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Chirurg im Zwiespalt der Gefühle

2020 88 Seiten

Leseprobe

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Chirurg im Zwiespalt der Gefühle

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Chirurg im Zwiespalt der Gefühle

Arztroman von Sandy Palmer

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 88 Taschenbuchseiten.

 

»Ein Notfall, Herr Doktor, Sie müssen sofort operieren! Es geht um Sekunden!« Die junge Schwester sah Thorsten Bach aufgeregt an. »Wir haben die Patientin schon auf dem Untersuchungstisch liegen. Sie ist...«

»Bin schon da«, fiel der Arzt ihr ins Wort. Vergessen waren seine Pläne für die Freizeit, vergessen die schöne Sylvia, seine junge Geliebte, mit der er hatte zusammensein wollen. Jetzt war nur noch die neue Patientin wichtig.

Ein paar Augenblicke später beugte er sich über sie und zuckte entsetzt zurück. Vor ihm lag, blass und dem Tod näher als dem Leben - seine Frau Katrin!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Na endlich!«, seufzte Dr. Thorsten Bach und blickte auf das schlafende Kind hinab. »Ich dachte schon, es würde heute überhaupt nicht mehr klappen. Was mag nur in ihn gefahren sein? Er macht doch sonst nicht soviel Theater beim Einschlafen. Maike träumt schon seit einer vollen Stunde, aber unser Herr Sohn hatte offenbar keine Lust, endlich Ruhe zu geben. Wenn das dritte auch so wird, prost Mahlzeit!«

Katrin lachte verhalten, presste beide Hände dabei fest auf den schwangeren Leib. »Ist doch ganz egal! Lebhafte Kinder sind genau das, was wir uns immer gewünscht haben, oder?«

»Na ja ...«, murmelte er, »aber doch nicht so schnell hintereinander, und auch nicht so temperamentgeladen wie Nils. Himmel, hatte der heute ein Tempo drauf! Wie hältst du das nur den ganzen Tag mit ihm aus, Katrin?«

Die junge Frau zog eine kleine Grimasse. »Wenn man dich so reden hört... Nils ist in allem dein getreues Abbild. Er hat nicht nur dein strohblondes Wuschelhaar geerbt, sondern auch deinen lebhaften Geist. Warum also wunderst du dich darüber, dass er abends nicht ins Bett will? Du bist ja auch die reinste Nachteule. Im Gegensatz zu Maike und mir. Wetten, dass unsere zweite Tochter wieder ein Frühaufsteher wird? Wir wollen, dass Leben in die Bude kommt, und zwar bereits am frühen Morgen.«

»Grässlich, solche Leute, die am Kaffeetisch schon pfeifen und singen«, grinste Thorsten. »Sprachst du eben wirklich von unserer zweiten Tochter, Katrin? Es wird kein Mädchen, sondern ein Junge, und ich weiß auch schon, wie er heißen soll, Olaf. Einverstanden?«

»Es wird kein Junge, sondern ein Mädchen, und es soll Svea heißen.«

»Na, das fängt ja gut an«, seufzte der junge Arzt lachend. »Aber wie auch immer, das Baby wird uns ganz hübsch in die Enge treiben. Diese dritte Schwangerschaft kam natürlich viel zu früh...«

»Wie die beiden anderen auch«, konterte Katrin. »Ich war immerhin erst achtzehn, als wir uns kennenlernten, und gleich am dritten Abend machtest du mir einen Heiratsantrag.«

»Na ja, aber doch nur, weil ich nicht ahnen konnte, dass du ja sagen würdest«; schmunzelte er. »Sonst hätte ich diese Unvorsichtigkeit bestimmt nicht begangen.«

Sie knuffte ihn zärtlich. »Nimm das sofort zurück!«

»Wenn das nur ginge!«, lachte Thorsten. »Aber als beinahe dreifacher Familienvater kann man so leicht nichts rückgängig machen. Ach, Katrin, ich wollte, du hättest es erst hinter dir!«

»Reg dich nicht auf, in einer Woche spricht kein Mensch mehr davon. Außerdem ist es ja nicht deine Aufgabe, das Kind zur Welt zu bringen, sondern mein Problem. Hab' ich mich schon mal beklagt!«

