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TRUCKS & ACTION - Vier Romane in einem Band

2020 432 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Manfred Weinland/Rolf Michael: TRUCKS & ACTION

Copyright

Manfred Weinland: Nonstop durch die Hölle, 1. Teil

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Manfred Weinland: Der Tod in der Wüste, 2. Teil

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Manfred Weinland/Rolf Michael: TRUCKS & ACTION

Vier Romane in einem Band

 

 

 

Der Gewinn einer Truckerreise in Australien führt Pat O’Neill und Luke Ryland ins berüchtigte Outback. Für Ryland, der eine Bypassoperation aus purer Angst vor sich herschiebt, ist es eine Art letztes Abenteuer, weil er fest davon überzeugt ist, bald sterben zu müssen. Dann werden die beiden Amerikaner jedoch in eine unglaubliche Geschichte verwickelt: jemand hat aus einem Museum wertvolle Artefakte der Aborigine-Kultur gestohlen, und augenscheinlich hat »ihr« Trucker etwas damit zu tun. Als dann Ryland von den Eingeborenen verschleppt wird, ist das mehr als nur ein diplomatischer Zwischenfall. Eine Hetzjagd durch das Outback beginnt, und niemand weiß, ob der schwerkranke Ryland auch nur einen Tag überleben wird...

 

Der Band Trucks & Action enthält die spannungsgeladenen Romane Nonstop durch die Hölle und Der Tod in der Wüste von Manfred Weinland sowie Montezuma-Trail und Smokey-Sue von Rolf Michael.

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Romane by Authors.

© Cover by Christian Dörge/123rf.

Korrektorat: Christian Dörge.

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Manfred Weinland: Nonstop durch die Hölle, 1. Teil

 

Prolog

Lieber Pat,

wir beglückwünschen Dich zum Gewinn unserer Trucking-Erlebnistour entlang dem Stuart Highway von Adelaide bis Darwin. Ausgangspunkt Deiner Reise, an der Du mit einer Begleitperson Deiner Wahl teilnimmst, ist Melbourne. Der Gewinn wurde vorausschauend in den australischen »Winter« gelegt, um die Strapazen in Grenzen zu halten. Dennoch werden hohe Anforderungen an Kondition und Gesundheit gestellt.

Eine Möglichkeit, sich den Gegenwert der Reise bar auszahlen zu lassen, besteht leider nicht. Bei einer Absage, aus weichem Grund auch immer, wird ein Ersatzgewinner gezogen. Wir bitten um Dein Verständnis und Deine Entscheidung und geben Dir im Anschluss nähere Erläuterungen.

Die AMERICAN TRUCKER MAGAZINE Redaktion

 

1

Die Sonne versank in Abendglut und tauchte die noch junge Skyline Melbournes in rötliche Unschärfe, als die beiden Männer über die Gangway der gelandeten Boeing 747 in das Empfangsgebäude des Flughafens wechselten.

Es war immer noch heiß, die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Aber all die Menschen, die zu den Gepäckbändern oder Zollpassagen eilten, puschten das Mikroklima hinter den Glasfronten in kaum zu bewältigende Bereiche. Überall wurde geschwitzt, geflucht und gehastet. Aggression pur, die Mitleid für das gestresste Bodenpersonal aufkommen ließ.

Die zwei älteren Männer in »Räuberzivil« hatten bis zuletzt gewartet, ehe sie die Maschine verließen. Darauf hatte der Stämmigere von beiden bestanden. Er hatte ein etwas bulliges, aber durchaus sympathisches Gesicht und versuchte pausenlos, das schneeweiße, für sein Alter noch erstaunlich füllige Haar unter einer alten Schirmmütze zu bändigen. Aber es quoll wie üblich überall an den Rändern hervor. Trotz seiner mindestens 60 Jahre wirkte dieser Mann kraftvoll und dynamisch.

Was man – mit Einschränkung – auch von seinem etwa gleichaltrigen Begleiter behaupten konnte. Dieser vertrat einen äußerlich vollkommen gegensätzlichen Typ. Außerdem schien etwas auf ihm zu lasten, was seine Vitalität dämpfte. Er war sehr schlank, hochgewachsen und hatte ein schmales, nachdenkliches Gesicht, mit dem das silbergraue Haar perfekt harmonierte. Die Blässe seines Teints war ungewohnt für jene, die ihn kannten. Sonst hatte er stets wie jemand gewirkt, der frisch aus einem Urlaub zurückkehrte.

»Du siehst aus wie hingespuckt«, sagte Pat O’Neill deshalb ganz folgerichtig. Er nahm in dieser Hinsicht nie ein Blatt vor den Mund; vielleicht, weil er Luke Ryland seit mehr als 30 Jahren kannte und daraus gewisse »moralische Rechte« ableitete. Gemeinsam hatten sie die Ryland Trucking Company aus der Taufe gehoben; schon damals in der Aufgabenverteilung, die noch heute charakteristisch war: Ryland vorrangig als Fahrer und Geschäftsführer, Pat als Mechaniker. An der Spitze der RTC stand der Trucker-King auch heute noch, trotz einiger Täler, die das Mammutunternehmen hatte durchschreiten müssen.

Pat bekleidete den verantwortungsvollen Posten des Wagenmeisters und Chefmechanikers. Und beglückwünschte sich täglich beim Blick in den Spiegel, dass er Rylands oftmalige Angebote, ihn zum gleichberechtigten Partner in der RTC zu machen, standhaft abgelehnt hatte. Papierkrieg war nicht seine Sache, und zu Herzen gehende Intrigen, wie in der Geschäftswelt üblich, schon gar nicht!

Wie sehr so etwas ans Herz gehen konnte, dafür war Ryland das wandelnde Beispiel.

»Danke, Freund«, knurrte der Trucker-King. »Ich wusste, warum ich unbedingt mitkommen wollte. Du möbelst so richtig schön auf.«

»Ich habe dich nicht eingeladen, mitzukommen«, sagte Pat.

Ryland stoppte kurz im Schritt, tat, als würde er Ausschau nach jemandem halten, und murmelte dabei trotzig: »Nein, das hast du wahrhaftig nicht.«

Trotz gehörte neuerdings zu seinen beliebtesten Reaktionen.

Pat schüttelte den Kopf. »Du weißt, warum. Du weißt es ganz genau. Wegen dir wird mich Marilyn bis in die Steinzeit verfluchen – von deinen anderen Clan-Angehörigen mal ganz abgesehen! Warum ist der verdammte Boxer nicht mitgeflogen? Damit läge der Schwarze Peter nicht mehr bei mir allein!«

»Der Peter heißt Bob«, sagte Ryland, »und er kam nicht mit, weil ich ihn darum bat.«

»Weiß ich!«, schnaubte Pat. »Weiß ich längst! Ich frage mich nur, ob du noch weißt, was du tust.«

»Ganz genau«, behauptete Ryland gespielt leutselig.

»Warst du deshalb ganz allein am Flughafen? Ohne Verabschiedungskommando? Kein Mensch war dort, auch für mich nicht! Sie meiden mich wie die Pest, und alles nur wegen einem sturen alten Esel wie dir!«

»Das Alt nimmst du zurück!«

Eine Lautsprecherdurchsage gebot ihrer Streitlust Einhalt.

»Mr. Pat O’Neill und Mr. Luke Ryland werden gebeten, sich bei der Passkontrolle einzufinden! Ich wiederhole...«

»Das sind wir«, sagte Ryland. Es war unschwer zu erkennen, dass ihm der Aufruf gerade gelegen kam.

»Wäre ich nie drauf gekommen«, brummte Pat.

Die Schlange an den Durchgängen hatte sich aufgelöst. Ein blondes, ausnehmend hübsches Girl in der schicken Uniform des Security-Dienstes eröffnete ihnen, nachdem sie einen Blick in die Pässe geworfen hatte: »Jemand vom American Trucker Magazine wartet hinter der Zollsperre. Wir wurden gebeten, Ihnen das zu sagen.«

»Toller Service«, lobte Pat. »Sind alle Australierinnen so fix und so«, er grinste verschmitzt, ,,hübsch?«

»Wenn alle Amerikaner so charmant sind wie Sie...«

»Nein.«

»Sehen Sie...« Das Girl gab ihnen die Pässe zurück und zwinkerte Pat zu.

»Die hatte was«, murmelte Pat, als sie sich bedankt hatten und weitergingen.

»Ja, an den Augen«, lästerte Ryland. Versöhnlicher fügte er hinzu: »Ich hatte fast vergessen, welchen Schlag du beim anderen Geschlecht hast.«

»Armleuchter!«, konterte der Mann, der sich sein Leben lang mehr um Motoren als um Frauen gekümmert hatte.

»Nur nicht so bescheiden.«

Pat schwieg. Sie holten ihre Taschen, in denen sich das befand, was sie für diese spezielle Art von Reise benötigten, ließen eine recht laxe Zollkontrolle über sich ergehen, und dann...

»Kannst du jemanden entdecken?«, fragte Ryland. Sie traten in den für den Publikumsverkehr offenen Bereich hinter den Sperren.

»Nein«, stand Pat. »Niemanden.«

»Wir hätten nicht so trödeln dürfen.«

»Streiten, meinst du wohl.«

Rechts brach plötzlich Tumult aus, und von links näherte sich eine hektisch winkende Lady mit Hund.

Der Tumult interessierte die beiden aus San Antonio, Texas, angereisten Männer zunächst mehr. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, wie viele Männer und Frauen in Polizeiuniform überall patrouillierten. Rechter Hand befanden sich Abfertigungsschalter für Inlandsreisende. Dort wurde Geschrei laut, und dann – ehe sie sich versahen – fielen sogar Schüsse!

Die Folge war ausbrechende Panik unter den Menschen, die sich dort um Tickets für Trips in einen der anderen fünf Bundesstaaten bemühten.

Auch dort, wo Ryland und Pat sich aufhielten, wandten sich Leute, die mit ihnen angekommen waren, fluchtartig den Türen zu.

»Mr. O’Neill, Mr. Ryland?« Die schrille Stimme klang direkt neben den beiden Trucking-Veteranen auf. Sie erkannten die Lady, die gerade winkend von links herangerauscht war.

»Ich bin Mrs. Palominoe von ATM«, haspelte sie. Ihr süßer kleiner Hund wedelte mit dem Schwanz und bellte sich die Seele aus dem Leib. »Ich weiß auch nicht...«

Weiter kam sie nicht. Den Rest ihrer sicherlich hochwichtigen Eröffnung fetzte ihr der Knall eines Schusses von den Lippen, der in der Tat höllisch nahe bei ihr und den beiden Männern abgefeuert wurde.

»Runter!«, rief Ryland nur noch. Dann lag er selbst schon am Boden.

Pat und die Lady standen noch, und alleiniger Grund war Mrs. Palominoe, die absolut nicht zu klären vermochte, was sie zuerst in die Hand nehmen sollte: ihren kläffenden Hund retten – oder sich.

Pat wurde es schließlich zu bunt. Er packte sie ohne weiteres Federlesens am Handgelenk und riss sie zu Boden. Mrs. Palominoe verfiel in einen schrill sirenenhaften Endlosschrei, der sogar ihren Hund zum Schweigen brachte – den heranrückenden Gangster auf seiner Flucht vor Polizisten aber kaum beeindruckte.

Im Weg stehende Gepäckwagen zwangen ihn zu mehreren Richtungsänderungen, so dass er schließlich fast über die drei am Boden liegenden Menschen trampelte, sie jedenfalls so nah streifte, dass Mrs. Palominoe rudernd die Hundeleine anzog, um ihren vierbeinigen Liebling zu retten.

Genau diese Aktion wurde dem Flüchtenden zum Verhängnis. Er geriet in die Leine, verhedderte sich, fluchte und knallte bretthart auf den Boden. Dabei verlor er den Revolver, der über die glatten Fliesen davonschlitterte.

Ryland und Pat überlegten nicht lange, sondern bändigten den um sich schlagenden, gut dreißig Jahre Jüngeren mit vereinten Kräften. Sekunden später trafen die Verfolger ein.

Statt Dankesworte hagelte es jedoch Vorwürfe, vor allem in Richtung Mrs. Palominoe »Verdammt, Lady, er hätte Sie alle umbringen können!«

Das wiederum wollte Pat so nicht stehen lassen.

Mit hochrotem Kopf legte er sich mit dem Polizisten an. »Wie zu Hause«, schnaubte er, während er Mrs. Palominoe beim Aufstehen und Entwirren ihrer Hundeleine half. »Wenn alles vorbei ist, kommen die Herren Schlauberger aus ihren Hasenhöhlen!«

»Bitte?«

»Nichts«, wiegelte Ryland besonnen ab. Aber Pat hatte sich bereits beruhigt und hielt Ausschau nach einem neuen Opfer für »Samaritertaten«. Er machte es in Ryland aus und griff ihm beinahe noch mehr unter die Arme als Mrs. Palominoe, die vermutlich Lynchjustiz begangen hätte, wenn ihrem Hündchen etwas passiert wäre.

»Ich hatte ganz vergessen...«, murmelte Pat, bis dem Trucker-King der Kragen platzte.

»Aufhören!« Er streifte die Pranke des Freundes einfach ab. »Schieb nicht wieder alles auf mein angegriffenes Herz, und dass mich jede Aufregung umbringen kann! Damit kannst du vielleicht Marilyn beeindrucken – aber wir beide sind nicht verheiratet!«

»Nicht einmal miteinander. Glücklicherweise«, bekräftigte Pat halb schmollend, halb fasziniert von der Lady mit dem Hund. »Sie sind unser Empfangskommando?«

»Wen haben Sie erwartet?«, gab ihm Mrs. Palominoe schnippisch Kontra. »Crocodile Dundee?«

Pat schluckte.

»Haben Sie einen Waffenschein?«, warf Ryland ein.

»Warum?«, fragte sie perplex.

»Er meint für das Mundwerk«, griente Pat. »Natürlich auch für den temperamentvollen Kläffer.«

Mrs. Palominoe stemmte die Fäuste in die Seite – dass sie den Hund mittlerweile schützend in die Armbeuge gepackt hatte, störte dabei nicht – und schien unschlüssig, ob sie den beiden Männern den Krieg erklären oder das Ganze mit Humor nehmen sollte.

Sie entschied sich für ein kollerndes Lachen, das klang, als käme gerade ein Geröllhang herunter.

»Der Kläffer heißt Billy the Kid«, sagte sie, nachdem sie sich beruhigt und die Faust zur Hand geöffnet hatte. Einem herzhaften Shakehands folgte die Bemerkung: »Stürmischer Auftakt, right? Da kommt ihr Tausende Meilen herüber ins ehemalige Kittchen der britischen Krone, und was passiert: Ihr werdet fast abgemurkst, noch ehe ihr mehr als ein bisschen Flughafenluft geschnuppert habt!«

Ryland betrachtete die hiesige Repräsentantin des Trucker Magazines jetzt genauer.

Mrs. Palominoes Alter war so schwer zu schätzen wie die Originalfarbe ihrer toupierten, kupferglänzenden Haarpracht. Aber man beging wahrscheinlich keinen krassen Fehler, wenn man sie nicht jünger als fünfzig machte. Ihre Figur hätte einen Rubens inspiriert. Farbenprächtige, weit wallende Stoffe, die sie nach Art indischer Gewänder einfach überlappen ließ, spiegelten dabei offenkundig etwas von ihrem seelischen Befinden wider, denn sie war – und das hatte sich schon nach kurzem Wortwechsel herausgestellt – eine höchst gewitzte und sympathische Erscheinung.

Sie leitete die beiden Ankömmlinge nach draußen zu den Parkplätzen, wo ein VW Käfer Cabriolet älteren Baujahrs stand. Das Verdeck war offen.

»Gut, dass Sie nicht mehr Gepäck haben«, sagte Mrs. Palominoe und öffnete die Fahrertür, die nicht verschlossen war. Billy the Kid sprang auf den Sitz und zwängte sich durch den Spalt auf die Rückbank. Als Ryland wenig später folgte, knurrte der kleine Terrier, als müsste er im Polster vergrabene Knochen verteidigen.

Pat nahm vorne Platz, gleich neben der resoluten, rothaarigen Lady.

»Sie werden müde sein«, sagte Mrs. Palominoe. »Ich fahre Sie erst einmal ins Hotel. Bei einem Begrüßungscocktail besprechen wir, wie es morgen weitergeht. Der Rest des Abends steht zu Ihrer freien Verfügung.«

»Der Rest des Abends reicht gerade, um die Nacht etwas zu verlängern«, äußerte Ryland durch das Hundeknurren hindurch. Und fügte hinzu: »Beachtlich!«

»Was ist beachtlich?«

»Dass Sie es wagen, noch mit offenem Verdeck herumzukurven. Ich meine, wegen des Ozonlochs. In den Staaten hört man Horrorgeschichten über die Hautkrebsrate der Australier. In irgendeinem Magazin sah ich Bilder von Leuten in einer Art Astronautenanzug und zusätzlich drei Zentimeter dicker Sunblocker-Creme auf der Nase...«

»Beiß ihn, Kid!«, rief Mrs. Palominoe in komischer Empörung. Der Hund schien diesen Aufruf durchaus befolgen zu wollen – bis ihr kollerndes Lachen ihn wieder ruhigstellte. »War nur Spaß«, sagte sie. »Sie gefallen mir.« Ein Seitenblick streifte Pat. »Beide.«

Mit schlafwandlerischer Sicherheit lotste sie den Wagen vom Parkplatz in die Innenstadt der Millionenmetropole. Sie überquerten den Yarra River, der die Stadt teilte, und gelangten an der berühmten Flinters Street Station vorbei in ein östlich gelegenes Viertel, nahe Treasury Gardens, wo alles etwas gediegener und weniger hektisch zuging.

Die Unterkunft heißt Eastens Cross Hotel.

»Ein Doppelzimmer ist auf Mr. O’Neills Namen reserviert...«

»Pat«, sagte Pat.

»Auf Pats Namen reserviert«, sagte sie. »Ich heiße übrigens Glory.« Sie blickte zu Ryland.

»Luke«, sagte er.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Morgen nach dem Frühstück hole ich Sie hier ab und bringe Sie nach Sunbury, wo die Tour beginnt«, sagte sie und kramte einen Umschlag aus dem Handschuhfach. »Hier drin stehen ein paar Details, die Ihnen noch nicht bekannt sein dürften. Schließlich wollten wir ja nicht alles im Vorfeld verraten.«

Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, was Billy the Kid zu einer neuerlichen Demonstration seiner Kläffkünste verführte. »Beinahe hätte ich das Wichtigste vergessen.« Sie griff abermals ins Handschuhfach und nahm mehrere zusammengerollte Papiere heraus, die sie Pat und Ryland mit gezücktem Kugelschreiber reichte.

»Was ist das?«, fragte das irische Original misstrauisch.

»Eine Verzichtserklärung«, verriet Ryland, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er hatte die Bögen bereits studiert. »Für jeden von uns. Offenbar hat man sich Gedanken gemacht, als man unsere Geburtsdaten las.«

»Unsinn!«, protestierte Glory Palominoe. »Eine reine Formalität. Ohne diese Unterschriften könnte das Magazin gleich dichtmachen, falls einem der Gewinner auf der Reise etwas zustößt. Die Unterschriften sind nötig für die Versicherung, die für den Fall eines Falles abgeschlossen wurde. Sie...«

»Schon gut«, unterbrach Ryland sie lächelnd. Er hatte längst unterschrieben, ohne sich das Kleingedruckte überhaupt durchzulesen.

Pat machte wesentlich mehr Aufstand. Auch die Blicke, mit denen er seinen Freund bedachte, hatten es in sich.

Schließlich war aber auch diese Hürde genommen.

Glory Palominoe und Billy the Kid entfernten sich unter ein paar stimmungsvollen Fehlzündungen aus dem Auspuff ihres Vehikels – und das Duo der Gewinner bezog Nachtquartier in dem Mittelklassehotel.

»Wenn du wirklich vorhast, hier den Löffel abzugeben«, knurrte Pat zwischendurch, so dass nur Ryland und ein leicht geschockter Portier ihn hören konnte, »rede ich kein Wort mehr mit dir!«

Dieser Schwur klang wie eine Mischung aus Ernst und Veralberung. Aber der Tonfall ließ erahnen, dass der verdammte Ernst bei Weitem überwog.

 

 

2

»Draußen wartet eine Delegation, Sir«, sagte die Sekretärin des Polizeichefs von Melbourne. Sie strich sich nervös über das figurbetonte Kostüm. Ihr Blick verriet deutlicher als viele Worte, dass etwas nicht stimmte.

»Was für eine Delegation?«, schnarrte Floyd Breeze. Er war erst 45, hatte aber noch nie Augen für die eindrucksvollen Flirt-Versuche seiner attraktiven Sekretärin gehabt, obwohl diese sich jede erdenkliche Mühe gab. Breeze hätte es sich leisten können, mit ihr ins Bett zu hüpfen; er war Junggeselle. Aber er bevorzugte – was sie nicht wissen konnte – das gleiche Geschlecht. »Haben Sie mir einen Termin unterschlagen?«

»Die Leute haben keinen Termin«, erfuhr er. »Es sind Aborigines!«

Darüber dachte er eine Weile nach. Schließlich verzog er missmutig das Gesicht und schnarrte: »Meinetwegen. Ich lasse bitten. Aber bleiben Sie hier, damit ich eine Zeugin habe, falls man mich später auf Versprechen festnageln will, die ich nie gegeben habe. Lassen Sie ein Band mitlaufen!«

»Ist das nicht etwas übertrieben? Sie wissen doch noch gar nicht...«

»Doch!«, unterbrach Breeze. »Ich weiß. Und jetzt machen Sie schon!«

Kurz darauf trat eine dreiköpfige Delegation in sein Büro. Das Alter der Besucher ging quer durch alle Generationen – vom Methusalem bis hinunter zum Jungspund, der noch gar nicht richtig trocken hinter den Ohren sein konnte, aber allen war eines zu eigen: Sie passten nicht in die Kleider, in die sie sich gezwängt hatten.

