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Meer der Gehetzten

©2020 165 Seiten

Zusammenfassung


Helen Mclvor hat nach jahrelanger Suche die Dokumente gefunden, die einwandfrei beweisen, dass das Millionenvermögen, das ihr Vater in New York deponiert hatte, nicht der Inselrepublik Panta gehört, sondern ihr rechtmäßiges Eigentum ist.
Doch was hat sie davon, wo sie nun im Geheimdienst-Gefängnis von Bontany sitzt? Major Ahmad Keran will sie so lange schmoren lassen, bis sie ihre berechtigten Ansprüche aufgibt.
In ihrer Not klammert sie sich verzweifelt an ihren Leidensgenossen Perry Ambler. Kapitän Ambler bietet sich eine tolle Chance, weil der geheimnisvolle Halbchinese Thierry Feng einen zuverlässigen Schiffsführer für den Raddampfer „Panta Queen“ benötigt.
Perry und Helen greifen nach dem rettenden Strohhalm und werden durch Bestechung aus dem Gefängnis befreit. Bevor Ambler an Bord geht, nimmt er Ahmed Keran Helens Dokumente ab. Bei Nacht und Nebel treten Ambler, Helen Mclvor und Feng eine atemberaubend gefährliche Flucht durch die Celebes See an. Hundertmal droht ihnen Tod und Vernichtung — aber die Flucht gelingt!
Helen und Perry atmen auf — um beim nächsten Atemzug die entsetzliche Gewissheit zu gewinnen, dass sie in der Gewalt chinesischer Piraten sind! WAS NUN ...?

Leseprobe

Table of Contents

Meer der Gehetzten

Copyright

1

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7

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9

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Meer der Gehetzten

Roman von Theodor Horschelt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 165 Taschenbuchseiten.

 

Helen Mclvor hat nach jahrelanger Suche die Dokumente gefunden, die einwandfrei beweisen, dass das Millionenvermögen, das ihr Vater in New York deponiert hatte, nicht der Inselrepublik Panta gehört, sondern ihr rechtmäßiges Eigentum ist.

Doch was hat sie davon, wo sie nun im Geheimdienst-Gefängnis von Bontany sitzt? Major Ahmad Keran will sie so lange schmoren lassen, bis sie ihre berechtigten Ansprüche aufgibt.

In ihrer Not klammert sie sich verzweifelt an ihren Leidensgenossen Perry Ambler. Kapitän Ambler bietet sich eine tolle Chance, weil der geheimnisvolle Halbchinese Thierry Feng einen zuverlässigen Schiffsführer für den Raddampfer „Panta Queen“ benötigt.

Perry und Helen greifen nach dem rettenden Strohhalm und werden durch Bestechung aus dem Gefängnis befreit. Bevor Ambler an Bord geht, nimmt er Ahmed Keran Helens Dokumente ab. Bei Nacht und Nebel treten Ambler, Helen Mclvor und Feng eine atemberaubend gefährliche Flucht durch die Celebes See an. Hundertmal droht ihnen Tod und Vernichtung — aber die Flucht gelingt!

Helen und Perry atmen auf — um beim nächsten Atemzug die entsetzliche Gewissheit zu gewinnen, dass sie in der Gewalt chinesischer Piraten sind! WAS NUN ...?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Am späten Nachmittag erhielt Percival Ambler seinen Frühstücksreis.

Er erhob sich, ging zur Gittertür, wartete, bis die Klappe herunterfiel und nahm dann die irdene Schüssel in Empfang, aus der es heraus dampfte.

„Die Hölle verderbe dich, Sohn einer Hündin!“, sagte er zu dem pantaischen Gefängniswärter. „Ich werde dich auf besonders grauenvolle Weise umbringen, wenn die Austern wieder verdorben sind und der Sekt wieder lauwarm ist.“

De Wärter hatte von Amblers Gebrabbel keinen Ton verstanden. Er grinste den hochgewachsenen, einsfünfundachtzig großen Amerikaner übers ganze Gesicht strahlend an, verbeugte sich, als ob er eine Schmeichelei gehört hätte, und ging wieder seines Weges.

Ambler hatte die letzte „Mahlzeit“ etwa dreißig Stunden zuvor erhalten, und der Hunger nagte an seinen Eingeweiden. Er leerte die Schüssel bis auf das letzte Reiskorn. In den verflossenen drei Monaten war er außerordentlich bescheiden geworden.

In der Zelle war es drückend schwül. Als er den Reisbrei verschlungen hatte, stöhnte er zufrieden auf, erhob sich und ging in die andere Ecke, wo ein kleiner Spiegelscherben hing. Was er im Spiegel sah, war nicht besonders erhebend: ein schmales, gutgeschnittenes Gesicht mit buschigen blonden Augenbrauen, einem gutgeschnittenen Mund, einer scharfen Nase und einem vier Wochen alten Bart. Ein Seeräuber hätte im Vergleich zu ihm wie ein Feudalherr ausgesehen.

Vier Wochen zuvor hatte er sich das letzte Mal rasiert. Danach war ihm der Rasierapparat abgenommen worden.

In der Zelle roch es nicht gut. Im ganzen Geheimdienstgefängnis von Bontany, der Hauptstadt der Inselrepublik Panta, roch es nicht gut. Die Gefangenen hatten selten Gelegenheit, sich zu waschen, und die meisten auch gar nicht das Bedürfnis danach. In dieser Beziehung war Percival Ambler eine Ausnahme. Er durfte gar nicht darüber nachdenken, was ihm zugestoßen war, sonst packte ihn die eiskalte Wut.

Ambler glaubte für den Rest des Tages ungestört zu bleiben, sah sich aber in dieser Annahme getäuscht. Auf dem Gefängniskorridor näherten sich Schritte. Gleich darauf tauchte der Wärter auf, schob den Schlüssel ins Schloss, sperrte auf, und ein schmächtiger, gepflegt aussehender kleiner Mann mit dem flächigen Gesicht und den hervorstehenden Backenknochen des Südsundanesen trat ein. Er war beeindruckend elegant gekleidet; sein Uniformhemd ohne Makel, und die schwarze Pistolentasche am Koppel blitzte wie frisch lackiert. So oft Ambler Major Ahmad Kerans verkniffenen, anmaßenden Mund sah, hätte er den Kerl erwürgen mögen.

Als der allmächtige Geheimdienstchef der Republik Panta die Zelle betrat, erhob sich Ambler, denn es hatte keinen Sinn, den rachsüchtigen kleinen Teufel unnötig zu verärgern.

„Ich habe die Ehre, Ihnen einen recht schönen guten Tag zu wünschen, Commander!“, grüßte Major Keran mit vollendeter Höflichkeit. Sein Amerikanisch war perfekt.

„Ich begrüße Sie, Herr Major“, konterte der Amerikaner, „und erwidere Ihre herzlichen Wünsche in der gleichen ehrlichen Gesinnung.“

Keran lachte herzlich.

„Ich hoffe, dass Sie sich über nichts zu beklagen haben, Commander“, fuhr er fort. Das war nackter Hohn.

„Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Ich begreife immer noch nicht, wodurch ich die Zuvorkommenheit und freundliche Güte Ihrer Regierung verdient habe. Mir geht es hier im Gefängnis gut wie nie zuvor im Leben.“

„Man hört es gerne, Commander, man hört es wirklich gerne.“

„Noch lieber wäre es mir, man würde mich endlich entlassen oder mir wenigstens eine Anklageschrift zustellen. Ich befinde mich jetzt drei Monate unter entwürdigenden Verhältnissen in Ihrem Gewahrsam und weiß noch immer nicht, was man mir zum Vorwurf macht.“

In den Augen des Majors blitzte es belustigt auf.

„Wie könnte ich einem Unschuldigen eine Anklageschrift zustellen“, sagte er. „Man kann doch einen absolut integren Mann wie Sie nicht vor Gericht stellen, Commander, das müssen Sie doch einsehen.“

„Aber man kann einen absolut unschuldigen, integren Mann drei Monate lang grundlos einkerkern“, wetterte Ambler los, obwohl er wusste, dass derlei Gespräche zu gar nichts führten. Er erhielt immer wieder die gleiche Antwort auf seine Beschwerden.

