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Wild Bill #2: Menschenjagd in Kansas

2020 80 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gottes eigenes Land

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Aus der Feder von Tomos Forrest sind weiterhin erhältlich:

Wild Bill

Gottes eigenes Land

 

 

Band 2: Menschenjagd in Kansas

 

 

von Tomos Forrest

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Frederic Isaac Stevenson, Großgrund- und Minenbesitzer, der sich selber Judge nennt, macht in der kleinen Stadt Eastin sein eigenes Gesetz. Er lässt eine Bande von Bushwhackern die Bewohner der Stadt terrorisieren, hält in seinen Minen farbige Arbeiter wie Sklaven und geht bei der Verfolgung seiner Ziele buchstäblich über Leichen.

Wild Bill, seit Kurzem Sheriff von Eastin, und sein Freund, der Osage Grey Wolf, haben einen äußerst schweren Stand, denn auch der Kommandant von Fort Leavenworth steht offenbar auf Stevensons Gehaltsliste …

 

 

***

 

 

Zur Person Wild Bill

 

James Butler Hickok, genannt Wild Bill, ist eine historische Figur. Er kam am 27.5.1837 als viertes von sechs Kindern im US-Staat Illinois auf einer Farm zur Welt. Sein Vater war überzeugter Gegner der Sklaverei und wurde deshalb schwer misshandelt. Mit achtzehn Jahren wurde Hickok Mitglied der Jayhawkers, die gegen Bushwhacker-Banden, die Befürworter der Sklaverei, kämpften. Das Titelbild zeigt ihn, wie man ihn beschrieb – als schießwütigen Mann, der seine Navy Colts schneller zog und abfeuerte als mancher andere. Die Begegnung mit William F. Cody, dem späteren Buffalo Bill, ist verbürgt. Hickok starb im August 1876 in Deadwood, South Dakota.

 

 

***

 

 

1.

 

Die Hundemeute hetzte durch das Unterholz, kläffend, jaulend, nur kurz an einer Stelle innehaltend und dann mit einem Aufjaulen weiter jagend.

Der Geifer tropfte aus ihren geöffneten Mäulern, und vor Ungeduld über ihre langweiligen Menschen, die nicht schnell genug folgten, jaulten sie immer wieder in den höchsten Tönen.

„Vorwärts, meine Hunde, vorwärts!“, erklang dann der Ruf eines der Jäger, und kläffend stürzte sich die ganze Meute wieder zwischen Büschen und dicht beisammen stehenden schmalen Baumstämmen hindurch. Fünf Männer folgten den Hunden, so rasch es ging, auf ihren Pferden. Alle trugen Gewehre in den Händen, zumeist einschüssige Longrifles in der Art der alten Pioniere, aber einer von ihnen führte einen Sharps Karabiner mit sich. Diese Waffe hatte neben ihrer Treffsicherheit den Vorteil, dass man sie sehr schnell mit vorgefertigten Papierpatronen nachladen konnte. Man bewegte einen Unterhebel, ließ das Stück herausgleiten, schob eine neue Papierpatrone ein und war erneut feuerbereit. Darüber hinaus hatte jeder der Reiter einen Revolver in einem einfachen Gürtelholster, für das Reiten gesichert mit einem Lederriemen, der das Herausfallen im Sitz verhinderte.

Gekleidet waren die von der Sonne gebräunten Männer alle auf ähnliche Weise. Sie trugen die schlichten, rot eingefärbten Wollhemden, dazu lederne Chaps über ihren Hosen, um sich vor den Dornen zu schützen, sowie breitrandige Hüte.

Wer sie so sah, musste um sein Leben fürchten.

Die Augen der fünf schienen förmlich zu glühen, ihre gebräunten Wangen waren von der Jagd dunkel angelaufen, und immer wieder trieben sie mit den Stiefelabsätzen ungeduldig ihre Pferde an, die bereits schweißbedeckt waren.

