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Nach jener Nacht vor sieben Jahren

2020 118 Seiten

Leseprobe

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Nach jener Nacht vor sieben Jahren

Copyright

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Nach jener Nacht vor sieben Jahren

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Martina Bertram ist seit Jahren Dr. Härtlings Patientin, der Arzt kennt sie als liebenswert, charmant und immer gutgelaunt. Um so auffallender ist die Veränderung, die eines Tages mit Martina vor sich geht. Sie ist deprimiert, wirkt völlig verzweifelt. Ihr Lachen, mit dem sie stets alle bezauberte, ist verstummt. Ihr Mann, ihre Freunde und auch Dr. Härtling stehen vor einem Rätsel.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Mein Vati ist stärker als alle andern“, behauptete Emil Feldbach.

„Ist er nicht!”, ärgerte sich Tommy Bertram.

„Und er hat ein schöneres Auto.”

„Hat er nicht!”

Es kochte in Tommy. Emil war ein schrecklicher Angeber. Bei dem war immer alles schöner, besser und größer. Nicht auszuhalten war diese Prahlerei. Tommy konnte sich kaum noch beherrschen. Gleich würde er Emil eine herunterhauen, obwohl er das eigentlich nicht durfte. Erst kürzlich hatte ihn seine Mutter wieder ins Gebet genommen.

„Hör zu”, hatte sie streng gesagt, „ich möchte nicht, dass du dich nach der Schule wie ein Straßenjunge prügelst.”

„Ich kann Emil Feldbachs Aufschneiderei nicht ausstehen”, hatte sich Tommy verteidigt.

„Lass ihn aufschneiden, das tut dir doch nicht weh. Hör ihm einfach nicht zu, wenn er redet.”

„Das kann ich nicht”, hatte Tommy erwidert. „Er plärrt immer so laut.”

„Du gehst ihm von nun an aus dem Weg, verstanden?”, hatte seine Mutter energisch gefordert.

„Das kann ich nicht.”

„Und warum nicht?”

„Weil er mir immer nachläuft”, hatte Tommy erklärt.

„Du kommst mir jedenfalls nicht mehr zerkratzt, zerschunden und schmutzig nach Hause, sonst zwingst du mich, dich mit einer Woche Naschverbot zu bestrafen.”

Eine Woche lang keine Bonbons. Nicht mal das kleinste Stückchen Schokolade Das war hart. Tommys Mutter konnte sehr konsequent sein.

Aber wenn Emil Feldbach so weitertönte, würde Tommy nicht umhin können, ihm eins auf die Nuss zu geben. Süßigkeiten hin, Süßigkeiten her.

Wie Emil immer den Mund aufriss, wenn er seine Prahlereien herausschrie, und wie er dabei immer verächtlich dreinsah! Tommy hasste es, von Emil immer so von oben herab behandelt zu werden, als wäre er der letzte Dreck.

Gleich schlag’ ich ihn, dachte Tommy aufgewühlt, und er ballte die Hände bereits zu Fäusten. Gleich kriegt er wieder eine Tracht Prügel von mir. Ich hör’ mir das nicht mehr lange tatenlos mit an.

Und plötzlich sagte Emil Feldbach etwas, das das Fass zum Überlaufen brachte: „Was rede ich denn überhaupt mit dir? Du hast ja gar keinen Vati!”

Tommy bebte vor Zorn. Emil hatte ihn an seiner verwundbarsten Stelle getroffen. „Jedes Kind hat einen Vater”, entgegnete er heiser.

Emil lachte „Jedes Kind, nur du nicht.”

„Ich auch.”

„So? Wirklich? Wo ist er denn?” Emils Stimme war jetzt hohntriefend. Er wandte sich an die Kinder, von denen er und Tommy vor dem Schulgebäude umringt waren. „Hat einer von euch schon mal Tommys Vater gesehen?” Er sah wieder Tommy an. „Wo ist dein Vater denn, he? Ist er vielleicht unsichtbar?” Tommy sah rot und schlug zu, und Emil schlug zurück, und sofort war eine wilde Rauferei im Gange. Die Umstehenden feuerten Tommy an.

Emil hatte keine Freunde, deshalb wollten ihn auch alle verlieren sehen. Aber Emil war kein Schwächling. Er war mindestens ebenso stark wie Tommy Bertram, so dass immer ungewiss war, wie es ausging, wenn sie aneinandergerieten. Heute hätte Tommy gewonnen, aber dazu kam es bedauerlicherweise nicht, weil sich die etwas ältere Josee Härtling einmischte „Aufhören!”, rief sie laut. „Auseinander, ihr Streithähne! Wollt ihr wohl aufhören, euch gegenseitig die Birne weichzuklopfen?” Sie zwängte sich zwischen Tommy und Emil, drückte sie auseinander.

Tommy stemmte sich gegen sie. „Geh zur Seite!”

„Bist du scharf darauf, zum Direktor gebracht zu werden?”, herrschte Josee ihn an.

