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Das Zeitalter des Kometen #19: Lennox auf dem Gipfel der Welt

2020 140 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lennox auf dem Gipfel der Welt

Copyright

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Lennox auf dem Gipfel der Welt

Das Zeitalter des Kometen #19

von Jo Zybell

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

Eine kosmische Katastrophe hat die Erde heimgesucht. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war. Die Überlebenden müssen um ihre Existenz kämpfen, bizarre Geschöpfe sind durch die Launen der Evolution entstanden oder von den Sternen gekommen, und das dunkle Zeitalter hat begonnen.

In dieser finsteren Zukunft bricht Timothy Lennox zu einer Odyssee auf …

Professor Jacob Blythe, ein Wissenschaftler aus der Vergangenheit, ist Mitglied einer Expedition unter Lynne Crow. Doch die bunt gemischte Truppe entspricht so gar nicht seinem übersteigerten Selbstverständnis. Ein heller Lichtstrahl weckt die Aufmerksamkeit des Kommandos, und plötzlich verändert sich das Denken, Glücksgefühle und der Hunger nach ungehemmten Sex überwältigen fast alle. Eine Siedlung unter dem Meer scheint der Ausgangspunkt der seltsamen Gefühle zu sein.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Ludger Otten

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

25. März 2518

Schneeflocken rauschten aus dem Himmel, als wären sie nasse Wattebäusche. Motoren brüllten durch den Wald. Die Panzerkolonne pflügte hangabwärts. Zwei Nixon-Tauchpanzer an der Spitze, zwei wahre Ungetüme von Transportpanzern voller Menschen hinter ihnen, und als Nachhut noch einmal zwei Nixon-Tauchpanzer. Ketten rasselten und wirbelten Schneematsch, Dreck, altes Laub und morsches Gehölz auf.

Die Schneedecke unter dem zweiten Transportpanzer riss auf wie brüchiges Linnen. Darunter tobte und schäumte ein Gebirgsfluss. Das Heck des Panzers senkte sich und tauchte in die reißenden Fluten. Fünf, sechs Männer rutschten aus dem Mannschaftsraum. Als wären sie Bruchholz drehten sie sich in den Wasserwirbeln, bevor sie unter dem Eis verschwanden.

»Gewöhnt euch daran«, sagte Professor Dr. Jacob Blythe.

Er stand am Heck des ersten Transporters. Die Kolonne stand längst still. Hinter ihm drängten sich fünfzehn meist bärtige und langmähnige Männer in Pelzmänteln oder Wildlederjacken. Alle wollten sie einen Blick auf den gefährlich schräg im Steilbett des Flusses hängenden Mannschaftspanzers erhaschen.

Rechts und links des Professors lehnten sich zwei auffallend dürre und besonders verwilderte Gestalten über das Heckgeländer: Phobos und Daimos. Wie sie wirklich hießen, wusste Blythe nicht. Aus einer Laune heraus hatte er sie so getauft: Phobos und Daimos. Er nannte sie seine »Jünger«. Und seit einigen Tagen auch hin und wieder »meine Leibgarde«.

Daimos betete zu irgendeinem seiner Götter. Ein Dankgebet, vermutete Blythe. Und Phobos klammerte sich an seinem Arm fest. Er zitterte, seine Unterlippe bebte. »Es hätte uns treffen können«, flüsterte er.

Knapp ein Viertel des Transportpanzers ragte über den Rand des Flussbetts. Sie konnten die Unterseite seiner breiten Ketten sehen. Schneematsch tropfte vom Kettenschuh, Äste hingen aus den einzelnen Gliedern, Schnee und Lehm klebte an ihnen.

Die Fahrerkabine hing in der Luft, und über sie kletterten die Barbarensöldner aus dem Panzer. Die, die sich hatten retten können. Etwa zwei Drittel der Besatzung.

»Meister, Meister!« Phobos schüttelte seinen Kopf. Er schien fassungslos und konnte nur noch krächzen. »Das Eis hätte schon bei uns brechen können. Und wir sitzen in der letzten Heckbank!«

»Gewöhnt euch daran«, wiederholte der Professor. »Hast du eine Ahnung von der Vorsehung? Nein. Aber ich. Wenn ihr mir folgt, gewöhnt euch an das Glück.«

Die ersten WCA-Soldaten tauchten auf. Männer und Frauen in weißen Thermomänteln. Einige halfen den Rekruten aus dem verunglückten Panzer, andere knieten am Rand des Steilbetts und spähten in die tosenden Fluten hinunter.

Ein hagerer, schwarzhäutiger Mann riss die Tür der Fahrerkabine des Tranporters auf: Lieutenant Jazz Garrett, der stellvertretende Kommandant der Expedition. Er zerrte den Fahrer aus dem Kommandostand, schlug auf ihn ein, stieß ihn in den Schnee und trat mit dem Stiefelabsatz nach ihm. »Idiot!«, hörten sie ihn brüllen. »Verdammter Idiot! Zur Hölle mit dir!« Wie von Sinnen drosch und trat er auf den Verängstigten ein. Bis eine rothaarige Frau und ein Lieutenant namens Ruben Miller ihn links und rechts packten und von seinem Opfer wegzerrten.

»Gewöhnt euch aber auch an den Tod«, sagte Blythe. »Wir haben noch fast zwölftausend Meilen vor uns, und er wird unser treuster Begleiter sein.«

 

2

Der Jäger aus Montana

Wasser tropfte von der Decke der Eisröhre. Louyos wischte es aus Bart und Stirn und tastete sich weiter nach unten. Seine Stiefel verfehlten die ausgetretenen Eisstufen und versanken bis über die Knöchel in Wasser, Louyos merkte es kaum. Manchmal ging es so steil hinab, dass seine Rechte von den eisernen oder hölzernen Stangen abrutschte, die auf beiden Seiten der Röhre ins Eis eingelassen waren; und manchmal schlug Louyos dann lang hin und scheuerte rücklings ein paar Stufen weit durch Pfützen und Matsch nach unten.