Der Tag war einer der wirklich heißen Tage in Kansas, die Sonne brannte schon am frühen Morgen unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel herab. Die fünf Jäger hatten sich vor ihrem Aufbruch mit kühlem Bier gestärkt, bevor die Meute ungeduldig wurde und die Hunde jaulten, als hätten sie bereits die Witterung aufgenommen. Dazu mussten sie jedoch zunächst eine Strecke zurücklegen, bevor sie an den Fluss kamen. Es ging im Galopp am Ufer entlang, bis der Fluss eine starke Biegung machte und eine Sandbank weit in das Wasser reichte. An dieser Stelle war offenbar ein leichtes Fahrzeug gelandet worden, denn als sich die Jäger hier umsahen, erkannten sie den schmalen Streifen im Sand, den das Boot hinterlassen hatte.

Von diesem Punkt an begann die eigentliche Jagd, denn im weichen Ufergrund waren die Spuren deutlich zu verfolgen. Die Jäger ließen die Meute lange daran schnuppern, bevor sie ihnen die Lederleinen abnahmen. Jetzt aber war kein Halten mehr. Die Hunde gebärdeten sich wie toll, sprangen sich gegenseitig an, schnappten nach allen Seiten, bevor der mächtige Leithund, ein wolfsähnlicher, großer Mischling mit hellgelben Augen, die Führung übernahm und nach jedem aus dem Rudel schnappte, der ihm zu dicht kam oder gar versuchte, an ihm vorbei zu gelangen.

„Brav, Pluto, zeig es ihnen, vorwärts, meine Hunde, Timo, Wolf, Killer, Satan – such, such! Wo ist das Schwein?“, rief der mit der Sharps ihnen immer wieder zu, und erneut jaulte und kläffte alles durcheinander. Da kam der kritische Moment, an dem sich die Spur auf Felsgestein verlor.

Die Hunde waren nicht zu halten, liefen in jede Richtung, kehrten jaulend zurück, um das Spiel erneut zu beginnen. Ihre Nasen tief auf dem felsigen Untergrund, die Luft schnaufend in sich hineinziehend, liefen sie hin und her, bis Pluto, der Leithund, plötzlich kurz aufbellte und davonjagte.

„Vorwärts, Pluto, fass! Reiß ihn in Stücke, mein Hund!“, schrie der vorderste Reiter, als wäre er selbst von Sinnen. Erneut ging die wilde Jagd durch das unwegsame Gelände, und das Bellen der Meute entfernte sich rasch immer weiter, bis plötzlich ein Schuss krachte und von einem lauten Jaulen begleitet wurde.

„Sie haben ihn!“, jubelte der Erste.

„Der Nigger hat eine Waffe!“, rief ihm der andere zu, aber zu spät. Der Mann war ebenso wenig zu halten wie seine Hundemeute. Tief über den Hals seines Pferdes gebeugt, jagte er unter tiefhängenden Zweigen auf das nunmehr infernalisch gewordene Bellen und Jaulen der Hunde zu.

Als er eine Waldlichtung erreichte, bot sich ihm ein groteskes Bild.

Der Sklave, den sie verfolgt hatten, saß auf einem Baum in einer starken Astgabel, an die er sich ängstlich presste. Die Hunde unter ihm sprangen wie toll geworden zu ihm hinauf und versuchten, eines seiner Beine zu erwischen.

Als der erste Reiter den Entflohenen erblickte, erkannte er auch die Pistole in dessen Hand, die er immer wieder auf einen der Hunde richtete, aber nicht noch einmal schoss.

Unter dem Baum lag ein lang gestreckter Hundekörper und bewegte sich nicht mehr.

„Dieser verdammte Nigger hat einen der Hunde erschossen!“, schrie der Mann mit sich überschlagener Stimme. Dann nahm er die Sharps hoch, zog den Hahn zurück und wollte feuern, als ihn eine laute Stimme anrief.

„Lass es sein, dieser Tod wäre eine Gnade für den Kerl!“

Der Mann zögerte, und das genügte den anderen, zu ihm aufzuschließen.

„Du hast recht, Mate, wir sollten ihn herunterholen und den Hunden überlassen!“, knurrte er vor sich hin, entspannte den Hahn behutsam und schob das Gewehr in die Halterung neben seinem Sattel. Dann trieb er sein Pferd weiter an den Baum heran und rief nach oben:

„Komm herunter, Sid, du hast schon genug Unheil angerichtet!“

„Niemals! Gehen Sie weg, oder ich schieße!“, schrie der Sklave und hob seine zitternde Hand mit der Pistole.