Emil trat an ihr vorbei. Das sah ihm ähnlich. Er traf Tommys Schienbein, der ihn daraufhin sofort wieder mit seinen Fäusten zu erreichen versuchte, aber Josee ließ es nicht zu, und sie ließ den hinterhältigen Emil wissen:

„Wenn du das noch mal machst, kriegst du es mit mir zu tun! Ihr solltet euch wirklich schämen. Dass Jungs immer raufen müssen.”

„Ich hab’ nicht angefangen!”, behauptete Emil. „Du hast Tommy gereizt”, warf Josee ihm vor.

„Aber er hat zuerst zugeschlagen. Und ich habe nur die Wahrheit gesagt: Tommy hat keinen Vater.”

„Na und?”, ergriff Josee für Tommy Partei. „Das geht dich doch überhaupt nichts an. Sei froh, dass du einen Vater hast und sieh zu, dass du nach Hause kommst.”

Emil trollte sich.

Josee wandte sich an Tommy. „Alles in Ordnung?"

„Er hat mir zwei Knöpfe von meinem Hemd abgerissen.” Er bückte sich und hob sie auf.

Josee wusste Abhilfe „Komm mit”, sagte sie und nahm Tommy mit zu sich nach Hause. Ihre Mutter war nicht da, aber Ottilie die Wirtschafterin, trat aus der Küche als sie die Haustür zufallen hörte. Ihr freundlicher Blick richtete sich auf den Jungen.

„Wen haben wir denn da?”

„Das ist Tommy Bertram”, erklärte Josee.

„Hast du ihn zum Essen mitgebracht?”, erkundigte sich Ottilie „Nein. Tommy hat gerauft...”

„Aber, aber, Tommy, das gehört sich doch nicht.”

„Mit Emil Feldbach”, sagte Josee, aber für Ottilie war das natürlich keine Erklärung. Sie hatte noch nie von Emil Feldbach gehört. „Keiner kann Emil leiden”, informierte Josee sie „Er lügt, schneidet auf und verpetzt alle. Er hat Tommy zwei Knöpfe von seinem Hemd abgerissen. Kannst du sie ihm wieder annähen, Ottilie?”

„Aber natürlich”, sagte die Haushälterin. „Geht ins Wohnzimmer. Ich hole Nadel und Zwirn. Die Knöpfe habt ihr?”

„Ja.” Tommy zeigte sie her.

„Gut”, nickte Ottilie zufrieden. „Das erleichtert alles noch mehr.”

Zehn Minuten später hatte Tommy wieder alle Knöpfe an seinem Hemd. „Danke”, sagte er artig.

„Gern geschehen”, erwiderte Ottilie lächelnd. „Möchtest du zum Essen bleiben? Es gibt Lammspieße und Thymian Aioli und als Nachtisch rosa Blechkuchen.”

Tommy lief das Wasser im Mund zusammen. Ottilie sah ihm an, dass er gern geblieben wäre, aber er schüttelte den Kopf und sagte: „Ich muss nach Hause.” Ottilie nickte verständnisvoll. „Deine Mutti macht sich Sorgen, wenn du nicht von der Schule heimkommst, das ist klar, aber wir könnten sie anrufen und fragen, ob sie etwas dagegen hat, wenn du heute ausnahmsweise mal bei uns zu Mittag isst, hm? Was hältst du davon?”

Davon hielt Tommy sehr viel. Seine himmelblauen Augen strahlten die alte Wirtschafterin dankbar an.

„Wie ist eure Telefonnummer?“, erkundigte sich Ottilie. Der kleine Knirps hob die Schultern.

„Aber ihr habt Telefon zu Hause, nicht wahr?”

Tommy nickte

„Dann finde ich die Nummer im Telefonbuch. Kein Problem.”

Martina Bertram, Tommys Mutter, meldete sich sofort. Sie hatte eine sehr sympathische Stimme. Ottilie nannte ihren Namen und fuhr fort: „Ich bin Wirtschafterin bei der Familie Härtling. Ihr Sohn ist bei uns ...”

„Ist irgend etwas mit Tommy?”, fragte Martina Bertram sofort erschrocken. Der Junge war ihr ein und alles. Kein Wunder, dass sie sich immer ein wenig um ihn sorgte „Nein, nein”, beruhigte Ottilie sie. „Mit Tommy ist alles in Ordnung. Josee, unsere Jüngste, hat ihn mitgebracht, und er würde nun gern mit uns essen. Natürlich nur, wenn Sie es erlauben.” Ottilie sagte, was sie zubereitet hatte „Ja, also — wenn es Ihnen nichts ausmacht .. .”, erwiderte Tommys Mutter zögernd.

„Der junge Mann wird niemandem etwas wegessen, da können Sie ganz beruhigt sein, Frau Bertram. Es ist genug für alle da.”

„Na schön, er darf bleiben.”

„Damit machen Sie ihm eine große Freude, Frau Bertram.”

