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Betrogene Herzen - Fünf Heimat- und Schicksalsromane

2020 446 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Betrogene Herzen

Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Das sechste Gebot

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Der Tag nach dem Orkan

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

Wen Gott prüft …

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Sie brach das heilige Versprechen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Betrogene Herzen

 

 

Fünf Heimat- und Schicksalsromane

von A. F. Morland

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by A. F. Morland

© Cover: Christian Dörge/123rf

Redaktion/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

› Das sechste Gebot

› Der Tag nach dem Orkan

› Wen Gott prüft …

› Sie brach das heilige Versprechen

 

 

***

 

 

Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

 

 

Klappentext:

 

Als der rücksichtslose Valentin Klefitsch nach Jahren in sein Heimatdorf Grüntal zurückgekehrt, hat er einen Plan. Niemand ahnt jedoch, dass er unlautere Absichten hegt – am wenigstens die überaus reiche Witwe Irma Brack, die im Dorf als kalt und hartherzig gilt und nur auf ihren Vorteil bedacht ist. Selbst ihre Nichte Barbara behandelt sie schlecht und will sie gegen deren Willen mit einem älteren Mann verheiraten.

Für Pfarrer Kreutzer, Kaplan Hofer und ihre patente Haushälterin Heide Maus, die sich nicht nur um das geistige Wohl ihrer Gemeinde-Schäfchen kümmern, keine leichte Aufgabe …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Der Herrgott meinte es an diesem Tag gut mit Grüntal, diesem kleinen, idyllischen Ort irgendwo zwischen dem Franken- und dem Bayernwald.

Nicht gut hingegen meinte er es mit Pfarrer Kreutzer, seinem irdischen Repräsentanten. Ihn ließ er unbegreiflicherweise leiden. Hochwürden wusste wirklich nicht, womit er dies verdient hatte. Einen aufrechteren, liebenswürdigeren und hilfsbereiteren Priester fand man in weitem Umkreis nicht. Der Sechzigjährige war ein Hirte alten Schlages, immer da für seine Schäfchen – und auch für die Schafsköpfe unter ihnen –, wenn man ihn brauchte.

Fast immer, musste man nun einschränken, denn eine grausame höhere Gewalt hinderte Paul Kreutzer nachhaltig daran, seinen kirchlichen Pflichten nachzukommen.

»Ausgerechnet jetzt!«, stöhnte er und massierte mit den Händen seinen Bauch.

Bernd Keller, im Hauptberuf Musiklehrer am Gymnasium der in der Nähe von Grüntal gelegenen Kreisstadt Sonnbrunn, nickte wissend. »Ich kenne das, Herr Pfarrer. So etwas kommt immer zur falschen Zeit – einfach deshalb, weil es keine Zeit gibt, die dafür richtig wäre.«

»Wurden Sie auch schon davon heimgesucht?« Wie stets trug Pfarrer Kreutzer seine schwarze Soutane. Man hatte ihn im Dorf noch nie anders gekleidet gesehen, und böse Zungen behaupteten, dass er nur diese eine hätte und sie nicht einmal nachts ablegen würde, was natürlich nicht der Wahrheit entsprach.

»Fast auf jeder Urlaubsreise erwischt mich Montezumas Rache«, antwortete der vierzigjährige Bernd Keller, ein großer, schlanker, dunkelhaariger Mann, seit Kurzem glücklich verheiratet.

Paul Kreutzer, mittelgroß und untersetzt, strich sich mit der Hand über das volle graue Haar. »Wie Sie sehen, bleibt man auch in Grüntal nicht davor verschont.«

Bernd Keller, der bei den Gottesdiensten die Orgel spielte, lächelte. »Ja, ja, die Russen …«

Pfarrer Kreutzer sah ihn irritiert an. »Was haben denn die Russen mit meinem Leiden zu tun?«

»Einer meiner Schüler blieb mehrere Tage dem Unterricht fern«, erklärte Bernd. »Als er wieder in die Schule kam, trug er zur allgemeinen Erheiterung bei, indem er sagte: >Ich war krank. Ich hatte mit ein paar hartnäckigen Virussen zu kämpfen. < Schallendes Gelächter. Und seither werden die Viren von allen nur noch scherzhaft die Russen genannt.«

»Und nun haben sie mich heimgesucht. Wie schnell so etwas geht. Gestern war ich noch der gesündeste Mensch.«

»Sie sehen auch heute noch wie das blühende Leben aus.«

»Mag sein, aber der Schein trügt. Ich kann das Pfarrhaus nicht verlassen.«

Bernd Keller sah zum Fenster. Über Grüntal spannte sich ein wolkenloser Himmel, so azurblau, wie er nur ganz selten war. »Und das bei einem solchen Prachtwetter.«

»Keine zehn Schritte wage ich mich, von meiner Toilette zu entfernen«, seufzte der Priester.

Bernd grinste. »Wegen dieser heimtückischen Russen, die sich in Ihrem Darm eingenistet haben.«

»Sie graben in meinen Eingeweiden um wie die Gärtner ihr Gemüsebeet im Herbst«, beklagte sich Paul Kreutzer. Seit zwanzig Jahren war er katholischer Pfarrer der Gemeinde Grüntal, und es ärgerte ihn maßlos, dass er wegen dieses hundsordinären Durchfalls seine sonntägliche Predigt nicht würden halten können. Das hatte es noch nie gegeben. Aber sollte er mit verkniffenem Gesicht und schweißnasser Stirn auf der Kanzel stehen, das Bohren, Wühlen und Schneiden ignorieren und seiner Gemeinde ächzend ins Gewissen reden?

»In einer Woche haben Sie es überstanden«, versuchte Bernd Keller den Priester zu trösten.

Pfarrer Kreutzer rollte die Augen. »Eine Woche werden meine Gedanken permanent um den Lokus kreisen – welch grandiose Aussichten.«

»In ganz hartnäckigen Fällen ziehen die Russen auch erst nach vierzehn Tagen ab.«

Paul Kreutzer wiegte vorwurfsvoll den Kopf. »Sie verstehen es, einem Mut zu machen, das muss man Ihnen lassen.«

»Verzeihen Sie, Hochwürden.«

»Schon gut.« Der Pfarrer winkte deprimiert ab, riss seine blauen Augen plötzlich auf, erhob sich erschrocken, stöhnte: »Es geht schon wieder los – entschuldigen Sie mich«, und stürmte hinaus.

»Da sieht man, dass Priester auch nur Menschen sind«, meinte Bernd Keller lächelnd, als Paul Kreutzer sich wieder blass und matt zu ihm setzte.

»Bedarf es wirklich eines solch drastischen Beweises?«

»Die Predigt wird dann ja wohl Kaplan Hofer halten – oder sehe ich das falsch?«, erkundigte sich Bernd Keller.

»Sie sehen es leider richtig.«

»Wieso leider?«, fragte Bernd erstaunt.

»Meine Predigten unterscheiden sich grundlegend von jenen unseres jungen Kaplans. Wir sind nicht nur vom Typ her sehr verschieden. Wir haben auch sehr unterschiedliche Ansichten, wie Sie wissen.«

Oh ja, das wusste Bernd Keller, und nicht nur er. In ganz Grüntal war es bekannt. Manchmal wirkten der Pfarrer und sein Kaplan wie Tag und Nacht.

Pfarrer Kreutzer hielt streng auf Zucht und Ordnung. Kaplan Hofer hingegen sah man kaum in einer Soutane. Er bevorzugte moderne Kleidung und brauste auf einem schweren Motorrad durch den Ort. Natürlich war das einigen Leuten – vor allem den älteren Semestern – ein Dom im Auge. Die Jungen jedoch liebten ihren legeren, fortschrittlichen Kaplan gerade deswegen heiß.

»Jürgen Hofer wird Sie würdig vertreten, Herr Pfarrer«, meinte Bernd Keller zuversichtlich.

Paul Kreutzer behielt seine diesbezüglichen Bedenken für sich. Es würde sich nicht vermeiden lassen, dass Jürgen Hofer am Sonntag auf der Kanzel stand.

»Warum legen Sie sich nicht ins Bett?«, fragte der Organist. »Mit einer schönen Wärmeflasche auf dem Bauch …«

»Hören Sie auf!«, stöhnte Pfarrer Kreutzer. »Das habe ich versucht.«

»Und?«

Der Pfarrer winkte mit säuerlicher Miene ab.

»Auf jeden Fall kommt mir keine Wärmeflasche mehr auf den Bauch.«

Die Männer hörten, wie die Pfarrhaustür geöffnet wurde. Gleich darauf erschien Frau Maus, die achtundfünfzigjährige Pfarrhaushälterin.

Sie war seit Anbeginn bei Pfarrer Kreutzer im Dienst und leitete daraus das Recht für sich ab, ihm hin und wieder ganz unverblümt die Meinung zu sagen. Eine kluge, arbeitsame, warmherzige Frau war diese Heide Maus, die von vielen liebevoll »Kirchenmaus« genannt wurde. Ihr großes Anliegen war es, Frauen und Mädchen, die in Schwierigkeiten geraten waren und ratsuchend zu ihr kamen, zu helfen.

»Ah, Herr Keller, guten Tag«, sagte sie und stellte den schweren Einkaufskorb auf den Tisch. Ihr braunes Haar, das von einigen grauen Strähnen durchzogen war, war locker hochgesteckt.

»Guten Tag, Frau Maus«, gab der Organist freundlich lächelnd zurück. »Na, haben Sie groß eingekauft?«

»Nur das Allernötigste.«

Bernd Keller schmunzelte. »Ist eine ganze Menge – das Allernötigste.«

»Der Herr Pfarrer fällt zwar zurzeit aus, aber Sie ahnen ja nicht, was unser Kaplan so alles verdrückt.« Heide Maus wiegte den Kopf und rollte, die warmen dunklen Augen. »Der hat einen gesegneten Appetit.«

Pfarrer Kreutzer verzog das Gesicht zu einer leidvollen Grimasse, sah sie flehend an und sagte: »Macht es dir etwas aus, das Thema zu wechseln?«

Frau Maus musterte ihn verwundert. »Aber Herr Pfarrer, was haben Sie denn?«

»Ich wäre dir unendlich dankbar, wenn du in meiner Gegenwart bis auf Weiteres nicht mehr übers Essen reden würdest.«

»Oh ja, entschuldigen Sie, ich habe nicht an Ihre schlimmen Beschwerden gedacht. Wie fühlen Sie sich?«

»Du warst etwa eine Stunde weg«, seufzte Paul Kreutzer.

Die Haushälterin überlegte kurz und nickte dann. »Könnte hinkommen.«

»In diesen sechzig Minuten«, ächzte der Pfarrer, »war ich sechsmal … du weißt schon.«

Heide Maus wiegte mitfühlend den Kopf. »Sechsmal … alle zehn Minuten.«

»Du bist sehr gut im Kopfrechnen«, erwiderte Pfarrer Kreutzer ironisch.

»Wir werden Ihrem Leiden den Kampf ansagen!«, erklärte Frau Maus kriegerisch.

Der Ausdruck ihrer Augen gefiel dem Pfarrer nicht. Immer wenn sie so dreinschaute, kamen unangenehme Dinge auf ihn zu. »Was hast du vor?«, fragte Paul Kreutzer unsicher.

»Wir werden dem Übel, das Sie plagt, mit einigen hochwirksamen Maßnahmen und einer ganz strengen Diät zu Leibe rücken.«

»Ich streike!«, polterte der Pfarrer. »Jawohl, ich streike. Ich trete in Hungerstreik!«

Heide Maus nickte. »Ist auch eine Möglichkeit, diese Beschwerden loszuwerden.«

»Was?«, fragte Pfarrer Kreutzer verwirrt.

»Fasten«, antwortete Heide Maus. »Aber das wollte ich Ihnen ersparen, weil ich weiß, wie unleidlich Sie sein können, wenn Ihr Magen wie ein hungriger Wolf knurrt.«

Paul Kreutzer zog unwirsch die Augenbrauen zusammen. »Unleidlich. Ich.« Er wandte sich an den Organisten. »Haben Sie das gehört, Herr Keller? Haben Sie mich schon einmal unleidlich erlebt?«

»Ich muss gehen«, sagte der Musiklehrer, der nicht zwischen die Fronten geraten wollte, weise.

Pfarrer Kreutzer kniff argwöhnisch die Augen zusammen. »Wieso haben Sie es auf einmal so eilig?«

»Ich habe heute noch tausend Dinge zu erledigen. Nicht böse sein, Hochwürden. Baldige Besserung. Ich besuche Sie morgen wieder.« Bernd verließ das Pfarrhaus.

»Ich hätte nicht gedacht, dass er so ein Feigling ist«, sagte Paul Kreutzer enttäuscht.

»Er ist ein kluger Mann. Was man von Ihnen nicht immer behaupten kann.«

Der Pfarrer warf Heide Maus einen grimmigen Blick zu. »Noch so ein despektierliches Wort, und ich suche mir eine andere Haushälterin.«

»Fasten oder Diät?«, ließ sie ihn ungerührt wählen.

»Fasten«, entschied er.

Sie zuckte gleichgültig die Achseln. »In Ordnung.«

Und Pfarrer Kreutzer ging hastig erneut den Weg, den er in der vergangenen Stunde sechsmal zurückgelegt hatte.

 

 

2. Kapitel

 

In seiner schwarzen Lederkluft, den Sturzhelm unterm Arm, kam der junge Kaplan zur Tür herein. Man hätte ihn glatt für einen Rocker halten können. »Was höre ich? Sie sind in Hungerstreik getreten?«

»Kennen Sie die Alternative?«, brummte der Pfarrer.

Jürgen Hofer nickte.

»Ich habe das kleinere Übel gewählt«, erklärte Paul Kreutzer.

Der blonde, einsachtzig große Kaplan legte den Sturzhelm auf einen Stuhl und setzte sich. »Sie sehen elend aus.«

»Vielen Dank für das Kompliment«, knirschte Pfarrer Kreutzer.

Jürgen Hofer hob lächelnd die Schultern. »Soll ich die Unwahrheit sagen?«

»Vor einer Stunde war Bernd Keller hier, und der sagte, ich würde aussehen wie das blühende Leben.«

Der Kaplan grinste. »Das war vor einer Stunde.« Er wurde ernst. »Wie fühlen Sie sich?«

»So, wie ich aussehe«, seufzte Pfarrer Kreutzer.

»So miserabel?«

Paul Kreutzers Miene verfinsterte sich. »Ich werde auf jeden Fall am Sonntag die Predigt nicht halten können.«

Jürgen Hofer kräuselte die Stirn. »Das höre ich aber gar nicht gern.«

»Denken Sie, ich hab’s gern gesagt?«

Jürgen betrat nur selten und zumeist ungern die Kanzel, und seine Predigten waren dann immer so unkonventionell wie seine ganze Art.

Deshalb ließ sich Pfarrer Kreutzer auch nur sehr widerstrebend von ihm vertreten. Sie hatten zu konträre Ansichten – ganz gleich, um welche Themen es sich handelte. Dass Jürgen Hofer irgendwann wohl sein Nachfolger werden würde – an diesen Gedanken konnte sich Pfarrer Kreutzer bis zum heutigen Tag noch nicht gewöhnen, obwohl Jürgen aus tiefster Überzeugung Pfarrer war und dies auch schon oft bewiesen hatte.

»Haben Sie Zeit?«, fragte Paul Kreutzer.

»Wofür?«, fragte Kaplan Hofer zurück.

»Ich möchte mich mit Ihnen über Inhalt und Form der Predigt unterhalten.«

Der Kaplan zog die Lederweste aus. »Okay. Schießen Sie los.«

Der Pfarrer schien diese Aufforderung missverstanden zu haben, denn er verließ fluchtartig und ohne jede Vorwarnung den Raum. Kaplan Hofer nahm die Gelegenheit wahr, sich in sein Zimmer zu begeben und sich umzuziehen. In Jeans und kariertem Hemd kehrte er wenig später zurück. Der Pfarrer saß bereits wieder auf seinem Stuhl. Ein dünner Schweißfilm glänzte auf seiner Stirn.

Kaplan Hofer zeigte auf den Diwan. »Möchten Sie sich nicht ein bisschen ausruhen?«

Paul Kreutzer schüttelte resolut den Kopf. »Ich wollte diesmal gegen die Mountainbiker ins Feld ziehen«, stieß er heiser hervor.

Jürgen Hofer rümpfte die Nase, als hätte jemand eine Schachtel Limburger geöffnet.

Der Pfarrer nickte. »Ich sehe, wir sind mal wieder nicht einer Meinung«, brummte er unwillig.

»Was haben Sie gegen die Mountainbike Fahrer?«, wollte Kaplan Hofer wissen.

»Eine ganze Menge.«

»Wenn jemand in seiner Freizeit Sport betreibt, anstatt sich im Wirtshaus volllaufen zu lassen oder vor der Glotze zu sitzen, sinnlos Knabbergebäck in sich reinzustopfen und Fett anzusetzen, müssten Sie das doch eigentlich begrüßen.«

»Man muss rechtzeitig verhindern, dass diese Freizeitsportler zur echten Plage werden und zur Gefahr für Wanderer, die auf ihren einsamen Touren ihres Lebens nicht mehr sicher sind, weil diese Wahnsinnigen in verantwortungslosester Weise die Berge hinunter rasen«, erklärte Paul Kreutzer leidenschaftlich.

»Es ist ein Fehler, zu verallgemeinern, Herr Pfarrer«, meinte Jürgen Hofer vorsichtig.

»Sie scheuchen das arme Wild auf, zerstören mühselig angelegte Kulturen, sausen durch schonungsbedürftige Jungwälder, über Weiden und Almen, werfen mit den leeren Dosen und Flaschen ihrer isotonischen Aufbaudrinks um sich, sind Flurschädlinge übelster Sorte. Diesem Vandalismus muss ein Riegel vorgeschoben werden. Die Natur ist ein wertvolles Geschenk Gottes, das wir schätzen, achten und behüten müssen.« Paul Kreutzer sah den Kaplan kriegerisch an. »Oder sind Sie etwa auch diesbezüglich anderer Meinung?«

»Selbstverständlich nicht.«

Der Pfarrer nickte zufrieden und sagte dem Kaplan, wie er sich die Predigt vorstellte. Nach einer Weile hielt er irritiert inne und fragte: »Machen Sie sich keine Notizen?«

Jürgen Hofer schüttelte den Kopf. »Nicht nötig, ich behalt’s auch so.«

»Ich wollte, ich könnte dabei sein, wenn Sie … Entschuldigen Sie mich …« Wieder hatte es der Pfarrer ziemlich eilig, hinauszukommen.

Er hätte draußen beinahe Heide Maus umgerannt. Sie kam kopfschüttelnd herein. »Der arme Herr Pfarrer. Aber ein Gutes hat die Sache doch: Er verpestet heute ausnahmsweise mal nicht die Luft mit seinem Pfeifenqualm.«

»Ich rieche den Pfeifenrauch ganz gerne«, erwiderte der Kaplan.

»Manchmal könnte man glatt meinen, eine alte Dampflok wäre durch das Zimmer gefahren.«

Jürgen Hofer schmunzelte. »Seien Sie doch nicht immer so streng, Mäuschen.«

»Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen mich nicht so nennen.« Der Ärger der Pfarrhaushälterin war selbstverständlich nur gespielt, denn eigentlich gefiel ihr diese liebevolle Bezeichnung.

Der Schalk funkelte in den tiefblauen Augen des gutaussehenden Kaplans. »Warum denn nicht, Mäuschen?«, fragte er mit Unschuldsmiene.

»Weil … weil ich kein Mäuschen bin.«

»Aber Sie heißen so«, sagte Kaplan Hofer amüsiert.

»Ich heiße Maus.«

Jürgen Hofer breitete die Arme aus und hob grinsend die Schultern. »Und die Koseform von Maus ist Mäuschen, Mäuschen.«

Die Frau, die eine Schwäche für den sympathischen Kaplan hatte, gab es auf, mit ihm zu diskutieren. »Sind Sie hungrig?«

Jürgen Hofer legte die Hand auf seinen Magen. »Ich könnte Steine verschlingen.«

»So hart sind meine Knödel zum Glück nicht geworden.«

»Was gibt es zu den Knödeln?«, erkundigte sich der Kaplan.

»Salat«, antwortete Heide Maus.

»Und was noch?«, wollte Kaplan Hofer wissen.

»Einen saftigen Schweinsbraten – aber nur, wenn Sie brav sind.«

Jürgen Hofer sah sie treuherzig an. »Bin ich doch immer, Frau Maus.«

»Damit dem Herrn Pfarrer das Fasten nicht gar so schwerfällt, sollten Sie bei mir in der Küche essen«, schlug Heide Maus vor.

Der junge Kaplan erhob sich strahlend. »Mit dem größten Vergnügen.«

Er wollte gleich mit Heide Maus gehen, doch diese legte ihm die Hand auf die Brust und sagte. »In zehn Minuten.«

»Zehn Minuten sind für einen hungrigen Menschen eine qualvolle Ewigkeit.«

»Das Fleisch ist noch nicht gut«, erklärte Heide Maus.

Jürgen Hofer verdrehte die Augen. »Wenn ich an Ihren köstlichen Braten denke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen und überschwemmt alle meine Brücken.«

»Sie haben ja noch gar keine Brücken.«

»Ist bloß so eine Redewendung«, bemerkte Kaplan Hofer lächelnd.

»Zehn Minuten. Nehmen Sie sich ein Beispiel am Herrn Pfarrer, der hat beschlossen, noch viel länger ohne Essen auszuharren.«

Jürgen Hofer seufzte schwer. »Das werden die schwersten zehn Minuten meines Lebens sein.«

»Sie werden sie überstehen.«

 

 

3. Kapitel

 

Am Nachmittag kam Hanna Blum, die »alte Kräuterhexe«, wie manche sie respektlos nannten, ins Pfarrhaus. Ihr war zu Ohren gekommen, dass es dem Pfarrer schlechtging, und sie wollte ihm mit einem ihrer Mittelchen helfen.

Sie war eine kleine, eingetrocknete Frau unbestimmbaren Alters. Es gab Leute im Dorf, denen war sie nicht ganz geheuer, weil sie immer schwarz gekleidet war und ein schwarzes Kopftuch trug.

Einfältige Gemüter konnten sich sogar vorstellen, dass sie mit dem Teufel im Bunde war, und ihre Kinder riefen der alten, krummen Frau, die noch niemandem etwas in den Weg gelegt hatte, »Totenvogel!« nach. In einem Fläschchen befand sich der ölige Extrakt, der Pfarrer Kreutzer helfen sollte. Es kostete Heide Maus ihre ganze Überredungskunst, damit er einen Esslöffel voll von dem Zeug, von dem er lieber nicht wissen wollte, woraus es bestand, einnahm.

Der Wundertrank des Kräuterweibs schmeckte bitter, roch faulig und schien im Mund immer mehr zu werden. Pfarrer Kreutzer hatte große Mühe, die widerliche »Medizin« zu schlucken. Er tat es ganz gewiss nicht für sich, sondern für das arme alte Mütterchen, das er nicht kränken wollte. Wenn sie schon den beschwerlichen Weg ins Pfarrhaus auf sich genommen hatte, um ihm in seiner großen Not beizustehen …

Das zähflüssige Zeug war endlich unten, und Pfarrer Kreutzer horchte bang in sich hinein. Zunächst passierte nichts. Sein Inneres schien es ihm nicht übelzunehmen, dass er sich den Zaubertrank des alten Kräuterweibleins einverleibt hatte. Keine Reaktion – auch schon ein Erfolg, dachte Hochwürden. Heide Maus und Hanna Blum sahen ihn gespannt an. Worauf warteten sie? Dass er die Farbe wechselte? Dass er grün im Gesicht wurde?

»Nun, Herr Pfarrer?«, kam es zaghaft über die Lippen der Pfarrhaushälterin. »Spüren Sie schon etwas?«

»Sollte ich schon etwas spüren?«

Frau Maus leckte sich nervös die Zunge. »Es ist ein ziemlich rasch wirkendes …«

»Gift?«

»Mittel«, sagte Heide Maus mit mahnendem Blick.

Der Pfarrer legte die Hände auf seinen Leib. »Ich glaube, es geht mir tatsächlich schon ein bisschen besser.«

Hanna Blum sah ihn an, als könne sie es nicht glauben. Sollte sie mit ihrem Gebräu wirklich ein Wunder vollbracht haben? »Vielleicht sollten Sie dann noch einen Löffel …«

»Nein«, wehrte der Pfarrer erschrocken ab. Bei aller Freundschaft und Sympathie, die er dem Kräuterweibchen entgegenbrachte, einen zweiten Löffel von diesem Fleckenwasser hätte er mit Sicherheit nicht zu schlucken vermocht. Er hatte mit dem ersten schon seine liebe Not gehabt. Und nun setzte die Wirkung ein. Schlagartig – und so überraschend, dass bei Paul Kreutzer beinahe sämtliche Sicherungen durchgeschmort wären. Er wurde blass, krümmte sich und stieß einen unartikulierten Laut aus.

»Um Himmels willen, Herr Pfarrer!«, schrie Heide Maus bestürzt auf.

»Die Reaktion!« Hanna Blum nickte wissend. »Das ist die Reaktion!«

Der arme Pfarrer entfernte sich mit Siebenmeilenstiefeln, Panik im Gesicht.

