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Die Welt ist kein gerechter Ort - Ein Katharina Ledermacher Krimi

©2020 83 Seiten

Zusammenfassung


Jan Diesbach und sein Komplize Heinz Kessler überfallen ein Juweliergeschäft und erbeuten Schmuck im Wert von einhunderttausend D-Mark. Diesbach wird verhaftet und zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Kessler gelingt mit der Beute die Flucht. Nach seiner Entlassung macht sich Diesbach auf die Suche nach Kessler. Im Auftrag der Versicherung nimmt Privatdetektivin Katharina Ledermacher die Verfolgung auf. Schon bald stößt sie auf eine Leiche.

Leseprobe

Table of Contents

Die Welt ist kein gerechter Ort

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Die Welt ist kein gerechter Ort

Ein Katharina Ledermacher Krimi

von Bernd Teuber

nach Motiven von Richard Hey

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 83 Taschenbuchseiten.

 

Jan Diesbach und sein Komplize Heinz Kessler überfallen ein Juweliergeschäft und erbeuten Schmuck im Wert von einhunderttausend D-Mark. Diesbach wird verhaftet und zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Kessler gelingt mit der Beute die Flucht. Nach seiner Entlassung macht sich Diesbach auf die Suche nach Kessler. Im Auftrag der Versicherung nimmt Privatdetektivin Katharina Ledermacher die Verfolgung auf. Schon bald stößt sie auf eine Leiche.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die beiden Männer standen im Torbogen und beobachteten das Juweliergeschäft auf der anderen Straßenseite. Jan Diesbach war Mitte dreißig und ziemlich dünn. Auf seinem Kopf trug er eine schäbige Wollmütze. Die übrige Kleidung bestand aus einer verwaschenen Jeans und einer abgewetzten, dunkelbraunen Jacke.

„Meinst du wirklich, dass da drüben was zu holen ist?“, fragte er heiser.

„Natürlich. Mein Wort drauf“, erwiderte Heinz Kessler.

Er war gut fünf Jahre älter als sein Kumpel. Ein grobschlächtiger Bursche mit stupidem Gesichtsausdruck und einer dicken Nase mit so großen Löchern, dass man Erbsen hätte hineinwerfen können. Unter seiner Lederjacke zeichneten sich beachtliche Muskelpakete ab.

Diesbach nagte an seiner Unterlippe. „Bist du sicher?“

„Was soll die blöde Fragerei?“, knurrte Kessler gereizt. „Willst du nun das Ding mit mir durchziehen oder nicht? Wenn du kneifst, mach ich‘s eben allein.“

„Habe ich das behauptet?“

„Das merke ich an deinem dämlichen Gequatsche.“

„Irren ist menschlich …“

„Sagte der Igel und stieg von der Klobürste“, vollendete Kessler. „Komm mir jetzt nicht mit abgedroschenen Sprüchen. Ich habe dich gefragt, ob du mitmachst. Also, was ist?“

Diesbach blickte misstrauisch über die Straße. „Bist du sicher, das nichts schiefgehen kann?“

„Ja, zum Donnerwetter. Ich habe den Laden vorher genau ausgekundschaftet. Sonst noch Fragen?“

„Warum bist du so bissig? Ich mache ja mit. Aber hoffentlich wird die Sache kein Schuss in den Ofen.“

„Mann, mit dir zusammen ein Ding zu drehen, ist ‘ne echte Freude. Dir flattert schon vorher die Hose, als hättest du einen Propeller drin“, sagte Kessler wütend. „Komm endlich. Ich will hier keine Wurzeln schlagen.“

Die beiden Männer verließen die Einfahrt, überquerten die Straße und marschierten mit schnellen Schritten auf das Juweliergeschäft zu. Diesbach blickte sich unbehaglich nach allen Seiten um. Der Verkehr war zu dieser Vormittagsstunde spärlich, doch auf den Gehsteigen drängelten sich Männer und Frauen. Diesbach griff in die Tasche seiner Jacke und umklammerte den Griff der Pistole. Sein Blick streifte flüchtig die funkelten Colliers und hochkarätigen Steine im Schaufenster, dann stieß er die schwere Glastür zum Inneren des Geschäfts auf. Kessler folgte ihm.

