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Der Gefürchtete

2020 161 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Gefürchtete

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Der Gefürchtete

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 161 Taschenbuchseiten.

 

Schüsse zerreißen die Mittagsstille. Im grellen Sonnenlicht der Fahrbahn liegt ein Toter. Am Ende der Straße verklingt Hufschlag; eine Staubwolke verweht …

Die Siedler wissen: Der heimtückische Schuss bedeutet Krieg! Eine neue Weidefehde, der sie hilflos ausgeliefert sind.

Da taucht ein Fremder auf, dunkel, hart, mit tief geschnalltem Colt. Beim Anblick des Toten zügelt er seinen Rappen und gleitet aus dem Sattel. Wem wird der Langreiter seinen Colt leihen, den Siedlern oder den Ranchern?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Edward Martin, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

Als der Schuss dröhnte, fuhr Ted Harris erschreckt vom Stuhl hoch, und sein altes, verrunzeltes Gesicht wurde aschgrau.

„Jetzt geht’s wieder los!“, kam es heiser über seine dünnen Lippen. Er schaute seine Tochter an, die aufgesprungen und zum Fenster gelaufen war. Doch sie wagte nicht, auf die Straße der Heimstättensiedlung hinauszusehen. Die Angst stand in den dunklen Augen des Mädchens. Ihr hübsches Gesicht war vor Entsetzen angespannt. Judith Harris strich mit einer nervösen Bewegung über ihr schwarzes, welliges Haar, das zu einem dicken Knoten im Nacken zusammengefasst war. Wortlos lief sie durch den Raum und verschwand im Nebenzimmer. Ted Harris hörte sie mit ihrer kranken Mutter sprechen.

„Beruhige dich, Mutter, es ist nichts. Bleib still liegen.“

Ted Harris gab sich einen Ruck. Seine Beine zitterten, als er zum Fenster schritt. Die unheimliche Stille, die der scharfen Schussdetonation gefolgt war, wollte ihm ganz und gar nicht gefallen.

Alles Leben schien in der Siedlung erstorben zu sein. Das war kein gutes Zeichen. Ted Harris’ Herz schlug so langsam, als wollte es stehenbleiben. By Gosh, Ted war nicht mehr der Jüngste, sein Rücken war von schwerer Arbeit gebeugt und die Hände schwielig. Seine beste Zeit war längst vorbei. Ein Mann in seinem Alter kämpfte nicht mehr, sondern genoss die Früchte seiner Arbeit. In seiner Situation war das Alter eine Last. Das zeigte sich auch an seiner Frau, die todkrank war und sich schon seit Wochen quälte, ohne dass es für sie eine Erlösung gab.

Mit aufopfernder Liebe pflegte Judith die kranke Mutter, an der sie sehr hing. Vor Jahren waren Mutter und Tochter noch oft zum Stiefelhügel gegangen und hatten die Gräber von Samuel und Abraham besucht und gepflegt. Die Rancher hatten die beiden Jungen auf dem Gewissen, die im Kampf um ihr Siedlerrecht gefallen waren.

Seltsam, dass Ted Harris jetzt daran denken musste, als er ans Fenster trat und auf die Straße

hinausblickte, dorthin, wo im knöcheltiefen Staub der Fahrbahn eine regungslose Gestalt lag. Im hellen Licht der Mittagssonne wirkte dieser Anblick besonders niederschmetternd. Weit hinten, wo die Straße im hügeligen Gelände verlief, hing eine dünne Staubwolke in der Luft. Ein Mann ritt dort eilig davon, ohne sich um den Toten auf der Straße zu kümmern.

Ted Harris atmete schwer. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er bemerkte zwei Siedler, die langsam aus einer Toreinfahrt traten und zögernd auf den Toten zugingen. Sie blieben stehen und beugten sich über ihn.

„Ted, wen hat der Tod diesmal geholt?“, hörte er die schwache Stimme seiner Frau aus dem Nebenzimmer.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Ted.

„Es ist wie vor zwei Jahren, als ein Dutzend Schüsse fielen und man uns unsere beiden Söhne tot ins Haus trug“, fuhr sie fort.

Ja, seine Frau dachte wie er an das Geschehen vor zwei Jahren. Der alte Schmerz brannte wieder in Ted. Er hatte das Gefühl, als lägen nur Stunden zwischen den Ereignissen vor zwei Jahren. Die Zeit hatte die Wunden nicht geheilt. Ted Harris trat vom Fenster weg. Es trieb ihn hinaus. Er wollte mit eigenen Augen sehen, wer der Tote war. Judiths Bitte zu bleiben überhörte er. Die Tochter konnte ihn nicht zurückhalten.

Viele Leute hatten sich inzwischen eingefunden. Alle standen bedrückt da. Sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, statt ihren Zorn laut werden zu lassen. Aber die vielen Niederlagen, die sie im Kampf gegen die Rancher hatten hinnehmen müssen, hatten sie klein gemacht. Fast drei Jahre dauerte schon der Kampf. Über ein Dutzend Männer hatten ins Gras beißen müssen. Manchmal flaute der Kampf ab, so dass die Leute glaubten, endlich in Frieden leben zu können. Dann aber ging es plötzlich wieder los, und der Tod schlug zu. Diesmal war es sehr deutlich, wer unterlegen war. Seit drei Jahren trieb der Kleinrancher Jim Morton die Siedler immer wieder zum Kampf gegen die Großrancher.

„Holt Jim Morton!“, rief Jack Sounders, der neben dem Toten kniete. „Es hat einen seiner Cowboys erwischt, den neu angeworbenen Revolvermann Stuart Laurent.“

Es hat also den großsprecherischen, wilden Revolvermann erwischt, dachte Ted Harris. Jim Morton hatte erwartet, dass Laurent den Großranchern Furcht einjagen würde. Laurent hatte die in ihn gesetzte Hoffnung nicht erfüllt. Was hatte Jim Morton geprahlt! Was hatte er für Wunderdinge über diesen Mann erzählt! Er sollte der schnellste Mann mit dem Eisen sein. – Und nun war Laurent nicht einmal zum Zuge gekommen.

Ted Harris nahm seinen Stetson ab, und der Mittagswind wehte durch sein weißgraues Haar. Die Männer, die neben dem Toten standen, sahen Harris an.

Ted stellte keine Frage. Er blieb neben dem Toten stehen. Jack Sounders und sein Sohn Jim erhoben sich. Beide hatten neben Laurent gekniet. Ein Mann schwang sich auf sein Pferd und ritt los, um Jim Morton zu benachrichtigen.

„Ted, er bleibt so lange liegen, bis Jim Morton kommt“, sagte Jack Sounders. „Wir rühren ihn nicht an.“

Ted Harris antwortete nicht. Er war eigenartig berührt, als er in das junge Gesicht des Toten blickte.

„Ist das wirklich Laurent?“, fragte er.

„Ja, Ted, dieser Bursche ist Stuart Laurent, Jim Mortons Revolvermann – der große Laurent, der den Kampf gegen die Großrancher zu unseren Gunsten entscheiden sollte.“

„Jack, er ist doch noch ein Junge!“

„Er ist immerhin einundzwanzig Jahre alt.“

„Wahrscheinlich gerade erst geworden, Jack.“ Ted Harris war erschüttert. Er blickte in das Gesicht des jungen Toten, in dem weder Hass noch Erbitterung zu sehen waren. Stuart Laurent war in demselben Alter, in dem auch Ted Harris’ Söhne Abraham und Samuel der Tod ereilte.

Wie ist das nur geschahen, überlegte Ted Harris. Der junge Laurent hatte doch bestimmt keine Chance. Das konnte jeder Laie an der Art der Verwundung erkennen.

Jack Sounders erklärte: „Ja, das ist schlimm und gemein, Ted. Laurent wurde in dem Augenblick in den Rücken geschossen, als er unsere Siedlung erreichte. Eine Winchesterkugel schlug glatt durch ihn hindurch und dort in meine Hütte hinein. Gewiss wollte Laurent mit uns sprechen. Er muss auf der Stelle tot gewesen sein. Sein Pferd ist dort drüben. Es brach nicht aus, sondern blieb am Gehsteig stehen.“

Das Pferd war nur ein paar Meter weiter gelaufen und stand mit gesenktem Kopf am Gehsteig. Es war ein ganz gewöhnliches Rinderpferd, rau und drahtig. Es trug Jim Mortons Dreieckbrandzeichen auf der Flanke. Sicher hatte Stuart Laurent sein eigenes Pferd schonen wollen und hatte es auf der Ranch zurückgelassen.

