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Die letzte Kutsche nach Cheyenne

2020 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die letzte Kutsche nach Cheyenne

Copyright

1

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5

6

7

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9

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Die letzte Kutsche nach Cheyenne

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Sechshundert Meilen weit ist Clay Lorman geritten, um den Mann zu stellen, der einmal sein bester Freund war. Mitten in der Hölle des Bürgerkriegs ist es wie ein Rausch über Rhett Clinton gekommen. Mit einer tödlichen Kugel hat er Clays Rückkehr zu Joana verhindern wollen. Doch Clay hat den heimtückischen Schuss überlebt. Nun ist es die Hölle des Indianeraufstands, in der sie sich wieder treffen. Noch einmal müssen Clay und Rhett ihre Feindschaft vergessen. Seite an Seite kämpfen sie um das Leben der Frau, die sie beide lieben. In der letzten Kutsche nach Cheyenne erfüllt sich ihr Schicksal ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sechshundert Meilen Einsamkeit, Sonnenglut und Stürme hatten Clay Lormans Gesicht gezeichnet. Es war ein hageres, scharfgeschnittenes Gesicht. Es zeigte keine Regung, als das Schnappen eines Gewehrschlosses die Stille der eben noch verlassen wirkenden Farm durchbrach. Ruhig und darauf bedacht, nicht die Hand in die Nähe seines tiefhängenden 44er Colts zu bringen, drehte Clay sich um. Er stand beim Ziehbrunnen. Sein Brauner, für den er einen vollen Eimer heraufgekurbelt hatte, schnaubte warnend. Zuerst sah Clay von dem Mann unterm Vordach nur die Beine. Die hochhackigen Stiefel mit den dollargroßen Radsporen verrieten ihm, dass es kein Mann war, der sein Brot hinterm Pflug verdiente.

»Lorman?«, fragte eine vor Anspannung gepresste Stimme.

Die Stetsonkrempe verdeckte das Aufblitzen in Clays Augen. Die Farm, eine Ansammlung halb verfallener Hütten unter einem wolkenverhangenen Himmel, lag ungefähr ein Dutzend Meilen südlich von Julesburg. Nie zuvor war er in dieser Gegend gewesen. Niemand hier kannte ihn, außer ...

»Ja, ich bin Clay Lorman«, antwortete er gelassen.

Der Mann auf dem Vorbau trat einen Schritt vor. Clay sah ein verkniffenes, unrasiertes Gesicht und das auf ihn gerichtete Gewehr. Und er sah noch etwas: die Entschlossenheit zum Töten in den Augen des Fremden.

Clay warf sich zur Seite. Im selben Moment dröhnte ein Schuss an seine Ohren. Der Braune wieherte durchdringend. Clay prallte hart mit der linken Schulter auf. Gleichzeitig brachte er seinen Sechsschüsser hoch. Sechshundert Meilen im Sattel hatten zwar an seinem Gewicht gezehrt, nicht aber an seiner Schnelligkeit. Die Entschlossenheit des Gegners ließ Clay keine Wahl. Er feuerte, drehte sich einmal und schoss wieder. Der Mann mit dem Gewehr krümmte sich, bis er das Gleichgewicht verlor und von der Veranda stürzte. Staub puffte hoch.

Clay rollte sich hinter den Ziehbrunnen. Geduckt, die Waffe in der Faust, stemmte er sich auf die Knie. Sein Pferd war weitergelaufen. Abgrundtiefes Schweigen senkte sich auf die Prärie, die sich scheinbar endlos nach allen Seiten erstreckte. Die Tür des Farmhauses hing schief in den Angeln. Die Fenster waren geborsten, die Dunkelheit dahinter undurchsichtig.

Clays Wolfsinstinkt war erwacht. Der Instinkt eines Mannes, in dem die Erinnerung an die Hölle des Bürgerkriegs wie eine Flamme brannte. Bis in die Fingerspitzen spürte er die Gefahr, die hier auf ihn lauerte. Seine sehnige Gestalt straffte sich. Er trat hinter dem Ziehbrunnen hervor.

Kein Schuss fiel. Clays Finger blieb am Drücker. Er wartete fünf Sekunden, dann ging er vorsichtig auf das morsche Gebäude zu. Seine Sporen klirrten leise.

Plötzlich schrie jemand in der Hütte: »Vorsicht, Lorman! Da ist noch ...« Das Klatschen eines Schlages folgte. Dann war ein Schatten am Fenster rechts der Tür. Ein Feuerstrahl beleuchtete für einen Moment ein wutverzerrtes, breitflächiges Gesicht.

Clay machte einen Satz nach links, schoss, und dann tat er genau das, was der Kerl im Farmhaus am wenigsten erwartete. Statt in die Deckung der Brunnenmauer zurückzuspringen, rannte er in Zickzacklinie wild feuernd auf die Hütte zu. Mündungsblitze rasten aus dem Fenster. Staubfontänen spritzten hinter Clays wirbelnden Absätzen hoch. Dann war der große Mann an der Gebäudeecke, außer Reichweite der Waffe. Rasch schnallte er seine Sporen ab. Die Seiten wand war fensterlos, so dass er nicht ins Haus blicken konnte. Mit heftigen Atemzügen hob und senkte sich seine Brust. Aber sein Gesicht wirkte noch immer wie aus Stein gehauen.

Sie hatten auf ihn gewartet! Das hieß, dass Rhett gewarnt worden war. Rhett hatte gewusst, dass er von Süden herauf und damit an dieser verlassenen Farm vorbeikommen würde. Und nach allem, was damals geschehen war, hatte Rhett nicht den Mut gefunden, ihm allein entgegenzutreten. Clay dachte an den Brief in seiner Hemdbrusttasche. Die Zweifel, ob es wirklich die richtige Spur war, die der Absender dieses Schreibens ihm wies, waren endlich vergangen. Härte spannte seinen schmalen Mund. Die Härte eines Mannes, der dem Tod schon zu oft begegnet war, als dass seine Nähe ihn mit Entsetzen lähmen konnte.

»Lorman!« Das war wieder die Stimme, die ihn zuvor gewarnt hatte. »Der Kerl ist weg, Lorman, abgehauen! Helfen Sie mir, ich bin hier festgebunden!«

Clay zögerte, horchte gespannt. Da war nur das Mahlen des Sandes unter den Hufen seines Braunen, der zum Brunnen und dem wassergefüllten Eimer zurücktrottete. Mit einem Sprung war Clay auf dem von Unkraut umwucherten Vorbau. Zwei Schritte brachten ihn neben die offene Tür. Nichts rührte sich. Nur hinter dem Schuppen, dessen Dach eingestürzt war, drang Gewieher und Hufgestampfe hervor. Katzenhaft glitt Clay über die Schwelle. Sein Blick streifte kurz die Gestalt, die in der Mitte des Raumes an einen Stützpfosten gefesselt war. Dann war er am Fenster. Draußen war es still. Die Wolken hingen tief über der Ebene. Diffuses Licht umgab die niedrigen Brettergebäude.

»Sie haben ihn am Arm erwischt«, keuchte der Festgebundene. »Da verlor er die Nerven. Er ist durch das Fenster da abgehauen.«

Der Mann wies mit einer Kopfbewegung zum scheibenlosen Viereck in der Schmalseite. Clay drehte sich. Seine Waffe sank herab. Es war ein glattes, fremdes Gesicht. Dunkle, wache Augen musterten ihn. Der Mann war um die dreißig, mittelgroß, schlank. Sein Stadtanzug war zerknittert und verstaubt, die Kragenschleife aufgerissen. Seine Hände waren über dem Kopf zusammengeschnürt. Trotzdem lächelte er.

