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Geplatzter Auftrag

2020 115 Seiten

Leseprobe

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Geplatzter Auftrag

Copyright

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Geplatzter Auftrag

Roman von W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Durch eine Fehlplanung bleibt den Truckern Jim Sherman und Bob Washburn nur wenig Zeit für eine Terminfracht. Auf ihrem Weg werden sie dann auch noch durch einen rücksichtslosen Autofahrer in einen Unfall verwickelt. Zur gleichen Zeit steht Nolan Curtis unter Druck, er hat versucht, die Amarillo-Klausel in Rylands Testament zu entschlüsseln. Um das geheimzuhalten, muss er sich auf ein gefährliches Spiel einlassen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Tür explodierte förmlich. Splitter flogen meterweit in den Raum. Rodríguez fuhr herum, seine Augen weiteten sich. Er wollte aufschreien, aber er blieb stumm. Der Mann, der in der zertrümmerten Tür stand, öffnete langsam beide Fäuste. Es war eine Geste, die Rodríguez Furcht einflößte. Der Alte taumelte bis zur rückwärtigen Zimmerwand und zuckte heftig zusammen, als er dagegen stieß. Der Fremde trug einen anthrazitgrauen Anzug, ein blütenweißes Hemd und einen breitrandigen dunklen Stetson, unter dessen Krempe wasserhelle Augen blitzten. Eine scharf geschnittene Nase, schmaler Oberlippenbart. Der Hemdkragen war weit geöffnet. An einem silbernen Halskettchen hing ein daumennagelgroßes Medaillon. Der Mann trat ein.

»Wer sind Sie, Señor? Was wollen Sie von mir?«, keuchte Rodríguez.

»Mit dir spielen, Amigo. Nur mit dir spielen …«

»Spielen?« Rodríguez zweifelte an seinem Verstand. Er glaubte, unter einem Alptraum zu leiden.

Der Fremde nickte. »Du kennst das Spiel. Es heißt: Frage und Antwort, Amigo. Ich frage, und du antwortest. Für jede richtige Antwort gibt es einen Pluspunkt, für jede falsche einen Minuspunkt. Zwei Minuspunkte bedeuten, dass du stirbst.«

Der Alte fing sich langsam wieder. Er schluckte. »Ich sterbe ohnehin bald, Señor«, murmelte er heiser. »Was wollen Sie von mir?«

»Natürlich stirbst du ohnehin bald. Es kommt nur auf das Wie an. Es gibt schnelle und langsame Arten zu sterben.« Der Fremde trat näher, schob den Tisch mit spielerischer Leichtigkeit beiseite und blieb dicht vor Rodríguez stehen.

Die Falten im Gesicht des alten Mannes vertieften sich. Er hatte dem Fremden nichts entgegenzusetzen. Seine Kraft hatte er schon vor Jahren verloren. Er wusste, dass er sich nicht wehren konnte. Er hatte auch keine Hilfe zu erwarten. Er war allein. Er hatte keine Freunde mehr.

»Was wollte die Ratte von dir?«, fragte der kraftstrotzende Mann mit der sonnengebräunten Haut. Er stand jetzt ganz dicht vor Rodríguez.

»Welche Ratte, Señor? Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

»Dieser Schnüffler, der sich kürzlich mit dir in einem Café getroffen hat. Slater. Er hat Fragen gestellt. Was wollte er?«

Rodríguez registrierte, dass der Fremde mit Akzent sprach. Ein Americano. Seine Art zu sprechen deutete auf Texas hin.

»Er fragte nach …«

Rodríguez zögerte. Er hatte Geld bekommen, harte amerikanische Dollars. Der Fremde fasste zu, krallte die Faust in das Hemd des Alten und hob den Mann mühelos hoch, ohne dass in seinem Gesicht auch nur ein Muskel vor Anstrengung zuckte. Er musste Bärenkräfte haben. Der fadenscheinige Stoff riss; Rodríguez fiel wieder auf seine Füße zurück. Ein Stück des Stoffes blieb in der Faust des Fremden zurück.

»Du willst nicht antworten? Ein Minuspunkt, Amigo«, stellte er fest.

Rodríguez keuchte. Plötzlich sprudelte er alles hervor, was geschehen war. Das geheimgehaltene Gespräch mit Slater, dessen Fragen, die Hinweise, die eigentlich nur spärlich kamen. Es war um Ryland gegangen, den Trucker-King drüben in Texas, in San Antonio. Illegale Alkoholtransporte in der Prohibitionszeit. Rodríguez selbst hatte nicht viel gewusst. Seine Tochter wusste mehr, doch der Alte hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Das hätte er Slater gesagt, und das machte er auch jetzt dem Fremden klar.

»Señor Slater versprach, Helene zu finden«, keuchte Rodríguez. »Er wird es tun. Er ist Detektiv. Die können so was, verschwundene Leute finden.«

»Nicht nur Detektive können das«, murmelte der Fremde. »Warum wollte die Ratte das alles wissen?«

»Er sagte, er sei beauftragt worden, in der Vergangenheit des Trucker-King zu forschen, um gewisse Vorwürfe aus der Welt schaffen zu können. Worum es dabei geht, sagte er nicht.«

Der Fremde nickte. »Was weißt du von Amarillo?«, fragte er plötzlich blitzschnell.