Es liegt nicht an den Klamotten, dachte Breeze kalt, sondern an ihnen. Sie sehen aus wie Witzfiguren.

Er mochte sie nicht, keinen von ihnen, aber damit ging er nicht hausieren. Die Zeiten waren komplizierter geworden. Heutzutage durfte man denen, die man stets als Non-People, als Unpersonen bezeichnet und denen man vor 200 Jahren das Land abgeluchst hatte, nicht mehr einfach in die Hintern treten – man musste ihnen zuhören, wenn sie mit ihren Problemen ankamen. Zumindest musste man so tun, als würde man zuhören und sie ernst nehmen...

Breeze stieß einen tiefen Seufzer aus.

Nach der Begrüßung sagte der weißhaarige Uralte mit der Einsteinfrisur: »Was werden Sie unternehmen? Was haben Sie unternommen?«

Breeze versuchte seine Überraschung zu verbergen. Er hatte erwartet, dass der alte Mann vor ihm irgendein unverständliches Kauderwelsch von sich geben und vielleicht der Jüngste, der eine Schule besucht hatte, übersetzen würde. Dass dieser Methusalem fließendes und beinahe akzentfreies Englisch sprach, irritierte ihn sichtlich.

»Es wurde alles getan...«, flüchtete er sich in eine Phrase.

»Sie haben einen Mann festgenommen«, sagte der Aborigine mittleren Alters, der eine Aktentasche unter der Armbeuge geklemmt hielt. Die Plätze, die Breeze ihnen angeboten hatte, nahmen sie nicht in Anspruch. Sie hatten sich vor seinem Schreibtisch aufgereiht. Hinter ihnen stand die Sekretärin des Polizeichefs in etwas hilfloser Haltung und bombardierte Breeze mit fragenden Blicken.

»Das stimmt«, räumte Breeze auf die Frage hin ein, die eigentlich eine Feststellung war.

»Steht er in Zusammenhang mit dem Einbruch?«, fragte der Jüngste der drei.

Sie schienen sich abzuwechseln. Breeze musste von einem zum anderen blicken. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es zu ihrer Taktik gehörte. Das verunsicherte ihn noch stärker, da er einem Aborigine kein strategisches Denken zubilligte.

»Das wissen wir noch nicht«, sagte er. »Es wird gerade untersucht.«

»Fand man Spuren der Beute?«

»Nein, keine.«

Wieder ergriff der weißhaarige Alte das Wort. »Ich habe das Gefühl«, sagte er, »dass Sie sich – wie alle Weißen – keine Vorstellung davon machen, was geschehen ist.«

»Ich...« Breeze wollte etwas einwenden, aber die greise Hand brachte ihn zum Schweigen.

»In den Zeitungen finden sich, falls überhaupt, lediglich kleine Randnotizen über den Einbruch! Dabei ist die Rede von ein paar entwendeten Skulpturen und etwas Goldschmuck. Wenn Sie wüssten, wie arrogant und verniedlichend das klingt!«

Seine Begleiter wirkten beruhigend auf ihn ein, und er fuhr gemäßigter fort: »Das Gold interessiert vermutlich nur diejenigen, die die Meldung ein paar Zeilen wert fanden.«

»Sie nicht?«, fragte Breeze zweifelnd.

»Nein. Uns interessiert das, was noch gestohlen wurde und nicht einmal Erwähnung fand.«

»Was sollte das sein?«

»Wondjinas«, sagte der alte Mann.

»Wondj...?«

»Für Sie wäre es nur ein Stein, eine große, etwa drei Zentner schwere Felsplatte. Sie vor allen Dingen wurde bei dem Einbruch entwendet, und niemand, der nicht um ihre Bewandtnis weiß, hätte sich diese Mühe aufgebürdet! Der Einbruch muss von einem perversen Weißen begangen worden sein. Ein Aborigine würde so etwas nie tun!«

Breeze zog ein Papier von ganz unten aus dem Stapel seiner täglichen Post. Es war die Liste der Dinge, die aus dem Museum gestohlen worden waren. Das gesuchte Wort stand ganz zuoberst, aber er hatte es vorher nicht beachtet, weil nicht verstanden.

»Von welcher Bewandtnis sprechen Sie?«, fragte er rau.

»Das können wir Ihnen nicht begreiflich machen«, griff der Mittlere ein. »Sagen wir einfach, dass es ein Heiligtum ist – ein religiöses Symbol, wenn Sie das besser verstehen. Für unser Volk bedeutet es einen unersetzlichen Verlust. Es war lediglich eine Leihgabe an das Museum, um bei Besuchern, die offenen Herzens und Sinnes sind, mehr Verständnis für unsere Kultur zu wecken. Wenn wir je geahnt hätten, dass...«

Breeze nickte und verlegte sich auf geheucheltes Verständnis. »Machen Sie sich keine Gedanken. Drei Zentner und ein Durchmesser von fast drei Metern. Damit kommt niemand aus der Stadt. Natürlich haben wir sofort Vorkehrungen getroffen. Die Verhaftung auf dem Flugplatz ist ein erster kleiner Erfolg. Sie werden sehen...«

»Bitte, bemühen Sie sich wirklich«, sagte der alte Mann. »Wir betteln nicht um unsere Rechte – wir fordern sie ein!«

»Sie können sich auf uns verlassen«, sagte er und spürte etwas in sich hochsteigen, das er im ersten Moment als besonders aufdringliches Sodbrennen missdeutete.

In Wahrheit war es einfach Ausdruck seiner innersten, anerzogenen Abneigung.

 

 

3

Ryland ließ nicht mit sich reden.

Kopfschütteln gehörte mittlerweile zu Pats Standardrepertoire. Er konnte nur noch den Kopf schütteln, wenn er der Argumentation des Trucker-Kings zu folgen versuchte.

»Ein letztes großes Abenteuer?«, echote er am Frühstückstisch des Hotels. Es war der erste Morgen nach ihrer Ankunft. »Du redest Mist! Ganz großen Mist! Zu Hause sitzt Marilyn und heult sich die Augen aus dem Kopf, weil du so ein Ausbund an Unvernunft bist – das sage ich dir! Du hättest bei ihr bleiben und dem Rat deiner Freunde folgen sollen. Dazu hätte mehr Mut gehört, und du hättest auch dein Abenteuer gehabt. Aber mit einer reellen Chance am Schluss!«

»Hättest du an dir ’rumschnipseln lassen?«

Diese Frage brachte Pat kurz aus dem Takt. Als er endlich Luft holte und an dem Frühstücksbrocken in seinem Mund vorbei »Natürlich!« sagte, wirkte es nicht mehr glaubwürdig.

Ryland grinste säuerlich. »Jeder versucht mir einzureden, dass eine Bypassoperation heutzutage ein Klacks ist – aber hast du dir mal die Statistiken angesehen? Ich ja. Eine Menge Leute gehen dabei hops, das kann ich dir flüstern.«

»Hier gehst du garantiert hops«, gab Pat knurrig zurück. »Und ich darf dann deinen Leichnam mit nach Hause bringen. Heißen Dank für diesen letzten Freundschaftsdienst!«

»Bedanken muss ich mich.«

Pat winkte barsch ab. Dass er nicht Teile seines Frühstücks gegen Ryland schleuderte, lag nur an seiner guten Erziehung und daran, dass er wusste, wie schlecht er zielen konnte. Unschuldige wollte er nicht treffen.

»Nein, ernsthaft«, sagte Ryland in einem Ton, der Pat Krämpfe verursachte. »Du bist ein echter Freund, dass du mich mitgenommen hast.«

»Andere sehen das verteufelt anders!«, knurrte Pat. »Du hast genug Geld, um dich ins Jenseits zu befördern, ohne mich als Sündenbock zurückzulassen. Warum, zur Hölle, musste das unbedingt sein?«

Ryland blickte ihn eine Weile schweigend an. Er hatte kaum etwas gegessen, nur jede Menge Kaffee in sich hineingeschüttet. Er tat alles, was ihm die Ärzte verboten hatten, und er sah schlecht dabei aus.

»Verstehst du es wirklich nicht?«, fragte er schließlich.

Pat, der auf seine Weise ebenso stur sein konnte, schüttelte zum 72. Mal an diesem Morgen den Kopf. »No!«

»Gut.« Ryland nickte. »Dann hör mir jetzt mal gut – hör mir sehr gut zu, denn ich sage es nur einmal und dann nie wieder. Und ich bitte dich, es niemandem sonst zu erzählen.«

»Wem denn auch?«, warf Pat belegt ein. Er hatte das sichere Gefühl, dass er das, was sein Freund ihm zu sagen hatte, gar nicht – und vor allem jetzt nicht – hören wollte. »Einem Wombat?«

Es half nichts. Ryland ließ sich nicht mehr von seinem Entschluss abbringen.

»Ich wollte nicht in irgendeinem Krankenhaus sterben«, sagte er. »Und ich wollte nicht sterben, ohne noch einmal ein bisschen von dem zu schnuppern, was uns über Jahrzehnte begleitet, was uns beide miteinander verbunden und groß gemacht hat.«

»Marilyn...«, setzte Pat fast hilflos an.

»Marilyn hat damit nichts zu tun. Es geht nur uns an, Freund. Ich liebe Marilyn. Sie gab mir nach Deannas Tod Kraft und all das, was ein Mann sich in den Armen einer Frau nur erträumen kann... Aber in der Lage, in der ich mich befinde, erdrückt sie mich mit ihrer Liebe, mit ihrer Zuneigung und all den guten Absichten. Sie würde es nicht verstehen, dass ich noch einmal mit dir etwas erleben will wie zu Zeiten unseres gemeinsamen Aufbaus. Vielleicht würde sie sogar eifersüchtig. Auf jeden Fall würde sie es nicht akzeptieren, dass ich nicht wenigstens den Versuch mache, mir helfen zu lassen. Was sie nicht begreift: Wenn es schiefgeht, werde ich keine Möglichkeit mehr haben, meinen Traum zu erfüllen, Pat! Wenn es schiefginge, wäre ich gestorben, ohne es noch einmal versucht zu haben... Ein paar Wochen mit dir allein durch die Weite eines Landes, das wir beide noch nicht kennen... Glaub mir, der Gewinn war ein Wink des Schicksals!«

Pat schwieg betroffen.

»Verstehst du mich jetzt?«, fragte Ryland.

Pat blieb stumm. Er hätte ihm aufzählen können, dass er immer noch anderer Meinung war und fand, dass sein Freund sein Leben leichtfertig wegwarf. Aber plötzlich hatte er dazu nicht mehr die Kraft. Seine Zunge war wie gelähmt.

Ryland starrte ihn eine Weile erwartungsvoll an, und das alte Feuer glomm in seinen Augen. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper, und er nahm sich selbst wieder zurück. Die restliche Zeit, bis sie mit dem Frühstück fertig waren, schnitten sie das Thema nicht mehr an.

Bald darauf kreuzte Glory Palominoe auf und holte sie ab.

Ryland vermisste ihren Hund, als er das Cabriolet bestieg.

»Billy the Kid? Ich habe ihn in die Obhut einer Freundin gegeben. Er würde nur stören. Ich kann nicht wochenlang auf zwei Mannsbilder und ihn aufpassen!«, lautete die Erwiderung der ATM-Reporterin.

Die Fahrt nach Sunbury wurde von ihr genutzt, um ihre Begleiter auf das Kommende einzustimmen.

»Ihr wisst, dass das Trucker Magazine ein eigenes Interesse mit der Gewinnvergabe verknüpft«, palaverte sie munter. »Ich bin dafür da, schöne Bilder und ein paar interessante Zeilen darüber zu verfassen, was die Gewinner des Preisausschreibens alles auf ihrer ungestellten Fahrt von Süd nach Nord erleben. Ihr beide habt eingewilligt, einen Monster-Truck quasi als Shotguns von Sunbury über Adelaide bis hinauf nach Darwin, in den äußersten Norden des Kontinents, zu begleiten. Der entsprechende Trucker wurde von uns zu diesem Zweck schon vor Monaten ausgewählt. Als Gegenleistung für seine Bereitschaft mitzuspielen, haben wir ihn mit wechselnden Frachten über die gesamte Distanz von rund 2000 Meilen versorgt – einschließlich der Rückfahrt, an der ihr nicht mehr teilnehmt. Euer Flug zurück in die Staaten geht nach Abschluss der Tour von Darwin aus.«

Pat und Ryland hatten sich das längst Bekannte noch einmal angehört.

»Es ist legitim«, sagte Pat nun, »dass auch das ATM etwas von der Sache haben will. Wir hätten ja ablehnen können, wenn uns die Bedingungen nicht gepasst hätten. Aber was sollten wir gegen solch bezaubernde Gesellschaft haben?«

»Ihr kennt Dan Biggers doch noch gar nicht«, sagte Glory Palominoe.

Aber sie lernten ihn wenig später auf dem Frachthof von Sunbury kennen.

Den Beweis, dass er auch bezaubernd sein konnte, blieb er einstweilen schuldig. Die erste Begegnung fand nicht gerade unter einem guten Stern statt.

 

 

4

»Ich schmeiß den Kram hin!«, polterte der Kerl in Jeans, Unterhemd und Cowboystiefeln. Dabei ballte er die Faust in der Manier eines Mannes, der schon viele Boxerfilme gesehen, aber noch nie selbst im Ring gestanden hatte. Mit wild funkelnden Augen und verkniffener Miene postierte er sich vor dem Angestellten des Frachthofes. Mindestens drei Tage alte Stoppeln wucherten in seinem sonnengegerbten Gesicht. Die Schirmmütze, die ihn Pat sogleich sympathisch machte, klaubte er gerade vom Kopf und schlug ein paarmal leidenschaftlich damit gegen den eigenen Schenkel.

»Sie waren einverstanden...«, wagte der ältere, kurzsichtige Mann, der in hochgekrempeltem Hemd und Weste vor ihm stand und eine zwingende Haltung einzunehmen versuchte, entgegenzusetzen. Seine Brille beschlug jedoch vor Aufregung von innen, und das entging seinem Gegenüber nicht. Jetzt meinte er sogar, noch stärker auftrumpfen zu können.

»Sag der Lady, wenn sie auftaucht, dass...«

»Die Lady ist da – sag’s ihr selbst!« Glory Palominoe hatte sich in Begleitung der beiden Texaner genähert und nun sehr bestimmt in den Disput eingegriffen.

Der Mann wirbelte herum.

Der Frachtagent atmete tief durch und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn.

»Dass Sie es wagen...«

»Dass ich was wage, Dan Biggers?«, fragte die ATM-Reporterin unbeeindruckt. Ihr farbenprächtiges Outfit vom Vortag hatte sie gegen eine rein zweckmäßige Jeanskluft eingetauscht. An ihren Stiefeln rasselten silberne Ziersporen.

Wenn sie jetzt noch mit einer Peitsche knallen würde, dachte Pat, der sich mit Ryland bewusst zurückhielt, wäre das Bild perfekt. Was für ein Weib!

»Mir noch unter die Augen zu kommen!«

»Warum nicht?«

»Weil ich mich von anderen nicht zum Narren machen lasse!«

»Das erledigen Sie lieber selbst, verstehe«, nickte Glory Palominoe.

Die Zornesader auf der Stirn des Mannes schwoll noch mehr an. Er fühlte sich, zu Recht, nicht ernst genommen.

»Lady, ich rate Ihnen...«

»Ich rate Ihnen, den Hintern auf den Bock zu schwingen und sich zu besinnen, Meister! Es sei denn, Sie sind Millionär und können sich den gewaschenen Schadensersatz leisten, den unsere Juristen Ihnen aufbrummen werden, wenn Sie so kurzfristig abspringen wollen – oder Sie haben einen triftigen Grund für diesen Rabbatz!«

»Was würden Sie als triftigen Grund anerkennen?«, fragte Dan Biggers nach kurzem Schweigen.

»Lassen Sie einfach mal hören.«

Er schob die Unterlippe nach vorn und sagte leise: »Tampons.«

»Bitte?«

»Tampons!«, keuchte er. »Ich mache mich doch nicht lächerlich, indem ich eine Riesenladung Tampons bis Port Augusta fahre. Das war nicht verabredet – ich kenne meine Rechte!«

Pat, der nachempfinden konnte, was Dan Biggers mit »lächerlich« meinte, trat vor und versuchte zu schlichten.

»Er hat Angst, dass ihn die Kollegen zehn Jahre lang hochnehmen, wenn sie davon erfahren. Das wird hier nicht anders sein als bei uns in den Staaten«, wandte er sich an Glory Palominoe.

Die ATM-Reporterin schien nicht kompromissbereit.

»Was will denn der Alte?«, suchte sich Biggers folgerichtig eine neue Zielscheibe seines Frustes.

Pat blieb der Mund offen.

Ryland konnte nicht anders, als sich auch einzumischen. »Hören Sie auf, hier den Rundumschlag zu proben. Reden wir vernünftig miteinander. Das sind doch Kindereien!«

Biggers’ Augen ruckten in seine Richtung und wechselten zwischen Ryland, Pat und der Reporterin hin und her, ehe er entnervt äußerte: »Was soll das werden? Wer sind die Typen?«

»Ihre Begleiter«, sagte Glory Palominoe seelenruhig. »Diejenigen, die unsere Ausschreibung gewonnen haben.«

Eine Weile blieb Dan Biggers stumm. Es sah schon aus, als wollte er sich besinnen, aber dann brach es nur um so mächtiger aus ihm heraus. Er tippte sich an die Stirn und zeigte der ganzen Welt den Vogel. »Ich glaub’, ich spinne... Ein Altersheim! Erst die Tampons, und jetzt das! Ich soll einen Ausflug mit dem Altersheim machen? Nicht zu fassen!«

Pat schwoll endgültig der Kamm. Er trat vor, baute sich vor Biggers auf, stemmte die Fäuste in die Hüften und blaffte irisch starrköpfig: »Lass es uns auskämpfen – wir werden sehen, wer von uns beiden der Tattergreis ist!«

Dan Biggers lachte.

Niemand lachte mit. Nicht einmal der Angestellte des Frachthofes, der alles aus sicherer Distanz mitverfolgte.

Ryland lächelte zwar, aber er belächelte allenfalls Biggers, nicht seinen Freund und Partner. Der Glanz seiner Augen ließ ahnen, dass er sich selbst auch nicht als Greis fühlte und denselben Schritt wie Pat getan hätte, wenn ihm dieser nicht zuvorgekommen wäre.

Glory Palominoe, die zunächst hatte eingreifen wollen, unterließ es, nachdem sie in Pats entschlossenes Gesicht geblickt hatte.

»Lachhaft!«, stieß Biggers hervor, nachdem er selbst aufgehört hatte zu lachen. »Ich vergreife mich nicht an einem Oldie wie dir!«

Pat zuckte gleichmütig die Schultern. »Dann werde ich anfangen.«

Biggers wandte sich auf der Suche nach Unterstützung an die anderen. »Haltet den Verrückten auf!«

»Können wir jetzt starten?«, fragte Glory Palominoe.

»Ich mit den beiden Klappergerüsten?« Biggers schüttelte den Kopf – nun bereits mehr aus Unglauben über sich selbst.

»Können wir?«, wiederholte die Reporterin.

Dan Biggers blickte zur Seite und stülpte die Schirmmütze über sein Haar. Fluchend bewegte er sich auf sein Truckgespann zu, riss dabei dem bereitstehenden Frachtagenten die Papiere aus der Hand und brummte dabei unaufhörlich: »Tampons und Tattergreise... Ich werd nicht mehr! Tampons!«

»Alles in Ordnung«, wandte sich Glory Palominoe an Pat und Ryland. Der bewundernde Blick für Pat ging dem alten Haudegen runter wie guter irischer Whisky. »Eine nähere Vorstellung entfällt. Es geht gleich los.«

 

 

5

Chris Cordray war 30 Jahre alt, blond, hager und gebürtiger Australier. Er war auf einer kleinen Schafranch im Outback zur Welt gekommen, hatte sich aber von dort schon im zarten Alter von 15 Jahren wortwörtlich »aus dem Staub gemacht« und war in die Großstadt gezogen. Ein entfernter Verwandter hatte ihm dort eine Stelle in einem Kaufhaus und ein Zimmer vermittelt. Die Familie war beruhigt gewesen – und er weitab vom Schuss.

Die schlechte Gesellschaft, in die er geraten war, hatte ihm viel Spaß verschafft. Mit siebzehn hatte er seine erste dreimonatige Jugendstrafe wegen Diebstahls – ausgerechnet in dem Kaufhaus, in dem er jobbte – antreten müssen. Ohne Bewährung, weil er vor den Schranken des Gerichts das Blaue vom Himmel heruntergelogen und keine Spur von Reue gezeigt hatte.

Nach dieser Haftzeit hätte ihn sein Vater vermutlich auf die elterliche Ranch unter seine und die Fittiche seiner drei Brüder zurückgeholt, ihn grün und blau geprügelt und ihm auf diese Weise, wenn auch verspätet, doch noch etwas vom Geist der Cordrays eingebläut – aber da war er schon volljährig gewesen, und sein einziger Gruß an die lauteren Absichten seines Dads war ein himmelwärts gespreizter Mittelfinger gewesen. Der Anfang vom Ende. Die Familie hatte ihn fallenlassen wie eine brühheiße Kartoffel. Chris Cordray hatte es endgültig geschafft, wie er meinte.

