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Wohltätig ist der Liebe Macht

2020 268 Seiten

Leseprobe

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Wohltätig ist der Liebe Macht

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Wohltätig ist der Liebe Macht

Roman von Karl Plepelits

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 268 Taschenbuchseiten.

 

 Ja, ja, wohltätig ist der Liebe Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht. Doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft. Frei nach Schiller.

Wie kommt es, dass sich ein schüchterner, infolge seiner Erziehung in einem katholischen Internat schwerstens gehemmter junger Mann schließlich als großer Frauenheld entpuppt? Noch erstaunlicher: Dass er sich trotz allem als im Herzen monogam empfindet?

Nun, die eine, mit der ihn der Liebesgott zuerst verbunden hat, trennt sich nur allzu bald von ihm. Und warum? Weil er leider schon verheiratet ist. Aber sie hinterlässt eine unheilbare Wunde in seinem Herzen und macht darin allen späteren Geliebten den Platz streitig, seien sie eine Schülerin (was nicht ohne Folgen bleibt) oder weibliche Reisegäste, die ihn in seiner Funktion als Reiseleiter umschwärmen.

Doch die große Frage lautet: Wird der Liebesgott irgendwann Erbarmen zeigen? Wird die Wunde in seinem Herzen irgendwann geheilt?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pexels, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Donnerstag, 23. März 2006.

Wann kommen wir drei das nächste Mal zusammen?“, schreit die eine. „In Donner, Blitz? In Wolkenbruch?“

Sobald ihr Glück gekittet ist“, kreischt die Zweite.

Nachdem es ihnen zerbrochen ist“, krächzt die Dritte.

Sie haben’s selbst zerbrochen.“

Sie könnten’s wieder kitten.“

Sie werden’s niemals kitten.“

Und was lernen wir daraus?“

Was der Liebesgott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“

Und was soll die Strafe sein?“

Zur Strafe soll das Flugzeug purzeln.“

Und alle drei im Chor: „Hei, das wird ein Heidenspaß.“

Merkwürdig, wie deutlich ich ihr Gekrächze hören kann. Meine Nase klebt am Flugzeugfenster, und ich beobachte das draußen tobende Unwetter und die drei Hexen, die, auf ihren lächerlichen Besenstielen reitend, ihre wohlgeformten Schenkel durch den Fahrtwind reizvoll entblößt, mit wutverzerrten Mienen neben uns herfliegen und ihre Zeigefinger bedrohlich gegen mich gerichtet haben. Plötzlich packen mich Entsetzen, Panik, Todesangst: Die Maschine beginnt zu trudeln, neigt sich nach vorn, gerät in immer steilere Schieflage. Und schon sehe ich die graue, aufgewühlte Meeresflut auf uns zurasen.

Schweißgebadet erwache ich und stelle zu meiner unbeschreiblichen Erleichterung fest, dass unser Flugzeug ruhig wie eh und je dahinschwebt. Hexen sind natürlich nirgendwo zu sehen. Draußen scheint die Sonne, und ihr Spiegelbild bildet ein weiß glitzerndes Muster im azurblauen Mittelmeer tief unter uns. Ich sitze auch nicht neben einem Fenster, sondern, wie es sich für einen pflichtbewussten Reiseleiter gehört, neben dem Gang, damit ich, ohne meinen Nachbarn aufscheuchen zu müssen, jederzeit aufspringen und die mir anvertrauten Reisegäste betreuen kann.

Aber dieser sonderbare Traum! Hat er etwas zu bedeuten? Ich bin zwar alles andere als abergläubisch. Nur, was hilft das gegen die Angstdämonen? Doch dann fällt mir ein, dass ich vermutlich gar keinen Grund zur Besorgnis habe. Vor einiger Zeit habe ich mir nämlich die „Traumdeutung“ des griechischen Autors Artemidoros aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus zu Gemüte geführt, nicht weil mich das Thema so wahnsinnig interessiert, sondern aus fachlichen Gründen. Ich bin ja eigentlich Altertumswissenschaftler. Und darum freue ich mich auf diese Reise ganz besonders. Sie führt nämlich nach Libyen mit seinen großartigen Überresten aus der griechischen und römischen Epoche.

Um aber wieder auf Artemidoros und seine „Traumdeutung“ zurückzukommen: Er lehrt, dass, wenn ein Sklave träumt, er müsse sterben, ihm dieser Traum Glück verheißt. Nun, welcher Mann kann von sich behaupten, kein Sklave seiner Partnerin zu sein? Also, ich kann’s nicht. Ebenso wenig, wie ich ohne eine solche Sklaverei leben könnte. Dabei wüsste ich eine, mit der das Leben keine Sklaverei bedeuten würde, sondern nur Glück und Seligkeit. Sie ist keine Sklavenhalterin, sondern ein Engel, der unverhofft in mein Leben trat, um mir das Paradies auf Erden zu bereiten. Doch nach allzu kurzer Zeit des Glücks breitete er seine Flügel aus und flog davon. Und ich? Gebrochen, ein seelischer Krüppel, blieb ich zurück und trauere ihr noch heute nach, oder, um es etwas pathetisch auszudrücken, trage heute noch ihr Bild in meinem Herzen. Und dieses hat allen späteren Lebenspartnerinnen und sonstigen Gefährtinnen den Platz in meinem Herzen streitig gemacht.

Die Moralapostel werden jetzt sagen: Selber schuld. Was musstest du auch deine brave Ehefrau betrügen.

Die Wahrheit lautet: Ihr werdet das nie verstehen. Es hat sich nämlich einfach von selbst ergeben. Wir konnten gar nicht anders. Die alten Griechen hätten gesagt: Wir erfüllten den Willen des Liebesgottes. O Eros, dein Wille geschehe. Denn, frei nach Schiller, wohltätig ist des Eros Macht.

Wie sagte eine der drei Hexen? Was der Liebesgott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.Kein Zweifel, uns verband der Liebesgott. Er schickte uns auf den Berg der Liebe und ließ uns dort die Süße des Lebens spüren. Er verlockte uns, nein, zwang uns, einander zärtlich zu berühren. Und sogleich loderte das Feuer auf, das unbemerkt schon längst in unseren Herzen geglommen hatte. Wie hätten wir da dem Willen des Eros zuwiderhandeln und das göttliche Feuer ersticken sollen?

Als Mitglieder des Lehrerkollegiums eines Innsbrucker Gymnasiums kannten wir uns seit langem, ohne freilich jemals zu ahnen, dass Eros Großes mit uns vorhatte und dass auf uns ein Berg der Liebe wartete, auf dem das in uns glimmende Feuer auflodern sollte. Der Berg der Liebe heißt in der Sprache der Menschen: Glungezer. Und er war an einem vom Schicksal oder von Eros bestimmten Wochenende Ziel eines Kollegenausflugs.

 

 

2

Samstag, 21. Juni 1986.

Das Kollegium traf sich an der Talstation der Patscherkofelseilbahn und wanderte von der Bergstation über den sogenannten Zirbenweg zur Glungezerhütte, um hier zu übernachten, natürlich nicht, ohne zuvor noch ausgiebig gefeiert zu haben. Nun ist das nach einer solchen Feier immer so: Die einen fallen auf der Stelle ins Bett, und die anderen haben das dringende Bedürfnis, sich vor dem Ins-Bett-Fallen die Füße zu vertreten. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Also verkündete ich: Mich dürstet nach frischer Luft, und wer kommt mit?

Draußen war es fast taghell. Der Vollmond gab sein Bestes, um nächtlichen Wanderern den Weg zu weisen. Und so sprach nichts dagegen, eine kleine Nachtwanderung im Mondschein zu unternehmen, natürlich gipfelwärts. Freilich hatten die meisten bald genug davon und machten grüppchenweise kehrt. Übrig blieben Silvia und ich. Wir erreichten den Gipfel, setzten uns nebeneinander auf einen Felsen und ließen uns von der romantischen Stimmung verzaubern. Mich verzauberten aber auch Silvias Wangen, so nahe meinen Augen. Und ich musste an einen Vers des Sophokles denken: O Eros, der du in den weichen Wangen des Mädchens lauerst.

Ja, in Silvias weichen Wangen lauerte Eros und verzauberte mich und weckte das Begehren in meiner Brust. Ohne dass es mir bewusst geworden wäre, lehnte ich mich gegen ihre Schulter. Und Silvia? Wich sie vor mir zurück? Rief sie mich zur Ordnung? Nein. Sie verstärkte noch den Druck, als wären unsere Schultern magnetisch, und ich verlor mich, wie der Dichter sagt, in himmlisches Entzücken. Aber zugleich fühlte ich mich treulos, schamlos, sittenlos. War ich doch ein aus Überzeugung treuer Ehemann. Außer mit Beate, meiner Angetrauten, hatte ich mir dergleichen noch nie erlaubt.

Wir wandten einander das Gesicht zu, lächelten uns an. Und schon war das Gefühl der Sittenlosigkeit vergessen, das Begehren gewann die Oberhand. Der Magnetismus ging von den Schultern über auf die Lippen. Minutenlang bereiteten sie uns durch die bloße Berührung himmlisches Entzücken. Dann kam Leben in sie und bald auch in unsere Zungen, und Lippen und Zungen vereinigten sich zu einem unbeschreiblich süßen, ja verzauberten Kuss. Und der Zauber dieses schicksalhaften Kusses vereinigte für immer unsere Seelen.

 

 

3

Sonntag, 22. Juni 1986.

Gruppenbild mit Gipfelkreuz.

Vom Gipfel gelangten wir über einen Rundweg wieder auf den Zirbenweg und stiegen danach zur Talstation der Patscherkofelseilbahn ab, wo unsere Fahrzeuge auf uns warteten.

Schon bei der Hinfahrt war Silvia in meinem Wagen mitgefahren. Nun ergab es sich, wie es der Zufall (oder der Liebesgott) wollte, dass die zwei anderen Mitfahrer bei der Heimfahrt schon vorher ausstiegen und ich zuletzt mit Silvia alleine übrig blieb und als Nächstes ihr Domizil ansteuerte. Und sie? Sie lächelte mich süß an, lud mich „zum Dank“ auf einen Kaffee in ihre Wohnung ein, legte eine Kassette mit Musik zum Träumen ein. Und wieder lauerte Eros in Silvias weichen Wangen, und wieder regte sich das Begehren in meiner Brust. Wie sagt Homer vom Göttervater, als dieser unversehens seine verführerisch geschmückte Gemahlin erblickte? Da umhüllte ihm süßes Verlangen die Sinne, wie damals, als sie zum ersten Mal sich in Liebe vereinigten, ins Bett steigend, heimlich vor den lieben Eltern.

