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Grainger und der Todesengel

©2020 115 Seiten

Zusammenfassung


Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, seit Grainger die schöne und selbstbewusste Lehrerin Henrietta Majors lieben durfte, wünschte er sich ein Heim, eine liebende Frau und Kinder.
Dieser Wunsch erfüllt sich nicht, denn Frank Keegan ermordet Henrietta kaltblütig. Keegan befindet sich auf einen Rachefeldzug, und sein Ziel ist es, auch Grainger zu töten.

Leseprobe

Table of Contents

Grainger und der Todesengel

Copyright

1

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Grainger und der Todesengel

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, seit Grainger die schöne und selbstbewusste Lehrerin Henrietta Majors lieben durfte, wünschte er sich ein Heim, eine liebende Frau und Kinder.

Dieser Wunsch erfüllt sich nicht, denn Frank Keegan ermordet Henrietta kaltblütig. Keegan befindet sich auf einen Rachefeldzug, und sein Ziel ist es, auch Grainger zu töten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Sie saß rittlings auf ihm. Nackt und begehrenswert. Das blonde Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern und bedeckte die dunklen Spitzen ihrer vollen Brüste. Sie ließ ihr Becken kreisen. Ihr ganzer Körper geriet in Bewegung.

Hei, wie das wippte, bebte, zitterte und wogte!

Er bäumte sich unter ihr auf, als das Blut in seinen Lenden zu explodieren drohte, und fasste nach ihren prallen Brüsten.

Da übertönte metallisches Klicken eines Revolvers ihr lautes Stöhnen ...

 

 

2

Dragonfly war ein kleines, unscheinbares Nest.

Der Name passte. Wie eine fette Schmeißfliege saß der Ort zwischen den Hügeln, umgeben von dichten Wäldern, ausgedehnten Grasflächen und Feldern. Die Häuser waren verwittert. Man machte sich nicht die Mühe, die von Wind und Wetter strapazierten Bretter anzustreichen. Die Farbe würde ohnehin wieder abblättern.

Wahllos waren die Gebäude errichtet worden, ohne rechtes System. Zu beiden Seiten eines breiten, ausgefahrenen Weges, der nur mit viel gutem Willen als Straße bezeichnet werden konnte, lagen sie verstreut, als hätte sie ein Riese in längst vergangenen Tagen einfach aus seiner hohlen Hand über das Land gestreut.

Direkt an der Straße gab es den Happy Cowboy Saloon und einen General Store. Eine windschiefe Scheune mit angrenzendem Corral diente als Mietstall. Dann war da noch eine Wechselstation für die Postkutschenlinie, obwohl man sich unwillkürlich fragen musste, wieso dieses Nest überhaupt von einer Kutsche angefahren wurde.

Auf der Main Street waren nur wenige Menschen zu sehen. Die Bohlensteige waren teilweise zerbrochen, und die Passanten mussten auf die Fahrbahn treten. Während der Trockenzeit war das ja noch zumutbar, aber jetzt, nachdem es heftig geregnet hatte, versank man bis zu den Knöcheln im Schlamm.

Nicht weit vom Store entfernt kämpfte sich ein schwer beladenes Pferdefuhrwerk durch den Matsch. Der Fahrer, ein hagerer Farmer in speckigen, von breiten Trägem gehaltenen Hosen und einem verwaschenen Hemd ließ eine lange Fuhrmannspeitsche über die Rücken der Maultiere knallen.

»Wollt ihr euch wohl anstrengen, ihr sturen Zossen?!«, brüllte er.

Die Mulis hoben unwillig die Köpfe und legten sich mächtig ins Zeug, aber die Hinterräder des Wagens sanken noch tiefer in den Matsch.

»Himmeldonnerwetter!« Der Farmer schleuderte die Peitsche auf das Wagenbett und sprang notgedrungen vom Bock. Wasser spritzte zur Seite. Seine Stiefel und die Hosen waren mit Schlammspritzern bedeckt. Er kratzte sich den verschwitzten Nacken und betrachtete die eingesunkenen Räder. »Verflucht will ich sein, wenn ich das ganze Dreckszeug wieder ablade!«

»Probleme?«

Der Farmer drehte sich um.

»Blöde Frage, Mister. Sie sehen doch, dass ich bis zum Hals im Dreck stecke. Zumindest aber bis zu den Radnaben.«

Der Reiter hatte ein Bein über das Sattelhorn geschwungen und zog sein Rauchzeug aus der Tasche.

