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Zwei ritten nach Westen

2020 162 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Zwei ritten nach Westen

Copyright

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Zwei ritten nach Westen

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 162 Taschenbuchseiten.

 

„Verdammter Narr!“, flucht Cass und packt Duff, der schwankend an der Stalltür lehnt. Mit einem Ruck schiebt er ihn in den Sattel. Dann reißt er seinem Gaul die Sporen über die Flanken.

„Los, vorwärts!“, schreit er.

Das Aufbrüllen von Schüssen lässt ihn verstummen. Duff hebt sich in den Steigbügeln. Sein vom Alkohol aufgedunsenes Gesicht zeigt einen erstaunten Ausdruck. Dann bricht er vornüber und kippt aus dem Sattel ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Edward Martin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1.

»Heben Sie die Hände, Stranger!“

Sid Fanning erstarrte. Kalt rann es ihm über den Rücken. Niemand wusste besser als Sid Fanning, in was für einer verfänglichen Situation er sich befand. Niemand konnte die Stimme eines Mannes besser beurteilen als er.

Er hatte bisher durch diese Fähigkeit manchen Vorteil für sich verbuchen können. Jetzt allerdings sah es nicht danach aus, als sollte es ihm noch einmal gelingen. Eine tiefe Bitterkeit überfiel ihn. Er wusste, dass er hätte vorsichtiger sein müssen.

Sid Fannings dunkle, fast schwarze Augen waren auf den Toten gerichtet, vor dem er gerade kniete. Einige Habseligkeiten hatte er ihm bereits abgenommen, aber er hatte nichts gefunden, was ihn identifiziert hätte. Das würde dem Mann in seinem Rücken gleichgültig sein, für den sich der Eindruck der Leichenfledderei geradezu aufdrängte. Sid Fanning wusste das nur zu gut.

By gosh, es war immer das Gleiche. Jeder Mann konnte ohne Verschulden in eine Situation geraten, die scheinbar gegen ihn sprach.

„Sie haben sicherlich nicht viel gefunden, Stranger?“, sagte der Mann mit einem so spöttisch kalten Ton, dass der heiße Zorn in Sid aufstieg. „Sie hätten sich nicht einen Satteltramp vornehmen sollen. Aber Sie sind wohl so schlecht dran, dass Sie sogar arme Schweine abknallen?“

Das war eine höllische Anklage, die deutlich zeigte, dass Sid die Situation richtig eingeschätzt hatte. Man hielt ihn für einen Wegelagerer und Strauchdieb, für einen hinterhältigen Killer.

„Der Mann ist bereits seit Stunden tot“, sagte Sid Fanning und zwang seine Stimme zur Ruhe. „Er liegt schon lange hier, und die Geier haben ihn so zugerichtet, dass sein Gesicht kaum zu erkennen ist. Ich konnte die Raubvögel vertreiben, aber es gelang mir nicht, diesen Toten zu identifizieren. Ich habe ihn weder ermordet noch war ich dabei, ihn auszurauben. Das ist die reine Wahrheit!“ Sid hielt seine Hände in die Höhe.

Der Mann hinter ihm befahl: „Aufstehen!“

Sid befolgte den Befehl. Er würde aufatmen, wenn sich der Fremde den Toten ansehen würde und dann Sids Darstellung anerkennen musste. Doch war die Gefahr damit gebannt? Sid hatte wenig Hoffnung. In dieser Gegend hier, nahe der mexikanischen Grenze, misstraute einer dem anderen. Zu viel übles Gelichter trieb sich herum. Nein, hier vertraute man niemandem.

Aus der Mulde hörte Sid Pferdeschnauben. Sein magerer brauner Wallach meldete sich. Warum hatte das Tier nicht früher warnend geschnaubt?

„Zur Seite treten!“, forderte der Mann.

Sid kam auch diesem Befehl nach. Dabei schossen ihm eine Menge Gedanken durch den Kopf. Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg, um sich aus der brenzligen Situation herauszuwinden. So sehr er sich auch anstrengte, er fand keine Lösung und kam schließlich zu der Überzeugung, dass es sinnlos sein würde, etwas zu unternehmen. Der andere hatte alle Trümpfe in der Hand und würde keinen Augenblick zögern, auf Sid zu feuern.

Sid Fanning war nicht lebensmüde, er wollte nicht tot hier im heißen Sand liegen. Man sah ihm seine fünfunddreißig Jahre an, und die Spuren eines harten Lebens waren nicht mehr aus seinem Gesicht zu wuschen. Das Schicksal hatte ihm nichts geschenkt. Schon früh hatte er auf eigenen Beinen stehen und sich allein behaupten müssen. Er dachte nicht gern an die Vergangenheit zurück.

„Nun?“, fragte Sid, als er einige Minuten schweigend dagestanden hatte.

„Sie scheinen mir die Wahrheit gesagt zu haben“, antwortete der Mann im Hintergrund. „Was glauben Sie wohl, wer der Mann war, vor dem Sie gekniet haben?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Er war ein Vertreter des Gesetzes. An der Stelle, an der der Stern saß, sieht man die Nadelstiche. Der Stern ist allerdings fort. Der Tote hat den Stern aus irgendeinem Grunde abgelegt. Jemand hat aus dem Hinterhalt geschossen und den Mann in den Kopf getroffen. Er muss auf der Stelle tot gewesen sein. Die Spur seines durch gehenden Pferdes zeigt an, dass der Mord schon vor Stunden geschehen sein muss. Die Ränder der Hufspur sind eingefallen. Deshalb glaube ich Ihren Worten und nehme an, dass Sie nicht der Mörder dieses Mannes sind. Ein Mörder bleibt nicht stundenlang bei seinem Opfer. Nehmen Sie die Hände herunter und drehen Sie sich zu mir um, Stranger!“

Sid Fanning war erleichtert. Er drehte sich um und sah sein Gegenüber scharf an. Im gleichen Augenblick wusste er, dass er einen Langreiter vor sich hatte, einen Mann, der wie er selbst schon viele Meilen geritten war. Der Wüstenstaub auf der Kleidung verriet es.

Der Fremde war etwa so groß wie Sid. Er hatte blondes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Die hellblauen Augen strahlten ein kristallenes Feuer aus. Seine Kleidung bestand aus der Ledertracht eines Waldläufers, die mit Fransen verziert war. Dazu trug er eine bunte Weste, die nicht zu der übrigen Kleidung passte. Interessanter jedoch war die Art, wie er den Colt trug. Der Fremde musste ein Revolvermann sein. Der 45er Colt steckte nicht in einem Holster, sondern in einer Lederschlinge. Das Erstaunliche war, dass der Revolver nicht in der Hand des Mannes lag, wie Sid angenommen hatte.

In dem breitflächigen Gesicht des Fremden zeigte sich etwas, was ihn Sid sympathisch machte.

„Wie soll es weitergehen?“, fragte Sid.

Der andere grinste, zuckte die Schultern und erwiderte: „Ich will Sie nicht aufhalten, Freund. Sie können reiten, wohin Sie wollen. Sie können aber auch bleiben und mir helfen, diesen Mann unter die Erde zu bringen. Für was entscheiden Sie sich?“

„Ich bleibe natürlich. Der Tote ist übel zugerichtet. Ich wäre ein Schuft, wenn ich davonreiten würde.“

Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Der Fremde nickte.

„All right“, sagte er, „ich habe es mir gedacht.“

Nach diesen Worten wandte er sich ab und verschwand hinter einer Bodenwelle. Es dauerte nicht lange, als aufklingender Hufschlag seine Rückkehr verriet.

Sid Fanning holte sein Pferd aus der Mulde. Der Braune war mehr die Karikatur eines Pferdes. Im Fell des Tieres schienen die Motten gewütet und große Stellen kahlgefressen zu haben. Die Rippen zeichneten sich so deutlich ab, dass man einen Stetson an ihnen hätte aufhängen können. Das Aussehen des Pferdes aber täuschte; niemand wusste das besser als Sid. Sein Brauner konnte, wenn es sein musste, sich von Disteln und Kakteen ernähren. Er war ein richtiges Wüstenpferd, nicht sehr schnell auf kurzen Strecken, doch ausdauernd, wenn es über längere Distanz ging.

Sid dachte daran, dass der Fremde beim Anblick seines Braunen sicherlich lachen würde, doch er täuschte sich.

Der blonde Fremde tauchte mit einem Rappen auf, dessen Anblick das Herz eines Pferdekenners schneller schlagen ließ. Nicht alle Tage bekam man ein so prächtiges Tier zu sehen. Der Rappe war nicht sehr groß, aber die Proportionen waren herrlich abgestimmt. Unter dem glänzenden Fell erkannte man deutlich die unter der Haut liegenden Muskeln.

„Der nächste Bandit, bestimmt aber die nächste Bande, wird versuchen, Ihnen das Pferd abzunehmen“, sagte Sid.

