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Kennwort Pluto

©2020 213 Seiten

Zusammenfassung


FBI-Agent Mac Dolan verbringt mit June ein paar Urlaubstage in Miami. Ohne sein Zutun wird er in die zwielichtige Sphäre internationaler Spionage verwickelt. Ein Major Randers hat für die Landesverteidigung unschätzbare Pläne in Feindeshand fallen lassen. Dolan fühlt, hier muss er ohne Auftrag eingreifen, sonst ist die ganze westliche Welt in Gefahr.
Fast ohne Anhaltspunkt nimmt Mac den Kampf auf. Er hat keine Hoffnung, den mysteriösen Feind aus dem Dunkel zu stellen. Eine unübersehbare Katastrophe bahnt sich an.
Ein Krimi aus der Zeit des „Kalten Krieges“.

Leseprobe

Table of Contents

Kennwort Pluto

Copyright

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

Kennwort Pluto

Kriminalroman von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 213 Taschenbuchseiten.

 

FBI-Agent Mac Dolan verbringt mit June ein paar Urlaubstage in Miami. Ohne sein Zutun wird er in die zwielichtige Sphäre internationaler Spionage verwickelt. Ein Major Randers hat für die Landesverteidigung unschätzbare Pläne in Feindeshand fallen lassen. Dolan fühlt, hier muss er ohne Auftrag eingreifen, sonst ist die ganze westliche Welt in Gefahr.

Fast ohne Anhaltspunkt nimmt Mac den Kampf auf. Er hat keine Hoffnung, den mysteriösen Feind aus dem Dunkel zu stellen. Eine unübersehbare Katastrophe bahnt sich an.

Ein Krimi aus der Zeit des „Kalten Krieges“.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pexels mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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I

Miami verdient von allen Städten Floridas am meisten wohl die Bezeichnung erstaunlich. In knapp fünfzig Jahren ist aus einer Ansiedlung auf Sümpfen, Korallenriffen und Sanddünen eine Stadt von zweihundertfünfzig-tausend ständigen Bewohnern geworden, und jeder Besucher, der hier zum ersten Mal eintrifft, ist von dieser Stadt aus blendend weißen und gelben Wolkenkratzern beeindruckt, die sich von der satten Bläue des Meeres wie eine Sammlung Edelsteine abheben.

Die angestammte Bevölkerung nimmt es als ihr gutes Recht, dem erholungsuchenden Fremden auf möglichst nonchalante Weise das Geld aus der Tasche zu ziehen, und sie wird durch die innere Bereitschaft des Fremden dazu auch noch ermuntert.

Bei Weitem der bedeutendste aller Badeorte in Florida, wacht Miami eifersüchtig darüber, dass ihm nicht der Rang abgelaufen wird. Selbst die Vorzüge im fernen Kalifornien, das allein durch seine natürlichen Gegebenheiten eine Konkurrenz für Florida bildet, werden von den einheimischen Zeitungen sorgfältig verfolgt. Man gießt die Schale des Hohns über die Konkurrenz aus und wacht in echter Besorgnis darüber, dass niemand auf die Idee kommt, San Diego, Long Beach oder Santa Barbara Miami etwa vorzuziehen.

Auch als Verkehrszentrum hat Miami dank seiner ausgezeichneten Hafenanlagen und der großen Flugplätze einige Bedeutung. Die großen amerikanischen Luftverkehrsgesellschaften benützen den Badeort als Stützpunkt für den Verkehr mit Mittel und Südamerika. Aber diese Seite der erstaunlichen Stadt tritt gegenüber dem Fremdenverkehr etwas zurück. Große Hotelpaläste sorgen für die Bequemlichkeit des Reisenden, sofern er genügend Dollars in der Brieftasche stecken hat. Wett- und Glücksspiele werden außerordentlich groß geschrieben, und Pferde- und Windhunderennen sind an der Tagesordnung, ganz abgesehen von all den lasterhaften und verbotenen Genüssen, die dem Suchenden trotz ihrer Ungesetzlichkeit in reichem Maße zur Verfügung stehen.

Alles in allem genommen ist dieser große Badeort in Florida nur aus der besonderen amerikanischen Mentalität heraus zu verstehen, so dass gerade der europäische Besucher nicht so entzückt ist wie der Amerikaner, der diese Art von Business im Bereich seines eigenen Lebens mit mehr oder weniger Erfolg ständig durchführt.

 

*

Nach Abwicklung seiner letzten anstrengenden Aufträge hatte sich auch Mac Dolan zusammen mit June, seiner Frau, gleich nach Jahresbeginn nach Miami zurückgezogen, um dort in aller Ruhe eine karge Woche wohlverdienten Urlaubs zu genießen.

Das Hotel „Villa Biscaya“ war gerade die richtige Mischung zwischen Pension und Luxus-Fremdenherberge, und Mac fühlte sich außerordentlich wohl. Er hatte in der zweiten Etage ein schönes Doppelzimmer und gab sich an diesem Sonntag, an dem jene sonderbaren Ereignisse, von denen hier die Rede sein soll, begannen, die größte Mühe, die Zeit auf möglichst elegante Weise totzuschlagen.

Gegen zehn Uhr lag er hemdsärmelig auf seinem Bett und hatte seine buntfarbene Krawatte auf halb zwölf gedreht.

June, seine bildschöne, rothaarige Frau, stand am Toilettentisch und bürstete ihr Haar. Sie trug knappe Shorts und das Oberteil eines Badeanzugs.

June spürte die Blicke ihres Mannes und hielt in ihrer Beschäftigung inne. Langsam drehte sie sich um und gönnte Mac einen liebevollen Augenaufschlag.

„Du hast heute wieder Augen wie eine fleischfressende Pflanze“, sagte sie. „Pfui, Mac, wer wird denn seine eigene Frau so betrachten.“

Mac stieß ein wohlwollendes Grunzen aus und richtete sich auf seinem rechten Ellenbogen auf. „Zum einen“, erwiderte er mit gespieltem Ernst, „haben fleischfressende Pflanzen keine Augen und zum andern könnte ich dir aus dem Handgelenk fünf Millionen sechshundertfünfunddreißigtausend-vierhundertzwei Ehefrauen aufzählen, die froh wären, wenn sie noch das Objekt der Blicke ihres ihnen amtlich angetrauten Ehemannes wären.“

June nahm ihre vorherige Tätigkeit wieder auf.

In diesem Augenblick wurde diskret an die Zimmertür geklopft.

Mac ließ immer noch keinen Blick von seiner Frau. „Geh mal hin, Sonny“, knurrte er, „und sieh nach, wer es wagt, einen bedeutenden Mann in seiner Ruhe zu stören!“

June bürstete sorgfältig ihr herrliches Haar weiter. „Abraham Lincoln war ein bedeutender Mann“, erwiderte sie freundlich. „General Grant ebenso. Bei Dwight D. Eisenhower wird die Geschichte darüber zu entscheiden haben, ob er in die Kategorie der bedeutenden Männer einzureihen sei. Unter all den minimalen FBI-Agenten habe ich noch keinen zu Gesicht bekommen, den ich als bedeutend ansprechen würde.“

Es wurde erneut an die Zimmertür geklopft.

„Außerdem“, fuhr June fort, ohne sich in ihrer Beschäftigung stören zu lassen, „hättest du mir den Befehl, nachzusehen, geben können, als ich noch deine Sekretärin war. Jetzt bin ich deine Ehefrau. Da wirst du dich schon selbst bemühen müssen. Jetzt meutere nicht, sondern erhebe dich. Niemand hat dich gezwungen, mich zu heiraten!“

Mac Dolan erhob sich murrend. Im Vorbeigehen warf er seiner Frau einen sprechenden Blick zu. „Ich verstehe dich vollkommen, Juwel. Du meinst, ein Mann darf das nicht bereuen, was er völlig freiwillig getan hat. Es gäbe eine ganze Reihe von Philosophen, die eine solche Folgerung als Trugschluss bezeichnen würden, aber ich bin heute so sonderbar friedlich gestimmt. Ich habe nicht die Absicht, mit dir zu streiten.“

„Sag nur noch, der Klügere gibt nach“, grinste June. „Dann bin ich für heute bis zum Mittagessen bedient!“

Mac Dolan schmunzelte vor sich hin, ging zur Tür und streckte seinen Kopf nach draußen.

Am Gang stand der Etagenkellner und lächelte mit berufsmäßiger Freundlichkeit.

„Ich bitte um Entschuldigung wegen der Störung, Mr. Dolan. Aber der Gast aus Zimmer 49 verlangt nach Ihnen. Sie möchten so freundlich sein und zu ihm kommen.“

„Wenn mich wer sehen will, dann soll er mich schon selbst besuchen“, erwiderte Mac Dolan wenig erbaut.

Der Kellner zuckte bedauernd die Schulter. „Das würde der Gast sicher tun. Aber er ist krank. Er kann nicht kommen.“

Mac Dolan grinste freundlich. „Dann sagen Sie dem Gast in Zimmer 49 einen schönen Gruß von mir, und er täusche sich in meiner Person. Ich bin nicht Arzt, ich bin im Urlaub!“

 

*

Etwa zehn Minuten vergingen. June, die auf Körperpflege außerordentlich viel gab, ergänzte vorsichtig ihr Make-up und wandte sich dann mit strahlendem Lächeln ihrem Ehemann zu.

Gerade auf das Ehepaar Dolan konnte das alte Sprichwort Anwendung finden: was sich liebt, das neckt sich, und die vorhergegangenen Worte wurden selbstverständlich von beiden nicht ernst genommen.

June setzte sich zu Mac auf den Bettrand und schickte sich an, ihm einen Kuss zu geben.

Es klopfte wieder an die Tür. Aber diesmal nicht schüchtern, sondern fordernd.

