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Ein Finger per Post

2020 95 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Finger per Post

Copyright

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Ein Finger per Post

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 95 Taschenbuchseiten.

Die beiden Trucker Jim Sherman und Bob Washburn schlittern ungewollt in ein neues Abenteuer, das sie diesmal in höchste Gefahr bringt.

Auf dem Heimweg nach ein paar Bier nehmen sie eine Abkürzung und kommen dabei an eine ihnen unbekannte Frachtgesellschaft vorbei. Sie beobachten, wie eine hagere, dunkelgekleidete Gestalt aus dem Gebäude hastet. Im nächsten Augenblick fliegt vor ihnen das Haus mit dem kleinen Frachtbüro in die Luft ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Das Päckchen war per Post angekommen. Ohne Absender. Ein in unauffälliges braunes Packpapier geschlagenes Kästchen aus steifer Pappe, auf das in kindlicher Handschrift Name und Adresse von Hendersons Frachtgesellschaft gekritzelt waren. Der Bote hatte es am frühen Vormittag vorbeigebracht. Vor mehr als zwölf Stunden. Dennoch war es immer noch ungeöffnet.

Larry Henderson bekam täglich Post und bestimmt einmal im Monat ein Päckchen dieser Größe. Dennoch spürte er, dass es mit diesem Paket eine besondere Bewandtnis auf sich hatte. Niemand, der ihn nach dem Grund dieser Überzeugung gefragt hätte, hätte eine befriedigende Antwort erhalten. Es war einfach so. Manche Leute standen morgens auf und wussten, dass sie sterben würden …

Der Glockenschlag einer Wanduhr, die Henderson auf einem Trödelmarkt in der Umgebung erworben hatte, riss ihn aus den düsteren Gedanken. Mit einem Ruck schnappte er sich das Päckchen, das links unter einem kleinen Haufen von Unerledigtem lag, und fummelte die Klebebänder ab, die alles zusammenhielten. Trotzdem ihm der Zeigefinger der rechten Hand fehlte, tat er dies mit zielsicherem Geschick, bis das Packpapier sich wie eine hauchdünne Schale vor ihm entfaltete. Eine weiße Schachtel kam darunter zum Vorschein - zusammen mit einer unsichtbaren Duftwolke, die Henderson fast den Atem raubte.

Süßlich, widerlich … Das schrecklichste Parfüm, das ihm je in die Nase gestiegen war!

Vielleicht ist es das wirklich, dachte er hoffnungsvoll. Irgendein harmloses Fläschchen, das ausgelaufen ist.

Er berührte den Deckel der Schachtel und zögerte abermals. Seine Furcht war nur dem begreiflich, der wusste, welche Art von Geschäften Larry Henderson seit geraumer Zeit betrieb, um sich über Wasser zu halten. Ein lautloses Lachen stieg aus den Tiefen seiner Kehle und dokumentierte seine völlige Verunsicherung. Tonnenschwer kam ihm der Deckel vor, den er jetzt langsam abhob. Darunter kam - Watte zum Vorschein.

Die Schachtel war ausgestopft wie ein kostbares Juweliergeschenk!

Verrückt, dachte Henderson. Mittelfinger und Daumen der vierfingrigen Hand tauchten in das weiche Gewebe und zogen daran.

Der schreckliche Geruch wurde intensiver.

Hendersons Herz stockte. Sein Gesicht wurde zur grauenerfüllten Grimasse, als er sah, was sich unter der Abdeckung befand.

Ein Finger!

Aus Hendersons Kehle rollten unbewusste, sinnlose Laute, als ihm klar wurde, wessen Finger dies war und welche Bedeutung die Übersendung an ihn hatte.

Irgendwo im Haus klirrte in diesem Moment Glas. Es hörte sich an, als sei irgendwo eine Scheibe zu Bruch gegangen.

Larry Henderson sprang auf. Der bequeme Schreibtischsessel kippte achtlos hinter ihm weg. Erst das neuerliche Geräusch ließ ihn kurz erstarren. Mit fahrigen Bewegungen zerrte er einen geladenen und entsicherten Revolver aus der obersten Schreibtischschublade. Die Schwere der Waffe ernüchterte ihn ein wenig. Sein hämmernder Herzschlag verschwand aus dem Hals, sackte tiefer. Henderson tauchte aus der Lichtinsel, die von der kleinen Schreibtischlampe erzeugt wurde, und knipste alle verfügbaren Wandschalter an, woraufhin grelles Neonlicht auch die letzten Winkel des Raumes aus dem Halbdunkel riss.

Die Helligkeit vertrieb die Angstdämonen für kurze Zeit. Sofort hastete Henderson zur Tür, die hinaus auf den Flur und in die hinteren Bereiche des alten Hauses führte, und drehte den Schlüssel im Schloss. Anschließend eilte er zum Frontbereich der Agentur und zerrte die verblichenen Rollos vor die Schaufenster. Die Eingangstür selbst war um diese Zeit längst abgesperrt.

Erst nach all diesen Maßnahmen gestattete er sich, den kalten Schweiß von der Stirn zu wischen, der nichts mit der brütenden Hitze zu tun hatte, die wie eine Glocke über der Stadt lag. Mit angehaltenem Atem lauschte er dann ins Innere des verschachtelten Gebäudes, dessen obere Räume er privat nutzte.

Plötzlich hörte er Windböen an den Schaufenstern rütteln. Kurz darauf klatschten schwere Regentropfen gegen die Scheiben. Die Erkenntnis ließ das Blut von Hendersons Kopf bis in die Füße sacken. Ihm wurde schwindelig vor Erleichterung.

Deshalb hatte es geklirrt. Die Vorläufer eines Gewittersturms hatten irgendwo ein Fenster eingedrückt.

Scherben.

