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Nonstop durch die Hölle

2020 102 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Nonstop durch die Hölle

Copyright

Prolog

1

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3

4

5

6

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Nonstop durch die Hölle

von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 102 Taschenbuchseiten.

 

Der Gewinn einer Truckerreise in Australien führt Pat O’Neill und Luke Ryland ins berüchtigte Outback. Für Ryland, der eine Bypassoperation aus purer Angst vor sich herschiebt, ist es eine Art letztes Abenteuer, weil er fest davon überzeugt ist, bald sterben zu müssen. Dann werden die beiden Amerikaner jedoch in eine unglaubliche Geschichte verwickelt: jemand hat aus einem Museum wertvolle Artefakte der Aborigine-Kultur gestohlen, und augenscheinlich hat „ihr“ Trucker etwas damit zu tun.

Dieser Roman wird fortgesetzt mit dem Titel 'Der Tod in der Wüste'.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

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Prolog

Lieber Pat,

wir beglückwünschen Dich zum Gewinn unserer Trucking-Erlebnistour entlang dem Stuart Highway von Adelaide bis Darwin. Ausgangspunkt Deiner Reise, an der Du mit einer Begleitperson Deiner Wahl teilnimmst, ist Melbourne. Der Gewinn wurde vorausschauend in den australischen „Winter“ gelegt, um die Strapazen in Grenzen zu halten. Dennoch werden hohe Anforderungen an Kondition und Gesundheit gestellt.

Eine Möglichkeit, sich den Gegenwert der Reise bar auszahlen zu lassen, besteht leider nicht. Bei einer Absage, aus weichem Grund auch immer, wird ein Ersatzgewinner gezogen. Wir bitten um Dein Verständnis und Deine Entscheidung und geben Dir im Anschluss nähere Erläuterungen.

Die AMERICAN TRUCKER MAGAZINE Redaktion

 

1

Die Sonne versank in Abendglut und tauchte die noch junge Skyline Melbournes in rötliche Unschärfe, als die beiden Männer über die Gangway der gelandeten Boeing 747 in das Empfangsgebäude des Flughafens wechselten.

Es war immer noch heiß, die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Aber all die Menschen, die zu den Gepäckbändern oder Zollpassagen eilten, puschten das Mikroklima hinter den Glasfronten in kaum zu bewältigende Bereiche. Überall wurde geschwitzt, geflucht und gehastet. Aggression pur, die Mitleid für das gestresste Bodenpersonal aufkommen ließ.

Die zwei älteren Männer in „Räuberzivil“ hatten bis zuletzt gewartet, ehe sie die Maschine verließen. Darauf hatte der Stämmigere von beiden bestanden. Er hatte ein etwas bulliges, aber durchaus sympathisches Gesicht und versuchte pausenlos, das schneeweiße, für sein Alter noch erstaunlich füllige Haar unter einer alten Schirmmütze zu bändigen. Aber es quoll wie üblich überall an den Rändern hervor. Trotz seiner mindestens 60 Jahre wirkte dieser Mann kraftvoll und dynamisch.

Was man – mit Einschränkung – auch von seinem etwa gleichaltrigen Begleiter behaupten konnte. Dieser vertrat einen äußerlich vollkommen gegensätzlichen Typ. Außerdem schien etwas auf ihm zu lasten, was seine Vitalität dämpfte. Er war sehr schlank, hochgewachsen und hatte ein schmales, nachdenkliches Gesicht, mit dem das silbergraue Haar perfekt harmonierte. Die Blässe seines Teints war ungewohnt für jene, die ihn kannten. Sonst hatte er stets wie jemand gewirkt, der frisch aus einem Urlaub zurückkehrte.

„Du siehst aus wie hingespuckt“, sagte Pat O’Neill deshalb ganz folgerichtig. Er nahm in dieser Hinsicht nie ein Blatt vor den Mund; vielleicht, weil er Luke Ryland seit mehr als 30 Jahren kannte und daraus gewisse „moralische Rechte“ ableitete. Gemeinsam hatten sie die Ryland Trucking Company aus der Taufe gehoben; schon damals in der Aufgabenverteilung, die noch heute charakteristisch war: Ryland vorrangig als Fahrer und Geschäftsführer, Pat als Mechaniker. An der Spitze der RTC stand der Trucker-King auch heute noch, trotz einiger Täler, die das Mammutunternehmen hatte durchschreiten müssen.

Pat bekleidete den verantwortungsvollen Posten des Wagenmeisters und Chefmechanikers. Und beglückwünschte sich täglich beim Blick in den Spiegel, dass er Rylands oftmalige Angebote, ihn zum gleichberechtigten Partner in der RTC zu machen, standhaft abgelehnt hatte. Papierkrieg war nicht seine Sache, und zu Herzen gehende Intrigen, wie in der Geschäftswelt üblich, schon gar nicht!

Wie sehr so etwas ans Herz gehen konnte, dafür war Ryland das wandelnde Beispiel.

„Danke, Freund“, knurrte der Trucker-King. „Ich wusste, warum ich unbedingt mitkommen wollte. Du möbelst so richtig schön auf.“

„Ich habe dich nicht eingeladen, mitzukommen“, sagte Pat.

Ryland stoppte kurz im Schritt, tat, als würde er Ausschau nach jemandem halten, und murmelte dabei trotzig: „Nein, das hast du wahrhaftig nicht.“

Trotz gehörte neuerdings zu seinen beliebtesten Reaktionen.

Pat schüttelte den Kopf. „Du weißt, warum. Du weißt es ganz genau. Wegen dir wird mich Marilyn bis in die Steinzeit verfluchen – von deinen anderen Clan-Angehörigen mal ganz abgesehen! Warum ist der verdammte Boxer nicht mitgeflogen? Damit läge der Schwarze Peter nicht mehr bei mir allein!“

„Der Peter heißt Bob“, sagte Ryland, „und er kam nicht mit, weil ich ihn darum bat.“

„Weiß ich!“, schnaubte Pat. „Weiß ich längst! Ich frage mich nur, ob du noch weißt, was du tust.“

„Ganz genau“, behauptete Ryland gespielt leutselig.