„Ist er in der Nähe?”

„Er steht neben mir”, antwortete Ottilie.

„Würden Sie ihn mir mal kurz geben?”

„Aber selbstverständlich”, erwiderte Ottilie und reichte dem Kind den Hörer. „Deine Mutter möchte mit dir reden.” Tommy nahm den Hörer. „Ja, Mutti?”

„Du isst hoffentlich nicht wie ein Bauer”, sagte Martina Bertram. Wenn Tommy zu faul war, das Messer zu benutzen, steckte er nämlich gleich riesige Fleischstücke in seinen Mund und kaute endlos lange daran herum.

„Wann muss ich heimkommen?”, fragte der Kleine, ohne auf die Bemerkung einzugehen.

„Sobald du gegessen hast, bedankst du dich artig und verabschiedest dich.”

„Ist gut, Mutti.”

„Lass es dir gut schmecken. Bei uns gibt’s heute nur Linseneintopf.”

Tommy gab Ottilie den Hörer zurück. Diese legte ihn auf den Apparat und schickte die Kinder zum Händewaschen. Und wenig später servierte sie im Speisezimmer das Essen.

 

 

2

Martina Bertram war seit langem Dr. Sören Härtlings Patientin. Er war der Arzt ihres Vertrauens. Noch nie hatte ein Arzt sie besser betreut.

Sie war mit Tommy in der Paracelsus-Klinik niedergekommen. Es war keine leichte Geburt gewesen, und Dr. Härtling hatte sich in aufopfernder Weise um sie gekümmert.

Sie ging nach wie vor zu ihm, wenn sie mal gesundheitliche Probleme hatte — was glücklicherweise aber nicht allzu oft der Fall war.

Vergangenen Monat hatte Martina Bertram ihren achtundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Das Schicksal, das nicht immer gnädig mit ihr gewesen war, hatte sie zu einer selbständigen, selbstbewussten, bildhübschen Frau geformt, die ihr Leben souverän meisterte.

Einen Ehemann hatte sie nicht. Brauchte sie auch nicht. Sie kam sehr gut ohne männliche Hilfe zurecht und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als vielbeschäftigte erstklassig bezahlte und hochbegabte Mode-Designerin.

Man schätzte sie als gewissenhafte und zuverlässige Geschäftspartnerin und ideenreiche, äußerst kreative Künstlerin, deren Entwürfe sich hervorragend verkaufen ließen. Da sie zugesagte Termine unter allen Umständen einhalten wollte, stand sie mal wieder etwas unter Druck, und so hatte es sich ganz gut geschickt, dass Tommy, ihr kleiner Liebling, im Hause Härtling zu Mittag aß.

Wie leer wäre ihr Leben ohne Tommy doch gewesen. Martina strich sich das Haar aus dem Gesicht. Ihre Haut war hell. Sie hatte viele Sommersprossen, die jedoch nicht störten.

Sie saß an ihrem Zeichentisch und skizzierte Strandensembles, Bikinis und Einteiler. Mal mit exklusiver Eleganz, mal sportlich gestylt, mal verführerisch luxuriös. Hier flott und feminin. Da geraffte Raffinesse. Dort unauffällige, dezente Figurfreundlichkeit... Bademode für die nächste Saison, geschmackvoll und tragbar.

Das Telefon läutete. War es noch mal Tommy? Wollte er sie bitten, eine halbe Stunde länger in der Härtlingschen Villa bleiben zu dürfen?

Martina hätte nichts dagegen gehabt. Sie legte den Zeichenstift weg und griff nach dem Hörer. „Hallo!”

„Na, du”, sagte Kurt Steiner, einer ihrer hartnäckigsten Verehrer. Er sah großartig aus und hätte Martina gern geheiratet, aber sie wollte nicht, obwohl er Tommy bestimmt ein prima Vater gewesen wäre. Martina hielt nichts vom Heiraten, und sie brauchte keinen Vater für ihren Jungen. Sie war lieber frei und ungebunden. Einmal hatte sie anders gedacht — damals, vor sieben Jahren, aber ... Nun ja, es hatte eben nicht sollen sein. Sie war inzwischen darüber hinweg.

„Na, du”, gab Martina Bertram lächelnd zurück. Ein wenig von diesem Lächeln kam durch die Leitung und erreichte den Anrufer.

„Hast du meine Telefonnummer verloren?”

„Wieso?”, fragte Martina.

„Du rufst mich seit einer Woche nicht mehr an.”

Martina seufzte „Ich habe schrecklich viel zu tun.”

„Man arbeitet, um zu leben — nicht umgekehrt.”

„Was hast du auf dem Herzen?”, erkundigte sich Martina, ohne auf die Bemerkung einzugehen.

„Ich möchte mit dir ausgehen”, sagte Kurt Steiner.

„Wann?”, wollte Martina wissen. „Heute Abend.”

„Heute Abend passt mir überhaupt nicht”, sagte Martina bedauernd.

