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TEXAS MUSTANG #29: Lefthand-Charly

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Lefthand-Charly

Copyright

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Lefthand-Charly

TEXAS MUSTANG Band 29

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

U.S. Marshal Allison hatte aus King, einem wilden Mustanghengst, einen hervorragenden Helfer gemacht, dessen Eigenschaften ihm mehr als einmal entscheidend zugute kamen. Eines Tages fand Allison ein verlassenes Adlerjunges. Er versorgte es, zog es mühsam auf und richtete den heranwachsenden Steinadler mit Hilfe eines erfahrenen Falkners ab. Er nannte den Adler Sky. Fast ein Jahr dauerte es, bis aus dem scheuen Greif ein Vogel geworden war, von dem Allisons Gegner sagten, er sei zu der besten Waffe des U.S. Marshals geworden.

Ein Mann, ein Mustang und ein Adler ein stahlhartes Trio im Kampf gegen Unrecht und Gewalt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Es war ein Tag wie jeder andere. Alles schien friedlich; aber der Schein trog. Allison, der im Schaukelstuhl vor dem Marshals Office saß, sah den Fremden zuerst. Er beobachtete den Reiter, der da von Süden her in die Stadt kam, sehr genau. Von der Veranda des Marshals Office aus hatte er einen weiten Blick beide Seiten der Straße entlang bis zu den Ortsausgängen. Mitten auf dieser Straße näherte sich der Fremde.

Er schien ein texanischer Cowboy zu sein, trug extrem breite Chaps, einen hochkronigen Hut, und der Mann selbst war groß, breitschultrig. Je näher er kam, umso deutlicher konnte Allison auch sein Gesicht erkennen. Ein schmales, hartes, kantiges Gesicht; dunkles Haar hing unter dem Hut heraus. Die Augen aber schienen im Schatten, den die Hutkrempe spendete, zu leuchten. Nichts an diesem Mann deutete auf Gefahr hin.

Ein Tag wie jeder andere, so schien es in dieser Stadt. Es war früh am Morgen, aber in der Stadt herrschte schon lebhaftes Treiben. Aus der Schmiede drangen Hammerschläge, und in diese tönende Arbeit mischte sich jetzt noch der Glockenklang vom Turm der Missionskirche. Allison sah eine Gruppe Mexikanerinnen, die mit von Kopftüchern verhülltem Haar zur Kirche strebten. Gegenüber trat der Storebesitzer aus seinem Gebäude und hatte die Hände über der ewig schmuddeligen Schürze gefaltet. Schräg gegenüber vom Marshals Office wurde ein Hotel gebaut. Mexikanische Zimmerleute hämmerten und sägten. Ein bulliger Amerikaner, der diese Arbeiten überwachte, war mit seiner Gesellenmannschaft vor dem Hotel, wo sie Balken abluden. Jedes Mal, wenn einer vom Wagen geworfen wurde, knallte es wie ein Schuss durch die Stadt. Ein Stück weiter unten fuhr gerade ein Buggy los. Und aus der Gasse, zwischen der Missionskirche und dem Haus des Arztes tauchte ein Junge auf mit zwei riesigen Körben, und er lief genau auf das alte Hotel zu, was demnächst abgerissen werden sollte.

Inzwischen war der Fremde so nah, dass Allison mit ihm hätte sprechen können. Dieser Mann war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, vielleicht auch noch älter. Seine Hände, die Allison deutlich sehen konnte, verrieten, dass dieser Mann ein Cowboy sein musste, was an den Lassonarben erkennbar war. Etwas allerdings fiel Allison sofort auf. Der Mann trug einen griffigen, gut geölten Revolver, dessen Metall matt in der Sonne glänzte. Die Waffe machte nicht den Eindruck, als würde sie zum Einschlagen von Krampen oder zum Zerklopfen von Kaffeebohnen verwendet. Auch die Art, wie der Reiter diese Waffe trug, ließ Allison wachsam auf den Mann achten. Das Gewehr, das in einem Fellscabbard steckte, verriet ebenfalls beste Pflege.

Der Fremde sah sich suchend um, entdeckte dann das Schild über dem Marshals Office und hielt nun genau auf Allison zu.

Er war etwa auf zwanzig Schritt herangekommen, da parierte er überrascht sein Pferd und sah über Allison hinweg zum Dach des Offices. Allison konnte sich denken, was dem Fremden dort aufgefallen war. Ein Anblick, der den Einheimischen hier in Acametera mittlerweile bestens vertraut war. Auf dem Dachfirst saß Sky, Allisons Adler.

Der Fremde hatte seine Überraschung überwunden, trieb sein Pferd wieder an und parierte es abermals, als er damit dicht vor der Veranda angelangt war.

Das dunkelbraune Pferd mit der weißen Blesse war über und über staubbedeckt, auf der Kruppe des Tieres hatte es eine tiefrote Farbe.

Allison war sich klar darüber, dass dieser Mann von West-Texas herübergekommen sein musste.

Der Fremde sah Allison aus seinen dunklen Augen forschend an, bemerkte den Stern auf der Weste, als Allison den Arm etwas zur Seite nahm, und sofort straffte sich seine Gestalt.

Allison lächelte, wie er es meistens tat, wenn jemand sein Erstaunen nicht verbergen konnte, falls da plötzlich das Abzeichen eines U.S. Marshals sichtbar wurde.

„Sie also sind U.S. Marshal Dewy!“, meinte der Fremde.

Allison schüttelte den Kopf. „Kleiner Irrtum. Der bin ich nicht. Wollen Sie zu ihm?“

Allison fragte sich, was dieser Fremde von Dewy wollte. Dewy lag schwerverletzt im Bett. Und das schon seit vier Wochen. Allison war abkommandiert worden, Dewys Job hier in Acametera zu übernehmen. Es war bis jetzt eine sehr friedliche Aufgabe gewesen. Praktisch hatte er keinen einzigen Einsatz reiten müssen in dieser Zeit. Dafür schien es vorher umso wilder zugegangen zu sein, bis Dewy mit dem Banditenunwesen Schluss machen konnte, selbst dabei aber einen gefährlichen Schuss eingefangen hatte.

„Sie sind nicht Dewy? Dann ist er nicht mehr hier?“ Der Fremde machte schmale Augen. Der Zweifel, das Misstrauen, das in seinen Worten mitschwang, ließ sich nicht überhören.

Statt einer Antwort fragte Allison. „Wer sind Sie denn?“ und zog mit der Linken ein schmales Buch aus seiner Westentasche, während seine Rechte immer in unmittelbarer Nähe seines Revolverkolbens blieb.