Scherben bringen Glück, dachte Henderson in plötzlicher Erschütterung über sich selbst. Er hatte nicht geglaubt, dass er beim kleinsten Anlass sofort in solche Panik verfallen könnte.

Dann fiel ihm das Päckchen wieder ein.

Der Finger.

Sein Finger!

Und sofort kehrte die gleiche alte Furcht wie ein nasser, schwerer Schwamm zurück, den jemand auf sein Herz presste. Die Drohung des Gesichtslosen fiel ihm wieder ein. Scharf hatte sich jedes einzelne Wort tief in seine Hirnrinde gebrannt: »Strengen Sie sich künftig mehr an - wir spaßen nicht! Dies ist unsere erste und wahrscheinlich letzte Warnung. Wenn Sie noch einmal versagen oder falsches Spiel treiben, kennen wir kein Pardon mehr!«

Henderson schlurfte mit butterweichen Knien zum Schreibtisch zurück, hob den Stuhl auf und ließ sich kraftlos in die Polster sinken.

Der Geruch aus der Schachtel war erträglicher geworden. Vielleicht hatte er sich auch nur daran gewöhnt. Mit einer müden Bewegung legte er den Revolver vor sich auf die Tischplatte.

Trotz aller Grauenhaftigkeit übte der Anblick des halb verwesten Fingers eine unheimliche Faszination auf ihn aus. Er musste ihn anstarren. Wieder und wieder wechselte sein Blick von der Schachtel zu der Hand, wo nur noch ein kurzer Stumpf geblieben war.

Sie sind dahintergekommen, dachte er fröstelnd. Sie werden mich töten. Das hier ist ihre Botschaft.

Irrwitzigerweise erinnerte sich Henderson gerade in diesem Moment an einen Film, den er als Kind gesehen hatte: Stevensons »Schatzinsel«. Dort war etwas ähnliches geschehen. Etwas, das er damals kaum begreifen und noch weniger hatte nachvollziehen können. Ein alter Pirat hatte von seinen ehemaligen Kumpanen ein Zeichen gesandt bekommen. Das Verräterzeichen. Die Schwarze Hand. Allein dieses Symbol hatte genügt, ihn fast umzubringen. Vor Furcht.

Und genau so war es jetzt auch bei Henderson. Die Angst zog in glühenden Bahnen durch seinen Körper.

Bis zum Rand füllte er ein Glas aus der bereitstehenden Whiskyflasche und kippte den Inhalt in einem Zug hinunter. Im selben Moment änderte der Deckenventilator sein monotones Geräusch in ein dumpfes Tackern wie Maschinengewehrfeuer.

Henderson verschluckte sich nachträglich, hustete und schaltete den Ventilator aus. Die plötzliche Stille wurde nur noch vom Rauschen unglaublicher Wassermassen durchsetzt, die draußen niedergingen. Wie alle anderen hatte Henderson lange auf diese Abkühlung gewartet. Aber jetzt wagte er nicht, hinauszutreten und sie zu genießen. Minutenlang kauerte er wie gelähmt vor der Schachtel, die immer wieder einen fast hypnotischen Zwang auf ihn ausübte.

Dann trat das ein, was seine kurze Erleichterung von vorhin als Irrtum entlarvte: Jemand machte sich an der Innentür zum Flur zu schaffen.

Das Geräusch, mit dem sich der Türknauf drehte, ließ ein weites Bündel Nervenfasern in Henderson bersten. Ohne nachzudenken packte er den Revolver und jagte in unmittelbarer Folge alle Kugeln aus dem sechsschüssigen Magazin ins Türholz. Die Projektile durchschlugen die dünne Barriere glatt. Etwas polterte im Flur zu Boden. Draußen rollte ein Donner nach dem anderen durch die Nacht.

Henderson kam wieder zu sich. Fast blind wählte er die Nummer der Polizei und haspelte seinen Hilferuf in die Muschel. Als er später auflegen wollte, rutschte ihm fast der Hörer aus der schweißnassen Hand. Wankend erhob er sich und taumelte zur Tür.

Plötzlich stoppte er.

Das Päckchen mit seinem makabren Inhalt fiel ihm ein. Er hatte die Bullen alarmiert. Wenn sie hier auftauchten und nicht nur den Einbrecher, sondern auch das noch fanden, würden die Fragen kein Ende mehr nehmen.

Ich muss es wegschaffen, dachte er. Aber wohin …?

Ganz dicht stellte er sich an die durchlöcherte Tür und horchte dahinter.

Nichts.

Kein Laut.

Eine Sekunde später schmetterte jemand mit unvorstellbarer Wut die Tür aus dem Rahmen und Henderson entgegen. Er konnte nicht mehr ausweichen. Das Holz traf ihn an Kopf und Schulter und schleuderte ihn zu Boden. Die Waffe verlor er dabei nicht, aber als er sie gegen die gespenstische Gestalt richtete, die wie ein Schatten hereinglitt, wurde ihm zu spät bewusst, dass er sie leergeschossen hatte.

Ein einziges erbärmliches Klick ertönte, als der Hammer auf die leere Patronenkammer traf.

Dann surrte auch schon etwas silberhell durch die Luft und befreite Larry Henderson schlagartig von allen Ängsten und Nöten.

 

 

2

Indianersommer!

Seit Wochen trübte kein Wölkchen den Himmel; der Asphalt glühte ebenso wie die Autokarosserien, auf denen man mühelos kleinere Gerichte hätte braten und servieren können. Selbst nachts sanken die Temperaturen selten unter die magische Grenze von 90 Fahrenheit-Graden. Dazu kam eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit, die manchem wie ein Hammer auf den Schädel schlug. Auch für die nächste Zukunft hatten die Radiofuzzys keinerlei Änderung vorausgesagt.

