Lade Inhalt...

Redlight Street #132: Ein goldenes Herz

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein goldenes Herz

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Ein goldenes Herz

Redlight Street #132

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Als Anke und Elke zur Nachtschicht gehen, finden sie unterwegs ein junges Mädchen. Es weint bitterlich und ist ganz verzweifelt. Elke ist das ziemlich egal und sie drängt Anke zum weitergehen. Doch Anke kümmert sich um das Mädchen. Sie hilft ihr aus ihren Schwierigkeiten und besorgt ihr eine Arbeit. Sie behält das Mädchen im Auge und achtet darauf, dass sie nicht den gleichen Beruf ergreift den sie selbst hat, denn Anke ist eine Dirne,

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Sie saß auf der Mülltonne und weinte zum Erbarmen. Die Tränen liefen unaufhörlich über ihr Gesicht. Seit Stunden saß sie schon da wie ein Häufchen Elend. Die Augen rot und verquollen, eine kleine Jammergestalt. Jetzt war sie müde und erschöpft. Sie schluchzte leise vor sich hin und wischte ständig mit dem Handrücken über ihre Augen.

Die Dirnen Anke und Elke waren auf dem Weg zur Anschaffe. Die Luft war mild, es wehte nur ein leichter warmer Wind. Jeden Abend und Morgen benutzten die Mädchen den Trampelpfad über das Trümmergrundstück. So etwas gab es auch noch, mitten in der Großstadt. Und Baugrund war so knapp. Dass diese Lücke noch nicht zugebaut war, lag an den Erben. Zwei Familien besaßen die Anteile. Jeder wollte der anderen Familie den Anteil abkaufen, um so den großen Gewinn zu machen. Mit einem halben Grundstück konnte man nichts machen. Da aber beide den großen Gewinn einstreichen wollten, verkaufte man nicht, ja, man hatte sich sogar verfeindet.

So war eine Lücke geblieben, und die Anwohner benutzten sie fleißig. Es war eine große Abkürzung. Das Unkraut wuchs meterhoch darauf. Am Tag streunten dort Hunde und Kinder umher. Und des Nachts hielten die Katzen zum Leidwesen der Anwohner ihr Stelldichein hier ab. Ratten sollte es auch geben.

Hier, in dieser düsteren Umgebung, gab es genügend Unrat, und alte Mülltonnen versperrten oft den Trampelpfad. Anständige Leute hatten Angst, nachts über den Platz zu gehen. Doch den Dirnen machte das nichts aus.

„Moment mal“, sagte Anke. „Ich habe doch gerade was gehört?“

Sie blieb stehen.

„Komm endlich“, murrte Elke. „Wir sind heute schon ziemlich spät dran. Mach doch!“

Da war wieder dieser komische, langgezogene Heulton. Nun hörte ihn auch Elke.

Anke wollte der Sache auf den Grund gehen. Und wenig später stieß sie auf ein weinendes Mädchen.

„He“, sagte sie verdutzt. „Was ist denn mit dir los?“

Thea Berger, so hieß das junge Mädchen, brachte kein Wort über die Lippen.

„Iiiiiiiiih!“ Stoßweise kam das hervor.

Elke trat auch näher.

„Mensch, die kann aber flennen. Mädchen, gleich setzt du das Grundstück unter Wasser.“

Thea keuchte und rang nach Atem. Sie machte verzweifelte Anstrengungen, um das Weinen zu unterdrücken. Jetzt schämte sie sich furchtbar. „Komm“, sagte Elke und wollte die Freundin mitziehen.

„Wir können die doch nicht einfach hier sitzen lassen“, meinte die Dirne.

„Warum denn nicht? Was geht uns das an?“

Thea rutschte von der Mülltonne. Sie legte sich quer darüber und stöhnte zum Steinerweichen.

„Biste krank?“, wollte Anke wissen. Ein wildes Kopfschütteln war die Antwort.

„Was haste denn? Los, sag es schon. Umsonst wirst du doch wohl nicht flennen. Sag schon.“

Thea hob ihren Kopf. Im Mondlicht sahen die beiden, wie jung sie noch war. Jung, verstört und von einem großen Kummer niedergedrückt.

„Hast du vielleicht etwas ausgefressen? Sind die Bullen hinter dir her?“ Wieder nur ein Kopfschütteln.

„Biste von zu Hause ausgerissen und hast jetzt Angst?“

„Nnnnnein“, stieß die Kleine verzweifelt hervor.

„Du siehst doch, sie weiß es selbst nicht“, knurrte Elke. „Ich gehe jetzt weiter, ich habe es verdammt eilig, ins Koberzimmer zu kommen. Kommst du jetzt mit?“

Anke zögerte. Eigentlich ging sie das ja alles nichts an. Aber trotzdem, das Mädchen tat ihr leid. Konnte man wirklich das arme Ding hier allein zurücklassen? Und wenn es sich in seiner Verzweiflung etwas antat?

Die Dirne streckte die Hand aus und berührte ihren Arm. Die Kleine hatte eine Gänsehaut. Sie musste wohl schon lange hier sitzen und jammern.

„Komm“, sagte sie etwas weicher. „Sag schon, was du hast. Vielleicht können wir dir helfen!“

Thea wollte lächeln, aber ihre Lippen zitterte so sehr, dass es nur eine Grimasse wurde.

„Hast du Hunger?“ Wenn man Kummer hatte, hatte man auch meistens Hunger, weil man in der Regel vergaß, zu essen. Anke kannte sich darin aus.

Thea Berger hatte schrecklichen Hunger.

„Ja“,.flüsterte sie ganz leise.

„.Wenigstens etwas“, murmelte Anke. „Kommst du jetzt mit oder nicht?“

„Geh nur schon, ich komme nach“, sagte Anke.

