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TEXAS WOLF #47: Die Spur des Vollstreckers

2020 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Spur des Vollstreckers

Copyright

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Die Spur des Vollstreckers

TEXAS WOLF Band 47

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

In Camp Wood herrschen Chick Rutledge und seine Bande von Banditen und Halsabschneidern uneingeschränkt und sind zu jeder Gewalttat bereit. Auch werden Mädchen entführt, um in seinem Bordell zu arbeiten. Die Brutalität, mit der die Rutledge Bande vorgeht, ist für den Texas Ranger Tom Cadburn erschreckend, aber er darf als Mann des Gesetzes nicht einschreiten, weil er seinen Auftrag, für den er hier ist, nicht verraten darf … Sein treuer Schwarztimber Sam, ein Halbwolf, hält ihm den Rücken frei – was in Rutledges Stadt überlebensnotwendig ist ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Werner Oeckl

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Er hatte schon eine Menge gesehen und erlebt. Er hatte mehr als tausend Kämpfe bestanden, vertrug viel und war nicht zimperlich. Und er war stets des Glaubens gewesen, alles zu kennen, was grausam war, gemein und brutal. Er hatte sich geirrt. Es gab mehr als das, was er kannte und von dem er wusste. Was sich jetzt vor seinen Augen abspielte, war von besonderer Grausamkeit, Gemeinheit und Brutalität eine endlos hingezogene Folter und blutige Quälerei.

Drei Männer gegen einen.

Allein das war schon nicht mehr sauber und fair. Cadburn holte tief Luft und kniff die Lippen zusammen. Sein Mund war nun nur noch ein dünner Strich. Die harten Linien in seinem braungebrannten Gesicht traten deutlicher und schärfer hervor.

Was er sah, ekelte ihn an und trieb Zorn in ihm hoch. Doch erst jetzt als es beinahe zu Ende war begriff er, um was es bei dieser Sache in Wirklichkeit ging. Das war kein Kampf mehr, sondern eine erbarmungslose, sadistische Exekution.

Es waren drei Männer, die das Hinrichtungskommando bildeten.

Sie hießen Cole Harrah, Otis Shelton und Bull Wayne.

Außer in dieser Stadt hingen ihre Steckbriefe überall in jedem texanischen Nest. Cadburn hatte sie oft genug gesehen, bevor er nach Camp Wood gekommen war. Jede Einzelheit hatte sich ihm tief und fest eingeprägt.

Zuerst starrte er zu Harrah hinüber.

Harrah war ein geschmeidiger, langbeiniger Mann mit einem schmalen Gesicht. Er hatte hohle Wangen und wirres, rostrotes Haar, das ihm strähnig in den Nacken hing. Er zeigte ein permanentes Lächeln, das jedoch wie eingefroren wirkte und weder seine fanatisch glänzenden Augen noch seinen dünnlippigen Mund erreichte. Seine Hände waren sehnig, schmal und lang.

Mörderhände, dachte Cadburn und blickte von Harrah zu Shelton.

Shelton war groß, breitschultrig und grobknochig. Er hatte eine lange, fleischige Nase und eine weit vorspringende Oberlippe. Darunter waren breite gelbe Zähne zu sehen; Sheltons Gesicht bekam dadurch etwas vom Ausdruck eines verdrossenen Schafbocks mit. Schwere blaugeäderte Lider fielen tief über seine dunklen Augen und verbargen sie fast.

Cadburns Blick wanderte weiter zu Wayne.

Wayne war stämmig und gedrungen beinahe ebenso breit wie hoch. Sein aggressiv vorgerecktes Kinn wirkte wie ein Rammbock und sein Nacken wie der eines Brasada Stiers. Er hatte Hände wie Schaufeln, und seine Muskeln und Sehnen lagen wie dicke, gewundene Seile dicht unter seiner Haut. Er befand sich in steter Bewegung und war von einer gefährlichen Rastlosigkeit.

Cadburn sah auch ihn hier in Camp Wood zum ersten Mal. Seinen Namen hatte er eigentlich nur durch Zufall erfahren, als dicht neben ihm jemand sagte: „Jetzt machen Rutledges Geier Dan Rinehart fertig. Passt auf, wie er es bekommt.“

Rinehart stand mit hängenden Schultern da.

Er zeigte der Stadt ein von blutigen Furchen durchzogenes Gesicht ein Mann, der dabei war, die Grenze zwischen Leben und Tod zu überschreiten. Der Schock einer heftigen Angst und eine wilde Verzweiflung hatten ihn gezeichnet. Trotzdem brach er nicht zusammen und deshalb bewunderte Cadburn ihn irgendwie.

Denn Rinehart war am Ende. Er mochte sein, wer er wollte gegen Harrah, Shelton und Wayne hatte er nicht einmal den Schimmer einer Chance. Selbst wenn er alle Tricks beherrschte, kam er gegen sie nicht mehr an. Er lebte nur noch, weil sie es so wollten und wenn sie es anders wollten, starb er im gleichen Moment.

Cadburn sah ihn an und erkannte, dass Rinehart das wusste.

Er dachte daran, dass es eigentlich seine Aufgabe war, dem Mann zu helfen. Er war Texas Ranger und durfte nicht tatenlos zusehen, wie ein Mann im Angesicht einer ganzen Stadt umgebracht wurde. Allerdings hatte er auch einen Auftrag und den strikten Befehl, alles zu vermeiden, was diesen Auftrag gefährdete.

Das band ihm die Hände.

Es war hart, das zu erkennen und zum Nichtstun und Zusehen verdammt zu sein. Cadburn presste die Lippen noch fester aufeinander und spürte, wie ihm ein dicker Kloß in die Kehle stieg.

Eine kurze Bewegung Harrahs erregte seine Aufmerksamkeit. Er wandte den Blick von Rinehart zu Harrah, der seine fünfundzwanzig Fuß lange Rohhautpeitsche vor sich auf dem Boden auslegte. Cadburn hielt unwillkürlich den Atem an und spürte gleichzeitig, dass jeder Mann in seiner Nähe das Gleiche tat.