»Das wird ihm die gewünschte Erleichterung verschaffen«, meinte das alte Kräuterweiblein zuversichtlich. »Dieses Mittel hat bisher noch jedem geholfen. Das reißt so richtig schön durch.«

Die Pfarrhaushälterin sah sie entgeistert an. »Reißt durch?«

»Und entschlackt gleichzeitig.«

»Moment mal, was haben Sie dem Herrn Pfarrer denn gebracht?«, wollte Heide Maus nun aufs höchste beunruhigt wissen.

»Na, ein hochwirksames Mittel gegen seine hartnäckige Stuhlverstopfung.«

Frau Maus legte entsetzt die Hände auf ihr Gesicht. »Stuhlverstopfung? Wie kommen Sie denn darauf? Genau das Gegenteil hat er.«

»Durchfall?«

Heide Maus nickte heftig. »Durchfall.«

»Da muss ich mich dann wohl verhört haben«, meinte das Kräuterweiblein nicht sonderlich beeindruckt. In Heide Maus’ Augen war an dem bedauernswerten Herrn Pfarrer ein Verbrechen verübt worden. Sie fühlte sich als Hanna Blums Komplizin. Schuldbeladen ließ sie die Schultern hängen. »Mein Mittel wirkt auch in der anderen Richtung«, behauptete die schwarzgekleidete Alte.

Heide Maus wollte ihr nicht mehr so recht glauben.

»Wenn alles Schlechte draußen ist, wird der Herr Pfarrer sich rascher erholen«, erklärte das alte Kräuterweiblein mit simpler Logik.

Ich hätte ihn nicht so hartnäckig überreden sollen, ihre Medizin zu nehmen, dachte Frau Maus reumütig. Ob er mir das jemals verzeihen wird? Der arme Herr Pfarrer. Was haben wir ihm nur angetan.

 

 

4. Kapitel

 

Als die alte Hanna Blum ohne jedes schlechte Gewissen das Pfarrhaus verließ, wäre sie beinahe von einem Auto erfasst und niedergestoßen worden.

Sie bekam es gar nicht richtig mit. In ihrem Alter ist man der Welt schon ein wenig entrückt. Da kümmern einen keine Nebensächlichkeiten mehr. Das Leben beschränkt sich nur noch auf das Wesentliche.

Das Quietschen der Autoreifen veranlagte sie aber immerhin, den Kopf zu heben und stehenzubleiben. Den Rest musste der Mann im Auto tun, um ein Unglück zu vermeiden. Er bremste nicht nur mit verzerrtem Gesicht. Er wirbelte auch wie verrückt das Lenkrad herum und erreichte so, dass sein Wagen haarscharf an der schwarzgekleideten Frau vorbeirutschte.

Sobald das Fahrzeug stand, sprang er heraus und machte seinem Ärger Luft. Er musste es tun, sonst hätte ihn die Wut zerrissen.

»Sag mal, Alte, bist du von allen guten Geistern verlassen? So kann man doch nicht auf der Straße gehen. Du bist ja gemeingefährlich.«

Hanna Blum kniff die schwachen Augen zusammen. »Klefitsch«, sagte sie matt. »Valentin Klefitsch, nicht wahr? Unbeherrscht und jähzornig wie eh und je.«

»Und du bist noch genauso weltfremd wie früher, Kräuterweib«, gab Valentin Klefitsch unfreundlich zurück.

Vor ein paar Jahren war der fesche Valentin in die große, weite Welt hinausgezogen, um sein Glück zu machen. Leider hatte es damit nicht so ganz geklappt.

Die hohen Erwartungen, mit denen er fortgegangen war, hatten sich nicht einmal ansatzweise erfüllt, und so hatte er sich in diesen Tagen endlich entschlossen, in sein Heimatdorf Grüntal zurückzukehren.

Valentin Klefitsch, der Verlierer, kam nach Hause! Aber so sah er das nicht. Der schöne Valentin belog nämlich nicht nur die ganze Welt, sondern auch sich selbst.

Er kam auf jeden Fall reich an Erfahrung zurück, und mehr Geld als beim Weggehen hatte er auch in seinen Taschen. Beträchtlich mehr Geld sogar.

Wie er dazu gekommen war, darüber breitete er lieber den Mantel des Schweigens. Das würde er ganz gewiss nicht an die große Glocke hängen. Die neugierigen Leute von Grüntal brauchten schließlich nicht alles zu wissen. Groß war er, dieser Valentin Klefitsch, und gut sah er aus. Ein Mann, der jeder Frau den Kopf verdrehen konnte – solange sie ihn nicht näher kannte. Er war gerade erst vierzig geworden, hatte pechschwarzes Haar, dunkle Augen, ein sonnengebräuntes Gesicht mit männlich markanten Zügen, breite Schultern und schmale Hüften, trug einen teuren Anzug und erstklassige Modellschuhe.

Man hätte meinen können, er wäre soeben einem Journal für exquisite Herrenmode entstiegen. Sein Zorn hatte seine vornehme Noblesse kurz verblassen lassen, doch nun bekam er sich allmählich wieder in die Gewalt und brummte: »Tut mir leid, dich so angeschnauzt zu haben, Kräuterfrau. Mir ist der Schreck bis ins Knochenmark gefahren, und da bin ich eben explodiert.« So schwarz, wie sie gekleidet ist, könnte man meinen, sie wäre zu ihrer eigenen Beerdigung unterwegs, dachte er. Und um ein Haar hätte es damit ja auch tatsächlich hingehauen.

Die alte Frau zuckte gleichmütig die knöchernen Schultern und wollte weitergehen. Klefitsch hatte sich seine Rückkehr nach Grüntal anders vorgestellt.

Wie, das wusste er eigentlich nicht so genau. Vielleicht ein wenig spektakulärer. Auf keinen Fall aber so. Kaum beachtet – nicht einmal von diesem Kräuterweib.

Er konnte keine große Lücke hinterlassen haben, als er fortgegangen war. Warum hatte er das geglaubt? Wieso nahm er sich wichtiger, als er tatsächlich war?

»Komm, steig ein, ich nehme dich ein Stück mit«, bot er der alten Frau an.

»Ich kann laufen.«

Valentin Klefitsch grinste. »Hat dir deine Mutter eingebleut, du sollst zu keinem fremden Mann auf den Kutschbock steigen, als du jung warst? Nun, das kannst du vergessen. Ich bin kein fremder Mann, und mein Auto hat keinen Kutschbock.«

»Ich will laufen.«

»Und ich habe mir für heute eine gute Tat vorgenommen – also steig schon ein.«

»Ich werde laufen«, entschied das Kräuterweibchen und ging ihres Weges.

»Dann eben nicht!«, rief ihr Klefitsch verdrossen nach. »Aber mach wenigstens die Augen auf und renn nicht wieder jemandem vor den Kühler!«

Ärgerlich stieg er ein und fuhr weiter. Er fuhr absichtlich ganz knapp an der starrsinnigen Alten vorbei, aber das störte sie nicht. Wer war schon Valentin Klefitsch?

 

 

5. Kapitel

 

Nach Hanna Blum erschien Marianne Wurzer, die Frau des Bauunternehmers und Bürgermeisters Max Wurzer, im Pfarrhaus, um Hochwürden einen selbstgebrühten Tee nach einem altbewährten Hausrezept gegen Darmkatarrh zu bringen.

Der Tee bestand aus Bockshornkleesamen, Fenchel, Heidelbeeren, Johanniskraut, Salbeiblättern und Wacholderbeeren. »Der stellt Sie im Handumdrehen wieder auf die Beine«, versicherte Marianne Wurzer dem Pfarrer. »Wenn mein Max Durchmarsch hat, verlangt er immer nach diesem Tee.« Sie zeigte auf die Thermoskanne, die sie gebracht hatte. »Täglich viermal eine Tasse lauwarm trinken.«

»Danke, Frau Wurzer«, sagte Paul Kreutzer müde. »Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.«

Die Frau des Bürgermeisters tätschelte aufmunternd seine Hand. »Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, Herr Pfarrer. Das wird schon wieder. Mit meinem Tee sind Sie Ihre schlimmen Beschwerden bald wieder los.«

Kaum war Marianne Wurzer weg, kam Mathilde Gambacher, die resolute Wirtin des Gasthauses »Zum Hirsch«, mit einem Wundertee, der aus Adornkraut, Baldrianwurzel, Gräserwurzel, Kamillenblüten und Löwenzahnwurzel bestand.

Die wohlmeinenden Frauen des Dorfes gaben sich die Klinke der Pfarrhaustür buchstäblich in die Hand. Jede wollte ihren Beitrag zur raschen Genesung Hochwürdens beitragen. Nach Mathilde Gambacher erschien Sophie Jäger, eine der beiden Roten Schwestern – sie wurden wegen ihrer auffallend roten Haare so genannt. An und für sich war sie ein bissiges Luder, doch wenn es dem Herrn Pfarrer schlecht ging, stellte sie ausnahmsweise mal ihren ausgeprägten unleidlichen Charakter hinten an und versuchte auch zu helfen. Ihr Teerezept: Dillfrüchte, Fenchel, Himbeere, Hirtentäschelkraut, Kamillenblüten, Majorankraut und Pfefferminze.

Susi Pfanndl, die in ihrem Damensalon schon aus so mancher Dörflerin eine schicke Dame gemacht hatte, schwor auf: Kamillenblüten, Kümmel, Pfefferminze, Quendelkraut und Wermutskraut.

Und Rosa Scarletti, die Frau von Camillo Scarletti – ihm gehörte die Pizzeria »Da Camillo«, und sie, eine typische italienische Mama, schuftete in der Küche –, sagte, Hochwürden könne all das andere Gebräu, das man ihm bisher gebracht habe, wegschütten, denn helfen würde ihm nur der Tee, den sie für ihn gebrüht habe und der aus Anis, Arnikablüten, Kamillenblüten, Majorankraut, Melissenblätter, Quendelkraut und Tormentillwurzel bestehe.

»Heiliger Strohsack, ich könnte eine Teestube eröffnen«, seufzte Pfarrer Kreutzer, während er den Blick über die zahlreichen Thermoskannen schweifen ließ, die die hilfsbereiten Frauen von Grüntal dagelassen hatten.

»Diese vielen Kannen zeigen, wie beliebt Sie sind«, meinte Heide Maus.

»Ich müsste entweder von jedem Tee trinken – oder von keinem.«

»Und was werden Sie tun?«, erkundigte sich Heide Maus.

»Ich werde von keinem trinken«, entschied der Pfarrer.

Sie zeigte auf die Kannen. »Und was werden Sie all diesen Frauen sagen, wenn Sie sie fragen, wie Ihnen ihr Tee geschmeckt und geholfen hat? Ein Pfarrer darf nicht lügen.«

»Ich weiß, was sich für einen Geistlichen gehört, das brauchst du mir nicht zu sagen!« Paul Kreutzers Stimme war laut und rau geworden.

»Entschuldigung«, sagte Frau Maus eingeschnappt. »Deswegen brauchen Sie mich ja nicht gleich zu fressen. Mein Gott, sind Sie empfindlich geworden.«

»Ich bin krank«, brummte Pfarrer Kreutzer.

»Das will ich als Entschuldigung gelten lassen.«

»Leg um Himmels willen nicht jedes Wort auf die Apothekerwaage«, bemerkte Paul Kreutzer versöhnlich. »Ich bin ein bisschen durcheinander – nicht nur im Bauch, sondern auch im Kopf.«

»Was soll denn nun mit den vielen Tees geschehen?«

Der Pfarrer zuckte die Achseln. »Vielleicht eignen sie sich zum Blumengießen.«

»Das riskiere ich lieber nicht.«

»Kannst dir auch den einen oder anderen Schluck gönnen«, feixte Pfarrer Kreutzer. »Mir genügt, was die alte Kräuterfrau mir gegeben hat. Was war da eigentlich hauptsächlich drin? Sprengstoff?«

Heide Maus lachte. »Das ganz bestimmt nicht.«

»Ich nehme auf jeden Fall bis auf Weiteres nichts mehr ein. Von niemandem. Strengstes Heilfasten ist angesagt.«

Heide Maus wiegte bedenklich den Kopf. »Sie werden ganz schön vom Fleisch fallen.«

»Ist mir ganz recht, wenn ich ein paar Pfunde runterkriege. In letzter Zeit fing meine Soutane ohnedies schon ein bisschen an zu spannen.«

»Selber schuld«, sagte die Kirchenmaus.

»Wieso?«

Frau Maus schmunzelte. »Sie müssen ja bei allen Festlichkeiten in und um Grüntal, ob es sich nun um Taufen, Hochzeiten oder Begräbnisse handelt, dabei sein.«

»Selbstverständlich. Schließlich bin ich hier der Pfarrer.«

»Den nicht einzuladen in unserem Dorf – wie jedermann weiß – einer Todsünde gleichkäme, nicht wahr?«, stichelte die Pfarrhaushälterin.

»Jetzt übertreibst du aber.«

»Auf jeden Fall würde es niemand wagen, Sie nicht um Ihre geschätzte Teilnahme an seiner Feier zu bitten«, behauptete Heide Maus.

»Genauso gehört sich das auch.« Wieder einmal musste Pfarrer Kreutzer urplötzlich zur Toilette sausen.

Als er wiederkam, meinte Frau Maus: »Ich würde ja Doktor Ackermann anrufen und bitten, Sie zu untersuchen, aber das wollen Sie ja nicht.«

»Nein, das will ich nicht.«

»Mir ist nur der Grund nicht klar«, sagte Heide Maus. »Haben Sie kein Vertrauen zu Doktor Ackermann?«

»Er ist ein guter Arzt«, befand Paul Kreutzer, »hält nichts von Chemie um jeden Preis, verschreibt lieber homöopathische Mittel.«

»Na also, warum erlauben Sie mir dann nicht …«

Der Geistliche winkte ab. »Er hat Wichtigeres zu tun. Ich werde mit meinem Durchfall auch alleine fertig.«

Die nächsten Besucherinnen, die kamen, ließ Heide Maus nicht mehr zu Hochwürden. Er konnte keine Besuche mehr empfangen, war zu schwach dazu, und Heide Maus sah sich aus diesem Grund gezwungen, ein striktes Besuchsverbot auszusprechen.

Am Sonnabend – seinem zweiten Fasttag – überraschte Pfarrer Kreutzer seine Haushälterin und den Kaplan mit dem Entschluss, morgen doch lieber selbst die Heilige Messe zu lesen.

»Sie sind wohl nicht bei Trost«, entfuhr es Heide Maus. »Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, aber Sie können doch nicht – in Ihrem Zustand …«

»Es geht mir schon besser.«

»Ja, Sie müssen nicht mehr sechsmal in der Stunde raus, sondern nur noch fünfmal«, erwiderte die Haushälterin mit unüberhörbarem Sarkasmus. »Welch unübersehbarer Genesungsfortschritt.«

»Ihm geht es nicht so sehr um die Messe als um die Predigt.« Kaplan Hofer hatte Paul Kreutzer längst durchschaut. »Er möchte alle Mountainbike Sportler in Grund und Boden verdammen, und er weiß, dass ich das nicht tun werde.«

»Werfen Sie wirklich alle Radfahrer in einen Topf, Herr Pfarrer?«

»Radfahrer! Heiliger Strohsack«, brummte Paul Kreutzer unwillig. »Wer redet denn von Radfahrern?«

»Sind Mountainbikes denn keine Fahrräder?«, fragte Heide Maus.

»Ich meine jene Irren«, stellte Pfarrer Kreutzer engagiert klar, »die die göttliche Natur in unverantwortlicher Gedankenlosigkeit zur Rennpiste machen, die rücksichtslos Jungpflanzen niederwalzen, mit ihren grobstolligen Reifenprofilen beim Bremsen hemmungslos den fruchtbaren Boden aufreißen und der unberührten Landschaft Wunden zufügen, die – falls sie überhaupt Zeit haben zu heilen – hässliche Narben hinterlassen.«

»Ja, meinen Sie denn, gegen diese Rowdys bin ich nicht?« Kaplan Hofer stand auf und ging zum Fenster. »Mir liegt das Wohl der Natur ebenso am Herzen wie Ihnen. Ich weigere mich nur, sämtliche Mountainbike-Sportler generell zu verurteilen. Wenn jemand nicht auf Schusters Rappen, sondern auf dem Mountainbike durch die Landschaft wandern möchte und dies vernünftig, umsichtig und rücksichtsvoll tut, sehe ich keinen Grund, es ihm zu verwehren.«

»Finde ich auch«, sagte Heide Maus.

»Natürlich«, knurrte der Pfarrer. »Du bist ja immer auf seiner Seite.«

»Nicht immer«, stellte die Haushälterin klar. »Nur wenn er recht hat.«

Paul Hofer vermochte sich gegen die starke Phalanx, die Heide Maus und Jürgen Hofer bildeten, nicht durchzusetzen. Seine Absicht, die sonntägliche Messe zu zelebrieren und die geplante Predigt selbst zu halten, scheiterte am energischen Veto der beiden.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Er war zu schwach, um seinen Willen durchzusetzen. Und er musste auch schon wieder …

 

 

6. Kapitel

 

Der Mesner Kreuzer half dem Kaplan in der Sakristei, die geistlichen Gewänder anzulegen.

»Wie geht es denn dem Herrn Pfarrer?«, erkundigte er sich dabei.

»Schon etwas besser«, antwortete Jürgen Hofer.

»Er achtet viel zu wenig auf seine Gesundheit. In seinem Alter muss man aufpassen …«

»Bei dieser Erkrankung nützt alles Aufpassen nichts«, erwiderte Jürgen Hofer. »Gegen sie gibt es keinen prophylaktischen Schutz.«

»Keinen was für einen Schutz?«

»Keinen vorbeugenden«, sagte der Kaplan.

»Ach so. Hat der Herr Pfarrer Ihnen das Thema für die Predigt vorgegeben?«

Jürgen Hofer nickte. »Hat er.«

»Worum geht’s denn?«

»Hören Sie es sich an«, gab Kaplan Hofer lächelnd zurück.

Sie war ein wahres Schmuckstück, die Grüntaler Barockkirche, an deren Seitenaltären die Jungfrau Maria mit ihrem Kind und der Schutzheilige St. Martin sowie die Heilige Genoveva, die zweite Schutzpatronin der Grüntaler Kirche, im Kerzenschein glänzten. Die Heiligenstatuen trugen bunte Gewänder, und frische Blumen schmückten die zwei seitlichen Opfertische mit ihren kunstvoll gearbeiteten Flügelaltären, deren Mittelstock die beiden gleich hohen Seitenstöcke überragte.

Es roch nach altem Weihrauch, Bienenwachskerzen und Holz, und von der buntbemalten Decke hingen an langen Kabeln prächtige Lampen herunter.

Als Kaplan Hofer aus der Sakristei kam, griff Bernd Keller voll in die Tasten seiner Orgel. Alle Gläubigen erhoben sich. Die Heilige Messe nahm ihren feierlichen Anfang.

Das Kernstück jeder sonntäglichen Messe ist die Predigt. Kaplan Hofer war sich ihrer Bedeutung und ihrer Wichtigkeit sehr wohl bewusst.

Die kirchliche Gemeinde erwartete von ihm, dass er ihr etwas mitgab, worüber sie zu Hause nachdenken, mit dem sie sich allein oder im Kreis der Familie auseinandersetzen konnte. Als er die Kanzel betrat, war er ein wenig nervös. So etwas wie Lampenfieber packte ihn. Er wusste, dass es vergehen würde, sobald er die ersten Worte gesprochen hatte.

Er räusperte sich kurz, und dann begann er mit seiner Predigt. Es war eine stark gemilderte Version dessen, was Pfarrer Kreutzer an seiner Stelle von sich gegeben hätte.

Er legte die Schöpfungsgeschichte im Ersten Buch Mose zugrunde, wo es in Vers achtundzwanzig unter anderem hieß: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan …

Dass die letzten Worte von vielen Erdenbewohnern gründlich missverstanden worden waren und noch wurden, prangerte Jürgen Hofer an. Er verdammte die Mountainbiker nicht in Bausch und Bogen, aber er verurteilte sehr wohl energisch und mit schärfstem Nachdruck all jene, die der sensiblen Natur in unverantwortlicher Weise schadeten, die rücksichtslosen Egoisten, die nur an ihren eigenen Spaß dachten und sich nicht um Landschaft, Menschen und Tiere scherten.

Er lehnte jede Art von Rowdytum genauso ab wie Pfarrer Kreutzer, aber er hatte nichts dagegen, wenn junge Leute die Natur diszipliniert und rücksichtsvoll auf ihren Fahrrädern erleben wollten.

Und mehr als einmal sah er beifälliges Nicken bei seinen Ausführungen, als er über die Köpfe der Kirchgänger sah. Allerdings auch manch aufsässige Miene, vornehmlich bei jungen Leuten, die sich offenbar angesprochen fühlten. Er merkte sich diese Gesichter und würde künftig auf diese Jugendlichen ein besonderes Augenmerk haben.

Nach der Messe stand er wie immer vor der Kirche und unterhielt sich mit diesem oder jenem Gottesdienstbesucher.

»Ihre Predigt hat mir gefallen, Kaplan Hofer«, sagte jemand neben ihm in dem Augenblick, als Heide Maus zu ihm trat.

Er wandte den Kopf und erblickte Valentin Klefitsch, der ihm freundlich lächelnd die Hand entgegenstreckte. Heide Maus stellte dem Kaplan den Mann vor. »Sie sind in Grüntal?«, fragte sie überrascht.

Klefitsch grinste. »Ich bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt.«

»Hat das Heimweh Sie nach Grüntal zurückgetrieben?«, fragte Jürgen Hofer.

Valentin Klefitsch nickte. »Ich glaube, ja.«

»Wie lange waren Sie weg? Fünf Jahre?«, fragte Heide.

»Fast. Viereinhalb, um genau zu sein«, antwortete Klefitsch. »Hab viel gesehen in dieser Zeit – und auch erlebt.«

»Hat es sich gelohnt, wegzugehen?«, fragte der Kaplan.

»Auf jeden Fall. Mein Ausflug in die große, weite Welt hat nicht nur meinen Horizont erweitert. Ich habe dabei auch einige sehr wichtige Erfahrungen gemacht, die mein Leben nachhaltig beeinflusst haben und die ich auf keinen Fall missen möchte.«

»Und nun?«, forschte Kaplan Hofer weiter.

»Ich hab’n bisschen Geld heimgebracht. Einen Teil davon werde ich in den Umbau meines Elternhauses stecken.« Klefitsch schmunzelte. »Man muss sich sein Nest so behaglich wie möglich machen.«

»Und dann?«

Klefitsch schürzte die Lippen und zuckte die Schultern. »Mal sehen, was sich ergibt. Ich hab’s nicht eilig. Ich kann die Dinge getrost erst mal eine Weile reifen lassen.« Er wechselte das Thema.

»Pfarrer Kreutzer ist krank, habe ich gehört.«

Kaplan Hofer nickte. »Ja.«

»Hoffentlich nichts Ernstes«, sagte Valentin Klefitsch.

»Ach wo. Die nächste Predigt wird er wieder halten.«

Klefitsch atmete erleichtert auf. »Bestellen Sie ihm schöne Grüße, verbunden mit den besten Genesungswünschen, von mir.«

»Mach ich.«

Klefitsch lächelte. »Tja, dann werden wir uns von nun ja öfter über den Weg laufen.«

Kaplan Hofer gab das Lächeln zurück. »Ich habe nichts dagegen.«

»Ich auch nicht. Grüß Gott, Herr Kaplan, Frau Maus!«

»Grüß Gott«, sagte Jürgen Hofer und Heide nickte ihm zu. Dann raunte sie dem Kaplan zu, dass sie sich ums Essen kümmern müsse und nahm den Weg zum Pfarrhaus.

Der nächste, der ihn ansprach, war Max Wurzer, der nicht nur Bauunternehmer und Bürgermeister war, sondern auch Vorsitzender des Grüntaler Sportvereins.

Auch ihm hatte die Predigt des Kaplans, sein Aufruf zu Rücksicht und Vernunft, gefallen, und er war davon überzeugt, dass sich jene, die es anging, von nun an draußen in Wald und Flur etwas gesitteter benehmen würden.

Lob aus diesem berufenen Mund tat Jürgen Hofer gut. Da konnte dann ja wohl auch Pfarrer Kreutzer nichts zu meckern haben, dachte er. Aber er sollte sich irren.

Er bestellte dem Pfarrer die Grüße und Genesungswünsche von Valentin Klefitsch. »Hat der verlorene Sohn heimgefunden?«, knurrte Paul Kreutzer. Heute war sein dritter Hungertag. Langsam reichte es ihm.

»Er sieht richtig wohlhabend aus«, berichtete Kaplan Hofer.

»Er ist ein Sünder.«

»Er macht einen geläuterten Eindruck«, sagte Jürgen.

»Einer wie der wird sich niemals ändern. Man sollte ganz Grüntal vor ihm warnen.«

Jürgen Hofer schmunzelte. »Sollten Sie als Priester nicht stets an das Gute im Menschen glauben?«

»An das Gute im Menschen! Bei Valentin Klefitsch? Solange ich ihn kenne, hat er gelogen, betrogen und gestohlen.«

»Angeblich ändert sich der Mensch alle sieben Jahre«, sagte Jürgen Hofer.

