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Heiliger Zorn und heilige Liebe

2020 257 Seiten

Leseprobe

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Heiliger Zorn und heilige Liebe

Copyright

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Heiliger Zorn und heilige Liebe

Roman von Karl Plepelits

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 257 Taschenbuchseiten.

 

Dieser historische Roman eines Altertumswissenschaftlers (Spezialgebiete: Romane der griechischen Antike und Kirchenväterkunde) gewährt einen authentischen und realistischen Blick in die Welt des Urchristentums

– authentisch, weil auf dem Neuen Testament und den Schriften der Apostolischen Väter (in eigener, wörtlicher Übersetzung) beruhend

–  realistisch, weil gezeigt wird, dass die Urchristen keineswegs so ideale Christen waren, wie sie immer dargestellt werden, sondern Menschen waren wie du und ich

– und dass die vielbeklagte Leibfeindlichkeit des Christentums nicht erst 400 Jahre später mit Augustinus beginnt, sondern schon und gerade im Urchristentum einen ersten Höhepunkt erlebt.

Sie konnte zu menschlichen Tragödien führen wie jener unseres jungen, leidenschaftlichen Liebespaares, das durch konsequente Befolgung der Lehren Jesu in unfassbares Unglück stürzt. 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach einem Motiv von Anselm Feuerbach mit Steve Mayer, 2020

IN ALTER DEUTSCHER RECHTSCHREIBUNG

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

O Gott, warum hast du mich verlassen? O ihr Götter, warum habt ihr mich verlassen?

Ein elender Wurm, ein lebender Leichnam, von Gott, von allen Göttern verlassen, sitze ich hier in Einsamkeit, in Modergeruch, in ewiger Finsternis und trauere meinem verlorenen Leben, meinem verlorenen Glück, meiner verlorenen Liebe nach. Die Liebe selbst, sie ist mir fremd geworden. Und darum bin ich, ein angeblich Lebender, in Wahrheit tot.

Leben. Was bedeutet leben im tiefsten Sinn des Wortes? Nicht einfach noch nicht gestorben sein oder gar dahinvegetieren nach Art der Würmer oder Gänseblümchen. Es bedeutet lieben und geliebt werden, nicht nur so, wie es diese neue Religion, das Christentum, lehrt, sondern auch, wie Eros will und wie Platon es begründet:

Jeder von uns ist die Hälfte eines Menschen, weil wir von Zeus in zwei Hälften zerschnitten worden sind, weil aus einem zwei geworden sind. Daher sehnt sich ein jeder nach seiner anderen Hälfte. Sobald man ihr begegnet, sind die beiden vor Liebe und Vertrautheit und Verlangen auf wunderbare Weise regelrecht von Sinnen und wollen auch für kurze Zeit sozusagen nicht mehr voneinander lassen, sondern würden am liebsten zusammenwachsen, sodass sie aus zweien eins werden und, wenn sie sterben, auch dort im Hades nicht zwei, sondern nur eins sind. Dafür ist eben das der Grund, dass dies unsere ursprüngliche Natur war und wir ganz waren. Und das Verlangen nach dem Ganzen heißt Liebe.

Und welche Art von Liebe predigt Jesus von Nazareth, der Gründer des Christentums?

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Dies ist das größte und erste Gebot. Ein zweites, ebenso groß: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Er verheißt seinen Gläubigen ewiges Glück im Reich Gottes, lehrt jedoch zugleich Folgendes:

Es gibt Eunuchen, die aus dem Mutterleib so geboren worden sind, und es gibt Eunuchen, die von den Menschen zu Eunuchen gemacht worden sind, und es gibt Eunuchen, die um des Himmelreiches willen sich selbst zu Eunuchen gemacht haben. Wer es fassen kann, der fasse es.

Oh, es ist nicht schwer zu fassen: So gewinnt der Mensch ewiges Leben und ewiges Glück im Reich Gottes. Nur wird jenes Glück mit bitterstem Unglück im ohnedies so kurzen irdischen Leben erkauft. Ich kann es nämlich bezeugen.

Wie sprach Jesus, ehe er das Haupt neigte und seinen Geist aufgab?

Es ist vollbracht.

Ja, es ist vollbracht. Ein elender Wurm, ein lebender Leichnam, von Gott, von allen Göttern verlassen, sitze ich hier in Einsamkeit, in Modergeruch, in ewiger Finsternis, und trauere meinem verlorenen Leben, meinem verlorenen Glück, meiner verlorenen Liebe nach. Aufrecht hält mich allein die Erinnerung an eine bessere Zeit, als ich lebte, als ich glücklich war, als ich liebte und geliebt wurde. Und damit mich die Erinnerung daran auch weiterhin aufrecht hält, will ich diesem Papyrus die Geschichte meines Lebens anvertrauen. Mein Schreibrohr soll die süße Erinnerung festhalten und mir so einigen Trost in meinem Elend verschaffen.

Denn stärker als der Tod ist die Liebe.

 

 

2

Liebes Schreibrohr, wo beginnen wir? Wollen wir mit jenem Tag beginnen, an dem sich das Rad meines Schicksals in Bewegung setzte? Ja? Also gut.

Ich saß in der Badewanne des Heilbades und wartete auf meinen Arzt. Vor der Wanne stand ein sichtlich nervöses Bürschchen, noch jünger als das Bürschchen in der Badewanne, und erklärte ohne auch nur den Ansatz eines Schmunzelns, er müsse meine unsterbliche Seele retten. Er könne nicht zulassen, dass ich, sollte ich plötzlich sterben, zu ewigem Feuer verdammt werde. Er werde mich daher jetzt untertauchen.

Hätte er mir mehr Zeit gelassen, um den Sinn seiner Worte zu erfassen, jenes groteske Missverständnis, das uns bevorstand, hätte leicht vermieden werden können. So aber dachte ich, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Noch dazu begann er ohne jeden Übergang Unverständliches zu murmeln mit einer Stimme, die an eine Beschwörung der Unterweltgottheiten denken lassen musste. In meiner Verwirrung verstand ich nur „Satan“ und „jeder böse Geist“. Dann hörte ich ihn laut und deutlich deklamieren: „Ich tauche dich unter im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Und schon drückte er meinen Kopf unter Wasser. Todesangst überkam mich. In wilder Panik verschluckte ich mich, begann um mich zu schlagen. Kaum hatte ich den Kopf aus dem Wasser und mich freigehustet, stimmte ich ein wütendes Geheul an. Er versuchte mir den Mund zuzuhalten. Es entbrannte eine wilde Schlägerei. Er landete in der Badewanne. Nun tauchte ich ihn unter, wenn auch ohne fromme Beschwörungsformeln. Das Wasser in der Wanne färbte sich rot. Ich ließ ihn wieder los. Er stimmte ein wütendes Geheul an.

Soll jetzt ich ihm den Mund zuhalten? Verdammt, von draußen sind schon aufgeregte Stimmen und eilige Schritte zu hören. Was soll ich tun?

Nichts konnte ich mehr tun. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen. Mit allen Anzeichen der Bestürzung kamen Leute hereingestürzt.

Und dann stand plötzlich wie ein rächender Engel mein Arzt vor uns.

 

 

3

Aber, mein liebes Schreibrohr, hat sich denn das Rad meines Schicksals nicht schon ein wenig früher in Bewegung gesetzt, nämlich mit meiner schicksalhaften Reise von meiner Vaterstadt Ephesos nach Hierapolis, wo ich meiner anderen Hälfte begegnen sollte?

Natürlich. So haben es die Schicksalsgöttinnen gefügt.

Und warum begab ich mich auf diese Reise?

Antwort: Der vielgerühmten Heilquellen von Hierapolis wegen.

Und wer hat mich nach Hierapolis geschickt?

Antwort: Die Schicksalsgöttinnen. Sie planten, im Heilbad von Hierapolis jene groteske Schlacht in der Badewanne zu inszenieren. Und: Didymos, mein bester Freund, Sohn reicher Eltern, die nie Bedenken hatten, das Füllhorn ihres Reichtums über ihn auszugießen. Und da, wie das Sprichwort sagt, Freunden alles gemeinsam ist, durfte ich am Inhalt dieses Füllhorns häufig mitnaschen.

Meine Eltern hätten es sich niemals leisten können, mich zur ärztlichen Behandlung nach Hierapolis zu schicken. Didymos oder seine Eltern konnten es sich leisten. Sie ließen mich von einem Arzt untersuchen und befolgten unverzüglich dessen Rat, mich dorthin zu einer Kur zu schicken.

Dass mir eine Kur gut tun würde, war ein zwar höchst bedauerliches, aber unbestreitbares Faktum. Mit meiner Gesundheit stand es schon seit geraumer Zeit nicht mehr zum Besten. Statt mit Didymos und meinen übrigen Schulkameraden am Unterricht im Gymnasion teilzunehmen, sah ich mich gezwungen, das Bett zu hüten. Und das bekümmerte Didymos nicht weniger als mich selbst. Denn meine Krankheit beraubte alle beide göttlicher Freuden.

Zu zweit, in der Gemeinschaft, fällt den Menschen, zumal jungen, vieles leichter.

 

 

4

Ach, mein liebes Schreibrohr, ich fürchte, wir müssen noch viel weiter in die Vergangenheit zurückgehen. Genaugenommen begann sich das Schicksalsrad ja schon zu drehen, als ich gemeinsam mit Didymos jene göttlichen Freuden kennenlernte. Das war zwei Jahre früher, bald, nachdem wir die Schule unseres Lehrers Timon abgeschlossen hatten und ins Gymnasion eingetreten waren.

Müßig und gelangweilt schlenderten wir gerade durch die Straßen von Ephesos, ich und Didymos. Da blieb er stehen, fasste mich am Arm, zeigte mit dem Kopf auf das Haus vor uns und sagte mit bedeutsamer Miene und geheimnisvoller Stimme: „Du, Hippias, weißt du, wer hier wohnt?“

Verwundert schüttelte ich den Kopf.

Perikleia.“

Eine Tante von dir?“

Didymos lachte, als wäre meine Frage ein gelungener Scherz.