So umhüllte süßes Verlangen auch mir die Sinne, und ich merkte kaum, wie meine Hände mutig wurden und Silvia zu liebkosen begannen und nach und nach enthüllten. Sie fühlten, dass Eros nicht nur in ihren Wangen lauerte. Sie fühlten die Zartheit, die Weichheit, die Nacktheit ihrer Haut. Sie fühlten sich auf ihr zu Hause, erkannten gleichsam meine andere Hälfte, als wäre Platons Gleichnis für Silvia und mich auf einmal Wirklichkeit geworden, das Gleichnis nämlich, jeder von uns Menschen sei die Hälfte eines Menschen, weil wir von Zeus in zwei Hälften zerschnitten worden sind.

Auch Silvias Hände schienen sich auf meiner Haut daheim zu fühlen, mich als ihre andere Hälfte zu empfinden. Denn sie enthüllten mich ihrerseits, liebkosten mich, liebkosten zu meiner unbeschreiblichen Verblüffung, denn solches hatte Beate noch nie getan, meinen Phallus oder, um mit Meister Goethe zu sprechen, meinen „Schwanz“, meinen „braven Knecht“, „Meister Iste“. Durch eine solche Behandlung beglückt und ermutigt, wagte er es, Silvias Schoß zu liebkosen. Dieser aber nahm ihn voll freudiger Erwartung auf und umarmte ihn mit heißer Inbrunst, und wir wurden eins und betraten gemeinsam den Tempel der Liebe, und die Zeit blieb stehen und zerfiel in ein Davor und ein Danach, und überirdischer Zauber legte sich auf uns und verwandelte uns in ein einziges Wesen, das nicht von dieser Welt war. Wir begannen in die Höhe zu schweben und schwebten empor in das goldene Reich des Liebesgottes und hörten die Engelchöre jubilieren und hörten uns selber jubilieren und traten vor Eros‘ Angesicht und jubelten ihm zu und sangen ihm ein neues Lied und priesen seinen Namen und seine Herrlichkeit und wurden vom Schauder himmlischen, ja heiligen Entzückens erschüttert. Und während Silvia noch in den höchsten Tönen jubilierte, brach sie zu meiner Bestürzung in Tränen aus. Dies aber waren, so gestand sie mir nachher, Freudentränen und keine anderen. Sie liebe mich und sei glücklich, dass ich ihre Liebe erwidere.

Nun also war geschehen, was der Liebesgott offenbar seit langem wollte. O Eros, dein Wille geschehe. Und so überwältigend war seine Macht, dass wir seinen Willen in dieser verzauberten Nacht noch ein zweites und ein drittes Mal erfüllten. Und ich entdeckte, dass Silvia die zärtlichste, liebevollste, leidenschaftlichste Frau auf Erden ist (und ich dadurch Fähigkeiten entwickelte, die ich nie in mir vermutet hätte).

 

 

4

So loderte das Feuer unserer Liebe auf und machte uns unbeschreiblich glücklich. Denn Silvias Liebe war rein wie ein Gebirgsbach, süß wie die Jugend, stark wie der Tod. Ein einziger Wermutstropfen trübte unser Glück: Der Umstand, dass ich verheiratet und aus Überzeugung treu war oder vielmehr treu hatte sein wollen. Genaugenommen waren es zwei Wermutstropfen: Erstens meine Schuldgefühle gegenüber Beate. Zum Glück merkte sie nichts (so dachte ich jedenfalls). Und zweitens meine Schuldgefühle gegenüber Silvia. Wir mussten ja unsere Liebe geheim halten. Zu meinem unendlichen Bedauern sah ich keine Möglichkeit, mit ihr eine Lebensgemeinschaft einzugehen. Nicht, dass sie mich je gedrängt hätte, meine Familie, sprich, Beate und unsere zwei Kinder, zu verlassen, oder auch nur gefragt hätte, ob ich daran dächte, es zu tun. Sie zeigte nicht einmal Zeichen von Eifersucht, weder auf Beate, noch wenn ich das eine oder andere Mal im Konferenzzimmer mit einer anderen Kollegin schäkerte.

Dabei sei sie früher, erzählte sie mir eines Tages, rasend eifersüchtig gewesen. Aber dann habe sie sich geschworen, nie wieder die Eifersucht mit ihr durchgehen zu lassen. Das sei geschehen, als die Geschichte mit meinem Vorgänger aus war. Auch ihn habe sie nämlich sehr geliebt.

Sterben hätte ich für ihn können. Feucht bin schon geworden, wenn ich an ihn nur gedacht habe. Aber da war ich ja noch ein Teenager, ein dummes Gör, und er war meine erste Liebe. Aber du glaubst nicht, wie schlimm das ist, wenn der eine auf den anderen steht, nicht aber umgekehrt.“

Wie? Er hat dich nicht geliebt?“

Geliebt? Ha, was man doch alles unter lieben verstehen kann. O ja, sicher hat er mich geliebt, aber eher so, wie ein Kind sein Lieblingsspielzeug liebt. Er war ja viel älter als ich, und ich glaube, es hat ihm einfach imponiert, von einem jungen Ding so inbrünstig angebetet zu werden. Und er hat auch pausenlos davon geschwärmt, wie sexy ich doch sei und wie knusprig.“

Aber bitte, Liebste, das bist du ja wirklich.“

Ja, freilich. Ich mit meinen einunddreißig Jahren.“

Jawohl, du mit deinen einunddreißig Jahren.“

Du bist süß. Na ja, mir hat das halt geschmeichelt, von einem reifen Mann so umschwärmt zu werden, und ich habe das mit Liebe verwechselt. Also schrieb ich ihm glühende Liebesbriefe, und er hob sie alle auf, und irgendwann fielen sie seiner Frau in die Hände, und sie schmiss ihn raus. Er mietete eine Wohnung für uns zwei, und ich zog zu ihm, und damit begann unser quasi-eheliches Zusammenleben. Geheiratet haben wir nie, weil sich seine Frau nicht scheiden lassen wollte. Aber ich habe mich natürlich trotzdem verheiratet gefühlt, während er ... Na ja, wahrscheinlich hätte sich nichts geändert, wären wir verheiratet gewesen. Ein Spielzeug allein genügte ihm nämlich nicht, und er war ganz erstaunt, wenn ich ihn deshalb zur Rede stellte. Unsäglich litt ich unter seiner Untreue und brachte es nicht zustande, mein unsägliches Leiden für mich zu behalten. Ich musste es ihm immer wieder an den Kopf werfen. Bis schließlich der große Krach kam und unsere trotz allem wunderbare Beziehung in Scherben ging.“

Silvia verstummte, legte vermutlich eine Trauerminute für diese trotz allem wunderbare Beziehung ein.

Du meinst“, sagte ich, „er hat deine Vorwürfe nicht mehr ausgehalten und dich rausgeschmissen?“

Ach, überhaupt nicht. Sondern ich habe meine Sachen gepackt und bin ausgezogen.“

Ah, da hast du also den Scherbenhaufen selber angerichtet?“

Sozusagen.“

Und hast du nie versucht, die Scherben wieder zu kitten?“

Aber ja, freilich hab ich das. Drei Tage später bin ich vor seiner Wohnungstür aufgekreuzt und war sehr reumütig, und er war wie immer sehr höflich und bat mich in seine, in unsere Wohnung und lud mich zum Abendessen ein. Und das hieß: In der Küche stand schon eine und kochte. Aber ich war wie gelähmt und blieb und beteiligte mich am gemeinsamen Abendessen und lobte ihre Kochkünste und fragte mich die ganze Zeit, wann sie denn endlich verschwindet, und brauchte erst einen Wink mit dem Zaunpfahl, bis ich kapierte, wer da zu verschwinden hatte. Als das Essen zu Ende war, fragte er mich sehr galant, ob er mich heimbringen könne. Und da ging mir, spät, aber doch, ein Licht auf, und ich wusste, wie viel es geschlagen hatte. Ich sagte, nein, danke, und verabschiedete mich überstürzt. Im Stiegenhaus musste ich mich erst einmal hinsetzen und ausheulen, so fertig war ich. Und dort und damals habe ich mir geschworen, mich nie wieder von meiner Eifersucht auffressen zu lassen, sondern mein unsägliches Leiden für mich zu behalten.“

Ja, ja. Die Eifersucht. The green-eyed monster.“

Genau, das grünäugige Monster, das besudelt die Speise, die es frisst. Shakespeare, Othello.“

So weit Silvia. Und ich brauchte lange, bis ich begriff, dass meine Liebste inmitten unseres Glücks unsäglich litt. Ich begriff es erst, als sie nach nur wenigen Monaten höchsten Glücks in einer verzweifelten Kraftanstrengung das uns verbindende Feuer des Eros zu löschen versuchte. Es bereite ihr zwar einen unerträglichen Schmerz, und sie komme sich vor, als würde sie sich selbst ein Glied ausreißen. Aber es müsse sein, wenn sie jemals Familie und Kinder haben wolle. Denn je länger sie mit mir zusammen sei, desto größer werde ihre Liebe zu mir. Und jünger werde sie leider auch nicht.

Wie? Trennung von Silvia? Verzicht auf ihre Liebe? eine Liebe, rein wie ein Gebirgsbach, süß wie die Jugend, stark wie der Tod? Wie sollte ich einen solchen Schmerz ertragen, ohne den Verstand zu verlieren? Zumal wir uns ja weiterhin täglich in der Schule sahen. Ach, warum kann ein Mann nicht auch offiziell zwei Frauen haben? Was wäre daran so verwerflich? Es ist doch nur deshalb ein Problem, weil unsere Gesellschaft auf die Monogamie fixiert ist. Im Übrigen sahen wir uns nicht mehr lange. Silvia lernte einen Deutschen kennen und entschwand mir mit ihm in Richtung Hamburg. Aus den Augen, aus dem Sinn? O nein. Noch immer lebt Silvia in meinem Herzen und wird dort ewig leben.

 

 

5

Wie sagt das Sprichwort? Die Liebe fragt nicht, ob sich’s schickt.