All das kümmerte ihn nicht. Aufstehen und weiter. Hinabsteigen, weiter und weiter. Sein Verlangen trieb ihn voran. Hinter jeder Biegung der Röhre, die seine Öllampe der Dunkelheit entriss, wähnte er das Ziel. Und das Ziel hieß Erfüllung seiner brennenden Sehnsucht. Das Ziel hieß Glück. Mit jeder Faser seines ausgemergelten Körpers wusste er es: Glück.

Schmerz am Ende der Eisröhre? Grauen? Tod? Nein. Dergleichen kam ihm nicht in den Sinn, nicht ein einziges Mal. Schon seit Monden hatte ihn keine vergleichbare Gewissheit erfüllt: Glück.

Er zitterte vor Kälte und merkte nicht einmal das. Wieder eine Biegung, und wieder eine und gleich die nächste. Spiralförmig wand sich die Eisröhre in die Tiefe, weiter und weiter. Der Lichtschein seiner Öllampe reichte sieben oder acht Schritte weit. Die Temperatur schien zu steigen, schon lang hatte er keine Eiszapfen an den Haltestangen in der Eiswand mehr gesehen.

Er trat in eine tiefe Pfütze, sein Stiefel versank bis über den Schaft darin. Die Felllumpen um seine Unterschenkel und Füße sogen sich mit Wasser voll. Gleichgültig. Weiter.

Das Gefälle der Röhre flachte ab. Über Hunderte von Schritten hatte Louyos gar den Eindruck sich auf ebenem Grund zu bewegen. Der gewundene Eisgang ging allmählich in einen fast gerade verlaufenden Tunnel über. Keine Biegung mehr, kein Geländer. Auch schien es wärmer zu werden. Louyos watete durch eine Pfütze, die gar nicht mehr aufhören wollte.

Der Lichtschein seiner Lampe fiel auf eine Treppe. Die stieg steil an und war so breit, dass drei Männer auf ihr bequem neben einander gehen konnten. Louyos hob die Lampe. Sieben Stufen zählte er. Als Geländer diente ein Seil, das aussah, als hätte man es aus blauen Tiersehnen geflochten. Es war an runden, im Eis versenkten Stangen befestigt.

Hinauf.

Louyos packte das Seil und nahm zwei Stufen auf einmal. Nein, es war keine Tiersehne. Wie Tiersehnen sich anfühlten, wusste Louyos genau. Louyos war Bogenschütze. Ein geachteter Jäger seines Stammes, ein gefürchteter Schütze bei den Feinden seines Stammes. Aber was kümmerte ihn das harte, unbekannte Material dieses Seils? Verlangen brannte in seiner Brust. Verlangen trieb ihn weiter.

Nur sieben Stufen, und dennoch: Louyos atmete schwer, als er oben ankam. Die Mühen der zurückliegenden Monde steckte auch ein Körper, der erst neunzehn Winter gesehen hatte, nicht weg. Er verschnaufte ein wenig und leuchtete in den Gang hinein, der sich vor ihm weitete.

Viel breiter als die Eisröhre, war er nicht von rundem, sondern von quadratischem Querschnitt. Ein wenig erinnerte er ihn an die Räume, die er in den zerstörten Riesenhütten der Alten gesehen hatte. Und statt aus Eis bestanden die Wände aus oberflächlich behauenen Steinblöcken.

Das Ziel – jetzt konnte es nicht mehr weit sein. Schritt für Schritt drang er in den Gang ein. Es knirschte unter seinen Stiefelsohlen. Louyos blieb stehen und senkte das Drahtgestell mit dem Fischöl-Docht. Kein Eis mehr – viele, viele Steine bildeten den Boden des Ganges. Fingernagelkleine bis faustgroße, weiße, graue, schwarze Steine, und alle glatt und rund.

Weiter. Das nahe Ziel seines Verlangens beflügelte ihn. Weit konnte es ja nicht mehr sein. Louyos lief schneller. Mit jedem Schritt schien es wärmer zu werden.

Der Gang mündete in eine Treppe. Ebenfalls aus Stein wie die erste, führte sie nicht nach oben wie jene, sondern sieben Stufen nach unten. Louyos tastete sich hinab. Eine Plattform – wie ein Raum ohne Fenster und Türen, keine Treppe führte weiter, kein Gang. Und jetzt? Louyos leuchtete die Wände aus. Hinter ihm scharrte etwas. Er fuhr herum. Eine Steinplatte schob sich zur Seite. Und milchiges Licht fiel auf die Plattform.

Man erwartete ihn also! Hieß man ihn nicht sogar willkommen? Wie anders hätte er eine sich öffnende Tür deuten sollen? Louyos zögerte nicht: Er trat durch die rechteckige Maueröffnung, huschte durch einen weiteren Gang und gelangte erneut an einen Treppenabsatz.

Louyos blieb stehen. Wie heiß es plötzlich war! Und das Licht …

Er lüftete seinen Pelzmantel und schob die Lampe unter ihn. Dieses rätselhafte Licht! Mild und warm durchsickerte es die Düsternis des Gangsystems. Hell genug, um die Konturen der Treppe und das Relief des Gemäuers erkennen zu können, war es bereits.

Er zog die Lampe wieder aus dem Mantel und senkte sie auf Kniehöhe. Die Treppe war aus Stein und schmal und führte in engen Windungen steil nach unten. Louyos erinnerte sich solche Treppen in den Ruinen von Helena gesehen zu haben.

Sein Herz klopfte, sein Atem flog, das Blut pulsierte in seinen Lenden. Er stieg hinunter. Sein hartes Glied scheuerte gegen seine Lederhose. Es wurde heller und noch wärmer. Und auf einmal …

Louyos blieb stehen und lauschte. Stimmen von fern. Jemand sang. Ein Chor? Welch schöne, friedliche Melodie! Sie bezauberte ihn. Verzückt schloss er die Augen. Endlich! Endlich am Ziel seiner Sehnsucht. Bei Wudan – wie würde er schwelgen!