„Das hat man schon versucht“, erwiderte der Blonde leichthin. „Noch vor drei Tagen. Danach musste ich mit diesem kleinen Spaten Gräber schaufeln. Blacky hat mir gegen die Bande geholfen. Einen der Kerle warf er ab und beförderte ihn mit den Hufen ins Jenseits.“

Nach diesen Worten betrachtete er Sids unscheinbaren braunen Wallach und nickte dann anerkennend.

„Ein gutes Pferd“, sagte er. „Mit so einem Pferd kann man es im Notfall schaffen. Man kann sich darauf verlassen.“

Sid zeigte sein Erstaunen nicht, doch er wusste jetzt, dass der Fremde ein Pferdekenner war. Der Mann ließ sich nicht vom äußeren Schein täuschen.

„Es ist ein ausgesprochenes Wüstenpferd“, fuhr der Fremde fort. „Woher haben Sie es?“

„Von Cochise, dem Häuptling der Chiricahua Apachen“, antwortete Sid.

Die Augen des Fremden weiteten sich. Er schwang sich aus dem Sattel und winkte Sid dann zu der Stelle, die er als Grabplatz ausgesucht hatte. Der Platz lag vor einem Kakteenfeld.

„Hier ist etwas Schatten“, sagte der Fremde und blickte zur Sonne, die mit unbarmherziger Glut auf die Erde brannte.

Der Wind kam aus Süden. Er wehte Fahnen von Sand hoch, die ihnen in die Gesichter peitschten.

„In vier Stunden bekommen wir einen Sandsturm“, stellte der Fremde fest und begann mit dem Ausheben des Grabes. „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Wharton, Bob Wharton.“

„Ich bin Sid Fanning und stamme aus Texas, aus dem Panhandle.“

„Ihre gedehnte Sprechweise verriet es bereits“, erwiderte Bob Wharton. „Ich komme aus Montana, doch ich habe das Land seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe bei der Eisenbahn gearbeitet, bei der Pacific Union. Nach dem Krieg wurde ich heimatlos. Zu der Zeit scheinen Sie Cowboy gewesen zu sein, nach den Lassonarben an Ihren Händen zu urteilen.“

„Das ist schon Jahre her“, sagte Sid, der sich immer mehr zu dem Fremden hingezogen fühlte. „Damals hatten die Apachen das Land meines Vaters noch nicht verwüstet. Als er starb und die Ranch niedergebrannt war, versuchte ich ihn zu rächen. Dabei drang ich ins Chiricahua-Lager ein, doch dann war ich am Ende. Man stellte mich, doch ich bekam eine Chance. Ich musste gegen einen Krieger kämpfen, den Cochise aussuchte. Ich hatte Glück, ich erhielt meine Freiheit wieder und den Braunen dazu.“

Sie beerdigten den Toten.

„Möge er seinen Frieden finden“, sagte Bob Wharton. „Irgendwann ist für jeden von uns der Trail zu Ende. Niemand kennt den Zeitpunkt, und das ist gut so. Vielleicht war der Tote ein guter, vielleicht ein schlechter Mann. Wir wissen es nicht. Nur eins steht fest: Das hier war ein Mord!“

Sid Fanning nickte.

Das Grab war schnell zugeschaufelt. Ein kleiner Hügel wölbte sich auf. Die beiden Männer sahen auf das Grab, in dem ein Unbekannter ruhte. Keiner von ihnen wusste, woher er kam und wer ihn vermissen würde. Es bedrückte sie aber beide, dass ein Mann so enden musste, hinterrücks erschossen und liegengelassen wie ein Tier.

„Gehen wir“, sagte Bob Wharton. „Suchen wir uns eine Stelle, die uns einigen Schutz vor dem Sandsturm gewährt. Wir müssen die Vulkanfelsen erreichen. Von dort ist es nicht mehr weit zu den Ansiedlungen. Reiten wir nach Westen!“

„Ich reite seit Wochen nach Westen“, erwiderte Sid.

„Es ist auch seit Wochen die Richtung, in der ich reite“, erklärte Wharton. „Sie sagen mir nichts Neues, denn seit Tagen bewege ich mich auf Ihrer Fährte und beobachtete Ihre Lagerfeuer in den einsamen Camps. Bevor wir reiten, schauen wir uns aber den Hinterhalt einmal gründlich an. Vielleicht entdecken wir an der Stelle etwas, von der aus der Mörder schoss.“

Sid war einverstanden. Es war leicht, den Platz zwischen den Kakteen zu finden. Einige leere Patronenhülsen lagen herum. Es war Winchestermunition. Die Spuren von Mokassins waren an dieser Stelle deutlich zu erkennen.

„Indianer?“, fragte Sid.

„Nein“, erwiderte Bob. „Indianer haben die Fußspitzen nach innen gerichtet, diese hier zeigen nach außen. Ein Weißer trug indianische Fußbekleidung. Es gibt viele Weiße, die dieses leichte Schuhwerk bevorzugen. Die Fährte ist kein echter Hinweis. — Haben Sie etwas Besonderes entdeckt?“, fragte er, als Sid sich plötzlich bückte und etwas vom Boden aufhob. Gemeinsam betrachteten sie den Gegenstand, den Sid in der Hand hielt.

„Es ist eine silberne Zigarrenspitze“, stellte Bob Wharton fest. „Wer sich die leisten kann, hat Geld, eine Menge Geld sogar. Ich glaube, die Fährte wird heiß.“

Die beiden Männer schwangen sich in die Sättel und ritten an. Der heiße Wind blies jetzt stärker. Die Hitze setzte ihnen mächtig zu. Sie mieden die dornenstarrenden Kakteenfelder. Die Hufe der Pferde wirbelten den gelbroten Staub der Wüste auf. Der feine Sand war überall, er drang in Mund, Augen und Ohren, setzte sich in der Kleidung und im Fell der Pferde fest.

Die beiden Männer durchritten einen Arroyo und sahen dann die Vulkanberge vor sich. Die Lavahügel leuchteten rot, blau und schwarz und bildeten einen seltsamen Farbenkontrast vor dem stahlblauen Himmel.

Hoch in den Lüften zogen Geier ihre Kreise. Ihr Gekreisch war deutlich zu hören.

Der Ritt ging durch ein Tal, in dem es windstill zu sein schien. Man hörte nur das Quietschen des Sattelleders und das Mahlen der Pferdehufe im Sand. Schwer lastete die Stille auf den beiden Männern, doch beide waren diese unheimliche Ruhe gewöhnt. Sie sprachen kein Wort. Mit jeder Meile, die sie zusammen ritten, schienen sie miteinander vertrauter zu werden. Sie ritten auf einer Fährte, auf der des Mörders und seines Opfers. Längst hatten sie entdeckt, dass der Mörder das Pferd des Toten eingefangen und mitgenommen hatte. Die Spur führte nach Westen. Sie war nur undeutlich zu erkennen. Der vom Wind aufgewirbelte Sand würde sie bald ganz auslöschen, noch bevor der Sandsturm einsetzte.

Keinen Moment zu früh erreichten sie die Vulkanhügel. Kaum hatten sie sich und ihre Pferde auf den Sturm vorbereitet, als er auch schon mit einem seltsamen Laut losbrach, der bis ins Mark drang. Eine Wolke aus rotgelbem Staub richtete sich wie eine Wand auf und wurde größer und größer.

„Halten wir die Ohren steif, Partner“, sagte Sid. „Hoffentlich begräbt uns der Sand nicht lebendig.“

Bob Wharton grinste nur. Er sagte kein Wort, doch auf seinem Gesicht lag eine feste Zuversicht.

 

 

2.

Gegen Abend war der Sandsturm vorüber. Sie hatten ihn gut überstanden und konnten den Ritt fortsetzen. Bei Einbruch der Dunkelheit ließ die Hitze merklich nach. Das Reiten war jetzt weitaus angenehmer als in der Glut des Tages.

Schon bald tauchten Hügelausläufer auf. Spärlicher Pflanzenwuchs zeigte sich. Die beiden Reiter sahen sich um. Sie wussten, dass sie die Durststrecke durch die Wüste jetzt hinter sich hatten und ins Rinderland kamen. Weit im Hintergrund hoben sich die Gebirgsketten der Sangre de Christo Range Mountains ab. Ihre Rücken wuchsen in den Nachthimmel hinein. Die kühle, trockene Luft trug leichten Harzgeruch mit sich. Sicherlich waren Wälder in der Nähe, die schattige Kühle verbreiteten.

Noch bevor es Mitternacht wurde, erreichten die beiden Reiter das Rinderland. Ein Stacheldrahtzaun hielt sie auf. Verwundert stoppten sie ihre Pferde.

Sid Fanning beugte sich im Sattel vor. Die Augenlider verengten sich zu schmalen Schlitzen. Von seinen Lippen kam ein leiser Pfiff. Seine Augen wanderten den Zaun entlang, der nicht nur den Weg versperrte, sondern endlos zu sein schien.

Bob Wharton, sein jüngerer Begleiter, strich sich mit einer schnellen Handbewegung sein Haar aus dem Gesicht. Er zuckte die Schultern.