Keine Tante. Sondern unsere Gespielin (Hetäre), ich meine, unsere künftige Gespielin. Wollen wir sie besuchen?“

Und ernster werdend: „Du weißt, heute habe ich Geburtstag, bin fünfzehn geworden. Du wirst es in Kürze. Wir sind jetzt keine Kinder mehr, sollten also endlich aufhören, uns gegenseitig anzuspritzen oder ähnliche dumme Spielchen zu spielen, und anfangen, Gott Eros zu ehren. Am Geburtstag hat doch jeder einen Wunsch frei. Na, wirst du fragen, und was wünschst du dir? Hör zu. Mein Wunsch lautet: Ich will Gott Eros ehren. Ja, aber was hilft’s, wenn ich mich allein nicht traue? Und was folgt daraus? Dass du mir beistehen wirst. Perikleia soll uns beide in die Mysterien des Eros und der Aphrodite einweihen.“

Und ehe ich noch etwas erwidern konnte, bugsierte er mich zum Eingangstor. Zwar spürte ich nur allzu deutlich, wie seine Hand zitterte. Aber mit mir zusammen traute er sich, den Türklopfer zu betätigen, traute sich zu verlangen, dass man uns zu Perikleia führe, und traute sich, sie zu bitten, uns in die Mysterien des Eros einzuweihen.

Perikleia war freundlich, verständnisvoll, zartfühlend. Mit Hilfe etlicher Becher Wein nahm sie uns Angst und Unsicherheit. Nach und nach entkleidete sie uns und auch sich selbst und bereitete uns göttliche, bisher ungeahnte Freuden, indem sie beide einweihte, zuerst (auf Didymos’ Wunsch und unter seinen Augen) mich, danach ihn selbst. Mich ließ er freilich nicht zuschauen.

Trotzdem war ich ihm unendlich dankbar. Denn Perikleia hatte mich zum Mann gemacht. Ich fühlte mich wie ein Schmetterling, der soeben aus seiner Puppe geschlüpft ist. Vorher hatte ich, wie die Puppe eines Schmetterlings, geschlummert, vegetiert, geträumt. Nun war ich erwacht und sah die Welt mit den Augen eines Erwachsenen.

Genauso empfand es Didymos.

 

 

5

Von nun an spendete uns Perikleia diese göttlichen Freuden, so oft es möglich war, und bald hatte Didymos sogar den Mut, mich zuschauen zu lassen, während sie ihn beglückte. Aber zuletzt musste ich ihn zu meinem größten Bedauern enttäuschen. Eine rätselhafte Krankheit war über mich gekommen. Heilung war, so schien es, keine in Sicht.

Und hier zeigte sich so richtig, was für ein fabelhafter Freund er war. Ein anderer hätte sich an seiner Stelle einen Ersatz für mich gesucht oder wäre vielleicht sogar über seinen Schatten gesprungen und allein zu Perikleia gegangen.

Nicht so Didymos.

Eines Morgens kam er an mein Krankenlager, gefolgt von seinem Milchbruder und Sklaven Epaphras und meinen aufgeregt gestikulierenden Eltern, und verkündete mit strahlender Miene, mit mir werde es bald wieder aufwärts gehen, denn er werde mich nach Hierapolis zu den von meinem Arzt empfohlenen Heilquellen bringen. Unter lebhafter Anteilnahme aller meiner Hausgenossen trugen mich die beiden hinaus und verfrachteten mich in einen vor dem Haus wartenden Wagen, keinen gewöhnlichen Wagen, wohlgemerkt, sondern einen luxuriösen Schlafwagen.

Nun erst erfuhr ich Genaueres über diese überraschende Wendung der Dinge. Didymos hatte mit seinen Eltern über mich und meine Krankheit gesprochen und dabei erwähnt, dass mein Arzt als bestes und vielleicht sogar einziges Mittel der Heilung die Quellen von Hierapolis genannt habe, und sie hatten ihn spontan aufgefordert, mich schnellstens zu ihrer Gastfreundin in Hierapolis zu bringen, einer Weinhändlerin namens Ino, ihrer Geschäftspartnerin.

Apropos.“ Didymos schmunzelte geheimnisvoll, griff nach einer Ledertasche, entnahm ihr einen prall gefüllten Beutel, schwenkte ihn vor meinen Augen. „Bekommt Ino. Für dich. Sollte für deine ärztliche Behandlung leicht reichen.“

Hierauf berichtete er mir ausführlicher von Ino – sie sei Witwe und habe einen Sohn - und schwärmte mir von den Schönheiten ihrer Stadt vor, den schneeweißen Felsen mit den terrassenförmig übereinander angeordneten warmen Seen und den zahllosen Wasserfällen, einem beispiellosen Wunder der Natur.

Als er nichts mehr über Hierapolis zu erzählen wusste, begann er mit mir über die Schule zu plaudern und versetzte mich in höchstes Erstaunen, als die Rede auf unseren früheren Lehrer Timon kam.

Du, Hippias, erinnerst du dich noch an die Helena?“

Meinst du Timons Tochter, unsere Mitschülerin?“

Freilich.“

So eine Schmächtige, Blasse, Stille?“

Genau die meine ich. Mit was für bewundernden Blicken sie dich immer angesehen hat! Daran habe ich gerade denken müssen.“

Was sagst du da? Mich?“

Genau. Dich.“

Ist mir nie aufgefallen. Dabei war ich bis über beide Ohren verliebt in sie, hätte mich aber nie getraut ... Mit bewundernden Blicken?“

Wenn ich’s dir sage.“

Aber damals hast du nichts gesagt.“

Klar. Ich war ja eifersüchtig.“

Was? Du auf mich? Dass ich nicht lache.“

Du kannst ruhig lachen. Wir waren ja noch Kinder, wussten nichts von Eros, nichts von Aphrodite.“

Du meinst, ich war noch ein Kind. Du warst offenbar schon weiter als ich. Sonst wärst du nicht auf mich eifersüchtig gewesen. Du hast ihre bewundernden Blicke bemerkt. Ich nicht. Falls das stimmt, was du sagst.“

Klar stimmt das. Mich hat sie nie so angesehen wie dich. Das hat mich ganz schön bedrückt und meine Eifersucht erregt. Was mag wohl aus ihr geworden sein? Ich habe sie schon so lang nicht mehr gesehen. Du?“

Nein. Ihren Vater übrigens auch nicht.“

Hier versickerte unser Gespräch wie das Wasser einer Meereswoge im Sand, und ich begann über das soeben Gehörte nachzugrübeln. Dass mich eine Mitschülerin, noch dazu die Helena, immer mit bewundernden Blicken angesehen habe – kein Gedanke wäre mir ferner gelegen. Ich konnte es kaum glauben. Schließlich war ich überzeugt, vielleicht nicht gerade hässlich, aber jedenfalls für Mädchenaugen völlig uninteressant zu sein. Und dass Didymos Helena verehrt habe und auf mich eifersüchtig gewesen sei, weil er keinen Anklang fand - nun, das erschien mir vollends unbegreiflich.

 

 

6

Endlich: Ankunft in Hierapolis. (Und wie genau ich mich an alles erinnere, was nun folgt. Als hätte es sich erst gestern zugetragen. Ist das wirklich schon so lange her?)

Der Kutscher springt ab, Didymos und Epaphras steigen aus.

Theatralische Begrüßungsszene. Amüsiertes Publikum, bestehend aus mir und einer Gruppe kichernder Kinder. Täusche ich mich, oder habe ich eines von ihnen, ein kleines Mädchen, schon einmal gesehen? Nein, völlig ausgeschlossen.

Schüchtern grinsend, kommen zwei kräftig gebaute Kerle auf den Wagen zu, heben mich behutsam heraus, tragen mich, gefolgt von Didymos und Epaphras, ins Haus. In einer mosaikgeschmückten Latrine erfüllen wir, alle drei, die Gebote der Natur. In einem hübschen Zimmer werde ich abgeladen, entkleidet, einer Art von Katzenwäsche unterzogen. Danach streifen mir meine Träger eine Nachttunika über, stecken mich in ein sichtlich frisch gemachtes Bett. Sobald ihr Werk vollbracht ist, werfen sie mir ein freundliches Lächeln zu und lassen uns allein.

Doch auch Didymos erklärt, mich jetzt allein lassen zu müssen. Und schon morgen Früh solle er zusammen mit Epaphras die Rückreise antreten. Ich müsse mir aber keine Sorgen machen. Es werde stets jemand bei mir Krankenwache halten, bis ich zur Gänze wiederhergestellt sei. Dies habe man ihm fest versprochen.

Und jetzt werden wir im Triklinium zum Abendessen erwartet. Dir selber ...“

Was mit mir selbst geschehen soll, verrät er mir aber nicht. Denn genau in diesem Augenblick klopft es zaghaft. Die Tür geht auf, und herein kommt eben jenes kleine Mädchen, über das ich mir vorhin so den Kopf zerbrochen habe. Aber sie kommt nicht allein. Hinter ihr folgt, verschämt lächelnd und ein großes Tablett in den Händen haltend – mir stockt der Atem, das Herz steht mir still – hinter ihr folgt unsere frühere Mitschülerin Helena, über die wir doch erst kürzlich gesprochen haben, sichtlich gewachsen an Größe und Schönheit. Und jetzt weiß ich auch, dass ich mich nicht getäuscht habe. Das kleine Mädchen ist Helenas Schwester. Sie kam des Öfteren mit ihr in den Unterricht und saß dann jedes Mal wie ein Püppchen neben ihr und machte keinen Mucks.

Helena selbst ist in der Tür stehen geblieben und scheint plötzlich wie durch den Anblick des Gorgonenhauptes in eine Marmorstatue verwandelt. Die Wangen lieblich gerötet, starrt sie uns an, als wären wir zwei Götter, die unvermutet vom Olymp herabgestiegen sind.

Ebenso reiße ich die Augen auf. Denn mir ist unvermutet eine Göttin des Olymps erschienen.

Didymos weiß als Einziger, was sich gehört, und sagt frisch und fröhlich: „Ja, guten Abend, ihr zwei Hübschen. Kennen wir uns nicht?“

Helena bleibt stumm und gleicht der Statue einer Göttin. Die Kleine aber ruft mit übermütiger Stimme: „He, bist du nicht der Didymos?“ Und zu mir gewandt, wesentlich leiser: „Und du, bist du nicht der Hippias? Aber warum im Bett? Bist du krank?“

Und nun geschieht ein großes Wunder. Die Statue einer Göttin bewegt den Kopf, schüttelt ihn, öffnet den Mund, beginnt zu sprechen.