»Ich hatte den Halunken gesagt, dass sie keine Chance gegen Sie haben würden, Captain. Nicht gegen einen Mann, der als ,Sieger vom Moberty Creek‘ in die Geschichte des Bürgerkriegs eingegangen ist.«

Ein Schatten überflog Clays Miene.

»Nennen Sie mich nicht Captain, Mister! Die Vergangenheit ist lange tot.«

Das Lächeln des Gefesselten blieb. Ein Funkeln erschien in seinen Augen.

»Wenn es sich so verhielte, Lorman, wären Sie kaum den langen Weg von New Mexico zum South Platte River heraufgeritten.«

Clay ging zu ihm. »Sie sind Pat Scobey, stimmt’s?«

Das war der Name, der unter dem Brief stand, den er bei sich trug. Scobey lachte. Er sah plötzlich wie ein Junge aus. Seine Augen strahlten.

»Stimmt! Ich hab eine Menge über Sie gehört, Lorman, aber die Art, wie Sie sich eben eingeführt haben, schlägt alles. Mann, das ist ein Kennenlernen ganz nach meinem Geschmack!«

»Nicht nach meinem!«, murmelt Clay. Er dachte an den Toten, der draußen vor der Hütte lag.

»Ich hoffe, Sie binden mich trotzdem los, damit ich Ihnen die Hand schütteln kann!« Und während Clay die Stricke zerschnitt, fuhr er fort: »Weiß der Henker, wie Clinton Verdacht geschöpft hat, dass ich Ihnen einen Brief geschrieben habe. Jedenfalls hetzte er mir seine Freunde auf den Hals, und die fanden prompt die Durchschrift meiner Nachricht an Sie. Seit fünf Tagen hocken die beiden Kerle nun schon hier draußen und warten auf Sie. Für lumpige hundert Dollar, die Clinton ihnen versprochen hat. Teufel, das sind schon lausige Zeiten, wenn der Skalp eines Mannes wie Sie einer sind, nicht höher im Kurs steht! Was, Lorman?«

Er war nicht beleidigt, als Clay die Hand übersah, die er ihm hinstreckte. Clay hatte sich bereits wieder der Tür zugewandt. Der zweite Heckenschütze war noch immer irgendwo da draußen, und Clay war kein Mann, der einen unbekannten Gegner unterschätzte. Schon gar nicht, wenn er wusste, dass sein ehemals bester Freund ihm diesen Burschen auf den Hals gehetzt hatte.

»Einen Mann wie Rhett Clinton zum Feind zu haben ist keine Lappalie. Warum haben Sie’s riskiert, Scobey?«

»Ganz bestimmt nicht, um Ihre Dankbarkeit zu ernten, wenn Sie das befürchten«, lachte Scobey jungenhaft. »Vielleicht, weil sonst niemand da war, der Ihnen den richtigen Tipp geben konnte. Diese Zeit ist verdammt schnelllebig. Als gleich nach dem Bürgerkrieg alles drunter und drüber ging, waren die Geschichten um den ,Sieger vom Moberty Creek‘, die damals in allen Zeitungen standen, schnell vergessen. Aber nicht hier ...« Er blinzelte verschwörerisch und legte kurz die Fingerspitzen an die Stirn. »Schließlich war ich damals einer von denen, die Ihren Ruhm verbreitet haben, Captain. Ein Mann vom Fach sozusagen. Sie verstehen?«

Clay kniff die Augen zusammen.

»Einer, der es sich nicht entgehen lässt, Schicksal zu spielen, wenn dafür ein Batzen Geld für ihn herausspringt.«

Scobey zuckte die Achseln.

»So krass würde ich das nun nicht sagen. Aber ... na ja, die Zeiten sind wirklich erbärmlich! Da muss jeder sehen, wo er bleibt. Fest steht, dass Sie seit zwei Jahren auf ein Wiedersehen mit dem damals spurlos verschwundenen Clinton warten. Fest steht auch, dass ich ein gemachter Mann bin, wenn ich dieses, hm, Wiedersehen groß in meiner Zeitung 'rausbringe. Dann kann ich meine Artikel sogar an Harpers Weekley verkaufen. So ist uns beiden geholfen, Lorman. Warum auch nicht? Das Ganze ist nichts weiter als ein ...« Er verstummte, als er den harten Glanz in Clays grauen Augen bemerkte. Augen, die die Hölle gesehen hatten und deren Blick er auf einmal nicht mehr ertrug. »Glauben Sie nur nicht, es war einfach, nach zwei Jahren rauszufinden, wo Sie steckten, Lorman, nachdem der Zufall Clinton nach Julesburg verschlug!«, erklärte er hastig. »Wer wäre auch schon auf die Idee gekommen, dass Sie in irgendeinem Kaff im Süden von New Mexico den Stern genommen haben. Ich musste da ’ne Menge Hebel in Bewegung setzen und Beziehungen spielen lassen, bis ...«

»Schreiben Sie Ihre Unkosten zusammen! Sie bekommen Ihr Geld.«

»Du liebe Zeit, Lorman, so war’s doch nicht gemeint! Ich will nur, dass Sie verstehen, wieviel für mich davon abhängt, dass ...«

»Dass ich Rhett Clinton vor meinen Revolver hole! Auch auf die Gefahr hin, selber dabei auf der Strecke zu bleiben.«

»Nicht doch!«, grinste der Zeitungsmann angestrengt. »Sie haben eben bewiesen, dass Sie immer noch unschlagbar sind. Die Leute werden begeistert sein, wenn es wieder mal Schlagzeilen von Ihnen gibt. Der ,Sieger vom Moberty Creek‘, der zurückkehrt, um mit seinem einstmals besten Freund abzurechnen! Das wird wie eine Bombe einschlagen, Lorman, darauf geb' ich Ihnen meine Garantie!« Hastig zückte er einen ledergebundenen Notizblock und einen Schreibstift. »Wieso ist es zwischen Clinton und Ihnen damals eigentlich so weit gekommen? Es hieß, eine Frau wäre mit im Spiel gewesen als ...«

»Ich bin hergekommen, um Rhett Clinton wiederzusehen, wie Sie es nennen, Scobey, nicht, um Interviews zu geben«, unterbrach Clay ihn schroff.

Auf der anderen Hofseite hämmerte Hufschlag hinter dem Schuppen los. Er entfernte sich schnell nach Norden. Die Männer im Haus bekamen niemanden zu sehen. Scobey war zusammengezuckt. In seinem Eifer hatte er vergessen, wo sie sich befanden.

»Er flieht!«, rief er. »Er wird Clinton warnen. Jetzt dürfen wir keine Zeit mehr verlieren, Lorman!« Er war schon an der Tür, als Clay ihn am Arm erwischte und zur Seite riss. Keinen Sekundenbruchteil zu früh. An der Schuppenecke peitschte es. Kugeln pfiffen herein.

Erschrocken presste sich Scobey an die Bretterwand.