»Amarillo? Das ist eine Stadt, nicht wahr?«

»Mehr weißt du nicht über Amarillo? Hat Slater nicht nach Amarillo gefragt?«

Rodríguez schloss die Augen. Er versuchte sich zu erinnern. »Nein, Señor«, murmelte er dann. »Hat er nicht. Er hat erst in Presidio geforscht, sagte er, und ist dabei auf mich gestoßen. Von Presidio hat er erzählt, nicht aber von Amarillo. Señor – warum wollen Sie das alles wissen?«

»Das geht dich nichts an«, sagte der Fremde. Er sah Rodríguez durchdringend an. Der Alte fror, obgleich es heiß in seiner kleinen Bude war. Für einen schrecklichen Augenblick glaubte Rodríguez, der Fremde würde ihn jetzt erschlagen. Dann aber drehte sich der Mann im anthrazitgrauen Anzug ohne ein weiteres Wort um und ging.

Rodríguez taumelte ihm durch die zertrümmerte Tür nach. Der Fremde stieg gerade in einen Wagen, der vor dem kleinen Haus parkte. Ein silbergrauer Straßenkreuzer, ein Cadillac mit texanischem Kennzeichen. Also war der Fremde tatsächlich ein Americano.

Wie Señor Slater, der Privatdetektiv aus San Antonio.

Rodríguez verstand das alles nicht. Warum nur wühlten diese Männer jetzt, nach so vielen Jahren, wieder in der Vergangenheit herum? In einer Vergangenheit, die nicht immer für jeden sonderlich erfreulich gewesen war …

 

 

2

Während Lancaster Chihuahua in nordöstlicher Richtung verließ, benutzte er das Autotelefon. Die Straße war zur Zeit kaum befahren, so dass er kein Risiko einging. Er konnte gleichzeitig fahren und telefonieren; die Straße beanspruchte seine Konzentration kaum. In der Ferne vor ihm strebte ein Truck der Grenze nach Texas entgegen, ein paar Pick-ups und einige Limousinen kamen ihm entgegen.

Lancaster hatte ein paar Minuten zu warten, bis die telefonische Verbindung zustande kam. Wahrscheinlich war sein Gesprächspartner nicht in der Nähe seines Apparates gewesen.

Der Mann meldete sich nicht mit Namen. Aber Lancaster erkannte ihn an der Stimme und wusste, dass er mit Martino Lobo sprach, dem Menschenhändler.

»Lobo, Sie haben doch vor Kurzem Ihren Freund Slater, die Ratte, vorübergehend einsperren lassen. Hat Teniente Lopez herausgefunden, in wessen Auftrag er unterwegs war?«

Lobo räusperte sich. »Warum interessiert Sie das, Lancaster?«

»Sagen wir mal so, Lobo«, sagte Lancaster gemütlich. »Ich glaube, Slater hat da eine Sache angerührt, die mein ganz persönliches Interesse geweckt hat. Wer hat ihn geschickt?«

»Lopez hat bei ihm die Adresse der Firma Ryland gefunden. Ryland Trucking Company in San Antonio, Texas.«

»Okay«, sagte Lancaster. »Darüber weiß ich Bescheid. Hat der alte Ryland ihn beauftragt?«

»Darüber war nichts zu erfahren. Im Verhör zeigte sich Slater wenig gesprächig. Wollen Sie ihm am Zeug flicken, Lancaster? Dann tun Sie es. Machen Sie die Ratte fertig. Der Hombre wird mir unbequem und lästig.«

Lancaster hob die Brauen. Das war ja interessant. Er wusste zwar aus Andeutungen, dass Slater und Lobo bei verschiedenen »Geschäften« durchaus zusammenarbeiteten. Er wusste auch, dass Lobo Slater hatte kaltstellen wollen, als der unangemessene Forderungen stellte. Martino Lobo war mit dem Polizeichef von Chihuahua hervorragend befreundet. Teniente Lopez war korrupt und hätte sogar seine eigene Familie verkauft, wenn er daraus einen Gewinn hätte ziehen können. Deshalb konnte Lobo seine illegalen Geschäfte auch ungehindert in großem Maßstab aufziehen. Aber dass Lobo nichts mehr von Slater wissen wollte, war Lancaster neu.

»Gracias, Lobo. Ich tue Ihnen auch mal wieder einen Gefallen … auch wenn Sie mir mit Ihrer Auskunft nicht viel weiterhelfen konnten. Dass die RTC irgendwie dahintersteckt, ist mir nämlich schon vorher klar gewesen. Fällt Ihnen nicht doch noch was ein?«

»No, Lancaster. Darf ich unser Gespräch damit als beendet betrachten?«

»Aber sicher, Lobo. Doch sollten Sie noch auf Einzelheiten stoßen, die Slater und sein Gespräch mit Rodríguez betreffen, lassen Sie es mich wissen, ja? Ich bin erreichbar wie üblich.«

»Gut, Lancaster. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Lobo legte auf.