„Vierzig Dollar zahlte ihm Jim Morton“, sagte Jack Sounders. Echte Anerkennung klang in seiner Stimme. „Er hätte sechzig Dollar fordern können, Und Morton hätte auch die gezahlt.“

„Und wenn er tausend und mehr bekommen hätte, kein Geld der Welt nützt ihm jetzt noch etwas“, murmelte Ted Harris. „Was liegt schon am Geld?“

„Die ganze Welt hängt am Geld, Ted“, sagte Sounders rau. „Ohne Geld können wir den

Kampf nicht gewinnen. Wir sind bald am Ende und schon jetzt nicht mehr in der Lage, unsere Felder zu schützen. Die Cowboys treiben ihre Rinder einfach über unser Land. Uns bleibt nichts anderes übrig, als aufzugeben. Dann wird hier wieder Rinderland. Alle Opfer waren vergebens.“ Tiefe Resignation lag in Sounders’ Worten. Seine Augen verdunkelten sich. Er trat dicht an Ted Harris heran. „Unsere Männer gingen umsonst in den Tod“, fuhr er fort. „Wir haben uns nicht durchsetzen können.“

„Das heißt also aufgeben, jetzt vor der Ernte? Das kann doch nicht dein Ernst sein, Jack!“

„Mit dem Tod dieses Revolvermannes ist auch unser Schicksal besiegelt, Ted“, erwiderte Jack Sounders. „Bisher hat man auf der anderen Seite Jim Morton gefürchtet. Damit ist es jetzt vorbei.“

„Jim Morton ist ein Rancher, wenn auch nur ein Smallrancher.“

„Was willst du damit sagen, Ted?“

„Dass er trotz allem ein Rindermann ist, Jack. Er wird nie ein Mann, der den Acker bestellt. Obwohl er nie davon sprach, glaube ich doch, dass er auf die Großrancher neidisch ist und gerne so groß sein möchte wie sie.“

„Himmel, Ted, wie kannst du so etwas sagen? Wie kannst du so über einen Mann sprechen, der auf unserer Seite steht?“

„Er braucht uns, Jack“, erwiderte der alte Ted Harris rau. „Allein kann er gegen seine Konkurrenten nicht angehen. Er ist im Kampf gegen die Großrancher skrupellos genug, uns gegen sie aufzuhetzen. By Gosh, bisher habe ich das nicht auszusprechen gewagt, aber ich habe lange und gründlich über Jim Morton nachgedacht. Die ganzen Jahre über habe ich ihn beobachtet und ihn nicht aus den Augen gelassen. Ja, er steht auf unserer Seite, weil er ohne uns seine Absichten nicht verwirklichen kann. Hat er sie erreicht, lässt er uns fallen. Morton ist nicht der Mann, für den wir ihn halten, er ist nicht der Mann, für den er sich ausgibt.“

„Ted, du sprichst da eine furchtbare Anklage aus! Mal den Teufel nicht an die Wand, und lass niemand etwas von dem hören, was du mir gerade gesagt hast.“

„Ich kann nicht mehr kämpfen, Jack, sonst würde ich Morton auffordern, sich von uns zu trennen und würde Verhandlungen mit den Großranchern aufnehmen. Es muss einen Weg geben, um mit den Ranchern auszukommen.“

„Jim Morton würde das nie zulassen!“

„Du sprichst genau das aus, was ich befürchte. Er wird alles versuchen, um in unserem Lager die Oberhand zu behalten. Ja, er ist freundlich und zuvorkommend, er versorgt uns mit Fleisch, er hält uns den Weg über seine Weide offen …“ Ted Harris brach plötzlich ab. Dann rief er aus: „Das ist doch nicht möglich! Morton kann die Nachricht vom Tode seines Revolvermannes noch nicht erhalten haben. Wer anders als Morton reitet dort heran?“

Ted Harris zeigte auf einen Reiter, der aus einer Bodenmulde auftauchte und auf die Siedlung zu geritten kam. Harris erkannte, dass es nicht Morton war.

„Ein Fremder“, murmelte Harris. „Wer es auch ist, er wird beim Anblick des Toten keinen guten Eindruck von unserer Siedlung bekommen. Lass uns Laurent schnell von der Straße wegschaffen,. Jack.“

„Nein, ich wage es nicht.“

„Du hast Angst vor Jim Morton, wie?“

„Wir respektieren ihn alle“, erwiderte Jack Sounders. „Ich rate dir, wenigstens so zu tun, auch wenn es dir schwerfällt.“

„Genau das ist es, was mich an Morton stört, Jack. Er stellt sich hoch über uns. Für mich ist es erstaunlich, dass seine Ranch überhaupt noch existiert, und dass seine Rinder noch auf seiner Weide grasen. Die Großrancher schlugen nicht gegen ihn los, im Gegenteil, Morton konnte seine Stellung sogar so ausbauen, dass ihn niemand mehr von seiner Hochlandweide vertreiben kann. Wir hier in der Ebene sind ungeschützt, Jack, und jedem Angriff ziemlich wehrlos ausgesetzt. Aber Morton will, dass wir zusammenstehen. Wir sollen gegen die Großrancher losschlagen. Mit anderen Worten, Morton hält uns für eine jederzeit einsatzbereite Mannschaft. Immer, wenn wir müde zu werden drohen, taucht er auf, um das Feuer erneut zu schüren und unsere Männer aufzuhetzen. Es ist doch sonderbar, dass immer vorher etwas Böses geschah, dass der Tod einen von uns holte. Glaubst du, dass das Zufall ist?“

„Sprich nicht so laut, Ted“, murmelte Jack Sounders und blickte sich ängstlich um. Die Aufmerksamkeit der anderen galt aber dem Reiter, der auf einem Rappwallach langsam näher ritt.

Der Fremde mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Er saß sehr gerade im Sattel, nicht lässig und halb schläfrig, wie es bei den meisten Weidereitern üblich war. Der breitschultrige Mann mit dem asketischen Gesicht musste weit geritten sein. Staub lag auf seiner Kleidung und auf dem Fell des Pferdes. Er trug lederne Chaps. Die Winchester im Scabbard war eine Waffe neuester Bauart. Der 45er Colt hing in einer Lederschlinge und steckte nicht in einem Lederhalfter.

Ted Harris rümpfte die Nase. Er sah Jack Sounders scharf an. Die beiden Männer waren alte Freunde. Ted und Jack waren die ersten Siedler hier im Land gewesen. Gemeinsam hatten sie mit der Feldarbeit begonnen. Sie hatten in ihrem Leben genug Reiter gesehen, um zu wissen, von welcher Art der Reiter war, der da angeritten kam.

Wieder ein Revolvermann, musste Ted Harris denken. Diese Tatsache stieß ihn ab, obgleich der Retter einen sympathischen Eindruck machte.

Im Gesicht des Fremden war etwas von der Härte zu sehen, die ein entbehrungsreiches Leben hinterlässt. Blaue Augen leuchteten in dem hageren, braunen Gesicht, und helles, blondes Haar fiel fast bis auf die Schultern des Reiters. Zweifellos, es musste ein besonderer Mann sein, der da angeritten kam. Er hielt geradewegs auf den Toten zu, zügelte sein Pferd und schwang sich aus dem Sattel. Der Mann bewegte sich, als wäre er überall zu Hause. Sein Blick streifte die Leute und wanderte dann zu Ted Harris und den beiden Sounders’, die nahe bei dem Toten standen. Es war ein durchdringender Blick, der weder Frage noch Antwort heischte. Danach bückte sich der Fremde, blickte den Toten kurz an und sagte dann laut und für jeden vernehmbar: „Er ist es nicht.“

„Stranger, haben Sie einen bestimmten Mann vermutet?“, fragte Ted Harris.

Der Fremde, dessen Pferd bewegungslos neben seinem Herrn stehengeblieben war, richtete seinen Blick fest auf den Alten.

„Seit Jahren suche ich einen bestimmten Mann. Ich weiß, dass ich ihn in dieser Gegend finden werde. Wo Stuart Laurent ist, muss auch der von mir Gesuchte sein.“

„Haben Sie Laurent gekannt?“, fragte Ted Harris.

„Ja“, antwortete der Fremde. „Eine Frage: Hat er für Sie gearbeitet?“

„Nein, nicht für uns Siedler.“

„Ted, das stimmt nicht ganz“, mischte sich Jack Sounders ein. „Laurent wurde zwar nicht von uns bezahlt, Stranger, doch er ritt für einen Mann, der auf unserer Seite steht, für Jim Morton. Stuart Laurent sollte dazu beitragen, unsere Sache zu entscheiden.“

„Nicht unsere Sache, sondern die von Jim Morton!“, sagte Ted Harris rau. „Verwechsle das

nicht! Es sieht nur so aus, als wären Mortons Ziele auch die der Siedler.“

„Wer kann das Gegenteil beweisen, Ted?“

Ted Harris zuckte die Schultern. Er nagte an der Unterlippe und schwieg bedrückt. Nein, niemand konnte etwas beweisen. Gerade das war es, was ihm schwer zu schaffen machte.