Dass ein guter Lehrer seine Schüler (und Schülerinnen) liebt, ist unbestritten. Ebenso, dass die Schüler (und Schülerinnen) ihre Lehrer lieben müssen, soll der Samen des Unterrichts hundertfältige Frucht tragen. Was aber, wenn die Liebe plötzlich keine Grenzen mehr kennt? Wenn sie das Herz trommeln macht? Wenn sie die Knie weich werden lässt? Wenn sie die Röte ins Gesicht treibt? Wenn sie den Geist verwirrt und das Denken ausschaltet? Ja, was dann?

Ich gehörte fraglos zu den Lehrern, die ihre Schüler (und Schülerinnen) lieben, und zwar alle, die Faulen wie die Fleißigen, die Dummen wie die Gescheiten, die Hässlichen wie die Schönen, die Muffeligen wie die Charmanten. Und bei den Charmanten, Schönen, Gescheiten, Fleißigen wusste ich es auch fast immer so einzurichten, dass sich meine Liebe zu ihnen (und ihre Liebe zu mir) in den von Gesellschaft und Schulgesetzen gezogenen Grenzen hielt. Ein einziges Mal freilich nicht. Und warum? Ich weiß es nicht. Ja, Claudia war charmant, schön, gescheit, fleißig. Sie war brav, ordentlich, aufmerksam, interessiert. Aber das waren viele andere auch. Warum also ausgerechnet sie?

Wieder kann die Antwort nur lauten: Der Liebesgott hat es so gewollt. Wieder begann es unmerklich, sozusagen im Schutz der Dunkelheit. Gott Eros schlich sich ein wie ein Dieb in der Nacht, während alle Hausbewohner in tiefem Schlummer liegen. So lagen auch wir in tiefem Schlummer, Claudia und ich, im Schlummer der Unwissenheit, der Ahnungslosigkeit, der Unschuld; ich könnte nicht sagen, wie lang. Und als wir daraus erwachten, ja, da war’s zu spät.

Anlass des Erwachens war ein Faschingsball unserer Schule im Januar 1988, genauer, der anschließende Besuch einer Diskothek. In diese mitzugehen hatte ich zwar nie vorgehabt. Doch da stand auf einmal, süß lächelnd, die brave Claudia vor mir und fragte, ob ich nicht mitkommen wolle, und blickte mich so treuherzig an, dass in mir irgendeine Saite angeschlagen wurde, die mich ganz gegen meine Absicht freudig einwilligen ließ. Aber sie (die Saite) klang noch nicht so laut, dass ich aus meinem Schlummer der Unschuld erwacht wäre. Dies geschah erst in der Diskothek selbst, wo ich Claudia alsbald zum Tanzen aufforderte. Und danach hörten wir bis zum Schluss nicht auf zu tanzen. Wir konnten einfach nicht aufhören. Irgendeine höhere Macht zwang uns, nicht voneinander zu lassen. Ja, damals erwachten wir aus unserem Schlummer. Wie Adam und Eva, nachdem sie von der verbotenen Frucht gekostet hatten, gingen uns die Augen auf, und wir erkannten, dass wir schon längst hoffnungslos ineinander verliebt waren. Doch außer Tanzen und Reden taten wir nichts.

Zu mehr ließ ich mich erst am nächsten Schultag hinreißen.

In der Pause vor meiner Stunde lauerte mir Claudia auf und klagte mir ihr Leid: In der Klasse gebe es einen regelrechten Aufstand gegen sie, weil sie skandalös lang mit mir getanzt habe. Das war natürlich auch für mich kein geringer Schock. Ich ermannte mich jedoch, betrat hoch erhobenen Hauptes die Klasse und verteidigte Claudia todesmutig, indem ich alle Schuld auf mich nahm. (Todesmutig, das bedeutet: Mein Herz trommelte im Rhythmus eines Höllentanzes und drohte mir jeden Augenblick seinen Dienst aufzukündigen.) Nach dem Unterricht dankte mir Claudia überschwänglich für die Rettung vor dem Klassenzorn; und ob sie mich ein Stückchen begleiten dürfe. (Ihr war offenbar nicht entgangen, dass ich heute zu Fuß gekommen war.) Erneut begann mein Herz in rasendem Tempo zu trommeln und trommelte immer rasender, je länger ich ihre weichen Wangen neben mir wusste und nur allzu deutlich spürte, dass in ihnen Eros lauerte. Und als sie sich nahe meinem Haus verabschiedete, da kam es wie ein vom Himmel entsandter Sturmwind über mich: Ich nahm sie in meine Arme und küsste sie.

Von diesem Augenblick an war’s um uns geschehen. Oh, die Unterrichtsstunden in ihrer Klasse! Oh, die Höllentänze meines Herzens! Oh, meine neuentdeckte Schauspielkunst! Musste ich doch nach außen hin gelassen, unbefangen, überlegen tun, auch etwa, wenn im Lateinunterricht Catulls Liebesgedichte übersetzt und interpretiert wurden:

                   Wir wollen leben, meine Lesbia, und lieben

                   und uns keinen Pfifferling um all das Gerede

                   der alten Spießer scheren.

Oder ein von Catull ins Lateinische übersetztes Sapphogedicht:

                   Denn sehe ich dich, Lesbia, nur an,

                   habe ich auch schon keine Stimme mehr.

                   Sondern die Zunge ist gelähmt,

                   feines Feuer ergießt sich durch die Glieder,

                   die Ohren klingen von eigenem Geräusch,

                   zweifache Nacht bedeckt die Augen.

(Wobei ich nicht unerwähnt ließ, warum Catull seine Geliebte Clodia – eigentlich Claudia – als Lesbia besingt, nämlich zu Ehren Sapphos, der vielleicht bedeutendsten Lyrikerin der Weltliteratur, der berühmtesten Tochter der Insel Lesbos. Und ich vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen, dass im griechischen Original Sappho zu einem geliebten Mädchen spricht und dass nach ihr die sogenannte lesbische Liebe benannt ist.)  Ich weiß nicht, wie rot ich dabei wurde, wie sehr meine Ohren glühten, wie heftig meine Knie zitterten. Und dies alles, obwohl die eine Umarmung und der eine Kuss für viele Wochen die einzigen Zärtlichkeiten blieben. Claudia aber lauerte mir jetzt regelmäßig in den Pausen auf, und da steckten wir coram publico, wie der Lateiner sagt, die Köpfe zusammen und redeten uns diese heiß und hielten es im Übrigen mit Catull.

Eines Tages, es war bereits April, erklärte Claudia, ihre Mutter verreise übers Wochenende, und sie (Claudia) werde allein zu Hause sein. Ich fragte, ob das eine Einladung sei. Sie errötete, nickte. Und ich besuchte sie, und sie empfing mich und begann mich zu duzen (was sie sich bis dahin trotz meiner Aufforderung nicht getraut hatte), und ich nahm sie, meine Schülerin, in meine Arme und spürte, dass (um abermals mit Goethe zu sprechen) ihr junger und morgenschöner Körper in meinen Händen weich wurde wie Wachs in den Händen des Künstlers, und enthüllte ihn nach und nach und liebkoste ihn nach Herzenslust und verwandelte ihren Schoß in einen heißen Vulkansee. Süßes Verlangen umhüllte mir die Sinne. Vom Liebesgott ließ ich mich auf den rechten Weg führen und entjungferte meine eigene Schülerin und erlebte einen phantastischen Orgasmus. Sie selbst ging zu meinem großen Bedauern leer aus. Übrigens hatte ich sie doch nicht entjungfert. Dies hatte, so erklärte sie mir, verschämt schmunzelnd, schon längst ein anderer besorgt. Nur sei das kein Erlebnis gewesen, an das sie gern zurückdenke.

Von da an waren wir endgültig ein Paar, nur dass niemand davon wissen durfte, weshalb sich auch nach außen nicht das Geringste änderte. Dafür war unser gesamtes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, Gelegenheiten ausfindig zu machen, Eros’ Willen zu erfüllen. Zudem wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass er auch Claudia einen Orgasmus schenken möge.

Jetzt war ich also schon wieder unter die Ehebrecher gegangen. Aber merkwürdig: Mein Gewissen belastete das auf einmal kaum mehr. War es mittlerweile abgehärtet? Oder eingeschläfert? Oder war ich einfach erwachsen geworden und hatte erkannt, dass das Wort Ehebruch ein Totschlagbegriff ist, eine sprachliche Keule, mit der ich und alle anderen Ehebrecher, bestimmt der Großteil der Menschheit, gewissermaßen totgeschlagen werden sollen, indem man uns nach biblischem Vorbild in eine Reihe mit Mördern, Räubern, Kinderschändern stellt?

Eine zweite Gelegenheit, den Willen des Liebesgottes zu erfüllen, fand sich erst Ende Mai. (Aber wieder ließ er Claudia im Stich.) Und ehe sich eine dritte Gelegenheit fand, brachen die Sommerferien an, und das Leben wurde noch komplizierter, als es bisher schon gewesen war, zumal in einem Zeitalter ohne Handy und ohne Internet. Gott Eros aber wusste Rat.

Ich liebte es, mit meiner Familie die Tiroler Bergwelt unsicher zu machen. Und wer kam uns gleich auf unserer ersten Wanderung in den Ferien entgegen? Eine strahlende Claudia mit ihrer Mutter – offenbar ein Wink des Eros; und ich hütete mich, ihn zu missachten. Zu Hause angekommen, setzte ich mich hin und schrieb ihr einen Brief: Ob sie nicht auch einmal mit mir eine Bergtour machen wolle? Und so kam es, dass bald darauf der Liebesgott vergnügt beobachten konnte, wie zwei aus seiner Jüngerschar gipfelwärts stapften, süßes Verlangen in sich aufsteigen spürten, eine einsame Bergwiese zu ihrem Liebesnest erkoren und dort zu seinen Ehren ein lustvolles Fest feierten, unendlich lustvoller noch als unsere bisherigen. Denn diesmal war es Claudia vergönnt, nicht nur den Gipfel des Berges zu ersteigen, sondern endlich auch den der Lust.

Wir waren aber vorsichtig genug, genauer, ich war vorsichtig genug, diese Unternehmung während der ganzen Ferien ein einziges Mal zu wiederholen (übrigens wieder mit vollem Erfolg) und Claudias Begeisterung und Claudias Ungeduld zu bremsen. Wäre es nämlich nach ihr gegangen, hätten wir noch viele solcher Gipfelbesteigungen unternommen. Ja, ihre jugendliche Begeisterung kannte keine Grenzen, und ähnlich stand es, so entdeckte ich zu meiner Überraschung, mit ihrer Ungeduld. Doch wenn wir unsere Liebe retten und erhalten wollten, bedurfte es unendlicher Geduld und allergrößter Vorsicht, zumindest solange sie noch meine Schülerin war, mit anderen Worten, bis zu ihrer Matura in knapp einem Jahr.