»Mit den Mulis werden Sie den Wagen kaum frei bekommen.«

»So schlau bin ich auch, Stranger.«

Der Fremde war dunkel gekleidet. Die Beine der schwarzen Levishose steckten in polierten, schwarzen Stiefeln. Er trug ein dunkelblaues Baumwollhemd mit zweireihig geknöpftem Brustbesatz, dazu eine schwarze, nietenverzierte Lederweste. Das Halstuch war ebenfalls blau, der flachkronige Stetson wiederum schwarz. Um die Schultern lag ein langes, pechschwarzes Cape, das wie ein Regenmantel wirkte. Dunkle Augen wachten unter dichten Brauen. An den Augenwinkeln hatten sich tiefe Falten in die Gesichtshaut gegraben. Die Nase war groß, lang und scharf gekrümmt. Hohe Wangenknochen verliehen dem sonnengebräunten Gesicht ein exotisches Aussehen. Die Lippen waren schmal und scharf gezeichnet.

Der Fremde schob den Glimmstängel in den Mund und warf dem Farmer seinen Tabaksbeutel zu. Dankbar bediente sich der hagere Bursche.

»Sie sollten Ochsen nehmen«, riet ihm der Fremde.

»Was will ich denn mit Rindviechern anfangen?«

»Die könnten Ihren Wagen aus dem Schlamm ziehen. Die Mulis schinden sich nur zu Tode.«

Der Farmer kratzte sich das stoppelige Kinn. Misstrauisch betrachtete er die Maultiere.

»Sie könnten recht haben, Mister. Ich werde gleich mal Otis Carver fragen. Der hat bestimmt ein paar starke Ochsen in seinem Stall stehen.«

Der Farmer winkte und stapfte durch den spritzenden Matsch.

»Einen Moment, Mister.« Der Hagere blieb wie angewurzelt stehen. »Betreibt Otis Carver den Mietstall?« Der Farmer nickte. »Wie lange schon?«

»Na ja, das dürften so achtzehn Monate sein. Eigentlich ist ja der alte Wally für die Viecher zuständig. Mr. Carver packt selten mit an. Er ist meistens in der Wechselstation oder im Saloon zu finden.«

»Wo steckt er jetzt?«

»Keine Ahnung. Ich versuche es bei Wally. Falls Mr. Carver bei ihm ist, spare ich mir die Sucherei.«

»Ich wünsche Ihnen Glück, Mister.« Der Fremde schnalzte mit der Zunge und lenkte seinen Rappen zum Saloon. Er verzichtete darauf, das Pferd am Hitchrack anzubinden. Er schwang sich direkt auf den Vorbau, ohne die aufgeweichte Straße zu betreten. Seine Sporen klirrten leise, als er durch die Pendeltüren in den dämmrigen Gastraum trat.

Es war kurz nach Mittag, und im Saloon herrschte Hochbetrieb. Offenbar verspürte keiner der Anwesenden rechte Lust, einer Arbeit nachzugehen.

Rasch taxierte der Fremde die Gäste. Es gab Männer, die ihre Revolver ziemlich tief geschnallt trugen. Einige Cowboys waren anwesend, die sich eine Pause gönnten. Zwischen dem Treppenaufgang zum Obergeschoss und dem missgestimmten Klavier saßen einige abgehalfterte, grell geschminkte Girls an einem Tisch. Sie wirkten gelangweilt. Der Klavierspieler hatte einen verbeulten Homburg auf seine Glatze gedrückt und zeigte, was er konnte. Leider war das nicht sehr viel. In der rechten Hälfte des Schankraumes hatten sich einige Pokerpartien zusammengefunden. An drei Tischen waren die Spiele mit unterschiedlich hohen Einsätzen im Gange.

Der Stranger trat an den Schanktisch, dessen polierte Oberfläche einige tiefe Kratzer aufwies. Über der Bar hing ein breiter Spiegel neben einem noch breiteren Gemälde, das eine nackte, dunkelhaarige Schönheit auf einem Diwan zeigte.

»Ein Bier.«

Der Keeper ließ den Gerstensaft in das Henkelglas rinnen und schob es über die Theke. Der dunkle Fremde fing es auf und trank in langen Zügen. Er hatte das Glas etwa zur Hälfte geleert, als die Türen aufschwangen und eine Horde lachender und grölender Burschen in den Raum drängte. Sie machten sich an der Theke breit.

Der Wirt sauste in eine Ecke der Bar, schnappte sich eine kleine Glocke und klingelte. Das schrille Klingeln hallte durch den Schankraum.

Die Gäste brachen in unbeschreiblichen Jubel aus. Gleich darauf verstand der Fremde, warum dem so war.

Sie erschien auf dem Treppenabsatz. Sie war das Juwel in einem Kohlehaufen. Das dichte, braune Haar, das im Schein des Kronleuchters rötlich schimmerte, trug sie hochgesteckt. Das Gesicht darunter war unwahrscheinlich schön. Die Augen waren leicht mandelförmig, die Wangen schmal und ausgeprägt. Die Nase war gerade, nicht übermäßig groß und fein geschwungen. Darunter lagen volle, rote, sinnliche Lippen.

Die Lady hob den Kopf. Ihr schlanker Hals lief in einem tiefen Dekolleté aus. Ihre festen, runden Brüste quollen förmlich aus dem Ausschnitt. Das enge Kleid umgab den Körper der Lady wie eine zweite Haut. Mit rauschenden Röcken kam sie die Treppe herab. Einen Augenblick herrschte atemlose Stille, dann brachen die Gäste in Begeisterungsstürme aus.