Seine weitere »Karriere« las sich wie der Auszug aus einem Who is who für Diebstahlsdelikte. In den letzten Jahren hatte er sich, nachdem er zufällig Kontakte zu skrupellosen Kunsthehlern im Nordterritorium bekam, auf Artefakte der Aborigines spezialisiert. »Relikte aus der Traumzeit«, wie er es spöttisch in Anspielung auf den mystischen Glauben der Ureinwohner formulierte.

Ein waschechter Aborigine schwor auch heute noch Stein und Bein, dass einst, in der »Traumzeit«, Schöpferwesen auf die Erde kamen, um Landschaften, Naturphänomene und alles Leben in einem miteinander verflochtenen Ganzen zu schaffen. Nachdem sie ihr Werk vollendet hatten, zogen sie sich in die Berge, Flüsse, Höhlen oder Wasserlöcher zurück. Diese verehrten die Ureinwohner auch heute noch als Heilige Plätze, weil ihnen angeblich die ursprüngliche Schöpfungskraft innewohnte. Jeder Aborigine war von seinen Urahnen in die Pflicht genommen, das Schöpfungswerk zu schützen und zu bewahren, wo immer er ihm begegnete.

Da er in diesen Plan integriert ist, dachte Chris Cordray hämisch, begegnet er ihm überall. Aber überall können die paar armseligen, noch lebenden Aborigines gar nicht sein.

Cordray hatte nicht einmal vor seiner eigenen Religion Respekt, und er war – falls das aus der vorangegangenen Beschreibung noch nicht zweifelsfrei hervorgegangen ist – nun mal ein ganz großes Arschloch.

Daran führte kein Weg vorbei.

Leider auch nicht daran, dass er 24 Stunden nach seiner Verhaftung auf dem Flughafen schon wieder gegen Kaution auf freiem Fuß war. Sie hatten zwar vermuten, aber nicht beweisen können, dass er an dem Coup im Melbourner Aborigine-Museum beteiligt gewesen war. Dass er mit einer Schreckschusspistole herumgeballert hatte, schob sein gewiefter Rechtsverdreher auf den starken psychischen Druck, der von dem gewaltigen Polizeiaufgebot auf seinen einschlägig vorgeprägten Klienten ausgeübt worden war. Er, Cordray, habe in einer Stresssituation zur Waffe gegriffen, die er eigentlich nur zum eigenen Schutz mitgeführt habe. Er habe auch nicht vorgehabt, sie ins Flugzeug nach Darwin, wo er ein paar Tage Urlaub machen wollte, einzuschmuggeln – zumal das bei den hervorragenden Sicherheitskontrollen gar nicht möglich gewesen wäre (Cordray musste jetzt noch grinsen). Die Pistole habe er in einem Schließfach zurücklassen wollen – aber dann sei eben diese überfallartige Personenkontrolle gekommen.

Blablabla.

Wie der Haftprüfungsrichter auf diese Sülze hatte hereinfallen können, war ihm ein Rätsel. Aber er nahm das Geschenk dankend an und fuhr mit dem Taxi zurück zu seiner Wohnung, nahe der Spencer Street Station. Seinen Flug durfte er nicht antreten; man hatte ihm zur Auflage gemacht, die Stadt bis zur Verhandlung nicht zu verlassen. Fluchtgefahr schien man nicht anzunehmen (Cordray grinste erneut).

Als er zu Hause ankam, telefonierte er zuerst nach Darwin.

Dort war man über seine Eskapaden nicht erfreut; natürlich nicht.

»Mach jetzt bloß keinen Fehler mehr«, musste er sich sagen lassen. »Verhalte dich mucksmäuschenstill und lass dir nichts mehr zuschulden kommen. Du weißt von nichts – selbst wenn sie dich einbuchten. Für deine Rente ist gesorgt – aber nur, wenn du spurst.«

»Schon gut«, unterbrach er. »Ich bin schließlich kein Anfänger, ich weiß Bescheid und kenne die Spielregeln. Aus mir kriegt niemand etwas heraus. Ich schweige wie ein Grab!«

 

 

6

»Was wollten die vorhin?«, fragte Pat, nachdem sie Sunbury hinter und Adelaide vor sich hatten. Noch an den Stadtgrenzen waren sie von einer Polizeistreife aufgehalten und kontrolliert worden. Glory Palominoe hatte den Officers dabei mit Augenaufschlag und ein paar netten Worten den Wind aus den Segeln genommen. Zu einer wirklichen Überprüfung war es gar nicht mehr gekommen, nachdem sie die beiden netten Jungs auf ihren Film gebannt und versprochen hatte, sie lobend in ihrem Bericht für das amerikanische Trucker Magazine zu erwähnen.

»Routinekontrolle«, wiegelte Dan Biggers ab, mit dem sie allmählich ins Gespräch kamen.

Beide Seiten hatten beschlossen, nicht nachtragend zu sein. Biggers hatte sich nach den ersten Meilen sogar für sein Verhalten entschuldigt – erst recht, als er erfuhr, wer seine beiden Begleiter wirklich waren: Kollegen nämlich. Dennoch fragte er nun, an Pat gewandt: »Hättest du das wirklich riskiert?«

»Den Fight?«

Biggers nickte.

»Na klar!« Pat versicherte es glaubhaft.

Biggers nickte und brütete eine Weile über dem Lenkrad seines »Giant«, einem Truck-Modell, das aus der Diamond-Reo-Schmiede stammte, nachdem diese in den Siebzigern von einer Liquidationsfirma aufgekauft und unter Nutzung der Trade Marks weitergeführt worden war. Der »Giant« wurde von einem Cummins 290 angetrieben und war Ergebnis einer beinahe noch handwerklichen Fertigung ohne Großeinsatz von Montagerobotern. Das machte ihn, ähnlich wie den »Mormonen«, zu einem Liebhaber-Truck, die man selbst auf amerikanischen Highways nur noch selten antraf; hier auf dem 6. Kontinent mochte er eine noch größere Rarität sein, auf die Dan Biggers zu recht stolz schien.

»Zum ersten Mal in Australien?«, fragte er.

»Zum ersten und zum letzten Mal«, antwortete Ryland fatalistisch.

Biggers, der es als Beleidigung sah, kniff den Mund zusammen.

Pat schlichtete: »Hör nicht auf ihn. Das hier ist seine Begräbnisreise – so hat er es sich ausgedacht.«

Wieder schwieg Biggers, ehe er lapidar fragte: »Krebs?«

Diesmal antwortete Pat an Rylands Stelle: »Gehirnschwund«, diagnostizierte er ungnädig. »Vorletztes Stadium.«

»Harte Worte...«

»...für einen eisenharten Dickschädel!«, nickte Pat.

Dan Biggers warf einen Blick in den Außenspiegel, wo Glory Palominoe in ihrem Käfer Cabriolet beharrlich folgte. »Was haltet ihr von ihr?« Er stieß den Daumen nach hinten.

»Ein Vollweib!«, sagte Pat, ehe Ryland etwas Anderslautendes sagen konnte.

Biggers nickte. »Das ist sie.«

Ryland schaute ihn eine Weile von der Seite an, bis es dem Trucker auffiel. »Ist was?«

»Du erinnerst mich an jemanden.«

»So?« Einen Moment glomm Misstrauen in Biggers’ Blick, aber das verging.

Ryland nickte zu Pat, der zwischen ihm und Biggers auf dem Starrsitz saß. »Er kennt ihn. Mein ehemaliger Schwiegersohn ähnelt dir – oder umgekehrt.«

Seine Behauptung veranlasste Pat zu entsprechender Taxierung. Dann nickte er und meinte zu Biggers, der abwartend standhielt: »Kann nur ein Kompliment sein.«

Sie unterhielten sich eine Weile über Ex-Schwiegersöhne, Ex-Frauen und Ex-Abenteuer. Dann meinte Biggers: »Das hier ist noch nicht das richtige Australien. Bis Port Augusta ist alles viel zu zivilisiert – aber danach... Ihr werdet es erleben! Ihr werdet Augen machen!«

»Bist du verheiratet?« Pat stellte die Frage.

Die Gegend, die an ihnen vorbeizog, riss wirklich nicht vom Hocker. Genauso gut hätten sie sich in Texas in Meeresnähe aufhalten können. Das besondere Feeling, das beide erwarteten und erhofften, wollte sich noch nicht einstellen.

»Keine Zeit«, grinste Dan Biggers. »Außerdem möchte ich mir meine Möglichkeiten nicht verderben.«

Sie begriffen sofort, welche »Möglichkeiten« er meinte. Er schien sich als Highway-Matrose zu verstehen – in jedem Hafen ein anderes Mädchen.

»Weiter als Port Augusta schaffen wir es heute ohnehin nicht«, sagte er. »In einem Personenwagen kommt man an einem Tag locker bis Coober Pedy. Dazu brauchen wir morgen den ganzen Tag. Wenn meine Infos von Mrs. Vollweib stimmen, übernehmen wir in Port Augusta Werkzeuge und Lebensmittel für die Opaldigger draußen in der Mondlandschaft.«

»Von Coober Pedy habe ich schon mal gehört«, sagte Ryland nachdenklich.

»Trotzdem werdet ihr euch wundern«, prophezeite Dan. »So etwas gibt’s bei euch nicht, mein Wort drauf! Ihr werdet schon sehen – und staunen. Ihr werdet noch über vieles staunen. Macht mir bloß nicht schlapp, wenn wir ins Outback vordringen und es trotz Winterzeit mitunter höllisch...«

Er verstummte, als Glory Palominoe wild hupend an ihnen vorbeirauschte und ihnen durch Gesten zu verstehen gab, dass sie anhalten sollten.

Biggers gehorchte fluchend. Den Monster-Truck mit seinem Auflieger und zwei Anhängern abzubremsen, war nicht so einfach, wie die Lady im Käfer es sich vorstellte. Sie stand längst, als der Truck sich immer noch auf sie zuschob. Dünner Schweiß glänzte auf Biggers’ Oberlippe, als er alle Register zog und das Gespann doch noch rechtzeitig zähmte. Ein entgegenkommender Truck, der grüßend aufblendete, hätte nur noch die Möglichkeit der Ausflucht in die Prärie offengelassen – oder Mrs. Palominoe wäre gewesen.

»Dieses Höllenweib hat Nerven!«, fluchte Biggers.

»Vollweib«, korrigierte Pat, obwohl auch ihm schon ganz anders geworden war.

»Mein Herz«, seufzte Ryland, aber als Pat alarmiert zu ihm blickte, grinste er.

Glory Palominoe näherte sich mit Kamera bewaffnet zu Fuß und wartete, bis Biggers das Fenster heruntergekurbelt hatte.

»Eine phantastische Kulisse«, schwärmte sie. »Der endlose Highway, die Küste und das Umland... Luke, Pat, könnt ihr mal aussteigen, damit ich ein Foto schieße?«

 

 

7

Adelaide hatten sie nur gestreift. Als sie Port Augusta am späten Abend über Port Pirie erreichten, hatten sie Glück, dass Dan seine Ladung Tampons noch von einem Großhändler

abgenommen bekam; zunächst schien niemand von nichts zu wissen, und selbst Glory Palominoes Einschreiten brachte nichts ein. Biggers war auf die Willkür eines fetten Kerls angewiesen, der sich als Chef der Warenannahme vorstellte und nur darauf zu warten schien, dass Biggers ein paar Scheinchen lockermachte, um auf seinen Tampons nicht bis zum nächsten Morgen sitzenzubleiben.

Dan Biggers löste das Problem auf seine Art – und bewies Cleverness. Er überzeugte den Fleischkloß davon, dass er in der Gewerkschaft sei und ihm alle dortigen Himmelhunde an den feisten Hals hetzen würde, wenn nicht gleich abgedockt würde. Glory untermalte das Ganze lediglich durch ein paar Blitzlichtaufnahmen, die die Röte im Gesicht des Wackelpuddings später herrlich zur Geltung bringen würden.

»Saukerle!«, dröhnte das Organ des Dicken. Aber dann spurte er doch, und sie konnten noch zum Hafen fahren, wo bereits die Ladung für Coober Pedy auf sie wartete.

Ryland und Pat waren müde nur vom Mitfahren. Der gestrige Flug steckte ihnen immer noch ein bisschen in den Knochen, und auf Glorys Betreiben trennten sie sich von Dan Biggers bis zum nächsten Morgen, um in einem anständigen Hotel zu übernachten. Biggers selbst blieb bei Maschine und Ladung, wie es sich für einen anständigen Truck Driver gehörte.

»Hätten wir ihn nicht mitnehmen können?«, meinte Pat unterwegs in Glorys Cabrio. »Scheint doch kein so übler Bursche zu sein, wie ich anfangs befürchtete. Er hat halt Pfeffer – als wir jung waren, war es nicht anders. Wenn da zwei Tattergreise angekommen wären wie wir...«

»Fängst du jetzt auch noch an?«, knurrte Ryland.

»Fühl dich ruhig angesprochen.«

»Hört auf, ihr Streithähne. Spart eure Kräfte. Ab morgen wird’s ernst.«

»Coober Pedy?«, fragte Ryland.

Sie nickte. »Versprecht mir, keine Extratouren zu unternehmen und immer schön bei Dan und mir zu bleiben!«

»Warum das?«, fragte Pat hellhörig. »Stimmt was nicht?«

Glory schüttelte den Kopf. »So kann man das nicht sagen. Aber seit die Touristen wie biblische Heuschreckenheere über das Outback-Kaff herfallen, sind schon einige verschwunden.«

»Verschwunden?«

Sie nickte. »Vermutlich wollten sie auf eigene Faust Opalstollen erkunden – nichts Genaues weiß man nicht.«

Sie erreichten das Hotel, in dem das ATM ein Doppel- und ein Einzelzimmer im Voraus gebucht hatte. Sie verstauten das Gepäck.

Der Trucker-King telefonierte später mit Übersee. Auf der Ranch in Riomedina nahm Marilyn den Hörer ab...

Als Ryland zu fortgeschrittener Stunde den Anschein erweckte, er sei bereits eingeschlafen, schlich Pat sich noch mal hinunter in die Hotelbar. Wie erhofft, traf er Glory. Sie hing etwas melancholisch an einem Longdrink.

»Auch Einschlafprobleme?«, fragte sie.

Er nickte.

»Dein Freund hat Probleme«, sagte sie. »Ich hörte zufällig, wie er nach Hause telefonierte.«

Pat bestellte sich einen Whiskey.

Man führte aber nur welchen ohne »e«. Pat lehnte ab und nahm statt dessen dasselbe wie Glory. Was er aber schnell bereute.

»Brrr!«, schüttelte er sich. »Ist das Zeug sauer!«

Glory nickte. »Sauer macht lustig, heißt es. Ich hab’s versucht. Aber es wirkt bei mir nicht.«

»Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Heimweh nach Billy?«

Sie verneinte. »Ich bin ein Sensibelchen. Kann’s nicht ertragen, wenn ich spür’, dass es anderen mies geht.«

Pat bekam große Augen. »Du meinst – Luke?«

Sie nickte verzagt.

Pat hätte sie an sich drücken und küssen können. Momentan sah sie aus wie ein lebensgroßer Knuddelbär, und bis heute hatte er nicht gewusst, dass er auf diesen Frauentyp stand.

Obwohl es eigentlich nicht seine Absicht gewesen war, offenbarte er Glory Rylands Geheimnis.

»Du hättest nicht zulassen dürfen, dass er mitkommt«, sagte sie. Als er verdrossen nickte, fügte sie schnell hinzu: »Aber ich bin sicher, dass du Gründe hattest, es doch zu tun. – Du steckst in einer ganz vertrackten Zwickmühle. War es seine Frau, mit der er telefonierte?«

»Vermutlich. Er hat mir nichts davon erzählt.«

»Sie muss ihm ziemlich den Kopf gewaschen haben...«

»Sinnlos«, sagte Pat. »Was sie zu Hause nicht schaffte, gelingt ihr aus der Entfernung bestimmt nicht. Dazu ist er zu stur. Er will sich noch mal beweisen. Ein letztes Mal.«

»So können nur Männer denken.«

»Nicht alle sind so verrückt.«

»Ich kenne dich noch nicht lange, aber ich traue dir zu, dass du ganz genauso handeln würdest.« Sie musterte ihn über den Rand ihres Glases hinweg. »Liege ich falsch?«

»Du bist mir unheimlich«, wich er aus.

»Du mir auch«, lächelte sie und legte die Hand auf Pats Arm. »Unheimlich sympathisch... und vertraut, als würden wir uns schon Jahre kennen.«

Ihr Geständnis hinterließ Wirkung bei ihm. Eine Zeitlang hatte er ihren Blick gemieden. Jetzt tauchte er förmlich in ihre Augen ein, und er merkte, dass er all die Jahre etwas Grundlegendes vermisst hatte.

»Willst du noch auf einen Sprung zu mir kommen?«, fragte sie geradeheraus, aber auch ihr schien ein weiteres Auf-ihn-zu-kommen nicht leichtzufallen.

»Ist das ein Rendezvous?«, fragte er kratzig.

»Und wenn?«

»Ich bin etwas eingerostet.«

»Ich auch. Ist das nicht wunderbar?«

Er nickte, winkte dem Ober und zahlte.

 

 

8

Melbourne

Als es draußen dunkel wurde, schaltete Chris Cordray den Fernseher ein und schob eine Pornokassette in den Schlitz des Recorders. Dann lümmelte er sich mit einem Sixpack in einen schon reichlich mitgenommenen Sessel und legte die Beine hoch. Als Ablage benutzte er den Tisch, der überquoll von Zeitschriften mit nackten Frauen auf dem Cover.

Cordray litt schon regelrecht an Sexsucht. Wie er einen eventuellen Gefängnisaufenthalt überstehen sollte, wusste er selbst noch nicht. Solche Gedanken verdrängte er. Die Szenen, die handlungsarm über den Bildschirm flimmerten, halfen ihm dabei und versetzten ihn in die Stimmung, die er brauchte, um später zum Telefon zu greifen und ein williges Callgirl anzuheuern.

Das Bier tat ein übriges. Es machte die Zunge pelzig, aber das Hasenherz mutig.

Cordray brauchte ungefähr fünf Dosen und eine zweite Kassette, ehe er sich mit linkischen Bewegungen den Apparat angelte. Die Nummer, von der er sich einiges versprach, hatte er zuvor in einer Zeitschrift angekreuzt. Jetzt hob er den Hörer und las sie ab.

Kein Besetztzeichen.

Wie erhofft, läutete es durch.

Cordray räusperte sich ein bisschen, um gleich den üblichen Spruch loszulassen.

Vorher knackte es aber überraschenderweise, und das Freizeichen wurde durch hohle Stille ersetzt.

Cordrays umnebelte Sinne brauchten etwas länger, ehe sie begriffen. Die freie Hand hieb auf die Gabel, und er wiederholte den Wahlvorgang.

Diesmal merkte er schon ziemlich früh, dass nichts zu machen war.

Die Leitung war tot.

Irgendwo musste etwas kaputtgegangen sein, und es hätte dafür keinen ungünstigeren Zeitpunkt geben können!

 

 

9

Cordray fluchte, stemmte sich aus dem Sessel und pilgerte zum Kühlschrank, obwohl er noch eine volle Dose neben sich liegen hatte. Mit dem zweiten Sixpack des Abends kehrte er zurück. Er fand, dass er den Jungs von der Telefongesellschaft genug Zeit für eine Reparatur gelassen hatte, und testete erneut.

Fehlanzeige!

Wohin jetzt mit den aufgeputschten Hormonen?

Wütend kickte er eine leere Dose Richtung Fernseher – dann startete er per Fernbedienung eine Tournee durch die herkömmlichen Programme.

Überall derselbe Scheiß!

Die einzige Alternative, die ihm noch blieb, sein Vorhaben umzusetzen, war, dass er sich selbst auf die Socken machte. Aber dafür fühlte er sich bereits etwas unpässlich. Er schaltete auf die Kassette zurück, fand plötzlich alles ganz widerlich, was dort getrieben wurde, ließ es aber trotzdem im Hintergrund laufen und klemmte sich in seinem Sessel zurück, um ein wenig zu dösen. Vielleicht hatte er in einer Stunde mehr Glück.

Offenbar war er ziemlich fest eingeschlafen, denn als er wach wurde, brauchte er eine ganze Weile, bis er sich in der Dunkelheit orientiert hatte.

In der Dunkelheit!

Haben wir jetzt auch noch Stromausfall?, dachte Chris Cordray, der sowohl den Fernseher als auch die Lampen vor dem Eindösen angelassen hatte. Der Monitor war aber nicht nur dunkel, wie er nach Ablaufen des Films zu sein hatte – er gab überhaupt keinen Mucks von sich, und ringsum herrschte absolute Schwärze. Selbst durch die Fenster drang nicht der geringste Schimmer!

Cordray ließ die Vorhänge immer halb offen.

Draußen wuchs eine Straßenlampe nach oben. Sie wenigstens hätte etwas Licht verbreiten müssen. Aber das war nicht der Fall.

Also doch: Stromausfall.

Wofür zahle ich eigentlich meine Steuern?, dachte er empört.

Ein Lufthauch streifte ihn. Es roch seltsam.

Sein Körper war wie gerädert, aber er richtete ihn auf und schraubte sich aus dem Sessel.