„Sie wissen, Commander“, erwiderte Keran auch diesmal, „dass Sie auf Befehl Seiner Exzellenz, des Herrn Staatspräsidenten Sujardo, in Haft sind. Was Ihnen Seine Exzellenz vorwirft, weiß ich nicht, denn man hat es nicht für nötig gehalten, es mir mitzuteilen. Sie schweigen sich über diesen Punkt ja auch aus.“

„Ich schweige mich nicht über diesen Punkt aus, Herr Major, sondern ich habe keine Ahnung, was man mir vorwirft.“

„Ich werde erneut ein Memo an die Staatskanzlei schicken, Commander“, versprach der Geheimdienstchef wieder einmal, wie schon so oft. Ambler glaubte ihm kein Wort.

Endlich kam Keran auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen.

„Die Republik Panta begeht morgen feierlich die fünfzehnte Wiederkehr ihres Unabhängigkeitstages. Nach dem Willen des Staatspräsidenten sollen daran möglichst viele Beamte teilnehmen. Um dies auch dem Gefängnispersonal zu ermöglichen, haben wir uns darauf geeinigt, einen Notdienst einzurichten, und verschiedene wichtige Gefangene zusammenzulegen. Ich muss Sie also leider mit der Nachricht erschrecken, dass Sie für 48 Stunden einen Gast in Ihre Zelle aufnehmen müssen, eine Amerikanerin, deren Anwesenheit Ihnen hoffentlich nicht allzu unangenehm sein wird.“

„Aber das ist doch ganz unmöglich!“, rief Ambler verblüfft, obwohl er längst hätte wissen müssen, dass hier und bei Major Keran nichts unmöglich war.

Eine Stunde später schoben drei Wärter ein heftig protestierendes rotblondes weibliches Wesen in Shorts und Bluse im Amblers Zelle herein. Sie mochte kaum 25 sein. Rasselnd drehte sich der Schlüssel wieder im Schloss. Ambler war mit der Fremden allein.

„Guten Tag, meine Dame!“, sagte er so förmlich, dass er sich ein Lächeln verkneifen musste. „Percival Ambler mein Name, 31 Jahre alt, ehedem aktiver Offizier bei der U.S. Navy.“

„Und ich bin Helen Mclvor“, erwiderte sie befangen. „Ich weiß nicht, weshalb Sie hier sind, aber ich muss fast annehmen, dass Sie es so wenig wissen wie ich.“

Ihr Haar war mehr rot als blond und glänzte wie gesponnene Seide. Er schätzte ihre Größe auf 1,69 und ihr Gewicht auf 110 Pfund. Die knappe Bekleidung umhüllte einen Körper von makellosem Wuchs. Als sie näher an ihn herantrat, blickte er in tiefblaue Augen, die einen eigenwilligen Ausdruck hatten. Ihr Haar trug sie ordentlich gescheitelt.

„Wenn wir uns unterhalten wollen, müssen wir es mit unterdrückter Stimme tun“, bat Ambler. „Sie sind hier zwar noch nicht so weit, dass sie Lauschmikrofone und sonstige Raffinessen haben, aber man ist trotzdem vor unliebsamen Lauschern nicht sicher.“

„Weshalb sind Sie hier?“, fragte sie nach einer Weile.

Er zog sie zur Pritsche, drückte sie darauf nieder und setzte sich neben sie.

„Ich nahm die dienstlichen Verfehlungen eines Kameraden, der Frau und Kinder hatte, auf mich und wurde mit schlichtem Abschied aus der U.S. Navy entlassen“, berichtete er. „Damit stand ich vor dem Nichts. Eines Tages begegnete mir ein pantaischer Diplomat und malte mir das Leben eines pantaischen Marineberaters in den leuchtendsten Farben aus. Da ich frei und ungebunden war und kaum einen Dollar mehr besaß, ließ ich mich breitschlagen, zu unterschreiben, und flog im heurigen Januar über Manila nach Bontany, um mich zum Dienst zu melden. Dabei machte ich die Feststellung, dass der ausländische Marinelehrstab der Republik Panta nur aus mir, einem französischen Oberbootsmann und einem eingeborenen Diener bestand. Wir reisten zum Flottenstützpunkt Taratua weiter, einer Insel vor der Ostküste, und übernahmen die Ausbildung der neugegründeten Kriegsmarine. Sie bestand aus drei Zerstörern und vier Torpedobooten. An Offizieren waren vorhanden: ein Generaladmiral, zwei Admirale, fünf Vizeadmirale, sieben Konteradmirale, 25 Kapitäne zur See und 100 weitere Marineoffiziere ...“ Er unterbrach sich verblüfft, denn Helen Mclvor war in ein silberhelles Lachen ausgebrochen, das ihn maßlos entzückte.

„Fünfzehn Admirale und sieben Kriegsschiffe!“, sagte sie lachend. „Wenn das nicht typisch ist für die nach dem zweiten Weltkrieg ,befreiten' malaiischen Nationen!“

Ambler zuckte die Achseln.

„Da mögen Sie schon recht haben, Miss Mclvor“, sagte er, und berichtete weiter: „Unter den insgesamt 140 patentierten Marineoffizieren befanden sich sogar einige, denen man die Führung eines großen Seglers oder kleinerer Motorschiffe hätte anvertrauen können, aber keiner hatte einen blassen Schimmer von der Seekriegstaktik. Am schlimmsten war das Fehlen technischen Personals. Für die seemännische Laufbahn hätte ich mir eine ganze Reihe der recht anstelligen Pantas auszubilden zugetraut, aber das Fehlen jeglichen technischen Verständnisses und der Mangel an Disziplin und Haltung brachte das alte schwimmende Material recht bald in größte Gefahr. Obwohl wir bereits im April soweit waren, alle sieben Schiffe bemannen und damit manövrieren zu können, erließ ich vorsichtshalber doch ein generelles Auslaufverbot und beschränkte mich weiterhin auf theoretische Übungen. Gleichzeitig erstattete ich an Staatspräsident Sujardo einen ausführlichen Erfahrungsbericht, der in der Forderung gipfelte, auf der Insel Taratua Werftanlagen zur Überholung der vorhandenen Einheiten einzurichten und im Ausland Schiffsingenieure und Rahmenpersonal für die Unterweisung und Ausbildung einheimischer Kräfte zu engagieren. Eine Woche danach erreichte mich der Befehl, mich an einem bestimmten Tag bei Staatspräsident Sujardo zum Rapport zu melden. Ich schnappte mir meinen französischen Oberbootsmann Louis Cavour und meinen Diener Ali, und wir fuhren zu dritt in einem Segelboot nach Bontany. In der Pantaischen Staatskanzlei, wo ich mich zu melden hatte, wurde ich von der Leibwache des Präsidenten überwältigt und verhaftet und danach in das Geheimdienstgefängnis eingewiesen. Hier schmore ich jetzt seit drei Monaten bei unzureichender Ernährung und allerlei kleinlichen Schikanen im eigenen Saft.“

„Aber weshalb hat man Sie denn verhaftet?“, erkundigte sich seine auch in ihrem derangierten Zustand überaus anziehende Landsmännin entsetzt.

„Man hat es mir nicht mitgeteilt, man hat mir auch nichts Schriftliches zugestellt. Ich könnte mir vorstellen, dass meine 15 Admirale dem Staatspräsidenten über die Einsatzbereitschaft seiner ,Flotte' etwas völlig anderes, Positives, gemeldet haben als ich, und dass man mich quasi als Saboteur hier festhält.“

„Das ist ja entsetzlich!“, stammelte Helen. „Was kann man dagegen unternehmen?“

„Aus meiner Sicht so gut wie nichts“, murmelte Ambler, „aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben und werde die erstbeste Gelegenheit zur Flucht wahrnehmen. - So, jetzt wissen Sie praktisch alles über mich. Wie ist es mit Ihrer Geschichte?“

Die Insel Panta hatte früher zu Niederländisch Indien gehört. Man mag über die niederländische Kolonialverwaltung denken, was man will, man wird trotzdem nicht um die Tatsache herumkommen, dass sie für die wirtschaftliche Erschließung ihrer ostindischen beziehungsweise indonesischen Kolonien Bewundernswertes geleistet hat. Trotzdem muss man ihr ein großes Versäumnis zum Vorwurf machen: Man hatte übersehen, Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Erschließung des Landes eine schlagkräftige Kolonialarmee aufzustellen. Dieses Versäumnis sollte sich fürchterlich rächen. Nach ihrem Eintritt in den zweiten Weltkrieg begannen die Japaner systematisch den südostasiatischen Raum zu erobern. Im Gegensatz zu Großbritannien, das seine Kolonien erst nach grausamen Kämpfen gegen eine erdrückende Übermacht aufgab, hatten die Niederländer den vorwärtsdrängenden japanischen Marineeinheiten, Truppen und Luftflotten, nichts entgegenzustellen. Insofern fiel Niederländisch Indien fast ohne Schwertstreich in die Hand der Söhne Nippons. Die von den Japanern solcherhand befreiten Malaien sahen sich im Handumdrehen unter der Knute einer neuen Knechtschaft. Sie wurden aber auch Zeuge, wie die Japaner mit den internierten Weißen umgingen und erfuhren bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal, dass man den Weißen auch anders als katzbuckelnd, demütig, unterwürfig entgegentreten konnte. Schauplatz empörender japanischer Übergriffe gegen die gefangenen einstigen Kolonialherren.

