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Das Dream-Team

2020 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Dream-Team

Copyright

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Das Dream-Team

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

Bob Washburn hat geheiratet. Zusammen mit seiner Frau Sheila und dem Auflieger voll Fracht fährt er zu den Niagarafällen, wo jemand versucht, ihn mit dem Auto zu überfahren. Die Fracht war für eine Filmproduktion bestimmt, und ausgerechnet von dem verantwortlichen hier kommt ein seltsames Angebot: Bob soll die Rolle eines kürzlich verstorbenen Schauspielers übernehmen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Der indianische Sommer verzauberte die Wegstrecke entlang der Interstate 65, als ahnte er, dass das Paar im braunen Peterbilt Conventional einen romantischen Blick auf die Natur, die sich in den leisten Augusttagen sonnte, verdiente.

Die beiden dunkelhäutigen Insassen des Trucks – die Frau auf der Shotgun-Seite, der krausköpfige Hüne hinter dem Steuer – strahlten um die Wette. Jeder auf seine typische Weise.

Sheila Dalton-Washburn tat es eher still. Sie war kreolischer Abstammung und hatte frappierende Ähnlichkeit mit der nackten Amazone, die als Airbrush-Kunstwerk auf der Lackierung ihrer »Louisiana-Lady« verewigt war. Sheilas Figur konnte mit der Bildvorgabe mühelos konkurrieren. Auch wenn sie momentan nicht – wie die dargestellte Exotin – einen Alligator ritt, der eine Rose zwischen seinen scharfen Zähnen hielt.

Die frischvermählte Schönheit strich sich durch das lange blauschwarze Haar. Ihre großen nachtdunklen Augen glommen in Erinnerung an die Freunde, die ihnen eine unvergessliche Hochzeit bereitet hatten. Am oberen Rand der Windschutzscheibe baumelte jener Dreieckswimpel, den ihnen Jim Sherman kurz vor Aufbruch unter sechs Augen vermacht hatte. Das Lächeln des texanischen Truckers hatte bei der Übergabe mehr als bloße Freude ausgedrückt. In Zukunft würde sich vieles ändern. Das Thunder-Team in seiner bisherigen Form – nur Jim, Bob und der feuerrote Kenworth-Truck – hatte die längste Zeit bestanden.

Der Wimpel verriet, was anders werden würde: Er zeigte ein aufgesticktes Liebespaar vor einem Truck und die Aufschrift: DREAM-TEAM.

Das Pärchen war unschwer als Bob und Sheila zu erkennen. Der Dritte im Bunde fehlt, dachte Bob Washburn, dessen Blick zufällig auch gerade auf den Wimpel fiel, stolz. Michael! Mit ihm wäre das Dream-Team wirklich komplett.

Michael war ihr gemeinsamer, inzwischen dreijähriger Sohn. Für die Dauer der dreiwöchigen Hochzeitsreise zu den Niagara-Fällen war er auf der Ryland-Ranch in Riomedina untergebracht worden.

Früher war Sandy Winfield, eine Freundin und Wohnungsnachbarin von Sheila in Baton Rouge, zur Versorgung des Kleinen zuständig gewesen. Sandy war jedoch kürzlich aus beruflichen Gründen umgezogen. Marilyn, die Frau des Trucker-Kings, hatte wie selbstverständlich angeboten, während der Flitterwochen auf Mike aufzupassen, um – wie sie in allerfeinster Ironie hinzugefügt hatte – dem jungen Glück eine Chance zu geben.

Lange Zeit hatte es wahrhaftig nicht nach diesem Happy End ausgesehen, und Bob konnte es – wenn er ehrlich war – immer noch nicht ganz begreifen. Jahrelang hatte seine Beziehungskiste mit Sheila auf Sparflamme geköchelt. Seinen Vaterjob hatte er nur wie ein nicht immer gern gelittener und willkommener Besucher absolvieren können. Entsprechend schwierig war es gewesen, immer wieder neu den Draht zu dem Jungen aufzubauen, dessen Mutter während derselben Zeitspanne oft genug in der Weltgeschichte herumgedüst war – in genau jenem Truck, mit dem sie nun ihre kombinierte Flitterwochen-Terminfracht-Reise angetreten hatten.

Der Pragmatiker Bob hatte zugeschlagen.

Mit Blick auf ihre prekäre Finanzsituation hatte er darauf bestanden, selbst die Flitterwochen zu nutzen, um die chronische Ebbe, von der Sheila nichts wissen wollte, zu beheben.

Trotzdem Sheila letztlich eingewilligt hatte, litt er seit ihrem Aufbruch unter einem schwer erklärlichen mulmigen Gefühl. Vielleicht lag es einfach daran, dass er allmählich kapierte, dass so die Zukunft aussah: Er und Sheila in der Louisiana Lady …

Und Jim?

Vor Monaten hatten er und sein Freund laut darüber nachgedacht, ihr Zwei-Mann-Unternehmen um ein zweites engagiertes Team samt leistungsstarkem Truck zu erweitern. Ebby und Ivy, die beiden Truck-Ladies aus dem Nordosten, waren mit ihrem ›Ameisenbär‹ in die engere Wahl gerückt. Dann hatte ein Horrorunfall auf dem Highway allen hochfliegenden Plänen einen schlimmen Dämpfer verpasst. Ebby und Ivy waren in den Trümmern ihres Trucks gestorben.

Die momentane Crux war, dass Jim, wenn Bob und Sheila das eine Team bildeten, noch lange keinen passenden Shotgun für den ›Thunder‹ hatte.

Bob saß in der Zwickmühle seines Lebens. Aber er gab es nach außen hin genauso wenig zu wie Jim dies tat. Am ehrlichsten schien noch Sheila zu sein, die offen darauf pochte, nach der privaten Allianz mit Bob nun auch die geschäftliche folgen zu lassen.

»Wir können ihm einen backen«, sagte Sheila, die in Trucker-Kreisen unter dem CB-Handle ihres Trucks – zumindest im südöstlichen Teil der Staaten – ein gängiger Begriff war, eben als Louisiana-Lady.