„Und was sagst du zu morgen Abend?” Martina Bertram seufzte abermals. „Ist auch nicht gut.”

„Nenn du mir einen Termin”, verlangte Kurt Steiner.

Martina überlegte kurz. „Wie wär’s mit Freitagabend?”

„Erst?” Er war enttäuscht.

„Tut mir leid, Kurt, früher kann ich nicht. Ich habe neben meiner Arbeit noch einen kleinen Jungen zu betreuen.”

„Einen entzückenden Jungen, der auf einen Vater verzichten muss, weil seine Mutter...”

„Ja, ja”, fiel ihm Martina ins Wort, „schon gut. Ich kenne deine Argumente.”

„Versuch sie zu entkräften”, verlangte Kurt.

„Das kann ich nicht.”

„Dann gibst du also zu, dass ich recht habe”

Sie hatte keine Zeit, mit ihm zu diskutieren. „Machen wir es kurz, ja? Ich rufe dich am Freitag an, und dann verabreden wir uns, einverstanden?”

„Lässt du mir eine andere Wahl?”, brummte er.

„Nein.” Sie lächelte „Ich weiß, ich bin ein bisschen schwierig, Kurt. Wenn du lieber mit einer anderen ausgehen würdest, könnte ich es verstehen.”

„Wie kommst du denn darauf?”, polterte er sofort los. „Wenn ich das wollte, hätte ich es schon längst getan.”

„Du bist ein Schatz, Kurt”, sagte sie sanft. „Danke.”

„Danke — wofür?”

„Für die viele Geduld, die du mit mir hast”. Sie legte auf und arbeitete weiter.

Tommy kam nach Hause und lud seine Schultasche ab. Martina trat aus ihrem Arbeitszimmer, um ihren Sohn zu begrüßen.

Soviel Zeit war immer. Martina war überhaupt sehr darauf bedacht, dass der Junge nie zuwenig von ihr bekam. Alles war nur eine Sache der Einteilung.

Wenn man mit Konsequenz und Selbstdisziplin nach der Uhr lebte, ließ sich erstaunlich viel in einem Tag unterbringen. Und reichten die Stunden mal nicht aus, musste eben das Gefühlsleben etwas zurückstehen.

Martina hatte gelernt, gut damit zu leben. Doch Kurt Steiner konnte sich nur sehr schwer dreinfügen. Aber er konnte Martina nur so haben — oder gar nicht. Sich überhaupt für irgendeinen Mann zu ändern. Welcher Mann wäre so ein großes Opfer wert gewesen? Martina kannte keinen einzigen, und da schloss sie Tommys Vater mit ein.

Martina umarmte den Jungen und küsste ihn. „ Du bist mir vielleicht einer.” Sie fuhr ihm durch das Haar, das ebenfalls rotblond war. „Lässt dich glatt von Josee Härtling zum Mittagessen einladen. Dass das bloß nicht zur Gewohnheit wird. Wir dürfen es uns mit Dr. Härtling nicht verscherzen.”

,,Ich hab’ mit Messer und Gabel gegessen.”

„Das freut mich. Und wie hat es dir geschmeckt?”

„Ganz toll. Ottilie ist die beste Köchin von der Welt — sagt Josee."

Martina Bertram schmunzelte „Na, wenn Josee es sagt, muss es ja wohl auch stimmen, nicht wahr? Warum hat sie dich denn mit zu sich nach Hause genommen?”

Tommy senkte den Kopf. Er war ein ehrliches Kind. Bevor er log, schwieg er lieber.

„Bekomme ich keine Antwort?”, fragte Martina Bertram.

Tommys Kopf blieb gesenkt.

„Sieh mich an”, verlangte Martina. „Sie deine Mami an.” Sie legte zwei Finger unter sein Kinn und drückte seinen Kopf hoch. Er schaute an ihr vorbei. „Du hast wieder gerauft.”

Tommy nickte betreten.

„Mit Emil Feldbach.”

Tommy nickte wieder. „Ich weiß, dass ich jetzt Naschverbot kriege, aber Emil war so gemein. Er sagte, ich hätte keinen Vati. Ich sagte, jedes Kind hat einen Vati. Ja, jedes Kind, nur du nicht, hat Emil mich da gehänselt. Du hast einen unsichtbaren Vati. Ich war so wütend, und es tut mir überhaupt nicht leid, ihn geschlagen zu haben. Josee hat uns getrennt ...”

„Das war sehr klug von Josee”, warf Martina ein.

„Wirst du mich nun bestrafen, Mutti?”

Martina nahm ihr Kind wieder in die Arme und sagte leise: „Nein, ich werde dieses eine Mal noch davon absehen, aber leg mir das bloß nicht als Schwäche aus.”

„Wieso habe ich keinen Vati?”, wollte der Junge wissen.

Martinas Augen nahmen einen traurigen Ausdruck an. „Du hast einen Vati, sonst wärst du nicht auf der Welt. Er ist nur nicht bei uns.”