Den Kopf geneigt, die Augen geschlossen stand er da und lauschte. Das Lächeln eines berauschten Narren lag auf seinen Zügen. Eine Frauenstimme erhob sich über den Chor. Bei allen Göttern! Was für eine Stimme! Louyos glaubte eine Trommel und etwas wie Flöten aus dem herrlichen Gesang heraus zu hören. Er hätte weinen mögen vor Freude!

 

3

26. März, 2518

Nasser Schnee bog die unteren Äste der Douglasien teilweise bis zum Waldboden hinunter. Und aus den Wipfeln oben rauschten im Minutentakt Schneebretter herab, rissen tieferliegende Äste und Zweige ab, oder schlugen dumpf im feuchten Schnee des Waldbodens auf.

Kein schöner Ort für ein Rendezvous. Lieutenant Ruben Miller zog die Kapuze seines weißen Thermomantels über den Helm und verschnürte sie unter dem Kinn. Ungewöhnlich kalt war es nicht, drei oder vier Grad über Null vielleicht, aber ein nasskalter Wind fegte durch die Bäume, und die Kälte kroch dem Lieutenant die Beine hinauf. Noch eine Stunde, dann würde sie wahrscheinlich wieder auf Null sinken, die Dämmerung hing schon zwischen den Baumstämmen.

Ruben verschränkte die Arme vor der Brust und stapfte in den matschigen Boden. Er fragte sich, wie der Staff Sergeant sich Sex mit vier Kleiderschichten, in knöchelhohem Schneematsch und unter Bäumen voller Schneebretter vorstellte. Im Stehen womöglich? Sehr romantisch. Vorsichtshalber ging Ruben in Gedanken die entsprechenden Stellungen durch, die er kannte. Dabei wurde ihm wärmer, deutlich wärmer sogar.

Er hatte die Nachricht der schwarzen Frau am Morgen auf dem Kartentisch vor seinem Navigationssessel gefunden. Lieutenant Ruben Miller war Navigator und Bordtechniker eines der vier Tauchpanzer; der einzige an Bord von Expedition Three, der die Karten anrührte. Alle wussten das, natürlich auch Staff Sergeant Majela Ncombe.

Ihre Nachricht lautete: Heute in der Abenddämmerung am Deerpfad. M.N.

Hatte sie also endlich reagiert! Reagiert auf seine Blicke, auf die Flirts, die er fast täglich anzuzetteln versuchte. Er hatte schon aufgeben wollen.

Am Deerpfad – Ruben wusste sofort, welche Stelle im Waldhang sie meinte. Hier hatten sie gestern Nachmittag einen Deerbullen und zwei seiner Kühe geschossen, Ruben, Majela und drei der angeheuerten Barbaren. Fünfzehn Schritte entfernt, zwischen den rostbraunen Farnsträuchern konnte er noch die Spuren des erfolgreichen Jagdzugs erkennen: Drei Haufen Eingeweide und um sie herum dunkles Blut im Schneematsch.

Ein Windstoß fuhr durch die Bäume. Manche schwenkten ihre vom Schnee schweren Äste, als wollten sie um Hilfe rufen. Wieder schlugen Schneebretter am Boden auf. Der Wald war ein kalter Saal, verlassen und düster.

Eigentlich hätte Ruben in der Schlafkoje seines Panzers liegen müssen. Der Gipfel der Appalachen lag nach mühsamer Fahrt endlich hinter ihnen. Aber während der Abfahrt hatten sie sich in einem zerklüfteten Hang verfranzt, und einer der beiden Mannschaftstransporter war in das Steilbett eines Gebirgsflusses eingebrochen. Drei Tote, vier Vermisste.

Mit Achsenbruch und einer Schräglage von gut achtzig Grad hing das Gerät zur Hälfte im durch das Tauwetter reißenden Fluss. Seit zwei Tagen und Nächten arbeiteten sie in drei Schichten rund um die Uhr an der Bergung des Fahrzeugs. Lieutenant Garrett hatte Ruben für die Frühschicht eingeteilt. Und Lieutenant verlangte ausgeruhtes Personal.

Lieutenant Jazz Garrett, nun ja – der Mann war ein Kapitel für sich.

Ruben horchte auf. Knirschte da Schnee unter Stiefeln, oder hatte er sich verhört? Er lauschte. Die Baumstämme, kahlen Büsche und das allgegenwärtige Bruchholz verschwammen schon zu einer dunkelgrauen Wand mit der hereinbrechenden Nacht. Gut, dass er eine Stablampe mitgenommen hatte.

Ruben hörte nichts mehr, das nach Schritten klang. Vielleicht ein Tier, oder aus den Baumkronen gerutschter Schnee. Schade eigentlich. Langsam wurde es Zeit, dass die Lady sich blicken ließ.

Jazz Garrett also. Jede Wette, dass er Majelas Grund war, ein Rendezvous zwei Meilen von Unfallstelle und Lager entfernt in den ungemütlichen Wald zu verlegen. Jazz nämlich, und auch darauf hätte Ruben gewettet, war scharf auf Majela.

Nun gut, wer war das nicht? Bei vier Frauen, die Huren der Barbaren nicht mitgerechnet, hatte man nicht gerade eine komfortable Auswahl. Eine der vier – die Kommandantin – galt zudem als tabu, völlig klar. Und die anderen beiden … nun ja, Schwamm drüber.

Jedenfalls hatte Jazz längst geschnallt, dass er, Ruben, sich in die schwarze Majela verguckt hatte. Kunststück bei den eindeutigen Blicken, mit denen er sie Tag für Tag verschlang. Und Jazz war – wie sollte man das sagen? – eine Zeitbombe. Ja, eine Zeitbombe, das war das richtige Wort. Nicht auszudenken, wenn er ihn und die Schwarze erwischte! Er würde kurzen Prozess mit Ruben machen. Da würde es ihm auch nichts nützen, dass er über drei Ecken mit dem stellvertretenden Kommandanten verwandt war. Jazz Garretts Onkel hatte Rubens Großcousine geheiratet. Das Paar arbeitete in einem Geheimprojekt der WCA in Euree.