»Du lieber Himmel! Lorman, woher wussten Sie ...?«

»Es war nur ein Pferd, das die Farm verließ. Warum hätte der Schurke die anderen Gäule zurücklassen sollen?« Clay ergriff das neben dem Fenster lehnende Gewehr und hielt es dem Zeitungsmann hin. »Geben Sie mir Feuerschutz, Scobey, dann werde ich ...«

»Verdammt will ich sein, wenn ich je in meinem Leben ein Schießeisen anfasse!« Scobey schüttelte heftig den Kopf. »Jedem das Seine! Ich bin ein Mann der Feder, nicht der Waffe. Und immerhin hat es der Bastard dort draußen nicht auf meinen, sondern Ihren Skalp abgesehen, Lorman.« Mühsam lächelnd und ein wenig bleich um die Nase, fügte er hinzu: »Ich bin nur Zuschauer. Das ist mein Job.«

»Ach so.« Ruhig stellte Clay das Gewehr zurück. »Sie fürchten wohl, der Pulverdampf könnte Ihren Blick so trüben, dass Sie hinterher nicht mehr wissen, was Sie gesehen haben und in Ihrer Zeitung schreiben sollen. Wie heißt das Blatt eigentlich?«

Drüben knallte es wieder. Scobey duckte sich instinktiv.

»Es wird erst einen Namen bekommen«, krächzte er. »Platte River Courier oder so ähnlich. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass es von der ersten Nummer an wie warme Semmeln weggehen wird, wenn Ihre Geschichte drinsteht.«

»Sie sind ein Optimist, Scobey.«

»Sie etwa nicht?«

»Momentan bin ich nur ein Mann, der vorhat, am Leben zu bleiben. Auch ohne Ihren Feuerschutz.«

Clay war schon draußen. Der Kerl an der Schuppenecke sah ihn als einen jäh unterm Vordach hervorschnellenden gestreckten Schatten. Da beging der Bandit den Fehler, den er schon mal gemacht hatte: Er schoss viel zu schnell. Dabei schob er sich halb hinter dem Schuppen hervor, um besser zielen zu können. Clay ging mit der aufgestützten Linken in die Hocke. Er schoss nur einmal. Als er im nächsten Moment geschmeidig hochkam, lag der Mann beim Schuppen mit dem Gesicht reglos im Staub. Steifbeinig ging Clay zu ihm. Er hielt die Waffe in der Faust, als er den Mann herumwälzte. Die Kugel hatte den heimtückischen Schützen mitten ins Herz getroffen. Mit dunklen Linien beiderseits der Mundwinkel richtete sich Clay Lorman auf. Scobey war aus dem Haus gekommen. Er schrieb eifrig in sein Notizbuch, steckte es aber sofort weg, als Clay zu seinem Braunen stiefelte.

»He, Lorman, warten Sie doch!«, schrie er aufgeregt. »Ich komme mit. Ich will dabei sein, wenn Sie in Julesburg auf Clinton treffen. Hölle und Verdammnis, dafür hab ich doch alles riskiert! Also warten Sie, Mann!«

Clay zog sich in den Sattel. Sein Mund war ein messerscharfer Strich, als er den Braunen herumzog und nach Norden lenkte, Julesburg zu.

 

 

2

»Wahnsinn!«, wollte der dicke Wells Fargo Agent hervorstoßen. Aber das Wort blieb ihm in der Kehle stecken, als Stephen Bancroft mit verkniffener Miene zehn Hundert Dollar Scheine vor ihn auf den Tisch blätterte. Auf der Stirn des Julesburger Wells Fargo Mannes bildete sich ein Netz feiner Schweißperlen. Es dauerte eine Weile, bis es ihm gelang, den Blick von den Banknoten loszureißen. Bancroft stand mit leicht vorgezogenen Schultern vor ihm. Ein Flackern war in seinen Augen. Bancroft war ein knochiger, fahlgesichtiger Mann, den man sich mit seinem schlecht sitzenden schwarzen Anzug und dem etwas ramponieren Zylinderhut gut als Totengräber vorstellen konnte. Ein schmaler, schwarzer Holzkoffer stand auf dem Stuhl neben ihm.

»Tausend Dollar für eine Extrapost, die mich nach Cheyenne bringt!«, krächzte Bancroft. »Das sind tausend Dollar, von denen Ihre Bosse nichts zu wissen brauchen, Harrison. So ein Geschäft haben Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht gemacht.«

Harrison fuhr sich mit der Zungenspitze über die Wulstlippen. Keuchend stemmte er sich aus dem weichgepolsterten Sessel. Mit einem Geschnaufe, als müsste er Schwerarbeit leisten, zog er den Vorhang zur Seite, der das Fenster zum Hinterhof halb verdeckte.

»Ich müsste verrückt sein, wenn ich diese tausend Bucks sausen ließe! Aber damit ist es nicht getan. Sehen Sie sich das da draußen erst einmal an, Bancroft. Da steht Ihre Extrapost mit Pfeilen gespickt, von Kugeln zernarbt. Ich habe meine beiden besten Männer heute früh mit dieser verdammten Kutsche in Richtung Cheyenne losgeschickt. Nur einer ist zurückgekommen, und ob der die zwei Flintenkugeln überlebt, die er dabei eingefangen hat, ist noch die Frage.« Schnaufend wandte er sich dem Schwarzgekleideten zu.

»Sie haben sich einen verflixt schlechten Zeitpunkt für Ihre Reise ausgesucht, Bancroft. Da draußen auf der Prärie am Lodgepole Creek wimmelt es von aufständischen Rothäuten, die versessen darauf sind, jedem Weißen die Kopfhaut abzuziehen. Roman Nose von den Cheyennes spielt wieder mal verrückt. Dieser Bursche will ums Verrecken nicht vergessen, was Colonel Chivington sich damals am Sand Creek geleistet hat. Und wer hat es auszubaden? Wir Zivilisten natürlich! Um es kurz zu machen: Solange die Armee den Frieden hier draußen nicht wieder hergestellt hat, gibt es von Julesburg keine Postkutschenverbindung mehr nach Westen oder sonst wohin. Fragen Sie mich nicht, was mit der Kutsche passiert ist, die aus der Gegenrichtung bereits gestern hier hätte eintreffen müssen!«

Stephen Bancroft fingerte nervös an seinen Jackenknöpfen.

»Was soll ich machen? Mir bleibt keine Wahl. Wenn ich in spätestens vier Tagen nicht in Cheyenne bin, kann ich meine Bank in Omaha zumachen. Ich hab nicht die Zeit, Ihnen alle Einzelheiten zu erklären, Harrison. Nur soviel: Es geht um ein Aktiengeschäft, bei dem für mich alles, aber auch alles auf dem Spiel steht!«

Harrison musterte ihn neugierig.

»Hängt wohl mit der Bahn zusammen, die General Dodge hinüber zum Großen Salzsee bauen will, was?«

Bancroft nickte abwesend.

»Ich muss es einfach versuchen! Die Rothäute können schließlich nicht überall sein. Irgendwo wird es schon eine Lücke zum Durchschlüpfen geben. Da ich nun mal kein Mann des Sattels bin, brauche ich die Kutsche. Aber kommen Sie jetzt nur nicht auf die Idee, den Preis hochzutreiben, Harrison! Tausend Dollar sind mehr als genug!«

»Keine zehn Rösser würden mich aus der Stadt bringen«, brummte der Wells Fargo Mann kopfschüttelnd. »Aber es ist Ihr Skalp, Bancroft, nicht meiner. Nur - was nützt Ihnen die Kutsche samt den Pferden, wenn Sie keinen Fahrer und Begleitschutz kriegen? Sie können den Kasten ja haben, auch ein Gespann. Aber auch für tausend Bucks kann ich es nicht verantworten, einen Mann der Company mit Ihnen auf die Prärie hinauszuschicken. Darüber brauchen wir gar nicht erst zu verhandeln. Die Cheyennes haben uns hier in Julesburg schon mal verflucht übel mitgespielt. Ich wette, dass Sie in der ganzen Stadt keinen Mann finden, der die Nerven hat, mit Ihnen auf den Trail zu gehen. Ausgenommen vielleicht jene Revolver- und Kartenhaie, die seit Wochen in den Saloons rumlungern. Die denken, wenn erst der neue Schienenstrang hier ist, schwimmen sie in Geld. Inzwischen sieht es allerdings so aus, als würde das nicht so schnell geschehen.«

»Bist ein kluger Junge, Harrison!« Ein spöttisches Lachen kam von der lautlos aufgeschwungenen Tür. »Wenn du nur auch am Pokertisch was davon merken ließest!«

Stirnrunzelnd blickte der Wells Fargo Stationier auf den hochgewachsenen, städtisch gekleideten Mann, dessen Lächeln dem Zähnefletschen eines Tigers glich. Seine katzenhafte Geschmeidigkeit passte dazu. Der Colt schaukelte tief auf seinem rechten Oberschenkel.

