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Von Arkham bis Kadath - Sechs Novellen und Erzählungen

2020 203 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Michael Minnis: VON ARKHAM BIS KADATH

Klappentext

REGENNASSEN STRASSE

1

2

3

4

5

6

EINEN ROTEN FERRARI

1

2

3

4

MAASTRICHT-KREIDE

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Der Stich eines Insekts

1

2

3

4

5

6

7

8

9

EINES GESICHTS

1

2

3

4

5

EIN GESCHENK AUS LENG

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Michael Minnis: VON ARKHAM BIS KADATH

Sechs Novellen und Erzählungen

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Texte by Author / Cover: Steve Mayer nach Motiven, 2020

Übersetzung/Bearbeitung: Jörg Martin Munsonius

Korrektorat: Christian Dörge

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Klappentext

Es gab keinen Wind, der die unheimliche Materie bewegte, und mit wachsendem Entsetzen wurde Connor klar, dass sie selbst lebendig sein musste. Es gab keine andere Erklärung für die Art und Weise, wie sie sich sonst nach vorne schlängeln konnte und sich gleich einer schwarzen Schlange um den Garderobenständer wand, bis sie O'Reillys Arme zu verschlingen drohte.

Blinde weiße Augen brachen wie Geschwüre auf der schwarzen Oberfläche hervor und rollten wie verrückt hin und her.

O'Reillys Mund verzog sich, sein Kiefer malte fast lautlos.

Er wirkte hilflos, hielt den Garderobenständer aber weiter fest in den Händen.

Aber es war nicht das Ding, das einer schwarzen Schlange glich, welches ihn zum Schreien brachte.

Es war etwas anderes, das wie Schleim durch das Portal strömte; eine trübe Masse, die den Dachboden überschwemmte, kochend und brodelnd wie Schwefelsäure.

 

Michael Minnis hat viele seiner Erzählungen und Novellen ganz dem Kosmos H. P. Lovecrafts untergeordnet, und dies gelingt ihm auf handwerklich versierte Art.

Die in diesem Band enthaltenen Novellen und Erzählungen spiegeln das Interesse des Autors für Lovecrafts Räume, Zeiten und Orte wieder, egal, ob sie als Dark Fantasy oder als Erzählung aus der Frühzeit des Wilden Westens daherkommen.

Kadath, Leng, Arkham oder Innsmouth – Michael Minnis nimmt den Leser an die Hand und führt ihn zu den Schauplätzen seines großen Vorbildes.

 

 

 

 

EIN ALTES HAUS AN EINER

REGENNASSEN STRASSE

(Brick House On A Wet Street)

 

 

 

1

»Das ist es also?«, fragte Ippleston.

Er klang gelangweilt.

Ippleston klang immer gelangweilt.

»Ja«, antwortete Connor und betrachtete die auf einen Post-It gekritzelte Adresse.

2-3-1-8 Ecke Wyndham und Meade.

Ippleston stoppte den alten Ford-Pickup in einer Einfahrt, die altersbedingt Löcher und Risse hatte.

Connor starrte durch den Dunst des Frühlingsregens auf die Adresse des Hauses: 2-3-1, stand da in Messingbuchstaben die dunkel und mit Patina überzogen waren.

2-3-1-8.

Die letzte Zahl fehlte, was Connor seltsam fand - sollten Professoren nicht pingelig sein und endlos über Details streiten?

Das Geräusch einer zuschlagenden Tür riss Connor aus seinen Gedanken.

Ippleston stand neben dem Pickup und studierte das Haus, die Daumen dabei im Bund seiner Jeans eingehakt.

Sein Gesicht war das eines schmierigen Stummfilmkomikers - halb verschlafen, halb nachdenklich, sein Haar flach an den Schädel geklatscht, weder wirklich rot noch ganz braun. Verwaschen eben.

»Was war noch mal das Fachgebiet dieses Typen?«, fragte er. »Professor für Antro... so und so... anner...«

»Anthropologie«, antwortete Connor, der jüngere der beiden Männer.

Er stieg ebenfalls aus dem Pickup.

Der Nieselregen und die feuchte Luft netzten sein Hemd, legten sich wie ein dünner Schweißfilm auf seine Haut.

Regentropfen fielen von Blättern und Ästen, kalte Schläge auf seine Schultern, winzige Schläge auf seine Baseballmütze.

»Ist das die Hölle?«, sinnierte er mit gewissen Sarkasmus in seiner Stimme.

»Es heißt Studium des Menschen«, antwortete Connor.

»Das bedeutet, dass er sich für verschiedene Kulturen interessierte, so etwas in der Art.

Ich hatte ihn vor einigen Jahren kennengelernt. Er interessierte sich für Sozialwissenschaften, machte aber gern auch Party. Er hat sich wirklich für die orientalische Kultur interessiert.

China. Südostasien.

»Hm...«

»Schätze, sein größtes Interesse hatte er an Tibet. Er reiste immer wieder dorthin, um die Menschen und ihre Kultur zu studieren. Er war oft dort, monatelang.

Er fing immer wieder an darüber zu sprechen, über Mönche und Schreine und Berge und endlos scheinende Hochebenen...

'Ich war auf dem Gipfel der Welt, müsst ihr wissen', erzählte er uns launig während eine seiner Vorlesungen, 'und es ist ein seltsamer, sehr seltsamer Ort.'

Dann lächelte er versponnen und sagte: 'Pop Quiz!'

»Huh«, brummte Ippleston und verdrehte die Augen.

Connor wusste, dass für Ippleston Tibet, Sozialwissenschaften und das College alles ein und dasselbe war: abgelegene Länder, die er nicht vorhatte, in nächster Zeit zu besuchen.

Ippleston warf einen Blick auf den zugewachsenen Hof und pfiff leise seine Enttäuschung heraus.

»Es scheint, dass Professor Kung-Fu öfter zu Hause hätte bleiben und sich um die Dinge des täglichen Lebens hätte kümmern sollen. Sieh dir den ungepflegten Hof an...«

Connor nickte.

Das nasse Gras reichte ihm fast bis zu den Knien.

Es war stellenweise verwelkt. Der Steinplattenweg, der zur Haustür führte, war dadurch ziemlich überwuchert.

Die Büsche, einst vielleicht akkurat geschnitten, waren nun unregelmäßig und wucherten, dicke Büsche von lebhaftem Grün, ebenso wie die Hecke, die den Hof zu den Nachbarn begrenzte.

Das Haus selbst wirkte düster und vielfach von kriechenden Reben, scharlachfarbenem Sumach und einigen schlecht aussehenden Tannenbäumen im Schatten zwischen toten und staubigen Olivenbäumen eingesponnen.

Der Bürgersteig war, wie die Einfahrt, eine tektonische Platte, mit Rissen überzogen und dunklen Pfützen, die mit toten Blättern, Samen, Pappelsporen und winzigen Spinnennetzen vermischt waren. Würmer krochen über den Bürgersteig - die toten lagen weiß und still im Wasser.

Connor mied sie mit akribischer Abscheu.

 

 

2

Alter und Verwitterung hatten das Haus unattraktiv gemacht.

Es schien dies zu wissen, da es sich hinter den Weinreben und Büschen versteckte.

Es war ein schlichtes Haus, ohne Vorsprünge und Erker, nur Ziegelstein und solides Dach...

Die Fenster waren winzig – spendeten wohl wenig Licht in den Räumen.

Sie wirkten altersschwach und staubig-blind – da wurde nicht viel geputzt. Die Farbe von den Rahmen schälte sich stellenweise ab, das Glas war trüb wie ein totes Auge.

Die Dachziegel waren bemoost. Ein Zwillingsschornstein auf dem Dachfirst über den Eingang.

Der Gesamteindruck: in die Jahre gekommen – ohne die Hand eines Handwerkes der es in Schuss hielt. Abgesehen vielleicht von einem runden Fenster, das hoch in der Wand über der Eingangstür angebracht war.

Es war so dunkel, dass es so aussah, als würde das Glas gänzlich fehlen.

»Siehst du das Fenster da oben?«, fragte Connor grinsend. Er verschränkte die Arme, zupfte an seinem Spitzbart.

»Ja... was ist damit?«

»Geh mal ein wenig herum. Und sag mir, was passiert.«

Ippleston zuckte mit den Schultern und ging ein paar Schritte nach links, dann nach rechts, wobei er wie ein kleiner Elefant eine Schneise durch das Gras trampelte.

Eine Zeit lang schien er verwirrt, schielte unbeeindruckt auf das schwarze Portal hoch über der Tür.

»Was soll das... ich werde nass, Connor.«

»Ich weiß. Schau einfach noch einmal genau hin. Du wirst es gleich sehen.«

Dann kam Ippleston abrupt zum Stillstand, starrte wieder zum Fenster.

»Huh!«

»Siehst du es?«

»Ja.«

»Was denkst du?«

»Irgendwie eigenartig... zur Hölle, ich weiß es nicht. Sieht aus wie ein kräuselndes, blinkendes, sternenübersätes Ding, weißt du? Wie eine dieser Ölpfützen, die man auf einem Parkplatz sieht, nur anders. Scheiße, das ist seltsam.«

Connor nickte zufrieden.

Dass er Ipplestons Interesse geweckt hatte, war schon ein kleiner Erfolg. Der dicke Mann schüttelte seinen Kopf wie ein verwirrter Hund. Er wich ein Stück zurück und ging dann wieder vorwärts. Von dort aus, wo Connor stand, wirkte das Fenster harmlos und leer.

Aber er wusste, wenn er sich bewegte, würde sich das spiegelnde Glas irgendwie verändern.

Er glaubte, so etwas schon einmal gesehen zu haben.

Ippleston schaute sich neugierig um und hinauf in den Himmel.

»Nein«, sagte Connor, »es ist nicht die Sonne oder so, oder das diesige Regenwetter oder das wechselnde Licht von Tag oder Nacht, oder was auch immer.«

»Merkwürdig.«

»Das ist noch nett ausgedrückt.«

»Ist das ein Tibet-Ding, von dem du gesprochen hast?«

»Ich weiß nicht... ich bin mir nicht sicher.«

Connor starrte noch einmal schweigend hinauf zu dem runden Fenster mit dem reflektierenden Glas.

Dann gab er sich einen Ruck.

»Komm schon - O'Reilly wird sauer, wenn wir trödeln.«

Er lief zum hinteren Teil des Pickups und ging in Gedanken den Inhalt der Kisten durch: Gummihandschuhe - Besen - schwere Müllsäcke – Papierhandtücher – Teppichreiniger.
Ippleston schnaubte.

»Scheiß auf O'Reilly. Wenn er so dringend auf eine Hausreinigung besteht, soll er doch selbst seinen Arsch hierher bewegen.«

»Ja... aber sei vorsichtig, was du über ihn sagst. Das ist ungefähr die Zeit, in der er auftaucht, um nach uns zu sehen.«

»Ich weiß. Wenn es so weiter regnet, wird er bestimmt vorbeikommen. Und er wird sauer sein, dass sein Golfspiel gecancelt wurde.«

Connor kicherte zustimmend.

O'Reilly besaß eine Reihe alter Häuser in dieser Nachbarschaft und vermietete sie an so ziemlich jeden, der einmal im Monat die Miete bar zahlen konnte: Teilzeitangestellte von der nahen Fakultät; alte Leute, die von ihren mickrigen Renten lebten; launische Kunststudenten mit dem Hauptfach »Träge Gleichgültigkeit«; junge Paare ohne viel Kohle, sogar vor Spinnern und Verrückte machte er nicht halt. Der Mann, welcher das jetzt kurzfristig anmieten wollte, gehörte wohl zu letzterer Sorte. Natürlich kümmerte das O'Reilly nicht wirklich.

»Hast du auch die Farbe dabei?«, fragte Connor, seine Arme mit den Reinigungsutensilien beladen.