Ich fasse es nicht. Ihr seid die Gastfreunde aus Ephesos? Und du bist der Kranke, der die Heilquellen braucht? Ich soll dir nämlich das Abendessen bringen.“

Ja, wohnt ihr denn jetzt hier?“, sage ich anstelle einer Begrüßung.

Freilich“, kräht die Kleine. „Und Papa und Mama auch.“

Ah“, so Didymos, „darum haben wir uns schon so lang nicht mehr gesehen. Das habe ich nämlich sehr bedauert.“

Und er blickt Helena vielsagend an.

Sie blickt mich an. „Aber ich stehe da, als hätte mich der Blitz getroffen. Ich muss dich ja füttern. Heliodora wird mir helfen.“

Ja, ja“, so die Kleine. „Denn Hippias ist hungrig, und wir werden ihm zu essen geben. Er ist durstig, und wir werden ihm zu trinken geben. Er ist krank, und wir werden ihn besuchen.“

Und Helena, zu Didymos und Epaphras gewandt: „Und ihr sollt schnell ins Triklinium. Das Abendessen wartet.“

 

 

7

So verließen uns Didymos und Epaphras, Didymos mit sichtlichem Bedauern. Helena blickte mich von neuem an, errötete von neuem. Ein bewundernder Blick?

Sie gab sich einen Ruck, deponierte das Tablett mit meinem Abendessen auf einem runden Tischchen, begann mich schweigend zu füttern und mir Wein einzuflößen, und ich spürte deutlich, wie mir die rührende Art ihrer Bemühungen, wie mir allein schon ihre Nähe das Herz schneller schlagen ließ.

Während sie danach das Tablett hinaustrug, blieb die Kleine da und wandte keinen Blick von mir. Offenbar hatte man ihr eingeschärft, gut auf mich aufzupassen. Nach anfänglichem Zögern begann sie mich mit ihrem kindlichen Geplapper zu unterhalten, zählte mir die Namen ihrer Freundinnen und Freunde auf. Und nach einigem Zögern: „Einen geistlichen Freund habe ich auch. Er heißt Jesus.“

Geistlicher Freund? Was ist denn das?“, warf ich ein.

Sie verzog den Mund. „Ach, das ist einer, der nicht mit mir spielt. Er wohnt nämlich im Himmel. Zu ihm kann ich nur beten. Aber das ist so langweilig. Du bist eh nicht böse?“

Warum sollte ich denn böse sein?“

Na ja, weil ... Weißt du, Philippos wird furchtbar böse, wenn man so etwas sagt.“

Philippos? Wer ist das?“

Und weißt du eigentlich, was Helena ist?“

Hm?“

Jungfräuliche Braut von Jesus. Bist du das auch?“

Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. Ehe ich aber meine unbeantwortete Frage wiederholen konnte, kam Helena, beladen mit mehreren Decken, zurück, breitete sie neben meinem Bett auf dem Fußboden aus und erklärte, sie werde bei mir nächtliche Krankenwache halten. Von den anderen sei niemand dazu bereit gewesen, und da habe sie gesagt, sie mache das schon; Heliodora werde ihr Gesellschaft leisten. Und da seien sie alle einverstanden und wahrscheinlich sogar ausgesprochen erleichtert gewesen.

Wieder war ich aufs Äußerste gerührt, suchte aber abzuwehren. Das sei doch viel zu unbequem und außerdem gar nicht nötig; so krank sei ich nun auch wieder nicht.

Tatsächlich fühlte ich mich durch Helenas liebevolle Fürsorge schon deutlich wohler. Sie ließ sich aber von ihrem Vorhaben nicht abbringen und schickte ihre Schwester unverzüglich schlafen.

Und du bleibst wach?“, sagte diese.

Ich werde versuchen, wach zu bleiben und auf Hippias aufzupassen. Höchstens, dass ich einmal einnicken werde. Aber nur kurz.“

Und dann wirst du mich wecken, und ich werde auf ihn aufpassen. Ja?“

Schmunzelnd versprach es Helena, wenn auch, so fand ich, nicht ganz überzeugend. Klein-Heliodora aber war’s zufrieden und legte sich schlafen, freilich nicht, ohne zuvor den unter meinem Bett verstauten Nachttopf zu benutzen.

 

 

8

Um die Kleine einschlafen zu lassen, bewahrten wir, ich und Helena, einträchtig tiefes Schweigen. Und als ich dachte, sie schlafe schon tief und fest, und jetzt könne ich Helena endlich zu ihrer Verlobung gratulieren, ging die Tür auf, und Didymos stapfte geräuschvoll herein, hielt jedoch erschrocken inne, als er die schlafende Kleine erblickte. Mit bedauernder Miene nahm er leise Abschied und zog sich nach kurzem Zögern zurück.

Belustigt lächelten wir uns zu, und Helena, die sich unterdessen auf einem Stuhl niedergelassen hatte, kicherte leise. Und beides, ihr Lächeln und ihr Kichern, übte auf mich einen unerhörten Zauber aus. Ich glaubte deutlich zu spüren, wie neue Kräfte meinen Körper durchströmten. Sind das die vielgerühmten Heilquellen von Hierapolis: Helenas Anblick, Helenas Lächeln, Helenas Kichern? Jetzt erst wurde mir bewusst, und die Erkenntnis traf mich wie ein göttlicher Lichtstrahl, wie süß ihr Gesicht war und wie anmutig ihre Körperformen, soweit sie zu sehen oder unter ihrem Kleid zu erahnen waren. Kein Wunder, dass Didymos von ihr so hingerissen ist.

Didymos verehrt dich“, flüsterte ich ihr zu.

Ich weiß. Aber ...“

Den Rest des Satzes ersetzte sie durch Schulterzucken.

Er kann ja nicht wissen, dass du schon verlobt bist.“

Verlobt? Ich? Ich bin doch nicht verlobt.“

Nicht verlobt? Ich dachte ...“

Ich ließ mir durch den Kopf gehen, was Klein-Heliodora gesagt hatte. Vielleicht ist dies alles nur symbolisch zu verstehen? Vielleicht ist Jesus eine dieser neuen Gottheiten, die vom Osten her in die Länder der Griechen und Römer eindringen?

Ah, hat dir Heliodora erzählt, dass ich die Braut von Jesus Christus bin?“

Ja. Ja, so ähnlich. Wie, dann ist das also gar keine richtige Verlobung?“

Na ja, sagen wir so: Keine gewöhnliche Verlobung.“

Weil Jesus kein gewöhnlicher Mann, sondern eine Gottheit ist?“

So ist es. Freust du dich darüber?“

Oho, hatte sie mir angesehen, wie erleichtert ich war?

O ja. Sehr.“

Indes, sie schien ihre Frage anders gemeint zu haben.

Ja, Jesus ist der wahre und lebendige Gott. Er hat im Anfang Himmel und Erde geschaffen. Er ist erst kürzlich Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, um alle, die an ihn glauben und ihm untertan sind, zu retten.“

Zu retten? Wovor denn?“

Vor Tod und ewiger Verdammnis. Denn das Ende aller Tage ist nahe. Und dann wird Jesus Christus ein zweites Mal kommen und mich als seine Braut in sein Reich aufnehmen.“

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Ich hatte so gut wie nichts verstanden.

Was ist denn das für eine Lehre? Und ist sie vielleicht der Grund, weshalb ihr jetzt in Hierapolis wohnt?“

Mit dieser Vermutung hatte ich, wie sich herausstellte, den Nagel auf den Kopf getroffen. Helena erklärte mir, sie sei mit ihren Angehörigen einem sogenannten Apostel (Abgesandten) ihres Gottes hierher gefolgt, einem Juden namens Philippos, der seine Lehre, das Christentum, verkünde. Er habe in Ephesos zuerst ihre Mutter Ariste und dann den Rest der Familie bekehrt, ihr Vater habe seinen Beruf als Lehrer an den Nagel gehängt, und seither setzten beide ihre gesamte Energie für die Verbreitung dieser neuen Lehre ein; Helena nannte es mit einer schönen, mir damals aber unverständlichen Metapher die Arbeit im Weinberg des Herrn. Außerdem hätten sie sich verpflichtet, eine sogenannte geistliche Ehe zu führen.

Hier errötete Helena wieder einmal lieblich und errötete noch lieblicher, als ich nachfragte, was denn das sei.

Ihre Antwort: Eine Ehe, wie sie die irdischen Eltern von Jesus geführt hätten: rein, keusch, enthaltsam, jungfräulich, unbefleckt, ohne Erregung der teuflischen Wollust. Wer nämlich von Jesus gerettet werden wolle, müsse enthaltsam leben.

Aber dann verlegte der Apostel Philippos sein Betätigungsfeld von Ephesos nach Hierapolis, und da folgten wir ihm nach. In diesem christlichen Haus wurden wir gastlich aufgenommen.“

Ah“, sagte ich, „die sind auch schon Anhänger dieser neuen Lehre?“

Ja, ja. Sie sind alle Christen. Darum dürfen wir ja unter ihnen wohnen.“

Sag, Helena, ist Christen eine nächtliche Krankenwache verboten?“

Nein, nein, im Gegenteil. Jesus selbst hat seinen Gläubigen das Gebot gegeben ...“

Also den Christen. Aber hast du nicht vorhin gesagt, von den anderen sei niemand bereit gewesen, bei mir Krankenwache zu halten, und darum hast du ...? Sind das nun Christen oder nicht?“

Doch, doch.“

Und wieso war dann von den anderen keiner dazu bereit?“

Na ja, weil du halt kein Christ bist. Aber vielleicht ändert sich das noch?“

Hm, wer weiß? Du scheinst ja von dieser neuen Lehre recht begeistert zu sein.“

O ja. Begeistert. Überzeugt. Du würdest dich also bekehren lassen?“

Dir zuliebe – ja, warum nicht? Ach so, da gilt dieses Gebot also nur dann, wenn man bei Christen Krankenwache hält?“

Nein. Ja. Nein. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber für mich gilt es auch dann, wenn der Kranke kein Christ ist. Und bei dir sowieso.“

Oh, bei mir sowieso?“

Ist das ein bewundernder Blick? Aber ist sie selbst denn nicht bei weitem bewundernswerter?