„Ist er tot?”, piepste Tommy.

Martinas Kehle wurde eng. Sie lächelte versonnen. „Nein, mein kleiner Liebling. Er ist nicht tot.”

„Warum kümmert er sich dann nicht um uns?”

„Er weiß nicht, dass es uns — dass es dich gibt.”

Tommy sah seine Mutter verwirrt an. „Das verstehe ich nicht.”

„Wenn du größer bist, werde ich dir alles erzählen — dann wirst du verstehen. Hast du Schulaufgaben auf?”

„Heute nicht”, antwortete Tommy.

Martina gab ihm einen liebevollen Klaps auf den Po. „Dann geh jetzt in dein Zimmer und spiel ein bisschen. Ich hab’ noch zu arbeiten, aber in einer halben Stunde komme ich zu dir, und dann unternehmen wir zusammen irgend etwas.”

Der Junge stürmte davon, und Martina Bertram kehrte in ihr Arbeitszimmer zurück. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Sie umarmte sich selbst, und sie musste mehrmals schlucken. Wenn sich die Dinge richtig entwickelt hätten, hätte Tommy nicht ohne Vater aufwachsen müssen.

Es hatte alles so wunderbar begonnen. Damals. Vor sieben Jahren. Auf Jamaica. In Montego Bay . . .

 

 

3

Es war heiß auf Jamaica. Die Sonne meinte es ein bisschen zu gut.

Martina Bertram hatte eine Fahrt mit dem überdachten Glasbodenboot hinter sich und war noch immer fasziniert von den herrlich bunten Fischen, die sie gesehen hatte. Jetzt saß sie in der Ferienanlage an der Bar und hatte einen Cuba libre vor sich stehen.

„Ist es erlaubt?”, fragte neben ihr ein Deutscher auf Englisch.

Sie hörte es sofort, dass er ein Landsmann war, und antwortete deshalb in ihrer Muttersprache: „Die Bar gehört mir nicht.”

Der junge, gutaussehende Mann lächelte sie erfreut an. „Ich vernehme heimatliche Klänge. Ich hatte Sie für eine Britin gehalten. Wegen Ihres rötlichblonden Haares.”

„Das passiert mir hier andauernd.” Der junge Mann nahm neben ihr Platz. „Sir?”, sagte der ebenholzschwarze Barkeeper mit fragendem Unterton.

„Geben Sie mir auch einen Cuba libre”, sagte der junge Mann auf Englisch. Und auf Deutsch zu Martina: „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Manfred Seyfried aus München.”

„Aus München?” Sie lachte. Manfred Seyfried hob irritiert eine Augenbraue „Was ist daran komisch?”

,,Ich wohne ebenfalls in München.”

Er musterte sie verblüfft. „Ist nicht möglich! Wieso habe ich Sie da noch nie gesehen? Eine so wunderschöne Frau hätte mir doch auffallen müssen!"

„München ist kein Dorf”, belehrte sie ihn. „Das sollten Sie wissen.”

„Die ganze Welt ist ein Dorf”, behauptete Manfred Seyfried.

Martina Bertram zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie’s so sehen ...” Sie trug einen Bikini, den sie selbst entworfen hatte. Sehr sexy. Sehr klein. Aber bei ihrer atemberaubenden Figur konnte sie sich das leisten. Um nicht fast nackt an der Bar zu sitzen, hatte sie ein transparentes Strandkleid übergestreift.

Manfred Seyfried bekam seinen Drink. ,,Ich habe Ihren Namen nicht verstanden.”

Sie schmunzelte. „Ich hab’ ihn nicht genannt.”

,, Ach so. Dann sind Sie wohl inkognito hier.”

„Ich heiße Martina Bertram.”

Er hob sein Glas. „Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.”

Martina trank ebenfalls. Sie betrachtete Manfred Seyfried über den Rand ihres Glases hinweg. Er gefiel ihr, gefiel ihr sogar sehr.

Er war ihr vom ersten Augenblick an ungemein sympathisch. Ein Mann, der ihr gefährlich werden konnte. Sie wäre einem Flirt nicht abgeneigt gewesen.

Mal sehen, ob es dazu kam. Manfred trug knielange Shorts und ein knallbuntes, verrückt gemustertes T-Shirt. Seine Füße steckten in weißen Espandrillos.

„Sie sind noch nicht lange hier”, sagte er. „Zwei Tage, schätze ich.”

„Vier Tage.”

Er zeigte auf ihre helle Haut.,, Sie meiden wohl die Sonne. Oder verwenden Sie einen hundertprozentig zuverlässigen Sun Blocker?”

„Weder noch. Ich werd’ nicht besonders braun. Nicht einmal dann, wenn ich von morgens bis abends in der Sonne liegen würde.”

„Die vornehme Blässe steht Ihnen ausgezeichnet.”

„Vielen Dank. Wie lange sind Sie schon hier?”

