Lade Inhalt...

Guru - Herr der Verdammten

2020 138 Seiten

Zusammenfassung


Was hat es mit diesem Mahwly Guru für eine Bewandtnis? Warum will niemand darüber sprechen? Warum erschrecken die Menschen so, wenn sie diesen Namen hören? Warum sterben Menschen unter mysteriösen Umständen? Wie viele Menschen sollen noch sterben?
Hardy Fisher, ein junger Student, ist besessen davon, das Rätsel zu lösen …

Leseprobe

Table of Contents

Guru - Herr der Verdammten

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Guru - Herr der Verdammten

Grusel-Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 138 Taschenbuchseiten.

 

Was hat es mit diesem Mahwly Guru für eine Bewandtnis? Warum will niemand darüber sprechen? Warum erschrecken die Menschen so, wenn sie diesen Namen hören? Warum sterben Menschen unter mysteriösen Umständen? Wie viele Menschen sollen noch sterben?

Hardy Fisher, ein junger Student, ist besessen davon, das Rätsel zu lösen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Werner Öckl

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Norman Carpenter war für seine exzentrischen Gepflogenheiten bekannt. Es gab böse Zungen, die sogar behaupteten, dass er jedes prächtige Fest auf ausgesprochen unappetitliche Weise verdarb.

Ihn selbst konnte man an diesem Abend nicht mehr nach einem Beweggrund fragen, denn der Skandal bestand darin, dass Carpenter ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als seine attraktive Braut die riesige Hochzeitstorte anschnitt, mit einem Seufzer tot zusammenbrach.

Automatisch dachten die meisten Gäste an einen zwar schlechten, aber für Carpenter nicht ungewöhnlichen Scherz. Deshalb dauerte es auch einige peinliche Minuten, bis sich endlich Harold Brooks entschloss, den am Boden Liegenden näher zu untersuchen.

Brooks war einer der zahlreichen sogenannten Freunde, die der Verstorbene nicht wegen seines kameradschaftlichen Charakters, sondern wegen seiner einflussreichen Stellung besaß.

Er richtete sich verstört auf und sagte zu den ungeduldig auf die Fortführung des Tortenanschneidezeremoniell Wartenden: »Es wird mir keiner glauben, aber Norman ist tatsächlich tot!»

Klirrend fiel das breite Messer aus Maggies Hand. Nun musste man sich auch noch um die ohnmächtige Braut kümmern, die erst vor vier Stunden den Namen Carpenter erhalten hat.

Maggie Carpenter hatte den Industriellen sicher nicht des Geldes wegen geheiratet, davon besaß sie selbst mehr, als sie ausgeben konnte. Außerdem hatte sie die Anträge einer ganzen Reihe wohlhabender Männer abgelehnt, die größtenteils wesentlich jünger als Carpenter waren. Neider bezeichneten ihre Heirat als krasse Fehlentscheidung einer unreifen, jungen Gans, die der Versuchung erlegen war, den Namen eines Mannes zu tragen, der in höchsten Regierungskreisen mit Hochachtung ausgesprochen wurde. Die vierzig Jahre Altersunterschied hätten für Monate ergiebigen Gesprächsstoff geboten.

Doch Norman Carpenter war tot - und über eine Witwe zu tuscheln, war bei weitem nicht so amüsant.

Dass sich unter den mehr als zweihundert Hochzeitsgästen auch ein Arzt befand, war nicht ungewöhnlich. Er bestätigte nach einer kurzen Untersuchung die Behauptung von Harold Brooks: »Vermutlich hat sein Herz nicht mehr mitgemacht. Er war mit seinen achtundsechzig Jahren eben nicht mehr der Jüngste, und hat sich mit dieser Heirat wahrscheinlich zu viel zugemutet.« Dabei warf der Mediziner einen lächelnden Blick auf die junge Ohnmächtige.

Maggie Carpenter hatte seine Worte gehört. Empört richtete sie sich auf und funkelte den Arzt an: »Ich kann Ihnen nur wünschen, dass Ihr Herz so gesund ist wie das von Norman. Er ist keines natürlichen Todes gestorben. Er wurde ermordet!«

Die Umstehenden wichen erschrocken zurück. Eine solche Behauptung war skandalös. Ein eventueller Mörder hätte von allen Gästen gesehen werden müssen, denn gerade kurz vor Carpenters Tod waren sämtliche Augen auf das Brautpaar gerichtet.

»Sie denken an Gift?«, fragte Doc Bramley skeptisch.

Maggie schüttelte traumverloren den Lockenkopf.

»Nein, kein Gift. Die Leute von Mahwly Guru arbeiten mit anderen Mitteln. Norman wusste, dass er ihnen im Weg war, aber er ahnte nicht, dass sie ihn schon so bald töten würden.« Die junge Frau sprach leise und ruhig, dafür, dass sie soeben auf ungewöhnliche Weise Witwe geworden war, überraschend gefasst. Die Gäste registrierten das sofort und machten sich ihre eigenen Gedanken. Um eine Liebesheirat hatte es sich hier wohl nicht gehandelt.

Aber wer konnte schon wirklich in das Innere von Maggie Carpenter sehen? Was wusste sie? Von welchen Leuten hatte sie gesprochen?

Harald Brooks sprach diese Fragen aus: »Mahwly Guru sagtest du, Maggie? Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Auch Norman hat ihn mir gegenüber nicht erwähnt. Was meinst du damit?«

Maggie wehrte fast erschrocken ab.