Deshalb war es nur normal, dass auch für die beiden ungleichen Gestalten, die noch nach Einbruch der Dunkelheit den Boulevard von San Antonio entlang schlenderten - gaaanz langsam, um nicht völlig auszulaufen - das Wetter Gesprächsthema Nummer eins war.

Sie waren gerade von großer Fahrt aus dem Nordwesten, Seattle, zurückgekehrt, wo das Klima keine solche Kapriolen schlug. Und morgen Nachmittag sollte es schon wieder losgehen in Richtung Nevada. Die Zeit bis dahin wollten sie noch ein bisschen relaxen.

»Irgendwer tickt da oben doch nicht mehr ganz richtig«, grollte Bob Washburn, der sechseinhalb Fuß große Hüne an der Seite des maisblonden Texaners. Beide steckten nur in bunten Shorts, Schlabber-T-Shirts und offenen Sandalen. »Früher gab’s so was jedenfalls nicht …«

»Früher«, rang sich Jim Sherman, der andere Part des auf allen Highways bekannten Trucker-Gespanns »Sherman & Washburn«, eine Antwort ab, »war’s genau dasselbe - nur will das nie jemand wahrhaben! Basta!«

»Quatsch!«

Jim winkte ab.

Den Tag über hatten sie sich in ihren Wohnungen verschanzt und versucht, den fehlenden Schlaf der letzten Wochen nachzuholen. Aber die Unruhe, die die anhaltende Hitze hervorrief, war auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Die Luft knisterte förmlich wie elektrisch geladen. Man erwartete jeden Augenblick irgendwo bläuliche Entladungen aus seinen Fingerspitzen zucken oder mysteriöse Kugelblitze über die Hausdächer tanzen zu sehen.

Jim und Bob hatten gerade anrufen wollen, als das Telefon bimmelte und sein Shotgun ihm zuvorkam. Seitdem pilgerten sie von einer schattigen Oase zur nächsten. Mit Bier waren sie bislang vorsichtig umgegangen. Stattdessen hatten kühle Fruchtsäfte ihre Körper wie lecke Durchlauferhitzer passiert. Aber ganz allmählich setzte sich doch die Erkenntnis in ihnen durch, dass ein Sixpack auf der Veranda von Jims gemütlicher Villa in der Starcrest Avenue das Übelste nicht gewesen wäre.

Sie traten gerade aus einem Store, wo sie sich mit dem Nötigsten versorgt hatten, als Bob mitten im Satz abbrach, sich über die breite Stirn wischte und ungläubig zum Nachthimmel starrte.

»Gibt’s das?«, keuchte er.

»Vogelmist?«, erkundigte sich Jim mäßig interessiert. Er dachte gerade darüber nach, ob man sich ein Taxi leisten sollte - das Auto hatten sie in weiser Voraussicht zu Hause gelassen - als es auch bei ihm Platsch! machte.

Ein Tropfen, dick wie ein Vogelei, klatschte ihm in den Nacken und rann von dort eine Gänsehaut erzeugend über seinen Rücken. Dann ging alles blitzschnell. Eine Wasserwand verwandelte die Welt in ein Aquarium, in dem von einem Moment zum nächsten gar nichts mehr ging. Auf der Straße brach das totale Verkehrschaos aus. Autos fuhren rechts ran und warteten die unverhoffte Sintflut ab, weil die Sicht trotz schaufelnder Wischer keine drei Yards mehr betrug.

Jim und Bob retteten sich gerade noch unter das Dach einer Greyhound-Haltestelle. Da klebte ihnen der Stoff schon wie ein Schuppenkleid am ganzen Körper, und die Haare sahen aus wie triefendes Sauerkraut. Bob’s Kraushaar hatte es noch schlimmer getroffen: Es wirkte wie eine verfilzte Matte, auf der sich Petrus, wenn er wollte, die Füße abstreifen konnte. Als Jim eine entsprechende Bemerkung machte, kam eine Bierdose geflogen. Er angelte sie spielerisch aus der Luft, und das war der Auftakt für einen Abend, wie er den beiden weit herumgekommenen Truckern unvergesslich bleiben würde.

Der Regen schwächte auch die nächste Stunde nicht merklich ab. Aber das war kein Beinbruch. Während sich San Antonio in eine Lagunenstadt zu verwandeln drohte, ließ die »Thunder«-Besatzung eine Dose nach der anderen zischen. Nie waren sie ungestörter gewesen. Kein Hund wagte sich durch die Weltuntergangsszenerie zu ihnen. Sie sprachen über Frauen, Frauen und über Frauen. Ein unerschöpfliches Thema. Als es dennoch erschöpft war, kamen Truck Stops, Trucks und andere Wichtigkeiten zur Sprache. Pünktlich mit dem letzten Sixpack klarte der Nachthimmel abrupt auf, und die Sintflut verwandelte sich in einen harmlosen Regenfall, der den allmählichen Aufbruch gestattete.

Mit der nötigen Bettschwere marschierten sie los.

»Ich kenne eine Abkürzung«, hatte Bob versichert.

Nur deshalb fanden sie sich irgendwann in einer verlassenen Seitenstraße unbekannten Namens wieder, wo das Wasser in Dampfwolken aus den warmen Rinnsteinen emporstieg und eine fast unheimliche Atmosphäre schuf. Jeden Augenblick erwartete man, aus den Nebeln irgendetwas Schreckliches auftauchen zu sehen.

»Richtig gruselig«, schnaubte Bob.

Sie waren nicht betrunken, aber auch nicht mehr ganz nüchtern. Aus den Gullydeckeln drangen Geräusche wie gigantische Rülpser. Ein paar Straßenlampen waren ausgefallen. Düster lag die Straße im Glanz des Mondes. Hin und wieder rollte Gewitterdonner über sie hinweg.

»Hoffentlich hat Freddie heute keinen Ausgang«, unkte Jim.