Die Schöne strich dem Klavierspieler über die Glatze, betrat eine kleine Bühne und wartete darauf, dass die Melodie erklang. Nach den ersten Takten ließ sie ihre Stimme hören, und selbst dem Fremden wanderte ein Schauer über den Rücken. Die rauchige, volle Stimme dieser Frau versprach den Zuhörern alles, obwohl sie nichts halten würde. Niemand würde sie berühren, aber alle waren total hingerissen von ihr und hätten ihr Leben für sie gegeben.

Der Fremde entfernte sich von der Bar und schob sich zwischen den Tischen hindurch. Der Gesang interessierte ihn nicht. Er baute sich neben einem Tisch auf, an dem vier Männer pokerten. Einer von ihnen war auffallend elegant gekleidet, die anderen trugen schlichte Tuchanzüge.

Die schlanken Finger des Eleganten spielten mit den Karten, ließen sie wirbeln, mischten den Stapel rasend schnell durch. Der Mann gab mit seinen Kunststückchen an, wohl auch, um die Mitspieler zu verunsichern. Er war schlank, dunkelhaarig, gut aussehend. Ein hämischer Zug lag um seine vollen Lippen, die von einem dünnen Bärtchen geziert wurden. Er fingerte eine dünne Zigarre aus einem Etui und steckte sich den Räucherbalken an.

»Ihre Einsätze, Gentlemen«, forderte er. Ihm gefiel es nicht, dass seine Mitspieler dem Geträller lauschten.

Dollarnoten und Jetons flatterten in die Mitte des Tisches. Der Elegante zog es vor, sein Geld in Form der bunten Chips einzusetzen. Er strich über die mit Goldstickereien besetzte Weste und lehnte sich zurück. Er war mit den Einsätzen und vor allem mit seinem Blatt mehr als zufrieden.

Ein gefaltetes Schriftstück fiel auf den Geldhaufen. Der Elegante hob den Blick und schaute zu dem schwarz gekleideten Fremden hin, der düster und drohend vor ihm stand.

»Bedaure, Mister, aber die Runde ist vollzählig. Sie müssen warten, bis ein Platz frei wird.«

»Otis Carver?«

Der Gambier faltete das Dokument auseinander. Sein eigenes Konterfei starrte ihm von einem Steckbrief entgegen.

»Dreitausend Dollar. Ist dieser Einsatz hoch genug?«

Carvers Adamsapfel zuckte. Seine Kehle war wie ausgetrocknet. Schweißtropfen glitzerten auf seiner hohen Stirn. Mit dem Zeigefinger lockerte er den Hemdkragen. Seine Hände zitterten leicht. Er versuchte, sich auf die Karten zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht.

Schließlich warf er die Karten auf den Tisch, stemmte sich aus dem Stuhl. Seine Hand sauste zu dem 44er Revolver mit den Horngriffschalen. Er hatte die Waffe noch nicht berührt, als er in die dunkle Mündung eines 44ers starrte. Der Fremde trat zu Carver, zog eine Patrone aus Carvers Gurt und stellte sie auf den Tisch.

Carvers Hand zuckte weg vom Colt, als habe er sich die Finger verbrannt. Er wich zurück und stieß gegen einige Tische. Er nickte seinen Männern zu, die sich sofort in seiner Nähe versammelten. Der Fremde hob das Bierglas zum Mund und betrachtete die Sängerin, die nun ein lustiges Liedchen trällerte, um die angespannte Atmosphäre, die ihr nicht entgangen war, aufzulockern.

Carver sah seine Chance, ergriff sie und zog!

Der Schuss bellte durch den Raum und ließ die Sängerin verstummen. Beißender Pulverdampf mischte sich mit dem Tabakrauch, der in der Luft hing. Carver wirbelte herum, stolperte gegen den Tresen. Sein Revolver polterte auf die Theke. Verzweifelt streckte er die Hand aus, um die Waffe noch mal zu ergreifen, doch seine Kräfte schwanden. Ein Beben ging durch seinen Körper. Er sackte zusammen und starb, gegen den Schanktisch gelehnt.

Carvers Kumpane standen leicht geduckt, bereit zu ziehen, unterließen es jedoch. Ein Blick in das ernste Gesicht des Fremden und auf den rauchenden 44er, den er tief an der Hüfte im Anschlag hielt, genügte.

Der Fremde ersetzte die verschossene Munition durch die Patrone aus Carvers Gürtel, schob den Steckbrief in die Tasche und trat zu dem Toten.

»Wer ist für die Auszahlung der Prämie zuständig?«, fragte er ruhig.

»Der Bürgermeister«, antwortete einer der Pokerspieler. »Er ist so was wie Richter, Sheriff und Bankier in einer Person.«

»Wo finde ich ihn?«

»Das Haus links neben dem Store.«

Der Fremde packte den Toten am Kragen und schleifte ihn zur Tür.