„Mein Name ist Fitzgerald, Charly Fitzgerald. Sie sollten sich den Namen recht gut merken“, erklärte der Fremde. „Und jetzt sagen Sie mir endlich, wo ich Dewy finde!“

Allison lächelte. „Nur nicht so hastig, lieber Freund. Sie sind also Charly Fitzgerald. Doch nicht etwa mit Johnny Fitzgerald verwandt?“

„Und wenn es so wäre?“ meinte Fitzgerald bissig.

„Was also wollen Sie von Dewy?“

„Meine Sache.“

„Wiederum ein Irrtum. Sie haben Ihren schlechten Tag, Fitzgerald. Sie tappen dauernd daneben. Alles, was hier in dieser Stadt geschieht, geht mich etwas an. Vor allen Dingen, wenn es mit Fremden zu tun hat. Wenn Sie also etwas von Dewy wollen, dann sagen Sie’s mir!“

Fitzgerald spie zur Seite hin aus. „Einen Dreck werde ich! Es geht Sie nichts an, hören Sie!“

„Sie täuschen sich ein drittes Mal, weil Sie mich für einen Spaßvogel halten, Fitzgerald“, erklärte Allison. „Also, woll’n wir einmal nachsehen.“ Er blätterte in seinem schmalen Buch, blickte kurz hinein und meinte: „Also, gesucht werden Sie nicht. Aber wenn Johnny Fitzgerald Ihr Bruder war ...“

Er hatte die ganze Zeit Fitzgerald genau beobachtet. Als er den Namen von Johnny Fitzgerald erwähnte, schien die Miene des Mannes härter, schärfer, und der Blick seiner Augen zorniger zu werden. In einer nicht zu bezähmenden fanatischen Wut platzte er heraus:

„Ja, er ist mein Bruder. Und deswegen bin ich hier. Dewy hat ihn erschossen!“

„Und jetzt sind Sie da, um mit Dewy abzurechnen!“

Fitzgerald sagte nichts. Er verzog nur das Gesicht Und daran erkannte Allison, dass er mit seiner Behauptung ins Schwarze getroffen hatte.

„Ich will Ihnen etwas sagen“, erklärte Allison. „Dewy liegt im Bett. Er hat sich im Kampf mit der Bande Ihres Bruders einen Kniedurchschuss eingehandelt.“

„Bande Ihres Bruders!“, grollte Fitzgerald. „Mein Bruder war ein Niemand, ein Junge. Er hat im Kartenspiel verloren und wurde von diesen verdammten Hundesöhnen erpresst!“

„Ich weiß“, erklärte Allison. „Das ist kein Geheimnis.“

„Aber Dewy hat ihn umgebracht. Dem Jungen hätte kein Richter mehr als zwei Monate gegeben. Dewy hat ihn erschossen.“

„Und deshalb sind Sie hergekommen, um sich zu rächen, nicht wahr?“

„Unsinn! Ein faires Duell; er soll ein faires Duell haben.“

„Ich weiß nicht, Mister, wie gut Sie schießen“, erklärte Allison. „Aber ich weiß, dass Dewy, wenn er nicht verwundet wäre, ein ganz hervorragender Schütze ist. All zu groß wären Ihre Chancen nicht. Abgesehen davon sind solche Duelle nicht gestattet. Geben Sie mir Ihren Revolver, wenn Sie nicht sofort wieder aus der Stadt herausreiten wollen!“ Fitzgerald sah Allison überrascht an. „Sie wollen mir meinen Revolver wegnehmen? Dazu haben Sie kein Recht!“

„Irrtum! Ich habe dazu wohl ein Recht.“

„Sie vertreten Dewy, nicht wahr?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, die Fitzgerald da stellte. „Exakt richtig.“

„Wer sind Sie, zum Teufel?“

„Man nennt mich Allison.“ Fitzgerald wischte sich über die Lippe. Das war das einzige Zeichen dafür, dass er diesen Namen sehr wohl kannte. Aber er ließ sich immerhin nicht anmerken, ob es ihn sehr beeindruckte. „Sie werden es nicht wagen, mir die Kanone abzunehmen“, behauptete Fitzgerald, zog sein Pferd herum und wollte einfach weiterreiten.

„Sie haben wirklich Ihren schwarzen Tag, Fitzgerald. Schon wieder ein Irrtum. Natürlich werden Sie den Colt abliefern, und zwar sofort, auch das Gewehr!“

Fitzgerald ritt einfach weiter. Er wollte mitten in die Stadt hinein. Allison ließ ihn zehn Schritte weit kommen. Dann stieß er einen schrillen Pfiff aus. Und plötzlich war ein flatterndes Geräusch, dann ein Rauschen, und mit einem Male fiel ein Schatten auf Fitzgerald. Unmittelbar danach landete Sky, der Adler, auf Fitzgeralds Schulter. Es war eine ungeschützte Schulter. Und selbst wenn Sky sich nur darauf niederlassen und daran festhalten wollte, durchdrangen seine messerscharfen Fänge bereits das Hemd und auch die Haut des Mannes.

Als das geschah, brüllte Fitzgerald auf, versuchte nach dem Adler zu schlagen. Aber da scheute das Pferd, bäumte sich auf, entsetzt über den riesigen Greif, der sich da auf der Schulter seines Reiters niedergelassen hatte und warf den davon völlig überraschten Fitzgerald ab.

Schon als Fitzgerald nach hinten überkippte, stieß sich Sky wieder ab, flatterte und landete dann auf dem Haltebalken der Veranda.

Fitzgerald, dessen Hemd an der rechten Schulter sich dunkel färbte, wälzte sich im Staub. Indessen rannte sein Dunkelbrauner in panischem Entsetzen davon, blieb aber, weil er sich auf den Zügel trat, in etwa fünfzig Meter Entfernung stehen.

In furiosem Zorn warf sich Fitzgerald herum. Seine Rechte fuhr zum Revolver.

Aber Allison war schon aus dem Schaukelstuhl aufgestanden und hatte die eigene Waffe in der Hand.