„Zäune bereiten immer Kummer“, sagte er leise wie zu sich selbst. „Wer Zäune aufstellt, fordert ihn geradezu heraus. Stacheldraht und Absperrungen sind ein Zeichen für Fehden. Manch einer wird sein Leben dabei lassen. Aber was geht uns das an. Reiten wir weiter!“

Bob Wharton setzte seinen Rappen wieder in Bewegung, und Sid Fanning folgte ihm.

Ihr Weg führte jetzt am Stacheldrahtzaun entlang. Das war beiden Männern sichtlich unangenehm. Sie waren es nicht gewohnt, dass ein abgegrenztes und eingezäuntes Gebiet sie am freien Reiten hinderte. Mit einem Schlag hatten beide ihren Gleichmut verloren. In gewissen Abständen entdeckten sie am Zaun entlang Tauchgruben, die mit Wasser gefüllt waren und nach Desinfektionsmitteln rochen. Am Rande einer Tauchgrube hielten sie an.

„Verstehst du das, Freund?“, fragte Sid Fanning seinen Begleiter.

Bob Wharton lachte leise in sich hinein. Die beiden Männer waren sich während des Rittes nähergekommen und hatten das steife „Sie“ abgelegt.

„Ein Mann, der wie du aus dem Süden kommt, kennt so etwas nicht“, sagte Bob erklärend. „Eure texanischen Rinder sind in der Regel gegen die Zecke immun. Zeckenbehaftete Rinder sind für Leute aus deiner Gegend kaum beachtenswert. Ihr findet nichts dabei, denn daran sterben eure Rinder nicht. Das trifft sowohl für Texasrinder als auch für Rinder aus dem Chiricahua-Land zu, es kommen noch die mexikanischen Rinder hinzu. Bei Tieren der wertvolleren Fleischrassen ist das anders. Bei ihnen kann die Zecke ganze Herden vernichten. Dieser Zaun hier ist nichts weiter als ein Schutzzaun, um zeckenverseuchte Rinderherden fernzuhalten. An seiner Länge ist zu erkennen, dass er nicht von einem Rancher allein errichtet wurde. Das bestätigen auch die vielen Tauchgruben längs des Zaunes. Sicherlich werden wir bald auf bewachte Einlässe stoßen.“

Schon nach kurzem Ritt wurde den beiden Männern ein scharfes Halt zugerufen. Gewehrläufe schoben sich über einen Muldenrand hinter dem Stacheldrahtzaun. Eine heisere Stimme forderte sie auf, näher heranzureiten. Sie folgten der Aufforderung und ritten ins helle Mondlicht hinein.

„Sie sind es nicht, Dan“, sagte jemand. „Das sind keine Reiter von Kid Slover.“

„Sag das nicht, Johnny. Slover kann neue Kerle angeworben haben. Er wird noch einmal versuchen wollen, durch den Zaun zu brechen.“

„Zum Teufel, Sheriff Murky hat sich auf Slovers Fährte gesetzt, und ich glaube, dass Slover es nicht noch einmal wagen wird, hierherzukommen.“

„Das werden wir später sehen, vielleicht erst nach Monaten, wenn er seine Treibherde nach Montana geschafft hat und wieder zurückkommt. Jedenfalls ist es Sheriff Murky gelungen, Slover vom Zaun abzudrängen. — Kommt näher!“, wurden Sid Fanning und Bob Wharton aufgefordert. „Wohin geht die Reise?“

Die beiden Männer blieben in ihrer Deckung. Bob wunderte sich, dass sie ihnen nicht befohlen hatten, die Hände zu heben. Bestimmt waren die Männer in der Mulde keine Greenhorns und hatten an den mit Wüstenstaub bedeckten Reitern und Pferden erkannt, dass sie nicht zu Slovers Mannschaft gehören konnten. Slover war mit seiner Herde aus nördlicher Richtung gekommen und nicht aus der Wüste. Slover und seine Leute hatten keinen Wüstenstaub in der Kleidung gehabt.

Bob Wharton hob sich in den Steigbügeln und gab Auskunft nach dem Ziel ihrer Reise.

„Wir reiten überallhin, wo es etwas zu sehen gibt, und halten uns von Orten fern, wo es nach Verdruss riecht. Mein Partner und ich sehnen uns nach Ruhe. Wir suchen eine Gegend, die still und friedlich ist.“

Leises Lachen ertönte. Der Mann, der Johnny hieß, sagte: „Dann müsst ihr sehr weit reiten, Gents, für meine Begriffe bis ans Ende der Welt. Wenn ihr aber einen Job haben wollt, den könnt ihr hierzulande finden.“

Die beiden Partner sahen sich an. Jeder schien die Gedanken des anderen lesen zu können. Trotz des kurzen Beisammenseins verstanden sie sich ausgezeichnet. Man hätte meinen können, dass sie schon seit Jahren Bügel an Bügel ritten.

„Lasst hören“, forderte Sid den Sprecher auf, der sich mit seinem Begleiter aus der Deckung der Mulden erhob und jetzt sichtbar wurde.

Die beiden Männer waren nicht mehr jung. Beide waren grauhaarig und mochten ihre sechzig Jahre auf dem Buckel haben. Man sah ihnen an, dass sie schon von Jugend an als Cowboys gearbeitet hatten und sich in ihrem Fach auskannten. Die Mündungen ihrer Waffen zeigten nach unten.

„Für zwei Männer, die aus der Wüste kommen und ihre Eisen so tief geschnallt tragen, hat Sheriff Murky sicherlich einen Job“, sagte Johnny, der größere der beiden Männer. „Ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn die Wachpostenmannschaft durch euch abgelöst würde. Ich trete gern aus diesem Geschäft aus. Ich schätze, dass du nicht anders denkst, Dan?“

„Und wo ist das Haar in der Suppe?“, fragte Bob Wharton.

Johnny lachte nervös.

„Ein Haar in der Suppe muss man in Kauf nehmen, wenn man einen gut bezahlten Job bekommt, Gents“, erwiderte er. „Ich zum Beispiel kann den Namen Kid Slover nicht hören, und meinem Partner geht es nicht besser. So wie wir denken viele Menschen in Stadt und Land hinter dem Stacheldrahtzaun. Genügt euch das?“

„Es scheint, dass hier jemand glaubt, er sei der liebe Gott. Ist es so? — Wer ist dieser Kid Slover?“

„Ein großer Rancher aus New Mexico, ein Longhornzüchter mit einer besonders harten und rauen Mannschaft. Vor einer Woche kam er mit einer riesigen Herde zeckenverseuchter Longhorns vor unserem Zaun an. Er wollte sich den Durchmarsch erzwingen. Unser Sheriff Murky hatte die halbe Stadt hinter sich, als Slover hier eintraf. Das Aufgebot lag in guten Deckungen. So zog Slover es vor, umzukehren. Er verzichtete darauf, unsere Tauchgruben zu benutzen und einen geringen Preis dafür zu zahlen. Er zog es vor, seine Riesenherde am Zaun entlangzutreiben, um nach Montana zu kommen. Er hatte kein Verständnis dafür, dass sich die kleinen Rancher hier davor schützen wollen, durch Texaszecken ruiniert zu werden. Er wollte den Stacheldrahtzaun niederreißen und verlangte freien Trail. Er sah nur seinen eigenen Vorteil und nichts weiter. Das Unangenehme bei der Sache ist, dass Slover versprach, nach seiner Rückkunft aus Montana hier vorbeizukommen und die Gegend auseinanderzunehmen. Ich für meinen Teil will nicht so lange warten. Jetzt kennt ihr das Haar in der Suppe, Gents!“

Bob nickte und wechselte wieder einen Blick mit Sid. Der Cowboy, der Dan hieß, schulterte seine Winchester und öffnete das Tor. Die beiden Männer ritten hindurch.

„Offen gestanden, das hier ist kein Job für alte Männer“, sagte er dabei zu Bob. „Wir müssen Torwache und Zaunreiter zugleich sein.“

„Das ist doch noch nicht alles. Was drückt euch sonst noch?“, wollte Bob wissen.

Der Mann warf ihm einen Blick zu, der tiefe Resignation zeigte.