»Sein Einsatz war zu hoch, Gentlemen«, sagte er ruhig. »Suchen Sie sich einen neuen Partner. Aber einen, der nicht so hoch verliert.«

»Und wo kriege ich jetzt meine Ochsen her?«, wollte der hagere Farmer wissen, der eben den Saloon betreten wollte und erschrocken auf den toten Otis Carver starrte.

Niemand verriet es ihm.

 

 

3

Grainger schob den Hut in den Nacken und wischte sich mit dem Jackenärmel den Schweiß von der Stirn. Es war schwül, und bald würde es wieder zu regnen anfangen.

In der aufgeweichten, von unzähligen Hufen zerwühlten Erde sah der schiefe Pfahl mit dem grob gezimmerten Ortsschild, auf dem in krakeliger Schrift der Ortsname stand, wie ein mahnendes Grabkreuz aus.

Wer ist bloß auf die Schnapsidee gekommen, das Nest Schmeißfliege zu nennen?, wunderte sich Grainger. Komischer Name für eine Stadt. Na, solange ich ein sauberes Bett kriege, kann es von mir aus heißen, wie es will.

Er drückte dem Fuchswallach die Absätze in die Weichen. Und langsam trottete der in den Ort.

Ein Hotel gab es nicht, also musste er wohl im Saloon absteigen. Obwohl seine Kleidung und die Stiefel von dem langen Ritt staubig waren, vermied er es doch, auf der schlammigen Straße aus dem Sattel zu steigen. Er kletterte auf den Hitchrack und sprang von dort auf den Vorbau.

Im Schankraum war es ungewöhnlich still, obwohl er gut besucht war. Der Klavierspieler bearbeitete lustlos die Tasten seines Instruments. Die Saloongirls hatten Grainger, den großen Mann, längst entdeckt. An der Theke standen einige Hombres, die Grainger auf den ersten Blick richtig einstufte. Es schien ihm, als schleppten sie ihre Kanonen nicht nur zum Spass mit sich rum.

»Ein Bier«, bestellte er beim Keeper, der nicht darauf erpicht zu sein schien, Geld zu verdienen.

»Hat der andere auch verlangt«, raunte ein Cowboy. »Und dann hat’s gekracht.«

Grainger betrachtete das Gemälde über der Bar. Im Spiegel, der daneben hing, hatte er überraschenderweise eine Frau gesehen, die der Lady auf dem Bild glich wie ein Ei dem anderen. Sie saß einsam an einem Tisch neben dem Klavier, eine Flasche Sherry vor sich. Sie wirkte bedrückt. Ihre schlanken Finger spielten mit dem Glas, in dem die rotbraune Flüssigkeit funkelte.

Grainger merkte beim Näherkommen, dass der Künstler ihre Schönheit nicht vollständig eingefangen hatte. Ihr Anblick faszinierte den großen Mann.

»Sie gestatten?« Er setzte sich ihr gegenüber, ohne ihre Erlaubnis abzuwarten.

Sie würdigte ihn keines Blickes. »Ich möchte allein sein.«

»So schlimm?«

»Ich bin es gewohnt, dass meine Wünsche respektiert werden, Mister.«

»Was bedrückt Sie, Lady?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Sie können mir vertrauen. Sie sollten darüber reden, dann fühlen Sie sich gleich besser.«

»Wenn ich beichten will, suche ich mir einen Prediger.«

»Ich ertrage es nun mal nicht, wenn schöne Frauen mit Leichenbittermiene rumsitzen und glauben, sie müssten das Leid der Welt auf ihren zarten Schultern herumtragen.«

»Sie haben ja keine Ahnung, Mister.«

»Eben. Deshalb sollen Sie mich ja aufklären.«

»Hat Ihre Mutter das bei Ihnen versäumt?«

»Wenn es so wäre, könnte das niemand besser nachholen, als Sie. Also, was ist los?«

Sie schüttelte stumm den Kopf. Er betrachtete sie lange über den Rand seines Glases hinweg. Ihre Lippen begannen zu beben. Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Hat Sie ein Kerl sitzenlassen?«

»Blödsinn! Das passiert immer nur anderen.«

»Lady, Sie machen es einem nicht gerade leicht.« Grainger ging zu dem Klavierspieler hinüber, nahm ihm den Homburg ab, beugte sich zu ihm nieder und flüsterte mit ihm. Dabei ließ er ein paar Münzen in den Hut fallen. Wenig später kehrte er zu der Sängerin zurück und setzte sich. »Hat er ihnen viel bedeutet?«

Sie tadelte den Klavierspieler mit scharfen Blicken. Der Glatzkopf zog die Schultern hoch und beschleunigte sein Geklimper.

»Ich kannte ihn nicht mal.«

»Weshalb weinen Sie dann um ihn?«

Sie schniefte und leerte ihr Glas auf einen Zug.