„Was willst du mit dem Plunder machen, Sid?“, höhnte der erste Reiter. „Du hast einen Schuss auf unsere Hunde abgegeben, dafür zahlst du jetzt. Deine Pistole hat nur zwei Läufe, und wer weiß, ob du nicht das Pulver von der Pfanne verloren hast, als du auf den Baum geklettert bist. Komm herunter, sonst holen wir dich, Sid. Hier ist dein Weg zu Ende!“

„Niemals!“, schrie der Mann erneut mit sich überschlagener Stimme. „Wer nicht gleich von der Lichtung verschwunden ist, bekommt meine Kugel in den Kopf!“

„Oho!“, lachte einer der anderen Männer. „Nun hör sich einer diesen Nigger an! Komm von deinem Baum, Herzchen, damit wir dich für dein Vergehen bestrafen können! Du weißt, was auf Davonlaufen steht!“

„Gehen Sie weg, Mister, oder meine Kugel trifft sie als Ersten!“

„Das wird mir jetzt zu dumm!“, brüllte der Mann mit der Sharps und richtete sie erneut auf den Flüchtling, der sich verzweifelt an seinen Ast klammerte und dabei die Pistole in die Richtung seiner Verfolger hielt.

Die Hunde jaulten und kläfften, versuchten erneut, in wilden Sprüngen den Ast zu erreichen.

„Ich schieße ihm ins Bein, dann fällt er runter und die Hunde haben ihren Spaß!“, rief der Sharps-Mann, und erneut knackte der Hahn beim Zurückziehen.

„Stopp, Mister, oder Sie sind des Todes!“, donnerte eine gewaltige Stimme von der anderen Seite der Lichtung. Ein hochrahmiger Fuchswallach trat zwischen den Bäumen heraus, und als sich fünf Gewehre auf ihn richteten, blieb das Pferd stehen, als wittere es die Gefahr.

Verblüfft starrten die fünf Jäger auf den leeren Sattel, dann flogen die Büchsen herum, als die Stimme erneut ein Stück weiter ertönte:

„Weg mit den Waffen!“

Der Mann mit der Sharps feuerte als Erster, aber in der Eile hatte er überreagiert, die Kugel schlug unschädlich in einen Baumstamm, und gleich darauf eröffnete der Unbekannte aus beiden Revolvern das Feuer. Auch die anderen schossen ihre Gewehre auf ihn ab und wollten dann ihre Revolver herausreißen, als sie das heiße Blei mitten in der Bewegung erstarren ließ.

In den Lärm der Schüsse mischte sich das wütende Bellen der Meute, aber für einen kurzen Moment wurde es gleich darauf ganz still auf der Lichtung. Die fünf Reiter hingen in unnatürlichen Verrenkungen über ihren Pferden. Der Mann mit der Sharps hatte eine Kugel mitten in die Stirn erhalten, die ihn nach hinten warf und dann seitlich vom Pferd rutschen ließ. Das Tier wurde dadurch scheu und lief im nächsten Augenblick mit seinem toten Reiter, dessen Stiefel noch immer im Steigbügel hing, zwischen die Bäume.

Die anderen waren zusammengesunken und boten einen furchtbaren Anblick. Ein Mann besaß kein Gesicht mehr, denn die Kugel aus dem Colt Navy hatte ihn in die Nase getroffen und einen großen Teil davon weggerissen. Alle waren von dem Schützen direkt in den Kopf getroffen worden, kein einziger ihrer abgefeuerten Schüsse wurde ihm gefährlich.

Jetzt ging er zu seinem unruhig tänzelnden Fuchs, während die Meute erneut ihren Lärm anstimmte. Kaum im Sattel, trieb er das Pferd zu dem Baum, wo der geflohene Mann mit vor Angst weit aufgerissenen Augen das Geschehen verfolgt hatte.

„Warte, bis mein Pferd richtig steht, dann lass dich herunter!“, rief der Schütze ihm zu, und der Flüchtling passte den richtigen Moment ab, ließ sich von dem Ast heruntergleiten und landete glücklich auf dem Pferderücken. Aber nun wurden beide auf dem Pferd von den Hunden angegriffen, die kläffend an ihnen hochsprangen und nach den Füßen schnappten.