Der Peterbilt passierte gerade, ohne langsamer zu werden, einen kleinen, gemütlich aussehenden Truck Stop. Seine farbenprächtige Beschilderung pries leckere Donuts in fünf verschiedenen Geschmacksvarianten an. Nach einem Tag, an dem sie beinahe nonstop unterwegs waren, hatten sie bereits 800 Meilen der insgesamt etwa 1400 Meilen Distanz von Baton Rouge bis Niagara Falls, am nordwestlichen Zipfel von New York, zurückgelegt. Da sie sich abwechseln konnten, lagen sie so hervorragend in der Zeit, dass sie sich selbst eine kleine Panne hätten leisten können. Aber das wollten sie lieber nicht beschreien. Momentan bewegten sie sich in der Nähe von Louisville, Kentucky. Es war der vierte von insgesamt acht Bundesstaaten, den sie auf ihrer Fahrt durchqueren würden. Louisiana, Mississippi und Tennessee lagen bereits hinter ihnen, Indiana, Ohio, Pennsylvania und New York noch vor ihnen.

Nichts Besonderes für Gewohnheits-Trucker.

»Backen?«, echote Bob, ein Fan süßen Backwerks und als solcher momentan etwas auf der Leitung sitzend. Dann ging ihm auf, dass Sheila nicht die Donuts meinte, sondern ähnliche Gedanken hegte wie er selbst – beinahe identische sogar.

»Jim«, sagte sie. »Einen Partner. Backen. Oder hast du sonst eine Idee, wie man jemanden für ihn fände, der seinen Vorstellungen haargenau aufs i-Tüpfelchen entspricht?«

Bob schüttelte den Kopf. »Er hängt halt an mir …« Sein Grinsen täuschte nicht darüber hinweg, dass er meinte, was er sagte.

Ihm ging es umgekehrt nicht anders.

Aber er hing auch – verdammt noch mal – an der aufregend-erregenden Frau an seiner Seite!

Er versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Spätestens bei der Ankunft in Niagara Falls wollte er den Kopf frei haben für Dinge, die nichts mit dem Beruf und auch nichts mit Männerfreundschaft zu tun hatten. Als er gesehen hatte, was Sheila in ihren Koffer gepackt hatte, war er bereits voll erotisiert gewesen.

Er freute sich schon jetzt auf die Augenblicke, wenn sie die heißen Dessous wieder auspacken und jeden Tag ein anderes davon anziehen würde.

Das er ihr dann wieder ausziehen konnte.

Laaangsaaam.

Sheila konnte es nur recht sein. Sie bescheinigte ihm ohnehin, dass ihn die Ehe in ihrer kurzen Dauer bereits sehr positiv verändert hatte. Er sei ausgeglichener geworden. Geduldiger. Zärtlicher.

Jeder Mensch hörte so etwas gern. Bob machte da keine Ausnahme.

»Weißt du Genaueres über unsere Fracht?«, fragte Bob Meilen später. »Du hast schließlich die ganze Sache gemanagt.«

Sheila lächelte. »Ich bin die geborene Organisatorin. Du wirst noch den Tag verfluchen, an dem du dich mir ausgeliefert hast.«

Er nickte.

Er nickte?

Sheila knuffte ihm in die Hüfte. Sie traf auf Muskeln. Bob konnte nur lachen! Sie lachte mit, weil ihr das, was sie spürte, gefiel.

»Wir sollten eine kleine Pause einlegen«, sagte sie. Seine Erkundigung nach Sinn und Zweck ihrer Ladung, Ziel Niagara Falls, schien sie vergessen zu haben.

»Hunger?« Er deutete auf die eingebaute Kühlbox.

Sie schüttelte den Kopf.

»Durst?« Er deutete auf die eingebaute Kühlbox.

Sie schüttelte den Kopf.

»Mehr Lust auf eine kleine Vorspeise.« Sie deutete nach hinten in den Sleeper. »Als Vorgeschmack auf unsere nächsten zwanzig Tage und Nächte.«

 

 

2

Riomedina

Sie fand ihn bei den Pferden. Einen Moment hatte sie nicht aufgepasst und ihn aus den Augen gelassen, und schon war er ausgebüchst. Sein pfiffiges, geradliniges Gesicht mit den unverkennbar negroiden Zügen verriet, dass er ganz genau wusste, was er angestellt hatte. Aber gerade die Lausbuben-Miene machte es Marilyn Ryland unmöglich, ihm böse zu sein und ihn auszuschimpfen, wie es sich gehört hätte.

Grenzen aufzeigen!

Erziehung!

Lächerlich, es sich so einfach vorzustellen!

Der dreijährige Michael wusste genau, wie man Grenzen auslotete und dabei haupt- wie ehrenamtliche Babysitter zum Handtuchwerfen zwang.

Marilyn schmunzelte und beließ es dabei, ihn darauf hinzuweisen, dass er sich nie allein in einen der Corrals wagen oder in den Stallungen eine der Boxen betreten dürfe. Sie malte ihm drastisch aus, was ein auskeilender Pferdehuf anrichten konnte, und ganz allmählich zeigte sich ein gesundes Maß an Respekt in Mikes kindlichen Augen.

In seinen Jeans-Shorts, dem gestreiften Shirt und ein Paar Stoffschuhen sah er zum Knutschen aus.

Marilyn beherrschte sich.

Sie nahm ihn bei den Armen und hob ihn auf die oberste Stange der Gattereinzäunung. Er lächelte. Sein Blick hing fasziniert an den Vollblütern, die am frühen Morgen noch ähnlich voller Energie steckten wie er selbst. Sie waren sich überhaupt sehr ähnlich: wild und ungestüm, viele kaum gezähmt …

Obwohl Marilyn das Gefühl unterdrückt hatte, seit Bob und Sheila den Jungen gestern bei ihr abgeliefert hatten, brach der Neid in diesem Moment doch an die Oberfläche. Es war kein bösartiges Neiden einer Sache. Es war das Gefühl, etwas Wunderbares, aber nur Geliehenes in Händen zu halten, das einem selbst versagt blieb.

Ein Kind.

Luke hatte Kinder mit in die Ehe gebracht – erwachsene Kinder: Carla Sue und Amber konnten beide selbst schon Kinder haben, auch wenn es aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht geklappt hatte. Amber war noch jung, achtundzwanzig, aber Carla Sue würde sich mit ihren vierunddreißig Jahren auch langsam überlegen müssen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte.

