Lade Inhalt...

Ein Griechenlandbuch für alle - Hellas mon amour

©2020 357 Seiten

Zusammenfassung


Ein Griechenlandbuch für alle:
Für die Liebhaber des neuen Hellas mit seiner Schönheit, seiner Natur, seinem Flair, seinen so liebenswürdigen und gastfreundlichen Menschen.
Für die Liebhaber des antiken Hellas mit seinen epochemachenden geistigen und künstlerischen Schätzen.
Und für alle, die sich für das Urchristentum interessieren. Denn für Christen ist Hellas „heiliges Land“.
Ein Griechenlandbuch, zugleich mit Witz und wissenschaftlicher Akribie verfasst von einem ausgewiesenen Experten, einem Kenner des Landes, seiner Menschen, seiner Kultur und seiner Sprache oder Sprachen – je nachdem, ob man Alt- und Neugriechisch als zwei Sprachen oder nur als zwei verschiedene Formen ein und derselben Sprache betrachtet. (Für sämtliche Übersetzungen aus dem Alt- und Neugriechischen zeichnet der Verfasser selbst verantwortlich.)

Karl Plepelits wurde 1940 in Wien geboren und lebt nach langen Wanderjahren jetzt in der Steiermark. E betätigte sich u.a. als Reiseleiter, als Privatgelehrter für Altertumswissenschaft und Byzantinistik und als Übersetzer griechischer Romane der Antike und des Mittelalters. Als literarischer Autor veröffentlichte er Kurzgeschichten und Romane, alle erschienen in der Edition Bärenklau.

Leseprobe

Table of Contents

Ein Griechenlandbuch für alle - Hellas mon amour

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

Ein Griechenlandbuch für alle - Hellas mon amour

Roman von Karl Plepelits

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 357 Taschenbuchseiten.

 

Ein Griechenlandbuch für alle:

Für die Liebhaber des neuen Hellas mit seiner Schönheit, seiner Natur, seinem Flair, seinen so liebenswürdigen und gastfreundlichen Menschen.

Für die Liebhaber des antiken Hellas mit seinen epochemachenden geistigen und künstlerischen Schätzen.

Und für alle, die sich für das Urchristentum interessieren. Denn für Christen ist Hellas „heiliges Land“.

Ein Griechenlandbuch, zugleich mit Witz und wissenschaftlicher Akribie verfasst von einem ausgewiesenen Experten, einem Kenner des Landes, seiner Menschen, seiner Kultur und seiner Sprache oder Sprachen – je nachdem, ob man Alt- und Neugriechisch als zwei Sprachen oder nur als zwei verschiedene Formen ein und derselben Sprache betrachtet. (Für sämtliche Übersetzungen aus dem Alt- und Neugriechischen zeichnet der Verfasser selbst verantwortlich.)

 

Karl Plepelits wurde 1940 in Wien geboren und lebt nach langen Wanderjahren jetzt in der Steiermark. E betätigte sich u.a. als Reiseleiter, als Privatgelehrter für Altertumswissenschaft und Byzantinistik und als Übersetzer griechischer Romane der Antike und des Mittelalters. Als literarischer Autor veröffentlichte er Kurzgeschichten und Romane, alle erschienen in der Edition Bärenklau.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

1

1985. Eulen nach Athen

Kommen wird der Tag, an dem das heilige Troja vernichtet wird. Diese Prophezeiung liest man mehr als einmal in Homers Ilias, dem ersten Werk der europäischen Literatur. Und ich prophezeie Ihnen: Kommen wird der Tag, an dem das heilige Konstantinopel wieder in griechischer Hand ist.“

Also sprach Kostas, seines Zeichens Fremdenführer, während er in einem Touristenbus zwischen Thessaloniki und Athen eine Reisegruppe aus Österreich mit seinen Vorträgen erfreute. Und er vergaß nicht zu erwähnen, dass sein Name Kostas nur eine Kurzform von Konstantinos ist. „Ich bin also nach dem Gründer Konstantinopels benannt. Wundern Sie sich nicht. Er wird nämlich als Heiliger der griechisch-orthodoxen Kirche verehrt. Und Konstantinopel ist eben die heimliche Hauptstadt Griechenlands. Wenn wir von Polis, Stadt, sprechen, meinen wir Konstantinopel. Was Rom für die Katholiken ist, ist Konstantinopel für die Orthodoxen. Dort residiert der ökumenische Patriarch der griechisch-orthodoxen Kirche. Und der heutige griechische Staat ist, historisch gesehen, nichts anderes als das wiederbelebte Byzantinische Reich, soweit es sich vom türkischen Joch befreien konnte. Byzantion, Byzanz, ist der alte Name von Konstantinopel. Aber wem erzähle ich das? Das heißt ja Eulen nach Athen bringen.“

Worauf einer der Fahrgäste kichernd ausrief: „Sind wir denn alle Eulen?“

Dies geschah im September des Jahres 1985, und die österreichische Reisegesellschaft bestand aus Professoren und Studenten (beiderlei Geschlechts) der Altertumswissenschaft an der Universität Wien, die sich das Vergnügen einer Rundfahrt durch das griechische Festland gönnten. Einer dieser Studenten war ich. Und ich gestehe, auch jener vorwitzige Rufer war ich. Mein schwacher Scherz veranlasste einige von uns tatsächlich zu lachen. Nur eine als sehr ernsthaft bekannte Kommilitonin sagte laut und deutlich: „Das heißt: Eulen nach Athen tragen. Nicht bringen.“

Daraufhin schnappte sich einer unserer Professoren das Mikrophon und sagte: „Ja, im Deutschen ist es üblich zu sagen: nach Athen tragen. Aber diese Redewendung geht auf den Athener Dichter Aristophanes zurück. Der lässt in seiner Komödie Die Vögel, Vers 301, unter einem ganzen Vogelschwarm auch eine Eule herbeifliegen und daraufhin den Dramatiker Euripides zum Spaß ausrufen: Wer hat denn die Eule nach Athen gebracht? Wohlgemerkt, gebracht und nicht getragen.“

Nach einem Augenblick der Stille sagte die Ernsthafte: „Und wo ist da der Spaß?“

Und der Professor: „Aber Sie wissen doch, die Eule war ebenso wie der Ölzweig Symbol und Attribut der Pallas Athene, der jungfräulichen Göttin der Weisheit und Schutzherrin der nach ihr benannten Stadt Athen. Ihr Kopf auf der Vorderseite und Eule und Ölzweig auf der Rückseite waren daher die ständigen Münzbilder der attischen Drachmen, und diese nannte man daher im Volksmund Eulen.

Und Kostas: „Auch viele moderne griechische Münzen zeigen Eule oder Ölzweig als Münzbild, seit die Drachme als Währungseinheit wieder eingeführt wurde. Das war 1821, als sich die Griechen gegen die türkischen Unterdrücker erhoben und die Soldaten des Sultans vertrieben. Damals schrieb Dionysios Solomos, der größte Lyriker der auferstandenen Nation, den Hymnus an die Freiheit. In 158 Strophen besingt er darin die Taten der Freiheitskämpfer. Seit 1865 dienen die ersten 24 Strophen als griechische Nationalhymne.“

Diese vergnügliche und lehrreiche Reise weckte in mir den Wunsch, auch selbst anderen Menschen ein solches Vergnügen zu bereiten. Ich lernte einen Reisebüroinhaber namens Felix kennen, und der vertraute mir für Ostern 1990 eine Reiseleitung an. Titel: „Das klassische Griechenland – Eine Reise zu den Anfängen Europas“.

 

 

2

1990. Festland

7. April 1990.

Meine erste Reisegruppe macht sich unter der Obhut von Busfahrer Hansi auf den langen Weg in den Süden, wie Goethes Iphigenie „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Und ich erzähle von der Entstehung des modernen griechischen Staates und muss dabei an Kostas’ Worte denken, dass damit das Byzantinische Reich wiederbelebt wurde, soweit es sich vom türkischen Joch befreien konnte.

Die ganze Wahrheit ist das freilich nicht. Griechenland konnte im Prozess der Nationsbildung noch viel weiter in die Geschichte als bis zum Mittelalter zurückblicken, so weit wie kein anderes europäisches Land. Fast die gleiche Bedeutung für das hellenische Nationalbewusstsein hatte nämlich das klassische Hellas. Übrigens war es keine Selbstverständlichkeit, dass sich die neue Nation Hellenen nannte. Dies ist nämlich die antike Bezeichnung, wobei der in den übrigen europäischen Sprachen übliche Name Griechen, Greeks, usw. auf die Römer zurückgeht, die sie Graeci nannten – warum, ist noch nicht überzeugend geklärt. Die Griechen selbst nannten sich seit der Römerzeit Römer, Romaioi (Romií), und ihre Sprache Römisch, Romäika. Das Byzantinische Reich nennen nur wir so. Die Byzantiner selbst nannten es Römisches Reich, Romanía. Der Name Hellenen war nicht unbekannt, bedeutete aber Heiden. Erst die Aufklärung und der Philhellenismus des 19. Jahrhundert führten dazu, dass die antiken Namen Hellas und Hellenen durch die Regierung und die Schule künstlich wiederbelebt wurden. Aber das änderte nichts daran, dass die Selbstbezeichnung als „Römer“ im griechischen Volk bis heute lebendig blieb.“

Aber ist diese Identifikation mit den Griechen des Altertums nicht ein reiner Mythos?“, fragt einer meiner Herren. „Es ist doch nachgewiesen, dass die heutigen Griechen nur hellenisierte Slawen und Albaner sind.“

Ah, Sie sprechen die bekannte These des Historikers Fallmerayer an, der in seinem 1830 erschienenen Werk Geschichte der Halbinsel Morea genau das behauptet. Damit verärgert er die Griechen bis heute. Also bitte, sagen Sie keinem Griechen, dass er nicht von den klassischen Hellenen abstammt. Sie würden ihn tödlich beleidigen.“

Aber dass im Mittelalter massenhaft Slawen und Albaner eingewandert sind, ist doch Tatsache.“

Vollkommen richtig. Aber die alten Griechen wurden deshalb ja nicht ausgerottet. Übrigens sind die klassischen Griechen selbst durch die Vermischung zweier prähistorischer Volksgruppen entstanden. Das waren einerseits die mittelmeerischen Träger der Kykladenkultur des 3. Jahrtausends vor Christus und der minoischen Kultur des 2. Jahrtausends vor Christus, andererseits die indoeuropäischen Sprecher des Griechischen, die zwischen 2000 und 1200 vor Christus einwanderten und sich mit der Urbevölkerung vermischten. Und vergessen wir nicht, dass sich seit Alexander dem Großen die Griechen selbst im gesamten Orient, ja bis an den Indus ansiedelten und die griechische Kultur und die griechische Sprache weithin verbreiteten. Dementsprechend zerfiel das Römische Reich in zwei Hälften, eine lateinischsprachige Westhälfte und eine griechischsprachige Osthälfte. Musterbeispiel Apostel Paulus aus Tarsus: Er war erstens Jude, zweitens Grieche, denn er wuchs in der griechischsprachigen Stadt Tarsus auf und schrieb wie die Evangelisten griechisch, und drittens römischer Bürger; als solcher bezeichnet er sich selbst in der Apostelgeschichte (22,25ff.).

Und nun wollen wir ein bisserl virtuelle Geschichtsbetrachtung betreiben und als gegeben annehmen, dass Mohammed nie auf die Idee gekommen wäre, eine neue Religion zu gründen, und dass die Türken nie den Drang verspürt hätten, ihre zentral- und ostasiatische Urheimat zu verlassen. Dann hätte das griechische Ostrom weiterhin geblüht, und es wären rund ums östliche Mittelmeer eine Reihe von Völkern entstanden, deren Sprachen sich alle aus dem klassischen Griechisch gebildet hätten. Wir würden sie vielleicht hellenisch nennen, so wie wir die Sprachen auf dem Gebiet Westroms romanisch nennen, weil sie sich aus dem Lateinischen Roms gebildet haben. So aber haben zuerst die Araber und dann die Türken das griechische Sprachgebiet so weit zurückgedrängt, dass es praktisch auf das heutige griechische Staatsgebiet beschränkt ist. Sogar die ehrwürdige alte Hauptstadt Konstantinopel zählt heute kaum noch 2000 Griechen. 1919 waren es noch 350.000, fast ein Drittel der damaligen Einwohnerzahl.

 

8. April 1990.

Heute betreten wir das „Land der Griechen“, das Land der Philosophie, der politischen Visionen, des gewaltigen Bühnendramas. Das Land Homers. Und siehe da, es präsentiert sich unseren faszinierten Augen in seinem allerschönsten Kleid, dem Kleid des Frühlings, für den die heutigen Griechen das schöne Wort „Eröffnung“ haben.

Wir betreten das „Land der Griechen“, und uns empfangen die Aufschriften in der altehrwürdigen griechischen Schrift, der Mutter der kyrillischen und der lateinischen Schrift. Natürlich hat sich das Griechische wie jede andere Sprache im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt, sprich, verändert. Nur, eine Rechtschreibreform hat man wie im Englischen nie durchgeführt. Man schreibt also heute noch wie vor 2000 Jahren, spricht die Buchstaben aber zum Teil anders aus. Was bei der Transkription griechischer Namen in lateinische Buchstaben ein gewaltiges Problem darstellt, zumal auch diese in den verschiedenen Sprachen zum Teil verschieden ausgesprochen werden. Denken Sie zum Beispiel daran, wie TH und Z im Englischen ausgesprochen werden. Nebenbei: Genauso werden TH und Z im heutigen Griechisch ausgesprochen. Das können wir übrigens gleich üben, nämlich mit dem Namen unseres heutigen Tagesziels: Thessaloniki, gegründet 315 vor Christus vom makedonischen König Kassandros und nach dessen Gemahlin Thessalonike, einer Schwester Alexanders des Großen, benannt (die ihrerseits so hieß, weil sie am Tag des makedonischen Sieges über Thessalien in der Schlacht auf dem Krokusfeld 352 vor Christus geboren wurde). Aber das Schluss-E in Thessalonike ist ein Eta, ein langes E. Und Eta wird heute eben wie I ausgesprochen. Desgleichen EI, OI und Y. Und noch etwas: H wird wie in vielen anderen Sprachen nicht ausgesprochen. Die Griechen sagen also nicht Hellas, sondern Ellas.

Thessaloniki erreichen wir gegen Abend. Zugleich erreichen wir das Meer, die Ägäis, den innersten Zipfel des Thermaischen Golfs. Eine ausführliche Besichtigung geht sich heute nicht mehr aus, nur noch eine Stadtrundfahrt mit Fotostopps, zu denen uns einige besonders fotogene Plätzchen verlocken: der Weiße Turm (15. oder 16. Jahrhundert), das Wahrzeichen Thessalonikis auf der ausnehmend hübschen Strandpromenade, sodann die mittelalterliche Zitadelle hoch über der Stadt an der Stelle der antiken Akropolis und die spätantiken Stadtmauern. Und da wir dabei an einer idyllisch gelegenen Taverne mit blütenreichem Gastgarten vorbeikommen, legen wir hier eine Rastpause ein, um uns in geschichtsträchtiger Atmosphäre auf Griechenland einzustimmen.

Plötzlich hört man einen heftigen Wortwechsel zwischen einem meiner Herren und dem Kellner. Natürlich springe ich sofort auf, um zu vermitteln. Und da beschwert sich der Kellner, der Herr habe „Turkish coffee“ verlangt. So einen Kaffee gebe es in ganz Griechenland nicht, und überhaupt sei alles Türkische ein rotes Tuch für die Griechen. Durch ausdrückliche Entschuldigung gelingt es mir, die Wogen zu glätten und ihn zu veranlassen, dem Herrn „Ellinikó kafé“, „Griechischen Kaffee“, zu bringen. Und dem Herrn erkläre ich: „Natürlich ist das türkischer Mokka. Aber nennen Sie ihn um aller Götter willen nie wieder türkisch. Früher sagte man auch in Griechenland Turkikó kafé“. Aber seit der türkischen Invasion auf Zypern und der Teilung der Insel 1974 ist die Abneigung gegen alles Türkische so stark, dass seither krampfhaft versucht wird, die griechische Sprache, vor allem Orts- und Familiennamen, quasi zu enttürkifizieren. So hieß einer der zwei Jachthäfen im Piräus früher Turkolimáno. Auf den neuen Karten heißt er Mikrolimáno, Kleiner Hafen. Ein Sprachforscher hat kürzlich über 1000 Wörter türkischen Ursprungs im Griechischen ausgemacht.