„Warst du deshalb ganz allein am Flughafen? Ohne Verabschiedungskommando? Kein Mensch war dort, auch für mich nicht! Sie meiden mich wie die Pest, und alles nur wegen einem sturen alten Esel wie dir!“

„Das Alt nimmst du zurück!“

Eine Lautsprecherdurchsage gebot ihrer Streitlust Einhalt.

„Mr. Pat O’Neill und Mr. Luke Ryland werden gebeten, sich bei der Passkontrolle einzufinden! Ich wiederhole …“

„Das sind wir“, sagte Ryland. Es war unschwer zu erkennen, dass ihm der Aufruf gerade gelegen kam.

„Wäre ich nie drauf gekommen“, brummte Pat.

Die Schlange an den Durchgängen hatte sich aufgelöst. Ein blondes, ausnehmend hübsches Girl in der schicken Uniform des Security-Dienstes eröffnete ihnen, nachdem sie einen Blick in die Pässe geworfen hatte: „Jemand vom American Trucker Magazine wartet hinter der Zollsperre. Wir wurden gebeten, Ihnen das zu sagen.“

„Toller Service“, lobte Pat. „Sind alle Australierinnen so fix und so“, er grinste verschmitzt, ,,hübsch?“

„Wenn alle Amerikaner so charmant sind wie Sie …“

„Nein.“

„Sehen Sie …“ Das Girl gab ihnen die Pässe zurück und zwinkerte Pat zu.

„Die hatte was“, murmelte Pat, als sie sich bedankt hatten und weitergingen.

„Ja, an den Augen“, lästerte Ryland. Versöhnlicher fügte er hinzu: „Ich hatte fast vergessen, welchen Schlag du beim anderen Geschlecht hast.“

„Armleuchter!“, konterte der Mann, der sich sein Leben lang mehr um Motoren als um Frauen gekümmert hatte.

„Nur nicht so bescheiden.“

Pat schwieg. Sie holten ihre Taschen, in denen sich das befand, was sie für diese spezielle Art von Reise benötigten, ließen eine recht laxe Zollkontrolle über sich ergehen, und dann …

„Kannst du jemanden entdecken?“, fragte Ryland. Sie traten in den für den Publikumsverkehr offenen Bereich hinter den Sperren.

„Nein“, stand Pat. „Niemanden.“

„Wir hätten nicht so trödeln dürfen.“

„Streiten, meinst du wohl.“

Rechts brach plötzlich Tumult aus, und von links näherte sich eine hektisch winkende Lady mit Hund.

Der Tumult interessierte die beiden aus San Antonio, Texas, angereisten Männer zunächst mehr. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, wie viele Männer und Frauen in Polizeiuniform überall patrouillierten. Rechter Hand befanden sich Abfertigungsschalter für Inlandsreisende. Dort wurde Geschrei laut, und dann – ehe sie sich versahen – fielen sogar Schüsse!

Die Folge war ausbrechende Panik unter den Menschen, die sich dort um Tickets für Trips in einen der anderen fünf Bundesstaaten bemühten.

Auch dort, wo Ryland und Pat sich aufhielten, wandten sich Leute, die mit ihnen angekommen waren, fluchtartig den Türen zu.

„Mr. O’Neill, Mr. Ryland?“ Die schrille Stimme klang direkt neben den beiden Trucking-Veteranen auf. Sie erkannten die Lady, die gerade winkend von links herangerauscht war.

„Ich bin Mrs. Palominoe von ATM“, haspelte sie. Ihr süßer kleiner Hund wedelte mit dem Schwanz und bellte sich die Seele aus dem Leib. „Ich weiß auch nicht …“

Weiter kam sie nicht. Den Rest ihrer sicherlich hochwichtigen Eröffnung fetzte ihr der Knall eines Schusses von den Lippen, der in der Tat höllisch nahe bei ihr und den beiden Männern abgefeuert wurde.

„Runter!“, rief Ryland nur noch. Dann lag er selbst schon am Boden.

Pat und die Lady standen noch, und alleiniger Grund war Mrs. Palominoe, die absolut nicht zu klären vermochte, was sie zuerst in die Hand nehmen sollte: ihren kläffenden Hund retten – oder sich.

Pat wurde es schließlich zu bunt. Er packte sie ohne weiteres Federlesens am Handgelenk und riss sie zu Boden. Mrs. Palominoe verfiel in einen schrill sirenenhaften Endlosschrei, der sogar ihren Hund zum Schweigen brachte – den heranrückenden Gangster auf seiner Flucht vor Polizisten aber kaum beeindruckte.

Im Weg stehende Gepäckwagen zwangen ihn zu mehreren Richtungsänderungen, so dass er schließlich fast über die drei am Boden liegenden Menschen trampelte, sie jedenfalls so nah streifte, dass Mrs. Palominoe rudernd die Hundeleine anzog, um ihren vierbeinigen Liebling zu retten.

Genau diese Aktion wurde dem Flüchtenden zum Verhängnis. Er geriet in die Leine, verhedderte sich, fluchte und knallte bretthart auf den Boden. Dabei verlor er den Revolver, der über die glatten Fliesen davonschlitterte.

Ryland und Pat überlegten nicht lange, sondern bändigten den um sich schlagenden, gut dreißig Jahre Jüngeren mit vereinten Kräften. Sekunden später trafen die Verfolger ein.

Statt Dankesworte hagelte es jedoch Vorwürfe, vor allem in Richtung Mrs. Palominoe „Verdammt, Lady, er hätte Sie alle umbringen können!“

Das wiederum wollte Pat so nicht stehen lassen.