Mac entzog sich der Umarmung seiner Frau und richtete sich abermals auf. „Wenn das wieder der Gast von Zimmer 49 ist“, knurrte er böse, „dann muss ich mal hingehen und ihm mit dem Papiertaschentuch die Mundwinkel reinigen!“

„Pfui, was bist du wieder ordinär“, sagte June. „Ich weiß ganz genau, was diese vornehme Umschreibung bedeuten soll.“

Sie wandte sich ab und räusperte sich vernehmlich. „Herein!“

Die Tür öffnete sich, und eine junge Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren trat ein.

Sie trug eine Bluse, die jeder Staatsanwalt als bewusste Provokation bezeichnet hätte, und dazu enganliegende Hosen aus schwarzem Satin. Von der Figur der jungen Frau pflegte Mac später noch oft zu behaupten, sie habe einer Atombombe mit Zuckerglanz geglichen.

Trotzdem war die Frau für ihr Alter um eine Idee zu fett. Sie hatte blonde Haare, die vermutlich nicht der Güte der Natur zu verdanken waren, und ihr kluges, etwas asymmetrisches Gesicht wies Züge und Linien auf, die darauf schließen ließen, dass das Schicksal die junge Dame nicht immer pausenlos mit Schokolade gefüttert hatte.

„Guten Tag, meine Herrschaften“, sagte die Frau mit tiefer, etwas brüchiger Stimme. „Ich bitte sehr um Entschuldigung, dass ich störe, aber mich führt ein Anlass von einiger Wichtigkeit zu Ihnen.

Ich hatte vorhin den Kellner zu Ihnen geschickt, um Sie holen zu lassen, Mr. Dolan, aber Sie haben ihn offensichtlich nicht verstanden. Major Randers benötigt nicht einen Arzt, obwohl er verwundet ist, sondern einen Kriminalisten, und er lässt Sie sehr herzlich bitten, doch kurz zu ihm zu kommen. Er fiebert und kann sich selbst nicht helfen.

Mac Dolan hatte sich bei den letzten Worten der jungen Dame erhoben. „Hallo“, sagte er. „Ich bin Dolan. Wie, zum Donnerwetter, haben Sie mich hier ausfindig gemacht? Das hier übrigens ist meine Frau. Sie heißt June. Darf ich fragen, mit wem ich das Vergnügen habe?“

Die junge Frau nickte anmutig. „Ich bin Susi Astor. Aber meine Person spielt keine Rolle. Würden Sie die große Güte haben, Mr. Dolan, und mich zu Major Randers begleiten?“

„Schon als halbwüchsiger Bengel“, grinste der riesige, breitschultrige Mann breit, „habe ich nie Nein gesagt, wenn mich ein attraktives Mädchen um meine Begleitung bat. Gehen wir also!“

Susi Astor lächelte June um Entschuldigung bittend an. „Entschuldigen Sie, Mrs. Dolan, aber für die Bezeichnung kann ich wirklich nichts.“

June war weit davon entfernt, irgend etwas übelzunehmen. Sie hob neckisch die Hand und sagte lächelnd: „An derartige Ausdrücke müssen Sie sich bei meinem Mann gewöhnen. Er meint es nicht böse. – Und du, Mac, geh ruhig mit Miss Astor. Solltest du bis Mitternacht nicht zurück sein, lasse ich dich durch die Polizei suchen!“

 

*

 

Mac Dolan folgte der jungen Dame bis zum Lift. Die beiden stiegen ein und fuhren zur dritten Etage hinauf. Susi Astor führte den FBI-Agenten bis zu einer Zimmertür und öffnete sie leise.

Mac trat ein.

Er stand in einem ziemlich luxuriös eingerichteten Einzelzimmer. Auf dem Bett wälzte sich ein vielleicht vierzig Jahre alter Mann. Mac konnte nicht viel von ihm erkennen, aber er sah, dass das breite Gesicht des Mannes in einem gewissen Gegensatz zu seinem schlanken Wuchs stand.

Der im Bett Liegende trug einen Schlafanzug. Der rechte Ärmel der Jacke war leer. Mac konnte einen durchbluteten Verband am Oberarm des Kranken erkennen.

Der Mann wälzte sich unruhig und murmelte etwas vor sich hin. Auf seiner Stirn stand Schweiß.

Susi Astor kam mit einem Waschlappen und wischte sorgfältig den Schweiß von der Stirn des Mannes weg.

„Lionel“, sagte sie. „Lionel, Mr. Dolan ist gekommen! Bitte, wach auf. Du kannst jetzt mit ihm sprechen.“

Dolan kam die Sache etwas komisch vor. Er trat neugierig einen Schritt näher. In dem Augenblick richtete sich der Verwundete auf, um gleich darauf mit einem leisen Aufstöhnen wieder zurückzusinken.

„Ich bin Dolan“, sagte Mac mit einer knappen Verbeugung kurz. „Ich vermute, dass ich das Vergnügen mit Major Randers habe? Darf ich erfahren, was anliegt?“

Der Major gönnte Mac Dolan einen vollen Blick und begann dann leise zu sprechen. Er hatte in seinem kultivierten Amerikanisch einen leisen Akzent, aber Mac konnte im Augenblick nicht entscheiden, worauf dieser hindeutete.

„Mr. Dolan“, sagte der Mann. „Es tut mir leid, dass ich Sie stören muss. Ich bin Angehöriger der Raketenversuchsstation Rock Harbor, und ich muss darauf hinweisen, dass alles, was ich Ihnen erzähle, absolut geheimzuhalten ist. Wenn dieses Gespräch auch ein rein privates ist, dann muss ich Sie trotzdem bitten, an Ihren Diensteid zu denken und keiner dritten Person darüber eine Mitteilung zu machen.“

Mac nickte. „Bitte, schießen Sie los, Major!“

„Um Ihnen meine Geschichte zu erzählen, muss ich etwas weiter ausholen“, sagte der Major und richtete sich nun endgültig auf. „Bitte, vergessen Sie das wieder, was ich Ihnen jetzt sage. Ich bin fast nicht berechtigt, einem Fremden etwas mitzuteilen, auch wenn er FBI-Agent ist, aber die Besonderheit meiner unangenehmen Lage zwingt mich zu völliger Offenheit.“

 

*

 

Mac Dolan steckte dem Fiebernden eine Zigarette in den Mund und zündete sie an. Ein besseres Mittel, die Lebensgeister des Mannes zu erwecken, wusste er nicht.

Susi Astor hatte sich inzwischen lautlos entfernt.

„Vermutlich sind Sie gebildet und interessiert genug“, begann der Major seinen Bericht, „um zu wissen, dass in zehn bis fünfzehn Jahren eine Artillerie gegenwärtiger Prägung überholt sein dürfte. Alle drei Wehrmachtsteile der Vereinigten Staaten sind dabei, neuartige Raketenwaffen zu entwickeln, die entweder dazu dienen, aus der Luft oder von der Erde aus Luftziele zu beschießen, oder aber von der Erde abgeschossen werden, um Erdziele zu zerstören.

Die amerikanische Armee hat zum Beispiel das Raketengeschoss Nike, die Luftwaffe arbeitet an der Bomarc, die noch nicht fertig ist, und die Marine hat die Talos entwickelt, die auf diesem Gebiet alles bis dahin Dagewesene schlagen soll.“

„Das ist mir alles bekannt“, erwiderte Mac. „Aber nur sehr am Rande. Ich kümmere mich nicht um ungelegte Eier.“

Der Major griff diese Äußerung begierig auf. „Sie Glücklicher. Wenn ich das auch von mir sagen könnte! Aber es ist gerade meine Aufgabe, mich um ungelegte Eier zu kümmern.

Rock Harbor ist eine Versuchsstation der US Air Force, und man gibt sich hier im Wesentlichen mit der Entwicklung von Fernlenkwaffen ab, die vom Boden aus abgeschossen werden und Atom- und H-Bomben über Meere und Kontinente hinwegtragen sollen.

In letzter Zeit war sehr viel von den Entwicklungen Titan und Atlas die Rede. Über die Atlas, die bisher nicht zur Serienreife gediehen ist, ist in der Öffentlichkeit verhältnismäßig viel durchgesickert. Es handelt sich um eine Flüssigkeitsrakete, die eine Geschwindigkeit von Mach 15 haben soll …“

„Wie, was?“ staunte Mac. „Fünfzehnfache Schallgeschwindigkeit? Ist so was überhaupt möglich?“

Der Major nickte. Er hatte große Schmerzen. „Doch, selbstverständlich, es kommt noch besser. Die Rakete sollte eine Dienstgipfelhöhe von dreizehnhundert Kilometern und eine Reichweite von achttausend Kilometern haben. Bei den Versuchen mit Atlas ist man auf sehr interessante Ergebnisse gestoßen, und diese Ergebnisse haben zur Konstruktion einer völlig neuen Rakete geführt, die bei uns den Namen Pluto erhalten hat.

Sie sind jetzt einer von vielleicht zehn Leuten, die diesen Namen kennen.

Die Pluto ist momentan nur ein Projekt, in Plänen vorhanden, aber sie ist durchkonstruiert, und ihr Bau kann jederzeit beginnen. Könnte beginnen, muss ich besser sagen. Sie soll etwa eine Geschwindigkeit von Mach 18 oder Mach 19 erreichen. Die Dienstgipfelhöhe liegt bei zweitausend Kilometern und die Reichweite soll durch Dreistufenantrieb bis auf zehn- bis zwölftausend Kilometer gesteigert werden.“

„Hochinteressant“, sagte Mac Dolan. „Etwas verstehe ich auch von solchen Dingen. Wenn es sich um eine dreistufige Rakete handelt, dann wird die Lenkung außerordentlich schwierig sein?“

„Wenn ich mit Ihnen überhaupt ins Detail gehe“, erwiderte der Major, „dann nur deshalb, um Sie von der Wichtigkeit der Aufgabe zu überzeugen, die ich Ihnen, rein privat, übertragen möchte.“

Mac Dolan sprang mit allen vier Gliedmaßen gleichzeitig in die Luft. „Reden Sie nicht von einer Aufgabe, Major! Ich bin hier im Urlaub. Bin in letzter Zeit wohl zwanzigmal halb umgebracht worden, im Dienst meine ich, und ich möchte von einer neuen Aufgabe für eine Weile nichts hören.“

 

*

Der Major lächelte schmerzlich. „Selbstverständlich kann ich Sie nicht zwingen. Aber vielleicht bin ich in der Lage, Sie davon zu überzeugen, dass Sie von Ihren Prinzipien abgehen müssen.