Cole Harrahs Bewegung konnte nur bedeuten, dass er, Otis Shelton und Bull Wayne ihre Entscheidung über Rinehart getroffen hatten. Was geschehen sollte, geschah jetzt! Dieser Spruch stand deutlich in ihren dunklen Gesichtern.

Für Dan Rinehart brachen damit die letzten Minuten an.

 

 

2

Alle hatten ihre langen Peitschen in der Hand, nicht nur Harrah, Shelton und Wayne auch Rinehart. Was allerdings aussah wie eine einmalig faire Chance für ihn, war im Grunde nicht mehr als blutiger Hohn. Sein Kampf war bereits verloren gewesen, noch ehe er begonnen hatte.

Trotzdem setzte er noch einmal alles auf eine Karte. Sein Lebenswille stachelte seinen Widerstand an. Mit einem wilden Schrei schwang er den kurzen Peitschenstiel zurück und schleuderte den geflochtenen Rohhautriemen hinter sich in die Luft Die Peitsche knallte wie ein Fünfundvierziger, und sein Unterarm schnellte nach vorn.

Es war umsonst. Harrah war schneller.

Ohne den Peitschenstiel nach hinten zum Ausholen zu schwingen, warf Harrah mit einer ruckartigen Bewegung die Hand hoch. Seine Peitsche flog vom Boden empor und traf die Rineharts mitten in der Luft. Sie hielt sie auf und drehte sich in zahlreichen Windungen um sie herum. Rinehart war wehrlos.

„Jetzt ihr!“, sagte Harrah mit zwei kurzen Seitenblicken zu Shelton und Wayne und lachte. „Los!“

Rinehart riss und zerrte an seinem Peitschenstock, bekam jedoch seine Schnur nicht frei. In seinem verzweifelten Bemühen achtete er sekundenlang nicht auf Shelton und Wayne. Er hatte nur Augen für Harrah, und so traf Shelton ihn vollkommen ungedeckt.

Shelton hatte seinen Peitschenstock quer vor den Körper genommen. Dann war er zu einer Reihe böser, ruckartiger Bewegungen übergegangen, die sich auf die Schnur übertrugen. Das mit einem Stück Blei beschwerte Peitschenende krachte wie ein explodierendes Geschoss mitten in Rineharts Gesicht.

Rinehart schrie auf wie ein Tier. Seine Nase war zerschmettert, und Blut rann über sein Kinn. Sein Brüllen übertönte sekundenlang Sheltons gehässiges Triumphgeschrei.

„Lass ihn niederknien und beten, Bull!“, schrie Shelton. „Er soll sein letztes Gebet im Knien sprechen, sage ich.“

Wayne nickte grinsend, und seine Peitsche zischte vor.

Sie wand sich um Rineharts Beine und warf ihn um. Rinehart kam auf die Knie zu liegen. Selbst aus dieser Stellung versuchte er noch einmal mit seiner Peitsche einzugreifen doch Harrah riss an seinem eigenen Stock und warf Rinehart vollends um.

Harrah sah sich um und sagte laut: „Hört alle her, die ihr hier zuseht! So bestraft Chick Rutledge jeden Mann, der sich gegen ihn stellt. Lasst euch das eine Warnung sein!“

Niemand sagte etwas. Die Männer, die den Exekutionsplatz umstanden, blickten starr an Harrah vorbei.

Tom Cadburn schluckte.

Harrahs Worte hatten ihm unfreiwillig etwas enthüllt. Er hatte immer gewusst, dass dieses Camp Wood ein Höllennest war von einem Mann beherrscht, der Chick Rutledge hieß. Nun wusste er auch, dass es Widerstand gegen Rutledge und seine Banditencrew gab. Das war mehr, als er erwartet hatte und stärkte seine Zuversicht.

Rinehart allerdings half das nichts mehr. Für ihn ging es jetzt immer rascher dem Ende zu.

Er war wieder auf die Knie gekommen. So sah er Shelton entgegen, der gerade seinen Peitschenstock zurück über die Schulter nahm und ein paar Schritte nach vorn tat. Sheltons Peitsche traf Rinehart am Kopf und warf ihn zum zweiten Mal aufs Gesicht. Er versuchte sich wegzurollen, kam aber nicht weit.

Nun folgten sie ihm zu dritt. Harrahs Peitschenschnur fetzte Rinehart das Hemd vom Rücken. Shelton und Wayne zeichneten ihm ihre blutigen Striemen über die nackte Haut Ihre Peitschen rissen ihn hoch und schleuderten ihn wieder auf den Boden zurück, wo er mit dumpfem Krachen aufprallte.

Rinehart heulte und schrie nun ohne Unterbrechung. Er stieß unartikulierte Laute aus und kroch wie ein Blinder auf dem Boden herum. Kreuz und quer von Peitschenstriemen gezeichnet, aus denen das Blut tropfte, suchte er nach seiner Peitsche, fand sie aber nicht Harrah, Shelton und Wayne waren unerbittlich.

Ihre Gesichter hatten kaum noch etwas Menschliches. Shelton bleckte sein gelbes Schafsgebiss. Harrahs Augen glänzten noch fanatischer als vorher. Wayne sprang wie ein Verrückter vor und wieder zurück und begleitete jeden Hieb, den er Rinehart versetzte, mit einem wilden, triumphierenden Schrei.

Rinehart wurde jetzt von drei Peitschenschlägen gleichzeitig getroffen. Die bleibeschwerten Riemenenden verwandelten sein Gesicht in eine unkenntliche Masse aus rohem, zerrissenem Fleisch und zersplitterten Knochen. Kein Quadratzoll seines Oberkörpers bestand mehr aus heiler Haut Er fiel auf den Rücken und hörte jäh auf zu schreien.

Offenbar hatte er dazu nicht mehr die Kraft. Er grunzte und seufzte nur noch. In einem zuckenden, krampfartigen Todeskampf wollte er es noch einmal versuchen, sich aus der Nähe Harrahs, Sheltons und Waynes zu rollen.

Seine Henker ließen jedoch nicht locker.