»Ja... antikes Weiß, richtig?«

»Ja.«

Connor hat die Eingangstür aufgeschlossen. Sie schwang mit einem hohen, dünnen Quietschen zurück und hörte sich wie ein Nagel an, der aus altem Holz gezogen wird.

Der Vorraum war dunkel, eng und muffig.

Das folgende Zimmer zur rechten Seite war mit einem imposanten, aus Feldsteinen errichteten Kamin als Blickfang dekoriert. Dann folgte etwas, das wie ein Esszimmer oder ein Arbeitszimmer aussah. An den Wänden zeichneten sich Schattenumrisse ab, wo vorher Bilder gehangen hatten.

Der Teppich war alt, verfilzt - in einem Farbton irgendwo zwischen Ocker und Beige.

Von den Möbeln war nur noch sehr wenig übrig - eine billige alte Couch, deren Nähte stellenweise aufplatzten, ein Schaukelstuhl und ein leeres Bücherregal.

An der hinteren Wand befand sich eine Treppe.

Ippleston pfiff wieder leise.

»Hier riecht es muffig-feucht, als würden Schimmelpilze wachsen. Hat der Typ nie ein Fenster geöffnet?«

»Scheiße, das findest Du schon schlimm? Du hättest hier sein sollen, als sie den Kerl gefunden haben.«

Ippleston runzelte die Stirn.

»Wovon redest du?«

Connor setzte die Reinigungswerkzeuge ab und genoss den Augenblick und die Aufmerksamkeit.

»Er starb hier im Haus. Letzten Sommer.«

»Oh, komm schon...«

»Nein. Wirklich. Das war im letzten Sommer. Der Typ ist einfach so umgefallen und verstorben. Scheiße, er muss so um die siebzig, fünfundsiebzig Jahre alt gewesen sein. Ja, er ist abgekratzt und es dauerte vielleicht zwei, drei Wochen, bis ihn jemand gefunden hat. Er war schon ziemlich verwest, habe ich gehört. Es wimmelte um seine Leiche nur so von Würmern. Maden. Alle möglichen fiesen Dinge.«

Ippleston schauderte unwillkürlich.

»Ähh... man, ich kann damit umgehen, hinter Leuten aufräumen zu müssen, aber nicht die Hinterlassenschaften von Toten zu beseitigen. O'Reilly hat mir ganz sicher nichts davon gesagt.«

Sein dickes Gesicht wirkte nachdenklich.

»Wo haben sie ihn überhaupt gefunden?«

»Oben auf dem Dachboden.«

Ippleston rollte mit den Augen.

»Oh, natürlich... der Dachboden.«

Er summte ein paar Takte unheilvoller Musik.

»Nein. Wirklich, da haben sie den Kerl gefunden«, betonte Connor.

»Ich meine es ernst.«

Ippleston kicherte.

Connor zuckte die Achseln, als ob ihn die Angelegenheit nicht länger interessierte. Sie hatten eine Menge Arbeit vor sich, die er nur widerwillig in Angriff nehmen wollte. Auch die Atmosphäre des Hauses trug nicht gerade dazu bei, seinen Arbeitseifer zu motivieren.

Im Haus war es einfach nur still und feucht.

Er öffnete schnell ein Fenster.

Draußen hatte es stärker zu regnen begonnen, ein plätscherndes monotones Rauschen drang durch das Erdgeschoss.

Die Fensterbänke waren voller toter Insekten und mit Staub und Spinnweben überzogen.

O'Reilly hatte Recht: Eine lästige Pflichtaufgabe und dazu noch schlecht bezahlt.

»Nun, wo sollen wir anfangen?«, fragte Ippleston.

Connor kaute auf seiner Unterlippe herum.

»Ich weiß nicht. Für mich sieht das hier alles ziemlich schlimm aus.«

»O'Reilly sagte, man solle von unten anfangen und sich nach oben arbeiten. Küche und Bad sollen die schlimmsten Stellen sein. Er sagte auch, dass Kaperski sich gemeldet habe, um den Keller und den Dachboden Instand zu setzen. Es gibt also wohl ein wenig Gerechtigkeit...«

»Was ist mit dem Dachboden?«

»Da oben haben wir nichts zu suchen. Da gibt es nur einen Haufen alten Schrotts, den der verstorbene Professor aus Tibet oder sonst wo her mitgebracht hat. Er meinte weiter, er sei nicht allzu scharf darauf, dass einer von uns durch die Decke morsche Decke bricht.«

Connor schnaubte höhnisch.

»Als ob ihn das wirklich kratzen würde. Gut - lass uns erst die Küche saubermachen.«

 

 

3

Die Küche, deren Wände in einem verblassten und unansehnlichen Gelbgrün gestrichen waren, erinnerten Connor an Galle, Gift und andere Krankheiten.

Die Arbeitsplatten waren fleckig, die Einbauten alt und das Holz angelaufen. In dem abgenutzten und schmutzigen Linoleum am Boden wiederholten sich die gleichen geschmacklosen Schattierungen der Wände: blassgelb und graugrün.

Die Küchengeräte waren alt und schon zu lange in Gebrauch gewesen.

Der Gipsdecke war fleckig und Teile der darüber gestrichenen Farbe abgeblättert und knirschte nun unter ihren Füßen.

Ippleston fegte zuerst und begann dann, den Boden mit einer harten Bürste und Seife zu schrubben. In wenigen Augenblicken war er schweißgetränkt. Unter seinen Armen und auf seinem Rücken bildeten sich fleckige Muster.

Connor machte sich an die Arbeitsplatten, die schraffierte Muster von Messerschnitten und Kratzer aufwiesen. Er fragte sich, wie der Professor hier hatte hausen können ohne krank zu werden.

Er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Es war ein Job, nicht mehr...

Sie waren fast eine Stunde jeder mit seiner Arbeit beschäftigt, bevor Ippleston wieder etwas sagte.

»Kaperski sagt doch, man habe diesen Kerl auf dem Dachboden gefunden?«

»Ja. So hat er es mir erzählt.«

»Sein Tod - natürliche Ursache?«

»Nun... ja und nein.«

»Ja und nein? Wovon zum Teufel redest du?«

Connor schrubbte die Arbeitsplatte eine Zeit lang schweigend weiter und schien zu überlegen.

»Nun, das ist es, was Kaperski sagte. Nicht ich... Kaperski meinte, Professor Geeves... sei zertrampelt worden.«

Ipplestons verschwitzte Stirn wirkte auf einmal ganz zerfurcht.

Er wischte mit dem Handrücken darüber.

»Zertrampelt? Platt gemacht?«

»Ja, nicht ganz flach. Aber doch flach genug. Die meisten seiner Knochen im Körper waren gebrochen. Sein Schädel wurde zertrümmert. In den Lokal-Nachrichten wurde ein Mord nicht ausgeschlossen. Es sind aber keine Details bekannt geworden. Und da der Typ keine Freunde oder Verwandte zu haben schien, wurde der Fall ziemlich schnell zu den Akten gelegt.«

»Ja, aber... zertrampelt? Da hat sich aber einer eine Menge Arbeit gemacht, um einen Mann zu töten.«

Connor lehnte sich gegen den Tresen.

Ihm schienen die seltsamen Aspekte menschlichen Verhaltens nicht unbekannt zu sein.

»Ja. Aber die Leute machen manchmal ziemlich seltsame Sachen. Oder es war ein Psycho... oder ein Mordritual. Denk an die Verrückten, zum Beispiel der »Son of Sam«, der hinterließ extra Hinweise für die Polizei. Oder dieser Ed Gein aus Wisconsin, der Lampenschirme aus der Haut der Leute machte. Der Zodiac-Killer. Das ist alles ziemlich obskures Zeug.«

»Scheiße, kein Wunder, dass du keine Freundin hast«, meinte Ippleston mit einem wissenden Lächeln.

»Was du so über diese kranken Dinge weißt.«

»Kranke Dinge? Du bist ja diesem Typen, dem Professor der hier hauste, nicht begegnet. Ich meine, zu Beginn des Semesters schien er ganz in Ordnung, aber danach ging es mit ihm nur noch bergab. Er kam immer öfter nicht zum Unterricht. Er gab seine Vorlesungsnotizen einem Doktoranden aus Osteuropa, der kaum Englisch sprechen konnte.

Wir hatten eine Zwischenprüfung - die ich übrigens versaut habe - aber keine Abschlussprüfung.

Ich kam einmal hier bei ihm vorbei, um mit ihm über meine Note zu sprechen. Das Arschloch war fast nie in seinem Büro, also bin ich die zwei, drei Meilen vom Campus hierher gelaufen. Jedenfalls war ich schon einmal hier und schon damals sah es irgendwie merkwürdig aus. Der Rasen war da auch schon fast völlig verdorrt. Überall lagen Blätter, die niemand zusammen harkte. Und die Büsche, die wucherten nach allen Richtungen. Keiner schien sich um den Zustand des Gartens zu kümmern. Irgendwie wie jetzt.«

Er hing einen Moment seinen Gedanken nach.

»Und ich denke: Verdammt, hier sieht es irgendwie eigenartig aus. Ich erinnere mich noch – es war ein dicht bewölkter Tag im Oktober. Schon ziemlich kühl. Man konnte in der Luft schon den Winter riechen. Also, ich klopfte hier an seiner Tür. Keiner machte auf. Ich klopfte wieder an. Nichts.

Jetzt wurde ich sauer, weil »Goddard-was-auch-immer« eine Notiz hinterlegt hatte, ich solle ihn nach dem Unterricht zu Hause treffen. Schließlich macht der Typ die Tür auf.

Mann, der hat mir eine Gänsehaut gemacht. Das Lustige war, dass ich den Kerl bis zu diesem Zeitpunkt nie richtig gesehen habe, ich hatte ihn nie aus der Nähe gesehen, denn er unterrichtete in einem großen Hörsaal und ich befand mich immer ganz oben in den letzten Reihen.«

Er unterbrach sich wieder. Schien seiner Erinnerung nachzuhängen.

»Es war seltsam... aber man sah ihn nicht gerne an. Ich meine, er wirkte nicht unheimlich oder so. Aber er war eigenartig. Richtig blass, sogar blasser als einige der Computerfreaks, die ständig im Labor herumhängen. Seine Haare waren raspelkurz. Meist wirkte er aus der Entfernung, als würde er schon eine Glatze haben. Und dann dieser kleine verschmiert wirkende Schnurrbart wie bei einem der uralten Filmstars und dazu eine runde Brille auf der Nase. Er schien die Studenten aus zusammengekniffenen, böse blickenden Augen zu mustern. Scheiße, er sah selbst irgendwie tibetisch aus. Ein Vollmondgesicht. Und er hatte diesen Gesichtsausdruck... als ob er wirklich auf der Hut vor einem war - doch da war noch mehr - man musste auch auf der Hut vor ihm sein.

Als wärst du ein Käfer und er schätzte ab, ob er dich einfangen würde oder doch einfach wegfliegen. Er hatte etwas Verschlagenes an sich, so eine richtige Verbrechervisage.«

»Huh.« Ippleston atmete hörbar aus. Kommentierte aber nichts weiter, sondern hörte weiter gespannt zu.

»Und er war auch sehr behaart. Was oben auf seinem Kopf fehlte... schwarze Haare. Man konnte sehen, wie sie von seiner behaarten Brust aus seinem Hemdkragen wuchsen. Auch seine Arme waren stark behaart. Wenn er an der Tafel dozierte und das Hemd ein wenig hoch rutschte, sah es aus wie in einem wuchernden Urwald. Man konnte den Eindruck gewinnen, als hätte er ein Gorillakostüm an.