Irgendwann begann sie davon zu schwärmen, ich sei der Mann ihres Lebens, und sie könne sich nicht vorstellen, jemals einen anderen zu lieben, und ob ich denn nicht das Bedürfnis verspüre, mich scheiden zu lassen und sie zu heiraten, sobald sie die Matura hinter sich habe? Natürlich hätte ich sagen müssen: Du, ich liebe aber meine Frau und meine Kinder. Sagte ich aber nicht, sondern fühlte mich geschmeichelt, und in Claudia musste sich die Überzeugung festsetzen, ich sei Beates überdrüssig und darum fest entschlossen, mein künftiges Leben mit ihr (Claudia) zu teilen. Indes, die Wahrheit lautete: So gern ich mein Leben mit Claudia teilen würde, Beates bin ich mitnichten überdrüssig. (Und wäre ich ihrer überdrüssig, so wäre ich längst mit Silvia zusammen.)

Es kam die Zeit der Matura. Und sobald Claudia diese mit Glanz bestanden hatte, brach für sie die heißersehnte Zeit der Freiheit an. Ab sofort war sie ja nicht mehr meine Schülerin und überdies volljährig. Nun warfen wir unsere bisher so streng durchgehaltene Vorsicht über Bord und schliefen miteinander, sooft es möglich war, auf den Bergen oder wo auch immer.

 

 

6

Eines schönen Tages erfreuten wir uns wieder einmal aneinander auf einer einsamen Bergwiese im Karwendelgebirge.

Wir hatten unsere Wanderung längst fortgesetzt, da begann Claudia unverhofft zu schwärmen, was ich doch für ein toller Mann sei, und nur an meiner Seite sei das Leben für sie lebenswert, und sie könne es kaum erwarten, auch vor der Öffentlichkeit meine Frau zu heißen, und sie freue sich schon so auf das Glück, mir ein Kind zu schenken.

Wie bitte? Mir ein Kind zu schenken? Was soll ich darauf nur sagen?

Ich schwieg. Claudia schwieg, vielleicht auch nur, weil der Weg gerade besonders steil und schwierig war.

Dann sprach sie wieder, und mir stand das Herz still, und meine Knie drohten nachzugeben, und ich sah mich schon zerschmettert im Abgrund liegen. Unser Weg querte nämlich gerade eine Felswand. Zum Glück war er durch ein entlang dem Felsen gespanntes Seil gesichert. Zwar verschmähten wir es normalerweise beide, solche Sicherungsseile in die Hand zu nehmen. Aber jetzt musste ich mich aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, gar schnell daran festhalten. Ich holte tief Luft und bat Claudia, ihre Bemerkung zu wiederholen; ich hätte sie nicht verstanden. Und das war auch sehr gut möglich; denn ich stapfte, wie meistens auf schmalen Pfaden, hinter ihr (absichtlich, um nach Herzenslust ihre anmutige Gestalt betrachten zu können, zumal wenn ihre höchst wohlgeformten Beine, wie auch diesmal, in kurzen Hosen steckten). Zudem heulte der Wind und bemühte sich, ihre Worte zu übertönen. Sie lachte, blieb stehen, wandte sich um, wiederholte ihre Bemerkung. Und ja, ich hatte richtig verstanden: „Schwanger bin ich übrigens eh schon.“

Ich bin sprachlos“, stammelte ich. Und das war keineswegs übertrieben. Denn über meinen Geist senkte sich die schwarze Wolke der Panik und verdunkelte ihn und lähmte ihn und lähmte meine Zunge.

Und wieder hörte ich wie aus weiter Ferne Claudias fröhliche Stimme: „Gelt, Schatz, du freust dich doch auch?“

Sprachlos, wie ich war, zwang ich mich zu einem Lächeln, streckte meine freie Hand nach ihr aus, streichelte ihre Wange. Claudia wandte sich wieder nach vorn, offenbar, um unseren Weg ohne unnötigen Aufenthalt fortzusetzen; denn natürlich war die Felswand steinschlaggefährdet. Und im selben Moment erfasste die schwarze Wolke meine Hand und hätte sie wohl wie ein wild gewordenes Pferd scheuen und ausschlagen lassen, hätte ich sie (die Hand) nicht geistesgegenwärtig im Zaum gehalten und rechtzeitig von Claudias Wange entfernt, ehe ein unausdenkbares Unglück passieren konnte. Nun waren auch mein Herz und meine Knie von der schwarzen Wolke erfasst, und ich musste mich krampfhaft am Sicherungsseil festhalten, um nicht selber in den Abgrund zu stürzen. Hinzu kam die panische Angst, dass jeden Augenblick eben dies passieren könnte. Und als ich das Ende der Felswand erreichte und aufseufzend ins Gras niedersank, da wusste ich, dass wir, wie Pamina und Tamino in der Zauberflöte, durch Feuergluten gewandelt, sprich, durch die Hölle gegangen waren. Was ich noch nicht wusste: dass durch diese Prüfung auch ich erleuchtet worden war.

Claudia selbst hatte von meinen Anwandlungen zum Glück nichts mitbekommen, zumal sie mir inzwischen weit voraus war. Sie hatte am Ende der Felswand an einer durch Latschen vor dem heftigen Wind geschützten Stelle auf mich gewartet. Nun stürzte sie sich auf mich und fragte voller Besorgnis, was denn mit mir los sei; mein Gesicht sei kreidebleich.

Ich weiß nicht“, murmelte ich. „Aber es ist schon wieder vorbei.“

Hab ich dich mit meiner Eröffnung so schockiert?“

Ich brachte vor Verlegenheit kein Wort über die Lippen.

Wär’s dir lieber, ich würde abtreiben?“

Nein, nein, um Himmels willen. Auf keinen Fall. Vorausgesetzt natürlich, du willst es behalten.“

Klar. Unbedingt. Danke, Schatz.“

Und dazu küsste sie mich so innig, dass mir Hören und Sehen verging. Und verwundert fragte ich mich, wieso ich mich vorhin so aufgeregt hatte, dass um ein Haar ein unausdenkbares Unglück geschehen wäre. Und wieso ich über die Aussicht, von Claudia Vater zu werden, nicht jauchzte und frohlockte. Wie in einer göttlichen Eingebung wusste ich mit einem Mal genau, was ich zu tun ist: Ich werde mich mitnichten von Claudia trennen. Ich werde mich aber auch nicht von meiner Familie trennen. Sondern wir werden, alle zusammen, eine Großfamilie bilden; das Haus ist doch groß genug; und meine zwei Frauen werden sich wunderbar verstehen. Wird höchste Zeit, dass sich unsere Gesellschaft endlich von der heuchlerischen Fixierung auf die Monogamie befreit.

Du, entschuldige, aber ...“, murmelte ich mit unsicherer Stimme und wusste nicht weiter und begann stattdessen ihre so reizvollen Schenkel zu streicheln.

Vielleicht solltest du was essen?“, sagte sie, sichtlich besorgt.

Aber nein, mir fehlt nichts. Es ist nur ...“

Ja? Ist es doch wegen meiner Schwangerschaft?“

Aber nein. Ja, doch. Ich meine, bisher hab ich ja nie ernsthaft über unsere Zukunft nachgedacht ...“

Aha. Siehst du?“

Aber nach dem, was du mir vorhin eröffnet hast ...“

Hast du nachgedacht?“

Habe ich gemerkt, dass es höchste Zeit ist, mir Gedanken zu machen. Und das war halt ein richtiger Schock, weißt du.“

Sie schwieg und schaute mich erschrocken an. Offenbar befürchtete sie, als Nächstes werde sie zu hören bekommen, sie solle verstoßen werden. Man weiß ja, wie die Männer sind. Ihnen ist das alte, abgetragene Hemd näher als der schöne neue Rock.

Schau mich nicht so entsetzt an“, sagte ich schmunzelnd und küsste sie und intensivierte die Liebkosung ihrer Schenkel. „Dich geb ich schon nicht her.“ Und es war wunderhübsch zu beobachten, wie ihr erschrockenes Gesicht wieder aufblühte. „Aber ...“ Ich brach ab, fasste mich wieder. „Sag einmal, mein Schatz ... Das wollte ich dich nämlich schon seit langem fragen ... Legst du eigentlich Wert auf eine formelle Hochzeit, oder ...“

Aber nein, nie im Leben. Hältst du mich für so altmodisch?“

Da bin ich aber froh. Denn weißt du ... Na ja, ich habe halt geglaubt, weil du immer davon sprichst, dass ich mich scheiden lassen soll ... O ja, ein bissl altmodisch bist du schon.“

So?“

Na klar. Weil du davon ausgehst ... Weil du es als selbstverständlich annimmst, dass ich mich von meiner Frau scheiden lassen muss, bevor wir zwei zusammenziehen können.“

Na ja, scheiden lassen. So sagt man halt. Ich meinte natürlich ganz einfach, dass du dich von ihr trennst. Ist das altmodisch?“

Und ob. Heutzutage muss man sich doch nicht mehr von der ersten Frau trennen, wenn man mit einer zweiten Frau zusammenleben will.“

So? Du meinst, man lebt mit beiden Frauen zusammen?“

Na klar.“

Und was sagt die erste Frau dazu?“

Wieso? Ist das wichtig? Wäre das für dich wichtig?“

M-m. Eigentlich nicht. Wenn ich nur bei dir sein kann.“

Siehst du? Und was meine erste Frau dazu sagt, das lass nur meine Sorge sein.“

Claudia blieb stumm, lächelte mich weiterhin an. Immer süßer wurde ihr Lächeln. Und dann fiel sie buchstäblich über mich her und bedeckte mein Gesicht mit so innigen Küssen, dass mir ganz anders wurde, oder, um es deutlicher zu sagen, dass ich in eine unglaubliche, noch dazu höchst unerwartete Erregung geriet. Da richtete sie sich wieder auf, blickte mich mit flackernden Augen an, blickte mit flackernden Augen umher und machte sich mit wilder Entschlossenheit über meine Hose her. Sie zog sie mir hinunter, zog mir (nicht ohne Mühe) meine Unterhose hinunter, starrte, während sie sich ein Taschentuch bereitlegte, mit flackernden Augen auf Meister Iste und liebkoste ihn hierauf so liebevoll mit Fingern, Lippen, Zunge, dass ich nach überraschend kurzer Zeit aufs Neue einen Orgasmus hatte.