»Ich bringe den Tod, Mister. Verschwinden Sie, bevor es auch Sie erwischt! Überall, wo ich mich aufhalte, stirbt jemand. Der Tod ist mein ständiger Begleiter, verstehen Sie?« Mit zitternder Hand füllte sie ihr Glas bis zum Rand. Sie wollte es heben, vergoss jedoch den Sherry. »Oh, verdammt!«, fluchte sie, verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte.

»Sie bilden sich das bestimmt nur ein, Ma’am.«

»In Frisco starben fünf Männer in dem Saloon, in dem ich auftrat. Ich ging nach Virginia City, von dort runter in den Süden. Waco, Santa Fe. Den großen Städten folgten kleinere. Irgendwann bin ich in diesem gottverfluchten Nest gelandet und dachte, ich könnte noch mal von vorne anfangen. Ich habe mich getäuscht, Mister! Sogar hier hat mich der Tod gefunden.«

Grainger ergriff ihre Hand. »Das sind nur Zufälle ...«

»Am Ende wollen Sie mir einreden, dass ich mir das alles nur einbilde, was? Vielleicht steht der Tote bald auf, spaziert putzmunter hier rein und bestellt einen Brandy. Ach, lassen Sie mich in Ruhe, Mister!«

»Wie ist es passiert?«

»Ein Kopfgeldjäger hat ihn abgeknallt. Während ich gesungen habe!«

»Wenn Sie nur halb so gut singen wie Sie aussehen, Lady, hätte ihn selbst Engelsgesang nicht schöner ins Jenseits begleiten können.«

»Behalten Sie Ihren schwarzen Humor für sich.«

»Kennen Sie einen gewissen Otis Carver?«, wechselte Grainger das Thema.

Es war, als habe er der Rothaarigen Schmerzen zugefügt. Sie bekam einen Weinkrampf.

»Was haben Sie denn mit der Lady angestellt, Mister?«, fauchte einer der Hombres vom schnellen Eisen. »Wir schätzen es gar nicht, wenn man Miss Largo zu nahe tritt.«

»Halten Sie sich raus, Hombre, das geht nur die Lady und mich etwas an.«

Der Bursche ließ sich nicht abwimmeln.

»Es genügt, dass hier schon mal jemand ’ne große Lippe riskiert hat, Mister. Ihr Fremden kommt hierher und führt euch auf, als gehöre euch nicht nur die Stadt, sondern das ganze Land dazu. Ihr meint wohl, ihr könnt euch alles erlauben. Erst legt ihr Otis um, und jetzt belästigt ihr auch noch Miss Largo. Wird Zeit, dass man euch Manieren beibringt.«

Grainger verdrehte genervt die Augen. Er wollte weder Aufsehen erregen, noch sich mit diesen Burschen schießen. Aber der Hombre ließ sich wohl kaum beschwichtigen.

»Hombre, ich bin verdammt lange geritten und müde. Ich hab nicht die geringste Lust, mich mit Ihnen zu prügeln. Ich will nur in Ruhe mein Bier trinken und einen Platz zum Schlafen.«

»Den kannst du kriegen, Mister. Sechs Fuß unter der Erde. Direkt neben Otis. Da stört dich niemand!« Und dann wollte er loslegen ...

Die Männer, die rings um ihn standen, verzogen sich. Sie wollten nicht von umherschwirrenden Kugeln getroffen werden.

Graingers Glas segelte durch die Luft und traf den Revolvermann im Gesicht. Es zersplitterte nicht, aber es schlug dem Burschen zwei Zähne aus, ließ seine Lippe aufplatzen und übergoss sein Gesicht mit Bier. Der Bursche fluchte zwischen den abgebrochenen Beißern hervor. Jede Silbe wurde von leisem Pfeifen begleitet. Seine Hand klatschte auf den Revolvergriff. Er brachte die Waffe auch halb aus dem Leder, ehe er durch andauerndes Blinzeln seinen Blick klarte und bemerkte, dass Grainger seinen Remington längst auf ihn gerichtet hatte. Fassungslos starrte er in die drohende Mündung des 38ers.

»Noch Wünsche?« Der Bursche schüttelte den Kopf. »Schnall ab und verschwinde!«

Der Hombre drehte sich um, nestelte an seinem Revolvergurt herum, schleuderte ihn im Herumsausen auf Grainger und stürzte sich fäusteschwingend auf den großen Mann. Doch der saß nicht mehr am Tisch. Grainger hatte sich nach hinten kippen lassen, lag auf dem Rücken und trat mit beiden Füßen zu. Die Absätze seiner Stiefel trafen den Angreifer unterhalb der Kniescheiben. Der Getretene jaulte laut auf. Seine Beine gaben nach. Er fiel auf die Knie, wollte sich wieder erheben, schaffte es jedoch nicht.

»Ich hatte dich gewarnt, Hombre.«

»Aber mit den Fäusten hättest du keine Chance«, nuschelte der gekränkte Bursche.