„Ich würde es nicht riskieren! Es geht in jedem Falle für Sie schief, Fitzgerald. Stehen Sie auf und bringen Sie mir Ihre Waffe! Auch das Gewehr, aber erst den Revolver! Fassen Sie ihn am Lauf an! Mehr Späße kann ich von Ihnen heute morgen nicht mehr ertragen. Also?“

„Diese Bestie hat mir die ganze Schulter aufgerissen!“

„Das ist Ihr Problem. Es ist nicht schlimm. Ich weiß, wie so etwas aussieht. Wenn Sie wollen, bekommen Sie von mir einen Verband. Sie können es sich aber auch selbst zupflastern. Da vorn ist das Haus des Doktors. Er macht es Ihnen gern.“

Fitzgerald fluchte und versicherte: „Darüber reden wir noch! Das zahl ich Ihnen heim, Allison!“ Doch dann besann er sich schließlich eines Besseren, rappelte sich auf, packte den Revolver am Lauf und kam auf Allison zu. Am liebsten hätte er wohl Sky niedergeschossen, aber Allisons Waffe war auf ihn gerichtet. Die Linke des US Marshals ergriff den Revolver, der ihm von Fitzgerald gereicht wurde, und dann sagte Allison:

„Und jetzt gehen Sie zum Pferd und holen das Gewehr! Halten Sie es ebenfalls am Lauf, und ja nicht am Kolben!“

„Sie treiben es reichlich weit, Marshal! Ich bin Texaner, verstehen Sie? Wir haben ein Gedächtnis wie ein Elefant! Wir vergessen so etwas nie!“

„Das ist auch gut so. Sie sollen sich merken, wann Sie einmal einen Mann zu leicht befunden haben!“

Fitzgerald sagte nichts mehr. Er tat, was ihm geheißen war und brachte das Gewehr. Sein gesamter Plan war durcheinandergeraten. Dabei hatte er sich alles so genau ausgemalt. Aber dass Marshal Dewy verletzt im Bett lag und ein anderer seine Rolle übernommen hatte, war in seinem Plan nicht berücksichtigt worden. Und nun diese Niederlage!

Vielleicht hätte jeder andere aufgegeben, aber nicht Fitzgerald. Er war Texaner. Und in diesem Punkt unterschied er sich durch nichts von einem Longhornstier, der erst dann richtig die Hörner senkt, wenn sich ihm Widerstand bietet.

Die Tatsache, dass sich mittlerweile durch das Geschehen ein paar Dutzend Menschen in der Umgebung zusammengeschart hatten, um dem Vorfall zuzuschauen, störte Fitzgerald überhaupt nicht. Nachdem er das Gewehr abgeliefert hatte, nahm er sein Pferd am Zügel und ging auf die ihn anstarrenden Leute zu. Sie wichen erschrocken aus, als sie den fanatischen Blick des Mannes erkannten. Ohne noch einmal aufzusitzen, stampfte Fitzgerald hinüber zum Mietstall. Zuerst kam sein Tier; das musste er versorgen. Wie es danach weitergehen würde, musste sich zeigen. Die ihm nachblickenden Menschen, und auch jene, die ihm vom Mietstall aus entgegensahen, beachtete er gar nicht. Er ließ sein Pferd vor dem Mietstall an der großen Tränke saufen, sattelte es dann ab und begann es danach mit Strohwischen abzureiben. Die Neugierigen, die ihn dabei umringten, schien er gar nicht wahrzunehmen. Und die verloren auch mit der Zeit das Interesse und verschwanden wieder nach allen Richtungen. Schließlich brachte der Stallmann den Braunen von Fitzgerald in einer Box unter und schüttete ihm Futter vor, nachdem Fitzgerald den Tagessatz bezahlt hatte.

Der Stallmann war ein Mexikaner, ein grauhaariger, ledergesichtiger Alter, dem es nicht in den Sinn kam, eine neugierige Frage zu stellen. Und Fitzgerald wäre der Letzte gewesen, der ein Gespräch mit dem Mexikaner angefangen hätte.

Als sein Pferd versorgt war, wich der heiße Zorn von Fitzgerald, und er begann ruhiger und sachlicher zu überlegen. Alles war schiefgelaufen; aber nichts war, seiner Meinung nach, zu spät. Von dem Stallmann erfuhr er, dass es ein Schlafhaus für durchreisende Cowboys gab, wo man nicht so viel zu bezahlen brauchte wie für ein Zimmer im Hotel. Aber der Hotelier war gleichzeitig auch der Besitzer dieses Schlafhauses, und dieser Halsabschneider, wie Fitzgerald ihn nannte, verlangte glatte zwei Dollar pro Tag für diese verlauste Bunk. Allerdings war noch ein klägliches Abendbrot dabei, das Fitzgerald aber noch nicht gesehen hatte. Er konnte nur hoffen, dass es halbwegs essbar sein würde.

Nachdem er sich gewaschen hatte, marschierte er mit schleppendem Schritt über die Straße, sah sich nach allen Seiten um, blinzelte zum Turm der Missionskirche hinauf und blickte dann nach rechts zum Hotel, das reichlich verwahrlost wirkte. Er konnte nicht wissen, dass man es ohnehin abreißen wollte. Denn das neue Gebäude ein Stück weiter die Straße hinauf, war ja fast fertig.

Aber mittlerweile hatte er ein paar Dinge herausgefunden. Er wusste jetzt durch Fragen an andere durchreisende Reiter, die im Schlafhaus einen Platz gebucht hatten, aber auch vom Verwalter des Schlafhauses selbst, dass U.S. Marshal Dewy durch diesen Schuss in den Oberschenkel fast sein Bein verloren hätte. Durch die Kunst des hiesigen Arztes war es gerettet worden. Bei einem anschließenden Sturz nach dem Treffer hatte sich Dewy auch noch ein paar Rippen gebrochen und das linke Schlüsselbein. Aber das sollte angeblich inzwischen längst verheilt sein. Nur das Bein machte ihm Sorgen. Das zweite war, was er herausfinden konnte, dass Dewy kein lediger Mann war. Das überraschte Fitzgerald. Er hatte immer gedacht, U.S. Marshals seien ledig. Und nun musste er erfahren, dass Dewy nicht nur eine Frau, sondern auch zwei kleine Kinder hatte. Und es hieß auch, Dewy würde nie wieder als U.S. Marshal reiten können, denn sein Bein blieb in jedem Falle steif.

Die Tatsache, einen verheirateten Mann zum Duell stellen zu müssen, irritierte Fitzgerald sehr. Bisher hatte er sich alles sehr einfach vorgestellt, aber nun kam eine Komplikation nach der anderen. Und im Übrigen empfand er einen maßlosen Zorn diesem Allison gegenüber, der ihn vor der halben Stadt blamiert hatte.