„Dieser Laurent hat sein Schicksal selbst herausgefordert“, sagte der Fremde. „Sein Steckbrief hängt in jeder größeren Rinderstadt. Auf seinen Kopf wird eine hohe Prämie gezahlt.“

„Sind Sie Kopfgeldjäger, Stranger?“, entfuhr es Ted Harris überrascht.

„Nein“, sagte der Reiter ernst. „Ich überlasse es anderen Leuten, sich auf diese Art durchs Leben zu schlagen. Gegen Laurent habe ich nichts, aber es gibt eine Menge Leute, die aufatmen werden, wenn sie von seinem Tod hören. – Vor allem aber John Nau.“

„Wer ist John Nau?“, wollte Ted Harris wissen.

„Der Mann, hinter dem ich her bin“, erwiderte der Fremde. „Er ist ein übler Bursche, der immer

ein Rudel Hartgesottener um sich scharte. Wohl aus Angst, dass Laurent ihn erwischen könnte.“

„Und Sie glauben, dass dieser John Nau, dessen Namen wir nicht kennen, hier im Lande sein könnte?“

„Er folgte Laurent wie ein Schatten“, sagte der Fremde. „Laurent war, ohne es zu wollen, mein Partner. Wie ich sehe, hat er es nicht geschafft, Nau auszuschalten.“

„Sie erzählen uns sehr viel, Stranger.“

„Ich weiß, wem ich mich an vertrauen kann. Auf meinem langen Trail habe ich einige Menschenkenntnis erworben. Manchmal ist es gut, wenn man mit offenen Karten spielt.“

„Glauben Sie, dass sich das Spiel hier lohnt, Stranger?“

„Ja“, erwiderte der Mann rau. „Ich bin lange und weit geritten und spüre, dass ich jetzt an der Endstation angelangt bin.“

„Wissen Sie auch, dass am Ende jeder Fährte der Tod steht?“, fragte Harris.

„Ich weiß es, Oldman.“ Der Fremde nickte.

„Wenn es so ist, biete ich Ihnen bei mir einen Job an, Stranger. – Oder sind Sie etwa ein Rindermann und zu stolz, um bei den Furchenziehern zu arbeiten?“

„Nein.“ Der Fremde lächelte. „Ich habe meinen Beruf schon oft gewechselt. Es macht mir Freude, einen neuen kennenzulernen. – Ich nehme den Job an.“

„Ohne zu wissen, was ich zahlen kann?“

„Ich kann mir vorstellen, dass der Brotkorb hier sehr hoch hängt.“

„Das stimmt genau“, gab Ted Harris zu. „Für wenig Lohn gibt es hier harte Arbeit, und das ist genau das Gegenteil von dem, was einem Cowboy geboten wird, wenn ich auch nicht behaupten will, dass es ein Rindermann leicht hat. Aber schauen Sie sich nur um, sehen Sie sich die Siedler an. Alle sind gebeugt, so als zöge die Erde, die von ihnen bearbeitet wird, sie immer tiefer. Die Leute hier sind wortkarg, scheu und misstrauisch. Je mehr sie ertragen müssen, desto schweigsamer werden sie. Jetzt sind die Männer hier in der Stimmung, die sie dazu veranlassen könnte, sofort gegen die Großrancher anzureiten und Rache für diesen Toten zu nahmen.“

„Das lasst lieber sein“, erwiderte der Fremde. „Man soll nichts überstürzen, solange man nicht weiß, wer aus dem Hinterhalt gefeuert hat.“

„Es kann kein anderer gewesen sein als ein Revolvermann von einer Großranch“, meinte Sounders. „Man braucht nicht lange zu raten.“

„Gemach, Freund! Dieser Tote hatte einen besonderen Gegner: John Nau. Ihm ist eine solche Tat ohne Weiteres zuzutrauen.“

„Dann steht Nau auf der Seite der Großrancher?“

„Das muss erst festgestellt werden. Bevor man nichts Genaues weiß, sollte man sich zurückhalten.“

„By Gosh, Sie wollen für die Großrancher eine Lanze brechen, Stranger?“

„Ich habe Frank Sparrows und Sam Browns Ranches besucht, bevor lieh hierher kam. Auf beiden Ranches wurde ich gastfreundlich aufgenommen. Die Rancher scheinen keine üblen Leute zu sein. Ich kann ihnen nichts Ungutes nachsagen.“

„Das stimmt, es gab eine Zeit, in der wir Siedler gut mit ihnen auskamen“, musste Ted Harris zugeben. „Das änderte sich, als mehr Rinder in unseren Töpfen landeten, als die Rancher zuließen. Für mich steht dabei fest, dass sich jeder Siedler nur das nahm, was ihm zugebilligt worden war.“

„Mit anderen Worten, jemand hat dafür gesorgt, dass das gute Verhältnis gestört wurde?“

„Wir wissen es nicht“, sagte Ted Harris stirnrunzelnd. „Das bisschen, was wir an Fleisch brauchen, riss keine Lücken in die großen Rinderherden, und nach altem Recht bleibt die Rinderhaut für den Besitzer des Rindes liegen. Dennoch wurde uns eines Tages unterstellt, kleinere und größere Rinderrudel abgetrieben zu haben.“

„Und das sicher zu einer Zeit, als eine Kleinranch neu begann, oder?“

„Wahrhaftig, Stranger!“, murmelte Ted Harris, in dessen Augen es aufleuchtete. „Ich möchte aber hier nicht darüber sprechen. Kommen Sie mit mir.“

„Und der Tote bleibt auf der Fahrbahn?“

„Wir lassen ihn dort liegen, bis Morton mit seinen Männern kommt.“

„Wer ist Morton?“

„Der Mann, der uns Siedler führt.“

„Ein Rancher?“

„Wundert Sie das?“

„Ja sehr“, gab der Fremde erstaunt zu.

„Stranger, von Morton bekommen wir jetzt das Fleisch, das uns die Großrancher nicht mehr geben wollen“, erklärte Jack Sounders. „Wir haben allen Grund, diesem Mann dankbar zu sein. Er kam uns immer dann entgegen, wenn die Kuhtreiber unsere Felder verwüsteten, indem sie ihre Herden darüber trieben. Wenn Sie etwas gegen Jim Morton haben, dann nehmen Sie lieber nicht den Job bei meinem Freund Ted Harris an, sondern reiten Sie schnell weiter. Kein Siedler wird für Sie sein, wenn Sie unserem Wohltäter feindlich gegenüber stehen.“

„Dieser Morton scheint sich hier unentbehrlich gemacht zu haben.“

„So kann man es auch nennen“, sagte Ted Harris bitter.

„Oldman, Sie mögen diesen Morton wohl nicht?“, fragte der Fremde.

Noch bevor Ted antworten konnte, sagte Sounders an seiner Stelle: „Das stimmt, und es ist auch kein Wunder, denn Jim Morton ist hinter Ted Harris’ Tochter her. Meinen Freund Ted stört der große Altersunterschied, denn Jim Morton könnte Judiths Vater sein. – Ted, mach kein so böses Gesicht, das ist doch der Grund, oder?“

„Zum Teufel, ja!“, gab Ted zu. „Aber Morton hat keine Chance. Meine Tochter wird ihn nicht heiraten, mag er sich auch noch so sehr um sie bemühen. Judith liebt ihn nicht, und das allein zählt.“

„Morton hat Zeit und Ausdauer, Ted“, erwiderte Jack Sounders. „Und er hat noch immer das bekommen, was er haben wollte. Für dich wäre er der ideale Schwiegersohn. Mit einem Schlage wärst du alle Sorgen los.“

„Ich pfeife darauf!“, murmelte Ted grimmig. „Ich kann arbeiten und brauche weder seine

Hilfe noch seine Sympathie. – Kommen Sie mit, Fremder?“

Der Reiter, der sich als Perry Shore vorstellte, nahm seinen Rappen am Zügel und folgte Ted Harris. Jack Sounders blieb mit seinem Sohn Jim bei dem Toten zurück.