Als er stand, traf es ihn erneut aus nächster Nähe, und diesmal begriff er, dass es kein Luftzug war, sondern der Atem eines Menschen, der ihn aus der Dunkelheit heraus streifte.

Er erstarrte.

Sein Körper produzierte eine Rekordmenge an Adrenalin und schwemmte den Alkohol einfach aus dem Hirn. Stocknüchtern lauschte er in die Schwärze.

Tausend Ideen kamen und gingen.

War es möglich, dass ihn seine Freunde kaltstellen wollten? Dann wären es keine Freunde mehr gewesen!

Dann...

Cordray holte zu einem Schwinger aus und schickte seine Faust auf eine Reise ins Ungewisse.

Alles, was er bewirkte, war ein wenig Luftumwälzung – zu einem Luftloch reichte die Kraft nicht aus.

Wsssscchh!, machte es hinter ihm.

Mehr nicht.

»Wer ist da?«, fragte Cordray. Er versuchte, Selbstsicherheit in die Stimme zu legen, aber sonderlich beeindruckend konnte er nicht abgeschnitten haben, denn wiederum lautete die einzige Erwiderung: Wsssscchh!

Vorsichtig bewegte er sich dorthin, wo er die Tür vermutete. Er stieß gegen einen Tisch, dann gegen etwas anderes Hartes, aber er unterdrückte jeden Schmerzenslaut. Selbst das Atmen wurde zu einem notwendigen, verräterischen Übel, das er weitgehend vermied.

Endlich fand seine tastende Hand den Türknauf. Die Tür war von innen verschlossen gewesen; der Schlüssel hatte gesteckt. Aber daran zweifelte Cordray jetzt, da er sich nicht mehr allein fühlte und er im 4. Stockwerk eines Hochhauses wohnte. Jemand hatte das Schloss geknackt – wie anders hätte er hereingelangen sollen?

Zu seiner Verblüffung war die Tür verriegelt, und der Schlüssel steckte immer noch von innen.

Er drehte ihn, was nicht ganz lautlos zu machen war.

Warmer Atem berührte seinen Nacken und stellte die feinen Härchen steil auf.

Cordray geriet vollends in Panik und schlug erneut ausholend durch die Dunkelheit.

Kein Widerstand. Was ihn begleitete wie ein unsichtbarer Schatten, ähnelte einem Spuk.

Cordray riss die Tür auf. Der Gang war hell. Von Stromausfall keine Spur. Geschafft, dachte Chris Cordray.

Wsssscchh!, machte es. Die Tür schlug zu.

Geschafft?

Kaum. Er war immer noch drinnen.

 

 

10

Sam Nooks war Bewährungshelfer, und das seit mehr als zwanzig Jahren. Er kannte Typen wie Chris Cordray wie seine Westentasche, auch wenn er ihm noch kein einziges Mal begegnet war. Die Adresse hatte er vom Gericht erhalten. Demselben Gericht, das Cordray gegen eine Kaution von 20.000 australischen Dollar auf freien Fuß gesetzt hatte.

Jemand hatte diese Summe für Cordray auf den Tisch geblättert, und dass dieser Jemand nicht der gute Onkel von nebenan war, dafür hätte Nooks Hände und Füße ins Feuer gelegt!

Er kannte diese Typen und ihre undurchschaubaren Connections – worin er auch nach 20 Jahren noch nicht durchblickte, das waren die Kriterien, nach denen verkrachte Existenzen wie Cordray wieder auf die Menschheit losgelassen wurden, nur weil sie dafür Scheine lockermachten.

Nein, Nooks hatte in dieser Hinsicht keinerlei Illusionen mehr.

Melbourne war auch nicht New York City; alles wirkte hier vor den Kulissen sauber und aufgeräumt. Wer durch die Geschäftsstraßen promenierte, musste glauben, es gäbe nur Wohlstand.

Nooks’ Beruf brachte es mit sich, dass er auch die Schattenseiten kannte. Die Ghettos, die kein Tourist als solche erkannt hätte.

Er fuhr mit dem Taxi zu Chris Cordrays Wohnung; diesen vom Staat bezahlten Luxus erlaubte er sich, denn sich in der Rushhour mit eigenem Wagen durch die Bourke Street zu wagen, grenzte an Wahnwitz. Dann schon lieber die Tram, aber die war meist hoffnungslos überfüllt.

Cordray, dieses Aas, war nicht zum täglichen Rapport erschienen! Schon am ersten Tag nach seiner Haftschonung strapazierte er die Nerven von Nooks, der als Art Bewährungshelfer für Cordray eingeteilt worden war.

Er ließ den Cab Driver vor dem Mietshaus stoppen, zahlte und stieg aus.

Chris Cordray wohnte, wo es nicht teuer war. Aber er wohnte für einen kleinen Gauner noch vergleichsweise gut. Nooks hatte anderes erwartet; und im Gegensatz zum Richter hatte er bereits sein Urteil über Cordray gefällt. Dafür hatte ihm eine kurze Akteneinsicht genügt.

Er nahm den Lift ins Vierte.

Es war ein alter Gitterlift. Kinder ließen von weit oben einen mit Flüssigkeit gefüllten Ballon herunterfallen. Er zerplatzte auf dem Kabinendach und überschüttete Nooks keineswegs mit einfachem Wasser, sondern mit abgründig stinkender Jauche!

Er fluchte, reckte die Fäuste nach oben, trat mit der Schuhspitze gegen das Wahlfeld, das sprunghaft von 4. auf 7. schaltete, und ärgerte sich zugleich über sich selbst, denn egal, was er tat, er würde diese Früchtchen nicht in die Finger kriegen. Das war sicher. Die kannten sich hier besser aus als er und waren längst über alle Berge.

Einigermaßen abgeregt korrigierte er seine Etagenwahl und fuhr die drei Stockwerke bis zu Cordrays Wohnung zurück. Eine alte Dame, die mit einem Hamster auf dem Arm im 7. hatte zusteigen wollen, hatte naserümpfend bei Nooks’ Anblick und Geruch darauf verzichtet.

Jetzt klingelte er an Cordrays Tür und wusste bereits, was kommen würde. Der verdammte Scheißkerl würde sich vor Lachen auf dem Boden vor ihm kringeln. Vielleicht hatte er die Kids sogar engagiert.

Cordray öffnete nicht.

Aber Nooks stellte fest, dass die Tür nicht verschlossen war.

Er drehte den Knopf, trat in das halbdunkle Apartment und rief: »Cordray, zum Teufel, warum machen Sie nicht auf? Wo stecken Sie?«

Es war eine ausgemachte Sache für ihn, dass Cordray da war, wenn er sogar die Tür unverriegelt ließ.

Ein seltsamer Geruch drang ihm in die Nase, und zuerst dachte er, dass es die Jauche sei.

Dann entdeckte er Cordray, der in einem Sessel kauerte – splitternackt – und an seinen Zehen knabberte.

Rund um den Sessel war rote Farbe verschüttet und lagen ein paar Knochen.

Cordray starrte ihn mit irrem Blick an. Er winselte wie ein Hund.

Statt ihm entgegenzugehen, wich Nooks zur Tür zurück.

Cordray kaute noch an seinen Füßen, als Nooks in Begleitung einer Streife zurückkam.

 

 

11

Rote Erde

Irgendein Witzbold hatte mal behauptet, Australien-Touristen würden alles für das vielzitierte »Outback« halten, was nur entfernt wie ein Tennisplatz aussieht. Dabei ist die Ähnlichkeit zu dem roten Sandbelag, über den die gelbe Filzkugel gepeitscht wird, eher gering.

Das Outback, das Ryland und Pat auf ihrer Weiterfahrt nach Coober Pedy zu Gesicht bekamen, war zunächst geprägt von der scheinbaren Abwesenheit jeglicher Zivilisation.

Hinter Woomera, dem nächsten Ort nach Port Augusta, der direkt am Stuart Highway lag, begann eine faszinierende Szenerie. Es war ein von gewaltigen Salzseen durchwobenes Gebiet, die paradoxerweise aber nur selten Wasser führten. Der Lake Eyre, in den alle anderen Seen über ein ausgedehntes System kleiner Flüsse mündeten, wenn sie einmal genügend Wasser hatten, war laut Dan Biggers erst dreimal seit der Besiedelung Australiens, mit dem kostbaren Nass gefüllt gewesen.

Dreimal in zweihundert Jahren!

»Ich wurde heute Nacht zwischendurch mal wach und musste pinkeln«, sagte Ryland. Die Pausen, in denen nicht geredet wurde, dehnten sich mit fortschreitender Fahrtzeit und Zusammengehörigkeit. Anfangs hatten sie Dan bei jedem Tier, das nicht Känguru oder Koala war, gelöchert, um herauszufinden, wie es hieß. Aber das legte sich ebenso wie die Verwunderung über das fast alle 50 Meilen wechselnde Gesicht der Landschaft. »Du warst nicht in deinem Bett.«

Er blinzelte Pat an, der angestrengt eine Landkarte studierte, um herauszufinden, wie weit es noch bis zur Stadt der Opaldigger war.

»Es war drei Uhr nachts, und dein Bett sah aus, als hättest du noch gar nicht drin gelegen«, ergänzte Ryland.

Auch Dan Biggers warf jetzt einen Blick auf Pat. »Noch nicht akklimatisiert?«, fragte er.

Pat nickte schnell. »Die verdammte Hitze.«

»Die Klimaanlage lief auf vollen Touren«, entgegnete Ryland. »Zumindest auf unserem Zimmer.«

»Was willst du damit sagen?«, fragte Pat, ohne von der Karte aufzublicken. »Ich habe mir ein bisschen die Beine vertreten. Die Bar war noch offen.«

»Hattest du nette Gesellschaft?«

Jetzt schielte er doch zu seinem Freund, um herauszufinden, wie viel dieser von dem, was niemand wissen sollte, wusste.

»Es ging.«

»Dann bin ich zufrieden.« Rylands Lächeln konnte alles bedeuten.

Ein Lächeln, das nicht darüber hinwegtäuschte, dass es ihm nicht sonderlich gut ging. Pat hatte ihn am Morgen mehrere Tabletten einwerfen sehen, die er von zu Hause mitgebracht hatte. Er tat dies heimlich, als müsste er verbergen, dass er darauf angewiesen war, solange er sich der Vernunft verweigerte und nicht das tat, wozu ihm alle rieten.

Fast alle, dachte Pat. Jim hatte sich erstaunlich zurückgehalten. Die Gründe musste man respektieren. Er hatte gemeint, er könne seinen Ex-Schwiegervater und Noch-immer-Freund nicht in einer so existentiellen Frage beeinflussen – dieses Recht habe allenfalls seine Frau Marilyn.

Pat fragte sich, ob Ryland über ihn und Glory Bescheid wusste – ob er ihnen gar nachspioniert hatte. Doch das glaubte er wiederum nicht, obwohl leise Zweifel blieben.

Ryland besaß ein gutes Gespür für Menschliches und Allzu-menschliches.

Er musste nicht durchs Schlüsselloch gespannt haben, um sich eins und eins zusammenzureimen.

Glory hielt auch heute Sichtkontakt in ihrem nachfahrenden Cabriolet. Ein Strohhut schützte Kopf und Gesicht gegen die fast senkrecht einfallenden Strahlen der Sonne. Wie sie die Hitze ohne Klimabox ertrug und nicht völlig ausdörrte dabei, war ein Phänomen.

Vielleicht, dachte Pat schmunzelnd, lädt sie sich tagsüber dafür auf, was sie nachts rauslässt. Über mangelndes Feuer hatte er sich jedenfalls nicht beklagen können.

»Du lächelst wie ein Kind, dem man eine Kiste voller Sahnebonbons geschenkt hat«, sagte Ryland.

Pats Lächeln fror ein.

»Was ist das?«, fragte er und zeigte nach vorn, wo abseits des Highways etwas in Sicht kam, das wie ein steinerner Wald aussah. Zwischen den wie Beulen aufragenden, bräunlichen Gebilden wuchs spärliche bräunliche Vegetation und grasten ein paar magere, ebenfalls braune Rinder.

Ein ganz und gar unwirkliches Bild.

»Termitenhügel«, sagte Dan Biggers leichthin.

»Termitenhügel? So viele? Macht das den Tieren nichts aus, die dazwischen weiden?«

»Warum? Meinst du, sie würden angefressen?«, fragte der australische Trucker spöttisch. »Da passiert nichts. Die Ochsen interessieren sich nicht für die Termiten, und die Termiten nicht für die Ochsen. Friedliche Koexistenz nennt man so was, glaub’ ich. Die einzigen, die sich an den Burgen der Bewohner laben, sind Leguane und anderes Kleingetier, und das ist auch gut so, sonst würde das Ganze wohl tatsächlich eines Tages überhand nehmen. Die Termiten hätten bald ganz Australien erobert. Fällt euch nicht auf, wie ähnlich ihre Burgen den Wolkenkratzern sind? Hier hat wer wohl wem abgeguckt?«

Ryland wechselte das Thema. »Wenn Coober Pedy wirklich so ein Kaff ist, was haben wir dann so Gewaltiges geladen, dass du gleich wieder diesen Mammuttross hinter dir herziehen musst?« Er deutete nach hinten, wo sich gleich hinter dem Doghouse des Trucks die Dreifach-Auflieger-Anhänger-Kombination fortsetzte.

Dan Biggers kratzte sich am Stoppelbart. »Wenn ihr das Kaff seht, könnt ihr’s euch denken – aber denkt euch nichts dabei. Grundausstattungen für die Opalsucher sind noch das wenigste. Spitzhacken, Förderhaspeln und Berge von Kerzen hätte man gut und gern in nur einem Container untergebracht. Aber da gibt es ja noch die Teile für eine komplette Waschanlage, die irgendein neureicher Millionär geordert hat.«

»Kann man von der Schürferei wirklich reich werden?«, warf Pat skeptisch ein. »Ich denke mal, den meisten, die dort schuften, wird’s nicht besser gehen als den Golddiggern am Yukon oder anderswo. Sie werden arm geboren und arm begraben.«

»Neugieriges Pack!«, grinste Biggers. »Wartet ab, bis ihr dort seid – und wundert euch nicht, wenn ihr einem verkappten Millionär, der wie ein Penner aussieht, ein Bier spendiert! Nirgends auf der Welt kann man seinen Reichtum besser tarnen als in Opalstädten. Keiner fragt, danach, weil es eine Hundearbeit ist und absolut voller Stress, nur um reich zu werden. Für mich wär’ das nichts.«

Das nahmen sie ihm ab. Dan hatte die Aura eines Müßiggängers, auch wenn sie ihn schon häufig hart anpacken sahen.

»Werden auch noch andere Edelsteine gefördert?«, fragte Ryland.

»Jade, Saphire, und hie und da auch Diamanten«, nickte der Trucker. Das Thema schien ihn nicht sonderlich zu interessieren.

In den Nachmittagsstunden erreichten sie Coober Pedy.

Glory Palominoe hatte sie kurz zuvor überholt, per Funk verraten, was sie vorhatte, und erwartete sie nun gleich hinter dem Ortsbeginn, um die Ankunft des Monster-Trucks im Bild festzuhalten.

Pat fühlte sich immer noch von Ryland beobachtet, wenn die Sprache auf sie kam.

Der Ort bestand wirklich nur aus einer Handvoll zusammengewürfelter, wie zufällig aneinander gereihter Bauten, wovon das Digger’s Pub noch der prächtigste und vermutlich auch wichtigste war.

Dan Biggers passierte die breite, staubige Piste, die abseits des Highways als »Mainstreet« diente, und stoppte am Rande eines von Schlamm überschwemmten Platzes, wo ein altersschwaches Dieselaggregat dröhnte und rumorte.

»Was ist das?«, fragte Pat, während Biggers seine Papiere zusammenklaubte und auf dem Sprung nach draußen war.

Dan hielt noch einmal inne. »Eine Gesteinswaschanlage«, sagte er. »Genau so ein Ding, wie ich geladen habe. – Ihr könnt euch übrigens die Beine vertreten. Eure Mrs. Palominoe wartet sicher schon sehnsüchtig auf ein paar Konterfeis. Am besten, wir treffen uns nachher im Pub.«

Sprach’s und kletterte hinaus. Ryland und Pat beobachteten, wie er durch knöchelhohen, roten Schlamm watend auf eine Blechrinne zuging, vor der mehrere Arbeiter fast fanatisch im durchströmenden Wasser nach etwas wühlten, das ihren hochgesteckten Erwartungen entsprach.

Obwohl Wasser hier am Rande der Großen Victoria-Wüste kostbar sein musste, ging man geradezu verschwenderisch damit um, und niemand schien sich daran zu stören, dass die weitere Umgebung zuerst überschwemmt und anschließend von der sengenden Sonne zu einer rissigen Marslandschaft gebacken wurde.

»Okay, tun wir, was er sagt«, meinte Ryland. »Ein bisschen Bewegung und ein kühles Bier können nicht schaden.«

»So?«, fragte Pat zweifelnd. »Das mit dem Alkohol lass’ mal lieber sein. Ich glaube nicht, dass er sich gut mit deinen Tabletten verträgt.«

»Ja, Mama.« Ryland stieß die Tür auf und ließ sich hinunter. Der Truck hatte auf dem Trockenen gehalten. Erst ein paar Schritte weiter begann die Schlammschlacht.

Pat folgte zerknirscht.

»Yeah!«, rief Glory. Sie hatte sich dieses »Yeah« in Nullkommanichts von ihnen angewöhnt. »Bleibt so. Behaltet dieses absolut zauberhafte Lächeln, das eure freundschaftliche Verbundenheit betont, unbedingt bei, bis ich es im Kasten habe... Yeah! Unsere Leser gieren nach solchen Männerfreundschaften.«

Ryland lief kopfschüttelnd an ihr vorbei.

Pat tippte sich an die Stirn. »Lass gut sein«, meinte er. »Komm, ich lad’ dich ein auf einen Drink.«

»Lass mich das machen. Geht auf Spesen. Vielleicht kann ich Lukes Herz dabei zurückgewinnen. War wohl etwas vorlaut eben.«

»Das verträgt er.«

Sie enterten das Pub dicht hinter Ryland. Viel war nicht los in der abgedunkelten Wellblechhütte, die innen mit Spanplatten verkleidet war und sich ihr eigenes elektrisches Licht leistete, weil dadurch die Hitze besser ferngehalten wurde. Kaltes Neonlicht schuf eine schummrige Atmosphäre, die zwei Männer zwischen einfachen Tischen und Stühlen dazu nutzten, ein »Tänzchen« aufs Linoleum zu legen. Der eine war ein zahnloser, älterer Mann, der andere ein etwas jüngerer Aborigine. Beide waren angesäuselt und begrüßten die Ankommenden mit fröhlichem Hallo. Die Musik, zu der sie sich schwankend und absolut außer Takt bewegten, wurde von einer chromblitzenden Jukebox erzeugt.

Hinter dem Tresen stand ein finster blickender Wirt, der mit diesem Ausdruck geboren zu sein schien und eines Tages auch damit sterben würde; jedenfalls veränderte sich seine Miene über die nächsten zwei Stunden hinweg nicht einmal in Nuancen. Auch nicht, als nach und nach andere Gäste eintrudelten, die Feierabend in ihren Stollen gemacht hatten und sich nun nach der schweißtreibenden Arbeit etwas gönnen wollten.

Glory, Ryland und Pat hatten an einem Tisch mit vier Stühlen Platz genommen und warteten auf Dan Biggers, der sich alle Zeit der Welt ließ. Sie kamen ins Gespräch mit zwei abgerissenen Typen mit Schlapphüten, die sie auch im Pub aufbehielten. Der eine trug ein löchriges Jim-Beam-T-Shirt, der andere eine Art kariertes Holzfällerhemd, dessen ehemals lange Ärmel er einfach abgeschnitten hatte.

Der Jim-Beam-Werbeträger war behaart wie ein Menschenaffe, sein Freund hatte solch nikotinzerfressene Zähne, dass man ihm gern nahegelegt hätte, sie ganz zu entfernen und sich künftig auf das bloße Zahnfleisch zu verlassen. Aber das verbot irgendwie die Pietät.

Pat wollte sie zu einem Bier ein laden – Ryland trank Wasser, Glory irgendein süßes Zeug –, aber sie machten ihm klar, dass es einer Beleidigung gleichkäme, wenn er sich nicht einladen ließe. Von ihnen.

Sofort fiel ihm Dans Bemerkung ein.

»Seid ihr verkappte Millionäre?«, fragte er geradeheraus.

»Wieso verkappt? Hier laufen alle so ’rum«, griente »Jim Beam«, der sich endlich mit Vornamen vorstellte. Er hieß Geoff, sein Freund Ormie.

Sie tauschten ihre Lebensgeschichten aus; Zeit genug hatten sie, denn Dan Biggers war nach zweieinhalb Stunden immer noch nicht aufgetaucht. Zu einem kleinen Misston in ihrer Bekanntschaft kam es, als Glory aufstehen und ein paar Fotos von der Atmosphäre im Pub schießen wollte. Geoff und Ormie winkten ziemlich rabiat ab und zischten unisono: »Keine Bilder!«

In der Folge bemühten sie sich vergeblich, die plötzliche Gereiztheit aus der Stimmung zu nehmen. Der Bruch war da, und nur die beiden einheimischen Opaldigger wussten, warum.

Dan Biggers gab ihnen den entscheidenden Tipp, als er endlich zur Tür hereinstiefelte und sich zu ihnen gesellte. Geoff und Ormie standen längst abseits bei den anderen, so dass sie sich leise darüber unterhalten konnten, was passiert war.