„Du bist doof“, meinte Elke. „Wirklich! Was kümmerst du dich um die? Du kennst sie doch gar nicht. Du kriegst bestimmt noch großen Ärger. Lass doch die Finger davon.“

„Mensch, hast du denn kein Mitleid? Wenn wir sie jetzt allein lassen, wer weiß, vielleicht tut sie sich etwas an.“

„Na und?“, höhnte Elke „Kümmert sich denn einer um uns, ob wir uns etwas antun oder nicht? Schick sie zum Teufel und komm jetzt endlich.“

„Hau ab, du verstehst das nicht!“

Elke stöckelte wütend davon. „Blödes Weib“, murmelte sie vor sich hin.

Anke fühlte sich selbst gar nicht so sicher. Hatte Elke nicht doch recht? Es war immer besser und machte keinen Ärger, wenn man sich nur um seinen eigenen Kram kümmerte. Wäre die Kleine älter, ja, dann wäre sie auch weitergegangen. Aber so jung! Sie konnte höchstens sechzehn sein. Mehr bestimmt nicht. Sie selbst war schon fünfundzwanzig. O ja, sie konnte sich noch sehr gut an diese Zeit erinnern, als Mama sie hinausgeworfen hatte, mit der Begründung, sie sei ein Esser zuviel. Sie solle jetzt selbst für sich sorgen. Wenn ihr damals jemand geholfen hätte, wäre sie sicher nicht im Bordell gelandet.

„Komm“, sagte sie zu der Kleinen. „Hier in der Nähe ist ein prima Lokal. Ich spendiere dir ein Essen. Und dann kannst du mir erzählen, was du hast. Vielleicht finden wir zusammen einen Ausweg.“

„Danke“, schluchzte Thea.

Mit letzter Kraft schleppte sie sich über den Platz. Sie wusste gar nicht, wo sie war. Vorhin — bestimmt waren inzwischen schon viele Stunden vergangen — da war sie einfach gelaufen und gelaufen, bis sie nicht mehr konnte. Und dann hatte sie diese Mülltonnen gefunden und sich verzweifelt daran festgeklammert.

Ihr Herz schlug ganz dumpf und schwer. Und in der Kehle hatte sie einen dicken Kloß. Essen konnte sie ganz bestimmt nicht. Vor ihren Augen tanzten rote Ringe. Thea wusste nicht, dass das ein Anzeichen von Schwäche war.

Sie stolperte über alte Bretter und Steine. Ihre Begleiterin hielt sie immer im letzten Augenblick fest. Warum ging sie eigentlich mit? Hatte sie denn keinen eigenen Willen mehr? Sie wollte es doch nicht. Man sollte sie allein lassen. Nein, auch sie konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte das!

Wäre sie doch in den Fluss gesprungen. Dann wäre sie jetzt schon lange tot und würde nichts mehr spüren. Sie war feige, richtiggehend feige.

Thea blieb stehen und wühlte in ihren Kleidertaschen herum.

„Was ist?“, sagte Anke.

„Taschentuch“, stotterte sie.

„Hier haste ein Tempo.“

Sie wischte sich damit die Tränen aus dem Gesicht und putzte sich die Nase.

Ich sehe bestimmt wie eine Vogelscheuche aus. Ich weiß das, dachte sie. „Ich gehe nicht mit“, stieß sie hervor. „Warum nicht?“

Darauf konnte sie keine Antwort geben.

„Komm schon, sonst kippst du mir noch vor Hunger aus den Latschen.“

„Ich sehe scheußlich aus.“

„Dort, wo wir hingehen, da ist das egal. Und jetzt komm endlich. So viel Zeit habe ich nun auch wieder nicht. Wie heißt du eigentlich?“

Sie zögerte etwas, ehe sie antwortete. „Thea“, sagte sie. „Thea Berger!“

„Ich heiße Anke!“

Sie hatten die Ritterstraße erreicht, den Anfang des Dirnenviertels. Weiter unten befanden sich das Eroscenter und die Bordelle. Zwischen der Ritterstraße und den Bordellen waren kleine Absteigen, Bars, Kneipen, Spelunken.

Anke, die Dirne, blieb vor einem kleinen Lokal stehen. Sie warf einen Blick auf das Mädchen und lächelte ihm ermunternd zu. Dann stieß sie die Schwingtür auf. Tabaksqualm, so dick wie Watte, schlug ihr ins Gesicht. Die Dirne kannte sich hier gut aus. Wie immer war Laszlos Kneipe zum Bersten voll. In dieser Gegend hatte er die beste Küche. Im Hinterzimmer befanden sich Billardtische, zum Zeitvertreib für die Zuhälter, die hier warteten. Die Dirnen kamen zwischendurch herein und brachten das sauer verdiente Geld.

Die Theke war belagert. Alles, was sich zur Unterwelt zählte, von den kleinen Gaunern und Hilus angefangen, hielt jeden Abend hier ein Stelldichein.

Bei Laszlo gab es nie Ärger. Er sorgte für Ordnung. Und die Polizei ließ ihn in Ruhe. Die Zuhälter wussten das und kamen deshalb so gern zu ihm.

Anke schob sich durch die Menge. Und wenn man nicht Platz machen wollte, setzte sie die Ellenbogen ein.

„Geht doch mal zur Seite.“

Man drehte sich um, erkannte sie, grinste und ließ sie passieren.

„Was haste denn da aufgegabelt? Dein neuester Schwarm?“

Man grölte über diesen Witz.

„Sieht verdammt nach Vogelscheuche aus! Fährst doch jetzt nicht die andere Spur?“

„Lasst mich in Ruhe“, zischte sie zurück.

An der Tür zum Hinterzimmer fand sie einen freien Tisch. Sie verfrachtete das Mädchen in die Ecke.

„Bleib hübsch hier sitzen, verstanden? Kümmere dich nicht um die Kerle. Die tun dir nichts!“

Thea hatte riesengroße erschrockene Augen.

„Ich komme sofort wieder. Ich schaue nur nach, was du jetzt essen kannst.“ Und damit warf sie sich wieder ins Gewühl und drängte sich zur Theke durch.

Thea Berger saß zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Um sie herum brodelte das Leben. Sie fühlte sich wie auf einer Insel. Das Zittern der Glieder ließ noch immer nicht nach.

Ein betrunkener Mann beugte sich über den Tisch. Er hatte Froschaugen und stierte sie damit an.