1945 kehrten die Holländer zurück, um ihre Kolonien wieder zu übernehmen — und entdeckten, dass es nichts mehr zu übernehmen gab. Aus allen Inseln hatten sich malaiische Freiheitsarmeen konstituiert, die ihre Forderung auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung mit Waffengewalt durchzusetzen vermochten. Wieder sahen sich die Niederländer außerstande, etwas dagegen zu unternehmen, und mussten nachgeben. Im Zuge dieser Umgliederung wurde auch Panta im Jahre 1950 eine selbständige, freie Republik.

Hatten die Truppen des späteren Staatspräsidenten Ernas den Kolonialkrieg gegen die Niederländer gewonnen, so konnten sie doch den Kampf um Wohlstand und Reichtum ihrer befreiten Heimat nicht gewinnen. Trotzdem hatte es zu Ernas' Lebzeiten keine unüberwindlichen Schwierigkeiten gegeben. Er hatte ausländische Experten ins Land gerufen, darunter auch Niederländer hatte sich von ihnen beraten lassen, ihnen Weisungsbefugnisse eingeräumt und mit eiserner Hand dafür gesorgt, dass ihre Weisungen auch befolgt wurden, wenn sie dazu geeignet erschienen, die wirtschaftliche Gesundung des Landes zu fördern. Nach seinem allzu frühen Tod war sein Nachfolger Sujardo auf seinem — Ernas' — Kurs weitergeschritten und dabei nicht schlecht gefahren. Später hatte er sich zu einem blutigen Diktator ausgewachsen; damit waren die Zustände entartet und allmählich unhaltbar geworden. Auch Staatspräsident Sujardo regierte mit eiserner Hand, aber er regierte von Fehlentscheidung zu Fehlentscheidung. Eine der größten war wohl der Versuch gewesen, eine Pantaische Kriegsmarine mit unzulänglichen Mitteln aufzubauen.

Die wirklichen Herren im Lande waren Typen wie Ahmad Keran, die graue Eminenz im Hintergrund, der als Geheimdienstchef nur dem Staatspräsidenten verantwortlich war und eine in ihrem vollen Umfang kaum abzuschätzende Macht in Händen hielt ...

 

*

 

Das offene, vertrauenswürdige, mannhafte Benehmen ihres Leidensgefährten machte Helen Mclvor Mut, auch ihre Geschichte zu erzählen.

»Ich bin geborene New Yorkerin“, sagte sie, „und heiße eigentlich Shaw, nicht Mclvor. Meine Mutter starb bei meiner Geburt; ich kam als Säugling zu der Schwester meiner Mutter, die mit dem Rechtsanwalt Mclvor verheiratet war, in Pflege und betrachtete die Mclvors als meine Eltern. Mein Vater, von Beruf Mineningenieur, kam 1942 mit den U.S. Airforces nach Ostasien. Er wurde mit seinem Flugzeug abgeschossen und geriet in japanische Gefangenschaft. Dort lernte er Hendrik Ernas kennen, den nachmaligen ersten Staatspräsidenten der Republik Panta. 1945 aus japanischer Gefangenschaft befreit, begleitete mein Vater seinen Freund in dessen Heimat, also hierher, und beriet ihn in allen Bergbaufragen. Die beiden gründeten zusammen die CONSOLITATED PANTANIAN MINES COMPANY in Bontany, und allein meinem Vater ist es zu verdanken, dass die bedeutenden Silbervorkommen der Insel erschlossen wurden. Er muss ein begnadeter Fachmann gewesen sein.

Die Leiden und Strapazen der japanischen Gefangenschaft hatten Hendrik Ernas' Gesundheit untergraben. Trotzdem gönnte er sich nach der Befreiung keine Ruhe, als es galt, die Republik Panta zu errichten. Schon 1955 konnte man absehen, dass es Ernas, der längst das Idol seiner Nation geworden war, nicht mehr allzu lange treiben würde. Bekannt war auch, dass Vizepräsident Sujardo die größten Chancen hatte, nach Ernas' Tod in dessen Position nachzurücken. Aus unbekannten Gründen verfolgte Sujardo meinen Vater schon zu Ernas' Lebzeiten mit mörderischem Hass. Deshalb verkaufte Vater 1957 seine Anteile an der C.P.M.C. für sechs Millionen Dollar an die Republik Panta. Das Rechtsgeschäft wurde völlig legal abgewickelt und durch Staatspräsident Ernas' eigenhändige Unterschrift bestätigt, die Vertragsurkunde durch zwei Ministerien beglaubigt. Nach Vertragsabschluss transferierte die Pantaische Regierung sechs Millionen Dollar an die New Yorker Außenstelle der ,Bank für internationalen Zahlungsausgleich' zugunsten eines neu zu errichtenden Kontos Irving B. Shaw.“

„Damit war ja alles in Ordnung!“, rief Ambler begeistert.

„Von wegen in Ordnung!“ Helen schnitt ein saures Gesicht. „Hören Sie weiter! Mein Vater blieb bis zum Tode seines Freundes und Gönners hier in Bontany, musste aber noch am Todestag des Präsidenten Hals über Kopf nach Singapur fliehen, weil er sonst von Sujardos Gangstern umgebracht worden wäre. Er rettete nur das nackte Leben und das, was er bei sich trug. Er konnte nicht einmal mehr den in seinem Hause verborgenen Verkaufsvertrag mit den Pantaischen Regierung abholen und musste ihn zurücklassen. Während mein Vater nach Singapur unterwegs war, erwirkte die neue Regierung Sujardo durch ihren UN-Vertreter in New York eine gerichtliche Sperrverfügung für das Konto Irving B. Shaw. Zu diesem Zweck wurden gefälschte Dokumente vorgelegt, aus denen hervorging, dass sich mein Vater die fraglichen sechs Millionen mit Hilfe korrupter Beamter illegal erschlichen habe. Allerdings kam die Affäre dem Gericht wohl wenig glaubwürdig vor, denn es wies den pantaischen Antrag auf Rückerstattung des Millionenbetrages ab und gab meinem Vater auf, binnen eines Jahres seine Beweismittel vorzulegen. Zum Glück besaß mein Vater in Singapur ein größeres Bankkonto. Damit hatte er alle Bewegungsfreiheit und konnte nach New York fliegen. Dort konnte sein Rechtsanwalt das Gericht von der Unmöglichkeit überzeugen, binnen eines Jahres die Beweismittel beizubringen. Im Jahre 1960 erging ein Beschluss, wonach die Frist auf sechs Jahre verlängert wurde. Diese Frist läuft am 31. Dezember 1965 ab. In New York beauftragte mein Vater eine Spezialagentur mit Nachforschungen nach mir. Er hatte vor seinem Abschuss durch die Japaner im Jahre 42 gerüchteweise gehört, dass ich gestorben sei, und wollte sich nunmehr Gewissheit verschaffen. Er hatte meine Tante, bei der ich aufgezogen wurde, nie gesehen, und den Namen ihres Mannes glatt vergessen. Die Mclvors wiederum waren 1942 vom Tode meines Vaters benachrichtigt worden und hatten mich nach angemessener Frist adoptiert. Seit meinem 19. Lebensjahr arbeitete ich in der Anwaltskanzlei Mclvors, den ich immer noch für meinen Vater hielt, als Schreibkraft.