»Man kann euch auch keine Sekunde allein lassen«, meinte Dan nicht ohne Schadenfreude, die sich aber im Wesentlichen auf Glory konzentrierte, der er ihren Auftritt in Sunbury immer noch nicht ganz verziehen zu haben schien.

»Was meinst du damit?«, fragte Pat.

»Wie haben sich die Jungs vorgestellt?«

»Geoff und Ormie«, sagte Pat.

»Nur die Vornamen?«

Er nickte. »Ist das was Besonderes?«

Biggers schüttelte den Kopf und lächelte hintergründig. »Nur ein Hinweis. Eine Regel hier in den Outbacks und besonders in Orten, wo nach Reichtum geschürft wird, lautet: Sei vorsichtig bei Leuten, die sich nur mit ihren Vornamen vorstellen. Frag nicht weiter nach, woher sie kommen, wer sie sind...«

»Haben wir ja auch nicht getan.«

»Ihr wolltet sie fotografieren – das ist viel schlimmer.«

»Warum?«

»Weil viele hier etwas auf dem Kerbholz haben. Kaum vorstellbar, dass es sie freuen könnte, ihre Steckbriefe in irgendeiner Zeitung veröffentlicht zu sehen.« Dieser Hieb ging direkt an Glorys Adresse.

Sie schluckte.

»Leute, die hier leben, sollten das eigentlich wissen«, setzte er noch eins drauf. Mit »hier« meinte er augenscheinlich nicht Coober Pedy, sondern den gesamten Kontinent. »Hier findet ihr alles, was anderswo kein Bein mehr aufs andere bekommen hat. Obskure Existenzen allesamt. Du kannst hier ebenso dein Bier neben einem gesuchten Massenmörder trinken wie neben einem simplen Aussteiger.«

»Wie reizend.« Glory hüstelte gekünstelt. »Ob ich meinen Billy je wiedersehe?«

»Billy?« Jetzt stand Dan Biggers auf dem Schlauch.

»Ihr Hündchen«, sagte Ryland. »Werden wir hier übernachten?« Es klang nicht sehr begeistert. »Wegen mir brauchen wir keine Besichtigung irgendeines Stollens durchzuführen.«

Etwas an seinem Ton beunruhigte Pat. Es war ungewöhnlich, wenn Ryland, der dies mehr oder weniger als sein »letztes Abenteuer« postuliert hatte, nicht jede Gelegenheit wahrnehmen wollte, etwas über Land und Leute zu erfahren. Ursprünglich waren sie sich einig gewesen, einem Digger bei der Arbeit über die Schulter zu sehen.

»Das muss Dan wissen. Wir können auch weiter bis Kulgera«, sagte Glory. »Von mir aus heute noch. Dieses Lokal hier ist zwar nur die Spitze des Eisbergs von Coober Pedy – es soll noch eine komfortable Untergrund-Bleibe mit Restaurant, Läden und anderem geben – aber von mir aus müssen wir uns das nicht antun.«

Auch Pat verzichtete auf sein Veto. Seine Miene war jedoch unverhohlen besorgt.

Die Augen richteten sich auf Dan Biggers.

»Von mir aus auch nicht«, brummte der. »Ich bin hier fertig. Neue Fracht gibt’s erst in Kulgera, so war es ausgemacht. Die leeren Auflieger werden dort gegen volle eingetauscht. Ich will noch gar nicht wissen, was mich diesmal erwartet..

»Keine Tampons«, versprach Glory.

Das schien ihn zu beflügeln.

 

 

12

San Antonio, Texas

Als der maisblonde Trucker mit seinem Ford Mustang vor dem Hauptgebäude der Ranch stoppte, atmete er noch einmal tief durch, ehe er ausstieg.

Normalerweise ging er unangenehme Dinge frontal an, ohne ihnen so lange auszuweichen, bis sie noch schlimmer geworden waren.

Aber das, was ihn hier erwartete, war nicht einfach ein »unangenehmes Ding« – es war mehr.

Wie viel mehr, begann er zu ahnen, als er Marilyn Ryland praktisch auf gepackten Koffern sitzend vorfand.

Eine der Bediensteten der Ryland-Ranch entfernte sich auf Wink der schwarzhaarigen, glutäugigen Frau, die beinahe ein Vierteljahrhundert jünger als ihr Mann war. Das hatte sie beide nie gestört, und jeder wusste, dass Marilyn, wie sie in ihrer Funktion als »gute Seele« des Clans genannt wurde, im Trucker-King nie einen Vaterersatz, sondern immer den Mann Luke Ryland gesucht und gefunden hatte.

»Danke, dass du gleich gekommen bist«, sagte sie, kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mehr ließ sie nicht zu. Jim Sherman spürte sofort, dass der übliche Begrüßungskuss schon zu weit gegangen wäre. Alles an dieser Frau war Spannung. Sie vibrierte förmlich vor verhaltener Kraft, die nur Zorn, Wut und Enttäuschung sein konnte.

Aber eigentlich war es ihm lieber, sie so vorzufinden, statt lethargisch und passiv in ihr Schicksal ergeben.

Ihr Schicksal.

Welch hochtrabendes Wort.

Und doch drückte es aus, was passiert war. Was dieses Haus – und vielleicht diese Ehe – ruiniert hatte.

Zum ersten Mal, soweit Jim zurückdenken konnte, hatte er sich nicht zu Hause gefühlt, als er die Schwelle des Hauses übertrat. Nicht einmal seine Trennung von Carla Sue, Rylands Tochter aus erster Ehe, hatte daran etwas zu verderben vermocht.

»Ich kam, so schnell ich konnte«, sagte er. »Und ich kam allein, wie du es wolltest.«

Sie nickte und bot ihm Platz an. Sie selbst blieb aber stehen, und Jim folgte ihrem Beispiel.

Marilyns Erbe ihrer mexikanischen Vorfahren drückte sich in den Gesichtszügen, noch mehr aber in ihrem Temperament aus.

Plötzlich ballte sie die Hände zu Fäusten und ließ es aus sich herausbrechen: »Wie konnte er nur? Wie konnte er mir das antun?«

Ihr Blick fand eine wertvolle Vase, und Jim schob sich gerade noch dazwischen, sonst hätte die Dekoration spürbar gelitten.

Er berührte sie sanft, nicht zu fest, an den Armen. »Hat er sich gemeldet?«

Sie zögerte, schleuderte Blitze auch gegen ihn, beruhigte sich etwas und nickte.

»Wann?«

»Kurz, bevor ich dich anrief.«

»Und was hast du jetzt vor?« Sein Blick streifte den Koffer, der wie zur Demonstration mitten im Raum stand. »Willst du ihn verlassen?«

»Du meinst es im Scherz, aber mir ist es bitter ernst!«

»Das sehe ich. Und warum sollte ich kommen?«

Vulkanglut loderte in ihren Augen. »Um mich davon abzubringen.«

Jim lächelte zum ersten Mal. »Eine kluge Entscheidung. Das tue ich hiermit.«

»Was?«

»Dich abbringen.«

»Ginge es nicht mit etwas mehr... Überzeugungskraft?«

»Willst du dich genauso starrsinnig geben wie er?«

»Er?« Wieder gewann die Wut Oberhand. »Er ist ein – ein solcher Idiot!«

»Er sieht es vermutlich anders.«

»Wie?«

»Wir sprachen schon mal darüber.«

»Ich hab’s vergessen.«

Jim schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Es hat nichts mit dir oder seiner Liebe zu dir zu tun.«

Ihr zweifelnder Blick verursachte ihm selbst Sodbrennen. »Ich habe heute Nacht geträumt, ihn nicht mehr wiederzusehen – und heute morgen rief er an. Kannst du dir vorstellen, was in mir vorgeht?«

Er nickte.

»Ich werde es tun!«, sagte sie fest. »Ich werde nicht darauf warten, dass das Telefon klingelt und man mir das sagt, was ich träumte.«

»Das lasse ich nicht zu.«

Sie betrachtete ihn mit einem Ausdruck, der Jims schlechtes Gewissen weckte. Auch wenn sie es nicht laut aussprach, die Frage stand plötzlich im Raum: »Warum hast du ihn nicht zurückgehalten?«

»Was hätten wir tun sollen? Ihn einkerkern?«

»Mit ihm reden.«

»Man hätte ihn entmündigen müssen, um ihn von seinem gefassten Entschluss abzubringen!«

Sie nickte einlenkend. »Ich weiß.«

Sie sagte es, als hätte sie genau mit diesem Gedanken gespielt. Hätte Jim noch Zweifel besessen, nun wäre ihm endgültig aufgegangen, wie sehr Marilyn ihren Luke liebte.

»Was können wir tun?«, fragte sie plötzlich ganz weich und verletzlich.

Er sah sie an.

Lange.

Aber eine Antwort wusste er noch nicht.

 

 

13

Sie erreichten Kulgera nicht so reibungslos, wie sie es sich vorgestellt und gewünscht hätten.

Mitten in der Einöde, als die Dunkelheit schon wie mit Fingern über den rot gebrannten Boden zu kriechen begann, setzte der Caterpillar des Trucks plötzlich aus.

Er stotterte nicht lange herum – er erstarb einfach mitten in der Fahrt, und Dan Biggers konnte das Gespann nur noch ausrollen lassen. Dann stand es still.

»Shit!«, fluchte er.

»Keine Panik«, wiegelte Pat ab und setzte die Mütze zurecht. »Schließlich hast du den weltbesten Mechaniker an Bord!«

Glory fragte über Funk an, was los sei. Die Antwort stellte sie nicht zufrieden. Sie parkte den Käfer dicht vor der Schnauze und stieg aus.

Pat und Ryland begleiteten Dan nach draußen, wo er die Haube seines Prachtstücks öffnete und Pat bereitwillig das Feld überließ. »Dann zeig mal, was du drauf hast, alter Mann!«

»Geht das schon wieder los?«, seufzte Glory.

»Nur die Ruhe«, sagte Ryland. »Pat wird dem Greenhorn schon zeigen, was ’ne Harke ist. Wenn nicht, muss ich ihn feuern. Dann taugt er als Chefmechaniker nicht mehr.«

Glory sah aus, als wollte sie ihm die Augen auskratzen. Doch glücklicherweise erkannte sie rechtzeitig, dass er spaßte.

Pat vertiefte sich eine volle halbe Stunde in das für einen Laien wie ein Buch mit sieben Siegeln anmutende Gewirr von Kabeln und Aggregatteilen. Dann tauchte er ölverschmiert nach oben und sagte zu Dan: »Versuch’s mal.«

Der Trucker kletterte zurück in die Kabine.

Mehr tat sich nicht.

Pat wandte sich an Ryland. »Okay. Feuere mich!«

»Soll das heißen, du hast es wirklich nicht gepackt?«, kam es ungläubig.

»Nichts zu finden. Und wenn ich noch eine Stunde suche, werde ich auch nichts finden. Ich habe noch mal alle Verbindungen fest zusammengesteckt, aber daran lag es auch nicht. Eigentlich müsste die Maschine schnurren wie ein Uhrwerk. Ich konnte jedenfalls keinen Fehler finden.«

Dan kehrte zurück und warf nun selbst ein Auge unter die Haube. Aber auch er wurde nicht fündig.

»Wie verhext«, fluchte er.

Sie waren noch gut zehn Meilen von Kulgera entfernt. In zehn Minuten würde es dunkel sein. Sie hatten sich ein wenig verschätzt, was ihre Zeitplanung betraf. Das ging hier draußen in der felsigen Wildnis schnell.

»Fahrt voraus«, sagte Dan Biggers jetzt. »Ich versuche es weiter, ob ich mein Baby wieder auf Trab bringe. Irgendwo muss der Fehler ja liegen. Wir halten CB-Kontakt. Ich übernachte hier, und wenn ich bis morgen früh gegen neun immer noch nicht nachgekommen bin, schickt mir einen Schlepper vorbei.«

»Du könntest genauso gut mitkommen, und morgen kehren wir alle mit einem Werkstatt-Schlepper zurück«, sagte Ryland.

»Ich kann den Truck nicht ohne Aufsicht lassen.«

»Wer sollte ihn hier stehlen? Außerdem führt er keine Fracht, auf die jemand ein Auge werfen könnte. Öffne die Schotte, so dass sich jeder gleich ohne Gewaltanwendung davon überzeugen kann. Dann passiert schon nichts.«

»Ich will mein Baby nicht allein lassen«, beharrte der Mann, der nur äußerlich vage Ähnlichkeit mit Jim Sherman hatte. Charakterlich, das hatte sich aus den Gesprächen ergeben, waren sie ziemlich gegensätzlich. Dan Biggers schien der Typ des ewigen Jägers nach einem Glück zu sein.

»Ich könnte dableiben und mich nützlich machen«, schlug Pat vor.

Auch das lehnte Biggers ab.

So kam es, dass sie bei Dunkelheit weiter auf Kulgera zufuhren und dabei alle ein mehr oder weniger ungutes Gefühl hatten.

»Ist es gefährlich hier draußen?«, wandte sich Pat an Glory, die den Käfer über die holprige Piste steuerte.

»Wo auf der Welt ist es heutzutage nicht gefährlich? Es gibt Schlangen, Skorpione und...«

»Massenmörder«, half Ryland in Erinnerung an ihren Aufenthalt in Coober Pedy aus.

»Dan weiß schon, was er tut«, sagte Pat. Glory war neben ihm nur als Schemen erkennbar. Vergeblich suchte er Beipflichtung über seine Aussage. Auch Ryland sparte sich jeden weiteren Kommentar.

Über ihnen glitzerte ein Firmament, das für ein Pfund Romantik hätte gut sein müssen, aber irgendwie wollte weder Stimmung noch Freude aufkommen.

Noch schlimmer wurde es, als plötzlich Dan Biggers’ Stimme aus Glorys Funkanlage krächzte.

»Überfall! Schnell – helft mir! Ich...«

Die Verbindung brach ab.

Alle Versuche, ihrerseits in Kontakt mit dem Trucker zu treten, scheiterten.

Glory Palominoe wendete das Gefährt in Kamikaze-Manier.

 

 

14

Die Nacht hatte plötzlich Augen!

Dan Biggers wusste, kaum dass sich seine Begleiter entfernt hatten, dass ihn etwas ins Visier genommen hatte.

Dingos – verwilderte Hunde – die in Rudeln oder als gefährliche Einzelgänger das Outback durchstreiften?

Biggers umrundete vorsichtig die offene Haube, wo er immer noch im Schein einer Batterielampe hantiert und vergeblich nach der Ursache für die Panne gesucht hatte. Er zog sich an der offenen Fahrertür hoch und tastete nach dem geladenen Revolver, der unter dem Sitz versteckt war. Als er ihn gefunden hatte und seine Hand den kühlen Griff umfasste, fühlte er sich etwas wohler.

Tausend Gedanken huschten ihm durch den Kopf.

Angst war nicht darunter – aber gesundes Unbehagen der jäh veränderten Situation gegenüber. Er hatte schon häufig, nur im Schlafsack, auf offenem Geläuf neben dem Truck campiert, wenn die Nächte wie diese nicht übermäßig kalt und klar waren. Stets hatte er den Revolver unter der Nackenrolle verborgen gehalten, für alle Fälle. Aber passiert war ihm nie etwas.

Daraus durfte man aber keine Sorglosigkeit ableiten.

Irgendein Schweinehund trieb seit Monaten, vielleicht Jahren, sein Unwesen im Südwesten. Er hatte es vorrangig auf Rucksacktouristen abgesehen; eine Zeitlang waren die Zeitungen voll davon gewesen. Mittlerweile waren andere Nachrichten in den Vordergrund gerückt, aber geschnappt hatte man den Psychopathen immer noch nicht.

Nein, dachte Biggers. Das Land war weit – unüberschaubar in seiner Weite, und als Trucker war man allein in der Öde nicht viel besser dran als ein x-beliebiger Tourist.

Außer wenn man eine Kanone hatte!

Er richtete sich wieder auf und drehte sich langsam wieder dem Freien zu. Seine Stiefel standen auf der untersten Stufe des Trucks, und das Land jenseits des Highways hatte plötzlich etwas entsetzlich Fremdes angenommen. Kein Fahrzeug schien mehr unterwegs zu sein. Soweit man schaute, krochen keine Scheinwerfer über den Asphalt.

Eine Gänsehaut überzog Biggers’ Körper. Er spähte über das flache, zerklüftete Land, das sich im Sternenschimmer abzeichnete, und fand nichts Bewegliches, an dem er seine Aufmerksamkeit hätte festmachen können.

Er glaubte schon, sich geirrt zu haben. Hier draußen spielten die Nerven jedem irgendwann einen Streich.

Biggers war weit herumgekommen. Das Magische dieses Landes, sein besonderes Flair, hatte er nie so greifbar empfunden wie in diesen Momenten. Er hatte es eigentlich immer geleugnet. Für ihn zählte nur, was er in baren Dollars auf seine Hand geblättert bekam. Dafür tat er alles, schwitzte und malochte er. Oder ging ein Höchstrisiko ein wie diesmal. Damit das Schwitzen und Malochen endlich ein Ende nahm. Damit...

Die Schatten tanzten plötzlich.

Konturen, die er für Steine gehalten hatte, gerieten mit einem Mal in Bewegung. Ein seltsames, geisterhaftes Geräusch erfüllte plötzlich die Nachtluft. Etwas surrte und schlug splitternd neben Biggers ins Türfenster.

Er schoss blindlings in die Dunkelheit.

Eine Feuerlanze stach aus dem Lauf, und der Knall dröhnte überlaut in seinen Trommelfellen.

Mit einem Sprung brachte er sich ins Innere der Kabine in Sicherheit und warf die Tür hinter sich zu.

Die Scheibe war zerbrochen, Glas schabte unter seinen Hosen und Händen, mit denen er sich geduckt zur Box des CB-Radios vortastete. Dabei berührte er auch ein hartes Stück Holz, um das er sich nicht weiter kümmerte. Draußen hörte er huschende Schritte. Während er das Mikrofon an sich riss, lugte er über den Rand des Armaturenbretts, folgte einer Eingebung und schaltete zunächst die Zündung, dann die Scheinwerfer ein.

Etwas Gespenstisches, das ihn an Dämonen glauben ließ, brachte sich geschickt aus den Lichtbahnen.

»Überfall!«, schrie er ins Mikro. »Schnell – helft mir. Ich...«

Wieder erfüllte ein Surren die Luft, schwoll an, kam näher, krachte frontal gegen die Windschutzscheibe und ließ Splitter regnen.

Biggers ließ das Mikro fallen und kroch förmlich unter die Lenkradsäule seines Trucks.

Wieder feuerte er ziellos durch die geborstene Scheibe in die Nacht.

Auch das letzte heile Fenster zerstob unter dem Druck eines auftreffenden Geschosses.

Das Heulen und spukhafte Treiben näherte sich einem Höhepunkt, der Dan Biggers alle Sünden aus dem Gedächtnis hochschwemmte und rigoros vor Augen führte. Längst hatte er begriffen, dass er es nicht mit einem normalen Überfall zu tun hatte.

Draußen barst wieder Glas.

Es wurde wieder stockfinster.

Jetzt haben sie auch die Scheinwerfer zertrümmert, dachte der Trucker. Gleich werden sie kommen und mich holen.

Was für verrückte Gedanken, schalt er sich im nächsten Moment. Du wirst sie alle abknallen!

Aber er hatte nur noch vier Schuss in der Trommel, und ob sie ihm Zeit zum Nachladen ließen, war ungewiss.

»Dan Biggers?«, rief unvermittelt eine stark akzentuierte Stimme – so nah, dass er verzweifelt nach allen Seiten blickte, weil er den Ursprung nicht lokalisieren konnte.

»Wer ist da?«, brüllte er zurück.

»Komm mit erhobenen Armen heraus, wirf vorher die Waffe ins Freie, dann geschieht dir nichts!«

Biggers verzog grimmig das Gesicht.

»Wer sagt das?«, rief er ohne großes Vertrauen.

Draußen hantierte jemand an der Sattelkupplung.

»Was, zur Hölle, treibt ihr?«

»Du weißt es! Komm jetzt heraus, wie wir es dir sagten.«

Den Teufel werd’ ich tun, dachte er, griff nach dem Gegenstand, gegen den er vorhin gestoßen war, und schleuderte ihn in hohem Bogen nach draußen. Irgendwo schlug er auf.

»Okay!«, rief er. »Ich komme! Unbewaffnet... Ich vertraue euch.«

Was konnte er sonst noch tun? Jede weitere Verzögerung barg die Gefahr in sich, dass sie die Geduld verloren. Sie...

Alles in Biggers sträubte sich, es als Wahrheit anzunehmen, was hier geschah. Und doch gab es keinen Zweifel mehr.

Im ersten Moment, als er nach draußen kletterte, sah es aus, als wären sie verschwunden und hätten ihn allein gelassen. Er hatte die Hände oben, aber den Revolver im Gürtel stecken – jederzeit schnell griffbereit. In der Dunkelheit konnte das niemand sehen.

Aber offenbar verließ sich auch niemand auf sein Versprechen.

Als er federnd auf den Boden neben dem Truck sprang, schnellte etwas unter dem Koloss hervor und traf ihn nicht einmal heftig, aber doch sehr gezielt zwischen die Beine, genau dort, wo es sehr nachhaltig wehtat und dabei den gesamten Körper paralysierte.