Paul Kreutzer schüttelte finster den Kopf. »Nicht Valentin Klefitsch. Der bleibt bis ans Ende seiner Tage, wie er ist: skrupellos, berechnend und unehrlich. Kurz bevor er Grüntal verließ …«

»Sie plaudern hoffentlich kein Beichtgeheimnis aus.«

»Blödsinn«, grollte Pfarrer Kreutzer. »Jedermann in Grüntal weiß, dass er den alten Brettschneider hereingelegt hat.«

»Ich weiß es nicht«, sagte der Kaplan.

»Seinen betagten, rostzerfressenen Wagen, den er vor einem halben Jahr gerade noch mal mit Ach und Weh durch den TÜV gebracht hatte, hat er ihm verkauft, zu einem schamlos überhöhten Preis. In den Kühler hat er irgendeine Flüssigkeit geschüttet, um ihn vorübergehend abzudichten, und als der alte Brettschneider seine Tochter in Passau besuchen wollte, ist das ganze Kühlwasser ausgelaufen, und die Karre ist auf halber Strecke verreckt. Die Reparaturkosten hätten ein Vielfaches vom Fahrzeugwert ausgemacht. Da sich der alte Brettschneider das nicht auch noch leisten konnte, musste er den Wagen einem Schrotthändler überlassen. Solche Gaunereien hat Valentin Klefitsch damals am laufenden Band gemacht, und ich würde meine Soutane aus, Ihre Lederkluft anziehen und auf Ihrem Motorrad durch Grüntal brausen, wenn dieser Mann sich auch nur um ein Jota geändert hätte.«

Der junge Kaplan lachte herzlich. »Sie auf meiner Maschine, in Rockerkleidung – das wäre ein Anblick. Grüntal würde kopfstehen.«

»Valentin Klefitsch wird uns das ersparen. Er wäre besser da geblieben, wo er die letzten viereinhalb Jahre zugebracht hat. Niemand hat ihn hier vermisst.«

Heide Maus streckte den Kopf zur Tür herein. »Möchten Sie noch immer nichts essen, Herr Pfarrer?«

»Nein.« Das kam Paul Kreutzer knapp und hart über die Lippen.

»Ihr Magen knurrt«, stellte Kaplan Hofer fest.

»Machen Sie es wie ich: ignorieren Sie’s«, empfahl ihm Paul Kreutzer.

»Wenigstens einen geriebenen Apfel«, sagte die Pfarrhaushälterin flehend.

»Vielleicht morgen. Heute halte ich noch durch«, erwiderte der Geistliche entschlossen. Seufzend schloss Heide Maus wieder die Tür. »Und nun zu Ihrer Predigt!«, sagte Paul Kreutzer zu seinem Kaplan, und dann fing er an, alles, was Jürgen Hofer auf der Kanzel gesagt hatte, zu zerpflücken.

Er hatte sich gut informiert, wie sich herausstellte. Auch wenn er mal nicht in seiner geliebten Kirche war, wusste er sehr genau, was dort vorging.

Viel zu lax sei Jürgen Hofers Rede gewesen, behauptete er. »Ich hätte die Mountainbiker viel schärfer angegriffen«, sagte er mit einem leidenschaftlichen Funkeln in den Augen.

»Ich habe jeden Vandalismus verurteilt«, verteidigte sich der Kaplan.

»Warum müssen die Leute auf einmal auf Rädern durchs Gemüse rasen?«

»Auch gegen die rücksichtslosen Raser habe ich mich mit aller Deutlichkeit ausgesprochen«, versicherte der Kaplan.

»Warum können die Menschen die wunderschöne Natur nicht mehr wie früher zu Fuß durchwandern?«

»Früher hat es keine Geländefahrräder gegeben«, erklärte Kaplan Hofer.

Paul Kreutzer schüttelte gereizt den Kopf. »Das ist doch bloß eine unsinnige Modetorheit.«

»Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verschließen«, wandte Jürgen Hofer ein.

Pfarrer Kreutzer bedachte ihn mit einem tadelnden Blick. »Mein lieber junger Kollege, wenn die Kirche sich jedem Trend angepasst hätte, würde es sie schon lange nicht mehr geben. Sie ist nur deshalb immer noch da, weil sie sich in der langen Epoche ihres Benehmens nur unwesentlich verändert hat und mit äußerster Behutsamkeit mit der Zeit gegangen ist. Das Progressive überholt sich schnell und wird unmodern. Nur das Konservative hat Bestand und überdauert die Zeiten. Ihre Predigt war keine Attacke gegen die Mountainbike-Fahrer, wie ich mir das vorgestellt habe, sondern sie war eher ein Plädoyer für diese Extremsportler, die kein Auge mehr für die Schönheiten der Natur haben können, weil sie sich auf ihren Drahtesel konzentrieren müssen, um sich nicht den Hals zu brechen.«

»Ist doch nicht wahr.« Jürgen Hofer wies den Vorwurf entschieden zurück.

»Haben Sie nicht jene zu Verständnis und Toleranz aufgerufen, die in Gottes schöner Natur zu Fuß unterwegs sind?«

»Um die Kluft zwischen Wanderern und Mountainbikern, die zweifelsohne besteht und die Sie mit Ihrer Predigt nur noch mehr vergrößert hätten zu verringern«, rechtfertigte sich der junge Kaplan. »Oder finden Sie die Gehässigkeiten, die Wanderer und Radfahrer an den Tag legen, wenn sie aufeinandertreffen, und die Schreiduelle, die man sich liefert, und die manchmal sogar zu Tätlichkeiten führen, etwa in Ordnung? Die Natur ist für alle da. Die Wanderer haben kein Monopol darauf.«

»Heiliger Strohsack!«, polterte Pfarrer Kreutzer los, aber dann beraubte ihn heftiges Bauchgrimmen jeglicher Argumentationskraft – und er musste wieder schnellstens dorthin eilen, wohin früher selbst der Kaiser zu Fuß ging.

 

 

7. Kapitel

 

Irma Brack war eine hartherzige, in Grüntal nicht besonders beliebte Frau. Man munkelte, sie habe ihren sanftmütigen Mann mit ihrer kühlen, gefühllosen Art vorzeitig unter die Erde gebracht. Ob das nur ein Gerücht war oder der Wahrheit entsprach, wusste niemand mit Sicherheit zu sagen.

Fest stand jedenfalls, dass sie ihn beerbt hatte und seither eine der reichsten Witwen im Dorf war.

Sie liebte nur ihren zehnjährigen Sohn Toni, sonst niemanden. Auch ihre einundzwanzigjährige Nichte Barbara nicht, die sie nach dem Tod ihrer Eltern bei sich aufgenommen hatte und hart arbeiten ließ.

Als sie an diesem Sonntag, von Toni und Barbara flankiert, aus der Kirche gekommen war, hatte sie sich erwartungsvoll umgesehen. Sie war keine Schönheit, aber mit vierundvierzig Jahren noch eine Frau, die einem Mann so manches zu bieten gehabt hätte. Sie hasste diese stillen, einsamen Nächte und das leere Bett neben sich. Es hätte zwar einige alleinstehende Männer in Grüntal gegeben – und zwei Drittel davon hätten ihr auch gefallen –, doch keiner wollte ärgerlicherweise bei ihr anbeißen.

Nicht einmal Irma Bracks Geld, der große Hof und all der andere Besitz übten auf diese ledigen Herren der Schöpfung genügend Anziehungskraft aus, um sich in ein Eheabenteuer mit Irma zu stürzen.

Doch heute, vorhin in der Kirche, hatte Irma Brack völlig unerwartete Signale aufgefangen. Sie hatte es ganz deutlich gespürt: Jemand hatte sich für sie interessiert, hatte immerzu zu ihr herübergesehen. Ganz unruhig hatte sie das gemacht und so kribbelig, dass sie sich weder aufs Beten noch aufs Singen konzentrieren konnte. Neugierig und nervös hatte sie ihren Blick schweifen lassen.

Wer starrte sie die ganze Zeit an? Die Antwort war ein freudiger Schock für sie. Valentin! Valentin Klefitsch! Sie hatte nicht gewusst, dass er wieder in Grüntal war.

Er hatte sie freundlich angelächelt und ihr zugeblinzelt, als sich ihre Blicke begegnet waren. Dieser gutaussehende Bursche interessierte sich für sie.

War das nicht großartig? Sie hatte schon früher ein Auge auf ihn gehabt, und es hatte ihr sehr leidgetan, als er Grüntal verlassen hatte.

Doch nun war er wieder hier und fühlte sich ganz offensichtlich zu ihr hingezogen. Sie war so ausgehungert, dass sie diese Erkenntnis unbeschreiblich begeisterte. Was spielte es schon für eine Rolle, dass sie vier Jahre älter war als er? Sie hatten sich schon früher recht gut verstanden, und es wäre wunderbar gewesen, wenn sie daran hätten anknüpfen können.

»Guten Tag, Irma.« Valentin Klefitsch war so unvermittelt vor ihr aufgetaucht, dass sie heftig zusammenzuckte und verlegen lachte.

»Valentin! Was … was machst du denn in Grüntal?«

»Ich bin hier zu Hause.«

Toni musste Valentin die Hand geben.

»Du bist groß geworden«, sagte Klefitsch.

»Und das ist meine Nichte Barbara«, sagte Irma Brack, auf das blonde Mädchen neben sich weisend.

»Hübsch«, stellte Valentin angetan fest. »Sehr hübsch.«

Barbara Mangold errötete und entzog ihm rasch wieder ihre Hand. Irma, die sich von ihrer jungen Nichte nicht die Schau stehlen lassen wollte, schickte sie mit Toni nach Hause.

»Die Tochter deiner Schwester?« Valentin sah dem jungen Ding aufmerksam nach.

»Ja«, antwortete Irma. »Lotte ist vor zwei Jahren gestorben.«

»Das tut mir leid.«

»Krebs«, sagte Irma.

»Scheußlich.« Valentin schüttelte den Kopf.

»Sie hat ihren Mann bloß ein halbes Jahr überlebt.«

»Was hatte der denn?«, fragte Valentin Klefitsch. Die Kirchgänger musterten ihn und Irma mit verstohlenen Blicken.

»Auch Krebs«, sagte Irma Brack. »Leukämie. Die ganz aggressive Form. Innerhalb weniger Wochen war er tot. Jetzt wohnt Barbara bei mir.«

»Ich finde es lobenswert, dass du dich um sie kümmerst.«

Irma blickte kühl lächelnd um sich. »Du weißt doch, wie sich die Leute gleich das Maul zerreißen würden, wenn ich’s nicht täte.«

Valentin betrachtete sie von Kopf bis Fuß. »Geht es dir gut?«

»So weit schon«, antwortete Irma.

»Du siehst großartig aus.«

Sie lachte. »Du weißt noch immer, was Frauen gerne hören. Ich weiß, wie ich aussehe.« Sie seufzte. »Es gibt zu viele Spiegel auf dieser Welt.« Sie hob die Schultern. »Für die Teilnahme an einer Schönheitskonkurrenz hat’s nie gereicht.«

»Ich achte mehr auf die inneren Werte einer Frau. Das Äußere ist vergänglich.«

»Du wolltest das große Geld machen, als du fortgingst«, erinnerte sich Irma Brack.

Valentin nickte. »Ja, das ist wahr.«

»Und?«, fragte sie neugierig. »Ist es dir gelungen?«

»Es hat sich ein bisschen was angesammelt«, gestand ihr Valentin.

»Und nun?«

Er schob die Hände in die Hosentaschen. »Ich werde in Grüntal bleiben. Ich habe einiges von der Welt gesehen und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es nirgendwo schöner ist als hier.«

Sie musterte lächelnd sein attraktives Gesicht. Was für ein aufregender Mann. »Du hast sicher viel erlebt in den letzten viereinhalb Jahren.«

»Eine ganze Menge.«

»Möchtest du’s mir erzählen?«, fragte sie.

Er grinste. »Möchtest du’s hören?«

»Ich brenne darauf, zu erfahren, wie es dir ergangen ist«, gestand Irma.

»Ich habe jede Menge Zeit.«

»Auch heute?«, erkundigte sich Irma.

Er zeigte beim Lächeln blitzweiße, regelmäßige Zähne. »Für dich immer.«

»Dann komm doch zum Kaffee«, schlug sie vor, »und wir plaudern ein wenig über die alten Zeiten.«

»Ich komme sehr gern«, sagte er liebenswürdig. »Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.«

Irma wusste natürlich, was die Leute im Dorf über sie sagten, und sie war während ihrer Ehe mit Ferdinand Brack wirklich nicht sehr leidenschaftlich gewesen, aber das war nicht ihre Schuld gewesen, das hatte an Ferdinand gelegen. Er hatte es nie richtig verstanden, ihre Leidenschaft zu wecken. Valentin Klefitsch war dazu bestimmt imstande. Ihm bereitete es garantiert keine Mühe, die Glut unter ihrer kühlen Schale zu schüren und sie in einen Vulkan zu verwandeln.

Er erschien in ihrem Haus mit einem riesigen Blumenstrauß. »Oh!«, freute sich Irma. »Sind die wunderschön.«

»Die Blumen der Blume«, sagte Valentin galant.

Toni sauste auf einem Skateboard haarscharf an ihm vorbei.

»Toni!«, schimpfte seine Mutter. »Wie oft muss ich dir noch sagen, du sollst mit diesem Ding nicht im Haus fahren? Geh nach draußen.«

Toni schwirrte ab.

»Netter Junge«, stellte Valentin Klefitsch lächelnd fest. »Ziemlich lebendig.«

»Manchmal ein bisschen zu lebendig«, seufzte Irma Brack.

»Lass ihn doch«, erwiderte Valentin verständnisvoll. »Jungs müssen so sein – quirlig, gesund und vital. Oder hättest du lieber einen ewig kränkelnden Stubenhocker?«

»Um Himmels willen, nein.« Irma seufzte. »Aber manchmal fehlt ihm die starke Hand eines Vaters.« Sie versorgte die Blumen. Es roch bereits im ganzen Haus nach Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. Irma begab sich mit Valentin ins Wohnzimmer.

Er blickte sich beeindruckt um. Er war nicht zum ersten Mal hier, aber so luxuriös war der Raum früher nicht ausgestattet gewesen.

»Donnerwetter«, sagte er überwältigt.

»Gefällt’s dir?«

»Gefallen ist gar kein Ausdruck. Ich bin sprachlos«, gestand Valentin. »Hattest du einen Innenarchitekten?«

»Ich brauche keinen Innenarchitekten, um mich so einzurichten, dass ich mich wohl fühle.«

Valentin lächelte gezwungen. »Bitte sei mir nicht böse, wenn ich ehrlich bin, Irma, aber so viel Geschmack hätte ich dir nicht zugetraut. Was du aus diesem Raum gemacht hast, das ist … ist … Mir fehlen einfach die Worte. Du bist eine Künstlerin, ja, eine Künstlerin, das gebe ich dir schriftlich.«

Sie schmunzelte geschmeichelt.

»Guter Geschmack ist auch und vor allem eine Geldfrage. Wenn man sich dies und jenes nicht leisten kann, wenn man sich immerzu nach der Decke strecken und Kompromisse schließen muss, weil das nötige Kleingeld fehlt, lässt das Ergebnis zwangsläufig zu wünschen übrig.«

»Ja, da hast du allerdings recht«, pflichtete Valentin Klefitsch ihr bei. Er überschlug kurz, wie viel Irma für die Einrichtung ausgegeben hatte, und kam auf einen stattlichen Betrag – die antike Muttergottes noch nicht einmal mitgerechnet, die in einer Nische auf einem weißen Sockel aus Carrara-Marmor stand.

Er sah sich die Statue aus der Nähe an. »Die muss ja uralt sein.«

»Frühes Mittelalter. Und garantiert echt. Ich hab’n Zertifikat dazu«, sagte Irma Brack.

»Muss ja ein Vermögen wert sein.«

»Zweihunderttausend Mark«, sagte Irma.

»Zweih… Du kriegst die Tür nicht zu.«

Irma zuckte lächelnd die Schultern. »Ich hab’ sie gesehen und musste sie haben.«

»Sie ist doch hoffentlich versichert?«

»Selbstverständlich«, bestätigte Irma und nickte.

Valentin Klefitsch grinste. »Dann kannst du ja beruhigt schlafen.«

Irma holte Kaffee und Kuchen. Sie setzten sich an den geschmackvoll gedeckten Tisch, und Irma zündete die Kerzen an, die in den Silberleuchtern steckten.

Und dann musste Valentin Klefitsch erzählen. Da er sich keiner großen Taten rühmen konnte, musste er sie erfinden, und er war dabei ungemein glaubhaft.

Er sprach von weiten Reisen und tollen Geschäftsverbindungen, die es ihm ermöglicht hatten, satte Profite einzustreichen. Er zählte die klangvollen Namen von Personen auf, mit denen er angeblich bekannt war, gab sich geschäftstüchtig und weltmännisch – und Irma lauschte fasziniert. Sie glaubte einfach alles, was er sagte. Nicht im Traum wäre sie auf die Idee gekommen, er würde sie belügen. Ihre Züge waren sanft und weich, ihr Blick war warm und überwältigt. Valentin Klefitsch wäre der richtige Mann für sie.

Ihr Herz schlug schneller bei diesem wunderbaren Gedanken. Valentin an ihrer Seite, in ihrem Bett. Sie stellte sich das himmlisch vor. Plötzlich wurden ihre Züge hart und ihr Blick kalt. Sie sprang auf, rannte zum Fenster, riss es auf und schrie hinaus: »Barbara!«

Ihre Nichte fuhr erschrocken herum. Es zuckte nervös in ihrem aparten Gesicht. »Ja, Tante Irma?« Sie war hübsch angezogen, trug ein Kleid, das ihrer fraulichen Figur ungemein schmeichelte.

»Wo willst du hin?«, fragte Irma Brack scharf.

»Nur ein bisschen Spazierengehen.«

»Nichts da!«, rief Irma hart. »Du bleibst zu Hause!«

»Aber, Tante Irma, heute ist Sonntag.«

»Ich weiß, welcher Tag heute ist«, herrschte Irma Brack ihre Nichte an. »Komm zurück und zieh dich um.«

»Darf ich nicht wenigstens eine Stunde …«

»Du bleibst hier, sag’ ich. Die Liesel kann jeden Moment kalben.

»Doktor Weiß hat doch gesagt, dass es erst übermorgen so weit sein wird«, wagte Barbara Mangold zu erwidern.

»Der Tierarzt kann sich irren. Du ziehst dich um und gehst in den Stall – basta!« Irma schlug das Fenster zu, und Barbara kehrte mit Tränen in den Augen um. »Sie glaubt, sie kann tun, was sie will«, ärgerte sich Irma und kehrte zu Valentin zurück. »Manchmal fehlt hier an allen Ecken und Enden ein Mann. Ich bin ja doch bloß eine schwache Frau.«

Von wegen schwache Frau, dachte Valentin Klefitsch erheitert. Du kannst verdammt hart sein und hast büschelweise Haare auf den Zähnen, aber wenn ein Mann dich richtig zu behandeln versteht, frisst du ihm aus der Hand. Ich weiß, was du brauchst, und ich bin bereit, es dir unter gewissen Bedingungen zu geben.

»Zurzeit benimmt sich Barbara wie eine rollige Katze«, beschwerte sich Irma Brack.

Eigentlich solltest du Verständnis dafür aufbringen, dachte Valentin.

»Ich kann gar nicht genug auf sie aufpassen«, sagte Irma. »Josef Glöckner, der junge Aushilfslehrer, hat ihr den Kopf verdreht. Sie denkt, ich weiß das nicht, aber ich bin nicht blind.«

»Gönn ihr doch ein kleines Techtelmechtel«, sagte Valentin schmunzelnd.

»Ein kleines Techtelmechtel. Du weißt doch, wie schnell ein junges Mädchen in so einem kleinen Dorf einen schlechten Ruf bekommt. An so etwas denkt Barbara natürlich nicht. Die hat nur ihren Josef im Kopf, alles andere ist ihr egal.«

»Wie alt ist Barbara?«, erkundigte sich Valentin.

»Einundzwanzig.«

»Da wird sie sich wohl nicht mehr lange von dir Vorschriften machen lassen«, meinte Valentin.

Irmas Blick wurde gefühllos. »Solange sie in meinem Haus lebt, wird sie tun, was ich will. Ich mache einen anständigen Menschen, eine ehrbare junge Frau aus ihr, ob ihr das passt oder nicht. Eines Tages, wenn sie’s versteht, wird sie mir dafür dankbar sein.«

»Hat dieser Lehrer ernste Absichten?«, fragte Valentin.

»Das weiß ich nicht – interessiert mich auch nicht. Er ist auf keinen Fall der Richtige für sie, also werde ich sie nach Möglichkeit von ihm fernhalten.«

»Warum ist er nicht der Richtige für sie?«, wollte Valentin wissen.

»Er ist nichts und hat nichts, wird immer ein armer Schlucker bleiben. Denkst du, so einem gebe ich meine Nichte zur Frau? Barbara muss einen Mann heiraten, der etwas in die Ehe mitbringt.«

»Hast du so einen bereits im Auge?«, fragte Valentin.

Irma nickte fest. »Habe ich.«

»Lebt er auch in Grüntal?«

Irma schüttelte den Kopf. »In Sonnbrunn. Er ist ein guter Bekannter von mir und interessiert sich sehr für Barbara.«

»Und sie?«, fragte Valentin.

»Sie will wegen dieses Lehrers im Augenblick natürlich noch nichts von ihm wissen, aber das wird sich gewiss bald ändern. Er ist schon ein bisschen älter, reifer, ist wohlhabend, bringt eine Menge Lebenserfahrung mit und würde sie auf Händen tragen. Ein echtes Goldstück ist dieser Hermann Schleif, doch das weiß Barbara zurzeit leider noch nicht zu schätzen. Sie ist noch jung und naiv, lässt sich zu sehr von ihren Gefühlen leiten, hört bei so entscheidenden Fragen auf ihr dummes Herz. Wenn ich ihr nicht den richtigen Weg weisen würde, wer sollte es sonst tun?«

Sie hat es wirklich gut bei dir, dachte Valentin sarkastisch. Was ist sie doch für ein ausgesprochenes Glückskind.

»Schnäpschen?«, fragte Irma, in deren Blick auf einmal wieder verführerische Wärme war.

Valentin grinste. »Da sage ich nicht nein.«

Irma Brack stand auf und öffnete die Hausbar, die einem verspiegelten Tabernakel glich. Französischer Kognak, schottischer Whisky, russischer Wodka – es war alles da. Eine Flasche teurer als die andere. Irma ließ ihren Gast wählen, füllte zwei Gläser und kehrte damit zu Valentin zurück. Die Art, wie sie sich bewegte, ließ ihn unschwer erkennen, worauf sie abzielte. Dafür hatte er einen Blick.

Irma stieß mit ihm an, die Gläser klirrten leise. »Auf unser Wiedersehen«, sagte sie mit dunkler Stimme.

»Auf unser Wiedersehen«, sagte Valentin Klefitsch.

»Ich hab’ mich sehr darüber gefreut.«

»Ich mich auch.« Er trank.

Sie sah ihm über den Rand ihres Glases hinweg in die Augen. Ihr Blick sagte ihm, dass er alles von ihr haben könne, doch er überstürzte nichts.

Irma setzte das Glas ab. »Wir haben uns früher recht gut verstanden.«

»Das tun wir immer noch«, behauptete Valentin Klefitsch warm lächelnd.

»Findest du?« Sie wirkte ein wenig unsicher.

»Du etwa nicht?«

Nun nickte sie schnell. »Doch, ich denke schon.«

»Ich habe nicht das Gefühl, dich viereinhalb Jahre nicht gesehen zu haben«, behauptete Valentin.

»Ich eigentlich auch nicht.«

»Es ist zwischen uns noch genauso wie früher«, bemerkte Valentin Klefitsch überzeugt.

Sie nickte, senkte ein wenig verlegen den Blick und sagte leise: »Ja, ich glaube, du hast recht.«

Er drehte sein Glas zwischen den Händen. »Irma …«

»Ja?« Sie musterte sein schönes Gesicht aufmerksam.

»Darf ich dir eine Frage stellen?«, sagte er vorsichtig.

»Aber natürlich.«

»Es ist eine ziemlich indiskrete Frage«, bemerkte Valentin, »und wenn du sie nicht beantworten möchtest, ist das in Ordnung. Ich hätte auch nie den Mut dazu, wenn wir uns nicht noch immer so gut verstehen würden.«

»Frag«, forderte sie ihn auf.

Er hob die Hand. »Aber du darfst mir meine Neugier nicht übelnehmen.«

»Frag nur, Valentin. Du bist so ziemlich der einzige Mann auf der Welt, dem ich überhaupt nichts übelnehmen könnte.«

Er nahm zuerst einen Schluck, bevor er sagte: »Dieser Hermann Schleif aus Sonnbrunn – was ist der von Beruf?«

»Bauunternehmer.«

»Er ist doch eine recht gute Partie, nicht wahr?«, forschte Valentin weiter.

»Ja, das ist er«, bestätigte Irma Brack. '

»Warum willst du ihn mit Barbara verheiraten?«

»Weil ich finde, dass sie gut zusammenpassen«, antwortete Irma sachlich.