»Frage mich nicht! Ich könnte dir nichts sagen, selbst wenn ich etwas wüsste. Ich muss mich mit dem, was geschehen ist, abfinden, wenn ich nicht noch größeres Unheil beschwören will.« Laut sagte sie: »Ihr werdet verstehen, dass wir das Fest abbrechen. Ich danke euch allen für euer Kommen. Geht nun nach Hause und vergesst, was hier vorgefallen ist!«

Unschlüssig begannen die ersten Gäste, sich zu entfernen. Man hätte gern noch ein Weilchen diese seltene Sensation ausgekostet. Was passierte schon in Wonderfield? Und wenn ein Unglück einen nicht selbst betraf, war es eigentlich recht unterhaltend. Irgendwie musste man schließlich für die ausgefallene Hochzeitsfeier und den im Keim erstickten Klatsch über die ungleichen Ehepartner entschädigt werden.

Doc Peacocks Nachricht wurde dann auch mit schlecht verborgener Begeisterung aufgenommen.

»Ich kann Ihnen leider nicht gestatten, das Haus zu verlassen, meine Herrschaften«, erklärte er. »Nachdem Mrs. Carpenter offen einen Mordverdacht ausgesprochen hat, müssen wir die Polizei verständigen. Ich nehme an, dass wir alle unsere Aussage machen müssen.«

»Nein!« Maggie schrie fast. »Keine Polizei! Dann wird alles nur noch schlimmer. Wir wollen froh sein, wenn sich die Leute von Mahwly Guru zufrieden geben.«

Aber sie erhielt von den anderen keine Unterstützung. Man wollte das Schauspiel. Man hatte ein Recht darauf. Die Polizei musste man ja nicht fürchten. In Wonderfield gab es ausschließlich rechtschaffene und unbescholtene Bürger. Allerdings, für seinen Nachbarn wollte man lieber nicht die Hand ins Feuer legen. Einer musste ja den schwer reichen Mann umgebracht haben, wenn es sich wirklich um einen Mord handelte. Und wer hatte jetzt noch Lust, daran zu zweifeln?

»Die Beamten vom Morddezernat werden in einigen Minuten hier sein«, verkündete Jeremy Eldridge, ein schlaksiger, junger Kerl. Er hatte sich durch diesen aufregenden Fall dazu hinreißen lassen, seinen Platz am kalten Buffet für kurze Zeit aufzugeben. Nun versorgte er sich bereits wieder mit ausgesuchten Leckereien. Der Tote in unmittelbarer Nähe zog seinen Appetit in keiner Weise in Mitleidenschaft.

»Ihr Wahnsinnigen!«, tobte die Frau, der an einer Aufklärung des seltsamen Todesfalles anscheinend nicht gelegen war. »Ihr werdet noch an meine Warnung denken. Es werden entsetzliche Dinge geschehen, und keine Armee von Polizisten wird euch schützen können!«

»Ich verstehe dich nicht, Maggie«, meinte Harold Brooks kopfschüttelnd, »willst du nicht, dass Normans Tod gerächt wird?«

»Gerächt?« Die Angeredete lachte gereizt. »Ja, es wird eine Rache geben! Aber wir werden diejenigen sein, die ihr zum Opfer fallen. Ruft die Polizei zurück und sagt, dass es ein Irrtum war! Sonst werden wir es alle büßen müssen ...«

Maggie Carpenter machte den Eindruck, als stünde sie eine fürchterliche Angst aus. Aber ihre Warnung kam schon zu spät. Aus der Ferne war bereits die Sirene des Bereitschaftswagens zu hören.

Maggie Carpenter sank weinend auf die Knie und flehte: »Rettet mich!«

Während die neugierig Wartenden sich keinen Reim auf das unverständliche Gebaren der Frau machen konnten, begann plötzlich die Erde zu dröhnen. Ein sonorer Ton wie aus einer mächtigen Orgelpfeife erklang, schwoll an und wurde immer schriller, bis er körperliche Schmerzen verursachte. Die Menschen in dem großen Saal hielten sich krampfhaft die Ohren zu, aber ihre verzerrten Gesichter ließen die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen erkennen.

Das elektrische Licht in den gewaltigen Kronleuchtern begann zu flackern. Der Effekt ähnelte einer Lichtorgel in einer Diskothek. Schließlich erloschen die Lampen völlig. Gleichzeitig entlud sich eine heftige Detonation, die Menschen und Mobiliar durcheinander wirbelte. Schreie und Schluchzen vermischten sich. Porzellan zerbrach. Nur allmählich ebbte das Chaos ab. Es wurde wieder hell, wenn auch eine ganze Reihe von Glühlampen ihren Dienst quittiert hatte.

Man sah sich fassungslos an, und das Grauen schlich durch den Raum. Der Festsaal sah aus wie ein Schlachtfeld. Dazu passte das Erscheinen der Uniformierten, die in diesem Moment die Ausgänge besetzten.

Inspektor Cedric Andrews leitete die Aktion. Er war Mitte dreißig, und bei einer anderen Gelegenheit hätte so manche der anwesenden Damen ihm ihr schönstes Lächeln geschenkt. Im Augenblick aber waren alle zu verwirrt, um mit ihren angeborenen Waffen operieren zu können.

Auch Inspektor Andrews war sichtlich überrascht.

»Ich habe eigentlich einen Mord erwartet, nicht aber ein ganzes Erdbeben. Was ist hier vorgefallen?«

Von den anfänglich wild durcheinander redenden Gästen erfuhr er umständlich das Geschehene. Allerdings waren die Aussagen derart widersprechend, dass er sich trotzdem kein rechtes Bild von dem Vorfall machen konnte.

»Zunächst möchte ich den Toten sehen«, forderte er. »Etwaige Spuren sind vermutlich durch das Chaos zerstört worden.«

Norman Carpenter lag nicht mehr neben der halb angeschnittenen Hochzeitstorte. Man fand ihn unter den Tischen, auf denen das kalte Buffet aufgebaut war, garniert mit pikanten Krebsschwänzen, Trüffeln und cremigem Käse aus der Normandie.

»Das ist doch Mister Carpenter.« Inspektor Andrews war offensichtlich nur unvollkommen informiert worden.