»Nie!«, sagte Thorsten mit feierlichem Ernst. »Das ist ja gerade das Wunderbare an dir. Du klagst nie, stöhnst nie, weißt immer einen Ausweg. Du bist mit allem zufrieden, kommst mit dem bisschen Geld aus, was ich nach Hause bringe und sparst womöglich noch was davon ...«

»Und ob!«

»Es ist wahrhaftig kein Zuckerlecken, das Dasein als Ehefrau eines miesbezahlten Assistenzarztes ...«

»Im Gegenteil, es ist ein herrliches Leben! Irgendwann wird es uns ja auch mal bessergehen, finanziell, meine ich. Alles andere klappt doch wunderbar.«

»Katrin ...«, sagte Thorsten andächtig, »du bist wunderbar. Ich liebe dich noch genauso wie am ersten Tag unserer Ehe, und ich verspreche dir, dass nach diesem dritten Kind Schluss sein wird. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern überhaupt. Deinetwegen, Katrin. Du darfst nicht überfordert werden.«

»Na schön, aber wer kann schon für sich garantieren!«

»Ich ...«, murmelte Thorsten.

»Dass ich nicht lache!«

»Doch«, nickte er düster...

»Was meinst du denn eigentlich?«

»Die Pille für den Mann«.

»Also, das kommt überhaupt nicht in Frage! Solange man die etwaigen Nebenwirkungen nicht kennt, ist so etwas viel zu gefährlich. Das siehst du ja an mir. Seit ich damals die schwere Gelbsucht hatte, kann ich viele Medikamente nicht mehr vertragen, unter anderem die Antibabypille. Wenn man das weiß, ist’s halb so schlimm. Man stellt sich halt darauf ein.«

»Alles hat seine Grenzen, und Familienplanung ist nun mal eine Sache, die beide Ehepartner angeht.«

»Na schön, aber für den Augenblick steht ja nichts zu befürchten. Vorerst bin ich restlos damit beschäftigt, unseren neuen Winzling in Empfang zu nehmen. Lange kann es jetzt nicht mehr dauern, dann ist Svea mitten unter uns...«

»Olaf«, beharrte er. »Es wird natürlich ein Junge. Zwei Söhne sind das mindeste, was ein Mann braucht.«

»Sei still, es wird ein Mädchen, ich spüre es.«

»Woran?«

»Das lässt sich nicht einfach so erklären, man weiß es halt. Außerdem sind noch so viele hübsche Sachen von Maike da, es wäre eine Schande, sie nicht zu verwenden.«

»Auch Nils Erstausstattung liegt parat, das ist also kein Argument«, verteidigte Thorsten seine Wünsche. »Nein, ich bleibe bei Olaf. Im übrigen siehst du genauso aus wie beim erstenmal, bei Nils also.«

»Ich fühle mich aber wie damals, bei der zweiten Schwangerschaft, und deshalb gibt es wieder ein Mädchen, Svea nämlich.«

»Himmel, das wäre furchtbar!«

»Warum?«

»Wegen der Mehrheit«, grinste Thorsten. »Drei Frauen deines Kalibers unter einem Dach, nein, danke!«

»Ich nehm’s, wie’s kommt«, sagte Katrin und stand schwerfällig auf. »Hast du was dagegen, wenn ich mich jetzt hinlege? Es ist zwar noch nicht mal zweiundzwanzig Uhr, aber ich bin müde wie ein Landstreicher nach zwölf Kilometer Tagesleistung.«

»Viel weniger wird es wohl bei dir auch nicht gewesen sein, armes Hascherl!«

»Hat sich was von wegen armes Hascherl! Ich will nicht bedauert, bemitleidet oder sonst was werden. Höchstens...«

»Höchstens ...?«, wiederholte er sanft.