Du? Helena? Ich bewundere dich.“

Geh, sag das nicht.“

Ich muss es aber sagen. Ich bewundere dich und verehre dich. Ich habe dich immer schon bewundert und verehrt. Ich hoffe, dein Jesus hat nichts dagegen, wenn ich das sage.“

Aber geh.“

O ja. Und noch etwas. Dein Anblick, deine Gegenwart, deine Plauderei, dein Lächeln – ich kann dir gar nicht sagen, wie wohl mir das alles tut. Ich glaube, es ist heilsamer als alle die Heilquellen von Hierapolis zusammengenommen.“

Geh, du Schmeichler.“

Du, ich schmeichle nicht. Ich sage nur, was ich empfinde. Es macht mich einfach glücklich, dass du bei mir Krankenwache hältst. Kennst du das Sprichwort: Glück heilt?“

Nein?“

Ich auch nicht. Aber es stimmt, glaube ich, trotzdem.“

Helena kicherte. „Also, Hippias, du bist einfach süß. Aber das habe ich immer schon gewusst.“

Auf dieses so unerwartete, geradezu unglaubliche Geständnis wusste ich nichts zu erwidern. Zugleich machte sich in meiner Brust eine unerklärliche Erregung breit und lähmte mir die Zunge, versiegelte mir die Lippen, machte sich vermutlich auch in meiner Miene bemerkbar. Denn Helena hörte abrupt zu kichern auf, machte ein besorgtes Gesicht.

Ach, liebster Hippias, ich überfordere dich ja. Ich glaube, du wirst jetzt besser schlafen. Ja?“

Gerührt nickte ich, lächelte sie dankbar an. Sie lächelte so süß zurück, dass sich jene merkwürdige Erregung in meiner Brust verdoppelte und verdreifachte.

 

 

9

Was hatte Helena gesagt? „Liebster Hippias“?

Liebste Helena“, murmelte ich, „du hast recht. Das Reden wird mir zu viel. Ich sollte besser schlafen. Aber macht es dir etwas aus, wenn ich mir zuvor noch an deiner kleinen Schwester ein Beispiel nehme?“

Süß kichernd, half sie mir tatkräftig, mich aus dem Bett aufzurappeln. Hierauf wandte sie sich schamhaft ab.

Aber dann geschah etwas, was ich von mir nie erwartet hätte, was ich mir nie zugetraut hätte, etwas im höchsten Maße Erstaunliches, ein veritables Wunder.

Helena war gerade im Begriff, mich behutsam wieder zu Bett zu bringen. In einer plötzlichen Aufwallung der Gefühle warf ich meine Arme um ihren köstlichen Leib, das heißt, ich merkte gleichzeitig, wie köstlich er sich anfühlte, und drückte ihn spontan an mich. Und ein noch größeres Wunder: Anstatt sich zu sträuben und sich von mir freizumachen, schlang sie (nach einigem Zögern) ihre Arme um meinen Hals, und die bereits überwunden geglaubte merkwürdige Erregung in meiner Brust stieg ins Unermessliche.

So hielten wir uns umschlungen, scheinbar ohne zu atmen. Doch bald begann Helena sogar auffallend schwer zu atmen. Ich spürte, wie sich ihre Brust hob und senkte. Und diese Entdeckung wühlte mein Inneres so heftig auf, dass die zuletzt versiegte Quelle meiner Rede mit Gewalt hervorbrach und zu meiner eigenen Überraschung Folgendes hervorsprudelte: „O Helena, ich liebe dich. Ich liebe dich. Ach, wie ich dich liebe.“ Zu meiner eigenen Überraschung deshalb, weil ich mich das, wäre ich bei Sinnen gewesen, nie getraut hätte, und auch, weil ich diese Worte noch nie zu einem Mädchen oder einer Frau gesagt hatte, auch nicht zu Perikleia. Nein, das war nicht ich, der das sagte. Das war irgendeine höhere Macht, die unversehens von mir Besitz ergriffen hatte, wahrscheinlich Gott Eros selbst.

Die größte Überraschung stand mir indessen noch bevor. Nachdem die Quelle meiner Rede hervorgesprudelt hatte, was ihr Eros eingab, begann auch Helenas Quelle zu sprudeln. Und diese sprudelte noch Erstaunlicheres hervor.

Liebster Hippias, ich dich auch. Ich habe dich immer schon geliebt. Ich bin so glücklich, dass wir uns endlich gefunden haben. Und weißt du, warum ich dich so liebe? Weil du der Mann meines Lebens bist.“

Und du die Frau meines Lebens. Noch im Hades werde ich dich lieben. Ich kann dir gar nicht sagen ...“

Hier versiegte die Quelle meiner Rede abermals, und diesmal nicht, weil meine Erregung übermächtig geworden wäre, sondern weil mich eine plötzliche Kraftlosigkeit übermannte.

Was ist dir, Liebster?“, flüsterte Helena, sichtlich erschrocken. „Habe ich dich überanstrengt? Komm, leg dich wieder ins Bett, damit du schlafen kannst.“

Und zu meinem unendlichen Bedauern löste sie sich von mir und steckte mich ins Bett wie eine Mutter ihr Kind; und ich war zu kraftlos, um das eine wie das andere zu verhindern. Aber wenigstens setzte sie sich nicht wieder auf den Stuhl, sondern auf die Bettkante, ergriff meine Hand und hielt sie fest. Ihr Gesicht war mit tyrischem Purpur übergossen, und in ihren Augen hingen dicke Tränen.

Aber Liebste, weinst du?“, stammelte ich.

Sie legte mir einen Finger auf die Lippen. Der Purpur ihres Gesichts intensivierte sich, ihre Tränen vervielfachten sich, ihre Brust begann zu beben, sie drohte vor Schluchzen zu ersticken, sie wirkte so verzweifelt, als wäre sie nun rettungslos dem Untergang geweiht.

Ich weine Tränen der Freude. Ich freue mich so, dass wir uns gefunden haben und dass du meine Liebe erwiderst.“

Hierauf tat sie etwas überaus Entzückendes. Während ihr Finger auf meinen Lippen lag, hatte ich ihn still geküsst. Lächelnd führte sie ihn an ihre eigenen Lippen und küsste die Stelle, die ich geküsst hatte.

Um ihr zu verstehen zu geben, wie entzückt ich von dieser kleinen Geste der Zuneigung bin und dass ihre Lippen diese entzückende Tätigkeit lieber direkt auf meinen Lippen ausüben sollten, deutete ich auf diese und streckte meine Hände verlangend nach ihr aus. Und was tat sie da? Sie beugte sich herab und berührte mit ihren Lippen zärtlich meine Lippen. Und ich schwöre, dies war der zärtlichste Kuss meines Lebens.

Er währte nicht lange, jedenfalls nicht lang genug, um seine Süße auszukosten. Aber er währte lang genug, dass Helenas heiße Tränen auf meine Wangen tropften, und rief, gemeinsam mit den Tränen, eine erstaunliche, um nicht zu sagen, magische Wirkung hervor. Die Kraftlosigkeit, die mich aus Helenas Umarmung gerissen hatte, war plötzlich wie weggeblasen, oder vielleicht besser, wie weggeschmolzen; denn zugleich loderte in meiner Brust ein heißes Feuer auf. Und ich konnte ihr zwar noch immer nicht sagen, was es mich zu sagen drängte. Aber ich konnte meine Arme um ihren über mich gebeugten Kopf schlingen und ihn herabdrücken, bis ihre Lippen meine Lippen abermals berührten und mit ihnen zu einem weiteren Kuss verschmolzen. Und ich schwöre, dies war der heißeste Kuss meines Lebens. Sein Feuer spürte ich nicht nur auf den Lippen selbst, sondern auch in meiner Brust. Und nun war ich mir sicher, dass darin das Feuer des Eros loderte, und glaubte überdies zu wissen, warum Helenas Tränen so heiß waren: Weil wohl auch in ihrer Brust das Feuer des Eros loderte.

 

 

10

Liebes Schreibrohr, merkst du, wie meine Hand auf einmal zittert? Was macht sie denn so zittern? Das Entzücken? Das Entsetzen? Ich weiß es nicht. Oft ist ja auch kaum zu unterscheiden, ob ein Mensch lacht oder weint.

Also gut. Der heißeste Kuss meines Lebens. Zu meinem unbeschreiblichen Entzücken legt sich Helenas Brust auf meine Brust, ihre Hände legen sich um meinen Kopf, und ihre Lippen beginnen, wie zwei Lämmlein eine Wiese, mein Gesicht abzugrasen, machen sich dann wieder über meine Lippen her und lassen das Feuer des Eros in meiner Brust noch heftiger auflodern und verscheuchen auch die letzten Reste meiner Kraftlosigkeit. In diesem Kuss wachsen unser beider Lippen und bald auch unser beider Zungen zusammen und verschmelzen zu einem einzigen, gemeinsamen Körperteil voller Lust und Entzücken.

Unterdessen atmet Helena immer schwerer, ihr Körper bebt immer heftiger, ihre heißen Tränen tropfen immer zahlreicher auf meine Wangen herab und fachen das in meiner Brust lodernde Feuer des Eros, anstatt es zu löschen, nur noch an. Aufzulodern scheint es zu meinem Schrecken und zu meiner Verblüffung auch in meiner Körpermitte; denn solches hatte ich nun schon lang nicht mehr erlebt. Mich beruhigt nur, dass Helena seitlich über mich gebeugt ist und dass außerdem, zusätzlich zu unseren Kleidern, eine Decke zwischen ihr und mir liegt. Und meine Schmerzen? O Wunder, sie sind verschwunden, offenbar hinweggezaubert durch Helenas hingebungsvollen Kuss, durch Helenas heiße Tränen.

Wie alles im menschlichen Leben endet irgendwann auch dieser zauberkräftige Kuss. Und nun beginnt mich Helena mit den leidenschaftlichsten Ausrufen zu überhäufen. Sie liebe mich aus tiefster Seele. Sie liebe mich fast so sehr wie ihren himmlischen Bräutigam. Oder nein, sie liebe mich gleich, nur anders. Unbeschreiblich glücklich sei sie, dass ich mich ihr endlich offenbart hätte, so wie sich Jesus erst vor kurzem endlich der Menschheit offenbart habe.

Und dann glaube ich zu träumen. Ohne zu zögern, aber mit zitternden Händen entfernt Helena die Decke, enthüllt meinen Unterleib, wirft sich mit einer Entschlossenheit, die mich staunen macht, über mich. Und was mich noch mehr staunen macht: Sie ist auch selber hüllenlos. Mit lustvollem Schaudern spüre ich auf meiner nackten Haut Helenas nackte, weiche, zarte, glatte, erregende Haut.