»Mal bloß den Teufel nicht an die Wand«, spielte Bob den Entsetzten. »Ich habe zwar alle Folgen von Nightmare on Elm Street gesehen - aber keine Lust, in der nächsten selbst mitzuwirken.«

»Keine Gefahr«, beruhigte ihn Jim. »Du bist ein zu mieser Schauspieler - oder, positiv ausgedrückt, eine zu ehrliche Haut.«

»Da hast du aber gerade noch mal die Kurve gekriegt«, grollte Bob faustschüttelnd.

Lachend setzten sie ihren Weg fort. Nur der Alkohol verhinderte, dass sie in ihren nassen Klamotten nicht froren wie die Schneider.

Als sie tiefer in die Gasse eingedrungen waren, entdeckte Jim ein Schild, das ihn interessierte.

,HENDERSON’S FRACHTGESELLSCHAFT Transporte aller Art‘

»Nie gehört«, murmelte Bob lakonisch, als er darauf aufmerksam gemacht wurde.

»Ich auch nicht«, nickte Jim. »Man muss ja auch nicht alles kennen …«

Er näherte sich dem alten rötlichen Backsteinbau, hinter dessen beiden Fensterrollos noch Licht brannte, das aber nun jäh erlosch.

Jim war noch einen guten Steinwurf entfernt, als die Tür heftig aufgerissen wurde (der helle Klang einer altmodischen Glocke drang bis zu ihnen) und ein Schatten ins Freie huschte. Die Tür fiel scheppernd ins Schloss zurück, und eine hagere, dunkelgekleidete Gestalt hastete über das regennasse Pflaster in entgegengesetzter Richtung davon.

Kopfschüttelnd wandte sich Jim an Bob: »Der hat’s aber eilig, heimzukommen.«

Im nächsten Augenblick flog vor ihnen das Haus mit dem kleinen Frachtbüro in die Luft.

 

 

3

Feuerwehr und Streifenwagen hatten die schmale Gasse abgeriegelt und die üblichen Schaulustigen hinter die Absperrungen verbannt. Noch immer lag ätzender Brandgeruch in der Straßenschlucht, obwohl die Wasserwerfer das Feuer recht schnell in den Griff bekommen und ein Übergreifen auf die angrenzenden Gebäude - zumeist leerstehende Lagerhallen - verhindert hatten.

»Nur Ihrem schnellen Handeln ist das zu verdanken«, lobte Captain Ahab von der City Police die beiden Trucker, die ihm gegenüber in einem Einsatzwagen saßen und ihre Aussage zu Protokoll gegeben hatten. »Auch der Regen kam günstig. Sonst wäre vielleicht die ganze Straße abgefackelt worden. Nicht auszudenken …«

Ahab sah nicht wie ein echter Polizist aus - nicht einmal wie aus dem wirklichen Leben. Sein Stangenanzug schlackerte viel zu groß um das Gerüst seines fast sieben Fuß großen, spindeldürren Körpers. Leuchtend rote Haare verrieten seine irische Abstammung. Weiteres Indiz dafür waren die über der Nasenwurzel buschig zusammengewachsenen Brauen. Sein schmales, asketisches Gesicht wirkte abgespannt und übernächtigt und war von zahllosen zartrosa Flecken durchsetzt, die während des Gesprächs kamen und gingen. Er sprach leise, aber mit einer Eindringlichkeit, die jedes Wort im Gedächtnis verankerte.

Jim und Bob blickten trotz des Lobes wenig zufrieden drein. Während einer von ihnen Polizei und Feuerwehr verständigt hatte, hatte der andere versucht, den Fliehenden einzuholen. Doch der war spurlos von der Bildfläche verschwunden. Wie ein nächtlicher Spuk.

»Ein Unfall scheint nach Ihren Angaben wenig wahrscheinlich«, fuhr Ahab fort. »Aber warten wir die Ergebnisse der Brandspezialisten ab. Ich …«

Er wurde unterbrochen. Ein Cop klopfte gegen die Scheibe und bat ihn hinaus.

»Wir haben unter den Trümmern eine Leiche gefunden«, hörten Jim und Bob. Und als der Captain kurz darauf sagte: »Entschuldigen Sie mich bitte kurz …« reagierte Bob am schnellsten.

»Dürfen wir mitkommen?«

Überraschenderweise nickte Ahab sofort.

»Okay.«

Sie betraten die Brandruine, in der eine Decke herabgebrochen und allerhand verschüttet hatte. Der Räumdienst hatte vorbildliche Arbeit geleistet und binnen zwei Stunden den größten Dreck beiseite geschafft. Dabei hatte man den Toten entdeckt. Wodurch sich der Verdacht der bloßen Brandstiftung in einen weit schwerwiegenderen Tatbestand verwandelt hatte.

»Identifizierung läuft«, meldete einer der Uniformierten.

Jim und Bob warfen nur einen kurzen Blick auf den Toten, bei dem ein Arzt kniete. Dann hatten sie genug.

»Sie werden ein paar Schwierigkeiten haben«, murmelte Jim, »den Bedauernswerten zu identifizieren.«

Ahab schüttelte nachsichtig den Kopf.

»Täuschen Sie sich nicht. Wir haben da unsere Mittel und Wege … Zunächst wird natürlich nach dem Ladenbesitzer gefahndet. Wenn er selbst das Opfer ist, wird es leicht.«

»Logisch«, nickte Bob. »Können ... können wir wieder nach draußen?« Er war etwas käsig unter der dunklen Haut.

»Gehen Sie nur«, nickte der Captain.

Er folgte ihnen Minuten später. In einer Plastikfolie hielt er einen seltsamen, verrußten Gegenstand, etwa handtellergroß.

»Was ist das?«, fragte Jim.