In Sekundenschnelle registrierten sie die möglichen Gefahrenquellen: ein älteres Ehepaar, das sich von einer Verkäuferin eine Palette mit Armbändern zeigen ließ; ein junger Mann in einer roten Samtjacke, der an der Kasse stand und seine Geldbörse in der Hand hielt. Ihm gegenüber befand sich ebenfalls eine Verkäuferin und verpackte ein schmales Kästchen in Geschenkpapier. Unter der Decke hingen zwei Kameras, die den ganzen Raum kontrollierten. Ein schlanker, großer Mann mittleren Alters bewegte sich auf Diesbach und Kessler zu. Er trug einen dunklen Anzug. Vermutlich handelte es sich um den Geschäftsführer.

„Womit kann ich Ihnen dienen?“, fragte er leise. In Geschäften dieser Kategorie überschritt die Stimme niemals eine bestimmte Lautstärke. Die Höhe der Preise vertrug das nicht.

„Wir suchen etwas Besonderes“, erklärte Diesbach vertraulich. „Für eine gute Freundin, Sie verstehen?“

Der Geschäftsführer lächelte verständnisvoll. „In welcher Preislage darf es denn sein?“, erkundigte er sich.

„Kommt darauf an“, sagte Diesbach. „Dürfen wir uns ein wenig umsehen?“ Er deutete mit der freien Hand auf die zerbrechlichen Glasvitrinen in der Mitte des mit dicken Teppichen ausgelegten Raumes. Der Geschäftsführer nickte knapp. Diesbach und Kessler schlenderten zu der ersten Vitrine. Sie schätzten den Wert des ausgestellten Schmucks auf mindestens eine Million D-Mark. Plötzlich riss Diesbach die Pistole aus der Tasche und zerschlug mit dem Lauf das Glas der Vitrine. Die Scheibe barst in einem funkelnden Sprühregen feiner Splitter.

Jede Bewegung erstarb im gleichen Augenblick. Diesbach wirbelte herum und rammte dem Geschäftsführer die Pistole in die Magengrube.

„Dies ist ein Überfall“, zischte er. „Niemand rührt sich von der Stelle.“

Auch Kessler hielt nun eine Waffe in der Hand und richtete sie auf die Kunden.

„Sie sind wahnsinnig!“, flüsterte der Geschäftsführer. Er hatte alle Farbe verloren und begann unkontrolliert zu zittern.

Die Verkäuferinnen starrten die beiden Männer aus ängstlichen Augen an. Langsam hob der Geschäftsführer seine Arme. Mit der freien Hand zerrte Diesbach eine Plastiktüte aus der Gesäßtasche seiner Hose und hielt sie dem Geschäftsführer hin.

„Los, packen Sie die wertvollsten Stücke ein“, fuhr er ihn an.

„Sie sind wahnsinnig!“, wiederholte der Geschäftsführer noch einmal.

„Klar“, zischte Diesbach. „Und wenn der Beutel nicht in dreißig Sekunden voll ist, lege ich dich um!“

In diesem Moment begann eine der Verkäuferinnen zu schreien. Es war ein greller, spitzer Laut, der die Vitrinen erzittern ließ.

„Halt dein Maul!“, brüllte Kessler. „Ich leg‘ euch alle um!“

Der Schrei brach ab. In der plötzlich herrschenden Stille sank die Frau des älteren Mannes lautlos zu Boden. Unbemerkt von den beiden Räubern betätigte die andere Verkäuferin einen verborgenen Knopf unter dem Tresen. Ein lautloser Alarm wurde ausgelöst.

„Sie Schwein“, stieß der alte Mann hervor. „Sie verdammtes Schwein!“ Mit kurzen Schritten stolperte er auf Diesbach zu. Die Hälften seines Mantels klappten wie ein Paar unförmiger Flügel auf.

„Stopp“, schrie Diesbach. „Keinen Schritt weiter!“ Er riss die Pistole hoch und richtete sie genau auf das Gesicht des Mannes. Blind vor Wut schien der Alte die tödliche Bedrohung überhaupt nicht wahrzunehmen. Er hatte Diesbach fast erreicht. Ohne eine Sekunde zu überlegen, senkte er den Lauf der Waffe und feuerte eine Kugel in den Teppich, nur wenige Millimeter vor die Füße des empörten Kunden. Der Mann blieb stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Mauer gerannt. Im selben Moment ertönte von draußen das Heulen einer Polizeisirene. Das Geräusch näherte sich mit hoher Geschwindigkeit.