Mit ihrem ganzen Körper wirft sie sich auf mich. Leider melden sich dadurch meine Schmerzen zurück, und ich stöhne leise auf. Dies scheint Helena als aphrodisisches Stöhnen misszuverstehen. Denn das Feuer in ihrer Brust lodert nun noch heftiger auf. Ungeheure Erregung, geradezu dionysische Ekstase, äußerster Verzweiflung gleichend, kommt über sie. Sie scheint auf wunderbare Weise regelrecht von Sinnen zu sein.

Und dann berührt sie – zunächst will ich es gar nicht glauben; dann halte ich es für Zufall; aber nein, es ist kein Zufall – dann berührt Helena mit ihrem hüllenlosen Körper, mit ihrer hüllenlosen Körpermitte, mit ihrem hüllenlosen, heißen Schoß meinen Phallus. Ich beginne mir Sorgen um ihre Jungfräulichkeit zu machen und tröste mich mit dem Gedanken, dass sie durch das Jungfernhäutchen hoffentlich geschützt sei. Dieses werde schon das Schlimmste verhindern, wenn sie nur ein bisschen aufpasse und sich nicht zu stürmisch in meinen Phallus stürze. (Diesen etwas makabren Vergleich versuche ich natürlich sofort zu unterdrücken, als wäre er ein böses Omen. Doch wie soll das gehen? Mir drängt sich in der Tat das Bild von Feldherren wie Marcus Antonius auf, die sich, wenn sie keinen Ausweg sehen, in ihr Schwert stürzen.)

 

 

11

Entsetzen und Entzücken lassen mich heftig zusammenfahren. Denn schon ist das Befürchtete geschehen.

Zunächst bin ich nur entsetzt. Aber dann ist das Entsetzen vorbei, verflogen, vergessen, ausgelöscht, und mir bleibt, unvermischt und köstlich, allein das Entzücken; und das Stöhnen, das sich mir jetzt auf die Lippen drängt, ist ein aphrodisisches und kein anderes. Meine Zunge, meine Lippen verlangen heftig danach, es dem Phallus gleichzutun und mit Helenas Zunge, mit Helenas Lippen zu verschmelzen. Diese sind umgekehrt vom selben Verlangen erfüllt. Noch heftiger verlangen unsere Seelen danach, miteinander zu verschmelzen, um, eins geworden, in das Reich des Liebesgottes emporzuschweben.

Gottlob, es wird ihnen nicht gelingen. Ich bin ja nicht gesund.

Helena wird nach wie vor von heftigem Schluchzen geschüttelt, wirkt aber nicht im Geringsten erschrocken oder entsetzt oder bestürzt über das, was geschehen ist, und versucht auch nicht, es in irgendeiner Weise rückgängig zu machen. Klar, auch sie weiß, dass der Olymp des Liebesglücks für mich durch meine Krankheit unerreichbar ist.

Doch plötzlich scheint sich das Entzücken unaufhaltsam ins Unermessliche zu steigern. Und schon lodert in mir eine Stichflamme auf und droht mich zu verzehren. Und schon zerreißt sie, ohne dass ich es verhindern könnte, meine Brust, und mich umfängt das goldene Licht des Liebesgottes, und ich schaue ihn von Angesicht zu Angesicht und juble ihm begeistert zu und kann kaum aufhören, ihm zuzujubeln.

Unterdessen ist in Helena eine bedeutsame Veränderung vor sich gegangen. Sie lacht leise. Ihr anhaltendes Schluchzen ist unvermittelt in glückseliges Lachen umgeschlagen. So lachend, bedeckt sie mein Gesicht erneut mit zärtlichen Küssen und beginnt erneut von Liebe überschäumende Worte mir ins Ohr zu hauchen. Trotz allem macht sich in meiner Seele eine gewisse Enttäuschung breit. Sie ist ja wider alles Erwarten bis zum Olymp emporgeschwebt, Helenas Seele aber vermutlich nicht. Jedenfalls ist mir nichts dergleichen aufgefallen.

Immer noch leise lachend, steigt sie von mir herunter, und ich erkenne, dass sie in der Tat noch Jungfrau war. Von irgendwoher zaubert sie ein Tuch herbei, wischt sich selbst und danach auch mich ab, deckt mich wieder zu, küsst mich, wünscht mir flüsternd einen guten Schlaf und schöne Träume und zieht sich auf ihren Stuhl zurück. Mir liegt schon auf der Zunge: So schnell? Da besinnt sie sich eines Besseren. Sie kniet sich neben dem Bett nieder, beugt sich über mich und flüstert mir mit unsicherer Stimme ins Ohr: „Du?“

Hm?“

Danke, Liebster.“

Du dankst mir?“

Sie nickt heftig. Dann flüstert sie: „In unserer Heiligen Schrift steht geschrieben: Und die zwei werden ein einzig Fleisch sein.“

Oh.“

Ein schönes Wort, nicht wahr? Wenn du willst, werde ich dir daraus vorlesen. Und vielleicht wirst du dich dann zu unserem Gott bekehren. Das würde mich unbeschreiblich glücklich machen.“

Nach kurzem Schweigen fährt sie fort: „Schön, dass du doch nicht so krank bist, wie ich dachte. Sonst hätte ich es ja nie gewagt ...“

Was sie nie gewagt hätte, höre ich schon nicht mehr.

Irgendwann, es ist noch tiefe Nacht, erwache ich und spüre meine altbekannten Schmerzen wieder. Als Nächstes wird mir bewusst, dass eine weiche Hand auf meiner Stirn liegt und dass ich Helenas Stimme höre.

Liebster, was ist dir? Hast du schlecht geträumt? Oder sind deine Schmerzen zurückgekommen?“

Ich nicke.

Du Armer.“

Und sie beginnt mich zärtlich zu liebkosen, zuerst auf der Stirn und auf dem Kopf, dann auf der Brust, und als ich schließlich wahrheitsgetreu erkläre, ihre Hände vertrieben mir die Schmerzen, auf dem Bauch und in den Regionen darunter. Und zu meiner Überraschung erwacht unter Helenas liebevoller Behandlung mein Phallus und erhebt sich aus seinem Schlummer. Erneut gerät sie in gewaltige Erregung, in dionysische Ekstase. Erneut scheint sie auf wunderbare Weise regelrecht von Sinnen zu sein. Und um es kurz zu machen, all das, was vor meinem Einschlafen geschah, geschieht aufs Neue, und mein Jubel im Angesicht des Liebesgottes ist noch begeisterter und währt noch länger als zuletzt. Doch auch diesmal gelingt es Helenas Seele nicht, bis zum Olymp emporzuschweben und Eros zuzujubeln. Jedenfalls merke ich, zu Recht oder zu Unrecht, nichts davon.

Aber etwas anderes merke ich und spüre darüber ungeheure Genugtuung: Bei aller körperlichen Schwäche fühle ich mich auf einmal unerhört lebendig. Ja, ich habe soeben angefangen zu leben. Leben, wohlgemerkt, in seinem tiefsten Sinn.

 

 

12

Als ich das nächste Mal erwache, ist es hell, und ich fühle mich total benommen. Mein erster Blick gilt Helena. Makellos gekleidet und die Haare zwar offen, aber schön gekämmt, so sitzt sie neben mir. Mit glücklichen Augen lächelt sie mich an, steht mit sichtlicher Mühe auf und schlurft unter herzzerreißendem Gähnen aus dem Zimmer, um ein Frühstück für alle drei zu bringen.

Während sie mich danach wieder liebevoll füttert, berichtet sie, Didymos sei schon abgereist. Er habe hereingeschaut, um sich von uns zu verabschieden, mich aber nicht wecken wollen. Und: Ich hätte die anderen mit großer Freude erfüllt.

Ich?“, murmle ich verwundert. „Womit? Und wann?“

Jetzt eben, als ich in der Küche war. Ich habe ihnen erzählt, dass du bereit bist, dich zum christlichen Glauben zu bekehren. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich ihnen dieses Geheimnis gleich verraten habe. Aber weißt du, ihnen liegt recht viel daran. So werden sie sich, glaube ich, mit wesentlich größerem Eifer um dich bemühen, als wenn du hartnäckig in deinem finsteren Unglauben ...“

Sie bricht ab, errötet, fährt in verändertem Ton fort: „Übrigens, jetzt wird man dich mir bald entführen.“

Und so geschieht es auch. Unser gemeinsames Frühstück ist noch kaum beendet, und ich beginne mir gerade zu überlegen, wie ich es anstellen soll, um meinem bereits drängenden Unterleib Erleichterung zu verschaffen, da geht die Tür auf, und dieselben zwei, die mich tags zuvor hierher getragen haben, treten, freundlich grinsend, ein, werfen mir das Obergewand um, heben mich mit vereinten Kräften aus dem Bett, entführen mich meiner Liebsten.

Auf meine Bitte suchen sie mit mir zuerst die Latrine auf. Im Peristylhof verfrachten sie mich in eine Sänfte, und so tragen sie mich hinaus und kreuz und quer durch die mir noch unbekannte Stadt. Im Heilbad angekommen, übergeben sie mich einer fröhlichen Schar Bediensteter. Die befördern mich in einen Waschraum und waschen mich unter vielem Gekicher so gründlich, wie ich mein Lebtag nicht gewaschen worden bin. Dann tragen sie mich in einen anderen Raum, setzen mich in eine große Badewanne, voll mit heißem Wasser, zweifellos dem heilkräftigen Wasser, das ich trinken soll, und lassen mich allein.

Während ich der guten Dinge harre, die da kommen sollen, schwelge ich in Gedanken an Helena und die Freuden, die sie mir in der vergangenen Nacht bereitet hat, und muss plötzlich an jene wundervollen Verse Homers denken, in denen er schildert, wie Zeus und Hera einst auf dem höchsten Gipfel des Ida-Gebirges in Liebe verschmolzen.

Sprach’s, und mit seinen Armen umfasste er seine Gemahlin. Und unter ihnen ließ die göttliche Erde frisch sprossendes Gras wachsen und tauigen Lotos und Krokos und Hyacinthos, dicht und weich, der sie vom Boden emporhob. Darin legten sie sich nieder und umhüllten sich mit einer Wolke, einer schönen, goldenen, und daraus fielen funkelnde Tropfen von Tau.