Mit hochrotem Kopf legte er sich mit dem Polizisten an. „Wie zu Hause“, schnaubte er, während er Mrs. Palominoe beim Aufstehen und Entwirren ihrer Hundeleine half. „Wenn alles vorbei ist, kommen die Herren Schlauberger aus ihren Hasenhöhlen!“

„Bitte?“

„Nichts“, wiegelte Ryland besonnen ab. Aber Pat hatte sich bereits beruhigt und hielt Ausschau nach einem neuen Opfer für „Samaritertaten“. Er machte es in Ryland aus und griff ihm beinahe noch mehr unter die Arme als Mrs. Palominoe, die vermutlich Lynchjustiz begangen hätte, wenn ihrem Hündchen etwas passiert wäre.

„Ich hatte ganz vergessen …“, murmelte Pat, bis dem Trucker-King der Kragen platzte.

„Aufhören!“ Er streifte die Pranke des Freundes einfach ab. „Schieb nicht wieder alles auf mein angegriffenes Herz, und dass mich jede Aufregung umbringen kann! Damit kannst du vielleicht Marilyn beeindrucken – aber wir beide sind nicht verheiratet!“

„Nicht einmal miteinander. Glücklicherweise“, bekräftigte Pat halb schmollend, halb fasziniert von der Lady mit dem Hund. „Sie sind unser Empfangskommando?“

„Wen haben Sie erwartet?“, gab ihm Mrs. Palominoe schnippisch Kontra. „Crocodile Dundee?“

Pat schluckte.

„Haben Sie einen Waffenschein?“, warf Ryland ein.

„Warum?“, fragte sie perplex.

„Er meint für das Mundwerk“, griente Pat. „Natürlich auch für den temperamentvollen Kläffer.“

Mrs. Palominoe stemmte die Fäuste in die Seite – dass sie den Hund mittlerweile schützend in die Armbeuge gepackt hatte, störte dabei nicht – und schien unschlüssig, ob sie den beiden Männern den Krieg erklären oder das Ganze mit Humor nehmen sollte.

Sie entschied sich für ein kollerndes Lachen, das klang, als käme gerade ein Geröllhang herunter.

„Der Kläffer heißt Billy the Kid“, sagte sie, nachdem sie sich beruhigt und die Faust zur Hand geöffnet hatte. Einem herzhaften Shakehands folgte die Bemerkung: „Stürmischer Auftakt, right? Da kommt ihr Tausende Meilen herüber ins ehemalige Kittchen der britischen Krone, und was passiert: Ihr werdet fast abgemurkst, noch ehe ihr mehr als ein bisschen Flughafenluft geschnuppert habt!“

Ryland betrachtete die hiesige Repräsentantin des Trucker Magazines jetzt genauer.

Mrs. Palominoes Alter war so schwer zu schätzen wie die Originalfarbe ihrer toupierten, kupferglänzenden Haarpracht. Aber man beging wahrscheinlich keinen krassen Fehler, wenn man sie nicht jünger als fünfzig machte. Ihre Figur hätte einen Rubens inspiriert. Farbenprächtige, weit wallende Stoffe, die sie nach Art indischer Gewänder einfach überlappen ließ, spiegelten dabei offenkundig etwas von ihrem seelischen Befinden wider, denn sie war – und das hatte sich schon nach kurzem Wortwechsel herausgestellt – eine höchst gewitzte und sympathische Erscheinung.

Sie leitete die beiden Ankömmlinge nach draußen zu den Parkplätzen, wo ein VW Käfer Cabriolet älteren Baujahrs stand. Das Verdeck war offen.

„Gut, dass Sie nicht mehr Gepäck haben“, sagte Mrs. Palominoe und öffnete die Fahrertür, die nicht verschlossen war. Billy the Kid sprang auf den Sitz und zwängte sich durch den Spalt auf die Rückbank. Als Ryland wenig später folgte, knurrte der kleine Terrier, als müsste er im Polster vergrabene Knochen verteidigen.

Pat nahm vorne Platz, gleich neben der resoluten, rothaarigen Lady.

„Sie werden müde sein“, sagte Mrs. Palominoe. „Ich fahre Sie erst einmal ins Hotel. Bei einem Begrüßungscocktail besprechen wir, wie es morgen weitergeht. Der Rest des Abends steht zu Ihrer freien Verfügung.“

„Der Rest des Abends reicht gerade, um die Nacht etwas zu verlängern“, äußerte Ryland durch das Hundeknurren hindurch. Und fügte hinzu: „Beachtlich!“

„Was ist beachtlich?“

„Dass Sie es wagen, noch mit offenem Verdeck herumzukurven. Ich meine, wegen des Ozonlochs. In den Staaten hört man Horrorgeschichten über die Hautkrebsrate der Australier. In irgendeinem Magazin sah ich Bilder von Leuten in einer Art Astronautenanzug und zusätzlich drei Zentimeter dicker Sunblocker-Creme auf der Nase…“

„Beiß ihn, Kid!“, rief Mrs. Palominoe in komischer Empörung. Der Hund schien diesen Aufruf durchaus befolgen zu wollen – bis ihr kollerndes Lachen ihn wieder ruhigstellte. „War nur Spaß“, sagte sie. „Sie gefallen mir.“ Ein Seitenblick streifte Pat. „Beide.“

Mit schlafwandlerischer Sicherheit lotste sie den Wagen vom Parkplatz in die Innenstadt der Millionenmetropole. Sie überquerten den Yarra River, der die Stadt teilte, und gelangten an der berühmten Flinters Street Station vorbei in ein östlich gelegenes Viertel, nahe Treasury Gardens, wo alles etwas gediegener und weniger hektisch zuging.

Die Unterkunft heißt Eastens Cross Hotel.

„Ein Doppelzimmer ist auf Mr. O’Neills Namen reserviert …“

„Pat“, sagte Pat.

