sprachen.

Obwohl sie sich nicht verständigten, hatten sie doch alle das gleiche Ziel: das Marshal-Gebäude mit dem anschließenden Jail-Trakt.

Die meisten Bewohner einer Stadt waren gemeinhin froh, wenn sie mit diesen Häusern nichts zu tun hatten. Selbst wenn man über ein reines Gewissen verfügte, wurde man doch ungern mit dem Gefängnis in Verbindung gebracht. Allzu leicht entwickelten sich daraus Gerüchte, die einem lange anhingen. Die schweigsamen Gestalten in Prescott fürchteten das offensichtlich nicht.

Allerdings ging ihr Interesse nicht so weit, dass sie an die Tür geklopft und den Marshal aufgeweckt hätten, um ihm vielleicht von einer Schlägerei zu berichten oder ihm gar einen Unruhestifter, den sie überwältigt hatten, zu übergeben. Sie taten alles, um die Aufmerksamkeit des Gesetzeshüters nicht zu früh zu wecken.

Vor dem Office verharrten sie einige Zeit, bückten sich, fluchten leise, liefen durcheinander und konnten endlich doch ihren Triumph nicht unterdrücken, als die ersten Flammen am Vorbau hochzüngelten. Es war ihnen offenbar wirklich zu kühl. Das Feuer brannte nur zögernd, als wehre es sich dagegen, sich an einem Amtsgebäude zu vergreifen. Die Gestalten hatten weniger Skrupel. Sie schafften Stroh und trockenes Reisig heran, und schließlich fand sich auch ein kleiner Rest Petroleum, der die Flammen zum Auflodern brachte. Jetzt leckten sie gierig an dem Holz hoch, schwärzten die Balken und fraßen sich knisternd tiefer hinein.

Unverhohlener Jubel brach aus. Es war geschafft, und niemand hatte versucht, die Brandlegung zu verhindern. Und es griff auch jetzt keiner ein. Die Fenster und Türen der benachbarten Häuser blieben geschlossen. Dabei füllten sich sonst in Windeseile die Straßen mit Neugierigen, wenn es etwas Interessantes zu sehen gab. War es nicht interessant genug, dass das Marshal’s Office brannte?

Die Gestalten zogen sich etwas zurück und betrachteten das gespenstische Schauspiel. Nein, Wärme suchten sie anscheinend doch nicht. Dafür waren ihre Gesichter auch zu sehr von Hass und Wut gezeichnet. Die meisten der Männer hielten ihre Gewehre umklammert. Sie starrten in die Flammen, die immer größer wurden. In ihren Augen spiegelten sich die zuckenden Lichter. Hastig wechselnde Schatten tanzten über sie weg.

Prescott verfügte selbstverständlich über eine Feuerwehr. Sie hatte sich schon in unzähligen Einsätzen bewährt. Wenn sie rechtzeitig am Ort des Geschehens eintraf, hatten die raubenden Flammen selten eine Chance gegen sie. Diesmal tauchte sie nicht auf. Niemand schlug Alarm.

Der Brandgeruch wurde immer stärker, der schwarze Rauch zog beißend über die Straße. Das Feuer verursachte einen so grellen Lichtschein, dass sogar der Mond unscheinbar wurde.

Eigenartig war, dass nicht mal der Marshal selbst etwas unternahm, um den Brand unter Kontrolle zu bringen und die Flammen zu löschen.

 

 

2

Chaco hatte ein feines Gehör. Besonders empfindlich war es, wenn die Situation es erforderte. Schon bei den ersten wahrnehmbaren Geräuschen war er hellwach.

Er hatte auf seinem Stuhl geschlafen, denn die Stimmung in der Stadt war äußerst gespannt. Sie war von der Art, die es unvorsichtig erscheinen ließ, im Bett zu schlafen. Jeden Augenblick konnte es zur Entladung kommen, und dieser Augenblick war jetzt eingetreten.

Chaco schüttelte den Schlaf ab wie ein Hund das Regenwasser. Er erkannte sofort, was sich draußen auf der Straße tat. Ein paar von diesen Hitzköpfen hatten sich dazu hinreißen lassen, sich gegen ihren Marshal zu stellen. Es fiel ihnen schwer, seine Handlungsweise zu begreifen, und sie gaben sich auch keine große Mühe.

Umso wichtiger war es, dass wenigstens er jetzt Ruhe bewahrte. Wenn auch alles in ihm danach drängte, seine Winchester vom Haken zu reißen und auf die Straße zu stürzen, um die Kerle draußen zur Vernunft zu bringen, so wusste er doch, dass sie gerade das von ihm wollten.