Sie folgten ihm, und immer wieder schnellten ihre Peitschen vor. Jede Sekunde traf einer der drei Riemen seinen von Zuckungen geschüttelten Körper und riss ihn in blutige Fetzen. Langsam wurden Rineharts Bewegungen schlaffer und kraftloser. Schließlich erstarben sie ganz Rinehart lag still und rührte sich nicht mehr.

Er war tot.

 

 

3

Sam hatte erfolgreich zwei Wildkaninchen gejagt.

Jetzt waren nur noch zwei blutige Fellstücke und ein paar zerbissene Knochen übrig. Der Schwarztimber war satt und zufrieden und leckte sich die blutbeschmierten Lefzen ab. Er schloss die Augen und streckte sich faul in der Sonne aus.

Dann dachte er jäh an Tom, spannte seine Glieder und machte, dass er wieder auf die Beine kam.

Seit sie am frühen Vormittag in diesem Camp Wood angekommen waren, hatte er Tom nicht mehr gesehen. Kurz nachdem Tom ihren gemeinsamen Freund Thunder in den Stall gebracht hatte, war Sam davongelaufen, um Wildkaninchen zu jagen. Jetzt wurde es Zeit, dass er sich wieder um Tom kümmerte.

Als er langsam im Wolfstrab auf die Stadt zulief, hatte er ein ungutes Gefühl.

Dieses Gefühl hatte er bereits bei der Ankunft in Camp Wood gehabt. Nun verstärkte es sich mit jedem Schritt, den er tat. Er wusste, dass er sich auf seinen Instinkt verlassen konnte und stellte sich auf Verdruss und Kummer ein. Es war immer gut, das zu tun, damit einen die Geschehnisse später nicht unvorbereitet trafen.

Eine Viertelstunde später erreichte er Camp Wood.

Auf dem Platz mitten in der Stadt, nicht weit vom Marshals Office entfernt, standen viele Männer. Sam sah auf den ersten Blick, dass Tom unter ihnen war. Toms hochgewachsene Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, überragte alle anderen.

Gleichzeitig bekam Sam die Witterung von warmem Blut.

Es war Menschenblut Sam brauchte seine Nase nicht noch einmal in den Wind zu heben, um das zu wissen. Im gleichen Moment, in dem diese Erkenntnis in seinem Gehirn geformt wurde, stellten sich die Nackenhaare des Schwarztimbers auf. Er blieb stehen und zog die Lippen von den Zähnen.

Vielleicht war es Zufall, dass Tom in diesem Augenblick in seine Richtung sah. Jedenfalls erkannte er Sam und gab ihm ein verstohlenes Zeichen und der schwarze Halbwolf begriff dessen Bedeutung sofort.

„Bleib zurück!“, signalisierte ihm Tom.

Sam gehorchte und tat keinen Schritt weiter. So handelten sie oft in einer Stadt, die fremder Boden für sie war. Wenn sie nicht zusammen waren, konnte einer dem anderen besser helfen, wenn Hilfe sein musste.

Wenig später drehte Tom sich um. Er ging ein Stück die Straße hinab bis zum einzigen Saloon auf dieser Straßenseite, in dem wenige Augenblicke vorher drei Männer verschwunden waren. Sam folgte Tom im Schatten eines langen Zauns. Seine Zunge hing ihm hechelnd und rot aus dem Hals.

Tom verhielt nur kurz vor der Schwingtür des Saloons.

Es sah aus, als überlege ein Mann, ob es schon Zeit für einen Drink sei oder noch nicht. Sam kam es eher so vor, als hätte Tom sich nur von etwas überzeugen wollen, ehe er weiterging. Gleich danach erreichte den Schwarztimber der stumme Befehl, in der Nähe des Saloons zu warten und zu beobachten. Tom hatte sich umgedreht und gab Sam eines der Zeichen, die nur sie beide kannten.

Sam stieß ein leises Heulen aus, damit Tom wusste, dass er ihn verstanden hatte. Dann lief er direkt auf den Saloon zu und wurde eins mit den tiefen Schatten unter dem Dach des Vorbaus. Er konnte in das Innere des Saloons äugen und sah das, was auch Tom gesehen haben musste.

Dort saß ein Mann zusammen mit einem Mädchen an einem Tisch und ließ sich vom Saloonkeeper gerade sein Whiskyglas füllen. Der Mann war nicht mehr jung er stand hoch in den Vierzigern und hatte schon graues Haar.

Sam kannte ihn er kannte das Aussehen dieses Mannes ebenso gut wie seinen typischen Geruch. Er hatte ihn oft genug gesehen und beschnuppert zusammen mit Tom im Camp der Texas Ranger mitten im Big-Bend-Gebiet.

Der Mann hieß Jeff Canary und war Texas Ranger wie Tom auch wenn er kein Abzeichen trug und aussah wie ein Satteltramp.

Für die Dauer eines Atemzuges war Sam verwirrt.

Tom und Canary waren stets gute Freunde gewesen. Sie hatten niemals eine Auseinandersetzung gehabt. Deshalb war es nicht zu verstehen, dass sie sich hier nicht begrüßten. Denn dass Tom Jeff Canary gesehen und erkannt hatte davon war Sam überzeugt.

Dann begriff er, dass Tom es so hatte haben wollen. Damit war es so, wie es war, für den Schwarztimber gut. Er behielt seinen Beobachtungsposten und sah, wie Canary sein volles Glas ergriff.

Das Mädchen, das neben ihm saß und mit den Fußspitzen wippte, drehte den Kopf und fragte scharf: „Und ich?“

Canary biss sich auf die Lippen. „Noch einen Whisky für Kate!“, sagte er und gab dem Keeper einen Wink.

Außer Canary, dem Mädchen Kate und dem Keeper waren noch fünf Mädchen im Saloon. Vier von ihnen waren Mexikanerinnen. Sie saßen zusammengedrängt in einer Ecke des stickig heißen Raumes und zuckten bei jedem Geräusch zusammen ob es von der Bar, von der Straße oder aus dem oberen Stockwerk des Hauses kam.