„Los“, brüllte Diesbach den Geschäftsführer an. „Mach endlich. Gib die Tüte her!“

„Jetzt sind Sie dran“, stieß der Juwelier hervor. In seinen Augen funkelte der Triumph. „Geben Sie auf. So etwas zahlt sich nicht aus.“

„Schnauze, habe ich gesagt“, erwiderte Diesbach und richtete die Pistole auf den Bauch des Geschäftsführers. „Her mit dem Beutel!“ Er streckte die freie Hand aus.

„Nein“, weigerte er sich mutig und riskierte einen nervösen Blick aus dem Fenster. Er presste die Tüte mit beiden Armen gegen die Brust. Mit zwei Sätzen war Diesbach bei dem Geschäftsführer und riss sie ihm brutal aus den Händen. Ein Teil des Schmucks fiel klirrend zu Boden. Diesbach reichte die Tüte weiter an Kessler.

„Na los, lass uns endlich abhauen!“

Kessler stieß die Tür auf und stürmte nach draußen. Diesbach wollte ihm folgen. Im nächsten Moment erstarben die Sirenen. Dann schlugen Autotüren. Diesbach wurde schlagartig bewusst, dass mittlerweile das gesamte Viertel hermetisch abgeriegelt sein musste. Wie auf Kommando warf sich der junge Mann im roten Mantel, der bisher atemlos das Geschehen verfolgt hatte, zu Boden. Die Ladentür wurde aufgestoßen, und zwei Polizisten stürmten mit gezogenen Waffen in den Raum. Diesbach wusste, dass sie ohne zu zögern feuern würden, wenn er die Pistole auf sie richtete.

„Waffe fallen lassen und Hände hoch!“, brüllte einer von ihnen.

Diesbach packte den verdutzten Geschäftsführer, legte ihm den Arm um den Hals und riss ihn als Deckung vor sich. Dann bohrte er den Lauf der Pistole in die Wange des schmalen Mannes. Er roch die scharfen Ausdünstungen der Angst, eine Mischung aus Schweiß und einem teuren Rasierwasser.

„Ich will keine Bullen in diesem Raum!“, rief er laut, um Zeit zu gewinnen. „Ich verlange freies Geleit, oder dieser Mann sieht seine Familie nie wieder.“

Einer der Polizisten ließ die Waffe sinken. „Gib‘s auf, Kleiner. So oder so, du kommst nicht weit.“

„Raus“, brüllte Diesbach. Er versuchte, seiner Stimme einen selbstsicheren Klang zu geben, was ihm jedoch nur unzureichend gelang. „Wenn ihr nicht abhaut, stirbt hier drin einer nach dem anderen.“

„Pass auf, dass du nicht der erste bist“, erwiderte der Polizist scharf, aber er machte keine Anstalten, das Geschäft zu verlassen.

„Gibt es hier einen Hinterausgang?“, zischte Diesbach in das Ohr des Geschäftsführers.

Der Mann antwortete nicht. Diesbach stieß ihm den Lauf der Pistole in die Seite.

„Ja“, stotterte der zitternde Juwelier. „Direkt hinter uns.“

„Sie kommen mit“, befahl Diesbach, während er sich rückwärts bewegte. Die Glastür des Geschäfts war wieder geschlossen, aber davor liefen Männer in Uniformen vorbei und drängten Schaulustige zurück. Schritt für Schritt schoben sich Diesbach und der Geschäftsführer rückwärts auf die Tür zu.

„Was ist dahinter?“

„Ein Gang, mein Büro und dann eine Treppe nach draußen“, flüsterte der Juwelier.

„Wer hat die Schlüssel?“

„Ich habe sie bei mir.“

„Okay“, sagte Diesbach genauso leise. Er war sicher, dass die Polizei die Treppe noch nicht entdeckt hatte. „Wer sich rührt, bevor ich den Befehl dazu gebe, kriegt eine Kugel!“, brüllte er in den Raum.