Danach verweilen meine Gedanken beim Anfang dieser Szene.

Hera aber stieg eilig hinauf zum Gargaron-Gipfel des hohen Ida-Gebirges. Da sah sie der Wolkensammler Zeus, und als er sie sah, umhüllte ihm süßes Verlangen die Sinne, so wie damals, als sie zum ersten Mal in Liebe verschmolzen, ins Bett steigend, heimlich vor den lieben Eltern.

Heimlich vor den lieben Eltern. Welch erstaunlicher Gleichklang der Erfahrungen! Welch ermutigende Parallele! Da fühlt man sich ja fast den Göttern gleich.

Dazwischen mischen sich jedoch gewisse Bedenken. Wie kann Helena all dies mit ihrem Rang als jungfräuliche Braut ihres Gottes vereinbaren? Oder war sie durch das Feuer des Eros, frei nach Platon, regelrecht von Sinnen? Er behauptet ja, oder vielmehr, lässt einen seiner Figuren behaupten, jeder von uns sei die Hälfte eines Menschen, weil wir von Zeus in zwei Hälften zerschnitten worden seien. Sobald man seiner anderen Hälfte begegnet, sind die beiden vor Liebe, Freundschaft und Verlangen auf wunderbare Weise regelrecht von Sinnen und würden am liebsten zusammenwachsen, sodass sie aus zweien eins werden.

Ja, das ist es. Und was lernen wir daraus? Erstens, Helena ist meine andere Hälfte, und ich bin ihre andere Hälfte. Sie hat ja selbst gesagt, ich sei der Mann ihres Lebens. Und zweitens, vor Liebe, Freundschaft und Verlangen war sie heute Nacht, nicht anders als ich selbst, auf wunderbare Weise regelrecht von Sinnen und dachte einfach nicht daran, dass sie die jungfräuliche Braut ihres Gottes ist. Wir können nur hoffen, dass er es ihr nicht übelnimmt. Dass er nicht eifersüchtig ist.

 

 

13

Die Tür knarrt. Wer stört mich denn in meinen angenehmen Gedanken? Oh, ein äußerst seriös wirkender Herr, auf den ersten Blick als Arzt erkennbar. Er begrüßt mich überaus freundlich, wenn auch vielleicht etwas herablassend, und betrachtet mich interessiert, etwa so, wie man ein seltenes Insekt betrachtet. Nachdem er mich hierauf des Langen und des Breiten ausgefragt und auf einer Liege von Kopf bis Fuß auf das Gründlichste untersucht hat, beginnt er mich mit Fingern und Zunge zu bearbeiten. Mit flinken Fingern massiert er mich, und mit flinker Zunge redet er auf mich ein wie ein Friseur auf einen Kunden. Anfangs höre ich ihm noch aufmerksam zu, solange er nämlich den Arzt, der mich daheim in Ephesos untersuchte und mir die Heilquellen von Hierapolis empfahl, mit Lob überhäuft und mir seinerseits rasche Genesung verheißt. Falls es überhaupt Wunderheilungen gebe, wie gewisse abergläubische Leute meinten, so hier in Hierapolis dank der Heilquellen.

Doch mit der Zeit achte ich nicht mehr auf seinen Wortschwall. Erst da beginne ich ihm wieder zuzuhören, als er mich nach meinem Namen fragt und, da ich nicht sofort reagiere, seine Frage wiederholt.

Hippias“, stammle ich, beschämt ob meiner Unaufmerksamkeit.

Oh, was für ein edler Name! Hippias. Hast du gehört, was ich vorhin gesagt habe?“

Ich schweige betroffen, schüttle den Kopf. Genau wie in der Schule. Fehlt nur noch der Rohrstock.

Dass du mir gefällst. Dass du einen ausnehmend schönen Körper und ausnehmend edle Gesichtszüge hast. Dass du aus einer sehr vornehmen Familie stammen musst.“

Vor Verlegenheit wende ich den Blick ab. In meinem Kopf flammt ein heftiges Feuer auf, wohlgemerkt, nicht das des Eros. Bestimmt glühen meine edlen Gesichtszüge wie Eisen auf dem Amboss.

Also stimmt meine Vermutung, Hippias? Deine Bescheidenheit ist mir Bestätigung genug. Nun ja, ich kann mich dessen leider nicht rühmen. Jetzt wirst du aber sicher meinen Namen wissen wollen. Wisse also, ich heiße Plutonios.“

Das ist aber ein ungewöhnlicher Name.“

Stimmt. Ich bin nach meinem Großvater benannt.“

Und er?“

Warum mein Großvater Plutonios genannt wurde? Ja, weißt du, es gibt hier in Hierapolis einen Tempel des Pluton. Genaugenommen ist er bloß ein unterirdischer Raum unter dem Tempel des Apollon rund um eine Felsspalte, aus der giftige Dämpfe aus der Unterwelt, dem Reich des Pluton, aufsteigen. Jeder, der diesen Raum betritt, ist des Todes mit der einzigen Ausnahme der Priester der Göttin Kybele. Als nun die Mutter meines Großvaters mit diesem noch schwanger ging, ließ sie ihr Liebhaber sitzen. Sie war so verzweifelt, dass sie sich und zugleich ihrem ungeborenen Kind das Leben nehmen wollte. Irgendwie gelang es ihr, in den normalerweise fest verschlossenen Tempel des Pluton einzudringen, und lag bereits bewusstlos am Boden, als sie der Tempeldiener gerade noch rechtzeitig entdeckte und rettete. Er verliebte sich in sie und heiratete sie und erklärte sich bereit, ihr Kind aufzuziehen. Und um ein ständiges Andenken an den Anlass ihres gemeinsamen Glücks zu haben, nannten sie es Plutonios.“

Aha. Aber eins verstehe ich nicht. Wieso sind die Priester der Kybele die Einzigen, die ...“

Die nicht des Todes sind, wenn sie den Tempel des Pluton betreten? Nun, angeblich, weil sie Eunuchen sind. Dir ist sicherlich bekannt, dass, wer Priester der Kybele werden will, sich selbst verschneidet, also zum Eunuchen macht, um für sie vollkommen rein, sozusagen jungfräulich zu sein.“

Aha. Und wieso sind ausgerechnet Eunuchen ...“

Nun, als Arzt würde ich sagen, weil sie halt so lang den Atem anhalten. Sie selber erklären das natürlich anders. Sie sagen, weil sie unter dem Schutz der Göttin stehen als Lohn für ihre vollkommene Hingabe.“

Hm. Bitte, was genau schneiden sie sich da weg?“

Na ja, entweder die Hoden oder den Phallus. Das Resultat ist in beiden Fällen so ziemlich das gleiche.“

Aber sich selbst?“ Mich schauderte bei dem Gedanken. „Tut das nicht furchtbar weh?“

Diese Frage kann ich dir leider, oder besser, glücklicherweise nicht aus eigener Erfahrung beantworten. Aber nein, angeblich nicht.“

Unterdessen wandern Plutonios’ Hände, die bisher hauptsächlich Brust und Bauch massiert haben, unaufhaltsam weiter nach unten und beginnen die Region rund um den Phallus und bald darauf auch diesen selbst zu massieren. Ich versuche meine Verblüffung und Verwirrung zu überwinden und sage mir: Na gut, das gehört eben zur Therapie. Aber ein gewisses Unbehagen bleibt.

Nun, mit Hoden und mit Phallus“, so Plutonios, kichernd wie ein kleines Kind, „ist das Leben ja doch viel schöner. Was sagst du, lieber Hippias?“

Und was sagt der liebe Hippias? Nichts. Verwirrung verschließt ihm den Mund. Zum Glück besteht Plutonios nicht auf einer Antwort und gibt sich weiterhin seinen merkwürdigen Aktivitäten hin.

Na, was macht er denn, unser Kleiner?“, murmelt er nach einiger Zeit. „Will er gar nicht groß und stark werden? Ist er denn so krank?“

Und wieder kichert er, während mein Unbehagen immer größer wird. Mittlerweile hat mich eine Ahnung überkommen, was für Gefühle Plutonios beherrschen.

Und dass mein Verdacht nicht völlig abwegig ist, erweist sich sogleich.

Plutonios beginnt abermals zu kichern. „Du brauchst keine Angst zu haben, liebster Hippias. Sag mir, bist du noch nie von einem Mann geliebt worden?“

Ich schüttle heftig den Kopf und werfe Plutonios einen empörten Blick zu. Er aber scheint ihn misszuverstehen; oder vielleicht tut er auch nur so.

Nein? Da hat dir also noch nie einer erklärt, dass er dich schön findet, dass er dich begehrt, dass er dich liebt? Nein? Nun, dann werde ich dir das erklären. Wisse also, Hippias, Plutonios findet dich schön. Plutonios begehrt dich. Plutonios liebt dich. Du aber sei nicht hartherzig, sondern erbarme dich seiner und erhöre seine Bitten und weise seine Liebe nicht zurück, damit du dir nicht den Zorn des Eros zuziehst. Dieser pflegt ja Jünglinge, die seine Gaben zurückweisen, zu bestrafen.“

In diesem Ton geht es weiter, und die Wirkung seiner wohlgesetzten Worte bleibt nicht aus. Ich beginne nämlich seine Redekunst zu bewundern. Auf seinen Lippen scheint mir die Göttin der Überredung zu sitzen und süßen Honig zu versprühen. Was hingegen gänzlich ausbleibt, ist die vermutlich von ihm selbst erhoffte Wirkung. Denn innerlich lassen mich seine schönen Reden kalt, und mein Phallus denkt gar nicht daran, groß und stark zu werden.

Zuletzt verstummt Plutonios und lässt nur noch seine Finger ihr Werk tun. Schweigend beginnt er wieder andere Körperteile zu massieren.

 

 

14

Bleierne Müdigkeit lähmt meine Glieder. Kaum haben mich meine braven Träger in meinem Bett abgeliefert, übermannt mich schwerer Schlaf.

Durch irgendein Geräusch erwache ich und sehe mich zu meiner Überraschung belagert von einer Schar leise schnatternder Kinder jeder Altersstufe und beiderlei Geschlechts, die mich neugierig begaffen. Der Größte unter ihnen hält in seinen Händen ein Tablett, auf dem sich, aus dem Duft zu schließen, allerhand Leckeres befindet.

Oh, für mich?“, sage ich und lächle ihn erwartungsvoll an.