Aber sein Eigensinn ließ es nicht zu, dass er auch nur den Gedanken erwog, seinen ganzen Plan doch fallenzulassen, im Gegenteil. Starrsinnig beharrte er auf seinem Entschluss, mit Dewy abzurechnen. Aber zunächst wollte er einmal mit ihm reden. Mit einem schwerverletzten Mann konnte man sich nicht schießen. Aber es würde möglich sein, darauf zu warten, dass dieser Mann wieder auf seinen Beinen stand.

Am frühen Nachmittag, als noch Siestazeit war und die Stadt wie ausgestorben wirkte, marschierte Fitzgerald auf das Restaurant zu, das einzige Speisehaus in der Stadt. Es wurde von einem Mexikaner geführt, und man sollte dort sehr gut essen können, wie Fitzgerald erfahren hatte. Aber deswegen ging er nicht hin. Die Tochter dieses alteingesessenen Mexikaners, dessen Familie hier schon seit zweihundert Jahren lebte, war die Frau des einstigen U.S. Marshals Dewy, und mit ihr hatte er auch zwei Kinder. Die Familie lebte im Obergeschoss des Restaurants.

Als Fitzgerald das Restaurant betrat, kam ihm ein junger mexikanischer Kellner entgegen und sagte: „Señor, es tut mir sehr leid, aber unsere Küche ist schon geschlossen. Sie können erst am Abend wieder essen.“

„Ich komme nicht zum Essen“, erklärte Fitzgerald barsch. „Wo ist Dewy? Ich will mit ihm reden!“

„Sie können nicht mit ihm reden, Señor“, erwiderte der schmächtige Mexikaner, der ein wenig furchtsam auf Fitzgerald blickte. „Señor Dewy ist verletzt. Er liegt im Bett. Ich werde Doña Elvira rufen!“

„Wer zum Teufel ist das?“, knurrte Fitzgerald.

„Es ist die Frau von Señor Dewy“, erklärte ihm der Kellner, wandte sich dann rasch um und lief durch den Raum nach hinten, verschwand dann durch eine Tür, und Fitzgerald hörte den jungen Mann eine Treppe hinauflaufen.

Als könnte er sich hier wie zu Hause fühlen, ließ sich Fitzgerald auf einem der Stühle an den langen Tischen nieder, legte die bespornten Stiefel auf einen anderen und rollte sich eine Zigarette.

Wenig später hörte er eine dunkle Frauenstimme. Dann rauschte ein Kleid und eine bildhübsche, dunkelhaarige Mexikanerin tauchte hinten im Speiseraum auf. Sie kam näher, und Fitzgerald konnte nicht verhehlen, dass er sie großartig fand. Er hatte sonst für Mexikaner nicht viel übrig, aber diese hier imponierte ihm von Anfang an. Sie trat überhaupt nicht wie eine kleine Conchita auf, sondern schien ganz und gar eine Dame zu sein, als wäre sie die Frau eines Hidalgos.

Im selben Augenblick knarrte hinter ihm die Tür. Aber Fitzgerald brauchte sich nicht umzusehen. In den großen Spiegeln, die an der einen Wand hingen, konnte er den Eingang von der Straße her überblicken, und er sah Allison durch die Tür treten.

Wütend verzog sich Fitzgeralds Gesicht. Er stieß den Stuhl beiseite, auf dem seine Füße eben noch gelegen hatten und stand schnell auf. Er zog seinen Hut wie ein spanischer Grande vor der dunkelhaarigen und dunkel gekleideten Señora, die da eingetreten war. Allison dagegen tippte nur mit dem Finger an die Hutkrempe und rief: „Hallo, Elvira!“

Die Frau blickte zuerst auf Allison, dann auf Fitzgerald. „Was wollen Sie?“, fragte sie Fitzgerald. Denn mittlerweile hatte sie erfahren, was sich vor dem Marshals Office am Morgen zugetragen hatte.

„Mein Name ist Charly Fitzgerald. Ich habe etwas mit Mister Dewy zu regeln. Wie geht es ihm?“

„Mister Dewy ist mein Mann. Was wollen Sie von ihm?“, fragte Elvira abermals. Sie hob die Brauen, runzelte die Stirn. Fragend wandte sie sich dann Allison zu, doch der antwortete nicht, als wollte er Fitzgerald nicht die Schau stehlen.

Fitzgerald zog abermals den Hut. „Madam, das ist eine Sache zwischen ihm und mir!“

Sie konnte sich schon denken, was er wollte, das hatte sich ja mittlerweile in der ganzen Stadt herumgesprochen. Und wieder sah sie hilfesuchend auf Allison. Aber der nickte ihr nur kaum merklich zu und schwieg.

„Sie wollen sich revanchieren, nicht wahr, weil Ihr Bruder gestorben ist? Das ist es doch?“

„So ähnlich ist es. Ich will Ihnen etwas erzählen. Johnny war siebzehn, als er starb. Mit fünfzehn hatte ihn eine Leidenschaft gepackt, wie sie schlimmer einen Menschen nicht befallen kann. Er spielte! Erst um Cents, dann um Dollars. Die Summen, um die es ging, wurden immer höher. An seinem siebzehnten Geburtstag bekam er hundert Dollar geschenkt. Er nahm das Geld sofort, um zu spielen. Er spielte hoch, er verlor. Er geriet an Banditen, an Schufte, Falschspieler, Lumpen. Sie nahmen ihn nicht nur aus, sie fertigten Schuldscheine, er begab sich in ihre Hand und wagte sich nicht mehr nach Hause. Sie nahmen ihn mit. Ich habe meinen Bruder nie wiedergesehen. Und dann eines Tages bekamen wir die Nachricht von seinem Tod. Nicht weit von hier war er gestorben.“

„Hören Sie zu, Fitzgerald“, sagte Allison. „Ich war heute Vormittag bei Dewy. Ich habe mit ihm gesprochen. Die Sache ist ein wenig anders gewesen, als Sie denken. Niemand hat Ihren Bruder erschossen. Er wäre tatsächlich von einem Gericht höchstens mit einem oder mit zwei Monaten bestraft worden. Vielleicht, so denke ich, hätte man ihn laufenlassen. Ihr Bruder starb durch einen Unglücksfall.“

„Unglücksfall?“ Plötzlich griff Fitzgerald in seine Jacke, und Allison dachte schon, er wollte da eine Waffe herausziehen. Aber dann brachte Fitzgerald so etwas wie eine Brieftasche zum Vorschein, klappte sie auf und nahm ein postkartengroßes Foto heraus. „Hier! Ein Unglücksfall! Ein Schuss, man sieht es! Das halbe Gesicht ist ihm weggerissen!“

Auf dem Bild war ein Toter abgebildet. Er sah fürchterlich aus. Allison war seinerzeit nicht dabei gewesen, als Fitzgeralds Bruder sterben musste.