Mein richtiger Vater, von dem ich nie etwas gehört hatte, war unterdessen nach Singapur zurückgekehrt und bereitete sich sorgfältig auf eine heimliche Reise nach Panta vor, wo er aus Bontany seine Dokumente holen wollte. Währenddem erreichte ihn aus New York die Nachricht, dass ich noch am Leben sei. Meine angebliche Mutter war schon Jahre zuvor, ihr Mann, mein angeblicher Vater, gerade um diese Zeit gestorben. Mein leiblicher Vater errichtete daraufhin in Singapur ein Testament zu meinen Gunsten und verfasste für mich über seinen Rechtsstreit mit der Pantaischen Regierung ein ausführliches Expose. Als er es gerade abgeschlossen hatte, wurde er des Nachts von einem Kraftwagen tödlich angefahren. Der Fahrer beging Fahrerflucht und wurde nicht ermittelt. Ob mein Vater tatsächlich einem Unfall zum Opfer fiel, oder von Panta Geheimagenten ermordet wurde, wird wohl für immer ungeklärt bleiben.

Im heurigen Februar wurde ich zu dem New Yorker Korrespondenzanwalt gebeten, den der in Singapur ansässige Mandatar meines Vaters ernannt hatte. Erst bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass die Mclvors nicht meine leiblichen Eltern gewesen waren und alles andere, was damit und mit dem Testament meines richtigen Vaters zusammenhing. Außerdem erhielt ich das Exposé, das mein Vater, Irving B. Shaw, kurz vor seinem Tode für mich niedergeschrieben hatte.“ Bei den letzten Worten hatte ihre Stimme verdächtig geschwankt. Sie nahm sich zusammen und sprach nach einer längeren Pause gefasst weiter: „Ich bin weiß Gott nicht geldgierig, Mr. Ambler, das müssen Sie nicht von mir denken, aber sechs Millionen Dollar sind sechs Millionen Dollar! Ich machte alles, was ich verkaufen konnte, zu Geld, gab meine Stellung auf und reiste mit dem Kursflugzeug von New York nach Manila. Dort machte ich die Entdeckung, dass es gar nicht so einfach war, die letzte Etappe Manila-Bontany zurückzulegen. Durch Zufall lernte ich einen Eurasier, einen überaus undurchsichtigen aber sehr hilfsbereiten Mann namens Thierry Feng kennen, der mir alle Wege ebnete und mich in seinem Charterflugzeug von Manila nach Bontany mitnahm. Ich glaubte es besonders schlau angestellt zu haben, als ich mich, die Naive spielend, an die pantaische Staatskanzlei wandte und mein Erbe reklamierte.“ Sie lachte bitter auf. „Wohlverstanden, ich reklamierte lediglich die Liegenschaften hier in Bontany. Das Haus meines Vaters und einige Grundstücke in der Stadt. Man machte mir keine Schwierigkeiten, oh nein, man war sogar so liebenswürdig, das Haus, das an einen höheren Regierungsbeamten vermietet war, in kürzester Frist zu räumen und mir zur Verfügung zu stellen.“

Ambler lachte trocken auf.

„Ich kann mir vorstellen, was jetzt kommt“, sagte er sarkastisch. „Man wusste natürlich, dass Ihr Vater ohne die Verkaufsdokumente geflohen war, andernfalls er sie ja in New York vorgelegt hätte und die Kontensperre aufgehoben worden wäre. Wenn er die Dokumente also nicht nach Singapur hatte mitnehmen können, waren sie noch hier. Wahrscheinlich hat man sein Haus immer wieder vergeblich durchsucht, um das Versteck der Dokumente zu finden. Als Sie dann plötzlich hier eintrudelten und das Haus als Ihr Eigentum reklamierten, witterte man Morgenluft und unterstützte Sie nach außen hin in jeder Hinsicht, hielt Sie aber in Wirklichkeit unter scharfer Bewachung ...“

„So war es!“, seufzte Helen. „Ich habe mich wie ein ganz dummes kleines Kind benommen. Gestern fand ich endlich das Geheimfach und nahm die Dokumente heraus. Fast im gleichen Augenblick ging die Tür auf, Major Keran — den ich schon vorher kennengelernt hatte — trat ein, kam herein, verhaftete mich, nahm mir Vaters Dokumente ab und ließ mich hierherschaffen.“

„Nun ist es natürlich mit den sechs Millionen Dollar Essig“, stellte Ambler fest. „Kerans erste Amtshandlung dürfte gewesen sein, die Dokumente zu verbrennen.“

„Ich glaube nicht, dass er das getan hat“, widersprach Helen. „Wir haben gestern und heute viele Stunden miteinander gestritten. Er verlangt von mir, dass ich eine Verzichterklärung zu seinen Gunsten unterschreibe und verspricht mir dafür meine sofortige Freilassung.“

„Um Himmels willen, tun Sie das ja nicht!“, rief Ambler erregt. „Ich kann mir vorstellen, wie das Theaterstück heißt, das Keran aufführt: Wenn er Ihres Vaters Dokumente vernichtet, verfallen die sechs Millionen Dollar zugunsten der Republik Panta. Ob die Bank für internationalen Zahlungsausgleich das Geld in Kürze freigibt oder erst in zwanzig Jahren, könnte in diesem Fall Keran und Präsident Sujardo gleichgültig sein, denn sie persönlich hätten dann nichts von dem Geld. Auf Grund meiner Kenntnis der Mentalität der beiden Herren glaube ich aber sagen zu können, dass Keran einen ganz besonders schmutzigen Schurkenstreich vorhat. Sie wollen, vermute ich, die Geschichte so hindrehen, dass die sechs Millionen Keran abgetreten und somit sein Eigentum werden. Er kann dann jederzeit das viele Geld abrufen und mit seinem hohen Herrn und Gönner teilen. In dem Augenblick, in dem Sie eine Verzichtserklärung oder Entschädigungs- und Übertragserklärung zu Kerans Gunsten unterschrieben haben, werden Sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Man wird Sie ermorden und Ihre Leiche wird nie gefunden werden.

Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen das so brutal ins Gesicht sage, aber Sie befinden sich in einer Lage, in der einem mit Schönrederei nicht geholfen ist.“

„Mir sind inzwischen auch die Augen aufgegangen. Ich begreife gar nicht, wie ich so leichtsinnig sein und hierherkommen konnte“, flüsterte Helen mit tränennassen Augen. Sie erschauerte. „Ich habe Angst“, flüsterte sie fast tonlos, „schreckliche Angst vor dem, was mir noch zustoßen wird. Ich befinde mich erst 24 Stunden in den Händen dieser Untermenschen, aber ich weiß jetzt schon, dass ich früher oder später doch dazu gebracht werde, alles zu unterschreiben, was man mir vorlegt, und anschließend ...“

„Nein, Helen, Sie werden nichts unterschreiben, und es wird Ihnen auch kein Haar gekrümmt werden“, behauptete Ambler, dessen männliche Beschützerinstinkte wach geworden waren. „Lassen Sie mich jetzt einen Moment nachdenken — mir ist gerade ein Gedanke gekommen ...“ Nach einer Weile hob er den Kopf. „Weiß dieser Mr. Feng, der Sie aus Manila hierher mitgenommen hat, von den sechs Millionen?“, fragte er.

Helen schüttelte entschieden den Kopf.

„Wo denken Sie hin! Ich habe den Teufel getan, ihm davon zu erzählen! Sie sind der einzige Mensch, dem ich das Geheimnis enthüllt habe. Ich weiß auch nicht warum, aber Sie haben mir sofort Vertrauen eingeflößt. Trotz Ihres wüsten Äußeren.“

„Danke!“ Ambler lächelte sarkastisch. „Ich werde ihr Vertrauen nicht enttäuschen. Das versichere ich Ihnen. Hören Sie, Helen, ich habe einen Plan ...“

Er kam nicht dazu, sich darüber zu äußern, denn im Korridor erklangen Schritte.

„Still, rühren Sie sich nicht, bleiben Sie sitzen!“, wies er das Mädchen an.