„Dad“, wandte sich Jim Sounders an seinen Vater, „es scheint, als wäre die Luft bleihaltig geworden.“

„Bist du gegen diesen Perry Shore?“

„Nicht direkt, Dad, aber ich glaube, dass man ihn mit Vorsicht genießen muss. Solange er hier stand, konnte ich nicht richtig atmen. Mir war beklommen zumute. Ich habe das Gefühl, dass mit seinem Eintreffen hier im Land und in der Stadt Benlow viel geschehen wird. Morton wird es nicht gefallen, dass dieser Mann auftauchte.“

„Dir geht es gegen den Strich, dass er für Harris arbeitet. Du bist jetzt auf ihn eifersüchtig, wie du es auf Morton bist. Seltsam, alle jungen Männer scheinen in Judith Harris vernarrt zu sein, dabei gibt es noch so viele reizende Mädchen hier. Ich rate dir, Jim, dich nach einer anderen umzusehen. Judith trägt die Nase ziemlich hoch, sie ist zu stolz. Ich habe den Eindruck, als warte sie auf einen Prinzen und nicht auf einen gewöhnlichen Siedler oder Cowboy. Für sie, Jim, bist du nur irgendwer, dem man keine besondere Beachtung zu schenken braucht.“

„Sprich nicht so von Judith, Dad!“

„Wo hast du nur deinen Verstand, Jim?“, sagte Jack Sounders streng. „Du musst lernen, auch in der Liebe einen klaren Kopf zu behalten. Ich sage dir nochmals, lass die Finger von Judith Harris! Sie wurde nicht wie die anderen Mädchen hier erzogen. Erst vor Kurzem kam sie aus dem Osten zurück, wo sie jahrelang bei einer Schwester ihrer Mutter gelebt hat und eine höhere Schule besuchte. Sie wird weiterhin auf einen besonderen Mann warten.“

„Sie ist nicht so, wie du sie hinstellst, Dad. Du siehst sie nicht richtig.“

„Ich bin alt genug geworden, Jim, um so etwas ganz klar zu sehen. Alle Väter, die erwachsene Söhne haben, sind nicht glücklich über Judiths Rückkehr. In manchen Familien ist es schon zu Streitigkeiten wegen dieses Mädchens gekommen. Ich rate dir, bleib mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Wirklichkeit. Das Mädchen ist nichts für dich!“

„Das kann niemand wissen, Dad. Ich würde für sie kämpfen, gegen Morton und gegen den Fremden, gegen alle Männer, die sich ihr nähern wollen.“

„Lass das bleiben und mach dich nicht lächerlich! Ich werde dich mehr beschäftigen müssen. Wenn du in Arbeit erstickst, wird dir ein Licht aufgehen. – Aber schau nur, das wird Jim Morton mit seinen Reitern sein!“

Jim Sounders blickte in die Richtung, in die auch sein Vater sah. Eine Staubwolke stieg auf, und bald wurden unter ihr Reiter sichtbar, die in höchster Eile angeritten kamen. Tatsächlich war es Jim Morton, der an der Spitze des Trupps ritt. Seine massige Gestalt war unverkennbar. Der untersetzte Mann hatte eine ungewöhnlich rote Haut. In seinem grob geschnittenen Gesicht standen helle Augen.

In Mortons Begleitung ritten seine beiden Cowboys. Es waren zwei düster aussehende Kerle, die bärtig waren wie ihr Boss.

Hart hielt Morton sein Pferd vor dem Toten an. Die Cowboys folgten seinem Beispiel.

„Boss, er hat sein Versprechen nicht gehalten“, sagte der eine Cowboy höhnisch. „So ergeht es den Großsprechern. Sie fallen schnell auf die Nase.“

„Still, Dan, du siehst doch selbst, dass er in den Rücken geschossen wurde“, sagte der andere Cowboy. „Gegen so etwas kann kein Mann an.“

Jim Morton atmete laut. Er richtete sich gerade im Sattel auf und sah in die Runde. Die wenigen Leute standen schweigend da. Wütend schluckte Morton, dann brach es über seine Lippen: „Natürlich weiß niemand von euch, wer meinen Revolvermann erledigte?“

„Nein“, meldete sich Jack Sounders. „Es ging zu schnell, und der Schütze konnte entkommen. Er ritt ein so gutes Pferd, dass unsere Gäule keine Chance hatten. Wir versuchten es erst gar nicht, ihn zu verfolgen. Er ritt nach Norden, in die Gegend hinein, wo das Land steinig wird. Wir haben keinen Mann, der dort auf dem harten Untergrund Fährten finden könnte.“

„Es ist immer das Gleiche!“, keuchte Morton böse. „Ihr wartet ab, bis man euch in die Sättel treibt. – Los, ruft alle Männer zusammen! Wir werden der Sparrow-Ranch einen Besuch abstatten. Die Schufte sollen diesen Besuch nie vergessen. – He, ihr beiden, tragt Laurent von der Fahrbahn herunter!“

Zwei Männer kamen sofort heran, um die Anordnung auszuführen. Jack Sounders ging davon, um die Männer zu rufen. Nur Jim Sounders blieb zurück. Jim Morton sah ihn scharf an.

„Man sollte euch eurem Schicksal überlassen!“, knurrte Morton. „Mit eiserner Faust solltet ihr aus dem Land gefegt werden, denn ihr zögert zu lange herum. Ihr schaut nur auf mich und wartet ab, was ich unternehme. Ihr könnt euch nicht dazu entschließen, endlich reinen Tisch zu machen. Das Maß ist voll, jetzt geht es auf Biegen und Brechen!“

Jim Sounders antwortete nicht. Er schlug seine Augen nieder, als könnte er es nicht ertragen, dem höhnisch grinsenden Morton ins Gesicht zu sehen. Er spürte die Überheblichkeit und die Anmaßung des Mannes, er hörte das böse Lachen seiner Begleiter. Es war seltsam zu sehen, wie eng die beiden Reiter Jim Mortons mit ihm verbunden waren.

Morton erwartete keine Antwort. Für ihn war Jack Sounders’ Sohn Jim ein Trottel.

 

 

2.

Es waren harte Männer, die auf das Rufen von Jack Sounders hin aus den Häusern kamen. Die Gesichter der Männer waren so zerfurcht wie die Erde, die sie bearbeiteten. Sie waren verbraucht und vor der Zeit gealtert. Trotzdem waren sie zäh und hielten an ihrer Scholle fest. Jeder von ihnen hegte wohl die Hoffnung, dass es einmal einen dauernden Frieden geben würde und sie ihre Äcker in Ruhe bearbeiten könnten. Man sah ihnen an, wie ungern sie kamen. Sie waren keine Kämpfer und folgten Morton nur, weil dieser ihrer Meinung nach das Schlimmste von ihnen fernhalten konnte. Sie blickten fast teilnahmslos zu, wie der Tote weggetragen wurde, und umringten Morton und die beiden Cowboys. Alle drei waren in den Sätteln sitzen geblieben und blickten von oben auf die Siedler herab.

„Wieder ein Toter mehr, Männer“, sagte Morton schwer atmend. „Wollt ihr warten, bis die Großrancher so dreist werden, dass sie offen gegen die Siedlung vorgehen? Wir werden ihnen zuvorkommen. In einer Stunde reiten wir offen gegen die Sparrow-Ranch. Wir fegen sie von der Welt! – Wo ist Ted Harris?“

Jim Morton suchte den Alten vergeblich unter den Siedlern.

„Warum kommt Ted Harris nicht, ist er krank?“, fragte Morton.

Noch bevor einer der Männer antworten konnte, öffnete sich die Tür von Harris’ Heimstätte. Der Alte trat mit Perry Shore auf die Straße. Beim Anblick Shores wurde Morton bleich.

„Ihr duldet einen Cowboy hier?“, rief er mit heiserer Stimme.

„Morton, Sie sind doch selbst ein Rindermann“, sagte Perry Shore ungerührt. „Wie kann es Sie stören, hier einen Cowboy zu sehen?“

Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Die Umstehenden hielten den Atem am. Jeder begriff, dass sich hier zwei Männer trafen, die sich wie Wasser und Feuer voneinander unterschieden. Es war kein böses Wort gefallen, und doch war die Feindschaft auf den ersten Blick da.

„Ja, es stört mich, hier in der Siedlung einen Cowboy zu sehen!“, fauchte Morton. „Wie viel bekommen Sie für Ihre Spionagearbeit, Stranger? Mir können Sie nichts vormachen! Sie waren doch auf der Sparrow-Ranch, oder? Man hat mir von diesem Besuch erzählt. Sparrow hat Sie angeworben, oder?“

„Morton, nehmen Sie die Beschuldigung zurück!“, kam es scharf über Shores Lippen.

„Sie geben also zu, dass Sie bei Sparrow waren?“

„Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie die Beschuldigung, ich sei ein Spion, zurücknehmen sollen, Morton!“ In der Stimme Perry Shores klang ein Ton mit, der an das Schwingen einer Stahlsaite erinnerte.

Jim Morton dachte nicht daran, seine Beleidigung zurückzunehmen. Er schien es darauf angelegt zu haben, Perry Shore in den Augen der Leute zu verunglimpfen.

Morton funkelte Shore an. Wer ihn jetzt sah, begriff, warum man ihn fürchtete, warum viele es vorzogen, ihm aus dem Wege zu gehen. Selbst die Großrancher scheuten davor zurück, ihn zu stellen. Die vielen Kampfspuren an seinem Körper und sein zernarbtes Gesicht verrieten Mortons bewegte Vergangenheit.