Chihuahua, das nur noch als grauer Schatten zu sehen war, verschwand allmählich im Rückspiegel von Lancasters Chevy.

Lancaster lächelte kalt. Er setzte die Mosaiksteine zusammen. Was ihn wunderte, war nur, dass Slater Rodríguez nicht direkt nach Amarillo gefragt hatte. In Presidio war er deutlicher geworden. Und er arbeitete im Auftrag der Ryland Trucking Company.

Aber nicht im Auftrag des alten Ryland, das war sicher. Der kannte seine Vergangenheit aus eigenem Erleben und brauchte keinen Privatschnüffler mit Nachforschungen zu beauftragen, noch dazu einen der schmierigsten Sorte.

Also gab es nur eine andere Möglichkeit.

Nolan Curtis, Rylands Schwiegersohn. Auch der konnte mit RTC-Vollmacht Aufträge erteilen. Lancaster verzog sein Gesicht zu einem wölfischen Grinsen. Sein Verdacht war richtig gewesen. Dennoch war er vorsichtig. Er wollte keinen Fehler begehen. Erst musste er absolute Sicherheit haben.

Sein Weg führte ihn nach San Antonio.

Er wollte herausfinden, ob Curtis tatsächlich hinter Amarillo her war, ehe er zuschlug.

 

 

3

Selbst eine Frau wie Amber Curtis musste neidlos anerkennen, dass die Boutique »Mariachi Mood« nicht nur in San Antonio, sondern in ganz Texas führend war. Hier gab es die exklusivsten Modellkleider, die beste Qualität, die ausgefallensten Schnitte – aber auch die höchsten Preise. Trotzdem gab es auch Brot-und-Butter-Bekleidung für den schmaleren Geldbeutel, ohne dass sich beide Kundinnen-Zielgruppen in die Quere kamen – und doch waren die Abteilungen nicht so für sich abgegrenzt, dass man von einer Welt in die andere geriet, wenn man eine unsichtbare Grenze überschritt. Diese Grenze war fließend. Nicht nur Amber war es immer ein Rätsel gewesen, wie es die Besitzerin von »Mariachi Mood«, Carla Sue Sherman, geschafft hatte, das Exklusive und sündhaft Teure mit dem Einfachen zu verbinden.

Carla Sue, geborene Ryland, geschiedene Sherman, hatte mit dieser Boutique am River Walk von San Antonio den großen Sprung in die Selbständigkeit getan und hatte damit Erfolg. Nolan Curtis, Ambers Mann, konnte sich damit nicht besonders anfreunden. Er sah es ungern, wenn Angehörige der Ryland-Dynastie ihre geschäftlichen Energien mit etwas anderem »verzettelten«, wie er es nannte, als mit der Leitung und Vergrößerung des Trucker-Imperiums der Ryland Trucking Company. Als Carla Sue ihre Boutique eröffnete, hatte Curtis versucht, sie zu boykottieren und gegen sie zu intrigieren, um sie zur Aufgabe zu zwingen. Sie sollte wieder in den Schoss der Firma zurückkehren. Aber Carla Sue hatte den Fehdehandschuh aufgenommen – und Curtis zum Rückzug gezwungen. Amber ahnte, dass ihr Mann das noch längst nicht vergessen hatte, auch wenn er sich nach außen hin bemühte, Frieden zu halten und sogar um Sympathien zu werben. Immerhin hatte er vor nicht allzu langer Zeit Carla Sue aus den Händen mexikanischer Kidnapper befreit – im persönlichen Einsatz, was eigentlich gar nicht zu ihm passte. Er war ein Schreibtisch-Experte, der lieber im Hintergrund arbeitete.

Aber Amber wusste auch, dass das nur familieninterne Politik war. Luke Ryland hatte Nolan »Sharkey« Curtis aufgefordert, die ihm gehörenden Firmenanteile zu verkaufen. Seitdem bemühte sich Nolan um gutes Wetter bei seinem Schwiegervater. Und wenn er Carla Sue half, oder sogar seinem Erzfeind Jim Sherman, dem der King sehr zugetan war, gab es Pluspunkte … auch wenn Curtis innerlich mit den Zähnen knirschte. Aber Curtis war noch jung, und er hatte Zeit. Er konnte auf lange Sicht planen.

Das alles aber hinderte Amber Curtis nicht daran, dort einzukaufen, wo es die beste Ware gab – und das war nun einmal Mariachi Mood.

Für den kommenden Abend waren Nolan und sie zu einer Party eingeladen, und sie konnte unmöglich eines der Kleider tragen, die sie schon einmal benutzt hatte. Männer haben es da einfacher, dachte sie. Ein Smoking in weiß, einer in schwarz – das reicht im Allgemeinen.

Carla Sue ließ es sich nicht nehmen, Amber persönlich zu beraten. Sie kamen sich durchaus schon mal in die Haare, aber diesmal verstanden sie sich ausnahmsweise. Vielleicht lag es daran, dass Nolan Curtis, der Hai, nicht anwesend und auch nicht Gegenstand der Unterhaltung war.