Sam witterte scharf zu ihnen hinüber und bekam etwas mit von der Angst, die sie erfüllte. Es war die gleiche Angst, die Canary gepackt hatte der schwarze Halbwolf kannte die Witterung genau.

 

 

4

Canary betrachtete das Mädchen neben sich.

Er schätzte diese Kate auf höchstens zwanzig oder einundzwanzig Jahre. Für dieses Alter hatte sie jedoch bereits sehr scharfe, verlebte Züge. Sie trank den für sie bestellten Whisky wie Wasser und gab Canary einen Stoß.

„Ich habe noch Durst, Graukopf“, sagte sie und spielte mit ihrem leeren Glas. „Was ist, willst du vielleicht eine Lady verdursten lassen?“

Canary fluchte lautlos in sich hinein. Trotzdem bestellte und bezahlte er einen weiteren Whisky für das Mädchen.

Kate trank, und Canary blickte sie wieder von der Seite an.

So alt wie sie wäre auch Beth, wenn sie noch lebte, dachte er und hatte einen trüben Moment zu überwinden. Er wusste, dass er sich in dem gleichen Bordell befand, in das seine junge Stiefschwester verschleppt worden war. Es gab keinen Zweifel für ihn und doch konnte er nicht das tun, was er lange hatte tun wollen.

Der Schwur, für Beth Rache zu nehmen, war so alt wie die Nachricht von ihrem Tod. Es hatte Monate gedauert nun kannte er sie alle, die damit zu tun gehabt hatten, dass Beth nach Camp Wood entführt worden war, um hier als Hure zu enden. Er wusste, dass Chick Rutledge als Boss einer Bande von Halsabschneidern für alles verantwortlich war aber er hatte sich überschätzt.

Nach Camp Wood kommen, Rutledge vor seinen Colt fordern und wie einen Hund über den Haufen schießen so hatte er sich das vorgestellt. Nun war er schon zwei Tage hier, ohne Rutledge überhaupt gesehen zu haben. Und die andern, die unter Rutledges Kommando standen, waren stets in der Überzahl und misstrauischer als ein Rudel Klapperschlangen im Nest.

Er hatte sich sehr überschätzt. Gegen Rutledge und seine Bande war er ein Nichts. Nun fragte er sich, ob es je richtig gewesen war, sein Rangerabzeichen vom Reithemd zu nehmen und Rache auf eigene Faust zu versuchen.

Ehe er die Antwort auf diese Frage gefunden hatte, riss ihn die harte Stimme des Mädchens aus seinen Gedanken.

„Der Teufel soll alle Freier wie dich holen!“, sagte Kate ärgerlich. „Was soll dein Herumhocken hier und dein Starren gegen die verdammte Wand? Gib lieber eine Runde für alle hier. Und dann such dir eine von uns aus und verschwinde mit ihr nach oben. Oder warum bist du sonst in diesen Laden gekommen?“

Canary beugte sich vor und vergaß für einen winzigen Moment seine Beherrschung. Er streckte die Hand aus und umspannte den nackten linken Oberarm Kates.

„Ich will nicht das, was du denkst“, sagte er rau. „Die Hölle deswegen bin ich nicht hier. Ich ...“ Er kam nicht weiter.

Die Haltung des Mädchens wurde feindselig und steif. „Nimm die Hand von meinem Arm, alter Bock! Sofort oder du erlebst etwas, was du nicht gerne erlebst!“ Ihre Stimme klang schrill und wurde mit jedem Wort schriller.

Canary begriff seine Unvorsichtigkeit an einem Ort wie diesem. Er zog hastig seine Hand zurück aber es war bereits zu spät.

„Was will der Kerl, Kate?“, fragte jemand von der Treppe her. „Macht er Ärger und braucht was aufs Maul?“

Canary schwang auf seinem Stuhl herum. Die Männer, die von oben kamen, hatten den Saloon erst kurz vorher betreten und waren sofort zu Rutledge hinaufgegangen. Sie waren der harte Kern seiner Bande Harrah, Shelton und Wayne. Canary kannte sie alle drei dem Namen und ihren Untaten nach. Als Ranger hatte er oft genug ihre Steckbriefe vor Augen gehabt.

Shelton hatte gesprochen. Jetzt sagte Harrah: „Diesen Kerl habe ich während der letzten zwei Tage schon ein paarmal hier herumlungern sehen. Hat er was Perverses im Sinn?“

Das Mädchen hob die nackten Schultern und ließ sie wieder fallen. „Er wird frech, Cole. Der Teufel mag wissen, wie er veranlagt ist. Er will mit keiner von uns nach oben gehen und bezahlen, sondern nur reden ... reden. Und vorhin, gerade als ihr herunterkamt, hat er mir fast den Arm gebrochen.“

„Das hört sich aber gar nicht gut an, Freund!“, sagte Wayne und starrte Canary scharf an. Sein Kinn war herausfordernd nach vorne gereckt.

Jeff Canary stand auf.

Er erwiderte Waynes grauen Blick und wusste plötzlich, dass er in eine üble Situation geraten war. Harrah, Shelton und Wayne waren gefährliche, rücksichtslose Gegner. Sie verständigten sich durch kalte Blicke, die nichts Gutes für ihn verhießen.

Er war in eine Falle geraten und musste sich damit abfinden. Er begriff, dass er sich vor allem dem Mädchen Kate gegenüber vollkommen falsch verhalten hatte. Doch diese Einsicht half jetzt auch nichts mehr. Er brachte die rechte Hand in die Nähe seines Revolvers und wartete ab.

Shelton sagte: „Ich denke, er wollte hier seinen Spaß haben und danach die Mädchen betrügen. Das kenne ich. Solche Grauköpfe, die nach außen hin so anständig aussehen, sind meistens ganz verdorbene und perverse Naturen. Ich wette, er hat Kate schon seinen verdammten unanständigen Antrag gemacht, und sie schämt sich nur uns gegenüber, seine Schweinereien zu wiederholen.“

Langsam trat er, während er sprach, ein paar Schritte zur Seite. Damit kam er auf die rechte Seite Canarys. In einer Entfernung von fünf, sechs Schritten blieb er stehen.