Ahab wurde plötzlich verschlossen wie eine Auster. Dennoch fragte er: »Sehen Sie sich nie fernöstliche Thriller an?«

»Doch. Aber …«

»Tut mir leid«, unterbrach ihn der Captain der City Police. »Ich habe schon zu viel verraten. Ich muss Sie bitten, sich zu meiner Verfügung zu halten. Wenigstens bis die dringendsten Untersuchungen abgeschlossen sind.«

»Wie lange kann das dauern?«

»Drei bis sechs Tage.«

»Unmöglich!«, entfuhr es Jim. »Schon morgen müssen wir mit eiliger Fracht rüber nach Nevada.«

Ahab schüttelte den Kopf. »Das werden Sie vergessen müssen.«

»Und wer ersetzt uns den Verlust?«, brauste Bob auf.

Darauf und auf viele andere quälende Fragen erhielten sie in dieser Nacht keine zufriedenstellende Antwort mehr. Stattdessen telefonierten sie mit Laura Lou Bell und informierten sie über ihre Misere. Sie war alles andere als begeistert, aber schon eine Stunde später erhielten sie ihren Rückruf, dass sie Ersatz aufgetrieben hatte.

»Was treibt ihr euch auch immer in solchen Gegenden herum!«, war ihr Schlusskommentar. »Und jetzt lasst mich noch ein Stündchen weiterschlafen.«

»Ein guter Gedanke«, befand Bob, streckte sich auf Jims Sofa aus und war weg. Kurz darauf sägte ein ganzes Holzfällercamp im Wohnzimmer der Villa.

Jim zog sich achselzuckend nach oben zurück. Aber er fand keinen richtigen Schlaf. Ständig spukte ihm die schattenhafte Gestalt durch den Kopf, die vom Ort der Explosion geflohen war.

Und Ahabs Bemerkung: »Sehen Sie sich nie fernöstliche Thriller an?«

 

 

4

Die Propellermaschine landete im Morgengrauen auf einem Nebenplatz des internationalen Flughafens von San Antonio. Ein kleines zweimotoriges Charterflugzeug mit nur einem Passagier und drei Mann Besatzung - wenn man die bildhübsche mandeläugige Stewardess als »Mann« durchgehen lassen wollte.

Das Schott klappte hoch. Eine kurze Treppe senkte sich automatisch bis zum Pistenboden, während die Motoren der Maschine endgültig ausliefen.

Der Mann, der sich kurz darauf mit ausgesuchter Höflichkeit von der elegant gedressten Flugbegleiterin verabschiedete, war Mitte Dreißig und trug sein dunkel gewelltes Haar schulterlang. Er war vollkommen in nietenbeschlagenes Leder gekleidet. An seinen Stiefeln klirrten silberne Sporen bei jedem Schritt, und sowohl seine Kleidung als auch der Ausdruck auf dem narbigen Gesicht ließen den Mann erscheinen, als habe er sich in den Zeiten verirrt. Noch vor hundert Jahren, in den glorreichen Tagen der Desperados, wäre er weit weniger aufgefallen. Aber vielleicht machte es gerade dieser Anachronismus aus, der ihm verstohlene Blicke der unverhohlenen Bewunderung seitens der mandeläugigen Schönen einbrachte.

Er stiefelte die kurze Gangway hinunter, winkte ein letztes Mal und verschwand dann im Fond des Wagens, der schon aus der Luft per Funk angeordert worden war. Nach einer kurzen Odyssee durch die unvermeidlichen Kontrollen scherte der Wagen aus einem selten benutzten Seitentor des Flughafengeländes auf die San Pedro Avenue und rollte von dort aus wenig später auf den Interstate Highway 281. In rascher Fahrt verließ der Wagen die Stadtgrenzen und fuhr bis Leming. Dort setzte der Sporenträger den Chauffeur ab, wie schon vorher verabredet, und fuhr allein weiter bis Pleasanton, etwa 30 Meilen südlich von San Antonio.

Er nahm sich ein Zimmer im besten Hotel der City, duschte ausgiebig, wechselte die Wäsche, nicht aber sein abenteuerliches Outfit, aß eine Kleinigkeit im nächsten Fast Food Restaurant und fuhr schließlich zu einem abgelegenen Industriepark im Osten.

Das umzäunte Gelände war riesig, wirkte aber völlig verwaist. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Der Ledermann hielt unmittelbar vor dem mit einer gewaltigen Kette gesicherten Tor. Eine Weile sondierte er misstrauisch die Umgebung. Dann zog er einen kleinen Lederbeutel, der an einer Schnur um seinen Hals hing, aus dem Hemd und kramte einen vernickelten Schlüssel hervor. Der Schlüssel passte exakt in das Schloss der Kette.

Kurz darauf rollte das schwere Tor in der Führungsschiene zurück und gab den Zugang frei.

Der Narbengesichtige kehrte in seinen Wagen zurück, gab Gas und jagte über die breite asphaltierte Zufahrt zu jener graffitibesprühten, fensterlosen Halle, die sich auf einem sanften Hügel erhob. Dort passte der gleiche Schlüssel in ein anderes Schloss.

Nach einer einzigen Umdrehung setzte sich ein verborgener Mechanismus in Gang, und das breite Falttor verschwand nach oben. Licht flammte auf. Der Mann trat ein und blieb sekundenlang fast andächtig vor dem ungeheuerlichen Koloss aus Stahl, Gummi und glitzerndem Chrom stehen.

Ein drittes Mal kam derselbe Schlüssel ins Spiel.

 

 

5

Das Telefon klingelte.

Bob erwachte aus einem Mördertraum. Schweißgebadet überlegte er, ob er wirklich schon wach oder das Schrillen immer noch Bestandteil seiner Einbildungskraft war.