Es war eine ziemliche Meute, die sich versammelt hatte, und sie lauerten nur darauf, dass er sich blicken ließ, damit sie ihn schnappen und festhalten konnten. Umbringen wollten sie ihn sicher nicht. Soweit würden sie nicht gehen. Sie waren auf seine Gefangenen aus. Sie wollten sie herausholen. Vor allem natürlich den alten Saguaro.

Wenn es einen Menschen gab, den die Wut dieser aufgebrachten Männer zu unrecht traf, dann war es der erbarmungswürdige, stets besoffene Apache, mit dem sich ein paar Halunken einen niederträchtigen Spaß erlaubt hatten.

Chaco hatte ihn hauptsächlich zu seinem eigenen Schutz in Haft genommen. Die nächtliche Schießerei in Prescott, bei der einiger Schaden angerichtet worden war, ging auf das Konto der fünf rauflustigen Maultiertreiber, von denen er immerhin zwei ebenfalls eingesperrt hatte.

Er konnte sich lebhaft vorstellen, was die ehrbaren Bürger mit dem wehrlosen Indianer vorhatten. Sie wollten ihre eigenen Gesetze einführen, und so ein haltloser, aber im Grunde harmloser Säufer war ihnen gerade recht dazu, besonders wenn er dummerweise eine rote Hautfarbe hatte.

Chaco unterdrückte nur mit Mühe seinen Zorn. Er hatte es gründlich satt, für diese Bande den Marshal zu spielen. Sie sollten sich einen anderen suchen. Er weinte dem Job keine Träne nach.

Aber dieses Problem war im Moment zweitrangig. Er konnte nicht alles hinwerfen und Saguaro seinem Schicksal überlassen. Er war für ihn verantwortlich und durfte nicht zulassen, dass er womöglich gelyncht wurde. Allerdings war ein Tod durch Verbrennen auch nicht angenehmer. Chaco hörte bereits das Krachen der Flammen. Er stand vor der Wahl. Ging er hinaus auf die Straße, um das Feuer zu löschen, dann fielen die wütenden Männer über ihn her, und wenn er nicht wenigstens einen von ihnen erschießen wollte, würden sie ihn überwältigen und seine Gefangenen herausholen. Blieb er dagegen im Office und wartete ab, dann verbrannte er mitsamt dem Gebäude und den Zelleninsassen. Damit war erst recht keinem geholfen.

Chaco ballte die Hände. Mit unruhigen Schritten durchmaß er das Office und rang um einen Entschluss.

Währenddessen rannen die Minuten dahin, und das Feuer griff immer weiter um sich.

 

 

3

Zum Glück war auch mein Schlaf in dieser Nacht nicht sehr tief. Zu viel ging mir im Kopf herum. Nicht zuletzt sorgte ich mich um Manuela, die bei der nächtlichen Knallerei durch einen Querschläger eine Verletzung am linken Arm davongetragen hatte und mit Fieber kämpfte.

Auch sonst war in Prescott eine Menge so, wie es eigentlich nicht sein sollte. Dafür hatten in erster Linie die fünf Maultiertreiber gesorgt, die den Apachen Saguaro voll Whisky gepumpt und ihm anschließend ein Gewehr in die Hand gedrückt hatten, mit dem der betrunkene Apache natürlich durch die Gegend ballerte. Die eigentlich Schuldigen hatten sich verdrückt. Trotzdem war es uns gelungen, zwei von ihnen ins Jail zu stecken.

Der Zorn der Bevölkerung richtete sich mehr und mehr gegen Chaco, der den Apachen nicht herausrückte. Man griff ihn sogar auf offener Straße an und beschimpfte ihn. Wir hatten versucht, die Gefangenen heimlich aus der Stadt zu bringen, damit sich die erhitzten Gemüter wieder beruhigten, aber die aufgebrachten Männer hatten das verhindert. Sie nahmen eine drohende Haltung ein, die durch die Anwesenheit des verletzten Quinn Heston, den sie für einen gefährlichen Revolverschwinger hielten, nicht gerade harmloser wurde.

Mit Männern, die sonst ruhig und besonnen waren, ließ sich plötzlich nicht mehr vernünftig reden. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass jeden Augenblick eine Explosion stattfinden konnte, und als ich den Feuerschein sah, wusste ich, dass es soweit war.

Hastig schlüpfte ich in meine Sachen und zog mich unterwegs fertig an. Ich nahm mir keine Zeit, auf meine Kleidung zu achten. Ich stürzte auf die Straße und sah rasch, dass die Wahnsinnigen das Marshal’s Office angezündet hatten. Chaco steckte in einer verteufelten Zwickmühle. Klar, dass ich versuchen musste, ihn da wieder rauszuholen.