»Und warum hast du dir diesen Goldschatz nicht selber geangelt, wo in deinem Haus doch in allen Ecken und Enden ein Mann fehlt, wie du selbst gesagt hast?«

Es war sicher schon lange her, seit Irma Brack zum letzten Mal errötet war. In diesem Moment färbten sich ihre Wangen dunkelrot, sie schlug die Augen nieder und antwortete mit belegter Stimme: »Vielleicht habe ich die ganze Zeit auf einen Mann wie dich gewartet, Valentin.«

 

 

8. Kapitel

 

Am Montag hielt Pfarrer Kreutzer nicht länger durch. Drei Tage Heilfasten waren genug. Er konnte nicht mehr. Seinen Eingeweiden hatte die dreitägige Ernährungspause ja gutgetan, aber auf sein Gesamtbefinden hatte es sich eher nachteilig ausgewirkt. Paul Kreutzer fühlte sich zum ersten Mal im Leben schwach, alt, kraftlos und verbraucht. Heide Maus versuchte, ihn zu trösten und begann ihren Herrn Pfarrer ganz vorsichtig wieder aufzupäppeln. Er würde zunächst viermal täglich zwei feingeschabte rohe Äpfel bekommen, und wenn er das vertrug, würde sich Frau Maus morgen mit einer Buchweizensuppe und püriertem Blumenkohl einstellen. Damit er seine Ruhe hatte, schirmte sie ihn noch besser als bisher ab.

Niemand durfte zu ihm, auch nicht die Mitglieder des Pfarrgemeinderats. Man konnte sein Anliegen entweder ihr oder dem Kaplan vortragen, aber an den Pfarrer kam keiner ran.

Nicht jeder verstand diese Maßnahme. Es gab auch Uneinsichtige. »Wo gibt’s denn so was, dass man nicht zu seinem Pfarrer darf?«, empörte sich Fanny Gressl, die ältere der Roten Schwestern.

»Wenn der Pfarrer krank ist, dann gibt es das eben«, erwiderte Heide Maus ungerührt.

Fanny Gressl, ehemals Lehrerin und rothaarig wie ihre Schwester Sophie Jäger, hatte sich mit ihrer scharfen Zunge noch nicht viele Freunde geschaffen. »Er hat doch nur ein bisschen Durchfall, das ist doch kein Grund, ihn dermaßen abzuschirmen.«

»Wenn ich Ihnen helfen kann …«

»Sie?« Fanny Gressl maß die Pfarrhaushälterin geringschätzig. »Sind Sie ein Pfarrer?«

»Wenn der Herr Kaplan heimkommt, könnten Sie mit ihm …«

»Zu Pfarrer Kreutzer will ich«, fauchte Fanny trotzig, »nicht zu seinem Stellvertreter. Sie haben kein Recht, mir den Besuch bei Hochwürden zu verwehren.«

»Und wie ich dieses Recht habe.«

»Ein Priester ist so etwas wie Allgemeingut, das den Gliedern seiner Gemeinde jederzeit zugänglich sein muss«, behauptete sie allen Ernstes.

Heide Maus meinte, sich verhört zu haben. Was waren denn das für Ansichten. »Wie reden Sie denn über unseren Herrn Pfarrer? Als wäre er ein Ding, ein lebloser Gegenstand. Er ist ein Mensch, Frau Gressl, und als solcher darf er auch ab und zu mal krank sein und nur an sich selbst denken.«

»Sie erlauben mir also nicht, den Herrn Pfarrer zu sehen?«

»Nein«, antwortete Heide Maus entschieden.

»Und wenn ich einfach zu ihm reingehe?«

Heide Maus stemmte die Fäuste in die Seiten und sah Fanny Gressl kriegerisch an. »Das würde ich an Ihrer Stelle lieber nicht versuchen.«

»Ach, und wieso nicht?«

»Weil es dann nämlich sehr leicht passieren könnte, dass ich Sie höchstpersönlich aus dem Pfarrhaus expediere.« Die Stimme der Haushälterin hatte einen drohenden Unterton, den sogar ein Schwerhöriger bemerkt hätte.

Die zänkische Frau japste nach Luft. »Sie würden … würden Hand an mich legen?«

»Jawohl, Frau Gressl, das würde ich, und ich hätte bestimmt keine Schwierigkeiten damit.«

Fanny Gressl japste noch mehr. »Unglaublich, was Sie sich herausnehmen.«

»Unglaublich, wie herzlos und egoistisch Sie sind.«

»Ich werde mich über Sie beschweren, Frau Maus!«

»Tun Sie das«, erwiderte Heide Maus gelassen.

»Wie Sie sich aufspielen, als wären Sie die … die Schweizergarde des Papstes!«

Heide Maus machte eine wegwerfende Handbewegung. »Reden Sie keinen Unsinn, Frau Gressl. Grüß Gott.« Mit diesen Worten öffnete sie die Haustür.

Fanny Gressl wurde puterrot. »Sie … Sie …«

»Behalten Sie’s für sich und gehen Sie! Halten Sie daheim Einkehr. Denken Sie darüber nach, ob der Herr Pfarrer wirklich nicht das Recht hat, einmal nur daran zu denken, gesund zu werden, um für seine Gemeinde so bald wie möglich wieder voll dazu sein.«

Fanny Gressl stampfte wutschnaubend aus dem Pfarrhaus. Draußen stieß sie mit Kaplan Hofer zusammen. Ohne sich zu entschuldigen, rannte sie weiter.

»Wer hat denn die so fuchsteufelswild gemacht?«, fragte Jürgen Hofer lächelnd die Haushälterin.

Heide Maus warf sich in die Brust. »Ich.«

»Darauf scheinen Sie auch noch stolz zu sein.«

»Irgendwie bin ich’s«, gab Heide Maus zu. »Die Einstellung dieser Person ist skandalös.« Sie berichtete, was es gegeben hatte.

»Sie haben völlig richtig gehandelt, Frau Maus«, lobte der junge Kaplan die Pfarrhaushälterin, sobald sie ihrer Empörung ausreichend Luft gemacht hatte. »Von mir hätte sie noch viel Schlimmeres zu hören bekommen. Nichts ist mir mehr zuwider als solch ein herzloser Egoismus.« Er machte eine kurze Pause. Dann fragte er: »Wie geht es dem Herrn Pfarrer?«

»Er ist sehr schwach. Er hat sich hingelegt.«

»Schläft er?«

»Ich weiß es nicht. Ich werd’ mal nachsehen.«

»Nicht meinetwegen. Wenn er schläft, lassen Sie ihn schlafen.«

»Es ist ohnehin Zeit für seine geschabten Äpfel.«

»Wie verträgt er sie?«

»Bisher ganz gut.«

Pfarrer Kreutzer schlief nicht, und nachdem er seine kleine Schonmahlzeit bekommen hatte, durfte Jürgen Hofer zu ihm. Blass und eingefallen war das Gesicht des Pfarrers.

»Diese lästige Krankheit hat Ihnen einige Kilo heruntergeräumt«, stellte der junge Kaplan fest.

Paul Kreutzer lag auf dem Sofa. Er war mit einer leichten Decke zugedeckt. »Die Soutane hängt an mir wie eine Trauerfahne an der Fahnenstange«, klagte er.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Pfarrer Kreutzer nickte matt.

Der Kaplan holte einen Stuhl und ließ sich darauf nieder. »Wir müssen allmählich an unseren alljährlichen Flohmarkt denken.«

»Gedacht habe ich schon daran, aber ich werde wohl nicht in der Lage sein, ihn vorzubereiten.«

Der junge Kaplan winkte ab. »Keine Sorge, das erledige ich schon. Wozu haben Sie denn einen Stellvertreter.«

»Heiliger Strohsack, Sie können sich nicht vorstellen, wie es mich ärgert, hier herumliegen zu müssen und zur Untätigkeit verdammt zu sein. Es gäbe so vieles zu erledigen …«

»Sie werden alles nachholen, sobald Sie wieder gesund sind«, tröstete Jürgen Hofer den entmutigten Pfarrer. »Kann ja nicht mehr allzu lange dauern. So grün und grau wie gestern sehen Sie heute nicht mehr aus.«

»Nett, dass Sie das sagen.«

»Sie fühlen sich bestimmt auch schon besser«, bemerkte Kaplan Hofer.

Paul Kreutzer lächelte dünn. »Ja, ja, wenn Sie es mir lange genug einreden, glaube ich es Ihnen in ein paar Tagen vielleicht sogar.«

»Sie werden sehen, nächste Woche schmecken Ihnen Ihr Pfeifchen und Ihr Beerenwein wieder«, sagte Kaplan Hofer zuversichtlich. »Zehntausend Mark konnten wir beim letzten Flohmarkt erwirtschaften. Dieses Jahr muss es mehr werden.«

»Es wird nicht leicht sein, diese Marke zu überschreiten.«

»Wir haben einige große Löcher zu stopfen.«

Der Pfarrer seufzte. »Wem sagen Sie das. Ich weiß leider nur zu gut, dass unsere finanzielle Lage mal wieder nicht besonders rosig ist – ein chronisches Leiden, mit dem wir leider leben müssen. Genug Geld werden wir nie haben.«

Jürgen Hofer feixte. »Damit unsere Bäume nicht in den Himmel wachsen.«

»Das wird wohl der Grund sein«, bestätigte Paul Kreutzer.

 

 

9. Kapitel

 

Am Nachmittag ging Kaplan Hofer durch das Dorf, um erst mal sachte vorzufühlen, was die Leute diesmal so alles für den Flohmarkt stiften würden.

Max Wurzer war bereit, sich von einem Gartengrill im Wert von achthundert Mark zu trennen, und Jürgen Hofer nützte die Geberlaune des Bauunternehmers geschickt aus, um ihm noch einiges mehr herauszureißen: Maurerwerkzeug, Fassschaufeln, Spaten und zwei Wasserwaagen, eine aus Holz und eine aus Aluminium. Auch Frau Wurzer gab einige Dinge aus ihrem Haushalt.

Unter der Leitung der Gemeindeschwester Innozentia hatten die Bewohner des Martinsheims für den Flohmarkt gebastelt und Handarbeiten gefertigt. Matthias Schwarzenbeck hatte noch gut erhaltene Töpfe und Pfannen zu vergeben. Das Ehepaar Therese und Thomas Müller, dem der Elektroladen gehörte, versprach dem Kaplan eine zwölfteilige Küchenmaschine. Und Wally Gerstl, die Frau des Bäckers, eine Bilderbuch-Zwiderwurzen, die hinter jedem Pfennig her war, versprach dem Kaplan zwei Kuchen und hundert Brezeln zur Verköstigung der Flohmarktbesucher. Der Erlös der verkauften Backwaren sollte in die Flohmarktkasse kommen. So konnte sich jeder ausrechnen, wie viel die Bäckerei Gerstl stiftete.

Jürgen Hofer besuchte auch Irma Brack. Barbara Mangold trat soeben durch die offene Stalltür. Die weite, fleckige Hose, die mit einem dicken Strick zusammengebunden war, das viel zu große Flanellhemd mit dem ausgefransten Kragen und die schmutzigen Gummistiefel taten ihrer jugendlichen Schönheit keinen Abbruch.

»Grüß Gott, Herr Kaplan.« Sie strich sich eine Strähne ihres naturblonden Haares aus dem Gesicht.

»Grüß Gott, Barbara. Ist Ihre Tante zu Hause?«

»Ich glaube schon«, antwortete Barbara Mangold.

Jürgen Hofer lächelte verschmitzt. »Ich möchte sie nämlich ein wenig anbetteln. Wir veranstalten doch demnächst wieder unseren alljährlichen Flohmarkt, und Frau Brack hat sicher auf dem Speicher oder im Keller den einen oder anderen antiken Schatz stehen, den sie nicht mehr benötigt und der sich gut verkaufen lässt.«

»Kann schon sein.« Schatten lagen über Barbaras schönen Augen. Kaplan Hofer fragte sich unwillkürlich, wann dieses .junge, hübsche Ding zum letzten Mal herzlich gelacht hatte. Er wusste, dass es Barbara bei ihrer Tante nicht besonders gut ging, dass sie von Irma Brack schlecht behandelt, ja fast wie eine Sklavin gehalten wurde. Barbara musste schwer arbeiten für das, was sie von ihrer lieblosen Tante bekam, und Kaplan Hofer konnte sich nicht vorstellen, dass sich das gutmütige Mädchen das noch lange gefallen ließ. Irgendwann würde Irma Brack den Bogen überspannen, und dann würde Barbara weglaufen. Wahrscheinlich hätte sie das schon längst getan, wenn sie gewusst hätte, wohin sie laufen sollte.

»Was für einen Grund kann ein so junges, hübsches Mädchen haben, so traurig dreinzusehen?«, fragte Kaplan Hofer liebenswürdig lächelnd.

Barbara Mangold schwieg, aber ein unendlich tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust.

»Man kann mit mir über alles reden«, sagte Jürgen Hofer.

»Ach, Herr Kaplan, ich möchte mich nicht beklagen.«

»Manchmal tut es gut, sich etwas von der Seele zu reden.«

Die Haarsträhne fiel ihr wieder ins Gesicht. Sie klemmte sie hinter ihr Ohr. »Wenn ich diese Schreckensbilder im Fernsehen sehe, sage ich mir immer, dass es mir eigentlich gar nicht so schlecht geht. Es gibt sehr, sehr viele Menschen auf der Welt, die viel schlechter dran sind als ich und die gerne mit mir tauschen würden. Ich darf nicht unzufrieden sein.«

»Was bedrückt Sie, Barbara?«

Sie sah den Kaplan nicht an, während sie sprach. »Es macht mir nichts aus, von früh bis spät schwer zu arbeiten, und ich kann mich auch damit abfinden, dass meine Tante mich nicht liebt, schließlich bin ich nicht ihr Kind, sondern nur die Tochter ihrer Schwester, mit der sie sich nie besonders gut verstanden hat. Was mir weh tut, ist, dass sie mir so wenig Verständnis entgegenbringt. Sie hält mich hier wie eine Gefangene. Wenn ich Glück habe, gelingt es mir ab und zu, mich heimlich davonzuschleichen. Wenn ich zurückkomme, und Tante Irma hat gemerkt, dass ich weg war, gibt es immer ein ganz fürchterliches Donnerwetter. Das ist doch nicht richtig. Ich bin einundzwanzig. Warum darf ich nicht mal weggehen und mich mit jemandem treffen?«

»Hat dieser Jemand einen Namen?«, erkundigte sich Jürgen Hofer lächelnd.

Barbara nickte zaghaft. »Josef Glöckner.«

Kaplan Hofer kannte den jungen, sympathischen Aushilfslehrer. Er nickte wieder. »Aha.«

»Wir lieben uns«, gestand Barbara dem Kaplan. »Wir würden uns gerne öfter sehen, aber das lässt Tante Irma nicht zu.«

»Was hat sie gegen Josef Glöckner? Das ist doch ein wohlerzogener, gutaussehender, seriöser junger Mann.«

»Sie will um jeden Preis verhindern, dass ich mit ihm zusammenkomme«, sagte Barbara leise, als hätte sie Angst, ihre Tante könnte es hören.

»Warum?«

»Sie hat andere Pläne mit mir«, erklärte Barbara.

»Was für Pläne?«, fragte Jürgen Hofer.

»Da gibt es einen Mann namens Hermann Schleif in Sonnbrunn …«

»Der Bauunternehmer?«, fragte der Kaplan.

»Ja. Tante Irma möchte, dass er und ich …«

»Aber der ist doch viel zu alt für Sie«, wandte Jürgen Hofer ein.

»Das findet meine Tante nicht. Außerdem ist er vermögend. Josef hingegen …« Barbara hob traurig die Schultern. »Sie können sich sicher vorstellen, dass ein junger Aushilfslehrer nicht gerade reich mit irdischen Gütern gesegnet ist – und deshalb darf ich ihn nicht lieben. Aber darauf hat man doch keinen Einfluss. Die Liebe fragt nicht nach Banknoten und Besitztümern. Es ist ihr egal, wie viel oder wie wenig zwei Menschen haben. Sie schenkt ihnen Glück, und das ist mehr wert als alle Reichtümer dieser Erde.«

Der Kaplan lächelte mild. »Bin ganz Ihrer Meinung.«

»Sie verstehen mich, Herr Kaplan. Warum tut es meine Tante nicht?«

»Ich werde mit ihr reden.«

Barbara riss entsetzt die Augen auf. »Nein! Bitte tun Sie das nicht!«

»Warum nicht?« Jürgen Hofer sah sie verständnislos an.

»Ich möchte es nicht«, stieß Barbara heiser hervor.

»Ich könnte Ihnen helfen …«

»Da kennen Sie Tante Irma aber schlecht«, fiel Barbara dem Kaplan aufgeregt ins Wort. »Sie würden bei ihr offene Türen einrennen. Tante Irma würde für alles, was Sie sagen, Verständnis zeigen und Ihnen immerzu rechtgeben. Jedes Versprechen, das Sie verlangen, würde sie Ihnen geben, und wenn Sie dann weg sind, ruft sie mich ins Haus, und ich muss dafür büßen, dass ich Sie ins Vertrauen gezogen habe. Ich … ich hätte kein Wort gesagt, wenn ich gewusst hätte, dass Sie es nicht für sich behalten …«

»Schon gut«, sagte der Kaplan sanft.

»Tante Irma kann sehr böse werden …«

»Beruhigen Sie sich, Barbara«, sagte Jürgen Hofer eindringlich.

»Ich möchte nicht, dass Sie …«

»Ich werde nichts sagen«, versprach. Jürgen Hofer.

Barbara Mangold zitterte heftig. »Sie würden alles nur noch schlimmer machen.«

»Ich werde nichts sagen, in Ordnung?«

»Barbara, siehst du mal nach Liesel?«, schnitt plötzlich Irma Bracks Stimme heran.

Barbara zuckte wie unter einem Peitschenschlag zusammen. »Ja, Tante Irma. Sofort, Tante Irma.« Sie wandte sich an den Kaplan. »Liesel wird bald kalben. Doktor Weiß meint, es könnte morgen so weit sein, aber Tante Irma glaubt, dass das Kalb früher zur Welt kommen wird. Ich … ich muss gehen.«

Jürgen Hofer nickte. Barbara sah ihn flehend an. Er lächelte. »Keine Angst, ich behalte unser kleines Gespräch für mich.«

Erleichtert lief Barbara Mangold in den Stall, und Kaplan Hofer wandte sich dem großen Wohnhaus zu, dessen Fenster mit Blumen geschmückt waren.

Irma Brack stand mit vor der Brust verschränkten Armen in der Tür, und Jürgen Hofer hätte es gefreut, wenn ihr freundliches Lächeln echt gewesen wäre.

»Na, Herr Kaplan, was führt Sie zu uns?«

»Grüß Gott, Frau Brack.«

»Was hat Ihnen denn meine Nichte erzählt?« Ein lauernder Ausdruck war kurz in Irma Bracks Augen.

»Die Liesel wird bald kalben?«

»Hoffentlich steht sie’s durch«, sagte Irma Brack. »Sie ist zwar nicht mehr die Jüngste, aber noch eine sehr gute Milchkuh. Würde mir leid tun, wenn ich sie dem Gambacher Josef überlassen müsste.« Gambacher war der Metzger von Grüntal. Irma Brack forderte den Kaplan auf, einzutreten. »Kleines Nusslikörchen?«, fragte sie.

Jürgen Hofer grinste. »Ehe ich mich schlagen lasse.«

»Setzen Sie sich doch.«

Der Kaplan schlenderte durch das ausnehmend schöne Wohnzimmer. »Sehr gemütlich haben Sie’s.«

»Ich bin trotzdem eine sehr einsame, nicht besonders glückliche Frau. Alles Geld, das ich besitze, würde ich hergeben, wenn ich dafür meinen Ferdinand wiederbekommen würde.«

Kaplan Hofer blieb vor der wertvollen Madonna stehen. »Wunderschön«, sagte er beeindruckt. »Der Anblick dieser Statue fasziniert mich immer wieder.« Er drehte sich um und bekam von Irma Brack seinen Nusslikör. »Vielen Dank.«

Irma Brack hielt auch ein Glas in der Hand. »Wie geht es dem Herrn Pfarrer?«

»Er befindet sich auf dem Weg der Besserung«, antwortete Kaplan Hofer.

»Das freut mich. Wir … Die ganze Gemeinde leidet mit ihm.«

»Das weiß er, und das gibt ihm die Kraft, für seine Schäfchen so rasch wie möglich wieder auf die Beine zu kommen.«

»Er soll’s damit aber um Himmels willen nicht übertreiben und einen bösen Rückfall riskieren«, warnte Irma Brack.

»Frau Maus achtet schon darauf, dass er sich nicht übernimmt.«

Irma Brack lächelte versonnen. »Sie ist ein echter Glücksfall für ihn, die liebe Frau Maus. Wenn er sie nicht hätte …«

»Er hat sie, und er dankt dem Herrgott jeden Tag dafür.«

Irma Brack lachte leise. »Müssen wir wirklich stehen? Im Sitzen plaudert es sich doch viel bequemer.«

Sie nahmen Platz, und Jürgen Hofer probierte den Nusslikör. »Ausgezeichnet«, lobte er. »Köstlich.«

»Selbst gemacht«, sagte Irma Brack stolz.

»Sie müssen Frau Maus unbedingt mal das Rezept geben.«

»Kann sie jederzeit gerne haben«, sagte Irma gönnerhaft und lächelte. »Sagen Sie mir nun, was Sie auf dem Herzen haben? Weshalb sind Sie hier?«

»Wie Sie wissen, veranstalten wir alljährlich einen Flohmarkt, um den leeren Geldbeutel der Pfarrei wieder einigermaßen aufzufüllen, um Bedürftigen helfen zu können. Wenn Sie also diese wunderschöne Madonna oder ähnliches entbehren könnten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.«

Irma Brack lachte gepresst auf. »Die Madonna!«

»Das war natürlich nur ein Scherz. Letztes Jahr haben Sie uns einen Schaukelstuhl gegeben, wenn ich mich recht erinnere.«

Irma Brack hob den Zeigefinger. »Und ein Kaffeeservice aus Meißner Porzellan.«

»Ach ja – mit kleinen Fehlern«, sagte Kaplan Hofer.

»Sie haben dafür einen guten Preis erzielt.«

Jürgen Hofer setzte ein spitzbübisches Lächeln auf. »Darf ich so unbescheiden sein, Sie heute um eine ähnlich großzügige Spende zu bitten, Frau Brack?«

Ihr fiel so schnell nichts ein, wovon sie sich hätte leicht trennen können. Vielleicht ein paar alte Spielsachen von Toni? Und auf dem Speicher stand ein wurmstichiges Spinnrad, das schon auseinanderfiel, wenn man es nur mal schief anguckte. Und vielleicht konnte sie auch ein paar unmodern gewordene Kleider, Röcke, Blusen, Schuhe und Mäntel ausmustern.

»Ich werd’ was für Sie zusammenstellen, Herr Kaplan«, versprach Irma Brack.

»Wann kann ich’s abholen?«, fragte Jürgen Hofer.

»Ich schicke meine Nichte damit ins Pfarrhaus.«

»Auch gut«, sagte Kaplan Hofer und leerte sein Likörglas.

»Sie können gern noch ein Gläschen haben, Herr Kaplan.«

Jürgen Hofer schüttelte lachend den Kopf. »Nein danke, Frau Brack, ich habe noch mehr Besuche vor mir.«

Draußen flog die Tür auf. Toni stürmte ins Haus und gleich weiter in die Küche. »Durst!«, rief er, und dann schlug die Kühlschranktür mit einem dumpfen Ton zu.

»Immer trinkt er dieses kalte Zeug«, beschwerte sich Irma Brack beim Kaplan.

»Das ist nicht gut für seinen Magen«, sagte Jürgen Hofer.

»Das weiß ich, und ich habe es ihm schon tausendmal gesagt, aber er hört nicht auf mich. Ich kann ihm diese Unart einfach nicht abgewöhnen.«

Wenn es um ihren geliebten Toni geht, ist sie weich wie Butter, dachte der Kaplan verständnislos. Sie sollte ihren Jungen nur mal halb so hart behandeln wie Barbara, das würde ihm bestimmt sehr guttun.

Dreckstarrend kam Toni ins Wohnzimmer. Seine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Mein Gott, Kind, wie siehst du denn aus?«

»Dem Hubert sein Meerschwein ist abgehauen. Ich hab’s ihm wieder eingefangen«, erzählte Toni stolz.

»Musstest du deshalb gleich durch das tiefste Schlammloch des Dorfes robben?«

»Kann ich mir aussuchen, wohin das Meerschweinchen läuft?«

»Junge, Junge. Ich würde dich am liebsten gleich so, wie du bist, in die Waschmaschine stecken.« Irma Brack seufzte geplagt. »Hast du eigentlich den Herrn Kaplan schon gegrüßt?«

»Grüß Gott, Herr Kaplan.«

»Grüß Gott, Toni«, gab Jürgen Hofer freundlich zurück.

»Hätten Sie dem Hubert sein Meerschwein entkommen lassen?«, fragte Toni Brack.

»Nein«, antwortete der Kaplan. »Ich hätte mich wahrscheinlich auch in den Dreck geworfen, wenn es sich nicht hätte vermeiden lassen.«

»Hätte Frau Maus dann auch so ein Theater gemacht wie meine Mama?«, wollte Toni wissen.

Jürgen Hofer lachte leise. »Ich glaube schon.«

»Ab mit dir, du Dreckspatz!«, kommandierte Irma Brack. »Entschuldigen Sie mich, Herr Kaplan. Ich muss mich um diesen missratenen Sohn kümmern.«

»Ich wollte ohnedies gehen«, erwiderte Jürgen Hofer und verabschiedete sich. »Vielen Dank für den Nusslikör.«

»Können Sie jederzeit wieder haben«, sagte Irma Brack.

