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Die Nacht, als die Apachen kamen

2020 131 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Nacht, als die Apachen kamen

Copyright

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Die Nacht, als die Apachen kamen

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Zum zweiten Mal schallte der Käuzchenruf klagend durch die Nacht. Billy McLean packte sein Gewehr fester. Seine Nackenhaare sträubten sich, als er sah, wie sich beim Corralzaun die verschwommenen Umrisse eines Busches plötzlich bewegten. Billy hob das Gewehr an die Schulter. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben, während er zielte. Als er das schabende Geräusch hinter sich hörte, war es bereits zu spät. Er wurde zurückgerissen. Eine harte Hand presste sich auf seinen Mund. Im nächsten Moment durchbohrte der scharfe Stahl eines Apachenmessers sein Herz. Eine halb nackte Gestalt richtete sich neben Billys Leiche auf, und der Ruf des Käuzchens ertönte zum dritten Mal ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Eine breite Lichtbahn fiel aus der Tür des Ranchhauses über den Hof. Auf der Schwelle drehte sich John Harris, der lederhäutige Vormann der Rutledge Ranch, nochmals um.

»Ich werd’ die Wachen verdoppeln, Miss Nelly. Schlafen Sie also unbesorgt! Und machen Sie sich keine Gedanken mehr wegen Ihres Vaters. Mit ein paar lausigen Viehräubern wird der Boss noch allemal fertig. Ich bin sicher, morgen um diese Zeit ist er längst wieder zurück.«

Die junge Frau, die beim steingemauerten Kamin stand, lächelte. Aber der Ausdruck einer unbestimmten Sorge in ihren blauen Augen blieb. Der Schein der Petroleumlampe umfloss ihre anmutige Gestalt und vergoldete das im Nacken zusammengebundene blonde Haar.

»Schon gut, John. Ich danke Ihnen.«

Harris räusperte sich.

»Na dann, gute Nacht, Miss Nelly.«

»Gute Nacht, John.«

Er schloss die Tür, setzte den Stetson auf. Als er an den Rand des überdachten Vorbaus trat, kam ein leiser Käuzchenruf vom Corral herüber. Die hagere Gestalt des Weidereiters erstarrte. Auf einmal und ohne dass er’s sich erklären konnte, hatte er das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.

Die Nacht war kühl wie die meisten Nächte in diesem halb wüstenhaften Land, in dem Sam Rutledge sich eine eigenes kleines Königreich aufgebaut hatte. Im fahlen Sternenschimmer waren die Gipfel der nahen Pinaleno Mountains nur zu ahnen.

Harris wartete darauf, dass sich der Käuzchenschrei wiederholte. Doch nichts geschah. Kein Laut durchdrang mehr die Finsternis. Kein Pferd schnaubte, und von den Tritten des Wachpostens war nichts zu hören. Harris blickte rasch zum Bunkhouse hinüber. Licht schimmerte durch die Ritzen der geschlossenen Läden. Im Haus hinter ihm war es still. Harris’ Rechte kroch zur Halfter.

»Billy!«, rief er leise. Und nach ein paar Atemzügen ein wenig kräftiger: »Billy, zum Kuckuck, wo steckst du? Melde dich!«

Drüben beim Corral malmten Tritte. Eine schemenhafte Gestalt bewegte sich auf den Hof. Der Vormann erkannte den matten Schimmer eines Gewehrlaufs. Aber dann, als er schon erleichtert aufatmen und die Hand von der Waffe ziehen wollte, erkannte er auch, dass es nicht die Umrisse von McLeans schlanker Gestalt waren.

Eisiger Schreck durchfuhr ihn. Er wollte zurückspringen, den Sixshooter herausreißen. Da drang ihm ein Pfeil zwischen die Rippen. Die Wucht des Treffers riss den hageren Mann halb herum. Es war der verzweifelte Gedanke an die Tochter seines Bosses, der ihn mit fast übermenschlicher Energie auf den Füßen hielt. Schwankend brachte er den Colt aus der Halfter. Sein Mund öffnete sich zum Schrei. Das tödliche Schwirren in der Dunkelheit war schneller. Ein Pfeil durchbohrte John Harris’ Kehle. Der Vormann war schon tot, als seine knochige Gestalt von der Verandakante in den Staub des Ranchhofs stürzte.

Ein Schatten glitt katzenhaft hinter der Hausecke hervor, huschte zu ihm, setzte das Skalpiermesser an. Gleichzeitig tauchten neben dem Mann auf dem Hof, der Billy McLeans Winchester hielt, weitere wie aus der Schwärze hervorgezauberte Gestalten auf. Ein herrischer Wink und ein leises gutturales Kommando verteilte die gespenstische Schar. Die dicksohligen Apachenmokassins schienen über dem Boden zu schweben.

Unvermittelt klappte die Tür des Ranchhauses nochmals auf.

»John, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit haben ... Mir ist eben ...«

Nelly Rutledges Stimme brach ab. Die Augen der jungen, blonden Frau weiteten sich entsetzt, als sie in dem aus der Tür flutenden Licht den Apachen sah, der sich mit Harris’ Skalp in der linken und dem blutigen Messer in der rechten Faust am Fuß der Verandastufen aufrichtete. Köcher und Kriegsbogen hingen auf seinem Rücken. Ein wildes Grinsen erschien auf seinem breitknochigen Gesicht. Er sagte etwas in einer kehligen, fremden Sprache. Dann war er mit einem Satz, ohne dass seine Füße eine der Stufen berührten, auf dem Vorbau.

Da erst löste sich Nellys Erstarrung. Ihr gellender Schrei war das Signal, das vollends die Hölle dieser Nacht entfesselte. Sie warf sich herum, schlug die Tür zu, klappte hastig den Riegel herab. Keine Sekunde zu früh. Schon erschütterte der Anprall des gedrungenen Körpers die massiven Bohlen.

Zitternd, immer noch das Bild des Indianers mit der grausigen Trophäe vor den Augen, wich Rutledges Tochter in die Tiefe des gediegenen möblierten Raumes zurück. Drüben flog die Schlafhaustür auf. Ein Schrei ertönte, dann versank alles im Krachen von Schüssen.

Nelly Rutledges Kopf flog herum. Ein Schatten verdunkelte das Fenster rechts der Tür, Metall blitzte, dann kam schon das scharfe Splittern der Scheibe. Mit einem erneuten Aufschrei floh Nelly zur Treppe, die aus der Wohnhalle ins Obergeschoss emporschwang. Die Nacht war nun von wildem Geschrei und schmetternden Detonationen erfüllt. Alles Schreckliche, was Nelly bisher nebenbei über die meist unvermuteten Überfälle der roten Ureinwohner dieses Landes aufgeschnappt hatte, schoss ihr nun durch den Kopf.

Eine nie gekannte Angst peitschte sie die Treppe hinauf. Als sie von der obersten Stufe hinabblickte, schwangen sich die Indianer bereits wie Raubkatzen durch die zertrümmerten Fenster. Scherben lagen auf dem Teppich. Im Schein der Petroleumlampe wirkten die bemalten Gesichter wie Dämonenmasken.