Für Marilyn, und das schmerzte sie seit geraumer Zeit, war der Zug schon so gut wie abgefahren. Sie war jetzt achtunddreißig und damit an der Schallgrenze dessen, was man einer Frau im Allgemeinen zumuten durfte, um noch ein Kind auszutragen. Auch die Natur selbst schob ab den Vierzigern einen Riegel vor, den moderne Medizin zwar auf die ein oder andere Weise überlisten konnte, aber ratsam war es eigentlich nicht.

Während Mike mit großen Augen das kraftvolle Spiel der Zuchtpferde beobachtete, ahnte er nicht, welche tiefschürfenden Gedanken die Frau, die ihn sicher auf der Stange hielt, hinter ihrer Stirn wälzte.

Für Männer gab es keine klaren Grenzen, was Vaterschaft anging.

Rein vom Alter her betrachtet, war Luke Ryland mit seinen zweiundsechzig Jahren noch im besten ›Mannesalter‹. Und Marilyn wusste am besten, dass es an Gelegenheiten, ein Kind zu zeugen, nicht mangelte.

Aus irgendwelchen Gründen hatte sie es jedoch nie geschafft, mit Luke über ihre Sehnsucht, eigenen Nachwuchs zu haben – nicht nur angeheirateten – zu sprechen, Im Grunde hatte sie nicht nur Scheu, sondern beinahe Angst vor einer solchen Aussprache.

Angst, Luke könnte Nein sagen.

Es schien ihr erträglicher, im Ungewissen zu schweben, als eine klare Abfuhr zu erhalten. Und richtig bewusst waren ihr die eigenen Sehnsüchte auch erst geworden, als sie Luke zunächst fälschlich ein außereheliches Verhältnis unterstellte – und später, als sie dachte, alles wäre nun zu spät. Als sich verpasste Gelegenheiten und tausend andere Negativgefühle wie eine Betonmauer um sie errichtet hatten, weil der Trucker-King auf der Intensivstation des Texas Memorial Hospitals um sein Leben kämpfen musste. Eine Kugel hatte seine Lunge verletzt und ein gleichzeitiger Infarkt die lange fällige Herzoperation zu einem absoluten Muss erhoben.

Es war gutgegangen.

Aber in diesen Stunden und Tagen hatte sich Marilyn gefragt, was ihr von dem Mann, den sie liebte, bleiben würde, wenn er sie eines Tages alleinlassen würde. Nicht wegen einer anderen Frau, sondern weil er am von der Natur gesetzten Limit angelangt war.

Auch ihr konnte jederzeit etwas zustoßen. Und in jenen Stunden hatte sie begriffen, dass es – aus ihrer Warte – wünschenswert gewesen wäre, vor ihrem Mann zu sterben. Sie glaubte, es müsse weniger schlimm sein, als der ›Überlebende‹ einer liebevollen Zweier-Beziehung zu sein.

Mit diesem Kind, das hatte sie auch damals erkannt, hätte es anders ausgesehen, egal, wer übrigbliebe eines Tages. Ein Kind war ein Teil des Partners. In ihm würden Züge von ihm wiederzuerkennen sein.

Ob es dadurch allerdings wirklich leichter werden würde, wusste sie nicht.

Wie sollte sie auch?

Alles war Spekulation.

Alles.

»Was tun die da?« Michaels Stimme holte sie auf den Boden zurück. Der Arm des Jungen wies zu einer Nachbarkoppel, wo gerade ein Hengst eine Stute bestieg.

Auch das natürliche Interesse an diesen Vorgängen schien bereits in Kleinkindern verankert zu sein, dachte Marilyn, und das Schmunzeln kehrte auf ihre Lippen zurück.

»Sie paaren sich«, sagte sie ohne Scheu.

Michaels Miene verriet unveränderte Neugier, aber auch, dass er wenig mit diesem Begriff anfangen konnte.

Marilyn nahm ihn von der Stange, führte ihn näher an das Geschehen heran und erklärte ihm mit einfachen Worten die Story von den Pferden.

Die von den Bienen übersprang sie.

 

 

3

Memphis

»Vierzig Jahre nach Marilyn werden wir es ihnen zeigen! Die Story ist so simpel, dass sie Erfolg haben muss: Nervenkranker Golfkriegsheimkehrer soll von seiner untreuen Ehefrau und deren Liebhaber in großer Kulisse umgebracht werden! Der Krieger hat jedoch etwas dagegen.«

Amos Winters Kiefer bissen so hart aufeinander, dass die Muskeln seitlich wie Knoten vortraten. Der Produzent der kleinen Independent Filmgesellschaft hatte schon öfter sein Gespür für Chancen bewiesen. In Insider-Kreisen galt er als Geheimtipp. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis eine der wirklich namhaften Gesellschaften auf die Idee kam, ihn und seine Ideen einzukaufen. Das einzige Problem, das die Grauen Eminenzen der Branche noch zu überwinden hatten, waren ihre eigenen Vorurteile. Bei allen Vorzügen, die Amos Winter besaß, hatte er auch ein entscheidendes Manko: Er war schwarz. Hollywood verzieh vieles, aber nicht sehr häufig die Hautfarbe eines Menschen.

Vor der Kamera gab es ›Alibi-Mimen‹, die hin und wieder sogar oberflächliche Erfolge verbuchen und Meriten einstreichen konnten. Nichtsdestotrotz hatte erst ein Kevin Costner es wagen dürfen, die Liebesbeziehung zwischen Schwarz und Weiß in die kommerziellen Charts einzuführen. Zuvor waren große Gefühle in großen Filmen immer innerhalb der jeweiligen Hautfarbe geblieben. Hinter der Kamera war die Emanzipation der Farben noch weniger fortgeschritten. Weiße bestimmten, was Weiße sehen sollten.

Dieser vor allem für Farbige unbefriedigenden Misere waren in Musik und Film die Independent Labels entsprungen, und Amos Winter schwamm momentan an der Spitze dieser Alternativ-Szene. Er hatte ein Händchen für Schnäppchen und gute Schauspieler.