Dann waren sie an der Tür. Diesbach stieß sie auf und schob den Geschäftsführer hinaus. „Wenn Sie sich ruhig verhalten, geschieht Ihnen nichts“, sagte er zu dem zitternden Mann. „Sie waren sehr kooperativ.“

Der Mann sperrte die Tür an der Rückseite seines Büros auf und ging vor Diesbach die Treppe hinunter. Er schien jetzt weniger Angst zu haben. Offenbar dachte er daran, dass dieser furchtbare Alptraum in wenigen Minuten zu Ende sein würde. Er sperrte die Tür zur Straße auf. Dann blieb er stehen.

„Sie gehen voraus“, sagte Diesbach knapp. Trotz der Kälte, die an diesem Apriltag draußen herrschte, war er in Schweiß gebadet. Sein Herz klopfte.

Der Geschäftsführer öffnete die Tür zur Straße einen Spalt weit. Diesbach gab ihm einen heftigen Stoß. Der Mann taumelte nach draußen. Mit zwei raschen Schritten war Diesbach hinter ihm auf dem Bürgersteig. Die grelle Sonne stach ihm in die Augen. Halb geblendet nahm er die grünen Uniformen wahr. Er hörte ein Rascheln hinter sich, und dann traf ihn ein Schlag genau ins Genick. Diesbach verlor umgehend das Bewusstsein.

 

 

2

Das Polizeirevier war so klein wie eine Puppenstube. Der Schreibtisch hing an der Decke, und der kleine Mann dahinter ebenfalls. Dann drehte sich das ganze Bild und wuchs, bis es normale Dimensionen annahm und aussah wie alle anderen Polizeireviere in Berlin. Jan Diesbach war wieder bei Bewusstsein.

„Sie werden wegen versuchten Raubüberfalls, versuchten Totschlags und versuchter Geiselnahme vor Gericht gestellt, sobald Sie ihr Geständnis unterschrieben haben“, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch.

Diesbach betastete seinen schmerzenden Kopf. „Kann ich ein Glas Wasser haben?“

„Gleich. Zuerst müssen wir noch ein paar Fragen klären. Wie ist Ihr Name?“

„Steht doch in meinem Ausweis.“

„Ich möchte es aber gerne von Ihnen hören. Oder behaupten Sie, nicht vernehmungsfähig zu sein?“

„Mein Name ist Jan Diesbach“, antwortete der Mann schulterzuckend.

„Alter?“

„Fünfunddreißig.“

„Wo geboren und wo wohnhaft?“

Diesbach nannte ihm zwei Adressen im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Nach und nach enthüllte er die Details seiner Identität. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, noch länger zu schweigen. Früher oder später würden die Polizisten doch alles erfahren. Dann konnte er ebenso gut kooperieren und dadurch einige Pluspunkte sammeln. Im Stillen hoffte er, dass es Kessler gelungen war, mit der Beute zu entkommen. Sobald Diesbach seine Gefängnisstrafe verbüßt hatte, würde er sich seinen Anteil holen und ein sorgenfreies Leben führen.

„Gut, das wäre alles“, sagte der Polizist am Ende der Vernehmung.

„Ich weiß, wann ich verloren habe“, erwiderte Diesbach. „Bekomme ich jetzt ein Glas Wasser?“

Im Verlauf der nächsten Tage wurde er noch weiteren Verhören unterzogen. Die Beamten wollten von ihm den Namen seines Komplizen erfahren. Doch er weigerte sich. Auch die Zusicherung, dass sich sein Verhalten positiv auf das Gerichtsurteil auswirken würde, konnte ihn nicht umstimmen. Unterdessen lief die Fahndung nach dem zweiten Täter auf Hochtouren. Die Beamten hatten allerdings nicht viel in der Hand.

Die Personenbeschreibungen der Zeugen waren widersprüchlich. Auch die Auswertung der Aufnahmen von den Überwachungskameras brachte sie keinen Schritt weiter. Die Bilder waren zu unscharf, um eine einwandfreie Identifikation zu ermöglichen. Drei Wochen später fand der Prozess gegen Diesbach statt. Das Urteil lautete auf neun Jahre ohne Bewährung, nur die Untersuchungshaft wurde angerechnet. Trotz der hohen Strafe weigerte sich Diesbach auch jetzt noch, den Namen seines Komplizen zu nennen.