„Eine aus zwei Dutzend Reitern bestehende Mannschaft hätte hier am Zaun zu tun“, antwortete er. „Nur so könnte man ihn halten. Die Rancher, die den Zaun errichtet haben, halten sich zurück. Sie glauben, mit wenig Geld auszukommen und dass drei Mann genügen, um sie vor Schaden zu bewahren. Sie verlassen sich auf Sheriff Murky und auf uns beide. Solange mich Geldsorgen bedrückten, hielt ich diesen Job für gut; und solange der Sheriff die Städter hinter sich hatte, gab es auch keine weiteren Bedenken. Die Stadt aber steht nicht mehr hinter Sheriff Murky. Die Bürger sagen, dass die Rancher ihren Zaun selbst bewachen sollen und dass sie nicht daran denken, für diese die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Nach der Begegnung mit Kid Slover hat sich vieles in der Stadt geändert. Die Leute haben einfach Angst bekommen.“

„Und ausgerechnet uns beiden wollt ihr diesen Job andrehen?“, staunte Bob Wharton. „Sehen wir so aus, als ob wir das Fell von Dickhäutern hätten?“

„Das gerade nicht“, gab Johnny zu. „Ihr seht aber so aus, als ob ihr euch vor Tod und Teufel nicht fürchtet. Solche Männer braucht Murky. In der Stadt findet er sie nicht. Werdet ihr bei Murkys Tochter vorsprechen?“

„Bei einer Frau? Nicht bei dem Sheriff selbst?“

„Nun, Murky ist nicht zurückgekommen“, erklärte Johnny. „Unser guter Sheriff setzte sich in den Kopf, herauszufinden, was Slover vorhat.“

„Ritt er dabei in die Wüste hinein?“, wollte Sid Fanning wissen.

„In die Wüste? Wieso?“, erwiderte Johnny. „Was sollte er in der Wüste?“, echote Dan.

„Sterben“, murmelte Bob Wharton.

„Macht keine faulen Witze!“, fuhr Dan Havre wütend auf.

„Wir sind nicht hierhergekommen, um Witze zu machen. Zwar weiß ich nicht, warum er in die Wüste hineinritt, aber es ist anzunehmen, dass er eine besondere Fährte fand, der er Aufmerksamkeit schenkte. Sie schien ihn wohl mehr zu interessieren, als die davonziehende Herde Slovers. Murky war schlank, hatte fast weißes Haar und war etwa so groß wie ich. Er trug einen braunen Anzug und ein blaues Leinenhemd. Stimmt das?“

„Wo seid ihr ihm begegnet?“, schnappte Johnny Duncan. Er war hellhörig geworden. Man konnte beiden Männern ansehen, wie gespannt sie waren.

„Sid, zeig den Oldtimern die Zigarrenspitze“, forderte Bob seinen Begleiter auf.

Sid holte die silberne Zigarrenspitze aus seiner Hosentasche. Die beiden alten Männer betrachteten sie und schüttelten die Köpfe. In die Stille hinein sagte Bob: „Sie wurde von Sheriff Murkys Mörder benutzt und lag an der Stelle, wo der hinterhältige Schütze außer leeren Patronenhülsen auch Mokassinspuren hinterließ. Es scheint so, als hätte Sheriff Murky nicht nur außerhalb der Stadt Feinde gehabt. Der Mann, der den Sheriff aus dem Hinterhalt erschoss, scheint in der Stadt zu wohnen, auf jeden Fall aber hinter dem Stacheldrahtzaun. Er war reich genug, um sich diese silberne Zigarrenspitze leisten zu können. — Wer hatte hier ein Interesse daran, der Rinderherde Slovers freien Durchmarsch zu gewähren?“, fragte Bob mit rauer Stimme.

„Von ihnen gibt es eine Menge. Da wäre Adam Lee, der mehrere Saloons in der Stadt besitzt; dann George Duff, der Storehalter, und auch Hugh Cass, der Rinderaufkäufer, könnte ein Interesse gehabt haben. Es würde zu weit führen, alle Namen zu nennen, ihr kennt sie sowieso nicht. Vor der Errichtung des Stacheldrahtzaunes lebte fast die halbe Stadt von den aus New Mexico kommenden Treibherden. Im Augenblick halte ich das aber für unwichtig. Uns interessiert mehr, was mit Murky geschah.“

„Ich sagte es schon“, erwiderte Bob, „er ist tot. Mein Partner und ich haben ihn begraben. Er trug zwar keinen Orden mehr, aber man konnte die Stelle auf dem Stoff deutlich sehen, wo er gesessen hatte. Wenn aber alles andere, was ich von ihm erzählte, stimmt, dann war es der tote Sheriff, den wir begraben haben. Die Geier hatten sein Gesicht schon bis zur Unkenntlichkeit zerstört.“

„Großer Gott!“, murmelte Johnny Duncan. Er atmete schwer und senkte den Kopf. So stand er regungslos da, wie zur Bildsäule erstarrt.

„Es hat ihn schneller erwischt, als ich dachte. Er war ein guter Mann“, fuhr Johnny Duncan nach einer Weile fort. „Er war tapfer und der festen Überzeugung, dass dieser Zaun dazu dienen würde, den Wohlstand des Landes und seiner Bewohner zu heben. Mit der Errichtung des Zaunes glaubte er, der fürchterlichen Armut ein Ende setzen zu können. Er nahm an, dass sich die wertvollen Fleischrinder hier besser vermehren, wenn sie nicht mehr von durchziehenden verseuchten Rinderherden infiziert würden. Mit dem Aufbau des Eisenbahnnetzes würden keine Herden mehr hier durchgetrieben werden, so dass diese Erwerbsquelle ebenfalls versiegen würde. Sheriff Murky sagte für die Zukunft voraus, dass überall an Ort und Stelle fleischverarbeitende Industrien entstehen würden.“

„Sheriff Murky war ein weitblickender Mann“, bekräftigte Dan Havre.

„Mehr noch, er war für uns da, für das Land und für die Stadt, aber das wird ihm niemand danken. Niemand hat auf ihn hören wollen. Sie haben ihm die Schutzarbeit übertragen, aber keiner hat ihm den Rücken gestärkt. Mit einigen Dollars Lohn, so glaubte man, war er für seinen Job gut bezahlt. Aber da täuschen sich die Gents, ich habe die Nase voll. Für mich ist Holiday!“

„Für mich ebenfalls“, murmelte Dan Havre.

„Von mir aus kann jetzt kommen, wer will. Er findet das Tor hier offen.“

Die beiden alten Männer waren sehr erregt. Bob Wharton musste ihnen einen genauen Bericht geben. Als er endete, sagte Johnny Duncan: „Ich verlasse dieses Land, hier hält mich nichts mehr. Nie gab es undankbarere Auftraggeber als Bier. Komm, Dan ...“

„Ihr wollt tatsächlich aufgeben?“

»Ja.“

„Uns aber wolltet ihr einen Job andrehen, den selbst der Teufel nicht haben will“, fauchte ihn Bob böse an. „Das ist mehr, als sich ein Fremder leisten darf, Oldman!“

Die Bewegungen der beiden alten Männer erstarben. Sie blickten in Bobs Coltmündung und fragten sich verwundert, wie das Eisen so schnell aus dem Holster gefahren war.

„Schließ das Tor, Dan Havre!“, forderte Bob den Alten auf, der sie hereingelassen hatte. Seine Stimme hatte jäh einen metallischen Klang bekommen. „Es scheint tatsächlich, dass Sheriff Murky der einzige tapfere Mann im Lande war.“

„Was wisst ihr schon“, murmelte Johnny wütend. »Überzeugt euch erst, dann könnt ihr uns verurteilen. Dann werdet ihr euch fragen, warum zwei Narren wie wir nicht schon früher Schluss gemacht haben.“ Er brach ab. Dan Havre schloss das Tor. Dann hatte Duncan abermals Grund zu staunen, denn das Eisen war wieder da, wohin es gehörte, nicht mehr in der Hand des blonden Mannes.

„Jetzt, da Murky tot ist, haben wir nichts mehr zu erwarten“, sagte Johnny Duncan abermals.

„Abwarten, Freund!“

„Soll das heißen, dass ihr den Job annehmen wollt?“, erkundigte sich Johnny.

Lange sah Bob ihn an, dann verständigte er sich wieder durch einen Blick mit Sid Fanning.

„Die Gegend hier, die Luft und die Wüstennähe, das alles gefällt mir“, sagte Sid. „Was mir nicht gefällt, sind der Zaun, die Texaszecken und Leute, die zu schnell aufgeben. Zeigen wir ihnen, Bob, wie ein Mann sich verhalten muss.“

„Wenn ihr mit Unterstützung rechnet, dann liegt ihr völlig falsch“, erklärte Dan Havre. „Reitet zum Rancher Ben Wehrmaker!“

„Ben Wehrmaker? Was haben wir mit dem zu schaffen?“, erkundigte sich Sid.

„Er ist der Anführer der Rancher und hatte die großartige Idee mit dem Stacheldrahtzaun. Er verpflichtete Murky und wird auch euch beide einstellen.“

„Wo finden wir ihn?“

„Das hängt davon ab, wo er sich gerade aufhält. Er hat ein Haus in der Stadt und eine prächtige Ranch. Er ist englischer Abstammung, ein sehr willensstarker Mann. Er glaubte aber daran, dass man auch ohne Kampf auskommen kann, dass ohne Kugeln zu wechseln die Probleme zu lösen sind. Er ist friedliebend und fromm. Wäre es anders, würden wir bleiben.“

Johnny Duncan beschrieb anschließend Wehrmakers Stadthaus und die Ranch.