Er öffnete also irgendwann die Tür. Er starrte mich so lange schweigend an, dass ich anfing, mich unwohl zu fühlen. Dann erinnert er sich schließlich an mich und sagte: 'Oh ja. Connor, nicht wahr? Dann komm rein, Junge. Setz dich.'`«

»Was? Du meinst, kein unheimlicher Frosch ist an die Tür gegangen?«

Connor blickte Ippleston strafend an.

»Wenn du dich über mich lustig machen willst, erzähle ich nicht weiter, was dann passiert ist.«

»OK. OK. Ich will dich nicht verarschen. Ich mache nur etwas Spaß. Sei froh, dass O'Reilly nicht hier ist. Er würde uns in den Arsch treten, wenn wir nur reden, statt zu arbeiten.«

Ippleston schrubbte wieder den Boden.

»Jedenfalls bat mich Professor Greeves ins Wohnzimmer - der Raum mit dem Kamin - und da standen noch all die Sachen aus Tibet und Nepal rum. Ich meine, ich rede von Dingen, die wahrscheinlich etwas Geld wert waren; kleine Jade-Figuren, Totenmasken, Gebetsperlen und Kunstwerke die an den Wänden hingen. Der Kerl hatte sogar einen wohl handgearbeiteten Tempel- Gong aus Nepal. Ich meine es ernst. Überall, wo man in dem Raum hinsah, war etwas Seltsames zu sehen. Ich meine, es war wie in einem Antiquitätenladen.«

Connor atmete geräuschvoll aus und sah weiter zu, wie Ippleston mit kreisenden Bewegungen weiter den Boden bearbeitete.

»Der Kamin brannte, und die Vorhänge waren geschlossen und es war es irgendwie stickig – genau wie heute hier im Haus.

Und da war diese schreckliche Kuckucksuhr über dem Kamin, irgendein dunkles, hässliches Ding, das tickt und mich irgendwie schläfrig machte. Doch ich fühlte mich auch unwohl und war deshalb aufmerksam. Er setzte sich auf einen Schaukelstuhl mir gegenüber und faltete seine Hände.

'Und?', fragte er.

Ich erwiderte: 'Und was?'

'Sie sind hier, um Ihre Note zu besprechen, richtig? Ich bekomme nicht viele Besucher...'

Dabei lächelte er, als ob er einen kleinen Witz gemacht hätte.

'Ach, ihr Studenten mit euren Fragen nach Empfehlungsschreiben. Bestanden oder nicht bestanden. Noten. Was man noch für eine bessere Note tun müsste.'

Doch dann brach er ab, schien am Thema Noten nicht mehr interessiert und fragte übergangslos, ob ich glauben würde, ob es heute noch regnet.

Weißt du, ich war etwas überrascht, verneinte aber, weil ich dachte, dann käme er schnell wieder auf das Thema der Noten.

Doch er sagte: 'Regen bringt die Würmer hervor', und dann fragte er mich, ob ich einen Tee haben mochte.

Und ich darauf: 'Sicher, ich nehme einen Tee.' Also verließ Goddard das Zimmer und ging in die Küche. Ich wartete und wartete. Er war eine gefühlte Ewigkeit weg. Also stand ich auf und lief herum, guckte um zu sehen, was dieser Prof in seiner Freizeit machte.

Kein Fernsehen. Kein Radio oder so was. Keine Zeitschriften.

Nur all dieses seltsame Zeug, und manches davon musste wirklich alt sein.

Er war immer noch in der Küche, als ich dieses Geräusch von oben hörte. Ein lautes, lang anhaltendes Knarren, als ob das ganze Haus sich immer noch setzte und dann ein unrhythmisches Klopfen, als ob jemand gestürzt wäre.

Ich meine, es war wirklich laut. Unüberhörbar. Also ging ich zur Treppe, um zu sehen, was sich da oben abspielen mochte.

Dann dachte ich: Keine gute Idee - also ging ich quer durchs Esszimmer Richtung Küchentür, um nach ihm zu sehen.

Draußen nahm der Wind zu, und die Äste der Bäume schwankten und warfen mehr und mehr von ihrem Herbstlaub ab.«

Die Erinnerung an den Besuch machte Connor wieder unruhig, selbst jetzt, wo Professor Greeves tot und das Haus leer war.

Oder war es das Haus selbst, dessen morbide Atmosphäre an seinen Nerven zerrte. Das war ziemlich sicher der Schauplatz eines bizarren Verbrechens...

Hier hatte ein Mord stattgefunden – die Atmosphäre blieb für Connor immer noch beklemmend. Schließlich konnte eine große knorrige Eiche ihre Blätter verlieren, aber sie blieb trotzdem ein Baum. Und auch ohne den Toten, blieb das Haus weiter ein Ort des Verbrechens, fand er.

»Hast du Angst?«, fragte Ippleston und hörte mit dem Scheuern auf.

»Was? Du meinst hier und jetzt?«

»Nein... ich meinte damals.«

Connor lachte unbehaglich.

»Eigentlich irgendwie beides. Ich mochte dieses Haus schon bei meinem ersten Besuch nicht, und ich mag es heute immer noch nicht.«

»Ja... O'Reilly vermietet manchmal richtige Bruchbuden. Er hat auch ein Haus in der Nähe des Waldes in der Dyer Street, das schon aus der Entfernung wie ein großes altes Spukhaus aussieht. Ich meine, es fehlen am Dach Schindeln und es blättert überall die Farbe ab. Die Fenster im Erdgeschoss sind vernagelt. Dieses Ort hier ist nicht halb so schlimm, soweit ich das beurteilen kann. Doch oft kauft er Häuser, die kann man eigentlich nur noch abreißen.

Er stellt wohl keine Fragen oder schaut sich die Orte genauer an. Hauptsache, man kann sie noch vermieten – an Leute die selber keine Fragen stellen. Ich könnte schwören, er mag Spinner – solange man die Miete bezahlt.«

»Ja...«

Weiter kamen sie nicht.

»Spinner, was?« Die Stimme kam von der Eingangstür.

Sie klang ein wenig gereizt und in ihr schwang ein autoritärer Unterton mit.

Connor schluckte verlegen - O'Reilly war vorbeigekommen, wie er es gelegentlich tat, um nach seinen Mitarbeitern zu sehen.

Scheißkerl!

O'Reilly stand in der Küchentür, die Handflächen an beiden Türpfosten, angelehnt. Tief gebräunte Haut stand in beißendem Kontrast zu den weißen Shorts und einem gelben Sporthemd.

Obwohl der Frühlingstag grau und feucht war, trug er eine verspiegelte Sonnenbrille und ein rotes Cap. Connor stellte fest, dass der Mann sehr gereizt war; sein Golfspiel war sprichwörtlich ins Wasser gefallen - und er hatte doch nur am Wochenende Zeit zum Spielen.

O'Reilly schlenderte in die Küche.

Ippleston beobachtete ihn aufmerksam.

»Weiter seid ihr beide noch nicht gekommen? Nur die Küche?«

»Wir hatten es schwer, das Haus zu finden, Dan«, log Ippleston schwach.

O'Reilly öffnete und schloss Küchenschränke, als ob er etwas suchte. Er hatte dabei einen mürrischen Gesichtsausdruck.

»Schwer? Wie? 3218, Ecke Wyndham und Meade, ganz in der Nähe wo doch alle Straßen nach Bürgerkriegsgenerälen benannt sind. Wo das College ist. Sucht das alte Backsteinhaus mit dem seltsamen runden Fenster. Ich dachte, ihr College-Jungs kennt alle Häuser in eurer Umgebung Mr. Ippleston.«

»Eine der Zahlen fehlte, Mr. O'Reilly«, sagte Connor in spöttischer Aufrichtigkeit.

O'Reilly stieß einen großen Seufzer der Resignation aus.

»Gut. Wie auch immer. Mein Gott, zuerst wird mir mein Spiel vermiest, bevor ich auch nur drei Löcher gespielt habe, dann werde ich auf dem Weg hierher fast von hinten gerammt und zu allem Überfluss finde ich euch beide in der Küche und muss hören, wie ihr über mich und meine Mieter wie ein paar alte Waschweiber tratscht. Irgendwie seid ihr nervig, findet ihr nicht?«

Weder Ippleston noch Connor antworteten darauf.

O'Reilly lehnte sich an den Küchentresen und starrte aus dem schmutzigen Fenster auf das benachbarte Haus. Draußen fiel Regen in dichten Schleiern.

»Ihr habt Glück, Kaperski fehlt heute und ich komme mit dem Wochenziel in Verzug.«

Er schüttelte unwirsch den Kopf.

»Ihr müsst euch ranhalten, das Haus muss schnell wieder in vorzeigbaren Zustand sein.

Nun, trödelt nicht weiter. Ich muss mich derweil hier um ein paar andere Dinge kümmern.

Telefonate und so weiter.«

Connor rollte mit den Augen. Da geht er wieder und versucht, wie ein echter Geschäftsmann zu klingen... und jetzt haben wir ihn bestimmt für den Rest des Tages am Hals.

O'Reilly trommelte unruhig mit den Fingern auf dem Tisch. Dann schlug er mit der flachen Handfläche auf die Arbeitsplatte, ein harter Schlag, der Connor und sogar den sonst unerschütterlichen Ippleston zusammenzucken ließ.

»Und verdammt noch mal, öffnet einige dieser Fenster, damit der Geruch aus diesem Haus entweichen kann!«

O'Reilly selbst begann mit dem Küchenfenster zu ringen, das sich trotz Rütteln und Klopfen als hartnäckig erwies. Er begann zu fluchen und es klang immer wütender.

»Komm«, sagte Ippleston zu Connor, »lass uns die anderen Fenster aufmachen. Sei vorsichtig, Dan. Der Boden ist hier irgendwie nass.«

»Ja, ähm, was auch immer.«

Er mühte sich weiter mit dem Fenster ab.

Ippleston und Connor öffneten derweil das große Esszimmerfenster.

Anschließend machten sie sich an die drei Fenster im Wohnzimmer. Im Haus wurde es schnell noch kühler und feuchter vom Regen, nur der hartnäckige Modergeruch wollte nicht nachlassen. Die Fensterbänke waren voller Staub und alter Spinnweben.

Wuchernde Büsche verhinderten den freien Blick auf das Nachbarhaus; Spinnennetze glitzerten in ihren Zweigen wie hauchdünne, mit Regentropfen aufgefädelte Halsketten.

»Auch die Fenster im Obergeschoss, Dan?«, fragte Ippleston.

Eine unhörbare Antwort.

»WAS?«

»JA!« Auf seine Antwort folgten ein Fluch und ein heftiger Aufprall, dem noch mehr Flüche folgten.

 

 

4

Die Treppe war aus Holz, abgenutzt, aber mehrmals nachgebeizt. Das Treppenhaus war hoch und schmal bis zur Klaustrophobie. Connor blickte nach oben in Richtung der schrägen Decke und ihm wurde dabei fast schwindlig. Er und Ippleston bogen um eine Ecke, und sie waren oben, in einer Art Foyer.

Vor ihnen waren vier Türen, zwei zur linken Seite, die anderen beiden auf der gegenüberliegenden Seite.

Das Foyer, in dem es keine Fenster gab, war sehr dunkel, und hier war es noch stickiger als im Erdgeschoss.

Connor drückte auf einen Lichtschalter. Die einzelne Deckenlampe warf ein diffuses, trübseliges Licht über das Foyer und ließ die beiden Männer blass und wie ertrunken erscheinen.

»Badezimmer, Schlafzimmer, Schlafzimmer, Abstellraum«, dozierte Connor und tippte nacheinander jede Tür von links nach rechts an.

»Der Abstellraum ist derjenige, der zum Dachboden führt.«

»Huh! - was ist übrigens weiter mit dir und dem Professor passiert?«

Sie sprachen noch einmal über ihn, als »Dan the Man« von unten im Erdgeschoss anfing wegen ihrer Arbeitshaltung schlechte Laune zu verbreiten.