Hinter ihm knirschte jetzt wirklich Schnee unter Stiefeln. Ruben fuhr herum.

Ach du Scheiße … aufgeflogen … aufgeflogen, bevor überhaupt was gelaufen ist!

»Was ‘n Zufall!« Er versuchte zu grinsen. »Auch ‘n Freund der Dämmerung, was?« Er drehte dem Kameraden den Rücken zu und deutete auf die tierischen Eingeweide bei den Büschen. »Wollt vor dem Schlafengehen noch mal den Ort vergangenen Jagdruhms aufsuchen, he, he!«

Himmel nochmal! Hoffentlich taucht Majela nicht ausgerechnet jetzt auf!

Es war ein Fehler sich umzudrehen, ganz bestimmt war es ein Fehler. Ruben begriff das, als die Klinge ihm von hinten in Kehle und Luftröhre drang. Er begriff es also zu spät.

Beide Hände an den aufgeschlitzten Hals gepresst, knickte er ein. Seine Knie versanken im Schneematsch. Warm und klebrig quoll das Blut zwischen seinen Fingern heraus. Er wollte schreien, aber die Luft, die er ausstieß, erreichte seine Stimmbänder nicht mehr. Sie warf Blasen im Blut an seinen Fingern auf und verspritzte es über seinen Mantel und in den Schneematsch.

Dem letzten Impuls seines Hirns folgend, wollte Ruben sich umdrehen, um seinem Mörder ins Gesicht zu sehen. Es gelang ihm nicht mehr, zu schnell sprudelte das Leben aus seinem Hals. Kopfüber schlug er im Schneematsch auf.

 

4

3. April 2518

Wir liegen kurz vor den Ruinen Pittsburghs. Am östlichen Horizont verschwimmen die Bergzüge der Appalachen im Dunst. Dreizehn Tage für die Überquerung des Gebirges, dreizehn Tage für knapp 260 Meilen! Offen gesagt: Ich hatte nicht weniger erwartet. Aber der Captain ist unzufrieden. Zwanzig Meilen am Tag, rechnete sie der Mannschaft vor, nur zwanzig Meilen am Tag.

Captain Lynne Crow erwartet eine Durchschnittsgeschwindigkeit von fünfzig bis sechzig Meilen am Tag, unvorhergesehene Ereignisse, Jagd- und Erholungspausen schon mit eingerechnet. Natürlich werden wir unter dem Strich mindestens sechzig Meilen am Tag machen. Aber doch nicht im Gebirge, während des Tauwetters!

Jetzt liegt es hinter uns. Schlamm, Schneematsch, Erdrutsche und vor allem tückische Eisdecken über Flüssen und Bächen haben uns aufgehalten. Acht Mann Verlust insgesamt. Sieben wurden von eiskaltem Wildwasser mitgerissen, als einer der Mannschaftstransporter in das Eis eines Gebirgsflusses einbrach. Alles Rekruten aus dem Freiwilligenverband der Barbaren. Lieutenant Jazz Garretts Kommentar: »Glück gehabt«.

Im Hinblick auf den achten Toten sagte nichts dergleichen. Der gehörte nämlich zur WCA-Crew: Ruben Miller, ein Lieutenant. Ein Suchtrupp hat seine Leiche mit durchgeschnittener Kehle im Wald gefunden, in einem Bach. Die Schneeschmelze hatte alle Spuren verwischt.

Lieutenant Garrett hat jeden der Barbaren einzeln verhört, manche dabei geschlagen und mit der Waffe bedroht. Aber es gibt im Grunde keinen konkreten Verdacht. Wahrscheinlich Wilde, die im Gebirge hausen. Und die es verstanden haben, unsichtbar für uns zu bleiben. Tragische Geschichte. Und dazu ein wirklich herber Verlust, wenn man bedenkt, dass die WCA-Crew nur aus zwölf Mann besteht, mich selbst eingeschlossen. Jetzt sind es nur noch elf.

Die restliche Mannschaft setzt sich ausschließlich aus rekrutierten Eingeborenen zusammen, einunddreißig Männer und drei Frauen. Oder nein: Dreißig Männer und drei Frauen. Den angeblichen Professor Jakob Blythe kann man wohl kaum als Eingeborenen bezeichnen. Ob er nicht trotzdem ein Barbar ist, sei dahingestellt.

Fünf Meilen westlich liegt jetzt also das alte Pittsburgh. Captain Crow hat einen Spähtrupp hingeschickt. Verschwendung von Manpower und ein unnötiges Risiko dazu; wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja keiner.

In den Ruinen von Pittsburgh mag es ein paar wilde Tiere geben. Vielleicht eine Nomadenhorde, die sich vorübergehend dort niedergelassen hat. Sonst nichts, was sich zu sehen lohnt. Ich kenne sämtliche Berichte sämtlicher Expeditionen, die je im Auftrag der Regierung in den Ruinen Pittsburghs gewesen waren. Aber wie gesagt: Mich fragt hier keiner. Dolmetschen ist mein offizieller Job. Und mein inoffizieller: Die Augen und Ohren aufhalten, dokumentieren, interpretieren, aufschreiben.

Die Führungscrew sitzt übrigens seit einer Stunden in Expedition One zusammen (Wir kürzen das intern übrigens mit EX One und so weiter ab). Die Leute, die hier was zu sagen haben, sind sich nicht einig über den Kurs. Captain Crow will an dem ursprünglichen Plan festhalten, entlang der Eisgrenze nach Nordwesten bis zu den Hängen der Rocky Mountains zu fahren und dort erst Kurs nach Norden und ins ewige Eis zu nehmen. Lieutenant Garrett dagegen gibt zu bedenken, dass die frühe Schneeschmelze die geplante Strecke in ein Schlammloch gigantischen Ausmaßes verwandelt haben könnte.