„Ihr scheint Wehrmaker nicht besonders zu mögen?“

„Da irrst du dich“, erwiderte Johnny. „Dieser Ben Wehrmaker ist der prächtigste Mann, den man weit und breit findet. Er weiß, was er will, und ist hilfreich und gütig. Er glaubt an die Menschen und lehnt es ab, eine Sache durch Kugeln zu entscheiden. Er glaubt, dass man nur an die Einsicht in jedem Menschen appellieren muss, um Erfolg zu haben.“

„Wenn es rau wird, muss er sich belehren lassen“, meinte Sid Fanning.

„Das schlagt euch aus dem Kopf“, murmelte Dan Havre. „Murky hat auf ihn eingeredet, es war vergeblich. Ben Wehrmaker hat seine eigene Einstellung. Er lässt nicht von ihr ab. Er wird euch den Job geben, aber auf seine Unterstützung braucht ihr nicht zu rechnen. — Komm, Johnny!“

„Bleibt hier, bis wir euch ablösen!“, forderte Bob die beiden Alten auf.

Die beiden Oldtimer standen unruhig da und überlegten. Dan Havre biss sich auf die Unterlippe. Man sah ihm an, wie er mit sich rang. Schließlich nickte er.

„Also gut“, sagte er, „ich bleibe.“

„Dann bleibe ich auch“, erklärte Johnny Duncan. „All right, sehen wir, was auf uns zukommt.“

 

3.

Die Stadt tauchte vor den beiden Reitern auf. Beim Näherkommen stellten sie fest, dass es eine echte Rinderstadt war. Falsche Fassaden an den Häusern, zernarbte Bohlengehsteige, Saloons und Drugstores, eine Schule und eine Kirche — das fand man in allen Städten dieser Art. Hier gab es keine Bahn mit Verladerampen und Corrals, nichts, was auf Fortschritt hindeutete. Die Leute hier träumten sicherlich davon, dass es eines Tages auch hier eine Bahn geben würde und dass dann die Stadt einen Auftrieb erleben würde. Vorerst aber sah es böse aus. Ein Zaun vor der Stadt hatte wohl vor Errichtung des Stacheldrahtzaunes dazu gedient, die Treibherden von der Town selbst fern zu halten. Die Verluste, die so den Geschäftsleuten entstanden waren, hatten ihren Groll gegen die Rancher-Genossenschaft immer mehr ansteigen lassen. Wehrmaker war der Gründer der Genossenschaft gewesen. Deshalb richtete sich ihr Zorn in erster Linie gegen ihn.

»Die Hölle scheint dort auszubrechen“, sagte Sid Fanning zu seinem Partner. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf einen Saloon, vor dessen Holm Dutzende von Reitpferden angebunden waren. Die Flanken der Tiere zeigten unterschiedliche Brandzeichen.

Der Lärm, der aus dem Triangel-Saloon, dem größten der Stadt, drang, war nicht zu überhören.

Sid Fanning und Bob Wharton ritten an dem Saloon vorbei zu Ben Wehrmakers Haus. Niemand hinderte sie daran, anzuhalten und abzusteigen. Rittmüde dehnten und streckten sich die beiden Männer, bevor sie ihre Pferde an den Holm banden. Bob Wharton setzte den Türklopfer in Bewegung. Ein Mann öffnete die Tür und sah die beiden Besucher misstrauisch an.

„Wir möchten Ben Wehrmaker sprechen“, sagte Bob.

Der dürre Mann nickte.

„Wartet, bis sein Besuch gegangen ist. Der Boss will nicht gestört werden, wenn er Besuch hat.“

„Das gilt nicht für uns“, meldete sich Sid. „Wir haben Wehrmaker eine sehr wichtige Mitteilung zu machen.“

Der kränklich aussehende Mann stutzte. In diesem Augenblick konnte man Stimmenlärm im Inneren des Hauses hören. Plötzlich flog eine Tür auf, und eine scharfe Männerstimme war zu hören: „Wehrmaker, der Zaun wird abgerissen! Ich habe Sie vorher gewarnt. Ich werde alles tun, damit er verschwindet, und wenn ich ihn mit eigenen Händen abreißen muss!“

„Lee, Sie nehmen den Mund zu voll“, erwiderte eine tiefe Stimme. „In ein bis zwei Jahren wird es keine Treibherden mehr geben, die durch das Land ziehen. Stellen Sie sich um! Sie können immer verdienen, und das am besten, wenn es den Ranchern hier gelingt, ihre Rinderbestände seuchenfrei zu halten. Alle Geschäftsleute dieser Stadt sollten das einsehen.“

„Ausgerechnet Sie müssen von Einsehen sprechen! Ich habe mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung hinter mir“, schrie der mit Lee angesprochene Mann wütend. „Das werde ich nutzen!“

„Nur zu Ihrem augenblicklichen Vorteil, Lee. Sie sind kurzsichtig. Mit Ihrer Habgier werden Sie die Zukunft des Landes und der Stadt zerstören. Männer wie Sie, Lee, sollte man zum Teufel jagen!“

„Ich werde jemand zum Teufel jagen!“, rief Lee, stürzte aus dem Zimmer und an Bob und Sid vorbei zur Tür.

„Das war Adam Lee“, sagte der Türhüter, „der mächtigste Mann in der Stadt.“

Nur einen Augenblick lang hatten ihn Sid und Bob zu sehen bekommen: einen schlanken, mittelgroßen Mann, mit schwarzem Haar, einem schmalen Gesicht und vorspringenden Wangenknochen.

Im Korridor tauchte Ben Wehrmakers mächtige Gestalt auf. Sein graumeliertes Haar reichte ihm bis auf die Schulter. Wehrmaker zögerte, als er die beiden fremden Männer erblickte, doch dann kam er rasch näher.

„Besuch für Sie“, meldete der Türhüter.

Wehrmaker sah die beiden Männer mit seinen klaren blauen Augen prüfend an, dann nickte er und sagte mit einer einladenden Gebärde: „Willkommen, Gents!“

Wehrmaker ging voran, öffnete eine Tür und ließ Bob und Sid eintreten. Der Raum war spartanisch eingerichtet. Die beiden Männer waren nicht die einzigen Gäste. Im Zimmer saß ein Mädchen, bei dessen Anblick Sid und Bob das Herz höher schlug. Das tizianrote Haar des Mädchens wirkte wie eine Kupferhaube, die ein Gesicht von außerordentlicher Schönheit umrahmte.

Das Mädchen stand auf und betrachtete die beiden neuen Gäste. Große, dunkle Augen brannten in ihrem Gesicht, der volle rote Mund leuchtete. Sie war groß und schlank und wirkte keineswegs zerbrechlich. Ihr Blick schien durch die beiden Männer hindurchzugehen. Sie wandte sich an Ben Wehrmaker: „Sie wollen also niemanden hinter meinem Vater herschicken? — Hören Sie, er ist überfällig, es muss etwas passiert sein! Bisher hat er immer sein Wort gehalten.“

„Beruhigen Sie sich, Miss Murky“, erwiderte Wehrmaker. „Wer wird denn gleich verzagen? Ich glaube nicht, dass Ihrem Vater etwas zugestoßen ist. Er hat immer gut für sich sorgen können. Sie brauchen wirklich keine Angst um ihn zu haben.“

„Versuchen Sie nicht, mich zu beschwichtigen! Wenn mein Vater bis morgen früh nicht zurück ist und Sie niemanden beauftragt haben, ihn zu suchen, werde ich mich selbst auf den Weg machen.“

„Das können Sie sich ersparen, Madam“, mischte sich Bob Wharton in das Gespräch.

„Hören Sie, was soll das heißen?“, fragte Ben Wehrmaker. „Was wissen Sie über Sheriff Murky?“

„Nur das eine, dass er nie wieder zurückkommt. So leid es mir tut, Madam, aber es ist die Wahrheit. Ihr Vater ist tot ...“ Bob brach ab, denn das Mädchen war auf ihn zugetreten. Die dunklen Augen flammten ihn an und forschten in seinem Gesicht, als könne sie das Schreckliche nicht fassen, als wolle sie die furchtbare Wahrheit einfach nicht glauben. Einen Augenblick später brach das Mädchen wortlos zusammen. Ben Wehrmaker musste es auffangen.

„Das ist ungeheuerlich, was Sie da behaupten!“ Wehrmaker wandte sich an Bob. „Können Sie das bezeugen?“

„Ich kann es“, sagte Sid.

„Das darf nicht wahr sein! Um Himmels willen, helfen Sie mir, das Mädchen auf das Sofa zu betten! Holen Sie Wasser!“, bat er Sid. „By gosh, das habe ich nicht gewollt! Sheriff Murky soll tot sein? Ich kann es kaum glauben!“ Wehrmaker schrie diese Worte fast heraus. Seine Blicke gingen unstet hin und her. Mit Bobs Hilfe trug er Alice Murky zum Sofa. Sid ging hinaus, um Wasser zu holen. Wehrmaker und Bob bemühten sich um das Mädchen, doch ihre Ohnmacht war zu tief. Sie lag wie tot da, ihre Brust hob und senkte sich kaum.