»Sie vergessen unseren Flohmarkt nicht?«

»Ganz bestimmt nicht«, versprach Irma Brack. »Bis spätestens nächste Woche bringt Ihnen Barbara, was ich ausgemustert habe.«

 

 

10. Kapitel

 

Nachts, wie Diebe, mussten sie sich treffen, wenn sie sich sehen wollten, Barbara Mangold und der junge Aushilfslehrer Josef Glöckner.

Hinter der Gärtnerei Bär, wo am Rand der großen Wiese ein Heustadl stand, hatten sie sich verabredet. Der Weg dorthin war ein wenig unheimlich, aber Barbara ging ihn immer wieder, weil das die einzige Möglichkeit war, Josef zu sehen, zu spüren, sich von ihm in den Arm nehmen und küssen zu lassen. Josef küsste wunderbar, obwohl er noch nicht oft verliebt gewesen war, wie er Barbara – die Hand auf dem Herzen – beteuert hatte. Er war, was das Küssen anging, eben ein Naturtalent. Die einen können es gleich, die anderen lernen es nie.

Der gespenstische Ruf eines Käuzchens aus dem nahen Wald erschreckte Barbara. Sie blieb stehen, ihr Herz hämmerte wild. Sie drehte sich ängstlich um. Irgendwo raschelte es. Diese windige Nacht war voller beängstigender Geräusche. Nie hätte sich Barbara unter normalen Umständen hierher gewagt – doch was tut man nicht alles aus Liebe. Sie sehnte sich ja so sehr nach Josef. Sie unterdrückte ihre Furcht und eilte weiter. Es war nicht mehr weit bis zur Hütte.

Daheim war sie aus dem Fenster gestiegen. Tante Irma hatte ferngesehen. Allein. Darauf achtete sie, dass Toni nicht zu viel vor dem Fernseher hockte. Da war sie hart und unerbittlich. Aber nur in diesem einen Punkt. Ansonsten konnte ihr heißgeliebter Toni sie jederzeit mühelos um den Finger wickeln. Es gab einfach nichts, was der Kleine bei seiner Mutter nicht erreichte.

Barbara neidete ihm die Liebe seiner Mutter nicht. Sie hätte sich nur gewünscht, dass Tante Irma auch für sie mal ein nettes Wort gehabt oder sie ab und zu mal herzlich in den Arm genommen hätte.

Barbara erreichte die Hütte. Heute schien kein Mond, Wolken bedeckten den Himmel, und es war ziemlich finster. Barbara strengte die Augen an. Ihr schweifender Blick suchte Josef. Er schien noch nicht hier zu sein. Barbara rieb sich fröstelnd die Arme. Wieder brach irgendwo ein Ast. War da jemand, der sie beobachtete. Josef? Hatte er sich versteckt? »Josef?«, fragte Barbara zaghaft in die Dunkelheit. Sie bekam keine Antwort. »Josef?« Nichts. Barbara schluckte trocken. Und plötzlich legte sich von hinten eine Hand auf ihre Schulter. Sie stieß einen krächzenden Schrei aus und fuhr herum, fasste sich dabei ans rasende Herz. Josef lachte. »Bist du verrückt?«, fauchte sie wütend. »Mich hätte beinahe der Schlag getroffen.«

»Oh, das tut mir aber leid.« Er wollte sie in die Arme nehmen, doch sie sträubte sich, aber ihr Ärger ließ rasch nach. Sie war einfach Wachs in Josefs Händen. Ihr Widerstand erlahmte, und als sich seine Lippen weich, warm und sanft auf ihren Mund legten, ging ein unbeschreiblich schönes Kribbeln durch ihren Körper.

Das war Liebe. Heiß brannte sie in ihrem Herzen, wie eine Flamme, die von Josef fortwährend mit Öl genährt wurde. Tante Irma durfte dieses wunderbare Feuer, das zwei junge Menschen hoffnungsvoll miteinander verschmelzen ließ, nicht verhindern, dazu hatte sie kein Recht – und es würde ihr auch niemals gelingen, diesen himmlischen Brand zu löschen. Sie setzten sich auf eine einfache Holzbank, die an der Stadelwand stand und tauschten atemlos die Zärtlichkeiten aus, die sich während der Zeit ihrer erzwungenen Trennung in ihnen gestaut hatte.

»Oh, Josef, Josef«, flüsterte Barbara vibrierend. »Ich liebe dich ja so.«

Er schlang die Arme um sie und drückte sie ganz fest an sich. »Ich liebe dich auch, Barbara. Mehr als mein Leben. Ich würde alles für dich tun. Sogar stehlen.«

»Du brauchst nicht für mich zu stehlen, Liebster.« Sie spürte, wie sein Körper sich versteifte und löste sich aus seinen Armen. Sein Mund war verkniffen, und ein seltsamer Glanz befand sich in seinen Augen. »Was hast du denn?«, fragte Barbara sanft. »Woran denkst du, Josef?«

»An deine Tante«, knurrte er.

Sie strich ihm liebevoll über das dichte sandfarbene Haar. »Denk jetzt nicht an sie.«

»Wenn ich Geld hätte«, knirschte Josef, »wenn ich reich wäre, hätte sie nichts gegen mich. So aber müssen wir uns heimlich treffen …«

»Es ist doch sehr schön hier«, flüsterte Barbara gefühlvoll.

»Ich komme mir dabei vor, als würde ich etwas Schlechtes tun …«

»Das tust du nicht«, hauchte ihm Barbara ins Ohr.

»… und daran ist nur deine hartherzige Tante schuld, für die ein Mensch nur dann etwas wert ist, wenn er was hat.«

»Vergiss doch jetzt meine Tante«, bat Barbara ihren Liebsten eindringlich.

Er schüttelte trotzig den Kopf. »Das kann ich nicht, wenn ich mich mit dir treffen muss, als hätte ich etwas ausgefressen. Das tut mir weh. Das kränkt mich. Ich kann nichts dafür, dass ich mit keinem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, aber genau deswegen verachtet mich deine Tante. Ich bin in ihren Augen ein Mensch zweiter Güte, nicht gut genug für ihre Nichte.«

»Verdirb uns doch nicht die schöne Zeit, indem du dich über sie ärgerst.«

Josef krallte seine Finger in ihre Schultern und stieß hitzig hervor: »Ich möchte dich sehen dürfen, wann immer ich will. Auch am Tag – und vor allen Leuten. Ganz Grüntal soll wissen, dass wir ein Paar sind.«

»Das kommt noch.«

»Wann?«, fragte Josef zweifelnd.

»Hab noch ein bisschen Geduld, Liebster«, versuchte sie ihn zu besänftigen.

»Ich möchte, dass alle Menschen sehen können, wie glücklich wir sind, aber für deine Tante existiere ich ja nicht.«

»Sie wird sich eines Tages damit abfinden, dass ich mein Herz an dich verloren habe«, versetzte Barbara schwach lächelnd.

»Glaubst du das? Glaubst du das wirklich? Die möchte dich doch mit diesem Hermann Schleif aus Sonnbrunn verkuppeln.«

Barbara sah ihn kriegerisch an.

»Damit kommt sie bei mir nicht durch. Ich lasse mir viel von ihr gefallen, aber in diesem einen Punkt beißt sie bei mir auf Granit. Ehe ich Schleifs Frau werde, schneide ich mir die Pulsadern auf.«

Josef riss entsetzt die Augen auf. »Um Himmels willen, sag so etwas Schreckliches nicht.« Er nahm sie wieder in die Arme und bedeckte ihr hübsches Gesicht mit unzähligen Küssen. Er spürte Salz auf seinen Lippen. Das waren Tränen. Barbara weinte – und auch seine Augen waren feucht. Er hasste die Ungerechtigkeit dieser Welt. Und es machte ihn rasend, weil er nicht wusste, wie er dagegen ankämpfen sollte.

Zwei Stunden blieben sie zusammen, dann kehrte Barbara nach Hause zurück. Im Haus herrschte inzwischen Stille. Tante Irma war zu Bett gegangen.

Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie gewusst hätte, dass sich ihre Nichte klammheimlich zu einem verbotenen Rendezvous davongestohlen hatte? Barbara mochte sich das lieber nicht ausmalen. Sie kletterte durch das Fenster zurück in ihr Zimmer und dachte: Einmal wird sie dich erwischen. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.

Und auf einmal flammte das Licht auf. Die plötzliche Helligkeit blendete Barbara und ließ sie blinzeln. Ihr Herz blieb vor Schreck fast stehen, als sie ihre Tante in dem Sessel neben dem Schrank sitzen sah.

Jetzt stand Irma Brack auf. Wut loderte in ihren Augen und verzerrte ihr herbes Gesicht. Sie trug einen Morgenrock und darunter ihr Nachthemd.

»Ta… Tante Irma«, stammelte Barbara.

Irma Brack lächelte kalt. »Da staunst du, was?«

»Was …?«

Irma Bracks Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Die Frage, wo du gewesen bist, erübrigt sich ja wohl. Meine Nichte benimmt sich wie eine läufige Hündin. Du weißt, wie man so triebhafte Weiber nennt, die sich nicht beherrschen können. Sag einmal, schämst du dich nicht, dich wie ein billiges, verkommenes Flittchen zu benehmen?« Sie schlug blitzschnell zu, und ein beißender Schmerz durchglühte Barbaras Wange.

Tränen schossen in Barbaras Augen. »Ich hab’ nichts Schlechtes getan, Tante Irma«, schluchzte sie.

Irma Brack schrie ihr zornig ins Gesicht. »Du schleichst nachts und hinter meinem Rücken zu diesem Habenichts und lässt, ich will gar nicht wissen, was alles, mit dir anstellen …«

»Ich liebe Josef!«, verteidigte sich Barbara.

»Du schlägst dir diesen Windbeutel aus dem Kopf!«, schrie Irma Brack erbost.

»Das tu’ ich nicht!« Dafür bekam Barbara eine zweite schallende Ohrfeige.

»Sieh dich an, wie du aussiehst«, stieß Irma Brack abschätzig hervor. »Deine Schuhe sind dreckig, dein Kleid ist schmutzig und falsch zugeknöpft. Ich dulde ein solch schamloses Verhalten, wie du es dir erlaubst, nicht. Du bist das Kind meiner Schwester, und es ist meine Pflicht, darauf zu achten, dass aus dir eine anständige, ehrbare Frau wird – kein liederliches, sündhaftes Luder, das jeder Bursche im Dorf haben kann!« Sie lächelte boshaft. »Du arbeitest noch nicht genug, bist am Abend noch nicht richtig müde, hast noch Kraft zu nächtlichen Ausflügen. Das werden wir ändern, Herzchen. So, und nun sieh zu, dass du ins Bett kommst. Es ist nicht mehr lange hin bis zum Morgen, und du musst um vier Uhr früh schon wieder raus aus den Federn.«

 

 

11. Kapitel

 

Kaplan Hofer zählte die Schätze auf, die man ihm für den Flohmarkt versprochen hatte, und er war sehr zuversichtlich, dass man in diesem Jahr den Einnahmerekord vom vergangenen Jahr würde einstellen können.

Die ersten »Lieferungen« trafen ein: gut erhaltene Bücher, ein kitschiger Lüster, ein zerkratzter Waschtisch, langstielige Bleikristallgläser, handbemalte Vasen, handgeschliffene Karaffen, eine alte Nähmaschine …

Aus weitem Umkreis würden Interessenten und Käufer nach Grüntal kommen und sehen, was sie gebrauchen konnten. Sie würden Spaß haben am Handeln und Feilschen und sich über die Dinge, die sie schließlich preiswert erstanden hatten, freuen und mit dem Bewusstsein nach Hause gehen, auch noch einem guten Zweck gedient zu haben.

Was man letztes Jahr nicht an den Mann gebracht hatte, würde heuer in der Hoffnung wieder angeboten werden, dass es diesmal wegging.

Pfarrer Kreutzer bekam allmählich wieder Farbe, und seine Kraftlosigkeit ließ etwas nach. Er würde zwar noch eine Weile keine Bäume ausreißen können, doch man sah ihm an, dass es ihm erfreulicherweise schon wieder besserging.

Heide Maus bemühte sich in rührender Weise um ihn. Er bekam von ihr immer nur ganz kleine Mahlzeiten, die immer frisch zubereitet waren.

Für ihren Herrn Pfarrer war ihr keine Mühe zu groß. Was für sie zählte, war nur, dass er sich so bald wie möglich wieder um seine Schäfchen kümmern konnte, denn sie wusste, wie sehr er das brauchte – und seine Gemeinde brauchte ihn auch. Paul Kreutzer setzte sich bereits mit dem Thema seiner nächsten Predigt auseinander, das war ein gutes Zeichen. Zuerst hatte er vorgehabt, zurechtzurücken, was der Kaplan nicht in seinem Sinn interpretiert hatte, doch inzwischen hatte er Zeit und Muße gehabt, über Jürgen Hofers Predigt gründlich nachzudenken, und er war zu dem Schluss gekommen, dass es wohl demokratischer war, auch diese Meinung gelten zu lassen. ~

Als er mit Kaplan Hofer darüber sprach, freute er sich über diesen seltenen Erfolg. Er hatte nicht damit gerechnet.

 

 

12. Kapitel

 

In der Nacht von Montag auf Dienstag – die Liesel hatte noch immer nicht gekalbt – geschah folgendes: Eine schwarz gekleidete Gestalt, die in der Dunkelheit kaum auszumachen war, näherte sich Irma Bracks Haus auf leisen Sohlen.

Die Tiere im Stall schienen den Unbekannten zu wittern. Sie wurden unruhig. Mit einer Brechstange verschaffte er sich gewaltsam Einlass. Niemand hörte das kurze Knirschen und Knacken, als er mit einem schnellen, kräftigen Ruck das Kellerfenster aufbrach.

Behände schlüpfte er durch die Öffnung – und zehn Minuten später verließ er das Haus auf demselben Weg, wieder unbemerkt.

Am nächsten Morgen fiel Barbara das aufgebrochene Kellerfenster auf. Sie informierte sofort ihre Tante, und im Wohnzimmer rief plötzlich Toni: »Die Madonna ist weg! Mama, die Madonna ist weg!«

Irma Brack war nahe daran, durchzudrehen. Eingebrochen! Man hatte bei ihr eingebrochen und die wertvolle alte Madonna gestohlen! Ihr liebstes Stück! Ihr kostbarstes Stück! Zweihunderttausend Mark – mit Echtheitszertifikat! So eine Frechheit! So eine impertinente Gemeinheit! Ein Blitz sollte den verfluchten Dieb erschlagen!

»Polizei!«, krächzte Irma Brack aufgewühlt. »Die Polizei muss her! Ich bin bestohlen worden! Man hat mich beraubt!« Sie rannte zum Telefon und wählte mit zitterndem Finger. Als sie die Stimme von Polizeihauptmeister Alfred Schweiger vernahm, stieß sie heiser hervor: »Bei mir ist eingebrochen worden! Sie müssen sofort kommen!«

»Wohin soll ich kommen?«, wollte der Polizeihauptmeister wissen. »Wer spricht da?«

»Irma Brack.« Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum.

»Eingebrochen hat man bei Ihnen?«

»Ja.« Ihre Nerven vibrierten.

»Wurde etwas gestohlen?«, fragte Alfred Schweiger.

»Natürlich. Denken Sie, der Einbrecher hat ein Geschenk dagelassen?«

»Halten Sie sich mit Ihren Äußerungen etwas zurück, ja?«, wies der Polizist die Witwe rau zurecht.

»Ich bin aufgeregt, können Sie das nicht verstehen?«

»Ich habe für vieles Verständnis, solange die Form gewahrt wird, Frau Brack«, erwiderte Schweiger kühl.

»Sie … Sie müssen sofort kommen.«

»Was wurde gestohlen?«, wollte Alfred Schweiger wissen.

»Eine wertvolle Muttergottesstatue.«

»Wie wertvoll?«, fragte der Polizeihauptmeister.

»Zweihunderttausend Mark.«

Bei einem solchen Betrag schien dem Polizisten Eile geboten zu sein. »Ich bin schon unterwegs«, sagte er schnell und legte auf. Als er dann in Irma Bracks Haus war und sich das aufgebrochene Kellerfenster angesehen hatte, sprach er kurz mit Toni und Barbara, bevor er sich mit Irma Brack allein im Wohnzimmer unterhielt.

Die Witwe starrte mit tränennassen Augen in die Nische, die nun leer war. Sie konnte es noch immer nicht ganz fassen, dass es jemand gewagt hatte, sie zu bestehlen. In ihr Haus war der freche Dieb gekommen – während sie friedlich und völlig ahnungslos in ihrem Bett gelegen und geschlafen hatte. Eine himmelschreiende Schweinerei war das!

Alfred Schweiger war ein Mann Mitte Fünfzig, gewohnt, scharf durchzugreifen. Er hielt sehr viel von Gerechtigkeit und duldete keine Schlamperei, wo auch immer.

Er ließ sich von Irma Brack das Zertifikat und Fotos von der gestohlenen Statue zeigen. »Wirklich ein sehr schönes Stück«, bestätigte er und nickte.

»Wie kommt jemand dazu, sich einfach gewaltsam zu holen, was einem andern gehört?«, empörte sich die Witwe.

»Es gibt Leute, die sehen den Unterschied zwischen mein und dein nicht so eng.«

»Das darf doch nicht sein«, sagte Irma Brack entrüstet.

»Natürlich darf das nicht sein«, gab Schweiger ihr recht.

»Wo kommen wir hin, wenn sich jeder einfach nimmt, was er haben will?«

»Diese Außenseiter dahin zu bringen, wo sie nichts anstellen können, ist meine Aufgabe«, erklärte der Polizeihauptmeister. »Das Aufbrechen des Kellerfensters kann nicht ganz geräuschlos vonstattengegangen sein. Haben Sie nichts gehört?«

»Wenn ich etwas gehört hätte, hätte ich Sie nicht erst jetzt, sondern bereits in der Nacht angerufen.« Irma nahm sich einen großen Kognak.

Dem Polizeihauptmeister bot sie keinen an, der war schließlich im Dienst. Sie trank und ging mit dem Glas in der Hand nervös auf und ab.

»Stellen Sie sich vor«, sagte sie flatterig, »Toni wacht mitten in der Nacht auf, weil er raus muss, und überrascht diesen Kerl … Ich wage nicht daran zu denken, in welcher Gefahr wir alle schwebten!«

Der Polizist nickte. »Die Sache hätte tatsächlich noch schlimmer ausgehen können – wenn zu dem Diebstahl noch ein Personenschaden gekommen wäre. Manche Verbrecher verlieren den Kopf, wenn man sie ertappt. Wenn sie in Panik geraten, kann das katastrophale Folgen haben. Sie haben also nichts gehört.«

»Nein!« Die Witwe brauste auf. »Herrgott …« Sie beherrschte sich aber gleich wieder, denn sie wollte den Polizisten nicht verärgern. »Entschuldigen Sie!«, kam es kleinlaut über ihre Lippen.

»Ist die Madonna versichert?«

»Selbstverständlich«, antwortete Irma Brack.

»Haben Sie die Prämie pünktlich bezahlt?«, fragte Alfred Schweiger.

»Na, hören Sie mal!«

»Haben Sie?«, fragte Schweiger noch einmal.

»Aber natürlich.«

»Dann wird man Ihnen den Schaden ja ersetzen«, sagte der Polizeihauptmeister.

Die Witwe rümpfte die Nase. »Man wird mir Geld geben – und was ist mit dem ideellen Wert? Den wird mir niemand abgelten.«

»Das ist klar«, pflichtete der Polizist ihr bei.

»Ich möchte meine Madonna wiederhaben«, sagte Irma Brack impulsiv.

»Kann ich verstehen.«

Irma sah den Polizisten flehend an. »Werden Sie sie mir wiederbeschaffen können?«

»Ich werde es versuchen. Kann sein, dass es mir mit Ihrer Hilfe gelingt.«

»Mit meiner Hilfe?«, staunte Irma Brack. Sie nahm wieder einen Schluck Kognak. »Wie soll ich Ihnen denn helfen? Ich bin doch überhaupt nicht kriminalistisch geschult.«

»Das ist auch nicht nötig. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu meiner Hilfspolizistin oder etwas Ähnliches zu machen, aber ich bin natürlich auf Ihre Angaben oder Wahrnehmungen angewiesen.«

Irma hob hilflos die Schultern. »Ich habe Ihnen bereits alles gesagt.«

»Hat sich in letzter Zeit jemand auffällig für Ihre Statue interessiert?«, erkundigte sich Alfred Schweiger.

»Kaplan Hofer wollte sie für den Pfarrflohmarkt haben – aber das war natürlich nur ein Scherz.«

»Wer wusste von der Statue?«, fragte Schweiger.

»Jeder, der mich besuchte, konnte sie sehen.«

»Und Sie haben wahrscheinlich auch stets dezent darauf hingewiesen, dass sie sehr wertvoll ist«, nahm der Polizist an. »Auf so ein kostbares Stück ist man schließlich stolz.«

»Ich habe damit nicht geprahlt, wenn Sie das meinen.«

»Haben Sie irgendeinen Verdacht?«, fragte Schweiger. »Wer könnte die Madonna Ihrer Meinung nach gestohlen haben?«

»Da bin ich leider überfragt«, antwortete die Witwe. Doch plötzlich stockte sie. »Das heißt …«

Der Polizeihauptmeister horchte sofort auf. »Ja?«

Irma leerte ihr Glas und starrte hinein. Sie behandelte Barbara nicht gut, hatte sie vor Kurzem erst geohrfeigt. Wollte sich ihre Nichte auf diese Weise rächen?

»Ja, Frau Brack?«, sagte Alfred Schweiger gespannt.

Sie muss viel arbeiten und bekommt wenig Geld, ging es Irma durch den Sinn. Sie leidet bestimmt daran, dass ich Toni mit meiner Liebe so sehr überhäufe, dass nichts davon für sie übrigbleibt.

»Frau Brack«, sagte der Polizist mahnend.

Sie beachtete ihn nicht. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich erlaube ihr nicht, diesen Habenichts zu sehen. Sie kann es aus Trotz getan haben. Oder um zu Geld zu kommen. Hat sie sich bei mir das Startkapital für ihre gemeinsame Zukunft mit Josef Glöckner geholt?

»Sie haben einen Verdacht, nicht wahr?«, sagte Alfred Schweiger eindringlich.

»Ja«, antwortete Irma Brack endlich dunkel.

»Sie dürfen ihn nicht für sich behalten, Frau Brack.«

Die Witwe sprach endlich aus, was ihr in den Sinn gekommen war. Schweiger war einigermaßen überrascht.

»Das Kellerfenster wurde von außen aufgebrochen«, sagte er.

»Jeder, der ein bisschen Grips im Kopf hat, würde so verfahren, damit kein Verdacht auf ihn fallt.«

Der Polizist sprach daraufhin noch einmal allein mit Barbara Mangold. Obwohl er nicht davon überzeugt war, dass sie die Madonna gestohlen hatte, musste er erst alle Verdachtsmomente ausräumen, ehe er ihre Unschuld als bewiesen ansehen konnte. Barbara antwortete auf alle Fragen offen und ehrlich. Sie hatte nichts zu verbergen, ihr Gewissen war rein, doch plötzlich fuhr ihr ein eisiger Schreck ins Herz.

Ja, ihr Gewissen war rein, aber wie war es um Josefs Gewissen bestellt? Er hatte gestern Nacht gesagt, dass er alles für sie tun würde, sogar stehlen. Sogar stehlen! Hatte er ihre Tante bestohlen, um zu Geld zu kommen? Um zu erreichen, dass die reiche Witwe Brack ihn nicht länger als armen Schlucker ansehen konnte? War er hier eingebrochen? Barbara war wütend, weil sie auch nur eine Sekunden an eine solche Möglichkeit denken konnte, und sie hoffte, dass der Polizeihauptmeister nicht erriet, was in ihrem Kopf vorging.. Sie schämte sich für ihren lächerlichen Verdacht. Josef Glöckner war doch nie und nimmer ein Einbrecher und Dieb. Sie bat ihn im Geist um Verzeihung wegen dieses geradezu ketzerischen Gedankens. Alfred Schweiger bekam zum Glück nicht mit, was hinter ihrer umwölkten Stirn vorging. Als er sie schließlich entließ, stand für ihn fest, dass sie mit dem Diebstahl nichts zu tun hatte.

Doch damit der Aufregungen nicht genug, begann im Stall plötzlich die Liesel zu brüllen, und Irma Brack schickte Barbara nach dem Tierarzt.

Als sie mit ihm zurückkam, war der Polizeihauptmeister nicht mehr da, dafür die von ihm herbeigerufene Spurensicherung aus Sonnbrunn. Fast gleichzeitig mit dem Tierarzt traf Valentin Klefitsch ein.

Als er hörte, was los war, krempelte er sofort die Ärmel hoch und fragte: »Brauchen Sie Hilfe, Doktor Weiß?«

»Kann schon sein«, antwortete Dr. Florian Weiß, ein vierzigjähriger, großer, kräftiger Mann, der keine Arbeit scheute.

Valentin eilte mit ihm sofort in den Stall, und Irma Brack dachte: Das ist es, was ich hier brauche ein Mann, der überall entschlossen zupackt.