„Zurück, Bestien!“, brüllte der Reiter und trieb sein Tier an. Doch jetzt nahm einer der größten Hunde Anlauf, näherte sich mit großen Sprüngen und drückte sich kurz vor dem Pferd kraftvoll vom Boden ab. Der massige Körper flog auf den Reiter zu, der zwei Dinge gleichzeitig tat. Mit dem Zügel in der linken Hand zog er den Kopf des Pferdes zur Seite, während seine rechte einen Colt auf den Hund richtete und abdrückte, als der weit aufgerissene Rachen und die blutunterlaufenen Augen des Tieres dicht vor ihm waren. Der Schuss stoppte den Sprung des Hundes, warf seinen Körper zurück, sodass er sich überschlug und noch einen Moment zuckend auf dem Boden lag, bevor er sich streckte. Das schien die anderen Hunde vorerst zurückzuhalten. Beim Tod ihres Leithundes wichen sie scheu zurück, dann näherten sie sich dem ausgestreckten Körper behutsam, stießen ihn an und begannen dann, jaulend hin und her zu laufen, als würden sie die Spur desjenigen suchen, der ihnen nun sagen würde, was als Nächstes geschehen sollte. Schon hatte der Schütze mit den beiden Colts seinen Fuchs zu dem Pferd hinübergelenkt, das dem Mann mit der Sharps gehört hatte. Es stand zwischen den Bäumen, die Flanken zitterten, das Fell glänzte vom Schweiß.

„Ho, ruhig, ganz ruhig! So ist’s brav, ho!“, sprach der Schütze beruhigend auf das Tier ein, dann beugte er sich vor und griff nach den Zügeln. Das Pferd gehorchte sofort, und als die beiden Tiere nebeneinander standen, wandte er sich halb zu dem Flüchtling um.

„So, jetzt hast du ein eigenes Pferd, und wir kommen rascher vorwärts. Ich habe keine Ahnung, ob noch mehr Burschen hinter dir her sind, wir sollten uns deshalb nicht unnötig hier aufhalten, mein Freund!“

Damit wollte er den Fuchs wieder antreiben, als der andere einen erleichterten Seufzer ausstieß und für einen kurzen Augenblick Mühe hatte, sich zu sammeln. Man sah, wie es in seinem dunklen Gesicht arbeitete, wie auch die Augenlider zuckten, dann hatte der Mann sich wieder in der Gewalt. Es war ein großer, breitschultriger Mann, der auf der Stirn eine dicke, wulstige Narbe aufwies. Jetzt nickte er dem Fremden zu und sagte leise:

„Warum machen Sie das alles für einen entlaufenen Sklaven, Mister? Sie werden dadurch große Schwierigkeiten bekommen! Die Leute, die mich verfolgt haben, kommen von Judge Stevenson, dem Mann, der mich gekauft und seitdem misshandelt hat. Er wird alles daran setzen, mich wieder in seine Hände zu bekommen, um mich dann zu Tode peitschen zu lassen.“

„Judge Stevenson ist ein guter Bekannter von mir, keine Sorge deshalb. Unsere Rechnung ist ein wenig größer geworden, aber du darfst mir glauben, dass ich nicht eher ruhen werde, bevor dieser falsche Judge die verdiente Strafe erlitten hat.“

Das dunkle Gesicht musterte den Fremden erstaunt.

„Wer sind Sie, Sir, dass Sie sich mit dem Judge anlegen?“

Der Fremde trieb sein Pferd an und sagte dabei:

„James Butler Hickok. Man nennt mich auch inzwischen Wild Bill.“

„Mein Name ist Ben, Sir, aber Sie können mich auch ruhig Sid nennen. In der Mine und auf dem Anwesen des Judge heißen alle männlichen Sklaven Sid, und die Frauen werden Mary gerufen. Das ist für die Weißen ganz praktisch, denn einer von uns hört immer auf diesen Ruf.“

„Gut Ben, dann vorwärts also!“

„Wohin reiten wir, Sir?“

Wild Bill drehte sich zu dem Mann um und lächelte breit.