„Er ist viel zu klein für dich, Boss“, sagte Mike Randolph, der Bruder Dans, selbstherrlich. „Ich werde ihm mit meinen Fäusten das Spionieren austreiben. Er wird hier vor allen Leuten bekennen müssen, dass er ein Spion ist.“

Mike Randolph war größer und bulliger gebaut als Perry Shore. Er war als übler Schläger bekannt. Er war ein ehemaliger Preisboxer, der in den wilden Städten am Missouri Schaukämpfe geliefert hatte. Ohne jemals eine Niederlage erlitten zu haben, hatte er seinen Job aufgegeben und war nun überzeugt, unbesiegbar zu sein. Seine Blumenkohlohren und seine eingeschlagene Nase ließen ihn wie einen Gorilla aussehen.

„Komm aus dem Sattel!“

Das war alles, was Perry Shore sagte.

„Hast du das gehört?“, wandte sich Mike Randolph an seinen Bruder Dan. Dabei sah er ihn an, als ob er den Gegner bereits erledigt und den Sieg in der Tasche hätte. Sein breites Grinsen hatte etwas Teuflisches an sich.

„Morton, dieser Mann ist mein Gast“, meldete sich Ted Harris, der bestrebt war, das Unheil aufzuhalten.

„Halte du dich heraus, Oldman! Es wird schon schlimm genug für dich werden, dass du ihn aufgenommen hast!“, fauchte Morton. Der Gedanke, dass Harris einen gutaussehenden Mann aufgenommen hatte, der ihm bei seinem Werben um Judiths Gunst im Wege sein könnte, steigerte seinen Zorn. Er hatte zwei Gründe, den Fremden auszuschalten: seine Antipathie und seine Eifersucht. Mehr Gründe brauchte ein Mann wie Morton nicht, um sofort zu handeln.

„Gib es ihm gründlich!“ befahl er Mike Randolph. „Zeichne sein glattes Gesicht, dass er sich nicht mehr im Spiegel wiedererkannt.“

„Das habe ich vor, Boss“, grinste der ehemalige Preisboxer. „Mein letzter Gegner, der schwarze Mississippi-Jack, wachte nicht einmal im Krankenhaus auf. Er sagte, ohne dass er noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt hätte, dieser schönen Welt Lebewohl.“

Scheu machten die Siedler Platz. Sie wichen so weit zurück, dass ein fast kreisrunder Platz offen blieb. In diesem Kreis, mitten auf der staubigen Fahrbahn, war noch die Stelle zu sehen, an der der Tote gelegen hatte.

„Bruder“, sagte Dan Randolph sanft, „lass noch ein bisschen von ihm für mich übrig.“

„Leider wird das nicht gehen, Dan.“ Mike Randolph grinste.

„Du bist wie immer zu egoistisch, Mike“, sagte Dan grinsend. „Also dann, gib es ihm!“

„Du gehst entschieden zu weit, Morton!“, keuchte Ted Harris. „Ruf deinen Preisboxer zurück! Lass uns versuchen, vernünftig miteinander auszukommen.“

„Alter, du stehst mir schon lange im Weg. Du hast deinen Siedlerfreunden mehr geschadet als genützt, und wenn ich deiner Tochter zuliebe nicht so viel Rücksicht auf dich genommen hätte, wärst du schon längst hier verschwunden“, erklärte Morton rau. „Glaubst du, ich wüsste nicht, dass du mir etwas anhängen willst?“

Morton sah lauernd zu Ted Harris hin. Der Alte verfärbte sich und wurde bleich. Aber er war nicht feige, sondern erwiderte tapfer: „Bei dir sieht man nicht klar, Morton. Solange das nicht der Fall ist, ist Vorsicht geboten. Ich habe meine beiden Söhne verloren. Sie starben im Kampf, und gerade ich hätte also allen Grund, die Großrancher zu hassen. Ich kann das aber nicht, denn noch kann ich klar denken.“

„Was willst du damit sagen, Harris?“, keuchte Morton. „Heraus mit der Sprache!“

„Eines Tages werde ich es dir sagen, nicht jetzt“, sagte Ted Harris ablehnend. „Ich bin dir keine

Rechenschaft schuldig. Nur eines kannst du wissen: das große Aufgebot, das du gegen Frank Sparrow führen willst, kommt nicht zustande, nicht heute, solange niemand weiß, wer deinen Revolvermann Laurent tötete.“

Der Alte hielt Mortons Blick stand. Das imponierte sogar Morton, der zu begreifen schien, dass er dem alten Harris gegenüber ein wenig zu weit gegangen war.

„Mit dir rechne ich noch ab, Harris!“, versicherte er böse und wandte sich dann an Mike Randolph: „Los, zeig dem Spion, wohin er gehört! Ramme ihn in den Boden, stutze ihn auf seine richtige Größe zurecht!“

Mike Randolph nickte. Er schwang sich lässig aus dem Sattel, ohne Perry Shore aus den Augen zu lassen. Er zog seine Weste aus und warf sie seinem Bruder zu, der sie geschickt auffing. Dann schnallte er den Gurt ab und zog das Hemd aus. Das Schweigen, das sich in der Straße ausbreitete, war nervenaufreibend. Nur Ted Harris bewegte sich unruhig auf der Stelle. Er blickte zu seiner Wohnung hinüber und gewahrte seine Tochter am Fenster.

Von überall kamen Zuschauer herbei. Keiner wollte sich den Kampf entgehen lassen. So etwas gab es nicht alle Tage zu sehen. Doch allen Leuten wurde klar, wie groß der körperliche Unterschied der beiden Gegner war.

Alle Vorteile schienen auf Mike Randolphs Seite zu liegen. Mortons Reiter war größer, breitschultriger und muskulöser als Perry Shore. Schon die größere Reichweite seiner Arme verschaffte ihm einen Vorteil. Shore konnte kaum eine Chance gegen einen solchen Mann haben.

Jetzt machte sich auch Perry Shore bereit. Er war völlig ruhig. Als er sein Hemd ablegte, sah man, wie fit er körperlich war. Er hatte keine Unze Fett zu viel an seinem Körper.

Jim Morton lächelte arrogant, als er Shore betrachtete.

„Du hast bereits gewonnen“, sagte er zu Mike. „Das ist für keinen von uns dreien ein Gegner.“

„Abwarten, Morton!“, schrie Ted Harris wütend. „Hundert Dollar, wenn mein Gast siegt!“

„Hundert Dollar?“, schnappte Morton. „Alter, die hast du nie besessen.“

„Meine Siedlerstelle ist mehr wert. Ich setze sie auf den Sieg von Perry Shore.“

„Ich nehme an“, erklärte Morton. „Die Wette gilt! Ihr seid Zeugen, Männer! Dir, Harris, wird nichts weiter übrigbleiben, als mich nach dem Kampf auf den Knien anzuflehen, dir …“

„Oldman“, meldete sich in diesem Augenblick Perry Shore, „du hättest deine Heimstatt nicht setzen dürfen, dazu hattest du kein Recht.“

„Gegen Morton ist mir alles recht!“, schrie Harris aufgebracht. „Jemand muss ihm zeigen, dass er nicht alles haben kann.“

„Aber du hast ihm gerade alles in die Hände gespielt, Harris“, wandte Shore ein. „Der Zorn ist eine Kraft, die vieles zerstören kann. Ich will dir aber jeden weiteren Vorwurf ersparen, Oldman. Du kennst mich kaum, obwohl wir beide bestimmt gut auskommen.“

„Du kämpfst für mich, Shore, so als ob du mein Sohn wärst.“

„Genau das will ich tun, Harris.“

In diesem Augenblick lachte Morton dröhnend auf. Dann kam es spöttisch über seine Lippen: „In wenigen Minuten wirst du deinen angenommenen Sohn auf den Stiefelhügel schaffen können. Jetzt habe ich dich ganz in der Hand! Wie sehr, das wirst du bald spüren. Wag es nicht mehr, dich gegen mich aufzulehnen! Diese Zeit ist nun endgültig vorbei!“

„Genug, Morton!“, sagte Perry Shore. „Wie hat man nur einem solchen Mann vertrauen können?“

Mortons Rechte zuckte zum Coltkolben. Er lüftete die Waffe, deren Mündung blitzschnell auf Perry Shore zeigte. Shore war waffenlos. Er hatte seine Waffe abgelegt und Harris übergeben.

Mortons Zorn verebbte ein wenig, als er im letzten Augenblick sah, dass sein Gegner unbewaffnet war. Er hob seinen Colt an, strich sich mit der Mündung über die Stirn und steckte die Waffe ins Holster zurück.

„Wenn ich verlieren sollte, Harris, dann bleib nicht länger im Land. Verlasse es mit Frau und Tochter und blick nicht zurück“, wandte sich Shore an den Alten. „In einem Land, in dem Morton lebt, wird immer Blut fließen.“

„Das ist genug, schlag ihn nieder!“, schrie Morton Mike Randolph zu.