Wayne tat das Gleiche allerdings auf der anderen Seite. Lediglich Cole Harrah blieb da stehen, wo er gerade stand. Er bewegte sich nicht, sondern zeigte Canary lediglich sein kaltes, eingefrorenes Grinsen.

Canary warf den Kopf zurück. „Das ist eine gottverdammte und gemeine Lüge!“, schleuderte er Shelton entgegen. „Und du weißt genau, dass es so ist.“

„Weiß ich das wirklich?“ Sheltons Augen verschwanden fast unter den schweren, blaugeäderten Lidern. „O Mann, Mann du musst lebensmüde sein, sonst hättest du meine Worte nicht eine verdammte und gemeine Lüge genannt.“

Es war vollkommen still im Saloon. Sogar die fünf Mädchen in der Ecke des stickigen Raumes waren so still, als hätten sie das Atmen vergessen. Jeff Canary durchlebte einen trüben Augenblick voll böser Gewissheiten.

Sie bedrohten ihn jetzt von drei Seiten, und Canary spürte den kalten Anhauch körperlicher Furcht.

Für einen Moment dachte er daran, seinen Revolver zu ziehen und um sich zu schießen. Panik breitete sich in seinen Gedanken aus. Doch dann verwirklichte er dieses Vorhaben doch nicht. So schnell er mit der Waffe auch war gegen Harrah, Shelton und Wayne hatte er keine Chancen.

Seine Furcht verschwand. Er wurde innerlich und äußerlich kalt wie Eis. „In Ordnung!“, sagte er klirrend. „So ist das also! Na, dann los kommt!“

 

 

5

Das Mädchen Kate, das bisher in Canarys Nähe gestanden hatte, bewegte sich eilig von ihm fort und huschte zu den übrigen Mädchen.

Eine der vier jungen Mexikanerinnen begann plötzlich in schrillen Tönen zu wimmern, war aber sofort wieder still, als ein unglaublich dürrer Mann auf der Treppe erschien, die vom Saloon aus nach oben führte.

Jeff Canary wandte den Kopf und zuckte zusammen.

In dem Augenblick, in dem er den Mann auf der Treppe sah, wusste er, dass dies seine erste Begegnung mit Chick Rutledge war. Die ganze Zeit über hatte er auf diese Begegnung gewartet nun war es dazu gekommen.

Das war also der Mann, vor dem nicht nur diese Stadt zitterte! Canary hatte noch niemand gesehen, der so lang und dünn war und dabei gleichzeitig so schmutzig.

Rutledge war größer als sechs Fuß und schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen. Seine Kleidung schlotterte wie um ein schmales Holzgestell um ihn herum. Canary schätzte, dass er kaum schwerer war als ein Junge von fünfzehn oder sechzehn Jahren.

Rutledges Kopf war lang, schmal und fast völlig haarlos. Seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen dunkel und tief in ihren Höhlen. Er hatte eine pergamentfarbene, papierdünne Haut, die so bleich war wie die eines Toten. Sein Hals war lang und so dünn, dass ein Mann ihn fast mit den Fingern einer Hand ganz umspannen konnte.

Chick Rutledge ging leicht nach vorn gebeugt, als müsse er jeden Augenblick davor auf der Hut sein, von einem schwachen Windstoß umgeweht zu werden. Seine Schultern waren knochig und spitz, seine Arme lang und dünn. Seine Finger erinnerten Canary fatal an eklige Spinnenglieder. Rutledge trug eine speckige, viel zu weite Hose und ein am Hals offen stehendes, ungewaschenes Hemd.

„Was ist los?“, fragte er scharf mit einer überraschend tiefen Stimme und starrte Canary mit einem Blick voll bösartiger Wachsamkeit an.

„Dieser Graukopf hat Kate beleidigt“, sagte Cole Harrah. „Sie sagt, er hätte ihr fast den Arm gebrochen. Und Otis meint, er sei einer von denen, die von Ihren Mädchen so gemeine und perverse Schweinereien verlangen.“

Canary hatte allen Grund, sich zu wundern. Er fasste es kaum, dass der dürre Mann vor ihm diese Stadt beherrschte und den schwunghaften Handel mit jungen Mexikanerinnen entlang der gesamten Grenze vollkommen in der Hand hatte.

Rutledge starrte Canary noch immer voll ins Gesicht und fragte: „Stimmt das, Mann?“

„Der Teufel soll euch alle holen!“, presste Canary durch die Zähne. Die Wut in ihm erstickte ihn fast. „Natürlich ist das alles erstunken und erlogen.“

„Wer weiß!“ Rutledge schüttelte vorsichtig den Kopf. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass er ihm bei einer stärkeren Bewegung von den Schultern flog. „Ich kann das nachträglich nicht mehr kontrollieren. Deshalb sage ich jetzt, was für Sie das Beste ist, Mister. Legen Sie hundert Dollar auf den Tisch und verschwinden Sie aus Camp Wood. Ich will nicht noch mehr Ärger, als ich heute schon hatte.“

Canary glaubte nicht richtig verstanden zu haben. Er ballte die Fäuste und trat einen Schritt vor. Wieder übermannte ihn sein Zorn und trieb ihn zur Unvorsichtigkeit.

„Der Teufel soll mich holen, wenn ich Ihnen hundert Bucks gebe, Knochengestell!“, schrie er wütend. Niemand sagte etwas.

„Dann nicht!“, sagte Rutledge kurz darauf und gab Harrah, Shelton und Wayne einen herrischen Wink. „Mister, sagen Sie hinterher nicht, Sie hätten keine andere Möglichkeit gehabt, aus dieser Sache herauszukommen.“ Er drehte sich wieder zur Treppe hin um und ließ eine kurze Pause eintreten, ehe er weitersprach. „Cole, Otis und Bull schlagt ihn aber nicht tot, wenn ihr ihm die Lektion erteilt, die er dringend braucht!“

Harrah grinste bösartig, Shelton und Wayne fletschten die Zähne und betrachteten Canary wie jemand, der bereits vollkommen zerschlagen am Boden lag.