„Schon mal was von der Underground Railway gehört? Du bist jetzt einer der Passagiere und kommst in eine Station.“

„Underground Railway? Nein, nie gehört. Wie kann eine Lokomotive denn im Untergrund fahren, Sir?“

Hickok lachte fröhlich auf und trieb den Fuchswallach aus dem Wald hinunter auf eine Straße, die tief ausgefahrene Gleise von schweren Frachtwagen aufwies. Einige der Hunde folgten ihnen noch ein Stück und blieben dann unschlüssig am Waldrand sitzen. Die beiden Reiter schenkten ihnen keinerlei Beachtung mehr.

 

 

2.

 

Der Mann in dem nur notdürftig erhellten großen Lagerhaus sah gar nicht auf, als Schritte auf der Holzrampe zu hören waren. Er langweilte sich seit Stunden, saß in einem Schaukelstuhl, eine vergilbte Zeitung auf den Knien, und hielt einen Fliegenwedel in der Hand, mit dem er die lästigen Insekten fortwedelte. Und Fliegen gab es an diesem heißen Tag in dem Lagerhaus reichlich, denn sowohl die Tür zur Frachtrampe stand weit offen, als auch die Tür zum großen Exerzierplatz von Fort Leavenworth. Auf diese Weise strich ein leichter Windzug durch das mit unzähligen Kisten und Ballen vollgestopfte Lagerhaus. Die hohen Holzwände waren mit mächtigen Regalen ausgestattet, in denen man alles finden konnte, was man für das Leben in Gottes eigenem Land, wie viele mehr oder weniger ironisch das Kansas-Territorium nannten, benötigte. Der Mangel an Fenstern machte sich für den Zeitungsleser unangenehm bemerkbar, denn obwohl die Sonne draußen alles mit ihren Strahlen zu versengen schien, durchdrang das Dämmerlicht im Lagerhaus auch kaum die kleine Petroleumlampe neben dem Schaukelstuhl, deren Docht extra hochgedreht war.

Es gab Gläser mit Knöpfen aller Art im nächsten Regal in Augenhöhe. Bunt, als wären es Süßigkeiten, drängten sich runde, eckige und sogar quadratische Knöpfe in den durchsichtigen Behältern. Einige waren mit Stoff überzogen und gehörten zu den teureren Stücken, während die billigen Zinnknöpfe daneben in Schachteln lagen und darauf warteten, an irgendeine derbe Hose oder auch Gamaschen genäht zu werden.

Stoffballen aller Farben und Sorten, daneben Fässer mit Mehl, Zucker und Kaffee füllten weitere Regale, von der Decke hingen in der einen Ecke getrocknete und enthaarte Felle zur Weiterverarbeitung, und auf der anderen Seite des Raumes waren es große, geräucherte Schinken und Würste. Inmitten dieses reichlichen Warenangebotes stand ein massiver Tresen, auf dem es weitere Gläser gab, alle gefüllt mit Zuckerstangen, Kandis oder bunten Bonbons. Die Mitte des Tresens war ausgeschnitten und wies eine dicke Glasplatte auf, unter der sich mehrere Revolver befanden, dazu kleine und große Pulverflaschen sowie Schachteln mit Zündhütchen sowie andere mit zugeschlagenen Feuersteinen für die Steinschlosswaffen. Viele, die in der Wildnis auf eine jederzeit funktionierende Waffe vertrauten, schworen nach wie vor auf die veraltete Methode der Steinschlösser, bei denen zusätzlich Zündkraut, ein sehr feines Schwarzpulver, gegeben werden musste und ein passend zurechtgeschlagener Feuerstein in den Hahn gespannt wurde, der beim Abdrücken auf den Deckel der Zündpfanne schlug und mit dem dabei erzeugten Funken erst das Zündkraut und dann die Ladung im Rohr entzündete. Während die modernen Perkussionszündhütchen, die man auch für jeden Revolver benötigte, ziemlich häufig versagten, war der Nachteil beim Steinschloss, dass man das Pulver von der Zündpfanne verlieren konnte, ging man nicht sehr achtsam mit seiner Waffe um.

Längst hatten es sich viele Schützen zur Aufgabe gemacht, bei feuchter Witterung rechtzeitig neues Zündkraut auf die Pulverpfanne zu schütten oder die Zündhütchen auszuwechseln.