Er nickt mit auffallend ernster Miene, stellt das Tablett auf dem Tischchen neben dem Bett ab, wäscht mir die Hände, trocknet sie ab, murmelt Unverständliches. Ich gebe zu erkennen, dass ich seine Worte nicht verstehe. Er erwidert nichts. Seine Miene bleibt undurchdringlich.

Nun gut, ich bin entschlossen, es mir trotzdem schmecken zu lassen. Und um keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen, sage ich, so heiter und freundlich ich es kann: „Na, Kinder, ihr seid aber nicht alle Brüder und Schwestern, wie?“

Leises Gekicher. Der Lümmel, der mir das Tablett überreicht hat, ohne mich einer Anrede zu würdigen, würdigt mich nun doch einer solchen und sagt in ernstem, um nicht zu sagen, feierlichem Ton: „Wisse, o Fremder, dass wir alle in diesem Hause Brüder und Schwestern sind.“

Wie? Das sind alles Kinder der Ino? Donnerwetter!

Doch dann fällt mein Blick auf Klein-Heliodoras lachendes Gesicht, und im selben Moment wird mir klar, dass meine ursprüngliche Vermutung doch die richtige sein muss. Das heißt, daran habe ich ja nie gezweifelt, sondern meine Frage nur im Scherz gestellt, genauer, um mit ihnen ein freundschaftliches Gespräch anzuknüpfen, nachdem mir jener Lümmel meinen ersten Versuch zunichte gemacht hat.

Heliodora“, rufe ich entzückt aus. „Du bist auch hier? Das freut mich aber. Wo ist denn deine große Schwester?“

Sie schläft.“

Aha. Da seid ihr also doch nicht alle Brüder und Schwestern. Wohnt ihr alle in diesem Haus?“

Ich habe dir doch schon erklärt, o Fremder“, sagt jener Lümmel, „dass wir alle in diesem Hause wohnen und dass alle Hausbewohner Brüder und Schwestern sind.“

Aber geh“, sage ich lachend. „Du willst mich ja nur auf den Arm nehmen.“

Keineswegs“, erwidert er, ohne sich von meinem Lachen anstecken zu lassen. „Aber als Ungläubiger kannst du mich natürlich nicht verstehen. Wisse also, dass wir Christen alle Kinder des einen, wahren Gottes sind. Nun sag selbst, was sind Kinder desselben Vaters füreinander?“

Amüsiert und zugleich verärgert, schweige ich.

Na, sag schon. Ist doch nicht so schwer.“

Ja, sicher, Brüder und Schwestern, klar. Schließlich lehren auch die Philosophen das Gleiche, abgesehen davon, dass sie alle Menschen meinen und nicht nur ihre Anhänger. Aber ist das nicht ein bisschen weit hergeholt? Ich meine, die Philosophen nennen ihre Mitmenschen deshalb doch auch nicht Brüder und Schwestern. Und überhaupt, wieso nennst du mich Ungläubiger?“

Weil du einer bist“, kräht ein Dreikäsehoch aus vollem Hals.

Ein Ungläubiger, Ungetaufter, Unreiner, Lasterhafter, Unzüchtiger“, so ein etwas größeres Püppchen.

Donnerwetter! Alles das auf einmal?“

Auf meine natürlich scherzhaft gemeinte Frage nickt sie ernsthaft.

Aha. Und wisst ihr auch, was das bedeutet, lasterhaft, unzüchtig?“

Schweigen.

Um die Kleinen aus dieser Verlegenheit zu erlösen, sage ich: „Na, und was seid ihr?“

Gläubige, Getaufte, Reine, Heilige, Soldaten Christi“, so dasselbe Püppchen, ohne im Mindesten zu zögern.

Nun bleibe ich stumm, um das Gehörte zu verdauen, und zugleich, weil mir wachsender Ärger die Zunge lähmt.

Schweigen.

Wird man dich, o Fremder“, sagt der arrogante Lümmel plötzlich in unerwartet freundlichem Ton, „morgen Früh wieder ins Heilbad bringen?“

Ja, freilich. Warum ...“

Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich morgen begleite?“

Nein, nein, natürlich nicht. Ich finde das sogar sehr nett von dir.“

Ich danke dir.“

Sobald mein Festmahl beendet ist, wäscht er mir wieder die Hände, trocknet sie ab, nimmt das Tablett an sich, verabschiedet sich kurz und feierlich, bedeutet seinen kleinen Brüdern und Schwestern, sich zu trollen, und trollt sich hierauf als Letzter.

Verwirrt blicke ich ihnen nach. Gläubige, Getaufte, Reine, Heilige, Soldaten Christi. Und Helena? Nun, sie ist natürlich auch eine Gläubige, Getaufte, Reine und so weiter, während ich ... Aber wie sind dann die unglaublichen Geschehnisse der vergangenen Nacht zu erklären? Offenbar hat sie sich an mir befleckt. Durch den Kontakt mit mir Unreinem wurde sie anscheinend selber unrein. Wieso hätte sie sonst mit mir die Werke der Aphrodite getan, noch dazu gleich zweimal in einer Nacht? Ich, ich bin schuld daran. Das muss ich so schnell wie möglich wieder gutmachen. Und wie? Vielleicht sollte ich Helena zuliebe einer der Gläubigen, Getauften, Reinen und so weiter werden? Denn dann käme sie nicht mehr in Gefahr, durch mich auch selber unrein zu werden. Übrigens hat sie ja deutlich genug erklärt, dass dies die größte Freude wäre, die ich ihr bereiten könnte.

 

 

15

In solche Gedanken war ich versunken, als ich durch ein energisches Klopfen aufgeschreckt wurde. Ehe ich noch „Herein“ rufen konnte, sprang auch schon die Tür auf, und eine vornehme Dame kam hereinstolziert, gefolgt von einem würdevoll aussehenden alten Herrn mit Spazierstock. Mit strahlendem Lächeln pflanzte sie sich vor mir auf und begrüßte mich überschwänglich als ihren Gast; und ich schloss aus ihren Worten, dass sie Ino, die Hausherrin, ist. Leider komme sie erst jetzt dazu, mich an meinem Krankenlager zu besuchen und sich persönlich nach meinem Befinden zu erkundigen. Gehe es mir wenigstens schon etwas besser?

Ich nickte.

Ah, sehr gut. Das ist einzig und allein unserem heilkräftigen Wein zu verdanken. Mit den von mir persönlich ausgesuchten Heilkräutern ist er nachgerade wundertätig. Du wirst sehen, im Nu bist du wieder ganz gesund.“

Ich nickte und versuchte ein schwaches Lächeln.

Von Helena, der Tochter meines Gastes Timon, habe ich erfahren, dass du bereit bist, dich bekehren zu lassen. Stimmt das?“

Ich nickte.

Oh, darüber freue ich mich aber sehr. Übrigens ist niemand geeigneter, dich zu bekehren, als der ehrwürdige Apostel Philippos.“

Und mit großer Geste zeigte sie auf den schweigend neben ihr stehenden würdevollen alten Herrn.

Sie zog sich wieder zurück, und der ehrwürdige Apostel Philippos setzte sich auf den Stuhl, auf dem Helena gesessen war, ehe sie zu mir aufs Bett übersiedelte, und betrachtete mich schweigend, sodass mir unter seinem Blick fast unheimlich wurde. Seine Augen hatten etwas Faszinierendes und zugleich Einschüchterndes an sich.

Wahrlich, mein Sohn“, begann er schließlich mit salbungsvoller Stimme. „Dass du erkrankt bist, dass man dich nach Hierapolis zu den Heilbädern geschickt hat, dass es dich ausgerechnet in dieses Haus verschlagen hat, all dies ist ohne Zweifel eine Fügung Gottes, der damit in seiner grenzenlosen Barmherzigkeit mir und dir einen großen und heiligen Auftrag erteilt hat: mir, auch dich zum wahren Glauben zu bekehren, dir aber, dich zum wahren Glauben bekehren zu lassen und Sklave (Diener) des lebendigen Gottes zu werden, um vor Tod und ewiger Verdammnis gerettet zu werden.“

Er freue sich, fuhr er fort, dass ich wissen wolle, an welchen Gott die Christen glauben, wie sie ihn verehren, weshalb sie diese Welt verachten, den Tod leichtnehmen und brüderliche Liebe füreinander empfinden, und wie es kommt, dass diese neuartige Lebensweise erst jetzt entstanden ist.

Mache dich rein von den Gedanken, die dein Bewusstsein bisher beherrscht haben. Lege ab die alten Gewohnheiten, die dich irregeleitet haben. Höre eine neue Sprache und werde ein neuer Mensch. Durch Untertauchen soll der alte Mensch sterben und mit Christus begraben werden.“

Hier endet vorläufig meine Erinnerung an Philippos’ Worte, denn das zuletzt Gesagte löste in mir größte Bestürzung aus. Wie hätte ich auch auf Anhieb verstehen sollen, dass die Christen mit untertauchen das Ritual der Taufe meinen? Ich versuchte Philippos durch Gesten zu verstehen zu geben, dass ich etwas sagen wolle. Doch er ließ sich in seinem Redeschwall nicht beirren. Und da ich trotz meiner Verwirrung mitbekommen hatte, dass er sich gerade des Langen und Breiten über die Wichtigkeit des Gehorsams ausließ, beschloss ich zähneknirschend, mit meiner Frage zu warten, bis ihm einmal der Atem ausgeht.

Plötzlich vernahm ich Worte, die mich aufhorchen ließen.

So ließ Gott bis vor kurzem zu, dass sich die Menschen von ungeregelten Leidenschaften fortreißen ließen, verführt durch ihre Lüste und Triebe, nicht weil er sich über ihre Sünden gefreut hätte – o nein; er fand sich lediglich damit ab –, und auch nicht, weil er an der damaligen Ära der Ungerechtigkeit Gefallen gefunden hätte, sondern weil er die jetzige Ära der Gerechtigkeit vorbereitete. Denn die Zeit ist nahe.“

Im Folgenden erging sich Philippos in begeisterten Worten über Gottes Macht und Güte und Barmherzigkeit, während meine Gedanken zu wandern begannen. Wenn ihm tatsächlich so viel daran liegt, dass sich die Menschen nicht von ungeregelten Leidenschaften fortreißen lassen, und wenn alle, die so leben, nicht gerettet werden können, sondern für alle Ewigkeit verdammt sind, warum, bei allen Göttern und Göttinnen, hat er dann so lange zugewartet und sich mit dem ungerechten Treiben der ihren Lüsten hingegebenen Menschen abgefunden? Warum hat er die Vorbereitung der jetzigen Ära der Gerechtigkeit nicht beschleunigt, um einer größeren Zahl von Menschen die Chance zu geben, der Verdammnis zu entgehen? Wäre das nicht bedeutend gütiger und barmherziger und auch machtvoller von ihm gewesen?