Bald sehen alle, wie griechischer Kaffee serviert wird: in einem langstieligen Kupferkännchen, aus dem er in eine Porzellantasse gegossen und eventuell mit Zucker gesüßt wird. Touristen wird gelegentlich Milch angeboten. Die Griechen trinken den Kaffee normalerweise skéto, das heißt, ohne Zusatz, also schwarz.

Schließlich steuern wir unser heutiges Hotel an. Und siehe da, hier erwartet uns eine attraktive junge Fremdenführerin, die sich als Paraskeví vorstellt.

 

9. April 1990.

Aus der Zeit der griechischen Klassik, sprich, aus dem 5. und 4. Jahrhundert vor Christus, besitzt Thessaloniki naturgemäß keine Überreste. Auch die Spuren aus der hellenistischen Zeit nach der Gründung sind verschwindend gering. Besser dokumentiert ist die römische Kaiserzeit, vor allem durch die teilweise ausgegrabene Agora (Forum) genau in der Mitte der von den Stadtmauern umschlossenen Altstadt.

Als Erstes zeigt uns Paraskeví zwei spätantike Baudenkmäler aus dem Beginn des 4. Jahrhundert: den Galerius-Bogen und die sogenannte Rotunde. Der mit historisch interessanten, aber wenig qualitätvollen Reliefs verzierte Galerius-Bogen ist der Rest eines Triumphbogens zu Ehren des Kaisers Galerius, der hier zeitweise residierte. Die ursprünglich durch einen Säulengang mit dem Bogen verbundene Rotunde wurde wahrscheinlich als Mausoleum für Galerius errichtet und gegen Ende des 4. Jahrhundert als Kirche zu Ehren des heiligen Georg adaptiert. Damals wurde sie mit einem herrlichen, teilweise erhaltenen Goldmosaikschmuck ausgestattet. Leider haben die Türken sie in eine Moschee umgewandelt und dabei rund um die Kuppel einen ausgesprochen hässlichen Aufbau angefügt, in dem die Kuppel verschwindet und der die Rotunde von außen wie einen Gasometer aussehen lässt.

Bevor wir die Rotunde verlassen, glaube ich zu Paraskevís Ausführungen etwas hinzufügen zu müssen. Der Durchmesser der Kuppel, sage ich, beträgt über 24 m und war damit zur Zeit der Erbauung die weltgrößte Ziegelkuppel.

Aber das Pantheon in Rom“, wirft eine der Damen ein. „Das ist doch viel größer und fast 200 Jahre älter.“

Richtig. Seine Kuppel misst über 43 m im Durchmesser, besteht aber aus Beton. Sie ist bis heute die größte unbewehrte Betonkuppel der Welt.“

Thessaloniki ist reich an frühchristlichen und byzantinischen Kirchen. Als Erste zeigt uns Paraskeví die Kirche Hagia (sprich: Ajia) Paraskeví, eine edle frühchristliche Säulenbasilika, die zwar ihren Bilderschmuck verloren hat, aber die Architektur des 4. oder 5. Jahrhunderts rein bewahrt hat.

Sie ist wohl der Heiligen geweiht, nach der du benannt bist“, sage ich zu Paraskeví.

O nein“, sagt sie. „Geweiht ist die Kirche der Panagia Acheiropoietos (Panajía Achiropíitos), d. h. der nicht von menschlicher Hand gemachten Ganzheiligen, der Muttergottes, also einer Ikone, die vom Himmel gefallen ist. Und warum sie Hagia Paraskeví heißt? Du weißt doch, Paraskeví bedeutet Freitag, und das ist einfach die Übersetzung des früheren Namens Freitagsmoschee. Ich selber heiße nach der heiligen Paraskeví von Rom, einer Märtyrerin des 2. Jahrhunderts. Und die wurde so genannt, weil sie an einem Freitag geboren wurde.“

Hier sehen wir zum ersten Mal etwas für orthodoxe Kirchen Charakteristisches: eine goldene Ikonostase (griechisch: Eikonostásion, Bilderständer, oder Templon), die den Altarraum zur Gänze abschließt, sodass die Gläubigen den Priester zwar hören, aber nicht sehen können, außer bei bestimmten Zeremonien, während deren die sogenannte Königliche Tür in der Mitte der Ikonostase geöffnet wird.

In der Nähe befindet sich die wunderschöne Hagia Sophia aus dem 8. Jahrhundert, eine byzantinische Kreuzkuppelkirche, freilich nicht zu vergleichen mit der berühmten Hagia Sophia in Istanbul.

Und der heiligen Sophia geweiht, ja?“, fragt eine Dame, die selbst Sophia heißt.

Nein“, erwidert Paraskeví. „Sophia bedeutet ja Weisheit. Gemeint ist die personifizierte göttliche Weisheit.  Manche identifizieren sie mit dem Heiligen Geist, andere sehen darin die weibliche Seite Gottes.“

Zuletzt zeigt uns Paraskeví noch die große, prachtvolle frühchristliche Säulenbasilika des Stadtheiligen Demetrios (Dimitrios), der in den Heizgewölben der römischen Thermen, sprich, des öffentlichen Badepalastes, an dessen Stelle später zu seinem Gedenken die Kirche errichtet wurde, das Martyrium erlitten haben soll. Leider ist das, was man heute sehen kann, nur eine Rekonstruktion nach dem verheerenden Brand, der 1917 das gesamte südliche Stadtzentrum vernichtete. Aus demselben Grund bietet Thessaloniki heute ein ausgesprochen modernes und vornehmes Bild.

Aber schon nötigt uns das Reiseprogramm, Thessaloniki zu verlassen und auf der Schnellstraße 1 den Weg nach Süden einzuschlagen. Zunächst zwar durchqueren wir ein ausgedehntes Schwemmland, das in der Antike eine tiefe Meeresbucht war und im Laufe der Jahrhunderte durch die Ablagerungen mehrerer großer Flüsse, die wir überqueren, aufgefüllt wurde. Die zwei größten Flüsse, die wir da überqueren, gehören zu den längsten Flüssen Griechenlands: der Axios oder Vardaris und der Haliakmon (Haliakmonas) oder Bistritsa.

Bitte, wieso diese Doppelnamen?“

Das“, antworte ich, „gehört zum Thema Wiederbelebung des klassischen Hellenentums, wie sie die siegreichen Führer des Freiheitskampfes gegen die Türken betrieben. Wiederbelebt wurde eben auch die Sprache der alten Griechen. Nun war das über viele Jahrhunderte gesprochene Altgriechische keineswegs einheitlich. Man wählte als Ideal die Koiné, die Gemeinsame Sprache des Hellenismus, in der zum Beispiel das Neue Testament verfasst ist. Darum gibt es genaugenommen zwei neugriechische Sprachen, die Volkssprache (Dimotikí) und die Reinsprache (Katharevusa). Also: Haliakmon ist Katharevusa, Haliakmonas ist Dimotikí. Diese Kreation einer sogenannten Reinsprache war aber nur ein Teil eines viel umfassenderen Vorgangs. Im Laufe der historischen Umwälzungen hatten zahllose Orte, Fluren und Flüsse fremde Namen bekommen. Seit der Geburt des neuen Griechenland ist man daher bemüht, diese durch die antiken Namen zu ersetzen. Und so bekam der Vardaris wieder seinen antiken Namen Axios, und aus der Bistritsa wurde wieder Haliakmon.“

 

 

Nachdem wir diesen Fluss als letzten überquert haben, kommt immer wieder die Küste in Sicht. Und wir stellen fest, dass sie auf weite Strecken ein einziges Badeparadies ist. Wir durchfahren hier, sage ich, den antiken und modernen Bezirk Pieria, die südlichste Region Makedoniens. Und das ist deshalb interessant, weil sie als eines der Heimatländer der 9 Musen galt. Diese heißen darum bei den Dichtern gern die Pieriden. Der Dichter Hesiod, er lebte um 700 vor Christus und gehört zusammen mit Homer (9. oder 8. Jahrhundert vor Christus) zur Morgenröte der europäischen Literatur, beginnt sein Epos „Werke und Tage“ mit den Worten: „Musen, die ihr in Liedern Ruhm verleiht, kommt her aus Pieria“ usw.

Allmählich taucht im Dunst vor uns ein schneebedeckter Berg auf, der uns bald zu einem Fotostopp zwingt. Er ist nicht nur die höchste Erhebung Griechenlands (knapp 3000 m hoch), sondern auch der Berg der Götter, wo der Göttervater Zeus und die übrigen Olympier in ewiger Glückseligkeit leben und sich am Gesang und Tanz der Musen unter Führung Apollons, des „Musenführers“, erfreuen: der Olymp (Olympos), ein Massiv mit 6 Hauptgipfeln und zahlreichen Nebengipfeln.

An den eigentlichen oder Hohen Olymp schließt sich nach Süden zu der Niedere Olymp an. Während wir uns diesem, stets entlang endloser weißer Sandstrände, nähern, wird auf einem Hügel vor uns eine Burg sichtbar. Es ist die Kreuzfahrerburg Platamon (Platamonas), errichtet von den Kreuzfahrern des 4. Kreuzzugs nach der Eroberung Konstantinopels und der Errichtung des Lateinischen Kaiserreiches 1204 – und wozu? Das merken wir sogleich. Denn nur wenig später biegen Straße und Bahn von der Küste ins Landesinnere ab und zwängen sich in eine Schlucht, durch die seit alters der Verkehr vom und in den Süden ging. Ihn sollte also die Burg überwachen. Übrigens, sagt Paraskeví, verläuft genau hier die Grenze zwischen Makedonien und Thessalien. Und da Makedonien bis 1912 noch türkisch besetzt war, verlief bis damals genau hier die Grenze zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich.

Diese enge und ob ihrer Schönheit schon in der Antike hochberühmte Schlucht heißt Tempe (heutige Aussprache: Tembi) und trennt den Olymp im Norden und das Ossa-Gebirge im Süden. Es ist das Durchbruchstal des Hauptflusses von Thessalien, des Peneios (Pinios), und ein beliebtes Ausflugsziel.

Nun sind wir also in Thessalien und sehen vor uns eine ausgedehnte, fruchtbare Ebene. Bald verlassen wir die Schnellstraße, durchqueren ohne Aufenthalt Thessaliens Hauptstadt Larissa oder Larisa (beide Schreibweisen sind seit der Antike gebräuchlich) und folgen dem Peneios in Richtung Westen. Nachdem wir die Stadt Trikala (antik: Trikka) passiert haben, tauchen im Westen bereits die Berge des Pindos-Gebirges auf. Und bald danach erhebt sich vor uns ein ganzes Geschwader an „Himmelssäulen“, bis zu 400 m hoch, bestehend aus glattem, senkrechtem, sogar überhängendem Fels, eine geologische Formation wie aus einem Fantasyfilm. Und Wunder über Wunder: Wie jede Säule mit einem Kapitell gekrönt ist, sind diese Felssäulen vor uns mit menschlichen Bauwerken gekrönt, die nur die Hand eines Engels dorthin gesetzt haben kann. Es sind die weltberühmten Meteora-Klöster. Meteoros, sage ich, bedeutet „im Himmel schwebend“. Es sind also „die im Himmel schwebenden Klöster“.

Wir durchqueren die Stadt Kalambaka (antik: Aiginion). Bald danach zwängen wir uns gewissermaßen zwischen senkrechten Felswänden in eine Schlucht. Die Straße steigt steil an, und schließlich halten wir auf einem Parkplatz vor dem größten und ältesten aller Meteora-Klöster. Trotzdem müssen wir zuerst auf einer Treppe bis zu einer Art Passhöhe hinunter- und dann auf einer langen Treppe noch weiter hinaufsteigen, um das Kloster zu erreichen. Es besteht aus einer unregelmäßigen Ansammlung von Sakral-, Wirtschafts- und Wohngebäuden, zum Teil nur noch Ruinen, die das Bergplateau der „Himmelssäule“ bis zum Rand ausfüllen. Hinzu kommt ein Windenturm, der laut Paraskeví noch immer in Gebrauch ist, freilich nur noch für Brennholz. Dieses Kloster, erklärt sie, nennt man allgemein das „Große Meteoron“. Aber sein eigentlicher Name ist Metamorphosis („Verwandlung, Verklärung Christi“).

Nach einem hochinteressanten Rundgang betreten wir die Kirche und staunen über das hier herrschende religiöse Dunkel. Als Erstes fällt uns die reich vergoldete Ikonostase auf, danach die herrlichen Fresken, die die Wände zur Gänze bedecken. Paraskeví erklärt sie uns der Reihe nach, beginnend mit dem wichtigsten Fresko an der wichtigsten Stelle, der Kuppel, dem Symbol des Himmelsgewölbes, mit einem bärtigen, abweisenden Christus Pantokrator („Allmächtiger“) im Zentrum, und erzählt uns über Geschichte und Bedeutung der Meteora-Klöster. Ihre Zahl soll einst 24 betragen haben. Urkundlich lassen sich 13 nachweisen. Bewohnt werden heute nur noch 7. Und auch in diesen 7 sieht man nicht mehr allzu viele Mönche. Seit die Touristen hierher strömen, ist den meisten der Trubel zu groß geworden, und sie haben sich auf den heiligen Berg Athos zurückgezogen.

Frage: Wieso haben sich die Klostergründer ausgerechnet so unwegsame und gefährliche Orte ausgesucht? Und wie konnten sie von hier aus Bildung und Kultur verbreiten?“

Paraskeví: Das war nie die Absicht der orthodoxen Mönche. Ihr Ideal war stets die Weltflucht, d. h. sich in völliger Zurückgezogenheit von der Welt einem gottgeweihten Leben hinzugeben. Zugleich war man hier vor feindlichen Angriffen und Plünderungen geschützt.

2 weitere Klöster zeigt uns Paraskeví: das Stephanos-Kloster, das uns eine atemberaubende Aussicht auf das ganze Peneios-Tal gewährt, und das Nikolaos-Kloster mit seinen prachtvollen Fresken. Am meisten fasziniert meine Leute die Darstellung eines (penislosen) Adam, vor dem viele Tiere versammelt sind, darunter ein sanft blickender Löwe, ein Äffchen auf dem Rücken eines Elefanten, ein krähender Hahn, aber auch ein geflügelter Drache; und zwischen ihnen und Adam liest man die Worte aus der Genesis (2,20): „Adam gab Namen allen Haustieren und allen Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.“

Zurück in Trikala, zweigen wir nach Südosten ab und kommen an Pharsala vorbei. Diese Stadt, sage ich, hieß in der Antike Pharsalos, lateinisch Pharsalus, berühmt durch die Schlacht von Pharsalus zwischen Caesar und Pompeius im Jahre 48 vor Christus Auf dem knapp 800 m hohen Pass Stena Phurkas („Furkapass“) überqueren wir das Othrys-Gebirge. Hier verlassen wir Thessalien und betreten die Phthiotis (Phthiotida).

Homerkenner, sage ich, werden, wenn sie Phthiotis hören, sicherlich sofort an Achilleus, den tapfersten Helden vor Troja, denken. Denn als seine Heimat nennt Homer Phthia. Und diese sehen wir jetzt tief unter uns: ein breites Tal zwischen hohen Bergen. Die mächtige Gebirgsmauer gegenüber heißt Oite (heutige Aussprache: Iti, lateinisch: Oeta). Der Fluss, der dieses Tal durchströmt, heißt Spercheios und mündet in den Malischen Golf, der tief ins Festland einschneidet.