»Haben Sie vielleicht geglaubt, das wäre sein Koch?«, grinste Jeremy Eldridge, der wehmütig die Fülle verdorbener Köstlichkeiten betrachtete. Pasteten aus der Hand einer Leiche schmeckten selbst ihm nicht mehr. »Deshalb haben wir Sie doch herkommen lassen. Mister Carpenter fiel plötzlich um und rührte sich nicht mehr. Mister Brooks stellte dann seinen Tod fest.«

»Wer ist Mister Brooks?«, wollte der Inspektor wissen.

»Das bin ich, Sir.« Harold Brooks drängte sich durch die Menschenmenge bis zu dem Beamten durch. Er wählte eine gut dosierte, trauerumflorte Stimme, als er sagte: »Norman war mein Freund. Wohl der beste, den man sich denken kann. Ich kann es nicht fassen, dass er nicht mehr bei uns ist.« Er wandte sich ab und suchte ein Taschentuch. Als er keines fand, begnügte er sich mit einer theatralischen Handbewegung.

Cedric Andrews achtete ohnehin nicht mehr auf ihn. Er ließ die Leiche fotografieren und anschließend vom Polizeiarzt untersuchen.

»Keine sichtbare Spur einer fremden Einwirkung«, stellte dieser nach einigen Minuten fest. »Vermutlich Herzversagen. Das ist kein Fall für uns, Andrews.« Er packte seine Instrumente wieder ein und schloss den kleinen Koffer. Für ihn war die Angelegenheit erledigt.

Doc Peacock war anderer Meinung. Er war Jurist. Seine vom Wein gerötete Nase witterte ein Verbrechen, und er war nicht gewillt, diesen Gedanken ohne weiteres aufzugeben.

»Mrs. Carpenter behauptete aber, ihr Mann sei ermordet worden. Sie verdächtigt gewisse Leute von Mahwly Guru. Ich kenne diese Menschen nicht, und wenn ich an das unheimliche Beben vor einigen Minuten denke und an die marternde Musik, die mir noch jetzt in den Ohren dröhnt, verspüre ich auch keine Lust, sie kennenzulernen.«

»Ich glaube auch, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist«, gab Inspektor Andrews zu. »Wir werden auf alle Fälle die Leiche obduzieren. Und Mrs. Carpenter soll uns ihren Verdacht näher erklären. Bringen Sie mich bitte zu ihr, Sir!«

Doc Peacock war erstaunt.

»Wieso? Sie ist doch hier.« Er sah sich suchend um, aber er konnte sie nicht entdecken.

»Sie hatte entsetzliche Angst«, erklärte Harold Brooks. »Sie fürchtete die Rache von Mahwly Guru. Sie wird doch nicht das Haus verlassen haben, während wir auf das Erdbeben achteten?«

Die Suche im ganzen Haus blieb erfolglos. Maggie Carpenter war verschwunden.

Inspektor Andrews tobte.

»Wie konnte das passieren? Eine Braut in Weiß kann sich doch nicht einfach unsichtbar machen. Sie muss schon weggegangen sein, bevor wir kamen. Meine Leute haben niemand herausgelassen.«

Er besprach die Situation mit Sergeant Brox.

»Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, Sir«, sagte dieser, »die hübsche Braut ist bestimmt nicht grundlos getürmt. Sie stand neben dem Opfer, als es starb. Es sollte mich wundern, wenn sie nicht einen Vorteil durch den Tod ihres Mannes hätte.«

»Sie glauben, dass sie ihn getötet hat?«

»Wer sonst? Vielleicht Mahwly Guru?«

Cedric Andrews schaute nachdenklich vor sich hin.

»Ich kann mich nicht entsinnen, den Namen gehört zu haben. Es könnte eine Bande sein. Doc Wallsman, unser Polizeiarzt, schwört jedoch auf eine natürliche Todesursache. Aber wenn ich mir das Schlachtfeld hier so ansehe, kommen mir leichte Zweifel.«

»Wir werden sämtliche Anwesende verhören müssen«, befürchtete Terry Brox, und Andrews gab ihm recht.

»Zunächst brauchen wir eine Gästeliste, sowie eine Aufstellung über das Personal und die für diesen festlichen Anlass eigens engagierten Fachkräfte.«

Gustave Bergee, der französische Hausdiener des Verstorbenen, brachte die Listen. Man stellte schnell fest, dass nicht nur Maggie, sondern außer ihr fünf Gäste fehlten.

»Und Sie sind sicher, dass sie vor dem Unglücksfall hier waren?«

Gustave Bergee hatte keinen Zweifel.

»Vollkommen sicher, Sir. Mister Crawford und seiner Gattin habe ich selbst die Garderobe abgenommen. Professor Anderson und Professor Kalinko waren längere Zeit in der Bibliothek, und Mister Fernando Morales befand sich, mit Verlaub zu sagen, bereits vor der Trauungszeremonie in angetrunkenem Zustand.«

»Ein Spanier?«

»Südamerikaner, soviel ich weiß. Ein äußerst temperamentvoller Herr.«

»Sagt Ihnen der Name Mahwly Guru etwas?«

Der Diener überlegte eine angemessene Zeit, dann schüttelte er bedauernd den Kopf.

Trotz der Vielzahl von Zeugen, die zu dem Vorfall befragt wurden, gab es nicht einen einzigen brauchbaren Hinweis für die Lösung eines der drei Rätsel: dem Tod Norman Carpenters, dem Beben in dessen Haus und dem geheimnisvollen Mahwly Guru.

 

 

2

Professor Graham war ein äußerst beliebter Dozent an der Preston University in Blackham. Er verstand es, das schwierige Thema der Vererbungslehre auf spannende und humorvolle Weise seinem Auditorium nahezubringen. Graham war ledig und lebte völlig für seinen Beruf. Seine Studenten dankten es ihm mit überfüllten Hörsälen und endlosen Diskussionen auch nach den Vorlesungen.