Amber verließ die Boutique in der nobelsten Einkaufsstraße San Antonios nicht mit einem, sondern mit zwei Kleidern. Eines war schlichter gehalten, in glänzendem Weiß, das ihr – mit der entsprechenden Frisur – das Aussehen einer blonden Hollywood-Schönheit geben würde. Das andere Kleid war ein äußerst verwegen geschnittenes schillerndes Etwas, das ihren Körper eng umschmiegte, viel Haut zeigte und die Blicke aller anwesenden Männer auf Amber lenken würde. Sie liebte es, wenn sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, sie genoss es, wenn die Blicke der Männer ihre Schönheit bewunderten, sie auszogen und streichelten – Nolan hatte ja selten genug Zeit für sie übrig. Andererseits hatte sie selbst mit ihren ständig wechselnden Liebhabern auch nicht gerade viel Zeit für ihn …

Mit den beiden Schachteln verließ Amber die Boutique. Die sengende Sonne über der Stadt traf sie wie ein Keulenschlag. Drinnen war es dank der Klimaanlage angenehm gewesen, hier draußen aber regierte die Hitze unvermindert stark. Amber sah sich um und suchte ihren Wagen. Der würde durch die Klimaautomatik ebenfalls erträglich temperiert sein.

Der metallic-beigefarbene Rolls-Royce Camargue stand in einer Parkbox nur wenige Dutzend Meter von der Boutique entfernt. Aber er parkte da nicht mehr allein. Ein silbergrauer Cadillac stand schräg dahinter.

Amber dachte sich nichts dabei. Sie erreichte ihr Coupé, entriegelte den Kofferraum und platzierte die beiden Schachteln mit den Kleidern sorgsam auf dem Veloursteppich der Ablagefläche. Dann ließ sie den Kofferraumdeckel schwungvoll wieder in die Arretierung einrasten.

Ein Mann in anthrazitfarbenem Anzug stieg aus dem Cadillac. Grüßend hob er die Hand. »Sie sind die Besitzerin des Wagens?«, fragte er.

Amber, schon neben der Fahrertür, blieb stehen und sah den Mann prüfend an. Er war groß und schlank und wirkte durchtrainiert. Ein sonnengebräuntes Gesicht mit wasserhellen Augen, ein Oberlippenbärtchen, und der breitrandige dunkle Stetson. Ein Bolo-Tie, mit Diamantsplittern besetzt, ersetzte die Krawatte.

»Möchten Sie ihn mir abkaufen?«, fragte Amber mit mildem Spott. Sekundenlang dachte sie an einen Überfall. Aber der würde nicht so auffällig stattfinden, nicht hier in der belebten Straße.

»Nicht ganz, Ma‘am«, sagte der Cadillacfahrer. Grüßend tippte er an die Hutkrempe. »Aber ich fürchte, dass ich Ihnen Geld schulde. Lancaster ist mein Name. Boyd Lancaster. Sie sind Mistress Ryland?«

Er musste es am Kennzeichen des Wagens gesehen haben. 3366 RFD. RFD stand für Ryland; alle Fahrzeuge der Familie trugen diese Buchstabenkombination.

»Nicht ganz«, korrigierte sie Lancaster kühl. »Ich bin Amber Curtis. Wieso schulden Sie mir Geld?«

»Nicht direkt ich, sondern meine Versicherung«, sagte Lancaster. Er lächelte. »Ich habe Ihren Wagen vorhin beim Ausparken leider ein wenig an der Flanke touchiert. Es hat einen ziemlichen Kratzer im Lack gegeben. Ich möchte den Schaden wiedergutmachen.«

Amber runzelte die Stirn. Den langen Streifen abgeschrammten Lacks sah sie erst jetzt. An der vorderen Stoßstange des Cadillacs waren Lackreste zu finden.

Sekundenlang flammte Ärger in ihr auf. Dann aber sah sie wieder den Fremden an, der sich Boyd Lancaster nannte: Sie sah sein Lächeln, das so sympathisch wirkte, und da konnte sie ihm plötzlich nicht mehr böse sein.

Er gab ihr ein Kärtchen, auf dem die Versicherungsnummer seines Wagens notiert war, die auch auf einem Aufkleber unter der Windschutzscheibe zu sehen war, direkt neben der Fahrgestellnummer.

»Danke, Mister Lancaster. Wenn der Wagen lackiert ist, schicke ich Ihrer Versicherung die Rechnung.«

»Schicken Sie sie doch direkt an mich. Wenn die Versicherung nicht zahlen muss, wird sie mir auch die Prämien nicht erhöhen … oder schätzen Sie, dass die Lackierungsarbeiten zu teuer kommen?«

Davon hatte Amber keine Ahnung. Sie dachte daran, den Schaden in der RTC-Werkstatt ausbessern zu lassen. Pat O'Neills Leute würden dafür sorgen, dass man nicht einmal mit der Lupe feststellen konnte, wo der Kratzer gewesen war.