Weiteres Zubehör in der Auslage waren Kugelzangen in verschiedenen Kalibern und die dazu gehörenden Bleistangen, um sich seine Munition passend zur Waffe herzustellen. Zündlochräumnadeln in kleinen Stücken von Hirschhorn, kleine, drahtige Pinsel zum raschen Säubern der Zündpfanne, sogar Haken zum schnellen Entfernen der abgeschossenen Zündhütchen lagen ordentlich nebeneinander aufgereiht und sollten dem Schützen zusätzliche Hilfen bieten. Dahinter saß in seinem Schaukelstuhl der griesgrämig blickende Besitzer, Dylan O'Brian. Sein feuerrotes Kopfhaar lichtete sich bereits stark, dafür wuchs sein breiter Vollbart umso prächtiger und reichte bis auf die Brust hinunter. Auch aus seinen Nasenlöchern sprossen die roten Haare, und wer O'Brian einmal näher betrachtete, entdeckte auch ganze Büschel in seinen Ohren. Kurz gesagt, der Händler war keine Schönheit, aber das spielte für ihn auch keine große Rolle. Sein Geschäft im Fort lief, seitdem er den Laden von Brian Scott vor gut drei Monaten gekauft hatte, sehr gut. Er hatte das Warenangebot erheblich vergrößert, und die Soldaten kauften von ihrem kargen Sold alles, was ihnen erlaubt war – Alkohol natürlich ausgenommen. Den schenkte der ehrwürdige Mr O'Brian nur in seinem Hinterzimmer an gute Freunde aus, und es gab wohl niemand im Fort, der nicht davon wusste und nicht auch schon mal an einer der Pokerrunden in diesem Zimmer teilgenommen hatte. Natürlich konnte dieses Treiben auch Colonel Frank Goodwin nicht verborgen bleiben, aber er tolerierte das, solange es keine Schlägereien im Lagerhaus gab.

Nun sah O'Brian allerdings doch etwas irritiert von seiner angeblichen Lektüre auf, denn es war weder ein Gruß des Eintretenden gekommen noch schienen sich die Schritte weiter zum Tresen bewegt zu haben. Er reckte seinen Kopf vor, entdeckte aber niemand auf der anderen Seite des mächtigen Tresens.

Seltsam, dachte der Händler, ich habe mir doch die Schritte nicht eingebildet! Oder glaubt da jemand, dass er sich einschleichen könnte und meine Regale plündern, ohne dass ich etwas dagegen unternehme?

O'Brian erhob sich etwas umständlich, ging zwei Schritte nach vorn und wollte eben die Schrotflinte aus der Ecke nehmen, als er in der Bewegung erstarrte. Jemand stand hinter ihm und presste ihm eine Waffe in den Rücken.

„Ganz ruhig hinsetzen, O'Brian. Die Flinte nutzt dir jetzt nichts mehr!“, sagte eine jugendliche Stimme dicht hinter ihm, und gleich darauf etwas schärfer: „Setz dich in deinen verdammten Schaukelstuhl!“

Der Kaufmann drehte sich dazu halb herum und ließ sich in seinen Schaukelstuhl fallen, der gleich in heftige Bewegung geriet.

„Billy, schön dich zu sehen. Hast du mir etwas von deiner Mutter mitgebracht?“, sprach O'Brian den Jungen an, der jetzt vor ihm stand und den Revolver auf seine Brust richtete. „Tu doch das Ding zur Seite, wie leicht kann es einen Unfall geben!“

„Für Sie immer noch William Cody. Bill heiße ich nur für meine Freunde. Und warum sollte ich Ihnen etwas von meiner Mutter mitbringen? Sie sind keiner von den Menschen, die etwas von ihrer Marmelade bekommen. Und ich wüsste auch nicht, was ich Ihnen sonst anderes mitbringen sollte als die fünf Bleikugeln in meinem Paterson.“

O'Brain verzog ängstlich sein Gesicht.