Die Schritte kamen näher, machten vor ihrer Zelle halt. Es war ein Mann unbestimmbaren Alters, der mit absoluter Selbstverständlichkeit aufschloss, zu den beiden hineintrat und sofort die Tür hinter sich wieder absperrte. Er trug die zerlumpte Kleidung eines chinesischen Kulis.

„Aber ... aber das ist ja ... Thierry Feng!“, rief Helen Mclvor fassungslos.

 

 

2

Feng machte eine herrische Handbewegung.

„Seien Sie ja still!“, zischte er und drängte die beiden in den finsteren Hintergrund der Zelle. „Für Höflichkeitsfloskeln ist jetzt weder Zeit noch Ort. Es ist zwar eine ausgesprochene Schufterei, einen Mann und eine Frau in einer Zelle zusammenzusperren, aber gerade in diesem besonderen Fall möchte ich es als Glückstreffer bezeichnen. Denn ich suche Sie beide, Miss Mclvor und Commander Ambler.“

„In der Tat?“, fragte Ambler ungläubig.

„Ich bin gekommen, um Sie hier herauszuholen“, fuhr der Halbchinese fort. „Warum? Nun, Miss Mclvor, deswegen, weil wie das Sprichwort sagt, ein guter Reisegefährte nicht im Stich gelassen werden darf. Bei Ihnen, Commander Ambler, steht die Sache anders. Ihnen bin ich nichts schuldig. Sie ohne Gegenleistung zu befreien, wäre Dummheit.“

„Dann bleibe ich eben hier“, sagte Ambler uninteressiert, der dem Eurasier nicht über den Weg traute, „denn ich bin arm wie eine Kirchenmaus.“

„Zu bescheiden, mein Lieber! — Sie irren, Sie sind nicht arm, sondern unendlich reich, und auf diesen Ihren Reichtum habe ich es abgesehen. Ich spreche von Ihren Fähigkeiten als Marineoffizier. Wir — meine Freunde und ich — haben Ihnen eine höchst gefährliche Aufgabe zugedacht. Ich kann mich hier nicht länger darüber auslassen. Ich kann Sie lediglich fragen, ob Sie unwiderruflich dazu bereit sind, uns zu helfen. In diesem Fall werden Sie noch in dieser Nacht befreit werden.“

„Meine Antwort lautet ja ...“, Ambler verzog mokant den Mund, „mit der entscheidenden Einschränkung, dass ich mir kein Verbrechen zumuten lasse.“

„Niemand wird Ihnen zumuten, ein Verbrechen zu begehen, Commander. Ich habe also Ihr Ehrenwort?“

„Ja.“

„Das genügt mir. Sie werden Ihr Wort nicht brechen!“ Feng knöpfte seine Jacke auf. „Hier, nehmen Sie rasch!“ Er übergab dem fassungslosen Nordamerikaner eine Pistole 38, zwei gefüllte Ersatzmagazine, ein komplettes Rasierzeug und einen sonderbar geformten Schlüssel. „Richten Sie sich fix einigermaßen menschlich her, Commander. Der Schlüssel ist ein Passepartout ...“

„Ein Hauptschlüssel also“, sagte Ambler verblüfft. „Sagen Sie bloß noch, dass er sämtliche Schlösser im Gefängnis aufsperrt!“

„Sie können sich darauf verlassen. Aber lassen wir das, hören Sie meine weiteren Anweisungen! Punkt ein Uhr ist es soweit. Den einzigen Wärter, der heute Nacht hier seines Amtes waltet, dürfte Ihnen nicht schwerfallen zu überwältigen. Aber töten Sie ihn nicht! Halten Sie sich nach Verlassen des Gebäudes ständig im Schlagschatten der Mauer, und gehen Sie in südlicher Richtung bis zur übernächsten Straßenkreuzung, und steigen Sie in die dort parkende Jeeplimousine ein! Ich werde in dem Jeep sitzen, und einer meiner Freunde wird chauffieren. Wiederholen Sie jetzt bitte diese Anweisungen!“

Ambler gehorchte wie ein Träumender. Was er sich drei Monate lang Tag und Nacht ersehnt hatte, sollte nun auf einmal Wahrheit werden. Es war ihm klar, dass der Halbchinese nicht aus reiner Nächstenliebe handelte, sondern dringend seiner Hilfe bedurfte. Das war Ambler im Augenblick jedoch gleichgültig. Hauptsache, er kam erst einmal hier aus dem Gefängnis heraus. Alles Weitere würde sich dann schon finden.

Feng hatte wirklich an alles gedacht. Bevor er die Zelle wieder verließ, übergab er Ambler eine Armbanduhr.

„Es ist eine gute, genau gehende Uhr, Commander“, sagte er in seinem ausgezeichneten Englisch, das er mit etwas singendem Tonfall sprach. „Sie geht mit meiner synchron. Das ist wichtig, weil wir nachher keine Sekunde zu verschenken haben. Ich sage Ihnen ganz offen, dass wir nicht in Bontany bleiben, sondern sofort nach Rajapasu fahren werden.“

„Nach Rajapasu ...“, wiederholte Ambler gedehnt. „Das sind etwa hundert Kilometer nach Norden. Und das bei Nacht ...!“

„Machen Sie sich um diesen Punkt kein Kopfzerbrechen, das ist unsere Angelegenheit.“

Der undurchsichtige Halbchinese drückte beiden feierlich die Hand, sperrte die Gittertür auf und entfernte sich — Helen und Ambler in größter Unruhe und Aufregung zurücklassend.

„Wie spät ist es?“, fragte Helen Mclvor leise.

„Null Uhr 45. Wir müssen noch genau 15 Minuten warten“, erwiderte Ambler ebenso leise.

„Womit müssen Sie noch fünfzehn Minuten warten?“, fragte vor der Gittertür eine ihnen wohlbekannte, verhasste, anmaßende Stimme, die Major Kerans. Ambler hatte sich sofort wieder gefasst.

„Sieh da, sieh da, hoher Besuch!“, rief er höhnisch. „Was verschafft uns die hohe Ehre und das besondere Vergnügen, Sie zu so später Stunde hier zu sehen, Herr Major?“

„Ich habe noch immer keine Antwort auf meine Frage!“, donnerte der Geheimdienstchef.

„Wollen Sie nicht hereinkommen und uns die Ehre erweisen, ein Viertelstündchen mit uns zu verplaudern, Herr Major?“, griff Helen schnell ein.

Keran musterte sie aus verkniffenen Augen.

„Einer so charmanten Aufforderung habe ich noch nie widerstehen können“, sagte er hinterhältig. Er sperrte tatsächlich die Gittertür auf und trat ein. Er schob Helen beiseite und baute sich drohend vor Ambler auf.

„Was ist in fünfzehn Minuten, Commander? Worauf müssen Sie noch so lange warten?“

„Dass es endlich ein Uhr nachts ist!“, erwiderte Ambler höhnisch. „Wir beabsichtigen nämlich heute Nacht noch auszubrechen. Als günstigsten Zeitpunkt haben wir ein Uhr nachts festgesetzt — und bis dahin fehlten gerade noch fünfzehn Minuten.“

Über Kerans undurchsichtiges Pokergesicht zuckte ein teuflisches Grinsen.

„Dann war es also vorhin genau null Uhr 45?“

„Ganz recht, Herr Major.“

Kerans Grinsen wurde breit.

„Ich frage mich nur, wie Sie das so präzis feststellen konnten, nachdem weder Miss Mclvor noch Sie über eine Uhr verfügen. Würden Sie mir dieses Rätsel lösen?“

Mit Ausreden durfte man dem misstrauischen, höchst intelligenten Geheimdienstmann nicht mehr kommen. Deshalb beschritt Ambler den einzigen gangbaren Ausweg. Er sagte: „Gestatten Sie bitte, Herr Major ...“, packte ihn mit beiden Händen blitzschnell am Hals und drückte zu.

Der ihm körperlich unterlegene, aber sehr gewandte Geheimdienstchef wollte sich durch einen gemeinen Kniestoß in Amblers Unterleib revanchieren, doch Ambler hatte seine Absicht bemerkt, wich mit dem Unterkörper aus, und Kerans Schlag ging ins Leere. Sein puterrot angelaufenes Gesicht verfärbte sich bläulich, seine verzweifelten Bemühungen, sich loszureißen, erlahmten. Ein wildes Aufbäumen und spasmisches Zucken erschütterten seinen Körper, danach wurden seine Muskeln plötzlich schlaff.