»Schließen Sie sich ein, Miss Nelly!«, gellte eine verzweifelte Stimme von jenseits des Hofs. »Um Himmels willen, halten Sie aus, bis wir kommen!«

Ihr Zimmer war das zweite in dem vor ihr liegenden Korridor. Sie stürzte hinein, schob mit zitternder Hand den Riegel vor. Ohrenbetäubender Lärm umbrandete das Haus. Ihre Beine trugen sie kaum mehr. Auf dem runden Tischchen neben dem Bett brannte eine Petroleumlampe, in deren trüben Schein sich vor ihren Augen alles zu drehen begann. Sie wehrte sich gegen die Schwäche. Sie wusste, was ihr bevorstand, wenn sie dieser tobenden Horde in die Hände fiel - ein schlimmeres Los als es John Harris getroffen hatte.

Sie waren schon auf der Treppe. Wilde Stimmen schallten durch das Haus. Gehetzt rannte Nelly zur Spiegelkommode, zerrte die oberste Schublade auf und wühlte unter den Kleidungsstücken, bis sie das glatte, kühle Metall eines Revolvers fühlte. Ein 38er Remington mit brüniertem Lauf, kunstvollen Zieselierungen und Elfenbeingriffschalen. Ihr Vater hatte ihr die Waffe ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Er hatte ihr auch beigebracht, damit umzugehen. Die Trommel war mit sechs Patronen geladen. Die alte Grenzerregel, von der sie die Männer auf der Ranch manchmal hatte sprechen hören, durchglühte ihr Gehirn: »Die letzte Kugel für dich selbst ...«

Ein Würgen stieg ihr in die Kehle. Sie schwankte, musste sich an der Kommode festhalten. In dem leicht angelaufenen Spiegel sah sie ihr bleiches Gesicht mit den vor Todesangst verdunkelten Augen. Und hinter ihrem Spiegelbild war die Tür, deren Holz jäh unter dem wuchtigen Schlag einer Streitaxt splitterte.

Nelly fuhr herum, die Waffe in beiden ausgestreckten Händen. Sie drückte ab.

Unbewusst schrie sie im Dröhnen des Schusses, der die Bretterwände erzittern ließ, den Namen jenes Mannes, den sie jetzt an ihrer Seite wünschte: »Jim!«

Von draußen kam ein heiserer Aufschrei, dem ein dumpfer Sturz auf die Dielen folgte. Die Kugel hatte die Türfüllung wie Pappe durchschlagen. Nelly schoss wieder und wieder, bis ihr mit siedend heißem Erschrecken einfiel, dass sie nur die Patronen in der Revolvertrommel besaß. Drei verschossen! Ihr Magen verkrampfte sich.

»Die letzte Kugel für dich selbst!«, hallte es in ihren Ohren. Sie sank auf die Knie. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass die Schüsse auf dem Hof verstummt waren. Die jähe Stille war wie ein Keulenhieb. Das furchtbare Begreifen, dass nur mehr sie allein übrig war, trieb sie wieder hoch. Gespenstische Röte leuchtete durch das Fenster zum Hof. Flammen züngelten aus dem von Kugeleinschlägen und Tomahawkhieben zernarbten Mannschaftsgebäude.

Keuchend versuchte Nelly die Kommode vor die Zimmertür zu rücken. Auf dem Gang waren gedämpfte Stimmen. Ein kurzer, hartes Lachen klang auf. Kein Schuss fiel, und das hieß, dass sie sie lebend wollten. Schwitzend und außer Atem gab sie es auf, das schwere Möbel vom Fleck zu bewegen. Sie versuchte es mit dem Bettgestell, als ein jäh krachender Hieb das Türschloss zerschmetterte. Der Riegel sprang aus der Halterung, die Tür flog auf. Schreiend stieß Rutledges Tochter den Remington hoch und feuerte.

Höhnisches Gelächter antwortete. Es kam ihr wie das Lachen von Teufeln vor. Schwankend, den nur mehr mit zwei Kugeln geladenen Revolver in den verkrampften Händen, stand sie ohne Deckung mitten in dem matt erhellten Zimmer. Kreidige Blässe bedeckte ihr Gesicht. Von der Hoffnung, sich hier zu verbarrikadieren und auszuharren, bis ihr Vater und ihr Bruder mit dem Rest der Crew von der Jagd auf die Viehräuber zurückkam, war nichts geblieben.

Das Prasseln von Flammen drang aus dem Erdgeschoss. Es roch nach Rauch und verschüttetem Petroleum. Auf dem Korridor war es still. Die Apachen, die nun wussten, dass die weiße Squaw mit einem Revolver umgehen konnte, riskierten nichts mehr. Nelly spürte ihre Nähe. Sie lauerten, sprungbereit wie Raubkatzen, dicht neben der Tür.

Schaudernd blickte Nelly auf den kalt glänzenden Stahl der Waffe, ehe sie den Remington zögernd an die Schläfe hob. Ihre Lippen bewegten sich wie im lautlosen Gebet. Leere erschien in ihren Augen. Da riss ein Geräusch am Fenster sie herum.

Sie vergaß, was sie hatte tun wollen, als sie die Gestalt sah, die an einem an einem vorspringenden Dachbalken verknoteten Lasso vor dem Fenster hing. Ein breitflächiges, mit schwarzen und weißen Streifen bemaltes Gesicht presste sich an die Scheibe. Eine Faust mit einer lederumwickelten Keulte holte zum Schlag aus.

Nelly schwang den Revolver herum, drückte ab, und im selben Moment, als der am Lasso heraufkletternde Indianer hinter einer Pulverdampfwolke verschwand, fiel ihr wieder die hinter ihr offen stehende Tür ein. Sie kam weder dazu, erneut herumzuwirbeln, noch sich die Waffe wieder an die Schläfe zu halten. Ein heftiger Anprall schleuderte sie auf das halb ins Zimmer gerückte Bett. Ein Schlag prellte ihr den 38er Remington aus der Hand. Das Gewicht eines gedrungenen, muskulösen Körpers presste sie nieder. Ein bemaltes Apachengesicht erschien über ihr. Sie sah die Gier in den Augen des Mannes. Sein heißer Atem streifte sie. Sie schrie, schlug nach ihm, versuchte ihm das Gesicht zu zerkratzen.

Er lachte kehlig, erwischte ihre Handgelenke, umklammerte sie mit einer Faust und riss ihr das Kleid auf. Weitere Krieger drängten herein, umringten sie johlend, während Nelly noch immer schrie.

Plötzlich verstummten alle. Ein kehliger Ruf ließ den auf Nelly liegenden Apachen erstarren. Die Rancherstochter war so entkräftet, dass sie sich nicht mehr wehren konnte. Der Krieger ließ von ihr ab und erhob sich widerwillig. Benommen setzte Nelly sich auf. Mit einer Hand hielt sie das aufgerissene Kleid zusammen.

Sieben oder acht Apachen standen nun mit finsteren Gesichtern um sie herum. Der Mann, der von der Tür her langsam auf sie zukam, war zweifellos ihr Anführer. Ein breitschultriger, in verwaschenes Kattun gekleideter Indianer. Die dick aufgetragene Bemalung ließ von seinem Gesicht nur die kantigen Konturen und die stechenden dunklen Augen erkennen. Er hielt die Winchester, in deren Kolben Billy McLeans Initialen eingeritzt waren.