Hardy Fisher war wohl sein eifrigster Zuhörer und Bewunderer seiner gewagten Theorien. Gebannt hing Hardy während der Vorlesungen an den Lippen des Professors, und wenn der Gong das Ende des Unterrichtes verkündete, war er der Erste, der den Alten mit Fragen bestürmte und ihn in lange Debatten verwickelte.

Graham hatte eine Menge Bücher geschrieben. Hardy Fisher besaß sie alle. Und sie standen bei ihm nicht nur im Schrank, er hatte sie auch unzählige Male gelesen. Die Thesen des Wissenschaftlers faszinierten den jungen Mann. Sein größter Wunsch war nach Beendigung des Studiums die Assistentenstelle bei seinem großen Vorbild zu bekommen. Er kannte sich nicht nur in Grahams Lehrsätzen bestens aus, er wusste auch viel über das Privatleben des eingefleischten Junggesellen. Mehr als einmal hatte er schon sein Idol nach Hause begleitet, wo er es als eine Auszeichnung empfand, dass ihm gestattet wurde, in das heillose Durcheinander einer Männerwirtschaft ein wenig Ordnung zu bringen. Dabei stieß er hin und wieder auf zerknitterte Blätter mit flüchtig hingeworfenen Notizen, die er genau so gierig verschlang wie die offiziellen Vorlesungen an der Universität. Zwar verstand er das meiste nicht, was dort stand, aber er war überzeugt, dass es sich hier um die Entwürfe für das nächste Buch handelte.

Auch heute war es Hardy Fisher gelungen, den alten Mann in ein so interessantes Gespräch zu verwickeln, dass dieser gar nicht anders konnte, als ihn noch auf eine Tasse Tee hineinzubitten, als sie unversehens vor seinem Haus angekommen waren.

»Sie machen mich mit Ihrer Begeisterung richtig verlegen, Fisher«, brummte Graham. Auch er mochte den intelligenten Studenten, dessen echtes Interesse an seinen Forschungsergebnissen er spürte. »Lassen Sie uns sehen, ob es uns gelingt, mit vereinten Kräften einen trinkbaren Tee zu fabrizieren.«

Lächelnd flog wenige Augenblicke später Fishers Blick über das Inferno in Grahams Studierzimmer. Zwischen Gedrucktem unterschiedlichster Art fanden sich ein Paar alte Schuhe, benutztes Geschirr, Reste eines bescheidenen Abendessens, einige Augengläser verschiedener Sehstärken und natürlich jede Menge handgeschriebener Aufzeichnungen. Begierig leuchteten Hardys Augen, als der Professor sich mit einer gemurmelten Entschuldigung in die Küche zurückzog, um einen indischen Muntermacher zu brauen, während es seine Aufgabe war, die wissenschaftsfremden Gegenstände zu entfernen, ohne das übrige Durcheinander zu stören.

Die gröbste Arbeit war rasch erledigt. Dann hatte Hardy Fisher Zeit, sich verstohlen die neuesten Notizen des Professors anzusehen. Es handelte sich um fliegende Blätter ohne erkennbaren Zusammenhang. Hardy Fisher schienen die Notizen völlig andere Themen zu behandeln als in den früheren Manuskripten. Er vertiefte sich in die Papiere, doch musste er ärgerlich feststellen, dass es ihm nicht gelang, den geistigen Wegen seines Vorbilds zu folgen.

Professor Graham streckte seinen Kopf durch die Tür und tadelte den Studenten milde: »Sie sollen doch nicht schon wieder arbeiten. Unsere Hirnwindungen brauchen auch mal eine kleine Erholungspause. Dann sind sie danach zu umso erstaunlicheren Leistungen fähig. Jetzt setzen Sie sich erst mal hin und erzählen mir ein bisschen von Ihrer Familie und Ihren Plänen für die Zukunft!« Er stellte ein Tablett mit Teegeschirr auf den runden Tisch neben der Tür, Hardy Fisher nahm Platz und erfüllte den Wunsch des Pädagogen.

Aber es dauerte nur kurze Zeit, bis das Gespräch wieder in fachliche Bahnen abrutschte. Wie eine Biene zog Fisher unersättlich die Weisheit aus Graham heraus.

»Ihre Vorlesung, Herr Professor, war heute wieder atemberaubend. Ihre Theorien über die Mutation ...«

»... sind sehr gewagt. Ich weiß. Alle Kollegen stehen in dieser Beziehung in krassem Gegensatz zu meinen Vermutungen. Sie dürfen also das, was ich Ihnen heute beiläufig auseinandergesetzt habe, noch nicht als Gesetz hinnehmen. Aber ich hoffe, bald den Beweis erbringen zu können.«

»Ich bin überzeugt, dass Sie recht haben, Sir. Allerdings ist die Vorstellung, dass ähnlich wie im Tier- und Pflanzenreich durch unvorhersehbare äußere Einflüsse auch bei den Menschen plötzliche Mutationserscheinungen zu dauerhaften und vor allem erblichen Schäden führen können, gespenstisch.«

»Nun, die Wissenschaft kennt diese Erscheinungen in gewissem Umfang auch bei dem Menschen schon seit langem. Ich denke jedoch an gewaltige Schäden körperlicher und auch geistiger Natur. Zum Beispiel kann durch Einwirkung von Radioaktivität die Erbanlage der Bevölkerung ganzer Landstriche verstümmelt werden. Die Folgen wären unabsehbar.« Der Wissenschaftler hatte sich in heftige Erregung geredet. Es war sicher, dass ihm seine Vision viel Schlaf raubte, zumal er bei seinem Kampf auf einsamem Posten stand.

Hardy Fisher erkannte die Tragweite dieser Theorie.

»Es ist verständlich, dass bei diesem Thema vor allem die Wissenschaftler und Politiker die Köpfe in den Sand stecken. Es ist ein heißes Eisen! Doch wenn Sie recht hätten, und ich fürchte, dass ich keinen Grund habe, daran zu zweifeln, müsste die Forschung jede Stunde nutzen, um ein Mittel zu finden, der Gefahr wirksam zu begegnen.«

Der Professor winkte resignierend ab.