Ich denke, da liegt er nicht ganz falsch. Vermutlich würden wir eine Menge Zeit verwenden, um die Tanks auszugraben. Mehr als für die eigentliche Reise. Garrett schlägt vor, die Ruinen Chicagos anzusteuern und über die hoffentlich zugefrorenen Großen Seen nach Kanda hinein und dann über den Nordpol hinauf nach Alaska und die Beringsee zu fahren.

Wer sich ebenfalls für diese Variante stark macht, ist dieser Blythe. Offengestanden: Ich durchschaue ihn nicht. Ich misstraue ihm sogar aufs Äußerste. Anlass genug hat er mir ja in Waashton geboten. Nach meinem Geschmack mischt er sich viel zu sehr in Dinge ein, die ihn nichts angehen. Und nach meinem Geschmack schenkt ihm die Kommandantin mehr Aufmerksamkeit, als er …

 

*

 

»Na, Doc? Ganz allein im Panzer?« Stuart blickte von seiner Schreibkladde auf. Ein schwarzes Gesicht unter einem Busch von Rastalocken musterte ihn von der offenen Heckklappe des Truppentransporters aus; Sergeant Majela Ncombe. Sie verschränkte die Arme auf der Ladefläche und legte ihr Kinn auf die weißen Ärmel ihres Thermomantels. »Was schreibst du denn da?«

»Schreiben?« Sein Blick irrte zwischen ihren dunklen Augen und seinem Buch hin und her. »Ach so … hm, also … ich, äh … ich mach so Notizen, könnte man sagen, ja … Notizen, genau.«

»Ganz privat, was?« Majela kletterte auf die Ladefläche. Die Hände in den Manteltaschen versenkt schlenderte sie bis zur Metallwand der Fahrerkabine. Dorthin hatte Dr. Jed Stuart sich mit seinem Logbuch zurückgezogen. »Tagebuch?« Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf die Kladde, die er in verräterischer Hektik zugeschlagen hatte. »Oder poetische Eindrücke einer romantischen Winterreise?«

Jed gegenüber ließ sie sich auf der Metallbank nieder. Schwarz wie die Nacht war diese Frau, und schön wie die seltenen Sommertage, an denen der Himmel über Waashton aufriss, und die Sonne sich im Potomac spiegelte. »Oder ist es vielleicht doch eher wissenschaftlicher Natur, was du da in dein Buch schreibst?«

Vier Schritte trennten sie. Selten war der weibliche Sergeant Jed so nahe gekommen; und noch nie hatte er Gelegenheit, allein mit ihr zu sein. Diese Einsicht verstörte ihn; und gleichzeitig strömte etwas durch sein Zwerchfell, was ihm eine unzensierte Ecke seines Hirns Glücksgefühl zu nennen erlaubte.

»Hm … wissenschaftlicher Natur … also, könnte man … ja … könnte man so nennen. Einer muss doch … denk ich mal, äh … einer sollte doch einen Bericht, also … schreiben.«

»Stimmt.« Sie nickte. »So eine Expedition schickt die Regierung schließlich nicht jeden Tag auf die Reise.«

»Genau … ich meine, so sehe ich das … ähm, ich seh das genau so, hm, ein historisches Ereignis gewissermaßen; und der Präsident … also, die Regierung … wenn du weißt, was sich meine, ich wollte sagen, die Regierung … also, die erwartet das.« Sein großer schmaler Schädel wackelte hin und her, als müsste er sich jedes Wort einzeln aus den Hirnwindungen schütteln. Er räusperte sich ein paar Mal. »Die Regierung erwartet einen Bericht … also, eine Art Chronik, das ist … ja, man könnte sagen, das ist …hm, meine Aufgabe.«

Majela betrachtete den großen Weißen mit dem Blondhaar aufmerksam. Er schien ihr noch hagerer geworden zu sein seit dem Aufbruch aus Waashton. Ein Jammer, dass ein derart begabter Mann nicht zur Führungscrew der Expedition gehörte. Statt im Cockpit von Expedition One verbrachte er die beschwerliche Reise mitten unter den Halbwilden auf einem der beiden Truppentransporter. Soweit Majela wusste, war es das erste Mal, dass der Wissenschaftler Waashton verließ.

Andererseits: Dr. Jed Stuart konnte von Glück sagen, überhaupt noch reisen, überhaupt noch unter Menschen sein zu können. Viel fehlte nicht, und Lieutenant Garrett hätte ihn getötet. Weil der Doc ihn wegen eines Mordes beim Präsidenten melden wollte. Buchstäblich im letzten Moment hatten Majela Ncombe und der General ihn daran hindern können. Tja – und nun teilte er Proviant, Transporter und Schlafplatz mit dem bunten Völkergemisch der Barbaren; als Dolmetscher. Im Pentagon konnte er Jazz Garrett nicht mehr anschwärzen, und hier hatte er nichts zu melden. Schade. Eine bessere Alternative als der Tod allemal – keine Frage – aber dennoch ein Abstellgleis.

Die schwarze Frau seufzte. Der Konflikt war vorprogrammiert. Staff Sergeant Majela Ncombe war realistisch genug, um den Tatsachen ins Auge sehen zu können: Irgendwann würde Garrett versuchen, den Doc endgültig loszuwerden.

»Hör zu, Jed«, sagte sie. »Du brauchst nicht so rumzustottern, nur weil eine Frau dir gegenüber sitzt.«

»Ich … also, ich neige immer dazu, mich … hm, wie soll ich sagen? Mich umständlich auszudrücken, wenn du verstehst, was ich … Entschuldigung, aber … aber ich darf doch Majela … ich meine, ich darf dich doch beim Vornamen …«

»Du hast es nicht nötig, so unsicher zu sein Jed«, schnitt sie sein Gestammel ab. »Du bist der fähigste Anthropologe und der beste Linguist, den die Regierung zur Zeit hat. Du bist eine Koryphäe, kapiert? Niemand hier kann dir das Wasser reichen.«

Benimm dich also nicht wie ein Schwachkopf, wollte sie hinzufügen, schluckte es dann aber doch lieber hinunter.