„Woher haben Sie das Bild?“

„Sie wissen doch, dass man von Banditen Fotos anfertigt, als wären sie Trophäen. Mein Vater hat einen Brief hierher geschrieben, und man überließ uns eine Kopie von diesem Bild.“

„Eine schaurige Erinnerung“, stellte Allison fest, während Elvira schon beim Anblick des Fotos grau im Gesicht wurde.

„Es tut mir leid, Señora“, erklärte Fitzgerald. „Sie hätten sich das Bild nicht ansehen dürfen. Aber Sie können sich vielleicht vorstellen, wie es meiner Mutter erging. Sie ist inzwischen gestorben. Mein Vater ist sehr krank. Er wäre selbst hergekommen. Er wird vielleicht auch bald sterben müssen. Ich bin der Einzige, der diese Sache in Ordnung bringen kann. Auf dem Foto sieht man, dass Johnny von einem Schuss getroffen wurde.“

„Nein“, widersprach Allison, „es war ein Unglücksfall. Von einem Schuss ist nur der Lauf der Flinte getroffen worden, die Ihr Bruder in den Händen hielt. Ja, er hatte eine Flinte in den Händen, geladen, beide Läufe. Eine Greener-Flinte. Und durch diesen Treffer ist offensichtlich der Lauf beschädigt worden. Als der Junge dann abgedrückt hat, kam es zu einem Rohrkrepierer. Und deshalb die entsetzlichen Verletzungen im Gesicht und am Hals, woraufhin er auch verblutet ist. Es gibt im Übrigen einen Bericht dazu. Und den Schuss auf Ihren Bruder, beziehungsweise auf sein Gewehr, hat auch nicht Marshal Dewy abgefeuert, sondern ein anderer. Doch das hat damit nichts zu tun. Die Männer des Aufgebotes sahen sich den Banditen gegenüber, die sich verschanzt hatten. Zuletzt lebten nur noch zwei der Banditen. Der Anführer der Bande und Ihr Bruder. Als das Aufgebot stürmte, ist die Sache mit Ihrem Bruder passiert. Den Anführer der Bande hat es kurz vorher erwischt“

„Ich höre aus dieser ganzen Geschichte nur eines heraus“, erklärte Fitzgerald eigensinnig, „dass Sie mit ihm geredet haben. Also kann er auch mit mir reden!“

„Nein! Er wird nicht mit Ihnen reden!“, entschied Elvira Dewy. „Mein Mann ist verletzt, er braucht Ruhe. Im Augenblick schläft er.“

„Er wird nicht davon sterben, wenn er jetzt aufgeweckt wird. Ich habe gesagt, dass ich hier bin, um mit ihm zu reden. Ich trage keine Waffe, ich bilde keine Gefahr für Ihren Mann. Ich will nur von ihm selbst hören, was wirklich gewesen ist und brauche nicht irgendwelche Abgesandte, um mich zu informieren.“

„Ich habe Ihnen schon einmal heute gesagt, dass es ein schwarzer Tag für Sie ist, Fitzgerald“, erklärte Allison. „Sie irren sich pausenlos. Alles, was Sie hier unternehmen wollen, geht Ihnen daneben. Und das liegt daran, dass Sie sich eine vollkommen falsche Vorstellung von den Dingen machen. Sie werden nicht mit Dewy reden, nicht jetzt, vielleicht viel später. Er hat zu seiner Verletzung auch noch eine Erkältung bekommen mit Fieber. Ich möchte nicht, dass er gestört wird. Und ich werde Mrs. Dewy unterstützen, dass ihr Wunsch auch erfüllt wird.“

„Also gut. Wenn Sie nur mit ihm reden wollen, dann können Sie mitkommen“, erklärte Elvira Dewy.

Allison sah die Frau überrascht an. „Aber vorhin warst du noch dagegen, Elvira?“

„Er will mit ihm reden, soll er mit ihm reden. Fünf Minuten, länger nicht. Und dann kommen Sie niemals wieder! Haben Sie mich verstanden, Mister Fitzgerald?“

„Vielleicht komme ich nicht mehr wieder hier in dieses Haus, aber ich werde natürlich darauf warten, dass Ihr Mann gesund wird. Niemand wünscht mehr, dass er bald gesundet, als ich. Ich habe Zeit. Es könnte Jahre dauern, und ich würde auf ihn warten.“

Sie sah ihn fassungslos an. „Haben Sie nicht begriffen, was Ihnen Allison eben erzählt hat?“

Fitzgerald lächelte. „Natürlich hab ich das. Aber es spielt ja gar keine Rolle, ob es nun ein Unglücksfall oder ein direkter Schuss war. Der Mann, der auf den Lauf des Gewehres geschossen hat, wollte meinen Bruder töten. Das war Zufall, das mit dem Gewehr. Und die Folge war dieselbe wie ein direkter Schuss, vielleicht noch viel grausamer. Der Mann, der es verantwortet, ist Marshal Dewy. Sonst niemand. Und es spielt für mich gar keine Rolle, ob er nun direkt geschossen hat oder es ein anderer seines Aufgebots tat. Er hatte die Verantwortung, er steht dafür gerade!“

Elvira wandte sich hilfesuchend an Allison. „Er muss wahnsinnig sein, ein Verrückter!“

Fitzgerald wandte sich einfach um und sagte, ohne sich noch einmal nach den beiden umzudrehen, während er auf die Tür zuging: „Ich werde wiederkommen! Ich werde immer wiederkommen, bis er auf seinen Beinen stehen kann. Sagen Sie ihm, dass ich auf ihn warte. Monatelang, wenn es sein muss, jahrelang ...“

 

 

2

Die wenigsten Männer haben nur Freunde. Und weil Marshal Dewy ein sehr harter Mann als Marshal gewesen war, gab es auch in Acametera einige Leute, die ihn nicht ausstehen konnten. Und dazu gehörte auch Tony Loom.

Tony Loom besaß den größten Store in der Stadt, und vor Jahren hatte ihn Dewy einmal dabei erwischt, dass er einen schwunghaften Schmuggel betrieb und im Übrigen auch Alkohol schwarzbrannte. Loom war mit einer Geldstrafe davongekommen, doch seine Wut auf Dewy hatte sich auch in den Jahren nicht vermindert.

Als Loom von der Geschichte mit Fitzgerald erfuhr, wurde ihm schlagartig klar, dass hier ein Gleichgesinnter in der Stadt aufgetaucht war. Er pirschte sich an Fitzgerald heran, und noch am Abend des ersten Tages trafen sich die beiden. Von Loom bekam Fitzgerald eine Anstellung im Store.