Den Clou hatte er mit seinem jüngsten Projekt getätigt. Nicht nur er glaubte daran. Auch die drei Hauptdarsteller, die er ein letztes Mal vor ihrer Abreise in seinem Memphis-Büro versammelt hatte. Ohne Regisseur. Der Regisseur war in diesem Fall er selbst: Amos Winter, der Alleskönner und Low-Budget-Zauberer.

Von der Statur her ähnelte er Orson Welles. Nur dass er wie dessen Negativaufnahme herumlief. Die dunkle Hautfarbe wurde durch seine Vorliebe für blütenweiße Anzüge noch betont. Auch die drei anderen Personen waren schwarz. Aus ihnen heraus ragte Lilian Donner. Sie konnte bereits Broadway-Erfolge verbuchen, obwohl sie erst fünfundzwanzig Jahre alt war, und sie strahlte einen ähnlich kühl-berechnenden Sexappeal aus wie einst die Hauptdarstellerin in Henry Hathaways Originalverfilmung des Klassikers Niagara, der damals nicht nur auf Wohlwollen gestoßen war. Viele fanden die Original-Umsetzung des Thriller-Stoffes mitunter hart an der Grenze zwischen Spannung und Lächerlichkeit. Nur der Umstand, dass ein ›Mythos Marilyn‹ die Hauptrolle gespielt hatte, reihte das Machwerk in die Liste der unvergesslichen Kinostreifen ein.

William Harkin war sieben Jahre älter als Lilian und für den Part des mordbereiten Geliebten engagiert worden. Er war ein durchtrainierter, sechseinhalb Fuß großer Hüne, der weniger wie ein Schauspieler denn wie ein moderner Zehnkämpfer mit Ambitionen auf den Titel ›Mr. Black Universum‹ aussah. Augenfällig auch der permanent überhebliche Zug um seine Lippen.

Feinnerviger, aber auch wesentlich älter wirkte der mit anwesende Mann, der den gehörnten George Loomis mimen sollte, damals mit Joseph Cotton besetzt. Der schlanke, angegraute Schwarze hieß Ransom Burns.

»Die Studioaufnahmen sind bravourös abgeschlossen«, nahm Winter nach kurzer Pause den Faden wieder auf. »Ich will nicht zu große Sprüche klopfen, aber ich glaube, wir können zufrieden mit den Ergebnissen sein. Bevor wir die Außenaufnahmen einfahren und ein paar grandiose Landschaftssequenzen einbauen, wollte ich euch für das bisherige Engagement danken.«

Drei von drei Zuhörern hoben die Brauen. So familiär, wie Winter sich gerade gab, hatten sie ihn all die Wochen davor keineswegs kennengelernt. Hinter der Kamera war er der Tyrann, nach dessen Pfeife alles zu tanzen hatte. Ein Mitspracherecht bei der Drehbuchumsetzung, wie in anderen Crews mitunter üblich oder gar erwünscht, war unter seiner Regie unvorstellbar.

Mittlerweile wusste das jeder und hielt sich daran. Zumal die Vorgaben eines Amos Winter meist auch noch zündeten und kaum Angriffsfläche für berechtigte Kritik boten. Für seine Verhältnisse war er mitunter schon fast genial.

»Wir fliegen heute gemeinsam in einer Chartermaschine zum Original-Schauplatz. Eigentlich wollte ich euch ja in einen Zug oder den Greyhound setzen – aber ihr habt verdient, dass man euch etwas verwöhnt.«

Sein gönnerhaftes Lächeln prallte von seinen Zuhörern ab. William Harkin schien überhaupt nicht zuzuhören. Burns lächelte maskenhaft. Und Lilian Donner wagte es sogar, die Mundwinkel zynisch nach unten zu ziehen.

Winters feine Antennen registrierten alles. »Konserviere dir diesen Ausdruck, Rose-Darling«, spottete er. »Er eignet sich phantastisch für den geplanten Hüftwackler durch die Gemeinde!«

Er nannte sie fast ausschließlich bei ihrem Rollennamen, Rose Loomis, weil er wusste, dass er sie verärgerte, wenn er sie verbal auf gleiche Stufe mit der Gattenmörderin stellte. Wenn andere sich ärgerten, blühte Winter auf. Ähnliche Genugtuung setzte er nur noch frei, wenn er den Lohn für seine akribische Arbeit in Form von klingender Münze in die Kinokassen regnen sah.

»Okay.« Er klatschte in die Hände. »Das war‘s. Eure Koffer sind gepackt, hoffe ich. Dann kann es ja losgehen. Wir treffen uns in einer halben Stunde am Studioausgang. Der Chauffeur ist bestellt.«

Die Hauptdarsteller erhoben sich und gingen zur Tür.

»Mit Ihnen möchte ich noch unter vier Augen sprechen«, hielt Winter William Harkin zurück. Den anderen bedeutete er, dass er für sie vorläufig keine Verwendung mehr hatte.

Während Harkin leicht geduckt vor Winters Schreibtisch stehenblieb, wühlte der Produzent in einem riesigen Berg ungelesener Drehbücher, als vermutete er darunter einen ähnlichen Schatz wie jenen, den er gerade mit Niagara gehoben hatte.

Winter hatte die Rechte daran zu einem Spottpreis erstanden. Der Gag bei seiner Neuversion war, dass er sie ausschließlich mit schwarzen Schauspielern realisierte.

William Harkin war einer von ihnen. Er hielt sich für eine grandiose Begabung, aber was Winter über ihm ausschüttete, nachdem die anderen gegangen waren, brachte sogar das überhebliche Licht in seinen Augen zeitweise zum Erlöschen.

 

 

4

Die Landschaft hatte etwas Heiter-Provinzielles angenommen, und die beginnenden Herbstfarben schufen auch hier eine Sonate, die kein Betrachterherz unberührt ließ. Hinter Cleveland hatten sie zuvor 200 Meilen lang die glitzernde Wasserscheibe des Eriesees bewundern und genießen können. Die Interstate 90 lief genau entlang des Ufers dieses gigantischen Wasserreservoirs, das eine direkte Verbindung zum Lake Niagara besaß und in dessen Hälfte sich die gedachte Grenzlinie zwischen Nordamerika und Kanada spannte.