Die Männer sahen mir mit finsteren Gesichtern entgegen, aber sie verhinderten nicht, dass ich Wasser holte. Unvermutet erhielt ich tatkräftige Unterstützung. Von der Wells Fargo Agentur stürmte Noah heran. Auch sein Aufzug war wenig salonfähig, doch das kümmerte den kräftigen Neger nicht. Seine gutmütigen Augen rollten entschlossen. Er stieß zwei Burschen zur Seite, die ihm den Weg versperrten und schleppte keuchend zwei Kübel mit Wasser herbei.

Wir waren schon reichlich spät dran. Das Feuer hatte ziemlich zugelegt. Das bisschen Wasser, das wir heranschleppen konnten, verzischte fast wirkungslos in der Hitze. Allein konnten wir das unmöglich schaffen.

Unser Eingreifen schien jedoch eine Art Signal zu sein. Es gab noch Männer in der Stadt, für die die Grenze des berechtigten Unwillens überschritten war, die jedoch nicht gewagt hatten, sich gegen die Mehrzahl zu stellen. Zwei, drei Männer tauchten neben uns auf und halfen kräftig mit, das Feuer zu löschen.

Von den anderen Burschen war plötzlich nichts mehr zu sehen. Sie hatten sich schleunigst zurückgezogen, als sie sahen, dass Chaco Hilfe erhielt. Aber sicher hielten sie sich noch in der Nähe auf, um bei der nächsten günstigen Gelegenheit wieder zuzuschlagen.

Endlich zeigte sich der Erfolg. Es war uns gelungen, die Flammen niederzukämpfen. Während Noah noch immer verbissen die Wasserkübel heranschleppte, schnappte ich mir einen von unseren Helfern und stellte ihn zur Rede: „Was ist los, Leute? Wieso wird das Office unseres Marshals in Brand gesetzt?“

Der Bursche wand sich und wollte nicht mit der Sprache heraus. Aber ich war sicher, dass er und die beiden anderen genau über das Vorhaben der übrigen Bescheid wussten.

„Ich habe keine Ahnung, Mister“, behauptete der Bursche verlegen. „Wir haben die Flammen gesehen und uns gedacht, dass es da brennt. Natürlich sind wir gleich hergelaufen, um zu retten, was zu retten war.“

„Das werden euch die anderen übelnehmen.“

„Die anderen? Welche anderen? Ich weiß wirklich nicht ...“

„Stell dich nicht dümmer, als du bist! Das hier war glatte Brandstiftung. Und sie richtete sich gegen unseren Marshal.“

Der andere lachte kurz auf.

„Unser Marshal?“, fragte er. „Wessen Marshal ist der eigentlich?“

„Was soll das heißen?“

„Na ja, manchmal hat man schon das Gefühl, dass er mit dem Gesetz auf Kriegsfuß steht. Er schützt die Verbrecher und sperrt ehrliche, weiße Bürger ein. Ich will nichts gesagt haben, aber für einen Mann, der den Stern trägt, ist das schon ein unverständliches Verhalten.“ Er riss sich los und lief hinter den beiden anderen her, denen die Fragerei ebenfalls peinlich war.

Das Feuer war erloschen, die Männer, die es gelegt und jene, die es gelöscht hatten, waren verschwunden, und ich hatte die Bestätigung für das erhalten, was ich bereits vorher gewusst hatte: Die Leute waren unzufrieden mit Chaco, weil ein paar Krakeeler Unfrieden gesät hatten.

 

 

4

Chaco akzeptierte dankbar, dass ich die Nacht bei ihm blieb, damit er wenigstens noch ein paar Stunden schlafen konnte. Er brauchte Kraft für den nächsten Tag. Mit dem Feuer war die Unzufriedenheit noch längst nicht beseitigt. Die Männer würden etwas Neues aushecken, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie das Gesetz in die eigene Hand nahmen und sich mit Gewalt Zutritt zum Jail verschafften. Dann würde eine offene Auseinandersetzung nicht zu vermeiden sein und Blut fließen. Wahrscheinlich auf beiden Seiten.

Meine Befürchtungen waren nicht grundlos. Bereits sehr früh am Morgen tauchten die ersten Leute vor dem Office auf. Chaco spähte durchs Fenster und sah mich dann verbissen an.

„Es sind nicht deine Freunde von der letzten heißen Nacht“, sagte ich, als ich mir die Männer und Frauen angesehen hatte.

„Nein! Das ist es ja gerade, was mich beunruhigt. Sie haben sich bis jetzt ruhig verhalten und sind jedem Streit aus dem Weg gegangen. Wenn auch sie sich jetzt engagieren, ist das ein schlechtes Zeichen.“

Ich versuchte ihn zu beruhigen, obwohl ich selbst von der Wahrheit meiner Worte nicht überzeugt war: „Vielleicht stehen sie auf deiner Seite und wollen das demonstrieren.“

Chaco lachte freudlos.