„Auf Pats Namen reserviert“, sagte sie. „Ich heiße übrigens Glory.“ Sie blickte zu Ryland.

„Luke“, sagte er.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Morgen nach dem Frühstück hole ich Sie hier ab und bringe Sie nach Sunbury, wo die Tour beginnt“, sagte sie und kramte einen Umschlag aus dem Handschuhfach. „Hier drin stehen ein paar Details, die Ihnen noch nicht bekannt sein dürften. Schließlich wollten wir ja nicht alles im Vorfeld verraten.“

Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, was Billy the Kid zu einer neuerlichen Demonstration seiner Kläffkünste verführte. „Beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen.“ Sie griff abermals ins Handschuhfach und nahm mehrere zusammengerollte Papiere heraus, die sie Pat und Ryland mit gezücktem Kugelschreiber reichte.

„Was ist das?“, fragte das irische Original misstrauisch.

„Eine Verzichtserklärung“, verriet Ryland, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte die Bögen bereits studiert. „Für jeden von uns. Offenbar hat man sich Gedanken gemacht, als man unsere Geburtsdaten las.“

„Unsinn!“, protestierte Glory Palominoe. „Eine reine Formalität. Ohne diese Unterschriften könnte das Magazin gleich dichtmachen, falls einem der Gewinner auf der Reise etwas zustößt. Die Unterschriften sind nötig für die Versicherung, die für den Fall eines Falles abgeschlossen wurde. Sie …“

„Schon gut“, unterbrach Ryland sie lächelnd. Er hatte längst unterschrieben, ohne sich das Kleingedruckte überhaupt durchzulesen.

Pat machte wesentlich mehr Aufstand. Auch die Blicke, mit denen er seinen Freund bedachte, hatten es in sich.

Schließlich war aber auch diese Hürde genommen.

Glory Palominoe und Billy the Kid entfernten sich unter ein paar stimmungsvollen Fehlzündungen aus dem Auspuff ihres Vehikels – und das Duo der Gewinner bezog Nachtquartier in dem Mittelklassehotel.

„Wenn du wirklich vorhast, hier den Löffel abzugeben“, knurrte Pat zwischendurch, so dass nur Ryland und ein leicht geschockter Portier ihn hören konnte, „rede ich kein Wort mehr mit dir!“

Dieser Schwur klang wie eine Mischung aus Ernst und Veralberung. Aber der Tonfall ließ erahnen, dass der verdammte Ernst bei Weitem überwog.

 

 

2

„Draußen wartet eine Delegation, Sir“, sagte die Sekretärin des Polizeichefs von Melbourne. Sie strich sich nervös über das figurbetonte Kostüm. Ihr Blick verriet deutlicher als viele Worte, dass etwas nicht stimmte.

„Was für eine Delegation?“, schnarrte Floyd Breeze. Er war erst 45, hatte aber noch nie Augen für die eindrucksvollen Flirt-Versuche seiner attraktiven Sekretärin gehabt, obwohl diese sich jede erdenkliche Mühe gab. Breeze hätte es sich leisten können, mit ihr ins Bett zu hüpfen; er war Junggeselle. Aber er bevorzugte – was sie nicht wissen konnte – das gleiche Geschlecht. „Haben Sie mir einen Termin unterschlagen?“

„Die Leute haben keinen Termin“, erfuhr er. „Es sind Aborigines!“

Darüber dachte er eine Weile nach. Schließlich verzog er missmutig das Gesicht und schnarrte: „Meinetwegen. Ich lasse bitten. Aber bleiben Sie hier, damit ich eine Zeugin habe, falls man mich später auf Versprechen festnageln will, die ich nie gegeben habe. Lassen Sie ein Band mitlaufen!“

„Ist das nicht etwas übertrieben? Sie wissen doch noch gar nicht …“

„Doch!“, unterbrach Breeze. „Ich weiß. Und jetzt machen Sie schon!“

Kurz darauf trat eine dreiköpfige Delegation in sein Büro. Das Alter der Besucher ging quer durch alle Generationen – vom Methusalem bis hinunter zum Jungspund, der noch gar nicht richtig trocken hinter den Ohren sein konnte, aber allen war eines zu eigen: Sie passten nicht in die Kleider, in die sie sich gezwängt hatten.

Es liegt nicht an den Klamotten, dachte Breeze kalt, sondern an ihnen. Sie sehen aus wie Witzfiguren.

Er mochte sie nicht, keinen von ihnen, aber damit ging er nicht hausieren. Die Zeiten waren komplizierter geworden. Heutzutage durfte man denen, die man stets als Non-People, als Unpersonen bezeichnet und denen man vor 200 Jahren das Land abgeluchst hatte, nicht mehr einfach in die Hintern treten – man musste ihnen zuhören, wenn sie mit ihren Problemen ankamen. Zumindest musste man so tun, als würde man zuhören und sie ernst nehmen …

Breeze stieß einen tiefen Seufzer aus.

Nach der Begrüßung sagte der weißhaarige Uralte mit der Einsteinfrisur: „Was werden Sie unternehmen? Was haben Sie unternommen?“

Breeze versuchte seine Überraschung zu verbergen. Er hatte erwartet, dass der alte Mann vor ihm irgendein unverständliches Kauderwelsch von sich geben und vielleicht der Jüngste, der eine Schule besucht hatte, übersetzen würde. Dass dieser Methusalem fließendes und beinahe akzentfreies Englisch sprach, irritierte ihn sichtlich.

„Es wurde alles getan …“, flüchtete er sich in eine Phrase.

„Sie haben einen Mann festgenommen“, sagte der Aborigine mittleren Alters, der eine Aktentasche unter der Armbeuge geklemmt hielt. Die Plätze, die Breeze ihnen angeboten hatte, nahmen sie nicht in Anspruch. Sie hatten sich vor seinem Schreibtisch aufgereiht. Hinter ihnen stand die Sekretärin des Polizeichefs in etwas hilfloser Haltung und bombardierte Breeze mit fragenden Blicken.