Es stand eine Zeitlang nicht sehr gut um die brave Milchkuh, und wenn der Tierarzt und Valentin Weiß ihr beim Kalben nicht kräftig geholfen hätten, hätte sie’s wahrscheinlich nicht überstanden.

Schwitzend und froh, Kuh und Kalb gerettet zu haben, traten Dr. Weiß und Valentin Klefitsch nach einer Zeit, die Irma Brack endlos vorkam, aus dem Stall.

Nachdem alles gut abgegangen war, lag die Liesel erschöpft im Stroh und leckte, von ihrem Mutterinstinkt dazu angehalten, ihr zitterndes Kalb ab.

Gleichzeitig mit Dr. Weiß verabschiedeten sich die beiden Herren von der Polizei bei Irma Brack.

»So eine Geburt ist für mich immer wieder ein ergreifendes und bewegendes Ereignis«, sagte Valentin Klefitsch, als er mit Irma Brack allein war. Er grinste. »Jetzt könnte ich einen starken Obstler vertragen, einen doppelt gebrannten, der aus mir einen feuerspeienden Drachen macht. Hast du so etwas im Haus?«

»Aber sicher.« Er bekam von ihr, was er haben wollte.

»Trinkst du keinen?«, fragte Valentin.

Irma schüttelte den Kopf. »Ist mir zu stark.«

Er leerte sein Glas auf einen Zug. »Liebe Güte, der hat es wirklich in sich«, keuchte er, als der Schnaps in seiner Kehle brannte.

Irma nahm ihm das leere Glas aus der Hand und stellte es weg. Sie war ihm sehr nahe. Es knisterte zwischen ihnen. Valentin legte automatisch die Arme um sie.

Sie küsste ihn auf den Mund und flüsterte: »Danke.«

Er sah sie verwundert an. »Danke wofür?«

»Für deine spontane Hilfe.«

»Das war doch selbstverständlich«, behauptete er.

»War es nicht«, widersprach sie.

»Für mich schon.« Er lächelte. »He, du hast mich auf den Mund geküsst.«

Sie gab das Lächeln zurück. »Mit voller Absicht.«

Sein Blick erforschte ihr herbes Gesicht. »Hat das etwas zu bedeuten?«

Sie schlug die Augen nieder. »Ich glaube schon.«

»Einem guten Freund gibt man einen Kuss auf die Wange«, sagte Valentin Klefitsch. Er war sehr zufrieden. Die Dinge entwickelten sich genau nach Wunsch – und sie entwickelten sich großartig.

»Scheint so, als wärst du mehr für mich als bloß ein guter Freund«, bemerkte Irma leise. Sie bebte innerlich. Für kurze Zeit vergaß sie die Aufregungen des heutigen Tages. Ihr Blut begann zu wallen. Hitze durchflutete sie, und in ihren Ohren befand sich ein heftiges Brausen. Sie begehrte Valentin Klefitsch in diesem Augenblick mit jeder Faser ihres Körpers.

Plötzlich brannte sein Kuss auf ihren Lippen, und in ihrem Kopf explodierte ein prächtiges Feuerwerk, so überwältigend schön, dass ihre Knie weich wurden. Es bedurfte keiner Worte. Es war alles klar. Von diesem Moment an gehörten sie zusammen. Irma und Valentin – wie wunderbar!

Auf einmal stand Toni in der Tür. Irma bemerkte ihn und erschrak. So hätte es der Sohn nicht erfahren sollen. So nicht. Das musste ein Schock für ihn sein.

Sie hätte ihn lieber schonend darauf vorbereitet – Schritt für Schritt. Eine solche Überraschung war zu brutal für das Kind. Aber es war passiert und ließ sich nicht mehr rückgängig machen. Toni sah seine Mutti, die so lange nur für ihn dagewesen war, plötzlich in den Armen eines Mannes. Wut, Hass, Enttäuschung und Entsetzen spiegelten sich in seinen Augen. Er war verwirrt und bestürzt. Er konnte nicht verstehen, dass ihm seine Mutti auf einmal nicht mehr allein gehörte.

»Toni …« Irma löste sich aus Valentins Umarmung.

Das Kind lief davon.

»Toni, bleib hier!«

Der Junge rannte schneller.

»Toni, komm zurück!«

Er hastete die Treppe hinauf.

»Toni, ich möchte mit dir reden!«.

Er knallte die Tür seines Zimmers zu und schloss sich ein.

»Das tut mir aber jetzt furchtbar leid«, sagte Valentin Klefitsch schuldbewusst. »Wie konnte ich nur so unbeherrscht sein? Wie konnte ich mich nur so gehenlassen? Ich hätte an den Jungen denken müssen. Ich hätte damit rechnen müssen, dass er zur Tür hereinkommt und uns überrascht. Zu blöd, dass ich meine starken Gefühle nicht besser im Zaum halten konnte. Möchtest du, dass ich mit ihm rede? Gewissermaßen von Mann zu Mann?«

Irma schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, das möchte ich nicht.«

»Vielleicht würde er mich verstehen.«

»Du könntest aber auch alles noch schlimmer machen«, befürchtete Irma Brack.

»Ja, aber was tun wir denn nun? Wir können seine Überreaktion nicht einfach übergehen.«

»Ich werde mit ihm reden«, sagte die Witwe ernst.

»Er wird dich nicht anhören.«

»Er wird«, sagte Irma überzeugt. »Ich bin seine Mutter.«

»Du hast ihn bitter enttäuscht;«

Ein dicker Kloß befand sich in ihrer Kehle. Sie schluckte. »Er weiß, wie sehr ich ihn liebe.«

Valentin Klefitsch legte zwei Finger unter ihr Kinn und zwang sie mit sanftem Druck, ihm in die Augen zu sehen. »Liebst du mich auch?«

In ihrem Blick war unendlich viel Wärme. »Ja, Valentin, ich liebe dich auch.«

»Ebenso sehr wie deinen Sohn?«, fragte Klefitsch. Er wusste, wie wichtig das war.

»Ich … ich glaube schon«, flüsterte Irma. Er wollte sie noch einmal küssen, doch sie legte ihm beide Hände auf die Brust und drückte ihn von sich. »Bitte geh jetzt.« Er wollte sie trotzdem küssen. »Bitte, nein«, stieß sie heißer hervor. »Bitte nicht. Nicht jetzt. Geh bitte, Valentin.«

Er gab nach. Der Junge bereitete ihm Sorgen. Toni konnte seine Pläne durchkreuzen, aber das würde er auf keinen Fall zulassen. »Wir sehen uns hoffentlich bald wieder.«

»Sehr bald.«

»Bei mir, da sind wir ungestört«, sagte Valentin.

»Ja«, bestätigte die Witwe.

Valentin nahm ihre Hände und küsste sie voller Demut. »Ich liebe dich, Irma. Anscheinend musste ich erst fortgehen, damit mir das in vollem Umfang bewusst werden konnte. Ich weiß jetzt ganz sicher, dass ich nicht wegen Grüntal zurückgekommen bin, sondern deinetwegen.«

Damit traf er genau ihren Nerv. Er hörte, wie sie tief einatmete. Die Seelen der Frauen waren ihm vertraut. Er fand für jeden Anlass das passende Wort, und seine Liebespfeile landeten immer im Schwarzen.

Er ging mit dem Bewusstsein, alles richtig gemacht zu haben. Und Irma begab sich zu ihrem Jungen, um mit ihm ein sehr ernstes, sehr wichtiges Gespräch zu führen – eines der wichtigsten überhaupt in ihrem Leben.

 

 

13. Kapitel

 

»Was sagst du da?«, fragte Pfarrer Kreutzer seine Haushälterin.

»Eingebrochen ist worden, heute Nacht, bei Frau Brack«, wiederholte Heide Maus. »Ich hab’s von Frau Buchholz. Die hat es von Frau Ackermann. Und der wiederum hat es die Wally Gerstl erzählt.«

Paul Kreutzer wiegte den Kopf. »Wally Gerstl, die lebende Dorfzeitung. Wenn man möchte, lass sich eine Nachricht wie ein Lauffeuer im Ort verbreitet, braucht man sie nur der lieben Wally unter dem Siegel der Verschwiegenheit anzuvertrauen.«

»Eine wunderschöne alte Madonna ist dem Dieb in die Hände gefallen«, berichtete die Pfarrhaushälterin weiter. »Wird ihm aber nicht leichtfallen, sie ohne Expertise gut an den Mann zu bringen. Er wird sie verschleudern müssen. Nicht einmal die Hälfte des wahren Wertes wird er dafür ohne das Echtheitszertifikat, das Frau Brack noch in Händen hat, bekommen, sagte der Polizeihauptmeister.«

»Und wie stehen die Chancen des Polizeihauptmeisters, die wertvolle Muttergottes wiederzufinden?«

»Im Moment noch sehr schlecht«, antwortete die Haushälterin. »Zurzeit fragt sich Alfred Schweiger quer durch das Dorf, doch keiner kann ihm helfen. Niemand hat etwas gehört oder gesehen. Ein Geist scheint bei Frau Brack eingebrochen zu sein.«

»Geister klauen keine Madonnen.«

»Wissen Sie, was Sophie Jäger gesagt hat?«, fragte Heide Maus. »Nein. Was denn?«, erwiderte Pfarrer Kreutzer.

»Sie könne sich durchaus vorstellen, dass die Witwe Brack sich selber bestohlen hat, um die Versicherung um zweihunderttausend Mark zu erleichtern.«

Pfarrer Kreutzer nickte mit finsterer Miene. »Das sieht ihr ähnlich.«

»Irgendwann wird diese Kneifzange noch wegen Rufmordes vor Gericht stehen.«

»Das liegt durchaus im Bereich des Möglichen«, pflichtete Paul Kreutzer seiner Haushälterin bei.

»Ein wenig Kartoffelbrei, Hochwürden?«

»Ja, und eine schöne, große, dicke Fleischwurst dazu.«

Heide Maus’ Augen wurden groß wie Tennisbälle. »Sie wollen sich wohl umbringen.«

Paul Kreutzer grinste. »Ach, Heide, dich kann man so herrlich leicht auf den Arm nehmen.«

Die Miene der Pfarrhaushälterin verdunkelte sich, »Und das macht Ihnen Spaß.«

Der Pfarrer saß Heide Maus verschmitzt an und gab jovial zurück: »Ein wenig schon – ich kann’s nicht leugnen.«

 

 

14. Kapitel

 

Irma Brack klopfte an die Zimmertür ihres Sohnes. Zu dumm, dass der Junge gesehen hatte, wie Valentin sie im Arm gehalten und geküsst hatte.

Sie hatten wirklich etwas vorsichtiger sein sollen. Aber Irma hatte so lange schon keinen Mann mehr gehabt, dass sie sich einfach nicht hatte zurückhalten können.

Ein wahrer Gefühlsrausch hatte sie erfasst und jeden vernünftigen Gedanken verhindert. Ihr ganzer Denkapparat war lahmgelegt gewesen, sobald sie mit Valentin in Berührung gekommen war, und nun musste sie das, was ihre Unbeherrschtheit ausgelöst hatte, wieder irgendwie ins Lot bringen.

Sie befand sich in einer unerfreulichen Zwickmühle: Sie wollte ihren Jungen nicht verlieren. Sie wollte aber auch Valentin Klefitsch nicht verlieren.

Für ein glückliches, zufriedenes Leben brauchte sie beide. Sie stand zwischen zwei Männern, und sie wollte nicht gezwungen sein, sich für einen entscheiden zu müssen. Sie wollte, brauchte und liebte beide. Wäre eine Entscheidung aber unumgänglich gewesen, dann hätte Irma – wenn auch schweren Herzens – ihrem Sohn den Vorzug gegeben.

»Toni!«

Der Junge antwortete nicht.

»Toni, bitte mach die Tür auf!«

Ihr Sohn reagierte nicht.

»Toni, ich muss mit dir reden!«

»Geh weg!«, rief Toni trotzig.

»Bitte, Liebling, lass Mami rein!«, beschwor Irma ihren Sohn.

»Lass mich in Ruhe!«

»Du machst jetzt sofort die Tür auf, sonst werde ich böse!«

Toni gehorchte nicht.

»Sei doch vernünftig«, versuchte es Irma Brack auf die mütterlich sanfte Tour. »Du bist doch schon ein großer Junge, der alles versteht und mit dem man über alles reden kann. Ist doch nicht so schlimm, was du gesehen hast. Onkel Valentin und ich sind seit vielen Jahren Freunde. Was ist denn schon dabei, wenn sich zwei sehr gute Freunde einen harmlosen Kuss geben? Das ist doch kein Grund, gleich so durchzudrehen.«

»Dieser Mann ist nicht mein Onkel.«

»Er ist kein richtiger Onkel, weil er kein Verwandter ist, da hast du schon recht«, sagte Irma, »aber man kann auch zu sehr guten Freunden Onkel sagen.«

»Du liebst ihn.«

»Ich mag ihn sehr«, gab die junge Witwe zu, »aber dich liebe ich viel, viel mehr. Du bist mir das Allerwichtigste im Leben. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, dass Onkel Valentin dich aus meinem Herzen verdrängt. Müssen wir wirklich so miteinander reden, Toni? Durch die Tür? Darf ich dich dabei nicht ansehen? Bitte mach auf und lass mich rein.«

Endlich schloss Toni die Tür auf. Irma zog ihn in ihre Arme und drückte ihn herzlich an sich. »Mein lieber, kleiner, dummer Junge. Du wirst für mich immer an erster Stelle stehen. Zuerst kommst du – und dann erst kommen alle anderen.«

»Ich mag Onkel Valentin nicht.«

»Kannst du nicht versuchen, ein bisschen fair zu sein und ihm eine Chance zu geben?«, bat Irma.

»Ich kann ihn nicht leiden.«

»Aber warum denn nicht?«, fragte Irma Brack verständnislos. »Er hat dir doch nichts getan. Er ist immer sehr freundlich zu dir.«

»Ich mag ihn trotzdem nicht – und er mag mich auch nicht.«

Sie strich ihm zärtlich übers Haar. »Was redest du dir denn da für einen Unsinn ein? Onkel Valentin liebt dich. Ja, er liebt dich. Er wäre stolz und glücklich, wenn er einen Sohn wie dich hätte.«

»Wirst du ihn heiraten?«

Diese Frage kam etwas überraschend für Irma. Sie war einen Moment verwirrt. Dann antwortete sie: »Das weiß ich noch nicht. Es ist noch zu früh, darüber …«

»Wird er mein Papa?«, fiel der Junge ihr ins Wort.

»Nicht, wenn du es nicht willst.«

»Ich will es nicht«, sagte Toni sofort.

Irma gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn. »Wir werden sehen. Ich meine, wir brauchen alle ein wenig Zeit zum Nachdenken.«

 

 

15. Kapitel

 

Am nächsten Sonntag zelebrierte wieder Pfarrer Kreutzer – mager und noch ein wenig von der überstandenen Krankheit gezeichnet – die Heilige Messe. Eine Woge der Liebe und Herzlichkeit brandete ihm entgegen, als er auf die Kanzel stieg, und er hielt eine seiner schönsten, mildesten, versöhnlichsten und zu Herzen gellendsten Predigten. Und Hanna Blum, das Kräuterweiblein, erzählte im ganzen Dorf herum, dass sie den Herrn Pfarrer so rasch wieder auf die Beine gebracht habe.

Als dann der Flohmarkt veranstaltet wurde, ging es dem Pfarrer wieder gut. Er hatte inzwischen ein wenig zugenommen und fühlte sich wieder bestens.

Die Anstrengungen des rührigen und geschäftstüchtigen Kaplan Hofer trugen erfreuliche Früchte: der Pfarrflohmarkt brachte einen Reingewinn von zwölftausend Mark. So viel hatte man noch nie eingenommen. Paul Kreutzer feierte das mit Heide Maus und Jürgen Hofer mit einem Gläschen köstlichen, selbst angesetzten Beerenweins und schmauchte dazu genüsslich und rundum zufrieden seine geliebte Pfeife.

 

 

16. Kapitel

 

Zwei Monate vergingen. Nach wie vor wusste niemand, wer bei der Witwe Brack eingebrochen war und die wertvolle Madonna gestohlen hatte.

Da die Muttergottes nicht auftauchte, musste die Versicherung »bluten«. Zähneknirschend überwies man zweihunderttausend Mark auf Irma Bracks Konto.

Valentin Klefitsch sprach zum ersten Mal behutsam von Heirat, und Irma Brack hätte am liebsten sofort ja gesagt, aber Toni war noch nicht so weit.

Er konnte »Onkel« Valentin immer noch nicht leiden, obwohl dieser sich sehr um seine Sympathie bemühte. Er machte ihm kleine Geschenke, ging mit ihm ins Kino, ließ ihn bei den Videospielen gewinnen.

Es nützte alles nichts. Toni blieb dabei: er mochte Onkel Valentin nicht – und damit war der Karren erst mal festgefahren. Valentin Klefitsch kam bei Irma Brack nicht mehr weiter, und daran war nur dieser verflixte Junge schuld. Klefitsch wollte sich von dem Knirps seine ehrgeizigen Pläne nicht durchkreuzen lassen. Lächerlich, am Widerstand eines zehnjährigen Jungen zu scheitern, dachte Klefitsch ärgerlich. Dazu darf es nicht kommen. Ich will Irma, und ich will ihr Geld – und ich werde beides kriegen. Das darf dieser Satansbraten mir nicht vermasseln. Du riskierst sehr viel, Kleiner. Onkel Valentin kann auch anders. Nimm dich in Acht. Onkel Valentin kann sehr, sehr böse werden, wenn er nicht bekommt, was er haben möchte.

Lange würde sich Klefitsch das abweisende Verhalten des Kindes nicht mehr gefallen lassen. Wenn er sein Ziel nicht in Güte erreichen konnte, dann eben anders. Ihm war das egal. Er hatte kein Gewissen. Er würde auch dann gut schlafen, wenn der Junge ihn zwang, andere Saiten aufzuziehen.

Irma Brack wollte sich nicht länger mit ihrer Nichte belasten. Sie wollte Barbara aus dem Haus haben, Platz schaffen für Valentin, der dann zu ihr ziehen konnte. Sie wollte ihre Nichte unter die Haube bringen. Hermann Schleif wäre bereit gewesen, das junge, schöne Mädchen zur Frau zu nehmen, doch Barbara weigerte sich, den ungeliebten Mann zu heiraten.

»Du undankbares Ding!«, schrie Irma Brack sie wütend an. »Du solltest dich glücklich preisen, dass ein Mann mit Geld sich für dich interessiert. Na schön, er ist kein Adonis, und ein bisschen älter als du ist er auch, aber wenn du auf einen Märchenprinzen wartest, wirst du alt und grau dabei.«

»Ich liebe Hermann Schleif nicht.«

»Ich habe Ferdinand Brack, deinen Onkel, auch nicht geliebt und bin trotzdem seine Frau geworden. Wir führten keine schlechte Ehe – und heute bin ich reich und habe einen Sohn, der mein ganzes Glück ist.«

»Ich liebe Josef Glöckner!«

»Wenn du diesen Namen in meiner Gegenwart noch einmal in den Mund nimmst, sorge ich dafür, dass man diesen Habenichts aus Grüntal verjagt!«, drohte Irma Brack.

Heulend rannte Barbara in ihr Zimmer. Sie war ratlos und niedergeschlagen, und als der Druck der Tante in den darauffolgenden Tagen immer massiver wurde, entschloss sie sich zu einer spektakulären Verzweiflungstat: Sie rückte aus und verbarrikadierte sich im Keller des Pfarrhauses.

Heide Maus, der es ein besonders Anliegen war, Frauen und Mädchen zu helfen, wenn sie in Not waren, sprach mit Barbara Mangold durch die Tür, und die Unglückliche redete sich ihr ganzes Leid von der Seele.

Aufregung im Pfarrhaus. Mit einer solchen Situation waren Pfarrer Kreutzer und Kaplan Hofer noch nie konfrontiert gewesen.

Wie sollten sie sich verhalten? Sollten sie Heide Maus die Dinge regeln lassen? Sollten sie eingreifen? Irma Brack stürmte ins Pfarrhaus und forderte die Herausgabe ihrer Nichte. Als Barbara die Stimme ihrer Tante hörte, schrie sie im Keller wie am Spieß, und Irma Brack sagte erregt, der Pfarrer habe nicht das Recht, ihre Nichte festzuhalten.

»Liebe Frau Brack«, erwiderte Paul Kreutzer ernst, »Sie verkennen die Sachlage: Barbara ist aus freien Stücken hier, und wir haben sie nicht im Keller eingeschlossen, sondern sie hat sich darin verbarrikadiert.«

»Wie konnten Sie das zulassen?«, fragte die Witwe vorwurfsvoll.

»Das ging schneller, als wir denken konnten«, entgegnete der Geistliche. »Sie stürzte ins Pfarrhaus, rannte, ohne ein Wort zu sagen, in den Keller und errichtete die Barrikade.«

»Wir müssen sie zur Besinnung bringen. Sie ist übergeschnappt.«

»Ist ein Mädchen übergeschnappt, wenn es sich weigert, einen Mann zu heiraten, den es überhaupt nicht liebt?«, schaltete sich Heide Maus ein.

Irma Brack starrte sie gereizt an. »Was wissen denn Sie von diesen Dingen? Waren Sie jemals verheiratet?«

»Nein«, antwortete die Pfarrhaushälterin wahrheitsgetreu. Aber nahe dran war sie gewesen. Die Hochzeit war bereits festgesetzt gewesen, als der junge Bräutigam vier Wochen davor Angst bekommen und das Weite gesucht hatte. Auf Nimmerwiedersehen war er verschwunden. Sie hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Es hatte sehr lange gedauert, bis sie über diese große Enttäuschung hinweggekommen war. Von Männern hatte sie danach nichts mehr wissen wollen, deshalb war sie Haushälterin in Pfarrhäusern geworden.

»Na also«, zischte Irma Brack. »Barbara ist noch sehr unreif. Sie ist noch zu jung, um zu wissen, was für sie das Beste ist.«

»Aber Sie wissen es«, bemerkte Heide Maus trocken.

»Allerdings. Ich habe den Weitblick, der meiner Nichte noch fehlt.«

»Warum erlauben Sie ihr nicht, Josef Glöckner zu heiraten?«, fragte Heide Maus.

»Weil ich weiß, dass diese Ehe in längstens zwei Jahren Schiffbruch erleiden würde. Wer auf Sand baut, darf sich nicht wundern, wenn die Mauern sich senken und auseinanderbrechen. Ich bin ein verantwortungsvoller Mensch. Ich lasse meine Nichte nicht ins Unglück rennen. Ich stimme keiner Hochzeit zu, bei der die Scheidungspapiere gleich mit unterzeichnet werden. Das kann niemand von mir verlangen. Barbara Mangold ist nicht irgendein Mädchen, das mich nichts angeht. Sie ist die Tochter meiner Schwester, und es ist meine Pflicht, aus dem Leben das Beste für sie herauszuholen.«

»Das meiste Geld, meine Sie.«

»Es ist kein Makel, Geld zu besitzen, Frau Maus!«, sagte Irma Brack scharf. Sie verlangte, mit ihrer Nichte reden zu dürfen. Pfarrer Kreutzer verwehrte es ihr nicht, aber er und Kaplan Hofer und Heide Maus blieben in der Nähe. Die Witwe erreichte nichts. Barbara sagte kein Wort, warf aber bei jedem Satz ihrer Tante etwas gegen die Tür. »Die schlägt da unten alles kurz und klein!«, stieß Irma Brack unmutig hervor. »Können Sie sie nicht zur Vernunft bringen, Hochwürden?«

»Nicht, solange Sie hier sind«, antwortete der Geistliche.

»Bitte gehen Sie«, verlangte Heide Maus. »Sonst tut sich Barbara noch etwas an.«

»Sie braucht einen Arzt. Doktor Ackermann muss ihr eine Spritze geben, damit sie sich beruhigt. Das Mädchen ist ja eine Gefahr für sich selbst. Sie wird sich verletzen. Man muss die Tür aufbrechen.«

»In diesem Haus werden keine Türen aufgebrochen, Frau Brack!«, erklärte Pfarrer Kreutzer entschieden.

»Dann muss die Polizei her!«

»Wir bekommen diese Situation auch ohne polizeiliche Hilfe in den Griff«, entgegnete der Geistliche fest. »Sie brauchen uns nur mit Ihrer Nichte allein zu lassen.«

Widerstrebend verließ die Witwe das Pfarrhaus. Vorher verlangte sie aber noch: »Sagen Sie ihr, ich erwarte sie zu Hause, wenn sie rauskommt.«

Barbara kam nicht raus, und sie war auch nicht zu überreden, die Barrikade wegzuräumen. Sie blieb im Keller des Pfarrhauses verschanzt.

Nach vierundzwanzig Stunden holte Jürgen Hofer den jungen Aushilfslehrer Josef Glöckner ins Pfarrhaus, und Barbara brach hinter der verrammelten Kellertür in Tränen aus, doch selbst ihm gelang es nicht, sie aus dem Keller zu holen.

Sechs Stunden später schaffte es Heide Maus mit zäher Verhandlungstaktik. Sie versprach Barbara, das Pfarrhaus nicht verlassen zu müssen.