Wir sprachen von der Lenkung. Es gibt da momentan drei Systeme. Man kann ein derartiges Projektil über einen Funk-Leitstrahl lenken, man kann die Lenkung auch durch eingebaute Navigationsgeräte, durch Kreiselgeräte, oder durch astronomische Geräte erreichen. Man kann auch die Lenkung durch zielsuchende Köpfe durchführen. Alle drei Systeme samt ihren Variationen haben selbstverständlich schwache Punkte.

Bei der Konstruktion der Pluto ist es nun gelungen, die drei Generalsysteme zu einem einzigen zu verbinden. Wer die Pluto baut, hat eine Waffe, die nach der momentanen wissenschaftlichen Erkenntnis durch nichts gebremst, abgelenkt oder vorzeitig zum Absturz gebracht werden kann.“

Mac Dolan pfiff leise durch die Zähne. „Donnerwetter“, knurrte er. „Ist wirklich außerordentlich interessant. Ein derartiges Lenkgerät muss viele Tonnen wiegen?“

Der Major schüttelte den Kopf. „Das hatten wir Experten auch gedacht. Aber dann kam ein Wissenschaftler, ein ausgetrocknetes Männlein, und wies uns anhand seiner exakten Zeichnungen das Gegenteil nach.

Wie gesagt, ich kam gestern Abend in Miami an. Ich sollte die Pluto-Pläne nach Jacksonville überführen. Ich habe mich eines schweren Dienstvergehens schuldig gemacht, als ich hier die Reise unterbrach, um mich mit Miss Astor zu treffen. Hätte ich das nur nicht getan!“

„Wie sind Sie gereist?“, fragte Mac interessiert und zündete sich selbst endlich auch eine Zigarette an.

„Wir sind von einem ganzen Heer von Spitzeln umgeben. Das ist ganz klar“, fuhr der Major fort. „In Rock Harbor selbst kann kein Unbefugter eindringen. Das ist ebenso klar, aber sobald wir die Bannmeile der Versuchsstation verlassen, kann uns das Schlimmste passieren.

Deshalb hielt ich es für das Vernünftigste, mit meinem Privatwagen zu reisen. Allerdings hatte ich dabei die augenzwinkernde Nebenabsicht, Miss Astor zu treffen. Miss Astor ist meine Braut. Sie werden verstehen, dass ein Mann, dessen persönliche Freiheit ohnehin unerträglich eingeengt ist, einmal zu einem Ausbruch neigt, um seinen menschlichen Bedürfnissen nachzugehen.“

Mac nickte. „Dafür habe ich selbstverständlich größtes Verständnis. Aber berichten Sie weiter. Ich sehe, das Reden strengt Sie an, beschränken Sie sich auf Details.“

„Well. Also, ich kam gestern Abend an und wurde von Miss Astor hier im Hotel bereits erwartet.

Ich hatte die Pläne in einer gepanzerten Aktentasche bei mir, die durch eine Kette mit meinem Handgelenk verbunden war.

Leider ließ ich mich dazu verleiten, die Aktentasche unter das Kopfkissen meines Bettes zu legen und die Verbindung zu meinem Arm zu lösen. Dann bin ich zu Miss Astor hinübergegangen und habe sie begrüßt. Ich schwöre Ihnen, diese Begrüßung hat nur fünf Minuten gedauert.“

Mac Dolan grinste breit. „Ich verstehe. Wenn man seine Braut begrüßt, hat man selbstverständlich beide Hände voll zu tun und kann keine Aktentasche mitführen. Ich will Ihnen weitererzählen, was dann passiert ist: Als Sie auf Ihr Zimmer zurückkamen, war die Aktentasche gestohlen.“

 

 

II

Der Major begann vor Grimm zu zittern. „Ja“, nickte er widerwillig. „Es war so ähnlich. Nach fünf Minuten kam ich auf die phantastische Idee, dass ich ja meine Aktentasche mit zu Miss Astor aufs Zimmer nehmen könnte. Ich verließ Miss Astors Appartement. Auf dem Gang begegnete mir ein Mann, vielleicht in meinem Alter, der kam gerade aus meinem Zimmer raus. Stellen Sie sich vor, der hatte meine Aktentasche in der Hand.

Auf solche Fälle sind wir gedrillt. Ich riss meine Pistole aus der Tasche und feuerte. Das heißt, ich wollte feuern. Aber ich hatte übersehen, dass meine Pistole nicht geladen war.

Der Mann schmiss mir die Aktentasche ins Gesicht. Ich erzählte Ihnen ja schon, dass sie gepanzert ist. – Ich bekam ganz anständig eine gegen die Stirn geplättet und ging erst mal zu Boden. Als ich wieder auf war, raste der Mann mit der Aktentasche bereits über die Treppe.“

„Einen Moment. Um wie viel Uhr war das?“, fragte Mac Dolan.

„Es war etwa dreiundzwanzig Uhr. Aber hören Sie weiter. Ich raste natürlich hinter dem Burschen her. Vor dem Hotel stand mein Wagen. Bedauerlicherweise stieg ich nicht ein, sondern nahm die Verfolgung zu Fuß auf. Der Mann lief zum Bay Shore Drive hinauf, und ich hätte ihn beinahe eingeholt.

Auf dem Bay Shore Drive wartete ein Pontiac-Chieftain. Ich konnte alles genau im Lichte einer Kinoreklame beobachten. Am Steuer des Pontiac saß eine Frau. Ich glaube, sie hatte silbernes Haar, aber sie schien mir nicht sonderlich alt zu sein. Ich erreichte zusammen mit dem Dieb den Wagen und wollte ihm die Tasche entreißen. Er warf die Tasche in den Car, federte herum und schoss auf mich.“

„Der Schuss muss doch aufgefallen sein, zum Donnerwetter!“, warf Mac Dolan zweifelnd ein.

Der Major lächelte traurig. „Es war eine Pistole mit Schalldämpfer. Ich spürte einen brennenden Schmerz im Oberarmmuskel, und dann wurde mir schwarz vor den Augen. Ich ging erneut zu Boden, ich muss das zu meiner Schande bekennen, und als ich wieder aufstand, war der Wagen weg. Um diese Zeit war gerade das Kino aus, und eine unübersehbare Menschenmenge überschwemmte den Bürgersteig. Ich fiel da nicht groß auf. Ehe ich irgendeine Erklärung hätte geben müssen, verschwand ich. Ich ging ins Hotel zurück und wurde auf meinem Zimmer ohnmächtig.

Miss Astor verband mich. Seit gestern Abend liege ich hier im Fieber.“

 

*

 

„Nun, es gibt eine ganze Menge Vorwürfe, die Sie sich selbst machen müssen, Major Randers“, sagte Mac Dolan. „Aber einen Vorwurf muss ich Ihnen machen. Warum haben Sie nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen? Die Verfolgung des Mannes hätte doch gestern Abend schon einsetzen können!“

Der Major zuckte die Achseln. „Ich war wie von Sinnen, Mr. Dolan. Ich konnte mich nicht ans Telefon hängen und meiner Dienststelle den Verlust der Tasche und die Nebenumstände melden. Wäre sofort vors Gericht gekommen!“

„Aber was kommt es denn darauf an!“, murrte Mac Dolan. „Aus Ihren Schilderungen erkenne ich, dass es sich bei den Plänen um ein Staatsgeheimnis erster Ordnung handelt. Ihre eigene Person spielte doch gar keine Rolle mehr!“

Der Offizier zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. „Sie haben selbstverständlich recht, Dolan. Aber jeder Mensch hängt nun einmal am erbärmlichsten, dreckigsten Fetzen Leben. Mir geht es nicht anders. Ich hätte selbstverständlich auf meine eigene Person keine Rücksicht genommen, wenn nicht doch noch ein kleiner Glückszufall bei der ganzen Geschichte wäre.

In den Plänen ist keinerlei Angabe über die Legierung enthalten, aus der die höchst beanspruchten Materialien der Rakete Pluto bestehen. Der Dieb kann also im Augenblick mit den Plänen überhaupt nichts anfangen. Das ist meine einzige Chance. Der Dieb kann die Pläne nur an Russland verkaufen. Reden wir da ganz offen. Aber er kann sie erst dann verkaufen, wenn er weiß, welche Zusammensetzung die Materialien haben. Er muss also versuchen, sich dieses Geheimnis der Zusammensetzung irgendwie noch zu beschaffen. Und das wird natürlich auf große Schwierigkeiten stoßen. Also haben wir etwas Zeit. Solange er die Legierung nicht kennt, wird er die Pläne nicht verkaufen.