Ohne Bob anzusehen, sagte Wehrmaker: „Ich glaube, Sie haben mir eine Menge zu berichten.“

Bob Wharton gab Auskunft, und Wehrmaker hörte aufmerksam zu. Als Bob seinen Bericht beendet hatte, murmelte er mit heiserer Stimme: „Der Tote kann in der Tat nur Murky sein, mein guter Freund Jim. Er hätte den Posten nicht annehmen sollen, die Aufgabe war viel zu schwer für ihn.“

„Das sagen auch die von Ihnen angeworbenen Oldtimer Duncan und Havre“, sagte Bob.

„Was sagen Sie da?“, schnappte Wehrmaker. „Wollen Duncan und Havre etwa aufgeben?“

„Die beiden behaupten, dass man ihnen die Dreckarbeit überlässt, dass Sie aber, der große Boss und Rancher, sich zurückhalten. Stimmt das?“

„Ich vertrete nur Interessen, nicht aber das Gesetz“, gab Wehrmaker ohne zu zögern zu. „Ich bin gegen jede Gewalt. Ich lehne es ab, dass Menschen töten. Niemand hat das Recht, einen anderen einfach abzuknallen. Wir haben ein Gesetz, das uns schützen soll. Die Männer, die das Gesetz vertreten, sollen ihre Aufgabe erledigen, nicht aber Revolverschwinger.“

„Bei dieser Einstellung werden Sie keinen Nachfolger für Sheriff Murky finden. Niemand wird es noch wagen, einen Job anzunehmen, der geradewegs in die Hölle führt. Kein Wunder, dass Dan Havre und Johnny Duncan aufgeben und das Land verlassen wollen. Ich bin ganz ihrer Ansicht: Sie können nicht verlangen, dass jemand in einer aussichtslosen Sache seinen Kopf hinhält, während der andere in Deckung bleibt. — Warum nur haben Sie den teuren Zaun errichtet, wenn Sie nicht gewillt sind, ihn zu bewachen? Der Zaun schirmt das Land und verhindert Blutvergießen. Es müsste doch seitens der Rancher alles getan werden, um ihn zu halten. Gerade die Rancher haben doch den größten Nutzen davon.“

„Wir sind keine Kämpfer, Wharton“, gab Wehrmaker offen zu. „Was vermögen wir gegen eine harte Treibherdenmannschaft? Gegen diese haarigen Burschen haben wir keine Chance. Dazu sind wir in der Minderzahl. So weit darf es aber nicht kommen. Man muss daran glauben, dass die Menschen einsichtig sind und im Grunde genommen nicht töten wollen.“

„Und das ist Ihre wirkliche Meinung?“

„Ja“, bestätigte Wehrmaker, „so denke ich! Mit Mord und Totschlag ist keinem geholfen.“

„Mit anderen Worten, der Zaun wird seine Aufgabe nicht erfüllen. Jeder kann ihn einreißen, niemand wird sich die Mühe machen, es zu verhindern. Kein Mann setzt sich für Leute ein, die es nicht verdienen.“

„Sie sprechen eine verteufelt raue Sprache, Wharton“, erwiderte Wehrmaker erregt. „Sie sprechen ganz so, als wären Sie Murkys Nachfolger.“

„Und wenn es so wäre?“

Wehrmaker sah Bob mit flackernden Augen an. Er atmete schwer. Man sah ihm deutlich an, wie erregt er war.

„Machen Sie keine Scherze“, erwiderte er nach kurzer Pause. „Das kann nicht Ihr Ernst sein. Sie haben die Sache klar erkannt und durchschauen alles. Sie selbst haben gesagt, dass es ein verlorener Posten ist und dass kein Mensch mit Verstand bereit ist, ihn zu übernehmen. Sprechen wir also nicht mehr darüber!“

„Das wäre zu einfach. Mein Partner und ich haben es uns nun einmal in den Kopf gesetzt, den Job zu übernehmen.“

„Hölle, Sie wissen doch, wie wenig das einbringt! Nur heißes Blei und den Tod!“

„Nun, vielleicht laufen wir davon und belasten Ihr Gewissen nicht, Wehrmaker. Stellen Sie uns erst einmal ein, und dann unterhalten wir uns über die zu erwartenden Treibherden. Ich denke, dass Sie wissen, ob noch welche kommen und wann. Das alles und noch einiges mehr möchte ich von Ihnen erfahren, bevor ich meinen Posten antrete.“

„Und warum sind Sie so neugierig, Wharton? Sie und Ihr Partner Fanning sind doch fremd hier. Im Grunde genommen müsste Sie unser Land doch wenig interessieren.“

„Da irren Sie, Rancher! Nehmen Sie an, wir hätten einen Grund. Aber der soll Sie nicht interessieren. Später vielleicht einmal. Was ist also? Stellen Sie uns ein oder nicht?“

„Ja“, sagte Wehrmaker mit abwesendem Gesichtsausdruck. Sein Blick war auf die immer noch ohnmächtige Alice Murky gerichtet. „Wir haben mehr gemeinsam, als Sie ahnen“, sagte er leise wie im Selbstgespräch. „Sie müssen mir ein wenig Zeit lassen.“

„Zeit wofür?“, fragte Bob.

„Zum Nachdenken.“

„Hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät, Rancher.“

In diesem Augenblick kam Sid Fanning wieder herein und brachte Wasser. Bob Wehrmaker machte sich sofort daran, Stirn und Schläfen des ohnmächtigen Mädchens zu benetzen. Kurz darauf erwachte Alice Murky aus ihrer Ohnmacht und schlug die Augen auf. Das Mädchen schluchzte leise, doch sie vergoss nicht eine Träne, obwohl der Kummer sie durch und durch erschütterte.

Hilflos standen die drei Männer da und wagten sich kaum anzusehen. Schneller als erwartet fasste sich Alice Murky, und dann erklärte Wehrmaker dem Mädchen, dass die beiden Fremden die Nachfolger ihres Vaters würden. Das Mädchen sah überrascht von einem zum anderen. Dann nickte sie und erhob sich.

„Kommen Sie, ich führe Sie zum Office.“

„Bevor Sie es tun, Miss Murky, will ich die beiden vereidigen und ihnen den Stern geben“, sagte Wehrmaker. „Als Mitbegründer dieser Stadt und als Stadtrat bin ich dazu befugt. — Was Sie selbst betrifft, so stehe ich Ihnen jederzeit mit Rat und Hilfe zur Seite.“

„Ich kann mir selbst helfen“, erwiderte sie. „Ich verlasse die Stadt nicht. Ich möchte den Augenblick erleben, wo die Leute mit dem Stern nicht mehr auf sich allein angewiesen sind. Eines Tages reite ich zu dem Grab in der Wüste. Der Mörder meines Vaters, das fühle ich deutlich, lebt hier in der Stadt. Er ist unter jenen Leuten zu suchen, die von den vorbeiziehenden Treibherden ihren Nutzen haben. Ich will diesen Mörder entdecken, ich will ihm in die Augen sehen.“ Das Mädchen verstummte und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

Ben Wehrmaker gab den beiden Partnern ein Zeichen, ihm in ein Nebengemach zu folgen. Dort holte er aus einer Schublade zwei Sheriffsterne hervor. Er steckte je einen Sid Fanning und Bob Wharton an und sprach beiden dann die Eidesformel vor.

„Ich weiß nicht einmal, welchen Leumund Sie haben“, sagte Wehrmaker danach. „Mir bleibt aber keine andere Wahl. Von den hier ansässigen Männern würde sich keiner für den Posten zur Verfügung stellen, vor allem jetzt nicht, wenn bekannt wird, was mit Murky geschah. Jim Murky war sehr schnell mit dem Revolver, er war ein tapferer Mann.“

Wenig später waren die beiden Männer mit dem Mädchen auf dem Weg zum Sheriff-Office. Ihre Pferde führten sie am Zügel hinter sich her.

„Mein Vater hätte es nicht tun sollen“, sagte das Mädchen plötzlich. „Die Aufgabe war viel zu schwer für ihn. Glauben Sie beide denn, dass ein Blechstern genügt, um Sie unüberwindlich zu machen?“

Das war eine berechtigte Frage.