»Sie können bei uns bleiben, solange Sie wollen, niemand wird Sie fortschicken«, versprach die Haushälterin. »Aber kommen Sie um Himmels willen endlich aus diesem kalten, ungemütlichen Keller. Es musst wirklich nicht sein, dass Sie sich dort unten aufhalten, wo wir doch so ein behagliches Gästezimmer haben. Und Sie müssen ja auch endlich wieder etwas essen.«

Barbara kam heraus. Weinend sank sie der Haushälterin in die Arme. Heide Maus streichelte sie mütterlich und sagte: »Es wird alles gut.« Und dann quartierte sie das schluchzende Mädchen um.

 

 

17. Kapitel

 

Es regnete drei Tage fast ununterbrochen, und das kleine Flüsschen Sonne, das sich an Grüntal vorbeiwand, war nicht wiederzuerkennen. Es schwoll an, trat über die Ufer und war gefährlich reißend. Sollte die Sonne noch zwanzig Zentimeter steigen, würde man Hochwasseralarm geben. Nach drei Tagen gab es dann zwar wieder blauen Himmel, doch das Hochwasser ging noch nicht zurück.

Valentin Klefitsch, den die Querelen, die Irma mit ihrer Nichte hatte, herzlich wenig interessierten, wollte endlich den entscheidenden Schritt tun, um sich ein finanziell abgesichertes Leben zu erheiraten. Die letzten viereinhalb Jahre war der schöne Valentin mit eher mäßigem Erfolg als Heiratsschwindler unterwegs gewesen. Einen ganz großen Fisch hatte er dabei leider nie an Land gezogen.

Es waren zumeist nur ein paar tausend Mark hängengeblieben. Nur einmal hatte er mehr abgesahnt: dreißigtausend Mäuse! Eine nette Dame namens Ingeborg Rubmayer, Geschäftsfrau aus Hannover, hatte er um diesen Betrag erleichtert. Dieses Geld lag jetzt auf der Bank und war seine eiserne Reserve. Er hatte es nach viereinhalb Jahren satt gehabt, sich als Heiratsschwindler durchs Leben zu schlagen.

Eigentlich bist du bescheuert, hatte er sich eines Tages gesagt. Du könntest dich in Grüntal bei Irma ins gemachte Nest setzen und riskierst hier für ein paar Kröten, eingesperrt zu werden.

Das hatte den Ausschlag gegeben. Deshalb war er in sein Heimatdorf zurückgekehrt und hatte sich sogleich an Irma herangemacht. Alles hätte wie am Schnürchen geklappt, wenn Toni nicht gewesen wäre. Der Junge hatte sich als unüberwindbare Hürde entpuppt. Wenn du nicht drüber kommst, musst du das Hindernis aus dem Weg räumen, war Klefitschs eiskalte Überlegung, und sofort begann in ihm ein gefährlicher Plan zu reifen.

Doch zuvor sollte ihn doch ein unerwartetes Ereignis gewaltig ins Schleudern bringen: Ingeborg Rubmayer, die gepflegte Geschäftsfrau aus Hannover, tauchte in Grüntal auf und quartierte sich beim Oberwirt ein.

Bereits zwanzig Minuten später schellte sie an Valentins Haustür. Ahnungslos machte er auf, und im selben Moment traf ihn eine kräftige Ohrfeige.

»Hier also hast du dich verkrochen!«, fauchte die Frau, die er um dreißigtausend Mark erleichtert hatte.

Klefitsch taumelte benommen zurück, und Ingeborg Rubmayer trat kriegerisch ein. Wie ein Kreisel drehten sich die Gedanken in Valentin Klefitschs Kopf.

Gefahr! Seine Existenz, seine Pläne mit Irma Brack, seine Zukunft waren in Gefahr! Diese Frau konnte mit einem Schlag alles zunichtemachen.

»Aber, Ingeborg!«, stammelte er, bemüht, sie zu beschwichtigen.

Sie hatte ihn mit Hilfe eines Privatdetektivs im Großraum Hannover und in allen Städten, von denen sie gewusst hatte, dass er schon mal dagewesen war, gesucht und war dabei auf Frauen gestoßen, denen er auch die Ehe versprochen hatte, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie leichter schädigen zu können.

Dass Grüntal sein Heimatdorf war, hatte sie nicht gewusst, aber der Detektiv hatte es herausgefunden, und nun war sie hier, um sich ihr Geld wiederzuholen.

Sie war einsam gewesen, als er ihr begegnet war. Deshalb war es dem gutaussehenden Valentin sehr leichtgefallen, sich bei ihr einzuschleichen.

Sie war kurze Zeit glücklich gewesen und hatte seinen verlogenen Liebesschwüren nur allzu bereitwillig geglaubt, und als er von Heirat gesprochen hatte, war sie vor Freude fast übergeschnappt.

Die Ernüchterung war wenig später gekommen, als Valentin mit dreißigtausend Mark, die sie ihm gegeben hatte, damit er die Anzahlung für eine gemeinsame Wohnung leisten konnte, verschwunden war.

Da war ihr dann ein ganzer Kronleuchter aufgegangen. Sie hatte begriffen, dass sie einem Heiratsschwindler aufgesessen war, und das hatte sie unheimlich wütend und aggressiv gemacht, weil sie der Meinung gewesen war, ihr könne so etwas nicht passieren, dafür sei sie zu clever.

Heute liebte sie Valentin Klefitsch nicht mehr – sie hasste und verachtete diesen gewissenlosen Kerl, der die Schwächen der Frauen so skrupellos ausnutzte.

Valentin dachte an Irma Brack. Wenn sie erfuhr, was er in den vergangenen viereinhalb Jahren getan hatte, würde sie von ihm nichts mehr wissen wollen.

Sie war ohnedies noch nicht ganz sicher, ob sie ihn heiraten sollte, weil Toni gegen ihn war. Die gesicherte, sorglose Zukunft war ernsthaft gefährdet.

Valentin sah seine Felle davonschwimmen. Er hatte das Gefühl, mit einem manövrierunfähigen Schiff durch ein schweres Unwetter zu fahren. Die aufgewühlte See gebärdete sich wie toll, und er drohte an gefährlichen Klippen zu zerschellen.

Jetzt war guter Rat verdammt teuer. Ingeborg Rubmayer verlangte lautstark ihr Geld zurück. Voller Abscheu musterte sie ihn. »Eigentlich sollte ich dich hinter Schloss und Riegel bringen!«, zischte sie. »Aber dann würde publik werden, was für eine Närrin ich war, deshalb werde ich dich nicht anzeigen. Ich wohne beim Oberwirt. Wenn ich in zwei Stunden mein Geld habe, verlasse ich Grüntal, und die Sache ist für mich erledigt. Solltest du mir meine dreißigtausend Mark nicht bringen, gehe ich zur Polizei und sorge dafür, dass man dich Halunken ins Gefängnis steckt!«

Es blieb ihm keine andere Wahl, als sein Bankkonto zu plündern und ihr mit ihrem eigenen Geld den Mund zu stopfen. Sie reiste tatsächlich noch in derselben Stunde ab. Damit war diese Gefahr glücklicherweise gebannt, aber nun hatte es Valentin Klefitsch noch viel eiliger, mit Irma Brack so rasch wie möglich vor den Traualtar zu treten, um endlich an ihr vieles Geld zu kommen, das ihm ein sorgenfreies Leben garantierte. Aber da war Toni, der mit einer Heirat nie einverstanden sein würde, und solange der Junge nicht zustimmte, würde Valentin Klefitsch von Irma Brack kein Jawort bekommen.

 

 

18. Kapitel

 

Kaplan Hofers Jogging hatte sich um zwei Stunden verschoben. Heute führte ihn sein Weg an der Sonne entlang.

Hilferufe! Kaplan Hofer fuhr alarmiert herum und sah einen Jungen, der in die Hochwasser führende Sonne gefallen war, verzweifelt um sich schlagen.

Der Junge konnte allem Anschein nach nicht schwimmen. Soeben ging er unter. Jürgen Hofer nahm sich nicht die Zeit, die Kleidung abzulegen.

So, wie er war, stürzte er sich in die erdbraunen Fluten, um das Kind zu retten. Selten war das Flüsschen so tief, so reißend und so gefährlich.

Kaplan Hofer geriet in Panik, als er den Jungen nach zwei Tauchversuchen noch nicht gefunden hatte. Die starke Strömung trieb ihn weit ab. Er pumpte so viel Luft wie möglich in seine Lungen und tauchte nochmals unter.

Wo ist das Kind?, schrie es in ihm. Lieber Gott, lass mich den Jungen finden! Seine Hände stießen vor und berührten etwas Zuckendes, Zappelndes.

Er griff zu. Das Kind erschlaffte in diesem Moment. Jürgen Hofers Finger krallten sich ins nasse Hemd des Jungen. Er kämpfte sich mit dem leblosen Körper nach oben und schwamm schwer keuchend ans Ufer.

Wiederbelebungsversuche! Der Junge war Toni Brack, er hustete, und ein Wasserschwall kam aus seinem Mund. Er lebte, aber er schlug die Äugen nicht auf.

Selbst triefnass, nahm Kaplan Hofer das Kind auf seine Arme und rannte mit ihm die Marktstraße hinunter, an der Sonnenapotheke vorbei und ins Pfarrhaus.

Barbara Mangold stieß einen Entsetzensschrei aus, als sie den schlaffen Kindskörper sah. Sie brach in Tränen aus, bangte um das Leben ihres Cousins.

Der Kaplan brachte Toni in sein eigenes Bett. Heide Maus half ihm, den Jungen auszuziehen und abzufrottieren. Sie zogen dem Kind Unterwäsche von Jürgen Hofer an.

Inzwischen telefonierte Pfarrer Kreutzer mit Dr. Ackermann, und Barbara Mangold stürmte davon, um ihre Tante ins Pfarrhaus zu holen.

»Das arme Kind«, stieß Heide Maus gepresst hervor. »Wie konnte das passieren?«

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Jürgen Hofer. »Als ich ihn schreien hörte, war er schon im Wasser und ging unter.«

»Sie müssen auch raus aus Ihren nassen Sachen, Herr Kaplan.«

Jürgen Hofer zog sich um. Als er zu Toni zurückkehrte, war auch Pfarrer Kreutzer bei dem Jungen.

»Er fantasiert«, sagte der Geistliche.

»Er hat etwas gesagt«, berichtete Heide Maus.

»Was?«, wollte Jürgen Hofer wissen.

»Wir haben es nicht verstanden«, antwortete Pfarrer Kreutzer.

Plötzlich schrie der Junge entsetzt auf. »Nein! Nicht, Onkel Valentin!« Ganz deutlich war es zu verstehen.

»Onkel Valentin?«, fragte Heide Maus.

»Valentin Klefitsch«, sagte Jürgen Hofer. »Er hat sich, gleich nachdem er nach Grüntal zurückgekommen war, an Irma Brack herangemacht.«

Jetzt sprach Toni wirr, und er murmelte so sehr, dass man sich nur sehr schwer zusammenreimen konnte, was er von sich gab. Dennoch war es dem Kaplan möglich, sich ein Bild von dem zu machen, was am Ufer der Sonne geschehen war.

Jürgen Hofer sah Pfarrer Kreutzer und die Haushälterin bestürzt an. »Mein Gott, Valentin Klefitsch hat den Jungen, der nicht schwimmen kann, in den Hochwasser führenden Fluss gestoßen.«

»Das muss sofort dem Polizeihauptmeister gemeldet werden«, sagte Paul Kreutzer rau. »Ich gehe zu ihm.«

Noch jemand hatte beschlossen, den Polizisten Alfred Schweiger aufzusuchen: Maria Stettinger, eine Frau, die beobachtet hatte, wie Valentin Klefitsch in Irma Bracks Haus eingebrochen war. Sie war anfangs noch im Zweifel gewesen, und eine große, natürliche Scheu vor der Polizei hatte sie davon abgehalten, zu Schweiger zu gehen, doch nun hatte ihr Pflichtbewusstsein gesiegt, und sie gab zu Protokoll, dass Valentin Klefitsch etwas unter dem Arm getragen hatte, als er aus dem Haus der Witwe Brack bekommen war – eine Holzfigur.

Ein Verbrechen, das Alfred Schweiger so lange nicht aufklären konnte, hatte sich völlig unerwartet praktisch von selbst gelöst. Und Pfarrer Kreutzer meldete – kaum dass Maria Stettinger gegangen war – ein zweites, noch viel schlimmeres.

Valentin Klefitschs Stern war danach nicht nur im Begriff zu sinken, sondern mit großer Geschwindigkeit abzustürzen. Als der Polizeihauptmeister bei Klefitsch erschien, um ihn wegen Einbruchs, Diebstahls und versuchten Mordes festzunehmen, war dieser dermaßen perplex, dass er sofort ein volles Geständnis ablegte.

Er rückte auch sogleich die Madonna heraus, für die er noch keinen Hehler gefunden hatte, der bereit gewesen wäre, mehr als fünfzigtausend Mark zu geben.

Warum er die Muttergottes gestohlen hatte? Um nicht mit leeren Händen in die Ehe mit Irma Brack gehen zu müssen. Der Witwe sei daraus ja kein Schaden entstanden, erklärte er. Sie sei ja von der Versicherung voll entschädigt worden.

 

 

19. Kapitel

 

Dr. Georg Ackermann musste nicht nur Toni helfen, sondern auch seiner Mutter, die einem Nervenzusammenbruch nahe war, als sie von Pfarrer Kreutzer erfuhr, was Valentin Klefitsch getan hatte. Der Geistliche bat die erschütterte und gebrochene Mutter, den Jungen bis morgen im Pfarrhaus zu lassen.

Sie war damit einverstanden. Toni schlief fest, als Irma Brack das Zimmer verließ. Im Wohnzimmer des Pfarrhauses traf die Witwe den Pfarrer, den Kaplan, die Haushälterin und ihre Nichte Barbara an.

Das schreckliche Erlebnis – und die böse Erfahrung, die sie mit Valentin Klefitsch gemacht hatte – schienen Irma Brack geläutert zu haben.

Sie sah Barbara mit rotgeweinten Augen an. »Kommst du mit mir nach Hause?«

»Ich … weiß … nicht, Tante Irma«, antwortete Barbara Mangold unsicher.

»Ich hab’ vieles an dir gutzumachen«, flüsterte Irma Brack schuldbewusst. Sie wandte sich an den Kaplan. »Und Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich meinen geliebten Sohn nicht verloren habe. Ich stehe tief in Ihrer Schuld, Kaplan Hofer. Toni ist mein ein und alles. Wie kann ich Ihnen jemals vergelten, was Sie getan haben?«

Jürgen Hofer schmunzelte. »Oh, ich wüsste schon etwas, womit Sie mir eine große Freude machen könnten.«

Irma Brack musterte sein hübsches Gesicht gespannt. »Ich bin bereit, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen, Herr Kaplan.«

»Jeden? Wirklich jeden?«

Die Witwe nickte fest.

»Nun, dann erlauben Sie Ihrer Nichte doch endlich, Josef Glöckner zu heiraten, und geben Sie den beiden, wenn Sie es sich leisten können, ein angemessenes Startkapital.«

Irma Brack wandte sich an ihre Nichte. »Ich werde Hermann Schleif sagen, dass er sich anderswo nach einer Ehefrau umsehen muss.«

Barbara Mangold stieß einen Freudenschrei aus und fiel der Tante weinend um den Hals.

»Nimm deinen Lehrer und werde glücklich mit ihm«, sagte Irma mit belegter Stimme. »Ich hatte kein Recht, dir dieses Glück zu verwehren, bitte verzeih mir, wenn du kannst.«

Sie bot ihrer Nichte an, mit ihrem zukünftigen Mann so lange bei ihr zu wohnen, bis das Haus, das sie den beiden zur Hochzeit schenken wollte, bezugsfertig sei.

Es flossen an diesem Tag viele Tränen im Pfarrhaus. Auch Heide Maus putzte sich immer wieder geräuschvoll die Nase, und Pfarrer Kreutzer und Jürgen Hofer hatten so ein merkwürdiges Kratzen im Hals.

Tags darauf holten Irma Brack und ihre Nichte den Jungen nach Hause. Kaplan Hofer rubbelte das seidenweiche Haar des Jungen. »Na, wieder alles in Ordnung?«

»Ja, Herr Kaplan.«

»Ich möchte, dass du mir zwei Dinge versprichst, Toni: Erstens, dass du der Sonne in Zukunft fernbleibst, wenn sie Hochwasser führt, und zweitens, dass du so bald wie möglich schwimmen lernst.«

Toni nickte. »Ich versprech’s.«

Irma Brack bekam ihre Statue wieder und gab der Versicherung das ausbezahlte Geld zurück. Barbara brauchte nicht mehr so viel zu arbeiten, und ihre Tante hatte auch nichts dagegen, dass Josef Glöckner in ihr Haus kam, wenn er Barbara sehen wollte. Er kam fast jeden Tag, und Irma schloss ihn genauso in ihr weich gewordenes Herz wie ihre Nichte, für die sie in Sonnbrunn eine teure Aussteuer besorgte.

 

 

20. Kapitel

 

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen auf Hochtouren, und es musste natürlich Pfarrer Kreutzer sein, der das junge Paar in der prächtigen Grüntaler Barockkirche St. Martin traute. Selbstverständlich waren er, Heide Maus und Kaplan Hofer zur anschließenden Hochzeitsfeier beim Oberwirt eingeladen. Barbara und Josef waren das glückstrahlendste Paar, das Paul Kreutzer je getraut hatte.

Nahezu ganz Grüntal kam, um ihnen alles erdenklich Gute für die Zukunft zu wünschen und mit ihnen zu feiern. Und Kaplan Hofer tanzte sich mit der wunderschönen Braut und zahlreichen weiblichen Gästen die Schuhsohlen heiß.

Das Fest war in voller Fahrt. Kaplan Hofer hatte auch schon mit Irma Brack und Heide Maus getanzt, und nun ließ er sich schwitzend und bestens gelaunt auf seinen Stuhl fallen und griff nach seinem Bierglas.

Er nahm einen herzhaften Schluck vom kühlen Gerstensaft. Ah, herrlich. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. Da zupfte ihn jemand am Ärmel.

Toni stand neben ihm. »Herr Kaplan.«

»Na, Toni, amüsierst du dich?«

»Ich muss Ihnen etwas sagen, Herr Kaplan.«

»So? Was denn?«

»Ich kann schon schwimmen.«

»Wirklich? Na, das finde ich ja großartig.« Lachend umarmte Jürgen Hofer den Jungen, dessen Leben er gerettet hatte, und drückte ihn innig an sich. Das Leben war herrlich, wenn es keine Probleme gab.

 

 

ENDE

 

 

 

 

Das sechste Gebot

 

 

1. Kapitel

 

Max, der Kater, war zwar nicht mehr der Jüngste, aber immer noch ungemein clever, wenn es darum ging, sich ein extra Leckerchen zu erschnurren.

Er strich so lange um die Beine der neunundfünfzigjährigen Pfarrhaushälterin, bis sie weich war, wobei er seinen Schwanz kerzengerade hochstreckte, als wollte er durch unübersehbares Aufzeigen dezent auf sich aufmerksam machen.

Die Frau und das Tier straften die Behauptung, Katze und Maus würden sich nicht vertragen, seit Jahren Lügen. Frau Maus und der schwarze Kater waren, abgesehen von gelegentlichen kleinen Meinungsverschiedenheiten, seit Jahren ein Herz und eine Seele. An diesem Morgen hatte Heide Maus es eilig, doch das konnte Max natürlich nicht davon abhalten, sich schnurrend an ihren Beinen zu reiben.

Frau Maus musste sehr genau aufpassen, wo sie hintrat, denn der samtpfötige Kater war überall ein lebendiges Hindernis, das sich an allen Orten unvermittelt aufbaute und über das man ziemlich böse stürzen konnte.

Die Köchin war beim Bäcker aufgehalten worden.

Nun musste sie sich sputen, denn Kaplan Hofer durfte nicht zu spät in die Schule kommen.

Er hatte gleich in der ersten Stunde Religionsunterricht und wenn er nicht pünktlich war, ging es in der Klasse drunter und drüber.

Hastig stellte Frau Maus das Körbchen mit den Brötchen auf den Tisch. »Der Kaffee ist gleich soweit«, sagte sie. Als sie sich umdrehte, stolperte sie über Max. »Heiliger Str…« Sie presste schnell die Lippen zusammen und schaute verlegen zur Tür, in der soeben der Pfarrer erschienen war.

Paul Kreutzer grinste breit. »Was höre ich da aus deinem Mund, Heide?« fragte er belustigt.

Frau Maus legte die Hand betroffen auf ihre Lippen und murmelte: »Mein Gott, jetzt sage ich es auch schon. Aber es ist ein Wunder, wenn man es von Ihnen täglich zu hören bekommt, weil Sie sich nicht beherrschen können?«

»Es befreit doch. Oder etwa nicht?«

»Es gehört sich nicht für einen katholischen Priester, so etwas zu …«

»Unser Herrgott wird es mir nachsehen«, fiel der grauhaarige Pfarrer seiner Haushälterin ins Wort und setzte sich zu Jürgen Hofer.

Endlich war der Kaffee durch die Maschine gelaufen. Frau Maus stellte die Kanne auf den Tisch, und als ihr der Kater abermals ein Bein stellen wollte, war für sie das Maß voll.

»Max!«, schrie sie erbost. »Jetzt reicht es aber!« Sie bückte sich, griff das Tier mit beiden Händen und trug es hinaus in den Küchengarten. »Du gehst jetzt ein bisschen an die frische Luft!«, sagte sie energisch.

»Miau!«, beschwerte sich Max.

»Jawohl, Miau! Und lass dich erst in einer halben Stunde wieder blicken, dann habe ich Zeit für dich, eher nicht.« Sie kehrte zu Pfarrer Kreutzer und Kaplan Hofer zurück.

»Sie waren schon mal netter zu Mäxchen«, meinte Jürgen Hofer schmunzelnd.

»Immer, wenn ich es eilig habe, streicht er mir besonders aufdringlich um die Beine«, erwiderte Heide Maus barsch. »Das macht er extra.«

»Er liebt Sie.«

»Er liebt das Futter, das ich ihm gebe.«

»Sie tun ihm unrecht.«

»Na schön, vielleicht tue ich ihm unrecht. Ich habe jedenfalls keine Lust, mir schon am frühen Morgen ein Bein oder einen Arm zu brechen«, sagte Frau Maus spröde. Damit war das Thema für sie beendet.

Paul Kreutzer goss Milch in seinen Kaffee. »Wie geht es in der Schule?«, fragte er den jungen Kaplan.

»Ganz gut.«

»Sind die Schüler sehr aufgeweckt?«

»Es sind ein paar Rabauken dabei, die ganz gern den Unterricht stören würden, aber ich habe sie recht gut im Griff.«

»Wenn Sie den Religionsunterricht interessant gestalten wollen, müssen Sie versuchen, Vergangenes mit Gegenwärtigem zu verbinden.«

Jürgen Hofer biss von seinem Brötchen ab, das er mit zwei Scheiben Schinkenwurst belegt hatte. »Das tue ich und ich streue ab und zu einen Witz ein, um den ernsten Stoff ein wenig aufzulockern.« Der einunddreißigjährige Kaplan lächelte. »Heute werde ich zum Beispiel den erzählen: Ein Heide hat zum ersten Mal in seinem Leben an einem Gottesdienst teilgenommen. ›Wie war’s?‹, wollen seine heidnischen Freunde neugierig wissen. ›Sehr schön‹, gibt der Gefragte Auskunft. ›Zuerst hat der Pfarrer gesprochen und dann wurde ein Körbchen mit Geld herumgereicht …‹ Ich hab’ mir auch zwanzig Mark genommen«

Paul Kreutzer lachte. »Wo haben Sie denn den her?«

»Der Totengräber hat ihn mir gestern erzählt.« Hofer leerte seine Kaffeetasse.

»Da wir gerade bei der Kollekte sind: Die letzte ist ziemlich mager ausgefallen«, sagte Pfarrer Kreutzer unzufrieden. »Ich muss bei der nächsten Predigt mal wieder die Gebefreudigkeit unserer Schäfchen ein wenig wachrütteln.«

Der Kaplan erhob sich. »Ich muss gehen.«

Er verließ das Pfarrhaus und ging zu Fuß zur Schule, denn es lohnte sich nicht, die paar Schritte mit dem Motorrad zu fahren. Schwester Innozentia, die das Martinsheim leitete, das sich gegenüber der Schule befand, kam ihm entgegen.

»Guten Morgen, Schwester«, grüßte er die Fünfzigjährige freundlich.

»Guten Morgen, Herr Kaplan. Schöner Tag heute.«

Jürgen Hofer blinzelte in die Sonne. »Ja, den sollte man frei haben.«

»Was würden Sie denn dann tun?«

»Mit dem Motorrad durch die Botanik fahren und mich an ihrem wunderschönen Anblick erfreuen.«

»Dafür haben Sie nach dem Unterricht ja immer noch Zeit«, gab Innozentia, eine resolute, aber auch sehr hilfsbereite Frau, zurück. Im Martinsheim kamen betagte alte Leute unter, um die sich sonst niemand kümmerte. Das Heim wurde von der Gemeinde und der Kirche zu gleichen Teilen unterhalten.

Jürgen Hofer streckte den Zeigefinger hoch.

»Falls nicht, wie so oft, irgendetwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt.«

 

2. Kapitel

 

In Grüntal war wohl niemand weniger beliebt als die Schwestern Sophie Jäger und Fanny Gressl. Das Gesetz hätte sie zum Tragen eines Schildes mit der Aufschrift »Vorsicht! Bissig!« verpflichten sollen, damit gleich jeder wusste, woran er mit ihnen war.