»Lass uns zuerst in einen der Räume gehen, damit O'Reilly uns nicht weiter hört.«

Sie betraten das erste Schlafzimmer.

Es war völlig leer. Der Fußboden war wie die Treppe aus polierten alten Holzdielen und quietschte unter den Füßen; Gipsstaub lag in winzigen, sporadisch auftretenden Schichten auf ihm.

Die Tapeten lösten sich in langen Streifen von einem der Wände. Connor dachte unwillkürlich an abgeschälte Schlangenhaut und schauderte.

Dünne Lichtstreifen fielen durch die verschmutzten Fenster in den Raum und hinterließen auf dem Boden steile Winkel aus Licht und Schatten. Die Häuser auf der anderen Straßenseite verschwanden hinter dichten Regenschleiern.

»Verdammt... schau dir die Decke an«, sagte Ippleston.

Die Decke bröckelte großflächig.

Winzige Risse durchzogen seine Oberfläche wie der ausgetrocknete Schlamm eines toten Flussbettes. Mehrere, viel größere Risse verliefen über die gesamte Länge des ganzen Raumes.

»O'Reilly wird ausflippen, wenn er das sieht«, stellte Connor trocken fest.

»Hm.«

Connor hatte den ganzen Raum durchschritten. Staub knirschte in dicken Flocken unter seinen Stiefeln.

»Hier hat sich Professor Kung-Fu also nach einem langen Tag mit seinen Studenten zurückgezogen, was?«, fragte Ippleston.

»Ich schätze, ja«, antwortete Connor und bemühte sich die drei Fenster zu öffnen. Sie leisteten erheblich weniger Widerstand, als die Fenster im Erdgeschoss.

»Er war wirklich schräg drauf, der Professor. Ich meine, er ging also in die Küche. Er blieb dort und machte Tee. Tat vielleicht so, als wäre ich gar nicht da. Er hatte einen Wasserkessel auf dem Herd stehen. Sagte die ganze Zeit kein Wort. Ich sah ihn durch die halb geöffnete Tür am Herd stehen. Ich sage: Hey, ich habe oben etwas fallen hören. Und er antwortete: 'Hmm? Hm... machen Sie sich keine Gedanken darüber. Es ist nur das Haus'. Aber ich hätte schwören können, er sah dabei ein wenig besorgt aus. Er schaute mich nicht einmal an. Ich fragte weiter: Sollten sie nicht nachsehen, ob etwas kaputt ist? Er starrte weiter auf den Kessel. 'Sollen wir, mein junger Student?' Und dann lachte er. 'Sie sind ja ganz schön neugierig, nicht wahr? Aber das ist gut. Ein schwindendes Gut heutzutage - die Neugier. Die Menschen begnügen sich damit, sich sagen zu lassen, was sie denken, fühlen und tun sollen. Wo sind die großen Geister noch? Wo ist der Mensch, der bereit ist, zu den äußeren Bereichen der menschlichen Wahrnehmung und Erfahrung zu reisen?'

Ich ging nicht auf seine philosophische Betrachtung ein und betonte, das ich nicht neugierig sein wollte – es ginge mich ja nichts an, was in dem Haus passierte. Ich habe nur einen Witz gemacht,

vielleicht wollte jemand in seinem Schlafzimmer Dope für die Studenten anbauen. Er seufzte und sagte mir, ich solle ruhig weiter dumme Witze machen...

Warum auch nicht – vielleicht war ja am Ende alles wirklich nur ein dummer Witz. Die Menschheit, unsere Existenz. Das gesamte Universum? Alles nur ein Witz von unheiligen, grausamen Göttern erschaffen. Er zündete sich eine Zigarette an und ignorierte mich wieder. 'Ich denke an einem grausamen Gott', intonierte er düster. Und er schaute durch mich hindurch, blies Rauch in die abgestandene Luft und meinte dann: 'Nein, ich meinte grausame Götter. Nicht einer, sondern viele. Grausame, gewalttätige Götter.' Dann wandte er sich direkt an mich und fragte, ob ich schon einmal etwas vom Tchos-Tchos gehört hätte.

Es war irgendwie ein lustiger Name, und ich lachte. 'Wer?'

Er sagte, es sei ein Volk, das auf der Hochebene von »Tsang« in Tibet lebe, und dass sie nicht zum Lachen seien. Sehr böses kleines Volk, stellte er klar.

'Kaum einer von ihnen ist größer als ein vielleicht neun- oder zehnjähriges Kind.

Alle Schädel kahl wie ein Ei. Waren sie Eurasier? Afrikaner? Kaukasier?

Das konnte ich nicht erkennen. Die Tibeter selbst hatten schreckliche Angst vor ihnen.

Sie waren alle voller Bosheit und stets verschlagen. Und sehr schlau! Trotzdem habe ich mich ihnen genähert. Allein und unbewaffnet.'«

Ippleston schüttelte den Kopf und pfiff leise.

»Ich glaube, der Professor hätte lieber woanders Urlaub machen sollen.«

Sie betraten das zweite Schlafzimmer, das ebenfalls leer war, bis auf ein Holzgestell und die Federkernmatratze eines alten Bettes. Daneben lag ein Stapel vergilbter Zeitungen, darauf ebenfalls Gipsstaub von der Decke und dazu standen ein paar leere Bierflaschen rum. Vielleicht waren Jugendliche zwischenzeitlich in das Haus eingebrochen?

Drei weitere Fenster wurden geöffnet. Connor bemerkte kaum einen Unterschied – das ganze Haus roch weiter muffig, obwohl ein kühler feuchter Windzug durch die Zimmer zog.

»Man könnte meinen, es gäbe haufenweise Ratten oder Mäuse oder so etwas in diesem Haus«, sagte Ippleston.

»Du glaubst mir meine Geschichte nicht, oder?«, fragte Connor.

»Hm? Nein. Ich meine, ja, ich glaube dir, aber ich glaube, der Professor wollte in Tibet mehr als nur die Mönche studieren. Böse Mönche.«

»Was meinst du?«

»Mohn. Vielleicht auch Opium. Ich wette, dass er ein verdammter Haschisch-Raucher war und du ihn auf einem schlechten Trip erwischt hast.«

»Könnte sein. Ich habe aber nichts dergleichen gerochen, bei meinem Besuch. Verdammt, der Professor war seltsam, brauchte wahrscheinlich nicht einmal Drogen, um merkwürdig zu wirken. Er dozierte nur eine Weile über diese »Tchos-Tchos«, beschrieb mir ihre Rituale und als er ein wenig ihr Vertrauen errungen hatte berichtete er auch von einem Ort namens Leng. Ich habe den Professor nicht ganz ernst genommen und fragte ihn, ob dieses Leng etwa das mythische Shangri-La sei. Und er lachte plötzlich gutmütig und schüttelte den Kopf. 'Oh, nein. Oh, nein, nicht ganz. Leng ist nicht Shangri-La. Leng ist nicht das Paradies. Nicht einmal annähernd ein Paradies. Ganz und gar nicht.' Dann wurde er wirklich ernst und beugte sich in verschwörerischer Absicht zu mir vor. 'Ich interessiere mich schon sehr lange für Leng, mein Junge. Ich wollte es mit eigenen Augen sehen, um zu beweisen, dass es existiert - zumindest zeitweise.'

Er erzählt mir von all diesen Büchern, in denen diskutiert wird, ob dieses Leng hier oder dort ist oder ob es in der realen Welt oder ob es nur in einem Freud'schen kollektiven Unbewussten existiert.

Ich war mir zu dieser Zeit nicht sicher, mein lieber Ippleston, ob der Professor noch völlig bei klarem Verstand war. Und er redete noch eindringlicher auf mich ein. Er sprach davon, mit diesen Tchos-Tchos länger gelebt zu leben, mehrere Jahre lang, bis die chinesische Armee im Jahr '49 durchkam. Kannst du dir das vorstellen? Nur mit diesen kleinen zwergwüchsigen Ureinwohnern zu leben? Ich schätze, sie haben ihm ein oder zwei Dinge beigebracht, nach dem, was er vor mir ausbreitete.«

»Was zum Beispiel?«, wollte Ippleston wissen, ehe er auf die Toilette ging.

Die gereizte Anspannung von O'Reillys Stimme kam von unten, undeutlich und gequält, war aber dennoch nicht zu überhören.

Zweifellos telefonierte er mit einem weiteren zufriedenen Mieter, dachte Connor zynisch.

Ippleston rang mit dem winzigen Badezimmerfenster, das fest in seinem Rahmen steckte.

Connor lehnte sich gegen den Türrahmen des Badezimmers.

»Oh... alles Mögliche. Ich meine, du könntest recht damit haben, dass der Kerl Haschisch rauchte, denn einiges von dem, was er mir erzählt hatte, klang einfach unglaubwürdig. Seltsam. Nein, eher bizarr.«

»Ernsthaft?«

»Ernsthaft. Ehe ich mich versah, lief er unruhig in seiner Küche herum und erzählt immer wieder von diesen Tchos-Tchos, und wie sie '49 wussten, dass China in Tibet einmarschieren würde, und wie sie dachten, dass ihr Gott oder ihre Göttin oder was auch immer die Soldaten der Volksbefreiungsarmee alle töten würde - 'sie unter den Füßen ihres Gottes einfach zerquetschen' - waren seine genauen Worte. Sie zu verbrennen, die Armeen aufreiben, sie völlig vernichten. So etwas in der Art. Die Tchos-Tchos hatten keine Angst vor den Soldaten, obwohl die Tibeter alles, was sie hatten, auf ihre Yaks luden und sich verdammt noch mal einfach verdrückten.«

»Huh.«

Sie gingen beide wieder nach unten.

O'Reilly war in einer Art Streitgespräch am Telefon vertieft.

»Hören Sie...hören Sie...würden Sie bitte zuhören?«

Er klang ein wenig verzweifelt. Die beiden Männer blieben auf Abstand und warteten.

»Haben sie über Buddha gesprochen, wenn sie ihren 'Gott' meinten? Diese Tcho-Tcho-Typen?«

»Nein. Ich dachte zuerst, das war es, was der Professor meinte - denn ich meinte, dass Buddha ja eigentlich für eine friedfertige Existenz unter den Völkern stand. Und der Professor lachte mich einfach aus. Sagte 'Frieden?' und schüttelte unwirsch den Kopf. 'Nichts dergleichen. Sie haben nicht verstanden. Aus Leng kommt kein Frieden...' Derjenige, von dem sie sprachen, war der Dreigesichtige Ziegenbock. Die Magna Mater.«

»Die was?«

»Die Große Mutter.«

»Magna Mater... ist das tibetisch oder Tcho-Tcho?«

O'Reilly kam um die Ecke von der Küche und rannte fast in sie hinein.

Seine Sonnenbrille hatte er abgenommen und in den Hemdkragen gesteckt. Er schwitzte heftig.

Seine Augen hatten die Farbe von Schiefer. In seinen Händen hielt er einen Kugelschreiber und einen kleinen Notizblock.

»Das hat ganz schön lange gedauert«, meinte er trocken.

»Einige der Fenster klemmten«, log Ippleston wieder.

»Ja«, sagte Connor.

»Wie auch immer«, stöhnte O'Reilly

Er seufzte und rieb sich die Augen und drückte sie sanft mit den Fingerspitzen. Er begann, im Esszimmer herumzulaufen und sprach mehr mit sich selbst, als zu Ippleston oder Connor.