Randolph stürmte los, als hätte er nur auf diesen Befehl gewartet. Dieser Kerl kannte keine Gnade. Die Fäuste glichen Schmiedehämmern. Mike Randolph war kein Taktiker, er erledigte alles durch seine Bärenkräfte.

Ein heller Schrei ertönte aus dem Hintergrund, doch niemand sah, wie Judith Harris sich fluchtartig vom Fenster abwandte, so als könne sie den Anblick des Geschehens draußen nicht ertragen.

Perry Shore bewegte sich nicht. Er stand aufrecht und gerade da. Mike Randolph konnte seine Fahrt nicht mehr bremsen. Er schoss an Shore vorbei ins Leere. Wie ein Schatten war Perry Shore im letzten Augenblick ausgewichen. Das wurde Randolph erst in dem Augenblick klar, als Perrys Faust gegen seine linke Kinnlade krachte. Der Schlag war mit solcher Wucht geführt, dass Mike Randolph um die eigene Achse gedreht wurde und laut aufbrüllend die Hände hochriss, wobei er sich abermals bloßstellte. In Sekundenschnelle musste er jetzt erfahren, dass er diesem Gegner nicht die geringste Blöße geben durfte, denn schon trafen ihn die schmetternden Schläge Perry Shores auf Magen, Leber und Kinn. Es waren schwere, kaum verdauliche Brocken, die jeden anderen Mann in die Knie und damit zur Aufgabe gezwungen hätten. Mike Randolph aber war hart im Nehmen. Er rang nach Atem und stand mit glasigen Augen da. Immer wieder versuchte er, wie ein gereizter Stier seinen Gegner abzuschütteln, doch je eifriger er sich bemühte, desto schneller und wendiger wurde Perry Shore.

Perry Shore war kein Gegner für Mike Randolph. Gegen einen Schatten konnte selbst der stärkste Mann nichts ausrichten. Wirkungslos verpufften die härtesten Schwinger, sie trafen den Gegner nicht. Perry war immer eine Idee schneller. Entweder gingen die Schläge Randolphs ins Leere, oder es wurde ihnen die Wirkung durch Zurückweichen genommen.

Mike Randolph wurde immer rasender, so dass er jede Kampfregel außer Acht ließ. Er begriff

nicht, woher sein Gegner die unheimliche Kondition nahm und in seiner Schnelligkeit nicht nachließ. Dieser Kampf fesselte die Zuschauer und zog sie so an, dass niemand auf Dan Randolph achtete, der eine Zeitlang mit wachsender Verwunderung dem Kampf zugeschaut hatte, dann aber unruhig und wütend wurde und sich aus dem Sattel warf.

Seine Einmischung in den Kampf hatte zur Folge, dass Perry Shore über sein ausgestrecktes Bein stolperte und zu Boden fiel. Noch bevor sich Perry wegrollen oder aufschnellen konnte, erwischte ihn Mike Randolph. Mike traf ihn mehrere Male, als er wieder auf den Beinen war, so dass er in die Knie ging und taumelte.

Morton und seine beiden Gorillas beachteten die Protestschreie der Zuschauer nicht.

„Jetzt zeigt es sich, was Mike wirklich kann!“, schrie Morton triumphierend. Sein Mann schien den Sieg schon in der Tasche zu haben. Niemand gab jetzt mehr etwas für Perry Shore, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Doch was keiner für möglich gehalten hatte, geschah: Der Fremde wich erneut aus und ging nun

seinerseits wieder zum Angriff über. By Gosh, das war etwas, was selbst der ehemalige Preisboxer Mike Randolph noch nicht erlebt hatte!

Perry Shores Faust traf Mike Randolph genau an der Kinnspitze. Der massige Mann schien zu wachsen. Er verdrehte die Augen und stieß einen Schrei aus, dann brach er wie von einem Blitz getroffen zusammen. Perry Shore warf sich über seinen bezwungenen Gegner, und über ihn hinweg raste die Kugel aus Dan Randolphs Waffe.

„Tu so etwas nie wieder!“, fauchte Ted Harris und hielt seinen Revolver auf Dan Randolphs Rücken gerichtet. „Lass fallen!“, schrie Harris.

Der Alte schien noch einmal jung geworden zu sein. Durch sein Eingreifen nagelte er Dan Randolph fest, der erneut feuern wollte. Er wartete, bis Dan Randolph die Waffe fallen ließ, dann wandte er sich an Jim Morton: „Nimm hundert Dollar aus der Tasche und übergib sie Jim Sounders. Du hast die Wette verloren, Morton!“

Morton stieß einen Knurrlaut aus. Seine wässrigen Augen richteten sich auf den Alten. Ted Harris hielt diesem Blick stand. Morton wunderte sich über den Oldtimer, der mit einem Schlag völlig verändert war.

„Rück das Geld heraus, und dann zieh mit deinem geschlagenen Preisboxer und deinem toten Revolvermann schleunigst ab. Wir brauchen dich nicht mehr, wir können auf deine Hilfe gut verzichten.“

„So, könnt ihr das?“, lachte Morton wütend auf. „Ihr werdet mich schon bald wieder holen, darauf verlasst euch! Auf den Knien werdet ihr mich bitten, wieder euer Anführer zu sein. Nicht ich bin auf euch, ihr seid auf mich angewiesen!“

„Das wird sich herausstellen!“, fauchte der alte Harris. Sein Revolver zielte immer noch auf den Rücken von Dan Randolph. Mit Genugtuung bemerkte er, dass fast alle Siedler auf seiner Seite standen. Einige hatten ihre Waffen in den Händen und würden ihm zur Seite stehen, falls Morton es auf die raue Weise versuchen wollte. Die Siedler waren in Ordnung. Sie hatten sich ein Herz bewahrt. Die üble Art von Morton und seinen Gorillas widerte sie an. Jim Morton mochte jetzt fühlen, dass er einen Fehler begangen hatte und zu weit gegangen war.

„Ich brauche euch nicht!“, fauchte er noch einmal. „Ihr braucht mich!“

Er griff in die Westentasche, zog seine Brieftasche heraus, entnahm ihr hundert Dollar und übergab sie Jim Sounders.

„Harris, ich vergesse dir das nicht!“

„Ich fürchte mich nicht“, erwiderte der Alte, „Verschwinde jetzt schnellstens aus der Siedlung und halte dich auch in Zukunft von ihr fern. Wir werden mit unseren Problemen ohne dich fertig, Morton.“

„Mit anderen Worten, ihr wollt vor den Großranchern zu Kreuze kriechen?“, grinste Morton. „Tut es nur!“

Morton wandte sein Pferd und forderte Dan Randolph auf, sich um seinen Bruder zu kümmern.

„Nimm auch Laurent aus dieser verdammten Siedlung mit“, ordnete er an.

„Einer der Siedler wird uns wohl seinen Leiterwagen zur Verfügung stellen?“

„Gewiss, Morton, meinen Leiterwagen kannst du haben“, sagte einer der Männer aus dem Hintergrund und zeigte damit, dass er zu den Leuten gehörte, die noch an Morton glaubten. „Ich fahre den Toten.“

„All right!“ Wieder war ein böses Aufblitzen in Mortons Augen zu sehen. Als er davonritt, sah jeder sein Grinsen, und das gefiel den zurückbleibenden Männern keineswegs. Alle atmeten aber erleichtert auf, als auch die beiden Randolphs außer Sicht waren.

„Es sind üble Kerle“, sagte Ted Harris zu Perry Shore, der sich schnell wieder erholt hatte. „Morton brennt vor Rachedurst, und es wird leicht für ihn sein, die Großrancher gegen uns aufzuhetzen.“

„Das hat er bestimmt auch bisher immer getan, um selbst im Trüben zu fischen, Oldman“, erwiderte Perry. „Man müsste ihm nachweisen können, dass es so ist.“

„Und wie sollen wir das erreichen, Freund?“

„Das überlass nur mir. Ich finde es seltsam, dass ein Kleinrancher mit nur zwei Cowboys so große Töne spuckt. Ich habe den Kerl heute zum ersten Mal gesehen, aber ich kann mir nicht helfen, er gehört zu jener Sorte von Menschen, die nie genug bekommen können. Er möchte selbst Großrancher sein.“

„Genau das habe ich mir auch gedacht, Freund“, erwiderte Ted Harris trocken. „Aber es ist ihm nichts zu beweisen.“

„Ich werde es versuchen.“

„Du?“

„Yeah“, versicherte Perry Shore und wischte sich mit dem Handgelenk das Blut von den Lippen. Dann folgte er ein wenig schwankend seinem neuen Boss.