Bald danach erkennen wir unter uns, nur einen Katzensprung vom innersten Winkel des Malischen Golfs entfernt, Lamia, die Hauptstadt der Phthiotis. Dies ist zwar unser Tagesziel. Aber jetzt durchqueren wir es nur, um zuvor einen der berühmtesten Orte der Weltgeschichte, die Thermopylen, zu besuchen.

Man spricht immer vom Thermopylenpass. Deshalb sind unsere Leute einigermaßen verblüfft, als sie an einer Stelle aussteigen sollen, die nicht im Geringsten wie ein Pass aussieht. Wir stehen am Rande einer weiten Ebene, die genau hier an einem steilen Berghang endet, vor einem modernen Denkmal mit der Bronzestatue eines nackten Kriegers. Im 5. Jahrhundert vor Christus, sage ich, war diese Ebene noch Meer. Der Spercheios hat durch seine Ablagerungen die Küstenlinie bis zu 7 km vorgeschoben. Von Pass kann also heute keine Rede mehr sein. Laut Herodot, der in seinem Geschichtswerk alles mit größter Präzision beschreibt, war hier der Zwischenraum zwischen Meer und dem Nordhang des Kallidromon-Gebirges an 2 Stellen so schmal, dass „nur eine einzige Fahrspur“ zur Verfügung stand (7,176). Dazwischen war die Passage etwas breiter, aber immer noch schmal genug. Und dabei war das der einzige für Truppenbewegungen brauchbare Durchgang in die südlicheren Regionen Griechenlands. Als nun der Perserkönig Xerxes 480 vor Christus Griechenland mit einem riesigen Aufgebot angriff, postierte sich Leonidas, der König von Sparta, mit ca. 7000 Mann genau hier. 2 Tage lang wurden die hoffnungslos überlegenen Feinde zurückgeschlagen. Xerxes war fassungslos. In der Nacht zum dritten Tag erbot sich ein Einheimischer namens Ephialtes, die Perser auf einem Hirtenpfad übers Gebirge in den Rücken der Griechen zu führen. Als Leonidas von dem Umgehungsmanöver erfuhr, ordnete er den Rückzug seiner Truppen an, um unnötige Verluste zu vermeiden. Für die 300 Spartaner aber gab es nur eine Losung: ausharren bis zum letzten Mann. Und sie fielen auch bis zum letzten Mann. Dieser Kampf an den Thermopylen blieb berühmt bis heute. Über sie schrieb der Dichter Simonides unsterbliche Verse, die auf einem Denkmal am Ort ihres Todes eingemeißelt wurden. Jetzt lesen wir sie auf einer Steinplatte inmitten eines flachen Steinkreises. Sie kennen sie alle in Schillers Übersetzung: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest / Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ Jenseits der Straße sehen Sie das große Denkmal mit der Bronzestatue des speerschleudernden Leonidas. Zur gleichen Zeit fand am nahegelegenen Kap Artemision, der Nordspitze der Insel Euböa, eine Seeschlacht zwischen der persischen und griechischen Flotte statt. Als die Griechen vom Schicksal der Spartaner erfuhren, zogen sie sich zurück. Damit war für Xerxes der Weg nach Athen frei.

Hierauf verlocke ich unsere Leute zu einem kleinen Spaziergang. Er führt uns an einen Bach, und schon von weitem erkennt man an den daraus aufsteigenden Dampfwolken, dass er heißes Wasser führt. Ja, sage ich, der Name Thermopylen, griechisch Thermopylai, bedeutet „heiße Tore“. Hören Sie, was Herodot an der vorhin genannten Stelle schreibt: „In diesem Pass gibt es heiße Bäder, die die Einheimischen Kochtöpfe nennen.“ Die meisten übersetzen hier „heiße Quellen“, denn das sind sie wirklich. Aber Herodot schreibt nun einmal „heiße Bäder“. Und sehen Sie, da badet tatsächlich einer. Hier ist der Bach zu einem kleinen Badeteich aufgestaut worden. Hätten wir mehr Zeit, könnten wir uns auch hineinsetzen und relaxen. Oder uns von dem künstlichen Wasserfall massieren lassen, der den Teich speist.

Aber wie das stinkt“, ruft unser Jüngster aus und rümpft die Nase. „Wie faule Eier.“

Klar, sage ich. Infolge des hohen Schwefelgehalts soll das Wasser gut gegen Hautprobleme sein. Diese Quellen waren schon in der Antike zum Baden hergerichtet. Im 2. Jahrhundert errichtete Herodes Atticus, den wir in Athen genauer kennenlernen werden, hier eine große Badeanstalt mit Hotel und Restaurant.

 

10. April 1990.

Wir setzen die Fahrt in den Süden fort. Zunächst überqueren wir einen ca. 700 m hohen Pass, der das Oite- und das Kallidromon-Gebirge verbindet und erleben dabei etwas eher Seltenes in Griechenland: einen ausgedehnten Tannenwald. Wir verlassen die Phthiotis und sind nun in Phokis (Phokida). Wir durchqueren ein weiteres breites Tal. Und was ist das für ein mächtiges Bergmassiv, das so imposant vor uns aufragt? Das, meine Lieben, ist der berühmteste Berg von ganz Griechenland nach dem Olymp: der Parnass (Parnassos). Und warum ist er so berühmt? Weil an seinem Südhang unser nächstes Ziel liegt: Delphi, der „Nabel der Welt“, dessen religiöse und moralische Ausstrahlung auf die gesamte griechische Welt unermesslich war. Sie wirkte bis Zentralasien, ins 5000 km entfernte Baktrien, das durch Alexander den Großen zu einem blühenden Vorposten der griechischen Kultur geworden war (und durch die sogenannte gräko-buddhistische Kunst die buddhistische Kunst bis heute geprägt hat).

Wir überqueren einen weiteren, 850 m hohen Pass, der den Parnass von den westlichen Bergen abgrenzt, durchqueren die Stadt Amphissa und erreichen damit den scheinbar grenzenlosen Olivenhain von Amphissa, der die ganze nach der Stadt Krisa (so bei Homer, später Kirra) benannte Krisäische (Kirräische) Ebene ausfüllt; und diese reicht bis ans Meer, bis an den Golf von Korinth. 5 km davor biegt Hansi nach Osten ab. Die Straße steigt wieder an, bis in 570 m Höhe ein Ortsschild auftaucht mit den Aufschriften „Delphoí“ (in griechischen Buchstaben) und darunter „Delfi“ (in lateinischen Buchstaben). Wir durchqueren ein am Berghang klebendes Städtchen, umrunden einen Bergriegel, und da kommen vor uns in einer steilen Senke, die sich zwischen hohen Felswänden öffnet, die Überreste des berühmtesten Orakelheiligtums der Griechen in Sicht. Es sind zwar traurige Überreste, sage ich, im Vergleich zum ursprünglichen Zustand und zur Überfülle an kostbarsten Schätzen, von denen uns die antiken Autoren berichten. Aber zumindest sehen wir jetzt zum ersten Mal auf dieser Reise klassische Säulen, wenn auch sämtlich wiederaufgerichtet. Die Säule gilt ja als Inbegriff griechischer Architektur.

Paraskeví besorgt die Eintrittskarten, versammelt uns auf der säulengeschmückten römischen Agora vor dem antiken Haupteingang und erzählt uns, unter anderem, über die Ausgrabungen. Hier, sagt sie, stand seit dem Mittelalter ein Dorf namens Kastri, in dem zahlreiche antike Bauteile verbaut waren. Wiederentdeckt wurde Delphi im 19. Jahrhundert Aber erst, nachdem die Bewohner von Kastri in den modernen Ort umgesiedelt worden waren, konnten die Ausgrabungen beginnen, wobei die „Beschreibung Griechenlands“ von Pausanias aus dem 2. Jahrhundert eine unschätzbare Hilfe darstellte. Übrigens ist all das, was wir jetzt sehen werden, nicht die antike Wohnstadt, diese ist noch gar nicht ausgegraben, sondern der heilige Bezirk des Apollon. Dazu schreibt Pausanias (10,8,10): „Die Stadt Delphi zeigt in ihrer gesamten Ausdehnung eine steil ansteigende Lage, ebenso der heilige Bezirk des Apollon. Dieser ist groß an Ausdehnung und liegt zuoberst in der Stadt.“

Eine dramatische Landschaft“, höre ich eine Dame murmeln. „Und tief unter uns der Olivenhain und das Meer. Und dahinter, am Horizont, die schneebedeckten Berge der Peloponnes. Hier hat man ein Gefühl, als ob die Gottheit nahe wär.“

Wir betreten die Heilige Straße, die, versehen mit ihrem originalen Pflaster und gesäumt vor allem von einer Reihe von Schatzhäusern in der Form kleiner Tempel, in Serpentinen bergan führt. In ihnen, sagt Paraskeví, haben die einzelnen griechischen Stadtstaaten die kostbarsten Weihgeschenke aufbewahrt. Viele andere Weihgeschenke standen im Freien. Das berichtet uns Pausanias, der sie nicht nur in aller Ausführlichkeit aufzählt, sondern auch erklärt, von wem und aus welchem Anlass sie geweiht wurden. Von ca. 600 vor Christus an äußerte sich die Frömmigkeit der Stadtstaaten und Privatpersonen in einer Überfülle an Tempeln, Schatzhäusern, Statuen usw. Doch um 200 vor Christus verarmte Delphi plötzlich. Und so blieb es bis zum Ende des Heidentums.

Von den Schatzhäusern ist wenig mehr zu sehen als der Unterbau. Denn leider luden sie in Zeiten, in denen einem neuen Gott geopfert wurde, dazu ein, ihre Schätze zu rauben und ihre Mauerquadern als Baumaterial für Wohnhäuser und Kirchen zu verwenden. Ein einziges Schatzhaus konnte weitgehend wiederaufgebaut werden: das der Athener nach der Spitzkehre der Heiligen Straße. Von hier aus sehen wir das Herzstück des heiligen Bezirks schon nahe vor und über uns, nämlich eine gewaltige Stützmauer, überragt von 6 Säulen. Diese Stützmauer aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, sagt Paraskeví, ist ein Kunstwerk sui generis. Schauen Sie: Sie besteht aus großen, polygonalen „Quadern“ mit kurvigen Fugen, gefügt mit größter Präzision, aber ohne Mörtel. Das muss einen unglaublichen Aufwand an Arbeit und Kosten bedeutet haben. Aber gelohnt hat er sich. Sie ist praktisch noch immer wie neu, trotz Erdbeben und Bergstürzen, und vollkommen glatt. Kommen Sie näher. Die ganze Mauer ist über und über mit Inschriften bedeckt, gegen 1000 an der Zahl. Es ist ein ganzes Archiv von Urkunden und Dekreten, von unschätzbarem Wert für die Geschichte Delphis. Zum großen Teil handelt es sich um Freilassungsurkunden für Sklaven.

Jetzt werden Sie aber fragen, was machen denn die 3 hohen Säulen davor? 7 waren es ursprünglich. Nun, das war die „Halle der Athener“, bestehend aus einem von 7 ionischen Säulen getragenen Dach über einem dreistufigen Stylobat, errichtet bald nach den Perserkriegen. Und schauen Sie sich die oberste Stufe an. Hier steht in großen Buchstaben eingemeißelt: „Die Athener weihten die Halle (Stoa) und die Waffen und die Akroterien, nachdem sie sie von den Feinden erbeutet hatten.“ Besagte Feinde waren die Perser. Nun, das Ganze wäre nicht viel mehr als ein offener Schuppen, wäre es nicht von dem Charme der frühklassischen Marmorsäulen geadelt. Man möchte kaum glauben, dass dieser frühklassische Bautyp später vom Hellenismus zum mächtigsten Instrument für die Gestaltung riesiger Freiräume ausgebaut und von den Römern zum Grundelement der Basilika erhoben wurde.

Schließlich stehen wir staunend vor den 6 zum Teil wiederaufgerichteten dorischen Säulen des Apollontempels und können kaum glauben, dass von dieser berühmten Orakelstätte so wenig erhalten geblieben sein soll. Sie kennen ja alle, sage ich, die Ingredienzien des delphischen Orakels: die Pythia, den Dreifuß, die Felsspalte, die inspirierenden Dämpfe. Nur, die Ausgräber konnten weder eine Felsspalte noch Dämpfe entdecken. Zwar wurde zum Thema Delphi und Orakel schon in der Antike irrsinnig viel geschrieben. Gesicherte Erkenntnisse gibt es trotzdem nicht. Wir wüssten gern mehr, als die antiken Schriftquellen uns verraten.

Sobald wir den Tempel zur Genüge besichtigt haben, steigen wir auf einem Treppenweg in das wohlerhaltene kleine Theater empor. Ob die antiken Zuschauer auch so ins Schwärmen gerieten, wenn sie sich hier niederließen, wie meine Leute? Das Panorama, das man von hier aus genießt, ist grandios.

Von hier führt uns ein Pfad in das noch höher gelegene besterhaltene griechische Stadion. Es diente als Laufbahn für die gymnischen, d. h. sportlichen Agone („Wettkämpfe“) bei den alle 4 Jahre stattfindenden Pythischen Spielen zu Ehren Apollons; Pytho ist ein anderer Name für Delphi. Im Gegensatz zu Olympia gehörten dazu auch die musischen Agone, die im Theater abgehalten wurden. Dort wetteiferten Musiker, Dichter und Gelehrte. Als Gott der Dichtkunst lebt der delphische Apollon weiter, und durch die römischen Dichter ist diese Vorstellung in die Weltliteratur eingegangen, auch die Bezeichnung des Parnass als Musenberg, ebenso die Siegerehrung mit einem Kranz aus Lorbeer, der ja dem Apollon heilig war (lateinisch Laurus, daher Baccalaureus, englisch Bachelor, „mit beerenreichem Lorbeer bekränzt).

Im Norden und im Osten wird das Apollonheiligtums von schroffen, zerrissenen Felswänden überragt. Man nannte sie die Phaidriaden („die Leuchtenden“). Ein besonders tiefer Riss durchzieht sie von oben nach unten ungefähr in ihrer Mitte. Dorthin wagen wir uns als Nächstes. Denn hier entspringt die Quelle Kastalia, deren Wasser bei diversen Kulthandlungen verwendet wurde. Wie ein großes Weihwasserbecken lag das Quellhaus vor dem heiligen Bezirk. Falls Sie schriftstellerische Ambitionen haben, sage ich lachend, so sollten Sie das Wasser trinken. Es verleiht nämlich dichterische Inspiration.

Damit ist aber unsere Besichtigung noch nicht zu Ende. Auf einer schmalen Terrasse unterhalb der Quelle Kastalia zeigt uns Paraskeví noch die Überreste eines ausgedehnten Gymnasions, komplett mit Duschen, Waschbecken und einem kreisrunden Badebecken. Gymnos, sage ich und errege damit einiges Gekicher, heißt „nackt“. Der gymnische Agon war also einer, den man nackt austrug, sprich, ein sportlicher Wettkampf, und das Gymnasion war die Stätte, an der man, natürlich ebenfalls nackt, trainierte.

Zwischenruf: „Aber wieso heißt dann eine höhere Schule Gymnasium?“

Nun, die Gymnasien waren zwar nach dem Sportunterricht benannt, weil sie ursprünglich nur diesem dienten. Aber seit der Hochklassik, d. h. seit etwa 400 vor Christus, wurden sie zusätzlich zu Stätten der höheren Bildung. Darum nannte man zur Zeit der Renaissance eine Lateinschule Gymnasium.

Wir spazieren den von Olivenbäumen gesäumten Pfad weiter und erreichen das Heiligtum der Athena mit dem Beinamen Pronaia („Tempelwächterin“). Hier findet sich inmitten der traurigen Überreste von Altären, Schatzhäusern und Tempeln das wohl meistfotografierte Denkmal Delphis, der zauberhafte Tholos (ca. 400 vor Christus), jener Rundbau mit den 3 wiederaufgerichteten dorischen Säulen und dem wundervollen Gebälk darüber. Sein Zweck ist unbekannt.