Fitzgerald hatte beschlossen, sich dort so lange über Wasser zu halten, bis Dewy aus seinem Bau kommen und wieder auf der Straße herumlaufen konnte. Nach Looms Schätzung würde dies mindestens noch zwei bis drei Wochen dauern. Aber diese Zeitspanne nahm Fitzgerald gerne in Kauf, zumal er jetzt eine richtige Bleibe hatte und nicht mehr in dem verlausten und viel zu teuren Schlafhaus des Hotelbesitzers kampieren musste.

Schon am nächsten Tag fing Charly Fitzgerald bei seinem neuen Arbeitgeber Tony Loom an. Es gab aber im Lager nicht viel zu tun, so dass Fitzgerald die meiste Zeit herumlungerte oder draußen auf der Verladerampe im Schatten saß, die Beine herunterbaumeln ließ und dem Leben und Treiben auf der Straße zuschaute.

Die Menschen in der Stadt gewöhnten sich rasch an dieses Bild, das ihnen Fitzgerald so bot. Nach vier Tagen sprach schon niemand mehr über den Vorfall vor dem Marshals Office. Aber alle wussten, auf was Fitzgerald wartete. Die Dewy sehr mochten, und das waren die meisten, bestürmten den neuen U.S. Marshal Allison, diesen Burschen aus der Stadt zu schicken. Aber dafür gab es eigentlich keine Handhabe. Die Waffen des Mannes befanden sich noch immer im Marshals Office, und im Übrigen hatte Fitzgerald nicht einmal gedroht, Dewy umzubringen, sondern nur verlangt, dass der sich zu einem Duell stellen sollte. Weil aber jedermann wusste, was für ein hervorragender Schütze Dewy war, gehörte schon sehr viel Wagemut dazu, eine solche Forderung zu stellen. Trotzdem behagte es den meisten nicht.

Auch Loom hatte seine Zweifel. Und am Abend des vierten Tages, als er das Vorhängeschloss vor die Schiebetür des Lagers hängte, sagte er zu Fitzgerald, der neben ihm stand und in die tiefstehende Sonne blinzelte:

„Du wirst es nicht schaffen, Charly. Dewy war ein verflixt schneller Bursche, und er ist es bestimmt heute noch, denn er schießt ja nicht mit den Beinen. Seine Hände sind unversehrt. Er ist ein Künstler mit dem Colt. Wie willst du gegen ihn ankommen?“

„Ich bin auch kein Anfänger. Aber ich muss üben. Du hast recht, Tony. Ich habe keine Waffe, und ich habe keine Munition. Du könntest mir einen Colt leihen und die Munition dazu, damit ich irgendwo draußen außerhalb der Stadt üben kann. Ich muss in Form bleiben. Wenn noch ein paar Tage vergehen, ohne dass ich wie sonst trainiert habe, werde ich wirklich schlechter sein als er.“

„Das ist doch Unsinn! Du willst dich doch nicht wirklich hinstellen und ein faires Duell mit ihm ...“, wollte Loom sagen.

Fitzgerald sah ihn überrascht an. „Natürlich! Was sonst?“, erklärte er.

Tony Loom schüttelte verständnislos seinen Glatzkopf. „Du hast keine Chance. Nicht in einem fairen Duell. Ich weiß, was ich sage. Du solltest einmal erlebt haben, wie er schießt. Da könnt ihr alle nicht mit. Schon deine Hände, die Lassonarben ... So geschickt kannst du gar nicht sein, Junge. Natürlich ein Duell, aber mit gezinkten Karten, wenn du eine Chance haben willst. Und du musst eine haben, damit dieser Bursche verschwindet. Ich hasse ihn genauso wie du. Und denke nur, ich hab es bis heute nicht gekonnt, es ihm heimzuzahlen. Das wühlt und gärt in mir! Es ist wie ein Geschwür; ich muss es loswerden.“

„Gezinkte Karten? Vielleicht ein Schuss von hinten?'

„Jedenfalls darf’s nicht so aussehen“, entgegnete Loom.

Fitzgerald sah den kleineren und viel älteren Mann verständnislos an. „Hör zu, Tony“, sagte er. „Ich bin ein wilder Bursche, aber ich bin kein Schwein. Wenn ich mit ihm kämpfe, dann wird das ein Duell sein; ein richtig faires Duell. Und ich werde warten, bis er wieder ordentlich auf den Beinen steht, ja mehr: Ich muss ihm noch einige Zeit geben, dass er auch wieder üben kann. Ich kann doch nicht über einen Mann herfallen, der zittrig auf seinen Füßen steht, dem alle Glieder steif geworden sind vom langen Bettliegen. O nein, ich glaube an ein Gottesurteil. Ich werde trainieren, in Ordnung. Aber er muss auch wieder trainieren. Er ist gut; ich weiß es. Das hat man mir schon in Texas erzählt. Aber ich bin auch gut, Tony. Wie gut, weißt du gar nicht. Ich werd es beweisen müssen. Und der Bessere von uns beiden ...“

Tony Loom schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „So ein Quatsch! Gottesurteil! Der Bessere von uns beiden! Faires Duell! Idiotie ist das! Der pure Wahnsinn! Vielleicht werdet ihr beide schwer verletzt. Was hast du davon? Ein Schuss in den Bauch! Du lebst noch ein paar Stunden, bis du elendiglich krepierst! Er muss weg, nicht du! Aber du riskierst es, dass es auch dich erwischt. Vielleicht hat er noch so viel Kraft, um dir eine zu verpassen.“

„Dann soll es so sein. Etwas anderes kommt für mich nicht in Frage.“

„Du bist ein Narr, aber gut.“ Tony Loom tat plötzlich so, als wäre er ganz und gar mit Fitzgeralds Entscheidung einverstanden. „Es ist deine Angelegenheit, und du musst es wissen. Vielleicht hast du wirklich Glück.“

 

 

3

Am nächsten Tag begann Charly Fitzgerald mit einem Revolver von Tony Loom zu üben. Als geeigneten Platz hatte er dafür einen elf Meilen entfernt liegenden Steinbruch in den Bergen ausgesucht. Den ersten Tag brauchte er sich gar kein besonderes Ziel auszusuchen. Er hatte genügend Ziele, denn hier wimmelte es von Schlangen, und es waren Giftschlangen. Die meisten waren Klapperschlangen, auch Seitenwinder und Kupferkopfvipern waren darunter.