»Oh! Das ist …« Seine bleiche Gesichtshaut verfärbte sich rosig. »Ich meine, das ist … also, vielen Dank.«

Eine Zeitlang sahen sie sich an. Sergeant Majela Ncombe, lächelte und Dr. Jed Stuart, obgleich er ständig schlucken musste, strahlte wie ein kleiner Junge, dem man gerade ein Haustier geschenkt hatte. »Was macht dein Sprachschüler?«, erkundigte Majela sich.

»Pieroo? Du … also, du weißt davon?« Sie nickte. »Er macht sich gut, doch, wirklich … ich meine, du musst dir vorstellen, wie soll ich sagen, er kann weder lesen noch schreiben, aber … hm, er spricht … ich will nicht übertreiben, aber er sprich schon, also, ein besseres Englisch, als vor zehn Tagen noch, doch, wirklich.«

Jed Stuart brachte dem Barbaren ordentliches Englisch bei, und Pieroo half dem Doktor, sich unter den Barbaren und in der Wildnis zu behaupten. Was als Zweckgemeinschaft begonnen hatte, entwickelte sich mittlerweile zu etwas, das Jed bisher nie kennengelernt hatte: Zu einer Freundschaft. In seiner Situation, so schätzte er, bedeutete eine Freundschaft weit mehr, als eine Waffe, mit der er sowieso nicht umgehen konnte.

Er beugte sich vor und stützte die Arme auf seine Schreibkladde. »Du kannst es dir … äh, nicht vorstellen, ich meine … vielleicht doch, aber dieser Mann, also Pieroo, unglaublich, was der schon alles …äh, wie soll ich sagen, erlebt hat. Er kommt aus Euree, aus Fraace, um, also, ganz genau zu sein …«

Jed begann von seinem neuen Freund zu schwärmen, von Pieroos Lebenserfahrung, von seiner Zähigkeit, von vielerlei Gefahren, in denen der Barbar sich bewährt hatte. Pieroo war einst Häuptling einer eureeschen Horde der Wandernden Völker, wie die Nomaden Eurees sich nannten. Westlich des Großen Flusses aufgewachsen hatte er seine Horde durch das ganze ehemalige Frankreich bis weit in den Osten Dozylands geführt.

» …bis in eine Stadt namens Laabsisch, um, äh, genau zu sein. Hm, ich nehme an … also, ich bin fast sicher, dass es sich dabei um das historische Leipzig handelt. Du hast bestimmt schon, ich meine … vielleicht hast du den Namen schon gehört …«

Majela schüttelte den Kopf. Euree, seine Landschaften und Städte – weiter nichts als bedeutungslose Begriffe, die sie für irgendwelche Prüfungen im Rahmen der Schulausbildung gepaukt hatte. Jede beliebige Legende war ihr vertrauter. »Erzähl doch weiter.«

»Wenn du willst … also, äh, ehrlich? Na gut, ich meine … gern. Du glaubst ja nicht, welches Kauderwelsch … äh, versteh mich nicht falsch, ich meine … hm, was für ein Mischmasch diese Wandernden Völker sprechen, eine Art, wie soll ich sagen, Synthese aus den alten Sprachen, Französisch, Deutsch, Altenglisch und so weiter, und in Laabsisch …hm, dieses historische Leipzig, das ich, also, erwähnte …«

Er erzählte von dem Stadtkönigtum, das Pieroo in Laabsisch erlebte, von den Angriffen kriegerischer Seefahrer auf die Stadt – Pieroo hatte sie Nordmänner genannt – von der Schlacht um Laabsisch, von seiner Begegnung mit einem Mann aus der Vergangenheit, und von Pieroos Erfahrungen in Britanien, wo er in Plymeth den Mann aus der Vergangenheit, einen gewissen Timothy Lennox, zum zweiten Mal traf.

»Oh..« Irgendwann unterbrach er sich, und legte die Hand auf den Mund. »Ich glaub, ich rede zu viel …«

»Blödsinn! Ich hör dir gern zu, Jed.«

Geschrei wurde laut, eine raue Männerstimme brüllte Befehle. Majela und der Doc standen auf und lugten über die Seitenwand des Transportpanzers.

In dem Halbkreis, den die sechs Fahrzeuge bildeten, hatten sie elf Zelte aufgeschlagen. Bis auf eins ausschließlich für die Söldner; und für den Doc natürlich. Das elfte bewohnte Jakob Blythe mit seiner Leibgarde.

Vor einigen Zelten brannten kleine Feuer. In Fell gehüllte Männer standen um sie herum und hielten lange Stöcke oder Speere hinein. Die Söldner, rekrutierte Barbaren aus dem Umland Waashtons. Sie brieten Vögel, die sie geschossen hatten. An seinem schwarzen Pelz und seiner wilden Mähne erkannte Majela Ncombe auch Pieroo, Jed Stuarts Englischschüler, unter den Männern. Und neben ihm am Feuer seinen kleineren und schmächtigeren Gefährten Ru‘alay.

Schneefelder, ausgedehnte und weniger große, bedeckten das niedergedrückte, gelbliche Gras. Da und dort spiegelte sich der graue Märzhimmel in Pfützen; ausgedehnte Pfützen zum Teil.

Gefolgt von zwei Corporals stiefelte ein schwarzhäutiger Offizier durch Schnee und Matsch – Lieutenant Jazz Garrett, stellvertretender Kommandant der Expedition. Er fuchtelte mit den Armen, schrie irgendetwas, das sie auf die Entfernung nicht genau verstanden. Die Männer an den Feuern sahen zu ihm, wandten die Köpfe zueinander, palaverten und sahen wieder zu Garrett. Schließlich zogen sie ihre Speere und Stöcke aus dem Feuer und legten sie daneben ins vergilbte Gras oder in den Schnee. Nach und nach verließen sie die Feuer und sammelten sich in der Mitte des Platzes. Garrett und die Corporals standen dort und winkten sie herbei.