»Geliebt«, sagte Katrin und schmiegte sich fest an ihren Mann, so fest, wie der hochschwangere Leib es zuließ. »Übermorgen wäre ich an der Reihe, nach Dr. Bösslers Rechnung, aber vielleicht ist diese Nacht bereits die letzte daheim ...«

Zwei Stunden später begriff sie, dass ihr keine Galgenfrist mehr gewährt wurde. Gegen Mitternacht erwachte Katrin von einem schnellen, rasenden Schmerz. Sie setzte sich sofort im Bett auf und lauschte erschrocken in sich hinein. Eine ganze Weile blieb alles friedlich; dann begann eine neue Wehe ihren Körper zu zerreißen.

»Thorsten!«, hauchte sie erschrocken. »Wach auf, Thorsten, Svea kündigt sich an!«

»Wie, was?«, murmelte er verschlafen.

»Es ist soweit, beeil dich. Du weißt ja, wie schnell das bei mir geht. Mit der Zeit habe ich mir eine ganz nette Routine zugelegt ...«

Wie alle Nachtmenschen fand Thorsten nur mühsam aus dem ersten Schlaf heraus, tappte ungeschickt durch die Wohnung, kleidete sich nur flüchtig an.

Der klapprige Kleinwagen, verbeult und angerostet, stand vor der Haustür, denn es gab keine Garage an dem bescheidenen Reihenhäuschen, und das Anmieten einer solchen war er nicht wert, erst recht nicht zum stadtüblichen Preis von siebzig Mark. Die legte Katrin lieber in guter Butter und frischem Obst für die Kinder an.

Jetzt hörte sie den Anlasser jaulen und murmelte vor sich hin: »Auweia! Hoffentlich lässt er uns nicht im Stich!« Das würde nicht nur Zeit kosten, sondern obendrein den Fahrpreis für ein Taxi.

Sie raste ein letztes Mal ins Kinderzimmer, warf einen zärtlichen Blick auf die tiefschlummernde Maike und den zusammengerollten Nils. Herrje, wie sie die beiden doch liebte! Ganz rechts in der Ecke stand der Stubenwagen für das Jüngste, ausgestattet mit duftigen neuen Vorhängen in zartem

Gelb. Mal was anderes, dachte Katrin. Bei Nils hatte sie sich für Grün entschieden, Maike hatte ihre ersten Lebenswochen in Hellblau verträumt. Gelb war so schön neutral. Obschon es für sie absolut feststand, dass es eine kleine Svea geben würde. Zwei Töchter und einen Sohn damit konnte sie zufrieden sein, oder etwa nicht?

»Katrin!«, rief Thorsten von der nächtlich stillen Vorstadtstraße herauf.

»Ja doch, ich komme ja schon!«, murmelte sie und krümmte sich unter einer neuen Wehe zusammen. Wenn sie sich jetzt nicht sehr beeilte, würde die junge Dame das Licht dieser Welt möglicherweise in einem klapprigen Auto erblicken, und genau das musste verhindert werden. Schnell nahm sie das bereitstehende Köfferchen auf, lief die Treppe hinunter und ‘raus aus dem Haus, schob sich in das enge, unbequeme Gefährt und seufzte erleichtert: » Auf denn, Herr Doktor! Bringen wir es hinter uns. Morgen früh wirst du den Kindern etwas zu essen geben müssen. Um zehn kommt dann Adele und wird für alles Weitere sorgen, bis ich wieder einsatzfähig bin.«

Thorsten zog eine Grimasse, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

»Sei still, ich weiß auch so, was du sagen willst. Adele ist nicht gerade ein Juwel, aber immerhin besser als gar nichts. Ihr würdet ja alleine den Haushalt verkommen lassen, und die Kinder bekämen nichts anderes zu futtern als Spaghetti.«

Sie erreichten die Frauenklinik in einer knappen Viertelstunde, und gerade als Thorsten die Handbremse anzog, durchraste eine neue Wehe den Körper seiner Frau. Er hielt ihr zwei Finger seiner rechten Hand hin, die sie fest umklammerte.

»Kannst du noch, Katrin?«

»Was wäre, wenn ich nein sagte?«, ächzte sie. »Frag doch nicht so blöd. Irgendwie muss Svea ja heraus aus mir, nicht?«

»Du meinst natürlich Olaf.«

Katrin war nun bereits zu geschwächt, um die Schäkerei fortzusetzen. Willig überließ sie sich Thorsten und seinem stützenden Arm. Sie hatten diesen Weg schon mehrfach gemacht, waren gewissermaßen Routiniers.