Kurz vor Niagara Falls begann ein meilenlanges Kürbisfeld, dessen Früchte noch nicht goldgelb wie zur Zeit der Ernte waren, sondern grasgrün und auch noch nicht voll ausgewachsen. Dennoch war es ein phantastischer Anblick, die wie verstreute Bowlingkugeln im Kraut liegenden Kürbisse zu sehen – einer neben dem anderen, zahllos, bewacht von vereinzelt aufragenden Vogelscheuchen, die allesamt etwas vom Charme der Zauberer von Oz-Geschichte hatten. Richtige Geltung würden die hier gehüteten Schätze, zumindest in den Kinderherzen, erst zur Halloween-Zeit erlangen, wenn es allerorten an den Haustüren wieder hieß: »Süßigkeiten, oder ich spiel dir ‘nen Streich!«

Bob, der im Wechsel auf dem Starrsitz des Shotguns Platz genommen hatte, während Sheila ihr Prachtstück steuerte, wies seine Frau auf ein besonders originelles Scheuchen-Exemplar hin, dessen Äußeres irgendein Witzbold mit Trockenschnee überzogen und ihm dadurch Ähnlichkeit mit einem verirrten Schneemann verliehen hatte.

»Könnte von dir stammen«, stichelte Sheila und tippte sich gegen die Stirn. Sie war gut gelaunt. Wie Bob schwebte sie auf einer Wolke des Glücks, von der sie hoffte, dass sie noch lange, lange anhalten mochte.

Gegen ›Bewölkung‹ dieser Art war nichts einzuwenden. Ein ganzes Leben lang nicht.

Der Verkehr auf der gut ausgebauten Straße war allmählich dichter, fast zäh geworden. Mittlerweile ging es auf ein Uhr mittags zu. Ein Hinweisschild, dessen Pfeil in Fahrtrichtung zeigte, verriet:

NIAGARA FALLS – 5 Miles

Welcome

Bald kamen die ersten Häuser der wenig beschaulichen 75.000-Seelen-Stadt in Sicht, die während der Saison das Vielfache an Quartieren aufbot. Die Gegend geißelte sich selbst durch den Massentourismus. Überall am Wegrand fand man Indizien dafür. Graffitis, die von Bürgerinitiativen über die Hochglanzwerbung der Stadtväter gesprüht worden waren und auf die Umweltzerstörungen, die Lärm-, Müll- und Abgasbelastungen hinwiesen, waren nur die Spitze des Eisbergs.

»Ein Paradies mit Schönheitsfehlern«, meinte Sheila im ersten Moment etwas geschockt. Allerdings war sie – wie Tausende andere Amerikaner und ausländische Besucher – nicht gewillt, sich ihren Aufenthalt vermiesen zu lassen.

»Es gibt keine Paradiese mehr«, pflichtete Bob bei. »Aus dem letzten wurden wir schon vor einer ganzen Weile rausgeschmissen – offenbar zu Recht.«

Sie passierten das Schild, das ihnen ihr innerörtliches 35-Meilen-Limit vorgab. Der Truck lag nach wie vor souverän auf der geflickschusterten Straße und fand kaum Beachtung. Trucks waren ein gewohntes Bild auch in Urlaubsenklaven. Immerhin mussten die konsumhungrigen Gäste zufriedengestellt werden.

»Wie heißt noch mal der Typ, an den wir uns wenden müssen?«, fragte Sheila.

»Winter«, antwortete Bob, der bereits die Frachtpapiere studierte. »Amos Winter, Filmproducer.«

»Ein Produzent … Vielleicht werden wir entdeckt«, frotzelte sie.

Bob rann das kalte Grauen über den Rücken, erinnerte die Äußerung ihn doch an Sheilas zwischenzeitliche Ambitionen, ins hochkarätige Model-Business einzusteigen – was letztlich, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, in einer vorgespiegelten Entführung Mikes gegipfelt hatte.

Bob wurde ungern daran erinnert.

»Ich bin gespannt, was es hier zu drehen gibt«, spekulierte Sheila unverdrossen weiter. »Nach Dokumentarfilm sieht die Ausrüstung hinten im Container nicht aus. Hast du dir den Kleiderfundus angesehen? Da schlägt das Frauenherz höher.«

»Das Männerherz auch. Vor allem, wenn das Scheckbuch in Griffweite liegt. Außerdem finde ich deinen Fundus …«, er dachte an das, was sie an Abwechslung ›für unten drunter‹ mitführte, »völlig ausreichend. Wir werden kaum Gelegenheit haben, häufig durch die Gegend zu flanieren. Wozu sollte man auch ein Motel buchen, wenn man das Zimmer nicht voll ausschöpft?«

»Lustmolch!«

»Solange du nicht Lustgreis sagst, soll‘s mir recht sein.«

»Kommt noch.«

»Da bin ich sicher.«

»Sicher!«

Sie grienten sich an. Bob scoutete sie zu einem kleinen Camp am Stadtrand, das in den Papieren ausgewiesen war. An der mit Schranken gesicherten Zufahrt wurden sie nicht gerade freundlich von einem Wächter in Phantasieuniform angehalten, der sich die Papiere dreimal durchlas, ehe er in seinem Schrankenhäuschen telefonierte.

Es war relativ heiß, und sie verziehen ihm.

Das Lager schien gegen Bezahlung jedem offenzustehen, der einen Stellplatz für sein Wohnmobil oder seinen Anhänger suchte. Ein Teil davon war jedoch ausschließlich, wie sich herausstellte, für die Filmleute reserviert.

Das frischgebackene Louisiana-Lady-Team stellte es fest, nachdem das Truck-Gespann endlich die Passiererlaubnis erhalten hatte.

Ein HHB-Typ (hektisch, hager, bleich) in Billigjeans und völlig mit Disneymotiven überladener Hornbrille lotste sie durch das Camp. Launig hatte er sie zuvor gemustert und dann mit den Worten empfangen: »O Gott, ich glaub‘, ich steh in Harlem! Noch zwei von der Sorte … Mein Name ist Tom. Ich bin hier der Neger für die Neger!«

Bob und Sheila hatten verständnislose Blicke gewechselt. Darüber hatten sie sogar übersehen, dass Tom Bob ebenso fasziniert wie verächtlich musterte.

Später, als sie das Truck-Gespann nach den Weisungen des – Zitat – Negers geparkt und den Containerauflieger abgekoppelt hatten, verstanden sie die Bemerkung etwas besser.