»So fünfhundert, sechshundert Dollar wird es schon kosten«, überlegte sie. »Vielleicht mehr.«

»Na, das ist ja ein Taschengeld«, versicherte Lancaster glaubhaft.

Amber hob die Brauen. Ein Mann, der sechshundert Dollar als ein Taschengeld bezeichnete, musste zu den Spitzenverdienern gehören – sein Cadillac war auch nicht gerade das billigste Exemplar der Modellpalette und dazu ziemlich neu. Andererseits kannte sie den Geldadel von Texas, und wen sie nicht kannte, dessen Namen hatte sie wenigstens schon gehört. »Verdienen Sie denn so gut, Mister Lancaster? In welcher Branche sind Sie tätig?«

Lancaster grinste.

»Nennen Sie mich doch Boyd, das spricht sich kürzer«, bat er. »Ich schlage mich so durch, dass es gerade für das tägliche Marmeladenbrötchen reicht. Da fällt mir ein – heute bin ich noch nicht zum Essen gekommen. Darf ich Sie einladen, das Marmeladenbrötchen mit mir zu teilen? Vielleicht reicht das Kleingeld auch noch für eine Scheibe Käse.«

Amber lachte unwillkürlich auf. »Entweder sind Sie ein verrückter Sprücheklopfer, oder …«

»Oder was?« wollte er lächelnd wissen.

»Also gut«, sagte Amber. »Ich nehme die Einladung an.« Es war noch früher Nachmittag, und sie hatte Zeit. Zu Hause würde sie niemand vermissen. Wenn Nolan aus der Firma kam, hatte er ohnehin kaum Augen für sie. Außerdem sah sie keine Veranlassung, nicht mit einem fremden Mann auszugehen – Nolan vergnügte sich auf seine Weise ebenfalls außerhalb der ehelichen Schlafgemächer. Und dieser Boyd Lancaster gefiel ihr. Sie wollte wissen, ob er hielt, was sein Äußeres versprach.

Sein triumphierendes Lächeln, als sie in seinen Wagen stieg, deutete sie falsch.

 

 

4

»Oh, verflixt!« Amber sprang erschrocken auf. Lancaster versuchte sie festzuhalten, aber da hatte sie das Bett schon verlassen. »Was ist in dich gefahren?«, wollte er wissen.

»Ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es schon ist«, sagte sie erschrocken. Nackt huschte sie durch die Suite und suchte ihre überall verstreuten Sachen zusammen. Sie waren wie Wilde übereinander hergefallen, berauscht und ohne nachzudenken. Amber schlüpfte in ihre Kleidung. Lancaster sah ihr kopfschüttelnd zu.

»Erschlägt dich dein Mann, wenn du eine Minute zu spät nach Hause kommst?«, fragte er lächelnd.

»Das wagt er nicht«, gab sie zurück. »Außerdem – wir haben da ein stillschweigendes Abkommen, weißt du? Ich kümmere mich nicht um das, was er macht, und er kümmert sich nicht um das, was ich mache.«

»Also keine Gewissensbisse?«, fragte er und erhob sich ebenfalls. Er schloss sie in seine Arme, küsste sie wieder. Sie entwand sich ihm und verschwand im Bad, dessen Tür sie offenließ. Sie brachte ihre Frisur in Ordnung, während auch Lancaster sich jetzt wieder ankleidete. Ein Champagnerrest schalte in einem der Gläser aus. Lancaster war zufrieden. Er hatte einen größeren Erfolg erzielt, als er anfangs zu hoffen gewagt hatte, als er den Kontakt mit dem Kratzer im Lack arrangiert hatte. Amber Curtis vertraute ihm. Sie fühlte sich von ihm angezogen, wie die meisten Frauen, mit denen er zu tun hatte. Das war seine große Stärke. Spontan hatten sie beschlossen, miteinander zu schlafen, aus einer Laune heraus. Lancaster kam das in mehrfacher Hinsicht entgegen.

»Gewissensbisse?« Sie lachte vor dem Spiegel. »Ich habe ebenso wenig Gewissensbisse wie Nolan, wenn er mich betrügt. Was soll‘s? Jeder holt sich, was er kann und wo er‘s kann.«

»Liebst du deinen Mann nicht?«, fragte er.

»Natürlich liebe ich meinen Mann«, erwiderte Amber. »Aber das bedeutet nicht, dass ich ihm als ausschließliches privates Eigentum gehöre, und umgekehrt. Abwechslung verschönert das Leben, weißt du? Es ist doch erstaunlich, was aus so einem kleinen Parkplatz-Kratzer werden kann.«

»Wir können es jederzeit wiederholen – unter Verzicht auf den etwas kostenintensiven ersten Teil.«

»Kostenintensiv.« Sie lachte wieder. »Du sprichst wie Nolan, wenn er wieder mal einen seiner Schecks unterzeichnet.« Sie trat wieder in das große Hotelzimmer. »Damit wir uns richtig verstehen, Boyd«, sagte sie. »Du gefällst mir, und es hat mir mit dir gefallen. Natürlich steht einer Wiederholung nichts im Wege. Aber fang nicht an, an eine feste Bindung zu denken, mit regelmäßigen Treffen, gemeinsamem Urlaub, Scheidung von Nolan und Heiratsversprechen und so … wir können hin und wieder mal Spaß miteinander haben, wenn wir uns zufällig begegnen und es gerade passt, mehr ist nicht drin.«

»Dann ist es ja gut«, sagte er. »Ich hatte schon befürchtet, es könnte ein Drama daraus entstehen. Komm, ich fahre dich zu deinem Wagen zurück.«

»Kannst du bis zur RTC mitkommen und mich dann nach Hause bringen?«, fragte sie.