Harrison räusperte sich.

»Es geht mich ja nichts an, Clinton, was Bancroft dir und deinen Freunden versprochen hat, wenn ihr mit ihm Julesburg verlasst!«

»Du sagst es, Harrison, es geht dich nichts an!« Rhett Clintons Zähne blitzten. »Belassen wir’s dabei! Und keine Angst, Harrison, ich bin nicht hier, die zwanzig Dollar zu kassieren, die du mir seit dem letzten Spiel noch schuldest! Heb’ sie auf, bis ich mit der nächsten Stagecoach aus Cheyenne zurückkomme! Wenn nichts draus wird, dann hast du dir eben noch ein Häppchen dazuverdient. Streite also bloß nicht ab, dass heute dein großer Glückstag ist, alter Junge!« Grinsend kniff er ein Auge zu.

Harrison machte ein Gesicht, als hätte er es mit zwei Verrückten zu tun. Clinton nickte dem hageren Bankier aus Omaha lächelnd zu.

»Schätze, das war's, Bancroft. Gehen wir! Du brauchst dich nicht zu bemühen, Harrison. Wir suchen uns die Gäule, die wir brauchen, schon selber aus.«

Bancroft klemmte sich den Holzkoffer unter den Arm. Sie waren bereits bei der Tür, als der Wells Fargo Agent ihn nochmals anrief. Auch Clinton blieb stehen. Harrison druckste.

»Wenn’s Ihnen nichts ausmacht, Bancroft, möchte ich Sie für zwei Minuten noch unter vier Augen sprechen.«

»Es macht ihm was aus«, erwiderte Clinton anstelle des Bankiers. »Er hat nämlich schon viel zu viel Zeit mit dir vertan, Dicker. Und die Warnung, dass er sich mit den falschen Leuten auf den Weg macht, kannst du dir sowieso sparen. Er weiß, welchen Ruf meine Freunde und ich in dieser netten Stadt haben. Du hast das mit den ,Revolver und Kartenhaien‘ vorhin sehr treffend gesagt, Harrison. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, heißt es, und gescheite Sprüche allein bringen Bancroft ganz bestimmt nicht nach Cheyenne. Mach ruhig den Mund wieder zu, alter Freund, sonst fliegt dir noch was rein, was du nicht verdauen kannst!«

Harrison stand noch wie versteinert da, als die Tür zuklappte. Draußen unterm Vordach brannte Clinton sich eine Zigarette an.

»Alles klar, Jungs!«, sagte er zu den drei Männern, die auf ihn und Bancroft gewartet hatten. Sie trugen ebenso wie er elegante Anzüge, weiße Hemden und tiefgeschnallte Revolver. »Sobald ihr die Pferde angeschirrt habt, brechen wir auf. Vergesst eure Gewehre nicht! Wenn wir ...« Seine Augen verengten sich. Ein Reiter war am Ende der wenig belebten Straße aufgetaucht. Er ritt, als wären die Cheyennes schon hinter ihm her. Seine Jacke flatterte. Immer wieder stieß er dem Pferd die Sporen gegen die Flanken. Eine Frau konnte gerade noch ihren kleinen Jungen vor dem heranbrausenden Pferd wegreißen.

»He, das ist ja Jeff, den du heut’ früh zu Wildbums verlassener Farm geschickt hast, damit er Brad ablöst!«, rief einer der Spieler Clinton zu.

»Kümmert ihr euch um die Kutsche!«, fuhr Clinton den Mann an. Er sprang auf die Straße und ging dem Heranpreschenden entgegen. Knapp vor ihm zügelte der Reiter das schweißbedeckte Tier. Clinton hielt es fest, während der Mann keuchend herabglitt.

»Nun sag bloß nicht, Brad, dieser Hundesohn, hatte keine Lust, seinen gemütlichen Platz auf Wilburns Farm mit dem Kutschbock zu vertauschen!«

»Brad ist tot, und auch Slim hat’s erwischt! Du wirst diesen verdammten Rumpelkasten schon selber kutschieren müssen, Rhett!«

Clinton ließ die Trense los und spuckte die angerauchte Zigarette aus.

»Die Cheyennes?«

»Lorman!«

Clintons Hände schossen hoch und gruben sich in die Aufschläge von Jeffs Jacke.

»Mach keine Witze!«

»Verdammt, Rhett!«, krächzte der Mann. »Wer sonst hätte Grund gehabt, Brad und Slim da draußen auf der Wilburn-Farm auf die Nase zu legen. Jetzt ist er mit Scobey auf dem Weg hierher. Sieht genauso aus wie du ihn beschrieben hast. Groß, hager, und sein Eisen schleppt er mindestens so tief herum wie du deins.«

»Du hast ihn also gesehen.«

»Aber er mich nicht!«, sagte der Kerl mit verkniffenem Grinsen. »Ich war ’ne Meile vor der Farm, als ich die Schüsse hörte. Auch ich dachte zuerst an die verdammten Rothäute. Deshalb hab’ ich mich im nächsten Gebüsch versteckt. Bald darauf ritten sie vorbei. Danach hab’ ich ‘nen Bogen geschlagen und bin wie der Teufel geritten, um vor ihnen hier zu sein. Länger als 'ne Viertelstunde wird’s wohl kaum mehr dauern. Wenn du mich fragst, Rhett ...«

»Ich frage dich, wieso du nicht auf die Idee gekommen bist, dein Gewehr zu nehmen!« Clinton stieß den Mann, der erschrocken die Augen aufriss, heftig zurück. Als er sich umdrehte, hatte er Bancroft vor sich. Das fahle Gesicht des Bankiers wirkte noch zerknitterter und sorgenvoller. Krampfhaft hielt er seinen Holzkoffer fest.

»Was will dieser Lorman von Ihnen?«

»Meinen Skalp oder ein Stück Blei zwischen die Rippen, je nachdem, wer der Schnellere von uns beiden sein wird. In einer Viertelstunde werden wir’s ja wissen.«

»In einer Viertelstunde sind wir auf dem Weg nach Cheyenne«, erwiderte Bancroft leise, aber entschlossen.