Wenn ich Sie als Mann zu Mann recht herzlich bitte, mir bei der Wiederbeschaffung der Pläne behilflich zu sein, darf ich dann auf Sie rechnen?“

„Das Kind ist zwar nun in den Brunnen gefallen“, sagte Mac Dolan, „aber an mir soll es nicht liegen. Wenn ich mich tatsächlich unter Opferung meines Urlaubes bemühe, dann nicht wegen Ihrer schönen Augen, Randers, sondern wegen der Bedeutung, die diese Sache für unsere Landesverteidigung hat. Wenn ich Ihnen einen Rat geben soll: Versuchen Sie mit Ihrer Dienststelle Verbindung aufzunehmen. Höchstwahrscheinlich müssten Sie heute im Laufe des Tages in Jacksonville eintreffen. Wenn Sie nicht eintreffen, wird man in Rock Harbor Rückfrage halten, und dann kommt das Ganze sowieso heraus.“

„Das ist ein Risiko, das ich auf mich nehmen muss, Mr. Dolan. Ich werde im Augenblick nichts melden. Bemühen Sie sich um Gottes willen, die Pläne zurückzubeschaffen, und Sie werden in mir einen Freund fürs Leben gefunden haben.“

„Das ist ein feiner Sonntag!“, fluchte Mac Dolan.

Eine ganze Weile lag unbehagliches Schweigen über dem Raum. Mac Dolan dachte angestrengt nach. Dann hob er den Blick.

„Sie bringen mich in eine feine Lage, Randers. Angenommen, wir bringen in der kurzen uns zur Verfügung stehenden Zeit die Pläne nicht in unseren Besitz, dann hängen Sie. Dann hänge ich aber mit drin. Denn sobald bekannt wird, dass ich die Tatsachen erfahren habe, würden mir meine Vorgesetzten den Vorwurf machen, ich hätte ohne Rücksicht auf Sie die Dinge sofort melden müssen.“

Der Major zuckte die Achseln. „Ich habe mich ganz in Ihre Hand begeben, Mr. Dolan. Wenn Sie glauben, Ihre Pflicht gebiete es Ihnen, mich anzuzeigen, dann gehen Sie bitte zum Telefon und tun Sie das.“

„So kann man ja auch wieder nicht handeln“, nickte Mac Dolan wütend. „Ich sehe aber gar keinen Ansatzpunkt. Unter Umständen wird der Dieb bereits über alle Berge sein! Er wird sich nicht hier in Miami davon überzeugt haben, ob die Pläne vollständig sind, sondern wird das in einem sicheren Versteck tun.“

„Vielleicht auch nicht“, widersprach der Major. „Der Wagen, der Pontiac-Chieftain, hatte nämlich eine hiesige Nummer.“

„Sie kommen mir vor wie ein Kriminalroman!“, bemerkte Mac Dolan böse. „Die Hauptsache und das Wichtigste erzählen Sie erst am Ende! Haben Sie sich die Nummer gemerkt?“

„Ja, das habe ich“, nickte der Major. „3Z 9763-56.“

„Sie sind ein Wunderknabe“, äußerte der FBI-Agent bissig. „Sie haben den Wagen nur von der Breitseite gesehen und sind niedergeschossen worden; trotzdem konnten Sie sich die Nummer merken. Aber das geht mich im Augenblick nichts an. Well, Major, ich sage Ihnen jetzt Folgendes: Ich werde versuchen, die Nummer ausfindig zu machen und mich an den Besitzer des Wagens hängen. Bleiben Sie ruhig hier in Ihrem Zimmer und unternehmen Sie zunächst in Dreiteufelsnamen nichts! Sie hören wieder von mir, wenn ich irgendein Ergebnis habe.

Trotzdem muss ich meinen Vorwurf wiederholen. Wären Sie doch, zum Donnerwetter, gleich gestern Abend zu mir gekommen! Der Dieb hat jetzt einen Vorsprung von zwölf Stunden. Das kann sich unter Umständen katastrophal auswirken!“

„Ich bin heute erst durch Zufall darauf aufmerksam geworden, dass Sie hier sind. Nun schimpfen Sie nicht mit mir, ich bin gestraft genug. Wenn die Pläne nicht mehr herkommen, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu erschießen. Das ist eine außerordentlich unangenehme Alternative!“

Mac Dolan verließ den Raum und stieß in der Türfüllung mit Miss Astor zusammen. Das etwas fette Mädchen hatte inzwischen ein Nylonkleid angelegt und stöhnte unter der Hitze.

Susi Astor sah Mac Dolan hoffnungsvoll an. „Sie kennen jetzt die ganze böse Geschichte“, flüsterte sie. „Versuchen Sie um Gottes willen, alles geradezubiegen. Sie können sich, wenn alles gut geht, von mir hinterher als Belohnung wünschen, was Sie wollen!“

Mac Dolan schluckte trocken. „Erzählen Sie das gefälligst meiner Frau“, erwiderte er unliebenswürdig. „Und berichten Sie mir hinterher, was sie zu Ihrem Vorschlag zu sagen hat.“

June sah ihrem Mann entgegen. „Was macht der Patient, Mac? Hoffentlich handelt‘s sich nicht um größere Beträge?“

Mac nickte grimmig. „Gerade um die handelt‘s sich. Mit unserem Urlaub ist es im Augenblick Essig. Ich muss mich gleich zum Ausgehen fertigmachen.“

„Großer Gott, was ist denn los? Hätte ich doch nie einen FBI-Agenten geheiratet! Willst du nicht Näheres berichten?“

Mac Dolan schüttelte den Kopf. „Nur das eine. Dass dieser Major Randers ein blöder Clown ist. Mehr kann ich dir von der Sache leider nichts sagen. Sie stinkt! Sie stinkt von Norden nach Süden! Sie ist ein heißes Eisen. Wenn ich gewusst hätte, was meiner hier wartet, dann wäre ich mit dir nach Alaska gefahren, aber niemals nach Florida!“

June kannte ihren Mann zu genau, um weiter in ihn zu dringen.

Mac machte sich in aller Eile zum Ausgehen fertig und ging in den Garagenhof. Dort stand sein neuer schwarzer Mercury.

Im Freien sprang ihn die subtropische Hitze wie ein wildes Tier an. Mac sperrte seinen Wagen auf und stellte seine Krawatte wieder auf half zwölf. Im Inneren des Mercury herrschte eine Luft, die hätte Blei zum Sieden bringen können.

Mac riss sämtliche Fenster auf und schaltete die Klimaanlage ein. Dann warf er sich in die Polster, legte einen Schnellstart hin und wühlte sich durch den Verkehr zur Polizeistation auf der Flagler Street durch.

Gegen dreiviertel zwölf stellte er den Wagen unter einem Schild ab „Nur für Polizeibeamte“ und stieg aus.

„He, Sie, Sie können wohl nicht lesen?“, sagte ein uniformierter Polyp. „Hier dürfen Privatleute ihren Wagen nicht hinstellen!“

Mac Dolan klopfte dem Mann begeistert auf die Schulter. „Vergessen Sie‘s, dass Sie mich als Privatmann bezeichnet haben. Wenn ich Ihnen sagen würde, wer ich bin, dann flögen Sie in drei Zeiten auf‘n Hintern und stünden erst nach Dienstschluss wieder auf!“

Ehe der sprachlose Mann etwas erwidern konnte, peilte Mac die Polizeistation durch einen Hintereingang an und informierte sich.

Auf einer großen Tafel konnte er lesen, dass es hier einen Inspektor z. b. V. Whistler gab.

Das ist gerade der richtige Mann für mich, dachte Mac Dolan. Gehen wir mal zu ihm.

 

*

 

Whistler residierte im ersten Stock, und in seinem Vorzimmer saß eine Sekretärin, die war so alt, dass sie gut und gern Alexander den Großen auf seinen Kriegszügen hätte begleitet haben können.

„Dass ich hier bin, ist ein Geheimnis“, sagte Mac. „Hier meine Marke – ich bin vom FBI. Ich will Inspektor Whistler sprechen!“

Zwei Minuten später stand Mac einem ausgemergelten, leberkrank wirkenden Mann in einem schlecht sitzenden Anzug gegenüber. Im Gesicht des Inspektors stritten sich Hässlichkeit und menschliche Güte mit Klugheit.

Mac Dolan erkannte sofort, dass er in dem Inspektor einen anständigen Menschen vor sich hatte.

Er zeigte ihm seine Marke.

„Ich heiße Dolan und bin vom FBI“, sagte er. „Ich muss eine Auskunft haben, aber ich kann Ihnen nicht sagen, warum.“

„In Ordnung, Officer“, erwiderte Whistler. „Nehmen Sie Platz und gewöhnen Sie sich vor allen Dingen dieses hektische Getue ab. Wenn Sie sich nicht angewöhnen, ganz piano zu arbeiten, dann trifft Sie der Herzschlag. Und das wäre ein Verlust für die Menschheit. Was wollen Sie wissen?“

Mac zog sein Taschentuch. „Lassen Sie bitte auf dem schnellsten Wege feststellen, wem der Wagen 3Z 9763-56 gehört. Es handelt sich um ein Pontiac-Chieftain.“

Whistler lächelte. „Da sind Sie aber arg schief gewickelt, Officer. Die Nummer 9763-56 gibt es in ganz Miami nicht. Die ist gefälscht.“

Mac Dolan griff verzweifelt in seinen Kragen, der bereits die Form eines nassen Handtuchs angenommen hatte. „Meine Ahnung“, keuchte er. „Meine Ahnung!“

Mac dachte eine ganze Weile scharf nach. Dann hob er den Blick und bohrte eine Pupille in die Augen seines Visavis.