Der Gynäkologe Dr. Bössler stand für sie bereit, übergab die junge Frau der diensttuenden Hebamme, klopfte dem werdenden Vater beruhigend den Rücken.

»Sie gehen wohl am besten in den Schwitzkasten, lieber Bach. In höchstens zwei Stunden ist alles überstanden.«

»Zwei Stunden!«, stöhnte Thorsten auf. »Wie soll ein Mensch das bloß aushalten!«

»Sie können auch dabeibleiben, wenn Sie mögen.«

»Um Himmels willen! Dann hätten Sie mit mir mehr Arbeit als mit meiner Frau. Nein, danke, Herr Bössler, mir ist die konservative Methode lieber. In diesen Dingen bin ich eben hoffnungslos altmodisch.«

»Gut, dann überlasse ich Sie jetzt Schwester Margots Bierflaschen, die sie für derartige Zwecke immer bereit hält...«

»Das hört sich schon besser an«, grinste Thorsten Bach schief. »Und passen Sie gut auf meine Frau auf, ja? Sie ist zwar eine Heldin, aber auch Helden haben bekanntlich schwache Stellen.«

Schwester Margot hatte viel Verständnis für werdende Väter im allgemeinen und für Stammkunden insbesondere.

»So, nun kühlen Sie sich erst mal ab, Herr Doktor!«, sagte sie und goss schäumendes Bier kunstvoll in ein hohes Glas. »Wenn Sie mögen, können Sie auch ‘nen Schnaps dazu haben ...«

»Lieber nicht, vielen Dank. Was soll denn mein Sohn von mir denken, wenn er mir gleich beim erstenmal den Alkoholiker ansieht.«

»Sind Sie sicher, dass es einen Jungen geben wird?«

»Völlig sicher. Man spürt’s einfach, wenn man über genügend Erfahrung verfügt. Na, und die ist ja bei uns unbestritten, nicht?«

»Wie soll er denn heißen, der neue Sprössling?«

»Olaf«, sagte Thorsten stolz. »Wir haben’s nun mal mit den nordischen Namen, wenigstens bei den Jungen. Olaf Bach, klingt doch hübsch, wie?«

»Sehr hübsch«, bestätigte Schwester Margot und setzte sich neben ihn auf einen Stuhl. Es herrschte relative Ruhe auf der Station. Einzige Patientin im Kreißsaal war gegenwärtig Katrin Bach, und die machte erfahrungsgemäß nicht viel Arbeit.

Doch das war ein Irrtum, wie sich bald herausstellte, denn die Entbindung zog sich länger als gedacht dahin.

Erst nach dreieinhalb Stunden kam der Gynäkologe wieder und meinte: »Erst mal, ganz herzlichen Glückwunsch, mein Lieber. Ihre Frau hat sich wunderbar gehalten, obwohl es diesmal schwieriger war als zuvor, das muss ich zugeben.«

»Naja, wenn schon. Hauptsache, Katrin ist okay. Das ist sie doch, oder?«

»Sagte ich ja schon. Ihre kleine Frau ist eine Heldin, lieber Bach, aber nun sollten Sie allmählich aufhören, sich das immer wieder bestätigen zu lassen. Diesmal hat sie doppelte Arbeit geleistet...«

»D-Doppelte Arbeit? Wie meinen Sie das?«

»Sie sind soeben Vater von Zwillingen geworden. Ich gratuliere von Herzen, es sind die reinsten Prachtexemplare, ein Junge und ein Mädchen, genau das, was Ihnen noch gefehlt hat, nicht wahr? Die beiden haben uns ganz schön getäuscht, eins von ihnen hat sich wohl immer versteckt.« Er lachte und ließ Thorsten allein mit seinem Schock ...