»Ohne mich!« Clintons Blick schien durch den Bankbesitzer hindurchzugehen. »Ich hab’ mich lange genug versteckt. Jetzt weiß ich, dass es zwecklos ist, vor ihm davonzulaufen. Wozu auch? Irgendwann würde er mich doch erwischen. Vielleicht gerade dann, wenn ich am wenigstens darauf gefasst bin. Nein, zum Teufel, da ist es besser, selber Ort und Zeit zu bestimmen und ihm zuvorzukommen.«

Ein paar Häuser weiter rollte die Concord-Kutsche mit den rasch vorgespannten Pferden hinter der Wells Fargo Station hervor. Neugierige Gesichter zeigten sich hinter Fensterscheiben. Ein paar Männer traten schweigend auf die Veranda des Bullhorn Saloons. Clinton wusste nur zu gut, dass ihm hier niemand eine Träne nachweinen würde. Im Gegenteil, die Stadt war froh, ihn und seine Freunde loszuwerden.

»Wo bleibt denn Brad?«, rief der Mann, der das Gespann führte.

Bancroft trat dichter an Clinton heran.

»Tragen Sie Ihre Rechnung mit Lorman aus, wann und wo sie wollen, aber erst nachdem wir in Cheyenne sind!«, zischte er. »Da der Mann, der die Kutsche fahren sollte, ausfällt, kann ich erst recht nicht auf Sie verzichten. Es geht nicht um die Viertelstunde, sondern darum, was geschieht, wenn Lorman der Schnellere ist.«

»Zum Teufel, ich ...«

Bancroft zog zwar den Kopf ein, aber seine Stimme klang nun messerscharf: »Wenn Sie Ihrer Sache so sicher sind, warum haben Sie dann nicht selber auf ihn gewartet, sondern Ihre Freunde hinausgeschickt?« Er winkte ab, als der Spieler und Revolvermann die Rechte auf die Waffe senkte. »Drehen Sie jetzt nicht durch, Clinton! Für Sie und mich geht es um eine Menge Geld. Ich hab’ Ihnen fünfhundert Dollar für die Fahrt nach Cheyenne geboten. All right, Sie sollen nicht hinter diesem geldgierigen Fettwanst Harrison zurückstehen. Ich verdoppele mein Angebot. Aber kein Wort davon zu den anderen!«

Clinton starrte ihn an.

»Ihnen steht das Wasser tatsächlich bis zum Hals!«, murmelte er gedehnt.

»Tausend Dollar, Clinton, aber nur, wenn wir sofort losfahren!«, drängte Bancroft.

In Clintons Miene arbeitete es heftig. Die Männer bei der Stagecoach blickten gespannt herüber.

»Was ist denn nun, Rhett?«, rief wieder der bei den Pferden. »Kommt Brad oder wer sonst soll die Karre fahren?«

»Ich!«, antwortete Clinton und stiefelte entschlossen los. Bancroft, den Koffer unterm Arm, hatte Mühe, ihm zu folgen.

Etwa zur gleichen Zeit peitschte hinter den Palisaden der Liberty Station fünfunddreißig Meilen westlich von Julesburg der letzte Schuss. Dann war der Ansturm der schreienden, federgeschmückten, bronzehäutigen Reiter abgeschlagen. Jäh waren sie aus dem Dämmergrau des diesigen Tages hervorgeschossen. Ebenso schnell hatten sie sich nun wieder hinter die der Station vorgelagerten Bodenwellen und hinter die Buschgürtel am Ufer des Lodgepole Creek zurückgezogen.

Die dichtgereihten Pfähle waren mit Pfeilen gespickt und von Kugellöchern übersät. Unwirkliche Stille senkte sich herab. Nur in den Ohren der Verteidiger gellte noch das Kriegsgeschrei und donnerten die pausenlosen Schüsse. Sie verharrten wie betäubt. Ihre Hände umkrampften die Waffen. Pulverschwärze bedeckten ihre Gesichter.

Auf der Ebene lagen nur mehr ein paar tote Mustangs. Ihre Gefallenen und Verwundeten hatten die Indianer mit in Deckung geschleppt. Scheinbar friedlich strömte der Fluss hinter der Station vorbei. Er hatte verhindert, dass die Cheyennes auch von Norden gekommen waren. Aus dem Blechschornstein der Wohnhütte stieg Rauch. Die Kutsche aus Cheyenne stand noch vom Vorabend neben der Remise.

Seit im Morgengrauen die ersten Späher in der Nähe der Pferdewechselstation aufgetaucht waren, hatte niemand mehr von einer Weiterfahrt nach Julesburg gesprochen. Auch Rutland nicht. Dabei hatte es der ehemalige Südstaatenmajor gestern noch ziemlich eilig gehabt. Der stämmige, schnurrbärtige Mann ließ nun als Erster sein Gewehr sinken. In einem Anflug von Müdigkeit wischte er sich übers Gesicht. Dann trat wieder der alte herrische Glanz in seine Augen. Seine Gestalt im feldgrauen Umhang und den hochschäftigen Kavalleriestiefeln straffte sich.

»Sieh nach, ob jemand verletzt ist, Sam!«, rief er dem Schwarzen zu, der zehn Schritte entfernt hinter den schulterhohen Palisaden stand.

Ein zitternder Aufschrei kam Sam zuvor: »Meritt ist getroffen, schnell!« Es war die Stimme der Frau. Sie kam vom Schuppen. Rutland fuhr herum.

»Bleib, Sam!«, berichtigte er sich. »Pass auf, dass sie nicht wieder so verdammt nahe herankommen, bevor wir sie mit unserem heißen Blei begrüßen!«

Hastig folgte er den beiden anderen Männern, die schon zum Schuppen liefen. Deutlich zog er dabei sein linkes Bein nach. Slaughter, der untersetzte Stationier, und Mclntosh, ein bärtiger Hüne, der von der Büffeljagd lebte, drehten sich nicht nach ihm um.

Sie starrten auf den an der Rückwand des Schuppens Zusammengesunkenen. Es war der Begleitmann der Kutsche, mit der Rutland und sein farbiger Diener nach Julesburg unterwegs gewesen waren. Den Fahrer hatte es gleich im ersten Pfeil und Kugelhagel der Cheyennes erwischt. Niemand hatte ihm mehr helfen können. Nun schien auch Bill Meritt an der Reihe zu sein. Ein abgebrochener Cheyennepfeil steckte in seiner Brust. Blut lief über sein Hemd.

Die Frau kniete bei ihm. Mit dem einfachen Kattunkleid und dem im Nacken verknoteten dunkelblonden Haar glich sie hundert anderen jungen Pionierfrauen, denen Rutland begegnet war. Aber weder die Anmut ihrer Bewegungen, noch die Art, wie sie einen Mann ansah - wissend und distanziert zugleich - passten dazu. Rutland hätte den kargen Rest seines aus dem Bürgerkrieg geretteten Vermögens darauf gewettet, dass sie noch nie mit einem Pflug oder Ochsengespann in Berührung gekommen war.

Slaughter hatte sie kurz als Joana Dwain vorgestellt, das war alles. Rutland konnte sich nicht vorstellen, dass sie und der Stationer zusammengehörten. Trotzdem schien sie seit längerem hier zu leben. Erst als sie sich nun bleich und ein wenig schwankend erhob, blickte auch der Exmajor auf den Getroffenen. Meritt atmete nicht mehr. Mclntosh begann leise zu fluchen. Eine langläufige 52er Sharps lag in seinen schwieligen Fäusten. Es war eines von den Gewehren, mit denen man einen Büffel noch auf eine halbe Meile wie mit einem Axthieb fällen konnte.

Rutland nahm als Einziger den Hut ab.

»Bringt ihn ins Haus!«, forderte er die Männer auf.

Der Büffeljäger drehte ihm das bartumwucherte, derbe Gesicht zu.