„Passen Sie auf“, brummte er. „Die Polizei ist an Orten wie Miami meist sehr großzügig. Und sie weiß oft manches, was sie nicht dienstlich auswertet. Kennen Sie hier irgend jemanden, der gefälschte Nummernschilder anfertigt?“

Der Inspektor zuckte die Achseln. „Es ist mir irgendwie peinlich, das zuzugeben, aber ich kenne tatsächlich jemanden. Einen Chinesen. Niemand kennt seinen wahren Namen. Wir nennen ihn Konfuzius.“

„Hoffentlich ist er nicht so weise wie Konfuzius. Sonst habe ich mit meinem Durchschnittsverstand keine Chance gegen ihn. Wo finde ich den Burschen?“

„An der Südspitze von Fisher Island befindet sich eine Kneipe. Sie heißt Jims Kneipe. Gehen Sie zu Jim, sagen Sie ihm einen schönen Gruß von mir, und er möge Sie mit einem gewissen Narrett zusammenbringen. Narrett wird Ihnen vermutlich sagen können, wo Sie Konfuzius treffen können. Sagen Sie dem, wir würden die Auskunft miteinander verrechnen.“

„Na schön“, brummte Mac. „Ich sehe meinen Urlaub wie eine Gewitterwolke am Horizont entschwinden. Vielen Dank für die Auskunft. Hoffentlich nützt sie etwas.“

Mac Dolan fuhr auf dem schnellsten Wege nach Fisher Island. Er fand tatsächlich die Kneipe. Die verdiente allerdings diese Bezeichnung nicht. Sie präsentierte sich als ein verhältnismäßig anständiges Lokal.

Als Mac eintrat, interessierte sich niemand für ihn. Eine ganze Reihe einfacher Leute saßen an holzgescheuerten Tischen und verschlangen Bohnen mit Speck als Mittagessen. In Jims Kneipe schien es vermutlich nur ein einziges Gericht zu geben.

Ein vierschrötiger Mann spülte an der Theke lustlos Biergläser. Mac steuerte auf ihn los und klopfte mit der Handfläche zur Begrüßung auf die Tombakplatte.

Jim sah auf. Er schielte. Er versuchte Mac Dolan anzusehen, bohrte aber sein Triefauge unwillkürlich Macs Hintermann in die Nieren. Das schien den aber gar nicht zu kitzeln.

„Lassen Sie mich in Ruhe“, brummte Jim.

„Das ist es gerade, was ich nicht tun möchte!“, erwiderte Mac freundlich. „Führen Sie mich mit Narrett zusammen. Aber auf dem schnellsten Wege.“

„Da hat Ihnen jemand einen Bären aufgebunden“, war die prompte Erwiderung. „Hab in meinem ganzen Leben noch keinen Mann gesehen, der Narrett heißt!“

„Soll ich diese Auskunft mit einem schönen Gruß Inspektor Whistler überbringen?“

Jim erschrak. „Dann ist das selbstverständlich etwas anderes. Nehme an, dass es Ihnen auf ein kleines Trinkgeld nicht ankommt, Sir?“

Unbehagen umschlich Mac. Hoffentlich hat Major Randers seine große Geldtasche bei sich, dachte er. Ich habe doch, zum Donnerwetter, keine Veranlassung, auch noch die anfallenden Spesen aus eigener Tasche zu bestreiten.

 

 

III

Jim übergab seinen Platz einem adretten Schankmädchen und wischte sich die Hände an der Schürze. Die zog er gleich darauf aus. „Haben Sie ‘nen Wagen hier, Sir?“, erkundigte er sich.

Mac nickte. „Draußen vor der Tür!“

Die beiden traten in die brüllende Mittagshitze hinaus. Mac startete seinen Mercury, und Jim ließ sich aufseufzend neben ihn fallen.

„Fahren Sie bis zur West Third Street rauf“, knurrte er. „Wenn wir Glück haben, treffen wir Narrett zu Hause an. Wenn wir kein Glück haben, lungert er irgendwo besoffen ‘rum, und wir können bis morgen früh suchen.“

Die beiden kamen etwa gegen 13 Uhr auf einem Punkt nördlich des La Gorse Golf Course an.

„Halten Sie dort unter den Palmen, sonst wird der Wagen so warm, dass Sie hinterher der Hitzschlag trifft.“

Mac Dolan fuhr gehorsam rechts ran und stoppte seinen Wagen.

Die beiden stiegen aus, und Mac wurde von Jim in eine schmale Gasse geführt, die nördlich orientiert war.

Fünf Minuten später hielt der Wirt vor einem kleinen Haus an. Er klopfte ein besonderes Signal an die Holztür.

Diese öffnete sich, und eine Frau unbestimmten Alters sah raus. Sie hatte ein typisches Rattengesicht und war nicht sehr sauber.

Mac Dolan rümpfte die Nase.

Der Wirt ging auf die Frau zu und packte sie. „Hallo, Maisie, wo ist Narrett?“

Die Frau sah ihn angstvoll an. „Ist nicht zu Hause. Wird wieder in irgend so ‘ner billigen Kneipe ‘rumsaufen. Wenn man dem verfluchten Mannsbild das doch abgewöhnen könnte!“

Jim lachte polternd. „Ich weiß ein gutes Rezept. Du brauchst ihn nur endgültig zu verlassen, damit er deine verkommene Visage nicht mehr zu sehen braucht. Sollst mal sehen, wie er dann gleich das Saufen aufgibt. Im Übrigen lügst du. Du kannst jetzt wählen. Entweder du sagst mir die Wahrheit, oder ich schlag dich links und rechts in die Schnauze!“

„Wer schlägt da meine Haushälterin in die Schnauze?“, fragte eine dritte Stimme. Aus dem Dunkel des Flurs trat ein unsagbar verkommener Mann raus und naschte mit flinken Augen an Mac Dolans massiger Figur. „Ach so, Jim, du bist es. Komm schon rein. Und was will der Gringo hier?“

„Den schickt Inspektor Whistler.“

Der verkommene Mann, in dem Mac Dolan Narrett vermutete, legte erschrocken seine Hand auf die Lippen. „Um Gottes willen, sprich leiser! Hier haben die Wand Ohren. Oder meinst du, ich will eines Tages mit ‘nem Messerstich im Balg aufwachen?“

Ehe sich Mac Dolan bei dem sonderbaren Wirt bedanken konnte, machte der kehrt und ging stampfend wie ein Seemann davon.

Narrett und seine sogenannte Haushälterin betrachteten den FBI-Agenten misstrauisch. Dann packte ihn Narrett am Arm und zog ihn in den Flur. „Sagen Sie, was Sie von mir wollen!“, forderte der Mann.

„Sie sind Narrett?“, vergewisserte sich Dolan.

„Selbstverständlich. Hatten Sie gedacht, der Kaiser von China?“

Mac Dolan juckte es in allen Fingern, dem arroganten Burschen eine handgreifliche Lektion zu erteilen, aber er musste hübsch artig bleiben, wenn er etwas erfahren wollte.

„Mich schickt Inspektor Whistler“, sagte er. „Die Auskunft, die Sie mir geben sollen, können Sie mit dem Inspektor verrechnen. Ich möchte einen Chinesen sprechen, der unter dem Namen Konfuzius bekannt ist.“

Narrett zuckte zusammen und begann zu zittern. „Sie haben‘s ja gut vor, Sir“, meinte er. „Bescheiden sind die Leute heutzutage, bescheiden …!“

 

*

 

„Passen Sie auf, ich habe nicht viel Zeit“, sagte Mac Dolan und bemühte sich ruhig zu bleiben. „Sagen Sie mir die Adresse dieses Chinesen, oder muss ich wieder gehen?“

Narrett kicherte wie ein Sumpfbiber. „Adresse ist gut“, kicherte er. „Konfuzius hat keine Adresse. Ist einmal hier und einmal dort. Ich kann Ihnen aber sagen, wo Sie ihn treffen.“

Narrett sah auf die Armbanduhr. „Es ist jetzt gleich eins. Ich weiß, wo sich Konfuzius um sechzehn Uhr aufhält. Aber schwören Sie mir beim Leben Ihrer Mutter, dass Sie keinem Menschen verraten, von wem Sie diesen Treffpunkt wissen.“

Mac Dolan wurde durch die Sorge in der Stimme des verkommenen Mannes tatsächlich etwas stutzig. Unter Umständen ließ er sich, völlig auf sich gestellt, in ein übles Abenteuer ein. Aber wer A sagt, der muss auch B sagen. Das hatte er in seinem bisherigen Leben gelernt.

„Nun gut“, meinte er, griff in die Tasche und brachte einen Zehndollarschein zum Vorschein. „Hier haben Sie ein Extratrinkgeld. Davon brauchen Sie Whistler nichts zu sagen. Sagen Sie mir aber jetzt, wo ich diesen Konfuzius treffe.“

„Eine Gegenfrage! Haben Sie einen Wagen hier?“

Mac Dolan nickte.

„Well. Konfuzius wird um sechzehn Uhr in Ojus droben sein. Sie fahren von hier aus auf der 1 etwa sieben Meilen. Dann sind Sie in Ojus. Dort fahren Sie dann rechts ab zur Küste. Sie kommen an eine Bananenplantage. Dort stellen Sie besser Ihren Car ab. Von der Plantage aus führt ein Fußweg bis zur Küste. Den können Sie gar nicht verfehlen. Dort sind Zitronen- und Melonenbäume. Wenn Sie denen nachgehen, kommen Sie am Ende zu einer etwas erhöht liegenden Strandhütte, die vor den Dünen geschützt ist.

Konfuzius hat um sechzehn Uhr dort eine Unterredung. Das weiß ich zufällig. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, der Mann ist außerordentlich gefährlich. Sie dürfen sich um Gottes willen nicht auf mich berufen! Sonst sind wir beide hin. Konfuzius ist mehr als schlecht auf mich zu sprechen. Er weiß allerdings nicht, was ich alles von ihm weiß. Sonst würde ich längst nicht mehr leben. Ich erweise Ihnen ein großes Vertrauen, Sir. Hoffentlich missbrauchen Sie es nicht!“

Mac Dolan wollte noch etwas fragen, aber es war alles vergebens. Er brachte aus Narrett kein Wort mehr heraus.

 

*

Der FBI-Agent verließ das Haus und tapste zu seinem Wagen zurück. Dort nahm er den Autoatlas aus dem Handschuhkasten und studierte die geographischen Gegebenheiten. Er kannte sich in diesem Teil Floridas nicht allzu gut aus, wollte sich aber nun nicht in die Irre leiten lassen.