„Nein, Madam“, antwortete Sid Fanning, „der Stern ist wirklich nur ein Stück Blech. Es kommt auf den Menschen an, der den Stern trägt.“

„So redete auch mein Vater“, erwiderte Alice. „Ja, genau das waren auch seine Worte. Immerzu sagte er, dass er seine Pflicht erfüllen müsse und nicht nachgeben dürfe, dabei hätte gerade er wissen müssen, dass jeder Mensch geschlagen werden kann. Außerdem war mein Vater nicht mehr der Jüngste, und sein Glück war zu Ende ...“ Das Mädchen machte eine hilflose Bewegung. Danach deutete sie auf ein kleines Haus neben dem Sheriff-Office. „Ich wohne in dem kleinen Häuschen dort. Wenn Sie es wünschen, koche ich für Sie und halte das Office sauber. Im Office stehen zwei Feldbetten, die Ihnen als Ruhelager dienen können. Vater zog es vor, im eigenen Heim zu schlafen. — Geht es Ihnen beiden so schlecht, dass Sie diesen Job annehmen mussten?“

„Wir sind beide abgebrannt, Madam“, gab Bob wahrheitsgemäß zu. „Ich nehme an, dass es hier für Fremde keine andere Arbeit geben würde als die, die wir gerade angenommen haben?“

„Da haben Sie recht. Solange die große Ungewissheit auf den Leuten lastet, stellt niemand jemanden ein. Keiner weiß, was kommen wird. Das Schlimmste steht noch bevor, denn große Treibherden sind zu erwarten, die von New Mexico zu den Silberminen in Montana getrieben werden sollen.“

Das Mädchen blieb stehen und verabschiedete sich von den beiden Männern. Mit schnellen Schritten ging sie davon. Hinter dem Office fanden die beiden Partner den Pferdestall und den Stallwächter, einen alten, buckligen Mann, der heiser auflachte, als er die Sterne an den Rockaufschlägen der Männer sah und den Officeschlüssel in Bobs Händen gewahrte.

„Wieder zwei Löwen“, stellte der bucklige Alte mit misstönender Stimme fest. Mit flinken Wieselaugen betrachtete er die Männer. Der Blick haftete sekundenlang an den Waffen, dann ging der Alte zu den Pferden. Er legte die Hand auf den Hals von Sids Pferd und sagte: „Ein richtiges Indianerpferd. Solche Tiere sieht man hier selten. Welchem Häuptling haben Sie es gestohlen?“

Die beiden Männer waren ein wenig verblüfft über die merkwürdige Art des buckligen Mannes.

„Das Pferd ist mir nachgelaufen“, sagte Sid. „Ich hatte zufällig eine Rübe in der Tasche, und das genügte, um das Tier hinter mir her zu locken.“ Der Stallmann grinste und sah sich den Rappen an.

„Der ist Extraklasse“, stellte er fest. „Es wird mir ein Vergnügen sein, für zwei Pferde von besonderem Format zu sorgen. Ich denke, dass einige Leute hier in der Stadt aufhorchen werden.“ „Kennen Sie sich hier gut aus?“

„Nennt mich Abraham“, sagte der Bucklige. „Meinen Nachnamen habe ich vergessen.“ Der bucklige Alte kicherte in sich hinein, ohne dass er auf Bobs Frage eingegangen wäre. Er nahm die Pferde beim Zügel und zog sie hinter sich in den Stall. Die beiden Männer ließ er einfach stehen.

„Ganz wohl ist mir mit diesem Blechding nicht“, sagte Sid zu seinem Partner und starrte auf seinen Sheriffstern. „Ich glaube, wir haben uns da etwas eingehandelt, was uns noch eine Menge Kummer bringen wird.“

„Sicher, sobald sich unsere Verpflichtung herumspricht, und das dürfte nicht lange dauern. Schauen wir uns unsere Unterkunft im Büro an.“

Sid war einverstanden. Was sie im Sheriff Office zu sehen bekamen, war in der Tat nichts Außergewöhnliches, denn von ihrem Vorgänger Murky lag nichts herum. Er schien in seinem Haus gearbeitet und das Office kaum betreten zu haben.

Noch während die beiden Männer alles besichtigten, trug der Stallmann ihre Bündel herein. Er zündete eine Lampe an und musterte die Ordensträger erneut im Schein der Petroleumlampe. Ihr Lichtschein erhellte die drei hintereinander liegenden Räume.

„Aus der Wüste in das Sheriff-Office“, sagte der Stallmann. „Das kommt nicht alle Tage vor. Wollen sich die Gents den Staub abwaschen? Am Ende der Stadt hat der Friseur hinter einem Vorhang eine große Badewanne stehen, in der man ein heißes Bad nehmen kann. Ihr könnt den Laden nicht verfehlen.“

„Danke für den Rat, Abraham. — Hier in der Stadt scheint es keine Nacht zu geben?“

„Nicht, seitdem der Zaun errichtet wurde“, erwiderte der Kleine. „Die Leute schlafen oft am Tage und sind nachts mobil. Vielleicht ändert sich das einmal, und das Leben wird wieder normal. Aber vorerst sieht es nicht danach aus. Kurz nach dem Morgengrauen wird die Doppel-X-Herde aus New Mexico erwartet. Hat Rancher Wehrmaker euch das gesagt?“

Nein, das hatte Ben Wehrmaker nicht getan. Bob und Sid sahen sich an. Es blieb ihnen also nicht viel Zeit zum Ausruhen und Entspannen, zum Baden und Rasieren. Auch die Pferde würden nur eine knappe Frist zur Erholung bekommen.

„Wissen Duncan und Havre von der Ankunft der Doppel-X-Herde?“, erkundigte sich Sid.

„Sicher“, gab Abraham Auskunft. „Sie warten ungeduldig auf die Rückkehr ihres Sheriffs Murky, das weiß hier jeder. Man schloss drüben im Triangel-Saloon Wetten ab. Einige behaupten, dass nach des Sheriffs Rückkehr Duncan, Havre und Murky zusammen die Flucht ergreifen würden. Ihr müsst wissen, Gents, dass die Doppel-X-Mannschaft der Slover-Mannschaft an Härte nicht nachsteht. Man sagt sogar, dass es die raueste Mannschaft ist, die jemals eine Treibherde begleitete. Wollt ihr nach dieser Nachricht den Stern nicht doch lieber wieder ablegen?“

„Verschwinde, Abraham!“, donnerte Sid ihn böse an. „Uns bleiben nur noch einige Stunden, und die möchten wir nutzen, um zu schlafen.“

Der Bucklige kicherte. Er schien nicht im Geringsten beleidigt zu sein.

„Ich genieße Narrenfreiheit“, sagte er im Hinausgehen. „An einem Krüppel wie mir vergreift sich niemand. Ich könnte sogar Wehrmaker ins Gesicht sagen, dass er euch absichtlich nichts von der Doppel-X-Herde erzählte, nur um euch nicht gleich wieder zu vertreiben. Ich wette, dass die ganze Stadt sich jetzt schon über einen Nachfolger Murkys den Kopf zerbricht. Wo aber ist Sheriff Murky? Es hat ihn noch niemand zurückkommen sehen.“

Der Stallmann bekam keine Antwort und warf die Tür wütend hinter sich zu.

„Er erinnert mich an eine kleine giftige Kröte“, sagte Sid. „Seine Augen gefallen mir nicht.“ „Vermutlich trägt er seine Informationen rasch weiter“, vermutete Bob und zog sein Hemd aus. Er langte sich einen Wassereimer aus einem Regal. „Wir werden ihn im Auge behalten müssen. Seine Narrenfreiheit ist kein Beweis für seine Harmlosigkeit.“

Sid schraubte den Docht der Petroleumlampe niedriger und lauerte am Fenster, während Bob durch die Hintertür ging, um vom Ziehbrunnen Wasser zu holen. Sid sah, wie der bucklige Stallmann auf den Triangel-Saloon zusteuerte, wobei er sich oft nach dem Office umwandte. Als Bob zurückkam .und seine Waschschüssel füllte, berichtete Sid, was er beobachtet hatte.

„Das ist interessant“, erwiderte Bob. „Die kleine Kröte ist ein wenig zu schnell und hält uns für dumm. Ich glaube kaum, dass wir uns zur Ruhe legen können, Sid.“

„Das denke ich auch, Bob. Folgen wir Abraham?“

„Nicht bevor wir uns gewaschen haben. Was sollen die Leute von zwei staubbedeckten unrasierten Ordensträgern halten, die ihre Stadt beschützen sollen?“

„Einverstanden. Ich kann mir nicht helfen, aber es riecht jetzt schon nach Verdruss.“

„Diese Witterung habe ich ebenfalls in der Nase“, bekannte Bob. „Hast du Angst, Sid?“

„Es ist das gleiche Gefühl wie am Morgen, als ich dich im Rücken hatte. Mir ist flau im Magen. Ich glaube, ein wenig Whisky könnte da helfen.“

„Wenn es weiter nichts ist?“ Bob lachte und wusch sich. „Hast du Hunger?“

„Nicht mehr, seitdem ich Alice Murky sah“, bekannte Sid.

„Schlag sie dir aus dem Kopf, Freund. Keiner von uns beiden kann sich jetzt mit so etwas belasten.“

„Sie ist sehr schön“, sagte Sid träumerisch, „so schön, dass es mir die Sprache verschlug.“

„Ich wollte, das hätte angehalten, Sid“, murmelte Bob ein wenig mürrisch. „Warum musst du mir sagen, dass du dich auf den ersten Blick in sie verliebt hast?“

„Weil es keine Unklarheiten zwischen uns geben soll, Freund.“

„Gut, dann muss ich es dir also auch sagen.“

„Was, zum Teufel?“

„Dass du nicht der einzige bist und dass ich mich ebenfalls verliebt habe“, gestand Bob. „Fatal, nicht wahr?“

Sid nickte.