„Na, Süße, wie steht es denn?“

Thea hatte wahnsinnige Angst und presste sich an die Wand.

„Lassen Sie mich“, flüsterte sie.

„Sieht ja jung aus. Wirklich! Ein bisschen Wasser, wetten, du bist dann ein hübsches Püppchen!“

„Bitte, gehen Sie.“

„Warum denn? Ich bin doch gerade erst gekommen“, kicherte er. „Wirst schon sehen, wir zwei schaukeln das Kind!?“

Anke hatte beim Wirt etwas zu essen bestellt. Sie kam gerade noch im rechten Augenblick. Der aufdringliche Kerl hatte sich neben die Kleine gesetzt und wollte sie abtätscheln.

„Zieh bloß Leine, oder ich zerkratze dir das Gesicht“, fauchte Anke ihn an.

„He, das ist mein Mädchen!“, protestierte er. Aber dann sah er Ankes Augen und trollte sich davon.

„Blöde Kuh“, murmelte er im Gehen.

Anke gab ihm einen Tritt vors Schienbein. Er schrie auf.

„So, das ist für den Anfang.“

Thea zitterte wie Espenlaub.

Anke betrachtete sie mit einem schiefen Lächeln.

„Keine Sorge, der kommt jetzt nicht mehr wieder. Kannst aufhören zu zittern. Solange ich bei dir bin, tut dir keiner etwas.“

Thea nickte und putzte sich die Nase.

„Sie sind so nett zu mir“, murmelte sie leise.

„Sieh mal an, du kannst ja sogar einen ganzen Satz sagen“, staunte die Dirne.

Das Mädchen blickte qualvoll vor sich hin. Das war alles nur ein kleiner Aufschub, mehr nicht. Nachher, dann würde sie wieder verzweifelt sein und nicht mehr weiter wissen.

Laszlo, ein großer, stämmiger Mann arbeitete sich an ihren Tisch heran. Ein Lächeln zeigte sich auf seinem rosigen, runden Gesicht.

„Hoppla, neues Gemüse im Viertel?“ Er musterte Thea.

„Nee“, sagte die Dirne. „Nichts zu machen, Laszlo. Die ist nicht bei uns. Ich habe das Unglückswumm nur aufgelesen.“

„So, so. Vielleicht wird sie aber bald stehen?“

„Nein!“

„Na, ist ja nicht mein Beruf. Ich habe mächtig zu tun. Ist es so recht, Ankelein?“ Und damit stellte er eine umfangreiche Platte auf den Tisch. Von irgendwoher zauberte er Tassen und eine Kanne Kaffee.

„Donnerwetter, du hast dich ja direkt selbst übertroffen“, lobte sie den Wirt.

Er grinste.

„Für dich tue ich doch alles, Ankelein“, sagte er und tätschelte ihren Arm.

„Schon gut!“

Er verschwand wieder hinter der Theke.

„Dieser freche Kerl denkt auch, er könne bei mir mit solchem Schmaus Eindruck machen.“

Theas Blick hing an der Platte. Ihr Magen knurrte fürchterlich. Die Dirne schenkte Kaffee ein.

„Nun greif nur zu, ich habe es ja für dich bestellt.“

„Aber ich kann es doch nicht bezahlen. Ich habe doch...“

„Himmel, bist du schwierig. Ich habe es bestellt, basta, also komme ich auch für die Rechnung auf. Kleinchen, mache mich nicht verrückt. Hörst du! Langmütig bin ich nicht.“

Thea schluckte. Aber dann begann sie zu essen. Anke steckte sich eine Zigarette an. Sie betrachtete die Kleine von der Seite. Übel sah sie wirklich nicht aus. Schmales Gesicht, mit übergroßen Augen, die Backenknochen sehr hoch. Das schwarze Haar trug sie ganz schlicht. Sie hatte noch etwas Unterwürfiges, Eckiges an sich. Schließlich befand sie sich ja auch noch im Wachstum. Aber sie war jetzt schon eine kleine Schönheit, das hieß, wenn sie erst einmal gewaschen war und andere Kleidung trug. Der billige Pulli, und der zerknitterte Rock ließen sie richtig schäbig aussehen.

Plötzlich stand Elke vor ihrem Tisch. Sie plusterte sich auf und stemmte beide Hände in die Seiten.

„Da hört sich ja alles auf! Ich werde verrückt. Hier sitzt du und machst es dir gemütlich. Also wirklich, Anke, ich könnte dich... Und die Doofe ist ja auch noch immer da. Ja, sag mal, willst du vielleicht einen Kindergarten aufmachen?“

„Wieso kommst du hierher?“, zischte Anke zurück.

„Ich habe dich gesucht.“

„Wie rührend! Hast du Angst gehabt, ich gehe verloren?“

Elke kicherte.

„Blöde Gans, das natürlich nicht. Marod hat mich gefragt, wo du wärst, und da habe ich mich angeboten, dich zu suchen.“

„Wenn das so ist, dann ist im Schuppen bestimmt nicht viel los! Sonst wärst du doch nicht abgehauen.“

Elke setzte sich unaufgefordert. „Kommst du jetzt?“

„Nachher. Die Kleine muss erst mal essen, und dann wird sie mir sagen, was sie angestellt hat!“

„Warum soll ich es sagen?“, lispelte Thea. „Ihr könnt mir ja auch nicht helfen. Keiner kann mir helfen. Es ist so schrecklich, ich bin so unglücklich.“

„Das wissen wir schon, und jetzt flenn bloß nicht wieder los. Die Kerle werden sich sonst totlachen.“

„Nein“, sagte sie leise.

Elke beugte sich über den Tisch. „Kriegste vielleicht ein Kind?“

Thea riss die Augen weit auf, dann schoss eine Blutwelle über ihr Gesicht.

„Mensch, lass sie in Frieden!“

„Man wird doch wohl noch mal fragen dürfen.“

„Ich... ich habe keinen Freund. Das würden die Schautes nie zulassen. Ich muss ja immer so früh zu Hause sein!“

„Aha, dann biste also von zu Hause verduftet?“

„Nein!“

„Wieso, jetzt geht es schon auf zehn zu, und du bist hier und nicht bei deinen Alten“, sagte Elke.