Ihnen an einem so wunderschönen Morgen über den Weg zu laufen, musste schon beinahe als Strafe Gottes angesehen werden und ausgerechnet Innozentia musste das passieren.

»Grüß Gott, Schwester«, sagte Sophie Jäger mit gespielter Freundlichkeit. »So früh schon unterwegs?«

»Ja, in die Apotheke.«

»Sie sind doch hoffentlich nicht krank.«

»Nein, einer meiner Schützlinge hat mich gebeten, ihm das Medikament, das Doktor Ackermann ihm gestern verschrieben hat, zu holen«, gab die Gemeindeschwester zurück und wollte gleich weitergehen, aber sie kam an den großen, rothaarigen, stetig Gift verspritzenden Frauen nicht vorbei.

»Kann er das nicht selbst tun? Sie sind viel zu gut, Schwester Innozentia. Dadurch nutzen alle Sie aus.«

»Ich fühle mich nicht ausgenutzt, wenn ich einem alten Menschen, der nicht mehr gut laufen kann, einen kleinen Gefallen tue.«

»Es muss ziemlich anstrengend sein, das Martinsheim zu leiten«, sagte Sophie Jäger. Man konnte wirklich nicht mit Sicherheit feststellen, wer das bissigere Luder war - sie oder ihre Schwester.

»Ich schaff das schon«, erwiderte Innozentia, die die roten Schwestern ebenso wenig mochte wie die übrigen viertausend Einwohner von Grüntal und sie machte auch keinen Hehl daraus.

»Sie sollten mal ausspannen. Sie sehen müde aus«, tat Fanny Gressl besorgt.

Im hellen Schein der Morgensonne glichen die Haare der Schwestern brennenden Dornenbüschen.

»Ja, wirklich. Diese Schatten unter Ihren Augen sollten nicht sein«, meinte Sophie Jäger voller falscher Anteilnahme.

»Wann haben Sie zum letzten Mal Urlaub gemacht?«

»Voriges Jahr.«

»Dann wird’s mal wieder Zeit, würde ich sagen. Oder noch besser: Lassen Sie sich von Doktor Ackermann auf Kur schicken. Dann machen Sie Urlaub und brauchen nichts dafür zu bezahlen.«

»Wie die Espachers zum Beispiel«, wusste Fanny Gressl sofort zu berichten. »Die kosten unsere Krankenkasse einen hübschen Batzen Geld. Vor zwei Monaten war Vitus Espacher zur Kur jetzt fährt seine Frau. Und was fehlt den beiden? Nichts.«

Sophie Jäger zog die Mundwinkel nach unten. »Ein bisschen Rheuma haben sie.«

Ihre Schwester winkte ab. »Das haben wir alle. Aber lassen wir es uns deshalb gleich auf Krankenkassenkosten gutgehen? Nein. Wir kurieren unsere Wehwehchen zu Hause aus.«

»Weil wir dumm sind«, sagte Sophie Jäger.

»Während andere sich gratis ein schönes Leben machen«, setzte Fanny noch dazu.

Sophies Augen wurden schmal. »Wenn der Vitus keinen Kurschatten hatte, fresse ich einen Besen.«

Fanny lachte schadenfroh.

»Jetzt hat seine Frau Gelegenheit, es ihm heimzuzahlen.«

»Und wir bezahlen dieses Lotterleben auch noch mit unseren Beiträgen. Eine Schande ist das.«

»Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit«, setzte Sophie noch eins drauf. »Dass Doktor Ackermann so etwas unterstützt, ist mir unbegreiflich.«

»Wo gibt es heutzutage noch Sitte, Anstand und Moral?«, fragte Fanny Gressl anklagend. »Als ich jung war, wurde auf so etwas noch geachtet, da wurden diese Werte noch hochgehalten, aber heute …«

»Saudumm und Gomorrha.«

»Sodom«, korrigierte Sophie ihre Schwester.

»Genau«, sagte Fanny, die ehemalige Lehrerin, die das Lehramt aufgegeben hatte, weil sie sich nicht länger mit der »heutigen Jugend« herum argem wollte.

Sophie nickte grimmig. »Vielleicht sollten wir Doktor Ackermann auch mal bitten, uns einen Gratisurlaub zu verordnen.«

»Gleiches Recht für alle.«

Die Gemeindeschwester bat die roten Schwestern, sie zu entschuldigen. »Ich habe noch vieles zu erledigen«, sagte sie, »und so ein Vormittag ist schnell herum.«

»Sie sollten sich Ihre Zeit besser einteilen«, empfahl Sophie Jäger.

»Und sich vor allem nicht von jedem in die Apotheke oder sonst wohin schicken lassen«, meinte Fanny Gressl. »Die Leute, die in Ihrem Heim wohnen, sind alt. Sie haben jede Menge Zeit, mit der sie ohnedies nichts Rechtes anzufangen wissen.«

»Die Bewohner des Martinsheims sind alt, arm und zum Teil schon sehr gebrechlich, aber sie sind mir lieber als Leute, die an ihren Mitmenschen kein gutes Haar lassen«, gab die Gemeinde-Schwester spitz zurück und setzte ihren Weg fort.

Fanny Gressl sah ihr mit gefurchter Stirn nach. »Wen hat sie damit gemeint? Doch nicht etwa uns?«

»Nein«, gab Sophie Jäger kopfschüttelnd zurück, »uns nicht, denn wenn wir über jemand schlecht reden, dann ist es die Wahrheit und die wird man ja wohl noch ungeniert sagen dürfen.«

 

3. Kapitel

 

Hermann Lösch, Apotheker und Vorsitzender des Kirchengemeinderats, betrat das Pfarrhaus mit grimmiger Miene. »Nanu, Herr Lösch«, sagte Heide Maus verwundert. Sie war gerade beim Kartoffelschälen, »Was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?«

»Eine Beschwerde.« Die Furche über der Nasenwurzel des fünfundfünfzigjährigen Mannes wurde noch tiefer, als sie ohnehin schon war. »Ist der Herr Pfarrer da?«

Die Wirtschafterin nickte. »In seinem Arbeitszimmer.«

»Darf ich ihn stören?«

»Wenn es etwas Wichtiges ist.«

»Ich muss mit ihm über Kaplan Hofer reden.«

»Was passt Ihnen denn diesmal nicht an ihm?« Hermann Lösch war fast immer gegen alles und vor allem gegen die Ansichten des jungen Kaplans, deshalb wollte sich Heide Maus sogleich schützend vor Jürgen Hofer stellen,

Doch Lösch antwortete nur: »Das werde ich dem Herrn Pfarrer sagen.«

Paul Kreutzer arbeitete an seiner Sonntagspredigt. Das Gerippe stand schon, nun wollte er darangehen, Fleisch dranzuhängen, damit das Ganze einen kompakten Körper bekam. Es klopfte. Der Geistliche hob den Kopf. »Ja, bitte?«

Die Tür öffnete sich und der Kirchengemeinderatsvorsitzende trat ein. »Grüß Gott, Herr Pfarrer, haben Sie ein bisschen Zeit für mich?«

»Natürlich. Setzen Sie sich, Was kann ich für Sie tun?«

Der Apotheker nahm Platz und rieb die feuchten Handflächen an seinen Schenkeln trocken. »Ich habe eine Beschwerde vorzubringen«, sagte er.

Paul Kreutzer nickte bedächtig. Er trug wie immer seine Soutane, die er nur zum Schlafen ablegte.

»Ja«, sagte der Apotheker rau.

»So, so. Und worüber oder über wen möchten Sie sich beschweren, Herr Lösch?«

»Über Ihren Stellvertreter.«

»Womit hat er denn diesmal Ihr Missfallen erregt?«

»Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie er seinen Religionsunterricht gestaltet.«

»Was haben Sie daran auszusetzen?«, wollte Kreutzer vom Apotheker wissen.

»Mir kam zu Ohren, dass er den Schülern Witze erzählt, anstatt ihnen den katholischen Glauben nahezubringen. Witze! Im Religionsunterricht! Das ist doch keine Karnevalsveranstaltung!«

Paul Kreutzer lehnte sich zurück. Seine blauen Augen wurden etwas dunkler. »Ich finde nichts Verwerfliches daran.« Der Geistliche stellte sich des Öfteren nur deshalb hinter seinen Kaplan, um Hermann Lösch zu ärgern, doch diesmal tat er es, weil er davon überzeugt war, dass Jürgen Hofer seinen Unterricht richtig gestaltete. »Haben Sie schon mal versucht, Kinder, die eine Menge Schabernack im Kopf haben, dazu zu bringen, Ihnen eine volle Stunde lang aufmerksam zuzuhören, Herr Lösch?«

»Witze haben im Religionsunterricht nichts verloren. Die Religion ist eine ernste, seriöse Sache.«

Der Geistliche lächelte. »Wem sagen Sie das.«

»Man hört die Schüler bis auf die Straße heraus schallend lachen.«

»Lachen ist gesund.«

Der Apotheker schüttelte trotzig den Kopf. »Nicht während des Religionsunterrichts.«

»Ach, Herr Lösch, sind Sie wirklich so humorlos oder wollen Sie unserem Kaplan, der Ihnen seit seinem ersten Tag hier in Grüntal ein Dorn im Auge ist, nur mal wieder auf die Zehen treten?«

»Ich verlange, dass Kaplan Hofer seinen Religionsunterricht mit der nötigen Würde und Seriosität wie man sie von einem Vertreter der Kirche, ja wohl erwarten darf, gestaltet.«

»Na schön, Herr Lösch«, Paul Kreutzer nickte freundlich, »ich habe Ihre Forderung zur Kenntnis genommen.«

Der Apotheker musterte den Geistlichen unsicher. »Und?«

»Was und?«

»Werden Sie Kaplan Hofer die entsprechende Weisung erteilen?«

»Nein«, antwortete Paul Kreutzer trocken und erhob sich. »War das alles, was Sie vorzubringen hatten? Dann entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe an meiner Predigt zu arbeiten.«

 

4. Kapitel

 

»Fertig mit Packen?«, fragte der vierzigjährige Vitus Espacher seine Frau.

Johanna Espacher, ein Jahr jünger als er, fest und drall, nickte. »Ja.«

Er zog sie in seine Arme. »Du wirst mir fehlen.«

»Wegen der Arbeit, die du jetzt allein machen musst?«, fragte die Bäuerin.

»Blödsinn. Weil ich gern mit dir zusammen bin.« Vitus sah gut aus. Früher, bevor er verheiratet gewesen war, war kein Weiberrock vor ihm sicher gewesen.

Doch nach der Hochzeit war der Zugvogel sesshaft geworden. Er und Johanna hätten gern drei, vier Kinder gehabt, aber es hatte leider nicht geklappt und so war ihre Ehe kinderlos geblieben.

Sie hatten sich inzwischen mit dieser gottgewollten Fügung abgefunden. Kinder zu adoptieren kam für Vitus Espacher nicht infrage. Er wollte entweder eigene Kinder haben oder keine.

Er küsste Johanna, die die gleiche Kur in derselben Stadt machen würde wie er. »Die drei Wochen werden dir guttun. Wie neugeboren wirst du dich hinterher fühlen.« Er kniff sie in die Wange. »Ich habe dich jede Woche mindestens einmal angerufen und das werde ich wieder tun.«

»Ich freue mich, wenn du anrufst«, sagte Johanna.

Vitus hob den Finger. »Lass dir ja nicht den Kopf verdrehen.«

»Keine Angst, ich lege mir schon keinen Kurschatten zu.«

»Das Angebot an feschen Männern wird sicher sehr groß sein und sie haben nach der Behandlung den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als Jagd auf hübsche Frauen zu machen.«

»Mich interessiert kein anderer Mann. Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Ich könnte dich nie betrügen.«

»Ich hätte es auch nicht gekonnt, obwohl die Auswahl recht verlockend war. Ich hätte jede Menge Chancen gehabt.«

Johanna nickte.» Das kann ich mir sehr gut vorstellen.«

»Man sollte es nicht für möglich halten, wie verheiratete Frauen sein können, wenn sie mal Gelegenheit haben, aus dem Ehealltag auszubrechen. Von damenhafter Zurückhaltung keine Spur. Manche sind angekommen und haben gleich am ersten Tag die Männer unter sich aufgeteilt. Du nimmst diesen, du jenen, ich den.«

»Und wer wollte dich haben?«, fragte Johanna.

»Eine gewisse Claudia Behrens«, sagte Vitus, »aber sie hat mich nicht gekriegt.«

»Und das hat sie so einfach hingenommen?«

»Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Wir wurden Freunde, gingen miteinander spazieren, machten Ausflüge, unterhielten uns, aber mehr passierte nicht.«

»War sie schön, diese Claudia Behrens?«

»Sie sah nicht übel aus.« Vitus nahm Johannas Koffer und trug ihn aus dem Haus. Sie mussten mit dem Traktor fahren, weil ihr Wagen ohne Motor in der Garage stand.

In zwei Wochen würde Vitus einen Austauschmotor bekommen und ihn selbst einbauen. Er war in diesen Dingen sehr geschickt, obwohl er den Beruf des Automechanikers nicht erlernt hatte. Man kann sich auch durch viel Zusehen und Mithelfen bei Freunden so manches aneignen.

Sie fuhren durch die Neustraße, vorbei an der Diskothek »Rainbow«, Richtung Bahnhof. Der Postmichl winkte ihnen und rief: »Gute Erholung, Johanna!«

Die Bäuerin winkte lächelnd zurück. »Danke!«

»Schreib mir mal eine Karte!«

Johanna lachte. »Da du sowieso jede Karte liest, genügt es, wenn ich Vitus eine schicke und einen Gruß für dich mit drauf schreibe.«

Sie erreichten den Bahnhof. Vitus stellte den Traktor davor ab und half seiner Frau beim Absteigen, dann nahm er ihren Koffer und trug ihn auf den Bahnsteig.

Vitus warf einen Blick auf die große Bahnhofsuhr. »Noch zehn Minuten«, sagte er.

»Versprich mir, dass du ordentlich essen wirst«, verlangte Johanna.

Vitus schmunzelte. »Mal beim Unterwirt, mal beim Oberwirt, mal im Gasthaus ›Zum Hirsch‹ und mal in der Pizzeria.«

»Nichts da! Jeden Tag essen gehen, kommt zu teuer. Du wirst dir schön brav selbst was zubereiten und du wirst essen, was ich für dich vorgekocht und eingefroren habe. Wenn ich zurückkomme, muss die Kühltruhe leer sein, verstanden?«

Er legte die Hände an die Hosennaht und schlug zackig die Hacken zusammen. »Jawohl, Herr General - äh - Frau General!«, sagte er grinsend.

Der Zug kam. Vitus stieg mit seiner Frau ein und verstaute ihren Koffer. Es war noch Zeit für einen herzhaften Kuss, dann musste Vitus raus.

Johanna beugte sich aus dem Fenster. Sie hatte Tränen in den Augen. »Gott, was bin ich blöd«, sagte sie und lachte verlegen. »Wieso heule ich, als wäre es ein Abschied für immer?«

»Ich hab’ dich lieb«, sagte Vitus.

»Ich dich auch.«

Der Zug fuhr weiter und Vitus winkte seiner Frau so lange, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Er kam sich ziemlich schäbig vor, weil er Johanna so dreist belogen hatte.

Erstaunlich, wie glatt ihm die Unwahrheit über die Lippen gekommen war. Als wäre sein Gewissen so rein wie das eines neugeborenen Kindes.

Dabei hatte er seine Frau mit Claudia Behrens jeden Tag betrogen drei Wochen lang! Liebe Güte, wenn Johanna das gewusst hätte. Sie wäre Amok gelaufen.

Er war Claudia gleich am Nachmittag des ersten Tages im Kurpark begegnet und hatte sie mit riesigen Glotzaugen angestarrt. Er hatte die Szene vor sich.

»Habe ich einen Tintenklecks in meinem Gesicht?«, fragte die junge Frau lachend.

»Wie - wieso?« stammelte er. Er war völlig durcheinander. So etwas war ihm noch nie passiert. Bei ihm hatte der Blitz eingeschlagen.

»Nach Ihrem Blick zu schließen, muss ich ganz schrecklich aussehen«, sagte sie mit einem traumhaften Schmelz in der Stimme.

»O nein, nein«, beeilte er sich zu sagen, »Sie sehen großartig aus. Wunderbar. Bezaubernd. Bildhübsch sind Sie.«

Sie senkte kokett den Blick. »Vielen Dank.«

»Bitte.« Er ärgerte sich über seine Unsicherheit, aber sie war so umwerfend schön und er hatte im Flirten keine Übung mehr.

Sie streckte ihm unvermittelt die Hand entgegen. »Ich bin Claudia.«

Er ergriff die Hand. »Ich heiße Vitus.«

»Ich bin heute angekommen«, sagte Claudia;

»Ich auch.«

»Aus welcher Stadt?«, wollte Claudia wissen.

»Aus Grüntal, das ist ein Dorf mit viertausend Einwohnern zwischen Franken und Bayernwald.«

Sie nickte, aber er sah ihr an, dass sie noch nie von Grüntal gehört hatte. »Ist es ein schönes Dorf?«, erkundigte sie sich.

»Mir gefällt es und den Leuten, die aus der Stadt zu uns auf Sommerfrische kommen, auch.« Langsam legte sich seine Nervosität, er wurde sicherer. Immerhin sah er ja auch nicht übel aus. »Woher kommen Sie, wenn man fragen, darf?«

»Aus München«, sagte Claudia.

Sie trug ein cremefarbenes, schlank geschnittenes und sehr elegantes Kostüm aus fast transparentem Feingabardine. Er versuchte, sich Johanna darin vorzustellen. Es war ihm nicht möglich. Seine Frau hätte so etwas nicht tragen können. Sie war zwar nicht dick, aber vollschlank, und deshalb hätte sie in diesem todschicken Kostüm unmöglich ausgesehen.

»Da ist mir zu viel Betrieb«, sagte Vitus.

»Ich bin ihn gewöhnt«, gab Claudia achselzuckend zurück. »Werden Sie auch drei Wochen hier sein?«

»Ja.«

Sie sah sich um und seufzte. »Ich kenne hier niemanden.«

Vitus lächelte.

»Sie kennen mich«, sagte er. Allmählich kam sein eingerosteter Charme wieder in Schwung. »Wenn Sie nicht allein sein möchten … Ich will es auch nicht … Wir könnten uns zusammentun …«

Da war ein interessiertes Funkeln in ihren himmelblauen Augen. »Ich nehme Ihr Angebot gerne an.«

»Das freut mich, freut mich ungemein.«

Ohne es zu merken, hatten sie angefangen, nebeneinander herzugehen und es war ihm, als würde er Claudia schon eine Ewigkeit kennen.

Es war so angenehm, sich mit ihr zu unterhalten. Sie konnte zuhören und sie ging auf alles ein, was er sagte. Sie entdeckten gemeinsam den großen Park und fühlten, wie sie einander näher und näher kamen.

Ein schlechtes Gewissen hatte Vitus nicht. Was tat er denn schon? Er unterhielt sich mit einer intelligenten gebildeten Frau, die zufällig auch wunderschön und äußerst begehrenswert war. Das durfte er doch. Dagegen konnte Johanna nichts haben. Johanna … Er verdrängte sie aus seinen Gedanken. Sie war nicht da. Aber Claudia war da und sie zog ihn so sehr an, dass sein Herz jedes Mal anfing zu rasen, wenn er ihr in die großen, funkelnden Augen sah.

In ihm erwachten beunruhigende Wünsche und Sehnsüchte und seine Phantasie ging immer wieder mit ihm durch. Er stellte sich Dinge vor … Dinge! O Gott! Man ist eben nur ein Mensch, dachte er. Ein Mann. Nicht aus Holz. Man fühlt, man sieht, man reagiert, man empfindet … Ich bin nicht mit der Absicht hierhergekommen, mich gleich am ersten Tag in ein leidenschaftliches Abenteuer zu stürzen, aber wenn es jetzt passieren würde, ich hätte nicht die Kraft, dagegen anzukämpfen.

Sie zögerten es bis nach dem Abendessen hinaus aber dann … Vitus wusste inzwischen, dass Claudia seit zwei Jahren geschieden war.

Sie war hungrig. Ein verzehrendes Feuer loderte in ihrem Blick, der ihm verriet, dass er alles von ihr haben konnte. Alles! Von dieser bildschönen, verführerisch attraktiven Frau! Ich glaube, nicht einmal Kaplan Hofer könnte dieser Ungeheuren Versuchung widerstehen, brachte Vitus in Gedanken zu seiner Entschuldigung hervor, kurz bevor er kapitulierte und den Dingen, die sich ohnedies nicht hätten aufhalten lassen, ihren Lauf ließ …

Von da an geschah es immer wieder jeden Tag. Und Vitus hätte sich selbst belogen, wenn er behauptet hätte, dass es auch nur ein einziges Mal gegen seinen Willen passiert und ihm unangenehm gewesen wäre.

Das Gegenteil war der Fall. Jedes Zusammensein mit Claudia glich einem süßen Rausch, der ihn süchtig machte und nach dem er sich immer wieder aufs Neue sehnte, sobald er vergangen war.

 

5. Kapitel

 

Der neue Witz war prima angekommen, die Schüler hatten herzlich gelacht und hinterher regen Anteil am Religionsunterricht genommen.

Sie mochten den jungen Kaplan, sahen in ihm nicht bloß ein Mitglied des »ehrwürdigen« Lehrkörpers, sondern eher einen guten Freund, mit dem man über alles reden, an den man sich wenden konnte, wenn man Sorgen hatte, der sich stets bemühte, einem zu helfen und so gut wie nie um einen Rat verlegen war.

Sie hatten Vertrauen zu Kaplan Hofer und wären jederzeit für ihn ebenso wie er für sie durchs heißeste Feuer gegangen. Einer für alle und alle für einen.

Die meisten von ihnen lernten den Religionsstoff nicht, weil er sie so rasend interessierte, sondern um dem Kaplan zu imponieren und ihm eine reine Freude zu machen. Selbst der schlechteste Schüler glänzte mit einem Wissen, das ihm kein anderer Pädagoge zu vermitteln vermocht hätte.

Einer von ihnen lief Jürgen Hofer nach der Unterrichtsstunde nach. »Herr Kaplan! Herr Kaplan!«

Hofer, der das Klassenzimmer verlassen hatte, blieb stehen und drehte sich um. »Ja, was gibt’s?«

Der sommersprossige Junge hüstelte. »Ich muss Ihnen etwas sagen.«

»Ich höre.«

»Der Lösch …«

Jürgen Hofer lächelte. »Du meinst doch sicher, der Herr Lösch.«

»Der Apotheker will sich über Sie beschweren.«

»Du weißt, man soll niemanden verraten«, tadelte Hofer den Jungen.

»Ich habe gestern gehört, wie der Apotheker zu seiner Frau sagte …«

»Du weißt, man soll niemanden belauschen«, rügte Jürgen Hofer den Schüler abermals.

»Der Lösch … Herr Lösch … Der. Apotheker sagte zu Frau Lösch: ›Morgen gehe ich zum Herrn Pfarrer und rede mit ihm über seinen unmöglichen Kaplan.‹ Hofer bringt seine Schüler während des Religionsunterrichts zum Lachen, erzählt ihnen Witze. Das ist nicht seriös. Ein Skandal ist das. Man muss dem Kaplan diese unerhörte Respektlosigkeit vor der Lehre des Glaubens unverzüglich abstellen, muss ihm unmissverständlich klarmachen, dass die Religion ein ernstes Thema ist, über das man nicht zu lachen hat.«

Jürgen Hofer legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. »Es war zwar nicht uninteressant, was du mir eben erzählt hast, mir wäre es aber trotzdem lieber gewesen, du hättest es für dich behalten, weil …«

»Weil man nicht petzt.«

Der Kaplan nickte lächelnd.

»So ist es, mein Junge. Trotzdem danke.«

»Der Lösch … Der Herr Lösch war inzwischen bestimmt schon beim Herrn Pfarrer.«

»Das ist anzunehmen«, sagte Hofer zustimmend.

»Meinen Sie, Sie kriegen jetzt Schwierigkeiten?«

Hofer lachte unbesorgt. »Nein, bestimmt nicht.«

»Wir mögen es, wie Sie den Religionsunterricht gestalten.«

»Das weiß ich und deshalb wird sich auch in Zukunft nichts daran ändern«, versicherte der Kaplan dem sommersprossigen Schüler.

»Aber der Apotheker ist Vorsitzender im Kirchengemeinderat.«

»Er steht trotzdem mit seiner Meinung allein«, meinte Hofer lächelnd und schickte den Jungen ins Klassenzimmer zurück. Unbekümmert verließ er das Schulgebäude. Er brauchte sich wirklich keine Sorgen zu machen. Wenn der Apotheker sich hinter seinem Rücken an Pfarrer Kreutzer gewandt hatte, hatte er bei diesem mit Sicherheit auf Granit gebissen.

Die Sonne lachte ihm vom wolkenlosen Himmel ins Gesicht und stimmte ihn fröhlich. Jetzt schnell nach Hause, rein in die schwarze Lederkluft, rauf aufs frisch geputzte Motorrad und nix wie raus in die wunderschöne Natur.

Das hatte Jürgen Hofer vor, doch es sollte ihm etwas höchst Unerfreuliches dazwischenkommen …

 

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Titel: Betrogene Herzen - Fünf Heimat- und Schicksalsromane