»Hören Sie, Rutland, ich bin nicht Ihr Nigger, der sich auch noch die Beine ausreißt, wenn Sie's befehlen! Hier draußen ist jeder sein eigener Boss. Das sollten Sie möglichst schnell kapieren, Mister, wenn Sie außer den Cheyennes nicht noch mehr Ärger an den Hals bekommen wollen.«

Rutland ballte die Fäuste, aber das ließ Mclntosh kalt. Er stand da wie ein Fels, ohne mit der Wimper zu zucken. Genauso war er vorhin hinter den Pfählen gestanden und hatte auf die anstürmenden Indianer gefeuert. Slaughter dagegen schwitzte. Er sah aus, als hätte er sein Gesicht in einen vollen Wassereimer getaucht. Fahrig zerrte er eine Flasche aus der ausgebeulten Jacke und trank.

»Es ist aus!«, keuchte er. »Wir sind zu wenig, sie aufzuhalten, wenn sie’s nochmals versuchen! Wir schaffen es nicht!«

»Bestimmt nicht, wenn Sie nicht endlich aufhören, sich mit Whisky volllaufen zu lassen!«, fuhr Rutland ihn an.

Mclntosh Kommentar bestand darin, dass er halb den Kopf drehte und mit Nachdruck ausspuckte. Die Frau warf Rutland einen zornigen Blick zu. Dann ging sie zu Slaughter und ergriff seinen Arm.

»Du solltest wirklich damit aufhören, Dave«, sagte sie sanft. »Es macht alles doch nur schlimmer.«

Slaugther starrte sie wie eine Fremde an. Er war blind für den halb bittenden, halb beschwörenden Ausdruck in ihren Augen. Jäh riss er sich los. Wut flammte über sein Gesicht.

»Du wirfst mir vor, dass ich trinke? Ausgerechnet du?« Plötzlich warf er den Kopf zurück und lachte. Er schien nicht mehr damit aufhören zu können. Die Frau stand da, als hätte sie sich am liebsten die Ohren zugehalten. In ihrem kreidebleichen Gesicht wirkten die meergrünen Augen jetzt unnatürlich groß.

»Reißen Sie sich zusammen, Slaughter!«, schrie Rutland wütend. »Verflucht, ich werde dafür sorgen, dass die Bosse der Wells Fargo Company Sie zum Teufel jagen!«

»Tun Sie das, Rutland, tun Sie das!«, japste der Stationer. »Vergessen Sie nur nicht, sich zuvor die verfluchten Rothäute da draußen vom Halse zu schaffen! Die kommen Ihnen sonst womöglich noch zuvor!« Gierig setzte er wieder die Flasche an den Mund.

Rutlands Gesicht lief dunkel an. Mclntosh grinste.

»Nur Narren streiten sich mit Betrunkenen.«

Als Rutland sich mit zusammengepressten Lippen abwenden wollte, vertrat der Büffeljäger ihm rasch den Weg.

»Nun seien Sie nicht so verdammt empfindlich, Mann! Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig auf den Zehen 'rumtrampeln. Ich habe so wenig Lust wie jeder hier, meinen Skalp an die Roten abzuliefern. Aber ich kann’s Slaughter nicht verdenken, wenn er keine Chance mehr für uns sieht.«

»Dann holen Sie sich doch auch eine von seinen verdammten Flaschen! Sicher hat er genug Vorrat hier.«

»Möglich!«, grinste Mclntosh achselzuckend. »Nur denk’ ich jetzt nicht an Whisky, sondern daran, dass einer von uns Hilfe herholen sollte, ehe es dafür zu spät ist!«

Slaughter verschluckte sich und hustete heftig. Seine Augen waren blutunterlaufen.

»Sie sind ja verrückt!«, schnappte Rutland dann. »Strecken Sie nur Ihre Nase hinter den Palisaden hervor, dann werden Sie schon merken, dass die Cheyennes keine Tomaten auf den Augen haben!«

Mclntosh ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Ich behaupte nicht, dass es unbedingt klappt. Ich meine nur, dass einer, der nichts mehr zu verlieren hat, ruhig alles riskieren kann.« Er biss ein Stück Kautabak ab und schaute zu den tiefhängenden, sich immer dunkler färbenden Wolken. »Ich fress’ als Nächstes ’nen ungesalzenen Besenstiel, wenn es in einer Stunde nicht aus allen Kübeln gießt! Klar, dass es dann auch die Redmen wieder versuchen. Warum nicht auch wir?«

»Nachdem nun auch Meritt tot ist, können wir hier auf kein Gewehr mehr verzichten.«

»Schade, dass wir hier nicht alle in Uniformen 'rumlaufen, was?«, grinste der Hüne spöttisch. »Dann bräuchten Sie nur mit dem Säbel zu rasseln, damit alles richtig funktioniert.« Er spuckte einen braunen Strahl Tabaksaft aus. »Die Rothäute hätten sicher ’nen Mordsspaß dran! Im wahrsten Sinne des Wortes!«

»Ich werde Sie nicht halten, wenn Sie unbedingt da draußen krepieren wollen«, erwiderte Rutland steif.

Mclntosh grinste wieder.

»Davon hab ich kein Wort gesagt. Ich tauge nicht zum Helden. Die Rolle würde auch viel besser zu ’nem Gentlemen wie Sie einer sind passen. Ach, zur Hölle, nun fangen Sie nicht wieder an, sich künstlich aufzuregen, Mann! Ich bin ja nicht blind. Mit Ihrem steifen Bein hätten Sie weder zu Fuß, noch zu Pferd 'ne Chance, den Hundekriegern der Cheyennes davonzugaloppieren. Aber was ist mit ihm?« Mit dem bärtigen Kinn wies er auf den Schwarzen, der außer Hörweite die düstere Prärie beobachtete. Mclntosh kniff ein Auge zu. »Der Goldjunge scheint allerhand auf dem Kasten zu haben, soviel ich mitgekriegt hab.« Er streifte Slaughter mit einem verächtlichen Blick. »Das ist keiner, der gleich die Nerven verliert, wenn die blauen Bohnen pfeifen. Ich wette, der hat schon mehr als einmal Pulverdampf geschnuppert. Und wie der mit den Pferden zurande kommt! Der Teufel soll mich braten, wenn der sich nicht auch im Sattel auskennt! Vor allem aber, das muss Ihnen der Neid lassen, Rutland, haben Sie ihn so gut dressiert, dass er Ihnen aufs Wort gehorcht. Ganz so, als hätte der alte Abe Lincoln nie die Sklaverei abgeschafft!« Er grinste erwartungsvoll. Rutland furchte die Brauen.

Da rief Joana Dwain: »Das ist nicht fair! Wenn ihr wirklich wollt, dass einer nach Julesburg reitet, dann werden wir es auslosen.«

Mclntosh kaute genüsslich seinen Priem.

»Aber klar, Ma’am! Macht ja auch nichts, wenn das Los dann doch Rutland mit seinem steifen Bein trifft! Oder Slaughter, der in einer Stunde voll wie 'ne Strandhaubitze sein wird! Vielleicht sogar auch Sie!« Er lachte grollend.

»Sam, komm her!«, rief Rutland, bevor die Frau noch etwas sagen konnte. Der Schwarze verließ seinen Beobachtungsposten. Er war jung, noch keine dreißig. Seine Bewegungen verrieten kraftgeballte Geschmeidigkeit.

»Sir?« Gespannte Erwartung lag auf seinem kaffeebraunen, gutgeschnittenen Gesicht.

Rutlands Miene war ausdruckslos.