„Auch vier Tage”, antwortete Manfred.

„Sie sind schon schön braun! Beneidenswert.”

„Nächste Woche bin ich nur noch an meiner schmalen Nase von den Negern, die hier leben, zu unterscheiden”, grinste Manfred, und Martina lachte herzlich. „Sie haben ein ansteckendes Lachen”, sagte er. „Sie scheinen überhaupt eine Frohnatur zu sein.”

Sie nickte. „Bin ich.”

„Zum ersten mal auf Jamaica?"

„Ja. Und Sie?”

„Ich auch. Wie gefällt Ihnen die Insel?” Manfred trank vom Cuba libre.

„Ich hab’ noch nicht allzu viel davon gesehen.”

Manfred schnippte mit dem Finger, als wäre ihm soeben etwas ganz tolles eingefallen. „Wir könnten einen Wagen mieten und sie gemeinsam entdecken. Was halten Sie davon?”

„Keine schlechte Idee"

Manfred kräuselte die Stirn. „Ich hoffe, es gibt niemanden, dem das missfallen könnte.”

„Ich bin allein hier, also treffe ich meine Entscheidungen auch völlig selbständig.”

„Wunderbar”, sagte Manfred Seyfried zufrieden, und von dieser Stunde an waren sie beide unzertrennlich.

 

 

4

„Ist das nicht verrückt, Herr Doktor?”, sagte die Patientin kopfschüttelnd. „Da wünscht man sich so lange ein Kind, und wenn man sich dann endlich damit abgefunden hat, dass man keinen Nachwuchs bekommen wird, passiert’s.”

„Sie nehmen also an, dass Sie schwanger sind, Frau Wittmann”, bemerkte Dr. Sören Härtling.

Hanna Wittmann, eine langjährige Patientin, nickte ernst. ,,Muss ich ja wohl sein.”

„Ihre Regel ist ausgeblieben?”, fragte Dr. Sören Härtling.

„Seit zwei Monaten. Die Wechseljahre können das ja noch nicht sein, oder etwa doch?”

„In Ihrem Fall kann man das mit ziemlicher Sicherheit ausschließen, Frau Wittmann.”

„Ich bin zweiundvierzig.”

„Sie sehen jünger aus”, sagte Sören Härtling.

Hanna Wittmann sah ihn überrascht an. „Seit wann machen Ärzte ihren Patientinnen Komplimente?”

„Das war kein Kompliment, sondern eine reine Feststellung, Frau Wittmann.”

„Wissen Sie noch, wie sehr wir gehofft haben, dass Sie uns helfen können, Herr Doktor?”

„Die Tests hatten ergeben, dass Sie und Ihr Mann völlig gesund sind. Das dürfen Sie nicht vergessen.”

„Trotzdem wollte es einfach nicht klappen”, sagte Frau Wittmann ernst. „Wir nahmen es als Schicksal, dass wir kinderlos bleiben würden. Und nun, wo es schon fast niemand mehr für möglich gehalten hätte, dass wir — dass ich . . . Ein Kind ... In meinem Alter, Herr Doktor . . . Da macht man sich natürlich so seine Gedanken . . . Da hat man Angst... Da fragt man sich, ob man nicht schon zu alt ist...”

Um sicherzugehen, dass die Patientin tatsächlich schwanger war, untersuchte Sören Härtling sie. Es stimmte: Hanna Wittmann war im zweiten Monat!

Die Patientin zog ich wieder an. „Und was nun, Herr Doktor?”, fragte sie mit dünner Stimme. Sie wirkte alles andere als erfreut.

„Ich verstehe Ihre Frage nicht, Frau Wittmann.”

Sie wand sich wie ein getretener Wurm. „Na ja, das erste Kind mit zweiundvierzig Jahren . . . Vor zehn Jahren hätten mein Mann und ich vor Freude Purzelbäume geschlagen ...”

,,Was hat sich geändert?”, fragte Sören und sah sie forschend an.

„Wir haben uns verändert. .. Vor allem ich habe mich geändert. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Doktor. Ich möchte das Kind austragen . . . Ich — ich habe nur schreckliche Angst davor, dass es nicht gesund zur Welt kommt. Man hört und liest ja so viel von — von reiferen Frauen, die zum ersten mal Mutter wurden und von ihren missgestalteten oder debilen Kindern.” „Spätes Mutterglück ist heutzutage durchaus keine Seltenheit mehr, Frau Wittmann”, erklärte Dr. Härtling. „Etwa acht Prozent aller Frauen, die ihr erstes Kind zur Welt bringen, sind über fünfunddreißig.”

„Ja, aber das Risiko . . .”

„Eine späte Schwangerschaft kann durchaus auch ihre Vorteile haben, Frau Wittmann. Glauben Sie mir, das hat die Praxis mich gelehrt.”

„Ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?”