„Billy, mach doch keinen Unsinn! Willst du mich kaltblütig mitten im Fort erschießen? Das wagst du nicht!“

Bill hob die Hand mit dem Revolver ein Stück und antwortete:

„Da wäre ich mir an Ihrer Stelle nicht ganz so sicher, Mr O'Brian!“

„Aber – was habe ich dir getan? Warum bedrohst du mich mit einem Revolver?“

„Wo ist der Schein?“

„Schein? Welcher Schein? Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst, Junge!“

O'Brian spielte sichtlich auf Zeit. Ängstlich huschten seine Augen von dem Jungen hinüber zu einem der Eingänge, aber niemand kam während der Mittagszeit zu ihm herüber. Die Chance, dass einer der Soldaten gerade jetzt eintrat und ihn aus dieser unangenehmen Situation befreite, war sehr gering. Seufzend fügte sich der Händler in sein Schicksal, denn der junge Bill schien sich nicht mit irgendwelchen Ausreden abspeisen zu lassen.

„Sie wissen genau, wovon ich rede!“, zischte er wütend. „Sie haben den angeblichen Schuldschein meines Vaters über eintausend Dollar von Brian Scott gekauft, als er Ihnen vor drei Monaten diesen Laden verkauft hat! Ich rate Ihnen, geben Sie mir den Schein und ich verschwinde von hier. Falls jedoch nicht, bin ich entschlossen, Ihnen eine Kugel durch Ihren verdammten, irischen Schädel zu schießen!“

„Aber … Bill … ich meine, William, ich habe … keinen Schein!“

Die Augen des Jungen funkelten vor Erregung, und mit dem Daumen spannte er jetzt den Hebel, die Trommel bewegte sich ein Stück und rastete dann hörbar ein.

„Ich zähle bis drei, O'Brian. Der erste Schuss trifft dein Knie, der zweite eine Hand, der dritte deinen Kopf. Also – wo ist der Schuldschein meines Vaters?“

O'Brians Augen flogen durch das Lagerhaus, als suche er verzweifelt nach einem Ausweg.

„Eins!“

„Um Gottes willen, Junge, hör mir zu! Ich besitze den Schein … nicht …“

„Zwei!“

Die Stimme des Jungen schien hart und unerbittlich, und langsam senkte sich seine Revolverhand und deutete direkt auf die Knie des Händlers.

„Halt, warte, warte! Ich musste ihn … weggeben. Ich habe ihn nicht mehr! Der … der Judge besitzt ihn, er hat mich gezwungen!“

Bill starrte in das vor Angst zur lächerlichen Fratze verzogene Gesicht seines Gegenübers.

„Du hast den Schein weitergegeben? Allein dafür sollte ich dir dein Lebenslicht ausblasen, O'Brian!“

„Gnade, ich kann doch nichts dafür, Billy! Er hat mich gezwungen, ich hatte keine andere Wahl!“

Schweigend stand der junge William Cody vor dem Mann im Schaukelstuhl. Dann hob er seinen Revolver, setzte den Hahn behutsam zurück und schlug im nächsten Augenblick blitzschnell mit der Waffe zu. O'Brian wurde am Kopf getroffen, Blut lief ihm über die Stirn, und mit einem langen Seufzen sank er seitlich nach hinten in seinen Stuhl, der sich dadurch in Bewegung setzte.

Bill schob den Paterson in seinen Gürtel, sah sich noch einmal rasch um und verließ dann das Lagerhaus wieder über die Laderampe, wo sein Pferd bereitstand. Niemand achtete auf ihn, als er das Tier zum Tor lenkte, nur die Wache nickte ihm freundlich zu. Jeder kannte den jungen Cody, der als Kurierreiter inzwischen schon den besten Ruf erworben hatte.

Während er sein Pferd zum Galopp antrieb, knirschte Bill vor Wut mit den Zähnen und machte sich die größten Vorwürfe. Er hatte erst kürzlich in Eastin erfahren, dass O'Brian den Schuldschein zusammen mit dem Store gekauft hatte, doch zu diesem Zeitpunkt musste er einen Auftrag für Russel, Majors & Waddell übernehmen, der ihn längere Zeit vom Fort fernhielt. Während dessen waren Stevensons Leute wohl erneut im Fort gewesen, wie seit der Schießerei und der anschließenden Flucht des Judge auf seine Ranch immer häufiger.