Wir spazieren zurück, vorbei an Kastalia, vorbei am Apollonheiligtum. Ein wichtiger Punkt fehlt noch: das Museum. Es ist eines der größten in Griechenland. Und dabei stammen die Sammlungen ausschließlich aus Delphi, zeitlich vorwiegend aus der Archaik (7.-6. Jahrhundert vor Christus) und der Klassik (5.-4. Jahrhundert vor Christus); die darauffolgenden Epochen sind Hellenismus und Römerzeit. Trotz der um sich greifenden Müdigkeit steigt die Begeisterung meiner Leute in ungeahnte Höhen, als wir zuletzt den Saal mit dem größten Schatz dieses Museums betreten, dem berühmten bronzenen Wagenlenker aus der frühen Klassik. Er ist nicht nur einfach schön in seiner edlen, ausdrucksvollen Schlichtheit, sagt Paraskeví. Beachten Sie im Besonderen die aus farbigem Stein eingelegten Augen, die zarten Wimpern, die ausdrucksvolle rechte Hand (den linken Arm sehen Sie in einer Seitenvitrine), die lebensnahen Füße und, von allen Seiten, die realistische Zeichnung der Haare mit der Siegerbinde, speziell die gekräuselten Seitenhaare. Zudem ist er als Bronzestatue eine große Seltenheit. Bronzestatuen müssen mindestens ebenso häufig gewesen sein wie Marmorstatuen. Nur konnten sie in Zeiten, denen das Material wichtiger war als das Kunstwerk, leicht eingeschmolzen und umgeschmiedet werden, zum Beispiel zu Waffen.

Ab Delphi steigt die Straße weiter an bis zu einer fast 1000 m hohen Passhöhe, auf der uns das Dorf Arachova (slawisch: „Nussbaumort“) empfängt und nicht nur gastlich bewirtet, sondern auch zum Kauf von handgewebten, flauschigen Flokati-Teppichen einlädt. Von hier aus, erklärt Paraskeví lachend, könnten wir in die Gipfelregion des Parnass hinauffahren, um die Musen oder Apollon zu besuchen und um Ski zu fahren. 3 Skizentren machen das Massiv zum größten Skigebiet Griechenlands.

Wohlgesättigt fahren wir weiter gen Osten, zweigen aber bald nach Süden ab, um eine weitere Perle Griechenlands kennenzulernen, diesmal aus dem Mittelalter. Wir durchfahren Distomo(n), einen Ort, der durch ein Kriegsverbrechen im 2. Weltkrieg traurige Berühmtheit erlangt hat: das Massaker von Distomo, bei dem die SS alle 218 Bewohner ermordete. Wenige Kilometer weiter erwartet uns in einer stillen Landschaft voller Olivenbäume das Kloster Hosios Lukas („Seliger Lukas“), geweiht nicht dem Evangelisten, das wäre Hagios (Ajios) Lukas („Heiliger Lukas“), sondern einem lokalen Eremiten des 10. Jahrhundert Die Hauptkirche des Klosters ist eine Kreuzkuppelkirche des 11. Jahrhundert mit herrlichen Mosaiken auf Goldgrund, für die Zeitgenossen ein Lehrbuch des Glaubens, für uns Heutige ein wahres Schatzhaus mittelbyzantinischer Kunst.

Während wir zurück zur Hauptstraße fahren, ergreife ich das Wort: Das Bergmassiv, das uns jetzt zu einem großen Umweg zwingt, ist der als Musenberg bekannte Helikon. An seinem Südrand lag Hesiods Heimatort Askra; seine genaue Lage ist unbekannt. Hesiod beginnt sein Epos „Theogonie“ („Göttergeburt“) mit seiner Weihe zum Dichter: Er habe, „seine Lämmer am Fuße des göttlichen Helikon weidend“, die olympischen Musen gesehen. „Sie inspirierten mich zu einem göttlichen Gesang, damit ich das Zukünftige und das Vergangene bekannt mache, und befahlen mir, das Geschlecht der glückseligen Unsterblichen zu preisen.“

Unterdessen haben wir Phokis verlassen und befinden uns nun in Böotien (griechisch: Boiotia, heutige Aussprache: Viotia, lateinisch: Boeotia). Nach einiger Zeit erreichen wir die malerisch zwischen Gebirge und Ebene gelegene Hauptstadt Böotiens, Libadeia (Livadia). In der Antike hieß die Stadt Lebadeia und war berühmt für das Orakel des Trophonios, dessen seltsamen und schauerlichen Ritus Pausanias (9,39) beschreibt.

Die Ebene, an deren Rand wir uns weiterhin in östlicher Richtung bewegen, war in der Antike ein großer, seichter See, der Kopaïs hieß und vor 100 Jahren trockengelegt wurde. Und so erreichen wir schließlich Theben (Thebai, heute zumeist in der Einzahl: Theba, ausgesprochen Thiva), eine Stadt mit großer Vergangenheit, mythischer Schauplatz vieler dramatischer Ereignisse, die die griechischen Tragödiendichter inspirierten. Denken Sie nur an „König Ödipus“ und „Antigone“ von Sophokles, die hier im „Siebentorigen Theben“, im Gegensatz zum „Hunderttorigen Theben“ Ägyptens, spielen und noch heute an den großen Bühnen der Welt aufgeführt werden.

Doch wir streifen Theben nur auf einer Umfahrungsstraße und fahren danach auf die Schnellstraße auf. Und ehe wir’s uns versehen, erhebt sich vor uns das dicht bewaldete Bergmassiv des Parnes (Parnis, Parnitha), der Böotien von Attika scheidet (und manchmal mit dem Parnass verwechselt wird). Und da fühle ich mich verpflichtet, zum Thema Attika und Athen einen kleinen Vortrag zu halten: Im Zusammenhang mit der grundlegenden Bedeutung Griechenlands für die Entstehung der europäischen Kultur spricht man gern vom griechischen Wunder. Mit einiger Berechtigung könnte man stattdessen vom athenischen Wunder sprechen. Die alten Griechen selbst nannten Athen „das Hellas von Hellas“ (zum Beispiel Thukydides in einem Gedicht, Anthologia Graeca 7,45). War es doch die Stadt eines Sokrates, eines Platon und vieler anderer, deren Bedeutung für die Geschichte der Zivilisation bis heute grundlegend ist. Dabei war Athen in dieser Hinsicht quasi ein Spätentwickler. Erst mit den Perserkriegen übernahm es die künstlerische und intellektuelle Führung innerhalb der griechischen Welt und erreichte darin im Perikleischen Zeitalter seinen unbestrittenen Zenit. Und wir wollen nicht vergessen, dass in Athen kurz vor Ausbruch der Perserkriege die damals revolutionäre Staatsform der Demokratia („Volksherrschaft“) entwickelt wurde. Der Staat Athen, griechisch gesprochen, die Polis Athen umfasste stets das ganze Land Attika. Die Beamten der Staatsführung wurden aus allen Ortschaften Attikas gewählt, der Rat setzte sich aus Bürgern, griechisch Politai, der ganzen Landschaft zusammen. Daran kann man leicht die Schwierigkeit erkennen, das Wort Polis, Mehrzahl Poleis, zu übersetzen. Es bedeutet Stadt und zugleich das von der Stadt politisch abhängige Land, egal, wie groß dieses ist. Der Staat Athen, also Attika, war ein relativ großer Stadtstaat. Geographisch gesehen, bildet er ein großes Dreieck, das halbinselförmig in die Ägäis ragt. Trotzdem liegt Athen ebenso wie Rom nicht am Meer, was vor Piratenüberfällen einen gewissen Schutz bot. Ein Wort noch zum Namen Athen. Wir haben ihn so wie viele andere griechische Namen dem Lateinischen entlehnt. Dort heißt er Athenae nach dem altgriechischen Athenai. Dies ist ein Mehrzahlwort (deshalb im Englischen Athens) und wird heute in der Reinsprache ausgesprochen Athinä. In der Volkssprache verwendet man wie im Fall von Theben die Einzahl Athena (Athina).

Es dämmert schon, als wir Athen erreichen und unser Hotel beziehen. Es liegt an einer wahrhaft göttlichen Straße. Denn sie ist der Stadtgöttin Athena geweiht: Athinás (2. Fall). Und wir gehen heute Abend noch aus, bis zum nahegelegenen Monastiraki-Platz am Rand der Plaka, der an den märchenhaft beleuchteten Nordhang der Akropolis geduckten malerischen, orientalisch angehauchten Altstadt. Hier speisen wir exzellent in einem volkstümlichen Restaurant und unternehmen danach noch einen kleinen Abendbummel rund um den Platz mit seinen 2 historischen Denkmälern: der türkischen Moschee und der mit korinthischen Säulen prächtig geschmückten Eingangsfront der römischen Hadriansbibliothek; hinzu kommt die 1895 eingeweihte Metrostation. Hier lockt das Shoppingvergnügen, zum Beispiel in den zahlreichen Kunst- und Antikenläden. Der Monastiraki-Platz zählt zu den wichtigsten „shopping districts“ Athens, und viele Geschäfte sind bis 23 Uhr geöffnet.

 

11. April 1990.

Der Vormittag ist einem Wunder der Kunst geweiht: der Akropolis („Oberstadt“), einem Tafelberg mit schroffen Abhängen außer auf der Westseite. Und hier, am westlichen Rand des Gipfelplateaus, empfangen den Besucher die säulenreichen Propyläen (Propylaia, „Eingangstor“), ein prächtiger, wie ein dorischer Tempel gestalteter Torbau. Er gleicht einem Hausherrn, der einen Gast mit ausgebreiteten Armen begrüßt. Denn ihm sind Seitenflügel angefügt, deren linker laut Pausanias (1,22,6ff.) die Pinakothek war, „ein Haus mit Gemälden“.

Während wir noch in den Propyläen stehen und staunen, dass die antike Prozessionsstraße im Inneren von schlanken ionischen Säulen gesäumt wird, leuchten uns von der höchsten Stelle des Gipfelplateaus bereits die dorischen Marmorsäulen des Parthenons (des „Jungfrauentempels“, nämlich der Jungfrau Athena, Athena Parthenos) entgegen. Und da staunen wir noch mehr. Denn natürlich kennen ihn schon alle aus Abbildungen. Aber wenn man ihn plötzlich so leibhaftig vor sich sieht, ist der Eindruck einfach überwältigend. Als Wesen des Parthenons, sage ich, während wir an seiner nördlichen Langseite vorbeipilgern, hat man stets die vollendete Harmonie des Ganzen betrachtet, die klare Proportionierung der einzelnen Glieder. Hier ist ein Bauwerk synthetisch in allen seinen Seiten durch eine einzige Proportion erfasst, durch mathematische Bindungen auf einen harmonischen Akkord gestimmt. Wir wissen, ergänzt Paraskeví, dass die Architekten des Parthenons, Iktinos und Kallikrates, über ihn ein theoretisches Werk verfasst haben. Wäre es uns erhalten, wüssten wir Authentisches über die Absicht dieser für uns nur am Bau selbst ablesbaren Beziehungen, zugleich wohl auch über eine geradezu unglaubliche Eigenheit des Parthenons. Und auf diese macht sie uns aufmerksam, sobald wir an der nächstgelegenen Ecke des hohen Unterbaus und des dreistufigen Stylobats angelangt sind (der, wie der Name sagt, die Säulen trägt). Sie lässt uns die Stufen anvisieren. Und siehe da, die Stufen sind gewölbt. Ihre Mitte ist höher als die Ecken. 11 cm beträgt die Differenz an der Langseite, 6 cm an den Fronten. Damit aber nicht genug. Diese Krümmung setzt sich nach oben durch den gesamten Bau fort. Alle vertikalen Glieder und Flächen sind nach innen geneigt, die mit einer leichten Schwellung, griechisch Entasis („Anspannung“) versehenen Säulen um 7 cm, die Ecksäulen sogar um 10 cm in diagonaler Richtung. Das Gebälk folgt der Neigung der Säulen, während sich das Geison, das vorspringende Kranzgesims, darüber leicht nach außen neigt. Nach innen neigen sich auch die Außenflächen der Cella-Längswände; nur ihre Innenseiten stehen senkrecht, sodass sich die Wände einseitig verjüngen. Diese mit unglaublicher Präzision und unermesslichem Arbeitsaufwand erreichten Feinheiten machen die sogenannte Kurvatur aus – ein Phänomen, das heutigen Ingenieuren, die die dazu erforderliche Exaktheit des Steinschnitts beurteilen können, stets unbegreiflich ist. In all diesen Kurven hat das plastische Wesen des griechischen Tempels seinen differenziertesten Ausdruck gefunden. Aus ihnen quillt die eigentümliche, nur unbewusst erfassbare Lebendigkeit des Tempels. Dazu trug natürlich auch der Ornament-, Skulpturen- und Farbenschmuck bei.

Farben?“, rufen mehrere meiner Leute überrascht aus.

Ich weiß, das steht in krassem Gegensatz zu den Erwartungen der meisten Menschen von griechischer Kunst, weil die Bemalung im Laufe der Jahrhunderte verblasst und nur mit wissenschaftlichen Methoden nachzuweisen ist. Ausnahmen sind extrem selten. Und das Vorherrschende war beim Tempel sicher der transparente Schmelz des Marmors. Stufen, Säulen, Wände, Architrave blieben unbemalt. Aber bestimmte Details, vor allem in der Dachzone, waren blau, rot oder golden getönt. Das Gleiche gilt für den Skulpturenschmuck. Und dieser war beim Parthenon nicht nur ungewöhnlich reich, sondern vor allem ungewöhnlich qualitätvoll, oder sagen wir einfach: ungewöhnlich schön. So wie der Parthenon der Höhepunkt der griechischen Architektur ist, sind seine Skulpturen der Höhepunkt der griechischen Bildhauerei. Jetzt suchen Sie natürlich vergeblich nach diesen Wundern der Plastik. Ja, sie erkennen einige wenige Metopen mit fast vollplastischen Figuren über den Säulen. Aber die sind stark verstümmelt. Und falls Sie mich fragen: Wer hat sie denn so verstümmelt?, so muss ich antworten: Die Christen in ihrer moralischen Entrüstung über deren heroische Nacktheit. Im Ostgiebel werden wir eine ebenfalls verstümmelte Liegefigur und einen in seiner Wahrhaftigkeit fast lebendigen Pferdekopf sehen. Goethe nannte ihn „einen der herrlichsten Reste der höchsten Kunstzeit“. Aber das sind nur Abgüsse von den Originalen. Was zum Großteil fehlt, ist der Figurenfries, der berühmte, schon in der Antike vielbewunderte Parthenonfries, der einst in einer Länge von fast 160 m am oberen Rand die gesamte Außenwand der Cella umzog, ein für einen Tempel einzigartiger Schmuck, offenbar nicht absichtlich verstümmelt, wohl weil die Figuren alle bekleidet sind. Er ist eines der berühmtesten Kunstwerke überhaupt und gilt als Höhepunkt der griechischen Reliefkunst. Aber nur ein kleiner Teil an der Westseite befindet sich noch am Tempel. Und wo ist der Rest, werden Sie jetzt fragen. Antwort: ein weiterer kleiner Teil nebenan im Akropolismuseum, der Großteil aber im Britischen Museum. Und dort sind sie ein Besuchermagnet.

In London?“, ruft eine Zuhörerin. „Wieso?“

Weil sie im Jahre 1801 ein gewisser Lord Elgin, damals britischer Botschafter im Osmanischen Reich, herausbrechen ließ und nach London überführte, ebenso die schönsten und besterhaltenen Metopen und Giebelskulpturen. Diese Freveltat löste eine riesige Welle der Empörung aus. Auf Initiative der Kulturministerin Melina Mercouri bemüht sich die griechische Regierung seit 1983 um Rückführung der Parthenonskulpturen.