Eine Welle von Schmerz und Übelkeit ließ Dan Biggers wie ein Taschenmesser zusammenklappen und seitlich wegkippen, während raue Finger wie ein Heer allgegenwärtiger Spinnenbeine über ihn hinweg krabbelten und ihm den Revolver aus dem Hosenbund rissen.

Biggers wimmerte vor Schmerz und wagte es nicht, sich zu wehren.

Er wusste nicht, wie es weitergegangen wäre, wenn die unsichtbaren, kaum als Schemen zu erfassenden Angreifer nicht gestört worden wären.

Aber dann dröhnte plötzlich Lärm auf, und ein Fahrzeug mit typisch knatterndem Motorengeräusch näherte sich unter Vollgas und wildem Gehupe.

Es stoppte kurz darauf neben Biggers und den Resten seines ehemals stolzen Trucks!

 

 

15

Ryland traute seinen Augen so wenig wie jeder andere im Cabriolet, als die Scheinwerfer bei ihrer Annäherung mehr über das Ausmaß der Zerstörung enthüllten. Einen umfassenden Eindruck würden sie erst bei Tageslicht erhalten.

Aber das zählte jetzt alles nicht.

Zuerst mussten sie sich um Dan Biggers kümmern, der zusammengekrümmt auf der Straße lag, das Gesicht eine Grimasse, die widerspiegelte, was in seinem Hirn ablief.

Glory blieb auf Geheiß im Wagen. Es fiel ihr sichtlich schwer. Ryland und Pat erreichten den Trucker gleichzeitig.

»Was ist passiert?«, fragte Ryland, nachdem sie Biggers vorsichtig umgedreht und in Seitenlage gebracht hatten. »Erst dein Notruf, und dann hörten wir Schüsse...«

»Sind sie weg?«, keuchte der Mann.

»Wer?«, fragte Pat und warf kritische Blicke in die Landschaft. Aber außerhalb der Lichtinsel der Scheinwerfer war fast nichts zu erkennen.

Biggers starrte sie sekundenlang mit einem Ausdruck noch größeren Entsetzens an. Dann kniff er die Lippen zusammen, als würde ihm die Erinnerung den Mund versiegeln.

»Wir haben die Polizei verständigt«, ermutigte ihn Ryland. Er wollte dem Truck Driver signalisieren, dass bald weitere Unterstützung eintreffen musste und die Verbrecher wahrscheinlich schon über alle Berge waren. Aber er bewirkte das genaue Gegenteil.

Biggers fuhr auf, streifte die Hände ab und kam taumelnd zum Stehen.

»Keine Bullen!«, keuchte er.

»Aber...«

»Keine Bullen!«, schrie er, die Fäuste in die Hüften gestemmt und leicht nach vorn geneigt, als müsste er tief und konzentriert durchatmen, um die Dämonen aus seinem Unterleib zu vertreiben.

»Das wird nun nicht mehr zu ändern sein«, sagte Ryland. »Hast du etwas auf dem Kerbholz, weil du dich – so aufregst?«

»Quatsch!«, stöhnte Biggers. »Himmelherrgott, konntet ihr euch keinen anderen für euren Trip aussuchen?«

»Soweit wir wissen, hast du den Job freiwillig angenommen«, meldete sich Pat zu Wort. »Außerdem sähest du ohne uns vielleicht jetzt nicht mehr so herrlich wild und unbeugsam aus«, fügte er spöttisch hinzu.

Vielleicht wäre Biggers endgültig aus der Haut gefahren, wenn sich nicht das Heulbojengeräusch eines Patrol Cars genähert hätte.

»Scheiße!«, fluchte er noch einmal und erwartete dann die Ankunft der Polizeistreife.

Wie es aussah, hatte der Trucker überhaupt nichts zu befürchten. Die Zerstörungen an seiner Zugmaschine waren so offensichtlich, dass er die beiden Officer auf seiner Seite hatte, ehe er überhaupt den Mund auftat.

In wenigen Sätzen schilderte Biggers, was sich aus seiner Sicht zugetragen hatte. Ryland, Pat und die hinzugekommene Glory Palominoe trugen das ihre dazu bei.

»Erkannt haben Sie niemanden?«

Biggers verneinte.

»Und die Schüsse, von denen gesprochen wurde?«

Er zuckte die Schultern und deutete hinter sich. »Sie sehen ja, was angerichtet wurde.«

»Welche Fracht führen Sie?«

»Momentan gar keine.«

»Dann ist es besser, wenn Sie uns in die Stadt begleiten, wohin Sie ja ohnehin wollten.«

»Ich lasse meinen Truck nicht allein!«, ließ Biggers die altbekannte Arie vom Stapel.

Die beiden Officer berieten sich kurz. »Ist er noch fahrtüchtig?«, fragten sie schließlich.

»Man müsste es probieren«, sagte Biggers. »Ich hatte eine Panne. Aber ich konnte noch eine Weile daran herumwerkeln, ehe die Typen auftauchten.«

»Probieren Sie es«, wurde er aufgefordert. »Falls er anspringt, werden wir Sie bis zur Stadt eskortieren. Vorher müssen wir den Schaden fotografieren.«

Sein Kollege marschierte wie auf Stichwort zum Streifenwagen.

»Und Ihre Aussagen zu Protokoll nehmen«, fügte der Sprecher hinzu. »Ihre Versicherung wird es danken.« So geschah es.

Auch Glory machte eine ganze Fotoserie, als gälte es, den Überfall in allen Details der Nachwelt zu erhalten.

Zur Überraschung aller – auch Dans – sprang der Truck-Koloss gleich beim zweiten Versuch an, als hätte es nie Probleme damit gegeben.

»Doch verhext«, kommentierte Pat.

Außer Ryland hörte es keiner. Der stellte sich abseits und betrachtete das Treiben bis zum gemeinsamen Aufbruch mit gemischten Gefühlen.

Je länger er Dan Biggers beobachtete, desto mehr kam er zu der Überzeugung, dass der junge Mann ihnen etwas verschwieg. Schlimmer noch: dass er ganz gehörig Dreck am Stecken hatte!

Seine mangelnde Begeisterung über die Alarmierung der Ordnungshüter aus Kulgera war nur eines von mehreren Indizien.

Ryland beschloss, ein waches Auge auf den Trucker zu halten. Vielleicht lenkte es ihn etwas von den zunehmenden Schmerzen in seiner Brust und der permanenten Übelkeit ab.

 

 

16

Verkatert trafen sie sich am nächsten Morgen im Frühstücksraum des Hotels, das sie am Spätabend erreicht hatten. Dan Biggers war nicht bei ihnen. Er hatte den Truck vor den Pforten einer Reparaturwerkstatt geparkt und die Nacht nach eigenem Wunsch im Sleeper verbracht. Selbst die Polizisten hatten über soviel »Affenliebe« die Köpfe geschüttelt.

»Unser Zeitplan leidet«, sagte Pat.

Glory war fünf Minuten später als er am Tisch erschienen. Alle drei hatten Einzelzimmer bezogen. Glory, die wie üblich alles organisierte, hatte ihnen erklärt, dass kein einziges Doppelzimmer mehr frei sei. Die Zimmer, die sie bekommen hatten, waren sogar über verschiedene Etagen verteilt.

»Kommt drauf an, wie lange das Einsetzen der neuen Scheiben braucht«, sagte Glory. »Mit etwas Glück müssten wir im Toleranzbereich bleiben. Ich will nachher sehen, ob ich meine bisher geschossenen Bilder irgendwo entwickelt kriege. Ihr beide könnt den Vormittag nach eigenem Gutdünken ausfüllen. Ihr könnt mich auch begleiten – wie ihr wollt.«

»Ich bleibe hier und ruhe mich etwas aus«, sagte Ryland mit Leidensmiene.

Pat schnaubte. »Dann bleibe ich auch hier.«

»Nichts da«, widersprach sein Freund. »Ich brauche kein Kindermädchen. Du gehst mit Glory und erzählst mir hinterher alles, was ihr erlebt habt.«

»Alles?«

»Alles.« Ryland schmunzelte, und in diesem Moment hätte Pat geschworen, dass er sich gar nicht müde fühlte, sondern es nur als Ausrede benutzte, um ihm und Glory die Gelegenheit zu etwas Tageslicht-Zweisamkeit zu geben. Dieser alte Gauner hat uns durchschaut, dachte Pat. Er weiß längst Bescheid und macht sich einen Jux daraus...

»Okay«, lenkte er ein. »Wenn du darauf bestehst. – Hast du... hast du heute schon mit Marilyn telefoniert?«

»Nein.«

»Gestern spät noch?«

»Nein.«

»Sachen gibt’s«, murmelte Glory, die sich in die Lektüre einer Tageszeitung vertieft hatte. Lauter fügte sie hinzu: »Hört euch das an: Hier steht, in Melbourne wurde vor drei Tagen ein Aborigine-Museum geplündert. Und hier... das könnte uns betreffen...«

»Uns?«, fragten Ryland und Pat verständnislos.

»Hier heißt es weiter, dass vor zwei Tagen ein Mann auf dem Melbourner Flughafen gestellt wurde, der in Zusammenhang mit dem Museums-Einbruch gesehen wird. Er versuchte, sich seiner Verhaftung durch Einsatz einer Schreckschusswaffe zu entziehen. Dem beherzten Eingriff einiger Fluggäste sei es zu verdanken, dass der Fluchtversuch scheiterte. Na, klingelt’s endlich?«

»Na klar. Damit sind wir gemeint«, sagte Pat aufhorchend. »Lies weiter! Was steht sonst noch da?«

»Dass der Mann, das verstehe, wer will, zunächst gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, gestern aber in seiner Wohnung in völlig desolatem Zustand aufgefunden wurde.«

»Was heißt desolater Zustand?«, fragte Ryland.

»Er soll nackt und orientierungslos in einem Sessel gekauert haben und seither nicht mehr ansprechbar sein. Man hat ihn in psychiatrische Obhut überstellt. In seiner Wohnung fand man mit Tierblut gemalte Symbole und Knochenfiguren, wie sie ähnlich aus dem Museum entwendet wurden. Ob es sich um die geraubten Gegenstände handelt, wird zur Stunde noch untersucht. – Was sagt man dazu?«

»Ein Freak«, urteilte Pat schulterzuckend. »Vielleicht ein religiöser Fanatiker, der die alten Riten der Ureinwohner nachahmen wollte und dabei vollends den Verstand verloren hat. Mit so was soll man nicht spaßen!«

»Hat Billy the Kid ihn gebissen?«, fragte Ryland in gespieltem Ernst.

Glory schüttelte den Kopf. »Warum?«

»Weil es sonst ja sein könnte, dass der arme Kerl die Tollwut bekommen hat – der Dieb, meine ich.«

Glory wandte sich brüskiert von ihm ab.

»Geschmacklos«, urteilte Pat. »Wirklich geschmacklos.«

»Dann könnt ihr mich ja jetzt getrost alleine lassen«, seufzte Ryland. »Ihr wisst, wo ihr mich findet.«

»Bessere dich«, knurrte Pat zum Abschied.

»Nur wenn ich euer Trauzeuge sein darf«, raunte Ryland zurück. Als Pat auf die Barrikaden gehen wollte, fügte er hinzu: »Einem Todgeweihten schlägt man nichts ab!«

»Ist ja widerlich, wie du mit deinem Zustand kokettierst.«

Ryland lächelte, obwohl ihm danach nicht zumute war. Eine eigenartige Erregung hatte Besitz von ihm ergriffen.

Er wartete, bis Pat und Glory das Hotel verlassen hatten. Dann machte er sich selbst auf den Weg.

Ein Taxi brachte ihn zu der Reparaturwerkstatt, wo sie sich von Dan Biggers getrennt hatten. Er brauchte nur nach dem Truck zu suchen, um seinen Besitzer zu finden. Biggers überwachte mit Argusaugen die Arbeiten an seinem Truck.

Ehe Ryland zu ihm gelangte, fiel ihm ein auf Warteposition befindlicher Cabover 9000 auf; ein Ford Longhaul-Modell und ein wahrer Gigant, der durch seine tiefschwarze Lackierung noch bedrohlicher wirkte. Weltraummotive waren mittels Airbrush auf der Außenhaut aufgebracht: Spiralnebel, saturnähnliche Ringplaneten, rote Doppelsonnensysteme, explodierende Supernovas...

Hinter dem Steuer saß ein schlanker, schmalgesichtiger Mann um die Vierzig. Das feminine Gesicht und das erstaunliche Empfinden, eine Maske anzublicken, hinterließ selbst bei flüchtiger Betrachtung einen bleibenden Eindruck bei Ryland. Er hörte gerade noch, wie ein aus dem Werkstattbüro heraustretender Mann in blauem Overall auf den Cabover zuging und dem Mann hinter dem Lenkrad zurief: »Sie sind der Nächste, Mr. Bronx! Dauert nicht mehr lange.«

Dann rückte der auffällige Truck samt Driver in den Hintergrund von Rylands Aufmerksamkeit. Er positionierte sich neben Dan Biggers, der gegen seinen Truck lehnte.

»Luke?« Es klang überrascht.

»Hi. Die anderen sind Shopping machen. Ich dachte, ich schau’ mal vorbei... Alles in Ordnung?«

»Bestens«, nickte Biggers zurückhaltend. Er blickte Ryland an, als erwarte er, nun den wahren Grund für dessen Besuch zu erfahren.

Der Trucker-King zog ihn etwas abseits. »Die Polizisten suchten die nahe Umgebung ab, fanden aber keine Spuren der Angreifer mehr«, sagte er.

Biggers’ Misstrauen wuchs spürbar. »Und?«, fragte er.

»Du hast wirklich nicht erkannt, wer es auf dich abgesehen hatte?«

»Nein! Was soll die Frage?«

Ryland zuckte die Achseln, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Es ist nur... Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weil es mir selbst unsinnig erscheint, aber...«

»Spuck’s aus! Hör auf, um den heißen Brei herumzureden!« Biggers schien sich durch Rylands Verhalten persönlich angegriffen zu fühlen.

»Als wir nach Empfang deines Hilferufes zurückkehrten... sah ich einen fliehenden Schatten...«

»Einen? Ich sah ein halbes Dutzend, aber keiner war zu erkennen.« Biggers legte eine Spur Verachtung in seinen Ton.

»Meiner sah aus wie... Aber es ist absurd. Genauso gut könnte man bei uns in Amerika von einem Indianerüberfall sprechen, wenn ein Truck auf einsamer Wegstrecke attackiert wird. Trotzdem. Ich glaube, ich sah einen – Aborigine!«

»Du spinnst!«, sagte Biggers schroff. »Lass dir das Oberstübchen inspizieren. Frag mal hier – vielleicht haben sie das passende Werkzeug!«

»Kein Grund, gleich patzig zu werden.«

»Schon gut, aber allmählich hab’ ich die Faxen dicke«, knurrte Biggers. »Glaubst du, es war ein Vergnügen, was ich heute Nacht durchgemacht habe? Irgendwelche Spinner haben auf mich geschossen – das Resultat siehst du hier, und dabei hatte ich noch gottverdammtes Glück. Genauso gut hätte ich eine abbekommen können, und meine Birne ist nicht so leicht auswechselbar wie die paar Scheiben.«

»Wie Einschüsse sahen die Löcher meines Erachtens aber nicht aus. Ich wollte vor den Sheriffs nichts sagen, aber...«

»Jetzt reicht’s! Endgültig!«, blaffte Biggers. »Was hast du eigentlich vor? Willst du mir daraus, dass ich noch lebe, einen Strick drehen? Ich hab’ ja schon einiges erlebt, Mann, aber du bist die absolute Krönung!«

»Du hast also diesbezüglich nichts bemerkt?«

»Nein!«

Ryland hatte plötzlich ein sonderbares Gefühl der »Überschärfe«. Alle Sinneseindrücke traten lauter und stärker an ihn heran – dann folgte ein Schwindelgefühl, und er musste sich am Truck abstützen.

»Geh besser aus der Sonne, wenn du sie nicht verträgst«, warnte Biggers. Sie einigten sich darauf, dass er Ryland ein Taxi rief.

Der Trucker-King setzte sich, bis es eintraf, in den Schatten eines Flaschenbaumes.

 

 

17

»Ich rufe einen Arzt!«, sagte Pat, als er mit Glory vom Bummel zurückkehrte und Ryland bleich wie ein Laken auf dem Bett von dessen Zimmer fand. »Keine Widerrede!«

Die Tatsache, dass von Rylands Seite kein Widerstand kam, sagte mehr als viele Worte.

Die Reporterin des ATM stand besorgt dabei und nickte beipflichtend. »Ich kümmere mich darum.« Nachdem sie den Raum verlassen hatte, fragte Ryland mit gequältem Lächeln: »Was ist das?«

Pat hielt einen Packen in der Hand. »Die bisherigen Fotos.«

»Kann ich mal sehen?«

Er gab sie ihm, um ihn zu beschäftigen. Er hatte einen Kloß im Hals und das Gefühl, selbst kurz vor einem Infarkt zu stehen. Gleichzeitig meldeten sich Schuldgefühle, weil sie ihn allein gelassen hatten. Er hatte schon morgens nicht besonders gut ausgesehen.

Im Bad holte er ihm einen Zahnputzbecher voll Leitungswasser. »Hier, trink das, bis der Doc kommt.«

Ryland nahm ein paar Schlucke. Dann gab er das Glas an Pat zurück und begann, die Bilder durchzusehen. Auf seiner fahlen Stirn glitzerte Schweiß, obwohl das Zimmer dank einer Klimaanlage wohltemperiert war.

Pat betrachtete seinen Freund, als müsste er sich alles noch einmal genau einprägen, bevor... Die verrücktesten Gedanken zuckten ihm durch den Sinn – auch viele, deren er sich im selben Moment schämte.

Ryland schien es zu spüren, denn er murmelte: »Du brauchst noch keinen Kranz zu bestellen. Ich lebe noch. Das gibt sich wieder. Ich habe nur etwas viel Hitze abbekommen.« Ehe Pat nachfragen konnte, bei welcher Gelegenheit, fuhr Ryland zusammen, und sein Gesicht wurde noch käsiger.

Pat beugte sich ruckartig über ihn. »Was ist? – Verdammt, wo bleibt der Doc?«

Aber Rylands Reaktion hatte nichts mit einer jähen Verschlechterung seines Befindens zu tun – er war einfach nur an einer der Aufnahmen hängengeblieben, die Glory in der Nacht am Ort des Überfalls gemacht hatte.

Jetzt hob er das Bild hoch, drehte es und hielt es Pat so nah vor die Augen, dass dieser gar nichts sehen konnte. Zögernd nahm er es selbst in die Finger.

»Was ist damit?«

»Sieh’s dir genau an!«

»Der Truck. Sieht übel aus...«

»Nicht der Truck«, half Ryland. »Das Drumherum. Die Landschaft. Der Boden...«

Pat äugte schärfer, obwohl er in Gedanken immer noch mehr bei Rylands Gesundheit war.

»Was ist das?«, fragte er schließlich, als er fand, was Ryland offenkundig meinte.

»Rate mal.«

»Mir platzen gleich die Nerven. Dann können wir die Plätze tauschen.«

»Rate!«

»Ein...« Pat zögerte. »Bumerang?«

Ryland nickte und forderte das Bild zurück, als handele es sich um ein wichtiges Beweisstück.

»Und?«, fragte Pat.

Dann erfuhr er von Rylands »Ausflug«, und seine Laune verdüsterte sich wie ein Gewitterhimmel.

»Keine Vorwürfe!«, rief Ryland schnell. »Das verkrafte ich in meiner Verfassung nicht!«

»Du!« Pat suchte vergebens nach dem richtigen Ausdruck. »Wie konntest du bloß?«

»Er hat es geleugnet«, wurde er unterbrochen. »Zeig ihm das Bild und frag ihn, warum.«

»Als ob wir sonst keine Sorgen hätten.«

Es klopfte. Ehe sie antworten konnten, trat Glory in Begleitung eines seriös wirkenden Mannes ein, der sein Köfferchen schon im Näherkommen öffnete. Er stellte sich als Dr. Marger vor und schickte nach kurzem Blick auf Ryland alle anderen aus dem Zimmer.

Pat gehorchte widerwillig. Draußen auf dem Hotelflur merkte er, dass er immer noch die Bilder in der Hand hielt. Er gab sie an Glory weiter und sagte: »Hoffentlich hast du einen guten Arzt ausgesucht. Lang genug Zeit gelassen hast du dir ja.«

Glory sah offenbar, was mit ihm los war, und verzieh ihm. »Es war der einzige, der sofort kommen konnte. Ich habe mir erlaubt, ihm schon mal die Vorgeschichte zu erzählen. Ich fand es wichtig, dass er weiß, mit welchem Sturkopf er es zu tun bekommt.«

Pat nickte. »Das war richtig. Entschuldige...«

»Schon passiert.«

Dr. Marger ließ sich fast eine halbe Stunde Zeit, ehe er auf den Korridor hinaustrat. Seiner Miene war nichts abzulesen, aber seine Worte klangen recht optimistisch. »Sie können beruhigt sein«, sagte er. »Kein Infarkt, wie Sie befürchteten. Sein Kreislauf spielt ein bisschen verrückt. Ich gab ihm etwas zur Stabilisierung.«

»Muss er in ein Krankenhaus?«, fragte Pat mit trockener Kehle.

»Einstweilen nicht. Aber an eine Fortsetzung der Fahrt, wie Mrs. Palominoe sie mir schilderte, ist nur bei Selbstmordabsicht zu denken. Dieser Mann gehört unter das Messer eines erfahrenen Chirurgen.«

»Haben Sie ihm das gesagt?«, warf Pat ein.