Charly Fitzgerald war von Natur aus Linkshänder, und so schoss er auch links. Er wusste nicht, dass ihn schon am ersten Tag jemand bei seinen Übungen beobachtete.

Der weißhaarige Halbindianer, der in der Stadt nur Old Blue genannt wurde, lag oben auf den Felsen und blickte interessiert hinunter zu dem Mann, der wie besessen um sich schoss; mal dorthin, mal dahin, und vor dessen Kugeln nichts sicher zu sein schien. Keine Schlange, aber auch keine Eidechse.

Erst nach einer Weile kam der alte Halbindianer dahinter, dass dieser Mann dort unten lediglich trainierte. Am Anfang hatte er geglaubt, dieser Linkshänder wollte nur die Schlangen ausrotten, die es hier gab.

Old Blue war selbst ein Jäger, der die Stadt mit Wild versorgte. Aber er war ein Gewehrschütze. Der Revolver, den er auch trug, bedeutete ihm nicht viel. Damit gab er höchstens einem Tier den Gnadenschuss. Öfter benutzte er die Waffe, indem er sie am Lauf packte und mit dem Kolben Nägel einschlug oder Kaffeebohnen zerstampfte. Vielleicht bewunderte er die Schießkunst dieses Mannes dort unten deshalb so sehr, weil er selbst kein guter Revolverschütze war. Und ihm kam dieser Linkshänder wie ein Kastenteufel vor, wie er da herumsprang und schoss, nachlud und wieder schoss. Im Gegensatz zu Old Blue besaß dieser Linkshänder dort unten einen Revolver, der mit Patronen gefüllt wurde, und keine Perkussionswaffe, wie Old Blue eine im Holster stecken hatte.

Endlich hörte das Geknalle unten einmal auf; der Mann machte eine Schießpause, lud auf, steckte dann aber den heiß geschossenen Revolver ins Holster und betrachtete interessiert die zum Teil noch zuckenden Leiber der Schlangen.

„Etwas weiter in den Bergen“, rief Old Blue hinab, „findest du noch mehr Schlangen. Die kannst du auch noch abschießen.“

Schon als der erste Ton dieser Stimme von oben ertönte, wirbelte Charly Fitzgerald herum, hatte sofort wieder den Revolver heraus, sah dann aber den Mann oben, der völlig harmlos zu ihm herunterblickte, und ließ mit einem schiefen Grinsen den Revolver zurück in das Holster sinken.

„Du bist verdammt leichtsinnig, Alter!“, rief Charly Fitzgerald hinauf. „Das hätte auch anders ausgehen können.“

„Und du bist nervös, mein Junge“, meinte der alte Halbindianer. „Wer bist du übrigens? Ich habe dich schon getauft. Bei mir heißt du Lefthand.“

Charly Fitzgerald lächelte. „Nicht schlecht. Das haben sie mich schon einmal in Texas auf der Ranch genannt. Lefthand-Charly haben sie zu mir gesagt.“

„Also gut, Lefthand-Charly, ich will ja nichts Böses. Du brauchst nicht gleich zum Revolver zu greifen, wenn dich jemand anspricht. Oder hast du ein schlechtes Gewissen?“

Fitzgerald war viel zu viel Texaner, um nicht eine gewisse Abneigung gegen einen Halbindianer zu empfinden. Andererseits gefiel ihm der alte Mann da oben. Zugleich aber misstraute er ihm auch.

„Wer bist du denn?“, wollte er wissen.

„Mich nennen sie Old Blue. Sie haben schon Blue zu mir gesagt, als ich noch klein war. Ich bin in diesem Land gewesen, da gab es die Stadt, da gab es das alles noch nicht, was jetzt hier ist. Nur das Land selbst war da. Und es wimmelte hier von Wild. Es hat Büffelherden gegeben. Mein Vater war ein Jäger, genau wie ich. Aber ein Weißer; ein Squawman.“

Charly Fitzgerald nickte. „Man sieht es“, meinte er. Dann grinste er wieder versöhnlich, aber Old Blue nahm es ihm nicht übel. Er hatte sich, weil er ein Halbblut war, schon manches anhören müssen. Es tat ihm nicht mehr weh, dafür war er einfach zu alt. Die ihn kannten, wussten ihn zu schätzen. Und auf andere legte er kaum Wert.

„Ein Jäger bist du?“, fragte Fitzgerald. „Kann man davon leben?“

„Genug für das wenige, was ich brauche. Es gibt nicht mehr so viel Wild wie früher. Aber jetzt wollen sie auch das Fleisch; man kann es verkaufen. Früher konnte ich nur die Pelze in Geld umsetzen.“

Charly Fitzgerald sah den Alten nachdenklich an. Dann rief er zu ihm empor: „Komm doch herunter! Wir können miteinander reden.“

„Was soll ich da unten, Junge. Komm herauf zu mir! Es ist nicht weit, da habe ich eine Hütte. Und es ist nicht so heiß wie hier in dem Steinbruch.“

Charly Fitzgerald war sofort einverstanden, ging zurück zu der Stelle, wo er sein Pferd an einem Felsplatz festgebunden hatte, machte es los, schwang sich in den Sattel und suchte einen Aufstieg. Der Alte stand oben, deutete nach links. Und dort fand Charly auch einen Weg nach oben. Erst als er oben war, konnte er über die Hochfläche hinwegblicken. Es gab Mesquite und Kakteen da, überall lag Geröll, und ein gutes Stück entfernt bildete die Landschaft eine Art Falte. Im Schutz dieser Erhebung stand eine sehr massive, aus Steinen gebaute Hütte.

Der Alte deutete in diese Richtung, sagte: „Reite schon voraus! Ich komme nach. Es ist ja nicht weit.“ Obgleich die Hütte nur knapp hundert Schritt entfernt war, fragte Charly: „Willst du nicht hinter mir aufsitzen?“

Old Blue winkte ab und stapfte, seine Sharps in der Rechten, hinter dem davonreitenden Charly Fitzgerald her.

Es gab nicht nur die Hütte, es gab auch Wasser. Es kam aus einer Quelle und rann in eine Art steinernen Trog, wo es sich zunächst sammelte, bevor es als dünnes Rinnsal weiterfloss und schon bald versickerte.

Das Pferd soff begierig, während Charly es absattelte. Indessen war der Alte da.