Und ich: Plutarch (1.-2. Jahrhundert), bewundert in seiner Perikles-Biographie (13,1ff.) nicht nur die Schönheit der Bauwerke der Akropolis, sondern auch die Schnelligkeit, mit der man sie errichtete. Für den Parthenon wurde 447 der Grundstein gelegt, 438 konnte der Bau der Stadtgöttin übergeben werden, und 431 stand er mit seinem ganzen Skulpturenschmuck fertig da. Die Errichtung der Propyläen dauerte laut Plutarch sogar nur 5 Jahre, von 437 bis 432. Ein Heer von Künstlern, Handwerkern, Fuhrleuten und Handlangern war da am Werk; Plutarch zählt sie alle auf. Die Athener haben für die Errichtung der Akropolisbauten große finanzielle Opfer gebracht. Die Gesamtkosten betrugen nach einer antiken Angabe 2012 Talente Gold, eine unerhört hohe Summe für eine griechische Polis, die von ihren Bürgern keine direkten Steuern erhob. Perikles nutzte die Machtstellung Athens im attisch-delischen Seebund aus, um seine Baupläne auszuführen: Ein Teil der Kosten wurden dem Bundesschatz entnommen, den man 454 von Delos auf die Akropolis überführt hatte, wofür Perikles von der Opposition in den Volksversammlungen heftig angefeindet wurde. Die Gesamtleitung der Arbeiten hatte, wieder laut Plutarch, Pheidias (Phidias). Er schuf auch die goldene, ca. 12 m hohe Kultstatue der Göttin; laut Pausanias (1,24,5) bestand sie aus Gold und Elfenbein. Erhalten hat sich von ihr nichts. Aber es gibt Kopien aus römischer Zeit, natürlich in kleineren Dimensionen.

Nahe dem Nordrand des Plateaus erhebt sich das dritte große Bauwerk der Akropolis, das Erechtheion. Es war, sagt Paraskeví, zu gleichen Teilen der Athena und dem mythischen König Erechtheus geweiht. Es ist ein ionischer Tempel, zierlich, von absonderlicher Gestalt, mit einer verwirrenden Vielfalt an Bauformen. Er hat schon den theoretisierenden Architekten der Antike Rätsel aufgegeben. Aber seine Details zu betrachten ist ein großes Vergnügen. Sie haben unzähligen klassizistischen Gebäuden der römischen Epoche und der letzten 200 Jahre als Vorbild gedient. Ebenso häufig nachgeahmt wurde das wohl anmutigste Wunder des Erechtheions, die Koren- oder Karyatidenhalle, eine kleine Säulenhalle, in der die ionischen Säulen durch 6 hohe Mädchenstatuen aus Marmor ersetzt sind; nur der Faltenwurf ihres Gewandes erinnert noch an die Säulenkannelur. Kore bedeutet Mädchen, und Karyatide bezeichnet ursprünglich eine Priesterin der Artemis in Karyai, einem Ort nahe Sparta mit berühmtem Artemistempel. Und schauen Sie doch, wie zwanglos sie da stehen, wie lebendig. Die Kunsthistoriker sprechen von Kontrapost. Er war kurz vorher von Polyklet eingeführt worden. Leider sind das, was Sie jetzt sehen, nur Abgüsse. Die Originale hat man, um sie vor weiteren Umweltschäden zu schützen, ins Museum verfrachtet. Nebenbei, eines der Originale befindet sich – erraten – in London. Von besonderem Interesse sind die Bauabrechnungen, die sich in seltener Vollständigkeit erhalten haben. In dem einzigen Jahr 408/407 wurden über 2600 Schriftzeilen in Marmortafeln eingraviert und zur ewigen Rechenschaft aufgestellt. Zunächst registrierte eine Kommission den Bestand des kriegsbedingt seit Jahren stillgelegten Baus. Jeder unfertige Quader ist mit seinen Maßen verzeichnet. In den nun folgenden Abrechnungen ist Name, Heimatort, Arbeit und Lohn jedes einzelnen Handwerkers notiert. Dabei bezogen alle, vom Architekten, der hier offenbar als Bauführer fungierte, über den Vergolder, den Zimmermann bis zum letzten Steinmetzen den gleichen Tagelohn von 1 Drachme. Aus den detaillierten Angaben ließen sich sogar die hölzernen Kassettendecken der Innenräume rekonstruieren. Sie waren reich vergoldet und mit plastischen Akanthusmotiven und Rosetten geschmückt.

Aber betrachten Sie doch auch die atemberaubende Aussicht über das Häusermeer und den wie eine Insel aufragenden Berg Lykabettos (Lykavittos). Und am Horizont begrenzen 2 über 1000 m hohe Bergmassive den Blick: im Osten, der Stadt am nächsten, der Hymettos (Imittos) und schräg dahinter im Nordosten der Pentelikon, berühmt für seinen weißen Marmor. Aus ihm bestehen alle Bauten auf der Akropolis.

Nun wandern wir zurück zum Parthenon und gehen die Ostfront entlang bis zum nahen Südabhang der Akropolis, um die Aussicht auf der anderen Seite bis zum Meer zu bestaunen. Lohnend ist auch der Blick in die Tiefe. Denn an den Hang schmiegt sich das Dionysostheater, das älteste Theater der Welt, in dem die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides und die Komödien von Aristophanes uraufgeführt wurden. Allerdings, sagt Paraskeví, mussten die Zuschauer damals noch auf dem nackten Felsboden sitzen. Erst 410 vor Christus wurden hölzerne Sitzreihen eingebaut, und diese wurden um 330 vor Christus durch marmorne ersetzt. Damals wurden die Volksversammlungen wegen der perfekten Akustik hierher verlegt. Das Mittelalter hat das Theater als Steinbruch missbraucht.

Indem wir entlang dem Südabhang weiterwandern, entdecken wir ein weiteres Theater, diesmal ein römisches, erkennbar am hohen Bühnengebäude. Es ist das Odeion des Herodes Atticus (2. Jahrhundert). Es diente für Theateraufführungen und musikalische Darbietungen; daher sein Name Odeion, von Ode „Gesang“.

Herodes“, ruft ein Herr. „Hat der was zu tun mit dem König Herodes?“

Nein, erwidere ich. Herodes ist ein häufiger griechischer Name.

Ehe wir auf unserem Rückweg wieder die Propyläen betreten, bittet uns Paraskeví, noch einmal zurückzublicken. Pausanias, sagt sie, erwähnt noch viele Bauwerke und Weihgeschenke, mit denen die Akropolis dicht besetzt war. Und sobald wir die Propyläen durchschritten haben, zeigt sie auf die hohe Bastion, die zu unserer Linken vorspringt und ein allerliebstes ionisches Marmortempelchen trägt. Die Bastion, sagt sie, gehört zur mykenischen Königsburg, die im 2. Jahrtausend vor Christus die Akropolis krönte. Im 5. Jahrhundert vor Christus wurde sie mit einer sauberen Quadermauer ummantelt, um Platz für einen Tempel der Athena Nike („Sieg“), also Athena als Siegesgöttin, zu schaffen. Unter der Türkenherrschaft diente die Akropolis als Festung. Als sie 1834 endlich von Truppen und Geschützen geräumt wurde, waren die Propyläen durch eine Pulverexplosion eingestürzt und der Niketempel völlig verschwunden. 2 Architekten, deren klassizistische Bauten das Gesicht des modernen Athen geprägt haben, Eduard Schaubert und Christian Hansen, legten 1835 den Stufenbau des Tempels unter einer türkischen Bastion frei und entdeckten darin auch die meisten seiner Bauglieder. So konnten sie den Tempel zum zweiten Mal erbauen. Nichts bezeichnet das Wesen dieser Architektur deutlicher, als dass sich bei einem solchen Zusammensetzen jeder Stein nur an einem einzigen, seinem originalen Platz richtig einfügt, erkennbar selbst bei den Wandquadern an feinsten Abweichungen der Form durch Wandverjüngung, durch Fugenverteilung und durch die in den Marmor eingelassenen Bronzeklammern, die die Quader verbanden.

Und ich: Die Akropolis blieb so, wie sie unter Perikles aufgebaut worden war, 1000 Jahre lang der Ruhm Athens und machte es sogleich zur Touristenattraktion. Aber dann kam das Christentum. Parthenon und Erechtheion wurden in Kirchen umgewandelt. Dadurch wurde zwar das Innere neu ausgestattet. Aber die Bausubstanz blieb im Wesentlichen unversehrt. Und wieder fast 1000 Jahre später kamen die Türken, und der Parthenon wurde in eine Moschee umgewandelt und mit einem Minarett versehen; das Erechtheion wurde zu einem Harem umfunktioniert. Und wieder blieb die Bausubstanz im Wesentlichen unversehrt. Aber dann kamen die Türken auf die absonderliche Idee, in der Moschee namens Parthenon ein Pulvermagazin einzurichten. 1687 geschah die Katastrophe. Da wurde die türkische Festung namens Akropolis von den Venezianern belagert und beschossen, und eine Granate brachte besagtes Pulvermagazin zur Explosion, und unter ihrer Wucht wurde der Parthenon in der Mitte auseinander gerissen. Von der Freveltat des Lord Elgin hat Paraskeví ja schon berichtet. Aber die größte Katastrophe ist das, was im 20. Jahrhundert passiert ist und weiterhin passiert. Dem Industriezeitalter blieb es vorbehalten, in wenigen Jahrzehnten mehr zu zerstören als die Jahrtausende davor. Die Abgase der Industrie, des motorisierten Verkehrs und der Haushalte haben dazu geführt, dass der pentelische Marmor sich allmählich in Gips verwandelt. Die Steinzersetzung hat ein beängstigendes Ausmaß erreicht und schreitet in alarmierendem Tempo fort. Dies ist übrigens Wasser auf den Mühlen derjenigen, die Lord Elgins Freveltat verteidigen. Denn den von ihm entführten Exponaten im Britischen Museum ist dieser Verfall erspart geblieben. Jetzt werden Sie sagen: Na, muss man halt restaurieren. Und es wird ja ständig restauriert. Nur, die Restauratoren der Vergangenheit haben vieles nur noch verschlimmert. Die Schäden früherer Restaurierungen zeigen sich, wohin man schaut. So frisst die Zivilisation des Industriezeitalters ihr kulturelles Erbe.

Betroffen, zugleich hochgestimmt durch das soeben Erlebte, steigen wir ab. Vor einem auffallenden nackten Felsklotz, auf den eingehauene Stufen führen, macht Paraskeví halt und erklärt, dies sei der Areopag („Areshügel“), auf ihm habe der oberste Gerichtshof getagt. Auch im heutigen Griechenland heißt der oberste Gerichtshof Areopag. Und sie zeigt auf eine moderne Bronzetafel mit dem Originaltext der berühmten Rede, die Paulus laut Apostelgeschichte (17,22ff.) hier gehalten hat. Letzteres ist freilich umstritten. Denn der Areopag als Gremium tagte seit der klassischen Epoche nicht mehr auf dem Felsen, sondern in der sogenannte Königshalle, Basileios Stoa, in der nahegelegenen Agora, die wir uns als Nächstes ansehen wollen.

Also: die Agora, das Zentrum des öffentlichen Lebens des antiken Athen. Hier verkündete Paulus den neuen Glauben, bis ihn einige Philosophen, die ihn für einen Schwätzer hielten, vor den Areopag führten und sich seine Lehre genauer erklären ließen, worauf er die vorhin erwähnte Rede hielt. Heute ist die Agora ein ausgedehntes Ausgrabungsgelände voller verwirrender Ruinen aus unterschiedlichen Epochen, und Paraskeví tut ihr Bestes, um uns Aussehen und Zweck der wichtigsten Bauwerke zu schildern. Vollständig sind nur 2 Gebäude: die zweistöckige Stoa des Attalos (2. Jahrhundert vor Christus), von den Amerikanern als Museum wiederaufgebaut, und der dorische Tempel des Hephaistos. Er wurde gleichzeitig mit dem Parthenon erbaut und ist der besterhaltene Tempel ganz Griechenlands. Er diente nämlich in byzantinischer Zeit als Kirche, aber nie als Magazin für Schießpulver. Doch auch seine Skulpturen sind stark verstümmelt. Die Qualität der Steinmetzarbeit steht hinter der des Parthenons nicht zurück. Entasis und Kurvaturen sind auch bei ihm festzustellen.

Nahe dem Hephaistostempel geht ein großes Aufatmen durch die Reihen. Denn siehe da, hier, auf dem Apostel-Paulus-Boulevard, wartet Hansi mit dem Bus auf die müden Krieger und erlaubt es ihnen, die weiteren Besichtigungen bequem im Sitzen zu absolvieren. Und da wir bald in die heillos verstopfte Hermes-Straße einbiegen, können wir ausgiebig die hübsch begrünten Anlagen des antiken Kerameikos-Friedhofs bewundern. Er lag, sagt Paraskeví, unmittelbar vor 2 Stadttoren, dem Dipylon („Doppeltor“) und dem Heiligen Tor, also schon außerhalb der Stadt. Benannt ist er nach dem angrenzenden Viertel der Töpfer, griechisch Kerameis.

Die Straße, in die wir nach dem Kerameikos einbiegen, heißt Piräus-Straße und leitet uns in Athens antike und moderne Hafenstadt. Der Name Piräus (Piraeus), sage ich, ist eine Vereinfachung der Römer aus Piraeeus, griechisch Peiraieus (Pireefs). Die Volkssprache nennt die Stadt Pireas. Sie besteht aus einer Halbinsel, und zu beiden Seiten befinden sich wunderbare Naturhäfen, auf der einen Seite der ungewöhnlich tiefe und dadurch umso sicherere Haupthafen, auf der anderen 2 kleine, fast kreisförmige und dadurch ebenso sichere Häfen, Zea oder Pasalimani („Paschahafen“; das Griechische kennt nicht den Laut SCH) und Munychia oder Mikrolimano. Heute dienen sie als Jachthäfen. Hier reiht sich eine nette Taverne an die andere. Und da unsere Krieger mittlerweile nicht nur müde, sondern auch hungrig sind, machen wir hier Mittagspause.

Am Nachmittag beglückt uns Hansi mit einem geruhsamen Ausflug entlang der landschaftlich reizvollen Südwestküste Attikas, die man neuerdings Apollonküste oder auch Attische Riviera nennt. Wie reizvoll sie ist, wissen auch die Baulöwen, die sie neuerdings mit Hotels, Villen und Feriensiedlungen zupflastern. Schließlich erreichen wir das hochgelegene Kap Sunion mit seinem berühmten dorischen Tempel zu Ehren des Meeresgottes Poseidon, errichtet zur selben Zeit wie der Parthenon, um den ebenfalls von den Persern zerstörten Vorgängerbau zu ersetzen. Den Besucher erfreuen fast alle blendend weißen Marmorsäulen der Peristasis, des Säulenumgangs. Einige stehen seit alters aufrecht, andere sind wiederaufgerichtet. Noch etwas erfreut den Besucher, jetzt im Frühling: der so betörend duftende Ginsterblütenteppich, der weithin die Landschaft bedeckt. Und dazu passend, liest uns Paraskeví das Gedicht „Über den Stechginster“ von Giorgos Seferis vor; er wurde 1963 als erster Grieche mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet: „Schön war Sunion an jenem Tag von Mariä Verkündigung / erneut mit dem Frühling./ Wenige grüne Blätter ringsum auf den verrosteten Steinen / Rote Erde und der Stechginster. Er zeigte seine großen Stacheln, bereit, / und seine gelben Blüten. / Weit dahinter die archaischen Säulen, Saiten einer Harfe, die noch klingen.“

Das Abendessen wird heute spät. Am Kap Sunion erleben wir nämlich einen unvergesslichen Sonnenuntergang.