„Auf meiner Seite? Sieh dir mal ihre Gesichter an! Die platzen fast vor Zorn. Sogar O’Brian ist mit seiner Frau dabei. Sie sieht wie eine Furie aus, und wenn sie könnte, würde sie mir die Augen auskratzen.“

Die Leute hatten vor dem Gelände Aufstellung genommen, und Chaco trat ihnen furchtlos entgegen. Er trug seinen Revolvergürtel über den Hüften. Momentan hatte er allen Grund, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Ich hielt mich etwas im Hintergrund, aber immerhin so, dass die Meute mich sehen konnte. Ich hoffte, dass dadurch der eine oder andere von einer unüberlegten Handlung abgehalten wurde.

„Geben Sie ihn heraus, Marshal!“, plärrte eine hysterische Stimme.

„Von wem reden Sie, Duffer?“, fragte Chaco den knorrigen Mann, der ihn wütend anblitzte.

„Das wissen Sie genau. Ich meine den Mann, der überall als Unruhestifter bekannt ist. Er ist ein gefährlicher Revolverschwinger. Wir wollen solch einen Kerl nicht in unserer Stadt haben.“

„Darin sind wir uns einig, Duffer. Auch ich habe kein Interesse an Unruhestiftern, und ich werde gegen jeden, der das vergisst, mit der Härte des Gesetzes vorgehen.“

„Ha!“, kreischte Elisabeth O’Brian, die zänkische Frau des Drugstorebesitzers. „Sie wissen doch gar nicht mehr, was das Gesetz ist. Tun Sie endlich Ihre Pflicht, Marshal, und weisen Sie den Kerl aus der Stadt, damit wir wieder in Ruhe leben und vor allem friedlich schlafen können!“

„Ich habe ein paar Radaubrüder in den Zellen. Sie werden ihre Strafe kriegen.“

„Von denen reden wir nicht“, meldete sich ein Dritter. „Wir meinen Quinn Heston.“

„Leider habe ich euch dann falsch verstanden. Ich glaube, ihr meint einen schießwütigen Killer.“

„Genau! Heston ist solch ein Killer. Er gefährdet den Frieden in unserer Stadt und muss weg von hier.“ Beifälliges, erregtes Gemurmel zeigte die allgemeine Stimmung.

Chaco hob beschwichtigend die Arme.

„Ihr irrt euch“, sagte er ruhig. „Der Mann, von dem ihr sprecht, heißt zwar Quinn Heston, doch er ist lediglich der Sohn des berüchtigten Killers, der genauso hieß. Der Junge hat noch nie gegen das Gesetz verstoßen, und das allein zählt für mich, nicht sein belasteter Name.“

„Quinn Heston ist Quinn Heston. Der Sohn ist wie der Vater, das ist ein offenes Geheimnis.“

„Gut! Wenn ihr ihm auch nur ein einziges Vergehen nach weisen könnt, werde ich mich um ihn kümmern. Bis dahin aber bleibe ich dabei, dass er unschuldig ist. Er ist alles andere als ein eiskalter Revolverschwinger. Im Übrigen ist er verletzt, und in dieser Stadt erhält jeder ärztliche Hilfe, wenn er sie braucht.“

„Die Hilfe des Marshals erhalten aber anscheinend nur Lumpen und Verbrecher.“

Chaco platzte fast das Kragen. Derartiges Geschwätz hörte er in der letzten Zeit ziemlich oft, und er war es leid, sich Beihilfe von Pack und Gesindel nachsagen zu lassen.

„Ich kann als Marshal nicht gegen unschuldige Leute vorgehen, nur weil sie zufällig einen bestimmten Familiennamen mit sich herumschleppen. Der Kampf gegen die wirklichen Halunken reicht mir völlig. Heston hat weder in Prescott noch sonst wo eine strafbare Handlung begangen, also wird er in Ruhe gelassen. Sobald er wieder gesund ist, liegt es an ihm, ob er hierbleiben will oder lieber weiterzieht.“

Ich war mindestens so ärgerlich wie Chaco. Schließlich war das im Grunde meine Schuld, denn ich hatte diesen Quinn Heston halb tot am Rande der Wüste gefunden, als ich mit Jellico auf der Jagd gewesen war. Und ich hatte ihn hergeschafft, damit er ärztlich versorgt werden konnte, denn er befand sich körperlich in einem verheerenden Zustand.

Aber ich mischte mich in die Debatte nicht ein. Chaco wurde auch allein mit den aufrührerischen Leuten fertig, die natürlich von der allgemeinen Stimmung erfasst wurden, die augenblicklich in der Stadt herrschte. Sie waren wie von Sinnen und logischen Argumenten längst nicht mehr zugänglich. Selbst ein schriftlicher Unschuldsbeweis dieses Mannes, den sie ins Visier genommen hatten, hätte sie von ihrer vorgefassten Meinung kaum abgebracht.