 

 

2

Zwillinge! Ein Pärchen! Den ganzen Umfang dieses Geschehens begriff Katrin erst, als sie aus dem tiefen Schlummer erwachte, der den langen, schmerzhaften Stunden im Kreißsaal gefolgt war. Nun war sie also vierfache Mutter. Vierfache... Himmel, nichts war darauf ausgerichtet, gar nichts. Es gab zwar genügend Babywäsche, aber nur ein Körbchen. Das andere Baby würde also von Anfang an im Kinderwagen schlafen müssen, sofern sich dafür überhaupt noch Platz finden ließ.

Gegen Mittag kam Thorsten. Mit roten Rosen, zwanzig Stück.

»Ach, Katrin...«, murmelte er überwältigt und küsste sie zart. Viel zu zart für ihren Geschmack.

Ihre Arme schlangen sich um seinen Hals. »Daran bist du ganz allein schuld! Weil du unbedingt einen kleinen Olaf haben wolltest. Na, bitte, nun hast du ihn. Freust du dich? Sag, dass du dich freust!«

»Natürlich freue ich mich, Dummchen! Ich danke dir, Katrin. Für alles!«

»Auch für Svea?«, fragte sie schelmisch.

»Pass auf, die herrlichen Rosen! Du zerdrückst sie ja!«

»Macht nichts, überhaupt nichts!«

»Na, hör mal! Die müssen doch ein Vermögen gekostet haben!«

»Am liebsten hätte ich den ganzen Blumenladen aufgekauft, aber damit wärst du ganz sicher nicht einverstanden gewesen ...«

»Bestimmt nicht!«, erwiderte Katrin. »Auch zwanzig Rosen sind absolute Verschwendung. Von nun an werde ich das familiäre Zepter ganz allein in die Hand nehmen, sonst kommen wir völlig auf den Hund. Ist Adele bei den Kindern?«

Thorsten nickte nur.

»Was hat sie denn gesagt, als sie von unserem Zuwachs erfuhr?«

»Na, was schon! Kommentare über Familienplanung hat sie abgegeben.«

»Hör nicht auf sie«, riet Katrin.

»So ganz unrecht hat sie ja wirklich nicht...«

»Ach was! Adele ist eine frustrierte alte Jungfer, die es nicht geschafft hat, sich einen Mann zu angeln. Was versteht sie schon vom familiären Glück! Sie will nur überall die erste Geige spielen, sich in alles einmischen und immer recht behalten, das ist alles.«

»Gewiss, aber...«

»Aber? Siehst du sie etwa anders, nur weil sie momentan unsere beiden ältesten Kinder hütet? Maike ist nun auch schon eine große Schwester, Thorsten. Kannst du das eigentlich begreifen? Mir wird ganz schwummelig vor lauter Glück.«

»Bist du sicher, dass es vom Glück kommt?«, fragte er düster.

»Natürlich! Du etwa nicht?«

»Ach, Katrin ...«

»Du, das hört sich aber gar nicht nach stolzem Familienvater an!«

»Gewiss bin ich stolz, nur...«

»Was, nur?«

»Nur eben auch besorgt, verwirrt, benommen halt.«

»Sag mal, hab‘ ich die Zwillinge zur Welt gebracht oder du?«, fragte sie argwöhnisch. »So schwer kann es für dich doch gar nicht gewesen sein, dass du noch jetzt darunter leidest.«

»Darunter vielleicht nicht...«

»Sondern?«

Er gab sich einen deutlichen Ruck. »Morgen, Katrin, gehe ich zu Professor Arnoldy. Du weißt, wer das ist, ja?«

»Arnoldy...«, wiederholte sie gedehnt. »Professor Arnoldy? Gehört hab‘ ich den Namen schon mal, aber im Moment weiß ich nicht... Was ist denn das für ein Professor?«

»Mediziner. Androloge, um genauer zu sein.«

Katrin versuchte sich aufzurichten, was nach den gerade durchlittenen Strapazen jedoch noch mit Schwierigkeiten verbunden war. »Ein Männerarzt? Wieso? Was willst du denn bei dem? Ist es, ist es wegen der Pille für den Mann, von der du neulich sprachst? Also wirklich, Thorsten, das kommt nicht in Frage. Die sind doch überhaupt noch nicht richtig im Handel. Es gibt schließlich auch noch andere Methoden, um weiteren Nachwuchs zu verhindern. Denn dass wir uns etwas einfallen lassen müssen, weiß ich natürlich auch.«