Im Hause wurden sie von Judith erwartet. Das Mädchen blickte von einem zum anderen und wandte sich dann an den Vater: „Von jetzt an wird es sehr gefährlich für uns sein, Dad. Ich habe Mortons Augen gesehen. Du bist ihm im Weg.“

„Ich bin ihm schon lange im Wege, Judith“, lächelte der Alte. „Nur deiner Existenz habe ich es zu verdanken, dass sich der Schurke bis jetzt zurückhielt. Heute haben wir aber einen Sieg über ihn errungen. Den Siedlern muss endlich ein Licht über Morton aufgegangen sein. Das zählt einiges, Judith.“

„Soll das heißen, dass du für einen Frieden mit den Großranchern bist, Dad?“

„Ja“, bekannte Harris. „Ich habe lange über unser Problem nachgedacht. Mir fiel auf, dass die Schwierigkeiten zu dem Zeitpunkt einsetzten, als Morton die Hochlandranch kaufte. Vorher kamen wir gut mit den Großranchern aus. Sie bekamen von uns das, was wir auf unseren Feldern ernteten, und sie belieferten uns mit Fleisch. Es war ein gutes Zusammenleben, das sich erst änderte, als Morton ins Land kam. Nicht, dass es sofort zu Schwierigkeiten gekommen wäre, dafür ist Morton zu gerissen. Aber für mich steckt er hinter allem, und er war es wohl auch, der die Rinderrudel abtrieb und dafür sorgte, dass der Rinderdiebstahl auf das Konto der Siedler kam. Wie lange hat der Schuft uns täuschen können!“

„Es wird nicht mehr lange dauern, Harris“, versicherte Perry Shore. „Ich werde mich mit ihm beschäftigen. Er ist so großspurig, dass ich Böses ahne.“

Perry sprach nicht weiter. Judith schaute ihn an, und er erwiderte den Blick des Mädchens. Sein Herz begann schneller zu schlagen.

„Sie haben sich eine undankbare Aufgabe aufgelastet, Shore“, sagte Judith. „Warum haben Sie das getan?“

„Das ist kein Geheimnis, Madam. Ich suche hier einen Mann, einen gewissen John Nau.“

„Das sagte mir bereits mein Vater.“

„Hör, Shore“, mischte sich der alte Harris ein. „Wir haben in unserer Familie keine Geheimnisse. Du bist doch nicht etwa böse darüber, dass ich meiner Tochter davon erzählt habe?“

„Ich habe kein Schweigen verlangt“, erwiderte Perry Shore etwas steif. „Ich hatte eine Schwester“, fuhr er nach einer Pause fort. „Sie war etwas älter als Sie, Miss Harris.“

„Was heißt das, dass Sie eine Schwester hatten?“

„Sie lebt nicht mehr. Nau entführte sie und zwang sie zu einem unwürdigen Leben. Ich hörte anfangs nichts von ihr. Vielleicht war sie zu stolz, um es zu schreiben, vielleicht unterschlug Nau auch ihre Briefe. Nur ein Brief kam nach vielen Jahren an, und der zeigte die Not meiner Schwester. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt noch, doch sie war am Ende. Ich kam zu spät, um ihr zu helfen und sie heimzuholen. – Sie war tot, als ich eintraf. John Nau hatte sie in den Tod getrieben, und jetzt bin ich hinter ihm her.“

„Aus Rache?“

„Im Anfang war es Rache, was mich antrieb“, gab Perry zu. „Nach Wochen und Monaten kühlten sich aber die Rachegefühle ab, und ich fragte mich, ob ich diesen Schuft Nau einfach niederschießen könnte. Ich weiß jetzt, dass ich es nicht kann, dass ich den Kerl auffordern muss, sich zu verantworten. Vielleicht stimmt nicht alles, was die Leute über ihn berichteten, dass er meine Schwester schlug und sie wie eine Sklavin hielt, die er für Geld anderen Männern überließ. Er soll sie eingesperrt haben, wenn sie ausreißen wollte. Vielleicht stimmt es nicht.“

Perry Shore atmete schwer. In seinen Augen waren dunkle Schatten.

„Sie haben Ihre Schwester sehr geliebt, Shore?“

„Ja, sehr! Sie war meine einzige Schwester.“ Perry erhob sich von seinem Stuhl und sagte, dass er seinen Rappen versorgen wolle.

„Tu das, Freund“, sagte Ted Harris. „Judith kann in der Zwischenzeit den Tisch decken.“

Perry ging hinaus. Er fühlte sich ziemlich zerschlagen. Der Kampf hatte ihn mehr mitgenommen, als er zugeben wollte. Als er im Stall seinen Rappen versorgte, brach ihm der Schweiß aus. Er musste sich setzen und hatte den Wunsch, sich hinzulegen und zu schlafen. Zuerst widerstand er seiner Müdigkeit, doch dann fiel er ins Stroh und schlief augenblicklich ein.

Judiths Stimme weckte ihn schließlich.

„Sie haben sich mehr zugetraut, als gut für Sie war“, sagte das Mädchen. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf die Beine!“

Judith stand vor ihm und sah auf ihn herab. Er erhob sich und hatte ein unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken, dass sie ihn in einem solchen Schwächezustand angetroffen hatte.

„Sie sind sehr stolz“, sagte Judith. „Sie lassen sich wohl nicht gern helfen?“

„Solange es vermeidbar ist, nicht, Miss Harris.“

„Der Leiterwagen ist aus der Stadt gefahren“, erzählte Judith. „Mit dem Wagen ritten einige Siedler, die etwas gegen Sie haben, Perry Shore. Es sind zwar nur wenige, aber auch diese Leute sollten auf unserer Seite stehen.“

„Man kann sie nicht aufhalten, sie haben ihre Seite gewählt.“

„Es ist sicher, dass diese Männer ihre Frauen und Kinder unterrichteten, sich von uns fernzuhalten. Wie soll das alles nur enden?“

„Haben Sie Angst?“

„Wer hat die nicht?“, erwiderte Judith ruhig. „Mein Vater ist nicht mehr der Jüngste. Er befürchtet, dass die Großrancher, und vor allen Dingen Sparrow, unsere jetzige Schwäche ausnützen könnten.“

„Ich werde noch heute zu Sparrow reiten. Er wird nichts gegen die Siedler unternehmen.“

„Wissen Sie, was Morton ihm einflüstern wird? Vergessen Sie nicht, dass Morton alle Tricks anwenden und jede Gemeinheit gegen uns ausspielen wird. Denken Sie daran, dass er die Siedler gegen die Sparrow-Ranch führen und den Tod des Revolvermannes Stuart Laurent einfach Sparrow zuschieben wollte, obwohl nichts bewiesen ist. Morton ist jede Gemeinheit und Schlechtigkeit zuzutrauen. Mike und Dan Randolph haben bei ihrem Wegritt Drohungen gegen Sie ausgestoßen. Sie wollen sich Ihren Skalp holen. Die beiden sind genauso schlimm wie Morton. Dass Sie Morton die Siedler ausgespannt haben, wird er Ihnen nie vergessen.“

„Liegt Ihnen etwas an Morton? Ich habe gehört, dass er sich sehr um Sie bemüht?“

Bei dieser Frage sah Perry Shore das Mädchen nicht an. Er klopfte sich umständlich die Strohhalme von der Kleidung.

Judith sah Perry aufmerksam an.

„Es bemühen sich viele um mich“, sagte sie, als wäre nichts Besonderes daran. „Auch Morton gehört zu ihnen.“

„Er könnte Ihnen viel bieten, Miss Harris. Es gibt sicherlich viele Mädchen in der Siedlung, die Sie beneiden.“

„Kein Mädchen hat es nötig, mich zu beneiden. Von mir aus können sie Morton gern haben. Der Mann, mit dem ich mein Leben teile, wird gewiss nicht Morton heißen.“

„Sind Sie sich so sicher?“

Die Geduld Judiths schien auf einmal verflogen zu sein. Ihre Augen funkelten.

„Ich habe immer gewusst, was ich wollte!“, sagte sie ein wenig gereizt. „Es kommt nicht darauf an, was ein Mann an Äußerlichkeiten zu bieten hat. Für mich ist entscheidend, welche inneren Werte er hat und ob er zu mir passt. Nur das ist wichtig!“

„Um so besser, Madam!“

„Warum?“

„Nun, dann habe ich selbst noch Aussichten“, sagte er und trat rasch an ihr vorbei.

Judith folgte ihm. Er hörte ihr scharfes Atmen hinter sich.

„Sie haben keine Chance“, sagte Judith. „Sie sind mir zu arrogant und selbstherrlich. Männer

mit diesen Eigenschaften kann ich nicht ausstehen.“

„Das kann sich noch ändern, wenn Sie mich besser kennenlernen“, gab Perry über die Schulter zurück.

„Bleiben Sie stehen und schauen Sie mir in die Augen!“, forderte Judith mit zorniger Stimme. „Bleiben Sie sofort stehen!“

 

 

3.

Perry Shore lachte leise in sich hinein, als er durch die laue Nacht ritt. Ringsum hoben sich die Berge höher und höher, und je weiter er ritt, um so einsamer wurde es. Von den Hochweiden drang dumpfes Rindergebrüll herüber. Der Wind wehte von Süden und brachte sommerlichen Duft und Wärme mit sich. Perry dachte an Judith Harris und daran, dass er ihrer Aufforderung nachgekommen war.