»Na klar.« Majela stieß ein bitteres Lachen aus. »Ausbildung ist angesagt. Er lässt ihnen keine Ruhe.«

»Ich weiß nicht …« Jed Stuart klemmte sich sein Logbuch unter den Arm und kratzte sich seinen blonden Schädel. »Er könnte sie doch, hm, ich meine … warum lässt er sie nicht erst ihre Vögel braten?«

»Disziplin und Gehorsam, Jed«, sagte Majela. »Er will eine schlagkräftige Truppe aus dem Haufen machen.«

»Hm, eine schlagkräftige Truppe also, aha … ich meine, hoffentlich werden sie nicht irgendwann ihn schlagen …«

Etwas abseits, vor Expedition One, erkannte er den roten Schopf der Kommandantin. Neben ihr Jakob Blythe. Gestenreich redete er auf sie ein. Und Captain Lynne Crow, zahm wie ein Schoßhund, nickte immerzu. Das gefiel Jed nicht; das gefiel ihm überhaupt nicht. »Was habt ihr … also … ich weiß ja nicht, ob du darüber … vielleicht ist es ja ein Geheimnis, aber …«

»Wir nehmen Kurs auf die Großen Seen«, sagte Majela. »Jazz hat sich durchgesetzt, oder eigentlich Blythe.«

Die Männer in den Fellmänteln versammelten sich vor Garrett und den Corporals, ein ungeordneter Haufen. Garrett schrie sie an.

»Der Nordwestweg entlang der Eisgrenze sei durch Schlamm und Schmelzwassertümpel unpassierbar; sagt Blythe. Und Captain Crow hat sich dieser Sicht angeschlossen. Morgen bei Sonnenaufgang geht‘s nach Norden.«

Auf dem Platz zwischen den Panzern und vor den Zelten schritten die Corporals den Haufen ab und dirigierten die Barbaren in Reih und Glied. Ein großes Durcheinander herrschte, und Garrett bellte wie ein angriffslustiger Wildhund. Er hat eigentlich keinen Grund so wütend zu sein, dachte Majela.

»Nach Norden.« Jed rieb sein Kinn. »So, so … er will also … hm, ihr wollt also direkt ins Eis, auf dem schnellsten Weg, meine ich.«

»Blythe glaubt, dass wir auf dem Eis doppelt so schnell vorankommen. Und der Captain glaubt das jetzt auch. Garrett sowieso.«

Endlich zeigte sich so etwas wie Ordnung in der Menge der etwa dreißig Männer. Garrett schrie einen Befehl, und nach und nach ließen sich die Barbaren in den Schlamm fallen.

»Erst mal geht es nach Chicago«, sagte Majela.

»Dort ist doch … also, du weißt, dass ich sämtliche Expeditionsberichte also kenne. Ist dort nicht eine Station von uns?«

»Eine im Augenblick verlassene Basis. Die Eingeborenen dort sind angeblich ziemlich feindselig. Doch unser Vorratslager ist gut gesichert. Captain Crow will dort die Vorräte auffüllen. Und danach über die Großen Seen fahren. Blythe hat vorgeschlagen, dort soviel Fisch wie möglich zu erbeuten. Um die Vorräte an Trockennahrung zu schonen. Lynne hält das für eine gute Idee. Kurz und gut: Blythe kriegt, was er will – wir fahren über Winnipeg und den Nordpol nach Alaska hinauf.«

Die dreißig Männer draußen auf dem Lagerplatz krochen jetzt auf den Bäuchen durch Schnee, Gras und Schlamm. Manchmal, wenn Garrett einen Befehl brüllte, sprangen sie auf und rannten los. Majela Ncombe sah, wie der Lieutenant einen der Männer zu sich rief – Pieroo. Garrett deutete auf die Truppentransporter, während er mit ihm redetet.

Blythe und Lynne Crow standen noch immer vor EX One. Sie schienen ganz ins Gespräch vertieft zu sein. In gebührendem Abstand wartete Blythes Leibgarde, ein ulkiges Duo: Phobos und Daimos nannte der Professor sie; und »meine Jünger«.

Blythe war verrückt, Majela hatte es von Anfang an gewusst.

»Ich habe … also, ganz ehrlich: Ich habe Angst.« Eine bemerkenswert klare Aussage für einen Mann wie Jed Stuart. Majela antwortete ihm nicht. Was hätte sie auch sagen sollen?

Sie sahen Pieroo über den Lagerplatz laufen, geraden Wegs auf die Transporter zu. Kurz darauf tauchte seine struppige Mähne an der offenen Heckklappe auf. »‘Allo, Doc – schleche Nachricht: Garrett, die Feldsau, will dich seh‘n. Solls mit uns üben.«

»Oh, üben?« Jed klappte sein Buch zu. »Okay, okay … ich komm … ich komm sofort.« Er flüsterte und wurde noch blasser, als er eh schon war. Verlegen äugte er zu Majela Ncombe hinüber.

»Sag dem Lieutenant, der Doktor habe keine Zeit.« Die Fäuste in die Hüften gestemmt schlenderte Majela zur Heckklappe. »Sag ihm, Dr. Stuart müsse arbeiten, und erzähl ihm ruhig, dass diese …«, sie schwang die Rechte, als suche sie nach einem passenden Wort. »… dass diese Information von mir stammt. Los, geh schon.«

»Wiede meins.« Pieroo zuckte mit den Schultern. »Sag ich‘m.« Er lief zurück zu Garrett.

Majela und Jed setzten sich wieder auf die Mannschaftsbanken. Beide grinsten. Jed schlug sein Buch auf, nahm seinen Stift und schrieb:

… als er verdient hat. Aber Professor Dr. Jakob Blythe scheint Captain Lynne Crow irgendwie zu faszinieren. Ja, ich glaube, sie bewundert diesen schrägen Vogel. Als hätte er sie verzaubert. Und damit liege ich vermutlich gar nicht mal so falsch: Blythe ist ein Magier. Und Garrett ist ein Tier!