»Es wird nichts geschehen. Aber plötzlich wird es zu spät sein. Ich werde wohl die Katastrophe nicht mehr erleben, aber es tut mir um die vielen jungen Menschen leid.«

»Haben Sie überhaupt keine Hilfe?«, fragte Fisher.

Graham lachte verächtlich. »O doch, es gibt ein paar Fantasten, die mir Glauben schenken. Aber was ich brauche, sind einflussreiche Leute mit Geld, damit ich meine Forschungen intensivieren kann.«

»Sie wissen, dass meine Eltern nicht unvermögend sind. Noch heute werde ich ihnen schreiben.« Hardys Augen blitzten entschlossen.

Graham war gerührt über soviel Enthusiasmus und bedingungsloses Vertrauen. Dankbar legte er die Hand auf den Arm seines Gesprächspartners.

»Lieber junger Freund«, sagte er behutsam, »dieses Projekt kostet Millionen. Trotzdem danke ich Ihnen herzlich für Ihren guten Willen. Es tut wohl, mit einem intelligenten Menschen sprechen zu können.«

Hardy Fisher wurde ein wenig verlegen. Dieses Lob bedeutete ihm viel. Er bedauerte, dass er den Wissenschaftler in der angedeuteten Größenordnung nicht unterstützen konnte, deshalb wechselte er lieber das Thema. Es gab eine Menge Dinge in den Aufzeichnungen des Professors, die einer Erläuterung bedurften. So eine günstige Plauderstunde ergab sich nicht jede Woche. Hardy war entschlossen, den Privatunterricht geschickt zu nutzen.

»Herr Professor, Mahwly Guru, was ist das?«

Er hatte möglicherweise mit Ausflüchten gerechnet, oder auch mit einer unverständlichen Erklärung, niemals aber mit einer derart heftigen Reaktion. Der Professor starrte ihn zunächst fassungslos an, schnappte ein paarmal nach Luft, streckte dann seine Hand aus und deutete zur Tür.

»Verlassen Sie augenblicklich mein Haus!«, keuchte er.

Hardy Fisher wurde kalkweiß. Er hatte nicht geahnt, dass ihm Graham das Schnüffeln in seinen Notizen so übel nehmen würde. Zaghaft versuchte er eine Entschuldigung, aber der Zornige nahm sie nicht mal zur Kenntnis.

»Sie verdammter Narr, Fisher«, fauchte er. »Ausgerechnet Sie! Ich verbiete Ihnen hiermit ausdrücklich, dieses Haus je wieder zu betreten. Auch wünsche ich mit Ihnen außerhalb der Vorlesungen keine Unterhaltungen mehr. Ich würde es begrüßen, wenn Sie sich in einer anderen Universität immatrikulieren ließen.«

Der Gescholtene war ratlos. »Aber Herr Professor, es tut mir ja leid, dass ich in Ihren Sachen geschnüffelt habe, doch Sie müssen das mit meinem Wissensdurst entschuldigen. Mir genügt das nicht, was Sie allen Studenten sagen. Verdient mein Vergehen wirklich eine solch harte Strafe?« Er war den Tränen nahe. Aber auch der Professor schien bewegt zu sein. Trotzdem blieb er unerbittlich. »Mein Entschluss ist unwiderruflich«, erklärte er mit zitternder Stimme. »Ich kann und will Ihnen die Gründe hierfür nicht erläutern. Gehen Sie jetzt!«

Der junge Mann erhob sich wie in Trance. Eine Welt lag in Trümmern vor ihm. Sein Idol jagte ihn davon!

»Verzeihen Sie mir«, flüsterte er, und als er keine Antwort erhielt, schlich er mit gesenktem Kopf hinaus. Wehmütig, aber gleichzeitig voller Angst schaute der Professor auf den leeren Stuhl, auf dem eben noch ein begeisterungsfähiger Idealist gesessen hatte. Er erhob sich und ging zum Fenster.

Fisher hatte das kleine Vorgärtchen durchquert und quälte sich nun über die Straße. Selbst an seinem Rücken konnte man die tiefe Bedrückung erkennen. Graham schluckte. Er hatte einen ehrlichen Freund fortgejagt, fortjagen müssen ... Nun tat es ihm leid. Er sah, wie Fisher taumelte und sich am Zaun festhalten musste. Da ertrug er es nicht länger. Er öffnete das Fenster und wollte den Namen des Unglücklichen rufen. Doch aus seinem Mund drang kein Laut. Zu einem zweiten Versuch kam es nicht mehr. Mit einem leisen phhhhh, das so klang, als entwiche feuchte Luft aus einem Kinderballon, glitt er zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Beim Fallen schlug die linke Hand, deren Finger sich krampfartig zusammenkrallten, durch die Fensterscheibe, dass sie zerbrach. Nun hing der Professor mit einem Arm im Fensterrahmen. Blut lief an ihm herab und sickerte auf den ausgetretenen Fußboden. Es färbte einige Notizzettel rot, aber das störte ihn nicht mehr, denn Professor Graham war tot!

Hardy Fisher hatte das Klirren der Scheibe im Unterbewusstsein vernommen. Unwillkürlich wandte er sich um. Was er sah, ließ sein Herz stocken. Die Hand im Fenster wirkte, als griffe sie begehrlich nach ihm. Er vergaß das Verbot des Gelehrten und eilte den Weg zurück. Die Gedanken in seinem Kopf überstürzten sich. Was hatte das zu bedeuten?