„Ja, aber ich bin doch nicht nach Hause gegangen, weil...“

„Nun fang mal ganz von vorn an, Kleinchen. Dann weiß ich auch, worum es sich handelt. Du brauchst keine Angst zu haben. Uns kannst du dich ruhig anvertrauen. Wir halten dicht.“

Thea blickte zur Decke. Sie war schwarz durch den ständigen Zigarettenqualm.

„Ich bin Lehrling bei Götsch, das ist ein kleines Weißwarengeschäft. Ich soll Verkäuferin werden. Und heute, da kam mein Chef zu mir und sagte, ich solle ins Büro gehen, eine kleine Besorgung machen. Das war kurz vor Geschäftsschluss, so gut eine halbe Stunde. Das kommt öfters vor. Ich bin also ins Büro gegangen. Und dort haben sie mir so eine kleine Ledertasche gegeben. Da war Geld drin, tausend Mark ...“

„Und die hast du geklaut?“, fragte Elke.

„Nein, wirklich nicht. Das habe ich nicht getan. Ganz bestimmt nicht. Ich habe das Geld nicht geklaut. Ihr müsst mir das glauben, so etwas tue ich doch nicht. Ich hin doch keine Diebin.“

„Hör nicht auf Elke, red du nur weiter ...“, sagte Anke wütend. „Und wenn du noch mal dazwischenquatschst, dann kannst du abhauen, verstanden.“

„Mensch, bist du heute giftig.“

„Ich sollte das Geld also zur Sparkasse bringen. Das habe ich schon öfters gemacht. Wir geben es am Schalter ab, dann bekomme ich einen Schein, und am nächsten Morgen gebe ich dann Tasche und Schein im Büro wieder ab. Ich brauche abends nicht mehr zurück ins Geschäft.

Und heute war es auch so. Ich gehe also los. Und da komme ich auf dem Weg zur Bank immer an einem Kaufhaus vorbei. Die haben so schicke Sachen im Schaufenster. Und weil ich doch so wenig Ausgang habe, da dachte ich, es wäre bestimmt nichts Schlimmes, wenn ich mal kurz reinginge und mir ein paar Kleider ansähe. Nur so! Ich wollte sie nicht kaufen. Ich habe ja überhaupt kein Geld.

Ich habe mir also die Kleider angesehen. Die sind schick, und gar nicht teuer. Aber ich muss ja mein ganzes Geld zu Hause abgeben. Um sie mir also besser anzusehen, habe ich die Tasche mit dem Geld auf einen kleinen Hocker gelegt. Und später, später als ich gehen wollte, um das Geld zur Kasse zu bringen. da war die Tasche nicht mehr da...“

„Geklaut“, sagte Elke.

Anke steckte sich eine neue Zigarette an.

„Und?“, fragte sie und blies das Streichholz aus.

Wieder zitterten die Lippen des Mädchens. „Es war so furchtbar. Ich hatte ein Gefühl, als wäre mir ein Stein auf den Kopf gefallen. Wie gelähmt war ich. Ich konnte kaum mehr gehen. Das

ganze Kaufhaus drehte sich vor meinen Augen.

Ich habe das Geld nicht gestohlen, aber sie werden es alle glauben. Der Chef, und Schautes auch. Bei denen bin ich zu Hause, seitdem sie mich aus dem Waisenhaus geholt haben. Sie alle werden es sagen, und der Alte wird mich totschlagen. Herr Götsch wird doch bestimmt verlangen, dass ich das Geld zurückgebe, aber ich habe es doch nicht. Es ist mir gestohlen worden ...“ Nun rannen ihr wieder die Tränen über das Gesicht.

„Na, das ist ja eine feine Sache“, meinte Elke.

„Und da bist du also herumgelaufen und hast dich dann später auf die Mülltonne gesetzt. Und dort haben wir dich gefunden.“

„Ja“, sagte sie kläglich. „Ich war aber auch unten am Fluss. Zuerst, da wollte ich mir das Leben nehmen. Mir war so elend zumute. Aber als ich dann da so stand, ich weiß nicht, da hatte ich auf einmal keinen Mut mehr. Und dann bin ich fortgelaufen, immer weiter und weiter. Jetzt weiß ich nicht mal, wo ich bin.“

„Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, sagte Anke. „Du musst zu deinen Alten hingehen und ihnen die Wahrheit sagen. Das hättest du sofort tun müssen.“

„Nein“, rief sie entsetzt. „Das kann ich nicht. Er schlägt mich tot... Niemals, das tue ich nicht. Ich habe es ja gewusst, dass ihr mir auch nicht helfen könnt.“

„Hör mal, red doch keinen Quatsch, deine Eltern schlagen dich nicht tot.“

„Das sind nicht meine Eltern. Hab ich doch eben erklärt. Aber die tun so, als müssten sie mich erziehen. Die sind so streng. Und sie sagen sowieso schon immer, aus mir würde nichts. Ich war nämlich nicht sehr gut in der Schule. Ich bin ein Versager. Auch im Geschäft hin ich nicht gut. Der Chef hat sich schon ein paarmal beklagt. Und die Schautes haben mir gesagt, wenn er mich rausschmeißt, dann könne ich meine Sachen packen und abhauen.“ Sie begann wieder zu weinen.

„Du liebe Güte, gibt es das auch noch?“, meinte Elke verdutzt.

„Ja“, sagte Anke hart, und sie dachte dabei an ihr eigenes Zuhause. Bei ihr waren es sogar die richtigen Eltern gewesen, die sie hinausgeworfen hatten. Sie hatte Mitleid mit der Kleinen.

„Und was machst du jetzt? Du Neunmalkluge? Weißt du jetzt einen Rat?“, höhnte Elke?

„Lass mich nachdenken. Hör endlich auf, mich zu ärgern. Warum gehst du nicht wieder.“

„Jetzt will ich sehen, wie du dich aus dieser Sache herausziehst“, kicherte die Dirne schadenfroh.