„Wir passen auf“, sagte Harrah in die Richtung, in der Rutledge stand. „Wenn Sie keinen Toten wollen, brechen wir ihm nur ein paar Knochen. Das geht völlig in Ordnung.“ Er befeuchtete seine Lippen und schlug mit der rechten Faust in die offene linke Hand.

 

 

6

Sam hockte fast unbeweglich und noch immer an der gleichen Stelle auf seinen Hinterkeulen und spähte in den Saloon.

Nichts von dem, was dort geschah, entging seinem scharfen Blick. Seine grünen Augen waren starr auf die Szene gerichtet, die sich zwischen Harrah, Shelton, Wayne und Rutledges Keeper auf der einen und dem ehemaligen Ranger Jeff Canary auf der anderen Seite abspielte.

Gerade sagte der Keeper: „Den Colt aus der Halfter!“ Er stieß Canary die kalte Mündung der Schrotflinte ins Genick und kommandierte weiter: „Aber schön langsam, Hombre, ganz langsam! Nimm das Eisen mit Daumen und Zeigefinger und wirf es hinter dich. Aber sei verdammt vorsichtig dabei!“

Canary gehorchte. Sam erkannte, dass dem Mann nichts anderes übrig blieb. Wer sich in einer Solchen Situation wehrte, wollte nicht länger leben.

Eine schleichende Bewegung und ein unverkennbarer Geruch lenkten Sam plötzlich ab. Er erhob sich blitzschnell von den Sitzkeulen und warf den Kopf herum.

Vier Dorfköter hatten seine Witterung in die Nase bekommen und herausgefunden, dass er fremd hier war und nicht einmal ganz ihrer Rasse angehörte. Sie waren bis auf ein paar Yards an ihn herangekommen und gingen nach den ewig alten und immer wieder gleichen Zeremonien vor, die zur Eröffnung eines Kampfes gehörten.

Sie knurrten böse und fletschten die Zähne. Ihre Augen glühten bernsteingelb, während sie ihre Nackenhaare steil nach oben sträubten. Ihre Schritte, mit denen sie Sam umrundeten, waren seltsam steif und gestelzt.

Sam ließ sie nur Sekundenbruchteile gewähren.

Er hatte es im Laufe der Zeit gelernt, solche Vorbereitungen zum Kampf auszulassen. Seine indianischen Lehrer hatten ihm beigebracht, dass eine Verzögerung nur weiteren Feinden die Möglichkeit gab, sich gegen ihn zu versammeln. Wenn er gegen mehrere Gegner bestehen wollte, musste er sie schnell angreifen und sofort wieder wegspringen ohne den anderen vorher ein Warnungszeichen für seine Angriffsabsichten zu geben.

So handelte er auch diesmal, ohne lange zu überlegen. Es war immer das gleiche Schema.

Er warf sich jäh nach vorn und führte einen unerwarteten Angriff gegen den Hund, der ihm am nächsten war einen gefleckten Rüden von undefinierbarer Herkunft. Sam sprang auf seinen Rücken und schlitzte ihm mit den scharfen Fangzähnen die Schulter auf, ehe der andere hoch wusste, was geschah.

Der verletzte Hund heulte schrill und schmerzhaft auf doch in diesem Moment war Sam bereits bei seinem nächsten Gegner, warf ihn in einem wilden Ansturm um und schnappte nach der verwundbaren Stelle unten am Hals. Der andere wehrte sich, doch Sam biss zweimal hart zu. Als der Hund winselnd davonlief, waren Seine Bewegungen schlaff und matt.

Mit glühenden Augen starrte Sam um sich. Er wartete auf den nächsten Gegner, doch von den Hunden war keiner mehr da. Die beiden, die seine Fangzähne noch nicht gespürt hatten, zogen es vor, erst gar keine Bekanntschaft mit ihnen zu machen. Sie verschwanden mit eingekniffenen Schwänzen in der dunklen Einmündung einer schmalen Nebengasse hinter dem Saloon.

Sam konnte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Geschehnisse im Saloon richten. Tom hatte ihm das durch ein Zeichen befohlen, und es gab nichts, was ihn dazu bringen könnte, einen Befehl Toms zu missachten.

Harrah und Shelton gingen gerade gemeinsam gegen Canary vor. Dieser konnte Shelton abwehren, doch Harrah versetzte ihm einen furchtbaren Schlag an den Köpf. Als Canary die Arme hochriss, um sein Gesicht zu schützen, traf ihn der nächste Hieb direkt über dem Gürtelschloss in den Magen.

Canary ging in die Knie, und Sam sah ihn scharf Atemluft durch die Zähne entziehen. Noch halb in der Hocke, wich er einem Tritt Waynes aus dann schaffte er es, wieder auf die Füße zu kommen und selbst anzugreifen.

Ein paarmal landete er Schläge an Harrahs Kopf. Er packte Harrah bei den Ohren und stieß ihm das Knie hart in die Magengrube. Danach ließ er von diesem Gegner ab und wehrte sich mit weit ausholenden Rundschlägen gegen die andern. Er war eine vollkommene Kampfmaschine in voller Aktion.

„Ihr verdammten dreckigen Schufte!“, fluchte er. „So einfach packt ihr mich nicht. Ehe ihr das schafft, habt ihr euch eine Menge Beulen geholt!“

Shelton war in seinen Rücken gelangt. In einem günstigen Moment griff er von hinten zu, griff nach Canarys Armen und riss sie brutal nach hinten.

„Der Spaß ist vorbei!“, sagte Shelton und hielt den früheren Ranger wie mit Eisenklammern fest. „Einmal, Amigo, geht alles vorbei. Cole, Bull los, bringt die Sache zu Ende!“

Der Keeper war bereits wieder hinter seinen Tresen gegangen. Harrah und Wayne ließen sich nicht zweimal auffordern, Canary ihre Fäuste spüren zu lassen. Sie lachten gemein und machten sich ans Werk.