„Das stimmt“, räumte Breeze auf die Frage hin ein, die eigentlich eine Feststellung war.

„Steht er in Zusammenhang mit dem Einbruch?“, fragte der Jüngste der drei.

Sie schienen sich abzuwechseln. Breeze musste von einem zum anderen blicken. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es zu ihrer Taktik gehörte. Das verunsicherte ihn noch stärker, da er einem Aborigine kein strategisches Denken zubilligte.

„Das wissen wir noch nicht“, sagte er. „Es wird gerade untersucht.“

„Fand man Spuren der Beute?“

„Nein, keine.“

Wieder ergriff der weißhaarige Alte das Wort. „Ich habe das Gefühl“, sagte er, „dass Sie sich – wie alle Weißen – keine Vorstellung davon machen, was geschehen ist.“

„Ich …“ Breeze wollte etwas einwenden, aber die greise Hand brachte ihn zum Schweigen.

„In den Zeitungen finden sich, falls überhaupt, lediglich kleine Randnotizen über den Einbruch! Dabei ist die Rede von ein paar entwendeten Skulpturen und etwas Goldschmuck. Wenn Sie wüssten, wie arrogant und verniedlichend das klingt!“

Seine Begleiter wirkten beruhigend auf ihn ein, und er fuhr gemäßigter fort: „Das Gold interessiert vermutlich nur diejenigen, die die Meldung ein paar Zeilen wert fanden.“

„Sie nicht?“, fragte Breeze zweifelnd.

„Nein. Uns interessiert das, was noch gestohlen wurde und nicht einmal Erwähnung fand.“

„Was sollte das sein?“

„Wondjinas“, sagte der alte Mann.

„Wondj …?“

„Für Sie wäre es nur ein Stein, eine große, etwa drei Zentner schwere Felsplatte. Sie vor allen Dingen wurde bei dem Einbruch entwendet, und niemand, der nicht um ihre Bewandtnis weiß, hätte sich diese Mühe aufgebürdet! Der Einbruch muss von einem perversen Weißen begangen worden sein. Ein Aborigine würde so etwas nie tun!“

Breeze zog ein Papier von ganz unten aus dem Stapel seiner täglichen Post. Es war die Liste der Dinge, die aus dem Museum gestohlen worden waren. Das gesuchte Wort stand ganz zuoberst, aber er hatte es vorher nicht beachtet, weil nicht verstanden.

„Von welcher Bewandtnis sprechen Sie?“, fragte er rau.

„Das können wir Ihnen nicht begreiflich machen“, griff der Mittlere ein. „Sagen wir einfach, dass es ein Heiligtum ist – ein religiöses Symbol, wenn Sie das besser verstehen. Für unser Volk bedeutet es einen unersetzlichen Verlust. Es war lediglich eine Leihgabe an das Museum, um bei Besuchern, die offenen Herzens und Sinnes sind, mehr Verständnis für unsere Kultur zu wecken. Wenn wir je geahnt hätten, dass …“

Breeze nickte und verlegte sich auf geheucheltes Verständnis. „Machen Sie sich keine Gedanken. Drei Zentner und ein Durchmesser von fast drei Metern. Damit kommt niemand aus der Stadt. Natürlich haben wir sofort Vorkehrungen getroffen. Die Verhaftung auf dem Flugplatz ist ein erster kleiner Erfolg. Sie werden sehen …“

„Bitte, bemühen Sie sich wirklich“, sagte der alte Mann. „Wir betteln nicht um unsere Rechte – wir fordern sie ein!“

„Sie können sich auf uns verlassen“, sagte er und spürte etwas in sich hochsteigen, das er im ersten Moment als besonders aufdringliches Sodbrennen missdeutete.

In Wahrheit war es einfach Ausdruck seiner innersten, anerzogenen Abneigung.

 

 

3

Ryland ließ nicht mit sich reden.

Kopfschütteln gehörte mittlerweile zu Pats Standardrepertoire. Er konnte nur noch den Kopf schütteln, wenn er der Argumentation des Trucker-Kings zu folgen versuchte.

„Ein letztes großes Abenteuer?“, echote er am Frühstückstisch des Hotels. Es war der erste Morgen nach ihrer Ankunft. „Du redest Mist! Ganz großen Mist! Zu Hause sitzt Marilyn und heult sich die Augen aus dem Kopf, weil du so ein Ausbund an Unvernunft bist – das sage ich dir! Du hättest bei ihr bleiben und dem Rat deiner Freunde folgen sollen. Dazu hätte mehr Mut gehört, und du hättest auch dein Abenteuer gehabt. Aber mit einer reellen Chance am Schluss!“

„Hättest du an dir ’rumschnipseln lassen?“

Diese Frage brachte Pat kurz aus dem Takt. Als er endlich Luft holte und an dem Frühstücksbrocken in seinem Mund vorbei „Natürlich!“ sagte, wirkte es nicht mehr glaubwürdig.

Ryland grinste säuerlich. „Jeder versucht mir einzureden, dass eine Bypassoperation heutzutage ein Klacks ist – aber hast du dir mal die Statistiken angesehen? Ich ja. Eine Menge Leute gehen dabei hops, das kann ich dir flüstern.“

„Hier gehst du garantiert hops“, gab Pat knurrig zurück. „Und ich darf dann deinen Leichnam mit nach Hause bringen. Heißen Dank für diesen letzten Freundschaftsdienst!“

„Bedanken muss ich mich.“

Pat winkte barsch ab. Dass er nicht Teile seines Frühstücks gegen Ryland schleuderte, lag nur an seiner guten Erziehung und daran, dass er wusste, wie schlecht er zielen konnte. Unschuldige wollte er nicht treffen.