»Nicht?«

Grainger ging vor ihm in die Hocke. Seine stahlblauen Augen hielten den Blick des Mannes gefangen. Sein ernster Mund verzog sich langsam zu einem freundlichen Lächeln. Er senkte den Blick. Der Bursche folgte ihm, sah Graingers Hand, die sich zur Faust ballte.

Und im nächsten Moment - Sterne!

Graingers Schlag riss den Burschen in die Höhe, nach hinten und ließ ihn gegen einen Stützbalken prallen. Der Hombre bewegte die Lippen, brachte aber keinen Ton mehr heraus. Er sackte zusammen, schlug schwer auf das Klavier und rutschte daran entlang zu Boden.

Grainger nahm wieder Platz.

»Danke«, hauchte die Sängerin. »Ich hatte schon befürchtet, es würde noch einen Toten geben.«

»Er wollte sich nur abreagieren.«

»Der Kopfgeldjäger hätte sicherlich geschossen.«

»Kennen Sie seinen Namen?« Sie schüttelte den Kopf. »Wo hat er die Prämie kassiert?«

»Beim Bürgermeister.«

Grainger goss ihr einen weiteren Sherry ein.

»Ich werde mich mit dem Vater dieser beschaulichen Stadt mal eben unterhalten. Laufen Sie nicht weg! Ich bin gleich zurück.«

»Ich verspreche nichts.«

Grainger war schon halb an der Tür, kam aber zurück.

»Wie heißen Sie eigentlich?«

Sie hob eine Augenbraue. »Sie haben noch nie von mir gehört?«

»Tut mir leid, ich bin zu selten im Paradies, um alle Engel zu kennen.«

»Felicia Largo.«

»Und Sie wohnen hier im Saloon?«

Sie nickte, und zum ersten Mal hellte sich ihr Gesicht auf.

Grainger tippte an die Hutkrempe und verließ raschen Fußes den Schankraum. Er stellte den Fuchs im Mietstall unter und bezahlte für zwei Tage im Voraus. Nachdem er Felicia Largo getroffen hatte und Otis Carver ohnehin tot war, brannte ihm die Zeit nicht mehr unter den Nägeln. Grainger ließ sich das Haus des Bürgermeisters beschreiben und wollte eben an die Tür klopfen, als ihm das Fuhrwerk auffiel, das mit den Hinterrädern im Schlamm steckte. Der hagere Farmer mühte sich ab, die Räder freizuschaufeln.

»Sie sollten es mit Ochsen versuchen«, riet ihm Grainger.

»Verbindlichsten Dank.« Der Farmer unterbrach seine Tätigkeit und wischte sich über das gerötete, verschwitzte Gesicht. »Das hat der andere Fremde auch gesagt. Nur, dann hat er den einzigen Mann, von dem ich die Rindviecher hätte kriegen können, abgeknallt.«

»Waren Sie dabei?«, wollte Grainger wissen und warf sich im nächsten Atemzug flach auf den Bohlensteig. Der Instinkt des Kämpfers hatte ihm das Leben gerettet. Das war ihm sofort klar, als eine Kugel dicht vor seinem Gesicht vorüberzischte und sich in die Haustür bohrte. Das Belfern des Schusses klang scharf und trocken.

Der Farmer blickte sich aufmerksam um.

»Wer ballert denn jetzt schon wieder?«

»Runter und Klappe halten!«, zischte Grainger. Sein Befehl wurde von einem weiteren Schuss bekräftigt. Das Projektil sauste über das Fuhrwerk hinweg, verfehlte den Farmer nur knapp und zertrümmerte eine Fensterscheibe.

»Was, zum Donnerwetter, ist denn nun wieder los?«, ließ sich der Bürgermeister vernehmen. Er riss die Haustür auf und stülpte sich einen hochkronigen Hut auf das schüttere Haupt. »Sonst wird hier doch immer nur nachts geballert!«

Grainger schnellte hoch, drückte den feisten Burschen ins Haus zurück und zog die Tür zu. Mit einem pantherartigen Satz sprang er in die Deckung des Fuhrwerks und rutschte aus. Sein Sprung kam keine Sekunde zu spät. Zwei Schüsse stanzten große Löcher in die Hauswand.

Grainger fluchte, als er flach im Morast lag.

»Wenn ich die Kanaille erwische, schleife ich sie im Dreck quer durch die Stadt«, brummte er. Er glitt zum vorderen Ende des Wagens, hielt den Remington schussbereit in der Hand.