Er fand seine schlimmsten Ahnungen bestätigt, als er sich über die Leiche beugte. Hier kam jede Hilfe zu spät. Hardy versuchte Ordnung in seine verwirrten Gedankengänge, zu bringen. Es gelang ihm nur unvollkommen. Er wusste nur eins: Professor Graham, der Mann, den er über alles verehrt hatte, lebte nicht mehr. Er war am geöffneten Fenster gestorben. Hatte er ihm etwa noch etwas nachrufen wollen? Wollte er ihn gar zurückholen?

Hardy Fisher sah sich unentschlossen in dem Raum um. Seine ahnungslose Frage nach Mahwly Guru hatte bei Graham panisches Entsetzen ausgelöst. Hardy begann zu ahnen, dass diese Wort der eigentliche Grund für die maßlose Erregung des Gelehrten gewesen war. Hatte diese Erregung gar seinen plötzlichen Tod ausgelöst?

Mechanisch sammelte er die herumliegenden Blätter und steckte sie entschlossen in seine Collegetasche. Der Professor besaß keine Verwandten. Hardy Fisher wollte das geistige Erbe dieses Mannes antreten und versuchen, das Rätsel um Mahwly Guru zu lösen.

Dann erst benachrichtigte er einen Arzt.

 

 

3

Sidney Jeffers war ein wackerer Landwirt, der fleißig seiner täglichen Arbeit nachging und noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Seiner Frau war er treu und seinen drei Kindern ein vorbildlicher Vater. Sonntags und zu den Festen besuchte er die Kirche, er war ein eingeschworener Anhänger einer gemäßigten Partei, und einmal wöchentlich ging er zum Stammtisch in der Dorfwirtschaft »Good Hope«. Niemand konnte ihm etwas Nachteiliges nachsagen.

Trotzdem geschah es, dass ihn seine Nachbarn nur noch mit einem spöttischen Lächeln grüßten und die Köpfe tuschelnd zusammenfuhren, wenn er das »Good Hope« betrat. Anlass dafür war seine merkwürdige Erzählung, die allgemein nur mit einem mitleidigen Kopfschütteln quittiert wurde. Offenbar war der gute Jeffers nicht mehr ganz richtig im Hirnkasten, oder er hatte dem Braunbier zu heftig zugesprochen.

Was war geschehen?

Sidney Jeffers war, wie jeden Mittwoch, in aufgeräumter Stimmung aus dem »Good Hope« gekommen, wo er mit Freunden und Nachbarn die kommende Ernte sowie die politische Lage auf dem Kontinent diskutiert hatte. Es war nicht sonderlich spät, als er die Wirtschaft verließ, höchstens neun Uhr abends. Er musste ja am nächsten Morgen wieder zeitig auf dem Feld sein. Bis zu seinem Gehöft hatte er einige Minuten zu gehen. Er war ohne Begleitung. Unweit seines Anwesens stutzte er. Unter seinen Füßen schien die Erde zu beben. Zuerst nur wenig, aber bald so stark, dass er sich erschrocken auf dem schmutzigen Boden niedersetzte.

War er betrunken? Das gab es doch nicht! Ihn warfen vier Glas nicht um. Oder vielleicht waren es auch sechs gewesen. Sein Kreislauf war auch bis jetzt immer in Ordnung gewesen. Er konnte sich das Schwanken beim besten Willen nicht erklären.

Ihm blieb nicht viel Zeit für Überlegungen. Plötzlich brachen die Erdschollen vor ihm auseinander, und ein feiner, grünlicher Nebelschleier stieg daraus hervor. Es war, als koche der Boden. Sidney Jeffers wurde es tatsächlich heiß, aber vor Angst. Er dachte nichts anderes, als dass die Hölle sich vor ihm auftäte. Es roch faulig - wie verdorbenes Fleisch.

Jeffers brachte es nicht fertig, die Augen zu schließen. Trotz aller Furcht starrte er wie gebannt in die Richtung, aus der die unerwarteten Erscheinungen auf ihn eindrangen. Aus der Tiefe schwoll nun ein Ton an von derart hoher Frequenz, dass er körperliche Schmerzen bereitete. Sidney Jeffers’ Gesicht verzerrte sich. Er presste die Hände gegen seine drangsalierten Ohren, doch das nützte überhaupt nichts. Das schrille Geräusch fand mühelos den Weg zu seinen Trommelfellen und versetzte sie in heftigste Schwingungen. Vor Schmerzen schreiend, stopfte er sich Erdreich in die Ohrmuscheln. Er bildete sich ein, irgendwelche Stimmen zu hören, die ihm fremde Worte zuriefen. Allmählich hüllte ihn der Nebelschleier völlig ein. Er kroch würgend in Nase und Mund und versetzte sein Opfer in panikartige Todesangst. Und immer wieder redeten die Stimmen auf ihn ein, bis sich die Worte in sein Unterbewusstsein einprägten. Dann fiel er in eine schmerzlöschende Ohnmacht.

Stunden später fand ihn Rose Mary, seine Frau, die sich besorgt auf die Suche gemacht hatte, als längst die Stunde seiner gewohnten Heimkehr verstrichen war.

Sidney Jeffers schlief, eingehüllt in eine liebliche Dunstwolke von Braunbier, die Ohren voll Sand, aber sonst unversehrt.

Rose Mary war eine vernünftige Frau. Sie wusste es zu schätzen, dass ihr Sidney sonst nie über die Stränge schlug, deshalb hütete sie sich auch, ein Wort des Unmuts laut werden zu lassen. Sollte er doch ruhig mal einen auf den Zapfen hauen. Die Hauptsache war, dass er morgen auf dem Feld wieder seinen Mann stand. Es gab genügend Männer im Dorf, bei denen solche Sauftouren die Regel waren. Sie weckte Sidney und brachte ihn nach Hause, ohne auf sein betrunkenes Gestammel zu achten oder es gar ernst zu nehmen. Sie war überzeugt, dass ein starker Tee am nächsten Morgen seinen Geisteszustand wieder normalisierte.