»Was willst du denn da? Ich dachte, du müsstest dringend heim, weil …«

Sie sah auf die Uhr. »Nolan fragt nicht danach, wann ich zu Hause bin. Aber ich wollte den Wagen noch in die Werkstatt bringen. Dann kann ich ihn vielleicht morgen schon wieder fahren. Es wäre nett, wenn du mich nach Hause bringen könntest. Dann brauche ich nicht auf Nolan zu warten. Neuerdings scheint er eher mit der Firma verheiratet zu sein als mit mir. Seit Dad ihm ultimativ angeboten hat, ihm die Firmenanteile abzukaufen …« Sie unterbrach sich. »Aber warum erzähle ich dir das eigentlich?«

Er zuckte mit den Schultern. Wenn er sie dazu brachte, noch ein wenig mehr aus der Schule zu plaudern …

Sie verließen das Hotel, in dem Lancaster eine geräumige Suite gemietet hatte. Er brachte sie zum River Walk und zu ihrem geparkten Wagen zurück und fuhr dann hinter ihr her zum Ryland-Firmengelände draußen am Schnittpunkt des Highway 35 mit dem »Loop«. Draußen vor dem Tor wartete er. Niemand brauchte sich hier an sein Gesicht zu erinnern, und das würde unvermeidbar sein, wenn er von Amber in den Sicherheitsbereich geschleust wurde.

Es dauerte über eine halbe Stunde, bis Amber zum großen Tor zurückkehrte. Die beiden Schachteln mit den Kleidern hatte sie schon vorher in Lancasters Cadillac umgepackt. Jetzt stieg sie zu ihm ein. Er begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. »Hast du erst noch überprüft, was dein Mann gerade unternimmt?«, fragte er schmunzelnd. »Oder warum hat es so lange gedauert?«

»Was glaubst du, wie groß die Firma ist? Das Gelände ist riesig. Bis man dahin gelangt, wohin man will, dauert es eine Weile. Aber O'Neill, unser Werkstattboss, hat mir versprochen, dass der Wagen morgen Nachmittag wieder fertig ist. Es ist schon von Vorteil, wenn man eine eigene Werkstatt hat.«

»Ich dachte, da werden nur Trucks repariert.«

»O'Neill wartet auch unsere anderen Fahrzeuge«, sagte Amber. »Kommst du bei uns noch auf einen Kaffee mit rein? Niemand sieht dich, das Personal hat heute frei.«

Das ist ja großartig, dachte Lancaster.

Zwei Stunden später wusste er, wie man die Curtis-Villa, ein altes weißgetünchtes Herrenhaus im Bürgerkriegsstil inmitten eines großen Parks, weitgehend unbemerkt betreten konnte. Und auch wieder verlassen … das war wichtig, wenn sein Plan in die entscheidende Phase trat.

Kurz darauf wusste er auch, dass Slater tatsächlich von Curtis beauftragt worden war. Vom Codewort Amarillo erwähnte Amber zwar nichts – entweder wusste sie nichts Genaues, oder sie hielt sich in diesem Punkt noch zurück, aber dass Curtis Einzelheiten über einen bestimmten Passus in Rylands Testament wissen wollte, deutete sie beiläufig an. Sie merkte überhaupt nicht, dass Lancaster sie ausfragte. Sie war zu sehr im Bann seiner Persönlichkeit gefangen, noch zu sehr unter dem Eindruck seiner Zärtlichkeiten, als dass sie Verdacht geschöpft hätte.

Aber Lancaster wusste nun, was er wissen wollte, und er hatte den Boden bereitet für das, was später kommen würde.

Am nächsten Morgen erhielt Matt Slater einen eigenartigen Brief.

 

 

5

Slater verdiente seinen Spitznamen zu Recht. Matt the Rat – Matt, die Ratte! Er war gierig und feige, er wühlte im Untergrund, schreckte vor nichts zurück und hatte auch noch das passende Äußere. Schlecht gekleidet, klein, kräftig, unscheinbar, mit einem Frettchengesicht und dunklen, beweglichen Augen, denen nichts entging. Eine spitze Nase, ein dünnlippiger Mund. Was Jill, seine Sekretärin und Geliebte, an ihm fand, wusste er bis heute nicht. Aber er nahm ihre Zuneigung gern und dankbar entgegen.

Slater brauchte ständig Geld. Die Miete für sein Wohnbüro musste bezahlt werden, fällige Rechnungen lagen seit Tagen auf seinem Schreibtisch – ein Dauerzustand. Ein Mann wie die Ratte bekam selten Aufträge. Privatdetektive mit besserem Ruf wurden bevorzugt. Für Slater blieben nur die Jobs, die anderen zu heiß waren.