„Ist er bewusstlos?“, fragte Helen, die ungerührt zugesehen hatte. „Rasch fesseln und knebeln. Zu dumm! Der Besuch dieses hinterlistigen Burschen hat uns gerade noch gefehlt! Was wollte er eigentlich von uns?“

„Das war nicht meine Absicht“, murmelte Ambler betreten und ließ den schlaffen Körper los. „Ich wollte ihn wirklich nicht töten — aber seine Konstitution scheint etwas sehr schwach gewesen zu sein ...“

„Um Himmels willen!“, stöhnte Helen entsetzt. „Wollen Sie ... wollen Sie damit sagen ... Soll das heißen, dass er — dass er ...? — Verdammt, das hätte nicht auch noch kommen dürfen!“

„Rasch, fassen Sie mit an! Wir zerren ihn unter die Pritsche. Nur dort können wir ihn verbergen. Danach können Sie gleich Fengs Passepartout ausprobieren, denn wir müssen schleunigst die Zellentür wieder zusperren.“

Als Ambler den Hauptschlüssel gerade aus dem Schloss gezogen hatte, erklangen energische Schritte auf dem Gang. Gleich darauf stand ein für einen Malaien ungewöhnlich großer Armeeoberst in glänzender Uniform vor der Zellentür.

„Wo ist Major Keran?“, fragte er barsch.

„Woher sollen wir das wissen?“, antwortete Ambler vorsichtig. „Ich habe keine Ahnung, wo er hingegangen ist. Er war vor ein paar Minuten bei uns, ist aber gleich wieder weggegangen.“

„Unsinn, ich habe vor der Tür auf ihn gewartet, er ist aber bis jetzt nicht zurückgekommen!“, fuhr ihm der Oberst grob über den Mund.

„Dann hat er sich wahrscheinlich durch einen anderen Ausgang entfernt.“ Ambler zuckte gleichgültig die Achseln.

Die tückisch blickenden kleinen Augen des Obersten verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Oder es ist ihm hier etwas zugestoßen“, zischte er. „Sie haben ihn nicht zufällig ermordet und seine Leiche versteckt?“

„Sofern Ihre Vermutung zuträfe, Herr Oberst, wären wir doch längst nicht mehr hier“, konterte Ambler hitzig. „Wir hätten Major Kerans Schlüsselbund an uns genommen und uns schleunigst aus dem Staub gemacht. Wie Sie sich bitte selbst überzeugen wollen, ist die Gittertür leider noch versperrt. Nach wie vor. Aber wenn Sie uns trotzdem nicht trauen — bitte sehr, sperren Sie auf, kommen Sie herein, und sehen Sie selbst, nach!“

Der Oberst fühlte sich auf den Arm genommen, warf ihnen ein wüstes Schimpfwort an den Kopf, spuckte mit einem giftigen Seitenblick auf Helen aus, drehte sich auf dem Absatz um und entfernte sich, wütend fluchend.

 

*

 

„Los, wir hauen ab!“, drängte Ambler.

„No, wir dürfen erst in vier Minuten gehen. Punkt eins hat Feng gesagt.“

„Vorher muss ich Ihre Dokumente aus Kerans Zimmer holen. Los jetzt, keine Widerrede, wir gehen!“

„Sie werden wegen Geld auf keinen Fall Ihr Leben riskieren!“, widersprach sie energisch.

„Überlassen Sie die Entscheidung darüber ruhig mir, Miss Mclvor!“, fertigte er sie kurz ab. „Sechs Millionen Dollar sind sechs Millionen triftige Gründe, ein gehöriges Risiko einzugehen.“

„Ach sooo ...“, flüsterte sie gedehnt. „Sie spekulieren natürlich auf eine Belohnung von 50 Prozent!“

Ambler erstarrte. Er blickte Helen ungläubig an. Er glaubte sich verhört zu haben.

„Das ist doch nicht Ihr Ernst!“, brauste er auf.

Sie sagte dazu weder ja doch nein und starrte beharrlich zu Boden. Deshalb verstummte auch er und ging zur Tür, Helen am Handgelenk hinter sich her zerrend. Nachdem er aufgesperrt hatte, traten sie in den Korridor hinaus.

„Gleich hinter der Brandmauer am Ende des Korridors liegt Kerans Dienstappartement“, wurde er von Helen informiert.

Die Pistole hielt er gespannt und entsichert in der rechten Hand. Kerans Pistole, eine russische Tokarew, hatte er Helen überlassen, die angeblich mit der Waffe umzugehen verstand.

Percival Ambler hatte mit seiner Vermutung recht gehabt. Fünf Minuten später war er im Besitz der für Helen so überaus kostbaren Dokumente, bei deren Vorlage sie in New York sechs Millionen Dollar abheben konnte.

Aber noch war es nicht soweit. Fast der halbe Erdball trennte die Millionenerbin von ihrem Vermögen. Und beide, Helen wie Ambler, hatten das sichere Empfinden, dass es noch eine Unzahl Komplikationen geben werde, bevor sie endlich wieder in New York einträfen — wenn überhaupt ...

 

 

3

Panta feierte den Tag, an dem sich seine Unabhängigkeit zum fünfzehnten Male jährte, mit großem Pomp und Aufwand und südlichem Temperament. In Bontany, der Hauptstadt des jungen Staates, ging es schon seit den Morgenstunden hoch her.

Im Staatsgefängnis war tatsächlich nur ein einziger Wärter zurückgeblieben, der sich dafür, dass er nicht an den Feiern teilnehmen durfte, auf seine Art schadlos gehalten und dem Alkohol so lange zugesprochen hatte, bis er sternhagelvoll war. Den betrunkenen Wächter zu überwältigen war geradezu ein Kinderspiel. Percival Ambler erledigte den alten Mann sozusagen mit der linken Hand. Er zerrte ihn in eine unbelegte Zelle, fesselte ihn an die Pritsche und überließ ihn seinem Schicksal.

Jetzt war der Weg für sie frei. Der Himmel allein wusste, wie weit ...

Ambler war immer noch skeptisch.

 

*

 

Im Jahre 1950 hatte das pantaische Volk seine Unabhängigkeit durchgesetzt, Panta war ein selbständiger Staat geworden. Die Führer der Revolutionsarmee, die jahrelang erbittert gegen die niederländische Kolonialherrschaft gekämpft hatten, sahen sich von einem zum anderen Tag in die Situation versetzt, nun selbst die Macht im Staate ausüben zu müssen.

Die Männer, die im Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmungsrecht ihre Haut zu Markte getragen und den Sieg erfochten hatten, spekulierten auf den Lohn ihres blutigen Einsatzes. Das kam der neuen Regierung recht ungelegen. Sie machte die alte Erfahrung aufs Neue, dass eine Revolutionsarmee leichter anzuwerben und aufzustellen ist, als hinterher wieder aufzulösen.

Nur ein geringer Prozentsatz der Freiheitshelden der jungen Nation konnte in die neu aufgestellte Armee übernommen werden. Die große Masse wurde regional umgegliedert; das heißt, die Armee entließ ihre Soldaten nicht gleich in Bausch und Bogen an Ort und Stelle, sondern sie wurden bataillonsweise in ihre engere Heimat zurückgebracht und dort erst endgültig demobilisiert. Auf diese Weise schaffte man sich in Bontany und im Vorfeld der Landeshauptstadt die Enttäuschten vom Hals, die in ihrer Naivität geglaubt hatten, nach dem Sieg würden sie in ein Schlaraffenland versetzt werden.

In dem Bestreben, ein schwieriges Problem einer Ideallösung zuzuführen, hatte die Regierung übersehen, sich auch der überzähligen Offiziere zu entledigen. Es waren wesentlich mehr als freie Stellen in der neu aufgestellten regulären Armee, den Regierungsstellen und der Polizei zur Verfügung standen. Hinzu kam, dass die wenigsten unter ihnen der geistigen und kulturellen Elite angehörten. Die meisten waren Landsknechtführer ohne jede Bildung. Viele hätte man ohne weiteres als Räuberhauptleute bezeichnen können. Solchen Leuten wird das „Revolution machen“ nur zu leicht zur Gewohnheit.