Die Miliz des Generals Lane konnte bei ihrer Verfolgung Judge Stevenson nicht stellen. Er war aus dem Gerichtssaal mithilfe seiner Revolvermänner, einem geheimen Ausgang und seiner gepanzerten Kutsche entkommen (vgl. dazu Wild Bill – Gottes eigenes Land Band 1; Er nannte sich Judge). Als die Milizionäre in Schussweite der Ranch waren, erwartete sie dort eine stark befestigte Anlage, die eher ein Fort bildete als eine landwirtschaftlich betriebene Ranch. Umlaufende Palisadenwände, Türme an allen vier Ecken, schwer bewaffnete Männer, die sofort das Feuer auf die Verfolger eröffneten – das alles war das Machtzentrum eines Mannes, der sich selbst als Judge, Richter, bezeichnete, dem fast die gesamte Stadt Eastin gehörte und der dort ein eigenes Gerichtsgebäude neben seiner Bank errichten ließ. Stevenson, der Minenbesitzer im Rollstuhl, machte hier in der kleinen Stadt im Kansas-Territorium sein eigenes Gesetz.

Das alles wusste William Cody, aber er hatte keinerlei Vorstellung, wie er an diesen Mann gelangen konnte. Auf dem Weg durch das breite Tor in seiner festungsartigen Ranch würde das wohl kaum möglich sein. Nein, William brauchte einen guten Plan.

Und gute Verbündete, um den Judge zu fassen. Aber wo fand ein gerade zwölfjähriger Kurierreiter solche Verbündete?

 

 

3.

 

„Wo finde ich Mr Hickok, Old Ma?“

Der junge Cody stand etwas atemlos vor der gewichtigen Matrone, die ihn freundlich begrüßt hatte, jetzt aber wieder in ihrem riesigen Kupferkessel über der Feuerstelle rührte, um die Spezialität ihres Hauses nicht anbrennen zu lassen.

„Drüben im Büro des Sheriffs, Bill, aber den Weg kannst du dir sparen. Er wird gleich zum Essen hier herüberkommen. Setz dich, so, wie du aussiehst, kannst du auch einen Teller gutes Stew vertragen!“

Bill wollte erst ablehnen, aber dann stieg ihm der Geruch von Old Ma’s Stew in die Nase, und er trat zu Sid hinüber, der eben am Schanktresen damit beschäftigt war, ein paar Teller abzutrocknen.

„Hey, Sid, geht es dir gut?“

Der kleine, schwarze Boy schaute fröhlich auf und nickte.

„Oh ja, Mr Cody, mir geht es richtig gut bei Old Ma und ihren Mädchen!“ Er kicherte verschämt. „Und Wild Bill – ich meine, Mr Hickok – haben wir auch fast jeden Abend zu Gast im Saloon.“

Bill pfiff durch die Zähne.

„Dann ist es wohl was Ernstes mit der rothaarigen Lilly, was?“

Beide grinsten sich verschwörerisch an, dann ließ sich Bill einen Teller geben und ging hinüber zu Old Ma, die mit ihrem mächtigen Körper und der wie stets einwandfreien, weißen Schürze und der dazugehörigen Haube aussah, als verstünde sie etwas von ihrem Handwerk. Und das bestätigten ihr die Bürger von Eastin gern, von denen immer mehr zur Mittagszeit kamen.

Die doppelte Schwingtüre wurde in Bewegung gesetzt, und Wild Bill Hickok stolzierte herein.

Ja, wirklich!, dachte Bill Cody. Der Mann hat etwas an sich, dass ihn zu etwas ganz Besonderem macht. Schon die Art, wie er seine beiden Revolver trägt, dann die langen, welligen Haare unter dem breiten Hut, sein geschwungener Schnurrbart – kein Wunder, dass die Frauen hinter ihm herlaufen!

„Hallo Bill, schön, dich mal wieder in der Stadt zu sehen!“, begrüßte ihn Hickok, stellte seinen gefüllten Teller auf den Tisch und nahm Platz.

„Ist das der Sheriffstern an Ihrem Hemd, Mr Hickok?“, erkundigte sich Bill Cody scheinheilig.

Sein Gegenüber blinzelte plötzlich und sah dann an sich hinunter, als hätte er das blinkende Stück Blech noch nie zuvor gesehen.

Details

Seiten
80
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939972
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v584973
Schlagworte
bill kansas menschenjagd wild

Autor

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Titel: Wild Bill #2: Menschenjagd in Kansas