Doch da sah sie sich getäuscht. Nicht nur, dass ihr Mann weiter die wunderlichsten Dinge erzählte, er weigerte sich sogar aufs Feld zu gehen, um dort seine Arbeit zu verrichten. Als Grund für sein merkwürdiges Verhalten mitten während der Erntezeit gab er geisterhafte Erscheinungen an, die ihm draußen auf dem Acker begegnet wären. Er bestritt energisch, betrunken gewesen zu sein und sich nur alles eingebildet zu haben.

Natürlich hatte niemand sonst im Dorf das geheimnisvolle Beben gespürt. Auch waren an der bezeichneten Stelle keine Erdrisse vorhanden. Den einzigen Beweis für Sidneys Geschichte bildete der Dreck in seinen Ohren, aber der war durch seinen Vollrausch leicht zu erklären.

Die Leute im Dorf schüttelten den Kopf, die Freunde am Stammtisch lachten über ihn, und obwohl keine Erntehelfer zu bekommen waren, blieb er beharrlich bei seiner lächerlichen Behauptung und verließ das Haus nicht mehr.

In ihrer Not suchte Rose Mary Jeffers Pfarrer Travers auf, in der Hoffnung, von ihm Rat und Beistand zu erhalten.

»Sie müssen mit ihm reden«, bat sie. »Auf Sie wird er hören.«

»Es ist ein grober Unverstand von deinem Mann«, schimpfte der Geistliche. »Dass ein Mensch plötzlich derart närrisch werden kann. Was meint er wohl mit diesem ,Mahwly Guru‘, das er ständig vor sich hin murmelt?«

Rose Mary zuckte mutlos die Achseln.

»Ich habe keine Erklärung dafür. Er behauptet, die Leute von Mahwly Guru hätten mit ihm gesprochen und ihn gewarnt, gegen sie zu kämpfen.« Die arme Frau begann zu schluchzen. »Meinen Sie, dass er krank ist?« Dabei deutete sie unmissverständlich zur Stirn.

Pfarrer Travers nutzte die Gelegenheit zu einer Moralpredigt.

»Wie oft habe ich die Männer vor den verderblichen Einflüssen des Alkohols gewarnt. Er ist nicht nur schädlich für den Geist, sondern auch für die Seele. Irgendwann musste ja mal ein Unglück geschehen. Es tut mir leid, dass es ausgerechnet eure Familie getroffen hat. Es gibt genügend schwarze Schafe in der Gemeinde, die es eher verdient hätten. Nun gut, ich werde mit ihm reden. Hoffen wir, dass es mir gelingt, den bösen Geist aus ihm herauszutreiben.«

Die Austreibung des bösen Geistes gelang dem Dorfpfarrer nicht. Zwar zeigte sich Sidney Jeffers ihm gegenüber gesprächiger, da er mehr Verständnis als von den anderen erwartete, aber er blieb bei seiner Darstellung und bei seinem Entschluss, lieber auf die Ernte zu verzichten, als den Zorn der Leute von Mahwly Guru herauszufordern.

»Sie haben es nicht erlebt, Herr Pfarrer«, sagte er aufgeregt. »Sie schrien von allen Seiten auf mich ein, ich solle sie ja in Ruhe lassen, wenn mir mein Leben lieb sei. Es war entsetzlich, und ich bin froh, dass ich mit heiler Haut davongekommen bin. Niemand kann von mir verlangen, dass ich freiwillig dorthin zurückkehre. Ich weiß, dass mir keiner glaubt, auch Sie nicht, Herr Pfarrer. Wahrscheinlich würde ich selbst es einem anderen auch nicht glauben. Es klingt eben zu verrückt. Aber ich schwöre, es ist wahr.«

Pfarrer Travers versuchte, den Erregten zu beschwichtigen.

»Wenn du wenigstens den kleinsten Beweis für deine wunderlichen Behauptungen hättest, Sidney. Kein Mensch hat zu der Zeit oder zu einem anderen Zeitpunkt ähnliche Wahrnehmungen gehabt. Als dich Rose Mary fand, war die Erde unversehrt, und von grünlichen Nebelschwaden konnte keine Rede sein. Gib zu, dass du nur betrunken warst, und geh an deine Arbeit, wie du es deiner Familie schuldig bist!«

Sidney Jeffers wehrte sofort ab: »Niemals! Wir werden von hier fortziehen. In die Stadt. Arbeit finde ich schon. Die Geister sollen einsehen, dass ich ihnen ihr Land überlasse.«

Nun wurde der Pfarrer zornig.

»Du Narr!«, rief er. »Ich werde dir beweisen, dass die Geister, die du fürchtest, ihren Wohnsitz in der Flasche haben. Heute noch gehe ich zu der von dir bezeichneten Stelle und bleibe dort die ganze Nacht. Aber ich verlange von dir, dass du morgen früh auf dem Feld bist, wenn ich unbehelligt zurückkomme.«

»Tun Sie es nicht, Herr Pfarrer! Ich bitte Sie dringend.«

»Bis morgen früh!« Mit diesen Worten verließ Pfarrer Travers Sidney Jeffers. Er ging nach Hause, um sich einen Mantel für die Nacht zu holen. Dann nahm er den Platz ein, an welchem Rose Mary Jeffers ihren Mann gefunden hatte.

Solange es noch hell war, machte er sich ein paar Notizen für die kommende Sonntagspredigt. Danach zog er seinen Mantel fester um die Schultern, lehnte sich gegen einen Baum und betrachtete wohlgefällig das vor ihm wogende Getreide. Erwartungsgemäß ließen die angeblichen Geister auf sich warten. Travers bedauerte es, dass er sein unbequemes Lager nicht mit seinem gemütlichen Bett vertauschen konnte. Aber wenigstens hoffte er, mit seiner Aktion den dickschädeligen Jeffers wieder zur Vernunft zu bringen. Es betrübte ihn, dass trotz seiner ständigen Bemühungen der Hang zum Aberglauben und die Bereitschaft zu Spukvorstellungen im Dorf immer wieder mal durchbrachen.