Er fand den Strand auf der Karte, er fand auch Ojus, mehr war aber nicht eingezeichnet.

„Mal sehen, ob alles gut geht“, murmelte der FBI-Agent. „Bin ja gespannt!“

Mac Dolan startete den Wagen und fuhr zu einer Kneipe, die machte einen ganz ordentlichen Eindruck. Er hatte noch kein Mittagessen gehabt und holte es jetzt nach. Er ließ sich vom Wirt ein paar heiße Hamburger mit Kartoffelsalat geben, und damit begnügte er sich. Anschließend ersetzte er das Zähneputzen mit einem guten Schluck Dominion Ten, und daraufhin wurde ihm etwas besser.

Mac sah auf die Uhr. Er hatte noch verdammt viel Zeit zur Verfügung. Er ging zum Telefon, warf seinen Dime in den Schlitz und rief June an.

„Lebst du auch noch?“, fragte June.

„Wie du hörst“, erwiderte Mac kurz. „Jetzt ist aber keine Zeit für Witze. Ich habe einen Treff außerhalb. Erwarte mich nicht so bald zurück. Gibt es bei dir irgend etwas Besonderes?“

Mac Dolan spürte direkt durch den Draht, wie June ihren Mund mokant verzog. „Etwas direkt Neues nicht, Lieber. Wenn man von der Tatsache absieht, dass du dir eine glühende Verehrerin aufgegabelt hast. Ich meine diese Susi. Sie kommt mit regelmäßiger Pünktlichkeit alle fünf Minuten zu mir und fragt, ob ich schon von dir gehört hätte.“

„Aber das ist doch nicht auf meine saftstrotzende Männlichkeit zurückzuführen!“, versetzte Mac grinsend. „Das gute Mädchen hat es nicht auf mich, sondern auf ganz etwas anderes abgesehen. Ich wette jeden Betrag, dass diese Susi im Augenblick ganz bestimmt keine Absichten hat. Darauf kannst du dich verlassen!“

„Du brauchst dich gar nicht zu verteidigen, Mac. Ich schätze mich selbst nicht so gering ein, dass ich glaube, eine Susi könnte mir gefährlich werden. Ich wollte dir nur alles berichten.“

„Hoffentlich geht alles gut. Ich melde mich wieder, wenn ich mit meiner momentanen Arbeit fertig bin. Auf Wiedersehen, June.“

Mac Dolan hatte immer noch Zeit.

Er zog eine Tasse Kaffee an Land und blieb noch etwa eine Stunde in der Kneipe sitzen. Es war dabei unvermeidlich, dass er sich hin und wieder die Zunge mit echtem Whisky befeuchtete, und er wurde im Verlauf der nächsten vierzig Minuten richtig fröhlich.

Jetzt muss ich aufhören zu saufen, überlegte er. Ich sehe schon sämtliche Schwierigkeiten auf ein Mindestmaß zusammenschrumpfen. Das ist nie gut, wenn man vor einer unangenehmen Aufgabe steht.

Mac warf der Whisky »Flasche einen bedauernden Blick zu und erhob sich. Er war so gedankenversunken, dass er zu zahlen vergaß. Der Barmann erinnerte ihn freundlich daran.

Mac Dolan wuchtete ihm einen Fünfer hin und murmelte, er werde ihm die Hühneraugen amputieren, wenn er sich nicht eines besseren Tones befleißige.

Der Barkeeper betrachtete Macs lange Figur mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung und entschuldigte sich dann wortreich.

Der FBI-Agent hörte gar nicht mehr hin.

Er ging zu seinem Wagen zurück und fuhr auf dem Zubringer zur Highway n weiter.

 

*

 

In mäßigem Tempo passierte Mac die Küste bei North Miami. Er hätte jetzt die Möglichkeit gehabt, die schöne Szenerie der sonnendurchfluteten Strandgegend in sich aufzunehmen, aber der Fall Randers machte ihm doch sehr zu schaffen, und er kam nicht dazu, sich an dem unbeschwerten Leben und Treiben zu freuen.

„Wie ist das doch im Leben ungerecht eingerichtet“, dachte er laut und bitter. „Die einen amüsieren sich, und andere gehen zur gleichen Zeit einer Ungewissheit entgegen, die sie leicht einen neuen Kopf kosten kann.“

Etwa um fünfzehn Uhr kam Mac Dolan in Ojus an. Er hielt sich streng an die Weisung dieses sonderbaren Narrett. Er fand die Bananenplantage, fuhr bis an ihr ostwärtiges Ende durch und stellte dann seinen Wagen ab. Von hier aus musste er zu Fuß weiterlaufen.

Ein Fußweg senkte sich zum Strand. Er war rechts und links von Sträuchern und Gewächsen aller Art flankiert.

Eine halbe Stunde, nachdem er sein Auto verlassen hatte, fand er die Hütte. Sie stand für seine Zwecke außerordentlich ungünstig, nämlich von vier Seiten frei. Mac sah keine Möglichkeit, sich ungesehen heranarbeiten zu können, um den Chinesen eventuell zu belauschen.

Er überlegte zehn Minuten, was er tun solle.

Wenn ich mich jetzt heranschleiche und an einer der Hauswände verberge, ist die Gefahr einer Entdeckung groß, überlegte er. Bleibe ich aber hier, dann kann es sein, dass mir der Chinese entwischt.

Er konnte zu keinem Entschluss kommen und blieb zunächst einmal unter einer Gruppe von Brotfruchtbäumen liegen.

Mit wehmütigen Blicken streifte er seinen eleganten Anzug. Der würde bei dem bevorstehenden Abenteuer eine ganze Menge mitbekommen.

Lauernd blieb Mac Dolan eine ganze Weile unbeweglich liegen.

Plötzlich hörte er das Aufheulen eines Automotors. Mac sah auf die Uhr. Es war fünfzehn Uhr dreißig.

Mac hob den Kopf und lauschte angestrengt.

Fünf Minuten später konnte er den tieferen Klang eines zweiten Motors unterscheiden. Irgendwo mahlten Pkw-Räder im Sand und schoben den dazugehörigen Kraftwagen langsam genug vorwärts.

Nach weiteren fünf Minuten erkannte Mac, dass es offenbar von den Dünen her eine einigermaßen feste Fahrbahn bis zu der Strandhütte gab. Ein mächtiger Kombiwagen mahlte sich schlingernd und stampfend durch den Sand und blieb dann stehen.

Ein Mann stieg aus. Er trug ein Buschhemd mit aufgedruckten Negerinnen und Shorts, die seine dürren Beine auf höchst lächerliche Weise umflatterten.

Mac Dolan lag zwar viele Schritte entfernt, aber er erkannte sofort, dass er in dem Ankömmling einen Chinesen vor sich hatte. Das musste dieser „Konfuzius“ sein.

Jetzt schob sich ein Jeep über die Dünen und blieb hinter dem Kombi des Chinesen stehen.

Aus dem Jeep stieg ein typischer Yankee und trat auf den Chinesen zu, der in abwartender Haltung in der Türfüllung der Hütte stand.

Mac Dolan spitzte die Ohren, angespannt, um etwas vom Gespräch der beiden auffangen zu können.

Leider unterhielten sie sich in einer ihm fremden Sprache.

Der Chinese zauderte ein wenig, dann holte er aus seiner Gesäßtasche einen Schlüssel und sperrte die Strandhütte auf.

Gleich darauf waren die beiden im Inneren des kleinen Baus verschwunden.

 

*

 

Mac musste etwa fünfzehn Minuten warten. Aus der Hütte drang kein Laut nach draußen.

Nach Ablauf dieser fünfzehn Minuten kam der Yankee heraus und stieg in seinen Jeep. Er startete den Motor und versuchte rückwärts anzufahren. Aber der Geländewagen bewegte sich nicht von der Stelle.

Der Yankee fluchte wild. Selbst ein Hafenarbeiter wäre über seine Ausdrücke errötet.

Der Mann stieg schwitzend aus und schlug donnernd an die Tür der Hütte.

Gleich darauf kam auch der Chinese ins Freie und lächelte ironisch.

Mit Hilfe des Chinesen kam der Jeep endlich flott, und der Wagen entfernte sich.

Konfuzius sperrte nun die Hütte ab und wollte offensichtlich in seinen Wagen steigen.

Mac Dolan wusste, dass er sich jetzt unter Umständen aufs Glatteis begab.

Eigentlich ein lächerlicher Gedanke, dachte er belustigt, hier in dieser subtropischen Hölle von Glatteis zu sprechen.

Es gab kein Zurück mehr. Mac umklammerte die entsicherte Pistole in seiner Hosentasche. Er sprang auf und ging wie gleichmütig zu dem Kombiwagen hin.

Der Chinese war erstarrt. Plötzlich hatte er mit artistischer Geschicklichkeit eine Pistole in seiner Hand.

„Halt!“, sagte er in völlig slangfreiem Amerikanisch. „Wer sind Sie und was wollen Sie? Kommen Sie nicht näher, sonst pflanz‘ ich Ihnen eine blaue Bohne in den Nabel!“

„Na, na, wer wird denn gleich so herb zu einem Freund sein?“, lächelte Mac.

„Leute, die auf mich zukommen und die Hände in der Tasche haben, sind nie meine Freunde!“

„Sie haben ja auch eine Pistole in der Hand, Konfuzius!“

Der Chinese zuckte zusammen. „Darf ich erfahren, woher Sie meinen Namen kennen?“

Mac blieb stehen. Weiterzugehen wäre Selbstmord gewesen.

„Peanut-Joe in Philadelphia hat mir Ihren Namen verraten“, sagte Mac lächelnd.

Er fand seinen Anknüpfungsversuch selbst sehr dünn. Wie hätte ihm ein Mann aus Philadelphia das Eintreffen des Chinesen bei der Strandhütte voraussagen können?