»Hoffentlich ...«, murmelte Thorsten düster. »Und deshalb werde ich zu Arnoldy gehen, mich von ihm beraten lassen. Was mir vorschwebt ist eine Vasektomie.«

»Eine, was?«

»Der berühmte kleine Schnitt, der allen Ängsten und Berechnungen ein Ende macht. Er kann sogar ambulant durchgeführt werden, habe ich mir sagen lassen, und ist überhaupt nicht schmerzhaft. Niemand außer uns braucht etwas davon zu erfahren, und für unsere Liebe, unsere Ehe gibt es dabei nichts zu befürchten. Die Sterilisation des Mannes ist wahrhaftig eine Kleinigkeit. Sie hat nur, wenn man es so will einen einzigen Nachteil.«

»Und der wäre?«

»Sie lässt sich nicht mehr rückgängig machen.«

»Na ja ...«, murmelte Katrin versonnen.

»Aber darauf legen wir ja wohl auch keinen Wert, nicht? Als vierfacher Vater kann man es sich eben leisten, so etwas ins Auge zu fassen. Das, was es sonst noch darüber zu sagen gibt, werde ich von Professor Arnoldy erfahren.«

 

 

3

Den Termin bei Professor Arnoldy bekam Thorsten Bach sofort, und da es sich zunächst lediglich um eine Beratung handelte, um die er bat, wurde er in die Villa des Andrologen bestellt.

Dort empfing ihn eine außerordentlich charmante, elegante, perfekt zurechtgemachte Dame, die unmöglich die Ehefrau des alten Herrn sein konnte. Sie klärte die Zusammenhänge unverzüglich auf, indem sie sagte: »Ich bin Sylvia Bertram, die Tochter Professor Amoldys. Mein Vater wird gleich kommen, Dr. Bach. Bitte, gedulden Sie sich zwei Minuten, ja?«

»Mit Vergnügen«, nickte Thorsten, und sein Blick blieb an ihrer rechten Hand hängen. Unter einem wertvollen Brillantring trug sie zwei schlichte Goldreifen. Verwitwet also? In diesem Alter? Er schätzte sie bestenfalls Mitte Dreißig, wenig älter also als er selbst war.

»Seit dem Tod meines Mannes lebe ich wieder hier bei meinem Vater, der auch allein ist. Das hilft uns gegenseitig über die Einsamkeit hinweg. Ich habe keine Kinder und würde es allein gar nicht aushalten. Hier hingegen findet sich immer irgendeine Beschäftigung für mich, und sei es auch nur der Empfang gelegentlicher Besucher. Wir leben sehr zurückgezogen, wissen Sie ...«

»Das kann ich mir eigentlich kaum vorstellen ...«, rang Thorsten sich ab. »Eine Frau wie Sie schön, elegant, unabhängig ...« Diese Art Komplimente passten überhaupt nicht zu ihm, er wusste es selbst. Bei Sylvia Bertram aber schienen sie anzukommen. Sie blühte regelrecht auf unter seinen banalen Worten, schlug die schönen, schlanken Beine lässig übereinander und ließ ihren wertvollen Schmuck dabei leise klirren.

Thorsten fühlte sich von all dem reichlich verwirrt.

»Wenn ich richtig informiert bin, wünschen Sie eine fachmännische Beratung wegen einer Vasektomie?«

Thorsten spürte, dass er errötete, und er ärgerte sich darüber ungemein.