Sobald die Geprellten, leer Ausgegangenen endgültig eingesehen hatten, dass sie — die Nationalhelden von gestern — leeren Versprechungen aufgesessen waren und von der Regierung günstigstenfalls einen Fußtritt, ungünstigstenfalls einen Platz im Gefängnis erhalten konnten, zogen sie sich ins Innere des Landes zurück und gründeten Räuberbanden.

Nach Staatspräsident Ernas‘ Tod war es zu einer örtlich begrenzten Gegenrevolution gekommen, die aber von der Armee schnell niedergeschlagen wurde. Daraus zogen die Rädelsführer die Schlussfolgerung, dass es unklug sei, einen zentral gelenkten Kampf gegen die Allmacht des Staates zu führen. Die Bandenführer trennten sich, und jeder suchte sich samt seinen Anhängern im Dschungelbergland ein Operationsgebiet, um dort auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung ein arbeitsloses Herrenleben zu führen. Anderthalb Jahrzehnte nach der Befreiung der Panta Nation machten diese Verbrecherbanden der Regierung immer noch schwer zu schaffen.

In jüngster Zeit hatte sich eine Bande dreist entlang der wichtigen Fernverkehrsstraße Bontany-Rajapasu festgesetzt. Trotz größter Anstrengungen war es den Regierungstruppen bisher nicht gelungen, das Gros des Banditenhaufens in seinen Verstecken aufzuspüren, geschweige denn, es zu vernichten. Weil es in der ganze fünfzehn Jahre alten „Geschichte“ des Staates Panta schon wiederholt vorgekommen war, dass Räuberbanden diese wichtige Verkehrsschlagader als Operationsgebiet auserkoren hatten, waren acht Jahre zuvor in regelmäßigen Abständen daran Staatspolizei Stationen eingerichtet worden. Diese Posten wurden ihrer Aufgabe, Leben und Sicherheit der Reisenden zu gewährleisten, wenigstens tagsüber gerecht, und bei Nacht reiste ohnehin kein Mensch. Den Banditen waren die Polizeikommandos aus verständlichen Gründen ein Dorn im Auge, sie scheuten keine Opfer, um immer wieder einmal einen solchen Posten auszuheben. So hatte sich auch die erwähnte „Gang“ für den 23. Juni die Überrumpelung und Vernichtung des Polizeipostens 17 vorgenommen. Pünktlich um drei Uhr morgens sollte der Film anrollen ...

 

*

 

Ein Chinese namens Pan lenkte die Jeeplimousine. Neben ihm hatte Helen Mclvor Platz gefunden. Feng und Ambler hatten es sich auf den Rücksitzen bequem gemacht. Sie fuhren an endlosen Reisfeldern und vereinzelten Bauernhütten vorbei. Niemand sprach ein Wort; jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.

Ambler hatte ein ausgesprochen unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Für seinen Geschmack war alles zu leicht gegangen. Nachdem er den einzigen Gefängniswärter mühelos überwältigt hatte, hatte niemand seiner und Helens Flucht etwas in den Weg gelegt. Ungehindert waren sie mit Hilfe des Hauptschlüssels aus dem Gefängnisgebäude hinaus gelangt und in die von Feng angegebene Richtung weitergegangen. Der Stadtrandbezirk, wo das Geheimdienstgefängnis lag, war in dieser Nacht entvölkert; eine hochgestimmte, freudig erregte, aufgeputschte Menschenmenge wälzte sich durch die Straßen des Stadtkerns und feierte, ihrem südländischen Temperament entsprechend, mit ohrenbetäubendem Lärm die fünfzehnte Wiederkehr des Unabhängigkeitstages. Kanonenschläge krachten. Feuerwerkskörper schossen zischend zum Himmel hinauf, zerplatzten und versprühten bunte leuchtende Sterne. Als sie bei der dritten Straßenkreuzung anlangten, war der Jeep gerade vorgefahren. Der Wagenschlag öffnete sich, sie stiegen schnell ein und sofort zog der Wagen wieder an.

Obwohl der ortskundige chinesische Fahrer, soweit das möglich war, die Innenstadt mied, war es doch einige Male geschehen, dass der Jeep plötzlich von einer im Begeisterungstaumel übermütigen Meute umringt worden war, die die Weiterfahrt verhinderte.

Man hatte geduldig herzklopfend abgewartet, bis die ekstatische Menschenmenge endlich die Fahrbahn gnädig freigegeben hatte. Herzklopfend deshalb, weil ein einziges falsches Wort, ja sogar nur eine ungeschickte Geste Anlass genug gewesen wäre, die vier Insassen aus dem Jeep zu zerren und womöglich in Stücke zu zerreißen. Diese Gefahr war, seitdem man die nach Norden führende Straße bereits erreicht hatte, zum Glück nicht mehr akut.

Thierry Feng brach endlich das verbissene Schweigen. Er räusperte sich.

„Sie werden sich gefragt haben, Commander, aus welchem Anlass wir auch Sie aus dem Gefängnis herausgeholt haben und werden zu dem Schluss gekommen sein, dass wir aus irgendeinem Grund besonderen Wert auf Ihre Person legen.“

„Stimmt“, erwiderte Ambler vorsichtig. „dass sich ein Unbekannter für mich so entschlossen einsetzte, hat mich mit Überraschung erfüllt, und ich brenne darauf zu erfahren, welchem besonderen Umstand ich diese Hilfsbereitschaft verdanke. Wahrscheinlich spekulieren Sie auf meine Dankbarkeit.“

Der Halbchinese lächelte breit, ehe er weitersprach: „In der Tat, wir spekulieren auf Ihre Dankbarkeit. Ich weiß nicht, ob Ihnen aufgefallen ist, dass die Pantas kaum kaufmännische Fähigkeiten besitzen. Vor 1942 waren Handel, Export und Import in niederländischen Händen und nach 1949 ausschließlich eine Domäne der Chinesen. Präsident Ernas, der wie kein zweiter sein Volk kannte, förderte die chinesischen Geschäftsleute nach Kräften. Sie erfreuten sich seines besonderen Schutzes und seines Wohlwollens. Unter seinem Nachfolger Sujardo wurde dies allmählich anders. Meine chinesischen Landsleute ...“

„Verzeihung“, wurde er von Ambler unterbrochen, „sagten Sie nicht: Landsleute? — Ich glaubte bisher, Sie wären ein Halbchinese.“

„Ich bin der Sohn eines anglofranzösischen Vaters und einer chinesischen Mutter“, ging Feng darauf ein, „fühle mich jedoch trotz meines diskrepanten Bluterbes in erster Linie dem Volk meiner Mutter zugehörig. Denn die Chinesen haben mich immer als einen der ihren gelten lassen, während ich für das Gros der Weißen zeitlebens der ,stinkende Bastard', das ,gelbe Vieh', der ,schmierige Stiefelputzer' war.“

„Wenn es so ist, kann ich Ihre Einstellung durchaus verstehen.“

„Ja, Sie! Sie sind aber auch wirklich ein weißer Rabe!“ Thierry Feng seufzte. „Wo war ich doch stehengeblieben? Richtig, bei Sujardo. Sujardo hasst uns Chinesen mit einem geradezu orthodoxen Hass. Im selben Maße, wie er allmählich einen pantaischen Kaufmanns und Händlerstand aufbaute, baute er die wohlerworbenen Privilegien des chinesischen Bevölkerungsteiles ab. Leider vergingen kostbare Jahre, bis meine chinesischen Landsleute endlich einsahen, dass sie das Objekt eines wohlgezielten Vernichtungsfeldzuges geworden waren. Zu Beginn dieser Aktion hat man uns nur alle steuerlichen Vergünstigungen gestrichen. Der zweite Akt war die Einführung von Sondersteuern für den chinesischen Bevölkerungsteil. Danach erst traf uns der erste Hieb, der bis ins Mark ging. In Panta benötigt man — was Ihnen sicher nicht aufgefallen ist — für jegliche Art geschäftlicher Betätigung eine staatliche Lizenz. Diese Lizenz wird seit 1961 vom Staat eingezogen, wenn ein chinesischer Geschäftsmann stirbt. Vorher brauchte sie der Erbe nur auf seinen Namen umschreiben zu lassen, es war eine reine Formsache. Seit Februar 1961 verweigert man diese Umschreibung ohne jede Begründung und vergibt die erledigte Lizenz an einen pantaischen Bewerber.“

„Ich nenne so etwas lautlose Enteignung“, sagte Ambler.