Draußen zwitscherten bereits die Vögel vom nahen Park aus durch das offene Fenster. Schmoren im eigenen Saft war angesagt - die Sintflut von letzter Nacht hatte keine bleibende Linderung verursacht. Die Hitze war es letztlich, die Bob überzeugte, nicht mehr zu schlafen. Er robbte quer über das riesige Bett und pflückte den Hörer von der Gabel. Er hörte gerade noch, wie es klickte, als der Anrufer am anderen Ende der Leitung auflegte.

Bob fluchte ungehemmt, grollte etwas wie »Der Tag fängt ja gut an ...« und rollte sich noch fünf Minuten auf die andere Seite, ehe er kapitulierte und aufstand.

Nach einem Frühstück, das einer ganzen Kompanie gereicht hätte, verabredete er sich mit Jim, und der tauchte wenig später in seinem grünmetallicfarbenen Ford Mustang bei ihm auf, um ihn abzuholen. Gemeinsam fuhren sie zum RTC-Gelände an der Seguin Street, um Luke Ryland, den Trucker-King, um Hilfe zu bitten. Ryland war Jims Ex-Schwiegervater und dazu der Boss des größten Trucking-Unternehmens im Südosten der USA, der Ryland Trucking Company. Zugleich war er aber auch eng befreundet mit Manuel Delgado, dem obersten Polizeichef von San Antonio.

Ryland empfing die beiden Unzertrennlichen in seinem Büro mit direktem Blick auf einen von Ochsenfröschen eroberten Gartenteich. Das Gequake drang sogar durch die geschlossenen Fensterscheiben in den vollklimatisierten Raum.

»Hier lässt es sich aushalten«, meinte Jim nach der herzlichen Begrüßung.

»Nur um euch zu erfrischen, seid ihr aber nicht vorbeigekommen«, lächelte Ryland.

Er sah blendend aus. Das schmale sonnengebräunte Gesicht umrahmt von silbergrauem Haar strahlte ungeheure Souveränität aus. Das mochte auch daran liegen, dass die letzten Schatten, die das »Erbe« seines verbrecherischen Doppelgängers im Unternehmen hinterlassen hatten, allmählich beseitigt wurden. Und seit auch seine Tochter Cora-Mae, Jims Ex-Frau, nicht mehr den Rollstuhl hüten musste, weil die letzten Folgen eines Bombenattentates überwunden waren, schien wieder eitel Sonnenschein im Leben des Kings Einzug zu halten.

»Richtig.« Jim erzählte ihm von dem Erlebnis des gestrigen Abends. Zwischenzeitlich erschien Sharon Hayes, Rylands Fabel-Sekretärin, deren Fähigkeiten sich nicht nur auf hübsches Aussehen beschränkten, sondern die auch der Inbegriff einer loyalen und engagierten Vorzimmerdame war. Sie brachte Kaffee.

»Milch?«, fragte sie Bob

»Seh’ ich so aus?«, konterte er.

Alle lachten.

»Ich falle auch immer wieder darauf herein«, lächelte auch sie und zog sich nach draußen zurück.

»Eine wahre Perle«, lobte Jim. »Halt’ sie dir warm!«

»Würd’ ich ja gerne - aber ich muss aufpassen wegen Marilyn«, frotzelte der Trucker-King. »Du weißt, wie gewalttätig meine Frau werden kann.« Übergangslos wurde er wieder ernst. »Die Geschichte hört sich ja fantastisch an. Überhaupt scheint ihr ein Multitalent zu besitzen, immer in die größten Fettnäpfe zu tappen, die weit und breit herumstehen.«

»Das murmelt gerade der Richtige«, grinste Bob.

»Ich werde sofort mit Luke telefonieren«, fuhr Ryland ungerührt fort. »Am besten machen wir einen Termin aus, wo ihr persönlich mit ihm sprechen könnt. Vielleicht klappt’s sogar heute noch.«

»Das wäre gut«, nickte Jim. »Unsere heutige Fracht ist schon auf dem Weg. Glücklicherweise hat Laura Lou uns keine Schwierigkeiten gemacht. Aber wir haben keine Lust, noch weitere lukrative Aufträge zu verpassen.«

»Das sagt ihr Luke am besten alles selbst. Vielleicht kann er was machen. Aber keine allzu großen Hoffnungen! Wenn es um seinen Job geht, kann er knochentrocken auf den Paragraphen herumreiten.«

Ryland ließ sich von Sharon eine Verbindung zu Chief Delgado herstellen.

 

 

6

Der schwarze Mack schnurrte wie ein Uhrwerk über den Interstate Highway 10. El Paso lag bereits hinter Farlon Kubrick und seinem Shotgun Luke Dorado. Sie passierten gerade die Abfahrt Lordsburg und waren eigentlich ganz zufrieden mit sich und ihrem Los als Independent Trucker.

Der Anruf der Bell-Agentur hatte Kubrick, den »Kopf« des Duos, mitten in der Nacht erreicht - kein Problem für ihn und seinen verlässlichen Partner. Schon oft hatten sie »Feuerwehr« gespielt und waren eingesprungen, wenn alle anderen ,Stricke rissen‘ - auch ein Ruf, mit dem sich leben ließ. Der Preis, der sich in Dringlichkeitsfällen aushandeln ließ, war immer attraktiver als bei Normaltransporten.

»Was haben wir eigentlich geladen?«, fragte Luke Dorado, sein Partner seit mehr als einem Jahrzehnt. Er war indianischer Abstammung. Kiowa. Das blauschwarze Haar war als Zopf am Hinterkopf zusammengeflochten - und um auch ja keinen Zweifel an seiner Herkunft aufkommen zu lassen, steckte eine schillernd gefärbte Adlerfeder darin.