»Pardon, gnädige Frau ...«

»Ich weiß«, lächelte sie kameradschaftlich, »das möchten Sie natürlich lieber mit meinem Vater unter vier Augen besprechen. Entschuldigen Sie, Doktor, es war taktlos und voreilig von mir, aber gelegentlich falle ich immer noch in die Fehler von einst. Wenn man als Tochter eines Arztes geboren wurde, des weiteren mit einem Arzt verheiratet war und obendrein selber ein paar Semester Medizin geschnuppert hat, dann lässt es einen halt nicht mehr los ...«

»Ich habe es also mit einer Kollegin zu tun?«

»Um Himmels willen! Das Staatsexamen habe ich zwar noch gemacht, aber das war dann auch schon alles. Praktiziert habe ich nie, hatte es auch nicht vor, wollte mich vielmehr der reinen Forschung verschreiben. Dazu kam es dann nicht mehr wegen meiner Heirat. Nun ja, und daraus ist dann auch nicht viel geworden. Ich bin seit drei Jahren Witwe und finde einfach keinen neuen Anfang.«

»Das sollten Sie aber, gnädige Frau. Bitte verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das ganz und gar ungebeten rate, aber ein Medizinstudium ist viel zu lang und mühsam, um das erarbeitete Wissen schließlich stillzulegen.«

»Ich helfe meinem Vater, so gut ich kann und so oft er mich lässt. Daher rührte auch meine ungebührliche Frage an Sie, für die ich nochmals um Entschuldigung bitte. Sie haben Familie, nicht wahr, Dr. Bach?«

»O ja«, erwiderte Thorsten begeistert. »Vier Kinder! Darunter sind Zwillinge, vor drei Tagen geboren, ein Pärchen, Svea und Olaf.«

»Mein Gott, wie entzückend! Darf ich Ihnen von ganzem Herzen dazu gratulieren?«

»Besten Dank.«

»Und die beiden anderen? Wie alt sind die?«

»Nils ist fünf, Maike vier. Mit der dritten Schwangerschaft hatten wir uns gerade noch abgefunden, aber keiner von uns ahnte, dass es Zwillinge werden würden. Jetzt muss Schluss sein, ein für allemal. Meine Frau verträgt die Pille nicht, deshalb werde ich die Verantwortung für jegliche Familienplanung in die Hand nehmen. Deshalb bin ich hier. Herr Professor Arnoldy gilt ja als erstklassiger Spezialist auf diesem Gebiet.«

»Ja, allerdings, das ist er. Und Sie, Sie sind Orthopäde, hörte ich.«

»Ja ... Das heißt, ich bin noch mitten in der Facharztausbildung. Zwei harte Jahre stehen mir noch bevor, dann erst geht’s aufwärts.«

»Nun, Sie werden es schon schaffen. Da höre ich übrigens meinen Vater kommen. Ich melde Sie sogleich an. Viel Glück, Dr. Bach.«

»Besten Dank, ich kann’s brauchen.«

Das Gespräch mit Professor Arnoldy verlief genauso, wie er sich das vorgestellt hatte. Der hochspezialisierte Androloge bestärkte ihn in seinem Vorsatz und bestätigte im Wesentlichen das, was Thorsten bereits aus eigener Anschauung wusste. Eine Vasektomie war ganz bestimmt die sicherste Art, weitere Schwangerschaften auszuschalten. Sie stellte keinerlei Risiken dar und

konnte in kürzester Zeit erledigt werden.

»Wenn ich Ihnen raten darf...«, sagte Arnoldy, »so nutzen Sie dafür am besten die Tage aus, die Ihre Frau noch in der Klinik bleiben muss. Ich habe auf meinem Terminkalender zwar nicht mehr allzuviel frei, aber ich könnte es immerhin einrichten, diese Kleinigkeit dazwischenzuschieben. Wäre Ihnen Dienstag nächster Woche recht? Man könnte es ambulant machen, Sie gleich anschließend wieder nach Hause gehen lassen. Lieber jedoch wäre es mir, wenn Sie wenigstens zwei Tage blieben. Das schafft auch erfahrungsgemäß einen gewissen psychologischen Abstand...«

Thorsten dachte an Adele und ihre spitze Zunge, die unvermeidlichen Begegnungen in der Enge des winzigen Häuschens. Nils und Maike wusste er indessen gut bei ihr aufgehoben, und so nickte er denn einwilligend.

»Gut, Herr Professor, ich bin bereit und werde mich auf zwei Tage Aufenthalt bei Ihnen vorbereiten.«

Details

Seiten
88
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939675
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v550024
Schlagworte
chirurg gefühle zwiespalt

Autor

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Titel: Chirurg im Zwiespalt der Gefühle