Sie lernten zwar nicht sofort Amos Winter, den Adressaten der Fracht, wohl aber andere aus der Crew kennen und konnten sich somit eine erste Meinung über den Betrieb verschaffen.

Außer Tom sah man keinen einzigen Weißen unter den Arbeitern, die noch überall dabei waren, eine kleine Zeltstadt für die Dauer der Dreharbeiten zu errichten.

Bobs und Sheilas Interesse an dem Filmvorhaben, zu dem sie lediglich Ausrüstung von Memphis bis hierher transportiert hatten, erlahmte rasch. Mit einer großen Hollywood-Produktion schien das, was Winter betrieb, ohnehin nicht vergleichbar zu sein. Nicht nur sein Stab an Akteuren war eher bescheiden, sondern offensichtlich auch sein Budget.

Vielleicht konnte er es mit Originalität ausgleichen …

»Lass uns gehen«, bat Sheila, nachdem sie sich mit Tom, dem ›Bleichgesicht‹, einig geworden waren, den Ausrüstungscontainer in zwei Wochen wieder an gleicher Stelle abzuholen. Bis dahin sollte der Außendreh abgeschlossen sein.

Bob nickte.

Bevor sie jedoch zurück in die Louisiana Lady klettern und sich aus dem Staub machen konnten, kreuzte doch noch Amos Winter ihren Weg. Offenbar kam er von einer Besichtigungsexkursion der Fälle zurück. Er wirkte zufrieden und hatte überhaupt große Ähnlichkeit mit einem lebendig gewordenen Kohlenflöz. Schwerfällig und doch von unwiderstehlichem Schwung getragen, arbeitete er sich aus dem anthrazitfarbenen Van-Transporter, dem nach und nach noch andere Personen entstiegen.

Schnurgerade steuerte er auf den verdutzten Bob zu und raunzte ihn an: »Zur Hölle, Bill! Wo treiben Sie sich herum? Wir suchen Sie wie die Stecknadel im Heuhaufen! Wenn Sie glauben, das ließe ich mir gefallen …«

Er verstummte, als er die Verwechslung erkannte.

Bob streckte grinsend die Hand aus. »Sorry, mein Name ist Washburn. Bob Washburn. Einen Bill kenne ich nicht, und ich vermute mal, dass Sie mich auch nicht kennen.«

Der Klotz von einem Mann starrte Bob erst verdutzt, dann zornbebend an. Die entgegengestreckte Hand übersah er. »Wie, zum Teufel, kommen Sie hierher? Was haben Sie hier zu suchen?«

Trotz seines energischen Auftretens wirkte Winter immer noch irritiert. Auch Leute hinter seinem Rücken begannen zu tuscheln. Eine blendend aussehende Frau trat vor und beäugte Bob so lange kritisch, bis es Sheila zu bunt wurde. Sie zog Bob mit sich zum Truck. In Richtung der Gruppe Neugieriger und Perplexer fauchte sie: »Noch nie einen richtigen Kerl gesehen?«

Ein paar wandten verschämt den Blick ab.

Die Frau im figurbetonenden grauen Kostüm ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen – zumindest nicht von Sheilas Äußerung. »Unglaublich«, murmelte sie. »Einfach unglaublich!« Dann wandte sie sich ab und kehrte zu den anderen zurück.

Bob kletterte nachdenklich ins Führerhaus, gefolgt von Sheila, die von hinten drängte, damit er sich etwas beeilte. Die Blicke der fremden Frau und Winters unsympathisches Verhalten hatten ihr nicht gefallen.

Menschen, die zu sehr heraushängen ließen, dass sie sich für etwas Besseres als einen kleinen Trucker hielten, gefielen ihr nie.

Sie hatte das Gefühl, dass auch Bob sich gekränkt fühlte.

»Vergiss die Idioten«, sagte sie, während sie den Truck startete. »In zwei Wochen holen wir die Kiste wieder ab, damit ist unser Job erledigt. Niemand kann uns vorwerfen, dass wir den Termin geschmissen hätten oder sonst etwas. Jetzt schalten wir um zu dem Programm, das uns eigentlich hierher geführt hat. Okay?«

»Okay«, sagte Bob

Was er dachte, ließ er sich nicht anmerken.

 

 

5

Amos Winter gab dem Affen tüchtig Zucker. »Wenn er auftaucht, kann er sich gleich seine Papiere abholen, und ich sorge persönlich dafür, dass ihn kein anderes Studio mehr beschäftigt! Ich hasse nichts mehr als Unprofessionalität!«

Diejenigen, die seinem Tobsuchtsanfall beiwohnten, verstanden ihn ausnahmsweise einmal. William Harkin, der den Part des Liebhabers im filmischen Mordkomplott von Niagara ausfüllte, war seit dem gemeinsamen gestrigen Abendessen von der Bildfläche verschwunden. Harkin, ohnehin als arrogantes Arschloch verschrien, hatte vor versammelter Mannschaft vollmundig verlauten lassen, dass er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht habe, um seinen Marktwert als Schauspieler, und ganz nebenbei auch das wenig geistreiche Niagara-Remake, in die Öffentlichkeit zu pushen.

Er war angetrunken gewesen, und nicht einmal diejenigen, die sonst etwas auf seine Äußerungen gaben, hatten ihn ernst genommen. Wütend war er in sein Zelt gestapft und seitdem von niemandem mehr gesehen worden.

»Fahnenflucht«, hatte Winter gezetert, als Tom, der Allrounder, ihm von seinem vergeblichen Weckversuch in Harkins Zelt berichtete. Danach hatten sie ebenso vergeblich das ganze Camp auf den Kopf gestellt. Die meisten mutmaßten, dass Harkin entweder sturzbesoffen irgendwo in den Büschen lag, oder dass er noch in der Nacht mit einer hübschen Verehrerin angebandelt hatte und jetzt nicht von der Matratze hochkam.

Eines war jedoch allen klar, die mit Amos Winter eine Besichtigung des ersten Drehorts unternommen und Harkin nach ihrer Rückkehr immer noch nicht vorgefunden hatten: Der Boss würde einen Teufel tun und einen seiner Stars so kurz vor Abschluss des Projektes feuern. Die Zahl der nachzudrehenden Sequenzen hätte den Finanzrahmen gesprengt und das Projekt zu einem Fiasko gemacht.