„Ich werde mich nicht rausziehen“, sagte Anke wütend. „Nein, ich werde ihr helfen. Denn ich habe noch ein Herz im Leib, was man von dir ja nicht behaupten kann.“

„Na, na, na“, machte Elke und blies ihr den Zigarettenrauch ins Gesicht.

„Niemand kann mir helfen“, sagte Thea leise.

„Von deiner Heulerei siehste aus wie ein Zebra“, grinste Elke sie an. „Aber ich wüsste einen Rat, wie du dir dein Geld beschaffen kannst!“

„Ja?“, fragte die Kleine eifrig.

„Geh wie wir auf Anschaffe, dann hast du es bald zusammen. Musst dich vorher aber waschen, sonst beißen die Kerle nicht an.“

„Wie?“, flüsterte sie mit heiserer Stimme. „Was soll ich?“

„Mit den Kerlen schlafen, dich verkaufen. Du kriegst eine ganze Menge Eier dafür.“

Entsetzt sah Thea von einer zur anderen.

„Klar, wir sind Dirnen“, lachte Elke. „Jetzt bist du wohl geschockt, wie?“

Thea war vollkommen verwirrt.

Anke blitzte Elke wütend an. „Du verdammtes Luder, warum musstest du das sagen?“

„Ach, jetzt ist dir wohl ein Zacken aus deiner barmherzigen Krone gefallen, was?“

„Wir rechnen noch ab, das schwöre ich dir!“

„Na, da musste schon früher aufstehen“, sagte Elke träge.

„Hau ab!“

„Ich gehe schon von alleine. Euer Gefasel geht mir sowieso schon auf die Nerven.“ Sprach’s, nahm ihr Täschchen und verschwand.

Thea machte sich ganz klein und dünn. Anke ließ sie einen Augenblick gewähren.

„Bist du jetzt entsetzt?“, fragte sie ruhig.

„Nnnnein“, stotterte das Mädchen. „Das heißt, ich weiß nicht, ich habe wohl davon gehört, aber das war wohl nur so dummes Gerede. Die andere, die ist gemein, Sie aber nicht. Sie mag ich. Sie sind doch nicht auch eine Dirne?“

„Ja, natürlich.“

„Ich wollte Sie nicht beleidigen.“

„Das kannst du auch nicht“, sagte Anke. Aber einen kleinen Stich spürte sie doch. Obwohl sie eine Dirne war, hatte sie es nicht gern, wenn Außenstehende sie dafür hielten. Das mochte keines der Mädchen in ihrem Gewerbe.

„Ich habe mir die alle ganz anders vorgestellt. Von den Männern im Geschäft habe ich manchmal etwas gehört. Sie sehen gar nicht so aus. Ich glaube, die kennen gar keine wirklichen Dirnen. Die haben nur immer geflunkert und geprahlt.“

„Sieh mal an, du bist ja intelligenter als ich dachte! Und du, bist du jetzt entsetzt?“

„Nein!“ Sie lächelte schwach. „Mir ist das egal, was Sie sind. Ich weiß, Sie sind wirklich nett.“

Die Dirne blies den Rauch zur Decke. Sie spürte, das Mädchen meinte es wirklich so. Wie einsam sie doch sein musste! Jede andere hätte ganz anders reagiert. Wenn nicht gerade entsetzt, so doch neugierig.

„Sie können mir auch nicht helfen. Ich weiß es.“

„Glaubst du wirklich, dass sie so hart zu dir sind? Und wenn du ihnen alles erzählst?“

„Ach ...“ Sie zuckte die Schultern. „Ich habe das schon so oft versucht. Aber sie sagen alle, die einmal in einem Heim waren, seien verlogen und schlecht.“

„Das sagen sie wirklich?“ Anke war wütend. „Wie lange warst du denn im Waisenhaus? Und was ist mit deinen richtigen Eltern?“

„Das weiß ich nicht. Ich bin ein uneheliches Kind. Meine Mutter hat mich erst zur Adoption freigegeben, als es schon zu spät war. Da war ich schon sieben. Die Leute wollen immer nur kleine Babys oder Kinder bis zu zwei Jahren.“

„So bist du also zu diesen Schautes gekommen?“

„Viel später. Als ich aus der Schule entlassen wurde, mit vierzehn, da musste ich das Heim verlassen. Der Platz wurde gebraucht für ein jüngeres Kind. Man bekommt dann noch eine Lehrstelle zugewiesen und meistens so ein Wohnheim für junge Mädchen. Oder so eine Art Pflegefamilie, das heißt, wenn man welche findet. Als ich entlassen wurde, da war gerade mal so eine Aktion in der Zeitung. Es sollten sich Leute dafür melden. Und Geld bekommen sie natürlich auch vom Staat dafür. Umsonst tun die ja nichts. Und so bin ich dann zu den Schautes gekommen. Ich bin noch nicht volljährig, und da bilden die sich ein, sie müssten mich erziehen. Natürlich geben sie mit mir bei ihren Verwandten und Freunden mächtig an. Sie tun so, als wäre ich ihr Werk, und darum soll ich so vollkommen sein.

Was soll ich denn tun? Wo soll ich denn hingehen?“

„Hast du denn nicht mal mit dem Jugendamt gesprochen?“

Sie nickte. „Klar, natürlich habe ich das. Aber die haben soviel zu tun, und dann sagten sie, ich sei undankbar. Andere junge Mädchen würden sich freuen. wenn sie es so gut hätten. Schautes würden sich doch so rührend um mich kümmern. Und sie meinten es doch nur gut mit mir. Ich solle das zu würdigen wissen.“

Thea verkrampfte die Hände auf der Tischplatte.

Anke hatte Mitleid mit ihr. Sie sah so unglücklich aus. Warum musste ausgerechnet ihr die Sache mit dem Geld passieren?

„Aber sobald ich volljährig bin, haue ich ab. Dann bleibe ich keine Minute länger. Auch in dem miesen Laden bleibe ich dann nicht mehr. Ich habe das alles so satt. Nur weil ich keine Eltern habe, werde ich hin und her geschoben wie ein Stück Holz. Nie fragt einer, was ich denn wohl möchte. Immer heißt es, du musst, hast das zu tun, sei doch mal dankbar, du undankbares Geschöpf...“ Wieder begannen die Tränen zu tropfen.