Die Frauen und Männer fühlten sich im Recht. Die Auseinandersetzung wurde immer unerfreulicher. Ich schämte mich für meine Mitbürger, die jedes Maß verloren hatten.

„Wozu ist der Marshal eigentlich da?“, schrie einer.

„Um für Ordnung zu sorgen“, gab Chaco finster zurück.

„Gewäsch! Schließlich werden Sie von der Stadt bezahlt, also haben Sie sich gefälligst auch nach dem Willen der hier lebenden Bürger zu richten.“

„Ich habe mich nach den geltenden Gesetzen zu richten“, korrigierte der Marshal. „Und die Gesetze besagen, dass Verbrecher und Gauner bestraft, unschuldige Menschen aber beschützt werden müssen.“

Höhnisches Gelächter antwortete ihm.

„Dann sind wohl wir die Gauner und dieser Heston der arme Verfolgte? Ich will Ihnen sagen, Marshal, warum Sie auf der Seite des Killers stehen.“

„Da bin ich gespannt.“

„Weil Sie selbst ein Revolvermann sind.“

„Sie wissen nicht, was Sie reden, Duffer“, sagte Chaco gefährlich leise.

„Das weiß ich sehr wohl, und jeder, der hier steht, weiß das. Mit Saguaro, dem Säufer und Tagedieb, der für alle in seiner Umgebung eine Gefahr ist, verhält es sich nämlich genauso. Er ist ein Indianer, und Sie sind ebenfalls indianischer Abstammung. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, das war schon immer so. Aber noch nie war es in Prescott so unsicher wie gerade jetzt.“

„Ich habe mich nicht als euer Marshal aufgedrängt. Ich bin ordnungsgemäß zu diesem Amt berufen worden, und schon zu dieser Zeit hat jeder hier in der Stadt meine Hautfarbe gekannt. Ein Halbindianer bin ich nicht erst seit gestern. Ich denke nicht daran, das Gesetz zu beugen, solange ich den Stern trage, nur weil ein paar Narren die Wahrheit nicht begreifen wollen.“

„Wir begreifen sehr gut, was hier gespielt wird, Marshal. Aber wenn Sie nicht wollen oder wenn Sie nicht fähig sind, das Recht in der Stadt wiederherzustellen, werden wir es uns eben allein suchen.“

„Eure Suche nach dem Recht sieht sehr seltsam aus. Es war mir bisher neu, dass man dazu Feuer legen muss. Glaubt ihr, dass man das Recht dann besser erkennen kann?“ Finsteres Schweigen antwortete ihm. „Und wenn ihr die ganze Stadt niederbrennt“, donnerte Chaco, „werdet ihr doch die Gesetze nicht ändern! Ihr schafft nur ein Chaos, das euch schon bald über den Kopf wachsen wird. Ob ihr es gern hört oder nicht: MEINE Gefangenen bleiben, wo sie sind, und Quinn Heston wird gesund gepflegt, bevor er selbst entscheidet, ob ihm eine Stadt mit solchen Bürgern nicht zu mies ist, um sich länger hier aufzuhalten.“

Niemand antwortete ihm. Außer einem unwilligen Grollen war nichts zu hören. Ich wusste, Chaco hatte sie nicht überzeugt, aber sie hatten auch erkannt, dass sie momentan nichts gegen den Entschlossenen ausrichten konnten. Deshalb zogen sie sich murrend zurück. Die Blicke, die sie ihrem gewählten Marshal zuwarfen, sagten mehr als tausend wütende Worte.

Chaco kehrte ins Office zurück. Missmutig schlug er die Tür hinter sich ins Schloss. Unsere Blicke trafen sich. Ich verstand ihn sehr gut, denn ich wusste genau, wie es in seinem Inneren aussah.

„Meine Tage als Marshal sind hier gezählt“, erklärte Chaco mit fester Stimme.

Ich versuchte nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Es wäre sinnlos gewesen. Chaco hatte sein Amt immer ernst genommen. Er hatte sich nicht geschont, wenn es darum ging, das Recht zu verteidigen. Doch ihm selbst billigte man kein Recht zu. Er war ein Halbindianer, das konnte auch der Stern auf seiner Weste nicht verdecken. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, dass die ewig Unbelehrbaren seine Hautfarbe zum Anlass nahmen, ihm die Schuld für jede Missstimmung in der Stadt zu geben.

Natürlich, Chaco wäre stark genug gewesen, sich trotzdem durchzusetzen, aber er sah keinen Sinn darin, sich für eine Stadt zu zerreißen, die ihm nicht mehr vertraute. Er war nicht der Mann, der sich hinter einem Amt versteckte und den Weg des geringsten Widerstands ging. Er folgte einzig und allein seinem Gewissen, und darin hatte er einen guten Wegweiser, wenn er auch manchem nicht gefiel.