Nelly spürte die Gefährlichkeit dieses Mannes, der sich nicht in zügelloser Wildheit verlor. Die Art, wie er sie anstarrte und dabei den schmalen Mund zu einem halb höhnischen, halb triumphierenden Lächeln verzog, ließ sie frösteln. Sie wagte keine Bewegung, als er dicht an sie herantrat.

Er streckte eine Hand aus. Zuerst ließ er ihr blondes Haar wie prüfend durch seine Finger gleiten. Dann strich er über ihren Hals und senkte seine große, braune Hand auf ihre, mit der sie angstvoll den zerrissenen Stoff über den runden, festen Brüsten zusammenhielt. Sein Lächeln wurde schärfer, höhnischer.

»Du Squaw für Tachite. Du gehören mir - bald.« Langsam nahm er die Hand zurück. Ein heiserer Befehl an seine Krieger, dann wollte er sich abwenden. Da sprang Nelly auf.

»Nein!«, schrie sie. Ihre Hände krallten sich in sein Kattunhemd. Die Lederschnur mit dem Anhänger, den er um den Hals trug, zerriss. »Du verfluchter roter Mörder! Ich will lieber tot als deine Squaw sein, du Teufel!«

Der Apache stand reglos. Sein bemaltes Gesicht blieb unbewegt, während Nelly Rutledge sich schluchzend gegen ihn warf, verzweifelt mit ihren kleinen Fäusten auf ihn einhämmerte. Zwei Krieger rissen sie heftig zurück. Nach hartem Auflachen wandte Tachite sich ab.

 

 

2

Die Geier zogen erst mit trägem Flügelschlag ab, als einer der mit aschfahlen Gesichtern um Sam Rutledge gescharten Reiter einen Schuss in den niedrig kreisenden Schwarm jagte. Die Hitze, der Brand- und Verwesungsgeruch, dazu das Bild der Zerstörung und der Anblick der skalpierten Toten waren fast mehr, als auch diese sonst Hartgesottenen vertragen konnten.

Sam Rutledge saß wie betäubt und unfähig, auch nur eine Hand zu heben, auf seinem starkknochigen Braunen. So verharrte er noch, als die Leichen bereits zugedeckt waren und sein Sohn mit bleichem, vom Grauen gezeichneten Gesicht zwischen den verkohlten Trümmern des Haupthauses auftauchte. Niemand kümmerte sich jetzt um die drei Gefangenen, die Rutledge und seine Cowboys mit auf die Ranch zurückgebracht hatten. Die Überlebenden der Viehräuberbande, die der Großrancher auf dem Weg zur mexikanischen Grenze abgefangen hatte.

Die Bewegungen ringsum waren erstarrt. Beklommen schauten alle auf den jungen Mann, der mit den schlurfenden Schritten eines Todkranken über den hitzeflimmernden Hof auf seinen Vater zuging. Steve Rutledge hatte seine blauen Augen ebenso wie seine zwei Jahre jüngere Schwester von der viel zu früh verstorbenen Mutter geerbt. Augen, die nun wie im Fieber flackerten, nachdem er eine halbe Stunde lang, immerzu nach Nelly rufend, in den Trümmern der niedergebrannten Gebäude herumgestolpert war.

Keuchend starrte er in das fahle Gesicht des Ranchers empor. Es war das hagere, scharflinige Gesicht eines Mannes, der bis zu diesem grauenvollen Tag fast ein Jahrzehnt lang als ungekrönter König über diesen einsamen Landstrich geherrscht hatte. Das Gesicht eines Mannes, der gewohnt war, mit einem Wink seinen Willen durchzusetzen und der nun vor den Ruinen seines Lebenswerkes stand.

»Nichts, Pa«, berichtete Steve tonlos. »Ich hab' alles durchsucht. Nichts ... Bis auf den Revolver, den du Nelly zum Geburtstag geschenkt hast. Er lag unter einem verkohlten Balken. Aber sonst ...« Ein erschöpftes Kopfschütteln. »Pa, so schrecklich es ist, es besteht kein Zweifel, dass sie sie mitgenommen haben.«

Rutledges knochige Faust krampfte sich härter um den Zügel. Es dauerte eine Weile, bis sein starrer Blick sich belebte. Seine Schultern strafften sich.

»Dann weißt du hoffentlich, wo wir Nelly zu suchen haben!«

Steve trat erschrocken einen Schritt zurück. Seine Augen weiteten sich.

»Pa, um Himmels willen, du denkst doch nicht etwa, Sharengo ...«

»Wer sonst?«, unterbrach Rutledge ihn schneidend. Die Flamme eines jähen wilden Hasses loderte in seinen Augen auf.

Rutledges Sohn wischte sich fahrig übers Gesicht, schüttelte benommen abermals den Kopf.

»Nein, Pa, ich kann's nicht glauben! Ich trau' ihm viel zu, aber nicht das!«

»Nein?«, rief Rutledge heftig. Mit einem wilden Funkeln in den Augen beugte er sich im Sattel vor. »Obwohl er selber eine verdammte halbe Rothaut ist? Einer, der sich lieber in den Apachenbergen herumtreibt als auf seinem Rancho am Catclaw Creek oder in Dry Hill! Noch dazu ein Bastard, der allen Grund hat, sich an mir rächen zu wollen, nachdem ich ihn mit der Waffe von meinem Land jagte und ihm schwor, ihn auf der Stelle aufzuknüpfen, falls er sich jemals wieder in Nellys Nähe blicken lassen würde ...« Der Rancher hieb wütend mit der Faust durch die Luft. »Zum Teufel, hast du denn vergessen, wie er mich damals angesehen hat? Er stand nur da, die Fäuste geballt, kein Wort kam über seine Lippen. Aber dieser Blick, Steve! Weißt du noch? Du selber hast hinterher gesagt, dass ich von nun an auf der Hut sein müsse. Du selbst hast damals mehrere Tage lang heimlich seinen Rancho beobachtet und festgestellt, dass die verfluchten Rothäute wie gute Freunde bei ihm kommen und gehen. Wahrscheinlich dieselben roten Teufel, die in der vergangenen Nacht hier waren! Und da zweifelst du noch?«

Die wettergegerbten, staubbedeckten Männer, die Sam Rutledge auf seinem Verfolgungsritt begleitet hatten, waren nähergekommen. Der Nachglanz des Entsetzens spiegelte sich auch in ihren Augen. Aber dazu kam nun ein Ausdruck von ohnmächtiger Wut und Erbitterung auf ihren sonnenverbrannten Gesichtern. Steve nahm seinen Stetson ab und fuhr sich mit gespreizten Finger durchs schweißfeuchte blonde Haar.

»Nellys wegen hätte er’s nicht getan, Pa!«, meinte er heiser.

Rutledge lachte rissig. Ein Lachen voller Hass und Verzweiflung.