„Nein, ernsthaft“, sagte Ryland in einem Ton, der Pat Krämpfe verursachte. „Du bist ein echter Freund, dass du mich mitgenommen hast.“

„Andere sehen das verteufelt anders!“, knurrte Pat. „Du hast genug Geld, um dich ins Jenseits zu befördern, ohne mich als Sündenbock zurückzulassen. Warum, zur Hölle, musste das unbedingt sein?“

Ryland blickte ihn eine Weile schweigend an. Er hatte kaum etwas gegessen, nur jede Menge Kaffee in sich hineingeschüttet. Er tat alles, was ihm die Ärzte verboten hatten, und er sah schlecht dabei aus.

„Verstehst du es wirklich nicht?“, fragte er schließlich.

Pat, der auf seine Weise ebenso stur sein konnte, schüttelte zum 72. Mal an diesem Morgen den Kopf. „No!“

„Gut.“ Ryland nickte. „Dann hör mir jetzt mal gut – hör mir sehr gut zu, denn ich sage es nur einmal und dann nie wieder. Und ich bitte dich, es niemandem sonst zu erzählen.“

„Wem denn auch?“, warf Pat belegt ein. Er hatte das sichere Gefühl, dass er das, was sein Freund ihm zu sagen hatte, gar nicht – und vor allem jetzt nicht – hören wollte. „Einem Wombat?“

Es half nichts. Ryland ließ sich nicht mehr von seinem Entschluss abbringen.

„Ich wollte nicht in irgendeinem Krankenhaus sterben“, sagte er. „Und ich wollte nicht sterben, ohne noch einmal ein bisschen von dem zu schnuppern, was uns über Jahrzehnte begleitet, was uns beide miteinander verbunden und groß gemacht hat.“

„Marilyn …“, setzte Pat fast hilflos an.

„Marilyn hat damit nichts zu tun. Es geht nur uns an, Freund. Ich liebe Marilyn. Sie gab mir nach Deannas Tod Kraft und all das, was ein Mann sich in den Armen einer Frau nur erträumen kann … Aber in der Lage, in der ich mich befinde, erdrückt sie mich mit ihrer Liebe, mit ihrer Zuneigung und all den guten Absichten. Sie würde es nicht verstehen, dass ich noch einmal mit dir etwas erleben will wie zu Zeiten unseres gemeinsamen Aufbaus. Vielleicht würde sie sogar eifersüchtig. Auf jeden Fall würde sie es nicht akzeptieren, dass ich nicht wenigstens den Versuch mache, mir helfen zu lassen. Was sie nicht begreift: Wenn es schiefgeht, werde ich keine Möglichkeit mehr haben, meinen Traum zu erfüllen, Pat! Wenn es schiefginge, wäre ich gestorben, ohne es noch einmal versucht zu haben … Ein paar Wochen mit dir allein durch die Weite eines Landes, das wir beide noch nicht kennen … Glaub mir, der Gewinn war ein Wink des Schicksals!“

Pat schwieg betroffen.

„Verstehst du mich jetzt?“, fragte Ryland.

Pat blieb stumm. Er hätte ihm aufzählen können, dass er immer noch anderer Meinung war und fand, dass sein Freund sein Leben leichtfertig wegwarf. Aber plötzlich hatte er dazu nicht mehr die Kraft. Seine Zunge war wie gelähmt.

Ryland starrte ihn eine Weile erwartungsvoll an, und das alte Feuer glomm in seinen Augen. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper, und er nahm sich selbst wieder zurück. Die restliche Zeit, bis sie mit dem Frühstück fertig waren, schnitten sie das Thema nicht mehr an.

Bald darauf kreuzte Glory Palominoe auf und holte sie ab.

Ryland vermisste ihren Hund, als er das Cabriolet bestieg.

„Billy the Kid? Ich habe ihn in die Obhut einer Freundin gegeben. Er würde nur stören. Ich kann nicht wochenlang auf zwei Mannsbilder und ihn aufpassen!“, lautete die Erwiderung der ATM-Reporterin.

Die Fahrt nach Sunbury wurde von ihr genutzt, um ihre Begleiter auf das Kommende einzustimmen.

„Ihr wisst, dass das Trucker Magazine ein eigenes Interesse mit der Gewinnvergabe verknüpft“, palaverte sie munter. „Ich bin dafür da, schöne Bilder und ein paar interessante Zeilen darüber zu verfassen, was die Gewinner des Preisausschreibens alles auf ihrer ungestellten Fahrt von Süd nach Nord erleben. Ihr beide habt eingewilligt, einen Monster-Truck quasi als Shotguns von Sunbury über Adelaide bis hinauf nach Darwin, in den äußersten Norden des Kontinents, zu begleiten. Der entsprechende Trucker wurde von uns zu diesem Zweck schon vor Monaten ausgewählt. Als Gegenleistung für seine Bereitschaft mitzuspielen, haben wir ihn mit wechselnden Frachten über die gesamte Distanz von rund 2000 Meilen versorgt – einschließlich der Rückfahrt, an der ihr nicht mehr teilnehmt. Euer Flug zurück in die Staaten geht nach Abschluss der Tour von Darwin aus.“

Pat und Ryland hatten sich das längst Bekannte noch einmal angehört.

„Es ist legitim“, sagte Pat nun, „dass auch das ATM etwas von der Sache haben will. Wir hätten ja ablehnen können, wenn uns die Bedingungen nicht gepasst hätten. Aber was sollten wir gegen solch bezaubernde Gesellschaft haben?“

„Ihr kennt Dan Biggers doch noch gar nicht“, sagte Glory Palominoe.

Aber sie lernten ihn wenig später auf dem Frachthof von Sunbury kennen.

Den Beweis, dass er auch bezaubernd sein konnte, blieb er einstweilen schuldig. Die erste Begegnung fand nicht gerade unter einem guten Stern statt.