Curtis, die Nummer zwei im Ryland-Trucking-Imperium, hatte ihm so einen heißen Job zugeschoben. Herausfinden, was sich hinter dem Codewort Amarillo in Luke Rylands Testament verbarg. Bisher waren alle Nachforschungen im Sande verlaufen. Curtis war nicht unbedingt mit Slaters Arbeit zufrieden. Er wusste allerdings auch, dass es in der Tat eine schwierige Sache war.

Immerhin hatte er gut bezahlt. Und Slater hatte sich tatsächlich jede erdenkliche Mühe gegeben. Aber die Umstände, und nicht zuletzt Lobo in Chihuahua, waren gegen ihn gewesen. Mit Mühe und Not war er wieder über die Grenze gekommen. Lobo, sein Geschäftspartner in Sachen Menschenhandel, war fortan mit Vorsicht zu genießen, soviel war Slater klar. Vielleicht sollte er diese Sache überhaupt komplett streichen. Aber er musste leben, und von seiner Detektei allein und den spärlichen Aufträgen ging das nicht. Curtis zahlte gut, aber Jill war anspruchsvoll.

Mit den letzten Honoraren hatte Slater gerade die gröbsten Schulden begleichen können. Aber er brauchte entschieden mehr.

Und Curtis war im Moment der einzige, von dem er Geld erwarten konnte. Aber Curtis hatte ihm noch keinen weiteren direkten Auftrag erteilt. Nach der Berichterstattung hatte der »Hai« Slater entlassen und keine weiteren Andeutungen mehr gemacht, was der Detektiv jetzt tun solle.

Das war bitter. Curtis schien Slater für einen Versager zu halten. Die Ratte hoffte, dass Curtis nicht einen Konkurrenten auf diese Sache angesetzt hatte.

Er sortierte die Post, die Jill ihm auf den überladenen Schreibtisch gelegt hatte. Ein paar Rechnungen, eine Anmahnung, eine Menge Werbung und ein neutraler Umschlag, der offenbar nicht durch die Post gegangen, sondern so in den Briefkasten geworfen worden war. Slater hob überrascht die Brauen. Er starrte den grauen Umschlag an wie die Schlange ein Kaninchen.

Kein Absender, kein Stempel, nichts. Nur die Aufschrift: Slater, Privatdetektiv, und darunter die Adresse. In Computerschrift, mit einem grob strukturierten Nadeldrucker auf das Papier geprägt.

Slater grinste müde. Bei einer Schreibmaschine hätte man anhand des Schriftbildes und leichter Unregelmäßigkeiten unter Umständen herausfinden können, wer damit geschrieben hatte. Aber Computerschrift war zu gleichmäßig. Sie sah nach einem Allerweltsgerät aus, wie es zu Hunderttausenden in den Haushalten der Bürger dieses großen Kontinents herumstand.

Keine Möglichkeit, Rückschlüsse auf den Absender zu ziehen.

Das, dachte Slater, wäre eigentlich der perfekte Hinweis auf eine Briefbombe. Aber wer würde sich schon die Mühe machen, ihm eine Briefbombe zu schicken? Wenn es jemanden gab, der ihn erledigen wollte, konnte er das auf wesentlich unkompliziertere Art tun. Eine Kugel aus dem Hinterhalt, ein Messerstich in einer dunklen Seitengasse, und alles war vorbei.

Slater öffnete den Umschlag. Ein Computerpapier-Bogen fiel ihm entgegen. Slater strich ihn glatt. Auch hier kein Absender, kein Hinweis auf den Verfasser.

Der Text alarmierte den Detektiv.

Slater, wenn du H. R. suchst, komm nach Amarillo! Ich erwarte dich nur heute in Matcher’s Inn.

Eine Unterschrift fehlte, dafür war aber noch das Datum ausgedruckt. Slater brauchte nicht erst auf den Kalender zu sehen, um zu wissen, dass es mit dem heutigen Tag übereinstimmte.

»Ich fasse es nicht«, murmelte er.

Jill sah auf. »Was fasst du nicht? Hast du wieder mal zu kleine Hände?«

»Hier!« Er hielt ihr den Schrieb entgegen. Sie überflog den Text. Kaum merklich hob sie die Brauen.

»Hast du eine Ahnung, wer das sein könnte? Hat es was mit den Aufträgen von Curtis zu tun?«

Slater presste die Lippen zusammen und lehnte sich zurück. Curtis hatte es nicht nötig, sich auf diese Weise bei ihm zu melden. Der »Hai« pflegte das Telefon zu benutzen und entweder Slater zu sich in die Firma zu bestellen oder einen Treffpunkt durchzugeben. Nein, das hier war etwas anderes.

Aber Amarillo – das passte. Und H. R. musste demnach Helene Rodríguez sein!

War das möglich?