»Das ist eine Unverschämtheit!«, brüllte der Bürgermeister und streckte seinen Kopf zum Fenster hinaus. »Ich verlange, dass ihr euch anderswo schießt! Meine Frau wird mir den Kopf abreißen, wenn Sie sieht, was ihr hier anrichtet.«

Grainger sah es in einer dunklen Nische aufblitzen und zog den Stecher durch. Rasend schnell jagte er seine Kugeln zu dem Mündungslicht hinüber, warf sich aus der Deckung und hetzte über die Straße. Die dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten. Sie war da. Unheimlich, schwarz, bleich. Das Gesicht war unter dem dunklen Hut nicht zu erkennen. Ein schwarzes Cape verdeckte die Gestalt fast zur Gänze. Nur der langläufige 44er, den der Killer in der Rechten hielt, glänzte matt.

Grainger hob den Revolver, wurde jedoch von Kugeln eingedeckt. Wieder war es ein Glück für ihn, dass es geregnet hatte, denn er trat fehl und rutschte erneut aus. In hohem Bogen klatschte er in den Dreck, und das rettete ihm wieder das Leben.

Haarscharf zuckten die Kugeln des Killers über ihn hinweg. Er rollte herum und blieb liegen. Der Vermummte verschwand in der Gasse. Gleich darauf preschte er auf einem Rappen hervor, jagte die Straße entlang zum Ortsausgang.

Völlig verdreckt stand Grainger in der Straße und starrte dem Killer nach, der ihn um ein Haar erledigt hatte. Mit einem Mal wusste er, dass er ein gewaltiges Problem hatte.

Nur einer freute sich.

»Mister, sehen Sie nur. Die Mulis haben es geschafft. Mein Wagen ist frei!«, schrie der Farmer und vollführte einen Freudentanz. Die Maultiere hatten sich an den Kugeln, die Grainger gegolten hatten, derart erschreckt, dass sie unwahrscheinliche Kräfte entwickelt hatten.

»Des einen Leid ist des anderen Freud«, murmelte Grainger und stapfte zum Haus des Bürgermeisters. Er hatte einige wichtige Fragen, und ihm war es gleichgültig, ob die Gattin des feisten Stadtvaters einen Anfall bekam, weil er ihr den Dreck ins Haus trug.

Als er das Haus betrat, trieb der glückliche Farmer das Gespann an. Der Wagen schlitterte wenige Yards weit, bevor die Räder erneut im Schlamm versanken. Und diesmal bis weit über die Naben.

 

 

4

»Neeiinn!!« Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf. Er dachte an das nackte, blonde Girl, dessen grässlichen Tod er vor Augen hatte. Er dachte daran, wie alles angefangen hatte. An den unheimlichen Killer, die ihm wie der leibhaftige Tod erschienen war. An die wunderschöne Felicia ...

Der engelsgleiche Gesang drang an sein Ohr. Er öffnete die Augen. Das grelle Licht schmerzte ihn. Verschwommen sah er ihre Gestalt. Sie stand neben dem Fenster, an eine Kommode gelehnt, und sang. Sie war nackt. Viel schöner, als er sie von dem Gemälde im Saloon in Erinnerung hatte. Dort hatte er zwar auch nur ihre Kehrseite gesehen, aber hier präsentierte sie sich ihm noch wohlgeformter, noch makelloser.

Dreh dich um, mein Engel!, bat er in Gedanken.

Der Schmerz in seinem Kopf pochte und raubte ihm schier die Besinnung. Es war, als würde eine Horde Arbeiter Schienen für eine neue Bahnlinie in seinem Schädel verlegen und mit ihren Vorschlaghämmern immer auf die gleiche Stelle schmettern.

Der Engel tat ihm den Gefallen nicht. Er blieb am Fenster stehen und gönnte ihm nur die wunderbare Rückansicht.

Grainger streckte dem bezaubernden Geschöpf die Arme entgegen, richtete sich unter unsäglichen Schmerzen auf, und sie drehte sich tatsächlich um.

Ihr Körper war in ein grelles Gleißen gehüllt, einen Schein, der sie wie ein Gewand aus Silberfäden umgab. Er konnte noch einen winzigen Blick auf die festen Brüste mit den knospigen, dunklen Spitzen erhaschen, bevor er zurücksank und sich die vergangenen Ereignisse vor seinem geistigen Auge abspulten.

Henrietta Majors war Lehrerin. Sie leitete die Schule in Woodsborough, West Virginia. Dorthin hatte man Grainger beordert. Nach mehrtägiger Bahnfahrt war er in Woodsborough angekommen und hatte sich im Hotel einquartiert. Mit gemischten Gefühlen hatte er den Schulhof überquert, auf dem einige Kinder spielten und lärmten. Sie hatten ihn mit großen Augen angestarrt. Selten verirrte sich ein Fremder in die Schule, und noch seltener trug er einen Revolver.

Grainger hatte eine verschrobene, ältere Dame erwartet, die ihr ergrauendes Haar im Nacken verknotet hatte und andauernd mit einem Rohrstock vor seiner Nase herumfuchtelte.

Er öffnete die Tür des einzigen Klassenzimmers, streckte den Kopf in den Raum und sah eine Frau am Schreibtisch vor der Tafel sitzen.