»Weil er damals, als ich ihn zur Rede stellte, vorgab, sie zu lieben? Liebe! Als wenn eine verdammte Rothaut überhaupt wüsste, was das ist! Er will sie haben, das ist alles! Deswegen hat er versucht, ihr den Kopf zu verdrehen. Dachte wohl, leichtes Spiel zu haben, der Bastard, nachdem er ihr mal geholfen hat, als sie auf ihrem durchgehenden Pferd um ein Haar in die Rattlesnake Gulch gestürzt wäre. Glaubte, das wär' ein Freibrief, auf meiner Ranch zu kommen und zu gehen, wie’s ihm gerade passt. Die Pest an seinen Hals!« Rutledge spuckte aus. »Rothaut bleibt Rothaut, und lieber würd' ich am Bettelstab gehen, als zulassen, dass meine einzige Tochter so einem stinkenden, verlausten Dreckskerl in die Hände fällt«, knirschte er. »Als Jim Sharengo das kapierte, wartete er nur mehr auf den richtigen Augenblick, sich mit Gewalt zu holen, was ich ihm verwehrte. Darauf, mein Junge, wette ich alles, was mir noch geblieben ist!«

»Boss, die Wette gewinnen Sie«, meldete sich Jube Sanders, ein sehniger, schwarzhaariger Reiter, der als Letzter herangekommen war. Sein Colt war ein paar Zoll tiefer geschnallt als bei den anderen. Er trat zu Rutledge und reichte ihm einen an einer halb verkohlten Schnur baumelnden Lederanhänger, der irgendwie von den Flammen verschont worden war. Jedenfalls war der rot eingefärbte Wolfskopf auf dem mit Glasperlen umfassten Amulett noch deutlich zu erkennen.

»Lag nicht weit von der Stelle, wo Steve Miss Nellys Revolver fand«, sagte Sanders, den Blick starr auf den hageren Rancher gerichtet.

Einige Sekunden war Rutledge wie versteinert. Dann wischte er die dünne Rußschicht von dem Lederstück und warf es seinem Sohn zu.

»Glaubst du jetzt noch immer, dass ich mich irre?«

Steve war zusammengezuckt. Er hielt den Anhänger so vorsichtig, als könnte er sich an ihm sonst die Finger verbrennen.

»Das Wolfstotem ...«, flüsterte er betroffen.

»Genauso hätte Jim Sharengo einen Brief hinterlassen können, in dem steht, dass er für dies alles verantwortlich ist«, stieß Sam Rutledge hervor. »Ich könnt' mich verfluchen, weil ich ihn damals nicht gleich über den Haufen geschossen, hab, als ich rausfand, dass er sich mit Nelly heimlich in der alten Hütte am Eagle Point traf. Aber nun ist’s gewiss, dass Nelly lebt. Ich will nicht daran denken, wie. Nicht mal die Hölle könnte mich jetzt dran hindern, sie zurückzuholen! Und dann werd’ ich diesem verdammten Apachenwolf alles heimzahlen. Er wird sich noch genauso wünschen wie ich, dass ich ihn damals erschossen hätte.« Rutledge winkte ungeduldig. »Lasst die Toten unter den Decken liegen, Jungs! Nein, glaubt nicht, ich weiß nicht, was ich diesen Männern, die sicher tapfer gekämpft haben, schuldig bin. Aber ihr könnt sie begraben, wenn wir zurückkommen. Jetzt dürfen wir keine Minute mehr verlieren.«

»Wohin, Boss?«, fragte Rusty Blake, ein drahtiger Cowboy mit brandrotem Haarschopf.

»Wir werden Sharengos Rancho am Catclaw Creek besuchen«, erklärte Rutledge schneidend. Es war ein Befehl. Mit harter Faust zog er den Braunen herum.

Sanders deutete auf die drei Gefangenen.

»Und was geschieht mit den Kerlen da?«

Rutledge warf ihnen einen kurzen Blick zu. Ein interessenloser Blick, der die mit Stricken auf ihren Pferden festgeschnürten Banditen neue Hoffnung schöpfen ließ. Doch dann trafen Rutledges Worte die Kerle wie ein Peitschenhieb.

»Hängt sie auf!«

Sekundenlang waren sie sprachlos vor Schreck. Ihre Gesichter verloren alle Farbe. Als Rutledge sein Pferd an ihnen vorbeitrieb, rief der schwarzbärtige, ganz in speckiges Leder gekleidete Anführer des Trios: »Das können Sie nicht machen, Rancher! Das wär’ Mord!«

Ruckartig straffte Rutledge die Zügel. Sein Blick bohrte sich in das Gesicht des verwildert aussehenden Mannes.

»Wie heißt du, Bandit?«

»Tom Teggard«, grinste der Schwarzbärtige unsicher.

»Hör zu, Teggard!«, sagte Rutledge mit einer Stimme, die dieses Grinsen sofort im Keim erstickte. »Der nächste Sternträger hockt fast hundert Meilen von hier entfernt in Tucson. Verdammt will ich sein, wenn ich mir die Mühe mache, euch dort hinzubringen! Hier draußen, Teggard, bin ich der Boss. Und seit ich zum ersten Mal meinen Fuß auf diese Erde gesetzt habe, gilt hier mein Gesetz. Ein Gesetz, mit dem wir an die zehn Jahre recht gut ausgekommen sind und das mit Schurken deiner Sorte nicht lange fackelt.«

»Hören Sie, Rutledge, es waren doch nur ein paar Rinder, die wir erwischten!«, keuchte Teggard. »Und das auch nur, weil meine Amigos und ich so total abgebrannt waren, dass ...«

»Jedes Wort, Teggard, das du noch verlierst, ist Zeitverschwendung. Pferde- und Rinderdiebe gehören nun mal an den nächstbesten Ast. So ist es überall der Brauch, wo Männer der freien Weide selber dafür sorgen müssen, dass sie von Halunken wie euch nicht unter die Räder gebracht werden. Ihr habt euch die Suppe selber eingebrockt, die ihr jetzt auslöffeln müsst. Und ich hasse Männer, die jammern, statt für das einzustehen, was sie getan haben!«

»Ich jammere nicht, Rancher!«, knurrte Teggard. »Ich mach' Ihnen vielmehr 'nen Vorschlag.«

Rutledge, der gerade wieder sein Pferd in Bewegung setzen wollte, drehte nochmals den Kopf. »Du lausiger Rinderdieb willst mit mir handeln?«, fragte er unheilvoll.

Teggards Kumpane schwitzten. Todesangst flackerte in ihren Augen. Der eine war ein langer, geiernasiger Kerl mit Halbglatze, der andere ein kleiner, wieseläugiger Mexikaner. Ein goldener Ring blitzte an seinem linken Ohr. Tom Teggard fuhr sich mit der Zungenspitze über die ausgetrockneten Lippen.

»Könnte ja sein, dass Sie uns noch brauchen, Rancher. Nein, warten Sie noch, Mister, bevor Sie mir ins Gesicht spucken, dass Sie auf Kerle wie uns nicht angewiesen sind! Überlegen Sie erst einmal, Rutledge! Überlegen Sie, ob Sie auch wirklich genug Leute haben, um es mit einer Bande skalphungriger Apachen aufzunehmen! Mit Ihrem Sohn und Jube Sanders sind es sechs Mann, und das ist nicht gerade 'ne überwältigende Streitmacht. Finden Sie nicht auch?«

»Immerhin eine Streitmacht, die euch Halunken das Fürchten beigebracht hat«, warf Sanders grimmig ein.

Teggard verzog sauer den Mund.