Judith war rasch auf ihn zugetreten. Ihre flammenden Augen hatten ihn wild und zornig angesehen. Dann hatte sie blitzschnell zuschlagen wollen, aber er hatte ihre Hand aufgefangen und festgehalten. Schwer atmend stand sie vor ihm. Blutwellen schossen in ihr Gesicht, das abwechselnd rot und blass wurde. Sekundenlang hatten sie sich angeblickt, dann hatte er ihre Hand gehoben und den Handrücken geküsst. Sie hatte versucht, ihre Hand loszureißen und davonzulaufen, doch er hatte sie festgehalten. Ihr Widerstand war danach wie Schnee in der Sonne geschmolzen. Als er ihre Hand dann losließ, war Judith wie gebannt stehengeblieben. Sie hatte ihm nachgeblickt, als er ins Haus ging. Einige Minuten brauchte sie, bis sie ihm folgen konnte. Als er sie beim Eintreten ins Zimmer anblickte, hatten ihre Augen geleuchtet.

Ted Harris war verwundert gewesen. Er hatte von einem zum anderen geblickt, aber nichts gesagt. Während der Mahlzeit war es kaum zu einem Gespräch gekommen. Nach dem Essen hatte Perry seinen Colt gereinigt, wie er es immer zu tun pflegte. Ted Harris hatte ihm dabei zugesehen.

„Man sieht, dass es dir gut von der Hand geht, Shore. Du willst also wirklich zu Sparrow reiten?“

„Ja.“

„Sparrow und Brown sind mächtige Leute. Beide sind nicht gut auf uns Siedler zu sprechen. Ich glaube kaum, dass man mit ihnen verhandeln kann.“

„Man muss es trotzdem versuchen, Oldman.“

„Also gut, tu es! Ich habe mit den Siedlern gesprochen. Bis auf wenige haben sie nichts gegen dein Vorhaben. Man ist gespannt, was du erreichst, Perry. Stell dir aber deine Aufgabe nicht zu leicht vor. Du wirst erleben, wie wenig Anklang du finden wirst, wenn du sagst, für wen du reitest.“

„Morton hat eine Menge getan, um es so weit kommen zu lassen?“

„Das ist anzunehmen. Viel Glück also, und halte dich nicht zu lange auf.“

„Nein, ich werde bald wieder zurück sein“, hatte Perry erwidert.

Jetzt war er unterwegs. Er kannte das Land nicht, doch er hatte sich einige Markierungen eingeprägt. Es kam ihm außerdem zustatten, dass er die Lage der Großranches kannte.

Über die Großrancher konnte Perry Shore nicht klagen. Als er bei ihnen gewesen war, hatte man ihn gut und zuvorkommend behandelt. Sparrow und Brown waren Rancher vom alten Schlag, rau, aber auch herzlich. Sie waren zwar ein wenig starrköpfig, dennoch aber Männer, mit denen man auskommen konnte. Sicherlich hatten beide eine Veranlagung zum Jähzorn, das war Perry als gutem Beobachter nicht entgangen. Gerade diese Tatsache konnte Morton für sich ausgenutzt haben.

Je länger Perry über Jim Morton nachdachte, um so nachdenklicher wurde er. Immer wieder musste er sich fragen, warum Morton so großspurig auftreten konnte. Ein Mann, der eine Kleinranch und nur zwei Kuhtreiber hatte, konnte sich so nicht aufführen.

Perry runzelte die Stirn. Er überließ es seinem Rappen, sich den Weg zu suchen.

Plötzlich stutzte Perry. Es war, als trüge der Wind Schussdetonationen zu ihm herüber.

„Ich muss mich verhört haben“, murmelte Perry. „Sicherlich war es ein anderes Geräusch.“

Vergeblich strengte er seine Ohren an, es war nichts mehr zu hören. Das Geräusch wiederholte sich nicht. Minuten später aber richtete er sich gerade im Sattel auf. Der Wind trug ihm die Geräusche von schnell dahinjagenden Pferdehufen zu. Dazwischen glaubte er, wiederum Schussdetonationen zu hören. Die beiden Geräusche waren nicht klar auszumachen.

Etwa um Mitternacht erkannte Perry, dass er bereits auf dem Gelände der Sparrow-Ranch ritt. Deutlich waren frische Hufspuren zu sehen. Er hielt an und betrachtete sie. Sie kamen aus der Richtung der Ranch und führten auf die wilden Berge zu. Es war für Perry nicht schwer herauszufinden, dass etwa ein Dutzend Reiter hier geritten war. Perry war ein guter Fährtenleser. Auf seinem langen Trail hatte er viel gelernt.

Nach einigem Überlegen kam Perry Shore zu der Überzeugung, dass der Reitertrupp vor etwa einer haben Stunde an dieser Stelle vorbeigeritten war. Die niedergetretenen Gräser hatten sich noch nicht wieder aufgerichtet, und die von den Pferdehufen losgerissenen Erdklumpen waren noch frisch und feucht. Das waren untrügliche Zeichen.

Also hatte er sich nicht verhört, als er Hufschlag wahrgenommen hatte. Und auch die Schussdetonationen waren dann keine Täuschung gewesen. Wenn es eine Schießerei gegeben hatte, konnte diese nur in Ranchnähe stattgefunden haben.

Perrys Wachsamkeit verstärkte sich. Er ahnte nichts Gutes. Gespannt setzte er seinen Ritt fort. Beim Anblick der hell erleuchteten Sparrow-Ranch zog sich ihm die Kehle zusammen. By Gosh, normalerweise brannten um diese Nachtzeit nicht alle Lichter auf einer Ranch. Gewöhnlich lag eine Ranch um Mitternacht in Dunkelheit. Schon von Weitem konnte Perry sehen, dass sich auf dem Ranchhof Menschen bewegten.

Perry Shore hielt sich nicht verborgen. Er trieb sein Pferd auf den Ranchweg hinaus. Man sollte ihn sehen. Er wollte nicht versteckt kommen, heimlich wie ein Dieb in der Nacht. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen. So kam es auch, dass ihm kein Halt zugerufen wurde und kein Wachtposten ihn anschrie. Er passierte das Ranchtor und blickte zu den Wächtern hin, die ihn mit düsteren Blicken anschauten. Er rief ihnen zu: „Ich möchte den Boss sprechen, Gents!“

Einer der Wächter hob die Winchester und deutete damit auf das Ranchhaus. Perry setzte seinen Ritt fort und gelangte in den Lichtschein der Karbidlaternen. Er spürte die düstere Stimmung, die über der Ranch hing, und erblickte dann Männer mit frischen Verbänden.

„Zum Teufel, was suchst du ausgerechnet jetzt hier, Stranger?“, fauchte ihn ein breitschultriger Mann an, der auf der Veranda stand. „Du bist doch der Fremde; der uns besuchte?“

„Ja, der bin ich, Sparrow“, erwiderte Perry Shore, der den Rancher erkannte. „Anscheinend komme ich ungelegen.“

Sparrow sah ihn mit einem Blick an, der voller Abwehr und Misstrauen war.

„Nicht nur das, Stranger, du machst dich auch reichlich verdächtig. Was willst du hier?“

„Habt ihr einen Kampf gehabt?“, wich Shore aus.

„Ja“, erwiderte Sparrow rau. „Es gab einen Toten und mehrere Verwundete. Wenn du hergekommen bist, um dich einstellen zu lassen, dann kannst du absitzen. Ich kann jetzt jeden Reiter brauchen, der ein Herz hat und kämpfen kann.“

„Kämpfen? Dazu bin ich nicht hergekommen. Ich reite in friedlichem Auftrag als Abgesandter der Siedler.“

„Der Siedler?“ Sparrow lachte verbissen auf. „Mann, was bist du für ein Narr! Was zum Teufel gehen dich meine Feinde an? Ausgerechnet für die Kerle reitest du, die meine Ranch überfielen? Und du wagst es noch, hierherzukommen?“ Drohendes Stimmengemurmel wurde im Hintergrund laut. Perry Shore war verwirrt.

„Siedler haben die Ranch überfallen, Sparrow?“, fragte er ungläubig. Er wusste doch, dass außer den Männern, die mit dem Leiterwagen geritten waren, keiner die Siedlung verlassen hatte.

„Komm, schau dir diesen Toten an!“, forderte Sparrow ihn drohend auf.

Der Rancher kam von der Veranda herunter und wartete, bis Perry abgestiegen war und sich an seiner Seite befand. Dann ging er mit ihm zu den Pferdeställen, wo der Tote lag.

Details

Seiten
161
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939293
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542509
Schlagworte
gefürchtete

Autor

Zurück

Titel: Der Gefürchtete