 

12. April 1990.

Wieder ist der Vormittag einem Wunder geweiht: dem Archäologischen Nationalmuseum, der reichsten und kostbarsten Sammlung von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen der griechischen Antike. Aber Paraskeví weiß, dass das menschliche Gehirn nicht unbegrenzt aufnahmefähig ist. Und darum beschränkt sie ihre Führung auf die wichtigsten Exponate, lässt also zum Beispiel die hochbedeutsame Keramiksammlung aus. Sie beginnt mit den goldenen Totenmasken des 16. Jahrhundert vor Christus aus Mykene und den so enorm modern anmutenden Marmorfiguren der Kykladenkultur des 3. Jahrtausend vor Christus Darauf folgt die griechische Kunst im eigentlichen Sinn in chronologischer Reihenfolge, beginnend mit den archaischen Kuroi, nackten „Jünglingen“ des 7. und 6. Jahrhundert vor Christus mit ihrem „archaischen Lächeln“. Falls jemand denkt, sagt Paraskeví, die sehen aber gar nicht griechisch aus, oder: schön sind sie aber nicht, so befindet er sich in guter Gesellschaft. Denn sie widersprechen der traditionellen Definition des Griechischen. Wissen Sie, die archaische Kunst wurde erst durch die Ausgrabungen des 19. Jahrhundert bekannt. Davor waren nur vereinzelte Exemplare bekannt und wurden einfach als Missbildungen aufgefasst. Das liegt daran, dass die Römer die klassische Kunst des 5. und 4. Jahrhundert vor Christus als vorbildlich ansahen und diese Auffassung an die Renaissance und die spätere Neuzeit weitergaben. Heute wissen wir, dass auch jener Stil, der früher als feststehendes Merkmal der griechischen Kunst galt, einem Werden und Vergehen unterworfen war.

Die klassische Kunst stellt sich sogleich mit einem Meisterwerk vor: der überlebensgroßen Bronzestatue des majestätischen Poseidon vom Kap Artemision, auch genannt Gott aus dem Meer, weil aus einem antiken Schiffswrack am Meeresgrund geborgen, nicht mehr ruhig dastehend wie die archaischen Figuren, sondern in lebhaftester Bewegung, im Begriff, seinen (nicht erhaltenen) Dreizack zu schleudern. Aus demselben Schiff stammt der reitende Knabe auf einem Rennpferd in vollem Galopp, eine packende, mit äußerstem Realismus gestaltete hellenistische Bronzeskulptur. Eindrucksvoll die spätklassische Bronzestatue des Jünglings von Antikythera, gefunden 1900 von Schwammtauchern in einem riesigen Schiffswrack, das zwischen 70 und 60 vor Christus vor der Insel Antikythera gesunken ist. Im selben Schiff lag der bestürzend lebensechte Kopf eines stirnrunzelnden Philosophen.

Nach der klassischen kommt die hellenistische Kunst der letzten 3 vorchristlichen Jahrhunderte. Hier beschränkt sich Paraskeví auf einige entzückende Kinderstatuen und die nicht weniger entzückende Skulpturengruppe mit Aphrodite, Eros und Pan von der Insel Delos: Der bockbeinige und gehörnte Pan macht sich in seiner Lüsternheit an Aphrodite heran. Sie droht ihm mit einer Sandale; aber zwischen den beiden schwebt der geflügelte Erosknabe und zieht die beiden mit verschmitztem Lächeln zueinander wie ein Kleinkind, das seine Eltern zueinander zieht, ein ob seiner Frivolität von Moralaposteln gern gerügtes Werk. Umso überraschender die Inschrift auf der Basis: „Dionysios ... aus Berytos (Beirut) ... (weiht diese Skulptur) für sich und seine Kinder den Göttern der Familie.“

Auch für mich ist es eine große Überraschung, als wir plötzlich vor einer Vitrine mit höchst unerwarteten Exponaten stehen: 3 merkwürdigen flachen Bronzetrümmern. Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen, sagt Paraskeví. Sie stehen vor den 3 größten Fragmenten des ersten Computers der Menschheitsgeschichte – so jedenfalls die Überzeugung der meisten Experten. Man nennt ihn den Mechanismus von Antikythera. Er wurde als Klumpen aus zusammenkorrodierten Metallteilen, die inzwischen in viele Fragmente zerbrochen sind, in demselben Schiff gefunden wie der Jüngling von Antikythera, aber kaum beachtet. 60 Jahre mussten vergehen, bis sich die Wissenschaft für ihn zu interessieren begann. Und so entdeckte man, dass mindestens 30 Zahnräder mit einem Durchmesser von 9 bis 132 mm, die sich im Innern mit verschiedenen Geschwindigkeiten drehten, ihre Bewegungen nach außen auf Zeiger übertrugen, die sich über Inschriftenflächen mit Gradeinteilung und detaillierter Gebrauchsanweisung drehten. Daraus darf man schließen, dass dieser Mechanismus kein Einzelstück war, sondern serienmäßig hergestellt wurde. Dafür spricht auch, dass er mindestens einmal repariert wurde. Er muss also oft benutzt worden sein.

Und wofür hat er gedient?“

Vermutlich als astronomischer Kalender. Auch ein Olympiade-Kalender war enthalten. Aber seine Geheimnisse hat er noch lange nicht preisgegeben. Das Sensationelle daran ist nicht das daraus ablesbare physikalische und mathematische Wissen. Dass es in der Antike bekannt war, wissen wir seit langem. Das Besondere ist vielmehr die außergewöhnliche Feinmechanik, zu der unsere Zivilisation erst ab dem 19. Jahrhundert wieder imstande war. Bisher dachte man, Zahnräder, zumindest eine Ansammlung so vieler und kleiner Zahnräder, hätte es im hellenistischen Zeitalter noch gar nicht gegeben. Die in der Neuzeit nur als rein philosophische Tätigkeit gedeutete griechische Wissenschaft habe sich zwar auf die erfolgreich betriebenen Zweige Mathematik und Physik ausgedehnt, aber keinen praktischen Nutzen zur Folge gehabt. Die Erkenntnisse der Griechen wären daher erst nach ihrer Wiederentdeckung in der Zeit der Renaissance in Apparate und Verfahren eingegangen und hätten erst jetzt die Kultur der Technik begründet. Diese alte Lehrmeinung wird durch dieses Gerät glänzend widerlegt. Die heutige Lehrmeinung lautet daher: Die Technik des 18. Jahrhundert wurzelte in den hellenistischen Werken.

Zuletzt machen wir einen großen Sprung zurück in die Mitte des 2. Jahrtausend vor Christus Paraskeví führt uns in das obere Stockwerk, um uns die erst vor 20 Jahren entdeckten Fresken von Akrotiri auf der Insel Santorin zu zeigen, die zu den spektakulärsten Zeugen der Bronzezeit zählen. Was unsere Leute vielleicht am meisten beeindruckt, ist ein großes Fresko, das man „Frühlingslandschaft mit Schwalben“ benannt hat. Nein, einige Damen können sich an den 2 „Boxenden Kindern“ nicht satt sehen.

Nach der Mittagspause unternehmen wir zunächst eine kleine Stadtrundfahrt und sehen nach dem kreisrunden Omonia-Platz (Homonoia, „Eintracht“, nach der Pariser Place de la Concorde) den Komplex der 3 klassizistischen Bildungseinrichtungen: Nationalbibliothek, Universität und Akademie der Wissenschaften. Paraskeví betont jedoch, sie habe nicht hier studiert, sondern in der neuen „Universitätsstadt“ (Panepistimiupolis) im Osten Athens. Es folgt der Syntagma-(„Verfassungs“-)Platz, der wichtigste und zugleich schönste Platz des modernen Athen, Brennpunkt des Verkehrs, des gesellschaftlichen Lebens und der Politik mit dem Alten Königspalast, der heute als Parlament fungiert und das zwischen 2 Hügeln eingebettete Stadion, errichtet an der Stelle des antiken Stadions für die erste Olympiade der Neuzeit 1896.

Bald danach erkennen wir gigantische korinthische Säulen, 15 an der Zahl, zum Teil mitsamt ihren Architraven; eine weitere liegt umgestürzt am Boden und wartet geduldig auf ihre Wiederaufrichtung. Sie sind, erklärt Paraskeví, über 17 m hoch. Ursprünglich umgaben 104 solcher Mammutsäulen die Cella des Tempels des Olympischen Zeus (Olympieion). Kaiser Hadrian, ein begeisterter Verehrer griechischer Kultur und Kunst, ließ dieses kolossale Bauwerk nach alten Plänen errichten, desgleichen ganz nahe den Hadriansbogen, der den Zugang zu einem von ihm errichteten neuen Stadtviertel bildete. Vom Olympieion aus hat man einen überwältigenden Blick auf den Parthenon und die gewaltige Akropolisstützmauer. Man könnte glauben, sagt Paraskeví, sie sei modern. Aber nein, sie stammt aus der Zeit nach den Perserkriegen, ist aber tadellos erhalten. Man nennt sie die kimonische Südmauer der Akropolis. Kimon, Perikles’ Vorgänger, ließ sie errichten, um das Akropolisareal zu vergrößern. Wozu denn, werden Sie jetzt fragen. Nun, 480 vor Christus hatten die Perser Athen mitsamt der Akropolis verwüstet, alle Tempel niedergelegt und das zurückgelassen, was die Archäologen heute Perserschutt nennen. Sobald die Perser besiegt waren, stand Athen vor dem Problem: Wohin damit? Schließlich musste man die Tempel wieder aufbauen. Nur hatte sich der Baustil gerade damals rapide gewandelt, die Archaik war von der Klassik abgelöst worden. Außerdem waren alle diese Trümmer Eigentum der Göttin und durften ihr auf keinen Fall entzogen werden. Also vergrößerte man das Areal des Heiligtums durch diese Stützmauer und füllte den so entstandenen Zwischenraum mit dem Perserschutt. Diese Hinterfüllung diente als Stützterrasse für den geplanten neuen, größeren Parthenon. Und so kamen die Bauteile der alten Tempel und die Weihestatuen, sorgfältig geschichtet, unter die Erde, sodass das der Göttin Geweihte ihr auch weiterhin blieb. Seine Auffindung im Rahmen von Grabungen im 19. Jahrhundert war eine Weltsensation.

Unseren Hansi habe ich mittlerweile entlassen. Den Rest der „Stadtrundfahrt“ wollen wir zu Fuß zurücklegen. Beim Hadriansbogen beginnt nämlich die Plaka („Platte, ebene Fläche“). So heißt die winzige, fast dörfliche Altstadt von Athen, an deren anderem Ende der Monastiraki-Platz mit unserem Restaurant liegt. Hier kann man bummeln, staunen, die alten Häuschen betrachten, in unzähligen kleinen Lokalen einkehren und griechische Musik hören. Und man kann auch etliche antike Bauwerke bewundern, so gleich zu Beginn das Lysikrates-Denkmal. Es ist ein feingliedriges Rundtempelchen, umgeben von 6 korinthischen Säulen (die hier zum ersten Mal an der Außenseite eines Bauwerks erschienen), mit einem Akanthusknauf über der Dachmitte. Darauf stand einst ein Dreifuß, den ein gewisser Lysikrates 334 vor Christus beim Dramenwettbewerb im Dionysostheater gewonnen hatte.

Und dann stehen wir wieder unversehens auf dem Syntagma-Platz und haben Zeit und Muße, uns in einem der Cafés in der zentralen Grünanlage auszuruhen und den malerisch gewandeten Euzonen (Evzonen, „Wohlgegürteten, Leichtbewaffneten“) zuzusehen, die vor dem Denkmal des Unbekannten Soldaten zu jeder vollen Stunde die Zeremonie der Wachablöse zelebrieren. Von hier führt die Hermes-Straße in schnurgerader Linie zum Monastiraki-Platz und bildet die Nordgrenze der Plaka. Und sie ist, laut Paraskeví, das Ziel aller Athenerinnen, wenn sie finden, dass sie nichts zum Anziehen haben.

Plötzlich zweigt Paraskeví nach links ab, und schon stehen wir vor der Kathedrale von Athen, der Großen Metropolis (Mitropolis, 19. Jahrhundert). Wir treten ein und stellen fest, dass gerade kein Gottesdienst stattfindet. Trotzdem herrscht ein erstaunlich lebhaftes Kommen und Gehen. Noch mehr, glaube ich, staunen meine Leute darüber, dass es keine Kirchenbänke gibt und dass alle Eintretenden eine auf einem Pult direkt im Eingang liegende Ikone küssen.

Ikonen, erklärt Paraskeví, sind für die Orthodoxe Kirche nicht einfach Bilder, sondern Fenster zur himmlischen Wirklichkeit. Wer die Ikone verehrt, verehrt die Person des in ihr Dargestellten. Der Volksglaube sagt sogar: In den Gestalten der Ikonen sind die Heiligen persönlich anwesend.

Ah, werfe ich ein, genauso lautete der Volksglaube der heidnischen Griechen. Mit 2 Unterschieden natürlich. Erstens hießen die Heiligen damals Götter und Göttinnen. Und zweitens waren die Ikonen im Heidentum Statuen. Und auch die wurden verehrt, indem man ihre Füße oder Hände oder den Gewandsaum küsste.

Und Paraskeví: Dasselbe gilt heute für die Ikonen. Das Gesicht der Heiligen darf nicht geküsst werden.

Und ich: Aber diese Götterstatuen im Tempel nannten die alten Griechen ebenfalls Ikonen, zu Deutsch „Abbilder“.

Und Paraskeví: Statuen gibt es in der Orthodoxie grundsätzlich nicht. Aber jetzt zu etwas anderem. Der Ostertermin ist heuer bei uns derselbe wie in der Westkirche – ein seltenes Ereignis. Wir befinden uns also in der Großen Woche. Der heutige Tag ist der Große Donnerstag. Falls Sie nach dem Abendessen noch einmal herkommen, werden Sie die Heilige Eucharistie miterleben, in der der Kreuzigung Jesu gedacht wird. Der Priester trägt ein Kreuz mit einem lebensgroßen Abbild des Gekreuzigten aus dem Altarraum hinter der Ikonostase in die Mitte des Kirchenschiffs, die Gläubigen schmücken es mit Blumen und Kränzen, entzünden zu beiden Seiten Kerzen und küssen Jesu Füße. Sehr eindrucksvoll sind die dabei gesungenen Passionslieder. Instrumentalmusik kennt die orthodoxe Kirche nicht, nicht einmal Orgelmusik.

Unmittelbar neben der Großen Metropolis und trotzdem etwas versteckt zwischen Bäumen befindet sich die Kleine Metropolis. Paraskeví: Ja, es ist kaum zu glauben, aber dieses winzige Kreuzkuppelkirchlein aus dem 12. Jahrhundert war bis ins 19. Jahrhundert die Kathedrale von Athen. Wundern Sie sich nicht. Mittelalterliche byzantinische Kirchen haben alle überraschend bescheidene Dimensionen.

Aber die Hagia Sophia in Istanbul ...“

Ist ein gewaltiges Bauwerk, erwidere ich, und war bis zur Erbauung des neuen Petersdoms die größte Kirche der Christenheit. Viele vermeintliche Autoritäten nennen sie byzantinisch. In Wahrheit ist sie die abschließende Krönung der gesamten antiken griechisch-römischen Kunstentwicklung.

Und Paraskeví: Wenn Sie diese 2 Kathedralen vergleichen, wird Ihnen klar, was der Kleinen Metropolis fehlt: ein Glockenturm. Die byzantinischen Kirchen des Mittelalters kannten keine Glocken und daher auch keinen Glockenturm. Für die Ankündigung der Gottesdienste wurden und werden heute noch in Klöstern Schlagbretter, griechisch Semantra (Simandra, Einzahl: Simandron), verwendet. Erst westlicher Einfluss hat das geändert. Treten Sie näher an das bezaubernde Kirchlein heran. Sie werden sehen, warum es so bezaubernd wirkt. Ihre Mauern bestehen nicht aus Ziegeln, sondern aus Marmorquadern und Reliefs aus älteren Bauten, sogenannte Spolien aus Antike und Mittelalter. Manche Spolien aus heidnischen Bauten sind durch Eingravieren von Kreuzen quasi christianisiert worden.