»Ich habe gerade mit den Chinesen drüben auf dem Stuyvesant telefoniert. Sie sagen, sie hätten Ratten in ihrem Keller. Aber dann kann der Typ die Müllrechnung nicht bezahlen, also kann er offenbar nicht zwei und zwei zusammenzählen und sehen, was los ist. Ich konnte das Arschloch kaum verstehen. Droht mir damit, mich beim Gesundheitsamt des Countys anzuschwärzen, und ich sagte: Gut, ich hoffe, Sie mögen die Mailbox.«

Er läuft weiter auf und ab und scheint nur mit sich selbst sprechen zu wollen.

»Dann erreiche ich Kaperski endlich... und die Dumpfbacke sagt, dass er wegen der Geschehnisse vor einem Jahr keinen Fuß in dieses Haus setzen, geschweige denn darin arbeiten wird. Und ich sage: Jesus! Joe, es ist ja nicht so, als hättest du die Leiche gefunden. Er behauptet doch glatt, dass er einmal hier war, um den Rasen zu mähen, und dass er das Fenster vorne über der Eingangstür nicht mochte... er sagte, er habe das Gefühl, dass er beobachtet werde. Er sagte auch, dass er glaubte, etwas auf dem Dachboden herumschlagen zu hören. Gott-sei-Dank ist er nicht dageblieben, bis er eine Schlange zu Gesicht bekommen hätte. Also sagte ich ihm: Gut, denn die nächste Schlange, in der du dich anstellen wirst, ist die des Arbeitsamtes. Der Bastard.«

O'Reilly seufzt wieder und beachtet die beiden anderen Männer gar nicht.

»Dann versuche ich zu allem Überfluss auch noch, ein paar Verwandte dieses Mannes zu erreichen, die nächsten Angehörigen, was auch immer. Zu meinem Glück hat er praktisch keine Freunde und die meisten seiner Familie sind wohl tot. Wer noch lebt, will nicht einmal über diesen Kerl reden, geschweige denn sein Zeug holen... also sitze ich mit Gott-weiß-wie-viel chinesischem Müll fest...«

»Tibetisch«, korrigierte Connor.

»Es sind tibetische Antiquitäten, Mr. O'Reilly.«

O'Reilly sah ihn einen Moment lang kalt an.

»Ja, was auch immer - also bleibt mir nur Unrat auf dem Dachboden, das meiste davon wahrscheinlich wertlos, dazu muss ich noch Kaperski feuern und dann diese idiotischen Mieter auf Stuyvesant... und zu guter Letzt, versaut mir der Regen mein wöchentliches Golfspiel!«

Er schien sich allen Frust von der Seele geredet zu haben.

»Du brauchst nicht zu schreien, Dan«, sagte Ippleston vorsichtig.

O'Reilly starrte ihn an.

»Ja, wenn ich manchmal nicht schreie, wird es nicht erledigt, Ippleston.«

Keiner der beiden sagte darauf etwas.

»Nun, ich gehe auf den Dachboden, um einen Blick auf einige dieser Sachen zu werfen, egal, was Kaperski da vorhin am Telefon gefaselt hat. Vielleicht ist doch etwas von Wert dabei – wenigstens für die Universität. Wenn nicht – wir werden es auf jeden Fall vom Dachboden schaffen müssen. So oder so! Sonst wird das Haus hier nicht wieder vermietbar sein.«

»Sollen wir helfen?«, fragte Connor vorsichtig - nicht, dass er O'Reilly wirklich helfen wollte, aber es war klüger, Bereitschaft zur Arbeit zu heucheln.

»Nein, ich... nun, warte mal. Ja, du kannst mir helfen, Connor. Wenigstens können wir uns da oben gemeinsam etwas Überblick verschaffen. Nicht, dass ich glaube, dass wir irgendwelche unbezahlbaren Ming-Vasen finden werden... Und du Ippleston – mach in der Küche weiter.«

»Wird gemacht.« Ipplestons Stimme klang nicht wirklich enthusiastisch.

O'Reilly hatte eine weitere Eingebung. Er erlaubte sich sogar ein knappes Lächeln.

»Zum Teufel, du bist der Collegeboy«, sagte er zu Connor.

»Vielleicht kannst du sogar einige der Sachen die brauchbar sind, schon auf einen Haufen vorsortieren. Sozusagen das Verwertbare vom übrigen Müll trennen.«

»Ich werde es versuchen«, brummte Connor und lächelte dabei gequält.

 

 

5

Zu unterscheiden was verwertbar war und was später im Container landen sollte, war leichter gesagt als getan, wie Connor bald feststellen durfte.

Der Dachboden war wie ein spinnwebenförmiges Gewölbe, zu gleichen Teilen Lagerhaus und Müllablageplatz und ein Friedhof für tote Gegenstände, die unnütz, kaputt oder einfach nicht mehr gebraucht wurden.

Sowohl Connor als auch O'Reilly waren gezwungen, sich den Weg durch das staubige Labyrinth mit den vielen achtlos abgestellten Gegenständen zu bahnen.

Die Luft roch nach längst verflossenen Mottenkugeln, Staub und frühsommerlicher Feuchtigkeit. Tote Insekten baumelten in den Spinnennetzen von der Decke.

Auf dem ganzen Dachboden war Gerümpel gestapelt: Unmengen alter Papiere, Stapel von Zeitschriften aus einer früheren Ära (VICTOR OF THE BISMARCK SEA, 1943), unetikettierte alte Medikamentenflaschen, angestoßene Bilderrahmen, eine unvollständige Garderobe, ein altmodischer Stuhl mit gerader Lehne, dem ein Bein fehlte, mit Klebeband versiegelte Kartons, ein rostiges Fahrrad, Galoschen, ein antik aussehendes Radio - alles Krimskrams und scheinbar nichts von Wert.

Eine winzige nackte Glühbirne reichte kaum aus, um die Dunkelheit wirklich zu vertreiben.

Das einzige interessante Objekt war eine hüfthohe Urne aus schmuckloser Keramik.

O'Reilly - scheinbar ratlos – hatte die Hände an die Hüften gelegt und starrte unentschlossen über das ausgebreitete Chaos auf dem Dachboden.

Hier oben roch muffig und feucht; die wenigen vorhandenen Lüftungsschlitze waren mit Kisten verstellt.

Der Regen trommelte mit einem sonoren fast atonalen Rumpeln über das Dach. Komfortabel war eigentlich nur die Größe des Dachbodens, der es den beiden Männern erlaubte, die meiste Zeit aufrecht stehen zu können.

»Schau dir all diesen Schrott an«, murmelte O'Reilly ungläubig.

»Guter Gott. Es wird zwei Tage dauern, um alles durchzugehen.«

»Wahrscheinlich.«

»Siehst du etwas Interessantes?«, fragte O'Reilly hoffnungsvoll. Er nahm seine Mütze ab, um sich den Schweiß wegzuwischen.

»Bislang nur... Schrott«, antwortete Connor.

Er zeigte auf eine Stelle neben sich.

»Bis auf diese Urne. Wahrscheinlich hat er das wertvolle Zeug in die Kartons eingepackt.«

»Ja. Guter Gedanke! Lasst uns ein paar von diesen Kisten öffnen. Aber fasse die Urne nicht an. Wahrscheinlich ist die Asche eines toten Onkels drin.«

Die ersten Kisten waren schimmelig, die Pappe bröckelte.

Das Packband ließ sich wie eine alte Haut abziehen. Im Inneren fanden sie zwischen zerknittertem und vergilbtem Zeitungspapier eher uninteressante Utensilien.

O'Reilly öffnete eine Schachtel mit alten Räucherstäbchen, die noch immer leicht nach Zimt und Erde roch.

»Verdammter Hippie-Mist«, murmelte er enttäuscht.

Connor stieß auf mehrere winzige Jade-Figuren, deren Verarbeitung von grob bis exquisit reichte. Buddha in verschiedenen Fassungen und Größen, aber da waren auch zwei sehr seltsame Figuren dabei: eine dreigesichtige Ziege auf einem Sockel und eine andere, einfach glatt und formlos und irgendwie auch etwas unheimlich.

Es schien, als ob der Künstler versucht hätte, einem formlosen Wirbel doch noch Gestalt zu geben.

Es war nicht hell genug auf dem Boden, aber Connor meinte in dem chaotischen Wirbel eine Figur zu erkennen, die an eine Schlange erinnerte.

Er hielt die Jade-Statue gegen die nackte Glühbirne.

Sie glitzerte und blitzte und er dachte aus irgendeinem Grund an ein Messer in der Mittagssonne, oder an Klauen und Zähne – alles Dinge die scharf sind, böse Dinge, die in der Lage sind, dich bluten zu lassen. Jetzt erinnerte er sich wieder deutlich an die Worte seines kurzsichtigen kleinen Professors: 'Die Tchos-Tchos wussten, dass die Volksbefreiungsarmee kam - sie hörten den Donnerhall ihrer Artillerie zwischen den Gipfeln widerhallen. Und so ging ich zu dem Hohen Priester des Tchos-Tchos, der allein in einem einfachen Tempel aus roh behauenden Stein und Mörtel lebte, umgeben von einem prähistorischen Friedhof, der zur Zeit der ersten Pyramiden entstanden war. Die Luft war kalt und dünn. Der Wind wimmerte und stöhnte in den Rissen und Schluchten rings um den Hügel auf dem der Tempel fußte und er erinnerte mich Singstimmen, die aus weiter Entfernung heran wehten. Ich stand da, halb in Bewunderung und halb in Angst.

Selbst die Tchos-Tchos, so furchterregend sie auch waren, kamen fast niemals hierher.

Ist Ihnen das Fenster über der Eingangstür aufgefallen? Ja, gut. Es ist sogar noch viel älter als der Tempel. Sehr viel älter. Dieses Fenster befand sich einst in dem Tempelbogen über den Eingang nach Osten. Genau dieses Fenster habe ich unter anderem von der Hochebene von Tsang mitgebracht...

Es war überaus wertvoll für die Tchos-Tchos. Es ist auch für mich ein sehr sehr wertvolles Relikt. Der Hohepriester, der keinen Namen hatte, saß auf einem roh behauenen alabasterfarbenen Steinblock. Er machte keine Anstalten, ob er mich bemerkt hatte. Ich wagte kaum zu atmen.

Endlich sagte ich: Die Volksbefreiungsarmee kommt! Sie fegt alle vor sich her. Doch der Hohepriester der Tchos-Tchos, der schwarze Seidengewänder und eine gesichtslose schwarze Seidenmaske trug, ließ sich vom Ablauf der Ereignisse nicht beunruhigen.

Mongolen, Tibeter, Pamiren, Chinesen - alle waren sie zu verschiedenen Zeiten gekommen, um zu erobern, alle waren zu Staub geworden.

Nur Leng war ewig!

Nur Leng und seine Götter, die in der Luft lebten und deren Diener man inmitten der Himalaya-Gipfel geistlos pfeifen hören konnte. Nur sie waren ewig und würden das Ende der Zeit erleben.

Und ich wagte schließlich zu fragen: Ist Leng nicht trotzdem in Gefahr? Der moderne Mensch weiß nichts und glaubt nicht an eure Götter. Obwohl der Hohepriester nicht sprach, glaubte ich ihn zu hören – vielleicht war es aber auch nur das Pfeifen des Windes. Nein, Leng ist nicht in Gefahr. Leng ist niemals in Gefahr. Denn Leng ist dort, wo auch immer es nur sein mochte und weder die Alten Götter noch ihre Heimstatt haben ein Interesse an den »modernen Menschen«.

Das hielt ich damals für sehr arrogant und ich ließ ihn das auch wissen. Ich war aufgeregt und verwirrt. Man wird hierher kommen – in den Tempel – und ihnen die Maske vom Gesicht reißen.

Ich konnte die übernatürliche Ruhe des Hohepriesters nicht begreifen. Ich war verärgert. Im Überschwang meiner widerstreitenden Gefühle war ich dem Hohepriester näher gekommen und in einem plötzlichen Impuls riss ich ihm die Maske vom Gesicht.