„Ich hätte doch in den Fluss springen sollen. Vielleicht tu ich es auch noch. Das ganze Leben hängt mir zum Hals heraus!“

Das sagte ein junges Mädchen von sechzehn Jahren. In ihrem Aufbegehren erkannte sich Anke wieder. So hatte sie damals auch gedacht, Oh, sie war auch so unglücklich gewesen. Aber dann hatte sie Marcel Galard kennengelernt, den französischen Zuhälter. Viele im Bordell glaubten, er sei es gewesen, der sie zur Dirne gemacht hätte. Das stimmte gar nicht. Es war ihr eigener Wille gewesen. Aber die Zeit mit Marcel war so schön gewesen. Zum ersten Mal war sie geliebt worden, jemand war zärtlich zu ihr gewesen, sie hatte das Gefühl der Geborgenheit genossen. Sie lächelte.

„Du brauchst keine Angst zu haben, Thea. Ich werde dir helfen. Ich habe es dir versprochen. Ich gebe dir das Geld!“

Das junge Mädchen riss die Augen auf.

„Was?“, keuchte sie.

„Morgen früh, wenn die Bank aufmacht, hole ich das Geld. Dann gebe ich es dir, und du zahlst es ein, als wäre nichts gewesen. Siehst du, so einfach ist das!“

„Aber tausend Mark! Sie kennen mich doch gar nicht. Das kann ich doch nicht annehmen. So viel Geld. Nein, das geht wirklich nicht. Ich habe es verloren, dafür sollen Sie doch nicht Ihr Geld hergeben.“

„Hör mal, Kleinchen, ich leihe es dir nur, verstanden ...“

„Leihen?“, echote sie. „Leihen, aber ich kann es doch nicht zurückzahlen. Jetzt bekomme ich nur Lehrlingsgeld, und das reicht nie aus. Und die Hälfte muss ich doch sparen. Schautes wollen es so. Ich soll an später denken. An das Geld komme ich nicht ran, es liegt fest.“

„Mein Gott, Thea, habe ich dir denn gesagt, dass ich dich scheuchen will? Es ist mir egal, wann du es zurückzahlst. In ein paar Jahren vielleicht, und dann auch noch in kleinen Raten. Du willst dir doch für tausend lumpige Piepen nicht das Leben nehmen. Mensch, sei doch kein Frosch. Es liegt doch nur auf der Kasse...“

Thea sah die Dirne an.

„Warum tun Sie das?“

„Warum?“ Anke Höhne konnte im ersten Augenblick keine Antwort darauf geben.

„Du tust mir leid, darum.“ Thea blickte in die Kneipe. Sie war jetzt proppenvoll. Es ging schon langsam auf dreiundzwanzig Uhr zu.

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Sie sind so nett zu mir.“

„Morgen kommst du wieder, und dann gebe ich dir das Geld, Thea. In Ordnung?“

„Sie kennen mich doch gar nicht!“

„Jetzt kenne ich dich ja.“

„Ich werde hier irgendwo bleiben“, sagte Thea. „Bis morgen. Ich habe keine Angst.“

Die Dirne fragte: „Wieso? Warum gehst du denn jetzt nicht nach Hause?“

„Ich habe keinen Hausschlüssel, und die Schautes schlafen doch schon lange.“

„Und was willst du morgen sagen, wenn du die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen bist?“

„Ich sage ihnen dann, ich sei bei einer Freundin gewesen.“

„Bist du denn schon mal fortgeblieben?“, wollte die Dirne wissen.

„Nein!“

Du liebe Güte, dachte die Dirne, die ist wirklich noch naiv. Die glaubt tatsächlich, die nehmen ihr das so ohne weiteres ab. Aber jetzt hatte sie wirklich keine Zeit mehr, sich um das Mädchen zu kümmern. Um Mitternacht kamen immer die Stammfreier, und dann konnte man das meiste Geld machen.

Sie stand auf.

Laszlo quetschte sich durch die Menge. Sie gab ihm einen Geldschein. Er grinste sie an. „Bis morgen?“

„Klar!“

„Fein, ich freue mich schon darauf!“

„Komm“, sagte sie zu Thea. „Komm, beeil dich, schieb sie zur Seite.“

„Wohin?“, keuchte das Mädchen.

„Ich habe hier in der Nähe eine kleine Wohnung. Auf dem Sofa kannst du pennen. Los schon, mach jetzt, ich habe es eilig.“

Jetzt ist sie wütend dachte Thea. Sie ist wütend auf mich, weil sie mir das viele Geld zugesagt hat. Stolpernd lief sie neben der Dirne her. Sie überquerten das Trümmergrundstück. Wenig später standen sie vor einer Mietskaserne. Im vierten Stock hatte Anke Höhne ihre kleine Wohnung.

Sie bestand aus einem Wohnzimmer, Schlafzimmer. Kochnische und Bad. Anke erklärte ihr alles.

„Du kannst im Wohnzimmer schlafen. Ich komme erst gegen Morgen zurück. Lass mich bis neun Uhr schlafen, dann weck mich, und wir gehen zur Bank. Verstanden?“

Thea nickte. Und dann saß sie allein in der Wohnung. Draußen hörte sie die Absätze klappern. Etwas scheu blickte sie sich nach allen Seiten um. Sie hatte das Gefühl zu träumen. Heute hatte sie in ein paar Stunden mehr erlebt als in den ganzen Jahren zusammen. Und müde war sie, zu müde, um überhaupt noch richtig denken zu können. Sie legte sich auf das Sofa und war wenige Augenblicke später auch schon traumlos eingeschlafen. Sie hörte noch nicht einmal, wie gegen Morgen die Dirne nach Hause kam. Anke war ein wenig angetrunken. Sie hatte das Mädchen fast wieder vergessen. Als sie den dunklen Schopf auf dem Sofa sah, blieb sie davor stehen und blickte sie lange an.