Das wusste Winter, was seine Zunge jedoch kaum im Zaum hielt.

Ihn machte vorrangig fuchsig, dass auch Harkin es wusste und es voll ausreizte.

Keine hohle Drohung war infolgedessen, was er über eine Anschwärzung bei anderen Studios gesprochen hatte. Ihm war zuzutrauen, dass er seine Ankündigung wahrmachen würde und Harkin künftig einen schweren Stand im Business zu erwarten hatte.

Der Filmproduzent winkte Tom zu sich. »Suchen!«, grollte er. »Notfalls die ganze Stadt durchkämmen! Schleif ihn vor meine Füße, tot oder lebendig! Sag ihm, ich vernichte ihn, wenn er meine Arbeit sabotiert …«

Tom wartete nicht den vollständigen Vortrag ab. Nicht sehr lustvoll wählte er ein paar Helfer aus, die sich auf mehrere Fahrzeuge verteilten und in die Stadt fuhren.

Es war wieder einer dieser Aufträge, die Toms Selbstbewusstsein nicht gerade erhöhten, und einer dieser Augenblicke, in denen er beschloss, den Kram hinzuschmeißen.

Und es dann doch nicht tat.

 

 

6

»Die spinnen doch, die Herren und Frauen Künstler!« Sheila warf zunächst schallend die Tür hinter sich ins Schloss und sich dann Bob an den Hals. Nebenbei brachte sie noch das artistische Kunststückchen fertig, sich trotz Umarmung gegen die Stirn zu tippen. »Die spinnen komplett! Hast du dir die Freak-Show überhaupt richtig angeschaut? Ein Arschloch als Boss, ein halbes Dutzend …«

»Die Frau war ganz interessant«, unterbrach Bob betont beiläufig. Dann versiegelte er Sheilas Lippen mit einem filmreifen Kuss, bis sie ihm auf die Zunge biss.

»Autsch!«

»Die Frau?« Sheilas Augen blitzten.

»Isch meine esch doch vom rein künschtlerischen Schtandpunkt …« Seine pulsierende Zunge spielte ihm einen Satz lang Streiche bei dem Versuch, den Hals aus der Schlinge zu ziehen. »Schie scheint eine der Schauschpielerinnen schu schein.« Als er Sheila erneut an sich heranziehen wollte, stieß sie ihn zurück.

»Sie sah nicht interessant, sondern wie ein verfluchtes Flittchen aus! Meinst du, ich hätte nicht bemerkt, wie du sie mit Blicken ausgezogen hast?«

»Wenn ich diese Gabe wirklich besäße«, meinte er mit einem um gutes Wetter bettelnden Dackelblick, »hättest du nie auch nur den kleinsten Fetzen am Leib.«

»Soll das ein halbherziger Versuch werden, mich zu besänftigen?«

»Es ist die nackte, unbefleckte Wahrheit!«

Sheila musterte ihn sekundenlang nachdenklich. Dann schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, als ginge ihr ein Licht auf, und sie rief: »Ich habe mich geirrt: Die Spinner sind nicht da draußen – ihr Anführer befindet sich hier in diesem Motelzimmer!«

»So schlecht solltest du aber nicht von dir reden …«

Sheila fauchte und stürzte sich auf ihn. Eine übermütige Rangelei, in deren Verlauf Bob seiner Frau heftig an die Wäsche ging, bis sie nur noch die Überraschungs-Dessous dieses Kalendertages trug, entbrannte.

Ehe er sie weiter entblättern konnte, schlug sie ihm auf die Finger und wies zu den beiden Koffern, die immer noch, während sie sich auf dem breiten Flitterwöchner-Bett austobten, neben der Tür standen. »Lass mich erst auspacken, die Schränke einräumen, Bad und Dusche inspizieren, den Champagner ordern …«

Bobs Lächeln gefror. »Machst du schon wieder in Millionärin?«

Ihre und seine Vorstellungen der Hochzeit waren, vor allem in Finanzlagen, so heftig auseinandergegangen, dass darüber fast die noch nicht vollzogene Ehe gescheitert wäre. Es hatte beiderseitiger Einsicht bedurft, den goldenen Mittelweg zu finden.

»Und du auf Knauser?« Sheila schürzte die Lippen. Es sah gut aus. Sie sah überhaupt gut aus, wenn sie wütend wurde. »Natürlich Champagner! Von mir aus ein Sixpack Schampus, wenn das für deine Ohren und deinen Geldbeutel vertrauter klingt.«

»Bier täte es auch«, nickte Bob. »Ein kühles …«

»Stopp!« rief sie. »Du würdest mich sogar in Bier statt in Champagner baden, stimmt‘s?« Sie machte eine verzweifelte theatralische Geste, indem sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug. »Was habe ich mir da nur geangelt?«

»Den künftigen Finanzminister der Dalton-Bande!«

»Klingt nach Lucky Luke und tausend Jahren Zwangsarbeit im nächsten Steinbruch. Bleiben wir lieber beim Doppelnamen oder einfach bei Washburn. Ich will keine Bande – ich will eine Familie. Notfalls eine, die auf achtzehn Rädern durch die Staaten zigeunert …«

Zuletzt war ihre Stimme ganz weich geworden. Die Kratzbürstigkeit löste sich in Harmoniebedürfnis auf. »Außerdem bin ich plötzlich so müde. Die Koffer müssen warten. Legen wir uns ein Stündchen aufs Ohr. Danach ist immer noch Zeit.«

»Ich würde mich lieber auf meine Frau legen«, erklärte Bob ernst. »Zwecks ehelicher Pflicht und so. Man will sich ja später nicht nachsagen lassen …«

»Leg dich, wohin du willst, aber halt endlich den Mund!«

»Ist das eine Aufforderung?«

»Nein, eine Abmahnung. Fang schon mal an, sie zu sammeln. Bei dreien fliegst du hochkant aus meinem Bett!«

»Gut, dass wir es selten im Bett tun. Noch seltener in deinem …«

Vielleicht hätte er noch länger dahingeplappert, wenn sie die Sache nicht in die Hand genommen hätte. Nachdrücklich.