Kennwort Amarillo … natürlich, warum sollte es nicht auch mit der Stadt zu tun haben? Es war zwar nicht sonderlich wahrscheinlich, aber eine geringe Möglichkeit blieb. Schließlich würde Ryland dieses Kennwort nicht nur aus purer Lust und Laune gewählt haben. Vielleicht hatte der geheime Teil des Testaments tatsächlich mit etwas zu tun, was sich in Amarillo ereignet hatte. Vielleicht ließ sich tatsächlich dort mehr erfahren als in Presidio oder Chihuahua …

Amarillo – ein Hinweis auf jemanden, der dort lebte? Helene Rodríguez vielleicht? Wenn sie wirklich die Schlüsselfigur war, die Slater in ihr sah, konnte es stimmen. Das würde auch erklären, dass ihr Vater nichts über ihren Verbleib wusste. Er hatte keine Möglichkeit, jemals aus Chihuahua heraufzukommen, und schon gar nicht aus Mexiko. Wenn Helene sich nach Texas abgesetzt hatte, war alles möglich.

Aber – wer hatte diesen Computerbrief geschrieben? Wer wusste, dass Slater nach Informationen über »Amarillo« und Helene Rodríguez suchte? Wer war der Unbekannte, und warum gab er Slater diesen Tipp?

Ich erfahr‘s nur, wenn ich tatsächlich hinfahre, dachte er. Noch heute.

Aber das kostete auch wieder Geld. Er überlegte, ob er Curtis anrufen und ihn um einen Vorschuss bitten sollte. Aber er verwarf diesen Gedanken rasch wieder. Er war sicher, dass Curtis ihn kaltlächelnd auflaufen lassen würde. Slater musste sich erst wieder einen Vertrauenskredit erarbeiten. Curtis würde wohl im Nachhinein eine Prämie ausspucken, nicht aber im Voraus für eine so unausgegorene Sache, hinter der ebenso gut eine riesige Luftblase oder eine Falle stecken konnte. Eine Falle von Martino Lobos Leuten? Kaum. Lobo würde sich nur dann für Slater interessieren, wenn dieser wieder seinen Weg kreuzte.

Aber mit diesem Hinweis, überlegte Slater, konnte er sich den dringend benötigten Vertrauenskredit bei Curtis wieder beschaffen. Wenn er mit Fakten kam, die er selbständig ermittelt hatte, würde Curtis sehen, dass Slater doch sehr an dem Fall interessiert war und mit Eifer daran arbeitete, die Scharte wieder auszuwetzen.

Also würde er nach Amarillo fahren.

Vielleicht platzte die Seifenblase. Vielleicht würden sich die Spesen aber auch rentieren. Slater erhob sich und machte sich reisefertig.

Jill würde in seinem Büro die Stellung halten.

 

 

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Der Thunder sang sein kraftvolles Lied. Highway Nr. 87, Richtung Norden. Abilene, dann weiter nach Amarillo. Die Fracht von San Antonio nach Amarillo brachte nicht viel ein, aber in Amarillo wartete eine lukrative Anschlussfracht nach Montana. Da lohnte es sich schon, für die relativ kurze Strecke eine Billig-Fracht zu übernehmen. Tom Bells Agentur in Austin hatte das Geschäft und die anschließende Ferntour vermittelt.

Der 450-PS-Caterpillar-Diesel lief ruhig. Vor der wuchtigen Schnauze des signalroten Kenworth W 900 erstreckte sich das endlose, silbergraue Band des Highways. Hunderte von Fahrzeugen waren unterwegs, Trucks, Vans, Limousinen, Sportwagen. Jim Shermans Hände lagen auf dem Lenkradkranz. Der Thunder donnerte mit sechzig Meilen dahin, knapp über dem gesetzlichen Limit. Aber im CB gab es keine Warnung vor Bärenfallen, vor den gefürchteten Geschwindigkeitskontrollen, die schon so manches Loch in die Spesenkasse eines Truckers gerissen hatten. Der Highway war gerade und übersichtlich. Hier lauerte kein Smokey.

Mit etwas Glück würde der ganze Spuk in ein paar Monaten ohnehin vorbei sein. Es gab Bestrebungen, das Tempolimit wieder heraufzusetzen, das die Carter-Regierung seinerzeit in einer Art Panikreaktion erlassen hatte, als es vorübergehend so aussah, als drohte eine Energiekrise wegen der Ölverteuerung und – verknappung. Carters Experten hatten die Behauptung aufgestellt, eine Verringerung der Geschwindigkeit würde Treibstoff einsparen.

Zusammenfassung


Durch eine Fehlplanung bleibt den Truckern Jim Sherman und Bob Washburn nur wenig Zeit für eine Terminfracht. Auf ihrem Weg werden sie dann auch noch durch einen rücksichtslosen Autofahrer in einen Unfall verwickelt. Zur gleichen Zeit steht Nolan Curtis unter Druck, er hat versucht, die Amarillo-Klausel in Rylands Testament zu entschlüsseln. Um das geheimzuhalten, muss er sich auf ein gefährliches Spiel einlassen.

Details

Seiten
115
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738939224
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (April)
Schlagworte
geplatzter auftrag

Autor

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Titel: Geplatzter Auftrag