»Hör zu, Sam, wir haben beschlossen, Hilfe aus Julesburg herbeizuholen. Das heißt, einer von uns muss hinaus.«

»Das wird nicht leicht sein, Sir.«

»Nicht leicht?«, prustete Dave Slaughter. »Mein Junge, es ist glatter Selbstmord, wenn du so verrückt sein solltest, es zu versuchen.«

Rutland warf ihm einen wütenden Blick zu. Sam Talbots Haltung versteifte sich ein wenig. Doch seine Stimme verriet keine besondere Regung.

»Sie haben also an mich gedacht, Sir.«

»Ich habe dran gedacht, wie du damals durch die Front der Yankees geschlichen bist und mich mit meinem zerschossenen Knie zurückgeholt hast, Sam. Ich habe daran gedacht, dass du mit Abstand der beste Reiter und Kämpfer meiner Schwadron warst. Wenn es einer schafft, Sam, dann bist du’s!«

»Er hat kein Recht, Sie hinauszuschicken, Talbot, das wissen Sie doch hoffentlich!«, rief die Frau erregt. »Die Tage der Sklaverei sind längst vorbei!«

Rutlands Kopf ruckte halb herum, seine Augen blitzten.

»Ich hab Sam nie als meinen Sklaven betrachtet, immer nur als meinen Diener, Begleiter, Freund. Das war schon so, bevor die Blauröcke meine Plantage in Georgia verwüsteten. Vor allem werde ich nie vergessen, dass mir Sam mitten im Krieg das Leben gerettet hat.«

»Dafür schmeißen Sie ihn nun den Cheyennes in den Rachen!«, lallte Slaughter, nachdem er wieder getrunken hatte. Die Flasche war fast leer. Rutland ignorierte ihn. Er trat zu Talbot und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Sam, ich werde dich zu nichts zwingen. Aber wenn du reitest, Sam, wenn du durchkommst und uns Hilfe bringst, werd’ ich dir alle Schulden erlassen, die du bei mir noch hast, seit ich deine Schwester damals vom alten Hancock freigekauft habe.«

»Zum Teufel, Rutland, in welcher Zeit leben Sie denn?«, empörte Joana sich. »Sie rechnen Geld, Menschenleben und Ihre angebliche Freundschaft in einem auf als ob ...«

»Es ist schon in Ordnung so, Ma’am«, sagte Sam Talbot ruhig. Er blickte nur Rutland an. Sein Gesicht glich einer Mahagonimaske. »Der Major hat wirklich viel für mich getan. Ich schulde ihm mehr als die restlichen zweihundertachtzig Dollar für den Freibrief meiner Schwester. Es ist sein gutes Recht, mich daran zu erinnern. Ich werde gehen, Sir.«

»Ich habe keinen Augenblick daran gezweifelt, Sam. Selbstverständlich bekommst du das beste Pferd aus Slaughters Stall. Mclntosh meint, dass es bald regnen wird. Dann reitest du los. Wenn du willst, Sam, kannst du dich zuvor noch etwas hinlegen und dich ausruhen.«

»Danke, Sir!«, sagte Talbot in einem Ton, der Rutland zu einem Stirnrunzeln veranlasste. Die Blicke der beiden Männer prallten aufeinander. Zum ersten Mal senkte Talbot nicht den Kopf.

»Sam, was zum Teufel ...«

»Sagen Sie mir Bescheid, Sir, wenn es losgehen soll!«, schnitt der Schwarze ihm den Satz ab. Mit erhobenem Kopf ging er an Rutland vorbei auf das lehmziegelgemauerte Stationshaus zu.

»Wirklich ein Goldjunge!« Mclntosh blickte ihm nach. Er lachte glucksend, »'s wär’ schade, wenn die Cheyennes ihn schnappten!«

»Amen!«, bekräftigte Slaughter mit schwerer Zunge. Dann jagte er sich den letzten Whiskyrest aus seiner Flasche durch die Kehle.

 

 

3

Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, waren die Cheyennes da. Zwei Meilen südlich von Julesburg versperrten sie Clay Lorman und Pat Scobey unvermittelt den Weg. Sie waren zu fünft. Drohende Gestalten unter den tiefhängenden Regenwolken. Jeder nur mit Lendenschurz und Mokassins bekleidet. Messer und Tomahawks hingen an ihren Gürteln. Federgeschmückte Kriegslanzen ragten empor. Zwei Krieger hielten Repetiergewehre vor sich auf den fellbezogenen Holzsätteln. Ihre Gesichter und Oberkörper waren farbbeschmiert.

Kein Lufthauch bewegte die Mähnen und Schweife ihrer Pferde. Als Clay und Scobey stoppten, breitete sich gespenstische Stille aus. Die wie dunkle Kästen in die Ebene gestreuten Häuser von Julesburg schienen plötzlich viel weiter entfernt. In der Stadt war es ebenfalls still. So still, als hätte eine Seuche alles Leben dort hinweggerafft. Es war warm. Die ausgetrocknete Erde speicherte noch die Hitze der vorangegangenen Tage. Trotzdem zog Scobey fröstelnd die Schultern hoch.

»Sieht fast so aus, als wollten die was von uns, Lorman.«

»Nicht nur fast!« Mit einer flüssigen Bewegung zog Clay die Winchester 66 aus dem Scabbard.

Es war wie ein Signal, auf das die Cheyennes gewartet hatten. Gleichzeitig trieben sie ihre Pferde an. Das dumpfe Hämmern der unbeschlagenen Hufe füllte die Luft. Scobey packte die Zügel fester, bereit, im nächsten Moment seinen Schecken herumzuwerfen und in panischer Flucht davonzujagen. Clay machte keine Anstalten dazu.

»Bleiben Sie immer noch dabei, nie im Leben eine Waffe anzufassen?«, meinte er beiläufig. »Dann kann dieses Leben aber plötzlich zu Ende sein.«

Scobey keuchte: »Auch wenn ich wollte, ich wüsste nicht, wie ich mit so einem Ding umgehen sollte.«

»Pech für Sie!«

Der Zeitungsmann erstarrte, als die Mündung der Winchester plötzlich dicht vor seinem Gesicht war. Er öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. In Clays Augen war eine Kälte, die ihn für Sekunden die Cheyennes vergessen ließ.

»Absteigen! Ein bisschen fix!« Clays Stimme klirrte.

Scobey würgte. Er sah auf einmal bleich und krank aus.

»Lorman, um Himmels willen, Sie ...«

»Runter!«, zischte Clay so heftig, dass Scobey tatsächlich ächzend aus dem Sattel glitt. Schaudernd blickte er auf die stetig näherkommenden Indianer.

Deren bemalte Gesichter, die nickenden Pferdeköpfe, das matte Gefunkel der Waffen - das alles begann vor seinen Augen durcheinanderzuwirbeln. Die Beine drohten ihm wegzusacken. Bevor Scobey begriff, was Clay vorhatte, trommelten die Hufe los.

»Lorman!«, schrie Scobey entsetzt.

Clay hatte die Zügel von Scobeys Schecken gepackt. Tief auf den Hals seines Braunen geduckt, preschte er nach Nordosten. So wollte er im spitzen Winkel an den Indianern vorbei. Einer der Cheyennes stieß einen durchdringenden Schrei aus. Im nächsten Moment flogen ihre Waffen hoch.

Bevor sie schießen konnten, ließ Clay sich seitlich aus dem Sattel fallen. Sein linker Fuß blieb im Bügel, mit einer Hand klammerte er sich am Sattelhorn fest. Wie hingeklebt hing er zwischen den nebeneinander rennenden Pferden.