Danach: Langes, verzücktes Schweigen.

Schatz?“, begann sie schließlich mit unsicherer Stimme. „Bist du mir eh nicht böse?“

Ich konnte nur verwundert den Kopf schütteln.

Und wenn ja, kannst du mir verzeihen? Aber weißt du, so was wollte ich schon immer ... Aber ich hab mich nie getraut. Aber nachdem hier keine Gelegenheit ist zum Hinlegen ... Und nachdem ich eh schon schwanger bin ... Du sagst gar nichts?“

Du bist so süß“, flüsterte ich, indem ich mit beiden Händen ihr Gesicht umfasste. „Du hast dich nie getraut? Aber mir hätte es gefallen. Genauso wie es dir gefällt, wenn ich bei dir ...“

Hier versagte mir die Stimme, denn ich musste daran denken, dass ich ihr eine solche Behandlung mit der Zunge schon des Öfteren hatte angedeihen lassen (und dabei jedes Mal selber so erregt worden war, dass ich anschließend wie berauscht in ihren jungen und morgenschönen Körper eindrang).

Mhm, unheimlich“, hörte ich sie, wie aus weiter Ferne, mit träumerischer Stimme sagen. „Und bei dir darf ich wirklich ...?“

Mit dem allergrößten Vergnügen.“

Claudia schwieg, lauschte. „Hörst du? Schritte. Komm, zieh dich an und schauen wir, dass wir weiterkommen.“

Wir beendeten blitzartig unsere Liebesszene und setzten unsere Wanderung fort. Und da kamen uns auch schon zwei ältere Damen entgegen. Wir grüßten höflich und brachen gleich darauf in einen gewaltigen (wenn auch gebührend gedämpften) Lachkrampf aus.

Während wir weitermarschierten, ließ ich mir unser Gespräch von vorhin durch den Kopf gehen. Und da fiel mir etwas auf.

Sag einmal, mein Schatz“, begann ich zögernd, „wie hast du denn das vorhin gemeint: Nachdem du eh schon schwanger bist?“

Ach so. Weil ich mich bisher nie getraut habe ... Wenn ich das geahnt hätte ... Na ja, heute hab ich mich eben getraut, dir diese Freuden zu bereiten, weil wir uns dort erstens nicht hinlegen konnten und weil ich zweitens eh schon schwanger bin und nicht noch schwangerer werden kann.“

Und dazu kichert sie fröhlich.

Heißt das ... Soll das heißen, dass du absichtlich ... dass du schwanger werden wolltest? Und ich dachte immer, du nimmst eh die Pille.“

Hab ich auch, am Anfang. Aber dann hat es blöde Nebenwirkungen gegeben, und ich hab die Pille abgesetzt, weil ich eh nur mit dir ... weil ich eh nur dich hab. Und da dachte ich mir, ich lass es darauf ankommen, und dann weiß ich wenigstens, ob ich Kinder kriegen kann oder nicht. Du sagst gar nichts? Bist du mir bös?“

Nein, nein, nie im Leben. Aber sag, im wievielten Monat bist du eigentlich schon?“

Im dritten.“

Also bist du schon vor der Matura ...?“

Ja, bestimmt. Und weißt du, was? Was du vorhin vorgeschlagen hast, also, dass du dich weder von mir noch von deiner ersten Frau trennen wirst ... Ich habe nachgedacht. Ich glaube, das ist wirklich die beste Lösung.“

Gelt?“

Ja, da kann ich auf die Uni gehen und studieren, und mein Kind, unser Kind braucht nicht bei fremden Leuten ... und ich kann mich trotzdem dem Studium widmen. Vorausgesetzt natürlich, deine erste Frau macht da mit.“

Ah, das wird sie sicher.“

Hoffentlich. Denn weißt du, meine Mutter ...“

Claudia verstummt.

Ja? Was ist mit ihr? Sie ist doch sehr nett. Ich kenne sie ja von den Sprechstunden.“

Da kennst du sie nur von ihrer schönen Seite.“

Ach so. Du meinst, sie wird dir keine große Hilfe sein?“

Ach Gott. Sie ist ja so was von moralisch. Wenn die erfährt, dass ich schwanger bin, und noch dazu, von wem ...“

Den Rest ihrer Rede ersetzte Claudia durch bitteres Lachen und heftiges Schütteln ihrer blonden Mähne.

Oje.“

Das kannst du laut sagen.“

Und dein Vater?“

Ach, der. Der kümmert sich nur um seine neue Familie.“

Ah, deine Eltern sind geschieden? Das hast du mir nie erzählt. Überhaupt hast du mir noch nie was von ihnen erzählt.“

Na, jetzt weißt du, warum.“ Und nach längerem Schweigen: „Du? Liebst du eigentlich deine erste Frau?“

O ja. Warum?“

Sehr?“

O ja, schon. Warum?“

Und sie dich?“

O ja. Schon. Warum?“

Du hast es gehört. Weil sich meine Eltern eben nicht mehr lieben. Und weil ich wissen wollte, ob ich eifersüchtig sein muss.“

He, du scherzt. Du wirst doch nicht sagen wollen ... Du, das will ich jetzt aber nicht gehört haben.“

Schweigen.

Du wirst doch nicht so naiv sein ... Du wirst doch nicht wie viele naive Leute glauben, im Herzen eines Menschen hat nur eine einzige Liebe Platz. Ha?“

Schweigen.

Also, ich schwöre dir, in meinem Herzen haben zwei Lieben Platz, die eine zu dir und die andere zu meiner Frau, und die behindern sich gegenseitig nicht im Geringsten.“

Ist das wahr?“

So wahr wie meine Liebe zu dir.“

Also, ich ... Also, in meinem Herzen hat nur einer Platz, und das bist du. Da wird nie ein anderer Platz haben.“

Ganz sicher?“

Ganz sicher.“

Auch keine andere?“

Claudia blickte mich verwirrt und verständnislos an. Dann fiel der Groschen, und sie lachte herzlich. „Du scherzt. Heiße ich Sappho?“

 

 

7

Dies geschah an einem Sommertag des Jahres 1989. Von nun an war wohlüberlegtes, entschlossenes Handeln gefragt. Die erste und wichtigste Aktion war naturgemäß eine Aussprache mit Beate. Von ihrer Bereitschaft, mich mit einer anderen zu teilen, hing ja alles auf Gedeih und Verderb ab. Zwar zögerte ich so lange, bis ich mich vor Claudia zu schämen begann. Aber die Scham besiegte schließlich die Feigheit.

Unterdessen war es Herbst geworden. Längst hatte für mich das neue Schuljahr begonnen und bald darauf für Claudia das erste Semester an der Universität. Und was studierte sie? Sie hatte es zwar seit langem angekündigt, aber jetzt erst erkannte ich, dass sie Ernst machte: Ausgerechnet meine Fächer, Englisch und Latein. Ich war aufs Äußerste gerührt, obwohl ich mich andererseits gewisser Bedenken nicht erwehren konnte, ob das Fundament dieser Entscheidung auch wirklich tragfähig ist. Jedenfalls hatte sie Latein und Englisch inskribiert und musste jetzt erst einmal Griechisch nachlernen. Letzteres hatte einen unbestreitbaren Vorteil: Ich musste ihr dabei natürlich helfen, und zu diesem Behufe musste sie natürlich zu mir in die Wohnung kommen; und da konnte es schon das eine oder andere Mal geschehen, dass wir alleine waren und nicht nur Griechisch miteinander trieben.

Nachdem ich also die angekündigte Aussprache mit Beate lang genug vor mir hergeschoben hatte wie ein unbeholfener Vater den Kinderwagen mit dem brüllenden Säugling, statt diesen herauszuheben und ihm die Windeln zu wechseln, rang ich mich endlich dazu durch, ihr reinen Wein einzuschenken, und machte mich zugleich auf die große Katastrophe gefasst. Und diese trat auch zuverlässig ein.

Es war Abend, die Kinder schliefen schon, wir, Beate und ich, saßen gemütlich (oder mit wild klopfendem Herzen) im Wohnzimmer und sahen fern, und ich wartete darauf, dass der Fernseher endlich schweigt (und hoffte zugleich, dass die Sendung bis zum nächsten Morgen dauert).

Na, Bobby“, begann Beate, sobald der Fernseher abgeschaltet war. „Wieso auf einmal so nervös?“

Nervös?“, stammelte ich und wusste nicht weiter.

Was ist es denn? Du willst mir sicher was sagen.“

Du hast es erraten.“

Und sie war sogar noch zum Scherzen aufgelegt. „Wie sagt Homer? Sprich es aus, verbirg’s nicht im Herzen, auf dass wir beide es wissen.“

Ich lachte gehorsam und brachte kein Wort über die Lippen.

Na, das muss aber ganz was Schlimmes sein. Hast du was ausgefressen?“

Ausgefressen? Was glaubst du denn von mir?“

Dass du ein anständiger, gesetzestreuer Mensch bist und ein liebevoller, treuer Ehemann.“

Du meinst, ein Spießbürger, ein Langweiler, ein Angsthase, der um alle Versuchungen einen weiten Bogen macht, um nur ja nicht in des Teufels Küche zu geraten, wo die Sünder über dem Feuer der Hölle gebraten werden. Ja?“

Nein, eigentlich nicht.“

Sondern?“

Dass du schon gebraten wirst, und jetzt suchst du bei der Mami Schutz. Sie soll dich da wieder rausholen. Stimmt’s?“

Ich konnte nur mit den Ohren schlackern. Ahnte sie etwas?

Jetzt sag schon. Sprich: Ich habe verbotenerweise von den Kirschen aus Nachbars Garten genascht, und jetzt ist mir schlecht. Aber dafür waren sie besonders süß.“

Wieder konnte ich nur mit den Ohren schlackern und über ihre Hellsichtigkeit staunen. Zugleich spürte ich, wie mir das Blut in den Kopf schoss.

Und jetzt gibt’s ein süßes Geheimnis, und die Mami muss sagen, was du tun sollst.“

Also, Beate ...“

Ist es diese Schülerin? Lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.“

Und jetzt verfinsterte sich plötzlich ihre Miene.