»Ihr habt 'ne Menge Glück gehabt und uns überrascht, Leute. Wer weiß, ob ihr sonst so leichtes Spiel gehabt hättet. Ich an Ihrer Stelle, Rutledge, würd' mich nicht drauf verlassen, dass es auch mit den Hundesöhnen, die Ihre Tochter entführt haben, so einfach klappt. Und noch was, Rancher ...« Ein Lauern war in Teggards Blick. Seine Stimme wurde sicherer. »Mein mexikanischer Freund Cuchillo ist so ziemlich der beste Fährtensucher, den Sie zwischen hier und der Grenze auftreiben können. Ein Bursche, der die Apachen fast besser kennt als sie sich selber. Vor ein paar Jährchen ist er als Scout für die Armee geritten, bis er's satt hatte, sich von den Blaubäuchen ’rumkommandieren und >Greaser< schimpfen zu lassen. Stimmt’s, Amigo?«

»Si, si!« Cuchillo nickte eifrig. »Ich setze meinen Skalp dafür ein, dass es keine Fährte gibt, die ich nicht bis an ihr Ende verfolge.«

»Da hören Sie’s Rancher!«, brummte Teggard. Es fiel ihm sichtlich schwer, Rutledges durchdringenden Blick standzuhalten. »Und Jack McDonals ist auch nicht von schlechten Eltern. Der sieht nur so lange aus, als könnte er nicht bis drei zählen, bis er sein Schießeisen in der Faust hält.«

Das knochige Gesicht des Ranchers blieb wie aus grauem Fels gemeißelt. Er lenkte sein Pferd näher an den gefesselten Verbrecher heran.

»Du redest zu viel, Teggard! Das Einzige, worum’s dir doch geht, ist, deinen Hals zu retten!«

»Klar doch!«, grinste der Schwarzbärtige gezwungen. »Aber Sie bekommen ja einen fairen Preis dafür.«

»Das bezweifle ich. Welche Garantie hätte ich denn, dass ihr euch bei der erstbesten Gelegenheit nicht aus dem Staub macht, noch lange bevor wir einen der roten Teufel zu Gesicht bekommen?«

»Lass dich auf nichts ein, Pa!«, rief Steve. »Das sind nicht irgendwelche Satteltramps und Viehräuber. In Teggards Satteltaschen haben wir mehrere Steckbriefe gefunden, die jeden dieser Burschen als gefährlichen Killer ausweisen.«

»Keins dieser verdammten Papiere hat hier in Arizona Gültigkeit!« Teggard spuckte wütend zur Seite aus. »Manchmal steckt ein Mann eben auf einmal in Schwierigkeiten, aus denen er nur mehr mit der Waffe in der Faust herausfindet. Wenn er dann ’nen Gegner vor der Kanone hat, der einflussreiche Freunde besitzt, heißt es hinterher gleich Mord. Na ja, die Tatsache, dass wir’s geschafft haben, den Sternträgern in Colorado zu entwischen, beweist jedenfalls, dass wir Hombres sind, auf deren Colts Sie zählen können, wenn’s drauf ankommt, Rutledge. Und es wird drauf ankommen, verlassen Sie sich drauf! Wir rücken nicht aus, wenn Sie versprechen, uns nachher laufen zu lassen. Wort gegen Wort!«

»Was mein Wort wert ist, weiß ich ja. Aber wie soll ich mich auf das eines steckbrieflich gesuchten Banditen verlassen?« Mit einer herrischen Geste schnitt Rutledge Teggard jede Erwiderung ab. »Ich werd's mir immerhin überlegen. Wir nehmen sie mit, Leute. Passt gut auf sie auf! Einen Baum, der ihr Gewicht aushält, finden wir noch überall. Sehen wir erst mal zu, dass wir zu Jim Sharengos Rancho kommen!«

 

 

3

Die Männer, die um den vor Elliots Store angebundenen Falben herumstanden, blickten rasch auf, als zwölf Schritte entfernt die Schwingtür des Saloons knarrte. Feindselige Stille empfing Jim Sharengo. Eine Stille, in der sich die Hitze auf der einzigen staubigen Straße von Dry Hill noch zu verdichten schien. Die Luft über den Dächern flimmerte. Die blaue Silhouette der Pinaleno Mountains zerfloss in ihr. Etliche Atemzüge lang war jede Bewegung erstarrt. Dann ließ Sharengo die Türflügel los und trat auf die überdachte Veranda. Seine Bewegungen wirkten katzenhaft. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann, dessen bronzegetöntes Gesicht mit den leicht hervorstehenden Wangenknochen das indianische Blut in seinen Adern verriet. Dunkle Augen brannten in diesem Gesicht. Er war wie ein Weißer gekleidet. Bis auf die mit bunt gefärbten Stachelschweinborsten geschmückten Mokassins und das Stirnband, das sein schulterlanges, schwarzes Haar hielt. Er trug einen 44er Army Colt mit dem Kolben nach vorn an der linken Hüfte. Rechts baumelte ein Bowieknife in einer fransenverzierten Lederscheide.

Ein spöttisches Lächeln kräuselte den Mund des Halbindianers, als er mit einer Kopfbewegung auf den löwenfarbigen Hengst wies.

»Nun, gefällt er euch? Um es gleich vorweg zu sagen, Leute: Er ist unverkäuflich.«

Die Ablehnung auf ihren Gesichtern war ihm nicht neu. Es war eine Ablehnung, auf die er immer wieder stieß, seit er vor Jahren das Volk seiner Mutter verlassen und versucht hatte, in der Welt der Weißen zu leben. Inzwischen hatte er begriffen, dass er ein Mann war, dessen Zuhause weder in der Apacheria, noch hier in Dry Hill liegen konnte. Ein Mann zwischen zwei Welten, für den es nur auf seinem Rancho am Catclaw Creek vielleicht einen Platz gab, wo er Frieden finden konnte.

Jedes Mal wenn er herkam, um seine Vorräte in Elliots Store zu ergänzen und sich im Saloon einen Drink zu genehmigen, spürte er, wie froh sie waren, wenn er sich wieder auf sein Pferd schwang und in den staubigen Hügeln südlich der Stadt verschwand. Doch diesmal war etwas anderes dabei. Diesmal kehrten sie ihm nicht den Rücken zu und taten, als wäre er, das Halbblut, Luft für sie.

Unheil schwelte in ihren Augen. Als er sich gemächlich an die Vorbaukante schob, versteifte sich ihre Haltung. Hände tasten nach Revolverkolben. Bruce Elliot, der sich mit seinem Bruder Ed, dem Storebesitzer, die Macht in Dry Hill teilte, machte sich zu ihrem Sprecher. Ein großer, stämmiger Mann in Hemdsärmeln. Ein buschiger Schnurrbart verdeckte fast seinen Mund.

»Die Frage ist nicht, ob uns der Hengst gefällt, sondern wie ein Kerl wie du zu so einem Prachtgaul kommt, der noch dazu Sam Rutledges Brandzeichen trägt«, knurrte er.

Das Schweigen danach war drückend. Irgendwo, in der Nähe wurde rasch ein Fenster geschlossen. Die Sonne loderte wie eine Brandfackel im Zenit. Schweiß perlte über die Gesichter der Stadtbewohner. Die Stufen der Saloonveranda knarrten, als Sharengo seine Füße darauf setzte. Lässig schob das Halbblut die Daumen hinter seinen Büffelledergurt.