„Du willst also den Kram hinschmeißen?“, fragte ich vorsichtig.

Chaco schüttelte enttäuscht den Kopf.

„Nein! Du weißt, dass ich mich nicht drücke.“

„Das hast du nie getan.“

„Ohne Zwang wird das auch diesmal nicht geschehen. Ich werde durchhalten, denn die Stadt braucht gerade in diesen Tagen einen Marshal. Sonst geschieht noch weiteres Unrecht, und die aufgehetzten Horden schüren das Feuer, bis ganz Prescott in Flammen steht. Noch ein letztes Mal will ich dafür sorgen, dass Recht Recht bleibt und wieder Ruhe einkehrt. Aber danach, das kannst du mir glauben, soll den verdammten Stern tragen, wer Lust dazu hat.“

 

 

5

Der Tag war noch jung, als vier Fremde in die Stadt ritten. Kaum einer beachtete sie, und doch würden sie schon bald die Aufmerksamkeit aller in Prescott beanspruchen.

Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, der die sechzig schon fast erreicht hatte, führte die kleine Gruppe an. Er hatte eisgraues, noch volles Haar und einen ebensolchen Vollbart. Beides hätte ihm ein würdiges Aussehen verliehen, wenn nicht der fanatische Glanz in seinen Augen zur Vorsicht gemahnt hätte. Gleich hinter ihm ritt ein Mann, der um einige Jahre jünger war als sein Vordermann, obwohl er älter aussah. Das lag an seinem weißen Haar und dem faltigen Gesicht. Auch seine Augen verhießen nichts Gutes.

Der Jüngste der Gruppe ritt neben ihm. Sein Gesicht wirkte nicht besonders intelligent, aber er war stämmig und stiernackig, ein Bursche also, der sich durch andere Fähigkeiten als durch Geistesgaben Respekt erzwang.

Den Schluss bildete die Karikatur eines Menschen. Er hing wie ein nasser Lappen im Sattel. Sein Rücken war gekrümmt, und er maß aufrecht stehend allenfalls fünf Fuß. Seine Hände waren unförmig wie zwei Dreschflegel. Es war nicht zu bezweifeln, dass sie bei dieser Tätigkeit am geschicktesten sein würden. Er hatte ein ausgesprochen hässliches, abstoßendes Gesicht, in dem die tiefliegenden Froschaugen ihm etwas Dämonenhaftes verliehen. Selbst bei geschlossenem Mund standen seine gelblichen Zähne weit vor. Misstrauisch musterte er die Häuser beiderseits der Mainstreet, durch die sie ritten.

Er hatte sich noch kein endgültiges Urteil gebildet. Der Mann mit dem eisgrauen Bart dagegen war zufrieden. Er spürte, dass er in dieser Stadt jenen Boden finden würde, den er für seine Aktionen bevorzugte. Die Menschen waren unruhig. Er sah ihnen die Missstimmung an. Irgendetwas stank in Prescott, und er wollte nicht Jason Chisum heißen, wenn er diesen Umstand nicht ausnutzen würde.

Die vier hielten direkt auf das Marshal’s Office zu, das weithin zu erkennen war. Sie stiegen von ihren Pferden und befestigten die Zügel am Balken vor dem Gebäude. Ohne auf die anderen zu achten, stieß Jason Chisum die Tür zum Office mit dem Stiefel auf und blieb breitbeinig in dem Viereck stehen. Seine durchdringenden Augen maßen prüfend den Raum, als wollten sie Besitz davon ergreifen. Die anderen Männer blieben in respektvollem Abstand hinter ihm stehen.

Chaco und ich wechselten einen raschen Blick. Wir waren uns nicht im Klaren, in welcher Absicht die Fremden uns aufsuchten.

Zunächst schien ihr Wortführer jedenfalls ein Freund wirkungsvoller Effekte und Gesten zu sein. Er stellte den linken Fuß etwas vor, legte seine rechte Hand auf die reichlich geblähte Brust, hob die Linke, als wollte er uns segnen, und erklärte dann mit tiefer, sonorer Stimme: „Mein Name, ist Jason Chisum. Der Herr hat mich auf dem Pfad in diese Stadt geleitet, denn es steht geschrieben: Du sollst nicht ablassen, das Böse zu verfolgen und die Sünde zu zertreten, denn sie hat keinen Platz unter den Meinen.“ Er trat ein paar Schritte näher und stand nun dicht vor mir. Dabei saugten sich seine Augen an den meinen fest. Es glitzerte eigentümlich darin. Dieses Glitzern warnte mich, so wie mich sein pathetischer Auftritt belustigte. Anscheinend hielt mich dieser eigenartige Prediger für den Marshal, deshalb klärte ich ihn über seinen Irrtum auf.