Gegen eine lange Serie von Schlägen spannte Canary sich noch dann war es vorbei mit seiner Widerstandskraft. Seine Knie knickten ein, und sein Kopf fiel ihm auf die Brust. Als Shelton losließ, krachte Canary wie ein Stein auf den schmutzigen Bretterboden, so dass das ganze Gebäude erbebte.

Sie schleiften den Bewusstlosen quer durch den Saloon und warfen ihn wie ein Bündel Stroh auf die Straße hinaus.

Sam hörte ein gemeines Lachen und verließ seinen Platz. Langsam, den Kopf beinahe am Boden, schlich er sich zu Canary und beschnupperte ihn. Der Mann war übel zugerichtet und zerschlagen aber nicht tot. Sein Atem ging unregelmäßig und schwer.

Sam konnte nichts für Canary tun und bewegte sich wieder zurück. Er hob den Kopf und heulte kurz auf, als er Tom quer über die Straße kommen sah. Tom wusste sicher, wie alles weiterging.

 

 

7

Cadburn begriff sofort, was geschehen war. Er brauchte nur einmal hinzusehen, um zu erkennen, dass es Jeff Canary war, der blutend vor dem Saloon im Straßendreck lag.

Im ersten Ansturm seiner Gedanken wollte er losrennen, um möglichst schnell an Canarys Seite zu kommen.

Doch er beherrschte sich. Bisher wusste niemand von ihren Beziehungen zueinander. Es ging auch weiterhin keinen Menschen etwas an, dass sie gewissermaßen aus dem gleichen Stall stammten. Deshalb ging er im gleichen Tempo wie bisher weiter. Als er Canary erreichte, blieb er stehen.

Er hatte das Schlimmste befürchtet. Nun sah er, dass er diese Gedanken vergessen konnte. Canary lebte denn manchmal bewegte er eine Hand oder einen Fuß. Von Zeit zu Zeit stöhnte er fürchterlich, und ein Zucken lief über sein Gesicht.

Cadburn bückte sich zu Canary hinab.

Er hatte Canary noch nicht berührt, als die Angeln der Saloontür quietschten. Sporen klirrten und harte Schritte tappten über die Vorveranda des Saloons. Cadburn blieb in der Hocke und hob nur ein wenig den Kopf.

Sein Blick begegnete den Augen Harrahs, Sheltons und Waynes.

Shelton runzelte die Stirn und fragte: „Ist das ein Freund von Ihnen, Mister?“ Er hakte die Daumen hinter seinen Revolvergurt und wiederholte seine Frage viel schärfer, als er nicht im gleichen Moment eine Antwort bekam.

„Was heißt Freund?“, erwiderte Cadburn und zwang sich zur Ruhe. Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Freund oder nicht Freund er liegt hier im Dreck und scheint ziemlich was mitbekommen zu haben. Ich werde mich um ihn kümmern.“

„Nicht, wenn wir das nicht gestatten!“ Sheltons Stimme war messerscharf und drohend.

Harrah hob die Hand. „Lass den Narren doch, Otis!“, sagte er. „Wir wollen froh sein, dass sich jemand findet, der den Abfall vor unserer Tür wegräumt. Er lachte wie über einen gut gelungenen Witz und sagte zu Cadburn: „Hundert Schritte von hier auf der anderen Straßenseite liegt die Schusswundenpraxis von Doc Trehearn.“

Cadburn nickte. Er sagte nichts. Bisher hatte er Harrah, Shelton und Wayne immer nur aus einigen Schritten Entfernung gesehen. So ganz aus der Nähe wirkten sie noch gefährlicher.

Harrah, Shelton und Wayne sahen schweigend zu, wie er sich bückte und Canarys schweren Körper hochwuchtete. Langsam ging er mit seiner Last in die Richtung, in die Harrah gezeigt hatte.

Hinter ihm sagte Wayne: „Wenn Sie mit dem Burschen bei Trehearn waren, sollten Sie gleich mit ihm die Stadt verlassen. Wenn mir das jetzt gesagt worden wäre, hätte ich mich für den guten Rat bedankt und ihn ganz bestimmt befolgt.“

Cadburn murmelte etwas Unverständliches und trug Canary quer über die Fahrbahn auf die andere Straßenseite. Die Blicke der drei Männer, die jede seiner Bewegungen beobachteten, trafen ihn wie Messerstiche in den Rücken. Wenn sie jetzt eine Gemeinheit im Sinn hatten, fanden sie ein leichtes Ziel.

Es geschah jedoch nichts. Kurz darauf erreichte Cadburn das Haus Doktor Trehearns.

Canary war wieder halbwegs bei Bewusstsein, als Cadburn ihn in das Haus trug und dabei dem Doktor folgte, der ihm schweigend ins Behandlungszimmer voranging. Cadburn legte den Verletzten auf den mit einem weißen Tuch bezogenen Tisch und trat dann zur Seite.

Der Doc war ein alter Mann klein, dick, mit grauem Haar und grauem Bart. Die Art seiner Praxis hatte ihn im Laufe langer Jahre gegen die Schmerzen anderer unempfindsam gemacht.

„Ein Gast aus Rutledges Bordell Saloon?“, fragte er nach einer langen Weile.

Cadburn hob überrascht den Kopf. Diese Stimme war ihm nicht fremd. Er war davon überzeugt, sie vor einer knappen halben Stunde in der Futterkammer des Mietstalls gehört zu haben. Er fixierte den Arzt aufmerksam, doch Trehearn entzog sich seinem Blick. Er beugte sich über Canary und untersuchte ihn.

Cadburn sagte: „Er lag vor dem Saloon auf der Straße. Ich kam praktisch aus dem Mietstall, wo ich nach meinem Pferd gesehen hatte. Ein Mann namens Harrah zeigte mir den Weg zu Ihnen.“

Trehearn verriet nicht, was er dachte oder empfand. Er brachte Canary mit einem Schluck Whisky wieder ins Bewusstsein zurück. Dann griff er nach einem Haufen Verbandszeug und einem irdenen Topf voll brauner Pferdesalbe.