 

 

4

„Ich schmeiß den Kram hin!“, polterte der Kerl in Jeans, Unterhemd und Cowboystiefeln. Dabei ballte er die Faust in der Manier eines Mannes, der schon viele Boxerfilme gesehen, aber noch nie selbst im Ring gestanden hatte. Mit wild funkelnden Augen und verkniffener Miene postierte er sich vor dem Angestellten des Frachthofes. Mindestens drei Tage alte Stoppeln wucherten in seinem sonnengegerbten Gesicht. Die Schirmmütze, die ihn Pat sogleich sympathisch machte, klaubte er gerade vom Kopf und schlug ein paarmal leidenschaftlich damit gegen den eigenen Schenkel.

„Sie waren einverstanden …“, wagte der ältere, kurzsichtige Mann, der in hochgekrempeltem Hemd und Weste vor ihm stand und eine zwingende Haltung einzunehmen versuchte, entgegenzusetzen. Seine Brille beschlug jedoch vor Aufregung von innen, und das entging seinem Gegenüber nicht. Jetzt meinte er sogar, noch stärker auftrumpfen zu können.

„Sag der Lady, wenn sie auftaucht, dass …“

„Die Lady ist da – sag’s ihr selbst!“ Glory Palominoe hatte sich in Begleitung der beiden Texaner genähert und nun sehr bestimmt in den Disput eingegriffen.

Der Mann wirbelte herum.

Der Frachtagent atmete tief durch und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn.

„Dass Sie es wagen …“

„Dass ich was wage, Dan Biggers?“, fragte die ATM-Reporterin unbeeindruckt. Ihr farbenprächtiges Outfit vom Vortag hatte sie gegen eine rein zweckmäßige Jeanskluft eingetauscht. An ihren Stiefeln rasselten silberne Ziersporen.

Wenn sie jetzt noch mit einer Peitsche knallen würde, dachte Pat, der sich mit Ryland bewusst zurückhielt, wäre das Bild perfekt. Was für ein Weib!

„Mir noch unter die Augen zu kommen!“

„Warum nicht?“

„Weil ich mich von anderen nicht zum Narren machen lasse!“

„Das erledigen Sie lieber selbst, verstehe“, nickte Glory Palominoe.

Die Zornesader auf der Stirn des Mannes schwoll noch mehr an. Er fühlte sich, zu Recht, nicht ernst genommen.

„Lady, ich rate Ihnen …“

„Ich rate Ihnen, den Hintern auf den Bock zu schwingen und sich zu besinnen, Meister! Es sei denn, Sie sind Millionär und können sich den gewaschenen Schadensersatz leisten, den unsere Juristen Ihnen aufbrummen werden, wenn Sie so kurzfristig abspringen wollen – oder Sie haben einen triftigen Grund für diesen Rabbatz!“

„Was würden Sie als triftigen Grund anerkennen?“, fragte Dan Biggers nach kurzem Schweigen.

„Lassen Sie einfach mal hören.“

Er schob die Unterlippe nach vorn und sagte leise: „Tampons.“

„Bitte?“

„Tampons!“, keuchte er. „Ich mache mich doch nicht lächerlich, indem ich eine Riesenladung Tampons bis Port Augusta fahre. Das war nicht verabredet – ich kenne meine Rechte!“

Pat, der nachempfinden konnte, was Dan Biggers mit „lächerlich“ meinte, trat vor und versuchte zu schlichten.

„Er hat Angst, dass ihn die Kollegen zehn Jahre lang hochnehmen, wenn sie davon erfahren. Das wird hier nicht anders sein als bei uns in den Staaten“, wandte er sich an Glory Palominoe.

Die ATM-Reporterin schien nicht kompromissbereit.

„Was will denn der Alte?“, suchte sich Biggers folgerichtig eine neue Zielscheibe seines Frustes.

Pat blieb der Mund offen.

Ryland konnte nicht anders, als sich auch einzumischen. „Hören Sie auf, hier den Rundumschlag zu proben. Reden wir vernünftig miteinander. Das sind doch Kindereien!“

Biggers’ Augen ruckten in seine Richtung und wechselten zwischen Ryland, Pat und der Reporterin hin und her, ehe er entnervt äußerte: „Was soll das werden? Wer sind die Typen?“

„Ihre Begleiter“, sagte Glory Palominoe seelenruhig. „Diejenigen, die unsere Ausschreibung gewonnen haben.“

Eine Weile blieb Dan Biggers stumm. Es sah schon aus, als wollte er sich besinnen, aber dann brach es nur um so mächtiger aus ihm heraus. Er tippte sich an die Stirn und zeigte der ganzen Welt den Vogel. „Ich glaub’, ich spinne … Ein Altersheim! Erst die Tampons, und jetzt das! Ich soll einen Ausflug mit dem Altersheim machen? Nicht zu fassen!“

Pat schwoll endgültig der Kamm. Er trat vor, baute sich vor Biggers auf, stemmte die Fäuste in die Hüften und blaffte irisch starrköpfig: „Lass es uns auskämpfen – wir werden sehen, wer von uns beiden der Tattergreis ist!“

Dan Biggers lachte.

Niemand lachte mit. Nicht einmal der Angestellte des Frachthofes, der alles aus sicherer Distanz mitverfolgte.

Ryland lächelte zwar, aber er belächelte allenfalls Biggers, nicht seinen Freund und Partner. Der Glanz seiner Augen ließ ahnen, dass er sich selbst auch nicht als Greis fühlte und denselben Schritt wie Pat getan hätte, wenn ihm dieser nicht zuvorgekommen wäre.

Glory Palominoe, die zunächst hatte eingreifen wollen, unterließ es, nachdem sie in Pats entschlossenes Gesicht geblickt hatte.