»Was meinst du mit >einem Kerl wie du<, Elliot?«, fragte er mit ausdrucksloser Miene.

Er ging ruhig auf die Männer bei seinem Pferd zu. Etwas Zwingendes, Gefährliches ging von ihm aus. Die Gruppe begann zu zerbröckeln, die Männer zogen sich auf den Gehsteig und die Veranda vor dem Store zurück. Nur Bruce Elliot blieb wie ein Fels an seinem Platz, die Hand am großkalibrigen Revolver, ein gehässiges Funkeln in den Augen. Er spuckte aus.

»Du weißt verdammt genau, wie ich’s meine, Sharengo. Aber darum geht's nicht.«

»Sondern?«, fragte Sharengo im Weitergehen.

Elliot duckte sich.

»Sam Rutledge würde nie so ein Prachtpferd einem Kerl überlassen, in dessen Adern Apachenblut fließt. Nicht mal für die fünfhundert Dollar, die dieser Gaul sicherlich wert ist. Außerdem halte ich jede Wette, Sharengo, dass du noch nie soviel Moneten auf einem Haufen beisammen gesehen hast.«

Sharengo war jetzt dicht vor ihm. Er blieb stehen. Ihre Blicke prallten gegeneinander. Der Falbe schnaubte und scharrte mit einem Vorderhuf. Sharengos Stimme war noch immer unverändert ruhig.

»Du nennst mich doch nicht etwa einen Pferdedieb, Elliot?«

»Bruce, sei vorsichtig, der Kerl ist gefährlich!«, rief Elliots Bruder vom Storevorbau.

»Nun?« Ein Lächeln erschien wieder auf Jim Sharengos Lippen. Es war kalt, furchtlos. Seine Hand lag nun ebenfalls am Colt.

Elliot zischte: »Ich will nichts weiter, als wissen, woher du den Gaul hast.«

»Ich glaub’ nicht, dass ich dir Rechenschaft schulde, Hombre«, entgegnete Sharengo schleppend. »Ich werd’s dir trotzdem sagen. Rutledge hat mir den Hengst nicht verkauft, sondern geschenkt.« Gemurmelt kam von der Storeveranda. Elliot holte tief Luft. »Bevor du mich jetzt einen Lügner nennst und damit einen nicht mehr gutzumachenden Fehler begehst, Elliot«, sagte Sharengo schneidend, »will ich dir sogar noch sagen, warum. Rutledge hat sich mit diesem >Geschenk< sozusagen von einer Verpflichtung losgekauft, die er mir gegenüber zu haben glaubte. Ich hatte nämlich damals das, nun ja, Vergnügen, rechtzeitig zur Stelle zu sein, als seine Tochter auf ihrem durchgehenden Pferd beinahe in die Rattlesnake Gulch gerast wäre. Der Falbe gehört mir seit nunmehr zwei Monaten. Ein Prachttier, wirklich, und ich sehe nicht ein, wieso ich darauf hätte verzichten sollen. Bist du nun zufrieden, Elliot?« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ging er um den Schnurrbärtigen herum und band das Pferd los. Der Hengst rieb schnaubend die Nüstern an seiner Schulter.

»Verdammt will ich sein, wenn ich dir auch nur ein einziges Wort glaube, Rothaut!«, stieß Elliot hinter ihm hervor.

Sharengo schnellte herum. Elliots Faust stieß wie ein Rammpflock auf ihn zu. Das Halbblut brachte gerade noch den Kopf zur Seite. Der Schwung des eigenen Hiebs riss Elliot nach vorn. Sharengos Faust zuckte hoch, und die Männer auf dem Storevorbau trauten ihren Augen nicht, als Elliot von diesem einen Schlag wie von einem Huftritt zurückgeschleudert wurde und auf den Rücken krachte. Staub wallte.

»Es macht mir nichts aus, wenn du mich >Rothaut< nennst, Weißbauch«, erklärte Sharengo hart. »Aber ich lasse mich weder als Lügner, noch als Pferdedieb verdächtigen.« Er wandte sich von dem auf die Ellenbogen gestützten, hasserfüllt zu ihm hochstarrenden Mann ab. Seine Hand lag bereits auf dem Sattel des Falben, als er das leise Schaben hörte, mit dem Elliots Revolver aus der Halfter glitt. Dann ging alles blitzschnell. Elliots Schrei »Fahr zur Hölle, Bastard!« und das Knacken des Hammers waren eins. Dann krachte es schon.

Da hatte Sharengo sich mit katzenhafter Gewandtheit zur Seite geschleudert. Als er sich drehte, lag der 44er Colt in seiner Faust. Der Schuss peitschte noch in das Zusammensinken der Mündungsflamme vor Elliots Revolver. Der Stämmige hatte sich auf die Knie gerichtet. Ungläubiges Entsetzen war plötzlich in seinen aufgerissenen Augen. Eine Sekunde lang zeigte noch seine Waffe auf den geduckt neben dem Falben stehenden Halbindianer, dann fiel sie aus den kraftlosen Fingern in den Sand. Elliots massige Gestalt neigte sich nach vorn und begrub den Revolver unter sich.

Als die Männer vor dem Store begriffen, was geschehen war, wies Jim Sharengos Colt bereits auf sie. Härte spannte das Gesicht des Halbbluts.

»Lasst eure Schießeisen stecken, Leute, und versucht nicht, mich zu halten! Ihr habt gesehen, dass er mir keine Wahl ließ.«

Ihre Mienen waren verkniffen, ihre Schultern verkrampft. Sharengo wusste, dass er jetzt nur die Waffe wegzustecken brauchte, damit sie wie ein Rudel Wölfe über ihn herfielen. Notwehr oder nicht, das spielte in diesem Fall für sie keine Rolle. Nicht, nachdem eine »verdammte Rothaut« einen aus ihrer Mitte getötet hatte.

»Bruce ...« Ed Elliot war der Einzige, der den 44er in Sharengos Faust nicht beachtete. Keuchend stolperte der ebenfalls stämmige und schnurrbärtige Storebesitzer auf die Straße, warf sich neben seinen Bruder auf die Knie und wälzte ihn vorsichtig herum.

»Bruce ...« Seine Schultern zuckten, krümmten sich. Seine Hände krallten sich in die Jacke des Getroffenen. Ein Stöhnen brach aus seiner Kehle, als er erkannte, dass jede Hilfe zu spät kam.

Sharengo spürte die Bitterkeit wie einen Kloß im Hals. Jedes Wort, jede Erklärung würde wie gegen eine Mauer gesprochen sein. Alles, was ihm blieb, war, fortzureiten - zu fliehen wie ein Mörder. Einer der Männer auf dem Vorbau sprach aus, was ihm selber durch den Kopf schoss.

»Von jetzt an gibt es in ganz Arizona keinen Platz mehr, Halbblut, wo du sicher sein wirst. Deine Ranch am Catclaw Creek kannst du schon jetzt vergessen, verdammter Schießer!«

»Ich würde es euch nicht raten, mich dort zu besuchen!«, warnte Sharengo kalt. Es war eine Kälte, hinter der er seine Verzweiflung und Einsamkeit verbarg. Mit dem angeschlagenen Colt schob er sich neben den Falben. Im nächsten Augenblick saß er im Sattel. So schnell, dass keiner der Dry Hill-Männer dazu kam, den Revolver emporzureißen. Das schwarze Todesauge der 44er Mündung bannte sie.