Unter der Maske... war etwas, was ich zuerst für ein menschliches Gesicht hielt.

Aber dem war nicht so. Das Gesicht bewegte sich. Es zuckte. Es wand sich, ja wirklich... es war eine sich windende und kriechende Masse von Würmern und Maden. Eine nachäffende Karikatur in Form eines menschlichen Gesichts. Der Kopf des Hoheriesters bewegte sich und es... das Ding sah auf, starrte mich an... aber es hatte keine Augen.

Ich wagte keinen Atemzug – schließlich begann die wurmartige Masse zu fließen, sie schwabbte hin und her, wie betrunken, dann zerbröselte sie langsam und löste sich einfach auf. Der Hohepriester verwandelte sich in einen Haufen formloser Seide, die noch eine Weile flatterte, sich aufblähte und wieder in sich zusammenfiel... während die Würmer und Maden wie Schleim über den Boden krochen.'

Ein sanfter, metallisch klingender Ton riss Connor aus seiner unangenehmen Träumerei.

Er keuchte erschrocken auf und ließ die Jade-Figur beinahe fallen.

O'Reilly hatte den Messinggong gefunden. Es war immer noch eine kleine, hässliche Kuriosität, aber kunstvoll verziert.

»Warum zum Teufel hast du das getan?«, fragte Connor.

O'Reilly zuckte die Achseln.

»Ich wollte nur sehen, ob er noch funktioniert. Was ist los, wirst du hier oben nervös?«

»Nein.«

»Ich weiß nicht, wie es dir geht, Collegeboy, aber ich wette, dass einige dieser chinesischen - ich meine, tibetischen Antiquitäten – doch ein paar harte Dollar wert sind.«

»Vielleicht.«

»Verdammt, vielleicht kann ich sogar etwas davon deinen anderen Lehrern an der Uni anbieten, oder? Ich wette, einige der alten Knacker würden ein paar Dollar mehr zahlen, um das Zeug hier zu bekommen... was zum Teufel ist eigentlich los mit dir?«

»Was?«

»Du benimmst dich hier oben auf dem Dachboden, als wäre er dir unheimlich. So was erwarte ich von der Lusche von Kaperski. Du hast doch nicht wirklich Angst, oder?«

»Nein. Ich mag es nur nicht, die Sachen eines Toten zu durchwühlen, das ist alles. Das ist unheimlich.«

»Ja, doch seine Verwandten hatten ja die Möglichkeit, hier alles abzuholen. Das haben sie nicht, und auch nicht die letzte Monatsmiete beglichen - also gehört es jetzt mir.«

»O'Reilly du kommst mir so ähnlich vor, wie der Typ, der hier lebte«, stellte Connor lakonisch fest.

«Wovon redest du?«

O'Reilly wurde ein wenig misstrauisch.

»Nun... ich besuchte meinen Professor einmal hier zu Hause und er erzählte mir, dass all diese Dinge hier jetzt ihm gehören. Sein einziges Problem, er wollte all diese Dinge nicht wirklich besitzen. Aber er hätte wohl keine Wahl. Sie gehörten nun ihm - ob er es wollte oder nicht. Er sagte, er hätte... vorsichtiger sein müssen.«

»So wie ich, oder?«, kicherte O'Reilly mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht.

Connor nickte stumm, wünschte sich, dass O'Reilly endlich still sei und öffnete eine weitere Kiste. Fotografien.

Einst schwarz-weiß, waren sie nun zu verwaschenen Grautönen und Sepia verblasst.

Bilder von Berggipfeln, schneebedeckt und bis zum Horizont; Bilder von Zeltlagern in einer weißen Schneewüste und abseits tibetischen Yak-Hautjurten, nah an aufgeschichteten Steinmauern; Bilder von Menschen, die sich wie an eine Perlenschnur gereiht, über die von Mondflechten übersäten Landschaften der tibetanischen Hochebenen schlängelten.

Tibetische Führer und Träger waren zu sehen und ihre schwer beladenen Lamas. Und der Professor, viel jünger, aber immer noch kurzsichtig und missmutig in die Kamera blickend, auf einem Lama sitzend.

Das nächste Bild war sehr interessant. Es zeigte die versiegelte Urne und das runde schwarze Fenster, inmitten eines Durcheinanders von Lager- und archäologischer Ausrüstung.

»Ich könnte hier drinnen etwas mehr Licht gebrauchen«, sagte O'Reilly.

»Hey, hier drüben - das ist doch das komische Fenster über der Eingangstür, oder?«

O'Reilly schob einige schwere Gegenständen beiseite und fluchte als die Garderobe umfiel.

Connor hörte ihn kaum.

Was er jedoch klar in seinem Kopf hörte, war die trockene, sonore Stimme seines Lehrers und das Wimmern des Oktoberwindes an diesem Tag.

'Und so machten wir uns von Tsang aus auf den Weg, unter einem dunklen Himmel voller wimmernder Winde.

Hinter uns lag der Tempel in Trümmern.

Und hinter uns lag auch Leng und ich hoffe, dass niemand mehr einen Blick auf die Ruinen werfen wird.

Sechs Tage später nahmen uns die Chinesen - Soldaten mit Pelzmützen und gepolsterten Jacken, die Maschinenpistolen trugen - gefangen.

Eigentlich waren es Banditen, die auf der Suche nach leichter Beute waren.

Sie nahmen die Lamas mit und töteten unsere tibetischen Träger. Wir selbst wurden verschont.

Gierig griffen sie sich auch die Artefakte des Tempels, die ich aus Tsang mitgebracht hatte - das schwarze Fenster und die versiegelte Urne.

Ein schrecklicher Fehler!

Viel später kam ich allein mit den Artefakten nach Lhasa, fast verhungert und ein wenig verrückt. Ich kann mich daran kaum erinnern, obwohl man mir später erzählte, dass ich von Würmern, Maden und von einem Hohepriester ohne Gesicht gesprochen habe, sowie von einer Ziege mit drei Gesichtern. Ich selbst soll ebenfalls von Würmern und Maden übersät gewesen sein, als man mich fand.

Und so brachte ich den Hohepriester der Tchos-Tchos aus Tsang heraus mit nach Amerika.'

Und meine Belohnung, so hatte er mir mit einem ironischen Lächeln erklärt, war dies. Dies.

Der Professor machte eine allumfassende Handbewegung.

Ein winziges Backsteinhaus auf einem winzigen Grundstück, in dem mich all die Erfindungen dieser modernen Welt bedrängen.

'Glaube nicht, ich wüsste nicht, das ich betrogen wurde.' Der Professor sah bleich aus.

'Eines Tages werde ich dieses Fenster in Stücke schlagen und wieder frei sein. Es übt stets einen mächtigen Einfluss auf mich aus, aber irgendwann werde ich es tun. Vielleicht morgen schon, oder erst nächste Woche. Oder in einem Monat.

Ich kann warten.

Aber gewiss eines Tages wird es mir gelingen es zu zerstören.

Es ist einfach nicht richtig.

Es sollte nicht hier sein.'

Plötzlich wurde der Professor ganz still. Er verharrte regungslos, als lausche er einer unhörbaren Stimme.

'Ich denke, Sie sollten jetzt gehen.'

 

 

6

»Da«, rief O'Reilly.

Connor wurde aus seinen Erinnerungen aufgeschreckt und wandte den Blick von den Fotos ab.

O'Reilly hatte mehrere Jahre angesammelten Unrat und Spinnweben beiseite gewischt, um das schwarze Fenster frei zu bekommen, das in der Wand in seinem kreisförmigen Rahmen gefügt war und stets nach Osten zeigte, so wie es das schon seit Jahrtausenden getan hatte.

Es wirkte unscheinbar. Leblos – wie es sich für einen toten Gegenstand gehörte. Und doch, die staubige Oberfläche schien das glasige Auge eines toten, verrottenden Fisches zu sein...

Connor musste genauer hinschauen. War tief unter der Staubschicht verborgen nicht ein schwaches Glimmen? Schimmerte es nicht unruhig und erinnerte an ein Reptil, das sich schlängelnd durch nachtschwarze Wasser windet...?

»Jesus, was für ein hässliches Stück Scheiße«, tönte O'Reilly enttäuscht.

Er war körperliche Anstrengung nicht gewöhnt und schwitzte heftig. Er drückte gegen den Rahmen und tastete nach dem Riegel.

Aus irgendeinem Grund machte dies Connor plötzlich sehr nervös.

»Der Bastard hat sich da auch gut festgekeilt. Er kann es nicht öffnen.«

»Dan... vielleicht sollten wir es einfach sein lassen.«

»Was? Es scheint mir irgendwie nicht über die Eingangstür zu passen? Es ist verdammt hässlich und ich will es zusammen mit dem restlichen Unrat austauschen. Ich meine, sieh dir das doch selbst aus der Nähe an! Wer will das »Ding« schon oberhalb seiner Haustür in der Wand haben?«

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und taste vor sich auf den Dachboden, als suche er etwas Bestimmtes.

»Connor - gib mir den Garderobenständer.«

»Warum? Was willst du damit machen?«

O'Reilly knurrte.

»Hänge mein verdammtes Cape daran auf«, knurrte er schließlich.

»Was zum Teufel denkst du, was ich tun werde?«

»Warte Dan - es könnte etwas Geld wert sein.«

»Ja, genau. Etwa so viel wie ein billiges Elvis-Gemäldeimitat, schätze ich. Jetzt gib mir die verdammte Garderobenstange.«

Connor machte keine Anstalten.

»Connor... die Garderobe. Ich werde dich nicht noch einmal fragen.«

Mit einem träumerischen Gefühl der Angst reichte Connor O'Reilly die Garderobe weiter.

In der Dämmerung auf dem Dachboden, zwischen den Kisten, wo das Licht der einzelnen Glühbirne mehr Schatten warf als den Boden wirklich aufhellte, schlug er auf etwas Großes ein.

Was auch immer es war, es fiel schwer.

O'Reilly blieb stehen, um zu sehen, was er getroffen hatte, und pfiff leise vor Erleichterung.

»Was?«, fragte Connor.

»Ich wollte gerade ein Loch in eine der Urnen hier drüben machen«, sagte O'Reilly und kicherte über seinen eigenen Witz.

»Was?«, echote Connor. Dan... sei vorsichtig.«

»Jesus, entspann dich doch mal, Connor.«

Und dann schwang O'Reilly die Garderobe wie eine Lanze und schlug gegen das schwarze Fenster, so hart er nur konnte.

Die Scheibe zersplitterte nicht – der Rahmen gab keinen Zentimeter nach.

»Verdammt hartnäckig.«

O'Reilly schlug erneut gegen das Fenster, diesmal noch härter. Das Geräusch war wie das einer Faust auf einer großen Eisentür - ein hohler Knall hallte über den Dachboden. Es war beängstigend und unerklärlich, denn der Boden war voller Trödel.

Das Fenster selbst hatte zu schimmern begonnen und pulsierte mit fantastischen, amorphen, öligen Farben - giftiges Gelb, elektrisches Blau, Zinnoberrot, Smaragdgrün, Malvenfarbig, tiefes Violett. Ohne nachzudenken hatte Connor begonnen, sich wieder in Richtung der Falltür auf dem Dachboden zurück zu bewegen.

O'Reilly schien weder die unheimlichen Änderungen am Fenster wahrzunehmen, noch Connor, wie er immer weiter zurückwich. Er schwang die Garderobe zurück, zögerte einen Moment, sammelte sich und schlug ein drittes Mal zu - und sie ging durch, aber es gab kein Geräusch berstenden Glases oder umherfliegende Glassplitter.

Die Garderobe durchdrang eine Art von tintiger Schwärze, aber das, was Glas hätte sein sollen, beulte und zerriss schließlich wie eine nasse Membran.