„Armes Huhn“, murmelte sie leise. „Dir wird man noch so manche Feder im Leben rupfen.“

Dann warf sie sich auf das Bett und schlief ein.

 

 

2

Herta Stumm musste jeden Morgen die Räume der Firma Wagner reinigen. Eine zweite Frau säuberte die Büroräume, und eine dritte das Lager. Bevor das Geschäft geöffnet wurde, mussten sie schon wieder verschwunden sein.

Herta war fünfzig Jahre alt und mächtig dick. Sie pustete wie eine Dampfwalze, wenn sie sich bückte. Einfach war die Arbeit auch nicht Aber da das Geld, das ihr Mann verdiente, vorn und hinten nicht reichte, musste sie eben mit verdienen.

Seufzend und prustend schob sie die Kleiderständer zur Seite, um dort den Boden zu wischen. Da bemerkte sie ein kleines schwarzes Täschchen. Es war ganz schlicht und hatte oben einen langen Reißverschluss.

„Was die Leute doch nicht alles verlieren“, brummelte sie und bückte sich danach.

Sie öffnete neugierig die Tasche und war nicht wenig erstaunt. „Donnerwetter, da ist ja Geld drin!“ Rasch überflog sie die Scheine. „Tausend Mark, du liebe Güte!“

Ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Sie blickte auf das Geld, und dann sah sie sich nach allen Seiten um. Niemand war im Laden. Keiner hatte also gesehen, dass sie die Tasche gefunden hatte.

„Ach, nee, nee“, murmelte sie. „Nee, das geht doch nicht.“

Sie ließ den Schrubber fallen und rannte, so schnell sie konnte, nach hinten in die Büroräume.

„Meta, Meta, so melde dich doch. Wo biste denn?“

Meta erschien strubbelig und mürrisch auf der Bildfläche. „Was schreiste so? Mensch, ich muss mich beeilen. Bin heute schon ziemlich spät dran.“

„Guck mal, was ich im Laden gefunden habe!“

„Donnerwetter!“

Die beiden alten Frauen starrten sich an.

„Da kannste dir aber ein paar schöne Tage mit machen, Herta. Vielleicht Urlaub. Du, so viel Geld habe ich noch nie auf einem Fleck gesehen. Wieviel ist es denn?“

„Tausend Mark!“

„Mensch, so viel Glück habe ich nie.“

„Ja, glaubst du denn, dass ich das Geld behalten soll?“

„Klar, wer so blöd ist und das verliert, der muss bestraft werden.“

„Ich weiß nicht“, meinte Herta zögernd. „Das Geld, wenn das einem Reichen gehört, du, der steckt das in seine Brieftasche. Aber nicht in so ein kleines Täschchen. Nee, weißt du, was ich glaube? Das hat ein Bote verloren. Und der muss es doch bezahlen. Nee, ich kann das nicht behalten. Ich würde mein Leben lang ein schlechtes Gewissen haben. Was meine Luise ist, die ist doch in der Drogerie Lehrling, und die erzählt mir auch immer, dass sie hin und wieder Geld zur Bank bringen muss oder auch holen.“

„Was willste denn jetzt machen?“

„Ich bringe das Geld in das Geschäft zurück. Hier, da steht ja der Name.. Ich gebe es dort ab.“

„Dann kriegste Finderlohn. Den müssen sie dir zahlen. Nicht mehr zehn, sondern fünfzehn Prozent. 150 Mark müssen sie dir geben.“

Herta stopfte die Tasche mit dem Geld in ihre Kittelschürze. Dann ging sie in den Laden zurück. Nun wurde es auch höchste Zeit. Schnell schrubbte sie das letzte Stück fertig.

Wenig später kamen die ersten Angestellten des Hauses. Sie holte sich ihren Mantel und verließ das Geschäft. Das kleine Wäschegeschäft Götsch war nur wenige Schritte entfernt Die Ladentür war noch zu. Aber die Verkäuferinnen waren schon da und packten neue Ware in die Regale. Herta klopfte gegen die Scheibe.

„Siehste denn nicht, wir haben noch geschlossen“, fauchte sie ein junges Mädchen an. „Komm in einer halben Stunde wieder.“

„Ich will nichts kaufen.“

„Das ist ja noch schöner. Dann hau ab, Oma!“

„Ich muss den Chef sprechen. Es ist sehr wichtig!“

„Dann geh zum Hintereingang. Dort ist das Büro.“

Herta Stumm ließ sich das nicht zweimal sagen.

Norbert Götsch saß hinter seinem Schreibtisch, als Herta Stumm sein Büro betrat.

„Das habe ich gefunden und möchte es Ihnen jetzt bringen!“ Damit reichte sie die kleine schwarze Tasche über den Tisch.

Der Mann glaubte, es handele sich um die leere Tasche. „Schon gut, deswegen hätten Sie mich nicht zu stören brauchen. Sie hätten es einem der Mädchen geben können.“

„Und die klauen es. Und nachher heißt es dann, ich sei unehrlich gewesen. Nee, so doof bin ich nicht. Außerdem steht mir ja auch der Finderlohn zu.“

Götsch blickte sie überrascht an. „Finderlohn? Wegen der Tasche? Die ist keine Mark wert.“

„Und die Märker da drinnen? Ganze tausend sind es. Ich habe sie nachgezählt.“

„Was sagen Sie da?“ Er riss die Tasche an sich und öffnete sie. „Tatsächlich, das ist ja...“ Er verstummte und sah Herta Stumm verblüfft an.

„Wo haben Sie die Tasche gefunden?“

Und sie erzählte es ihm.

„Dieses verdammte kleine Luder. Na warte, der werde ich die Leviten lesen. Verliert sie einfach das Geld. Das ist die Höhe, das Maß ist voll. Nein, die fliegt noch heute.“

Götsch war froh, dass er den Geldbetrag zurückerhalten hatte. Er wusste ganz genau, von dem Lehrling hätte er es nie zurückverlangen können. Und außerdem war es eigentlich verboten, ein so junges Ding mit einer solchen Aufgabe zu betrauen. Doch sollte er etwa eine ausgebildete Verkäuferin schicken? Und das gegen Abend, wenn das Geschäft am besten ging? Er hatte das Geld wieder, aber jetzt musste er den Finderlohn zahlen. Und das tat er nur sehr widerstrebend.