„Dich möchte ich nicht als Nebenbuhler haben.“

„Ich dich auch nicht“, erwiderte Bob sogleich. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu vergessen. Daraus wird ein anderer seine Vorteile ziehen können. — So, sprechen wir von jetzt an nicht mehr über das Thema.“

Wenig später waren die beiden Männer gewaschen, rasiert und mit frischen Hemden versorgt. Sie schlossen die Officetür ab und gingen auf den Triangel-Saloon zu, vor dem jetzt noch mehr Pferde als vorher standen.

In der Stadt hatte es sich bereits herumgesprochen, dass es zwei neue Sheriffs gab. Der Nachrichtendienst schien ausgezeichnet zu funktionieren. Vor der Schwingtür standen einige Kerle. Sie bewegten sich kaum und starrten Bob und Sid neugierig an. Sie traten ihnen aber weder in den Weg, noch stellten sie unbequeme Fragen.

„Macht Platz, Freunde“, sagte Sid und schob zwei Kerle von der Schwingtür weg.

Die Kerle warfen sich nicht gegen ihn oder seinen Partner. Offenbar hatten sie ihre genauen Anweisungen. Einer von ihnen pfiff misstönend durch die Zahne.

Mit einem Stiefeltritt flog die Schwingtür auf. Tabakqualm und Alkoholdunst wehte Ihnen entgegen. Die Besucher des Saloons standen an der langen Mahagonitheke oder saßen an den Tischen. Der Lärm brach so jäh ab, dass man in der einsetzenden Stille eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören. In diesem Augenblick huschte der bucklige Stallmann eilig durch eine Nebentür davon, doch Bob und Sid hatten ihn dennoch gesehen. Sie bemerkten auch den Mann, der neben dem Keeper stand und aufmerksam zu ihnen herüberblickte. Es war Lee, den sie bei Wehrmaker kurz getroffen hatten. Er rauchte eine Zigarre, die in einer silbernen Zigarrenspitze steckte. Er wirkte wie ein auf der Lauer liegender Tiger.

Lee stand ein wenig vornübergebeugt, so dass seine Hände auf der Thekenplatte ruhten. Auch als sich Sid und Bob an die Theke stellten und einen Whisky bestellten, ließ er keinen Blick von ihnen.

Langsam setzte der Lärm wieder ein, doch nicht so laut wie vorher. Die Blicke der Saloongäste verfolgten nach wie vor jede Bewegung Sids und Bobs. Der doppelstöckige Whisky wurde ihnen serviert, und der dicke Keeper sagte wohlwollend dabei: „Dieser Drink geht auf Kosten des Hauses. Adam Lee spendiert ihn, Gents.“

Bei diesen Worten schaute er den schwarzhaarigen Mann an. Es war klar, dass er der Besitzer des Saloons war.

Adam Lee lächelte. Noch nie zuvor hatten Bob und Sid einen Mann so lächeln gesehen. Es war ein maskenhaftes Lächeln, undurchschaubar und undurchdringlich. Es reizte die beiden Männer dazu, den Drink abzulehnen, aber solch eine Brüskierung hätte sofort schlimme Folgen nach sich gezogen. Also nahmen die beiden Männer sich zusammen, hoben die Gläser und tranken dem Spender wortlos zu.

„Wehrmaker hat seine Zaunwächter also verstärken können“, sagte Adam Lee freundlich. „Ich habe eine Wette verloren. Niemand hier hätte das für möglich gehalten. Hat Murky euch angeworben, Gents?“

„Sie fragen zu viel!“, erwiderte Sid barsch.

Das Lächeln aus dem Gesicht des Saloonbesitzers verschwand schlagartig. Die Augen des Mannes weiteten sich. Das schien ein Zeichen für die Rauswerfer und Hauswächter zu sein. Im nächsten Augenblick fühlte Sid eine schwere Hand auf seiner Schulter und wurde herumgerissen. Die geballte Faust eines bulligen Mannes schoss auf ihn zu.

Weder Sid noch Bob kamen dazu, ihre Waffen zu ziehen. Sie hatten sich in die Höhle des Löwen gewagt und dabei übersehen, dass das Gedränge an der Theke für sie verhängnisvoll werden konnte.

Adam Lees Gorillas handelten. Und sie verstanden sich gut auf ihre Arbeit. Die Überrumpelung war gemein und brutal. Gegen ihr überraschendes und erbarmungsloses Vorgehen hatte bisher niemand eine Chance gehabt.

Bob und Sid schienen verloren zu sein. Sie waren von Gegnern umringt, die sich ihres Sieges sicher glaubten. Doch dann tauchte Sid in dem Gewühl auf und schwang ein Tischbein in der Hand. Er setzte die Waffe richtig ein und verschaffte sich Luft. Er zog einige Gegner, die sich auf Bob geworfen hatten, von ihm ab. So konnte Bob hochkommen und sich mit dem Rüchen gegen die Wand lehnen. Sid stellte mit einem schnellen Blick fest, dass Bob seinen Gegnern schwer zu schaffen machte. Das genügte ihm vorerst. Wie ein wütender Stier griff er nun seinerseits an. Er stieß einem riesigen Mann das Tischbein so gewaltig vor die Brust, dass dieser nach hinten über die Theke stürzte. Der bullige Mann schrie auf, strampelte mit den Füßen in der Luft und krachte dann gegen das Regal hinter der Theke. Flaschen zerschellten am Boden, der Keeper fluchte wütend, und Adam Lee sprang mit einem Satz zur Seite.

Sid war nicht mehr zu halten. Noch zwei weitere Männer fegte er weg. Er schien nicht einmal den Faustschlag zu spüren, der ihm die Wange aufriss, so dass ihm das Blut über das Gesicht rann. Er sah, dass sich Bob kaum noch gegen die Übermacht halten konnte, und wollte ihn heraushauen.

Im ungestümen Vorwärtsdrängen stolperte er über ein gestelltes Bein, stürzte und verlor das Tischbein aus der Hand. Sofort fielen drei Kerle über ihn her.

Das war das Ende! Aber in dem Augenblick dröhnte eine Bassstimme über den Lärm hinweg.

„Stop! Ich habe euren Boss im Visier! Aufhören!“

Diese Stimme kannte jeder. Die Männer erstarrten. Schwer atmend sahen sie zum Fenster.

„Tut, was Wehrmaker befiehlt!“, sagte Adam Lee in die plötzlich eintretende Stille. „Ich möchte meinen Kopf noch behalten. — Wehrmaker, hier hätten Sie sich nicht einmischen dürfen!“

„Da irren Sie, Lee. Ich lasse mir die Sheriffs nicht durch einen hinterhältigen Überfall kampfunfähig machen.“

„Es hätte sich bald gezeigt, was sie wert sind“, knurrte Lee böse. „Wir hätten festgestellt, wie hart sie wirklich sind. Nur raue Burschen können den Zaun halten.“

„Lauter leere Worte! Ich durchschaue Sie, Lee. Ihre Lügen sind zu dreckig. — Los, tretet zur Seite!“, befahl er Lees Gorillamännern. „Wie fühlt ihr euch, Boys?“, wandte er sich mit den letzten Worten an die beiden Partner.

Bobs Stimme klang krächzend, als er sagte: „Lee, Sie werden noch von mir hören! Aber eines möchte ich noch vorher von Ihnen wissen: Rauchen Sie immer aus silbernen Zigarrenspitzen?“

„Nur ich, und darauf bin ich stolz“, sagte Lee wütend.

„Komm her, Sid“, wandte sich Bob an seinen Partner, der langsam auf die Beine kam und sich wie ein nasser Hund schüttelte. „Zeig Lee, was du gefunden hast.“

Sid wusste sofort, worauf sein Partner hinauswollte. Er zog die silberne Zigarrenspitze aus der Tasche, die er an der Stelle gefunden hatte, von der aus der Mörder Murkys aus dem Hinterhalt geschossen hatte.

„Gehört die Spitze Ihnen, Lee?“, fragte Sid.

„Ich vermisse eine. Ja, das ist sie!“

„Sie haben sie verloren?“

„Sie muss mir gestohlen worden sein“, erwiderte Lee. „Was sollen die Fragen?“

„Sie waren nicht in der Wüste?“

„Nein, wozu auch? Selbst hier brennt die Sonne noch heiß genug. Geben Sie mir mein Eigentum wieder!“

Lee streckte die Rechte aus, doch Sid trat rasch zurück. Jetzt machte Lee einen Fehler. Er verließ seinen schützenden Platz an der Theke, und Sid und Bob gewahrten gleichzeitig, dass er Mokassins trug.

Details

Seiten
162
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939286
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542508
Schlagworte
zwei westen

Autor

Zurück

Titel: Zwei ritten nach Westen