Fetzen der unheimlichen Materie verteilten sich lautlos auf dem Dachboden, flatternd, wie verrückt gewordene Fledermäuse, und Connor ekelte sich bei dem Gedanken, das etwas davon sein Haut berühren könnte.

Ein ungewöhnlich intensiver Gestank erfüllte den Raum; es roch nach rohem Ton, vermischt mit verfaulenden Fischgedärmen. Violette Elektrizität knisterte voll absichtlicher Böswilligkeit über den Fensterrahmen.

Irgendwo auf dem Dachboden zerbrach ein Spiegel. Ein keramisches Gefäß platzte im Halbdunkel zwischen mehreren Kartons.

»Jesus...«, murmelte O'Reilly, die Garderobe weiter in seinen weißhäutigen Händen haltend.

Fetzen der ungewöhnlichen Materie hingen noch immer am Fensterrahmen.

Es gab keinen Wind, der die unheimliche Materie bewegte, und mit wachsendem Entsetzen wurde Connor klar, dass sie selbst lebendig sein musste. Es gab keine andere Erklärung für die Art und Weise, wie sie sich sonst nach vorne schlängeln konnte und sich gleich einer schwarzen Schlange um den Garderobenständer wand, bis sie O'Reillys Arme zu verschlingen drohte.

Blinde weiße Augen brachen wie Geschwüre auf der schwarzen Oberfläche hervor und rollten wie verrückt hin und her.

O'Reillys Mund verzog sich, sein Kiefer malte fast lautlos.

Er wirkte hilflos, hielt den Garderobenständer aber weiter fest in den Händen.

Aber es war nicht das Ding, das einer schwarzen Schlange glich, welches ihn zum Schreien brachte.

Es war etwas anderes, das wie Schleim durch das (Fenster-)Portal strömte; eine trübe Masse, die den Dachboden überschwemmte, kochend und brodelnd wie Schwefelsäure.

Jade-Figuren, der alte Messinggong, Dosen, ganze Kartonstapel – alles verschwand in der einströmenden Masse.

Der ganze Dachboden roch wie eine einzige eitrig-schwärende Wunde, ein pestilenzsartiger Gestank, der Connor hilflos würgen ließ.

Die zähe Masse begann Gestalt anzunehmen, aber sie blieb instabil, wie ein Strudel aus schmutzigen Wasser, in dem verfaulte Artefakte auftauchten und wieder verloren gingen; rostige Dinge tauchten auf, die an Bärenfallen erinnerten, voller stählerner Fangzähne, an denen ein giftig aussehender grüner Speichel abzutropfen schien. Dann tauchten aus dem trüben Sud schwarze zottelige Wucherungen auf, die langen Haaren oder Tentakel glichen, gefolgt von einem trüben Glitzern von Schuppen oder Haut und Membranengebilden.

Die schlimmsten und groteskesten Dinge aber waren die verdrehten schwarzen Tierbeine, die in Hufen enden und ganz plötzlich auftauchten.

Einige waren riesig und fleischig, andere auf bizarre Weise zierlich, aber alle zuckten und traten in die Luft, mit einer schrecklichen Wut, die niemals ein Ende finden könnte.

Eines der entsetzlich großen schwarzen Hufe traf O'Reilly und brach dem Mann mit einem schrecklichen Knirschen das Genick.

Als er nach hinten fiel, tauchte aus der zäher werdenden Masse ein netzartiges Maul auf und stülpte sich über O'Reillys Kopf, schleuderte ihn hin und her um ihn vom Rumpf zu reißen.

Connors Augen waren bereits glasig-trüb. Er öffnete noch ein letztes Mal den Mund zu einem lautlosen Schrei, von dem er glaubte, dass selbst Ippleston ihn hören müsste.

Während er in der trüben Masse versank, hoffte er immer noch, dass wenigstens Connor auf den Dachboden zurückkäme um ihn zu retten. Aber vielleicht hörte auch Ippleston unten im Erdgeschoss sein Schreien. Gemeinsam würden sie die seltsame, trübe Masse vertreiben.

Er stand noch auf der Treppe zum Dachboden, als eine Hand Connor an seiner Schulter packte. Zumindest von der groben Form her war es eine Hand, aber sie wand sich und ihre Finger krabbelten mit der Raserei von winzigen weißen geleeartigen Maden, die sich vermischten mit größeren Würmern - Würmern die braun waren und Würmer von der Farbe zerschlagenem Fleisches.

Die Würmer begannen sich aufzulösen, um über Connors Hemd zu regnen, und er begann hilflos zu kreischen.

Der Rest der Hand rutschte in Connors Nacken, nass und immer noch schrecklich lebendig.

Obwohl ohne Knochen und nur aus geleeartigen klebrigen Maden bestehend, glich der Griff des Hohepriesters dem eines urzeitlichen basalen Wirbeltiers mit unglaublichen Kräften. Obwohl er blind war, drehte der Hohepriester mit der schwarzen Kapuze, der Meister der Tchos-Tchos, Connor mit Gewalt langsam um, so dass sie beide bald in Richtung Osten zu der schäumenden gotteslästerlichen Masse starrten, welches die Ziege mit den drei Gesichtern tatsächlich war.

 

 

 

ENDE

 

 

DIE BESTIE FÄHRT

EINEN ROTEN FERRARI

(The Beast Drives A Red Ferrari)

 

 

 

1

Wo soll ich anfangen?

Am Ende... wurden wir wieder zu Tieren.

Das funktioniert.

Kleine Säugetiere. Winzige Kreaturen, die immer wachsam sein müssen, ständig auf der Flucht. Aussterbend.

Die Rückkehr der Kreidezeit-Ära. Riesige Bestien, die herumlungern. Die Herrschaft der fleischfressenden Bestien?

Besser!

 

*

 

Das Zentrum wird nicht halten. Aber doch zumindest der Central Park.

Denn dort lebe ich jetzt, wenn ich mich einigermaßen sicher fühle, und im Metropolitan Museum, wenn ich mich unwohl fühle. Es ist ein guter Ort, um sich zu verstecken.

Besser als die meisten anderen Orte.
Der Trick ist, sich von den großen Wegen und Hauptstraßen fernzuhalten.

Ich halte mich auch vom Stausee fern. Mir gefällt nicht, wie das Wasser aussieht. Eine Zeit lang habe ich Wasser aus einem Brunnen geholt und tagsüber meine Eimer damit gefüllt, aber die Brunnen haben vor einer Weile aufgehört störungsfrei zu funktionieren.

Das ist ein paar Tage her oder ein paar Wochen - ich bin mir nicht sicher. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Ich weiß, dass der Sommer in den Herbst übergeht und dass die Tage kürzer werden.

Es könnte heute regnen. Der Himmel sieht sehr launisch aus. Er ist jetzt fast immer launisch.

Die Blätter, die letztes Jahr auf das Gras im Park fielen, alles bräunlich und oben ein grauer Himmel.

Fast wie ein Gemälde – Stichwort: Die vier Reiter der Apokalypse.

Der Krieg.

Die Pest.

Der Tod.

Hungersnot.

Gerade über das letzte bin ich innerlich sehr besorgt, obwohl ich es nicht sein musste.

Ich habe hier und da genug Konserven gebunkert und getrocknetes Obst in geschlossenen Behältern, um zumindest diesen Winter zu überstehen. Eigentlich habe ich die Nase voll davon: Dörrfleisch und gesalzene Cashewkerne und Sardinen aus der Dose.

Alles andere ist verfault.

Ich habe einmal versucht, am Turtle Pond im Central-Park Schildkröten zu jagen. Ich hatte einen Baseballschläger - ich wollte die erste Schildkröte, die ich sah einfach erschlagen - vielleicht eine Suppe aus ihm machen. Aber ich habe den ganzen Tag keine einzige verdammte Schildkröte gesehen. Der Teich ist leer, so leer wie das Guggenheim Museum, der Times Square und Chinatown, und die Schildkröten sind, wie die Menschen, alle verschwunden.

 

*

 

Wenn das ein Hollywood-Streifen wäre, würde ich mich mit einer Lederjacke rumlaufen. Und schwere Stiefel. Und eine Sonnenbrille. Vielleicht eine abgesägte Schrotflinte und über Kreuz gehängte Patronengurte.
Ich wäre 1,80 m groß und gebaut wie ein Kickboxer.
Eigentlich bin ich tatsächlich 1,80 m groß. Wiege aber 145 kg. Ich trage eine Windjacke und ein Sweatshirt, alles schmutzig. Das einzige Detail, das genau mit den Zelluloid-Fantasien übereinstimmt, ist, dass ich eine Sonnenbrille trage.

Und - ich trage ein paar Pistolen, eine 38er und eine mit .30-06 Springfield-Patronen. Ich habe sie aus einem Waffengeschäft mitgenommen. Es war niemand da. Ich habe sie nur ein paar Mal abgefeuert, mehr aus Angst, ohne etwas getroffen zu haben.

Ich bin ein ziemlich mieser Schütze.

Obwohl – einmal habe ich auf jemanden geschossen.
Das war vor zwei Wochen, als ich auf der Suche nach richtigem Essen war, nicht diesem Dosenfraß. Ich hatte die Idee, dass ich noch etwas finden könnte, wenn ich nur lange genug suchen würde. Richtiges Essen... Orangen und Äpfel, heiße Kartoffeln und danach Eiscreme. Ein Krabbencocktail. Ich war bereit, für einen Cheeseburger zu töten.
Aber deshalb habe ich nicht auf den Kerl geschossen.

 

*

 

Bei Tag sind sie draußen normalerweise ziemlich sicher. Nachts ist es gefährlich, vor allem, weil das Stromnetz endgültig ausgefallen ist. Ich habe gesehen, wie es über mehrere Tage hinweg weniger Licht gab, Block für Block verlosch das Licht der Stadt. Bis es endgültig überall dunkel blieb.

Ab und zu trifft man auf Schwärme von Ratten - sie sind jetzt viel mutiger - und natürlich auf Kakerlaken. Sie beherrschen jetzt den Big Apple.
Aber, wie ich schon sagte, tagsüber bleibt es ruhig, sie stoßen auf nichts Ungewöhnliches oder Schlimmes.

Wenn man es schlau anstellt. Wenn man wachsam und vorsichtig ist.

Es ist ziemlich einfach, um ehrlich zu sein, aber nicht immer.

Besonders bei dem Kerl, den ich erschossen habe.
Das Lustige war, dass er nicht wie einer von ihnen aussah. Er sah aus wie einer von uns.

Ein einfacher Touristentyp: leicht übergewichtig, sonnenverbrannt, Madras-Hemd, leichte Slipper. Alltagstauglich und bequem, hätte es jedenfalls sein sollen.

Eigentlich war er ziemlich laut. Er schrie in Abständen: Hey, ist hier jemand?

Hey! Hallo, ist hier jemand?

Er schien überall nach irgendjemandem zu suchen. In verlassenen Autos, leere dunkle Fenster, die zerbrochenen Schaufenster der einstmals schicken Boutiquen und Cafés, in Buchläden und Juweliergeschäften.

Orte, die er in den besseren Zeiten aufgesucht hatte, wahrscheinlich mit einer pummeligen Frau und zwei oder drei Kindern im Schlepptau.

Ich habe ihn gehört, bevor ich ihn sah.

Ist jemand hier?

Sein dünner werdendes schulterlanges Haar flatterte im Wind, Schmutz und Ruß auf seiner Kleidung, in seinem Gesicht und auf seinen kräftigen Armen.

Hallo, ist jemand hier?

Er sah verschreckt aus, müde. Wie ich hatte er eine Waffe, ein kurzes Stück Metallrohr.

Er sah nicht wie einer von ihnen aus.