Maturantin“, stammelte ich, als ob das an der Sache irgendetwas ändern würde. „Aber wieso ...“

Na, glaubst du, ich bin blöd?“

Und seit wann ...“

Seit wann ich weiß, dass du mich mit ihr betrügst? Ach, schon lang.“

Nun aber ermannte ich mich, das heißt, ich erinnerte mich, dass ich ein Mann bin, und fasste mir ein Herz.

Beate, hör zu. Du weißt doch, dass ich dich liebe.“

So? Weiß ich das? Gesagt hast du’s mir schon lang nicht mehr. Und gezeigt übrigens auch nicht.“

Ach ... Na, dann sage ich’s halt jetzt. Und daran wird sich auch nie was ändern.“

Aber trotzdem willst du mich verlassen und dich mit dieser Schülerin ...?“

So lass mich doch wenigstens ausreden. Du siehst doch, wie schwer mir das alles fällt.“

Soll ich dich jetzt auch noch bemitleiden?“

Nein. Ausreden sollst du mich lassen.“

Na gut, dann red endlich Klartext.“

Wie kann ich das, wenn du mir andauernd ... Also gut. Ich liebe dich, und daran wird sich nie was ändern.“

Da bin ich aber gerührt.“

Du sollst mir nicht andauernd ins Wort fallen, hab ich gesagt. Also noch einmal. Daran wird sich nie was ändern. Jetzt glaubst du aber wahrscheinlich wie die meisten, richtig lieben kann man nur jeweils einen Menschen.“

Klar. Was sonst?“

Eben. Das hab ich früher auch geglaubt. Inzwischen bin ich draufgekommen, dass es ein großer Irrtum ist. In meinem Herzen jedenfalls hat noch eine zweite Liebe Platz, ohne dass die erste in irgendeiner Weise beeinträchtigt würde.“

Aha. So ein großes Herz hast du. Und ich habe also entsprechend deiner Logik ein kleines Herz, wie?“

Aber nein. Du hast ein genauso großes Herz. Nur weißt du’s nicht.“

Ah, da schau her. Ich weiß es nicht.“

Du wüsstest es aber, wenn du in die gleiche Lage kämst wie ich.“

Wenn ich mir mit deiner Schülerin was anfangen würde, meinst du?“

Du bist so witzig.“

Ach, wär’s dir lieber, ich würde schreien und toben und unser schönes Porzellangeschirr zerteppern? Ja?“

Ui, das klingt jetzt aber ganz schön bedrohlich. Wenn das nur gut geht. Dabei steht uns die Hauptsache noch bevor.

Na gut. Lassen wir das. Aber du hast recht. Witzig bist du mir lieber. Bleib so bitte. Ich bin ja noch nicht fertig.“

Ach ja. Du hast mir noch nicht verraten, ob’s ein süßes Geheimnis gibt.“

Ja.“

Ja? Du meinst, ihr habt ein süßes Geheimnis?“

Ja.“

Na super. Und unsere Kleinen kriegen bald ein Brüderchen oder Schwesterchen. Ja?“

Ja.“

Aha. Und wie stellst du dir das konkret vor?“

Sehr einfach. Die Claudia wohnt bei uns.“

Ganz einfach, wie? Mitsamt ihrem Bankert, und eure Hurerei geht hier lustig weiter. Ja?“

Weiß ich nicht. Aber von ihren Eltern hat sie keinerlei Unterstützung zu erwarten, und so kann sie sich wenigstens ihrem Studium ...“

Was? Ohne mich! Ja, was glaubst du denn von mir?“

Und so weiter. Denn jetzt folgte ein längerer Vortrag. Aber leider war ich von nun an außerstande, etwas von dem, was da wie Hagelschloßen auf meine Ohren prasselte, aufzunehmen, und das, obwohl es mit solcher Lautstärke vorgetragen wurde, dass sich nach einiger Zeit die Tür einen Spalt öffnete und darin die erschrockenen Gesichter unserer zwei Kleinen sichtbar wurden. Der Vortrag verstummte abrupt, und ich nutzte die Gelegenheit, um aufzuspringen und sie wieder zu Bett zu bringen und zu trösten, bis sie eingeschlafen waren. Mit weichen Knien wankte ich hierauf ins Wohnzimmer zurück, und augenblicklich ging der Vortrag weiter, nun gebührend gedämpft. Mir aber dröhnten die Ohren und weigerten sich nach wie vor, irgendetwas davon aufzunehmen und an das Gehirn weiterzuleiten.

Plötzlich verstummte Beate. War jetzt ich dran, um meine Knie zu beugen und demütig um Vergebung zu bitten und bei allem, was mir heilig ist, zu schwören, dass ich meine Freveltaten bereue und mich nie wieder zu ihnen hinreißen lasse?

Nein, die Hagelschloßen prasselten erneut auf meine Ohren und schmerzten diesmal ganz besonders. Denn nun verstand ich jedes Wort: „Ich verabscheue dich. Geh mir aus den Augen. Ich will dich nie mehr sehen. Und sie schon gar nicht. Geh doch zu ihr und lass dich nie wieder blicken.“

Na gut“, sagte ich mit entschlossener Stimme. „Aber nicht ohne die Kinder.“

Beate blickte mich erschrocken an, sprang auf, stürzte laut heulend aus dem Zimmer, und ich wusste nicht, wie mir geschah, und fühlte mich wie ein vom Weltenrichter zu ewiger Höllenstrafe verdammter armer Sünder. An Schlafen war nicht zu denken. Ich zog mich an und lief hinaus in die finstere Nacht, um den Sturm in meinem Innern zu beschwichtigen und zu überlegen, was zu tun sei. Doch weder das eine noch das andere wollte mir gelingen. Und da mir jetzt, mitten in der Nacht, natürlich auch keine Claudia in die Arme lief, der ich mein Leid hätte klagen können, beendete ich irgendwann meine nächtlichen Wanderungen, schlich mit höllisch trommelndem Herzen und weichen Knien in mein bisheriges Zuhause zurück, warf mich auf die Wohnzimmercouch, eben dort, wo gerade vorhin jenes schreckliche Unwetter auf meinen Kopf niedergegangen war, und jagte, wie man im Griechischen so schön sagt, stundenlang vergeblich dem Schlaf nach. Irgendwann erhaschte ich ihn doch, nur um grauenhaft zu träumen und am nächsten Morgen völlig zerschlagen aufzuwachen.

 

 

8

Entsprechend schwach waren an diesem Tag meine Darbietungen im Unterricht, und ich musste immerfort daran denken, wie gut es war, dass Claudia nicht mehr vor meinen Augen in den Bankreihen saß. Ich hätte nicht gewusst, wie ich ihr heute vor allen anderen gegenübertreten sollte.

Endlich war der Unterricht vorbei, ich wankte zu meinem Wagen, und wer wartete dort auf mich? Eben die, der alle meine Gedanken gehörten. Sie empfing mich mit leuchtenden Augen und setzte sich unverzüglich auf den Beifahrersitz. Sie wusste ja über mein Vorhaben Bescheid und konnte es nicht erwarten zu erfahren, wie die gestrige Aussprache ausgegangen war.

Nun, wie sie ausgegangen war, merkte sie bestimmt sofort an meiner Miene. Sie fragte auch gar nicht nach, schaute mich nur betroffen an, schien sogar mit dergleichen gerechnet zu haben. Denn sie hatte einen großen Plastiksack bei sich, und was verbarg sich darin? Ich war außer mir vor Rührung: Ein Mittagsimbiss. „Für alle Fälle.“

Also steuerte ich schnurstracks ein einsames Plätzchen außerhalb der Stadt an, das uns bereits des Öfteren zu vergnüglichem Tun gedient hatte. Und so gerührt war ich, dass ich, dort angekommen, gleich im Wageninnern buchstäblich über Claudia herfiel, ohne ihren Köstlichkeiten Beachtung zu schenken. Ich bedeckte ihr Gesicht mit heißen Küssen, bedeckte auch ihren übrigen nach und nach enthüllten Körper mit heißen Küssen und suchte ihr schließlich, so gut es bei der Beengtheit unserer Lage ging, zwischen den Schenkeln mit Fingern, Lippen, Zunge die von ihr so geliebten Freuden zu bereiten, bis ich sie jubilieren hörte. Und da sie sich seit jener schicksalhaften Karwendelwanderung im Sommer traute, revanchierte sie sich, indem sie Meister Iste auf ähnliche Weise beglückte. Und obwohl ich größte Zweifel am Gelingen ihres Werkes hegte, stiegen die Lustgefühle unaufhaltsam an, und zuletzt übermannte mich tatsächlich der Rausch des Liebesgottes.

Nun erst wandten wir uns den kulinarischen Genüssen zu; und dafür war es auch schon höchste Zeit. Ich kam mir vor wie ein frommer Muslim in seinem Fastenmonat. Ich hatte ja an diesem Tag noch überhaupt nichts zu mir genommen. Umso erstaunlicher, wie erfolgreich Claudia vorhin gewesen war. Und schmunzelnd zitierte ich ihr ein einschlägiges lateinisches Sprichwort: Sine Cerere et Baccho friget Venus, also: Ohne Ceres und Bacchus friert Venus (oder, im Klartext, ohne Speis und Trank friert der Sex) und hatte damit unerwarteten Erfolg. Claudia lachte sich tot über diese Weisheit und zögerte nicht, sie auf ihre Richtigkeit zu testen. Denn, so sagte sie, wenn unserer Venus schon ohne Ceres und Bacchus so heiß war, wie heiß wird ihr erst mit ihnen sein? Also weckte sie mit ihren Zauberfingern und Zauberlippen meinen Meister aus seinem Schlummer und stachelte ihn zu höchst lustvollen Aktivitäten an. Kühn drang er in ihr heißes, feuchtes, verlockendes Heiligtum ein und machte sich dort breit und schuf aus uns ein einziges, zweistimmig jubilierendes Wesen.

Beim anschließenden Spaziergang herrschte freilich wieder der gleiche Ernst wie zuvor. Vor allem herrschte große Ratlosigkeit. Claudia sah sich nun zwar am Ziel ihrer ursprünglichen Wünsche. Andererseits hatte sie sich schon so sehr an den Gedanken gewöhnt, mit mir in einer Großfamilie zu leben und ihrem Studium nachgehen zu können, ohne von der Sorge um ihr Baby oder auch von Geldsorgen aufgerieben zu werden, dass ihr die ursprünglichen Wünsche gar nicht mehr so erstrebenswert erschienen. Denn ob wir uns überhaupt eine eigene Wohnung leisten konnten, war mehr als fraglich. Und die Alternative, uns in ihrer eigenen Wohnung, das heißt, in der Wohnung ihrer Mutter ein Nest zu bauen, kam von vornherein nicht in Frage. Ihre Mutter hätte das nie zugelassen.