So verging der erste Tag im weit schmuckloseren Niagara Falls, als es die Hochglanzprospekte vorgaukelten, ohne dass Bob und Sheila die berühmten Fälle auch nur aus der Ferne gesehen hätten.

Nicht einmal das zwischenzeitliche Hämmern gegen die Tür wurde richtig von ihnen wahrgenommen oder gar als störend empfunden. Sie waren voll konzentriert anderweitig beschäftigt.

Bob schmunzelte, als er im Morgengrauen des nächsten Tages – Sheila schlummerte noch in Morpheus Armen – entdeckte, was draußen nicht nur an ihrer Tür, sondern auch an etlichen anderen Dingen baumelte:

JUST MARRIED

Frisch verheiratet drohte auch das Schild, das ihren Truck zierte.

Frisch fühlte sich Bob nicht gerade, aber seltsamerweise auch nicht mehr in der Lage, ein Auge zuzutun. Er machte sich auf die Socken, um ein Frühstück zu organisieren. Er hatte sich schon immer gewünscht, Sheila im Bett einmal rundum zu verwöhnen. Annähernd hatte er es etliche Male auch schon hingekriegt.

Aber noch nie mit Kaffee und Brötchen.

 

 

7

Es war verboten früh, und es war Sonntag. Die meisten schliefen noch. Nicht einmal die etwas schäbige Motel-Rezeption war besetzt. Bob betätigte sich demzufolge vergeblich als Kundschafter in Sachen Frühstück.

Die Unterkunft, die – wenn man sich die geschmückten Karossen vor den Veranden ansah – hauptsächlich von Flitterwöchnern in Anspruch genommen wurde, lag an der östlichen Peripherie der Kleinstadt, nicht weit vom Hwy 190 an der US 62.

Niagara Falls verdankte seinen Ruhm weniger dem alten Monroe-Film als dem gewaltigen Sturzwasser, das sich, genau genommen, sogar aus drei Fällen zusammensetzte: den American und den Bridal Veil Falls auf hiesiger Seite und den Horseshoe Falls auf kanadischer.

Der beste Platz, um das Naturschauspiel komplett zu bewundern, lag – das hatten Bob und Sheila einschlägiger Reiseliteratur entnommen – auf Goat Island, dem Plateau, das wie ein Bindeglied zwischen der amerikanischen und kanadischen Seite funktionierte. Oder auf dem Prospect Point Beobachtungsturm.

Hautnah und gewaltig ging es hingegen zu, wenn man sich dem Boot anvertraute, das mehrmals täglich vom Aussichtsturm ablegte und die Besucher, die ihren Obolus beglichen hatten, dicht an die herabtosenden Wassermassen heranführte, dass man hinterher ziemlich nass und taub wieder zum Pier zurückkehrte. Das Boot trug den lyrisch-verklärenden Namen ›Maid of the Mist‹. Die Fahrtzeiten, auch an Sonntagen, konnte man problemlos dem Reiseführer entnehmen. Sie änderten sich den ganzen Sommer über nicht.

Bob beschloss, den Tag etwas gediegener anzugehen. Wer mit Sheila verheiratet war, musste seine Flitterwochen organisieren, um nicht frühzeitig schlappzumachen.

Schlappmachen hatte der Virginier schon zu Zeiten seiner Boxerkarriere abgelehnt, und das war nun auch schon wieder so viele Jahre her, dass es einem fremden Leben anzugehören schien.

Einigermaßen unternehmungslustig lenkte er seine Turnschuhe vom Motelgelände. Das Camp mit der Filmcrew lag sieben Meilen von Downtown Niagara Falls entfernt – zu weit für einen kurzen Abstecher.

Bob hatte auch gar keine Ambitionen, die Erinnerung an die merkwürdige Typensammlung aufzufrischen. Er visierte den Ortskern an, was eine Dreiviertelstunde Fußmarsch bedeutete.

Wenn es Sheila wider Erwarten einfiel, plötzlich ebenfalls zum Frühaufsteher zu mutieren, war der nächste Hauskrach vorprogrammiert. Bob hatte ihr nicht einmal einen Zettel hinterlassen. Spontaner Entschluss sozusagen.

Blumen, dachte er. Natürlich, die Lösung heißt Blumen.

Mit dem richtigen Strauß zur richtigen Zeit konnte man jede Frau besänftigen. Besonders Sheila, die vermutlich den Taschenrechner zu Hilfe nehmen würde, um herauszufinden, wann er ihr zuletzt diesbezüglich entgegengekommen war. Selbst den Brautstrauß hatte sie ausgesucht!

Bob grübelte kurz darüber, ob er wirklich ein solcher Minus-Kavalier war. Er entschied dagegen. Er besaß andere Qualitäten. Frauen hielten lieber einen ganzen Kerl in den Armen als Grünzeug.

Hoffentlich …

Er wusste, dass dies die Gedanken eines eingefleischten Machos waren. Aber er wusste auch, dass er völlig überzog.

Es würde noch ein Weilchen dauern, bis er mit seiner neuen Rolle als Ehemann zurechtkam. Sheila würde vermutlich auch nicht von heute auf morgen von ihren antrainierten Reflexen lassen können. Bob sah schwere Prüfungen auf sich zukommen, was seine Eifersucht anging.

Er steuerte die erstbeste Kneipe an, die schon – oder noch – offen hatte. Der Lotterladen an der gespenstisch ruhigen Niagara Street nannte sich Porky‘s. Obwohl es brütend heiß darin war, klemmte Bob sich hinter den Tresen, an dem außer ihm nur noch ein einziger, hemdsärmeliger, stocknüchterner Gast klebte. Vom Wirt war nichts zu sehen.

»Hi, wie ist der Kaffee?« Bob zeigte auf die Tasse, die vor dem rothaarigen Mittvierziger stand, dessen Tränensäcke nur mit Mühe der Schwerkraft zu widerstehen schienen. Er sah übernächtigt aus. Sein Haar hing wirr in die kinderpopoglatte Stirn, die einem anderen Menschen zu gehören schien als das restliche, gnadenlos zerfurchte Gesicht.

Bob musterte den Mann fasziniert.

Details

Seiten
104
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939958
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v584971
Schlagworte
dream-team

Autor

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Titel: Das Dream-Team