Ich kenne sie aus der Ferne. In den totenblassen Gesichtern düstere Reptilaugen und ihre Bewegungen wirken mechanisch, wie das alte Aufziehspielzeug aus meiner Kindheit. Sie erscheinen mir kaum lebendig.
Manchmal sprechen sie, mit Stimmen, die an Rauch und Staub erinnern.

Aber ich höre ihnen nie zu. Ich schieße manchmal auf sie. Ich sollte sie töten, aber ich kann es nicht. Der Lärm schreckt sie normalerweise ab. Sie wispern und plappern mit ihren rauen Stimmen und stolpern und taumeln vom Donnergott weg.

Apropos, es sieht so aus, als ob heute noch welche kommen könnten...

Sie versuchen einen manchmal auszutricksen, wissen Sie.

 

*

 

Sie versuchen menschlich auszusehen.

Der Tourist - ich sah es in seinen Augen, als er näher kam, als er die Fifth Avenue hinauf kam, durch den Stau leerer Autos und Taxis und SUVs und Lieferwagen über Lieferwagen.

Da hatte ich aus der Deckung eines umgestürzten gepanzerten Mannschaftswagens ihn bereits ins Visier genommen.

Immer näher und näher kam er, immer noch schreiend.
Verdammt, antwortet mir jemand?
Er hat mich gesehen. Wie, weiß ich nicht, ich dachte, ich wäre ziemlich gut hinter dem Wagen im Schatten abgetaucht.

Vielleicht ein Reflex von meiner Sonnenbrille oder dem Gewehrlauf. Wer weiß das schon? Ich weiß nur, dass er auf mich zukam und schrie: »Hey! Hey, du! Ist da drüben jemand? Sag doch was!«

Da habe ich meinen ersten Schuss auf ihn abgegeben. Zu weit nach links.

Die Kugel traf die Scheibe eines verlassenen Taxis. Eine Glasexplosion winziger Splitter erzeugend.

Der Knall hallte durch die Stille.
Wenn der Typ vernünftig gewesen wäre - jetzt wäre die Zeit reif dafür gewesen noch zu fliehen. Stattdessen ging er abwartend in die Hocke.

 

*

 

»Hey«, rief er noch einmal. Er schrie nicht mehr so laut wie zuvor.

»Nicht schießen. Nicht schießen. Hier. Sehen Sie... »
Er legte die Eisenstange hin, vorsichtig, als wäre sie aus Glas oder feinem Porzellan und nicht aus Metall.

»Sehen Sie?« Seine Bewegungen waren bedachtsam, die Hände offen. Langsam erhob er sich wieder. Ziemlich großer Kerl. Hörte sich an, als könnte er aus dem Westen kommen.

»Hier! Schauen Sie... Sehen Sie? Ich habe sie hingelegt. Ich will keinen Ärger, okay?«

Er ging wieder auf mich zu.

Großer Fehler!

Ich habe wieder geschossen.

»Du verdammter Schwanzlutscher«, brüllte ich aus dem Schatten.

»Ich will keinen Ärger. Bist du taub oder was? Du verdammtes Arschloch!«

Er hat schließlich sogar das Rohr nach mir geworfen. Es prallte von der Motorhaube eines Autos vor mir ab.

»Verdammtes Arschloch!« Der Typ klang beinahe weinerlich, als er wie ein kleiner Junge weglief. »Ich kriege dich!«

Ich hätte ihn erschießen sollen, aber ich ließ ihn gehen. Er war sicher einer von ihnen, aber ich war mir nicht völlig sicher. Mir fehlte die Erfahrung.

 

*

 

Ein Auto ist eigentlich ein ziemlich bequemer Sitz. Drinnen und doch draußen. Der Himmel stört mich. Ich habe sehr wenig von der Sonne gesehen. Meistens ist es nur bewölkt, wie im Januar, grau in grau, aber ich glaube, es ist eher... einfach nur stürmisch.

Man hat das Gefühl, gleich gäbe es ein Gewitter – aus dem Blaugrau der dicken Kumuluswolken, die eigenartige Formen annahmen, würde eine Reihe von Blitzen schießen. Ich habe alles Mögliche in diesen Wolken gesehen.

Phantom-Städte. Kilometerlange Wirbel, die sich spiralförmig nach oben ins Unbekannte schrauben. Und andere Dinge. Gelegentlich flackert Licht in den Wolken, wie ein kränklicher gelb-grüner Sommerblitz. Auch Donner grollt, aber es regnet fast nie, nur gelegentlich ein Spritzer fetter, kalter Tropfen. Eine Art von atmosphärischer Störung, nehme ich an. Erinnert mich an die alten nuklearen Wintertheorien, die die Wissenschaftler in meiner Kindheit verbreiteten.

Wenn es komisch genug wird, verstecke ich mich im Kunstmuseum. Dort gibt es eine Menge Verstecke, Schränke, Büros, große Hinterzimmer.

Perfekt für den kleinen Hosenscheißer.

Mir gefällt einfach nicht, wie der Himmel manchmal ist, wie sich die Wolken in der Luft verschieben und verdrehen und aufwühlen, in den unzähligen staubigen Windschutzscheiben und Fenstern, all die kurvenreichen Bewegungen spiegeln. Plötzlich schlängelt sich alles... nur ein wenig.

Hört sich das richtig an?

Die trockenen Winde sind schlimmer - Staubteufel, die durch die Straßen fegen, Miniatur-Wirbelstürme aus weggeworfenem Papier, totem Laub, Plastik und anderem mitgeschleiften Müll. Manchmal ist der Wind hoch am Himmel und sehr stark. Draußen ist es ein dumpfes Gebrüll. Im Inneren ist es ein dünnes wütendes Pfeifen, das gegen die Fenster und Türen drückt und jeden Spalt zu suchen scheint.

Das ist nicht gut so etwas ständig zu hören, wenn man so allein ist wie ich es bin.

Andere Menschen schließen sich gerne zusammen.

Sicherheit in Zahlen, denke ich.

Ich nicht. Ich denke, es macht es den anderen nur leichter, sie zu finden. Es ist schwieriger, sich zu verstecken, wenn man mit jemand anderem zusammen ist. In kleinen Gruppen oder auch nur zu zweit.

Die anderen wurden alle ziemlich schnell abgeknallt.

Die anderen - zum Teufel - haben bis zum Ende alle möglichen verrückten Dinge getan.

Sie liefen ins Meer.

Schluckten Gift.

Plünderten. Setzten Gebäude in Brand.

Kämpften mit den Soldaten und Polizisten, versuchten aus der Stadt zu kommen.

Massenhysterie - einfach Massenpanik.

Ich hatte einen Onkel in Shenectady, und er rief mich an, um mir zu berichten, dass sie mit Bulldozern große, lange Gräben im Wald aushoben.

»Du weißt, wofür die sind«, flüsterte er.

»Sie erwarten, dass eine Menge Leute abkratzen.«

Das war die ungeschminkte Wahrheit. Der Zivilisationslack war ab.

Entschuldigen Sie, wenn ich darüber kichere, aber so war mein Onkel. Er brachte das ungeschminkt auf den Punkt. Bei den großen Fragen von Sex oder Tod hat er sich nicht lange aufgehalten.

Ich vermisse den alten Kerl.

 

 

2

Ich bin nicht von hier.

Ich komme aus Ohio, einer kleinen Bauernsiedlung westlich von Toledo.

Ich bin nach New York gekommen, um einen alten Freund zu besuchen. Er war eine echte Erfolgsgeschichte. Er war selbständiger Grafikdesigner mit einigen Angestellten im Schlepptau. Ich habe den Firmennamen vergessen, aber es lief für ihn gut.

Ich hatte gehofft, dass ich vielleicht einen Job bei ihm bekommen könnte. Zu Hause, in Toledo, war Arbeit und Geld ziemlich knapp. Außerdem wollte ich meinen Onkel besuchen.

Schon zu dieser Zeit waren die Dinge verdächtig.

Noch nicht verrückt, aber verdächtig.

Anormal war das Wort, das damals von den Nachrichtensprechern und Fernsehsprechern inflationär gebraucht wurde.

Verschiedene deutliche Anomalien.

Im Wetter, in den Verhaltensmustern von Tieren und Menschen, einfach in allem. Die Natur wollte sich nicht beruhigen. Es war ein heißer Sommer. Der Rasen in den Vorstädten vertrocknete. Den ganzen Sommer kamen warnende Stimmen aus dem Fernseher, während meine Mutter und ich die Wäsche aufhängten oder ich versuchte, den Rasen zu bewässern. Ernst klingende Stimmen.

Eine große Dürre im Mittleren Westen.

Ärger in Orten wie Haiti, auf dem Balkan und in Afrika.

Eine plötzliche, unerklärliche Erschöpfung des Süßwassers in verschiedenen Teilen der Welt. Eine Epidemie in Oxmoor, England. In Jakarta, Indonesien, wurden Fährpassagiere von Fanatikern mit Macheten angegriffen.

So ging es immer weiter und weiter. Schlag auf Schlag.

Dann kamen die seltsamen Berichte: Ein Öltanker vor der Küste Südafrikas aufgefunden, die Besatzung wird vermisst. Mitglieder eines tibetischen Totenkults begehen Massenselbstmord - sie stürzen sich nacheinander in eine Schlucht, während ein Mönch eine Eisenglocke läutet.

Dann folgte der Glöckner dem Rest.

Es gab Massenausbrüche in Irrenhäusern in den Vereinigten Staaten, einige Verrückte entkamen sogar aus Toledo. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich die Zeitung holte und eine Frau in Weiß die Straße hinaufgehen sah.. Der Asphalt flimmerte in der Hitze. Nackte Füße. Sie schien die Hitze nicht zu spüren. Ich ging hinein und rief die Polizei. Danach fingen wir an, unsere Türen sorgfältig zu verschließen.

Schließlich kamen sie alle aus der Versenkung: die Regierungsbeamten, die Wissenschaftler, die Propheten, die UFO-Experten.

»Propheten!« Jeder hatte eine Erklärung, seine Erklärung.

Diejenige, an die ich mich am deutlichsten erinnere, war ein japanischer Prophet, der immer wieder von »Einer, der schön ist»sprach.

Er sagte, dass wir alle zu ihm gehen würden. Er hätte uns viel zu lehren. Es gab so viel zu lernen. Er bat uns nur um Geduld und die gegenwärtigen Störungen würden bald vorübergehen.

Mein alter Herr dachte das auch, aber er schob die Schuld auf die Hitze und nicht auf ein namenloses Wesen, das »schön»sein würde und dem alle folgen würden.

»Die Hitze macht die Leute verrückt«, brummte er. »So entstehen Unruhen. Schon mal von einem Aufstand im Winter gehört?«

Und eine Zeit lang hatten sowohl der namenlose Prophet als auch der alte Mann recht.

Die Unruhen gingen vorüber. Mitte August, wenn ich mich richtig erinnere.

Es schien ein guter Zeitpunkt, endlich meinen Onkel persönlich zu besuchen.

 

*

 

Fünftausend Jahre Zivilisation, die in wenigen Wochen zu Grunde gerichtet ist, wie filigranes Glas zerbrochen und wie Spinnweben zur Seite gefegt.

War die Zivi immer so zerbrechlich? Waren wir immer an der Schwelle zur Auflösung? Im einen Moment klopfen wir auf Tastaturen und starren auf Monitore und im nächsten werfen wir Speere und malen mit Tierfett an die Wände.

Wenn man bedenkt, was passiert ist, wundert es mich natürlich, dass noch jemand übrig ist.

Ich war in New York City, als es wieder anfing.

Details

Seiten
203
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939637
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v550015
Schlagworte
arkham erzählungen kadath novellen sechs

Autor

Zurück

Titel: Von Arkham bis Kadath - Sechs Novellen und Erzählungen