Untereinander hatten die beiden nie ernstliche Probleme damit gehabt. Dritte sahen das manchmal etwas anders. Aber Dorado stand zu allem, was in seinen Genen seit Generationen verankert war. Was da in seinen nachtschwarzen Augen glomm, war nichts anderes als unglaublicher Stolz. Und wer ihn aus unmittelbarer Nähe am Steuer des pechschwarzen Mack erleben konnte, dem lief auch nach Jahren immer wieder ein leiser Schauer über den Rücken. Denn Luke Dorado saß nicht einfach nur auf dem Bock - er thronte. Und er durchfuhr die Weite des Kontinents mit einem Ausdruck auf dem entspannten Gesicht, der dem außenstehenden Betrachter nicht immer gefallen mochte. Schaut her!, stand darin in Großbuchstaben zu lesen. Dies hier ist mein Land - das Land meiner Väter! Nicht ich bin hier der Fremde, der Eindringling - ihr seid es!

Eine nicht ganz unproblematische Einstellung.

Aber Farlon Kubrick lebte ganz selbstverständlich damit, weil er Dorado als Mensch schätzte. Und das tat jeder, der ihn näher kannte. Nur ein paar ewig Gestrige nutzten manchmal die Gelegenheit, um ihren unterschwelligen Hass abzureagieren. Dies geschah jedoch meist außerhalb der Trucker-Sphäre, in der es im Großen und Ganzen sehr kollegial zuging. Ganz gleich, welche Hautfarbe einer zu Markte trug.

»Steht in den Papieren«, gab Kubrick mit Verspätung zur Antwort. Er liebte es, sich Zeit lassen zu können. Zeit war etwas, das ihn mit der Landschaft dort draußen verband - und mit der im Mittagslicht glänzenden Asphaltdecke, die sich irgendwo vor ihnen scheinbar in der Unendlichkeit verlor. Ein gewisses Maß an Romantik gehörte bei aller Härte schon zu dem Job, dem sie sich verschrieben hatten. Dementsprechend säuselte auch gerade ein weicher Song von Emmylou Harris aus den Lautsprecherboxen.

Dorado zuckte die Achseln und lehnte sich entspannt auf seinem Sitz zurück.

»Na, wenn’s dich nicht juckt, mich schon gar nicht.«

Er schloss die Lider und ließ sich in eine Art Meditation fallen. Vor seinem geistigen Auge erschienen Bilder, die Kubrick erschreckt hätten - nicht, weil sie böse waren, sondern weil er sie nicht verstanden hätte. Und genau diese Einsicht hätte ihn geschockt: dass er seit unglaublich langer Zeit mit einem Mann zusammen war, dessen Gedanken nach völlig anderen Mustern funktionierten.

Dass sie es dennoch geschafft hatten, Freunde zu werden, wog umso schwerer.

Stunden später, nachdem sie die Positionen gewechselt hatten, legten sie die erste Rast bei einem Truck Stop nahe Phoenix ein. Und dort kam es zu dem Zwischenfall, der sie zwar nachdenklich stimmte, letztendlich aber auch nicht mehr rettete.

 

 

7

Manuel Delgado war nicht allein, als sie sein Büro betraten. Die bereits vertraute Gestalt Captain Ahabs saß ihm gegenüber im Besuchersessel. Daneben waren zwei weitere Stühle aufgereiht. Der Polizeichef, den sie auch privat schätzten, aber bei weitem nicht so gut kannten wie Old Ryland, empfing sie freundlich wie immer - jedoch mit spürbarer Distanz.

Jim und Bob akzeptierten dies, ohne überhaupt darüber nachzudenken. Es war selbstverständlich, dass Delgado seine Autorität in Anwesenheit Untergebener wahren musste. Kumpanei war hier nicht gefragt.

Ohne lange Vorrede kam der Chief zum Kern ihres Anliegens.

»Ich habe mit Captain Ahab bereits ein Vorgespräch geführt und sehe keine Gründe, die auf San Antonio beschränkte Verfügbarkeit aufrecht zu erhalten. Die Dinge liegen inzwischen ziemlich klar. Die Aussagen wurden protokolliert. Wir können jederzeit darauf zurückkommen. Ich lege jedoch Wert darauf zu erwähnen, dass der Captain selbst diese Auffassung vertritt und nicht erst von mir dazu überredet werden musste.«

Ahab lächelte verhalten. Er nickte den beiden Truckern zu. Womit sich der Eindruck der zurückliegenden Nacht bestätigte: Der Polizist war kein Karrieretyp, der mit Scheuklappen durchs Leben ging.

Sympathisch, dachten Jim und Bob fast gleichzeitig.

»Das klingt gut, danke«, sagte Jim. »Den einen Auftrag, den wir verloren haben, weil wir zur falschen Zeit am falschen Ort waren, werden wir verschmerzen können.«

»Zur richtigen Zeit am richtigen Ort«, korrigierte Ahab. »Nur schade, dass Sie den Kerl, der Hals über Kopf floh, nicht wenigstens beschreiben konnten.«

»Ein bisschen Arbeit«, erwiderte Bob, »wollen wir der Polizei ja auch noch übrig lassen.«

»Davon«, versicherte Ahab glaubhaft, »hätten wir auch so noch genügend, keine Sorge.«

»Haben Sie bereits eine Spur?«, fragte Jim. Er besaß ein verständlicherweise tieferes Interesse an der Sache. »Was war mit Ihrer ›fernöstlichen‹ Andeutung? Dieser Gegenstand, den Ihre Leute gefunden haben.«

Ahab und Delgado tauschten Blicke, die den beiden Truckern nicht verborgen blieben und ihre Neugierde noch schürte.

»Das ist noch nicht spruchreif«, meinte der Chief schließlich und nahm seinem Captain damit eine Entscheidung ab, die ihn in offensichtliche Gewissensnöte gebracht hätte.