»Verzeihung, Ma’am, ich suche Miss Majors. Henrietta Majors.«

»Ihre Suche ist beendet, Mr, Grainger. Treten Sie ein!«

Sie kam ihm entgegen. Sie war Anfang dreißig und ein rassiger Typ. Das brünette, mit leichten silbrigen Strähnen durchsetzte Haar hatte sie so zusammengesteckt, dass ein Teil der Haarflut weit in ihren Rücken fiel, die schmalen Schultern jedoch frei blieben. Sie trug eine weiße, rüschenbesetzte, hochgeschlossene Bluse, die ihre kleinen, festen Brüste betonte. Ein langer, schwarzer Samtrock fiel bis zu den Knöcheln.

Aber nicht nur die Figur mit der Wespentaille machte diese Frau begehrenswert, sondern auch ihr Gesicht. Es war schmal, mit leichten Grübchen in den Mundwinkeln. Die Lippen waren voll und wie geschaffen, um leidenschaftlich geküsst zu werden. Die Nase war schmal und gerade, die braunen Augen blickten aufrichtig und hell, die Brauen waren dünn und scharf gezeichnet.

Grainger konnte nicht anders. Er begehrte diese Frau vom ersten Augenblick, als er sie sah. Er zerrte den Hut vom Kopf, warf ihn auf den Tisch, schloss Henrietta Majors in die Arme und küsste sie. Ihre vollen, warmen und weichen Lippen wehrten sich nicht. Sie erwiderte seinen Kuss. Seine Zunge ging auf Wanderschaft, erforschte ihren Mund. Er streichelte ihren Nacken, ließ seine Hände abwärts gleiten, bedeckte eine Brust.

Endlich löste er sich von ihr.

»Sind Sie fertig?« Sie begegnete ihm weder kühl noch abweisend. Es war vielmehr ein vorsichtiges Abwägen. Einerseits wollte sie verhindern, dass er erneut über sie herfiel und sich nahm, wonach er verlangte. Andererseits war es der geheime Wunsch, dass er genau dies tun möge.

»Verzeihung, Ma’am.«

»Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen.«

»Ich habe keinen Grund zur Beschwerde, Ma’am.«

Die Lehrerin trat ans Fenster und beobachtete die Kinder.

»Ich wäre Ihnen dankbar, Mr. Grainger, wenn Sie Ihren Revolver ablegen würden. Ich halte es für keine gute Idee, mit einer Waffe vor den Kindern herumzulaufen.«

»Äh, jawohl, Ma’am. Gerne.« Er schnallte den Gurt ab und legte ihn auf den Tisch.

»Werden uns die Kinder nicht stören?«

»Sie werden draußen spielen, bis ich die Glocke läute. Nehmen Sie Platz!«

Er setzte sich auf eine Bank und legte die Beine auf das Pult, nahm sie aber sofort wieder herunter, als er ihren tadelnden Blick bemerkte.

»Ich hatte Sie früher erwartet, Mr. Grainger.«

»Lassen Sie den Mister weg, Ma’am.«

»Nun, jedenfalls sind Sie hier. Kommen wir gleich zur Sache, damit ich mit dem Unterricht fortfahren kann.«

»Wie lange arbeiten Sie schon für Washington?«

Henrietta Majors hob eine Augenbraue.

»Sie sind sehr neugierig, Mr. Grainger. Ich bringe meinen Schülern immer bei, dass Neugier schädlich ist.«

»Manchmal kann sie auch nützlich sein.«

»Kennen Sie einen Gewissen Frank Keegan?«

»Meine Frage ist zuerst dran.«

Sie schmunzelte. »Einige Jahre. Ich habe die Arbeit von meinem verstorbenen Mann übernommen. Also?«

»Nein.«

»Mr. Grainger, so kommen wir nicht weiter. Ich habe Ihre Frage beantwortet, und jetzt werden Sie ...«

»Nie von ihm gehört.«

»Nun, ich fürchte, das wird sich bald ändern.«

»Ich würde mich viel lieber eingehend mit Ihnen befassen, Henrietta.«

»Mr. Keegan verdient seinen Lebensunterhalt damit, dass er Verbrecher aufspürt und sie der gerechten Strafe zuführt.«

»Er ist Kopfgeldjäger und legt sie um, wenn er sie gefunden hat.«

»Ich wollte es nicht so primitiv ausdrücken, aber Mr. Keegan übt tatsächlich diese barbarische Tätigkeit aus.«

»Jemand muss es ja tun.« Grainger zog sein Rauchzeug aus der Tasche.

»Ich verurteile auf das Schärfste, dass es Männer gibt, die im Namen des Gesetzes töten und sich auch noch dafür bezahlen lassen. Wenn Sie so freundlich wären, Mr. Grainger, und in diesem Raum nicht rauchen würden, wäre ich Ihnen sehr verbunden.«

Grainger drückte den Glimmstängel aus.

Details

Seiten
115
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939385
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
grainger todesengel

Autor

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Titel: Grainger und der Todesengel