 

 

3

Das Tor der Justizvollzugsanstalt Tegel im Berliner Bezirk Reinickendorf öffnete sich, und Jan Diesbach trat ins Freie. Er war groß, schlank, dunkelhaarig und trug eine kleine Reisetasche in der rechten Hand. Neun Jahre Gefängnis lagen hinter dem Räuber, und er hatte sich geschworen, nie wieder eingesperrt zu werden. Schon allein des Essens wegen, das man ihm dort vorgesetzt hatte.

Privatdetektivin Katharina Ledermacher saß in ihrem VW-Golf und sah zu dem Mann hinüber. Vor neun Jahren erbeuteten Diesbach und sein Komplize bei einem Überfall Juwelen im Wert von fünfhunderttausend D-Mark. Wo sie die Beute versteckt hatten, war bis heute ein Geheimnis geblieben. Aber irgendwann würden sie sich den Schmuck schon holen. Die Versicherungsgesellschaft hatte Katharina beauftragt, Diesbach solange zu beschatten.

Das Geld konnte sie gut gebrauchen. Die Zeiten waren hart und lukrative Aufträge dünn gesät. Katharina beobachtete, wie Diesbach zu der nächstgelegenen Bushaltestelle ging. Katharina ließ ihren VW-Golf am Straßenrand ausrollen und stellte den Motor ab. Es dauerte fast zehn Minuten, bis der Bus kam. Nachdem Diesbach eingestiegen war, startete Katharina den Wagen und folgte ihm. Die Fahrt ging bis zur Bendastraße. Dort stieg Diesbach aus. Er bog in die Delbrückstraße ein und verschwand in einem der Häuser. Aufgrund ihrer Recherchen wusste Katharina, dass unter dieser Adresse Diesbachs Bruder wohnte.

Sie parkte ihren VW-Golf am Straßenrand und stellte den Motor ab. Mit der Gelassenheit einer routinierten Jägerin richtete sie sich auf eine längere Wartezeit ein. Sie konnte von ihrem Beobachtungsposten die ganze Straße inklusive des Hauseingangs übersehen. Alles Weitere musste sich finden. Über drei Stunden verstrichen, ohne das sich etwas tat, was Katharinas Aufmerksamkeit erregte. Die Sonne verschwand hinter den Häusern. Der Himmel wechselte in faszinierendem Farbenspiel vom gleißenden Goldgelb über flammendes Purpur in sanftes Violett über.

Die Fenster der umliegenden Gebäude schimmerten wie gelbe Lichtinseln in der zunehmenden Dunkelheit. Die Bäume der Gärten hoben sich zunächst als Silhouetten ab und verschmolzen schließlich mit dem blauen Hintergrund. Katharinas Blick lag wachsam auf dem etwa achtzig Meter entfernten Hauseingang, der von zwei Lampen beleuchtet wurde. Plötzlich ging die Tür auf. Ein Mann kam heraus. Als er im Schein der Straßenlaterne erschien, erkannte sie, dass es sich um Diesbach handelte. Er stieg in den roten Toyota, der am Straßenrand parkte, startete den Motor und fuhr in mäßigem Tempo los. Katharina hatte keine Mühe, ihm zu folgen.

Aber diesmal schien es geraten, vorsichtiger zu sein. Sie blieb auf Distanz, sorgte jedoch dafür, dass der Abstand nicht zu groß wurde und sie den Toyota nicht aus den Augen verlor. In ihr war das Jagdfieber erwacht. Sie spürte, dass die Geschichte langsam ins Rollen kam. Der Verkehr war ziemlich dicht. Katharina konnte nicht riskieren, einen größeren Abstand zu halten, da sie nicht an der nächsten roten Ampel abgehängt werden wollte. Zunächst ließ sie einen Wagen zwischen sich und Diesbach, aber dann kamen sie in eine weniger belebte Gegend, und Katharina musste einen größeren Abstand halten, um nicht die Aufmerksamkeit des anderen zu erregen.

Plötzlich bog Diesbach rechts ab. Das Viertel machte einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Die Häuser hätten dringend einen neuen Verputz nötig gehabt. Diesbach hielt vor einer Bar mit einer riesigen Neonreklame, die allerdings abgeschaltet war. Katharina lenkte ihren Wagen ebenfalls zum Straßenrand und blieb in einer Entfernung von etwa dreißig Metern stehen. Diesbach stieg aus und betrat die Bar. Er warf keinen Blick nach hinten.