»Deutlich!«, nickte Dr. Marger.

»Ist er flugtauglich?«, fragte Glory. »In die Staaten?«

Der Arzt überlegte kurz. »Nach ein paar Tagen Ruhe, und wenn er auf die Medikamente, die ich ihm verabreicht habe, wie erhofft anspricht... Ich werde täglich nach ihm sehen. Übrigens: Auch hier gibt es hervorragende Kliniken.«

»Das war’s dann wohl«, seufzte Pat, ohne auf die Nachbemerkung einzugehen. Er klang nicht enttäuscht, sondern als sei ihm eine Zentnerlast von der Seele geplumpst.

»Ich werde mit der Redaktion telefonieren«, sagte Glory.

»Und ich mit Mrs. Ryland«, nickte Pat. »Sie sollen drüben schon mal die Messer schärfen.«

 

 

18

Dan Biggers war zwischenzeitlich in »eigener Sache« tätig. Nachdem die Werkstatt eine kostspielige Schnellreparatur ausgeführt hatte, ließ er den Truck noch eine Weile dort stehen und telefonierte mit einem Mann im nördlichen Territorium. Die Tipps und Instruktionen, die er von ihm erhielt, waren von seltener Genauigkeit und führten ihn in einen Abrissbezirk von Kulgera. Die Stadt hatte nur knapp zehntausend Einwohner. Dennoch gab es auch hier »gute« Viertel und solche, die man selbst bei Tageslicht nur ungern betrat.

Dan Biggers fand den Laden ohne Probleme. Der Taxifahrer hatte ihm nach eingehender Musterung geholfen.

Lindsay Virgin, Antiquitäten, stand über dem Eingang. Selbst das Schild schien »antik«.

Ein nostalgisches Glockenspiel alarmierte den Geschäftsinhaber, als Biggers in den Mief uralter Möbelstücke, Lampen, Bilder, Bücherschwarten und anderen Dingen trat.

»Sie wünschen?«, fragte der hagere Mann, der wie ein Totengräber gekleidet war. Sein Gesicht hatte etwas Knetgummiähnliches und wirkte falsch modelliert. Schief. Auch die Pupillen standen ungleichmäßig auseinander, so dass der Blick des Mannes nicht zu fassen war.

Als Biggers’ Augen ein Schild mit Großbuchstaben hinter der Verkaufstheke ausmachten, musste er grinsen. Darauf wurde die »Annahme von Bestattungen« angeboten. Ob lukrativ oder nicht – ein zweites Standbein war dies allemal.

Biggers indes interessierte sich lediglich für das dritte Standbein, das der Besitzer nirgends erkennbar bewarb.

»Orkney schickt mich«, sagte er naserümpfend. Die Atmosphäre, die der Laden ausatmete, behagte ihm nicht. »Ich brauch’ etwas, um mich zu verteidigen. Gegen eine Übermacht...«

Lindsay Virgin blinzelte. Obwohl es nicht zu beweisen war, glaubte sich Biggers bis auf den Grund seiner rabenschwarzen Seele taxiert, ehe er Antwort erhielt.

»Kommen Sie mit. Ich habe alles, was Sie sich nur erträumen können.«

Der Trucker folgte ihm durch eine Zwischentür in die hinteren Räume, wo noch mehr Schrott lagerte. Virgin räumte ein paar besonders üble Stücke beiseite und legte eine Falltür frei.

Wenig später stiegen sie eine knarrende Eisentreppe nach unten. Mattes Licht erhellte ein Szenario wie aus einem Frankenstein-Film.

Wenn er mich jetzt noch nach meiner Blutgruppe fragt, dachte Biggers sarkastisch, passe ich.

 

 

19

San Antonio

Nach dem Anruf aus Kulgera saß Marilyn Ryland minutenlang starr im Sessel.

»Ich komme!«, hatte sie Pat gesagt. »Ich setze mich in die nächste Maschine und fliege zu euch.«

»Nein«, hatte er erwidert. »Wir setzen uns in die nächste Maschine, sobald er sich etwas erholt hat. Es tut mir leid, dass es so kommen musste.«

Sie hatte nichts erwidert. Sie wusste, dass er ein Wort von ihr erwartete, das sein eigenes Gewissen entlastete. Aber sie fühlte sich dazu nicht fähig. Immer noch kam sie sich vor wie ein Gepäckstück, das man in eine Ecke gestellt hatte, um nicht ständig darüber zu stolpern. Luke hatte sich für Pat entschieden, in einem Moment, als es darum ging, Farbe zu bekennen.

Sie hatte nicht gewusst, dass sie so nachtragend sein konnte.

Pat hatte sich am Telefon gewunden wie ein Aal, der bei lebendigem Leib aufgespießt worden war.

Marilyn rekapitulierte das Gespräch noch einmal und bemühte sich, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Ihre Pulsfrequenz bewegte sich in schwindelnden Höhen.

Schließlich wurde ihr klar, dass sie das, was sie erfahren hatte, nur aufarbeiten konnte, wenn sie mit jemand anderem sprach.

Und noch etwas wurde ihr klar: Sie würde nicht hier auf der Ranch geduldig abwarten können, bis ihr Mann und Pat mit einer Maschine aus Australien eintrafen. Sie musste etwas tun.

Sie beschloss, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, denn allein mochte sie die weite Reise nicht antreten.

Groß war die Enttäuschung, als sich unter Jims Anschluss nur eine zugeschaltete Automatenstimme meldete. Der Anrufbeantworter erzählte, dass Jim zur Zeit nicht zu Hause war, sondern mit Bob eine Fracht hinauf nach Houston erledigte.

Marilyn überwand sich und schilderte in knappen Sätzen, was sie von Pat erfahren hatte und nun zu tun beabsichtigte. Das Band verriet nicht, wann das »Thunder«-Team zurückkehren würde.

Nach dem Telefonat atmete sie tief durch.

Der Koffer, mit dem sie aus diesem Haus hatte fliehen wollen, stand noch gepackt bereit.

Sie informierte den Chefarzt des Medical Centers, in dem ihnen die Bypassoperation empfohlen worden war. Man versprach, sich für alle Eventualitäten einzurichten.

Dann buchte sie einen Flug mit Charteranschluss nach Alice Springs, der nächstgrößeren Stadt nahe Kulgera. Dort würde sie weitersehen, ob sie eine kleine Sportmaschine auftreiben oder die Reststrecke mit einem Leihwagen fortsetzen wollte.

Das war es, was Marilyn an Initiative entwickelte.

Sie ahnte nicht, dass sie so oder so zu spät kommen würde.

 

 

20

Kulgera

Die Stimmung war gedrückt, was niemanden wunderte.

»Ich habe mit der Redaktion gesprochen«, sagte Glory Palominoe. »Sie übernimmt alle bisher angefallenen Kosten, aber vermutlich nicht den Rückflug, falls besondere Maßnahmen erforderlich sind.«

»Du meinst ärztliche Betreuung?«, fragte Ryland vom Bett aus. Er saß aufrecht und hatte das Kopfkissen in den Rücken geschoben. »Keine Sorge. Wenn ich fliege, werde ich das auf meinen eigenen zwei Beinen tun – und selbst wenn man mich überführen müsste, die Dollars bringe ich noch selbst auf.«

»Siehst du wenigstens ein, was für ein Narr du warst?«, brummte Pat.

Ryland nickte. »Es tut mir leid, dass ich dir die Tour vermasselt habe. Du hattest dich so darauf gefreut.«

»Ich hatte ihm angeboten, dass er allein mit Dan weitermachen kann«, sagte Glory. »Aber ich verstehe, dass er abgelehnt hat.« Dennoch klang sie frustriert.

»Für euch beide tut es mir doppelt leid«, sagte Ryland.

»Für uns beide?«, echote Glory.

Ryland winkte nur ab.

»Ich werd’ dann aufbrechen«, sagte Dan Biggers und erhob sich von seinem Stuhl. Er gab sich verlegen, als er auf Glory Palominoe zuging und sagte: »War anständig von Ihren Leuten, Lady, dass mein Kontrakt unverändert erhalten bleibt. Ich muss mich sputen, um die Termine einzuhalten, die Sie mir vermittelt haben.«

Die ATM-Reporterin gab ihm die Hand, ohne bei der Sache zu sein.

Biggers wünschte Ryland gute Besserung und verabschiedete sich flink noch von ihm und Pat.

Als er draußen war, sagte Ryland: »Ich wüsste zu gern, ob er wirklich keine Ahnung hat, wer ihn überfallen hat.«

»Fängst du schon wieder an? Wenn du keine Vernunft annimmst, alarmiere ich Doc Marger, und er kann dir eine Spritze verpassen, die dich in Zwangserholung schickt!« Pat blickte, als zögere er nicht, ernst zu machen. Dann schwenkte er auf ein Thema, das seinerseits Ryland nicht schmeckte. »Ich habe mit Marilyn gesprochen!«

Rylands Miene blieb steinern. »Verräter!«, schnappte er bloß.

»Nimm’s, wie du willst. Hauptsache, du hast endlich Vernunft angenommen. Dann war es die Sache wert!«

»Ihr seid zwei Kindsköpfe«, schaltete sich Glory ein. »An mich denkt keiner. Immerhin werde ich als freie Mitarbeiterin des ATM nach Millimetern bei Abbildungen und Wortzahl bei Texten entlohnt. Mir ist eine hübsche Stange Geld flöten gegangen. Billy und ich werden in nächster Zeit ziemlich darben müssen.«

»Warum schreibst du nicht eine Räuberpistole über den Überfall auf Dan? So was lässt sich doch verkaufen«, meinte Pat in echter Besorgnis, Glory könnte ihretwegen finanzielle Einbußen erleiden. »Im Notfall kommt dieser Dickschädel«, er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf Ryland, »für alles auf! Ich werde persönlich dafür sorgen, dass dich der Scheck erreicht!«

»Schon gut«, besänftigte Glory. »Ich werde schon über die Runden kommen.«

»Es gäbe da eine Story, die ich sogar vorfinanzieren würde«, verriet Ryland von seinem Krankenlager aus.

Pat stöhnte. »Das kann nichts Gutes bedeuten. Der Kerl ist nicht nur lebensmüde – er kostet auch alle, die mit ihm zu tun haben, zehn Jahre ihres kostbaren Lebens!«

»Welche Story?«, fragte die Reporterin.

Wahrscheinlich wäre sie keine Reporterin gewesen, wenn sie den Köder verweigert hätte.

Ryland sagte es ihr.

Pat tippte sich an die Stirn. »Tocktock!«

Glory begann jedoch nachzudenken.

 

 

21

On the road again

Dan Biggers hatte die Fracht sausen lassen, die in Kulgera auf ihn gewartet hätte – entgegen den Aussagen, die er gegenüber Glory Palominoe und den beiden Amis gemacht hatte. Mehrere Container minderwertiges, opalhaltiges Gestein hätte er übernehmen sollen, um es zu einer Abraumhalde bei Alice Springs zu schaffen. Dort konnte man in einem komplizierten Aufbereitungsverfahren noch einiges aus dem normalerweise wertlosen Schutt herausholen.

Dan Biggers hatte darauf verzichtet. Weil er plötzlich ein Fracksausen bekommen hatte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Der nächtliche Überfall hatte traumatischere Nachwirkungen, als er zunächst geahnt hatte.

Nun fuhr er zwar denselben Trail, den er auch mit Pat und Luke benutzt hätte. Aber er wollte die Strecke bis Darwin ohne weitere Verzögerung bewältigen. Kein Aufenthalt mehr auf den nächsten tausend Meilen.

Nonstop durch die Hölle, dachte Dan Biggers, und das war – aus seiner Sicht und gemessen an dem, was er auf dem Kerbholz hatte – nicht einmal übertrieben.

Mehr als zwei Drittel der Reststrecke bewegten sich entweder durch oder nahe vorbei an Aborigine-Land. Der alte Stuart Highway, benannt nach seinem Entdecker John McDouall Stuart, der sich 1861/62 durch den Kontinent schlug, trug die offizielle Nummer 87. Er war eine durchgehend befestigte Asphaltschlange entlang der Reservate, die den Ureinwohnern nach langem Streit vom australischen Parlament zuerkannt und zurückgegeben worden waren. Auch der berühmte Ayers Rock, von den Aborigines Uluru genannt, befand sich inzwischen wieder unter Aborigine-Verwaltung. Zusammen mit anderen, von den Ureinwohnern mit den »Wondjinas«, den »Schöpferwesen«, in Zusammenhang gebrachten Monumenten. Heilige Plätze, die heute noch starke Verehrung erfuhren. Mehr vermutlich, als Dan Biggers oder ein anderer »Normalaustralier« sich überhaupt vorzustellen vermochten.

Die Zufallsauslosung des American Trucker Magazines war ihm wie ein Geschenk des Himmels in den Schoss gefallen. Ihm, dem ewigen Verlierer, der nach einem Jahrzehnt auf dem Bock keine Perspektive mehr für sich gesehen hatte.

Chris Cordray war eine Zufallsbekanntschaft in einer Melbourner Kneipe gewesen. Aber nachdem Biggers ihm von der Geschichte mit dem ATM erzählt hatte, war mehr daraus geworden. Viel mehr. Es war für Chris und die anderen leicht gewesen, ihn zu überreden, bei dem geplanten Coup mitzumachen.

Orkney, der Hehler in Darwin und Kopf des Ganzen, hatte ihm, nachdem Cordray ihn informierte, eine größere Summe Geld geboten, als der Trucker sonst in einem ganzen Jahr verdiente. Bei minimalem Risiko, wie Orkney betonte. Die »Drecksarbeit«, also den Bruch im Aborigine-Museum, erledigten andere. Er, Biggers, hatte nur seinen Truck zu einem bestimmten Termin bereithalten müssen – und dieser Termin war von der Ankunft der beiden »Gewinner« aus Amerika bestimmt worden. Der Raub der Heiligtümer, für die es speziell im Norden viele kunstbesessene und zahlungskräftige Abnehmer gab, würde einigen Wirbel auslösen – das war von Beginn an klar gewesen. Da auch ein besonders großer »Brocken« darunter war, wäre es auf normalem Weg fast unmöglich gewesen, ihn durch die Polizeikontrollen zu schleusen.

Orkneys Plan basierte darauf, dass Biggers’ Truck unter der »Schirmherrschaft« einer Zeitschrift keine große Belästigung seitens der Behörden zu fürchten hatte. Was sich auch bewahrheitet hatte. Aber dann war ein Faktor hinzugekommen, mit dem weder Orkney noch Biggers selbst auch nur im Traum gerechnet hatten.

Er fasste es immer noch nicht richtig, was er letzte Nacht erlebt hatte.

Aborigines auf dem Kriegspfad!

Eine aberwitzige Vorstellung, und doch...

Von Orkney hatte er am Telefon erfahren, dass Chris Cordray verhaftet und zunächst wieder gegen Kaution freigelassen worden war. Dann war etwas Unerklärliches zu Hause in dessen eigenen vier Wänden mit ihm geschehen – und nun befand er sich in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Durch die Presse geisterten Geschichten über angebliche rituelle Beschwörungen, die Cordray in seiner Wohnung abgehalten haben sollte. Aber weder der Hehler in Darwin noch Dan Biggers konnten sich dies vorstellen.

Seit dem, was Biggers am eigenen Leibe erfahren hatte, lag der Verdacht näher, dass auch Cordray von außer Hand und Band geratenen Aborigines heimgesucht worden war – vermutlich hatten sie von ihm überhaupt erst erfahren, wer noch in den Raub verwickelt war und wo sich ihre Heiligtümer jetzt befanden!

Aber wie hatten sie es herausgefunden, mit welchen Mitteln, und warum hatten sie der Polizei nicht einfach einen – zumindest anonymen – Tipp über den Verbleib der gestohlenen Gegenstände gegeben?

Warum nahmen sie die Angelegenheit selbst in die Hände?

Biggers hatte noch nie von einem vergleichbaren Fall gehört. Insgeheim weigerte er sich immer noch, daran zu glauben. Aber die Beweise waren erdrückend.

Man war ihm auf der Spur!

Cordray hatte geredet – und saß jetzt in einer Klapsmühle!

Was, zum Henker, hätten sie mit ihm angestellt, wenn die anderen seinen CB-Ruf nicht rechtzeitig aufgeschnappt hätten und zurückgekehrt wären?

Vielleicht verdankte er ihnen sein Leben.

Vielleicht...

Dan Biggers schüttelte oft den Kopf, während die nur für Touristen reizvolle, ansonsten eher eintönige Landschaft nahe des Uluru National Parks vorbeizog. Etwa 50 Meilen weit bewegte er sich durch »feindliches Gebiet«, wie er Aborigine-Land mittlerweile einstufte. Selbst bei Tageslicht und dem noch regen Verkehr hätte er sich hier ohne seine Artillerie, die er in Lindsay Virgins Laden erworben hatte, nicht durchgewagt. Zu frisch war noch die Erinnerung an den nächtlichen Spuk.

Als er das Gebiet um den Ayers Rock hinter sich gelassen hatte, atmete er unwillkürlich auf und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, der nichts mit der sengenden Hitze draußen zu tun hatte.

Während er den »Giant« immer weiter nordwärts lenkte, wurde ihm vollends bewusst, in welches Dilemma er sich fahrlässig manövriert hatte. Nur aus Gier nach dem schnellen Dollar. Gleichzeitig wurde ihm jedoch klar, dass es ein Zurück für ihn nicht mehr gab. Er würde die Sache durchziehen, auf welche Weise auch immer.

Beim nächsten Mal, sollten es die Aborigines noch einmal wagen, sich ihm in den Weg zu stellen, würde er seine Haut verteidigen. Er war gerüstet. Aber eigentlich rechnete er damit, einer solchen Konfrontation aus dem Weg gehen zu können, indem er einfach keinen Zwischenstopp mehr einlegte.

Die Tanks des »Giant« waren noch weit über die Hälfte gefüllt; damit würde er es bis nach Darwin schaffen. Und gegen die Müdigkeit gab es ja kleine bunte Pillen, die er wie viele Trucker-Kollegen für alle Eventualitäten bei sich trug.

Dennoch wuchs seine Unruhe mit jeder Stunde, die er der Dunkelheit näherrückte.

Insgeheim kalkulierte er ein, dass die Aborigines doch noch die Behörden einschalteten und ihnen Informationen zukommen ließen, die sie vermutlich von Chris Cordray erhalten hatten. Dann konnte jederzeit ein Patrol Car im Außenspiegel auftauchen, und was Dan Biggers dann tun würde, wusste er selbst noch nicht genau.

Aber es machte ihm Angst, sich selbst nicht gut genug zu kennen.

 

 

22

»Merkwürdig«, sagte Glory Palominoe.

Sie nahm mit Pat im Hotelrestaurant ein Abendessen ein. Ryland hatte sich einen Happen aufs Zimmer bringen lassen. Er war müde und wirkte immer noch böse angeschlagen. Pat hatte schon in Betracht gezogen, ihn doch in ein anständiges Krankenhaus zu verlegen, aber dagegen hatte Ryland vehement Einspruch erhoben.

»Lasst mir endlich meine Ruhe! Ich nehme eine Kleinigkeit zu mir und dann will ich schlafen! Morgen sieht die Welt wieder anders aus. Behandelt mich nicht wie ein Kleinkind, das die Windeln voll hat!«

»Was ist merkwürdig?«, fragte Pat abwesend.

»Ich erhielt vorhin einen Anruf. Dan Biggers hat die zugesagte Fracht nicht abgeholt. Dabei bedankte er sich doch noch extra, dass sich an unserer Abmachung für ihn nichts änderte.«

»Vielleicht bekam er kurzfristig ein lukrativeres Angebot.«

»Möglich. Ist aber nicht die feine Art, oder?«

Pat schüttelte den Kopf. »Er hätte wenigstens Bescheid geben können.«

Als sie sah, dass das Thema trotz allem eher beiläufigen Charakter für ihn hatte, sagte sie: »Wir werden uns vermutlich nicht wiedersehen.«

»Du kannst mich jederzeit in San Antonio besuchen. Ich würde mich freuen.«

Die Antwort kam eine Spur zu schnell.

Glory lächelte milde. »Du brauchst dir kein schlechtes Gewissen zu machen. Ich verstehe sehr gut. Wir haben beide unsere Lebensplanung im Kopf. Da ist kein Spielraum, alles noch einmal umzuwerfen und von vorn anzufangen.«

Jetzt betrachtete er sie mit wachen Augen. »Ist das deine ehrliche Ansicht?«, fragte er.

»Wir sind keine Backfische mehr, beide nicht«, nickte Glory. »Aber ich habe jede Minute mit dir genossen.«

»Das klingt ja nun wirklich verdammt nach Abschied...«

»Ich reise morgen früh ab«, sagte Glory.

»Dann ist das unser letzter Abend.«

»Unsere letzte Nacht, wenn du willst.«

»Dafür, dass wir keine Backfische mehr sind, sind wir noch ganz gut in Form«, sagte er. »Findest du nicht?«

»Großartig in Form«, lächelte sie. »Wenn das Gefühl stimmt, glaube ich nicht, dass man so etwas verlernt.«

»Wie Schwimmen.« Jetzt grinste auch Pat.

»Stopp!«, griff Glory ein. »Nicht übermütig werden!«

»Wie es dir beliebt.«

Arm in Arm verließen sie das Restaurant noch vor dem Dessert. Für den »Nachtisch« erklärte sich Glory zuständig.