 

IV

Der Chinese ging zunächst nicht auf diese Diskrepanz ein. Ob das ein gutes Zeichen war, musste sich noch erweisen.

„Peanut-Joe?“, fragte er kurz. „Ich kann mich an keinen Peanut-Joe erinnern. Aber ich habe viele Leute in meinem Leben kennengelernt. Vielleicht war er tatsächlich einmal mein Freund. Und zu welchem Zweck hat er Sie an mich empfohlen?“

„Sie sollen ein außerordentlich geschickter Handwerker sein, Konfuzius. Es handelt sich um Nummernschilder.“

Mac Dolan gab dem Wort Nummernschilder eine besondere Betonung.

Eine Wirkung auf den Chinesen war nicht zu erkennen. Der zuckte nur die Achseln und sagte leichthin: „Ich fürchte, Sie sind bei mir an der verkehrten Adresse. Ich würde Ihnen raten, sich an die Kraftfahrzeugzulassungsstelle zu wenden, wenn Sie Nummernschilder brauchen.“

Mac Dolan lachte auf. „Sie halten mich wohl für ‘nen Blödmann, Konfuzius? Wenn ich solche Schilder brauchte, dann würde ich mich selbstverständlich nicht an Sie wenden. Muss ich noch deutlicher werden?“

„Selbstverständlich nicht“, grinste der Chinese. „Sie wollen also ein Auto bewegen und die Behörden sollen davon nichts wissen? Hm – unter Umständen ein kluger, aber auch ein gefährlicher Gedanke. Wenn man Sie schnappt und die Schilder sind von mir, was wird dann aus mir?“

„Aber mich schnappt man nicht. Außerdem denke ich gar nicht daran, Sie zu verpfeifen. Und der Name Peanut-Joe müsste eigentlich für Sie Empfehlung genug sein.“

Der Chinese überlegte. „Also gut“, sagte er dann. „Haben Sie einen Wagen hier?“

Der FBI-Agent schüttelte verneinend den Kopf. „Nein, ich habe keinen Wagen hier. Bin in ‘ner Taxe gekommen.“

Der Chinese nickte. „Na schön, dann steigen Sie bei mir ein. Wir fahren nach Miami zurück. Mal sehen, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein. Ein bindendes Versprechen gebe ich allerdings nicht.“

 

*

 

Mac stieg mit innerem Widerstreben in den Kombi. Der war nicht mehr jung, aber tadellos. Der Chinese klemmte sich hinters Steuer und startete den Motor. Mit geradezu künstlerischer Vollendung steuerte Konfuzius den Car über den lockeren Sand und erreichte sehr bald eine Straße, die nördlich von Ojus auf den Highway 1 führte.

Dann fuhr er in aller Ruhe nach Süden zurück.

Unterwegs sprach er mit Mac Dolan kein Wort. Mac selbst spürte keine Veranlassung, etwas zu sagen. Es wäre ja doch alles falsch gewesen, was er gesagt hätte.

Der Chinese bog nach Westen ab, fuhr bis zum großen Park durch und erreichte dann auf der Südroute die Vorstadt Hialeah. Auf der Okeechobee Road bog er wieder nach links und fuhr kreuz und quer durch Straßen und Sträßchen, so dass Mac Dolan ganz schummerig wurde. Er wusste längst nicht mehr, wo er sich befand.

Am Ende bog der Chinese in eine Sackgasse ein, die bei einem Gartengelände endete.

Mac erhaschte gerade noch einen Blick auf ein. Straßenschild: Harbor Road.

Der Chinese fuhr bis zu einem Bungalow. Der lag in einem Garten. Die Garagentür stand offen. Der Chinese fuhr den Wagen in die finstere Garage und ließ den Motor sterben.

In der Düsternis benützte Mac Dolan die Gelegenheit, seine Pistole aus der Tasche zu nehmen und zu entsichern.

Als Konfuzius bedächtig den Zündschlüssel abzog, stieß ihm Mac den Lauf seiner Waffe in die Rippen und sagte drohend: „Los, Hände hoch! Ich bin vom FBI. Mach bloß keine Fisimatenten, sonst stirbst du, du Gelbvogel!“

 

*

 

Der Chinese schickte sich mit Gelassenheit in die veränderte Situation. Er hob beide Arme.

„Von jetzt an geben Sie an“, sagte er ruhig. „Was soll ich tun?“

„Los, aussteigen! Aber zentimeterweise und vorsichtig!“, befahl Mac Dolan. „Und wenn du die geringsten Sperenzien machst, dann hast du gelebt!“

Der Mann gehorchte. Er stieg vorsichtig nach links aus und wandte Mac seinen Rücken zu.

Mac schob sich am Steuerrad vorbei und stieg ebenfalls aus. Er atmete tief auf. Der schwierigste Part des Unternehmens war gelungen.

Der Chinese öffnete eine Tür, durch die die Garage mit dem Bungalow in Verbindung stand.

Dahinter war es völlig finster.

„Los, Licht machen, du Kanarienvogel!“, befahl der Detektiv.“

„Der Schalter ist an der gegenüberliegenden Seite.“

„Das glaubt dir der Teufel!“

„Wenn Sie mir nicht glauben, bitte, dann überzeugen Sie sich selbst!“

„Das könnte dir so passen! Los, du gehst jetzt ganz langsam weiter. Ich folge dir dichtauf.“

Mac bohrte dem Mann seinen Pistolenlauf fester an die Nieren, und der Gelbe machte einen tastenden Schritt vorwärts.

Mac folgte ihm.

Plötzlich spürte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Irgend jemand schlug ihm auf die Hand. Der Schuss krachte. Mac konnte nicht mehr erkennen, ob er getroffen hatte. Schwer schlug der FBI-Agent auf Zement auf und blieb betäubt liegen.

 

*

 

Als Mac Dolan erwachte, war es um ihn her finster. Er tastete seinen Körper ab. Er fühlte sich an Leib und Seele völlig zerschlagen, aber verletzt schien er nicht zu sein.

Er hatte seine Brieftasche mit den Ausweisen noch, aber die Pistole war selbstverständlich weg.

Mac versuchte sich zu erheben. Er stöhnte. Er war ganz ordentlich auf den Pinsel gefallen.

Dann schritt er tastend sein Gefängnis ab. Es war vielleicht vier Meter lang und drei Meter breit und hatte glatte Wände. Hier war kein Entkommen.

Der Detektiv sah auf seine Armbanduhr. Sie ging noch. Achtzehn Uhr. Also hatte er etwa eine Stunde bewusstlos gelegen.

Eine volle Stunde ging er in seinem Gefängnis auf und ab und suchte nach einem Ausgang.

Dann wurde es plötzlich Licht um ihn. Irgendwo flammte eine trübe Glühbirne auf.

Jetzt konnte Mac sein Gefängnis genauer betrachten. Alle Wände waren aus glattem Zement. Oben war die Grube offen. Eine Laufplanke führte an dem dem Haus zu gelegenen Ende über die offene Stelle.

Mac Dolan lachte bitter auf. Der Chinese hatte ihn ja phantastisch aufs Kreuz gelegt. Er selbst hatte sich auf der Planke, deren Verlauf er genau kannte, entlanggetastet und Mac war wie ein Mehlsack in die Falle geplumpst.

Welchen Zweck das Licht haben sollte, blieb Mac Dolan lange verborgen.

Er wartete noch eine weitere Stunde. Nichts geschah. Jetzt war es bereits neunzehn Uhr. Mac machte sich die schlimmsten Sorgen. Er war wehr- und waffenlos, und er konnte sich ungefähr vorstellen, was ihn erwartete.

Etwas nach zwanzig Uhr wurde es auch droben hell. Ein langer Stab streckte sich langsam nach unten.

Mac Dolan erkannte genau, worum es sich handelte. Es war der Lauf einer Maschinenpistole.

Gleich darauf sah der FBI-Agent das grinsende Gesicht des Chinesen. Es verzerrte sich zu einer wahren Teufelsfratze.

„Nun, sind Sie schon wach, mein lieber Mr. Dolan?“, fragte der Gelbe mit bemerkenswert sanfter Stimme.

Mac Dolan wankten die Knie. Er wusste genau, dass er in die Hände eines erbarmungslosen Gegners gefallen war.

„Woher kennen Sie denn meinen Namen?“

„Sie haben sich ja mir bei meiner Verhaftung selbst vorgestellt“, antwortete der Chinese liebenswürdig. „Sie haben mich außerdem einen Kanarienvogel genannt. Erinnern Sie sich daran?

Jetzt können Sie schweigen. Jetzt können Sie auch durch Ihr Schweigen höflich sein. Vorhin sah‘s anders aus. Einen kleinen Augenblick, Mr. Dolan. Ich schiebe Ihnen eine Leiter nach drunten und dann haben Sie die Freundlichkeit, heraufzukommen.“

 

*

 

So geschah es. Wenig später stand Mac Dolan oben.

Neben dem Chinesen stand der Yankee aus dem Jeep.

Der hielt eine Luger auf Mac gerichtet.

Mit hocherhobenen Händen ging der Detektiv den beiden Männern voraus in ein mit kalter Ungemütlichkeit eingerichtetes Wohnzimmer.

Während ihm der Yankee die Luger in die Seite bohrte, schleppte der Chinese zwei mächtige Bleiklötze herbei, an denen Fußschellen befestigt waren.

Vorher hatte er seine Maschinenpistole sorgfältig an die Wand gelehnt.

Wenn ich die Mokkamühle bekommen könnte, wäre manches o.k., dachte Mac Dolan verzweifelt.

Scheinbar willenlos ergab er sich in sein Schicksal. Der Chinese nestelte an seinem linken Fuß.

Plötzlich tauchte Mac. Er gab seinem Körper eine blitzschnelle Wendung nach rechts und trat dem Chinesen mit voller Wucht ins Gesicht.