Die hauchdünne Sichel des zunehmenden Mondes spendete nur spärliches Licht. Pfarrer Travers kannte keine Furcht draußen in der Natur. Ihm genügte die Gesellschaft von Grillen und Leuchtkäfern. Mit anderem Besuch rechnete er ohnehin nicht mehr.

Mit einem Mal, es mochte Mitternacht sein oder vielleicht eine halbe Stunde später, beschlich den Pfarrer ein merkwürdiges Gefühl. Es war, als schwindelte ihn. Mit wachem Verstand überprüfte er seine Lage. Er fühlte sich gesundheitlich völlig fit. Für Schwindelanfälle bestand kein Anlass, auch hatte er Derartiges bei sich noch nie beobachtet. Nun merkte er, dass der Boden unter ihm schwankte. Sein besseres Wissen sträubte sich mit aller Macht gegen diese Empfindung, aber die immer stärker werdenden Schwingungen ließen keinen Zweifel mehr zu.

Automatisch holte er sich die Schilderungen Sidney Jeffers’ ins Gedächtnis. Auch bei ihm sollte es ähnlich begonnen haben. Travers zwang sich zu äußerster Konzentration. Es mussten irgendwelche Erdgase sein, die durch ein bestimmtes Zusammentreffen von meteorologischen Bedingungen entstehen mochten, und ihm nun unwirkliche Beobachtungen vorgaukelten. Tatsächlich sah er nun auch Dämpfe aus der Erde hervorquellen. Sie hatten eine grünliche Färbung und einen ausgesprochen ekelhaften Geruch. Der Geistliche musste sich ihrem betäubenden Einfluss entziehen. Er wollte sich erheben, aber ein singender Ton bannte ihn an seinen Platz. Mit rasender Geschwindigkeit verstärkte sich das Geräusch, bis es zu schmerzhafter Gewalt anwuchs. Pfarrer Travers krümmte sich gequält.

»Hört auf!«, schrie er, und tausend Stimmen antworteten ihm. Er wurde zum willenlosen Spielball geheimnisvoller Mächte und hatte nicht die geringste Chance, sich aus ihrem Bannkreis zu entfernen.

»Höllische Brut«, jammerte Travers unter Schmerzen. »Ihr werdet gerichtet werden. Morgen komme ich nicht allein. Das ganze Dorf wird eurem hinterhältigen Spiel ein schnelles Ende bereiten.«

Die Antwort war ein fürchterlicher Donnerschlag, dessen Wucht den Mann mit dem Gesicht gegen den Baumstamm schleuderte. Seine Finger krallten sich ins Erdreich. Dann wurde es still.

Rose Mary Jeffers wartete am Morgen vergebens darauf, dass der Pfarrer käme, um ihren Sidney von der Unsinnigkeit seiner Behauptungen zu überzeugen.

»Er wird nicht kommen«, vermutete Sidney düster.

Seine Frau lief zum Nachbarn, und der ging mit seinen beiden erwachsenen Söhnen die halbe Meile bis zum Feld der Jeffers, wo sie Pfarrer Travers fanden.

»In den Baum hat ein Blitz eingeschlagen«, wunderte sich Jim, »ich habe nichts von einem Gewitter in der Nacht bemerkt.«

»Er sieht entsetzlich aus«, stellte Tom Reedy erschüttert fest. »Wie nach einem wilden Kampf. Was mag hier vorgefallen sein?«

»Jedenfalls ist er tot, das steht fest«, erkannte Bob. »Es sieht so aus, als wollte er uns eine Nachricht hinterlassen.« Er wies auf die rechte Hand des Toten, die das Ende eines verfaulten Astes umklammerte. Daneben waren undeutliche Zeichen in den Boden geritzt.

»Der Himmel sei uns gnädig«, flüsterte Tom Reedy, als er die Buchstaben entzifferte. »Wir haben Sidney Unrecht getan.« Voll Grauen wandte er sich ab. Nun lasen auch seine Söhne die Botschaft des Pfarrers: »Mahwly Guru!«

 

 

4

»Hey, Hardy, alter Bücherwurm! Ich glaube fast, du bist von den Toten auferstanden. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Es müssen mindestens zwei Jahre her sein.« Der modisch gekleidete junge Mann, der gerade das Restaurant betreten hatte, lief mit ausgestreckten Armen auf eine am Tisch in einer Nische sitzende, unauffällige Gestalt zu und schlug ihr vergnügt auf die Schulter. Der andere blickte verwundert auf. Über sein ernstes Gesicht zog nun ebenfalls ein Strahlen.

»Menschenskind, Jeremy, du versoffener Tagedieb! Ich dachte, du seist schon längst in der Entwöhnungsanstalt. Haben sie dort noch immer kein Zimmer frei?«

Die Freunde schüttelten sich begeistert die Hände.

»Ich war schon dort«, ging Jeremy auf den Scherz ein, während er sich einen Stuhl heranzog, »aber nach zwei Wochen ist es mir gelungen, das Heim in eine Schnapsbrennerei umzufunktionieren. Jetzt gibt es dort wirklich keine freien Zimmer mehr. Aber was sehe ich? Du trinkst dein Sodawasser immer noch unverdünnt? Dass man das ohne Whisky überhaupt vertragen kann! Du musst einen erstaunlichen Magen besitzen.« Er winkte der attraktiven Bedienung, die den sympathischen Gast keine Sekunde warten ließ.

»Bring uns mal etwas Nahrhaftes für die Zähne, hübsche Puppe! Und vorher zwei große Whisky.«

»Für mich nicht«, wehrte Hardy Fisher lachend ab. »Oder willst du mich umbringen?«

Details

Seiten
138
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939583
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
guru herr verdammten

Autor

Zurück

Titel: Guru - Herr der Verdammten