„Reifere Frauen bereiten sich wesentlich vorsichtiger und gewissenhafter auf die Geburt vor als junge Mütter”, führte Dr. Härtling ins Treffen.

„Ja, aber junge Frauen stecken die Belastungen einer Schwangerschaft doch viel leichter weg.”

„Das ist richtig”, gab Sören zu. „Das beste Alter, ein Kind zu gebären, ist zweifellos zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Da gibt es die wenigsten Komplikationen. Aber dank der modernen Medizin gibt es mittlerweile Untersuchungsmethoden, mit deren Hilfe man viele Gefahren rechtzeitig erkennen kann — Fruchtwassertest, Ultraschallkontrollen, Chorion Zotten Biopsie, so

wird die Gewebeentnahme aus der äußeren Haut des Fruchtsackes genannt.“

„Müssen Frauen meines Alters nicht häufiger mit Fehl oder Frühgeburten rechnen?”, fragte die Patientin immer noch ängstlich.

„Ich glaube nicht, dass Sie sich diesbezüglich Sorgen zu machen brauchen, Frau Wittmann. Sie sehen nicht nur jünger aus, als Sie sind, Sie sind auch körperlich in einer sehr zufriedenstellenden Verfassung. Sie sind kräftig und gesund, und Sie werden mit ziemlicher Sicherheit ein prächtiges Baby zur Welt bringen. Dennoch werden wir — um alle Zweifel auszuräumen — zum gegebenen Zeitpunkt eine Amniozentese vornehmen.”

Die Patientin schrumpfte merklich zusammen. „Eine Amnio ...”

Sören lächelte. „Hört sich schrecklich an, ist aber eine ganz einfache, völlig ungefährliche Untersuchung.”

„Aha . . .” Hanna Wittmann wartete gespannt auf eine Erklärung. Und schon kam der Klinikchef der unausgesprochenen Aufforderung nach:

„Man nimmt eine Probe des Fruchtwassers und kann damit feststellen, ob das Ungeborene ein Erbleiden oder einen Chromosomenschaden hat. Der günstige Zeitpunkt für diese Untersuchung liegt zwischen der sechzehnten und der zwanzigsten Schwangerschaftswoche. Ich bin überzeugt, wir werden hierbei zu einem erfreulichen Ergebnis kommen.”

„Mir fällt ein Stein vom Herzen, Herr Doktor.” Hanna Wittmann atmete auf. „Sie haben eine große Angst von meiner Seele genommen. Als ich hierher kam, war ich unglücklich und voller furchtbarer Zweifel — und nun .. .” Sie lächelte den Arzt an. „Ich fange an, mich auf das Kind zu freuen, so sehr zu freuen ...” Sie weinte auf einmal und schluchzte: „Entschuldigen Sie. Ich benehme mich töricht. So etwas ist Ihnen wahrscheinlich noch nie untergekommen.”

„Kein Problem, Frau Wittmann, ich habe vollstes Verständnis für Sie”

Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen ab. Verlegen lächelnd verabschiedete sie sich.

Schwester Annegret kam herein, nachdem Hanna Wittmann das Sprechzimmer verlassen hatte.

„Wie viele noch?”, erkundigte sich Dr. Härtling.

„Nur noch Frau Wiesinger, Chef, dann ist es mal wieder geschafft. Apropos geschafft: Sie sehen müde aus.”

Sören schmunzelte „Keine Sorge, ich klappe nicht zusammen.”

„Würde auch kein gutes Bild machen, wenn der Chef der Paracelsus-Klinik einen Arzt brauchte”, konterte Annegret, konnte es sich aber nicht versagen, Sören noch einen schnellen besorgten Blick zuzuwerfen.

Zehn Minuten später saß eine dicke Frau auf dem Patientenstuhl — Agnes Wiesinger. Wirtin von Beruf. Resolut, gesprächig, das Herz am rechten Fleck.

Sören Härtling sah sich kurz die Befunde an, die ihm Schwester Annegret gebracht hatte „Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Frau Wiesinger”, sagte er schließlich.

„Lassen Sie hören, Herr Doktor”, sagte die leutselige Frau. „Für gute Nachrichten habe ich immer ein offenes Ohr.”

„Sie haben die Pankreas-Entzündung überstanden.”

„So ist es, Frau Wiesinger, aber Sie sollten Ihren Alkoholkonsum drastisch einschränken.”

,,Ich habe ein Wirtshaus, Herr Doktor, kein Milchgeschäft.” Treuherzig sah sie ihn an.

„Mehr als dreihunderttausend Menschen erkranken in unserem Land jährlich an einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse — meistens zwischen zweiunddreißig und achtundvierzig Jahren, und die häufigste Ursache, dieses schmerzhaften Leidens ist übermäßiger Alkoholkonsum. Wenn Sie’s nicht chronisch kriegen wollen, sollten Sie meinen Rat beherzigen. Und Ihre Ernährung umstellen. Was Sie brauchen, ist viel Methionin und reichlich Vitamin C. Methionin ist in Milch, Käse, Fleisch und Fisch enthalten. Vitamin C bekanntlich in Obst und Gemüse”

Agnes Wiesinger lächelte „Na schön, Herr Doktor, ich werde sehen, was ich für mich tun kann.”