 

5

Der Jäger aus Montana

Weiter. Eine Stufe um die andere, immer weiter hinunter. In engen Windungen schraubte die Treppe sich nach unten. Louyos schwindelte.

Das Licht nahm zu, der Gesang schwoll an. Wieder und wieder blieb er stehen, lehnte gegen das Gemäuer, um Atem zu holen, und lauschte verzückt. Viele Stimmen sangen da in vollkommener Harmonie. Frauenstimmen vor allem, und eine weibliche Stimme schwebte über dem Chor, so lieblich, so volltönend, dass Louyos an den Redcardinayl denken musste, den großen Nachtvogel der Tundra Montanas. Auf wie vielen Jagdzügen hatte Louyos wachgelegen und seinem einsamen Lied gelauscht!

Woher aber kam der Gesang? Und woher das Licht?

Louyos drehte die Lampe aus, spähte in den runden Schacht, um den die Treppe sich wand. Zwielicht herrschte dort unten, undeutlich sah er Gewölbe, Torbögen, Treppen und Brücken. Doch nirgendwo Menschen, nirgendwo eine Lichtquelle.

Gleichgültig. Irgendwo mussten sie sein. Licht und Stimmen wiesen den Weg. Also weiter.

Das Licht nahm zu, die Stimmen schwollen an. Das Echo der Trommeln vibrierte in seinem Zwerchfell. Sie war nah! Die seine Sehnsucht stillen, die seine Wunden heilen und ihm ein neues Leben schenken würde – sie war nah! Vergessen all die Mühsal der vergangenen Monde, vergessen der Hunger, die Angst vor dem grausamen Feind, vergessen die Trauer um Verwandte und Freunde, vergessen Kälte, Dunkelheit und Verzweiflung.

Wudan – wie er sich sehnte! Wudan – wie er brannte! Er hielt an, griff in die Hose, um sein pochendes Glied nach oben zu ziehen und stieg weiter hinunter.

Und plötzlich ein Fenster. Quadratisch und nicht groß, mehr ein Luftloch oder ein schmaler Lichtschacht. Und das Gemäuer war so dick – mindestens drei Schritte dick – dass Louyos sich nicht herausbeugen konnte, um einen Blick auf das zu tun, was dort draußen in unwirkliches Licht getaucht war.

In Träumen hatte er solches Licht schon gesehen, Louyos erinnerte sich vage. In Träumen von Welten und Ereignissen, die es gar nicht gab. Jedenfalls nicht in diesem Leben.

Warmes, pulsierendes Grün durchzog dieses Licht, und dort, wo es an das stieß, was auf den ersten Blick wie der Himmel aussah, strahlte es in gleißendem Weiß. Aber natürlich konnte das nicht der Himmel sein – den zehnten Teil eines Tages stieg Louyos ja schon nach unten, und immer weiter nach unten.

Er seufzte. Wonne und Vorfreude durchperlten ihn. Weiter.

So rasch stieg er jetzt die Steinspirale hinunter, dass er immer wieder ausglitt. Doch Louyos spürte keine Schmerzen, stand einfach auf und stieg weiter hinab. Das schon seit Tagen vertraute Verlangen steigerte sich allmählich zur Gier, und diese Gier machte ihn unempfindlich gegen Schmerzen und Einwände seiner Vernunft.

Die Treppe endete in einem kleinen Raum. Die Wände kahl bis auf einige Metallhaken, an denen Felle, Mäntel aus hellem Leder, Schneeschuhe und lederne Handschuhe hingen. In einer Nische lehnten acht oder neun Paar schmale Bretter, mehr als mannshoch, aus sehr glattem Holz und nach oben gebogenen Spitzen. Lederriemen waren in halber Höhe an ihren Oberseiten befestigt. Schmale Schneebretter, vermutete Louyos. Ähnliche Fortbewegungsmittel hatte er schon bei den Stämmen gesehen, die in den Schneehängen der Rockies hausten.

Gesang und Musik klangen jetzt sehr nahe. Eine offene Tür führte in ein gewaltiges Gewölbe. Staunend verharrte Louyos ein paar Atemzüge lang. Die Kuppeldecke schwebte so hoch über ihm, dass er wohl nur mit Mühe einen Speer hätte hinaufwerfen können. Acht Säulen trugen sie.

Ganz vorn erkannte Louyos eine kreuzförmige Skulptur, einen Steintisch und ein paar Reihen hölzerne Bänke. Er erinnerte sich, als Junge in Helena die Ruinen eines ähnlichen Gewölbes gesehen zu haben. Angeblich – die Greise an den abendlichen Feuern in den Gemeinschaftshütten erzählten manchmal davon – hatten die Alten in solchen Riesenhütten ihre Götter verehrt.

Der Gesang hallte von Decken und Wänden wider. Doch seine Quelle konnte Louyos noch nirgends entdecken.

Er wandte sich nach links. Licht flutete durch ein Bogenportal in das Gewölbe; und mit dem Licht der bezaubernde Gesang. Louyos Herz pochte ihm in Kehle und Lenden, während er sich auf das etwa zehn Schritte entfernte Portal zu bewegte. Eilig hatte er es jetzt nicht mehr; er wusste, dass er am Ziel angekommen war.

Auf der Schwelle schloss er geblendet die Augen. Wudan! Wie lange hatte er solch helles Licht nicht gesehen! Und solche Wärme auf der Haut gespürt! Er stützte sich mit der Linken am Portalrahmen ab. Selbst das Gestein fühlte sich warm an. Und der Gesang! Dieser göttliche Gesang! Er wärmte nicht nur sein Herz, er brachte sein Blut zum sieden.

Details

Seiten
140
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939644
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
gipfel kometen lennox welt zeitalter

Autor

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Titel: Das Zeitalter des Kometen #19: Lennox auf dem Gipfel der Welt