„Lachhaft!“, stieß Biggers hervor, nachdem er selbst aufgehört hatte zu lachen. „Ich vergreife mich nicht an einem Oldie wie dir!“

Pat zuckte gleichmütig die Schultern. „Dann werde ich anfangen.“

Biggers wandte sich auf der Suche nach Unterstützung an die anderen. „Haltet den Verrückten auf!“

„Können wir jetzt starten?“, fragte Glory Palominoe.

„Ich mit den beiden Klappergerüsten?“ Biggers schüttelte den Kopf – nun bereits mehr aus Unglauben über sich selbst.

„Können wir?“, wiederholte die Reporterin.

Dan Biggers blickte zur Seite und stülpte die Schirmmütze über sein Haar. Fluchend bewegte er sich auf sein Truckgespann zu, riss dabei dem bereitstehenden Frachtagenten die Papiere aus der Hand und brummte dabei unaufhörlich: „Tampons und Tattergreise … Ich werd nicht mehr! Tampons!“

„Alles in Ordnung“, wandte sich Glory Palominoe an Pat und Ryland. Der bewundernde Blick für Pat ging dem alten Haudegen runter wie guter irischer Whisky. „Eine nähere Vorstellung entfällt. Es geht gleich los.“

 

 

5

Chris Cordray war 30 Jahre alt, blond, hager und gebürtiger Australier. Er war auf einer kleinen Schafranch im Outback zur Welt gekommen, hatte sich aber von dort schon im zarten Alter von 15 Jahren wortwörtlich „aus dem Staub gemacht“ und war in die Großstadt gezogen. Ein entfernter Verwandter hatte ihm dort eine Stelle in einem Kaufhaus und ein Zimmer vermittelt. Die Familie war beruhigt gewesen – und er weitab vom Schuss.

Die schlechte Gesellschaft, in die er geraten war, hatte ihm viel Spaß verschafft. Mit siebzehn hatte er seine erste dreimonatige Jugendstrafe wegen Diebstahls – ausgerechnet in dem Kaufhaus, in dem er jobbte – antreten müssen. Ohne Bewährung, weil er vor den Schranken des Gerichts das Blaue vom Himmel heruntergelogen und keine Spur von Reue gezeigt hatte.

Nach dieser Haftzeit hätte ihn sein Vater vermutlich auf die elterliche Ranch unter seine und die Fittiche seiner drei Brüder zurückgeholt, ihn grün und blau geprügelt und ihm auf diese Weise, wenn auch verspätet, doch noch etwas vom Geist der Cordrays eingebläut – aber da war er schon volljährig gewesen, und sein einziger Gruß an die lauteren Absichten seines Dads war ein himmelwärts gespreizter Mittelfinger gewesen. Der Anfang vom Ende. Die Familie hatte ihn fallenlassen wie eine brühheiße Kartoffel. Chris Cordray hatte es endgültig geschafft, wie er meinte.

Seine weitere „Karriere“ las sich wie der Auszug aus einem Who is who für Diebstahlsdelikte. In den letzten Jahren hatte er sich, nachdem er zufällig Kontakte zu skrupellosen Kunsthehlern im Nordterritorium bekam, auf Artefakte der Aborigines spezialisiert. „Relikte aus der Traumzeit“, wie er es spöttisch in Anspielung auf den mystischen Glauben der Ureinwohner formulierte.

Ein waschechter Aborigine schwor auch heute noch Stein und Bein, dass einst, in der „Traumzeit“, Schöpferwesen auf die Erde kamen, um Landschaften, Naturphänomene und alles Leben in einem miteinander verflochtenen Ganzen zu schaffen. Nachdem sie ihr Werk vollendet hatten, zogen sie sich in die Berge, Flüsse, Höhlen oder Wasserlöcher zurück. Diese verehrten die Ureinwohner auch heute noch als Heilige Plätze, weil ihnen angeblich die ursprüngliche Schöpfungskraft innewohnte. Jeder Aborigine war von seinen Urahnen in die Pflicht genommen, das Schöpfungswerk zu schützen und zu bewahren, wo immer er ihm begegnete.

Da er in diesen Plan integriert ist, dachte Chris Cordray hämisch, begegnet er ihm überall. Aber überall können die paar armseligen, noch lebenden Aborigines gar nicht sein.

Cordray hatte nicht einmal vor seiner eigenen Religion Respekt, und er war – falls das aus der vorangegangenen Beschreibung noch nicht zweifelsfrei hervorgegangen ist – nun mal ein ganz großes Arschloch.

Daran führte kein Weg vorbei.

Leider auch nicht daran, dass er 24 Stunden nach seiner Verhaftung auf dem Flughafen schon wieder gegen Kaution auf freiem Fuß war. Sie hatten zwar vermuten, aber nicht beweisen können, dass er an dem Coup im Melbourner Aborigine-Museum beteiligt gewesen war. Dass er mit einer Schreckschusspistole herumgeballert hatte, schob sein gewiefter Rechtsverdreher auf den starken psychischen Druck, der von dem gewaltigen Polizeiaufgebot auf seinen einschlägig vorgeprägten Klienten ausgeübt worden war. Er, Cordray, habe in einer Stresssituation zur Waffe gegriffen, die er eigentlich nur zum eigenen Schutz mitgeführt habe. Er habe auch nicht vorgehabt, sie ins Flugzeug nach Darwin, wo er ein paar Tage Urlaub machen wollte, einzuschmuggeln – zumal das bei den hervorragenden Sicherheitskontrollen gar nicht möglich gewesen wäre (Cordray musste jetzt noch grinsen). Die Pistole habe er in einem Schließfach zurücklassen wollen – aber dann sei eben diese überfallartige Personenkontrolle gekommen.

Blablabla.

Details

Seiten
102
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939651
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v550021
Schlagworte
hölle nonstop

Autor

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Titel: Nonstop durch die Hölle