„Genau! — Es kommt aber noch schöner - der neue pantaische Lizenzinhaber denkt natürlich nicht daran, selbst ein Geschäft aufzumachen, sondern vermietet die Lizenz legal an den Erben des Chinesen. Gegen eine 20prozentige Umsatzprovision. Das macht also bei einem Jahresumsatz von 1.000 000 Kapak 200 000 Kapak aus. Unterdessen haben sich die Verhältnisse dahingehend geändert, dass man bei einer Million Umsatz allenfalls einen Rohgewinn erzielen kann, der zwischen 80 000 und 150 000 Kapak liegt. Mit anderen Worten, der Geschäftsmann, der darauf eingeht, verblutet sich finanziell mit der Zeit. Vor zwölf Monaten habe ich einen chinesischen Geheimbund gegründet, dem heute alle Landsleute angehören, die etwas zu verlieren haben. Wir rüsten uns seit langem auf den Tag X, an dem wir das Land verlassen müssen, und haben unser Vermögen heimlich in wertbeständige Valuta, Gold und Pretiosen umgewandelt, soweit es eben möglich war. Vor zwei Monaten holte Sujardo zu einem neuen vernichtenden Schlag aus. An einem Tag wurden sämtliche in chinesischem Eigentum befindlichen Schiffe enteignet. Ganz im Gegensatz zu der hier landesüblichen Gepflogenheit in derartigen Fällen die Auszahlung der Entschädigungssumme um Jahre zu verzögern, wurden die chinesischen Schiffseigner binnen weniger Wochen abgefunden. Und zwar dergestalt, dass man den momentanen Abschreibungswert des jeweiligen Schiffes großzügig auf Dollarbasis festsetzte, aber in Landeswährung nach der Relation drei Kapak = 1 US Dollar vergütete.“

„In der Tat verdammt großzügig“, entrüstete sich Ambler. „Bei dieser Relation rechnete man den Kapak zu 33 Cent, während in Wirklichkeit ein Kapak 0,5 Cent gleichzusetzen ist.“

„Sehr richtig“, bestätigte Feng ernst. „Mit anderen Worten, für einen Dollar enteigneten Schiffswertes wurde der Enteignete mit 1,5 Cent abgefunden. In meinem Sprachgebrauch heißt so etwas schlicht Diebstahl! Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfuhr, sollen nun im kommenden Monat alle Kraftfahrzeuge, die Chinesen gehören, eingezogen werden. Zum gleichen Entschädigungskurs.

Der Tag ist damit angebrochen. Wir haben beschlossen, die Republik Panta raschestens zu verlassen. Unter Mitnahme unseres Vermögens, versteht sich, soweit es flüssig und mobil ist.“

„Ich kann Sie gut verstehen“, sagte Ambler nachdenklich. „Aber wie wollen Sie die Insel verlassen, nachdem man alle Chinesen ihrer Schiffe beraubt hat?“

„Ein einziger chinesischer Reeder wurde nicht enteignet, HoF‘u in Rajapasu Bay. HoF‘u hat von Anfang an mit der pantaischen Regierung gemeinsame Sache gemacht, sich für sie als Spion betätigt, seine Landsleute bespitzelt und ausgehorcht und dafür die pantaische Staatsangehörigkeit eingehandelt. HoF'u ist Eigner des alten Schaufelraddampfers ,Panta Queen‘. Ich beabsichtige sie ihm abzunehmen, rund dreihundert Chinesen darauf einzuschiffen und bei Nacht und Nebel durch die Sulu See nach Mindanao zu dampfen. Sobald wir die Philippinen erreicht haben, sind wir in Sicherheit. Um unseren Plan in die Tat umsetzen zu können, fehlte uns bisher ein erfahrener Schiffsführer. Wir glauben ihn in Ihrer Person gefunden zu haben. Sie sollen die ,Panta Queen' mit meinen Landsleuten wohlbehalten zu den Philippinen bringen — und damit die Dankesschuld begleichen, die durch Ihre Befreiung aus dem Staatsgefängnis für Sie entstanden ist. - Sind Sie damit einverstanden?“

„Wenn es weiter nichts sein soll — mit tausend Freuden!“, sagte Ambler ohne lange zu überlegen. „Allerdings mache ich die Einschränkung, dass ich mir zuerst einmal die ,Panta Queen' ansehen muss, ehe ich mich endgültig entscheide.“

„Ich fürchte, Sie sehen Ihre Situation nicht ganz richtig, Commander Ambler“, wurde ihm kühl bedeutet. „Wir — meine Freunde und ich — werden auf jeden Fall mit der ,Panta Queen' die Insel verlassen. Auch in jenem Fall, wenn Ihnen das Schiff nicht als seetüchtig erscheint. Wir würden selbst ein unerträgliches Risiko übernehmen. Weil es dennoch wesentlich kleiner wäre als das andere, das auf uns zukommt, sofern wir auf Panta geduldig abwarten, bis man uns verhaftet, ins Konzentrationslager steckt und dort ganz langsam verhungern lässt. — Sind Sie jetzt mitgekommen?“

„Ich habe es gehört“, bestätigte Ambler wesentlich kühler als zuvor.

 

*

 

Es waren fünf zerlumpte Gestalten, die um 2 Uhr 55 gegenüber Polizeistation 17 im Straßengraben lagen. Die Zeit des befohlenen Überfalls — Punkt drei Uhr — war deshalb gewählt worden, weil um diese Zeit nicht mit dem Erscheinen von Fahrzeugen auf der Landstraße zu rechnen war.

Doch mit des Geschickes Mächten ...

Punkt zwei Uhr 55 erblickte der Anführer der Banditenrotte im Süden zum ersten Mal ein zitterndes Lichtbündel und erschrak zu Tode, weil er sofort die Komplikation erfasste, die in dem unvermuteten Auftauchen eines Kraftwagens lag. Ihm war vom Bandenchef befohlen worden, Punkt drei Uhr Station 17 anzugreifen. Man hielt bei der Bande eiserne Disziplin. Auf Ungehorsam stand der Tod. Deshalb entschloss sich der Mann dazu, trotz des gerade auftauchenden Kraftwagens, den Auftrag befehlsgemäß durchzuführen.

Von der Fünfmannbesatzung des Polizeipostens schliefen um diese Zeit drei. Zwei Mann hielten Wache. Als sie die näherkommenden Scheinwerfer bemerkten, griffen sie sofort nach ihren Maschinenpistolen, erhoben sich und traten auf die Straße hinaus. Dort knipsten sie ihre Taschenlampen an, schoben die roten Blenden vor den Fokus und signalisierten damit dem näherkommenden Fahrzeug, es möge anhalten.

Als der Fahrer hundert Meter vor sich die Lichtsignale sah, trat er gehorsam auf die Bremse. Weder er noch Feng hatten damit gerechnet, angehalten zu werden. Auch Feng und Pan Yu Lan sahen sofort Komplikationen voraus. Feng griff deshalb zu seiner Maschinenpistole, die bisher im Fußraum gelegen hatte, und der Fahrer konzentrierte sich auf die folgenden Ereignisse,

Auch Ambler zog seine P 38 und machte sie schussfertig, als er bemerkte, dass seine Begleiter augenscheinlich mit einer bewaffneten Auseinandersetzung rechneten. Nur Helen Mclvor, die kurz zuvor erschöpft eingeschlafen war, merkte nichts von der auf sie zukommenden Gefahr.

Der Jeep rollte aus und blieb vor den beiden Polizisten stehen, die ihre Maschinenpistolen auf die Kühlerfront gerichtet hielten. Es war Punkt zwei Uhr 59, als der Wagen zum Stehen kam. Einer der beiden Polizisten nahm seine MP hoch und trat an den linken Wagenschlag heran, der andere blieb stehen und hielt sie immer noch auf den Kühler gerichtet.

Details

Seiten
165
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939279
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
meer gehetzten
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Titel: Meer der Gehetzten