»Lorman, Sie verräterischer Bastard!« Scobeys Stimme war ein zerrissenes Schluchzen. In seiner Panik wusste er nicht, was er tun sollte. Alles, was er begriff, war, dass ihm ein grausames Schicksal bevorstand, während der einstmals berühmte Captain sich auf seine Kosten in Sicherheit brachte.

Die Gruppe der Cheyennes teilte sich. Drei Krieger spornten ihre Mustangs nach Osten, um Clay den Weg abzuschneiden. Die beiden anderen sprengten schreiend, die Lanzen über den Kopf erhoben, auf Scobey zu. Der stand wie versteinert, unfähig, sich zu bewegen. Der Tod raste da heran. Kein Mann zu Fuß hatte auch nur die Spur einer Chance, ihm zu entrinnen. Noch hundert Yards, achtzig, sechzig.

Da kam Clay zurück. Jetzt saß er hochaufgerichtet im Sattel, die Zügel ums linke Handgelenk geschlungen, die Winchester in beiden Fäusten. Der Kinnriemen seines Stetsons war gestrafft, der Reitwind bog die Krempe vorne hoch. Die Hufe schienen über den Prärieboden dahinzufliegen.

Scobey bemerkte ihn erst, als die Indianer zu schreien aufhörten und die Köpfe herumrissen. Plötzlich begriff er alles. Clay hatte nichts anderes im Sinn gehabt, als die Cheyennes in zwei Gruppen zu spalten. Die waren nun weit genug auseinander. Die List hatte nur durch Scobeys echtes und deshalb glaubwürdiges Entsetzen geklappt.

Der Knall von Clays Winchester brach in Scobeys wirbelnde Gedanken. Der eine Krieger wurde wie von einem Keulenhieb vom Pferd gefegt. Der andere schien einen Moment unschlüssig, ob er sich nicht doch zuerst Scobeys Skalp holen sollte. Dann stürmte er Clay entgegen. Er bog die Faust mit der Lanze weit zum Wurf zurück.

Da blitzte und qualmte Clays Gewehr abermals. Der Mustang schien jäh gegen eine unsichtbare Wand zu prallen. Zusammengerollt sauste der Cheyenne über den Kopf des vorn einbrechenden Pferdes. Die Lanze zersplitterte. Staub wallte. Einen Augenblick später war der Rote wie eine Katze wieder auf den Füßen. Der lederumwickelte Stiel seines Tomahawks lag in seiner Faust. Hass verzerrte sein bemaltes Gesicht. Das Hämmern der Hufe ließ die Erde unter ihm zittern. Er fuhr herum. Der Reiter war nicht viel mehr als ein vorbeiwischender Schatten. Blitzschnell schwang der Winchesterlauf herum und schleuderte den Cheyenne ins verdorrte Büffelgras. Clay war schon ein halbes Dutzend Yards weiter. Hinter ihm die Krieger, die ihm den Weg hatten verlegen wollen. Ihre Gewehre flammten.

Clay warf Scobey die Zügel des Schecken zu. Er preschte im Kreis um den noch verdatterten Zeitungsmann herum.

»Na los! Haben Sie vor, hier draußen Wurzeln zu schlagen?«

Die Winchester spuckte den Herangaloppierenden Feuerlanzen entgegen. Die Schüsse der Cheyennes fetzten Erdbrocken hoch. Scobey erwischte gerade noch den Sattelknauf des erschreckt kreiselnden Schecken. Der Ruck hob ihm die Füße vom Boden. Geschmeidig landete Scobey im Sattel. Reiten konnte er. Im nächsten Moment war er neben Clay, der nochmals auf die Indianer feuerte und dann nach Westen preschte. Dreihundert Yards weiter und noch immer in Reichweite der Verfolgergewehre bogen sie nordwärts nach Julesburg ab. Scobeys Kehle war trocken. Das Dröhnen der Hufe zog seine Kopfhaut zusammen.

»Tut mir leid, Lorman, aber ich hatte wirklich gedacht ...«

»Denken Sie nicht, ziehen Sie den Kopf ein, Mann!«, schrie Clay ihm zu. Kugeln pfiffen. Clay drehte sich halb auf dem dahinstiebenden Pferd. Die Winchester blitzte an seiner Hüfte.

Mit einer schlenkernden Bewegung, ohne die zweite Hand zu benutzen, hebelte er die nächste Patrone in den Lauf und schoss wieder. Der Mustang des mittleren Verfolgers stieg plötzlich vorne hoch. Im letzten Moment rettete sich der Indianer mit einem Panthersatz vom Rücken des zur Seite stürzenden Tiers. Verbissen jagten die beiden anderen weiter. In dem von den Hufen hochgewirbelten Staub tauchten weitere schemenhafte Reitergestalten hinter ihnen auf.

»Großer Lord!«, krächzte Scobey, der einen gehetzten Blick über die Schulter warf.

Aus den Schemen wurden zehn, fünfzehn, zwanzig Indianer. Sie ritten so weit auseinandergezogen, dass die halbe Prärie von ihnen zu wimmeln schien. Ein karges Lächeln huschte über Clays Gesicht, als er Scobeys erschrockenem Blick begegnete.

»Denken Sie nur, was für 'ne prächtige Story das für Ihre Leser wird, Scobey! Und alles selbst erlebt! Die Leute werden Sie beneiden.«

Scobeys Miene drückte Zweifel aus. Ein Pfeil steckte plötzlich in der Deckenrolle hinter seinem Sattel. Obwohl es nur mehr ein paar hundert Yards zu den Häusern waren, hatte er den Eindruck, dass die Pferde nicht mehr von der Stelle kamen.

Plötzlich blitzte und krachte es auch vor ihnen. Scobey fielen fast vor Schreck die Zügel aus der Hand. Pulverdampf quoll zwischen den Gebäuden hervor. In einem Durchlass stand ein Mann, der mit dem Hut winkte und etwas schrie. Es ging im Donnern der Hufe unter.

Clays Brauner schoss in verblüffendem Endspurt an Scobey vorbei. Es war unglaublich, welche Energie noch in dem struppigen, abgemagerten Tier steckte. Verzweifelt spornte Scobey seinen Schecken hinterher. Die nächste Salve brüllte entlang der Bretterwände und Zäune auf. Da hatte auch Scobey es geschafft. Es kam ihm wie ein Wunder vor.

Männer mit aufgeregt geröteten Gesichtern umringten ihn und Lorman. Eine raue Stimme rief: »Bleibt auf euren Posten, verdammt noch mal! Glaubt nur nicht, wir sind die Kerle los! Sanders, Darlton, Higgins, ihr solltet doch Kisten und Balken herholen! Verflucht, ich kann doch nicht überall sein! Sagt auch drüben bei Jenkins Bescheid! Er soll dafür sorgen, dass auch bei Millers Mietstall und Baxters Store Barrikaden errichtet werden. Steht hier nicht herum und gafft! Bewegt euch! Wollt ihr denn, dass uns die verdammten Rothäute die Stadt an allen vier Ecken anzünden?«

Ein gedrungener, schnauzbärtiger Mann bahnte sich energisch einen Weg durch den Kreis der Gaffer. Mit zornigen Gesten scheuchte er die Männer auseinander. Er war hemdsärmlig. Zwei rostfleckige, schwere Patersoncolts steckten in seinem Hosenbund.

Details

Seiten
130
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939668
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v550023
Schlagworte
cheyenne kutsche

Autor

Zurück

Titel: Die letzte Kutsche nach Cheyenne