Fast gleichzeitig erhaschte er die Beine des Yankees und wuchtete diesen über sich hinweg. Dann wollte er nach der Maschinenpistole fassen.

Aber er bekam irgendeinen hässlichen Gegenstand gegen die Schläfe und verlor erneut das Bewusstsein.

 

*

 

Als Mac Dolan erwachte, war er mit beiden Füßen an die Bleiklötze gefesselt, aber sonst seiner Bewegungsfreiheit nicht beraubt. Er lag auf der Ladefläche des Kombiwagens und die Erschütterungen, denen er ausgesetzt war, bewiesen ihm, wie schnell der Chinese über die Landstraße fuhr.

Es war völlig dunkel um ihn her. Er ahnte mehr die Lichter des Wagens, als er sie sehen konnte.

Der Chinese verlangsamte nach einigen Minuten sein Tempo und fuhr jetzt im Schritt weiter.

An der Verlagerung der Zentrifugalkraft erkannte Mac, dass der Wagen eine enge Rechtskurve zog.

Mac zog sich am Türgriff langsam nach hinten und richtete sich in eine kauernde Stellung auf.

Gleich darauf beschleunigte der Chinese wieder das Tempo, und der Wagen machte wahre Sprünge über die Schlaglöcher des Karrenwegs.

Mac ahnte, was man mit ihm vorhatte. Man wollte das Unterseebootspiel mit ihm spielen, und er sollte bis zum jüngsten Tag am Meeresgrund eine fragwürdige Existenz führen. Das war ganz und gar nicht nach seinem Geschmack.

Der FBI-Agent versuchte die Hintertür des Kombiwagens zu öffnen.

Beinahe hätte er aufgejubelt. Die Tür war nicht verschlossen. Sie gab nach, sie ließ sich öffnen.

Aber angesichts der rasenden Geschwindigkeit des Wagens und der Bleiklötze an Macs Füßen wäre ein Fluchtversuch einem Selbstmord gleichgekommen.

Mac schloss die Tür wieder vorsichtig, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und flehte inbrünstig zum Himmel, sie möge nicht von alleine aufgehen.

Dann zog er unter allergrößter Anstrengung zuerst das linke Bleigewicht und dann das rechte hart an seinen Körper heran.

Das ging nicht ohne Geräusche ab, wurde aber von dem Poltern und Rattern des alten Car vollkommen verschluckt.

Wieder stieg der Chinese mächtig auf die Bremse.

Jetzt öffnete Mac langsam und leise die Tür.

Der Wagen fuhr im Schritttempo weiter.

Als die Tür weit genug offen war, wuchtete Mac das eine Bleigewicht mit aller Kraft nach draußen.

Es fiel zu Boden, und es hätte ihm beinahe ein Bein ausgerissen.

Die Kette des rechten Gewichtes spannte sich, Mac Dolan flog unsanft auf die Nase und schlurfte ein Stück nach vorne.

Ein kräftiger, verzweifelter Ruck mit dem rechten Bein, auch das zweite Gewicht fiel nach draußen.

Mac lag mit halb ausgerenktem Kreuz mitten auf der Straße und stöhnte leise.

In der Ferne verschwanden die Schlussleuchten des Kombiwagens.

 

*

 

Der Detektiv zog instinktiv mit beiden Händen zuerst am linken und dann am rechten Gewicht und gab sich Mühe, nach rechts in die Büsche zu gelangen.

Mac verschnaufte. Trotz der relativen Kühle der Nacht war er schweißüberströmt. Die beiden Bleiklötze wogen über einen Zentner.

Mac sah sich um. Er lag dicht neben einem Weg, der von Hydrangea-Büschen umsäumt war. Dahinter erkannte der Detektiv das charakteristische Geäst von Natal-Pflaumenbäumen.

Mit vieler Mühe zog sich Mac Dolan unter diese Baumreihe zurück. Er konnte nicht weiter.

Wenn der Chinese seinen Verlust bemerkte, dann würde er sich unter Umständen sofort auf den Rückweg machen und die ganze Gegend absuchen. Er wusste doch schließlich, wo er überall langsam gefahren war.

Mac fühlte, wie es ihm zwischen den Schulterblättern feucht wurde.

Aus der Richtung, in die der Kombiwagen verschwunden war, näherten sich langsam ein paar Scheinwerfer. Die Scheinwerfer stoppten eine Weile, fuhren dann weiter und stoppten wieder.

Kein Zweifel, der Chinese war schon dabei, Mac zu suchen.

 

*

 

Konfuzius schien sich Zeit zu nehmen. Eine halbe Stunde verging. Der Wagen kam kaum näher.

Der gelbhäutige Verbrecher wusste natürlich ganz genau, dass sich Mac Dolan bestenfalls seitwärts in die Büsche verzogen haben, zum Fliehen aber nicht in der Lage gewesen sein konnte.

Plötzlich ertönte aus der Ferne Hundegebell. Es kam langsam näher. Ein schwarzer Schatten schoss auf Mac Dolan los. Irgend etwas legte sich bedrückend auf seine Brust, und eine heiße, hechelnde Zunge leckte über sein Gesicht.

Da bin ich also wieder einmal vom Regen unter Umgehung der Traufe ins Kölnisch-Wasser-Bad geraten, dachte der Detektiv bitter. Er hütete sich, sich zu bewegen. Sonst hätte er den Bluthund auf jeden Fall dazu verlockt, ihm den Hals abzubeißen.

„Arco! Arco! Wo steckt denn das verdammte Mistvieh!“, fluchte eine grobe Stimme.

Dann näherte sich eine gebückt gehende Gestalt.

„Na so was, da liegt ja einer?“, sagte der Mann in verkommenem Slang. „Was ist denn hier passiert?“

Er pfiff den Hund zurück.

Der nahm mit einem Aufjaulen von seinem Fund Abschied und ließ sich von seinem Herrn an die Leine nehmen.

„Helfen Sie mir, um Gottes willen“, sagte Mac Dolan. „Ich bin FBI-Agent. Ich bin mit beiden Füßen an Bleiklötze gefesselt und kann sie nicht abmachen. Nur wenige Meilen von hier sucht mein Mörder nach mir.“

„Sollte Sie eigentlich Ihrem Schicksal überlassen“, murrte die grobe Stimme. „Ihr Mörder könnte doch auch sehr leicht zu meinem Mörder werden!“

 

 

V

Mac Dolan war beinahe lächerlich zu Mute. Aber nur beinahe.

„Wohnen Sie hier in der Nähe, Mann?“, fragte er. „Haben Sie einen Schraubenschlüssel zu Hause? Vielleicht können Sie hundert Dollar gut gebrauchen?“

„Her mit dem Papier“, war die Antwort.

„Kommt nicht in Frage. Das Geld bekommen Sie, sobald Sie mich von diesen verdammten Klötzen befreit haben.“

Der Mann überlegte eine Weile, dann wandte er sich um. „Verhalten Sie sich still. In etwa fünf Minuten bin ich wieder da!“

Wieder begann das nervtötende Spiel, die Scheinwerfer in der Ferne krochen immer einige Meter näher, dann stoppten sie.

Na, jetzt zieht‘s mir aber bald doch das Hemd hinten rein, dachte Mac Dolan ärgerlich. Wenn der Hundebesitzer sich nicht sehr beeilt, werden wir zweiter Sieger.

Quälend verstrichen die Minuten. Dann endlich näherte sich wieder das heisere Hecheln des Hundes.

Der Mann kam. Er kniete sich zu Mac Dolans Füßen nieder und ließ eine Taschenlampe aufblitzen.

Mac machte einen Satz vorwärts und schlug sie ihm aus der Hand. „Sind Sie wahnsinnig, Sie blutiger Idiot! Sie wollen wohl meine Feinde herbeisignalisieren?“

Der Mann knipste die Lampe erschrocken aus.

Gleich darauf fühlte Mac, wie der Mann an den Verschraubungen der Fußschellen zu arbeiten begann. Noch fünf qualvolle Minuten verstrichen, dann war Mac frei.

Er sprang auf. Beinahe wäre ihm der Hund wieder an die Kehle gefahren. Sein Herr pfiff ihn zurück.

„Sei still, Arco“, sagte der Mann. „Das ist ein Freund! Der gibt uns hundert Dollar. Da kaufen wir uns ein anständiges Fressen.“

Mac und der Fremde hoben unter Aufbietung aller Kräfte die beiden Bleiklötze an und warfen sie in den sumpfigen Graben. Dann stapften sie nach rückwärts zu einem Sandgrundstück, wo eine Bude stand, die ganz so aussah, als würde sie aus Wellblech und ehemaligen Konservendosen bestehen.

Der Fremde führte den FBI-Agenten in den einzigen Raum dieser Bude. Hier war es entsetzlich verwahrlost und stinkend.

Aufatmend fischte Mac seine Brieftasche aus dem Jackett und zählte hundert Dollar ab. Die streckte er dem Mann hin.

Der Bursche war vermutlich als Säugling das letzte Mal gewaschen worden und hatte einen verwilderten Bart, der war schon mehr ein ausgefranster Bettvorleger. Er stieß glucksende Laute des Entzückens aus, als er das viele Geld sah.

Mac Dolan hatte plötzlich eine Idee. „Eine Frage“, sagte er. „Sagen Sie, verfügen Sie über so etwas wie ein Auto?“

Der Mann nickte. „Meine alte Lizzie ist zwar schon ziemlich betagt, aber sie tut‘s noch.“

„Würden Sie mich in die Harbor Street fahren?“

„Für zehn Dollar tu ich eine ganze Menge“, war die Antwort.

Mac zog die zehn Dollar aus der Brieftasche und überreichte sie dem Mann.

Details

Seiten
213
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939408
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
kennwort pluto
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Titel: Kennwort Pluto