Und dann wartete sie mit einer reichlich kühnen Theorie auf: Beate denke in Wirklichkeit nicht im Traum daran, mich zu verstoßen. Ihren gestrigen Auftritt habe wahrscheinlich nur der erste Schock ausgelöst. Sobald dieser vergehe und sie wieder zur Vernunft komme, werde sie ihn bereuen und alles daran setzen, um mich zu halten, und dabei garantiert in Kauf nehmen, dass sie (Claudia) bei uns einzieht.

Ich widersprach ihr entschieden. „Hättest du meine Frau gestern Abend live erlebt, du würdest anders reden.“

Glaub mir, Schatz, die Frauen sind so. Du wirst schon sehen.“

 

 

9

Also gut. Ich würde schon sehen.

Während ich mit weichen Knien und höllisch pochendem Herzen mein Haus betrat, quälte mich der Gedanke: Wird mich Beate stante pede hinauswerfen? Oder wird sie, laut Claudia, ihren gestrigen Auftritt bereuen, mir schluchzend um den Hals fallen und mich anflehen, bei ihr zu bleiben und augenblicklich Claudia herbeizuschleppen, damit unsere Hurerei hier lustig weitergehe?

Wie also empfing sie mich?

Magst was essen?“, murmelte sie, ohne mich anzusehen.

Mhm“, murmelte ich zurück. „Falls es noch was gibt.“

Dabei hatte ich trotz der liebevollen Abfütterung durch Claudia schon wieder einen Hunger, und der war nicht von schlechten Eltern.

Wieso bist du nicht zum Mittagessen gekommen?“

Ich traute meinen Ohren nicht, wagte nichts zu erwidern außer „Hm“.

Hierauf murmelte sie nichts mehr. Schweigend bereitete sie mir in der Küche ein Abendessen und verschwand danach im Wohnzimmer, wo sie sich, wie deutlich zu hören, dem Fernsehvergnügen hingab, und ich hielt meinen Festschmaus eben alleine ab und verzog mich anschließend in mein Arbeitszimmer, um mich der auf mich wartenden Arbeit zu widmen.

Irgendwann war auch das geschafft. Und das war gut so; denn nun verlangte die ganze Maschinerie meines Körpers gebieterisch danach, sich ausruhen zu können. Nur, wo darf ich diese Nacht mein müdes Haupt niederlegen und meine müden Glieder ausstrecken? Im Wohnzimmer wie letzte Nacht? Aber dort erfreut sich Beate immer noch der Fernsehunterhaltung. Im Gästezimmer? Das müsste man erst zum Schlafen herrichten. Nein, dieser Mühe fühle ich mich nicht gewachsen. Auf dem Fußboden meines Arbeitszimmers, zumindest bis die offenbar äußerst spannende Sendung aus ist? Oder beabsichtigt Beate heute, selbst im Wohnzimmer zu übernachten, und das Schlafzimmer wäre frei?

Um mir Gewissheit zu verschaffen, öffnete ich die Wohnzimmertür einen Spalt, und was sah ich? In sich versunken, die Augen geschlossen und den Kopf lieblich zur Seite geneigt, saß Beate vor dem laufenden Fernseher und schreckte im nächsten Moment auf.

Hab ich dich ...“, stammelte ich. Und dann versiegte die Quelle meiner Rede.

Sie starrte mich an wie einen Boten aus dem Jenseits und murmelte: „Leg dich nur ins Bett. Ich ...“ Und dann versiegte die Quelle ihrer Rede.

So? Na, dann gute Nacht“, stammelte ich und zog mich rasch zurück.

Also doch ins Schlafzimmer? Na, mir soll’s recht sein. Wenigstens werde ich wieder einmal ordentlich schlafen können.

Aber es war wie verhext: Jetzt lag ich zwar in meinem vertrauten Bett. Doch der Schlaf, nach dem mein Körper schon so heftig lechzte, schien einen weiten Bogen um mich zu machen. Im selben Augenblick, da mein Körper zur Ruhe gekommen war, hatten sich meine Gedanken selbständig gemacht und jagten sich gegenseitig im Kreis herum und ließen meinen Kopf nicht zur Ruhe kommen.

Und dann gesellte sich zur Unruhe in meinem Kopf ein plötzlicher Schreck: Die Tür ging auf und wieder zu. Eine dunkle Gestalt huschte herein und legte sich in die andere Hälfte des Ehebettes.

Von da an war an Schlafen schon gar nicht zu denken. Nach einiger Zeit hörte ich es neben mir flüstern: „Du schläfst noch gar nicht?“

Und oho, das klang zwar missmutig genug, aber eigentlich weder aggressiv noch bösartig. Und genaugenommen war das keine Frage, sondern eine nüchterne Feststellung. Was soll man darauf nur erwidern? In meiner Verwirrung beschränkte ich mich auf ein bloßes „M-m“.

Ich hab gedacht, du schläfst schon, wenn ich ...“

Ich kann nicht schlafen.“

Ich wollte nur nicht, dass du wieder wie letzte Nacht ... Ich bin ja nicht so.“

Ich weiß. Soll ich ...“

Aber nein. Das ist doch ...“

Ich bin noch nicht dazu gekommen, mich um eine Wohnung ... Ich weiß auch noch gar nicht, wie sich das finanziell ...“

Ach, du! Was bist du auch ...“

Was ich bin, verriet sie mir aber nicht, sondern brach im nächsten Moment in Tränen aus. Zugleich richtete sie sich auf und begann wie eine in Trance geratene Bacchantin mit ihren Fäusten auf meine Brust zu trommeln, wohlgemerkt, nicht allzu fest; ich empfand es nicht als Gattenmisshandlung, vielmehr als Zärtlichkeit, als verzweifelte Liebkosung, wenn man so sagen kann. Schließlich sank sie schluchzend auf die von ihr weichgeklopfte Brust.

Ich selbst war anfangs wie gelähmt und wagte nichts zu tun. Aber dann legte ich meine Hände auf ihren Kopf und begann ihn sachte zu liebkosen. Im selben Augenblick begann sie mehr oder weniger artikulierte Ausrufe auszustoßen: Ich liebe sie nicht mehr. Sie sei mir eben schon zu alt, zu hässlich, zu wenig sexy. Und darum liebe ich eine Jüngere. Die bringe ich jetzt auch noch ins Haus, und sie (Beate) werde für mich nicht viel mehr als eine Sklavin sein.

Gegen diese Behauptungen versuchte ich natürlich zu protestieren. Aber nein: „Du liebst mich nicht mehr. Wann hast du mir deine Liebe zum letzten Mal gezeigt? Bist du bei der anderen auch so sparsam mit deinen Liebesbezeigungen?“

Gegen diesen Vorwurf war ich allerdings wehrlos. Er war mehr als berechtigt. Er ließ meine Zunge verstummen und veranlasste meine Hände, ihre Liebkosungen über Beates ganzen Körper auszudehnen und ihn schließlich an der Stelle zu liebkosen, wo (laut Ovid) Frauen am liebsten liebkost werden wollen. Und obwohl Beates verzweifeltes Schluchzen dadurch um nichts schwächer wurde, geriet sie erstaunlich rasch in heftige Erregung. Dadurch ermutigt, wagte ich schließlich, die Hand durch den Phallus zu ersetzen, damit dieser ihr weiches Fleisch teile. Und noch erstaunlicher: Trotz aller Erschöpfung, und obwohl mir heute schon mehr als ein Orgasmus beschieden war, übermannte mich erneut der Rausch des Liebesgottes. Und das Allererstaunlichste: Er übermannte auch Beate, und dies zum ersten Mal in all den Jahren unserer Ehe.

Während wir danach noch still beieinander lagen und die Wellen der Lustgefühle verebben ließen und zugleich über dieses unerhörte Wunder staunten, muss ich unversehens eingeschlafen sein. Jedenfalls konnte ich mich beim Aufwachen am nächsten Morgen an sonst nichts mehr erinnern. Desgleichen Beate. Sie wirkte vollkommen getröstet, bereitete mir ein Frühstück, als ob ich Geburtstag hätte, und beschwor mich, nicht wieder das Mittagessen zu versäumen.

Nun, das war ja alles gut und schön. Aber geklärt war damit noch kein einziges unserer Probleme. Und es war auch weder Zeit noch Gelegenheit, sie zu besprechen. Wir hatten nämlich beide verschlafen und mussten erst von unseren zwei Kleinen aus dem süßen Schlummer geweckt werden. Und da war natürlich höchste Eile geboten, wollte ich noch rechtzeitig in den Unterricht kommen.

Trotzdem erfüllte mich nach einer solchen unglaublichen Nacht ein gewisses Maß an Zuversicht. Vielleicht waren unsere Probleme de facto schon gelöst, und ich wusste es nur noch nicht?

 

 

10

Wieder wartete nach dem Unterricht Claudia auf mich, empfing mich aber mit keinen leuchtenden Augen. Erschreckend ernst war ihre Miene. Und kein vielversprechender Plastiksack baumelte an ihrer Hand.

He, was ist passiert?

Ach, meine Mutter ...

Hm? Was ist mit ihr?

Sie hat gemerkt ...

Dass du schwanger bist?

Exakt.

Und ist nicht auf der Stelle in ein Freudengeheul ausgebrochen?

Geheul stimmt. Nur Freuden nicht.

In ein Heulkonzert also?

Ach was. In ein Wutgeheul. Weil sie die heiligen Prinzipien ihrer katholischen Moral verletzt sieht.

Oje. Sex noch vor der Ehe, wie? Das ist aber schlimm.

Und dann auch noch schwanger. O ewige Schande.

Ja, wirklich. Wie konntest du nur. Ein anständiges Mädchen hätte längst abgetrieben.

Du wirst lachen, aber genau das verlangt sie von mir.

Was? Bei ihren katholischen Prinzipien?

Eben deswegen. Wenn ich abtreibe, bleibt die heilige Moral gewahrt.

Du meinst, die heilige Scheinmoral.

Na freilich.