Das Stampfen der Hufe zwang Ed Elliots Kopf hoch. Das Feuer eines geradezu irren Hasses loderte in seinen Augen auf.

»Lasst ihn nicht entkommen!«, brüllte er. Seine Hand schnappte nach dem im Sand liegenden Revolver seines toten Bruders. Sharengo jagte eine Kugel vor ihm in die Erde. Sie überschüttete Elliot mit einem Staubschwall. Wiehernd schwang der Hengst herum. Die trommelnden Hufe fetzten Staubschleier hoch. Elliot schrie. Schüsse knallten.

Sharengo duckte sich. Wie mit dem Pferd verwachsen, raste er auf die Ecke der Schmiede zu, um dort von der Straße wegzubiegen. Kugeln pfiffen an ihm vorbei. Plötzlich sprang ein Mann unter einem weit vorspringenden Dach neben ihm hervor.

Sharengo sah aus den Augenwinkeln nur mehr einen durch den Staub heranschnellenden Schatten. Dann traf der Kolben eines wütend geschwungenen Gewehrs seine Schulter und riss ihn vom weiterstürmenden Pferd. Der Aufprall war so hart, dass er die Besinnung verlor.

 

 

4

Die mit Erdschollen gedeckten, niedrigen Adobelehmhütten lagen wie ausgestorben vor den Reitern. Der Schatten stacheliger Josuahbäume fiel auf sie. Struppige Pferde weideten im Corral vor der Buschmauer, die sich am nahe vorbeifließenden Catclaw Creek entlangzog. Das Dröhnen der Hufe war verebbt. Nur mehr das Janken von Sattelleder und das gelegentliche Klirren der Gebissketten durchbrach die hitzegesättigte Stille. Ein halbes Dutzend Gewehrläufe deuteten auf die Fensterluken in den weiß getünchten Mauern.

»Lasst ihm keine Chance!«, hatte Sam Rutledge seinen Reitern eingeschärft. »Aber seht zu, dass ihr ihn lebend erwischt! Alles hängt davon ab, solange wir nicht wissen, wo Nelly ist.«

Geduckt, jeden Moment auf das Peitschen eines Schusses aus dem Hinterhalt gefasst, hockten die Männer in den Sätteln. Das knochige Gesicht des Ranchers wirkte wie von einem unheilbaren Fieber ausgezehrt.

»Sharengo!«, schrie er, als sich im Haus nichts rührte.

»Señor Jim ist nicht hier, Boss«, sagte eine kehlige Stimme vom Schuppen. Die Köpfe der Reiter und ihre Karabiner flogen herum.

Ein weißhaariger, runzelgesichtiger Mexikaner stand im dämmrigen Viereck des Tors. Er stützte sich auf eine hölzerne Heugabel. Heuhalme hingen an seinem hellen Leinenkittel und der weiten Hose. Seine Füße steckten in Bastsandalen. Mehr neugierig als besorgt, musterte er die drohenden Reitergestalten.

Rutledge trieb seinen Braunen auf ihn zu. Steve ritt links von ihm, Sanders, den Rutledge zum Vormann seiner restlichen Crew ernannt hatte, blieb an der rechten Seite des Ranchers. Die anderen beobachteten wieder wachsam die Gebäude und das mit Sträuchern verwachsene Creekufer. Teggard und seine Kumpane waren immer noch gefesselt. Stirnrunzelnd, einen Ausdruck von Verachtung in den Falten um den Mund, blickte Rutledge auf den Alten.

»Wer, zum Teufel, bist du?«

»Pablo!« Der Weißmähnige blinzelte kurzsichtig. »Ich arbeite für Señor Jim. Er ist nicht hier, Boss. Er ist nach Dry Hill geritten, Vorräte einzukaufen.«

Rutledges Mundwinkel spannten sich noch mehr. Eine Hand auf dem Knie, beugte er sich halb zu dem Mexikaner hinab.

»Wo ist Nelly?«, fragte er drohend.

Der Weißhaarige schüttelte verständnislos den Kopf.

»Tut mir leid, Boss, ich weiß nicht, wen Sie meinen.«

Jube Sanders lenkte sein Pferd an Rutledge vorbei und hielt dem erschrockenen Alten die Gewehrmündung vors Gesicht.

»Du weißt es sehr gut, Greaser! Wenn dir dein Leben lieb ist, Freundchen, dann spiel uns kein Theater vor! Rede!«

Keuchend umklammerte Pablo den Stiel der Heugabel. Er blickte mit flackernden Augen erst auf das Gewehr, dann in Sanders’ entschlossenes Gesicht, dann wieder auf Rutledge.

»Bei der Heiligen Jungfrau von Guadalupe, ich weiß wirklich nicht, was Sie wollen, Señor!«

»Meine Tochter, die Sharengo, dieser Bastard, verschleppt hat, nachdem er von seinen Apachenfreunden meine Ranch zerstören und alle meine Männer dort umbringen ließ«, stieß Rutledge wild hervor. »Wo ist sie? Wohin hat er sie gebracht?«

Pablo ließ vor Schreck die Heugabel fallen und bekreuzigte sich.

»Santa Madonna! Boss, Señor, das ist nicht Ihr Ernst! Das trauen Sie Señor Jim doch nicht wirklich zu! Er hat seit zwei Tagen, bis heute früh, als er nach Dry Hill aufbrach, den Rancho nicht verlassen.«

»Du lügst, Greaser!«, zischte Sanders. »Du nimmst ihn in Schutz! Weiß der Henker, vielleicht steckst du sogar mit ihm unter einer Decke!«

»Nein, um Himmels willen! Weder ich, noch Señor Jim haben etwas getan, was ...«

Sanders schlug wütend mit dem Gewehr zu. Der Mexikaner verdrehte die Augen und brach lautlos zusammen.

»Wenn Miss Nelly hier ist, Boss, wenn es hier irgendwo auch nur 'ne Spur von ihr gibt, dann finden wir sie«, erklärte Rutledges neuer Vormann entschlossen. Der Rancher nickte ihm zu. Voller Eifer, seiner neuen Aufgabe gerecht zu werden, schwang Sanders sich vom Pferd.

»Durchsucht alles!«, schrie er. »Dreht jedes Brett um, und seht auch in dem verdammten Dickicht drüben am Creek nach!«

Stumm und mit verbissenen Mienen drangen die Cowboys in die ärmlichen Gebäude ein. Teggard schüttelte den Kopf.

»Wenn dieser Bursche, auf dessen Skalp Sie so wild sind, Rutledge, auch nur ’nen Funken Verstand hat, dann hat er das Girl nicht hierhergebracht. Diesen Weg hätten Sie sich sparen können, wenn sie mich fragen.«

Rutledge schoss ihm einen glühenden Blick zu.

»Ich frag’ dich nicht, Bandit!«

Teggard, der an dem wütenden Gepolter der Männer in den Hütten erkannte, dass die Suche ergebnislos bleiben würde, hob grinsend die Schultern.