Katharina beschloss, ihm zu folgen und schlenderte auf die Bar zu. Von außen konnte man nicht hineinsehen. Es half nichts, sie musste hinterher. Ohne zu zögern trat sie ein. Im Halbdunkel hatte sie einige Mühe, sich zu orientieren. Diesbach lehnte an der Theke und trank ein Bier. Außer ihm waren nur noch zwei Gäste anwesend. Zwei jüngere Männer in Jeanskleidung. Sie saßen an einem Tisch und unterhielten sich leise.

Katharina hatte hier keine Chance, Diesbach unauffällig zu beobachten. Sie trat den Rückzug an und war blitzschnell wieder auf der Straße. Sie war sich nicht sicher, was der Mann in dieser Spelunke wollte. Vielleicht hatte er tatsächlich nur Durst. In jedem Fall war es für Katharina gefährlich, ihm zu nahe auf den Leib zu rücken. Sie setzte sich in ihren VW-Golf und wartete. Es dauerte keine fünf Minuten, bis Diesbach herauskam. Wieder schenkte er Katharina keinen einzigen Blick. Das war auch schon wieder fast verdächtig. Sollte er die Verfolgung doch bemerkt haben?

Die Fahrt ging weiter. Diesbach fuhr jetzt ziemlich schnell, immer etwas über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Sie hatten inzwischen die Randbezirke Berlins erreicht. Die Gebäude rechts und links wurden spärlicher. Hier gab es sogar ein paar vereinzelte Bauernhöfe. Diesbach bog in eine schmale Straße ein. Katharina zögerte. Hier war sie kaum mehr zu übersehen. Aber andererseits durfte sie die Verfolgung gerade jetzt nicht aufgeben. Die Straße zog sich gerade dahin.

Diesbach fuhr jetzt wieder ziemlich langsam. Nach einigen hundert Metern lenkte er seinen Wagen auf den Parkplatz eines doppelstöckigen Gebäudes, das etwas abseits der übrigen Häuser stand. Katharina stoppte im Schatten einiger kümmerlicher Hütten. Sie beobachtete, wie Diesbach ausstieg und auf den Eingang des Gebäudes zuging. Über der Tür stand in roten Leuchtbuchstaben das Wort „Excalibur“.

Mit Sicherheit handelte es sich um einen Nachtclub. Katharina wartete, bis Diesbach im Eingang verschwunden war. Dann stieg sie aus und ging ebenfalls darauf zu. Musik, Stimmengewirr und eine Wolke aufdringlichen Parfüms schlugen ihr entgegen. Katharina erkannte auf den ersten Blick, dass es sich um ein Lokal handelte, das vornehmlich von Transvestiten besucht wurde. Aus mehreren Lautsprechern hämmerten heißen Rhythmen durch den niedrigen, rot beleuchteten Raum. Die Wände glühten in flammendem Orange. Die Decke funkelte in Rubinrot.

Hinter dem Tresen, der die rechte Seite des langgestreckten Raums einnahm, servierten drei vollbusige Frauen, bei denen man erst auf den zweiten Blick erkannte, dass es sich um Männer handelte. Auch die Gäste waren ausnahmslos Männer. Katharina sah sich kurz um und ließ ihre Blicke über die geschminkten Gesichter wandern. Dann ging sie zum Tresen und setzte sich auf einen Hocker in der Nähe des Eingangs. Die Barkeeperin, deren Brüste genauso unecht waren, wie das bis auf die nackten Schultern wallende platinblonde Haar erkundigte sich nach ihren Wünschen.

Katharina bestellte ein Glas Orangensaft. Dann sah sie sich forschend nach Diesbach um. Ihre Augen mussten sich erst an das rote Dämmerlicht gewöhnen. Schließlich entdeckte sie ihn im Hintergrund, wo er sich mit einem dunkelhaarigen Transvestiten unterhielt.

„Ihr Orangensaft, Schätzchen“, sagte der Barkeeper.

„Danke.“ Katharina holte einige Geldstücke aus ihrem Portemonnaie und legte sie auf den Tresen. „Stimmt so“, sagte sie abwesend.