Ist es zum Abtreiben nicht sowieso schon zu spät?

Zu spät nicht. Nur die Dreimonatsfrist, die ist schon abgelaufen.

Und trotzdem ...?

Ja, und trotzdem verlangt sie von mir, ich soll abtreiben.

Na, das ist aber ein starkes Stück. Du wirst doch hoffentlich nicht ...?

Aber wo denkst du hin.

Und sag, wollte sie denn gar nicht wissen, wer der edle Samenspender ist? Oder glaubt sie noch an das Märchen von der jungfräulichen Empfängnis?

Aber ja, natürlich wollte sie wissen, wer der edle ... wer der Bösewicht ist, der mich ...

Ja, und? Hast du’s ihr ...

Wo denkst du hin. Dich verrate ich doch nicht. Das bleibt unser süßes Geheimnis.

Du, das ist sehr tapfer von dir. Aber irgendwann, denke ich, wird sie’s wohl erfahren müssen. Und weißt du, von wem? Von mir. Ich werde hoch erhobenen Hauptes vor sie hintreten und mich zu meiner edlen Schandtat bekennen.

He, das ist aber sehr tapfer von dir.

Und zwar noch bevor du zu mir, zu uns, übersiedelst. Weil, sobald das geschehen ist, kann sie sich an allen zehn Fingern abzählen, wo die glückbringende Samenspende herkommt.

Stimmt. Aber sag, das mit der Übersiedlung, ist das jetzt geklärt? Darf ich wirklich bei dir ...

Nun ja, geklärt ist übertrieben. Aber immerhin hat am häuslichen Herd so was wie eine Versöhnungsfeier stattgefunden.

Aha. Darf man eifersüchtig werden?

Man darf.

Entschuldige, Schatz. Ich wollte sagen: Darf man gratulieren?

Man darf. Nur war noch gar keine Zeit, um irgendwas zu klären. Übrigens, heute gibt’s kein Fresspaket gegen den Hungertod?

Nein. Und jetzt weißt du auch, warum.

Und du hast noch nicht getafelt. Sehe ich das richtig?

Das siehst du vollkommen richtig.

Da muss also heute unser Baby hungern? Nein, im Ernst. Heute fahren wir zu mir nach Hause. Meine Frau hat mich sowieso angefleht, mein Mittagessen nicht schon wieder sausen zu lassen.

Angefleht? Wirklich?

Ja, stell dir vor. Na, und da kommst du eben einfach mit. Und dann wird sich schon herausstellen, wie der Hase läuft.

Du meinst, ob sie mich im hohen Bogen rausschmeißt oder nicht?

So ähnlich, ja. Ob du also in die Versöhnungsfeier eingeschlossen bist oder nicht.

 

 

11

Beate riss die Augen auf, als stünde nicht mein Engel Claudia, sondern der Erzengel Gabriel vor ihr, um ihr zu verkünden, dass sie vom Heiligen Geist empfangen werde. Nach nur kurzer Bedenkzeit lud sie Claudia zum Mittagessen ein und zeigte dann auch überhaupt keine Scheu, Klartext zu reden.

Sie sind also heute nicht nur zum Griechischlernen da“, begann sie. „Richtig?“

Und Claudia, errötend: „Hm ...“

Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun. Ich bin auf dem Laufenden.“

Schweigen.

Sie gehören jetzt also quasi zur Familie?“

Hm ...“

Und werden bei uns wohnen?“

Hm ... Wenn’s Ihnen wirklich nichts ausmacht. Und sofern überhaupt genügend Platz ...“

Und Beate, nach einem keineswegs heimlichen Blick auf Claudias Bauch: „Platz für zwei, nehme ich an?“

Und ich: „Ihre Mutter besteht auf einer Abtreibung. Damit halt der Moral Genüge getan wird.“

Und Beate: „Der Moral. Soso. Weil der Vater unbekannt ist, wie?“

Und Claudia, zögernd: „Sozusagen.“

Und ich: „Und obendrein nicht mit ihr verheiratet ist.“

Und Beate: „Sondern mit wem?“

Betretenes Schweigen. Claudia hörte zu kauen auf.

Und ich: „Und drum hat sie eben Angst ... Ich meine, drum fürchtet sie sich, allein bei ihrer Mutter zu bleiben.“

Und sucht ein Asyl?“

Ja. Sozusagen.“

Langes Schweigen.

Na ja, im Gästezimmer müsste ja genug Platz sein. Ich meine, für zwei.“

Und Claudia: „Oh, danke.“

Na, das geht ja nun wirklich nicht, dass Sie gezwungen werden sollen, abzutreiben, nur wegen einer angeblichen Moral.“

Danke. Ich hätte sonst nicht gewusst ...“

Vorausgesetzt natürlich, es ist Ihr eigener Wunsch.“

Selbstverständlich ist es das.“

Ja, dann. Willkommen in der Großfamilie.“

Oh, danke.“

Und langen Sie nur tüchtig zu. Damit Ihr Baby nicht hungern muss.“

Und als wäre dies ein Stichwort, brachen unsere zwei Kleinen, die bisher auffallend schweigsam gewesen waren und scharf aufgepasst hatten, schlagartig in ein Freudengeheul aus. Und bis zum Ende des Mittagessens hatten sie dank Claudias natürlicher Freundlichkeit so viel Zutrauen zu ihr gefasst, dass Kathrin, die Ältere, sie taxfrei zu ihrer großen Schwester ernannte. Eine solche hatte sie sich immer schon gewünscht, ohne dass es mir bisher gelungen wäre, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

Danach ließ es sich Claudia nicht nehmen, Beate beim Abwasch und der Versorgung der Kinder tatkräftig zur Hand zu gehen. Und ich saß daneben, betrachtete voller Genugtuung dieses häusliche Idyll und fühlte mich von den Göttern auf unglaubliche Weise privilegiert.

 

 

12

Sobald Claudia ihr neues Zuhause gewissermaßen in Besitz genommen und mit einem keuschen Kuss eingeweiht hatte – mehr wagten wir nicht –, hieß es an die praktische Seite der Übersiedlung denken. Also bestiegen wir wieder meinen Wagen und begaben uns an Claudias bisherigen häuslichen Herd. Ausgemacht war, dass ich ihre Mutter in ein gemütliches Gespräch verwickeln solle, um eventuellen Versuchen, unser Vorhaben zu vereiteln, einen Riegel vorzuschieben. Claudia selbst würde unterdessen ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammensuchen, in einer Reisetasche verstauen und ins Auto schmuggeln.

Ihre Mutter empfing uns mit überschäumender Freundlichkeit. Claudia verzog sich ungesäumt in ihre eigenen Gemächer, während ich mit der Mutter alleine blieb und überraschenderweise zu Kaffee und Kuchen eingeladen wurde.

Und was jetzt folgte, unterschied sich (abgesehen von der Jause) zunächst kaum von den vielen Sprechstunden, zu denen sie in den vergangenen acht Jahren erschienen war. Wir sprachen über Claudias schulische Erfolge und über ihr Studium, und ich lobte sie überschwänglich für ihre Fortschritte in Griechisch. Daraus ergab sich eine heiße Diskussion über die Frage, wie sinnvoll ein Lateinstudium heutzutage noch sei und ob sie statt Latein nicht lieber Französisch oder Spanisch studieren solle; und da fiele wenigstens dieses „unnütze Griechisch“ weg. Worauf ich mich veranlasst sah, ein Loblied auf den Nutzen von Griechischkenntnissen zu singen.

Schließlich brachte sie die Frage aufs Tapet, wie es eigentlich komme, dass ich heute gemeinsam mit ihrer Tochter aufgetreten sei. Im ersten Augenblick verschlug es mir die Sprache. Dann gab ich vor, wir seien uns zufällig auf der Straße begegnet. Claudia sei gerade auf dem Heimweg gewesen und habe vorgeschlagen, sie einmal bei sich zuhause zu instruieren.

So ein Zufall“, erwiderte ihre Mutter und schüttelte heftig den Kopf.

Glaubte sie mir etwa nicht? Durchschaute sie meine Behauptung als Lüge? Und mir verschlug es abermals die Sprache. Aber meine momentane Panik erwies sich als gänzlich unbegründet.

Ich meine“, fuhr sie fort, „dass die Claudia überhaupt auf dem Heimweg war. Neuerdings kommt sie ja kaum noch nach Hause, und wenn, dann höchstens zum Schlafen.“

Ihre Miene verdüsterte sich zusehends, und ich befürchtete schon, dass sie im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen werde. Aber nein, ihre Züge verhärteten sich, und ihre Augen begannen gefährlich zu funkeln.

Sie glauben ja gar nicht“, zischte sie, anders kann man’s nicht nennen, „was sie mir für schlaflose Nächte bereitet.“

Aha, dachte ich, jetzt kommt’s. Jetzt wird’s kritisch. Jetzt heißt es sich mit Nervenstärke wappnen.

Schlaflose Nächte? Aber Frau Hopfgartner, bisher waren Sie doch immer voll des Lobes über Ihre Claudia, wie brav und wie anständig sie ist und wie viel Freude sie Ihnen macht.“

Ja, bisher. Aber seit sie die Matura hinter sich hat ...“

Ist sie nicht mehr brav und anständig?“

Ach ... Na, Ihnen kann ich’s ja sagen. Zu Ihnen hab ich Vertrauen.“

Aber, aber“, murmelte ich, scheinbar aufs Höchste überrascht, und musste innerlich schmunzeln.

Aber ich sage es nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Die Claudia ist zu meinem großen Kummer auf die schiefe Bahn geraten.“

Was? Das gibt’s doch nicht. Nein, das glaub ich nicht. Ich kenn sie doch seit acht Jahren.“

Ja, und ich dachte, ich kenne sie seit achtzehn Jahren. So kann man sich in einem Menschen täuschen.“

Nein, aber trotzdem. Auf die schiefe Bahn geraten, die Claudia? Ausgeschlossen. Ich glaube, da irren Sie sich.“

Da ist leider kein Irrtum möglich. Halten Sie sich fest. Sie ist in anderen Umständen.“

Ach so, schwanger. Ja, ich weiß.“

Wie? Sie wissen davon? Hat sie’s Ihnen erzählt?“

Ihr fielen beinahe die Augen heraus.

Details

Seiten
268
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939309
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542510
Schlagworte
wohltätig liebe macht

Autor

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Titel: Wohltätig ist der Liebe Macht