Canarys Oberkörper ruckte hoch. Das Gesicht des ehemaligen Texas Rangers verfärbte sich, als er fragte: „Wollen Sie dieses Zeug vielleicht an mir ausprobieren, Doc?“

„Es hilft!“, erwiderte Trehearn ungerührt und tauchte einen Holzspachtel in die braune Salbe, die durchdringend roch. „Bleiben Sie liegen und halten Sie still! Noch ein paar Minuten und Sie haben es hinter sich. Benehmen Sie sich wie ein Mann!“

Canary erwiderte nichts mehr. Doch er rang keuchend nach Luft und riss entsetzt die Augen auf, als der Doc ihm die Salbe auf die malträtierten Körperstellen strich. Hilfesuchend blickte er sich nach Cadburn um.

„Dieses Zeug brennt mir jede Unze Fleisch von den Knochen!“, keuchte er. „Ich habe nie gewusst, dass es Ärzte gibt, denen es Spaß bereitet, ihre Patienten zu quälen und zu schinden.“

Der Doktor umwickelte ihn mit einer Menge Leinenstoff und antwortete nicht. Erst als der Verband fertig war und Canary steif vom Behandlungstisch klettern konnte, sprach er. Seine Stimme klang rau. Die herabhängenden Enden seines grauen Schnurrbarts zitterten heftig.

„Keine Gardinenpredigt jetzt!“, sagte Cadburn und hob die Hand.

„Nur ein Wort zu diesem Hombre“, antwortete Trehearn und wandte sich an Canary. „Mich geht es nichts an, wie oft Sie in ein Bordell gehen. Aber das ist es auch nicht, was ich sagen wollte. Verlassen Sie diese Stadt und vergessen Sie ihren Namen dann haben Sie die Chance, Ihre Prügelverletzungen in Ruhe auszuheilen. Geben Sie mir drei Dollar für die Behandlung.“ Cadburn bezahlte, als er sah, dass Canary erfolglos seine Taschen durchsuchte.

Er verließ mit Canary das Haus. Draußen sah er Sam, der auf der anderen Straßenseite hockte und die Tür des Arzthauses offenbar keine Sekunde aus den Augen gelassen hatte.

Der schwarze Halbwolf verleugnete auch nicht für einen winzigen Moment seine harte indianische Dressur. Cadburn wusste, dass es Sam zu ihm trieb, doch der Schwarztimber ließ davon nach außen hin nichts erkennen. Er hielt sich eisern an den Befehl, keinen Kontakt mit Cadburn zu haben.

Canary blieb stehen und fixierte Cadburn lange.

„Bist du meinetwegen hier in der Stadt?“, fragte er. „Und dann ohne Abzeichen? Hast du etwa auch ...“ Er unterbrach sich, als Cadburn die Hand hob.

„Kein Wort weiter von einem Abzeichen, Jeff! Nein, ich habe es nicht so abgelegt wie du. Ich bin im Dienst. Zufall, dass ich die gleiche Sache verfolge wie du. Vielleicht aber auch kein Zufall.“

„Geht es gegen Rutledge?“

Cadburn nickte. „Ja, das ist es. Aber ich will es nicht so plump versuchen wie du. Was dabei herauskommt, spürst du jetzt.“

Canary begann wieder seine Taschen zu durchwühlen. Schließlich fluchte er anhaltend und laut. „Mein Geld!“, sagte er rau. „Verdammt, verdammt! Entweder habe ich es bei dieser Keilerei im Saloon verloren oder diese schlampige Kate hat es mir geklaut. Aber das lasse ich nicht durchgehen. Mein Geld hole ich mir zurück.“

„Wie?“, fragte Cadburn.

Canary starrte ihm düster in die Augen. „Es gibt einen Marshal in Camp Wood“, sagte er. „Keine Angst ich versuche es nicht auf eigene Faust, sondern völlig legal. Wenn ich mein Geld wiederhabe, unterhalten wir uns darüber, wie’s weitergeht. Wir können uns gegenseitig nützlich sein.“

„Ich komme mit!“, sagte Cadburn. Der Ton in dem er sprach, erstickte jeden Widerspruch Canarys im Keim.

Das Office des Marshals befand sich schräg gegenüber von Rutledges Saloon. Obwohl er keine Hoffnung hatte, dass ein Gespräch mit dem Marshal dieser Stadt Erfolg haben würde, ging er entschlossen voraus. Darauf, dass Rutledges Banditen ihn zusammen mit Canary sahen oder nicht, kam es ohnehin nicht mehr an.

 

 

8

Harrah, Shelton und Wayne standen an der Bar in Rutledges Saloon und tranken. Das Mädchen Kate blickte über die Halbflügel der Schwingtür auf die Straße hinaus.

„Hat Trehearn den Kerl schon verarztet?“, fragte Harrah über die Schulter zurück und ließ sich sein Glas wieder füllen.

Kate sagte: „Sie sind gerade aus Trehearns Haus gekommen der Graukopf, den ihr in der Mangel hattet, und dieser Kerl, der ihn hier vor der Tür aufgelesen hat. Dieser Bursche könnte mir übrigens gefallen groß, schmalhüftig, breitschultrig und dann von Kopf bis Fuß in Schwarz.“

„Wohin gehen sie?“ Harrahs Stimme klang kalt und ungerührt.

Kate beobachtete die Vorgänge auf der Straße und gab über jeden Schritt Canarys und Cadburns Bericht. „Jetzt haben sie gerade die Tür des Marshals Offices hinter sich zufallen lassen“, sagte sie. „Vielleicht wollen sie bei Kern Claybourne Anzeige gegen uns erstatten.“

Shelton lachte schallend. „Viel Glück!“

Eine Weile erfüllten nur das Klirren der Gläser und das Summen einiger frecher Fliegen den Raum. Dann richtete Kate sich plötzlich an der Tür auf und sagte: „Kern kommt herüber!“

Harrah, Shelton und Wayne drehten sich um, so dass sie dem Marshal ins Gesicht sehen konnten, als dieser die Schwingtür aufstieß und den Saloon betrat. Ihre Mienen waren angespannt.

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939361
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542525
Schlagworte
texas wolf spur vollstreckers

Autor

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Titel: TEXAS WOLF #47: Die Spur des Vollstreckers