Der Barkeeper wandte sich einem anderen Gast zu, der eben hereinkam. Katharina nippte an ihrem Orangensaft und blickte zu Diesbach hinüber. Sie hätte zu gerne erfahren, worüber er sich mit dem Dunkelhaarigen unterhielt. Nach einiger Zeit gingen sie auf eine Treppe zu, die Katharina erst jetzt bemerkte. Langsam stiegen die beiden ins Obergeschoss hinauf. Blitzschnell fasste die Detektivin einen Entschluss. Sie stellte den Orangensaft auf den Tresen, rutschte vom Hocker und verließ die Bar.

Vor dem Eingang blieb sie einen Moment stehen. Katharina sah sich um. Auf dem Parkplatz standen etwa ein Dutzend Fahrzeuge. Niemand befand sich in der Nähe. Auch die Straße war leer. Sie schlich um das Gebäude herum. Die Fenster im Erdgeschoss waren mit hölzernen Läden versehen, durch die kein Lichtstrahl nach außen drang. Sie blickte nach oben. Auch dort war alles dunkel. Sie schlich um die Ecke zur Rückseite des Hauses. Dort entdeckte sie einen schwachen Lichtschein. Er fiel aus einem Fenster im Obergeschoss auf das darunterliegende Dach eines Anbaus. Katharina blickte hinauf. Das Licht sickerte durch rote Vorhänge.

Katharina näherte sich dem Vorbau, in dem sich die Wirtschaftsräume des Lokals befinden mochten. Das Dach verlief schräg nach oben. Es stieß etwa eineinhalb Meter unterhalb des Fensters an die Mauer des Hauptgebäudes. Katharina reckte sich, packte den Rand des Daches und zog sich mit kräftigem Schwung hinauf. Danach verharrte sie einen Augenblick zusammengekauert. Sie lauschte. Aus der Bar drang gedämpfte Musik. Auf der Straße fuhr ein Wagen vorüber. Das Motorengeräusch verebbte. Sonst war es still.

Katharina schob sich vorsichtig auf dem Dach entlang und huschte unter das erleuchtete Fenster. Vorsichtig richtete sie sich auf. Ein schmaler Spalt zwischen den Vorhängen ermöglichte ihr einen Blick in den Raum. Es gab nicht viel zu sehen. Ein bequemer Polstersessel, eine Wand, davor eine Stehlampe mit einem gemusterten Schirm. Doch keine Spur von den beiden Männern. Dann vernahm sie Stimmengemurmel, aber verstehen konnte sie nichts. Katharina betrachtete das Fenster.

Es war nicht verschlossen. Behutsam drückte sie beide Flügel nach innen. Ein schmaler Spalt entstand. Nun waren die Stimmen deutlich zu vernehmen. Zwei Männer sprachen miteinander. Der eine musste Diesbach sein. Und der andere der, mit dem er hinaufgegangen war. Sachte schob Katharina die rechte Hand durch den Fensterspalt und zog den in der Mitte geteilten Vorhang ein winziges Stück zur Seite. Nun konnte sie den Teil des Zimmers einsehen, in dem sich die beiden Männer befanden.

Diesbach saß in einem Sessel mit dem Rücken zum Fenster. Katharina erkannte ihn unschwer an den dunklen Haaren. Der andere lehnte zwei Schritte entfernt an einem Schrank. Er trug einen Anzug von der Stange und eine dicke Hornbrille. Katharina konzentrierte sich auf das Gespräch der beiden Männer.

„Woher soll ich das wissen?“, fragte der Mann mit der Brille. „Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Und es interessiert mich auch nicht, wo er steckt.“

„Ich muss ihn aber finden“, erwiderte Diesbach. „Kannst du mir nicht irgendeinen Tipp geben?“

„Nein, kann ich nicht. Ich führe hier einen anständigen Laden, kapiert? Alles vollkommen legal. Ich kann mir keine Schwierigkeiten leisten. Ich will weder etwas mit dir noch mit deinem Kumpel zu tun haben.“

„Ist ja gut. Nun reg‘ dich nicht gleich auf.“

Details

Seiten
83
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939989
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Mai)
Schlagworte
katharina krimi ledermacher welt

Autor

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Titel: Die Welt ist kein gerechter Ort - Ein Katharina Ledermacher Krimi