Indem wir uns in Richtung Akropolisnordhang halten, erreichen wir ein wie durch ein Wunder praktisch vollständig erhaltenes hellenistisches Juwel: den Turm der Winde (1. Jahrhundert vor Christus). Dieser reizende achteckige Marmorbau ist mit Sonnenuhren ausgestattet und mit Reliefbildern der Windgötter geschmückt, die die 8 Windrichtungen symbolisieren. Im Innern war eine Uhr angebracht, die durch einen Wasserantrieb in Gang gehalten wurde. Die Tageszeiten waren am Wasserstand in einzelnen Röhren abzulesen. Dahinter ragen lange Reihen unkannelierter Säulen in den blauen Himmel. Sie gehörten einst zu einer römischen Agora und schlossen östlich an die griechische Agora an. In der Nähe stiftete Kaiser Hadrian eine weitere Agora, ebenfalls in Form eines Säulenhofes mit Wasserbecken und Gartenanlagen. Ein großer Saal diente als Bibliothekshalle, weshalb die ganze Anlage heute Hadriansbibliothek genannt wird. An ihrer mit korinthischen Säulen prachtvoll geschmückten Eingangsfront wandern wir heute also zum zweiten Mal vorbei und erreichen gleich danach den Monastiraki-Platz, und die Einkaufslustigen können endlich daran gehen, ihrer Lust zu frönen.

 

13. April 1990.

Wir nehmen Abschied von Athen. Die Straße, die uns aus Athens Häusermeer hinausführen soll, erklärt Paraskeví, heißt Heilige Straße, Hiera Hodos, und folgt ziemlich genau der antiken, beim Heiligen Tor im Kerameikos beginnenden und auf viele Kilometer noch von Grabanlagen gesäumten Heiligen Straße. Diese hatte ihren Namen von den Prozessionen nach Eleusis.

Bald baut sich zu unserer Linken ein bewaldeter Gebirgszug auf. Paraskeví: Er heißt Aigaleos (Egaleos) und ist der größte botanische Garten Griechenlands. Und ich: Den ersten botanischen Garten der Weltgeschichte legte im 4. Jahrhundert vor Christus Theophrast, der „Vater der Botanik“, in Athen an.

Wir erreichen eine niedrige Passhöhe. Und hier, inmitten eines idyllischen Zypressenhains, erhebt sich das Kloster Daphni (Daphnion, 11. Jahrhundert) mit einer Kirche, die ein ebenso prachtvolles Schatzhaus mittelbyzantinischer Mosaikkunst ist wie Hosios Lukas. Doch während das Mosaik in dessen Hauptkuppel nicht erhalten ist, leuchtet es in Daphni, zwar fragmentarisch, aber doch frisch wie am ersten Tag von der Kuppel. Streng, unnahbar, fast bedrohlich blickt Christus Pantokrator von ihr herab.

Hier, auf der Passhöhe, vereinigt sich die Heilige Straße mit der Schnellstraße. Schnell erreichen wir jetzt die Küste der Bucht von Eleusis (Elefsina) und blicken links auf die Insel Salamis (Salamina). Zwischen ihr und dem Festland, sage ich, fand 480 vor Christus die berühmte Seeschlacht statt, in der die kleine griechische Flotte die große persische vernichtete. Leider ist Eleusis heute eine sagenhaft hässliche Industriegegend mit Ölraffinerien und Schiffswerften. Zudem ist die Bucht der reinste Schiffsfriedhof, voller ausrangierter Fähren und Kreuzfahrtschiffe. In der Antike war Eleusis berühmt durch das Heiligtum der Demeter und ihrer Tochter Persephone und die darin stattfindenden eleusinischen Mysterien. Das griechische Wort Mysterion bedeutet eigentlich Geheimnis. Gemeint ist ein Geheimkult. An den Gottesdiensten, griechisch Orgia, durften also nur die Eingeweihten, die Mysten, teilnehmen, und deshalb fanden diese Gottesdienste im Inneren eines Einweihungstempels, Telesterion, statt, während die antiken Kulthandlungen sonst stets im Freien, vor dem Tempel, stattfanden. Noch ein Unterschied: Während die homerische Religion sonst im Allgemeinen nur das Wohl der Polis sichern sollte, versprachen die Mysterien den Mysten persönliche Erlösung. Sie nahmen ihnen die Furcht vor dem Tod und gaben ihnen die Gewissheit eines glücklichen ewigen Lebens. Darum erfreute sich Eleusis weltweiter Beliebtheit. Über Details dieser Weihezeremonien sind wir nicht unterrichtet. Keiner der ungezählten Mysten hat diese Geheimnisse ausgeplaudert. Die kärglichen Überreste des Telesterions sind ausgegraben worden. Neben diesem existierten weitere griechische Mysterien, zum Beispiel die des Dionysos-Bacchus, die bekannten Bacchanalien. Und seit durch Alexander den Großen der ganze Orient griechisch geworden war, bildeten sich aus den dortigen Volksreligionen durch Hellenisierung Mysterienreligionen, die alle bestimmte Gemeinsamkeiten aufwiesen wie Sakramente, Taufe, Erlösungsverheißung und einen Mythos, der von Leiden, Sterben und Auferstehung des Rettergottes berichtet. Dieser war entweder der Sohn oder der Geliebte einer großen Muttergöttin wie zum Beispiel der ägyptischen Isis. Die Isis- und Osirismysterien sind ja die bekanntesten dieser oft fälschlich als orientalisch bezeichneten Mysterienkulte. Zu ihnen gehört natürlich auch das Christentum. Die Urchristen selbst nannten ihre Religion „mysterium“. Und es war keineswegs sicher, dass das Christentum das Rennen machen würde. In ihrem Kampf gegen die Konkurrenz der „Mitbewerber“ warfen die christlichen Autoren den anderen regelmäßig grobe Unsittlichkeit vor. Davon kommt der heutige Sinn des Wortes „Orgien“.

Ohne anzuhalten, fahren wir weiter entlang der Küste des Saronischen Golfs. Kurz nach Eleusis passieren wir Megara, eine besonders in der archaischen Epoche wichtige Polis, die viele Pflanzstädte, sogenannte Kolonien, gegründet hat, darunter Byzantion. Somit ist Megara die Mutterstadt von Istanbul.

Plötzlich biegt Hansi in einen großen Parkplatz ein und hält an. Fotostopp vor einer Brücke mit eigenem Fußgängersteg. Sie gewährt einen spektakulären Blick über eines der touristischen Highlights Griechenlands: den Kanal von Korinth. Wir sind am Isthmus von Korinth, den der Kanal von Korinth auf eine Länge von über 6 km durchschneidet. Er verbindet den Saronischen Golf mit dem Golf von Korinth, die Ägäis mit dem Ionischen Meer und der Adria. Und wir haben Glück: Gerade nähert sich ein von einem kleinen Lotsenboot geschlepptes Kreuzfahrtschiff (die Bedeutung des Kanals beschränkt sich heute fast ausschließlich auf den Tourismus). Die 80 m hohen Felswände, die Schiffe tief unter uns und das türkis schimmernde Wasser – ein unvergesslicher Anblick. Schon Kaiser Nero begann einen solchen Kanal zu bauen, tat im Jahr 67 persönlich den ersten Spatenstich, gab jedoch nach umfangreichen Arbeiten das Unternehmen wegen eines Aufstandes in Gallien auf. Genau auf der von Nero festgelegten Linie – ihre Spuren waren noch sichtbar – wurde im späten 19. Jahrhundert der heutige Kanals gebaut.

Wäre es nicht einfacher gewesen, einfach rund um die Peloponnes herumzufahren?“

Sicher, erwidere ich. Aber das ist ein großer Umweg und wegen der gefürchteten Stürme rund um die 3 weit ins Meer ragenden Landspitzen ziemlich gefährlich. Daher gehen die Pläne, den Isthmus zu durchstechen, bis in die Zeit um 600 vor Christus zurück. Danach hat man zwar immer wieder solche Pläne gewälzt, aber stattdessen über den Isthmus eine gepflasterte Piste angelegt, in die im Abstand von 1,60 m Rillen eingelassen waren, die wie Schienen wirkten. In ihnen liefen die Räder von Wagen, die die Schiffe oder vielleicht auch nur die Fracht hinüberzogen.

Während wir hernach unsere Fahrt fortsetzen, höre ich von hinten eine Dame laut und deutlich rezitieren: „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, / Der auf Corinthus’ Landesenge / Der Griechen Stämme froh vereint, / Zog Ibycus, der Götterfreund.“ Kurz entschlossen ergreife ich das Mikrophon und beginne selbst zu zitieren: „Und in Poseidons Fichtenhain / tritt er mit frommem Schauder ein.“ In diesem von Schiller angesprochenen Poseidonheiligtum wurden alle 2 Jahre die Isthmischen Spiele abgehalten. Der Ort wurde ausgegraben. Aber zu sehen sind bestenfalls die Grundmauern. Das gesamte Baumaterial verschwand in einem Festungswerk, das Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert hier zum Schutz des Isthmus errichten ließ. Der Dichter Ibykos lebte im 6. Jahrhundert vor Christus Seinen Tod bei Korinth hat Schiller nach einer antiken Legende geschildert. Und jetzt noch die 2 Verse vor „Poseidons Fichtenhain“: „Schon winkt auf hohem Bergesrücken / Acrocorinth des Wandrers Blicken.“ Sehen Sie? Auch uns winkt Akrokorinth. Es überragt Korinth um mehr als 500 m und ist damit die mit Abstand höchste Akropolis Griechenlands.

Aber warum fahren wir an Korinth einfach vorbei, ohne anzuhalten? Paraskeví: Die Stadt Korinth besitzt keine Sehenswürdigkeiten. Das historische Korinth liegt weiter südlich im Landesinneren und war besiedelt bis zu einem verheerenden Erdbeben 1858. Erst danach verlegte man den Ort an die Küste. Den mythischen Gründer von Korinth kennen Sie bestimmt: Sisyphos, den sprichwörtlichen Büßer in der Unterwelt, nach dem die Sisyphusarbeit benannt ist. Dank seiner wirtschaftlichen und strategischen Schlüsselstellung als Verkehrsknotenpunkt war Korinth immer eine der wichtigsten Poleis Griechenlands. In der Römerzeit war es sogar Hauptstadt Griechenlands, genauer, der Provinz Achaia. Das klassische Achaia umfasste zwar nur den nördlichsten Teil der Peloponnes, einen schmalen, aber reichen Streifen zwischen Meer und hohen Bergen, und bestand aus einer Kette von 12 Poleis. Doch in der Römerzeit wurde die Bezeichnung Achaia auf die gesamte römische Provinz südlich der Thermopylen ausgedehnt. Damit griff man auf die alte Verwendung des Namens bei Homer zurück, der „Achaier“ im Sinne von „Griechen“ verwendet. Dennoch, seine Blütezeit hatte Korinth in der archaischen Epoche, als es zahlreiche Kolonien gründete. Trotzdem bietet es heute mit einer Ausnahme den Anblick einer römischen Stadt.

Diese eine Ausnahme ist auch unser erster Besichtigungspunkt: das eindrucksvollste und ehrwürdigste Bauwerk von Korinth, der dorische Tempel des Apollon (Mitte des 6. Jahrhundert vor Christus), einer der ältesten Griechenlands. Er besteht noch nicht aus Marmor. Vom Peristyl sind 7 Säulen (im 18. Jahrhundert, so Paraskeví, waren es noch 12), großteils inklusive Kapitell und Architrav, stehen geblieben, also nicht wiederaufgerichtet worden. Sie sind nicht wie bei späteren Tempeln aus Säulentrommeln zusammengesetzt, sondern jede aus einem einzigen Steinblock von über 6 m Höhe gearbeitet und mit starker Entasis versehen. Es ist kaum zu begreifen, wie ein so sorgfältiges Ausfeilen und Abwägen an die Schaffung derart titanenhafter Gebilde gewendet werden konnte. Sie sind die gedrungensten Säulen Griechenlands. Der ungewöhnlicherweise vierstufige Stylobat hat die früheste Kurvatur, eine kaum merkbare Wölbung von nur 2 cm Stichhöhe.

Aber wieso sind das hier in Korinth keine korinthischen, sondern dorische Kapitelle?“

Die korinthische Ordnung, erwidert Paraskeví, ist eine Sonderform der ionischen und wurde erst im 5. Jahrhundert vor Christus entwickelt, laut Vitruv (De Architectura 4,1,9f.) vom korinthischen Bildhauer Kallimachos. Aber Sie werden während der Besichtigung der römischen Wohnstadt noch genug korinthische Säulen sehen.

Das Zentrum der Ausgrabungen bildet eine einst pompöse Agora, umrahmt von römischen Basiliken und Tempeln und vor allem von großen Säulenhallen mit Läden, Werkstätten und öffentlichen Gebäuden. Was aber unsere Leuten am meisten beeindruckt, das ist die Quelle Peirene (Pirini), das schönste der zahlreichen Brunnenhäuser, und die Latrinen, ein römisches WC mit den typischen Sitzen nebeneinander, die unsere Herren sofort unter Gelächter ausprobieren. Beide Anlagen liegen an einer breiten, geraden, von Gehsteigen unter Säulenhallen gesäumten Prunkstraße. Korinth, sagt Paraskeví, liegt zwar nicht direkt am Meer, besaß aber 2 Hafenorte, einen am Saronischen Golf, einen am Golf von Korinth. Und zu Letzterem führte diese Straße. Natürlich umfasst dieses Ausgrabungsgelände nur das Zentrum von Korinth. So gibt es in einiger Entfernung, leider schlecht erhalten, ein Theater, ein Odeion und ein Amphitheater, das einzige in Griechenland.

Zuletzt erinnere ich noch daran, dass der Apostel Paulus, von Athen kommend, in Korinth eine Christengemeinde gründete (Apostelgeschichte 18,1ff.) und dass dies ein zentraler Fixpunkt für die Chronologie des Urchristentums ist. Der entscheidende Vers (18,12) lautet: „Als Gallio Proconsul von Achaia war, erhoben sich die Juden einmütig gegen Paulus, führten ihn vor den Richterstuhl“ usw. Durch eine in Delphi erhaltene Inschrift wissen wir, dass Gallio im Jahre 51/52 Proconsul von Achaia war, und können somit Paulus’ Aufenthalt in Korinth datieren und von da aus durch Kombination nach vorwärts und rückwärts eine relative Chronologie seiner Missionstätigkeit erschließen. Einige Jahre danach schrieb er 2 Briefe an die Christen von Korinth.