Sein Kopf zuckte überraschend herum.

„Der ist euer Marshal?“, fragte er staunend. „Aber er ist doch ... Äh, nun ja, eine seltsame Stadt, für wahr!“

Seltsam war allenfalls dieser Mensch, der sich wohl für den Allmächtigen selber hielt. Ich versuchte inzwischen, die übrigen Männer einzuordnen, konnte mich allerdings eines unguten Gefühls nicht erwehren. Ich ahnte unbewusst, dass mit ihrem Auftauchen die Schwierigkeiten in Prescott nicht geringer zu werden versprachen.

„Ich bin Marshal Gates“, erklärte Chaco und tat, als hätte er den Grund von Chisums Erstaunen nicht begriffen. „Womit kann ich Ihnen helfen, Mister Chisum?“

Der Grauhaarige musste sich regelrecht zwingen, zu Chaco und nicht zu mir zu sprechen. Er behielt seine theatralische Pose bei, wechselte lediglich den Fuß und deklamierte stolz: „Sie sehen in mir den Bundesrichter aus Nevada, äh - Marshal. Um einen gesuchten Mörder zur Strecke zu bringen, war mir kein Weg zu weit.“

„Das ist anerkennenswert“, sagte Chaco und verbiss sich ein Grinsen. Er hatte nicht übel Lust, seinen Finger in den Bauch des Aufgeblähten zu pieken, um die Luft herauszulassen. „Und haben Sie Ihren Mörder inzwischen gefunden oder gefangen?“

„Gefunden, ja! Gefangen noch nicht. Aber er müsste sich in dieser Stadt aufhalten. Ich bin ganz sicher.“

„In Prescott? Tatsächlich? Können Sie den Mann näher beschreiben?“

„Ich weiß sogar seinen verruchten Namen“, sagte der Richter hoheitsvoll. „Er heißt Quinn Heston.“

„Quinn Heston?“ Chacos prüfender Blick huschte von einem zum anderen. Jetzt war auch er sicher, dass er mit den Kerlen wenig Spaß haben würde.

„Wenn Sie wirklich hier Marshal sind, müssen Sie wissen, ob sich der Mörder in der Stadt herumtreibt.“

„Nun“, sagte Chaco ernst, „es gibt tatsächlich einen Mann dieses Namens in Prescott, doch handelt es sich nicht um den Killer, den Sie suchen, sondern um dessen Sohn, der noch sehr jung ist. Es tut mir leid, Mister Chisum, dass Sie sich der langen Reise umsonst unterzogen haben, aber der richtige Heston ist längst tot.“

„Tot?“

„So ist es. Bereits vor zwei Jahren. Sie sind zu spät dran. Der Fall hat sich von selbst erledigt.“

Jetzt trat erbost und mit glühenden Augen der Weißhaarige vor und donnerte: „Was heißt hier erledigt? Das kann jeder behaupten. Dafür sind wir nicht die weite Strecke geritten. Ich verlange, dass Sie uns den Mörder ausliefern.“

Chacos Augen zogen sich zu engen Spalten zusammen.

„Sind Sie auch Richter in Nevada?“ Der Spott war nicht zu überhören.

Ich rechnete damit, dass der Fremde explodieren würde, aber er sah ihn nur wild an und sagte hastig: „Ich heiße Bill Ferrar, und das dort ist mein Sohn Rand. Ich hatte noch einen zweiten Sohn. Der hieß Gaines. Fragen Sie mal den Revolvermann, was aus ihm geworden ist!“

Chaco wehrte entschieden ab.

„Ich hoffe, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt. Der Quinn Heston, den Sie suchen, lebt nicht mehr. Es war der Vater, nicht der Sohn.“

„Hören Sie, Marshal, ob der Schuft alt oder jung ist, ist uns ganz egal, jedenfalls muss er hängen.“

„Hängen? Obwohl er nichts verbrochen hat?“

„Das zu entscheiden, müssen Sie schon mir als Richter überlassen!“, fuhr Jason Chisum dazwischen. „Ich habe schon aus dem verstocktesten Lumpen ein Geständnis herausgebracht. In der Schrift steht: Alles Klagen nutzet euch nichts, und euer Schreien werden die Vögel der Vergeltung übertönen.“

Dieser wortgewaltige Mann legte die Heilige Schrift ziemlich eigenwillig aus. Wenn er das bei den Gesetzbüchern in ähnlicher Manier tat, stand es schlimm mit der Gerechtigkeit in Nevada.

„Können Sie sich überhaupt ausweisen, Mister Chisum?“

„Bitte?“ Der Richter starrte Chaco an, als hätte er von ihm verlangt, seinen eigenen Sattel zu tragen.