»Aha«, nickte Jim. »Eiszeit also. Nachrichtensperre. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.«

»He, he! Keine Anzüglichkeiten!« Bob puffte ihm in die Seite.

Man lachte - und redete weiter um den Brei herum.

Später trennte man sich und war so schlau wie vorher.

»Verdammte Geheimniskrämerei!«, fluchte Bob auf dem Weg zum Wagen. »Warum wird aus allem immer gleich ein Staatsakt gemacht?«

»Vielleicht, weil manche Leute daraus erst ihre Existenzberechtigung ziehen«, hieb Jim in dieselbe Kerbe.

»Die können mich bald mal!«

Sie fuhren bei Ed Zoplowski, einem befreundeten Kioskbesitzer, vorbei, der neuerdings auch einen kleinen, von seiner Frau Thelma bewirtschafteten Imbiss angegliedert hatte. Ed war so etwas wie eine feste Institution innerhalb San Antonios. Bei ihm verfingen sich Gerüchte wie in einem unsichtbaren Spinnennetz. Wer etwas auf dem Herzen hatte, kam zu Ed, manchmal auch zu Thelma (die beiden ergänzten sich prächtig) - je nachdem, um welche Art von Information es sich handelte.

Ed war weit über siebzig, seine Frau kaum jünger. Und obwohl er ein wenig »harthörig« war, bot er immer noch einen imposanten Anblick. Meist wirkte er wie frisch geliftet, denn er war ein Anhänger von allem, was dazu diente, das wahre Alter irgendwie zu kaschieren. Der Grund dafür war seine Eitelkeit. Böse Zungen munkelten sogar, er bestünde fast nur noch aus dritten Zähnen, vierten Haaren und dem mindestens fünften Herzschrittmacher. Thelma verblasste im direkten Vergleich förmlich, was ihnen in eingeweihten Kreisen den Spitznamen »Der Schöne und das Biest« eingehandelt hatte. Niemand hätte es allerdings gewagt, die beiden offen in dieser respektlosen Weise anzusprechen.

Die beiden Freunde setzten sich unter das sonnengeschützte Vordach hinter Eds Kiosk und bestellten bei Thelma frisch gebratene Hamburger mit Salat. Erwartungsgemäß tauchte kurz darauf Ed auf und setzte sich unaufgefordert zu ihnen.

»Nicht viel los heute«, beschwerte er sich. »Die Leute lesen immer weniger. Bald werden die Zeitungen ganz durch Comic Strips oder nackte Weiber ersetzt, weil jeder nur noch in Bildern denken will.«

»Damit verdienst du aber gut, oder täusche ich mich?«, schoss Bob ihn an, während er den Inhalt einer Ketchupflasche großzügig über seinem Burger verteilte.

Ed verzog das Gesicht, als müsste er das Zeug futtern.

»Existenzminimum«, stieß er schließlich griesgrämig hervor.

»Man schlägt sich gerade mal eben so durch. Die Platzmiete und die Steuern fressen das Meiste auf.«

»Du Ärmster«, beteiligte Jim sich an dem allgemeinen Bedauern. »Wir werden künftig ein bisschen öfter vorbeischauen, damit du endlich deine zweite Million anfangen kannst.«

»Jammert er schon wieder?« Thelma lugte aus ihrem Küchenverschlag. »Er ist und bleibt ein alter Knauser!«

Als Ed aufbrausen wollte, zog Bob ihn vorsichtig am Ärmel auf den Stuhl zurück.

»Vorsicht«, flüsterte er ihm zu. »Die Scheidung würde dich teuer zu stehen kommen.«

»Wer redet von Scheidung«, seufzte Ed abgrundtief. »Ich könnte ohne das Weib doch gar nicht leben!«

»Sehr weise!« Diese Bemerkung kam von Thelma, die - im Gegensatz zu ihrem Beau - Ohren wie ein Luchs besaß.

Daraufhin wurde kurzerhand das Thema gewechselt.

Jim fragte die Zoplowskis, ob sie etwas von der Vernichtung des Frachtbüros gehört hatten, die sich letzte Nacht zugetragen hatte. Als beide bedauernd, doch mit unverkennbarer Gier die Köpfe schüttelten, ohne weiteres zu erfahren, hatten sie bereits den geschickt ausgelegten Köder geschluckt.

»Schaut heute Abend nochmal vorbei!«, vertröstete Ed sie. »Bis dahin weiß ich möglicherweise mehr. Aber es kostet das Übliche.«

Das »Übliche« waren Aufnahmen von originellen Kiosken aus allen Landesteilen, die Jim und Bob manchmal in Eds Auftrag schossen und zu dessen größter Freude bei ihm ablieferten. Damit tapezierte er jeden freien Quadratzentimeter seiner Bude. Einmal hatten sie ihm sogar das Bild einer brasilianischen ,cantina‘ anbieten können, die seitdem das Prunkstück seiner ,Ausstellung‘ war.

Sie speisten noch in aller Seelenruhe zu Ende. Dann fuhren sie bei Laura Lou vorbei, um ihr mitzuteilen, dass sie mit sofortiger Wirkung wieder für Aufträge jeder Brisanz zur Verfügung standen.

 

 

8

»Howgh!«, grüßte Luke Dorado Besucher und Bedienstete des unbekannten Truck Stop gleichermaßen.

Dann stolzierte er mit unbewegter Miene zu einem Fenstertisch, ziemlich genau in der Mitte des Raumes. Farlon Kubrick folgte ihm grinsend. Üblicherweise erklang von allen Seiten ein vielstimmiges »Howgh!« zurück. Es war schon zu einer Art Zeremoniell geworden. Jedenfalls dort, wo man das Pärchen kannte. Hier stießen sie jedoch auf taube Ohren.

Details

Seiten
95
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939965
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v584972
Schlagworte
finger post

Autor

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Titel: Ein Finger per Post