»Well, mein Angebot gilt nach wie vor, Rancher. Cuchillo ist der Hombre, der Ihre Tochter auch im entlegensten Apachen Jacal aufstöbern kann.«

Es dauerte nicht lange, bis die Männer mit hängenden Schultern und düsteren Mienen auf den sonnenbeschienenen Hof zurückkamen.

»Tut mir leid, Boss, nichts!«, berichtete Sanders zerknirscht.

»Vielleicht ist er tatsächlich in die Stadt geritten«, meinte Steve unsicher. »Ich zahle jedem von euch fünfhundert Dollar, wenn wir’s schaffen, meine Tochter aus den Händen der Apachen zu befreien!«

Teggard legte den Kopf schief, pfiff.

»Wenn ja, dann nur, um jeden Verdacht von sich abzulenken!«, erwiderte Sanders so heftig und überzeugt, dass Steve ihn überrascht ansah. Rutledge starrte auf die gleißenden Felszinnen der Pinalenos, die sich hinter den mit Büschen und Kakteen bewachsenen Hügeln jenseits des Catclaw Creeks in den Himmel reckten. In seiner Miene arbeitete es.

»Wenn ich mir vorstelle, dass die roten Teufel, die Nelly entführt haben, jetzt dort irgendwo ...« Er brach ab. Sein Kopf ruckte zu den gefesselten Viehräubern herum. Seine Augen hefteten sich auf den kleinen, wieseläugigen Mexikaner. »Bist du sicher, dass du ihre Fährte findest?«

Cuchillo blickte schnell auf Teggard, ehe er sich stolz auf seinem Pferd reckte.

»Fragen Sie die Apachen! Seit ich für die Blaubäuche als Scout ritt, sind die ganz versessen auf meinen Skalp - raten Sie mal, wieso!«

Rutledge atmete tief durch.

»Bindet sie los!«, befahl er. Es war sein üblicher herrischer Ton, der keinen Widerspruch duldete. Schon gar nicht dachte Sam Rutledge daran, sich vor seinen Cowboys zu rechtfertigen, die vor ein paar Tagen noch ihr Leben auf der Jagd nach diesen Männern riskiert hatten.

»Warum auch nicht gleich?«, brummte Teggard grinsend, als Sanders seine Fesseln zerschnitt. Er nahm dem Vormann das Messer aus der Hand und befreite Cuchillo und McDonald.

»Ich trau’ den Kerlen nicht, Pa«, sagte Steve so leise, dass ihn die anderen nicht hörten. Rutledge reagierte nicht. Er trieb seinen Braunen zu Teggard und seinen Freunden. Teggards Grinsen gerann unter dem eisigen Blick des Ranchers.

»Ich bilde mir nicht ein, eure Flucht verhindern zu können, wenn ihr’s darauf anlegt«, sagte Rutledge kalt. »Deshalb schlag’ ich euch ein Geschäft vor.“

Teggard pfiff leise durch die Zähne.

»Teufel noch mal, nicht schlecht, Mister! McDonald, Cuchillo und ich haben schon für weit weniger Geld unsere Haut riskiert. Nicht wahr, Amigos? Sie sind ein kluger Mann, Rancher, der weiß, wie man die richtigen Hombres bei der Stange hält.«

Der lange McDonald machte ein mürrisches Gesicht.

»Wenn’s nach mir geht, Tom, soll er sich seine verdammten Moneten an den Hut oder sonst wohin stecken, bevor ich wegen eines Weiberrocks mitten in die Apacheria reite.«

Teggard schnaubte wütend.

»Du vergisst glatt, du Dummkopf, dass er dir außer den fünfhundert Bucks auch noch dein Leben bietet. Kann ja sein, dass das nicht viel wert ist. Aber von uns dreien, Amigo, bin immer noch ich der Boss, und wenn’s so weit ist, dass du deinen Revolver anfassen sollst, Jack, dann sag’s ich dir schon. Du brauchst dein Gehirn also gar nicht erst groß anzustrengen.« Teggard blickte Rutledge mit saurem Grinsen an. »Es kommt sowieso nie viel dabei 'raus, wenn er mal seine Klappe aufmacht. Am besten, Sie hören dann gar nicht hin. Sonst ist Jack okay. Vor allem, wenn’s darum geht, seinen Revolver Feuer und Blei spucken zu lassen. Da ist Jack große Klasse. Stimmt’s, Cuchillo?«

Der Mexikaner nickte grinsend. Teggard entging der verächtliche Zug um Rutledge’ Mund nicht, ehe der Rancher sich abwandte. Rutledge hatte seine Ranch verloren, Apachen hatten seine Tochter geraubt, aber er war noch immer der Mann, der sich auf die Macht seines Geldes verließ.

»Brennt alles nieder!«, befahl er den Cowboys, die ihn abwartend ansahen. »Wenn wir hier verschwinden, soll es nicht anders aussehen als auf meiner Ranch. Reißt den Corral ein, jagt die Pferde fort! Wir werden ohnehin dafür sorgen, dass Sharengo diesen verfluchten Fleck Erde nie mehr betritt.«

»Nein, Señor! Bei allem, was Ihnen heilig ist, tun Sie’s nicht!« Pablo war schwankend auf die Füße gekommen. Ein dünnes Blutrinnsal sickerte unter dem schlohweißen Haar hervor, dort, wo Sanders Karabinerlauf ihn getroffen hatte. Als niemand auf ihn hörte, schrie er mit brüchiger, verzweifelter Stimme: »Das ist unmenschlich, Señor! Dazu haben Sie kein Recht!«

Er raffte die Heugabel auf, hastete an den Männern vorbei und erreichte noch vor ihnen die niedrige Tür des Wohngebäudes. Zerzaust umstanden die weißen Strähnen sein Faltengesicht. Mit einem Funkeln in den Augen hielt er den Kerlen die Heugabel entgegen.

»Rufen Sie sie zurück, Boss!«, keuchte er. »Ich lasse nicht zu, dass diese Männer zerstören, was Señor Jim mit eigenen Händen mühsam aufgebaut hat! Er ist mein Freund!«

»Ein verdammter Mordbrenner und Frauenräuber ist er!«, rief Sanders, der nur mehr zehn Schritte von ihm entfernt war. »Wenn du nicht noch vor ihm in der Hölle schmoren willst, du verrückter Greaser, dann geh aus dem Weg!«

Pablo duckte sich und packte die Gabel fester. Da schoss Jube Sanders. Die Kugel schleuderte Pablo über die Schwelle ins dämmrige Haus. Die Detonation verzitterte über den Hügeln jenseits des Catclaw Creeks. Jäh waren die Tritte verstummt.

»Großer Himmel!«, murmelte Steve, eine Hand an der Kehle, als bekäme er auf einmal nicht mehr genug Luft.

Mit harter Bewegung repetierte Sanders das Gewehr, ehe er sich umdrehte. Teggard war der Einzige, der verkniffen grinste. Eine ölige Schweißschicht bedeckte das Gesicht des Vormannes.

»Er wollte mit der verdammten Gabel auf mich losgehen, Boss.«

Sam Rutledge zuckte die Achseln.

»Ich will diese lausigen Hütten brennen sehen, sonst nichts! Beeilt euch!«

 

 

Details

Seiten
131
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939262
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v542506
Schlagworte
nacht apachen

Autor

Zurück

Titel: Die Nacht, als die Apachen kamen