Herta Stumm hatte ein ganz rotes Gesicht. Davon würde sie ihrem Mann nichts erzählen. Das kam auf die hohe Kante.

 

 

3

Thea Berger erwachte. Zuerst konnte sie sich gar nicht erinnern, wo sie war. Aber dann fiel es ihr wieder ein. Sie stand auf und ging ins Badezimmer. Wenig später machte sie sich in der Küche nützlich. Außer Kaffeekochen hatte sie nicht viel gelernt. Anke schnarchte. Das junge Mädchen stand vor ihrem Bett und zögerte. Sie hatte zwar gesagt, sie solle sie wecken, aber...

Sie blickte in das schlafende Gesicht. Das war also eine Dirne. Schon gestern hatte ihr Herz schneller geschlagen. Neugierig betrachtete sie die fremde Frau. Sie war sehr hübsch. Aber das mussten sie wohl sein. Männer nahmen nur hübsche Mädchen. Und fröhlich und lustig mussten sie auch sein. Sie, Thea, hatte keine Freunde. Das war auch normal, so glaubte das junge Mädchen. Sie wusste sich nicht zu unterhalten, war unfertig und eckig. Gern wäre sie so gewesen wie die Verkäuferinnen bei Götsch.

Anke öffnete die Augen.

„He, was starrste mich so an?“

„Ich sollte Sie doch wecken.“

„Ist es schon so spät? Mensch, ich habe noch kein Auge zugetan. Puh, bin ich müde.“ Sie richtete sich auf und gähnte.

Thea biss sich auf die Lippen. Wäre ich jetzt nicht da, brauchte sie nicht so früh aufzustehen, dachte sie.

„Ich dusche schnell. He, du hast schon Kaffee gemacht? Bist ein nettes Mädchen.“

Wenig später saßen sie in der Küche zusammen.

„Kommt mir richtig komisch vor. Sonst habe ich nie Besuch bei mir. Ich verschlafe den halben Tag, um abends fit zu sein. Wenn man das nämlich nicht tut, sieht man bald wie eine alte Schreckschraube aus. Man muss aufpassen. Ich mache auch zweimal im Jahr Urlaub.“

Thea hörte ihr zu.

Die Dirne legte den Kopf schief und betrachtete sie eingehend: „Nachher wirste wohl alles im Geschäft erzählen, wie?“

„Nein“, sagte das Mädchen. „Das werde ich nicht, die sind nämlich so gemein.“

„Ach nee“, lachte die Dirne.

„Ja, und ich weiß jetzt, Sie sind nett.“

„Mach ein Päuschen, Mädchen, ich bin nur eine von vielen. Wir haben ganz gemeine Typen unter uns. Du bist noch zu jung, du musst vorsichtig sein mit deinem Urteil. Aber jetzt wollen wir nicht länger quatschen. Komm, wir gehen los, damit ich mich nachher noch einmal aufs Ohr hauen kann.“

Sie verließen die kleine Wohnung. Thea hatte ein ziehendes Gefühl im Magen. Es war so gemütlich dort gewesen. Und die Dirne hatte sie für voll genommen, sie hatte nicht an ihr herum genörgelt, wie es die Schautes ständig taten. Wenn sie an Schautes dachte, wurde es ihr ganz schwarz vor den Augen. Das würde noch ein Theater geben.

Sie hatten bald die Bank erreicht.

Anke ging hinein und kam wenig später mit dem Geld heraus.

„So, und damit du es nicht noch einmal verlierst, gehe ich mit und sehe zu, wie du das Geld einzahlst.“

Thea schluckte.

Der Bankbeamte nahm es an und gab ihr eine Quittung. Wenig später standen sie wieder auf der Straße.

„Du weißt jetzt, wo ich wohne, und wenn du mal Geld hast, dann zahlst du es mir zurück.“ Sprachs und verschwand im Menschenstrom.

Thea stand da und hatte Tränen in den Augen. Anke hatte ihr einfach so das Geld gegeben. Sie hatte nicht einmal eine Sicherheit verlangt. War sie so fest davon überzeugt, dass sie von sich aus das Geld zurückbrachte? Das Mädchen verstand die Welt nicht mehr. Bis jetzt hatte sie nur Kälte, Gier und Selbstsucht kennengelernt.

Es war schon weit nach neun; und die Geschäfte hatten schon längst geöffnet. Jetzt musste sie sich aber beeilen. Vielleicht konnte sie reinschlüpfen, ohne dass Götsch etwas davon bemerkte. Erst am Abend musste sie nach Hause zurück. Also noch eine kleine Galgenfrist.

Thea schlüpfte durch den Hintereingang, zog sich die Jacke aus, legte ihre Tasche in ihr Fach. Die Verkäuferinnen im Laden kümmerten sich nicht um den Lehrling. Am Morgen musste sie zuerst immer die Regale einräumen. Bedienen durfte sie nur ganz selten. Es sei denn, es war viel Andrang.

Götsch saß in seinem Büro. Er dachte: Ich bin mal gespannt, welche Ausrede sie mir auftischt. Die fliegt, darauf kann sie sich verlassen. Und er setzte sich mit Schautes in Verbindung und berichtete ihnen, was vorgefallen war.

Als seine erste Verkäuferin kurz im Büro erschien, fragte er sie, ob Thea Berger noch nicht zur Arbeit gekommen sei.

„Klar, die ist schon lange hier. Sie räumt die Regale ein. Soll sie wieder Botengänge machen?“

Der Geschäftsmann war für einen Augenblick verblüfft. „Sie ist da? Donnerwetter, die hat aber ein dickes Fell.“ Sie konnte doch gar nicht wissen, dass das Geld wieder da war.

„Schicken Sie sie mir sofort. Ich muss mit ihr reden.“

„Sie sollen zum Chef kommen, Thea!“

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939330
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542515
Schlagworte
redlight street herz

Autor

Zurück

Titel: Redlight Street #132: Ein goldenes Herz