Auf Philippos’ Vortrag wurde ich erst wieder aufmerksam, als er ein Wort aussprach, das ich noch nie gehört hatte, noch dazu mit besonders feierlicher Betonung, nämlich „Amen“, und hierauf verstummte. War jetzt ich dran, um endlich meine Fragen anzubringen?

Nein, noch immer nicht. Er zauberte aus seinem Gewandbausch eine Buchrolle hervor, drückte sie mir in die Hand und sagte: „Hier, nimm und lies. Das ist das erste Buch unserer Heiligen Schrift. Es ist Gottes eigenes Wort. Vielleicht kannst du in der Nacht nicht schlafen. Dann hast du wenigstens eine nützliche und wertvolle Beschäftigung und kommst nicht auf sündhafte Gedanken, wie das in deinem Alter leider nur allzu leicht geschehen kann.“

Damit erhob er sich und ging offenbar daran, sich zu verabschieden. Das war mir aber gar nicht recht. So viele Fragen, so viele Einwände hatte ich noch auf dem Herzen und fühlte mich im Augenblick mehr verwirrt als belehrt.

Also sagte ich statt „Danke schön, auf Wiedersehen“ Folgendes: „Bitte wart noch einen Augenblick, bester Philippos. Es gibt da ein paar Punkte in deinem Vortrag, die ich mit dir gern diskutieren möchte.“

Ich wollte noch mehr sagen, aber der Blick, den er mir jetzt zuwarf, ließ mich verstummen. Seine Miene verdüsterte sich auf geradezu beängstigende Weise, und nachdem er mich ein Weilchen angestarrt hatte wie ein erzürnter Lehrer einen frechen Schüler kurz, bevor der Rohrstock in Aktion tritt, sagte er, und nun klang seine Stimme überhaupt nicht mehr salbungsvoll: „Ihr Griechen wollt in einem fort diskutieren. Das haben euch wahrscheinlich eure geschwätzigen Philosophen beigebracht.“

Er schwieg einen Augenblick.

Das sollst du wissen, mein Sohn“, fuhr er in etwas freundlicherem Ton fort. „Argumentieren und Diskutieren ist keine angemessene Art, heilige Dinge zu erörtern. Die Geschwätzigkeit der Philosophen sucht nämlich nur den Streit, die Frömmigkeit der Gläubigen hingegen sucht stets ihrem Meister gehorsam zu sein. Wahrlich, ich sage dir, Glauben heißt Gehorchen, so wie auch Jesus bis zum Tod gehorsam war. Aber ich kann gut verstehen, dass du gern alles auf einmal wissen möchtest, besonders alles, was mit Jesus zusammenhängt. Hör zu. Wenn ich richtig informiert bin, werden dir Timons Töchter dein Abendessen bringen und bei dir Nachtwache halten. Ihnen werde ich ein weiteres Buch für dich mitgeben. Es enthält die Aussprüche Jesu; wir nennen es meistens seine Gute Botschaft. Lies es, oder vielleicht will dir Helena daraus vorlesen, und du wirst den kennenlernen, der einst mein Meister war, in den Himmel auffuhr und bald als Richter aller Gläubigen und Ungläubigen wiederkommen wird, um diese Welt zu vernichten und das Reich Gottes zu verwirklichen. Denn die Zeit ist nahe. Leb wohl, mein Sohn, und die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit deinem Geiste.“

Und damit verließ er mich.

 

 

16

Ich blickte Philippos nach, verwirrter als zuvor, aber keineswegs unbeeindruckt von dem, was er zuletzt gesagt hatte: Er sei einst Jünger dieses göttlichen Jesus Christus gewesen, der in den Himmel aufgefahren sei und bald die Welt vernichten werde. Nur, wie bald? Das hat er nämlich nicht erwähnt. In wenigen Monaten? In wenigen Jahren? Oder erst in einigen Jahrzehnten? Und ich nahm mir vor, mich mit dieser Frage an Helena zu wenden. Oder vielleicht steht die Antwort in dem Buch, das er mir in die Hand gedrückt hat? Wie heißt es überhaupt?

Ich warf einen Blick auf den Titel und las: Die Schöpfung. Nachdenklich rollte ich es auf und begann zu lesen und las von der Erschaffung der Welt, von der Erschaffung Adams und Evas, von der Verführung Evas durch die Schlange, von der Verfluchung Adams und Evas durch Gott und ihrer Vertreibung aus dem Paradies. Und warum wurden sie verflucht und aus dem Paradies vertrieben? Weil sie ungehorsam gewesen waren. Gott hatte ihnen verboten, von den Früchten eines einzigen Baumes in der Mitte des Paradieses zu kosten, und sie hatten davon gekostet.

Nein, in diesem Buch suche ich wohl vergebens nach der Antwort auf meine Frage. Hier geht es ja um die Erschaffung der Welt und nicht um ihre Vernichtung. Übrigens machte mich dieser Bericht auch insofern nachdenklich, weil mir dabei klarwurde, dass Gott, wenn ihm der schuldige Gehorsam verweigert wird, offenbar alles andere als gütig und barmherzig ist.

Diese Erkenntnis machte mich noch nachdenklicher und wühlte in meiner Seele eine ganz bestimmte Sorge auf, die mich schon den ganzen Tag beunruhigt hatte: Wie sind die Freuden, die mir Helena letzte Nacht bereitet hat, mit der von Gott oder von Philippos oder von der christlichen Lehre geforderten Heiligkeit, Reinheit, Keuschheit zu vereinbaren, ohne die der Mensch nicht gerettet werden kann? Die Antwort kann nur lauten: Gar nicht. Helena hat es getan, weil sie sich durch den Kontakt mit mir befleckt hatte. Ich, ich bin schuld daran. An mir liegt es nun, sie vor dem ewigen Feuer zu retten.

Und ich nahm mir fest vor, es in dieser Nacht nicht wieder so weit kommen zu lassen. In dieser Nacht nicht und auch in allen übrigen Nächten nicht.

 

 

17

Dieser Vorsatz muss mein Gewissen so erleichtert haben, dass ich prompt wieder einschlief. Als ich erwachte, war es Nacht geworden, und mich blendete das grelle Licht einer Lampe. Dahinter erkannte ich Klein-Heliodoras lachendes Gesicht, und hinter diesem, mein Herz begann zu rasen, hinter diesem das ernste Gesicht Helenas.

Ernst war es und wirkte zugleich auf wunderbare Weise verklärt, als hätte sie von den Früchten des Baumes in der Mitte des Paradieses gekostet. Ihre Wangen leuchteten in der Farbe reifer Kirschen, und ihre unverwandt auf mich gerichteten Augen funkelten wie Diamanten und waren auffallend geweitet. Ihr Mund war halb geöffnet, ihre Lippen zitterten leicht, blieben aber stumm, als sollte ich die Botschaft, die sie überbrachten, wie die Taubstummen an ihren Bewegungen ablesen. So überwältigt war ich von Helenas plötzlicher Erscheinung, dass ich auch selbst kein Wort über die Lippen brachte. Wie gebannt starrte ich sie an, als wäre sie die unverhofft auf Erden erschienene Göttin Aphrodite, und nahm Heliodoras Lachen und kindliches Geplapper kaum wahr.

Hippias, Liebster“, flüsterte die Göttin nach langem Schweigen. Und ich flüsterte: „Helena, Liebste.“

Nun schien der Bann gebrochen. Helena stellte das Tablett, das sie in ihren Händen hielt, ab, kniete oder hockte vor mir nieder, beugte sich über mich und schenkte mir als Erstes einen zarten und überaus keuschen, aber o wie süßen Kuss (worauf zu beider Entzücken ihre kleine Schwester darauf bestand, mich ebenfalls zu küssen).

Wieder fütterte mich Helena liebevoll und flößte mir Inos wundertätigen, mit dem wundertätigen Wasser von Hierapolis gemischten Wein ein, trank aber auf mein Drängen auch selbst davon. Und wieder schickte sie Klein-Heliodora schlafen, zog hierauf mit bedeutungsvoller Miene zwei Buchrollen aus ihrem Gewandbausch und legte sie auf den Tisch.

Ah, Philippos’ Gute Botschaft?“, flüsterte ich.

Sie nickte, lächelte süß, nahm eine der beiden Buchrollen in die Hand. „Die Gute Botschaft unseres Herrn Jesus. Philippos hat sie mir für dich mitgegeben.“

Und die andere Buchrolle?“

Zögernd legte Helena die eine wieder zurück, nahm die andere, lächelte mich noch süßer an. „Das Lied der Lieder. Eines der Bücher aus der Heiligen Schrift. Kaum zu glauben, dass dieses Buch ein Teil der Heiligen Schrift ist. Philippos sagt, man müsse es allegorisch verstehen; es beschreibe die Verbindung unseres Herrn Jesus mit der Kirche. Aber für mich beschreibt es seit heute meine innere Verbindung mit dir.“

Oho. Liest du es mir vor?“

Gern. Gleich? Oder soll ich zuerst die Gute Botschaft ...“

Gleich, bitte. Die Gute Botschaft kann warten.“

Ja, so redete ich damals, weil ich keine Vorstellung vom Inhalt dieses Buches hatte und nicht ahnen konnte, was da auf mich zukam. Hätte Helena mit der Guten Botschaft angefangen, wären wir vermutlich einfach ins Reden gekommen; mir brannten ja so viele Fragen auf der Zunge; und ich wäre meinem Vorsatz vielleicht treu geblieben.

 

 

18

Wie heißt es so schön bei Sophokles? O Eros, der du in den weichen Wangen des Mädchens lauerst.

Oh, die Weisheit der Dichter! Denn ich erkannte, dass auch in Helenas weichen Wangen Gott Eros lauerte.

Details

Seiten
257
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939590
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542987
Schlagworte
heiliger liebe zorn

Autor

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Titel: Heiliger Zorn und heilige Liebe