 

 

23

Mit Einbruch der Dunkelheit hatte Dan Biggers die gebirgsreiche Strecke der Macdonnell Ranges hinter sich gelassen, deren höchste Erhebung, der Mount Zeil, knapp 1500 Meter aus zerklüfteter Landschaft aufragte.

Der »Giant« steuerte samt leerer Aufliegerlast den Ti Tree an, einen Ort, der nur aus Postamt, Tankstelle und Motel für Durchreisende zu bestehen schien. Einige wenige andere Bauten verloren sich im Hinterland und gehörten dem Augenschein nach überhaupt nicht mehr dazu.

Biggers rauschte mit dem alten Diamond-Reo-Modell ohne anzuhalten durch die Siedlung. Dass er dabei auf die vorgeschriebene Geschwindigkeit herunterbremste, lag in seinem eigenen Interesse. Er respektierte jedes Schild, denn er wollte nicht jetzt noch an einem simplen Verkehrsdelikt scheitern.

Die Scheinwerfer rissen eine Kulisse wie aus einem Mad-Max-Film aus der Düsternis. Überall rosteten, teils mehrfach aufeinandergestapelt, Autowracks vor sich hin. Reifenberge, schief im Wind baumelnde Werbeschriften, heruntergekommene Fassaden und trübes Licht hinter mottenzerfressenen Gardinen taten ein übriges, um die Atmosphäre einer Geisterstadt zu verstärken.

Es dauerte nur Sekunden, bis Biggers mit seinem Tross durch war. Aber es genügte, ihm die Einsamkeit, in der er sich hier bewegte, ungeschminkt vor Augen zu führen.

Von jetzt an konnte es passieren, dass er stundenlang keinem anderen Fahrzeug mehr begegnete. Er hatte diese Strecke schon häufiger bewältigt, und sie war schlimmer als eine Wüste. Selbst über CB kam kaum ein Lebenszeichen anderer Trucker herein, nur hin und wieder das Palaver von Ranchern, die im Outback abgeschnitten wie in einer Strafkolonie ihr Dasein fristeten.

Es war ein schlimmes Einsiedlerleben, selten von etwas Schönem unterbrochen. Wer hier heiratete, tat es selten aus Liebe, sondern ging ein reines Zweckbündnis ein. Funk und neuerdings Telefon waren die einzigen Möglichkeiten, soziale Bindungen anderswohin wenigstens einigermaßen aufrechtzuerhalten.

Selbst die Kinder kamen kaum raus. Sie trafen keinen annähernd Gleichaltrigen, wenn man von den eigenen Geschwistern absah. Die meisten Kinder absolvierten ihren Unterricht per Funk mit einer Lehrerin, die sie nie zu Gesicht bekamen und von der sie nur die Stimme kennenlernten. Einzige Abwechslung darüber hinaus waren die Besuche des Postflugzeugs alle vierzehn Tage.

Das Leben eines Nomaden, das Dan Biggers führte, hörte sich demgegenüber wie der schiere Luxus an. Und dennoch konnte er sich nichts Schöneres vorstellen, als endlich mit dem Trucking aufzuhören. Sein Traum war, sich mit etwas Geld im gemäßigten Neu-Südwales niederzulassen. Er fand, dass er kein wirklich schlechter Kerl war. Er hatte nur die Schnauze gestrichen voll von der ewigen Maloche. Als ehrlicher Mann würde er weiter schuften, bis er eines Tages aus den Pantinen kippte.

Als cleverer Mann konnte ihm Derartiges erspart bleiben.

Die Gedankenkette riss, als die Scheinwerfer einen Fremdkörper aus der Dunkelheit lösten.

Mitten auf der Fahrbahn saß ein weißbärtiger alter Aborigine-Krieger mit gekreuzten Beinen, auf denen er Speer und Schild abgelegt hatte.

Einfach weiterzufahren, den Mann zu überfahren, dazu fehlte dem Trucker doch das nötige Quäntchen Menschenverachtung. Ein Ausweichen auf das Gelände neben der Fahrbahn kam durch die schroffe Felsformation auch nicht in Frage – der Lebensmüde hatte seinen Platz mit Bedacht gewählt.

Biggers konnte nur bremsen oder weiterfahren.

Er hielt an und entwickelte hektische Aktivität. Eine Steinwurflänge trennte ihn noch von dem sehnigen Greis im Lendenschurz. Biggers misstraute der Situation jedoch zu recht und verriegelte erst einmal alle Türen. Dann hob er das automatische Gewehr unter dem Sitz hervor und lud durch.

Erst danach legte er eine Hand auf die Hupe und blendete die Scheinwerfer ein paarmal auf und ab. Sein Blick strich von dem bewegungslosen Alten nach links und rechts, ohne dass er etwas Verdächtiges bemerken konnte.

Das beruhigte ihn wenig.

Der Alte saß da wie in Stein gegossen. Nur das Barthaar zauste leicht im Nachtwind. Er reagierte weder auf das Gehupe noch auf die Lichtzeichen.

Biggers hatte den Motor in den Leerlauf geschaltet, um jederzeit wieder losfahren zu können. Nun kurbelte er vorsichtig die neue Seitenscheibe herunter und duckte sich dabei so weit nach hinten, dass er in den Schutz der Metallholme kam. Sein Adrenalinausstoß ließ ihn zittern, als er die Waffe durch den Spalt nach draußen bugsierte und in die Luft schoss.

»Verschwinde!«, schrie er heiser.

Nachdem auch darauf die Reaktion gleich Null war, wurde ihm allmählich doch mulmig zumute. Er zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen und wollte das Gewehr wieder hereinziehen, um die Fahrt versuchsweise doch fortzusetzen. Vielleicht nahm der komische Alte ja doch die Beine in die Hand, wenn er spürte, dass er mit keiner Gnade rechnen durfte.

Aber soweit kam es gar nicht.

Ehe Biggers den Arm wieder in der Kabine hatte, knallte etwas mit einer Wucht gegen seinen Oberarm, dass er den Knochen förmlich splittern zu hören glaubte.

Die Schmerzflut trieb ihm die Tränen in die Augen. Er konnte gar nicht anders, als die Finger zu spreizen und die Waffe fallenzulassen, seltsamerweise hörte er sie nicht irgendwo aufschlagen; als würde sie von unsichtbaren Händen aufgefangen.

Er trat die Kupplung durch und legte den Gang ein. Dann gab er, eine Hand am Lenkrad, Gas.

Der greisenhafte Krieger, den er einen Moment aus den Augen hatte lassen müssen, war verschwunden. Aber das war kein Grund zur Erleichterung. Stattdessen lag über die gesamte Breite der Fahrbahn ein Nagelbalken – ein dünner Baumstamm, aus dem alle paar Zentimeter spitze, fingerlange Metalldorne herausragten.

Biggers würgte den Motor vor Schreck ab.

Dann ging es wieder los.

Zum zweiten Mal binnen kürzester Frist barsten die Scheiben von allen Seiten. Wieder flogen Wurfhölzer herein; plumpe, steinharte Keulen, die nie geschaffen worden waren, um zurückzukehren. Das waren keine Bumerangs – das waren Totschläger!

Dan Biggers begriff endgültig, dass er sich geirrt hatte.

Zumindest für die Gespenster da draußen war das, was er zusammen mit Cordray und Orkney gedeichselt hatte, kein Kavaliersdelikt, sondern blutiger, tödlicher Ernst.

Der Trucker traute dem Hehler in Darwin zu, dass er als einziger vielleicht gewusst hatte, worauf sie sich einließen. Cordray mochte genauso ahnungslos hineingerasselt sein wie Biggers.

Aber danach fragte jetzt niemand mehr.

Für ihn ging es erneut ums blanke Überleben.

Vielleicht hätte es geholfen, wenn er den Schwarzen das überlassen hätte, was sie wollten – aber dann hätte er wieder einmal mit ganz leeren Händen dagestanden, und das wollte er einfach nicht mehr.

Dann lieber Krieg!

In Dan Biggers brachen in diesem Moment alle Dämme. Seine gesunde Hand schnappte erneut unter den Sitz und zog eine Tasche hervor, während der Schmerz wie ein tollwütiger Wolf in seinem anderen Arm die Zähne fletschte.

Er zerrte, ungeachtet des Glashagels, der auf ihn niederging, etwas hervor, das wirklich verdammt nach Krieg roch.

Nach Ein-Mann-Krieg!

Er, Dan Biggers, gegen den Rest der Welt!

Er zog den Bolzen mit den Zähnen aus dem Metallei, spuckte ihn aus und schleuderte das Ding aus dem Fenster.

Weit weg.

Noch ehe es hochging, hatte er schon die nächste Granate in den Fingern, hängte sich die Schlaufe der schwergewichtigen Tasche um den Hals und stieß die Wagentür auf.

Im Sprung warf er das zweite »Ei«.

Von irgendwoher klangen dumpf überraschte, ängstliche Laute. Er ging in die Hocke, riss eine Handfeuerwaffe aus der Tasche und richtete den Lauf unter das Fahrwerks des Trucks.

Er war felsenfest überzeugt, dass sie schon dort unten lauerten. In der Finsternis.

Er schoss mehrmals ins Blaue. Aber entweder irrte er sich, oder sie hatten bereits das Weite gesucht.

Das Sirren eines Wurfholzes warnte ihn rechtzeitig. Er ließ sich seitlich fallen. Über ihm prallte das Geschoss über die Außenhaut des »Giant«, schlitterte weg und verlor seine Gefährlichkeit.

Biggers hatte nicht gesehen, woher der Bumerang kam. Aber er schoss erneut um sich und warf die dritte Granate in hohem Bogen über die Fahrbahn hinweg ins Dunkel.

Einer der Splitter traf den eigenen Truck in die Flanke.

Biggers fluchte.

Aber danach war Ruhe.

Er wartete minutenlang, ehe er sich aufrichtete und vorsichtig mit einer Hand den Baumstamm aus dem Weg zerrte. Niemand hinderte ihn.

Er machte, dass er wieder auf den Bock kam, gab Vollgas und holperte in die Nacht.

Sein linker Arm war immer noch ganz lahm. Aber allmählich kehrte das Leben in ihn zurück. Ein gewaltiger Bluterguss pulsierte; gebrochen schien aber entgegen erster Annahme nichts zu sein.

Der Fahrtwind zerrte durch die offenen Scheiben an Dan Biggers, doch auch davon ließ er sich nicht aufhalten. Die Tasche mit der »Artillerie« hatte er zurück unter den Sitz gestopft. Nur den Revolver hatte er griffbereit im Gürtel behalten.

Während der Fahrt versorgte er sich notdürftig selbst und kam so die ersten Meilen gar nicht zum Überlegen.

Barrow Creek, die nächste ähnlich bescheidene Ortschaft nach Ti Tree, ließ er hinter sich, weil ihm dort niemand helfen konnte.

Im Morgengrauen erreichte er Tennant Creek mit immerhin knapp zehntausend Einwohnern und wenigstens einer akzeptablen Werkstatt.

Bis dahin hatte er nonstop hinter dem Steuer gesessen und Meile um Meile heruntergerissen. Er war so fertig mit sich und der Welt, dass er sich in den Sleeper zurückzog, während um ihn herum neue Scheiben eingesetzt wurden, die wie durch ein Wunder auf die Schnelle passend gemacht wurden, weil es Diamond-Reo-spezifische Ersatzteile ohnehin nirgends gab. Die Tasche mit dem »Kriegsgerät« versteckte er bei sich im Doghouse.

Dan Biggers’ Bewusstsein sackte weg wie ein Stein.

Als er endlich wachgerüttelt wurde, war es Mittag, und er fühlte sich kaputter als zuvor. Scheine wechselten den Besitzer; Fragen wurden nicht gestellt.

Dafür gab es Extra-Scheine.

Biggers’ linker Arm pulsierte, als wollte er abfallen.

Der Schmerz stach im Rhythmus seines Herzschlags bis weit unter die Schädeldecke und vertrieb auch das letzte bisschen Schlaftrunkenheit.

»Sie sehen schlecht aus, Mister«, verabschiedete ihn der Werkstattbesitzer.

Biggers verzog das Gesicht. Irgendwie erinnerte ihn der Satz an Luke Ryland.

Auch so ein Looser, dachte er, ohne zu ahnen, wie recht er damit hatte. Und wie viel Schuld er selbst daran trug.

 

 

24

Man hatte sie beraubt!

Man hatte die Schöpfung bestohlen!

Vier Schemen durcheilten die Nacht. Yondi war zufällig an der Spitze. Er war nicht der Anführer, sie waren gleichgestellt.

Yondi trug denselben Namen wie der legendäre Krieger, der einst mit einem Holzstab aus magischem Gewässer das Himmelsbett soweit hochgestemmt hatte, dass die Bewohner der Erde erstmals aufrecht zu gehen vermochten; der Stab hatte sich unter der Last gebogen, und nebenbei war damals der Bumerang erfunden worden.

Yondi dachte nicht an das Holz, das zurückkam, wenn es mit entsprechendem Zauber geschaffen wurde. Yondi dachte an die »Wondjinas«, die Schöpferwesen, und den Frevel, der an ihnen begangen worden war.

Stunde um Stunde bewegte er sich mit drei ausgesuchten Kriegern durch das wüstenhafte Land seiner Urväter. Tiefe Nacht verbarg ihre Wege. Über Kommunikationspfade, die der Zivilisation verborgen bleiben würden, hatten sie von dem misslungenen Hinterhalt erfahren.

Jetzt suchten sie eine andere Lösung.

Nicht mehr den direkten Weg, der Gewalt hieß und zweimal gescheitert war, sondern den Umweg, der vielleicht schneller ans Ziel führte.

»Went walkabout« hatten die Weißen die Fortbewegung der Aborigines übersetzt. In Ermangelung eines treffenderen Begriffes. Yondi und seine drei Mitstreiter eilten leichtfüßig dahin. Schattengleich. Sie legten keine Rast ein, und noch vor der Morgendämmerung trafen sie in den künstlichen Schluchten ein, die die Weißen mitten im Outback errichtet hatten. Häuser, die denen der Kompass-Termiten ähnelten, aber nichts von deren erdiger Natürlichkeit hatten. Diese hier waren Unterschlupf für Wesen, die nicht mehr im Einklang, sondern in ständigem Kampf mit der Natur standen. Wesen, die sich hinter Beton verschanzten – besonders des Nachts, um nicht mehr zur Rechenschaft gezogen zu werden für das, was sie mit ihrem aberwitzigen Streben anrichteten.

Aber selbst hier gab es Pfade, die Yondi und seine Begleiter fast unsichtbar machten. Denn auch dem Boden, aus dem die hässlichen Häuser wuchsen, wohnte die ursprüngliche Schöpfungskraft inne.

Yondi und seine Begleiter bewegten sich traumwandlerisch durch die Straßen. Ohne Rast. Ohne Hast.

Nonstop durch die Hölle der Weißen.

 

 

25

Der Trucker-King tat kein Auge zu. In dieser Nacht wälzte er Gedanken, die er – das spürte er – doch lieber Marilyn anvertraut hätte als seinem alten Streitgefährten Pat.

Die Nachttischlampe brannte, und ein paarmal war er drauf und dran gewesen, seine Frau anzurufen. Das Zimmertelefon erlaubte die Direktwahl ohne Vermittlung. Er hätte es jederzeit tun können. Aber er schob es auf.

Er wusste, dass Pat mit Marilyn gesprochen hatte.

Er kannte das Ergebnis nicht in allen Details, und er wollte es auch gar nicht wissen. Er machte sich Vorwürfe, dass er Bob überredet hatte, an dessen Stelle die gewonnene Australientour mit Pat zu unternehmen. Bob wäre in der »Rangfolge« näher gewesen, denn letztlich hatte er damals Pats halb ausgefüllten Teilnahmecoupon beim ATM eingeschickt.

Ryland hatte an Bobs Freundschaft appelliert – im Nachhinein kam er sich deshalb etwas schäbig vor, denn wenn ihm hier wirklich etwas zustieß, würde sich Bob bis ans Lebensende Vorwürfe machen.

Ich habe einigen Leuten, die mir viel bedeuten, übel mitgespielt, dachte Ryland in später Einsicht.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es nicht mehr lange bis zum Tagesanbruch war.

Welch eine Nacht!

Hundertmal hatte er sich von einer Seite auf die andere gedreht und versucht einzuschlafen, aber die innere Unruhe nicht überwinden können.

Er hatte den eigenen Tod noch nie so nahe gesehen wie in den letzten Wochen. Er hatte als besonnener Kämpfer den Ruf des »Trucker-Kings« erlangt. Vor den üblichen Gegnern hatte er sich nie gefürchtet. Aber diesen neuen Feind, der aus ihm selbst kam und ihm die Grenzen seines starken Willens aufgezeigt hatte... dieser Feind schien ihm übermächtig zu sein. Ihn vermochte er nicht zu handhaben mit seiner in all den Jahrzehnten erworbenen Erfahrung und Weitsicht. Dieser Feind machte ihn klein und verletzlich. Er demütigte ihn!

Ryland richtete sich im Bett auf.

Er glaubte, ein Geräusch an der Tür gehört zu haben. Vielleicht ein Spätheimkehrer, der an der Wand entlang streift, weil er sich sonst nicht mehr auf den Beinen halten kann, dachte er. Vielleicht Pat und...

Gott, er gönnte seinem Freund das Techtelmechtel mit Glory Palominoe, das stand gar nicht zur Debatte. Ryland fand es nur seltsam, dass er, während Pat seinen zweiten Frühling durchlebte, hier lag und von einem fremden Arzt zum Ausstieg aus der Trucking-Tour bewegt worden war, von der er sich soviel erhofft hatte. Einen letzten Kick. Die sentimentale Wiederbelebung längst vergangener Zeiten...

Da war das Geräusch wieder.

Und diesmal hätte Ryland geschworen, dass es im Zimmer erklungen war!

Er blickte zu den Vorhängen, die sich leicht bewegten, obwohl die Fenster dahinter geschlossen waren.

Vorsichtig stand er auf. Die Vorstellung, dass sich jemand (wie eigentlich?) hier drin vor ihm versteckte, war grotesk. Dennoch trieb es ihn auf die Stelle zu. Eine unerklärliche Spannung hatte ihn erfasst, und tief im Kern fragte er sich, ob dies nicht vielleicht schon Anzeichen waren, die darauf hindeuteten, dass er näher an der Schwelle des Todes stand, als Dr. Marger nach seiner Untersuchung diagnostiziert hatte.

Das »unentdeckte Land« hatte einmal jemand das Jenseits genannt.

Stand er nun kurz davor, auf »Entdeckungsreise« zu gehen?

Todesahnungen und tausend andere Gedankensplitter rasten auf dem kurzen Weg zum Fenster durch seinen Kopf.

Er dachte sich schon nichts mehr dabei, als er den Vorhang mechanisch zurückzog. Aber dann erkannte er, dass seine Wahrnehmungen durchaus noch realer Natur waren. Viel wirklicher, als es ihm recht sein konnte.

Die Gestalt hinter dem Tuch wurde ins Licht gezerrt.

Eine Sekunde lang starrte Ryland in ein Gesicht, das aussah, als trennten es Jahrtausende von seinem eigenen.

Er erkannte auch noch die erhobene, mit unverständlichen Kritzeleien bemalte Keule, die im nächsten Moment auf seinen Schädel niederfuhr, als wollte sie ihn spalten.

 

 

26

San Antonio, Texas

»Einmal nicht da, und schon läuft alles aus dem Ruder!«, seufzte Jim Sherman. »Erklär mir, warum sie nicht warten konnte! Erklär mir, was das soll!«

Bob Washburn, unter Freunden kurz und bündig »Bob« genannt, legte seine dunkle Hand auf den Anrufbeantworter und drückte erneut die Wiedergabetaste Noch einmal erklang Marilyns Stimme durch das Wohnzimmer von Jims Selfmade-Villa.

»Luke geht es dreckig. Pat hat angerufen. Ich glaube, er ist jetzt reif für den OP. Ich fliege mit der nächsten Maschine zu den Aussies. Luke liegt in einem Hotel in Kulgera, genau an der Grenze zwischen Süd- und Nord-Territorium. Viel mehr weiß ich auch nicht. Ich melde mich, sobald ich mit ihm gesprochen habe. Gib bitte Carla Sue Bescheid.«

»Sie liebt ihn«, sagte Bob schlicht. »Er macht es ihr nicht immer leicht – aber sie liebt ihn.«

Sie waren gerade von ihrem Kurztrip nach Houston zurückgekehrt und hatten sich auf einen Kaffee zusammensetzen wollen. Daraus wurde jetzt nichts mehr.

»Es geht ihm schlecht«, murmelte Jim. »Verdammt, hoffentlich ruft sie bald an...«

»Frag mal, wann sie weg ist, welchen Flug sie genommen hat«, schlug Bob vor.

Jim telefonierte mit der Ranch. »Dann könnte sie jetzt gerade gelandet sein«, stellte Bob eine Überschlagsrechnung auf.

Jim telefonierte mit Carla Sue, die aus allen Wolken fiel.

»Warum hat sie mich nicht selbst angerufen?«, fragte sie harsch.

»Sie war völlig durcheinander. Vermutlich wollte sie mit keinem sprechen und war froh, sich dem Anrufbeantworter anvertrauen zu können. Der stellt wenigstens keine Fragen.«

Zufrieden schien Rylands Tochter, gleichzeitig Jims Ex-Frau, nicht. »Und was tun wir jetzt?«

»Warten«, sagte Jim. »Wir warten!«

Details

Seiten
432
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939613
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v544508
Schlagworte
action band romane trucks vier

Autoren

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Titel: TRUCKS & ACTION - Vier Romane in einem Band