„Du hast ein Paradies hier oben, Alter“, stellte Charly fest, denn der Gedanke, sich hier zum Gast des Alten zu machen, fraß sich sofort in ihm fest. Hier würde ihn niemand kontrollieren, und er fragte: „Könnte ich wohl ein paar Tage bei dir bleiben?“

„Damit du Schlangen schießen kannst?“

„Es geht nicht um die Schlangen. Ich muss trainieren!“

Der Alte lächelte und meinte: „Ein Duell vielleicht?“ Er lachte. „Früher waren sie so verrückt und haben sich in Duellen gegenseitig umgebracht.“ Er kniff die Augen zusammen und sah Charly prüfend an. „Bist du vielleicht ein Texaner?“

„Das bin ich.“

„Also doch! Du willst dich mit einem schießen, nicht wahr? Und jetzt übst du, weil du schneller sein möchtest. Ihr seid Narren! Warum nur bringt ihr euch gegenseitig um? Wer ist der andere?“

„Später“, wertete Charly ab, „erzähl ich dir die ganze Geschichte, aber jetzt muss ich etwas essen. Ich habe Hunger.“

„Kannst du haben. Ich habe noch eingepökeltes Wild da. Und Chilibohnen sind auch schnell fertig. In einer Stunde könnten wir essen. Wenn du es so lange aushältst ...“ Charly hielt es solange aus. Als sie dann gemeinsam aßen und auch das Pferd versorgt war, begann Charly die ganze Geschichte zu erzählen. Er wusste selbst nicht, warum er es tat und dem Alten gegenüber solches Vertrauen entwickelte. Aber er mochte ihn wirklich. Und sein Misstrauen war völlig geschwunden.

Old Blue hörte zu. Mit dem Zuhören war er groß. Er, der Mann, der meistens alleine lebte, der selten Gelegenheit hatte, sich mit jemandem zu unterhalten, höchstens mit einem seiner beiden Maultiere.

Als Charly die ganze Geschichte beendet hatte, da meinte Old Blue: „Lefthand-Charly, du lässt dich in eine Sache ein, die dir nichts einbringen wird, aber die groß genug ist, um dich zu töten. Nimm dein Pferd und reite nach Texas zurück. Dewy ist nicht der Mann, der das zu verantworten hätte. Abgesehen davon ist er ein ganz gefährlicher Gegner. Aber du hast ihn nicht allein gegen dich. In der Stadt haben sie, wie du weißt, einen anderen Marshal, der vorläufig dort sein wird. Und gegen den ist Dewy noch ausgesprochen harmlos. Denn bei Allison hast du es nicht nur mit ihm allein zu tun. Sein Pferd ist eine Nummer für sich. So etwas müsstest du einmal erleben ... Aber du kennst ihn viel zu wenig. Und dann ist noch der Adler. Was weißt du von dem Adler?“

„Den kenne ich“, meinte Charly verbissen.

„Wenn du Dewy zum Gegner hast, und du hast ihn dir zum Gegner gewählt, dann hast du es auch mit Allison zu tun und gleichzeitig mit seinem Hengst und seinem Adler. Denke ja nicht, das wären nur Tiere. Es sind Waffen! Hast du verstanden? Richtige Waffen; so wie dein Revolver, mit dem du verdammt gut umgehen kannst, aber längst nicht so gut wie Dewy.“

„Verdammt noch mal, das weiß ich. Deswegen will ich ja üben.“

„Dann musst du noch eine ganze Weile üben. Aber gut, Dewy wird auch noch lange im Bett sein. Es hat ihn schwer erwischt. Bis er wieder auf den Beinen ist, so denke ich, hast du Zeit genug, um schnell zu sein. Ein paar Tage reichen dafür nicht!“

„Könnte ich denn länger hier bleiben?“

Der Alte nickte. „Von mir aus schon. Du musst nur mithelfen, dass wir genug zu essen haben. Es genügt nicht, dass du in der Gegend herumballerst. Du musst auch mit dem Gewehr schießen. Aber du hast kein Gewehr. Ich werde dir eins von meinen geben.“

Fitzgerald nickte nur, zog seinen Tabaksbeutel aus der Tasche und begann sich eine Zigarette zu rollen. Old Blue beobachtete ihn dabei, doch seine Gedanken waren ganz woanders.

Er darf nie dahinterkommen, wie sehr ich Dewy hasse! Er darf es nie erfahren! Das Schicksal hat mir diesen Burschen vor die Tür geschickt. Ich muss die Gelegenheit nutzen!

Fitzgerald blickte auf, sah forschend in das zerfurchte Gesicht des Alten, aber er konnte nichts von dem erraten, was Old Blue dachte.

Und während ihn Old Blue weiterhin mit ausdruckslosem Blick ansah, dachte er:

'Du kommst mir recht, mein Sohn. Du wirst mir helfen, eine alte Rechnung zu begleichen. Du Narr, der du dich in einem fairen Duell mit einem Marshal schießen willst. Aber gut so. Es ist wirklich ein Wink des Schicksals, den ich nicht übersehen darf.'

„Ich wünschte, Dewy wäre schon wieder auf den Beinen“, erklärte Lefthand-Charly, wie ihn Old Blue nur noch nannte.

„Das kannst du dir nicht wünschen, mein Freund“, widersprach Old Blue. „Du musst froh sein, wenn es noch eine ganze Weile dauert. Du bist wahnsinnig schnell mit dem Revolver. Du triffst auch, wie ich gesehen habe, aber gegen Dewy bist du eine Schnecke. Vor allen Dingen gegen einen Dewy, der wieder auf beiden Beinen steht.“

„Du redest genau wie Loom.“

„Loom ist ein Narr!“, erklärte der Alte. „Er war schon immer ein Narr, besessen von seiner Gier nach Geld. Das Einzige, was für ihn zählt. Er würde seine Mutter für Geld verkaufen und sich selbst dafür erschießen, vorausgesetzt man bietet ihm genug. Dieser Bursche ist nichts als eine Dirne, die sich verkauft. Für Geld tut er alles. Und er würde auch, wenn Dewy ihm seinen Hass abkaufen wollte, diesen Hass für Geld vergessen.“

Es war, als sei in Old Blues Augen ein Feuer getreten; das Feuer des Fanatismus, des Zorns.

Verblüfft sah Lefthand-Charly auf sein Gegenüber.

Gerade noch früh genug bemerkte der Alte seinen Ausrutscher. Sofort wirkte sein Gesicht wieder ausdruckslos, die Gestalt sank in sich zusammen, und er sagte fast müde: „Aber was soll’s. Mich geht’s alles nichts an.“

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939392
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542568
Schlagworte
texas mustang lefthand-charly

Autor

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Titel: TEXAS MUSTANG #29: Lefthand-Charly