Von nun an geht die Fahrt nach Süden. Auf einem Passübergang melde ich mich wieder zu Wort: Wenige Kilometer westlich von hier liegt Nemea, bekannt durch den unverwundbaren Nemeïschen Löwen, dem Herakles als erste seiner 12 „Arbeiten“ zu Leibe rückte, und die Nemeïschen Spiele, die hier alle 2 Jahre im Heiligtum des Zeus stattfanden. Von dessen Tempel stehen noch 3 dorische Säulen aufrecht. Mit der Passhöhe von Nemea beginnt die Argolis, ein Tal, das nach Süden zu immer breiter wird und in den Argolischen Golf mündet. Das Landschaftsbild ist eines der großartigsten von ganz Griechenland. Gleich einem Riesenteppich liegt die fruchtbare Ebene zwischen den heute kahlen Gebirgsmauern. Im 2. Jahrtausend vor Christus war die Argolis ein bedeutender Mittelpunkt der mykenischen Kultur, die in den Heroensagen weiterlebte. Sie wurde unter dem Einfluss der minoischen Kultur Kretas von griechischen Stämmen geschaffen, die nach 2000 vor Christus als Eroberer eingedrungen waren und sich nach Ausweis Homers nicht Hellenen, sondern Achaier nannten, und blühte von ca. 1600 bis ca. 1100 vor Christus Eine neue Einwanderungswelle aus dem Norden, die Dorische Wanderung, zerstörte die mykenische Kultur. Benannt ist sie nach der bedeutendsten Königsburg des damaligen Griechenland, Mykene. Laut Homer saß in Mykene das Geschlecht des Atriden Agamemnon, der den Kriegszug gegen Troja anführte. Die griechischen Tragiker haben den Sagen von den Verbrechen der Atriden die erhabenste Form und den tiefsten Gehalt gegeben. Ihre Schilderungen galten lange als Märchen, bis Heinrich Schliemann die Idee hatte, die Stätten dieser Sagen zu suchen. Durch seine Ausgrabungen in Troja, Mykene und Tiryns bestätigte sich vieles davon. Überdies brachten sie eine bedeutende, bis dahin völlig unbekannte geschichtliche Epoche ans Licht. Solange die minoische Schrift Linear A, die, nur abgewandelt, auf dem Festland verwendet wurde – man nennt sie Linear B –, ungedeutet blieb, gehörte die mykenische Epoche der Prähistorie an. Doch 1952 entdeckte der Engländer Michael Ventris, dass Linear B Aufzeichnungen in griechischer Sprache wiedergibt. Die Sensation war perfekt. Und man las Namen wie Achilleus und Theseus, Alexandra und Theodora. Aber so hießen einfache Leute. Ein König wird wohl erwähnt, aber ohne Namensnennung. Zudem handelt es sich da um keine große Literatur, sondern fast ausschließlich um Buchungsbelege und dergleichen. In Mykene selbst, aus dem man sich Nachrichten über Agamemnon und Klytaimnestra erhoffte, haben sich nur Kleinverkaufslisten gefunden, vor allem von Kümmel, Sellerie, Koriander und dergleichen – fürwahr ein bitterer Scherz der Wissenschaftsgeschichte. Ein Wort noch zum Namen: Mykene ist Einzahl. So sagt aber nur Homer. Zweimal gebraucht er die Mehrzahlform Mykenai, und dies war die seither übliche Form.

Schon heißt es aussteigen. An den Ruinen von Rundgräbern und den Resten eines hellenistischen Theaters vorbei wandern wir auf gigantische Burgmauern zu und an ihnen entlang auf einer gepflasterten Rampe zum berühmten Löwentor, so genannt, weil ein Relief mit 2 Löwen beiderseits einer minoischen, d. h. sich nach unten verjüngenden Säule ein ausgespartes Entlastungsdreieck über dem aus einem einzigen mächtigen Block bestehenden Türsturz verdeckt. Bald danach kommen wir am Ring der Fürstengräber vorbei, wo Schliemann, ermutigt durch den Bericht des Pausanias (2,16,5ff.), die reichen Goldschätze, darunter die Totenmasken, fand, die wir im Nationalmuseum bewundert haben und die die homerische Formulierung „goldreiches Mykene“ glänzend bestätigten. Rampen, dazwischen eine Treppe, führen weiter bis zu dem terrassenförmig auf dem Gipfel des Burgberges gelegenen Palast der Atriden, von dem freilich nur noch Spuren erhalten sind.

Wir verlassen die Burg wieder durch das Löwentor, aber die Besichtigung ist noch nicht zu Ende. Vorbei an den Ruinen von Wohnhäusern der Unterstadt wandern wir bis zu dem „Schatzhaus des Atreus“. Es ist aber kein Schatzhaus, sondern das besterhaltene und imposanteste von 9 unterirdischen Kuppelgräbern. Über einen Korridor (Dromos) zwischen 2 aus wohlgefügten Riesenquadern bestehenden Mauern gelangen wir durch ein imposantes Tor in einen perfekt erhaltenen Kuppelraum, den größten bis zur Erbauung des Pantheons in Rom. Allerdings handelt es sich um eine Scheinkuppel, d. h. sie wurde aus vorkragenden Steinringen gebildet.

Bald danach durchqueren wir, ohne anzuhalten, die Stadt Argos. Ihre antiken Reste sind gering und unansehnlich. Aber in der mykenischen Epoche war sie so bedeutend, dass nicht nur die ganze Argolis nach ihr benannt wurde. Homer versteht unter Argos mehr als einmal ganz Griechenland, und Argeioi (lateinisch: Argivi, eingedeutscht: Argiver) sind bei ihm und seinen Nachfolgern häufig identisch mit Achaioi. Argos spielt auch im Mythos eine bedeutende Rolle. Von hier stammt Polyklet (Polykleitos), der größte griechische Bildhauer der Hochklassik neben Pheidias. Er schuf den berühmten Doryphoros („Speerträger“, ca. 430 vor Christus).

Wenig später erreichen wir Tiryns (4. Fall und Volkssprache: Tiryntha). Die Burgmauern beeindrucken uns womöglich noch stärker als die von Mykene. Sie übertreffen sie in Höhe, Stärke und Größe der Blöcke. Pausanias (2,25,8) beschreibt sie so: „Die Mauer ... ist ein Werk der Kyklopen und aus unbehauenen Steinen erbaut, jeder Stein so groß, dass auch der kleinste von ihnen von einem Gespann Maultiere nicht von der Stelle bewegt werden könnte.“ Deshalb sprechen die Archäologen von Kyklopenmauern. Kyklopen (Zyklopen, „Rundaugen“) sind Riesen mit nur einem Auge mitten auf der Stirn. Auch uns Heutigen ist es ein Rätsel, wie die Menschen der Bronzezeit solche Mauern errichten konnten. Sie müssen ja wie in der Steinzeit noch mit Steinwerkzeugen gearbeitet haben, weil sie die Verarbeitung des Eisens nicht kannten und die Bronze außer für Steinsägen für schwere Werkzeuge zu weich ist. Unser Staunen erregen auch die sogenannte Kasematten, spitzbogig durch Überkragung eingewölbte Galerien, die zu Rüstkammern und Speicherräumen führten.

Nur wenige Kilometer südlich von Tiryns liegt am Argolischen Golf in prachtvoller Umgebung, überragt von 2 eindrucksvollen Festungen, die malerische Hafenstadt Nauplia (Nafplion, Nafplio). Hansi parkt am Kai im Angesicht der kleinen Insel Burtzi (türkisch: „Festungsturm“) mit dem venezianischen Kastell, das wie ein Schiff auf dem Wasser zu schwimmen scheint, und wir haben ein Stündchen Zeit für einen geruhsamen Spaziergang und einen Besuch in einem Kafeníon. Das Kaffeehaus, so Paraskeví, ist in Griechenland eine Institution. Hier werden nicht nur stundenlang Neuigkeiten ausgetauscht, hier werden auch Geschäftsbeziehungen angebahnt und vertieft. Und einen Gast, der schon zum zweiten Mal hier ist, fragt man nach seinem Woher und Wohin, nach Familie und Beruf und anderem mehr, und man erwartet solche Fragen auch von ihm selbst. Dann erzählt sie von Nauplias großer Zeit als Griechenlands zweite Hauptstadt (nach Aigina) ab 1829. Hier landete am 25. Januar 1833 der achtzehnjährige Sohn Ludwigs I. von Bayern, König Otto von Griechenland, mit seinen bayerischen Offizieren und Verwaltungsbeamten, die die Grundlagen für den modernen griechischen Staat schufen (und die griechischen Farben weiß-blau aus Bayern mitbrachten). Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude im klassizistischen Stil entstanden und geben der Stadt noch heute ihr Gepräge. Athen war damals noch von den Türken besetzt. Erst 1833 zogen sie ab, worauf König Otto Athen zur Hauptstadt erhob.

Von Nauplia chauffiert uns Hansi zu einem weiteren Höhepunkt unserer Reise: nach Epidauros. Darunter versteht man heute ein großes Heiligtum des Heilgottes Asklepios, ein Asklepieion (neugriechisch ausgesprochen: Asklipiíon), das in der Antike zu der ca. 10 km entfernten Hafenstadt Epidauros gehörte. Das Heiligtum selbst liegt abgeschieden inmitten von herrlich duftenden Pinien in einer idyllischen Landschaft, die jetzt im Frühling in überwältigender Blütenpracht steht. Noch überwältigender finden unsere Leute die größte Sehenswürdigkeit des Heiligtums, das „Wunder von Epidauros“: das wie durch ein Wunder praktisch unversehrte griechische Theater. Es ist tatsächlich das besterhaltene von ganz Griechenland. Und um das Wunder noch zu verdoppeln: Es ist das schönste aller antiken Theaterbauten und gilt als schönstes Freilichttheater der Welt. Schon im Altertum war es wegen seiner harmonischen Proportionen berühmt. So urteilt Pausanias (2,27,5): „Die Epidaurier haben in dem Heiligtum ein Theater, das nach meiner Meinung besonders sehenswert ist. Die der Römer übertreffen alle anderen überall durch ihre Ausstattung, das arkadische in Megalopolis tut es durch seine Größe. Welcher Architekt könnte aber wohl in Bezug auf Ebenmaß und Schönheit mit Polykleitos konkurrieren? Denn Polykleitos war es, der ... dieses Theater ... errichtet hat.“ (Paraskeví: Pausanias meint sicher den berühmten Polyklet, 5. Jahrhundert vor Christus Aber das muss ein Irrtum sein. Das Theater wird auf ca. 300 vor Christus datiert.)

Natürlich sind wir nicht die einzigen Besucher, und die Führer der anderen Gruppen vollführen der Reihe nach Experimente, um die phänomenale Akustik des Theaters zu demonstrieren, indem sie in der Orchestra flüstern, mit Papier rascheln oder Münzen fallen lassen. Danach stelle ich mich auf der kreisrunden Steinplatte im Zentrum der kreisrunden Orchestra in Position und kündige an, die Akustik mit einem Ausschnitt aus der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes zu demonstrieren. (Übrigens, so Paraskeví, stand auf dieser Steinplatte kein Altar, wie gern behauptet wird. Er fungierte vielmehr als Orientierungshilfe für Schauspieler und Chor.) Noch immer sind die Ränge voll. Schlimmer noch, 2 Bürschlein, Franzosen, wie ich ihren lautstarken Gesprächen entnehme, kommen in aufreizender Haltung auf mich zu und haben offenbar die Absicht, meinen Vortrag zu stören. Was tun, spricht Zeus. Kurz entschlossen spreche ich die zwei auf Französisch an und erkläre ihnen, ich wolle jetzt eine antike Arie eines Wiedehopfs vortragen und würde mich freuen, wenn sie dazu tanzen könnten; das Wort Orchestra bedeute ja Tanzplatz. Und siehe da, meine List funktioniert. Ich beginne zu deklamieren: „Epopopoi popoi popopopoi popoi! / Io io ito ito! / Heran, ihr meine Mitgefiederten!“ Im Folgenden werden die verschiedenen Vogelgattungen mit überaus vergnüglichen Worten herbeigerufen. Und die 2 Helden? Anmutig wie Balletteusen tanzen sie um mich herum und geben im Übrigen keinen Mucks von sich. Und der Erfolg? Rauschender Applaus. Hernach bestätigen mir alle, die die Ränge hochgestiegen sind, dass sie jeden Ton gehört haben. Und damit ist klar, dass das griechische Theater die schwierige Aufgabe gelöst hat, eine Versammlungsstätte für Zehntausende zu schaffen, worin der Vortragende noch auf den entferntesten Sitzen und selbst flüsternd zu verstehen ist.

Es folgt ein Rundgang durch den übrigen heiligen Bezirk. Das ist eine zwar gemütliche, aber deprimierende Unternehmung, wenn man weiß, dass hier vor 100 Jahren noch bedeutende Überreste zu sehen waren, aber von den Einheimischen und Besuchern weggeschleppt wurden. Dabei war dies ein höchst bedeutendes Heiligtum. Nicht nur, weil auch hier alle 4 Jahre gymnische und musische Agone gefeiert wurden, sondern vor allem, weil Kranke auf der Suche nach Heilung nach Epidauros pilgerten. Denn Asklepios war der Gott der volkstümlichen Heilkunde und zugleich des Wunderglaubens. Von hier aus hatte sich seit dem Ende des 5. Jahrhundert vor Christus seine Verehrung und damit die Hoffnung auf Heilung über die gesamte Mittelmeerwelt verbreitet. Im Tempelschlaf, der „Inkubation“, vollzog der Gott die Heilung entweder spontan oder gab den Weg hierzu an. Es sind die Anfänge einer Seelenheilkunde, die sich in den Heilorten der katholischen und orthodoxen Kirche erhalten hat. Grundvoraussetzung dafür war freilich unbeirrbarer Glaube. Das dem Christentum geläufige Gebot des Glaubens an das Wunder wurde hier zum ersten Mal in der Weltgeschichte aufgestellt. Die Sitte, Abbilder der geheilten Glieder aus Dankbarkeit dem Gott zu weihen, wurden vom Christentum übernommen. Pausanias (2,27,3) schreibt: „Innerhalb des heiligen Bezirks standen vor alters viele Stelen, zu meiner Zeit noch 6. Auf ihnen sind die Namen von Männern und Frauen verzeichnet, die von Asklepios geheilt wurden, und dazu die Krankheit, an der jeder litt, und wie er geheilt wurde.“ 3 dieser Stelen haben die Ausgräber gefunden. Wir sehen sie im lokalen Museum.

Danach chauffiert uns Hansi zurück nach Nauplia, durchquert es ohne Aufenthalt und umrundet den Argolischen Golf. Genau gegenüber Nauplia durchqueren wir das Dörfchen Myloi (Mili, „Mühlen“) an der Stelle des antiken Lerna, bekannt durch die lernäische Hydra, eine neunköpfige Wasserschlange, der Herakles als zweite seiner 12 „Arbeiten“ den Garaus machte und die dann als Sternbild am Himmel verewigt wurde. Hier biegt unsere Straße von der Küste ab und schlängelt sich in vielen Serpentinen ins Gebirge, wobei wir immer wieder prachtvolle Blicke auf den Golf genießen dürfen. Schließlich erreichen wir in 700 m Seehöhe den Parthenion-Pass (Pausanias 8,6,4 nennt ihn Parthenion-Berg, „Jungfräulicher Berg“) und überqueren damit die Grenze zwischen Argolis und Arkadien.

Oh, Arkadien“, höre ich eine Dame rufen. „Auch ich in Arkadien. Goethe.“ Und ein Herr: „Auch ich war in Arkadien geboren. Schiller.“

Ja, sage ich, wir betreten jetzt den Boden Arkadiens, der einzigen griechischen Landschaft, die nicht ans Meer grenzt, sondern auf allen Seiten von hohen Bergen umgeben ist. Es war eine arme Landschaft. Und Paraskeví: Arm ist Arkadien auch heute noch. Das erkennt man daran, dass die Bevölkerung stetig abnimmt.

Ja, aber wieso gilt Arkadien als idyllisches Glücksland?“

Und ich: Dazu gemacht hat es die bukolische Dichtung, die Schäferpoesie, die das schlichte, friedliche Leben der Bauern und Hirten schildert. Der bedeutendste Vertreter der griechischen Hirtenpoesie ist der Syrakusaner Theokrit, der im 3. Jahrhundert vor Christus lebte und dessen „Idyllen“ in Sizilien spielen. Erst der Römer Vergil begründet im 1. Jahrhundert vor Christus in seinen nach Theokrits Vorbild geschaffenen „Bucolica“ den Ruhm Arkadiens als Dichterlandschaft, indem er den in Arkadien beheimateten Pan als Gott der dichtenden Hirten einführt, auch wenn seine bukolische Landschaft noch immer Sizilien ist. Wiederbelebt wurde die Gattung im 15. Jahrhundert durch Jacopo Sannazaro mit seinem Schäferroman „Arcadia“. Von da an entstanden zahllose Texte und Gemälde, in denen Arkadien zum Symbol für das Goldene Zeitalter wurde.

Details

Seiten
357
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939354
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
griechenlandbuch hellas

Autor

Zurück

Titel: Ein Griechenlandbuch für alle - Hellas mon amour