Auch sie verließ Sören Härtlings Sprechzimmer erleichtert, und der Chefarzt der Paracelsus-Klinik fuhr kurz darauf nach Hause Die Härtlings erwarteten heute noch „Staatsbesuch”.

Sörens Schwester Trixi und ihr Ehemann, der Rechtsanwalt Dr. Axel Lassow, waren zum Abendessen eingeladen. Sören freute sich schon auf die beiden. Ein Abend mit ihnen war immer sehr unterhaltsam, und die Zeit verging dabei wie im Flug. Die Stunden rasten nur so dahin.

Im Hause Härtling herrschte bereits erwartungsvolle Spannung, obwohl der Besucht der Lassows keine Seltenheit war. Ottilie verbannte jedermann aus der Küche An solchen Tagen musste sie die Küche immer ganz für sich allein haben, da war ihr niemand willkommen und jeder im Weg.

Sören gab seiner aparten Frau Jana einen innigen Begrüßungskuss. „Hallo, Liebling. Du siehst bezaubernd aus. Ist das Kleid neu?”

„Machst du Witze? Es ist zwei Jahre alt.”

„Dann ist deine Frisur neu”, sagte Sören.

Jana nickte. „Ja, die ist neu.”

„Steht dir hervorragend. Männer tragen doch heutzutage gerne ihr langes Haar zu einem Schwänzchen zusammen gefasst. Ob ich auch auf so etwas sparen soll? Man muss doch schließlich mit der Mode gehen.”

Jana nickte „Ich glaube nicht, dass dir das stehen würde”

,,Käme auf einen Versuch an.”

„Wir werden die Familie fragen, was sie davon hält.”

Im Wohnzimmer saßen die Zwillinge Ben und Dana. Tom und Josee befanden sich im Garten. Jana rief sie herein und fragte in die Runde: „Wie würde euch Vati mit langen Haaren gefallen?” „Überhaupt nicht”, lautete die einhellige Meinung, und damit war das Thema, das Sören ohnedies keine Sekunde ernst gemeint hatte, vom Tisch.

Josee sprach über ihren Schultag. Sie tat es völlig unaufgefordert, und das war selten. Sie hätte wohl nie davon angefangen, wenn sie nicht hätte loswerden wollen, dass sie heute eine wahre Heldentat vollbracht hatte.

Stolz berichtete sie, wie sie die beiden Kampfhähne Emil Feldbach und Tommy Bertram getrennt hatte.

Der Name Tommy Bertram war Sören natürlich bestens bekannt. Er hatte ihm schließlich vor etwas mehr als sechs Jahren in der Paracelsus-Klinik auf die Welt geholfen, und seine Mutter, Martina Bertram, war nach wie vor seine Patientin.

Diese Martina Bertram — eine ebenso bildschöne wie eigensinnige Frau. Bis heute wusste niemand, wer der Vater ihres Kindes war. Sie hatte es nie gesagt, auch Dr. Härtling nicht.

Energisch hatte sie ihr Leben in beide Hände genommen und alle Schwierigkeiten, mit denen alleinstehende Mütter konfrontiert werden, hervorragend gemeistert.

Von nichts hatte sie sich in all den Jahren unterkriegen lassen. Immer wirkte sie gut gelaunt, glücklich und lebensfroh. Stets war die sympathische junge Frau temperamentvoll, heiter und optimistisch.

Nur wenn das Gespräch auf Tommys Vater kam, wurde sie sehr ernst und schweigsam. Was mochte damals, vor sieben Jahren, schiefgegangen sein?

 

 

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Sie duzten sich inzwischen—ohne sich geküsst zu haben. Sie waren wie selbstverständlich dazu übergegangen, weil sie das Gefühl hatten, schon eine Ewigkeit miteinander befreundet zu sein.

Sie machten alles gemeinsam — frühstückten zusammen, genossen das süße Nichtstun am milchweißen Strand unter hohen Palmen oder fuhren mit dem Mietwagen kreuz und quer durch die Insel.

Jamaica wurde für Martina Bertram und Manfred Seyfried zum doppelten Abenteuer: Sie entdeckten nämlich nicht nur die vielen Schönheiten der Insel, sondern auch noch einander—jeden wunderschönen Tag ein bisschen mehr. Es war ein Traum, ein himmlischer Traum, und sie hofften beide, es möge nie zu Ende gehen.

Noch hatten sie eineinhalb Wochen vor sich, und sie waren entschlossen, jeden einzelnen Tag so intensiv wie nur irgend möglich zu genießen.

Martina massierte Sonnenöl in ihre helle Haut.

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939316
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
nach nacht jahren

Autor

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Titel: Nach jener Nacht vor sieben Jahren