„Ich meine“, versuchte Chaco sich noch verständlicher auszudrücken, „Sie werden sich doch wohl legitimieren können.“

„Als Bundesrichter wissen Sie wahrscheinlich, dass das üblich ist“, ergänzte ich mit ironischem Lächeln. „Zumal wir uns hier in Arizona und nicht in Nevada befinden.“

Jason Chisum hatte Mühe, seine Haltung zu bewahren. Er schickte sich an, eine neue Rede vom Stapel zu lassen.

Der vierte der Runde, der sich die ganze Zeit in unterwürfigem Abstand hinter dem sogenannten Richter gehalten hatte und einer schmierigen Ratte weitaus eher glich als einem Menschen, hatte anscheinend sein Stichwort erhalten. Wie ein bösartiges Tier sprang er mich an und schrie außer sich: „Das ist ungeheuerlich! Eine Frechheit ist das, wie sie uns noch nirgends zugemutet wurde. Richter Chisum hat es nicht nötig, sich derart behandeln zu lassen.“

„Warum hat der Richter es nicht nötig, sich nach den Vorschriften zu richten?“, fragte Chaco, während ich die Ratte wie ein lästiges Ungeziefer abwehrte.

Der Bursche hielt einen Moment inne, dann wandte er sich mit dem gleichen Eifer Chaco zu und fauchte ihn an: „Das wagt ein ... ein Mischling zu fragen? Wer sagt uns denn, dass Sie Marshal sind? Schlimm genug wäre es. Wo ist denn Ihre Legitimation? Los, weisen Sie sich aus, Mister Gates!“

Chaco war eine Menge gewohnt, aber dass jemand in seinem eigenen Office in Frage stellte, dass er den Stern zurecht trug, brachte ihn doch aus der mühsam erzwungenen Ruhe. Er packte den zeternden Burschen am Kragen und warf ihn in hohem Bogen durch die Tür.

Der Halunke raffte sich sofort wieder auf und kehrte augenblicklich zurück. Sein Blick war heimtückisch und verhieß eine neue Gemeinheit. Sein schwarzes, fettiges Haar hing ihm strähnig ins Gesicht. In seinen Augen tummelten sich Blitze. Er stieß Verwünschungen hervor, und erst jetzt fiel mir auf, dass er lispelte. Das tat er vermutlich immer dann, wenn er aufgeregt war.

Jason Chisum hielt ihn zurück.

„Vergreife dich nicht an diesem fragwürdigen Hüter des Gesetzes, Crinkle“, sagte er hoheitsvoll. „Im Buch der Bücher heißt es: Sie werden erscheinen mit flammenden Schwertern, und die Welt wird neu geschaffen werden.“

Er gestikulierte wie ein Kapellmeister, und die Ratte, die er Crinkle genannt hatte, gehorchte augenblicklich und schenkte ihrem Meister einen hündischen Blick.

Nur die beiden Ferrars hatten nicht die Absicht, unverrichteter Dinge das Feld zu räumen. Der Alte rang nach Worten, was ihm sichtlich schwerfiel. Dafür näherte sich seine Faust verdächtig dem Revolver, und auch sein Sohn Rand fand, dass hier nur noch Gewalt zum Ziel führte.

Dieser Ansicht waren wir nun allerdings auch. Offenbar bildete sich jeder ein, mit dem Marshal von Prescott nach eigenem Belieben umspringen zu dürfen. Wenn die Bürger der Stadt unter Umständen noch ihre Sorge um den Frieden von Prescott vorschieben konnten, so hatten diese hergelaufenen Fremden überhaupt nichts zu melden.

Ich schnappte mir Bill Ferrar, der sich wütend wehrte, und beförderte ihn in die Nähe seines Pferdes. Chaco tat das Gleiche mit dessen Sohn, der nicht wusste, wie ihm geschah.

Jason Chisum wartete nicht ab, ob der Marshal wagen würde, auch gegen ihn handgreiflich zu werden. Er zog sich freiwillig, aber mit gekonnter Gebärde zurück. Dabei versäumte er jedoch nicht, die wildesten Drohungen und Verwünschungen gegen uns auszustoßen.

„Ich werde eine Untersuchung gegen Sie veranlassen, Marshal. Man wird Sie mit Schimpf und Schande davonjagen. Sie haben nicht ungestraft die Gesetzestafeln zerschlagen.“

Als endlich wieder Ruhe in das Office eingekehrt war, grinste Chaco mich an.

„Was hältst du von dem sonderbaren Heiligen?“

„Fürchtest du, dass er dir schaden kann?“

Chaco grinste geringschätzig.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940015
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
carringo killers sohn

Autor

Zurück

Titel: Carringo und der Sohn des Killers